Bilanz 2022

(Der Kronkorken fliegt ins Zimmer. Bierglas. Flasche. Gemütliches Glucksen einlaufenden Bieres. Reverend Bludgee nimmt Platz an der Hopfentulpe. Die Pupillen verraten wie jedes Jahr deutliche „Vorglüh-Effekte“. Er nimmt einen tiefen Schluck und beginnt die Jahresendpredigt:)

So. Da bin ick wieda. Pröstaken. ( Rülps.) Schenkda wat ein und jenießet, wenn ick dia die janze Scheiße von jetze nochma aufbereiten tu.

ßwee-ßweiun–ßwansüsch. Sprich ma dette mit ßwe-drei inne Bierne!

Rülp! Kunststück.

Allo watt hattma da so:

Febra der vierunzwanßüschste. Olle Putin dreht dursch!

Globalstrategüschet Denken wa abso foat vadechti!

Uasachnkenntnis jehöad süsch nich!

Wennste dia anne Schule a-innan tust, weil de da ma Abitua jemacht hast, ßu ßeiten, wo det noch knüfflüsch jewesn wa, also so richti‘ ohne Einzelfallhelfa, ohne Frang so inne Art: In welsche Hand is die Nuss – und hia noch ne Hilfestellung –

Also wennste so’n richti altmodüschet Abitua haben tust: Denne weeste ja och, det et füa Krieje Uasachn und Anlässe jeben tut und det det nüsch det selbe is.

Abba nützn tutet nüscht. Man juud, dette die Zocka-Youngstaz det janüsch wissen wolln.

Minecraft- Malle -und Helene. Fertüsch is da Le’msplan.

Die Ulkus-Minista-Komfrenz rüschted sich nach. Wean Taschnrechna sein eigen nennt, kann ab sofoat Mathe untarüschtn! Det is Bereicharunk des Schulalltags – du’sch Le’mspraxis, do!

Det allet, wat Scheiße is, nu Bereischarunk heesn tuhd, wissma ja mittlaweile.

Hat süsch ausjeDichtat und jeDenkat. Nu sümma bloß noch Couchpotatoe-Russlandbesiega und Untajangsbestauna. ßuhause inne Restwärme. Wehand unse Kinda inne Jalerie an de Jemälde klehm.

Dabei: Dritta Weltkriech jing ja jrade so an uns vobbei. Olaf sei Dank! Die Schuld da Jrün isset nich. Und bei FDP und ßee-dee-uhhh da trappeln die Rüstungsmarionetten mitti Hufe.

Wie hießa, der Ölkopp mit det schümmliche Dach, der nu wieda in fast alle Talk Shows sitzn tut und of Eisenbeißa macht? Oda det Kanon’n-Bärbel vonne FDP. Den Rüschtijen Nahm kannick mia nich meakng, vollständi; ßu lang. Die heest n bissel so wie der dicke Hesse, vons Fehrnseh damals, der mitti Nonn’n, der schon lange tot is. Weeste?

Wia in Ostn jelten füa die Westschreiba-Clique als Putin-Vastea, vons wejen unse Freundschaft zua Soffjetunion. DSF und so. Füa Hambuga ßEIT-Schreiba fängt Sibirien ja glei hinta Lübeck an, do.

Dett is nua eehna von die Witze von dies Jah‘! Det wia det Ukraineding so kritisch sehn und of Vahandeln setzn tun, det is ne reehne Angstaffahrung: Wir hattn die Iwäner da – füa 40 Jahre! Und ßuvoa hatte ja och allet von Endsiech gefaselt! Anno 1942 hätt‘ süsch det noch keena träum lassen, wie et denne kam.

Wia hattn doch keene Kontakte ßu die, wie ia ßu eure Cowboys! Wia hattn nua die Kasern und die zaranschdn Wälda und jedes Jah‘ an jedn Standoat ehn Muschik-Amok. Und hintahea imma det Jelüje, inne ßeitung, det anjebli jaah’nüschd wa.

Ick will eimfach keene Russn of Daua in meine Nähe! Die lüjen politisch wie jedruckt. Und privat saufm se dia allet weg. Die biejen süsch ümma ihre Jejenwaad mit Wodka ßurescht und wenn de nüsch übaßeugt bist, denn musste Maul halten oda kämpfm. Die ham keene Mitte. Ümma mitn Kopp dursche Wand – oda winselnd inne Ecke. Is mitti Ukrainer, also die Kleen-Russn, jenau det selbe. Kiek dia an – Melnyk un Co. Die ham ehn Deutschlandbild von neunzehn-einunvörtzüsch! Die wollten uns doch pausenlos kriechsgeil quatschen.  Und nune? Solln da rauskomm nach 5 Jahre Kriech? Die valian jrade ihre Restintellijenz. De bestn sin tot oda in Ausland und wat bleibt üba? Anbaujebiete füa Monsanto reschpektive Baya. Brauchst ja bloß ne Handvoll Muschiks – füa ßum Trecka fahn.

Olle Himmla hatte damals och so jetönt, von „Hauptsache der Panzajrahm wiad fertüsch“ – und so.

„Paa‘ lassma übrüsch, vons wechen Hilfskräfte un’so.“

Hamse inne 30ga inne Schdaatn drühm jo oach so jemachd: Weg mitti vieln Farma inne Prärie: Ab nach Kalifornjen Orangschen pflückn! Und denne mit Radlader un Mähdrescha rüba, üba die Brettabuden von die Wegjesiedelten drüba weg. John Steinbeck: Früchte des Zorns. Deschawüh saach ick dia. Deschawü Ost. Nüschd jeleand!

Aba et wa ja noch mea dies Jahr:

Ostsee. Bumm! Drei ma‘! Saachd dia det wat? Drei Rohre von vier. Klaa: Egon, Benny, Kjeld. Die Olsenbande sprengt die Erdölleitung! Ejon hatte ehn Plan: Wea det machd, is hintahae Millionär! Inne ßeitung stand hintahea reeneweg allet: Wie kaputt, welscha Sprengstoff, in welche ßeit et wa. Bloß keene Hinweise, wea det jewesen sein könnte. Det fällt of! Normalaweise hättnse ja die Eidentitikaa’d von de Teta unta Wassa finden müssen, wa ja bishea imma so. Aba dachtn se süch: „Dies’ma ßu auffälli! Lassma ma weg.“

Na und nu hamm wa den Scheiß. Frian füa die Oligaa’chen. In Ost unn in West. Allet wie ümma. Die Kleen müssn bluten und die neue Indentantin vom RBB kassiat bereits Mietßuschuss. DIE muss nüsch bis März wa’ten!

Muss ja ooch. Is als Voa-ßimma-wauwau von Olle Burow einjesprung, als et die rothaarije Domina da in Berlin ßu weit jetriem hat. Da musste denn die Neue fix ma von Köln in’n Ostn, die Struktuan retten. Die hatte beim Schingschangschong valoan. Wer jeht heute schon jerne na Ba’lin!

RBB. Ja dette wa nu aba übafälli, dette endlüsch ma auffall’n tut, wat bei die Schnarchsäcke vonne ARD und ßedd-deh-äff so allet schief loofd. Det Politbüro von die hat süsch blamiat bis offe Knochn: Korrupte Maximaljehälta fü keene Leistung, Versai’Baupläne, Luxuskutschen, Supa-Renten füa hintahea – – – und jamman, det det Jeld nüsch reischd. Wie ßum Beweis füa ihre Ideenlosi’keit: Wetten das.

Det issnu det Heileid vonne Öfis. Ne Idee von Amfang 80a! Den Jottschalk, den schicken se noch mit Rollator offe Bühne. Und die Hunzicka, det is jradeßu märschnhaft, wie die aussehn tut, bei det Alta! Machen die det insjeheim wie damals bei de Gräfin Bathory mit der? Botox jedenfalls scheint et nüsch ßu sein.

Watt hattma noch:  Mutti Giffey von Ba‘lin. Staunt se, det die Wahl nu doch nochma jemachd wüad. Zackeriern die da ßwe volle Jahrö, ob nua die lokale oda och die füan Bund neu muss. Letztaret wea schleschd füa Olafm und füa uns, wejen die Kriegsjeilheit von die andann Politkaspa. Ba’linwahl is ßwanzüscheinunßwansüsch ja abjeloofm wie inne dritte Welt: „Wahlßettl hamwa nüsch, komm vülleisch noch, hamwa vawechselt, hia sinn noch paa von vor vier Jahrn“ – und anstatt se glei stop sachn: „Allet noch ma von voane drei Monate speta“ – müssn erst alle Instanzen beschdetüschn, dette det ne Wahl wa, wie in Somalia, failed state, aba nich wie inne jefestüschte Demokratie, die ümma allewelt beleahn duud, do! Greifsta an Kopp!

Und ßum Schluss nu noch Weihnachtdsfußball da unten bei Hatschi Halef. Nua Kamele gucken ßu. Quoten in‘ Kella. Berechtüchd. Det isja son Spoatfest wie anno’36. Systemputz. Noch ja nüsch lange hea, da knieten se süsch alle hin voam Anfiff. Und denne wollten se die Ungaa’n aßiehn – in Deutschland bei de EM. Rejenbogen und so. In Richtunk Rosa von Praunheim, VMCA, Männabalett in Eanst – so ditte.

Bin ick ja oach füa. Hab ma dies Jahr janz fülle Richie Blackmore und Dio jejehm: Long live Rock an Ro-holl! Rejenbochn, vastehste?!

Na und nu kicken sä würkli da unten – at „the Gates of Babylon“. Naja, bissl weita weg. ßweistromland direkt jeht ja ooch nüsch. Is ja ne janz labile Ecke da. Wea hat den’n noch ma Demokratie erkleahd? Na lassen wa dette ruhn. Wollma och nüsch mehr so jenau wissen. Riskant.

Jedenfalls wissma seit neuli, wie ma Menschnreschte stoppm tuut:

Vahaften? Nö. Aschießn? Nö. – Die Antwoat is fülle Resorßen sparenda: Mit ne jelbe Kaa’te! Zack – is die Kuraasche daun im Poppo! Schon lassen et die Heldn bleim. – Olaf! Merk dir!

Wenn die Faxen vonne EM damals eschd jemeint waa’n, denne müsstn se knall und fall abreisen. Oda süsch wat subvasievet einfalln lassn:

Könntn ja n rosa Jummihandschuh übaziehn bei’s Spiel. Oda mit rosa Schuhe offloofm. Oda wenischsdens mit rosa Stränchen inne Haare, Lidschatten wie Jagger – Männakuss bei jedet Toa. Aba: Brauchsde Fantasie füa. N knappet Gut die Daache.

Hand voam Mund füa Mannschaftsfotto – is och bissl watt. Bessa als wie jaa‘nüschd.

So. Binick dua’ch jetze.

Nächsd Jah bleibtet – oda et knallt richti‘. Wollma s ma nüsch hoffm. Beten Se mit!

„Lieba Jott! Vagiss uns nicht. Et wa jetz jenuch Scheerz.

Näschsd Jahr wenja fürchtalich, schütz uns voa Kanzla Merz!“

Amen.

Prösterken. Rülp.

In diesen Sinne: Jutn Rutsch, Jemeinde – trotz alledem.

Über Menschen

Juli Zeh – zum zweiten.

Sehen wir es zunächst mal so:

„Jeder lebt doch in seiner Welt, in der nur er den ganzen Tag recht hat.“

Einer der vielen schönen Sätze aus „Unterleuten“, von Juli Zeh. Einem feinen kleinen literarischen Meisterwerk mit allerdings grob plötzlichem Schluss.

Ich mag das Buch sehr, weil das Figurenensemble mir bereits komplett begegnet ist.

Meine Lobeshymne findest du hier.(klick)

Das Folgende wird keine.

Es gibt die Binsenweisheit, dass man sich vor einem Zweitwerk desselben Künstlers hüten sollte, wenn es nicht besser werden kann. Dummerweise hab ich mich nicht daran gehalten und Juli Zehs „Über Menschen“ nun tatsächlich auch noch durchgelesen.

Hier kommt MEIN Leseresultat. Solltest du, lieber Leser, noch vorhaben, dieses Buch lesen zu wollen: Spoilerwarnung!

Während „Unterleuten“ als -neudeutsch- Hardcover-Ausgabe mit Schutzumschlag seinen Platz in meinem Bücherschrank sehr zurecht behalten darf, ist „Über Menschen“ ein Fall für die blaue Tonne. Aus einer Vielzahl von Gründen.

Vor allem fehlt mir der durchaus wichtige Untertitel:

Ein modernes Märchen aus einem Brandenburg, wie es sein könnte, aber nicht ist.

Das Positive zuerst:

Mir gefällt Frau Zehs Schreibe. Eigentlich. Gekonnter Mix aus Witz und Melancholie. Zügige Dramaturgie mit Überraschungseffekten; wechselnd mit inneren Monologen der Hauptfigur über Gott und die Welt, die mich eigentlich immer heftig Zustimmung nicken lassen.

Das gelungenste Beispiel dieser Art befindet sich in diesem Buch auf Seite 218 (Taschenbuchausgabe) im Kapitel „Sadie“, das von einer jungen Alleinerziehenden handelt, die Dora lakonisch ihren schier grauenhaften Alltagsrhythmus beschreibt. Sie ist im Plot die einzige, dem Leben abgelauschte, wirklich realistische Figur.

über menschen

Das ist wirklich einrahmenswert! Aber dieser Problem-Ansatz wird unbearbeitet liegengelassen. Er ist nichts weiter als eine Möhre, die den Leser bei der Stange halten soll: Mal sehen, ob dazu im weiteren Geschehen noch was kommt.

Soweit Seite 218. Das Buch hat jedoch 420. Und die sind bevölkert mit einem seltsamen Panoptikum von Typen.

Grundkonflikt ist der zwischen Dora, der Zugereisten aus Berlin, und Gote dem Dorf-Nazi in Bracken/Prignitz, der immer mehr in eine Mitleidsrolle hineinmanövriert wird, da er als unheilbar krank (im medizinischen Sinne) Hilfe braucht.  Aber der Reihe nach:

  1. Die vermeintliche Unerhörtheit des Problems: Ärztliche Hilfe für ein verzichtbares Subjekt der Gesellschaft – ist nicht neu, sondern „geklaut“ aus Merciers „Nachtzug nach Lissabon“. Dort hat ein Arzt in Portugals Diktatur-Epoche vor 1975 das Problem, den schwer verletzten Chef der Geheimpolizei, also den obersten Folterer, auf dem OP Tisch vorzufinden: Soll er nun retten oder einen „Kunstfehler“ begehen? Hypokratischer Eid – gilt der für alle?
  2. Dora und Robert in Berlin – das ist das Protagonisten-Paar der Ausgangslage, scheinen einer Tele-Novela Marke GZSZ oder „Anna und die Liebe“ entsprungen. Somit schreit der Roman von Anfang an: Verfilmt mich! (Was durchaus zu befürchten ist.) Die beiden sind Klischee pur. Sie Werbefachfrau, er Journalist mit Erlöserwahn: Greta Thunberg Fan und überalterter Fridays for future Maniac: Also beide (Ironie an!) umtriebige junge Erwachsene, voll ausgelastet und topverdienend, dabei ja soooo flexibel, und sich nur von internationalen Delikatessen ernährend – puhhh! (Ironie aus!)
  3. Dora trennt sich von Robert und zieht ins spontan mal schnell gekaufte Gutsverwalterhaus in der Prignitz. Also allein in ein kleines Gutshaus, jahrelang leerstehend, mit 4000 qm dazugehörigem Flurstück – ein ehemaliger Kindergarten, der gleich nach der Wende schloss. Das Ding ist heruntergekommen und weitgehend ausgeräumt. Die Nachbarn rennen ihr hilfsbereit und unentgeltlich die Bude ein, roden große Teile des Grundstücks und malern. Wie die guten Dshinnies aus der Flasche! Ich dagegen habe in 33 Jahren Nordbrandenburg 3 Fälle mehr oder weniger dramatischen Unterganges von Wessis im „Ostbusch“ aus nächster Nähe miterlebt. –
  4. Das Gutsverwalterhaus an sich ist einen Extrapunkt wert: Es entpuppt sich, wie bereits erwähnt, als der ehemalige Kindergarten, der nach der Wende schloss. Restmobiliar ist zwar vorhanden, aber keinerlei Kindergestühl oder tief angebrachte Kleiderhaken. Keinerlei Kindertoiletten. Sodass Dora erst weiter hinten im Buch im Gespräch erfährt, wie das Haus vor dem langen Leerstand genutzt wurde. Jedoch kurz vor Ende des Buches duscht sie (nach Rodungsarbeiten auf ihrem Flurstück) ausgiebig in eben jenem Ex-Kindergarten. Wo kommt die Dusche her?
  5. Tom und Steffen, ein schwules Männerpaar, ist nun vollends Klischee überlastet. Beide sind sowas wie die Investoren im Kaff. Denn sie haben eine Art Trockenblumen-Ranch in der sie Gestecke, Kränze usw. herstellen und „Erntekanacken“ beschäftigen, die sich als Erasmus-Studenten herausstellen. Tom ist ein sarkastischer kampfbereiter Macho, der dem Dorf-Nazi wortgewaltig Paroli bietet und mit „paar Typen“ droht, die er in Null Komma nichts zusammen kriegen würde, um ihn platt zumachen; während Steffen, nebenberuflich Kabarettist, an einem ziemlich platten Anti-Nazi-Programm arbeitet. Beide wurden in der Vergangenheit wiederholt Zielscheibe von Gotes Ausfällen, switschen aber nach einem entlarvenden Wutausbruch von Dora um und sponsern ein Dorffest für den kranken Gote, um ihm kurz vor dem mutmaßlich baldigen Ableben noch die Versöhnungshand anzubieten. – Wie aus dem wirklichen Leben gegriffen! Ironie aus.
  6. Nun aber zum kranken Dorf-Nazi selbst: Der bei Mercier entlehnte Grundkonflikt ist an und für sich eine gute Idee, aber in Bezug auf Dora und Gote lausig umgesetzt.

Gote stellt sich eingangs ziemlich aggressiv vor und bezeichnet sich selbst als Dorf-Nazi. Reflektierende Selbstironie ist das also nicht. Dann zeigt er sich plötzlich märchenhaft hilfsbereit gegenüber der Zugereisten, an der alles „grüne Wessi-Tante“ schreit. Dann singen er und zwei Kumpane das Horst Wessel Lied. – Aber darüber hinaus unterläuft ihm im Alltagsgespräch kein weiteres Nazivokabular! Er singt und pfeift ungefährliches Liedgut, niemals Rechts-Rock! Er besitzt auch als ehemaliger 90er Jahre Skin keine einschlägigen Landser-CDs! Er hat Knast hinter sich und meidet sein eigenes Wohnhaus, will also irgendwie mit seinem früheren Leben nichts mehr zu tun haben. Er wohnt deshalb im Wohnwagen im Hof. (Weib und Kind sind „damals 2017“ nach Berlin geflohen, als er „einfahren musste“.) Dann steht er aber doch wieder besoffen vor dem Haus von Tom und Steffen und brüllt erwartbare Botschaften in deren Fenster. Nur weil der Tumor drückt? Soll das „Reflektieren mit Rückschlägen“ bedeuten?

Als Ex-Knacki hat er Ämterscheu. Er ist also nirgendwo gemeldet, bezieht kein Hartz IV und hat keine Krankenversicherung. Handwerklich geschickt schlägt er sich nach eigener Aussage „ebenso durch“. Hat also durchaus Beziehungen in Dorf und Umgebung. Bekommt auch problemlos den Ahornstamm für sein Schnitzwerk. Wozu dann das Dorffest „für einen Gemiedenen“, der doch gar nicht gemieden wird?! Dora, die wegen Corona gerade ihren Job verlor, und die nun die Kreditraten für ihr Haus drücken, bezahlt für Gote die Kortison-Tabletten, die ihr Vater (wundersamerweise rein zufällig Hirnchirurg) per Privatrezept verschreibt. Purer Realismus! Noch besser wäre Crowdfunding unter Prignitz-Bauern gewesen. Sarkasmus aus!

  1. Last not least bliebe noch Franzi zu erwähnen, die 10jährige Tochter von Gote. Auch hier Klischee en masse. Ein pflegeleicht an- und ausschaltbares Kind, das man braucht, um die Leserinnen (west) bei ihrem Pippi Langstrumpf Kindheitssyndrom zu packen. (Dora spricht die TV-Serie ihr gegenüber direkt an.) Franzi lebt eigentlich mit ihrer Mutter in Berlin. Wird aber scheidungstechnisch in den Ferien dem Vater überlassen, obwohl der sich fast gar nicht um sie kümmert. Sie aber fühlt sich hier befreit vom Berliner Schulmobbing und schwärmt von ihrem Papa, obwohl sie alleine in ihrem Kinderzimmer im Wohnhaus schlafen muss, in dem noch der Dreck von 2017 liegt. Auch sie hat in ihrem bisher 10jährigen Dasein rein gar nichts faschistoides von ihrem Papa aufgeschnappt, was sie nun irgendwann zum Besten geben könnte. – Leute! – Seufz.

Was also will mir dieses Werk nun mitteilen? Die Welt ist gut, wir ham uns alle lieb? Und das in diesen Zeiten? – Die Gesellschaft zerspreiselt sich gerade in immer kleinere Nischen-„Komjunitties“, die sich unversöhnlich betwittern! Wir bewegen uns rasant in eine dysfunktionale gesellschaftliche Dahinvegetiererei nach US-Vorbild – die Ex-DDR und Niedersachsen als „Fly over States“. – Und da soll mich dieses Buch nun was genau lehren? Dem Assi von nebenan die Beerdigung zu bezahlen? Da sei Prora vor! Dem zugereisten Wessi den Vorgarten zu mähen?

Es widerspricht (bis auf das „Sadie“-Kapitel) allen meinen Erfahrungen und Beobachtungen in 33 Jahren Restpreußen!

Weg damit!

Weiter mit Heyse, Spielhagen, Zobeltitz & Co!

Amen.

André – der unvollendete Rebell

Aufbau-Verlag 2021.

Mir voriges Jahr völlig „durchgerutscht“: André Herzberg „Keine Stars“.

Oder einfacher: DAS Pankow-Buch!

rebelrebelManchmal kommt mir auch mal was Neuzeitlicheres in die Finger – ja und mit Pankow verband mich ein Jahrzehnt lang ein besonders enges Band. Da lass ich sowas natürlich nicht im Laden stehen!

Herzberg wär‘ gerne Johnny Rotten, Ian Dury oder wenigstens der Jagger gewesen und ich wäre gerne wie Herzberg gewesen. Damals.

Der schrie es raus!

Die Dumpfheit, die Idiotie der Mauerjahre!

Der litt an der Gängelung wie ich!

Und wir beide waren damals nicht allein! Gleichgesinnte gab es zuhauf! Daher der Zustrom in die Pankow-Konzerte: „Alles Scheiße! Ob in Nord, Ost, Süd oder West!“

„Plötzlich rockt es und rollt es in mir: Ey Alter! Komm aus’m Arsch!“

Als ich „Paule Panke“, das Rockspektakel zum ersten Mal live erlebte, ging die Sonne auf!

Allen Überdruck der Jahre, die EOS-Gängelei, die „Aschezeit“ in Prora konntste da rauslassen!

Pogo in Togo im „Jörgen Schmidtchen“ in Leipzig, in der Messehalle, in der BaHu … Paule Panke rocks!

„Heute ist Freitag! Heute passssiiiiierts!“

Ja, was eigentlich? Sex. Okay. Und sonst?

Heiser gegrölt, Muskelkater im Nacken, sitzt du am nächsten Tag wieder im Hörsaal – oder auch nicht. Zum Studentenleben gehört auch mal ein Entspannungsvormittag im Antiquariat. Der Staat wird’s verschmerzen…

„Doch das ist uns egal! Wir wollten endlich mal! Egal-egal!“

Und nun gibt’s das alles auch als Buch:

Das Zeitkolorit, die Songzitate, die Gängelei und die Wut…die Wut…die Wut!

„Es führt doch zu nichts, mit ihnen (Kulturfunktionären) zu diskutieren. Jürgen übernimm doch mal, dachte ich. Bloß meine Wut nicht zeigen, Nebel steige auf in mir. Ich konnte froh sein, dass wir überhaupt am Paule Panke arbeiteten. Immer wieder kam die lähmende Diskussion, wie optimistisch der Paule zu sein hätte.“

und

„Die Kunst, das Unmögliche, das Brutale, das Ungeheuerliche als menschlichen Witz zu zeigen, als Poesie, das war das Maß. Es war auch meine Geschichte, ich hatte auch Schule, Lehre, Armee erlebt. All das steckte in unserem Paule Panke. Es war nicht nur Wut darin, auch Hoffnung auf Größe, Stolz, den Kopf heben, Liebe zum Leben. Freundlichkeit. PANKOW hatte lange daran gearbeitet.“

In „Keine Stars“, dem Buch, erstehen die 80er wieder so auf, wie ich sie erlebt habe: Um dich rum ist alles Murks. Du suchst dir deine kleinen Freiheiten: Er auf der Bühne und im Applaus. Betäubung im Unterwegssein und sich feiern lassen. Ich in Plauen, beim Kauf von „Dröhnstoff“ (Westvinyl) auf dem Schwarzmarkt.

Die meisten Sitzungen nimmst du hin, weil in dir freiheitliche Klänge wabern, während vorn am Katheder mal wieder irgend so ein Nachtwächter vom „jesetzmäß’chn Siech des Sodsjalismus“ schwafelt.

„Das Zauberwort heißt Rock and Roll! Vom Blablabla hab ich die Schnauze voll!“

Er versenkt sich in seinen Phantasie-Nebel, den ihm die lebenslange Depression beschert, denn er hat auch noch einen komplizierten Packen Familiengeschichte zu schleppen und seine Eltern waren „eins mit dem Staat“ und konnten ihm somit keinen Schutzschild einbläuen, den wir andern millionenfach mit der Muttermilch vermittelt bekamen: „Das sagste aber nicht in der Schule! Hörste!“

„Nebel, Nebel, wann! Gehstdu! Endlich weg?! Wann komm ich endlich wieder aus’m Drääääääck!“

Ihm verboten „se“, dass „Paule Panke“ auf Platte kommt und unserer Studentenbühne verboten „se“, dass sie ihre Fassung von „Warten auf Godot“ nach der Uraufführung weiterspielen durfte.

Aus Sicht der Entscheider: „Zu negativ.“; in unserer Sprache: Zu ehrlich! Zu wahr!

Hansi Biebl ging in den Westen, Neumi vom Rockzirkus ging in den Westen, Holger Biege ging in den Westen, Diestelmann ging in den Westen -!-!-! PANKOW BLIEBEN!

Rock it and fuck it!

„Letztlich war es egal, ob es, wie der Chef von Amiga, ein seelenloser Bürokrat war, der das Nein (zur Platte) mitleidlos übermittelte, oder ein um Solidarität bettelnder Funktionär, der meine Freundschaft, mein Einsehen in das Verbot erschleichen wollte,(…) dahinter stand doch nur das gesichtslose Verbot, die Grenze, die aus dem Apparat kam, die Funktionäre.“

Bis zum Mauerfall ist das Buch herrlich geschrieben! Dann bröckelt’s.

Der kleine weiche André, als der er sich zu Beginn des Buches darstellt, der ohne Nestwärme aufwuchs, macht’s später so wie alle, denen es so ging: Wenn alle nur immer an dir herumzerren, dann verweigerst du dich total, das ist überlebensnotwendig: Du erkennst messerscharf die Fehler deiner Umwelt, du empfindest die Alltagsungerechtigkeiten tiefer als deine Freunde, aber du erkennst NIE die eigenen und kannst somit auch nicht reflektieren, weshalb es dir hier so und da so erging. All die Misserfolge seiner Solo-„Karriere“ in den 90ern werden mies bemäntelt, die Vermarktungsmängel nicht erkannt.

(Immermal wieder „passiert“ ihm ein Supersong. Aber leider macht er drum herum dann eine ganze Platte mit 4 Durchschnittsnummern und 5 Graupen.)

Das Stasi-Thema wird löchrig wiedergegeben. Ehle „verzeiht“ er. Ja – was eigentlich? Dass er ihn gerettet hat? „André ist ein Hitzkopf. Der meint das nicht so. Der ist einer von uns.“

Schubert, dem Manager, verzeiht er nicht. Ja – was eigentlich, auch hier: Welchen Schaden hat der angerichtet, wenn er mit der Stasi sprach? Sprechen musste! Als Manager einer provokanten Band, die immerhin Devisen durch Westkonzerte einspielte? Herzberg schwurbelt sich hier ganz und gar unangenehm aus der Textpassage im Buch. Was will er verbergen? Dass auch da nichts war, was sich aufrechnen ließe?

Herzberg gibt sich hier den Anschein eines „Verfolgten“ – aber die „Schadensbilanz“ fällt dürftig aus. Für die Nachwendejahre möchte er sich eine Bedeutung herbeischreiben, die nicht da ist.

Was bleibt? Na „pankow-pankow-pankow-killekille-pankow! Yeahh!“ for ever! Und Nachwendesongs wie „Neuer Tag in Pankow“, „Allein“, „Verkäufer“ und das „Kiefernlied“:

Ich bin eine Kiefer
im märkischen Land
ich hab Durst auf Wasser
im trockenen Sand
nach`m großen Krieg
da wurd` ich gepflanzt
die Wurzeln sind flach
Stamm und Krone verkrampft

Und es bleiben seine Bücher, von denen dieses das bisher beste ist. Hier schreibt einer, der innerlich aufräumt und der dabei in immer mehr Hirnkammern vordringt, angefüllt mit unsortierten Überbleibseln alter Erlebnisse; (Wie Peter Gabriels Rael in „Lamb lies down on Broadway“) – und der Klartext spricht im Gegensatz zu diversen Kollegen von früher.

Leseempfehlung?

UNBEDINGT!

Meraner Novellen – Heyse (1862)

Ukraine und kein Ende. The birth of a bigger Bosnien. Schalt ab. Verdräng’s. Was anderes bleibt dir sowieso nicht übrig. Lies was schönes! — Heyse mal wieder. Niveaubringer von einst. Wie sah er die Welt? – In gleichnishaft unaufgeräumter Zeit des deutschen Nachmärz. Aktuelle Assoziationsmöglichkeiten inclusive. Die Grundregel bleibt:

Das Lesen genießen. Am Rand sitzen bleiben. Kaffee trinken. Schnauze halten.

HerbstbibelHeyse hat diesen Novellenband so gewollt, wie er mir hier vorliegt. Das er gar aus der Weimarer Hofdruckerei stammt, bekam ich erst auf der allerletzten Seite mit.

Nur 3 Novellen. Jede 150 Seiten lang. Alle 3 spielen in der Meraner Gegend. Ehemals Zentraltirol. Seit 1919 italienisches Grenzland zu Österreich.

Heyse ist viel gereist, sowohl als begleitendes Faktotum König Maximilians II. von Bayern, der sein Gönner war und allzeit gut unterhalten sein wollte, als auch privat. Die Reiseroute kannte praktisch nur eine Richtung: Italien. Und Tirol liegt somit irgendwie „am Wege“. Er kennt sich sehr gut aus in der Meraner Ecke; benennt Flüsse und Bächlein mit Namen, beschreibt ergreifend Wetter-Phänomene, sodass heutige Leser spontan an die Ahr-Tal-Katastrophe von 2021 denken müssen; die Zenoburg-Ruine spielt in allen drei Novellen eine Rolle. Detailreich werden die Besonderheiten des dortigen Weinanbaus und seiner Bewachung durch Weinhüter geschildert … alles, als wär’er einer von dort. Der Berliner am Münchner Hof.

Der John Jarmusch der Vorzeit. Denn wie der mit seinen Taxi-Episoden, die zwar nicht zusammenhängen, über Kleinigkeiten dann aber doch verbunden sind, erzählt hier Heyse drei in sich geschlossene Geschichten, die nur um wenige Jahrzehnte versetzt am selben Ort spielen, wodurch eben doch die Geister der Vorfahren den späteren Figurenensembles hätten im Traum erscheinen können. Das heimelt an.

Gut möglich, dass er nach Erstbesteigung des Burgberges der Zenoburg, ermattet auf jener Bank saß, auf der später auch seine Heldin aus „Unheilbar“ sitzen wird, um einen gar seltsamen Hirten kennenzulernen.

Kennst du das? Du sitzt in einer Burgruine: Niemand stört. Deine Gedanken gehen auf die Reise und bevölkern die Leere mit Gestalten vergangener Tage. Wie lebten die hier? Was erlebten sie? Was erlitten sie? Seit wann ist hier Ruhe eingekehrt?

alpen0Heyse muss einige Idyllen der Umgebung aufgesucht haben, um dem Kurbetrieb mit seinen schwachsinnigen Konversationszwängen zu entgehen. Er weiß, dass seine Kollegen (Spielhagen, Fontane) erkleckliche Summen aufbringen, um alle paar Jahre „ins Bad“ zu reisen, wie Monarchen, um mehr oder weniger eingebildete „Nervenleiden“ zu kurieren und bei Tische Hof zu halten – und er hasst es! (Am deutlichsten wird das später in seiner Novelle „Der Blinde von Dausenau“, aber die gehört nicht nach Meran.)

Da sitzt du dann auf irgendeiner Alm, links die Burg und rechts irgendwo ein Einöd-Hof und deine Phantasie bringt das zusammen: Den Sohn vom Einöd-Bauern und die Gräfin, oder umgekehrt, den Junker Franz und’s Annl vom Hilpinger-Hof…

Und Heyse saß da auch so, aber zunächst noch ärgern ihn die Snobs, denen er gerade entronnen ist: Also kommt ihm „Unheilbar“ ein. Eine freche Vorführung der Kurgast-Typografien und ihrer „Themen“. Das ist der „Zauberberg“ im Schnelldurchlauf. Vermutlich niedergeschrieben in nur einer Nacht, nach einsamer Wanderung zur Zenoburg, auf der er sich alles hat zurechtgrübeln können:

Die Novelle ist eine von seinen großartigen. Alles passt. Die beiden Haupthelden entwickeln sich sogar. Fast alles könnte sich auch genauso zutragen, wie beschrieben. Also ist ihm wiedermal Realismus „passiert“, den er doch eigentlich ablehnt.

Nach dem Schreibrausch folgt die Leere der innerlichen Befriedigung: Und siehe, es ward gut!

Ein paar Tage später fangen die Eindrücke von Land und Leuten an, weiter in ihm zu weben.alpen4

Was, wenn so eine Burgruine zum Verkauf stünde? Wen würde solch hochromantisches Angebot reizen? Und warum? — Pack eine schöne junge Frau dazu, so’ne Art Aschenputtel; die Tochter eines bärbeißigen Verwalters, der sich äußerst rätselhaft verhält und den niemand in der Gegend wirklich kennt: Erzähl das Geheimnis dieses „ehemaligen Gutsförsters von anderswo“ als Schicksalsgeschichte im verfallenen Rittersaal der alten Festung. Vom Efeu der Zeit überwucherter Notstand, der so oder so ähnlich immer wieder kehrt.

Das ist der Grundstein zu „Der Kinder Sünde der Väter Fluch“.

Was klingt, wie ein verlockendes Mysterium erweist sich als ein leider vergeudeter Stoff: Der Plot ist herrlich. Die Umsetzung – mies. Ein Drauflosgeschreibsel, das erst nach 40 Seiten die Fabel erkennen lässt, die wiederum flüchtig geheftet, nicht genäht wird, gegen das Ende hin wirklich dramatisch und interessant Fahrt aufnimmt; aber nach der letzten Seite schaut man zur Zimmerdecke und ruft:

„Paule, alter Pfuscher! Was hätte das werden können, ohne all die Sprünge und mit bissel mehr Charakterzeichnung all der Männeken!“

Der Hauptkonflikt ist solch eine Sensation! Wenn man sie in einem Text von 1862 entdeckt.

Krieg als Glücksspiel. Man muss losen, ob man einberufen wird oder nicht! Man will sich drücken. Mitleid mit dem Deserteur! Das Kriegsverbrechen des Exekutors! Die Rache der Kriegerwitwe!

Sollte man nicht als junger Mann, bevor man in den Krieg befohlen wird, der einem privat eh nichts bringt, einmal richtig körperlichen Trieben gefolgt sein, da für Eheanbahnung keine Zeit mehr bleibt?

„Unter einem gelben Mond haben wir uns beigewohnt…“

„Wahnsinn! Wird uns heilen! Dann sind wir Helden für alle Zeiten!“

Karussell’s Cäsar trifft hier auf David Bowie. Vorausgesetzt, jemand von heute findet diese Novelle noch irgendwo. (Wir Deutschen und unsere Kulturbringer – ein Trauerspiel.)

Wirklich sehr, sehr schade, dass diese Handlung nicht so gründlich erzählt wird, wie die in der Novelle zuvor!

Der kleine dicke Graf, der Mittler zwischen Leser und Geschehen, und sein maulfauler Gesprächspartner haben nicht mal Namen! Er bleibt „der Graf“ und der hagere alte Mann an seiner Seite bleibt „der Oberst“. Niemand weiß, wo der wohnt, nur dass er gepflegt und satt alle Tage in den Schluchten hier herum Gesteinsproben sammelt. Niemand im Ort scheint die efeuüberwucherte Burgruine zu kennen, in der der seltsame Verwalter haust, den wiederum alle dem Namen nach kennen.

Niemand kennt dessen 20jährige hübsche Tochter, die tagelang alleingelassen dort oben auf der Burg haust, bewacht von ihrer Großmutter, einer alkoholkranken Hexe. Kommt keine der beiden mal einkaufen in den Ort? Kommt da oben nie ein Jäger oder Hirte vorbei?

alpen0aPlötzlich aber der Dammbruch der Neuigkeiten: Jene geheimnisvolle Schöne hat eine genauso attraktive etwas ältere Schwester, die nicht in Erscheinung tritt, von der der Leser nur durch ein Kneipengespräch des „Grafen“ erfährt. Der Knoten all der blassen, mies unvollständigen Ansätze entwirrt sich. Plötzlich schreit das ganze nach Verfilmung! Ein düsteres packendes Heimat-Epos in der Art der bayrischen Alpenwestern wäre vorstellbar; aber: Wer soll den Stoff hier finden?

Feuilleton und Literaturgeschichte unserer Tage gestehen dem Autor ja keinerlei Relevanz mehr zu.

Hier schlummert ein Kultur-Humus – vergessen und ungenutzt. Schade.

Es folgt der dritte 150-Seiter: „Der Weinhüter“. Der wiederum hätte „Der Eltern Sünde der Kinder Fluch“ heißen können. Heyse bürstet hier die gerade zu Ende geschriebene Handlung gegen den Strich: Diesmal versauen die Erzeuger ihren Nachkommen das Dasein.

Ein Romeo-und-Julia-Stoff. Kellers Variante „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ (1856) schimmert ein bissel durch. Aber – ein Gedenk des Kellerzitates in einem Brief an Heyse: „Du hast alles, was mir fehlt!“ – Heyse umgeht die Gefahr in kellersche Bräsigkeit zu verfallen. Nix Langeweile! Drive on!

Wir haben hier einen männlichen Protagonisten. Andree Ingram (wie sich zeigen sollte, ein in mehrfacher Hinsicht sprechender Name) hat ein Mutterproblem. Und da diese im Ort eh den Ruf der „durchgeknallten Mohrin“ weghat, kümmerts keinen. Nur seine kleine Schwester hängt an ihm, trotz aller Versuche der Mutter, ihn auch in ihren Augen zu verteufeln. Beide Kinder werden Jugendliche, sind ausgegrenzte Paria – und das Thema „Inzucht“ naht, denn beide haben nur einander…

Ganz starker Tobak! 1862! Heyse bewältigt den Stoff salonfähig. Gemäß seiner Novellentheorie gibt es kurz vor Ende den Kipppunkt, und der Skandalstoff mäandert vom Problem „Geschwisterliebe“ zur flammenden Anklage bigotter Heuchelei. Heyse hält der christlichen Gesellschaft seiner Zeit den Spiegel vor: Schaut hin, wen ihr verehrt – und wen ihr lynchen wollt!

Eine durchaus gegenwartskompatible Message, so will mir scheinen.

Gleichfalls ein filmreifer Ablauf. Großartig erdacht. Gut, nicht sehr gut, ausgeführt, schließt diese Novelle zu „Unheilbar“ auf.

Fazit: Wie immer gut lesbar, unterhaltsam; philosophisches Grübelfutter zuhauf.

Dem Musicjunkie unserer Altersklasse entsteht der Eindruck, Heyse müsse Neil Young (für „Unheilbar“) und David Bowies „Heroes“ für „Der Kinder Sünde…“ gekannt haben. Auch Patrick Michael Kelly und seine Lebenskrise, die ihn ins Kloster führte, kommt dir ganz nah. Der „Weinhüter“ schließlich ließ mich mehrfach an Songs von Peter Cornelius denken.

„Ein Diamant verbrennt. Genau wie ein empfindsamer Mensch. Ein Kieselstein überstehhhht, woran…“

Lesen!

alpen1

Herbstgedanken

Sonntagmorgen 7 Uhr, den Player angeschmissen und das nächste Buch aufgeschlagen. Draußen wird es hell, aber drinnen braucht es noch die Lampe. Der Computer bleibt aus.

Benson und Earl Klugh „Collaborations“ wecken die Denkmaschine.

Die Kinder sind nun längst aus dem Haus. Die Frau schläft noch. Niemand will was von dir. Niemand stört. Von 7 bis 9; das ist DEINE Zeit.

„Das ist der einfache Frieden…“(DDR-Pionierlied) Wieso mir das jetzt einkommt, weiß ich auch nicht.

herbstbuch3Vorgestern hab ich Juli Zehs „Über Menschen“ angelesen. Nun ja… leicht lesbar. Aber eine Westberliner Schlunze auf Selbstfindungstrip in der Prignitz, mit so Erkenntnissen der Marke Latte-Macchiato-Prenzelberg-Mälei:

Da „draußen“ gibt es auch Häuser! Und Leute! Und zu den Häusern gehören Grundstücke! Und die können mitunter sehr groß sein! 4000 Quadratmeter sind echt viel! (Wenn man ihnen allein mit einem Spaten zu Leibe rückt!) Hab ich einfach so gekauft. (Was der mediale Klischee-Wessi eben so macht. Die ZEIT macht mir dauernd weiß, dass es pausenlos Karrieren gibt, wo Mit20er 3000.- netto monatlich machen.) …

Das war nun nicht das, womit ich gemeinhin Mitleid empfinde. Identifizierung gleich ganz unmöglich. Nach 11 Seiten wurde ich eh weggelockt.

HerbstbibelGestern griff ich zu Heyses „Meraner Novellen“. Lag schon eine Weile hier. Umfasst nur 3 Novellen a 150 Seiten. Die erste kannte ich. „Unheilbar“. Mit ca 32 oder 35 gelesen. Also nicht erst gestern. Mehr als das Rückgrat des Plots war mir nicht mehr erinnerlich. Aber gefallen hatte das lange, relativ ereignislose Textlein von einer vermutlich schwindsüchtigen jungen Frau, die daheim Mutter pflegte und deren Stelle beim viel jüngeren Bruder einnahm, den Vater versorgte und sich nie etwas für sich selbst gegönnt hat, eben doch. Es wird wohl am Trigger „Pflege“ gelegen haben. Das Thema hatten wir als junge Eheleute leidvoll selber durch. Meine Frau mehr als ich. Also konnte ich sie auf jene in der Geschichte beziehen.

Eigentlich wollte ich diese bekannte erste Novelle nun weglassen, zu neugierig war ich auf die zweite mit dem ach so mystischen Titel „Der Kinder Sünde der Väter Fluch“; jedoch sollte es anders kommen: Ich schlug das Buch auf, las die ersten anderthalb Seiten von „Unheilbar“ – und der alte Meister fing mich zum zweiten Mal mit derselben Geschichte. Ich wusste sofort: Das gefällt dir wieder – und es wird völlig anders sein, als vor 30 Jahren.

Das einst noch frische Pflege-Notstands-Trauma ist inzwischen versandet. Der frisch gebackene Rentner-Leser wird nun hineingestellt in eine Geschichte, die -in Tagebuchhäppchen verfasst- darstellt, wie eine noch junge Totkranke sich IHREN Lebensabend gestaltet. Der Hausarzt schickte sie nach Meran. Das sonnige Südtirol sollte ihr die letzten Tage in Licht und Lust (zum Wandern) verschönern und vielleicht das Unabänderliche ein wenig hinauszögern helfen, so wurde ihr gesagt. Aber das Ganze wird nun nicht etwa zum Poisel-Text. (Heulen kannste wo anders.) Die junge Kranke hadert nicht mit ihrem Schicksal, sondern ist willens, genau das zu vollziehen, was man heute neudeutsch „quality time“ nennt. Sie wird zum Diogenes von Meran; erlebt die Kurgesellschaft von außen und lehnt ihr Getue ab. Sie will sich „nun nicht mehr“ sittsam in Konventionen langweilen lassen!

Sie „geht ihre einsamen Wege; alle Sinne geschärft und hell wach…“(Metropol) Keine Ahnung, weshalb mir das nu‘ einkommt.

Und sie vertraut ihrem Tagebuch Sätze an, die von Hesse oder Sartre stammen könnten.

„Ich sagte mir im Gehen und Schauen: Dies ist mein, dies genieße ich und niemand kann es mir wieder nehmen.“

Und aufbegehrend:

„Nein ich ertrage es nicht länger! Und sollte ich der ganzen Welt einen offenen Fehdebrief schreiben; ein Sterbender braucht nicht zu lügen, braucht sich nicht misshandeln zu lassen und dankbar dazu zu lächeln. Ich bin so zerknickt, zerrieben, in allen Nerven empört, dass ich am liebsten von meinem Fenster aus durch ein Sprachrohr der ganzen Gesellschaft meine feierliche Absage zuriefe, wenn sie jetzt nicht grade alle bei Tische wären, meine Peiniger!“

Yep! Wo kann ich das rahmen lassen?!

Die Würfel also sind gefallen: Für die nächsten Tage/Wochen wird es wieder Heyse sein als Lesefutter. Je nachdem, in wieweit mich die üblichen Medienportale mit ihrer anhaltenden Realsatire davon abhalten werden, gute Literatur zu genießen. Detox-Day! Detox-Day! Schreibt sich so leicht. Is‘ schwerer als man denkt.

Heyses „Unheilbar“ wirft die Frage auf, wer denn hier der wirklich „Unheilbare“ ist: Die junge, pflichtbewusste, aufopfernde Schwindsüchtige im letzten schönen Hafen ihres kurzen Erdendaseins, oder die Gesellschaft, in der metaphorisch gelesen erst recht gefährliche Tuberkeln werkeln:

„Ich habe mir heute früh beim Aufwachen die Frage gestellt, wie verwunderlich es doch ist, dass die verschiedenen Stände einander gegenseitig um eine Freiheit beneiden, die in keinem zu finden ist, wo überhaupt noch ein Standesgefühl bewahrt wird.(…) Wie ich doch jene einfachen Menschen (Einwohner von Meran) beneide, die hier geradezu paradiesisch dahinleben (…) und nichts wissen von den hundert eingemauerten, kleinstädtischen Rücksichten der sogenannten Gebildeten – wie der Seidenwurm nicht ahnt, wieviel glänzendes Elend sein Gespinst vielleicht dermaleinst verschleiern wird.“

Automatisch stimmst du zu. Die Krönung der Schöpfung beherrscht nur eines richtig gut: Sich das Dasein so richtig schwer zu machen. „Respekt“? Ein Slangbegriff aus dem Gangsta-Rap. „Vernunft“?  Müsst‘ ick googeln ßurßeit! Was gehörte sich damals nicht – und was heute? Wer darf mit wem reden und was ist dabei zu beachten? Welche Frage schickt sich nicht? Welches Volkabular auf jeden Fall vermeiden? Jedenfalls unter den akademisch halbgebildeten Überschriften-Wissern der Gegenwart. Die Ständegesellschaft ist tot? Dass ich nicht lache!

Und du staunst mal wieder, wie leicht das Assoziieren ist, bei einem Text von 1862. Wir sind nicht wirklich weitergekommen. Die Ständeordnung verfiel. Der Neid blieb, sowie die Lust an Tratsch und Hetze. Der Mob ist ewig. Das gehört zur menschlichen Natur, wie der Schwanz zur Ratte.

„Der Sieg der Vernunft“ wird pausenlos herbeigepredigt. Aber das Gegenteil getan.

dav

„Die Dummheit reitet die schnelleren Pferde.“ (Keine Ahnung mehr, wo ich das mal aufgeschnappt habe. Könnte der späte enttäuschte Karl May gewesen sein.)

Gabriele Krone-Schmalz hält in Reutlingen einen beachtenswerten 90 Minutenvortrag. Eine bittere Bilanz! Fakten basiert. „And she moves on a solid ground…“ (Van Morrison) sozusagen. Sein Inhalt gehört in jedes führende Massenmedium, ist dort aber nicht zu finden. Denn die haben keine freien Kapazitäten. Dort tummeln sich die Rüstungsapologetinnen alias „Russlandkennerinnen“ wie einst jene namenlos gebliebenen Orientexperten, die 2002/03 den alten Scholl-Latour in Sachen Afghanistan belehrten. Grins. Wo sind se hin? Ähem.

Einer seiner Bestseller hieß „Russland im Zangengriff“. —?! — Schau mal wieder rein. „‘nuff said!“

An den Rand setzen, Kaffee nachschenken. Zuschauen. Schnauze halten.

Heyse mochte die Umstände der Zeit nicht, in der er zu leben verdammt war. Seine Kritikpunkte haben Hand und Fuß: Eine Zeit der Wachtmeister und Advokaten, des Gleichschrittes und der Paragraphen, der Gesangs- und Turnvereine (Hauptsache, es erlöst vom Denken), Größen- und Erlöserwahn; immer unromantischer werdende Kunst, die dadurch alle Mystik einbüßt. Keine Harmonie im Zusammenleben in all den Zwangs- und Versorgungsehen seiner Tage; usw. usf.

„There ain’t no love in the heart of the City…“(Whitesnake), weiß auch nicht, wie ich darauf komme.

Werde mal die CD wechseln. Van Morrison. Beautiful Vision. Soviel Zynismus muss sein. Herbstklänge. Der alte Klempner kräht es einfach raus:

I’m a dweller on the threshold
And I’m waiting at the door
And I’m standing in the darkness
I don’t want to wait no more.

Krischan der Große

Zum Tode Ralf Wolters (1926-2022)

Erinnerst du dich noch an den Sommer’69? Nicht in Amerika! Woodstock und so. Sondern hier in Deutschland! Genauer: Ost-Deutschland. Wie alt warst du da? Ich war 9 und jener Sommer hatte es bös‘ in sich:

  1. Schwimmlager, weil Mutti es so wollte. Eine Vollpleite für das unsportliche Sensibelchen, das ich damals war.
  2. Das Wetter war mies. Carrell klagte „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“. Niemand wurde diesmal „braun auf Borkum und auf Sylt“ – und auch nicht auf Usedom, wohin es die Bludgeon Family damals für 14 Tage verschlug.
  3. Die Sommerfilmtage bescherten das vierte Jahr in Folge den neuen Indianerfilm. Nur diesmal war das „Weiße Wölfe“ – und diesmal siegte Gojko als Dakota nicht. Er wurde sogar ganz dramatisch und feige erschossen, als ihm die Munition ausgegangen war. Kinderkatastrophe: Scheißfilm. Das stand fest.
  4. Drohte in den Sommerferien noch die Turnbergkatastrophe herein: Die Schule plante den Lehrereinsatz und bescherte dem kleinen Bludgy als Sportlehrerin ausgerechnet die Schinderin vom Schwimmlager in ihrem letzten Dienstjahr, Frau von Turnberg, für immerhin 3 gefürchtete Sportstunden pro Woche.
  5. Im Mosaik endete in diesem Sommer die Ritter Runkel Serie und die Amerika-Abenteuer begannen äußerst langweilig unten in Louisiana mit einem Schiffsrennen der Mississippi-Dampfer der Kapitäne Baxter und Joker. Kein Indianer nirgends! Und auch keine Chance auf Saloon-Schlägerei. Nur Gelaber.

Sommer 1969 war also Scheiße am Rollen!

Wie gut, dass mich da irgendwann die Eltern oder die Großmutter ins Kino lockten – in einen Film mit dem seltsamen Namen „Die Heiden von Kummerow“. Krischan 1Der spielte in der Kaiserzeit irgendwo im Norden an der Küste. Mit 9 hatte ich keinerlei Ahnung, was „Heiden“ sind und den Brauch der „Heidentaufe“, den die Jungs da im Film zelebrieren, indem sie mit im arschkalten Wasser stehen, verstand ich auch nicht; aber den Konflikt zwischen armen Kuhhirten und bösem Tierquäler Düker, dem reichen Müller des Ortes, den verstand ich umso besser.

Auch die Freundschaft zwischen Martin Grambauer und Johannes Bärensprung ging mir nahe, denn auch ich hatte so einen Hang zu interessanten Sitzenbleibern in der Klasse, was Mutti die Sorgenfalten auf die Stirn trieb. Irgendwie wollte ihr mein „Umgang“ mit Günter, Klaus und später Ecke nicht recht gefallen.

„Die gehen nach der 8.Klasse Fluchten mauern. Du willst hoffentlich was werden!“

Schon. Aber: Die fetzten, aber das verstand Mutti nicht.

Und im Film verstehen auch die Mütter nicht, warum alle Dorfkinder den abgerissenen Kuhhirten mögen, der jedes Frühjahr ins Dorf kommt und jeden Herbst wieder verschwindet. Keiner weiß, wohin.

Der Kuhhirte ist Krischan Klammbüdel. Er wird gespielt von Ralf Wolter.

Wären wir Wessi-Kinder, hätten wir gesagt: Sam Hawkins spielt hier den Krischan.

Aber die Karl May Filme kannten wir im Osten 1969 allenfalls vom West-Quartett, wenn überhaupt.

Paul Dahlke als Pastor Breithaupt und Theo Lingen als Superindendent Sanftleben kannten wir aus den Ufa-Komödien, die montags abends liefen.

In den „Heiden von Kummerow“ spielten sie ganz ähnliche Charaktere: Ins Idyllische gewendete Autoritäten. Nebendarsteller irgendwie. Für die Action sorgten andere.

Es war der erste gesamtdeutsch abgedrehte Film nach 1945 und er wurde im Osten im Kino gut besucht. Ich sah ihn dort in meiner Unterstufenzeit mindestens 5mal – und die Reihen waren immer gut gefüllt. Dann kam er alle Jahre wieder im Fernsehen – und ich vermute mal, ich hab ihn dann jedes Mal gesehen, bis ich 13 oder 14 war.

Das war irgendwie Gesetz:

„Nimm dir für Sonnabendnachmittag nischd vor! Da kommen die „Heiden von Kummerow“!“

Der Film stammt von 1967. Ob der bereits ’68 im Ostkino lief, weiß ich nicht. Mir isso, als ob ich ihn ’69 kurz vor- oder kurz nach unserem Urlaub in Bansin/Usedom gesehen habe. Und weil ich zu der Zeit noch ordentlich Ostsee-Flair im mentalen Gepäck hatte, ging mir der Film nahe.

Ich hatte selbst, wie Krischan abend für abend im Dorfkrug 14 Tage lang dasselbe Abendbrot gegessen, weil der Wirt „nur Bockwuast odä S-piegeleieé“ im Angebot hatte: Also regelmäßig 3 Spiegeleier und ne Limo. Der Tisch hatte ebenfalls keine Tischdecke. Immerhin gab es Bierdeckel zum Pyramidenbau. DIE hatte Krischan nicht, bei seinen ärmlichen Abendbroten in der Kummerower Kneipe, abseits am „Henkerstisch“.

Bauernkäuze kannte ich durch das Mitfahren mit Vater „auf Praxis“; bösartige Müller Düker gabs bei mir ganz in der Nähe: z.B. Udos Großvater.

Martin Grambauers Vater, der immer Spitzen gegen die Autorität des Pastors warf, war ganz klar mein eigener Vater, der fleißig gegen einige Lehrer meiner Schule frotzelte:

„Hab dein‘n Direx jetroffm, indor Stadt. Hackedicht warä. Hat die janze Breite von dor Salzstraße jebrauchd.“

Oder:

„Frau von Turnberg? Adel verpflichtet. Da is‘ Inzucht im Spiele. Mach dir ma‘ nich‘ ins Hemd vor der ahlen BDM-Hexe.“

Mutter stoppte zwar meist recht schnell. Aber übrig blieb die Erkenntnis: Erwachsene achten sich durchaus nicht automatisch immer. Ein wohltuender Gedanke. Was BdM war, bekam ich zwar nicht erklärt, aber „Hexe“ war ja deutlich genug.

Und: Martin Grambauer und Johannes Bärensprung – das waren auch zugleich Tom Sawyer und Huck Finn (Deutsche Reichsvariante); der Drehbuchschreiber hatte es voll draufgehabt: Die Kinderdarsteller waren die Haupthelden, die einen Krimi erleben, der für die Erwachsenen nur Alltag ist. Aber auf die Erwachsenen kam es gar nicht so sehr an.

Heute hat das eine ganz eigenartige zweite Message bekommen: Gesamtdeutsch verfilmt hieß: Alle Erwachsenenrollen wurden westdeutsch besetzt. Die Kinder stammten alle von der Insel Rügen. Sie wurden mit Filzstiften bezahlt. Und sie spielten erstaunlich echt und unverkrampft. DEFA-Kinderfilme hatten es oft an sich, dass die Kinderdarsteller „Sprecherkinder“ waren; also „geschult“ ihre Texte aufsagten, was allzu oft steif rüberkam. In den „Heiden von Kummerow“ war das nicht der Fall. Sogar der Fischie-Dialekt kommt durch.

Die Bevormunder also „von drüben“, das „noch zu erziehende Fußvolk“ von hier; aber es lebt eben auch anarchisch unter all den Anweisungen drunter weg, pfeift drauf. Wie man Pfeifen schnitzt, zeigt ihnen Krischan. Der Paria ist der Held! Als er durch Müller Düker in Schwierigkeiten gerät, helfen ihm die Kinder und der „aufsässige“ alte Grambauer, der eh was gegen „die da oben“ hat.

Krischan ist eigentlich auch eine Erwachsenen-Rolle.Und Ralf Wolter ist auch Wessi.  Aber zu den Bevormundern gehört er nicht. Er ist ein altgewordenes Kind. Er verkehrt mit den „Lütten“ von Mann zu Mann. Sie versorgen ihn mit ihren Pausenbroten und verdanken ihm manche Weisheit aus seiner „Seefahrerzeit“. Sie verhelfen ihm am Ende des Films zu seinem Recht, um das er so viele Jahre von den „Großen“ betrogen worden war.

krischan3Krischan Klammbüdel war ein Held meiner Kindheit. Und es half sehr dabei, dass wir seine trottelige Sam Hawkins Rolle nicht kannten.

Nach dem Filmerlebnis las ich auch Ehm Welks Romanvorlage.

Die beiden Hörspielschallplatten „Die Heiden v. K.“ und „Die Gerechten v. K.“ konnte ich auswendig.

Vor ein paar Tagen starb Krischan der Hirte (alias Ralf Wolter) 96jährig und relativ vergessen von der Welt; immerhin erwähnten sie ihn aber noch in der Tagesschau, als Sam Hawkins und in allerlei Nebenrollen – bloß nicht als Krischan Klammbüdel!

Sauerei! Seine beste Rolle! Der Film wirkt heute noch!

Das musste ich reparieren!

Hallo Ralf! Einmal Krischan – immer Krischan!

So wie Dieter Mann für mich auf ewig der Gatt war und Gojko der Dakotahäuptling,

so gehörst du in die „Heiden von Kummerow“!

Basta!

Schlaf gut, Krischan!

Fjuhschn (III)

Manchmal genügt ein kleiner Funke.

Autopict ist schuld.

Sein kleiner Kommentar unter „Fjuhschn (I)“ hat das Folgende bewirkt.

Die Grübelmaschine sprang an. Warum wurde ich ein Fusionist und er nicht?

I. Vorbemerkungen:

Fusion – das ist ein freies Spiel der Talente. Einer in der Band legt los mit irgendeiner melodiösen Eingebung und die andern steigen drauf ein: Bedienen; bis sie selber dran sind mit dieser oder jener Solo-Chance. So entsteht ein harmonisches Geben und Nehmen, das sich ungeplant aufbaut zu Bombast oder Raserei, die sich erschöpft, und beruhigt ausklingt oder kakophon zusammenbricht.

Strophe – Refrain -Strophe? Braucht man nicht, wenn’s fließt.

Musik als Vehikel für’s Denken. Fürs Halluzinieren. Für’s Träumen von Anschaffungen, die man sich eh nie leisten wird. Aber für 40 Minuten LP-Länge hat man all diese Dinge besessen, ist man im Chevy  Bel Air durch die Felder gefahren. In a land called Fantasy.

Autopict kommentierte unter Teil 1, dass ihn Fusion kalt lässt. Eigentlich mag der lauter gutes Zeug. Prog vor allem. Warum war’s bei mir anders? Lag‘s an meiner „Praxiserfahrung“ mit „Kinder-Fusion“ früher? Hat Autopict auch welche? Das ließ mich weitergrübeln:

In den Fusion-Sog zu geraten hat nicht nur mit Philly-Geigen zu tun, die ich bei Benson wiederfand, wie ich im ersten Teil schrieb. Die Wurzeln dieser Sucht sind älter:

II. Erlebnisse:

Meine ersten 7 Lebensjahre wohnten wir im Mietshaus. Unter uns die Hausmeisterfamilie. Deren Sohn war 3 Jahre älter und übte nach der Schule Klarinette. Sein Zimmer lag unter meinem. Ich kämpfte oben dann und wann im Bett mit dem Mittagsschlaf. (Gottlob kam Muttern diese Anwandlung nur alle paar Wochen für 3 oder 4 Tage ein und konnte alsbaldigst weggequengelt werden.) Und dann lag ich da also hellwach herum und unter mir dudelte es. Das klang schön. (Wie Mutter später erzählen konnte, hatte er soviel Talent, dass eines Tages sogar ein Angebot eines großen Tanz-und Unterhaltungsorchesters hereinflatterte.) So ritt ich zu diesen Soundtracks mit Ritter Runkel und Suleika in Richtung Orient, befreite Dornröschen von IHREM elend langen Mittagsschlaf, spielte mit dem Bären von Schneeweißchen und Rosenrot usw.

Das muss der Ursprung gewesen sein, diese „Innervisions“ zu kriegen, sobald Musik ertönt, die die Ohren streichelt.

„So, du kannst aufstehen. Komm Kakao trinken, ‘s gibt auch Marmorkuchen.“

„Eeeeendlich! Ich hab wieder nich‘ geschlafen! Gott sei Dank hat Norbert geübt. Da war’s nicht so langweilig.“

„Wenn du Schulkind bist, willst du dann auch ein Instrument lernen?“ Mutti schmiedete das Eisen, solange es heiß war.

„Ja!“

„Aber nicht gleich Klarinette. Am Anfang lernen alle Kinder immer erst Blockflöte.“

„Okay. Und wenn ich großer Junge bin, such ich mir ein richtiges Instrument aus.“

Erwachsene versprechen in so einem Moment alles. Und es kommt dann ganz anders.

Nach 4 Jahren Flöte war die Lust zum Instrumente lernen tot. Die nette alte Rentnerin, die unverheiratet mit zwei Schwestern zusammenwohnte und mit dem Stundengeben, die kärglichen drei Renten aufbesserte, verstand es nicht, ihre junge Kundschaft „abzuholen“, indem zeitgemäßes Material verwendet worden wäre. Nach „Hänschen klein“ und „Horch was kommt von draußen rein“ folgten dann „Hits“ der Marke „Dat du min leevsten büst“, „Vuchelbeerbaam“ und „Bauernmarsch“.

Letzterer war noch das Beste, weil sich da an Thomas Müntzer denken ließ. Schlacht von Frankenhausen! Eine frühe Form des Blut-und Eiter-Core – auf der Blockflöte.

„Muss es denn immer so alter Kram sein?“, wagte ich irgendwann zu maulen.

„Das ist kein >>alter Kram<<, das sind deutsche Volkslieder. Die müssen wir bewahren. Was wir nicht bewahren, stiehlt uns der Russe.“, sprach die gutmütige alte Oma da. Für einen 8 oder 9jährigen, der noch an den guten Lenin glaubt, wegen all der Bilder in der „Frösi“, ein ziemlich seltsamer Gedanke. „Die Krause-Schwestern ham mit dem Iwan durch, was uns ham de Tschechen angetan.“, erklärte Vater, ohne was zu erklär’n. So war das immer: Das Kind versteht ja noch nicht -. Ja, was denn eigentlich? Mir war das wurschd. Wie kann man jemandem ein Volkslied klauen? Das wird so was sein, was Mutti als „wunderlich“ bezeichnet, wenn Großmutter einen unverständlichen Bolzen heraushaut. Andererseits hatte das DDR-Fernsehen neulich das Alexandrow-Ensemble gezeigt, wie da ein Sowjet-Offizier zwischen „Durchs Gebirge durch die Steppe zog“ und „Kalinka“ das „Heidenröslein“ sang. Hm. Aber deswegen ist doch das Lied für uns nicht weg?

fusion 3bTrotzdem hatte ich bald heraus, Frau Krause in Gespräche zu locken; das verkürzte die Zeit des ungeliebten Musizierens. Sie konnte supergut erzählen! Warum guckte der Beethoven über dem Klavier so schlecht gelaunt? Wer is‘n das auf der Büste da und warum hat der sich so einen bescheuerten Bart zurechtrasiert? Daraus wurde meine Bekanntschaft mit Richard Wagner und mein Grundlagenwissen über Bartmode im Wandel der Zeiten. Aber meine Liebe zur Musik blieb eher dank Radio erhalten.

„How!Do!you!do! Na-na…“, „Am Taaaaaaag, als Conny Kramer starb….“, „Kuhhhhh-nigunde, hier kommt dein Troubadur!“

Ende 4. Klasse dann die Qual der Wahl. Ich wollte aufhören mit den wöchentlichen Gängen zu Frau Krause, aber Mutti sah das anders.

„Nun geht es doch erst richtig los. Entweder ein anderes Instrument bei Frau Krause oder wir wechseln halt noch den Musiklehrer. Aber ein Instrument lernste noch!“

Man hat mit 10 keine Lust auf Lehrerwechsel. An noch einen weisungsberechtigten Erwachsenen gewöhnen müssen? Nä! War ja schon beim Klassenlehrerwechsel ein Reinfall. Und dann noch die Sportlehrerkatastrophe in der 3. Klasse mit Frau von Turnberg!

Es kam also zur „Friss Vogel oder stirb – Wahl“: Akkordeon lernen und bei Frau Krause bleiben.

Ich erwies mich als zu ungeschickt und zu unmotiviert zum Üben. Beidhändig wollte es einfach nichts werden. Eines Tages rutschte mir das Instrument vom Schoß, klatschte auf den Fußboden – und alle Bass-Tasten waren ins Gehäuse gedrückt. Hurra! Kaputt! Laaaange Spielpause wegen Reparatur in Aussicht! Planwirtschaft.  „Teile hammernich!“ Das kann dauern!

Mutter: „Wir fahren am Sonntag nach Frohburg zu Oma. Da steht noch das Akkordeon von Tante G.“

So stürzen Hoffnungen ins Bodenlose.

In Klasse 7 erlöste mich die Pubertät. Meine schulischen Leistungen tendierten plötzlich in Richtung 3, das Halbjahreszeugnis wurde somit zur Vorwarnung: So wird das nichts mit der EOS in Klasse 9!

„Wenn ich verspreche, mich zu verbessern, kann ich dann zum Schuljahresende wenigstens mit diesem Scheißakkordeon aufhören?“

„Ja.“ Kurz und schmerzlos. Manchmal ist die Zeit einfach reif für Erlösungsmomente.

Frei! Zum ersten Mal im Leben eine richtige Last abgeworfen.

III. Entwicklungen:

Die Übungszeiten in jenen 7 Jahren jedoch hatte ich zweckentfremdet, um mir unbewusst „meinen Fusion“ beizubringen. Wenn ich denn schon zum Üben gedrängelt wurde, fantasierte ich lieber auf den Instrumenten, statt den „Zieh Schimmel zieh“ auf Noten zu üben. Mit sehr unterschiedlichem Erfolg. Einen meiner Onkel hatte es vorübergehend in die Mongolei verschlagen. Der brachte eines Tages eine Hirtenflöte mit, die hatte ein paar Löcher zu wenig (damals wusste man ja nix von Pentatonik!) und die klang – indianisch! Motivationsschub! Vor allem deshalb, weil zu jener Zeit gerade ein Indio mit „El Condor Paza“ in der „Aktuellen Schaubude“ aufgetreten war. Die Nummer war zuvor schon durch Simon and Garfunkel zu Ehren und reichlich Airplay gekommen und deshalb hatte sie eh jeder im Ohr. Und ich bekam das auf der Hirtenflöte hin! Ohne Noten. Ich hielt mich prompt für so’ne Art Flöten-Hendrix!

Auf dem Akkordeon fantasierte ich nur einhändig. Ich wollte ja gern Luggis Rock and Roll nahekommen, aber das ging gänzlich schief. Es gelangen nur langsamere Melodaien. Namenlose Eingebungen. Aber zeitweilig doch auch recht ergreifend.

Ich glaube heute, dass gar nicht viel gefehlt hat, das beidhändige Spiel zu begreifen. Es war vermutlich wirklich nur die fehlende Lust dranzubleiben aufgrund des ungeeigneten Übungsmaterials.

Geblieben ist Melodienseligkeit. Die Frickelei im Prog ertrage ich dosiert durchaus, sie ist sogar das Salz in der Suppe, sie wird mir aber schnell zuviel. Yes’ns „Relayer“-Album hasse ich. Ich brauche den kräftigen Schuss Romantik, den „Going for the one“ und „Close to the edge“ Gott sei Dank haben.

Wenn es im Fusion zu „frei“ wird, dann klingt es schnell herzlos. Kalte Akrobatik. Keine Musik mehr.

Der Klampfmeister da kann fix greifen – aber: Was hab ICH davon?

„Birds of fire“ und die Shakti-Sachen von McLaughlin – abwink. Auch die viel gepriesene „Friday Night in San Francisco“ hob mich nicht besonders an.

Sogar von Metheny gibt es ein fürchterliches Album; im Quartett eingespielt, „Song X“ oder so ähnlich. Das ist sein „Relayer“-Moment. Absolut scheußlich.

IV. Was also lässt sich feiern?

Apropos „Friday night in San Francisco“. Ein Kommilitone Anno 1982, der einen richtig guten Musikgeschmack hatte und toll Musik erklären konnte, brachte die Neuigkeit mit, dass demnächst auf Amiga eben jenes Album erscheinen würde und dass das ein Großereignis sei. Falls er diese Lizenzplatte nicht bekäme, ließe er sich exen, würde Briefträger oder Friedhofsgärtner und beschlösse sein Leben als bald mit dem Fluch: „Es gab die „Friday night“ in dor Zone und ich habse nich gekrichd!“ Das weckt Neugier, wenn man anfang 20 ist. Ich bekam das Album. Er nicht. Ich überließ es ihm nach einmal anhören, rettete also seinen Lebensmut. Und er meinte das ernst, denn er gab mir dafür das Debut von Asia. Eine Westplatte für eine Amiga – ohne Zuzahlung! Er ließ sich 90 Mark entgehen! Die muss ihm wirklich wichtig gewesen sein.

Ein zweiter Musikguru aus meinem damaligen Bekanntenkreis, der selber bis heute eine Band betreibt und davon leben kann, maulte über die Friday-Platte: „Naja drei virtuose Klampfer halt. Paco und Al di Meola sind Könner. Aber der Mahavishnu-Kunde wird wie immer überschätzt. Wenn Se statt dessen Larry Coryell genommen hätten, dann wär das ne ganz andere Messe geworden.“

Und wieder war ein Name gefallen, der mich weiterbrachte:

fusion 3In den 90ern fand eine Weltausstellung in Barcelona statt. Aus diesem Anlass wurde vorübergehend das Fernsehprogramm geflutet mit Super-Musik-Events. Gitarren-Festival drei Nächte lang. 3sat übertrug. Das „Friday Night Phänomen“ warf immernoch weite Schatten – und so hatten auch die Spanier die Idee, Paco de Lucia mit zwei weiteren Könnern zusammenzubringen und klampfen zu lassen. Aus diesem Anlass ersetzte tatsächlich Larry Coryell einen der beiden anderen Freitags-Heroen und siehe da. Ich war 10 Jahre älter und der simple NDW-Kontext von damals war auch weg: Mir gefiel das plötzlich.

Kurz darauf stand ich im Laden vor Coryells „Live from Bahia“(1992) und kaufte sie ungehört. Treffer.

Und einer der Tracks heißt auch noch „Gabriela’s Song“. Da gabs mal in den 90ern fast zeitgleich den gleichnamigen Film mit Sonia Braga und dem alten Marcello Mastroianni. Ähem. Männer wissen, wovon ich spreche. Von 1983 bereits sollte der sein. Auf dem neuen Rod Stewart Album (2022) gibt’s ebenfalls einen „Gabriella“-Song. Mit unmissverständlichen Lyrics. Auch ihm kamen da also alte Zeiten zurück. Wir gucken halt alle das Gleiche.

Und per Fusion…

„…träum ich, dann seh ich
viel tiefer als sonst.
Wenn ich träum dann geh ich
wohin du nie kommst.“ (Demmler/Stern Combo Meissen)

Fjuhschn (II)

Weiter geht’s mit der Beschreibung phantasiebeflügelnder Klänge.

Jeder wird das kennen: Es gibt so Songs, da nimmt man Reißaus. Die sind so dürftig und auf Anhieb so nervig, dass man auf’s Radio schießen würde, wenn man Elvis wär.

Save your kisses for me, Rock Bottom, sorry I’m a Lady, Chiquitita, Jeans on, uhhhh la paloma punkaaaa…

Das ging aber schon in den 60ern los. Mit Zabatak und so Bands wie den Dave Dee Dosy, Biggy, Mick and Titch und den Archies. Von letzteren stammt „Sugar, sugar“, auch so eine musikalische Sondermüllnummer.

Aber: Manchmal greift ein gewitzter Musiker eines ganz anderen Genres sich so ein Unikum und bläst es auf und lässt es fliegen:

Und somit sind wir bei Jimmy McGriff und seinem Twofer „Soul Sugar“ und „Groove Grease“.

Erstens rockt der „Sugar, sugar“ in rockolympische Höhen, in denen die Archies nie gewesen sind aber anschließend fegt er mit seinem intelligenten Orgelgefauche und den Sax-Attacks seiner Band den Stall aus. Geil. 1970 und 1971 sind die beiden Platten passiert. Blacksploitation war angesagt, daher auch die zum Kauf motivierenden Cover, deren Idee sich wenig später die Ohio Players abgeguckt haben mögen.

Fusion 3

Der Grundrhythmus hat obendrein auf fast der gesamten Platte etwas von DDR-Fernsehballett und Emöke & Susan. Fusion 4Jedenfalls sieht man beim Hören automatisch die Damen mit ihren einprägsamen Hampeleien in äußerst knappen Outfits vor dem inneren Auge.  Ich denke mal Walter Kubiczeck, einer der Großkomponisten der Ehemaligen, hat davon gelebt, für’s „Unsichtbare Visier“ und das 70er Jahre „Kessel Buntes“-Intro den Jimmy McGriff zu beklauen.

McGriff war Jugendfreund von Jimmy Smith. Und das ist das Stichwort für die nächste Platte.

„Root down!“ (1972)

Fusion 2Ja, an der kommt man nicht vorbei, wenn man perfekte Fusion-Alben würdigen will. Jimmy Smith ist der Hendrix der Orgel. Der spielt alles. LPs in jedem Jazz-Stil; na gut – außer Freejazz. Und „Root down!“ ist sein Fusion Beitrag. Als die 1972 rauskam machte sie bereits Eindruck, obwohl die LP eigentlich ein Verbrechen war. Es ist ein Konzert-Torso. Irgendwer hatte zwar den richtigen Riecher jenes Konzert damals mitzuschneiden, dann aber fand sich keiner, der ein rein instrumentales Jazz-Doppelalbum (Orgel-Drums-Gitarre) für machbar hielt. Also verfiel man auf den dämlichen Einfall, die Tracks zu kürzen, auszublenden, Leerrillen zwischenzuschalten – fertig war ein Nachweis, dass Ol’Jimmy nach 12 erfolgreichen Jahren immernoch up to date war und mehr als das: Er zeigt John Lord, wo der Hammer hängt. Aber dem interessierten Hörer tropfte der Zahn: Wie mag sich das damals komplett angehört haben? Wie lange ging es nach der Blende noch weiter?

Wenn du „Root down“ nicht kennen solltest, dann stell dir vor, John Lord jammt mit Hendrix. Arthur Adams hat einmal zuviel „Band of Gypsys“ gehört, sich ein Wah-Wah-Pedal besorgt und fertig is „Son of Jimi“. Smith schießt ein Solo nach dem andern ab, Adams hält die Stellung bis es vorbei ist und dann kommt er: Shuffle and Wah-wah. Hendrix soll Funkrock erfunden haben. Adams setzt fort. Eine Rock-Messe! Mit ein bissel Werbung wäre das Ding in Zeiten des Prog um72/73 ein totsicheres Ding gewesen! Stattdessen damals jener LP-Stummel!

Dann das nicht für möglich gehaltene Wunder: In den 90ern setzte sich die CD durch – und die hat längere Spielzeit. Als das große Remastern alter Meilensteine in Mode kam, nahm sich jemand die „Root down!“ vor, beseitigte all die Kürzungsschandtaten – und schwupps liegt „Root down!“ seither in Doppelalbumlänge vor. Als Konzert ohne Leerrillen. Erst jetzt erlebt man zwischen den heimischen Boxen DEN Orgel-Rockjazz-Blizzard, der da 1972 stattgefunden hat. Geil!

Fusion 2c

Als ich mit ungefähr 45 Jahren zum ersten Mal die „Root down!“ hörte, da hatte ich den Augenblick, den alte Hippies mit 16 oder 17 hatten, wenn sie anno 1968 mit der nigelnagelneuen Hendrix nach Hause kamen, diese erstmalig auflegten und sich wegblasen ließen. Ich hatte schon wahrlich viiiiiel Musik durch meine Ohren gejagt, aber das da -! – das toppt alle Punk-Erinnerungen von weiland’78, als nichts geiler war, als die Pistols!

Plötzlich waren 30 Jahre weg. Es war wieder 1975 und ich sitz in der Wenzelskirche zu Naumburg wie so oft, wenn Orgelkonzert angesagt war. Die Kirche dunkel, nicht renoviert. Die Hildebrandt-Orgel, nach Vorstellungen von J.S. Bach entworfen, lange nicht restauriert. Man sagt ihr nach, seit der einen Zufallsbombe 1945 in nächster Nähe habe ihr Klang gelitten. Ich hör’s nicht, denn mir fehlt der Vergleich. Die Kantorin spielt Bach, Reger, Buxtehude etc.– und ich sitz auf der kleinen Seitenempore und träume von Kerzenlicht und Rauch-Show und einem Sound, der genauso hätte klingen müssen, wie auf DIESER Platte! (Oder eben wie ein Yes-Ersatzkonzert.)

Und noch ein Tastenhengst muss sein:

Eumir Deodato. Epochal seine „Prelude“- LP

Fusion 2 (2)mit DEM Fusion-Stück überhaupt: Also sprach Zarathustra.  Wie oft wurde der arme Richard Strauß nicht schon geplündert, zweckentfremdet als Konzertintro für Elvis, als Pyramiden-Doku-Filmmusike, als Bierreklame – und immer waren es nur jene hochdramatischen anderthalb Minuten vom Anfang seiner Tondichtung „Also sprach Zarathustra“. Strauß komponierte jenen Sonnenaufgang, dann quasi als Morgengymnastik eines Pilgers einen kurzen Walzeranklang und anschließend gute 40 Minuten ein durchaus anhörbares Orchestergewirr, allerdings ohne weitere einprägsame „Hooks“. Die Mühen des Pilgers. Deodato übernimmt den Sonnenaufgang und groovt anschließend sechs Minuten frisch drauflos, ohne sich um die Kompositionsvorlage weiter zu scheren. Ähnlich McGriff, der nach „Sugar, sugar“ sehr gelungen im Tritt bleibt, reiht auch Deodato ein Groove-Monster ans andere. Der Flow stimmt, die Gedanken reisen. Ausfälle keine. Geil.

And in the End comes, der Kniefall vor SBB.

DIE polnische Legenden-Band. SBB sind die davongejagte oder auch von selbst gegangene Band von Jeslaw Niemen, dem polnischen Hippie-Guru, Jazz-Papst, Ost-Zappa. Mitte der 70er kam es zum Bruch. Josef Skrzek, Antymos Apostolis und Jerzy Piotrowski starteten ins Ungewisse, als namenlose Musiker eines Superstars – und wurden prompt selber welche. Sie lernten von Mahavishnu, den Atomheartmother-Pink Floyd, Cream und Kraan; trainierten ihre Improvisations-Gene derart, dass beinahe jeden Abend, bei jedem Konzert, die immergleichen Stücke immer anders klangen, andere Längen hatten, jedes Mal ein anderer der drei als Solist glänzte. Zu Ostzeiten hatte ich drei LPs von ihnen und jede Menge Gier nach mehr.

Ich feierte seinerzeit den Erwerb der SBB III, IV und V in der „Polen-Information“ in Leipzig.

Und ich war entsetzt über die AMIGA-LP mit all den kurzen Stücken Pausenmusike.

Das Debut war genauso ein verkrüppeltes Konzert wie die Urfassung der „Root down!“; durch Kürzung verstümmelt. Und genau wie jene in den Nullerjahren auf CD nun in vollständiger Form zu haben.

Die zweite LP hatte mir nicht gefallen.  Erst die dritte klang sehr Genesis/Eloy-mäßig und deshalb stieg ich 1977 ein. Die Band hat eine spannende Geschichte. Sie hatte viel Erfolg in den 70ern; auch auf Westtourneen. Sie produzierte Radiokonzerte und LPs in Schweden, Westdeutschland, Ostberlin, Prag und Budapest. Die 22 CD Kiste von 2004 ist eine Schatzkiste. Drei oder 4 CDs sind entbehrlich. Drei weitere so mittelgut. 15 Stück sind Sternstunden! Es gab bisher keine lohnendere Kiste für mich!

Welche stellste da nu heraus? Keine.fusion 5

Sondern die schwarze Namenlose von 2012, die bei mir „Requiem“ heißt, wie der letzte Track. Skrzek und Apostolis haben sie als Duo eingespielt. Piotrowski ist nach USA ausgewandert. Es ist eine einzige Musikscheunensession, die alle ihre Schaffensphasen an die Wand malt, ohne eindeutig zu zitieren: Den frühen Rumpelprog mit Niemen, den krautgerockten transzendalen Mahavishnuschmäh der ersten beiden Platten unter eigenem Namen, die romantische Progphase von‘ 77, die dann‘78 kosmisch abhebt wie einst die SBB IV, die gitarrigere Nr. V klingt an und erinnert auch an die Doobie-Brotherige USA-Tournee — und schließlich Impros-Impros-Impros, wie in den 90ern. Aber immer harmonisch, sauber, mit Seele gespielt. Alte Männer schauen zufrieden zurück – und haben allen Grund dazu.

Ein musikalisches Inhaltsverzeichnis zur Kiste gewissermaßen.

(So. Bis hierher waren es 9 Künstler, deren Alben ich schätze. Versprochen waren 10 – Teil 3 folgt demnächst.)

Fjuhschn (I)

Natürlich schreibt sich der Begriff „Fusion“. Da dies aber kein reiner Musik-Blog ist, hab ich musikalisch nicht so bewanderten Mitlesern erleichtern wollen, sich an einen Satzbau zu gewöhnen, der im Folgenden wie „nix ganz deitsch“ klingt:

Im Fusion, der Fusion, für den Fusion gilt…

Gemeint ist der Fusion-Jazz, der sich interessanter anhört, als es der Name erahnen lässt.

Fusion ist die Vermählung von Jazz und Rock. Jazz hat Vorrang, klingt aber gefällig, melodiös oder rhythmisch leicht verdaulich. Weitgehend ohne Getute.

Jazz-Rock machen Chicago, Colosseum, Blood Sweat and Tears. Kein Fusion.

Rock-Jazz/Fusion machen George Benson, John McLaughlin(Mahavishnu), Stanley Clarke, SBB usw.

Und dann gibt es noch so Ausnahmen: Rockmusiker, die sich zu Jazzern wandelten und die mit einigen Alben ebenfalls ins Fusion-Fach zählen: Ginger Baker, Joni Mitchell.

Andrew Edwards betreibt einen sehr interessanten juhtuub-Kanal, mit unterhaltsamen Rankings zu allen möglichen Stilen der Musik.

Er war Drummer bei Robert Plant, IQ, Magenta, Frost und ist heute Musiklehrmeister, der Prog und Fusion mag, und die heutige Musikentwertung zum Spotify-Geräusch (wie ich) mit Trauer und bissigem Humor sieht.

Seine Beiträge animierten mich, mal die 10 besten Fusion-Alben meiner Sammlung abzufeiern.

Für Proggies war Fusion die logische Weiterentwicklung des Musikgeschmacks. Und die Rettung, als Prog in den 80ern stark zu schwächeln begann, weil New Wave zählte, und unglücklicherweise Prog-Bands mehr oder weniger am Ende mit ihrem Latein-, entweder ungeschickt kommerziell wurden oder gleich ganz von der Bühne verschwanden.

Was also macht der Proggie, dem der Yes und Gentle Giant Nachschub fehlt ab 1980? Er erschließt sich Weather Report-, Stanley Clarke-, George Benson-Alben der 70er in den 80ern. Die Fusionblüte der 80er ist also ein verzögerter Boom von 70er Großtaten. Denn leider zeigten sich die Fusion-Heroen der 70er in den 80ern ähnlich angekränkelt, wie die ehemaligen Giganten des Prog.

Mich brachte meine Philly-Liebe in den Fusion. Ich kam per Philadelphia-Sound anno’73 herum in die Popmusik, mithin Rockmusik, mithin Prog, mithin Punk, mithin auch in Randbereiche des Jazz. Barry White’s Bombast, die Melodien-Seligkeit der Three Degrees und O‘Jays, das Lauschgift solcher One-Hit-Wonder-Dealer mit Ewigkeitsanspruch wie George McCrae und Shirley & Company ließen mich Junkie werden, erzeugten die Welle, die mich davontrug in den Musikozean. fusion1Mein Fusion-Einstiegsalbum ist somit ganz klar George Bensons „Living inside your love“ von 1979. Es klingt wie ein Barry White Album ohne dessen Brummbär-Ton. Es enthält Easy Listening Gitarren- und Piano-Fantasien auf Geigenbackground. Keine nervigen Bläsersätze. Dahinfließender Soundtrack „zu einem nicht existierenden Film“, den du dir deshalb selber erschaffen musst. Und das gelingt umso leichter, je weiter 1979 von dir weg ist: Die ersten Schnipsel im Radio in einer Fusionsendung voller Benson, Clarke, Deodato, Tune-Fish; das volle Album 1980 in Prora in der Bude der Regiments-Band, die vergebliche Suche, es selbst aufzutreiben, Wilson&Vogt(Tegel‘89), endlich in Vinyl selbst besessen, in CD nachgekauft (ca ‘99); seither wartend, dass ich eventuell doch noch ein Remastering erlebe mit entwattiertem Schlagzeug. Aber wer weiß…

Edwards erklärt, dass es im Rock auf Songwriting ankommt, dass gute Rockmusik Klänge und Poetry zusammenbringt – und dass somit gute Stories im Kopf des Hörers entstehen. Und eben auch im überwiegend instrumentalen Fusion-Bereich sei das essenziell. Eine Herausforderungsei es, den Hörer zum Denken zu animieren, wenn doch die Platte an sich ohne Worte auskommt.

He took the words right out of my (Kopf). Denn für mich ist beim Fusionhören nicht entscheidend, ob da in dreieinhalb Sekunden 25 Akkorde geschafft werden, oder eine 6saitige speschell Bassguitar verwendet wird. – Ist das Slap-Bass oder Normal-Bass? Ist das Thelonius-Monk-Schule oder Cole-Porter- Einfluss? WURSCHD!

Für mich gilt: Kann ich dabei meine Tagträume pflegen? Malt mir die Musik Landschaften, Burgruinen, schöne Frauen, gepflegte Oldtimer an den Horizont, die real gar selten anzutreffen sind? Dann ist es gute Musik für mich.

fusion2Bei Mahavishnu’s „Birds of Fire“ funktioniert sowas nicht. Bei „Visions of Emerald beyond“ funzt es jedoch wie von selbst; womit wir wiedermal beim Mahavishnu Orchestra wären. Die „Emerald“-Platte hat einen tollen Flow. Wie ein spannender Abenteuerroman. Denken wir an „Schloss Rodriganda“ von Karl May oder Schreckenbachs „König von Rothenburg“. All diese up and downs, diese sich verwirrenden Intrigen und die Schwertstreiche, die die gordischen Knoten durchtrennen; kurz: Dieses „durch Nacht zum Licht“-Feeling: Großartig! (Witzig auch das Andrew Edwards auf seinem Kanal die Mahavishnu-Alben ranked und auf dem letzten Platz steht für ihn „Adventures in Radioland“ und auf Platz 2 die „Emerald“! So weit von einander die beiden Alben, die mich aus dem Hause Mahavishnu am meisten begeistern. Tja. Die Geschmäker eben.)

Da wir gerade beim Flow sind: Einen sehr schönen haben auch die meisten der Metheny-Alben. Pat Metheny ist sowas wie der James Last der Fusion-Jazzer. Sehr bekömmliche, leicht verdauliche Musik. Nicht zu überhörender Selbstbeklau, wenn man mehrere Alben von ihm kennt, also könnte man auch sagen: Er ist der Mike Oldfield des Jazz.

Metheny nutzt u.a. Gitarrensynthesizer und entlockt diesen Geräten jene Schwebeklänge, die dich auf weite leere Autobahnen schicken, auf den Weg in die Sehnsucht, in die Gutsherrenparks von Mecklenburg-Vorpommern, wo Spielhagens Melittas und Ediths in grün umrankten Pavillons darauf warten, dass sich mal einer mit ihnen über Heyse und Felix Dahn unterhält, bevor es zum Kuss kommt… Ja klappt immer wieder, dass dich Metheny entführt aus all dem Alltags-Driss beruflicher Zumutungen und eng getakteter Termine. (Komisch. Seit ich Rentner bin, zeigen die Metheny-Alben die Tendenz zum Staubansetzen.) Und so setze ich mal einem Album das Wertschätzungskrönchen auf, das oft übersehen wird, wenn es um den großen Pat geht. fusion3Ein Album, das sich über die Jahre nach vorn arbeiten musste, da ich es ursprünglich dringend haben wollte, weil auch MEIN David Bowie darauf Spuren hinterließ; das ich tatsächlich zeitnah kurz nach Erscheinen -trotz Mauerzeit- auftreiben konnte – und von dem ich aber zunächst doch sehr enttäuscht war, da sich gleich drei Tracks wie „This is not America“(instrumental) anhörten, während der Rest nichts zu bieten schien. Die Rede ist vom Soundtrack-Album „The falcon and the snowman“ von 1983. Ein Scheißfilm. Völlig enttäuschend in den 90ern im Fernsehen. Aber die Musik arbeitete über die Jahre in mir und wurde bei jedem der seltenen Hörvorgänge immer besser. Der Platte nützt definitiv das CD-Stadium, da man nun vor „This is not America“ nicht mehr die Platte umdrehen muss, bzw. eh gleich immer nur die B-Seite hört. Denn auf die Ganzheitlichkeit kommt es hier durchaus an: Die klassische Eröffnung mit jenem „The Lord is my Keeper“ Choral, das Dahingleiten auf dem Highway der Erinnerungen bis zum Bowie Song als Pik, dann die Heimfahrt, das Wiederaufgreifen des Chorals – und aus. Herrlich.

Hingegen sofort gefallen, schon bei den Hörproben im Laden und seit dem in einem fort hat mir die nächste Fusion-Meisterleistung: „Going back home“ vom Ginger Baker Trio 1994. Ungefähr um 2000 herum gekauft. Das ist für mich das Cream-Album, das nie zustande kam. Bill Frisell, Charlie Hadden und Ginger Baker grooven dich hier weg. So richtig relaxed aus dem Handgelenk. fusion4Man sieht die drei richtig auf ihren Hockern sitzen, ihre Instrumente bedienen; das Bier immer in Reichweite. Immer wenn einer soliert und der zweite umrahmt, hat der dritte Pause für nen Griff zum Glas – oder für nen Wink zum Tontechniker, der auf Strümpfen heranschleicht, um eine angerauchte Zigarette in einen Musikermundwinkel zu schieben. Arbeiten – wie andere Urlaub machen. Der Opener ist ein Ohrwurm, den du -einmal gehört- lebenslang „drinne hast“ und er zieht dich rein in diesen singenden Schlagzeugsound, den das Album beibehält, obwohl die Tempi wechseln; mäandern geradezu – bis zum Schlusstrack, der sogar sowas wie Text hat. Plötzlich grummelt Ginger was von einem kleinen Land, dessen Bevölkerung man ausrottete, in dem ein Fernsehteam ums Leben kam, weil es der Presse-Flagge vertraute: „They say: There was no war on East-Timor. – There was a bloody war on East Timor!“ Insel Timor? Nie gehört. Also googelst du. Fusion bildet. Die Lage da ist so verfahren – man könnte glatt die nächste Fußball-WM dorthin vergeben.

Manchmal gibt es Alben. Die wollen „erschlossen werden“. Die zünden nicht auf Anhieb. Aber irgendwann fällt der Groschen der Erkenntnis – und es ist DOCH gut. Kurz bevor man es bereits aussortieren wollte. Der fünfte und letzte Fall hier und heute ist so einer.

In den 90ern kaufte ich allerhand Musikzeitschriften und war begierig nach neuen Namen und neuen musikalischen Abenteuern. Auch im Jazz. Ich versuchte es mit Carla Bley, mit Thelonius Monk. Fehlgriff of the year war das gepriesene Benny-Wallace-Trio. Vieles ging da also schief vor meinen Ohren. Aber ein Name, der immer hoch besternt wurde, wenn ein neues Album erschien, war John Scofield. In seinem Fall ging ich vorsichtiger zu Werke; hörte im WOM seinerzeit in allerhand Alben rein – und konnte mich für keins entscheiden. Da begann das Buhei um die Zusammenarbeit Metheny/Scofield 1994. Und wenn Metheny dabei ist, dann müsste das doch gehen, oder? Das Testergebnis an der Reinhörbar klang zwar nur so „mittelprächtig“, ich glaubte aber an langsame Erschließung und kaufte um 96/97 herum „I can see your house from here“. Und was soll ich sagen: fusion5Ähnlich wie Mahavishnus „Birds of fire“ machte es mir das Album schwer. In ausgeruhtem Zustand angehört, schien es zünden zu wollen, dann aber wieder nervte es nur. Welcher Track läuft grade? Keine Ahnung – eh alles ein Gewurschtel. Hinzugerechnet noch eheliche Kommentare der Art „Was hörst du denn da für Zeug? Ham’wa nichts an’dres?“ führten zu häufigem Erschließungsabbruch. Die Lust auf „reine“ Scofield-Alben war somit verraucht.

Aber während die „Birds of Fire“-Genussmomente so selten blieben wie gelungene DEFA-Filme, wurden die Scofield-Metheny-Feier-Phasen länger. Und so kam es, wie es kommen musste: Bei der letzten Entrümpelung machten die „Birds of fire“ Platz für Kommendes. Die Scopheny durfte bleiben. Wenn die „I can see your house from here“ läuft, dann kann ich mich inzwischen durchaus in mancher amerikanischen Blockhüte am Fuße der Rocky’s entrümpeln und seltene Doowop-Platten retten sehen, während draußen Roy Buchanan auf der Ladeklappe seines Pickup sitzt und Paul Stanley ‘ne Gitarrenstunde gibt. Dan Fogelbergh entfacht den Grill, während die junge Gloria Gaynor und die Tanya Tucker der T’n‘T-Zeiten die Salatschüsseln anrühren, damit wenn nachher Elvis und Rod eintreffen die Party steigen kann. Also gilt seit geraumer Zeit: Erschließung erfolgreich abgeschlossen. Film läuft.

Ende von Teil 1.

September-Tours

Do yo remember

All the trouble in time

In September

Anger waiting in line…

(frei nach Earth Wind and Fire)

Yeah man! Ich bin draußen! Und ich habe, wie mir unlängst erst bewusstwurde, ein enormes Privileg:

Ich habe Zeeeeeeeeeiiiiiiiit!

Ich war 5 Tage auf dem Darß. Im September! Im eigentlich beschissensten Monat des Jahres! So jedenfalls in meiner Branche, der ich bis vor ‘nem knappen Jahr noch angehörte.

Nun lerne ich die Reize der Nachsaison schätzen:

dav

An der Segafredo-Tasse sitzen und an die Kollegen denken, die sich gerade placken mit all dem Mist, der dir bisher jeden September so zuverlässig vergällte …

In Ermanglung beruflichen Kleinkrieges könnte ich mich nun ersatzweise über jede weitere TV-Sendung dieses Karl-Eduard von Sch-Lanz aufregen und böse „poasten“. Aber – das Wetter ist zu schön. Vor allem in jenen Tagen am Darß neulich. Obwohl es pausenlos junge Hunde regnete, da, wo unser Hotel war. Ein Widerspruch? Wennde mobil bist, nich‘! Hie Weltuntergang, da Sonnenscheinidyll. Jedes Fischerkaff hatte da SEINE eigene Klimazone. Indianersommer. Drive on!

dav

Und Blanche Kommerell lud zur Buchlesung nach Wustrow. Die Eenah aus „Söhne der großen Bärin“ (DEFA 1966); erste Nebenrolle mit 16. Ich sah ihn erst zwei Jahre später. Im Film war sie immernoch 16.  Die erste Dakota-Fee, die mir gefiel. Damals. Walter küsste noch Leonid.

„Die Erinnerung ist das Paradies aus dem man nicht vertrieben werden kann.“ (Volksmund irgendwie.)

Im Kopf sangen Transit: „Sommertage. Und Ferien an der See. Da kann man endlich machen, was man will!“, Novalis klinken sich ein „Manchmal fällt der Regen eben lang!“, dann ist aber auch schon eine kräftige Woge Achim Reichel heran: „Trutz blanke Hans!“ und „Een Boot is noch buten!“

So schoss ich eben all die Fotos, frei nach dem Motto:

„Fliegende Pferde landen am Strand. Sie kamen übers weite Meer. Keiner weiß woher.“ – in all seiner Doppeldeutigkeit. Passend hierzu sahen wir am Horizont über dem Wasser jene Katastrophe, die nicht die unsere war. Ein Vorgeschmack auf die bevorstehende Amerikanisierung des Wetters hier around, demnächst. Und ein Sinnbild des Krieges „vor der Haustür“.

Windhosen gehörten bisher für uns ostdeutsche Boomer ins MOSAIK, genau wie jene malerischen Hannes-Hegen-Wolken ein kurzes Weilchen später.

Long, long gone.

DER Sommer ist längst vorbei. Spürst du nicht der Winter kommt und er nimmt dich fooooort.“(Kiev Stingl 1973/78, git: Achim Reichel)

Des Wetters wegen blieb es nicht beim Darß-Aufenthalt. Kleine Fluchten führten zu neuen ungeplanten Eindrücken: Barth. Kleine, feine Boomtown mit geleckten Fassaden und deutlich freundlicherer Cafe-Haus-Bedienung als in Wustrow.

Stralsund. Spielhagen-Stadt. Ein paar Kapitel seiner „Problematischen Naturen“ spielen hier. Der Eindruck ist ein zwiespältiger. Geteilt wie MEIN Naumburg. Es gibt Stadtteile, die dem Wende-Boom ein einladendes Äußeres verdanken. Man meint, die Stadt sei aus ewigem Dornröschenschlaf erweckt worden und mausere sich zur Perle – wenn man in der Nähe des Ozeaneums flaniert. Wir waren dies‘ Jahr allerdings direkt in der Altstadt – und die wirkt so zugeparkt und vergessen mit ihren schiefgelatschten Trottoirs, wie der Lindenring von Naumburg.

Dieses Zwitterdasein von halb-chic und halb-morbide symbolisiert unser Ostschicksal des Steckengebliebenseins; irgendwie nicht mehr DDR, aber auch nie im Westen angekommen.

Watt willsde mach’n? Magst’n Köhm? Odeé liebeé n Eisbecheé?

Zurück in Wustrow gießt es grad nicht. Ohne Schirm erreichen wir also die „Kaiserliche Post“, das Gästehaus, das mit einer Ausstellung des Nestors der Aktfotografie der DDR lockt. Gerhard Vetters „Studien am Strand“ – (Erstauflage 1968; sechste und letzte Auflage 1973) das bestgehütete Geheimnis in gut sortierten Bücherschränken unserer Väter.

„Gucks dir an, wenn wir nicht da sind.“, lautete der erzieherische Hinweis seinerzeit. Gesagt, getan.

„Tonight’s the night! Everything’s alright…“

Vielleicht wollte die aufstrebende Touristenmetropole in der Nachsaison Ersatz schaffen, für all die nun im Straßenbild fehlenden Sommer-Feen.

It’s the September of my life.