Cooper 2018

Alle 47 Jahre sollte man es mal wieder mit Cooper probieren. James Fenimore. Nicht Alice.

Was man zwischen 11 und 16 hört, dass prägt einen ein Leben lang, las ich neulich mal. Was man in dieser Zeit liest aber auch.

ansiedlerErst Jugendbuch, dann Reprint-Ausgaben-Testung mitte der 80er, und schließlich Arno Schmidt Elogen immer mal wieder sorgten dafür, dass ich ihn nicht als bloßen Teenie- Bespaßer sehen lernte. Was seine Werke allerdings vor einem Dachbodenschicksal nicht zu retten vermochte. Bis neulich. Da holte ich ihn wieder zurück ins Bücherregal. Ich beschloss, den Sommer 2018 darauf zu verwenden, wenigstens „Die Ansiedler“ und „Die Prärie“ nun zum zweiten Mal zu lesen.

Denn Nathaniel Bumppo ist dort alt und mir geht’s ähnlich. Er galt lange Zeit als einer der fähigsten Macher seiner Sparte und mir gings ähnlich. Nun gerät er mit einer Welt aneinander, die nicht mehr seine ist. Und mir geht’s ähnlich. Er flieht in die unbekannten Weiten hinter den Appalachen. Und mir geht’s —- nicht so. Im Grunde bin ich da schon. In den weiten Ebenen. Zwischen (allerdings schwarz-bunten) Büffelherden in Begleitung eines alten Hundes; allerdings ohne Knarre. Und der eigene Nachwuchs redet westdeutsch:

An Weihnachten, in 2012, die Mütze/Brille/Kette angezogen … ÄCHZ!

Natty im Block. Im Blog. Ach, was weiß ich!

Arno Schmidt weißt darauf hin, dass Cooper allweil mies übersetzt wurde, wobei manche Pointe verloren ging. Andererseits kenne ich die Reprint-Ausgabe der deutschen Erstausgabe des „Wildtöter“ von Anno Tobak aus der Mitte der 80er: Weiiiiitschweifig ist gar kein Ausdruck. Die hab ich nicht zu Ende geschafft. Und ob die jede englische Pointe berücksichtigt hat, wage ich zu bezweifeln.

Also glaube ich, mit der mit60er Variante der DDR nach wie vor gut bedient zu sein. Den Buchschmuck finde ich immer noch 1a; wie einst mit 11 im Krankenhaus, als ich prompt versuchte auch so zu malen wie der Illustrator und dadurch begann plastischere Effekte zu erzeugen.

dav

„Die Ansiedler“ sind Coopers Erstwerk dieser Tetralogie. Die entstand binnen 15 Jahren relativ durcheinander. Als zweites Werk entstand „Der letzte Mohikaner“. Dann „Die Prärie“. Dann wandte er sich für längere Zeit Seefahrtromanen und politischen Traktaten zu. Schließlich kamen als „Spätwerk“ noch „Pfadfinder“ und „Wildtöter“ heraus. Die letzten beiden empfand ich mit 11 als die spannendsten. Gefolgt von der „Prärie“, weil Natty Bumppo dort den Handlungsort der deutlich später spielenden „Söhne der großen Bärin“ erreicht. Es schien mir deshalb eine Verbindung zu geben zwischen Tokei-ihto (Welskopf-Henrich) und Chingachgook (Cooper). Quasi eine Stafetten- Stabübergabe.

„Die Ansiedler“ kamen mir damals recht ereignislos vor. Und so ist es geblieben. Die „Handlung“, wenn man so will, ist philosophischer Natur. Bumppo und Chingachgook sind alt und leben unter Weißen. Beim Jagen kommen sie in Konflikt mit neuen Gesetzen. Bumppo sieht nicht ein, dass er sich an Regeln halten soll, die späteren Datums sind als seine eigene Ankunft hier vor Ort. Wem verdanken diese Schwätzer denn, dass sie hier sein können, wenn nicht alten Scouts wie ihm? Was also soll es ihn jucken, was diese Nachzügler alles mitbringen oder aushecken. Auch „der alte Indian John“, wie Chingachgook jetzt heißt, kippelt zwischen der Rolle des getauften Letzten seiner Art und altem „Wilden“ hin und her. Im Reden. Nicht im Handeln. Um sie herum gibt es eine Handvoll Nebenfiguren. Entweder lieblos gestaltet oder durch die Übersetzung verstümmelt. Eigentlich alles nur naive Idioten. Gut, das würde erklären, warum der heutige Amerikaner tickt, wie er tickt, aber ich glaube, dass das eine oder andere intelligente Kerlchen doch auch dabei gewesen sein müsste.

Es entsteht ein Figuren-Ensemble, dass heute, beim Zweitlesen seltsamerweise an „Chlochemerle“ erinnert: Bigott, dümmlich, primitiv, empathielos, wenn es um barbarische englische Bräuche wie Truthahn schießen geht. Okay, das hat es wirklich gegeben, wie Hahnenkampf, Hundekampf usw. aber es fehlt so etwas wie eine Identifikationsfigur, da einfach alle einen mehr oder weniger heftigen Schaden haben.

Am ehesten bleibt dann doch Natty Bumppo übrig. In seiner autarken Lebensweise erinnert er mich heute an Willie Nelson; der in „Storyteller“ auf VH-1 ende der 90er einen genialen Auftritt gemeinsam mit Johnny Cash hatte. Nelson erzählte, warum er es ein Leben lang vermied Steuern zu zahlen und welche Konsequenzen es hatte:

The Government has done nothing for me. Not for one single day! Every thing I own I worked for. Why I should do something for those fucking Millionaires of the Government? So they came one day. They take away my house, my guitars, especially my money. Everything I own. I was blank as an Hobo.

Aber dann, wenige Tage später hatte er alles wieder, denn zur Versteigerung hatte die Farmers Union landesweit aufgerufen:

Farmers all over the country! The inventor of FARM AID needs you now!

In the middle of the 80s everyone was talkin‘ about the struggle for life in Africa. No one was talking about the crisis of our farmers. So I phoned some friends. Together we invented Farm AID. We saved a couple of families from ruin.

Nun kauften die Rednecks und Stoppelhopser coast to coast and border to border Nelsons Habseligkeiten auf und ließen sie dort, wo sie waren – bei ihm.

Bumppo wird in den „Ansiedlern“ öffentlich für einen Tag in den Block geschlossen. Wegen einer Lappalie. Richter Temple geht es um die „Gleichheit vor dem Gesetz“. Einem Gesetz, das später in die Gegend kam, als Natty Bumppo. Er ist noch nicht ganz 70. Kerngesund. Aber die Welt um ihn herum hat sich verändert. Nicht zu ihrem Vorteil, wie er findet. Er hat keinen Einfluss, daran etwas zu ändern. Nicht er und nicht Chingachgook regeln hier irgendetwas, sondern Richter Temple und sein dussliger Cousin, den der zum Sheriff ernennen ließ.

Chingachgook hat sich aufgegeben. Er beschließt auf Indianerart zu sterben, sich einen Punkt auszusuchen, auf den er sich zurückzieht, um auf den Tod zu warten. Indianer können das, wird oft erzählt: Sie verweigern Nahrungsaufnahme, versenken sich in sich selbst, starren auf einen Punkt, bis das Herz aufhört zu schlagen.

Festus Haggan (aus „Rauchende Colts“; ARD frühe 70er) findet so einen völlig apathischen alten Mann in einer Höhle und will ihn am Leben halten. Er nimmt ihn mit in die Stadt, wo der Indianer angefeindet wird und weiter reglos im Saloon in einer Ecke hockt. Am Vormittag ist niemand in der Kneipe, aber unter dem Thresen steht ein Kinderbett mit einem kranken Mädchen, das im Fieber fantasiert. Da niemand da ist, springt der Indianer auf, nimmt das Kind und taucht es draußen in die Pferdetränke. Kaltwasserschock zur Fiebersenkung. Er rettet das Mädchen, soll nun aber gehenkt werden, weil der Plebs der Meinung ist, er habe es töten wollen. Festus merkt, dass es SEIN Fehler war, ihn mit in die Stadt zu bringen. Er bewahrt ihn vor dem ehrlosen Gehenktwerden und bringt ihn zurück zu der Höhle, wo er ihn fand, damit der unterbrochene Sterbevorgang seinen Lauf nehmen kann.

Chingachgook ist in den „Ansiedlern“ auch soweit. Sucht sich seinen Platz und versenkt sich in sich. Ein Waldbrand kommt ihm in die Quere. Wildtöter versteht, dass Motivationsparolen nicht helfen würden. Damit sein Freund nicht bei noch lebendigem Leibe verbrennen muss, packt er ihn sich auf den Rücken und trägt ihn aus der Gefahrenzone. Bumppo = Festus.

Der Freund ist somit unversehrt gestorben. Der Hund ist alt. Die Gegend wird fremd und fremder Tag für Tag. Bumppo geht. Als Christ kann er keinen Selbstmord begehen. Er streunt ziellos los. Über die Appalachen – in „die Prärie“. Es ist ihm bewusst, dass er zwischen den Stühlen sitzt. Er will keinen Treck mit Weißen in die Jagdgründe neuer Stämme mehr führen. Aber solche Trecks kommen auch ohne sein Zutun. Jeden Tag aufs Neue. Er trifft auf sie, ob er will oder nicht. Und er wird auch mit 80 noch in ihre Händel hineingezogen. Vorübergehend kann man Strolche daran hindern, die Welt noch schlechter zu machen. Aber es sind Pyrrhus-Siege. Manitous Welt versinkt. Eine Vermittlung zwischen Kulturkreisen… (listen to Marillion „FEAR“.)

 

Manchmal bekommt man mit, wie sich ein Schalter in einem selbst umlegt. Ich glaube, ich werde alt – und es steckt allerhand Natty Bumppo in mir.

 

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10 Gedanken zu “Cooper 2018

  1. „Der letzte Mohikaner“ habe ich mal angefangen zu lesen. Aber das war mir zu weitschweifig. Ein Band mit stark gekürzten Fassungen der fünf Lederstrumpf-Erzählungen verschaffte mir einen (hoffentlich) ganz guten Eindruck, auch wenn man mich des Banausentums zeihen sollte.
    Verfilmungen gibt es etliche. Der Weihnachtsvierteiler mit Hellmut Lange als Bumppo hat mich seinerzeit begeistert.
    Zur DDR-Ausgabe von „Der letzte Mohikaner“: Übersetzer war Günter Löffler, Lehrer an meiner EOS. Er war daselbst vor meiner Zeit auch Lehrer von Dieter „Didi“ Hallervorden.

    Gefällt 1 Person

    • Den letzten Mohikaner hab ich bisher nicht gelesen, weil ich die Hörspielfassung von LP rauf und runter gehört habe, als ich so 9 oder 10 war. Der „DEFA-Chingachgook“ ist eher einer der schwächeren Filme. Das Hellmut Lange Ding haben wir altersmäßig relativ spät gesehen, so mit 13 oder 14 und da fielen uns schon diese vorsichtigen Schlägerei-Szenen auf, über die wir uns lustig machen konnten. „Daniel Boone“ fast zeitgleich im Ostfernsehen war da die bessere Serie.

      Gefällt 1 Person

  2. Ach, lieber Mr. Blu, da krieg ich sofort diese bisserl wehmütigen Gefühle, wenn ich Deinen Text lese, da steht sooooviel mehr drin als nur ne Beschreibung vom alten Lederstrumpf … und gleich möcht ich Willie Nelson hören und meinen absoluten Liebling: Harry Dean Stenton … und irgendwo auf der langen Route 66 kommt halte ich vor einem etwas heruntergekommenen Motel, zieh mir mit etwas zu rotem Lippenstift etwas zu stark die Lippen nach, geh mit schiefen Stöckelschuhen durch die Schwingtür und ein Trucker sagt zu seinen Kumpels: „What a crasy old Lady“ … und spendiert mir einen Drink… kicher … man wird doch noch träumen dürfen, oder, das Leben ist so kurz!

    Jonny be good!

    Gefällt 1 Person

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