Wolzogen

Na? Schon im Kino gewesen? „Downton Abbey“ der Kinofilm Nr.2?! Soll vorwiegend in Südfrankreich spielen, wegen Erbe und so.

„Downton Abbey“ ist eine erfolgreiche – ä – DIE erfolgreichste TV-Serie in Great Britain. Mick Jagger soll Stones-Probe-Termine nach Fernsehprogramm gelegt haben: „Da geht’s nicht. Da läuft „Downton Abbey“!“Downton abbey

„Downton Abbey“ ist Historienfernsehen vom (fast) feinsten. Es gibt derzeit nichts Besseres, aber vieles, was weit schlechter gerät.

Zwar ist ein bissel viel Frauenemanzipation hineingerührt worden; sogar so falsch, dass der Eindruck entstehen könnte, dass diese ausgerechnet im adligen Oberhaus-Klientel ihren Anfang nahm; – das macht meinem Historikerherz in manchen Szenen Pickel, – aber im Großen und Ganzen geht es.

Abenteuer und Ränke im Schloss – Bediente und Bedienstete, Ladies and Lords – relativ realistisch verwoben. Gute alte Zeit – mit bösen Widerhaken.

Und da hockst du so vor dem Fernseher, wenn die DVDs laufen und fragst dich: Warum ist der Deutsche Film zu sowas nicht in der Lage?

In den letzten Wochen fing ich wieder erfolgreich einiges antiquarisches Kulturgut ein, um mein Idyll zu polstern. Vieles davon schreit nach Verfilmung. Vergeblich.

Je beschissener sich dieses 21. Jahrhundert entwickelt, umso mehr Gründe zum Granteln und zum Kotzen finden sich. Aber das ist schade um die Lebenszeit. Und nützt eh nix. (Wenn man’s nur durchhielte. Das beredte Schweigen.)

Ich bin auf der Flucht. Vor den Medien. Weltflucht. „Nicht mehr mit 60, Honey!“

Ein großes Glas Hopfenblütentee. Ein gutes Buch. Klänge aus der Jugendzeit. Und Gottfried Benns Nihilismus. So geht’s noch.

Und so stieß ich auf ihn:

Ernst von Wolzogen, „Die Tolle Komtess“, Engelhorn 1890.

Also noch ein alter Herr der Literatur der vorletzten Jahrhundertwende.

Es rundet sich mehr und mehr das Bild in mir: Unsere Literaturgeschichte des späten 19. Jahrhunderts ist vielfältiger und reicher als die russische – nur weiß das eben keiner im Lande der „allwissenden“ Ignoranten. Fontane und Mann und aus, jaja.

KrischanErnst von Wolzogen schrieb1889/90 „Die tolle Komtess“ – und siehe: Es ist „Downton Abbey“ auf Deutsch, mit Versatzstücken der „Heiden von Kummerow“, die bekanntlich erst in den Neuzehnhundert-Dreißigern von Ehm Welk geschrieben wurden. Dauerbrenner und Erfolgsfilm für Kindheiten wie meine in den 60ern.

Ein gesamtdeutscher Film mitten im Kalten Krieg der 60er Jahre übrigens: Die Stars von „drüben“, die Kulisse und die Nebendarsteller von „hier“. Gedreht auf- und um Rügen. Mit „Sam Hawkins“-Darsteller Ralf Wolter unvergessen als Krischan Klammbüdel.

Wolzogen beherrscht wie Ehm Welk dieses erzählerische Gleichgewicht zwischen Lachenmachen und Weinen lassen. Es gibt diese wohldosierten Schmunzler, die auch nach 130 Jahren noch funktionieren. Aber das Buch ist kein alberner Schwank.

Wir erleben Geschehnisse in einem Landschloss in der Nähe von Teterow in Mecklenburg mit – und lassen uns die heile Welt der Gutsherrschaft präsentieren.

Graf und Gräfin, zwei mehr oder weniger erwachsene Töchter, der alte Kutscher, der schlitzohrige Gärtner, zwei Pastorentöchter, ein heiratswilliger Inspektor …

Hinzu treten zwei Neueinstellungen: ein bankrottgegangener Adliger, der der neue Oberinspektor wird und eine attraktive neue Hausdame, die den Vorsitz über das Gesinde übernehmen soll.

Die beiden neuen bringen die Probleme mit, in die die anderen hineingezogen werden.

Es entrollt sich ein unterhaltsames Panoptikum. Besonders gelungen sticht die alte Gräfin heraus, zwischen starr pedantischem Protestantentum und reichlich Mutterwitz und Nonchalance im Umgang mit den „ebenbürtigen“ Gegenspielern. Mir geisterten da immerzu Heidi Kabel oder Inge Meysel vor dem inneren Auge herum.

Aber da mischt sich auch anderes in die Mitdenkebene ein: Wie war das nochmal mit der Bodenreform? War da was?

In der 4. Klasse ungefähr; im Fach „Heimatkunde“, welches inzwischen zu „Sachkunde“ mutierte, wurden wir Steppkes eines Tages in die Aula verfrachtet. Boomer-Zeiten. Wir waren 4 Klassen a 32 Schüler im Schnitt, die Aula war also gut gefüllt. Eine hexenhafte Biologielehrerin, die wir in der 4. Klasse noch nicht kannten, die aber später über uns kam, hatte die Oberhoheit über den Filmapparat und eingelegt wurde:

Ein kurzer Unterrichtsfilm von vielleicht einer halben Stunde, der Feldarbeit zu „Zeiten des Junkertums“ zeigte. Bauern sensen in Reih und Glied ein Kornfeld; Bauernmädchen und Knechte errichten Strohpuppen, laden Pferdewagen voll. Ein Inspektor kommt geritten und jagt mit der Reitpeitsche Pause machende Bäuerinnen am Feldrand hoch. Szenenwechsel: Bauern in der Scheune dreschen das Getreide mit Dreschflegeln. Werfen das gedroschene Stroh seitwärts auf einen Haufen. Der Inspektor kontrolliert es und findet eine Ähre. Er zückt sein Notizbuch und notiert die Namen der Dreschenden. Minuspunkt für später.

Sicherlich richtig und nur wenig übertrieben. Derartige Szenen der vorsintflutlichen Landarbeit kommen im Buch nicht vor. Aber auch „Downton Abbey“ verrät nicht, woher der Lord sein Geld hat.

Trotzdem bleibt hier wie dort Soziales nicht ausgespart.

Auch Wolzogens Roman hat – bei aller Lust am Idyll – diese zweite Schiene. Die Bediensteten bleiben zwar Staffage. Jedoch kommt Elend, Prostitution, Kriminalität, Kulturgefälle bei Mesalliancen am Beispiel des Lebensweges jener neuen Hofdame facettenreich zur Sprache. Megan Markle, ick hör dir trapsen! Rate, wer im Buch Prinz Harry ist!

Thema wird auch das heraufziehende Ungemach für diese ostelbisch rückwärtsgewandte Lebensweise. Der neue Oberinspektor bringt amerikanische Erfahrungen mit und rät zur „Moorkultur“, um mehr Nutzfläche zu bewirtschaften. Das erzwingt „neumodische“ Investitionen, für die der Mecki nunmal nicht gemacht ist; es wird gemault, misstraut, geneidet.

Die winterlichen Wochen in der Residenz bei Hofe werden gefürchtet, weil wegen strenger Kleiderordnung sehr kostspielig, aber als Heiratsmarkt auch unverzichtbar, um die Töchter zu präsentieren.

Usw.

Den Plot an sich mag mancher heute in die Nähe von Courths-Mahler-Romanen rücken, weil das Idyll an sich zwar wankt, aber obsiegt. Jedoch ist das nicht alles:

Interessant wird das Buch aus heutiger Sicht wegen allerlei Assoziationsmöglichkeiten, von denen die Parallele zum Fernseherlebnis „Downton Abbey“ nur eine ist.

Die „tolle Komtess“ ist die ältere Grafentochter. Gut gebaut, aber mit hässlichem Gesicht gestraft, wie unverblümt kundgetan wird. Wir sind im Noaden, da „vatellt man keine Opern“!

TristanSo, wie sie anfangs auftritt und reitet, wäre „Mannweib“ bis vor kurzem wohl der richtige Begriff gewesen. Inzwischen kommt dir automatisch der Gedanke ein: Gendert Wolzogen hier 1890 bereits?! Sie ist Vaters „Sohn-Ersatz“. Sie packt zu wie ein Kerl! Zu Beginn des Buches hat sie einen Auftritt, der mich schlagartig an Tristan Farnons unorthodoxe Bullenbehandlung denken ließ. („Der Doktor und das liebe Vieh“; schon wieder England!) In den 20ern hätte sie bereits Hosen tragen können. Hier im Roman plagt sie sich noch mit der Reitkleid-Schleppe und Damensattel, der ihr bei durchgehendem Pferd sogar beinahe zum Verhängnis wird.

Wolzogen erschafft hier eine unattraktive Hauptfigur, für die als bald das Herz des Lesers schlägt.

Wie er das anstellt? Probiert’s aus:

Das Buch ist über ZVAB oder Booklooker preiswert erhältlich.

MEIN Highlight ist die Episode, in der die Zusammensetzung der gutsherrschaftlichen Hausbibliothek eine Rolle spielt.

wolzogen

Und das beste daran ist: Ich kenne die alle und mag ihre Werke. Bis auf Fritz Reuter. Bisher.

Die hatten tolle Autoren damals; die vernünftige Inhalte interessant erzählten. Genützt hat es nichts.

Nassforsche Dusslichkeit triumphierte, allzeit in der Überzahl:

Endkampf nich‘ wahr! Unumgänglich, nich‘ wahr?! Sie versteh’n?! Kolossale Planung! Kolossal! Positiv kein Risiko! Totalement! Auf deutsche Generäle ist Verlass! (Monokel reinschieb.) Glotz.

Klingt heute erschreckend ähnlich, wenn all die ungedienten Couch-Potatoes online täglich den Ukrainekrieg gewinnen.

Wolzogen wollte, nach eigenem Bekunden auf den letzten Seiten, „kerngesunden … bodenständigen Landadel“ feiern. Heraus kam jedoch ein sehr gut erzähltes Werk, das erkennen lässt, wo der Putz schon bröckelt und das Gebälk vernehmlich ächzt.

Mein zweiter Diestel

Auf den ersten Les klingt die Überschrift nach Legasthenie. Aber gemeint ist nicht die Pflanze, sondern das Buch eines Mannes, der eine einflussreiche Kurzkarriere als Politiker hinter sich hat, bis heute erfolgreicher Anwalt ist – und: (Das ist nun mal die Klatschschlagzeile für alle Ewigkeit) Der 1990 als schönster Politiker gekürt wurde.

Peter- Michael Diestel

diestel22020 rezensierte ich (hier) meinen ersten Diestel-Kauf. Nun also der nächste Streich:

Warum hab ich das Geld ausgegeben: Weil das erste Buch Spaß gemacht hat und reichlich Einblicke offenbarte, die man sonst so nicht erfährt.

Eine Fortsetzung versprach also interessant zu werden.

Nun – inhaltlich ist zunächst (fast) alles beim Alten:

Auch hier kannst du beim Lesen hier und da heftig zustimmen, aber dann gibt es auch wieder jene so seltsamen Diestel-Ansichten, wie z.B. reichlich Lob für Egon Krenz, dass du es am liebsten sofort mit spitzen Fingern in den Müll entsorgen möchtest. Aber dann folgen eben immer Wieder-gut-mach-Episoden, z.B. begründete Schelte für die Zusammensetzung der Berufspolitik heute, so gänzlich intellektbefreit, die dich weiterlesen lassen.

Eine so seltsame Joschka Fischer Karriere war ja mal ganz unterhaltsam, wenn das jedoch zum Massenphänomen wird, dass vorrangig Studienabbrecher und Tagediebe das Sagen haben, nachdem sich dann 82 Mio Leute richten sollen, dann – isses eben so, wie’s grade is‘. Alte Phrasen. Alte Reflexe. Keine Ideen. Nirgends. Das diplomatische Feinbesteck geht zunehmend verloren.

Das nur als Einschub meinerseits. Ich hab mal den PMD zu Ende gedacht.

Diestel ist mit seiner Biografie ein Phänomen. Wer aufwächst wie er, den müsste DIESE Kindheit zerreißen. Dauerdeprimieren. Oder aber eben: Hart machen.

Letzteres trat ein.

Seine Eltern waren konservative junge Leute, als sie heirateten. Dann kam der bisher letzte Weltkrieg. Vater kam in Stalingrad als Wehrmachtsmajor in Gefangenschaft und gehörte zu den Offizieren um Feldmarschall Paulus, die dort in privilegierter Haft das Nationalkomitee Freies Deutschland gründeten, das Hitler kritisierte, sowjetischen Medien selbstkritische Interviews gab und für ein „Neues Deutschland“ mit Wiedergutmachungsverpflichtung nach dem Krieg eintrat. Vom Hitlerwerkzeug zur Stalin-Marionette, zum Fast-Kommunisten. Aber den Hals aus der Schlinge gezogen.

Seine Mutter als junge Frau in Deutschland blieb konservativ und religiös.

Der Mann kam gesund zurück und half (wie Paulus) die NVA zu gründen, wurde Hochschullehrer der Militärakademie der DDR. Und die Mutter bestand auf Tischgebet.

In den Westen gehen konnte das Paar nicht: Die westliche Nachkriegspresse tobte über „Paulus und Konsorten“, die „ehrlosen Russenknechte“. Da war verbranntes Gelände im doppelten Wortsinn. Also richteten sich die Diestels, so gut es eben geht, in der „Zone“, ein.

Es entstanden hier 4 Söhne und eine Scheidung, als PMD ca. 10 Jahre alt war. Er legt sich seltsamerweise da nicht fest.

Die Brüder wuchsen zunächst in Prora, dann in Dresden am unzerbombten Weißen Hirsch auf. Des Vaters wegen mit gutem Kontakt zu russischen Offizierskindern. Nach der Scheidung bekam die Mutter das Sorgerecht über alle Söhne, zog mit ihnen nach Leipzig und begann als Küsterin zu arbeiten, um 5 Köpfe durchzubringen. Pubertät und Remmidemmi. Vier junge Falken in einer „Kirchenwelt“ von gestern. Und nun ohne Russenkontakte. In plötzlich bitterer Armut.

Prägephase: Raus aus der Sackgasse! Dennoch-Trip! Die andern überholen! Aus eigener Kraft!

Erst Sport, dann Cleverness.

Vater gab den Söhnen immerhin mit, dass man in diesem Staat nicht freiwillig Offizier werden sollte. Von einem Parteieintritt sei dringend abzuraten.

Mutter verhinderte das Pionier-und-FDJler-Werden. EOS(Gymnasium) ging somit nicht. Aber Berufsausbildung mit Abitur dann doch. Deshalb: Jura-Studium möglich. Anwalt sein jedoch nicht.

Also wurde er Rechtsberater der Agrar- und Industrie-Vereinigung Delitzsch..

Das zweite Buch hier verrät mehr als das erste über die finanziellen Werdegänge des PMD:

Er jobbte, dass die Schwarte kracht, und schacherte geschickt. Im dritten Studienjahr fuhr er Wartburg. Kurz nach Berufseintritt kaufte er sein erstes Eigenheim für seine erste Ehe.

Er kam also gut voran, was den langen umständlichen Titel des ersten Buches erklärt.

Aber es fuchst ihn, dass die Wertschätzung für seine Wendetätigkeiten fehlt.

Schließlich war er „174 Tage lang der letzte Innenminister der DDR“! Und das wird auf 256 Seiten ca. 130mal erwähnt, was nervt.

„Schau dir an, wer von den Figuren der Bürgerrechtler heute mit Verdienstkreuz herumrennt. Den Einigungsvertrag erschufen de Maiziere, Krause und ich. Keiner von uns hat eins. (…) Wenn sie mich fragen, frage ich, ob Lothar de Maiziere auch gefragt wurde. Wenn der keins kriegt, nehme ich auch keins an.“

Über Lothar de Maiziere lässt er sich sehr realistisch, ehrlich und wertschätzend aus. Die IM-Rufschädigung der Person des letzten Ministerpräsidenten stuft er als Intrige ein. Krauses kuriosen Werdegang beschweigt er lautstark. Das fällt auf. Das muss auffallen, bei einem Schreiber, der sonst so unverblümt -und treffend- austeilt.

Nur soviel: Gauck und die Pastorenriege des Novembers’89 kommen auch wieder vor. Die mag er „sehr“ (Sarkasmus!); wie einmal mehr deutlich wird.

Aber eigentlich geht es im Schwerpunkt des Buches um Diestels Lebensthema: Die unvollendete Einheit, die Ausgrenzung ostdeutscher Kader von nahezu allen Leitungsebenen.

Diestel ist aufgegangen, dass der Einheitsvertrag mies gestrickt war, aber er schlägt Haken in Bezug auf Details. Immerhin bringt er einen wichtigen wunden Punkt zur Sprache: Keinerlei Absicherung für Ossi-Ansprüche ab dem 04.10.90, da nun alle DDR Gremien aufgelöst waren; was er anekdotenhaft zu illustrieren weiß.

Jedoch bringt er auch zahlreich bittere Beispiele auf den Punkt:

„Plötzlich interessierten lediglich die Immobilien und die freiwerdenden Posten – die Menschen, die das alte Regime zum Einsturz brachten, nicht.“

Da, wo die Posten nicht freiwurden, wurden sie freigemacht: Da muss sich doch IM-mäßig was finden!

Auch wenn die Ministerpräsidenten 2022 überwiegend Ossis sind und der MDR eine Ossi-Chefin hat: Neu-5-Land wird überwiegend kolonial geführt: Universitäten, Hochschulen, Gerichte, Kliniken … die Leiter haben Westwurzeln und meist auch ihre Ruhesitze dort.

„Die komplette Führungsschicht der DDR wurde >wegen Systemnähe< kaltgestellt.“

Sehr interessant Diestels Einlassungen zur Hetze gegen den letzten Ossi auf dem Rektorenstuhl der Humboldt-Uni Fink. Ein integrer, anständiger Theologieprofessor, der im Wendewirrwarr gewählt worden war: Aber da gab es im Ruhrpott soviele Professoren, die dort nichts werden konnten – „da musste sich was finden!“ Und da in der DDR jeder führende kirchliche Angestellte früher oder später wissentlich oder unwissentlich mal mit jemandem von „Horch&Guck“ gesprochen hatte, fand sich eine Akte…

Gauck war der oberste Stasi-Aktenwächter und somit auch oberster „Sachverständiger“.

Diestel vertrat Fink im Verfahren gegen seinen Rauswurf und gewann – nicht die Wiedereinsetzung, jedoch die Dienstjahr-Anerkennung und die vollumfänglichen Pensionsansprüche: Weil da schließlich gar nichts Verwerfliches war. Die Rehabilitierung des Prof. Fink nahm öffentlich niemand zur Kenntnis. Die Hetze gegen ihn zuvor – war überall zu lesen.

Diese Art Fälle wurden Diestels täglich Brot.

„Wir beschäftigten in der Hoch-Zeit 5 Anwälte und hatten voll zu tun: Alles IM- und Dopingfälle.“

Diestel, der Robin Hood aus dem Mecklenburg-Forrest, wo er inzwischen wohnt.

Er spreizt sich als Streiter für Gerechtigkeit. In vielen Fällen sicherlich zurecht.

Auf der anderen Seite entsteht im Buch jedoch von Seite zu Seite immer mehr der Eindruck: JEDER Ossi habe vor Gericht gestanden und sich gegen IM-Beschuldigung wehren müssen. Das hinkt!

Und da verzerrt sich eben das Bild.

Je nach Quelle gab es ’89 ganze 60- bis 100 000 IMs. Bei 17 Mio Einwohnern, davon 12 Mio wahlberechtigt, also volljährig und zurechnungsfähig, ist das also etwas weniger als rund 1 % der Bevölkerung. 8 Mio Ossis verloren ihre Arbeitsplätze nach 1990 also ohne Stasi-Querele; aus Gründen des Bankrotts der Betriebe oder der Konkurrenzbeseitigung seitens der westdeutschen Platzhirsche. Der Hinweis auf dieses Zahlenverhältnis fehlt im Buch leider ebenso, wie in der offiziösen Berichterstattung der Medien über die Stasi-Altlast des Ostens – seit 30 Jahren.

Abschließend noch zur Form dieses Buches: Es ist ein niedergeschriebenes Interview, das über mehrere Abende unter 4 Augen geführt wurde. Es nerven zwei Begleiterscheinungen:

  1. dieses inflationäre Einpeitschen „PMD; der letzte Innenminister und Vizekanzler der DDR für 174 Tage“; gefühlt alle zwei Seiten; wobei der Terminus „Vizekanzler“ auch ein bissel problematisch ist.
  2. das Nicht-Nachhaken, wenn PMD ganz offensichtlich ausweicht oder beim Reden „vom Wege abkommt“. So werden einige interessante Spuren gelegt, aber nicht verfolgt.

Naja, muss ja noch Platz bleiben, für ein drittes und viertes Buch; vermutlich.

Was wiederum sehr gut gemacht wurde, sind die Zwischenkapitel, die eingeschoben wurden, damit das ganze nicht nur ein „IM-Rächer-Traktat“ wird. So erfährt man mehr über PMDs Werdegang vor der Wende und über seine Liebe zum Wald als Romantiker und als Jäger, der (angeblich) kaum schießt, jedoch ein Jagdzimmer voller Trophäen sein Eigen nennt. Hat er die Geweihe also vom Flohmarkt? Nachfragen: Keine.

Fazit: Lesbar. Dümmer machts nicht. Aber man hat den Eindruck, einen Bonus-Track-Band zum Bestseller von 2020 in der Hand zu haben.

Jon Anderson und ein Playmobilboot

What a way to surrender! Surrender!

1982 kennen gelernt, aufgenommen, oft gespielt; back to back mit „Mr.Cairo“ wie neulich bereits geschildert. Um 2000 herum begannen meine Typ 130er Bänder das große Fietschen. Mein Archiv der Mauerjahre war hinüber. Sperrmüll und weg. Das meiste davon hatte ich inzwischen ja nachgekauft. Aber so 4 bis 10 Tondiamanten „von damals“ fehlten und waren nicht auftreibbar.

Und die „Animation“ war nun die Langzeitvermissteste.

Den letzten Post schrieb ich aus Vorfreude. Die CD war bereits im Haus, aber eingeschweißt. Papa sollte sie Ostern erst noch stilecht suchen müssen. Also hatte ich die Booklet-Kenntnisse noch nicht, die nun ein paar Richtigstellungen nötig machen.

dav

Ostern ist bekanntlich ein paar Tage her – und die CD kam all die Tage kaum mal aus dem Player.

Hach!

Schön!

22 Jahre nicht gehört – und doch gleich aufs Neue jenen Klängen verfallen, die 1982 so arg wenig Fans hatten.

Es war die NDW-Zeit, Punk-Nachwehen, mehr oder weniger.

Da juckte das die Herde äußerst wenig, was der ehemalige Yes-Sänger so macht. Artrock (=Prog) galt als öde und „von gestern“. Die „Tormato“ war 1978 weitgehend unverdient verrissen worden. Die Paris-Sessions fürs Nachfolge-Album verliefen 1979 erfolglos. Die Band brach auseinander. „Drama“ erschien 1980 in einer kurios ungewöhnlichen Yes-Besetzung, da die fehlenden Anderson und Wakeman ausgerechnet durch die New Wave Kasper (The Buggles) ersetzt wurden. Noch war Trevor Horn ein Niemand. Das Album wurde deshalb ebenfalls stark angefeindet, gleichfalls unberechtigt. Die wirklich schlimmen Yes-Alben sollten erst noch kommen.

Anderson hatte in der Zwischenzeit mit Vangelis und der „Mr. Cairo“ Platte mehr Erfolg. Also war geradezu wahrscheinlich, dass er ohne Vangelis, aber mit ähnlichem Schnittmuster einen Mega-Erfolg sicherhaben würde.

dav

Als die Platte erschien, war ihr Platz 176 in den USA sicher und klebte dort fest. In England war immerhin Platz 43 drin. In (West)Deutschland – nix.

So war das nicht gedacht!

Anderson hatte viel Herzblut in das Projekt gesteckt; sein Produzent erinnert sich an die sehr klaren Vorstellungen, die sein Star hatte, wie alles klingen sollte. Der brauchte keinerlei Hilfe beim Arrangement! Die Band hatte Weltklasse: Clem Clempson, Simon Phillipps, Dave Santious, Stefano Cerri.

Zusätzlich schauten bei den Aufnahmen noch Greenslades Lawson und die alte Bass-Legende Jack Bruce vorbei und spielten mit.

Alles klingt durchgängig warm und gut aufeinander abgestimmt. Hier gibt es keinen 80er Wumms-Plautz, sondern: Melodien!

Aber Anderson ließ das Material nach einer mies besuchten kurzen Amerika-Tour fallen.

Squire hatte ihn besucht, um ihm Songansätze vorzustellen, aus denen die „90125“ werden sollte. Es schien auf einmal doch wieder mit Yes weiterzugehen – und so kam es, dass die „Animation“ buchstäblich „vergessen“ wurde.

Hört man sie heute und gleich danach die „90125“ – dann steht fest, welches die bessere Platte ist!

dav

Das Booklet ist lobenswert inhaltsreich. Es enthält die ausführliche Entstehungsgeschichte UND die Lyrics. Somit muss ich nun eine Falschbehauptung meines Anderson-Postes von neulich reparieren:

„Boundaries“ ist keine Aktualisierung von „O’er“. Und „O’er“ ist kein Volkslied.

Die wirkliche Story zum Song erklärt Anderson so:

„Ich schrieb 1982 „Boundaries“ und 1998 „O’ver“ für mein Folkalbum „The Promise Ring“; die Melodien sind gleich. Das fiel mir erst viel später auf. Wenn man an die 500 Songs geschrieben hat, dann erinnert man sich nicht an jede schon benutzte Tonfolge. Das ist so ein Unterbewusstseinsding. Dir kommt da diese Melodie ein. Du denkst, du machst was völlig Neues. Aber du benutzt nur ein Bruchstück deiner Vergangenheit. Das passiert mir manchmal, dass ich glaube, eine neue Melodie zu pfeifen, bis meine Frau mich erdet: Klingt nach altem Yes-Track.“

Kennste das? Du erzählst jemandem eine Geschichte und der fängt an, mitzusprechen?! Da merkste dann, dass das Alter zuschlägt!

Aber da gab es noch mehr:

1982 habe ich in diesen Sounds gebadet, ohne viel auf den Text zu achten.

Bissel gewundert hab ich mich schon, dass der Eröffnungstrack „Olympia“ heißt. Den obersten Yes-Romantiker mit der Engelsstimme bringt man nun eher nicht mit Stabhochsprung und Umkleidekabinenschweiß in Verbindung. Auch war 1982 kein Olympia-Jahr.

Des Rätsels Lösung steht im Booklet:

„Nachdem ich mit Vangelis gearbeitet hatte, besuchte ich eine Multimedia-Verkaufs-Ausstellung in der Olympia-Halle in London. Videowände; Instrumente, Mischpulte und so. Dort wurde die neue Generation von Keyboards und Synthesizern vorgestellt und ich war geflashed von den vielen neuen Möglichkeiten für Klänge. Mir kamen dort schon so viele Ideen, dass das „Animation“-Album die logische Konsequenz dieses Besuches war.“

und

„Animation of life“; meint den Antrieb zum Leben. Ich war junger Vater. Meine Tochter Jade lernte laufen. Alle diese Fortschritte, die da so von alleine kommen – das war der Punkt zur Inspiration. Die Olympia-Halle, meine Anfänge im neuen Home-Studio, „selber laufen lernen“ und diese tapsigen ersten Schritte von ihr. Neue Klänge, neues Leben.“

Der alte Anderson erinnert sich an seine erste Vaterschaft. Ich les‘ das und grabe im Garten ein Rasenstück um. Dort, wo vor Jaaaaahren die Sandkiste stand, hab ich plötzlich ein Playmobil-Boot auf der Schaufel. Aus der Zeit, als MEINE Tochter gerade laufen konnte.

Animation of Life.

dav

Die Jahre vergingen, die Musik kehrte zurück. Und sie klingt heute so frisch wie damals.

Music is the best!

Jon Anderson and I

Endlich!

Jon Andersons „Animation“-Album von 1982 – ENDLICH! ENDLICH! – auf CD in ansprechender Klangqualität.

Quasi zum 40jährigen Jubiläum!

Warum das einen Post wert ist?

Weil das ein ganz GROSSES Album ist, das unter sämtlichen Radaren durchsegelte, somit niemandem auffiel und vermutlich deshalb von Jon selbst für einen Voll-Flopp gehalten wurde, dessen Aufbereitung nicht lohnt.

Aber das ist Unsinn!

Man muss 3 Soloalben von Jon Anderson haben, wenn man Yes-Fan ist oder war. Und „Animation“ ist eines davon!

Welche die andern beiden sind, wird im Folgenden hergeleitet.

Opa erzählt wiedermal vom „Galdn Griech“:

September 1975 stand ich 15jährig auf dem Schulhof meiner EOS. In der Ehemaligen wechselte man nach der 8. Klasse zum Gymnasium, das damals EOS hieß. Man war also 9.Klässler und Spund unter lauter älteren Jahrgängen. Jede 9.Klasse hatte eine 11. als Patenklasse zugeteilt bekommen, die erst mal zur Begrüßung eine Klassenfest-Disco ausrichtete. Musik kam von den Bändern der „Großen“ (11er)und von den Kassetten der „Kleinen“(9er). So fand sich, wer glaubte, Ahnung zu haben.

Von nun an stand ich also alle Hofpausen mit 2 oder 3 Klassenkameraden umgeben von eben solchen 11ern und die bedonnerten uns „Wänste“ mit lauter musikalischem „Neuland“:

„Genesis müsster hörn! Das is klassische Kirchenmugge in Rock! Nach 10 Minuten Sound fängste an zu schweben!“

„Yes fetzen am meisten! Da hörste alles off ehmal! Erscht klingse wie CrosbyStillsNäschnjang, dann krachts wie bei Pörpel und dann volle Orchlwand – wiiii-u-wiii (=lautmalerische Toccata-Andeutung) und dann die Stimme vom Ändersnn ey! Himmlisch!“

„Ach quatsch. Uriah Heep müsster- “

„Mache dich weg, du jehörst nich zu uns! Uriah Heep! Das sinde Buhdys of englisch!“

Gelächter.

Merke: Hier wurdest du mit Niveau fertig gemacht! Das war neu. An der POS hatten die körperlich starken Deppen das sagen. Fein, nun den anderen Weg kennenzulernen. Diese genüssliche Watsche „von oben“.

„Menschen mit Niveau hören Genesis und Yes. Pörpel und Heep sin‘ ehm was für‘s Volk, wenn ses ma härter als ABBA brauchen.“

Wir 9er waren noch im Glam- und Oldies-Stadium. Fühlten uns schon als Kenner, weil wir „Fire!“ von Arthur Brown kannten und zwei oder drei Hendrix-Nummern. Unsere Kassetten waren sonst mit üblichem Hitparadenkram gefüllt. BachmannTurnerOverdrive knallen auf Rubettes und Kenny. Sweet und Slade nicht zu knapp; bissel Gary Glitter und T.Rex … nichts womit man 11er hätte beeindrucken können.

Als wir unter uns waren, werteten wir aus:

Kennst du was von Yes? Oder Genesis?

Natürlich nicht. Niemand. Woher auch? Jethro Tull – als einzige von diesen großen Namen unter den Prog-Bands – hatten jede Menge Airplay. Genesis und Yes kein bisschen.

Also dauerte es und dauerte. Vom September’75 bis in den Dezember‘75. Mit 15 ist das eine Zeitspanne von nahezu hundert Jahren!

Dann endlich hatte Christian einen Spender aufgetan, der ihn zwei Yes-LPs aufnehmen ließ. „Yes-Album“ und „Fragil“. Ich bekam dann die Kopie der Kopie, dumpf und am Kassettenende einfach mitten im Stück umgedreht, also wertvolle 10 Takte Verlust; Minimum! Das war noch kein genussvolles Großereignis; zumal der Sound uns Glamrock-Simplexe echt überforderte. Mann! War das ein Durcheinander auf den ersten Hör! Und dann diese Stimme! Das ist der große Ändersnnn?

Nach all dem Geschwärme auf dem Schulhof hatte ich irgendwen mit Eiern erwartet: Einen Noddy Holder vor großer Orgelwand! So ungefähr! Nun bekam ich hier einen – tja, was ist das? Eunuchen?

Es brauchte zwei-drei Anläufe: Allein. Halbdunkle Mansarde. Der ausrangierte Servierwagen mit dem Recorder steht vor dem Bücherschrank. Obendrauf ein Holzkastenradio Marke „Stassfurt“. Ebenholz und Mono. Fernseh-Litze in die Ausgangsbuchse des Recorders und in die Eingangsbuchse des Radios „präzisiert“ – und nach ein paar Anfangs-Fitschlern und Kraxlern kam der dumpfe Kassetten-Sound über den großen Radiolautsprecher drei Nummern bulliger. Und dann dreht man an dem fossilen Unikum den Klangregler voll auf Höhen – und siehe! Das Dumpfe schwindet, die Bulligkeit bleibt. Der Sound gewinnt!

Draußen Abenddämmerung. Drinnen kein Licht an. Melancholiaaaa – sozusagen. Nur das magische Auge des Radios leuchtet. Davor ich mit Blick auf alle meine Funde im Bücherschrank. Das meiste damals schon – alt; also WERTVOLL! Und chic ehrwürdig ramponiert. Mancher Wälzer mochte einiges mitgemacht haben in zwei Weltkriegen! Die sprachen eh zu mir. Und mit diesem Sound von obendrüber nun erst recht:

„Sharp! Distance! All around me hee! We’re lost in the Cityyyyy!“

Plötzlich passte alles zusammen: Der Sound, der Anblick, die Dämmerung. Klein war das Zimmerchen: Bücherschrank und Liege, die abends Bett wurde. Servierwagen. Aus.

Nun aber war das ein Dom! Draußen am Horizont sah man den anderen, den echten alten; aber hier dröhnte die Kirchenmusik einer NEUEN GENERATION.

Vater stand schon in der Tür: „LEISER!“

Aber zu spät. Die Initialdröhnung hatte bereits ausgereicht. Yes-Abhängigkeit lebenslänglich!

anders7Auch wenn man sich das leiser gab: Das war wie ein nächtlicher Gang durchs Buchholz mit Feenbegegnung und/oder-begleitung einer ebensolchen!

Dachte ich. Damals. Später stieß ich auf das Zitat von Steve Hackett(Genesis): „Frauen mögen keinen Prog. Vermutlich zuviele Noten.“ Ja, leider.

Zum Gemeinschaftsgenuss von Yes-Musik braucht es einen Herrenabend.

Während der EOS-Jahre gelang nur noch die Erbeutung der „Tormato“. Für anderthalb Stunden!

Schnell aufnehmen! Diesmal direkt von Platte – und von MEINEM Plattenspieler, der keine Nähmaschine war. Die Bandkopie klang hinterher astrein und drei Texte von der Innenhülle hatte ich mir auch noch abgeschrieben.

Jon Anderson war nun wirklich ein Himmelsbote: Circus of heaven! Release, release!

1982 hörte ich „I’ll find my way home“ im Radio. Der Song kickte sofort und ganz tief, wie man so sagt, weil er zweierlei verknüpfte. Zwar kam er zu spät als Heimkehr- und Befreiungshymne von der „Fahne-Pein“; meine Asche-Zeit war ende April’81 zuende; aber noch schlief ich schlecht, wenn mir da der Spieß im Traum erschien und grinsend fragte, warum ich ihn nicht erschossen habe. Manchmal pfiff noch eine Lok unten im Saaletal den Berg hinauf in meine Mansarde, und geschah dies nachts, so schrak ich auf und wollte meine VKU-Nächte zählen: Morgen wieder Uniform an? Zurück in die Kaserne? –

Nein! Es war ja ‘82! Irgendwie hatte ich es gepackt. I found my way home! Ohne Schwedt! Mehr geht nicht. Der Song machte stolz!

Und: Ich war verliebt. Wiedereinmal. Aber diesmal schien das was zu werden.  „All Seasons begin with you!“

Und von nun an mit stetiger West-Vinyl-Zufuhr. JETZT ging Leben wirklich los!

Während der Aschezeit, die manch Blödian Ehrendienst nannte, hatte sich mir Sesam aufgetan: Erste Bekanntschaft war mein zukünftiger Plattendealer; zweite Bekanntschaft dann ein Capo mit reichlich Westplattenbesitz. Da letzterer nach der Asche auch in Leipzig studierte, hielt der Kontakt – und so hatte ich seine Bestände bald fast komplett auf Band. (Wir reden hier von ca 30 Alben; von lauter guten Namen, vorwiegend YES und Wings; was für Ostverhältnisse paradiesisch war).

Dass Paul McCartney and the Wings in den 70ern eine neverending Hitkette hatten, ist heute weitgehend vergessen. Ab den 80ern kamen von Olle Paule nur noch Müll-Singles in den Äther, weshalb auch niemandem mehr auffiel, dass auf seinen nun ignorierten LPs eigentlich auch noch manch hörenswertes  schlummerte. Deshalb sei hier kurz erklärt, dass ER als der Haupterbe der Beatles galt und jedes seiner Wings-Alben wie ein Großereignis besprochen wurde, bevor dann einige der jeweiligen Single-Auskopplungen im Äther totgedudelt wurden. Auch damals gab es schon Ölpest der Tonkunst aus den Häusern Abba und BoneyM, Luv, Village People, Sister Sledge usw. Somit galt die Dauerdudelei von „Listen what the man said“, „Let them in“, „Rockshow“ „Silly Lovesongs“ immernoch als gehaltvoll.

Als wir im Sommer‘80 unseren zweiten Kompanieurlaub hatten, besuchte ich jenen Yes- und Wings-Fan zum ersten Mal. Und da saß ich dann in seinem Zimmer im Besuchersessel; mit dem Rücken zum Musikaltar auf dem Bücherschrank, ihm gegenüber und wir fachsimpelten von Musik und vom Elend der NVA. Er hatte die „Wings over America“ aufgelegt; stellt das Cover aufrecht auf das Board über seinem Bett und meinte ganz beiläufig: „Klasse, wa?!“

Zu sehen sind auf der Innenhülle Paul McCartney und seine 70er Jahre Getreuen, in so einem Realo-Comic-Malstil in action on stage.

Ich will nun nicht allzu kindisch jubelnd losschwärmen, also reagiere ich cool abgetrocknet: anders1

„Jo, erinnert an die „Gammapolis“ von Omega. Wenn de die offklapst, kommt das ganz ähnlich.“

„Omega!“ stöhnt er und verleiert die Augen, steht aber auf, sucht in dem Plattenstapel hinter mir im Bücherschrank und reicht mir – die „Olias of Sunhillow“.

Wenn du die kennst, dann weißt du: So ein Coverwunder hat es nicht nochmal gegeben! Ein Mittelding aus Doppelalbumhülle und Zigarettenbilderalbum. Mehrere Seiten zum Blättern; voll und ganz in einem auf Pracht getrimmten Malstil zwischen Comic-Romantic a la „Herr der Ringe“ und Jugenstil bemalt. Mir gingen die Augen über.

Er genoss die Wirkung.

„Die is‘ so geil! Die verborg ich auf KEINEN FALL!“

Er hielt das durch. Ich bekam sie also nie auf Band.

Also hörten wir sie als nächstes, kaum dass eine Plattenseite Wings durch war; komplett – und anschließend bestätigten wir uns beide gegenseitig, dass das was ganz Großartiges ist.

Die Wirkung hielt nicht vor. Als ich sie in den 90ern wiederhörte, war ich verblüfft, wie sehr die Wirkung von 1980 dahin war. Stünde ich heute vor dem Olias-Vinyl würde ich es wegen der Hülle kaufen, falls der Preis stimmt. Die Platte, müsste gar nicht drin sein; sie klingt inzwischen nach Hausfrauen-New-Age. Pling-Plong, dshingelingeling mit Anderson-Gebetsfetzen mittenmang.

„Olias of Sunhillow“ ist also keine von den drei Unentbehrlichen.

Auch „Song of seven“, die Soloplatte danach, nicht. Musikalisch gefällt die heute noch ganz durchschnittlich, aber sie wird eben überstrahlt, von –

Schlag 1: Natürlich das Weg-nach-hause-finde-Album! „The Friends of Mr.Cairo“; Jon and Vangelis; also eigentlich ein Album von zwei federführenden Leuten; kein reines Soloalbum mithin, aber in der künstlerischen Handschrift ganz ähnlich den zwei anderen, die da noch kommen sollten.

Ich glaubte ihn gefunden zu haben, den Weg nach Hause. Alles schien1982 bestens zu laufen: Love and Music und ein Studium mit links, weil es keine Herausforderung darstellte, nach all den Fahne-Härten. 1985 würde es zu ende sein und dann Ehe und Berufstätigkeit im Saaletal – das schien gesichert. Da hätte nichts gefehlt! Aber es sollte anders kommen. Erst Niederlausitz, dann Nordpreußen(sozusagen). Wat willste machen?

„Some how, we‘re going somewhere…“

anders2Und so wurde „I’ll find my way home“ wieder zur Sehnsuchtshymne, die sie war – für alle Zeit.

Der Rest des Albums ist dicht im Sound, gut bis sehr gut in den Texten. Naja. „Back to school“ hätt‘ ich nicht gebraucht. Bissel Schwund is‘ eben immer. Der Rest macht’s wett.

Jener Ex-Capo mit den vielen Platten hatte glücklicherweise ein YES-Abo. Sein Vater war bereits berentet und fuhr jedes Jahr mal „rüber“ – und er brachte von dort „die neue von Yes“ mit, oder eben das nächste Soloalbum von einem der Yes-Members, oder eben was von den Wings, oder Peter Gabriel…

So nahm ich ende 1982 bereits die „Friends of Mr. Cairo“ auf – auf Typ 130er Band mit 19er Geschwindigkeit, für die Ewigkeit, wie ich glaubte. Und auf die Rückseite des Bandes kam SIE: Die „Animation“. Die Verlängerung der „Mr.Cairo“! Beide Alben gleichen sich, wie zwei Hälften eines Doppelalbums, das ich hier nun wieder zusammenführte!

anders8 (2)

Schlag 2 ist also sie. Die „Animation“ mit den unverzichtbaren „Boundaries“, die wiederum eine Aktualisierung des irischen Folksongs „O’er“ darstellen. 1982 war Wettrüsten und Friedensbewegung. Da war das eine Top-Idee, diesen Text von Freiheitskampf, Flucht und Vertreibung der Iren durch England zu internationalisieren – als Warnung für neuere Zeiten. Zeitgleich mit „Game without frontiers“ und „Sodom und Gomorrah“ auf der Höhe der Zeit. Na, und wie das 2022 wirkt, so kurz vor dem 3. Weltkrieg, brauch ich nicht zu beschreiben. Die Hüllengestaltung allerdings ist ein Totalausfall. Fürs Auge gibt’s da nichts.

anders3Aber morgens früh im „Morning Dew“ – ZU HAUSE – auf dem Berg am Waldrand stehen, und runter auf die Stadt gucken, und DIESE Sounds im Kopf – – – schöner kann ein Heroinrausch auch nicht sein!

Die „Animation“ wollte ich schon während der Aufholkäufe nach dem Mauerfall gemeinsam mit der „Mr. Cairo“ kaufen. Damals noch auf Vinyl. Vergriffen! Ab 1994 ungefähr auf CD: (Noch)nicht auf CD erhältlich! Wann denn endlich? „Wissmor nich‘!“ Das ging mir mit mehreren meiner Götterplatten so! Ursprünglich hatte ich mir das zu Mauerfallzeiten mal so gedacht: Bissel sparen, dann in einen Platten-/CD-Markt einrücken und: „Einmal YES komplett!“ Und das nächste Mal „Einmal Benson komplett!“ Pustekuchen. Stückwerk. Hier gibt’s mal die und diese, und dort mal jene, aber die „Animation“ blieb so unauffindbar wie die „Feine Leute“ vom Danzer!

Immer, wenn ich seither die „Mr.Cairo“ hörte, war sie zu kurz. Ihr „Hinterteil“ fehlte!

Stell dir vor, du hast nur die halbe „seconds out“ von Genesis! Oder die halbe „innocent age“ vom Fogelberg!

Leiden, leiden, …

Der Ossi kommt im Westen an und muss das tun, was er unfreiwillig „schon immer“ trainiert hat: Waaaaarten! Elend-Elend! Von wegen: Im Westen gibt’s alles!

Im Falle der „Animation“ war nun also besonders langer Atem nötig. 2022!

Nun ist er aus – der long run!

Bliebe der Vollständigkeit halber noch die dritte zu erwähnen:

anders4Schlag 3 ist die „Change we must“; ebenfalls so ein von der Meute negiertes Scheiblein. Aber eben genauso toll wie die andern beiden, obwohl anders: Mit Orchesterhilfe. Sogar mehr Orchester als Begleitband. Aber kein Billigpathos, sondern geradezu Kammermusik für die Gegenwart:

Die Natur retten – Change we must – Erkenntnis anlässlich eines Digital-Detox-Aufenthaltes auf Hawaii. Der ökologisch hochmotivierte Langzeit-Vegetarier genießt tagelang Naturgeräusche und lässt sie anschließend von Geigen und Oboen nachempfinden, während er seine Messages erzählt, ansatzweise singt. „State of Independence“ taucht hier auch wieder auf und passt wunderbar in diesen Kontext der Sehnsucht nach Idyll.

anders6

Statt Bonustracks gibt es hintendran ein Interview, indem er seine Intensionen mit Tonbeispielen noch einmal erklärt.

Alles ist hier im Gleichgewicht: Nix nervt, nix langweilt. Ein Flussss…

„Alles ist im Fließen, alles ist im Geh’n. Sterne rasen auch, wenn wir sie stehen seh’n“(Renft)

Das holt schon so allerhand herauf, wenn du dich darauf einlässt.

„Hab gele(s)en unterm Apfelbaum, und er hing mit Äpfeln voll…“

„This State of Independence will be!“

Glaub ich zwar nicht – aber ich möchte es gerne!

Somehow we going somewhere.

Thank you, Jon.

In Eiserner Zeit (1891)

EZ0Es wird lang. Mir ist mal wieder viel eingefallen. Beim Lesen und Musik hören. Reinhard Lakomy’s „Geheimes Leben“ trug mich von Erinnerung zu Erinnerung und von Einfall zu Einfall.

Lesestoff war das Trauerspiel „In Eiserner Zeit“ von 1891.

Ich habe nun auch den Dramatiker Spielhagen kennengelernt.

Ein Stück – passend zur Zeit. Damals und heute.

Ein Stück so anregend und aufregend in einem.

So perfekt unperfekt, dass es Gedankenlawinen befeuert.

Es ist ein gut gelungener Theaterversuch; kein sehr guter.

Das Drama hätte mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt, aber dass dem nicht so war, ist ebenfalls nachvollziehbar und wird im Folgenden erklärt.

1. Worum geht es?

Spielhagen verlegt die Handlung in die Befreiungskriege; ins 1813 wiederbesetzte Hamburg. Napoleon hatte sich nach seiner Russlandpleite erstaunlich schnell erholen können, sodass noch anderthalb Jahre Krieg notwendig wurden, um ihn aus Deutschland zu vertreiben. Marschall Davoust regiert mit harter Hand. Seine Soldateska setzt sich zusammen aus Offizieren mit ritterlichem Anstand und widerlichen Karrieristen (oben), sowie mauligen, kriegsmüden Bütteln und Soldaten (unten).EZ5

Die Einquartierung bescherte dem Senator Wilbek und seiner schönen Tochter Charlotte den sehr anständigen Marquis Gaston d’Ormond als Hausgast.

Charlottes Bruder Herrmann ist Freiheitskämpfer. Die Schwester verliebt sich in Gaston, den Feind, obwohl auch sie die patriotischen Ideale ihres Bruders teilt. Der Vater verarmt während der Kriegswirren und stirbt als erster.

Da Charlotte „die erste unter den Bürgerinnen“ ist, sind auch der Marschall selbst und sein fieser Adlatus Cambert scharf auf sie. Der disziplinierte Marquis ist ihnen im Weg. Gaston hat also auch Feinde im eigenen Lager.

Spielhagen führt in klassischen Dramenaufbau von 5 Akten die Spannungskurve „Schillermäßig“ in einen Abgrund – mit Trost.

Gaston wird per Intrige in die Subordination getrieben und standrechtlich erschossen. Am Tage des Abzugs der französischen Truppen, die nun Truppen König Ludwigs XVIII sind. Ein letztes Blutopfer. Napoleon down! Hamburg frei! Charlotte nimmt Gift. Herrmann kann seine tote Schwester beerdigen.

„Die ihr Hamburgs erste Bürgerin nanntet, wollte nicht seine Letzte sein; nicht werden zu der ihr sie gemacht haben würdet, bereits gemacht hattet…“,

schwingt sich Dr. Barbeyrac, der Hamburger Arzt mit Hugenottenwurzeln, zum pathetischen Schlusswort auf und hofft daran anknüpfend auf dermaleinst kommenden Weltfrieden und Gleichheit aller Völker.

Da wird viel „gewollt“, jedoch wirkt dieser Schlussmonolog seltsam platt.

Und dies aus der Feder so eines Meistererzählers, wie Spielhagen einer war?!

Warum bleibt der nicht beim Roman?

2.Warum wagen sich die Romanciers des späten 19. Jahrhunderts so häufig auf die Bretter, die die Welt bedeuten?

Freytag tat es, Heyse auch, Spielhagen ebenfalls: Der Goethe(Schiller)-Klaps!

Dichter ist man, wenn man seine Gestalten in Metren und Alexandrinern reden lässt und es vermag, das Ganze nicht wie „Reim dich oder ich fress dich“ klingen zu lassen. Das gilt als Niveaubeweis. So sehr, dass sich die Kultusministerien und scharenweise phantasielos feldwebelnde DeutschlehrerInnen bis heute nicht davon erholt haben. Schülergeneration um Schülergeneration wird mit Silbenzählen die Lust am Erbe ausgetrieben. Zur Strafe machen die dann Stars groß, die in übelster Knüttelreimerei „Hits“ in den Äther plärren: Scheiß auf den Reim!

Romanerzeuger sind Schriftsteller. Die Schmuddelkinder der Poetik. Schriftstellerei musste sich erst durchsetzen, um Anerkennung ringen. Als brave deutsche Lakaienseelen zergliedern und zerschwafeln sie alles, was sich ihren Federn so entringt, um wissenschaftlich zu wirken:

Sollte man auf auktorale Erzähler verzichten? Warum ist ein Witz ein Witz? Wie real darf Realismus sein, um nicht tendenziös zu wirken? Was ist typisch deutsch am Roman deutscher Autoren im Vergleich zu Dickens und Tolstoi? Ist das bei Freytag dickens’scher Humor oder nicht?…

Die Nation der Kammerdiener und Oberlehrer. (E. Jünger)

Bis ran an den ersten Weltkrieg versuchten sich zahlreiche Vertreter der Branche nun an laaaangen Versdichtungen oder eben gar Theaterstücken a la Schiller und Goethe. Ruhm war diesen Versuchen keiner beschieden. Kurzzeitig hie und da ein paar Aufführungen. Lob für eine oder zwei Saisonen, aber das war’s. Zu epigonal, nachgemacht, unerheblich im Inhalt – wurde oft von den grauen Eminenzen der Theaterkritik konstatiert.

Auch Spielhagens Stück reiht sich da ein.

(Es wird ein paarmal aufgeführt, ohne Sensation zu sein und verschwindet schneller als seine ruhmreichen Romane im Nirvana vergessener Werke.)

Schwung ins Theaterleben kam erst wieder durch die Naturalisten und Expressionisten und Aufreger-Stücke wie die vom Hauptmann Gerhard oder gar Wedekinds „Lulu“-Skandal, an dessen Vertonung schließlich final noch Lou Reed samt Metallica-Unterstützung grandios scheiterte.

3. Was lässt das Stück nun so „perfekt unperfekt“ erscheinen?

Spielhagen kommt mit seinem Drama 1891 um die Ecke. 20 Jahre nach Reichsgründung. Im Jubiläumssiegestaumel, der bereits seit dem Sedans-Tag im September zuvor alle Rekorde bricht.

EZ1

War Deutschland 1891 zu sehr auf Erbfeindschaft gepolt, um Spielhagens Denkanstoß goutieren zu können?

Das ist nicht so simpel eingleisig bewertbar: 20 Jahre Sieg! Gravelotte- Sedan-Paris-Versailles! Heil dir im Siegerkranz! Es gibt Sammelbilder für die Jugend, mit Szenen aus allen Gefechten der drei Einigungskriege, Zeitzeugenerinnerungsnovellen fast aller beteiligter Offiziere von 1871 als Buch oder in Westermanns Monatsheften: „Vor Paris“, „Sturm“, „Der Trompeter von Gravelotte“, „Horch was jammert dort im Busche, horch was klagt in finstrer Nacht…“, Lieder, Gemälde, Lineolfiguren – endlos.

Und es gibt Versöhnungsversuche „unter der Hand“. Reichlich reist die Schickeria Deutschlands nach Paris. Alle Jahre wieder. Reichlich finden französische Fräuleins als Gouvernanten und Gesellschafterinnen Anstellung in den Gutshäusern zwischen Maas und Memel. Studenten wählen Auslandssemester, weil die Sorbonne irgendwie dazugehört, wenn man von sich reden machen will. Malaufträge gehen hin und her zwischen Düsseldorfer Schule und Pariser Salonmalern zur Ausschmückung der Villen der Stahlbarone hüben wie drüben.

EZ3

Abenteurer wie der junge Ernst Jünger wählen die Fremdenlegion.

Die „Erbfeindschaft“ ist also nur die eine Seite der Medaille. Der Ruf der beeindruckenden Modemetropole Paris bleibt davon unberührt. Die orientalische Exotik französisch Nordafrikas verführt auch Deutsche zuhauf zum Träumen mittels französischer Autoren. Deutschland boykottiert keinen Dumas- oder Jules Verne-Roman! Auch Balzac und Zola erleben Lederausgaben beim „Erbfeind“.

EZ2

Die Kolonien bringen eine dritte Schiene ins schwierige Verhältnis zum Nachbarn: Streit an der Kameruner Grenze. Ungeklärte Interessenlage in Marokko. Rangelei um Einfluss in Istambul.

Und Spielhagen beweist sich als unangepasster Denker ohne Hausmacht; ohne Gleichgesinnte, ohne „Spielhagen’sche Schule“:

Idealistisch fordert er sinngemäß:

„Liebet eure Feinde!“

„Eines Tages wird es wahr, das Prinzip der Brüderlichkeit, welches unsere Zeiten so sehr in den Schmutz zogen.“

Aber realistisch weiß er eben auch:

„Liebe, über die Grenzen von Stand und historischer Rivalität hinweg, kann es nur im Jenseits geben!“

Ausgerechnet am exemplarischen Schicksal einer der am schwersten gebeutelten Städte Deutschlands während der Zwangsherrschaft Napoleons; Hamburg, will er sein Schärflein zur Aussöhnung beitragen.

Der Realist Spielhagen baut einen sehr logischen Handlungsverlauf und scheitert auf hohem Niveau – am Idealisten Spielhagen, dem er das letzte Wort überlässt.

Er ist NICHT bei den Hurra-Patrioten. Aber er ist Preuße. Und Kind seiner Zeit.

Er verheddert sich in den Widersprüchen zwischen hohem moralischen Anspruch, wie ihn die Gymnasien lehren; und gesellschaftlich festgefügten Grenzen, die unbeeindruckt von rund 150 Jahren Aufklärung eben fortbestehen.

Wie zeigt sich das?

Es werden ein paar Spuren zu großen Vorbildern aus Weimar gelegt:

Eine Bürgerreputation vor dem allgewaltigen Davoust rechtfertigt ihre berechtigten Ansprüche mit „Halten zu Gnaden!“ – Altgediente Deutschlehrer zucken zusammen: Schiller! Kabale und Liebe!

Nur ist es dort eine Szene der Selbstermächtigung des Bürgers Miller gegenüber dem adligen Präsidenten, der der Bürgerwohnung verwiesen wird. Hier bei Spielhagen ist es eine jämmerliche Szene des schüchternen Anfragens und sich-schnell-wieder-hinausweisen-lassens.

EZ6Charlotte erlebt ihren Vater im Niedergang, kann ihn aus Haft erretten, aber nicht aus seinem rasanten gesundheitlichen Verfall. Die Zeiten überfordern ihn. Er stirbt. Sie bleibt als starke Tochter zunächst noch übrig. Luise Millerin zwo!

Charlotte ist sogar die bessere, emanzipiertere Frauenfigur. Aber zwischen Luise und Charlotte liegen eben auch hundert Jahre literarische und gesellschaftliche Weiterentwicklung. Und der Meister selbst hat im Unterschied zu seinem Langzeitidol Goethe ein sehr gutes Verhältnis zu mindestens einer seiner Töchter: Antonie, die ebenfalls schriftstellernde Mädchenschul-Lehrerin.

Die Franzosen sind charakterlich zwischen gut und böse perfekt gemischt. Unter den deutschen Figuren fehlt ein Schuft. Somit bekommt das Stück eben doch eine Schlagseite: Fiese Lustmolche gibt es nur „drüben“?! Da fehlts an Ausgewogenheit beider Seiten. Er hätte an Raabes „Im Siegerkranz“ denken sollen!

Auch Schiller hatte seinen Wurm im Stück, den bürgerlichen Schmierlappen auf Seiten des amoralischen Adels.

Am Schluss entwickelt sich eine Szene, die fast Rettung/Flucht des verurteilten Gaston verspricht zur katharsischen Katastrophe. Nun ja. Gaston sieht ein, dass er sich gegen Cambert nicht hätte wehren dürfen – und verzichtet auf Flucht, weil er anschließend hätte ehrlos weiterleben müssen. Das ist realistisch, aber nicht DIE GROSSE – den Zuschauer überwältigende – Überraschung.

Gaston als Will Smith seiner Zeit. Zuhauen und hinterher zerknirscht herumwinseln.

Ausgerechnet der alte Ehrenkodex sich duellierender Adliger wird hier zum Katalysator für einen unbefleckten Heldentod in Konsequenz und Anstand. Obwohl doch sonst alle Realisten in ihren Romanen so oft und so facettenreich den feudalen Ehrenrummel zum Würgetuch so vieler Träumer machten, denen man modern zu leben verwehrt.

Aber abgesehen von jener eher zufälligen Will Smith Parallele:

4. Was macht das Stück so aktuell, dass es mich hier schreiben lässt?

Diese „unmögliche“ Liebe von Gaston und Charlotte provoziert Interpretation:

Wenn der Feind im Land ist – und sich da solch‘ unerhörtes Verlöbnis anbahnt: Was denken die Nachbarn? Wie soll das werden? Wo sollen die beiden glücklich leben können? Welche Sorte Spießrutenlauf kommt auf zukünftige Kinder zu?EZ4

Die Stimmung in Deutschland 1814/15 ist aufgeheizt. NICHTS Französisches wird mehr geduldet. Sogar die Alltagsmode macht eine Rolle rückwärts: Schau dir die Kleider und Frisuren der Damen an: Hie Empire – hie Biedermeier! Steif und zugeknöpft ist sittsam. Frei und luftig ist Verluderung!

Gaston in Hamburg als Exilant? Mit „deutscher Metze“ am Arm? Eine Chance auf Leben in Anstand hätten sie nicht, wenn bei jedem Spaziergang alles vor ihnen ausspuckt.

Charlotte in Frankreich? Als deutsche, bürgerliche Sauerkraut-Braut des französischen Marquis?

Eher wird er von seiner Mutter enterbt und beide müssten armselig in irgendeiner Großstadt über die Runden kommen!

Da bleibt nur der Tod und das Wiedersehen „drüben“ in der andern Welt.

Aber zusätzlich: Ist Spielhagens Plot vernünftig? War Hamburg eine gute Wahl? Wäre nicht gerade auch für den Adelskritiker Spielhagen besser gewesen, einen Franzosen bürgerlicher Herkunft auf eine Kleinbürgertochter treffen zu lassen (in irgendeinem Kaff)?

Davoust hat sooooviel Dreck am Stecken in Bezug auf Hamburg, Napoleon unterband den Englandhandel, das Lebenselixier der Stadt; Davoust ließ verhaften und erschießen, was sich bei Schmuggel oder nur despektierlich Reden erwischen ließ, die einquartierten Landser aus den Gossen Frankreichs führten sich dem entsprechend auf in den Wohnungen der unfreiwilligen Gastgeber. Die Stadt musste Schanzarbeiter stellen, um die Stadt zu befestigen – gegen die Befreier, also die eigenen Leute…

Und dann soll dieses geknechtete Volk die Toleranz aufbringen und Unterschiede machen – zwischen einem Gaston d’Ormont und einem Marschall Davoust? Zwischen Büttel 1 und Büttel 3?

Plötzlich soll die Bibel funktionieren? Liebet eure Feinde?

1815 wurde Frankreich das Elsass gelassen. Trotzdem wurde es 1870 wieder zur Gefahr.

Wenn man nun 1891 in dieser Aufführung saß – mehr als ein gähnendes Achselzucken auf Seiten des männlichen Publikums war da nicht zu erwarten. Die Damenwelt hatte was zum Seufzen. Arme Charlotte! Fertig.

5. Hält das Stück Perspektivwechsel aus?

Was, wenn ein Enkel Spielhagens diese Handlung ins besetzte Riga, Charkow, Smolensk 1943 versetzt hätte? Freiherr von Rübenacker liebt Tatjana Iwanowna, deren Bruder Oleg Partisan ist?

Max Walter Schulz (DDR) schrieb sowas ähnliches ende der 70er Jahre „Der Soldat und die Frau“. Allerdings ohne den Bruder Partisan. In Literaturseminaren reichlich zerredet, erregte es beim Alltagslesepublikum keinerlei Aufsehen.

GI Joe liebt Nugyen Pin Pon, die Schwester eines Viet Cong Offiziers 1973. Würde sie von ihrem Bruder erschossen oder Joe standrechtlich?

Marlon Brando könnte hier mitreden, wegen seiner Rolle in „Apocalypse now“, wegen seiner tahitianischen Frau, wegen der Indianerin auf seiner Oscarverleihung.

Können ukrainisch-russische Halb-und Halb-Ehen in Luhansk und Donezk und Charkiw aushalten, was da jetzt läuft?

Drei Katastrophen später – NACH Davoust in Hamburg – ist das Völkerverständnis nun soweit gediehen, dass man heute in Deutschland einer internationalen Misch-Ehe keinerlei Bedenken mehr entgegen bringt. Wenn heute ein Gaston seine Charlotte freit – soll er doch! Und wenn statt dessen ein Sergej oder ein Laszlo anklopft? Auch egal.

Erbfeindschaften haben sich erledigt. Für UNS. Kurios auffällig ist jedoch, dass die Kontakte nach Frankreich zahlenmäßig deutlich dürftiger bleiben als die nach England oder Amerika.

Wir denken heute „angloamerikanisch“; (mal mehr, mal weniger), jedoch nicht frankophil.

Viele gehen heut mit ihrer mehr oder weniger unbewiesenen Weltoffenheit missionarisch plump hausieren. Aber wenn deren Tochter Charlotte im Treppenhaus, in der Klasse oder beim Kellnern ihren Abdullah aufgabelt, dann – beißen auch sie klamm heimlich, ganz fest die Zähne zusammen beim „Willkommen“ und denken: Hoffentlich geht das  schnell vorbei gut.

Die Prophezeiung von Dr. Barbeyrac über die große finale Völkerverständigung geistert durch Immanuel Kants- und Adam Smiths Werk; sie erlebte Wiederauferstehung in den Parolen der französischen Revolutionen und im Werk von Marx, Engels und Gorbatschow.

Sie erwieß sich jedes Mal als zu schwach, die kommenden Katastrophen zu verhindern.

Aber man klammert sich halt doch dann und wann an die schöne Hoffnung vom kommenden Staat der Edelmenschen. – Wenigstens solange, bis man dem nächsten Arschloch gegenübersteht.

Amen.

Wieland der Schmied

„Huuuuunaaaaa! Huuuuunaaaaa!“

Griesgrämig thront der alte weiße Mann in seiner ehemaligen Arbeitskemenate weit oben im Norden. Dort wo der Aar auf Starkstrommasten horstet und der Rote Milan sich Atzung erslalomt zwischen den Mühlen der Zeit, die da Windräder heißen. Er liest, während das Haupthaar bleicht und der Bart durch die Tischplatte wächst.

Die Trommeln donnern aus den Boxen. Sie begleiten den Lesestoff, jene Legende vom betrogenen Schmied mit dem Kindergemüt. Stiernackige Normannen, die Bartzöpfe ins Scheinwerferlicht reckend, entlocken mit muskelbepacktem Schwertarm ihren Gitarren jene Akkorde, die Wielands Frust tonal illustrieren. Kehlige Röchellaute inclusive: „Gwaaaaahrrrrr! Stirb Niiiiiidung! Stiiiiiiirb!“. Skandinavischer Deathmetal, Postmetal, Drone-Metal rührt an den Wurzeln, die hier herum vergessen sind.

Was hat denn der Bludgeon nu schon wieder?!

Antwort:

Er hat Huna gelesen. In passender musikalischer Umrahmung. „Wieland der Schmied“(Roman; 1924)

wieland 1

Ludwig Huna (1872-1945) ist auch so ein ehemals ganz Großer, über den die Literaturgeschichte inzwischen ganze Staublawinen blies. Sollte man ihn kennen müssen?

Ich finde: Ja!

Und gerade „in jetzig‘ Zeiten“, da die apokalyptischen Reiter traben.

Krieg, Teuerung und Seuche sind bereits da. Die Missernte wird kommen.

Wieland, der Wühlland, der Riesensohn, wählte die Selbstverzwergung und lernte dort unten, weit weg von den Fjorden Norwegens, weit unter der Erde, die Geheimnisse des Metallfindens, der Schmiedekunst für Schwerter und Geschmeide. Emporgelangt ans Tageslicht, spottete er dem Fluch der Zwerge, die wussten, dass ihre Geheimnisse nun verraten sein würden – an die Menschen, denn zur Hälfte war Wieland auch das.wieland 3

Schön, stark und kenntnisreich wollte er nun in den Wolfstalen von Norge ein gar friedlich Leben führen; aber Neid ist in der Welt. König Nidung, der Neiding, lechzte nach jenem fähigen Waffenschmied und Oddrun, seine Gemahlin, die Widersprüchliche, die Probleme machende Schöne, sehnte sich nach dem Geschmeide und der männlichen Schmiedestärke.

Wieland wurde Opfer ihres Anschlages, missleitet verirrte er sich in der Welt „westwärts von Norge“ ins Reich seiner ärgsten Feinde, eben jenes Königreich Hetland von König Nidung. Die Schicksalsnornen hatten seinen Faden als zu knotenfrei empfunden und schnell so einige Knoten in die weiteren Abläufe seines Daseins hineingewoben. Die Knotenschrift der Schicksalsgöttinnen verhieß ihm nun plötzlich übel Drangsaal.

„Denn nur die Not lehrt dich zu leben! Danke der Not, die dich zwingt, über dich hinauszuwachsen!“

Es ist in alten Mären gar wunder vil gesayt…

Und lebenskluge Hinweise steckten in den Gesängen der Skalden, der Ur-Minnesänger der Völkerwanderungszeit.

Nidung lässt Wieland die Fußsehnen zerschneiden, damit er fluchtunfähig wird, jedoch arbeiten kann. Wieland wird sich böse rächen. Aber das dauert!

wieland 4Die Waldwelt der Germanen zu Zeiten Roms war eine Welt des Kampfes. Die Völker waren jung und so benahmen sie sich ewig wie auf dem Schulhof, wo der friedliche Kluge dem kräftigen Sitzenbleiber unterliegt.

Nichts gedeiht auf Dauer.

Und mancher, der alle Gaben zu haben schien, lebt ein Leben voller Brüche in tausend Sackgassen.

Wieland; das ist der Knabe, der hoffnungsvolle Nachwuchs, der -vom Wege abgekommen- Dichter wird und sich auslachen lassen muss – bis eines Tages ihm oder seinem Werk Flügel wachsen, mit deren Hilfe er sich erheben kann über all das Erdengewürm, das neidhammelige.

Aber Wieland ist auch das Volk oder Land „das eigentlich alles hatte“, dem die Nachbarn jedoch nicht gönnten, was es sich selbst erschuf.

Die Sicht der Zeitgenossen Hunas auf den ersten Weltkrieg ist genau DIE.

Huna, der Österreicher, hin und her gerissen zwischen der gemütlicheren Lebensweise im vergreisten Kakanien des Uralt-Kaisers Franz Josef, aber gleichzeitig fasziniert von den Erfolgen „des Reiches“ da im Norden, ist empfänglich für all die romantisch anmutenden Sagen aus Urwäldern und von den rauhen Klippen Skandinaviens. Er steckt fest, als Deutscher unter all den Zwergenvölkerschaften Österreich-Ungarns. Eigentlich fühlt er sich den „Nordlandriesen“ zugehörig.

1872 geboren, Militärkadett gewesen und bereits als Leutnant unehrenhaft aus der Armee entfernt worden, (er hatte sich einem Duell verweigert, oder aber eine Streitschrift über den Unfug des Duellierens verfasst; die Quellen sind sich hierüber uneins) hadert er mit seinem nicht mehr reformierbarem Land. 1848 war es durch ein Russenheer vor dem Zusammenbruch und Auseinanderfallen geradeso bewahrt worden. Seither war es ein Gebilde im Wach-Koma. Folgerichtig erlebt er die militärische Schwäche Österreichs ab 1914; während Deutschland im Norden, nicht nur gelingt, Ostpreußen vor den Russen zu retten, sondern auch Österreich „herauszuhauen“, als die Russen an der Karpatenfront zum Durchmarsch auf Wien ansetzen.

Gorlice ist 1915 im Süden ein zweites Tannenberg, dank preußischer Waffenbrüderschaft.

Als 1918 alles zusammenbrach, da war es Huna, als ob Wieland nun ein weiteres Mal die Fußsehnen durchtrennt worden wären, damit er nicht fliehen, aber arbeiten könne, für den Sieger Frankreich.

Deutschland hatte auch nach 1918 alles, was es braucht, um erfolgreich zu sein: Fleiß, Stärke, Kenntnisse (Nobelpreise aller Art flatterten nur so herein) – aber richtungslos wie Wieland bei seiner Ankunft in Hetland stand es da:

„Was trieb dich her?“

„Ich weiß es nicht.“

„Was willst du hier nun tun?“

„Ich weiß es nicht.“

„Wie lange willst du bleiben?“

„Ich weiß es nicht.“

Tumb und bieder will Wieland fleißig sein. Selbstlos Wunderwerke schaffen. Sich ausnutzen lassen.

Keinen Gedanken verschwendet er an seine Zukunft.

Reparationen. Und Volksbetrug per Hyperinflation. Millionen Deutsche hatten Kriegsanleihe gezeichnet, dem Staat Geld geliehen. Da der Krieg verloren ging, bekamen sie ihre Vorkriegstausender harter Währung nun in Inflationsgeld zurück. Ende 1923: Ein Volk steht ohne Ersparnisse da. Und dankt es dem Staat mit Verachtung.

1924 erscheint Hunas Roman.

Seine Romane sind Bestseller bis 1945. Dann stirbt er 73jährig. Sein Ruhm überlebt ihn nicht. Ein Spielhagenschicksal.

Als ich nun 2022 den „Wieland“ endlich durchlas, überwältigten mich die Assoziationen.

Wie schlug dieses Buch 1924 ein? (Siehe oben)

Warum flocht Vater soviele Wielandvergleiche ins Alltagsgespräch ein?

„Du weißt, was du kannst; lass dich nicht zum Wieland machen!“

Als ich den Verlobungsring präsentierte:

„Bewahre den Ring! Denk an Wieland den Schmied!“ (Den ich bis dahin nicht gelesen hatte.)

Als mir mit 11 das Wachstumsrheuma dicke Füße machte:

„Kopf hoch. Wieland biste keiner. Das wird wieder.“

Usw. usf.

„Denn nur die Not lehrt dich zu leben! Danke der Not, die dich zwingt, über dich hinauszuwachsen!“

Genau DAS hatte Vater erlebt! Und der Spruch hatte sich bewahrheitet. „Von ganz unten auf“ hatte er es allen gezeigt. Mit 40 stand er besser da als alle in der Verwandtschaft!

Ich hatte den Wieland einmal mit 17 und einmal mit ungefähr 40 lesen wollen, aber wegen übergroßer Langweiligkeit des Anfangs beide Male beiseitegelegt.

Jetzt mit 62, wo nichts mehr drückt, hast du auch Zeit und Muße, dich durch ein rätselhaft lahm erzähltes Buch zu fräsen, um das Geheimnis der Saga zu ergründen. Deathmetal als Gleitmittel machts möglich!

Huna machts dem Leser nicht leicht. Die ersten 150 Seiten schaffst du, weil du es um dich donnern lässt. All die Frühzeitbezeichnungen für Götter, Halbgötter, Nornen und Alben, die Vorstellungswelt aus Yggdrasil und Midgardschlange machen dir zu schaffen. Und es ist wirklich wenig los soweit. Dann aber überschlägt sich die Handlung. Dialoge werden nötig, der Turn wird lesbarer, sogar spannend, spart auch eine ziemlich anschauliche Barbarenerotik nicht aus.

wieland 2Beeindruckend, wie sich ein Autor aus vergleichsweise scheintotem Bodensatz so dermaßen emporschrauben kann, in seiner Erzählweise.

Am Ende pfuscht er wie Raabe in seiner „Hergotts Kanzlei“. Auch Huna scheint ganz plötzlich fertig werden zu wollen. Wieland ist durch Albenzauber an Botlinde, die zahme Tochter Nidungs gebunden und sie an ihn. Jedoch sind Vater und Stiefmutter gegen diese Verbindung. Die Sage verlangt jedoch die Vergewaltigung der Botlinde durch Wieland. Um Wieland im positiven Licht belassen zu können, muss sich Botlinde also von der zarten Fee in irgendwas Böses wandeln – und das geschieht bei Huna verunglückt abrupt. Von jetzt auf gleich ist sie „die Tochter ihres Vaters“, die mitleidlose, arrogante Kuh. Barbarin eben.

Aber zurück zur Lesewirkung im Wandel der Zeiten:

Wie fühlte sich das an, den „Wieland“ 1943 als Frontausgabe im Tornister zu haben? All die wehrpflichtigen jungen Männer, die 1943 noch übrig waren; die man von der Schulbank lockte, oder aus dem Hörsaal zwang „zu den Fahnen zu eilen“, und die sich in Russland die Zehen abgefroren hatten – sahen die sich als Wielande? Hatte Kuhlenkampff ihn gelesen?

Du hockst im Unterstand vor Charkow. Die Artillerie rumst in der Ferne und du liest, wie der Skalde Thorrolf Ragnarök (das Weltende) beschreibt in König Nidungs Halle:

Wie der Himmel einstürzt, die Berge bersten, nicht Eicheln- sondern Eichen fliegen…

Du hast das alles schon erlebt. Auf dem Vormarsch und nun auf dem Rückzug. Du wolltest nie in russischer Steppe siedeln. Wozu dieser Wiking, der nichts bringt? Wie kannst du dich aus DIESER Drangsaal davonmachen?

Überlaufen? Die Russen erschlagen dich!

Desertieren? Strafbattaillon. Vorwärts marsch ins nächste Minenfeld!

Sich selbst verstümmeln? Standrechtliche Erschießung bei Nachweis.

Man müsste fliegen können, wie Wieland am Schluss. Oder war sein Flug auch nur einer ins Jenseits?

Wie fühlte sich das an, wenn du 1954 unter Tage Kohle oder Erze förderst und den Wieland kanntest? Wann entkommst DU dem Zwergenleben? Welche Schicksalsschläge erwarten dich anstelle König Nidungs noch? Die einen fahren bereits Auto – du noch immer Fahrrad. Wann entstehen DEINE Flügel?

„Wirtschaftlich betrachtet ist Deutschland heute ein Riese, aber politisch ein Zwerg.“ (Franz Josef Strauß, irgendwann vor 1983)

Also war die alte BRD wieder in der Wielandrolle wie jene Republik zwischen den Kriegen, die nicht leben und nicht sterben konnte? Mir deucht; jener 20er Jahre Vergleich passt besser.

Oder war eher die DDR der Wieland, der nicht zu Potte kam, weil ihm Nidung(Moskau) das Gehen unmöglich machte?

Und heute nun – 98 Jahre später?

Passt die Sage eher auf Putins Russland, das einst auf den Westen zuging, jedoch von dort ausgenutzt, schließlich um sich schlägt?

(Nidung versprach Wieland Botlinde zur Frau, aber er trickste und hielt nicht Wort. Es waren schöne, Hoffnung machende Reden, so lieferte Wieland fleißig, was man von ihm verlangte.)

Oder passt sie auf die Ukraine, die „etwas konnte“, was Nidungs Leuten (in diesem Falle Putin) nie gelang, nämlich demokratische Ansätze zu schmieden, die (noch lange nicht perfekt) besser waren, als diejenigen, die man am Hofe Nidungs zu schmieden versuchte;  weshalb ihr nun die Fußsehnen durchtrennt werden sollen?

Es steckt auch allerhand Ilja Muromez in Wieland – vom Krüppel zum Superstar.

Gwaaaahhhrrrr!

Es ist in alten Mären gar wunder vil gesayd…

Honecker und der Pastor

Oder: Die Vergänglichkeit der Macht.

Hab wiedermal „Historienfernseh‘“ geguckt. Gesternabend auf arte.

Und hinterher saß noch der Liefers im „Riverboot“ auf mdr.

Ja.

Ich mag den Liefers normalerweise nicht.

Hier führte er ja „nur“ Regie; abgesehen von einem kleinen, hitchcockmäßigen Auftritt am Rande.

Er sollte mehr Regie führen! Nach diesem Film zu urteilen.

Der Film ist (abgesehen von der gelungenen „Weissensee“ Serie) unter endlos vielen filmischen DDR-Verhackstückungen endlich mal was zum Aufatmen für die Ossi-Seele: So war’s!

Kein Wessi-Klischee-Fernsehen!

Also: Sehr gut.

Der Bludgeon kann auch loben.

Und nu schau dir mal die miesen 1 Stern- und 2 Sternbewertungen im Netz an. Haste da noch Fragen?

Liefers gab im Riverboot-Interview zum Besten, dass ihm als Ossi die Episode von 1990, wo die obdachlos gewordenen Honeckers in Lobetal bei einem Pastor Unterschlupf fanden, erst 10 Jahre später bekannt und bewusst geworden sei, da er sich gleich 1990 im Westen tummelte, wegen Connections für die Zukunft.

Er habe also 2000 herum beschlossen: Diese seltsame Geschichte schreit nach Verfilmung! Der Kirchenbekämpfer von einst, verlassen von allen seinen Paladinen, beschützt im Pfarrhaus.

Und kaum sind 22 Jahre rum, hat er alles beieinander.

Wie muss man sich das vorstellen?

Der alte tattrige Erich und seine Frau, die Eisenbeißerin Margot; das Fanal gegen die Frauenquote; zwischen Tischgebet und johlendem Wendevolk vor der Haustür?!

Genau so, wie in diesem Film dargestellt!

Dem Gröl-Mob fehlten, wie immer die stonewashed Jeans und Vokuhilas, aber treffend – nur allzutreffend dargestellt, wie kipplig die Situation damals war: Polizei ohne Macht, Stasiwächter praktisch unauffindbar, Krenz und Gysi fühlten sich „nicht mehr zuständig“; die Russen noch ohne Direktive den „Kampfgefährten“ aufzunehmen, wohin mit ihm?

Ein Pastoren-Ehepaar gegen „Volk“, gegen Sensationspresse, gegen die eigenen Kirchenbonzen – übt Barmherzigkeit.

Bis letztendlich die Russen reagierten und die Honeckers nach Beelitz holten.

So schnell kanns gehen, dass sich Macht in Luft auflöst.

Und so diszipliniert waren die Ossis letztendlich noch, dass sie sich nicht einen Ceaucescu-Moment verschafften. Aber es war knapp!

Der Film bringt das Wunder fertig, diesen seltsamen Moment der Deutschen Geschichte facettenreich darzustellen und die unterschiedlichsten Gefühlslagen des Zuschauers anzusprechen: Die unterschiedliche Haltung der Pastorensöhne zu den feindlichen Bevormundern von eben noch, das salbungsvolle, gradlinige Verhalten des Pastors selbst, Axel Prahl als einer der Behinderten von Lobetal; und SIE: Margot; hervorragend gespielt von Barbara Schnitzler; eiskalt, uneinsichtig, schlagfertig; SIE ist das Highlight im Cast.

(Und es hat durchaus ein Geschmäckle, dass die Tochter einer anderen Hassfigur des Systems, die sich aber bereits zum 18. Geburtstag in den 70ern von ihrem Vater wünschte, das „von“ im Ausweis loszuwerden; hier so dermaßen gekonnt agiert!)

Die Kirche verlor in der Wendezeit so einige „Fachkräfte“ an die Politik. Wie mir ein befreundeter Dorfpfarrer damals süffisant zum Besten gab: „Wirkliche Fackelträger des HERRN gingen nicht verloren.“ Der Lobetaler Seelsorger blieb auf seinem Posten bis zum Ruhestand.

Die Requisiten! Die Musik! Alles stimmig!

Die Filmbranche sollte sich aber generell mal einen Kopf machen, wie sie das Problem löst, die zusammengeklaubten Oldtimer alltagsmäßig eindrecken zu dürfen, oder mal einen Trabi mit unlackiertem braunen Kotflügel ins Bild setzen zu können:

Im DDR-Alltag sahen nicht alle Autos so chromblitzend geleckt aus, wie hier wieder vorgeführt.

Also leichter Punktabzug für fehlende 1990er Mode auf Seiten der Statisten (vor dem Zaun und in der TV-Studio-Szene) und zu sehr geputzte Autos, ansonsten: Alles da.

Note: 1-

(PS: Was mag Uwe Steimle damals bloß geritten haben, die Honecker-Rolle abzulehnen? In so einem gekonnten Film?)

Zweite Guck-Chance: Montagabend im ZDF oder die üblichen Mediatheken.

Ukraine’22

Wie wir alle wissen, findet da in der Ukraine ein Krieg statt. Ausgelöst von der Putinregierung in Moskau. Ja. Schlimm. Völkerrechtswidrig.

Kriege haben immer Ursachen. MEHRZAHL! Das lernt man in der Schule.

Und Ursachen unterscheidet man von Anlässen! Die ersteren wirken langwierig und die letzteren sind kurzfristige Knalleffekte. Auch das ist Schulstoff.

Unsere Journalisten müssen alle Schulabbrecher gewesen sein.

Denn plötzlich gibt es nur noch einen einzigen Grund (Ursache und Anlass in Personalunion) und die Dürftigkeit der Argumentation zieht natürlich sofort die Nazikarte.

Verschwunden sind bescheidene Nebensätze aus Leid/t-Artikeln bei ZEIT-/SPIEGEL-/WELT-online der ersten 2 oder 3 Kriegstage in späteren Episteln:

„Wir hätten die Sicherheitsbedenken Moskaus ernster nehmen sollen.“

Aber wozu auch. Russland galt ja nur noch als „Regionalmacht“.

Eigentlich wollte ich mich aus dem Thema ganz heraushalten, aber ich habe soviel Zeug im Netz gelesen, das mich in die Tastatur beißen ließ – und zu Kommentaren verführte.

„Hier schreibe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir.“ (Luther; leicht verändert)

Ich will es auch gar nicht lang machen. Denn da gibt es jemanden, der mir die Arbeit abnahm.

Vorgestern hat Oskar Lafontaine seine letzte Rede als Politiker gehalten.

Weit weg im kleinen saarländischen Landtag.

Einen Tag später trat er bei den Linken aus. Typisch für ihn: Mit dem Hintern einzureißen, was er grade schuf. Denn die Medien feiern nun seinen Austritt und seine Linken-Schelte; und übergehen dankbar jene Rede über „Krieg und Frieden“, die es in sich hat.

Man sollte sich diese 24 Minuten Zeit nehmen! DICKE EMPFEHLUNG! Solange diese Rede noch zu finden sein wird. Erst den link anklicken, dann das Video auf der dortigen Seite! Unbedingt das Video anklicken! Nicht mit der Textkurzfassung begnügen! Die Zwischentöne machen es!

https://www.sr.de/sr/sr3/themen/nachrichten/abschied_lafontaine_landtag_100.html

 

Da ist eigentlich alles gesagt. Nur die Ergänzung: Jener Petrow, den er da als unbekannten Helden erwähnt: Das war ein Ernstfall vom Frühsommer 1983.

Ich bemühe mich, von nun an zum Thema zu schweigen.

… und alle pawlowschen Reflexe westdeutscher Prägung toben zu lassen: Stalin will das Ruhrgebiet!

Abwink.

„In 15 Minuten sind die Russen auf dem Kurfürstendamm!“

Buseck da, buseck sonze —

 

 

Der Hungerpastor (3)

Raabe – der Antisemit?

Du, lieber Leser, bist ein Kind DEINER Zeit und ich bin ein Kind MEINER Zeit. Und wenn wir verschiedenen Alters sind, dann sind das sogar schon VERSCHIEDENE Zeiten.

Wenn ich so Sonntagsreden über die Wertegemeinschaft der EU lese/höre/sehe, dann war mir noch vor ein paar Jahren so, als müsse man sich da eintakten. Aber dann las ich von TTIP und EPA, dann ereignete sich das Wunder der „unbefleckten Erschaffung einer Kommissionsvorsitzenden“, trotz vorangegangener Wahl, die Null und nichtig war – und dann ist schon wieder Frühling und die Zeitumstellung rückt näher – – – wieviel Jahre streiten die jetzt schon über dieses NICHTS?

Es gibt zu allen Zeiten unbefriedigend geklärte Hausaufgaben in der Politik, weil vom Apfel der Erkenntnis eben nur genascht wurde, damals im Paradies, anstatt ihn – wenn schon, denn schon – ganz aufzufressen.

Für Raabes erste Lebenshälfte war die Judenemanzipation ein vergleichbares Dauerthema, mit dem der Deutsche Bund, „in dem so gar nichts zum Besten stand“, einfach nicht zu Potte kam.

Der „Hungerpastor“ trägt ein Janusköpfiges Gesicht, was diesen Aspekt betrifft.

Man kann ihn nicht gleichermaßen leicht in Schutz nehmen, wie Freytags „Soll und Haben“.

Freytag gibt seinen Strolchen Ehrental und Itzig positivere jüdische Nebenfiguren bei (Ehrentals Sohn und Schmeie Tinkeles), so dass also nicht nur „böse Juden“ vorkommen. Freytag heiratet in dritter Ehe eine Jüdin. Also: Persilschein.

Bei Raabe sieht das anders aus.

Zunächst 4 Zitate zur Kostprobe:

Zitat 1:

„In jenen Tagen herrschte vorzüglich in kleineren Städten und Ortschaften noch eine Mißachtung der Juden, die man, so stark ausgeprägt, glücklicherweise nicht mehr findet. (…) Die alten und die Jungen des Volkes Gottes hatten viel zu erdulden von ihren christlichen Nachbarn; unendlich langsam ist das alte schauerliche „hepphepp!“, welches so unsägliches Unheil anrichtete, verklungen in der Welt.“ (Kapitel 3)

Zitat 2:

„Samuel Freudenstein verstand zu lavieren. Durch alle Gefahren und Kriegswetter rette er sich und sein Päcklein. (1806 nach Neustadt)“ (…) Noch 1806 konnten an jedem Zollamt Zettel entstehen, wie der folgende:

Heute – am 15. Januar 17_;  verzollt und versteuert –  am Kreuzthor:

I. drei Rinder

II. vierzehn Schweine

III. zehn Kälber

IV. ein Jüd, nennt sich Moses Mendelsohn aus Berlin

Die Schlacht bei Jena, welche so manche Niederträchtigkeit, so manchen Unsinn über den Haufen warf, machte aus diesem Skandal ein Ende, aber Anno‘15 hätte mancher liebende Landesvater die gute alte Sitte gern wieder eingeführt.“ (Kapitel 4)

Zitat 3:

„Die Raupen im Park verschwanden, nachdem sie ihr Teil (sic!) an der Tafel des Lebens verzehrt hatten. Aber der Dr. Stein(=Moses F.) verschwand nicht aus dem Hause des Geheimen Rathes Götz.“ (Kapitel 21)

Zitat 4:

„Das Wetter war so schlecht, da ging kein Jude auf Reisen.“

Zugegeben: Bei den letzten beiden Zitaten wellen sich die Fußnägel. Warum schreibt der sowas, wenn er doch zuvor so verständnisvoll beginnt?

Dem geht es eben, wie mir und der EU: Da ist etwas, das gut und vernünftig klingt. Aber dann ist da – die Durchführung und im Alltag so dies und das – was unschön ist, und alte Bedenken nicht sterben lässt. Weil die neue Richtung nicht reibungslos funktioniert:

Raabes Kindheit in den 1830ern fällt in eine Phase des Roll backs in Sachen Judenpolitik, da wir es hier noch mit jener unbefriedigenden Politik der Restauration nach 1815 und vor 1848 zu tun haben.

Napoleon hatte mit seinem Code Civil (und der Vergatterung der Rheinbundstaaten darauf) für einen Schub gesorgt, der in Preußen zwischen 1807 und 1813 für eigene Reformen gesorgt hatte, die nach dem Wiener Kongress so weit wie möglich wieder zurückgenommen werden sollten. Da das nicht ging, begann ein endloses Gezerre und Gefeilsche um Rumpfverfassungen unterschiedlichster Güte in allen 40 Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes, dem ein einheitliches Oberhaupt fehlte.

Raabe kennt dank seiner Umzüge in 3 deutschen Staaten 1864 viererlei „Judenrecht“, da dieses ebenfalls den Regenten der 40 Mitgliedsstaaten oblag. Das macht 40 gültige Juden-Edikte. Am liberalsten in Hessen, am mittelalterlichsten in Bayern und zweigeteilt in den beiden Hälften Preußens. Modern in den rechtselbischen Provinzen, die Napoleon dem preußischen König 1807 gelassen hatte. Rückschrittlich gebremst in den linkselbischen Provinzen, die Preußen 1815 dazubekam.

So entsteht natürlich keine einheitliche Wahrnehmung dieser Minderheit in der Bevölkerung.

Raabe flackert mit.

Er liest den „Nathan“ und die Zeitung mit den neuesten liberalen Anpassungen für Juden im Alltag.

Und er versetzt Taschenuhr, Buchausgaben, Mobiliar, um finanziell über die Runden zu kommen.

In jüdischen Leihhäusern.

Ärger mit Pfandleihern hatte er mit Sicherheit noch und nöcher. Ich stelle mir seinen Alltag ungefähr wie den von Marx vor: Manchmal HUI! (weil gerade Geld reinkam); oft aber pfui (weil eben dieses fehlte.) und Raabe hatte keinen Engels zur Seite, der ihm über die gröbsten Durststrecken hinweghalf.

Da gibt es also Alltagserfahrung, die die Wut des armen Mannes befeuern, der keinen Terminaufschub bekommt, um seine Habe auszulösen. Die schöne neue Theorie also hakt.

Hinzu kommen Meldungen, wie die über das schauerliche Ende eines gewissen Ferdinand Lassalle 1864. Der war nicht nur der Gründer des ADAV, der Keimzelle der SPD, sondern auch ein übel beleumundeter Salonlöwe mit zahlreichen Amouren und „Toyboy“ einer alten Gräfin.

Und Wikipedia führt noch einen ganz anderen jüdischen Salonlöwenskandal an: Joel Jacoby.

Sozusagen der Stammvater der IMs. (Raabe ist aber auch wirklich modern!)

Jacoby schaffte es durch Seitenwechsel und Zuträgerdienste sich bei der preußischen Geheimpolizei beliebt zu machen, indem er Petzberichte über Exilanten verfasst, die nach 1848 fliehen mussten. Er wird prämiert und schließlich zum Geheimrat gemacht.

Diese Art von Karriere wird in Kleopheas Lebensbeichte am Ende des Romans (in nur einem Satz) tatsächlich als Schandtat Dr. Steins aufgegriffen.

Und Sprüche und Redensarten aus 700 Jahren angeblicher Gewissheit von der Schlechtigkeit der Juden waren noch reichlich im Umlauf.

Raabe von seiner nahezu autistischen Aussenseiterposition aus fühlt sich eh keinem politischen Lager verpflichtet.

Und er schreibt „sehr modern“, wie es immer heißt. Also unverblümt und planlos.

Herauskommt das, was ich unlängst „Berg-und-Tal-Schreibe“ nannte.

Hochmotiviert beginnen und solange schreiben, wie es gerade geht, auch wenn die Inspiration bereits versiegt. Am nächsten Tag wieder hochmotiviert dort fortsetzen, wo es gestern gerade öde wurde – und sich sogar selber überraschen lassen, wie die Geschichte ausgeht.

Ich unterstelle ihm, dass er manche Details regelrecht vergessen hat, noch einzubauen.

Raabe kommt nach seiner „Soll und Haben“ ähnlichen Eröffnung ganz vom Wege ab. Bei ihm läuft nicht dieses paritätische Entwicklungs-Ping-Pong, wie bei Freytag zwischen Anton und Veitel. Moses ist in der zweiten Hälfte des Buches kaum vorhanden. Raabe ist es wichtiger, Kleophea zu „bestrafen“ als Moses! SIE muss sterben! Die „Strafe“, die IHN ereilt, ist eine typisch raabe’sche, hingeschludert milde.

Aber das stört auch nicht, weil sich der Schwerpunkt der Handlung eh weit verschoben hat.

Es geht um Hans Unwirrsch und „Das Glück von Grunzenow“, um mal einen Titel von Paul Heyse zu bemühen, der da heißt „Das Glück von Rothenburg“. Hier, wie dort geht es darum, dass man mit dem Spatz in der Hand glücklich werden kann, wenn die Taube auf dem Dach – fort ist. Franziska statt Kleophea!

Hans und Franziska finden sich; und die „Hungerpfarre“ in Hinterpommern mag ärmlich sein, aber der Weg dahin hat sich gelohnt, anstatt entsagungsvoll wiederum nur als armer Schuster in einer dunklen Werkstatt sein Leben zu verdämmern.

Die Küste und die Brandung lassen an Goethe denken: „Mit freiem Volk auf freiem Grunde stehn!“

Auf dem Gut derer von Bullau hat Hans nichts zu fürchten. Er kann sich frei fühlen.

Von Bischoffs-Karrieren träumt er nicht.

So wie Raabe sich einredet, Villa wie Heyse oder Etagenwohnung wie Spielhagen nicht zu benötigen.

Fazit: Ist der „Hungerpastor“-Roman nun antisemitisch? Ja, ein bisschen; aus der Zeit heraus. Es stört (mich) aber nicht, weil er trotzdem ein ungeschönt glaubhaftes Bild von der ersten Hälfte des 19.Jhds malt. Und weil man Moses Freudenstein nicht unbedingt als bösen Veitel Itzig II. lesen muss, sondern auch als eine Freundschaft, die sich im Laufe der Zeit überlebt hat, lesen kann. Und wer kennt sowas nicht?

Der Hungerpastor (2)

(Vorwarnung: is‘ lang geworden. Alte Männer eben. Opas die (noch)keine sind, labern halt das Internet tot.)

mde

Du liest ein Buch, das dich packt. Du liest schneller als sonst; schaffst gar mal wieder hundert Seiten am Tag. Das ist lange nicht mehr vorgekommen! Kurz vor Schluss ahnst du zwar bereits, was jetzt noch kommt, aber egal. Als es eintritt, wie vermutet, ist es trotzdem nicht langweilig, die letzten 40 Seiten zu schaffen, da auch sie mit tiefgründigen Lebensweisheiten gespickt sind. Und so einige Triggerbegriffe jagen dich ein weiteres Mal „in deine eigenen Anfänge“, weil die Situation des Hilfspredigers Unwirrsch da in Hinterpommern an die des Absolventen in der Niederlausitz erinnert. – Dann ist es vorbei. Letzte Seite. Durch!

Du klappst das Buch zu. Die Begleitmusik läuft noch. Du starrst auf einen Fleck und lauschst den Stimmen der Jahrzehnte, die du hinter dir hast und die nun alle durcheinander quaken.

Versuch es zu ordnen, los!

1. Das Allgemeine

Der Roman durchläuft 3 Etappen:

  1. a) Unwirrschs Jugend bis Studienende; (1820- ca. 44)
  2. b) Unwirrschs  Hauslehreranstellungen; (1844-1847)
  3. c) Unwirrsch in Grunzenow. (1847-48)

Anspruchsvolle Romane gaben sich damals den Anschein der Überregionalität dadurch, dass allzu genaue Ortsangaben vermieden wurden, damit so das beschriebene ÜBERALL hätte sein können. Bloß kein Lokalschriftsteller werden!

Das verursacht dann aber das Problem, dass keine Figur so richtig Mundart sprechen kann, da diese ja ein Hinweis gewesen wäre. Somit erfindet Raabe für alle seine Käuze, die den Roman bevölkern, so ein Phantasie-Idiom, in dem gern „mir und mich“ verwechselt wird, „als wie“ straflos vorkommt und Fremdwörter mit volkstümlich falschen Schreibweisen und -Endungen den Bildungsstand erkennbar werden lassen – damals – in unbelesener Zeit; ab 1820 aufwärts.

——————————————————–

1a) Unwirrschs und Freudensteins Jugend (1820 – 1843/44 ungefähr)

Der eine und der andere, wie Anton Wohlfahrt und Veitel Itzig! Gustav Freytags „Soll und Haben“ war 10 Jahre vorher da. Und es war ein Literatur-Hit aus dem Stand! 1855 war das der erste Roman, der als „realistisch“ galt und der mit seinen 900 Seiten auch eine gerade noch fassliche Form hatte. Karl Gutzkow hatte zwar ähnliches vor, jedoch seine „Ritter vom Geiste“ gerieten uferlos. In „Soll und Haben“ hatte Freytag diese Konstellation erfunden: Der Bürger und der Jude; auf unterschiedlichen Werdegängen. Sprechende Namen, die eine volle Charakteristik sind. Kantenlos holdselig der eine, hinterlistig bös der andere. Das Bürgertum 1855 tröstete sich über die Pleite von 1848 hinweg, gewann in Wohlfahrt einen neuen Helden des puren ökonomischen Fleißes. Das Buch stand 1864 bereits in jedem Bücherschrank, so man sich einen leisten konnte. Der Freytag-Hype als neuer „Dichterfürst“ auf dem verwaisten Goethe-Thron, war wohl Hauptinspiration für Raabe, es ihm gleich zu tun, bzw. es sogar besser machen zu wollen. Denn bei Lichte besehen ist „Soll und Haben“ eine ziemlich dröge Angelegenheit. Zusätzlich gab es seit 1862 bereits „Die Problematischen Naturen“ des Newcomers Spielhagen – und auch der wurde dafür bereits gefeiert.

Bucherfolge jener Zeit muss man sich wie Smash-Hits in den 1960ern und 70ern vorstellen. In radioloser Zeit, waren sie DIE Kulturereignisse, die besprochen wurden.

Und nun erlebten die belesenen Kreise da 1864 ihren Beatles oder Stones Moment: Freytag oder Raabe. (Und abseits grinste das dritte Lager: Weder noch, sondern Spielhagen, also The Who jener Zeit.)

Freytag und Raabe sind in heutiger Zeit in Verruf geraten: Antisemitismus; finden aber auch (noch) Verteidiger. Ich spare diese Problematik für „Hungerpastor 3“ auf.

„Soll und Haben“ enthält eine feinsinnigere Intrige, die der Böse einfädelt und der Gute aufdröseln muss. Aber Freytag lässt sich eben auch 900 Seiten Zeit. (Tipp an den Vielleser: Diesmal hab ich nachgesehen!)

„Der Hungerpastor“ bringt es in meiner 1912er Ausgabe auf 397 Seiten. Raabe kommt also schneller zu Potte. Der Konflikt kommt hier simpler daher, aber dafür wird Elend realistischer beschrieben als bei Freytag!

nap7Anton Wohlfahrt trifft auf Veitel in einem Gutsherrenpark; quasi in einem Paradies, das später den Zankapfel abgeben wird. Beide sind auf Wanderschaft in ihre jeweiligen Lehrverhältnisse. Es steckt also etwas Biblisches in diesem Romanbeginn: Veitel provoziert mit der Frage: „Das alles könnte dir gehören! Soll ich es dir beschaffen?“ Veitel als Schlange bzw. als Mephisto. Bibel und Goethe.

Hans Unwirrsch und Moses lernen wir gleich bei ihrer auf den Tag gleichzeitigen Geburt in der Kröppelgasse einer Stadt, die Neustadt heißt, kennen. Sie kommen aber erst im Alter von ca 10 Jahren zusammen und bleiben Freunde mit gemeinsamem Lebensweg bis sie 24 sind.

Die sprechenden Namen sind hier seitenverkehrt verwendet. Jeder hat das, was dem andern fehlt. Zusammen wären sie EINER; wenn man so will.

Auch Oheim Grünebaum ist eher schon morsch – oder, als alter Junggeselle, ewig unreif. Die Base Schlotterbeck schlottert nie! Sie ist die Mutter Courage der Kröppelgasse.

Raabe bebildert hier: Lern die Menschen kennen, jenseits des ersten Eindrucks!

Wenn Freytag die Bibel bemüht, so bedient sich Raabe einer anderen bekannten Anmutung: Unwirrsch wird einem alten Vater „nach langem Sehnen nun endlich doch noch“ geboren.

Ein Schelm, wer an Dornröschen denkt! Hundert Jahre schlafen muss der kleine Hans zwar nicht, aber er hat schon auch einen langen Weg als Schnarchsack vor sich, ehe er „erwacht“.

In beiden Romanen sind die positiven Helden jedoch seltsam asexuelle Streber. Am Gymnasium keine Streiche. Im Studium keine Feten. Da wird nur ganz kurz mal für eine Fee geschwärmt und ansonsten wird GEARBEITET und geschlafen. No Sex till 30! Prüde. Verkniffen.  Hier wirkt Raabe wieder sehr autistisch. Er scheint das nicht zu kennen. Im Roman von den „Leuten aus dem Walde“ war das genauso.

„Die Zeit!“ könnte man denken. Aber Heyse schrieb zeitgleich seine frühen Novellen vom „Bild der Mutter“, vom „Grafenschloss“! Was da alles ging!

Auch Spielhagens Hauptfiguren unterliegen Hormonstürmen im passenden Alter!

Freytag und Raabe sind elende Spießer.

1b) Unwirrschs Lehrjahre als Hauslehrer ( ca.1844-47)

Um 1864 sind Märchen „IN“.  Inzwischen nicht nur die Grimm’schen, der Erziehung wegen, sondern sogar die aus „1001er Nacht“, wegen der Exotik.

Die Gebrüder Grimm haben ihre Hausmärchensammlung zwar bereits 30 Jahre vorher auf dem Markt, aber erst um 1860 beginnen die belesenen hundert Jahre; das Lektüre-Zeitalter: Als Analphabetismus schwand, Massenauflagen ungeahnte Buchumsätze ermöglichten; das literarische Niveau wuchs, Bestsellerautoren von ihnen großbürgerlich leben konnten, ohne nebenbei noch Zeitungen herauszugeben oder irgendwo lehren zu müssen. Raabe gehörte nie dazu. Seine Verhältnisse blieben – bescheiden. Vornehm ausgedrückt.

Er verwendet hier deutlich erkennbar den Drei-Schritt, den viele Märchen kennen:

Drei Anstellungen muss Unwirrsch „erdulden“, bevor er „erhöht“ wird.

Drei Brüder Götz spielen eine Rolle in seinem Leben. Wie die 3 Müllerssöhne im „Gestiefelten Kater oder in „Tischlein deck dich!“ Und immer ist der Loser der eigentliche Gewinner; und der, der alles hat, höchstens zu bemitleiden, wenn nicht gar zu hassen.

Rudolf Götz, der älteste von den dreien, ist ein heimatloser Waterloo-Veteran, der Loser, der dreimal Glück bringt; er tritt als erster auf und der Name ist Programm und Goetheanklang: Die Welt kann ihn am Arsch lecken.

Theodor Götz, der mittlere Bruder, zu kränklich für die Befreiungskriege, macht Bürokratenkarriere, wird Steuer-Rath, heiratet Wohlstand, aber ist unfähig in seiner traumhaft schönen Villa ein harmonisches Familiendasein zu erzeugen. Er ist zum Götzen-Dienst verdammt. Denn er ist an eine „böse Königin“ geraten, unter deren Fuchtel er steht. Frau Götz, geborene von Lichtenhahn, hasst ihren Mann und sich für diese Mesalliance, gibt sich bigott-arrogant und „selbstverständlich makellos“, macht jedem Hauslehrer das Leben zur Hölle, da diese nicht in der Lage sind, unter ihrer Aufsicht das verzogene Miststück von Söhnlein zu beschulen. Raabe beschreibt eine Helikoptermutter – als es noch gar keine Helikopter gab!

Felix Götz, der jüngste von den dreien, geistert nur als Toter durch den Roman. Wichtig ist sein „Überbleibsel“, die Tochter Franziska. Wie man sofort richtig ahnt: Die zukünftige Frau Unwirrsch. Felix Götz ist mit 17 von der Schule weggerannt, um sich den Frei-Corps anzuschließen. 1813-15 kämpft er romantisch schwärmerisch beseelt von Freiheit und Vaterlandsidee und wird enttäuscht. Er findet nicht zurück in zivile Verhältnisse. Ein weiterer Götz von Berlichingen: „Bürger-Karriere? Leck mich!“ Die Todesumstände lässt Raabe im „Ungefähren“, streut aber Andeutungen, sodass der Leser wählen kann, woran er glauben will: Duell? Suff? Syphilis? Die typischen Probleme der „Rock-Stars“ jener Zeit.

Gleich zwei Brüder also Befreiungskrieger, hinzu kommen noch Oberst von Bullau, Feldprediger Josias Tillenius und der Stammtisch der „Neuntöter“, allesamt Waterloo-Veteranen, und an der Katzbach dabei, und bei Leipzig und Paris…

DAS ist die eigentliche Sensation, für die man den „Hungerpastor“ feiern sollte; denn:

Raabe bohrt hier in einer Wunde des öffentlichen Bewusstseins. 1864. Das liegt knapp vor 1871. Der Roman entsteht in dem Jahr, indem der Deutsche Bund durch den Deutsch-Dänischen Krieg seinen Todesstoß erhält. Der Norddeutsche Bund wird entstehen und zwei weitere Kriege werden folgen. 1871 ist die Einheit endlich da und all die Helden von 1813-15 sind dann auch endlich medial „IN“. Von 1815 bis 1871 wurden sie totgeschwiegen.

nap5

Wellington und Blücher bei Waterloo – NICHT ABBA!

Zwar durfte der eine oder andere literarische Text über das Thema Napoleon gedruckt werden, aber offizielle Anerkennung; Jubiläum 50 Jahre Völkerschlacht 1863? Undenkbar!

Und so wurde es 1864 eben Zeit für dieses Buch!

1815 ist dem Hochadel voll bewusst, wie sehr er zuvor versagt hat. Er zitterte, er zauderte nach der Russlandpleite, er wollte das Volk zwingen, ruhig zu bleiben und weiterhin zum Rheinbund zu halten, aber die Erhebung lief bereits: Blücher, Scharnhorst, Tauenzien, schlugen bereits los. Gerade noch rechtzeitig hinkte König Friedrich Wilhelm III mit seinem Aufruf dem Zeitgeist hinterher. Der Mecklenburger in Schwerin tat es ihm nach. Jetzt war Napoleon schwach! Jetzt geht was!

Raabe 5c

Der Rückzug aus Russland 1812/13 – also nicht Hitler!

Napoleon hatte die Fürsten von Bayern und Württemberg zu Königen ernannt, die zitterten um ihren Titel und vor dem Volk. Sie schickten Napoleon erneut Truppen. In der Völkerschlacht bei Leipzig liefen sie über. Sachsen ebenso.

Der damals neue Nationalismus, der KEIN Nationalsozialismus war, hatte die alten Privilegien des Absolutismus gefährdet.

Der Wiener Kongress rückte die alten Strukturen wieder grade.

Niemals sollte an die Stunde der Schmach der Regierenden erinnert werden! Die vornapoleonischen Zustände sollten (soweit wie’s geht) wiederhergestellt werden. Restauration!

Keine Jubelfeiern aus Anlass irgendeines Schlacht-Jubiläums!

Keine Blücher-Denkmäler!

Keine Straßennamen nach Schill, Hofer, Lützow!

Biedermeier! Schnauze halten! Für fast 60 Jahre!

Studenten radikalisieren sich und werden gejagt. Die übrigen Untertanen ziehen die Michelmütze tiefer über die Ohren und üben sich im „unpolitisch Sein“.

Und Raabe scheißt auf das Tabu!

Er lässt die Kämpfer auftreten, als alte Herren, untergekommen in allen möglichen Berufen.

Liebenswerte Leute; bissel kauzig; und versoffen. Sie treffen sich in der Kneipe zum Grünen Baum als „Neuntöter“ zum Stammtisch. Den Namen gaben sie sich, weil als Gesetz gilt: Ein jeder darf in seinem allabendlichen Kriegerlatein nur 9 Leichen haben. Ansonsten muss er Strafrunden schmeißen.

(Außerdem passt der Name Neuntöter auch, weil es da einen Singvogel gleichen Namens gibt, der seine Insekten und Würmer auf Brombeerheckendornen spießt. Aber kaum einer hat sowas je in freier Wildbahn mal gesehen! Wie auch all die Freiheitskämpfer – Raabe stellt hier „Vögel“ vor, die keiner kennt.)

Wie antwortet der Wirt vom Grünen Baum dem Leutnant Götz bei Betreten des Restaurants auf dessen Frage:

„Neuntöter da?“

„Jeder Vogel auf seinem Ast!“

Die drei Götz-Brüder haben noch andere Spuren hinterlassen:

1868 veröffentlicht Spielhagen seinen vierten großen Zeitroman. „Hammer und Amboss“.

Auch dies ein Entwicklungsroman, in dem ein gewisser Georg Hartwig durch viele Stationen muss, um solides Glück zu finden. (Spielhagens Georg kommt ohne Juden als Konterpart aus.)

Aber auch ihm begegnen im Laufe der Zeit drei Brüder, die Einfluss auf ihn nehmen. Allerdings sind sie adlig und ihre Einflüsse sind deutlich andere. Der älteste ist der beeindruckende Individualist, das falsche Idol, weshalb Hartwig ins Gefängnis kommt. Der jüngste Bruder ist dort Gefängnisdirektor und ein Tugendbold; der mittlere ist -wie bei Raabe- der langweilige Bürokrat, der obendrein hier auch noch Zinker ist und seinen älteren Bruder verrät, obwohl dieser ihm seinen sündhaft teuren Lebensunterhalt finanziert.

Raabe hat sich oft neidhammelig sauer über Spielhagen geäußert, sicherlich, weil dieser hatte, was Raabe zeitlebens fehlte: Ruhm und Wohlstand! Aber eventuell, weil er sich obendrein „beklaut“ fühlte.

1c) Grunzenow und Happyend (1847/48; weltabgeschieden, ohne Revolution)

In diesem letzten Drittel wird es so märchenhaft, dass Raabe selbst diesen Begriff ehrlicherweise mehrfach einschiebt. Für damalige Verhältnisse ist Grunzenow in Hinterpommern von Berlin aus noch so „märchenhaft“ weit weg, wie Kalifornien in seinem vorangegangenen Roman über „Die Leute aus dem Walde“. Eindrucksvoll wird die Umständlichkeit des Reisens 1845 geschildert.

Raabe schmeißt auch märchenhafterweise mit lauter friesisch-dänischen Fischernamen um sich: Johannsen, Klaasen, Petersen. Niemand heißt hier Pebelow oder Pryczibylski! Und Oberst von Bullau, ein alter rüstiger Mini-Blücher, spricht „da oben“ als alteingesessener Gutsherr einen Dialekt, der eher Machdeborgisch anmutet. Kein Fischi-Deutsch. Vermutlich sind ihm die gerade genannten Fehler wirklich durch Unwissenheit passiert und nicht durch bewusste „Überregional-Machung“.

Oberst von Bullau und winters auch Leutnant Götz hausen also in ihrer Junggesellen-Burg mit rein männlicher Dienerschaft. In dieser Karikatur eines Gutshauses wohnen somit alle guten Geister, die es braucht, um Unwirrsch und Franziska endlich zu verkuppeln. Und die Neuntöter geben helfende Tipps.

Hier treibt Raabe seine Heldenverehrung für die totgeschwiegenen Schutzgeister Deutschlands auf die Spitze: DIE und nur DIE richten, was verbogen ist! Ohne diese alten Herren – keine Chance auf Glück für Unwirrsch und Franziska!

Last but not least hab ich mir das Folgende für den Schluss aufgehoben:

Wieder 10 Jahre später wird sich ein anderer Autor den Raabe zunutze machen, wie einst Raabe den Freytag:

Ein erster Verdacht war mir bereits gekommen, als Raabe Hansens Oheim Grünebaum in gar seltsamem Outfit auf den Abiturienten Hans warten ließ, aber dann:

nap1Diese Waterloo-Veteranen… Das ist das Figurenensemble der Herren von Greifenklau! Oheim Grünebaum ist eine Mischung aus Sam Hawkins und Tante Droll. Auch Namen wie diesen hat sich Karl May bei Raabe abgeguckt. Als Trapper Geierschnabel nach Deutschland reist und sich zivilisiert gewanden muss – ist er eine weitere Grünebaum-Variante.

Und: May guckt sich auch die Art der Elendsschilderung hier ab. Oft aus Kinderperspektive erzählt, damit man Dinge sagen kann, die sonst Probleme bekommen hätten, in gut bürgerlichen Familienblättern gedruckt zu werden. In ein bissel Kitsch verpackte drastische soziale Anklage!

– Raabes „Leute aus dem Wald“ – da ist das idyllische Försterhaus, aber nur eine Bettstatt für 7 Kinder; mit Waldlaub statt Bettzeug. Und 5 von 7 sterben darin ohne ärztliche Hilfe. Weil der treue Förster fleißig ist, aber nichts verdient.

– Raabes Hans Unwirrsch als Sohn eines fleißigen, sparsamen Schusters hat ein kleines bisschen Startkapital fürs Gymnasium, muss aber betteln gehen für ein Stipendium, damit es reicht. Als er arm und dürftig gekleidet beim Herrn Assessor Dank sagen will für bewilligte Förderung, sieht er dessen Villa und dessen Töchter, wie sie in ihren langen Kleidern zu schweben scheinen, wie sie kichern. Er ist verblüfft. Geschockt. Verdaddert. Diesen Lebensstandard kennt man in seiner Kröppelgasse nicht! Als er seinem Freund Moses von diesem märchenhaft schönen Eindruck erzählt, erdet der ihn umgehend:

„Man hat dir eine Tür geöffnet und eine neue Welt gezeigt. Aber niemand rief: Herein!“

Und Raabe selbst ergänzt später:

„Es gibt allzeit fleißige Menschen, denen es vergönnt ist, aufzusteigen. Da, wo sie herkommen, werden sie verehrt. Aber da, wo sie ankommen, sieht man lediglich die Herkunft.“

Mays „Sklaven der Arbeit“, das „Buschgespenst“ und einige der Erzgebirg-Geschichten hauen in die gleiche Kerbe.

May wird ab 1875 bekannt und er hatte zuvor im Knast viel Zeit zum Lesen!

Raabes Zitat von der „lediglichen Herkunft des Emporkömmlings“ wird sich an ihm besonders bitter bewahrheiten.

Aber Raabes „Hungerpastor“ half ihm seine Käuze zu erfinden, denen ein hundertjähriger Erfolg beschieden war.

Alles hängt mit allem zusammen.

(Auch wenn es vergeblich ist:) Entdeckt die Alten neu!