Tür aaauuuf!

Oder: Prora-Klaps 3

Fehlstart in den Sommer. Dürre in Ostelbien. Gelbe Savanne, wo eigentlich grüne Wiese sein sollte. Nur 3 Nächte Regen seit Ende April. Andererseits auch keine Zecken dies‘ Jahr. Aber die Gartenwasseruhr tickt und tickt, damit mein kleines bissl Sitzeckenumrandung grün bleibt.

Were you drifting
On a strange tide?
Collecting visions
From the other side?
Caught between day and night
You were stealing moments past hours
of your life
And balancing on
The edge of a knife

Bruderherz macht wiedermal Urlaub in Binz. Yeahr! Das Arbeitssuch-Nachwende-Schicksal hat eine große räumliche Distanz zwischen uns gepackt, aber seine mehrfachen Rügenurläube (und meine Kurzbesuche dort) sind eins jener spärlichen, aber notwendigen Bänder zum Wiedersehen.

Memories of once longer days
They keep on flooding back
The adventurous times when we
traveled life’s road
Though we were often blind
But with a lot more heart
And for each other
Taking the time…

…für immermalwieder einen Tag am Meer, auf den Spuren von Caspar David Friedrich und voller Spielhagen-Assoziationen. Der muss hier in seiner Jugend des Öfteren langgeritten sein um 1840. In Einsamkeit; nur dann und wann eine Siedlung der Ichthyophagen streifend und unbewusst Eindrücke sammelnd, für spätere Romane.

(Die Suche nach der Herschelmann-Handtaschenkulisse bei Sassnitz erwies sich 2018 leider als erfolglos. Da ist also noch etwas übrig für die nächsten Male.)

Und dann ist dort eben auch noch Prora. Üble MSR-29 Erinnerungen einerseits. Andererseits die Plattendeals, die mich zur begehrten Kontaktperson werden ließen.

On a wing and a prayer
A wounded bird in the hand
With the eyes of a child
Come to understand…

…behütet und abgeschirmt im EOS-Alltag, mit verblasenen Theorien vom „neuen Menschen“ vollgestopft und lediglich in jugendlicher Provokationslaune auf den Punk-Train gesprungen, verabreicht dir die Fahne den wirklichen Punk, der sich daraufhin verfestigt. Jenes fischköpfige Assigesocks vom Diensthalbjahr über mir und die 10ender der Ränge Feldwebel bis Fähnrich, sind heute tot; oder doch auf dem strikten Weg in die finale Leber-Zirrhose. Aber damals gaben sie dir „einen mit“, wie man so sagt: Intensivkurs in Sachen Menschenbild.

Alptraum-Eiländ hab ich knapp 20 Jahre gemieden. Seit’98 war ich nun doch 4x in Prora. Am Verfall dort gesundete die Erinnerung mehr und mehr. Aber ein Baustein fehlte bis 2014. Zuvor hatte ich lediglich Außenaufnahmen vom Koloss machen können. Untenrum war alles vernagelt und vermauert. Aber dann:

2014. Julisonne. Frühzeitig gestartet, werktags, auf völlig freier Autobahn – da legte ich zum allerersten Mal die soeben erschienene und überall verissene „Heaven and Earth“ von Yes ein. Ein Soundbastard aus YES- und Supertrampfeeling. Glücksgriff. Genau das Richtige für eine Fahrt in die Vergangenheit um 1980. Und die Glückssträhne hielt: Diesmal war eine Hintertür zur ehemaligen Küche des 3. Bataillons offen!

ICH WAR DRIN! Lost Place. Aber ich kannte mich aus. Küche-Treppe-Stabsflur-Treppenhaus 3. Bataillon. Scherben und Kabelreste, demolierte Sicherungskästen, Geister der Vergangenheit, das Treppenschachtgebrüll des Stabs-UvDs:

„UvD Achte! Schick ma GuvDy sofort zum Staber!“ „Tür auuuuf!“ „EKs, wo seid ihr!….“ „Schnauze im Glied!“ „Faulickdenn? Gleich fälltn Schuss!“ „UvD Neunte! Hauptfeldwebel zum OvD!“

Knirsch und knax unter den Sandalensohlen. Tour de force. Meine Bude der ersten 6 Monate. Vorletztes Zimmer links im Schlauch. Schlauch und Piste – die Bohnerflure. Scheißhaus 3. Zug. Völlig zertrümmert. Hätt‘ ich glatt mitmachen wollen, so oft, wie ich hier putzen musste. Die Waschräume noch erkennbar. Dann ein Stockwerk höher: Die 2 Mann-Bude für Schreiber und Uralfahrer; und – – – ein Erinnerungsfehler: Wo die Spießbude war, hab ich verdrängt/verwechselt und versehentlich wohl eine von den Capo-Unterkünften fotografiert. Egal. Alles ratzekahl leer. Im Zustand des Verfalls. Graffitis allenthalben. Das sinnvollste in der ehemaligen Waffenkammer meiner Ursprungskompanie: Idiotencrew!

Ich nehme mir eine gute halbe Stunde Zeit, auch für das angrenzende ehemalige „Ledigenwohnheim“ unverheirateteter Sackies und den Med-Punkt. Und anschließend schwebe ich geradezu über all den Restedreck wieder durch die Küche nach draußen. Happy und erlöst. Mein Gedärm sieht das genauso – und so scheiße ich beim Abmarsch am Kdl (Kontrolldurchlass = Kasernentor) noch in die Büsche – eine buchstäbliche Altlasten-Entleerung. Frei.

I will open the book
Raise the pen
Let it re-invent
My life again
Take me from where I am

As a freed bird
Flies from the hand
To ascend, to ascend

 

2018 fahre ich geradezu euphorisch hin. Mit dem fast gleichen Soundtrack wie 2014, weil der sich bewährt hat: Yes, Asia, dann NDW-Goodies:

Ich lebte hinter Gitterstäben, dann kam sie, ich begann zu leben; dein kleines bisschen Leben – wird grade abgepackt; nun bin ich raus, nun steh ich hier; wie in Sodom und Gomorrah, wie in Babel und bei Noah; ich möchte ein Eisbär sein; die Traurigen werden geschlachtet, die Welt wird froh, die Alten werden geschlachtet, die Welt wird jung;, wir sind die letzten von 110, wir warten, bis die Zeit vergeht; unser Mann aus Bückeburg teilt soeben mit, der Agent der Gegenseite heißt Joachim Witt; du wirst tanzen wie ein Kind im Wind und dahin kommen, wo wir alle schon so lange sind: Ins Labyrinth!

Düstersongs aus der Zeit des unmittelbaren DANACH. Damals Fugenkitt der Seele. Trotzdem unterstützen sie nun meinen Frohsinn: Überwunden!

2018 gibt’s nichts mehr zu bewältigen. Als ich „meinen Block“ wiedersehe, hat ihn die „Entkernung“ ereilt. Ein Baustellenradio hämmert gerade „I can’t get no satisfaction“. Nojaaaa. Ich schon. Das kommende Schicksal auch dieses Teils des Koloss‘ offenbart sich im Anblick der angrenzenden bereits verkauft und vermieteten Feriendomizile.

Ich steh davor und weiß nicht: Stahlbetonruine. 3km lang. Abriss zu kostspielig. Arme Insel. Du hattest keine Wahl. Den unfertigen KdF-Bau vollenden oder wieder „Links zwo drei vier – ein Lied!“

Were you catching
The last train to nowhere?
Playing out scenes
Of dark desert days?
Put it behind you now

Was wissen die, die hier nebenan zum Teil schon Balkonblumen gießen, von der Vorgeschichte? Wollen die überhaupt was wissen? In unseren geschichtsvergessenen Zeiten, in denen angeblich nichts mehr eine Rolle spielt, was früher war?

Die Wände sind zwar alle neu und die langen Flure verschwunden, aber Fußbodenbeton und Zimmerdecke könnten noch erzählen:

Ist das hier etwa DER Block, in dem die Russen 1945 nach der Bodenreform die enteigneten Gutsbesitzerfamilien Sachsens und Thüringens internierten vor dem Abtransport nach Workuta? Wieviel Selbstmordelend mag sich dann hier ereignet haben? Oder war es „nur“ ein Block voller Pommern-, Ost- und Westpreußenflüchtlinge? Wie lange hausten die hier? Wer wurde hier wo vergewaltigt? Wer wurde hier noch „abgeholt zur Klärung eines Sachverhalts“ auf Nimmerwiedersehen? Aus welchem Fenster sprangen hier die meisten? Heulten hier die Hinterbliebenen auf zur Zimmerdecke und verfluchten Hitler, Gott und Stalin?

Und dann die laaaaange NVA-Phase:

Wieviel Schikane hat sich hier abgespielt? Wieviel Urin besoffener EKs und wieviel Blut aufgeschnittener Pulsadern von Leidensgenossen musste hier von „Glatten“ aufgewischt werden? Ist von deinem Ferienwohnzimmer aus einer nach „Schwedt“ ab-gegangen? Wieviele Flüche stecken hier in jedem Quadratzentimeter Zimmerdecke?

Möchte man in diesem Gebäude wirklich seine Mußestunden verbringen? Möchte man davon ein Stück kaufen?

Call out those bleak shadows from your mind
And never again
Slip through the cracks

Ehemalige KZler zieht es in die Gedenkstätten zur Selbstvergewisserung diesen Scheiß überlebt zu haben; Wehrmachtsveteranen bereisen ihre alten Frontabschnitte, wo sie litten, wo sie schweigen lernten, wo sie nach den alten Holzkreuzen suchen, die sie nicht finden, unter denen die Kameraden liegen, weil da jetzt unter Umständen Wohnblocks stehen, die es 43/44 nicht gab. Vertriebene bereisen Schlesien oder das Sudetenland auf der Suche nach idyllischer Erinnerung, aber auch im Kampf mit den alten Gespenstern aus den Tagen und Wochen im Frühjahr’45. Stasihäftlinge führen durch die Knäste der Ehemaligen in Cottbus und Hohenschönhausen und erzählen ihr Schicksal immer und immer wieder. Anfangs detailliert und ergreifend; mit den Jahren routiniert und mit immer mehr Kontextfakten verlangweiligt.

Und ehemalige Wehrpflichtige (ost) besuchen heute eventuell das NVA-Museum in Prora und möchten auf die Schaukästen kotzen: Schöne heile Wehrpflichtwelt!

Weder das „(KdF-)Dokumentationszentrum“ noch das „NVA-Museum“ werden der Geschichte des Ortes gerecht.

Also letztlich: Wozu das Ganze. Ist doch vorbei. Da vorn ist ein Andenken-Shop. Lets buy?

Die Dummen werden geschlachtet! Die Welt wird klug! (Grauzone)

Nee, leider siehts momentan nicht danach aus.

 

(Alle englischen Zitate: „To ascent“ – YES/2014)

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St. Georg von Österreich

In memoriam Georg Danzer (1946-2007)

Hallo Georg!

Hearst mi?

Oder siehst du mein Geschreibsel da herunten?

Wie geht’s da denn da oben, so nach die erschten Joahr?

Haste Kontakt zum Lennon? Oder bockt der, weil du besser warst als er?

Ich denk, das wird schon klappen mit euch. Wenn er dir „Imagine“ vorspielt und du ihm die „Ruhe vor dem Sturm“ oder „Traurig aber wahr“, dann passt das schon. Ihr dürft euch aber nicht vom Alten erwischen lassen. Der mag das bestimmt nicht, wenn ihr seiner Schöpfung so ans Bein pinkelt.

Aber ihr verzieht euch sicher eh auf eine ganz spezielle Wolke. George und der Hendrix dürfen noch mit, aber der Morrison soll halt nicht stören. Der hatte beim Ableben soviel intus, dass er jetzt noch alle um den Verstand labert, von den Butterflies und den Flöten auf der Wiese, you know? Klar auf den Dylan müsst ihr noch ne Weile warten. Hilfe! Wird das ein Personenkult werden, wenn der sich auf die ewige Reise machen wird. Vielleicht verteilt dann die amerikanische Regierung Gedächtnisjoints, „because the american Goethe is gone…“, nach dem Vorbild von Nordkorea dieses Jahr.

Dafür kommt inzwischen der Heesters zu euch rauf. Ich weiß, das sagt dir was. Hast ja auch ne ganze Reihe Couplets gemacht. Vielleicht zeigst du ihm den Weg, dass er den Moser und den Lingen findet?

Aber zurück zu dir.

2011 – das war dein Jahr. Ob du’s glaubst oder nicht.

Die haben jetzt deinen 65. gefeiert und alle deine Platten auf CD herausgehauen.

Schleuderpreis – aber Massenumsatz.

Was meinst du wie schnell bei amazon die Reviews ins Kraut schossen. Und alles Lob.

Bist und bleibst ein Großer hier unten. Das steht fest. Jedenfalls solange wie wir 60 geborenen noch Umsatz machen. Die späteren … na da übernimmt dann Xavier Naidoo. Jede Generation kriegt die Barden, die sie verdient.

„immer vor der Menschlichkeit verbeugen, auch wenn’s net zum besten steht.“ Du hast ja so was kommen seh’n.

Die ham dem Bushido dieses Jahr den Bambi für Integration übergeholfen. Der kann ja selber gar nichts dafür. Aber das wär ungefähr so, wie wenn dein „Kniera“ den Bambi für Zivilcourage bekäme, oder dein Wessely den für Völkerfreundschaft.

Wie war Weihnachten? Kannst dich noch erinnern an das alte Lied, das du dann endlich auf die „Nahaufnahme“ gepackt hast? Stimmts, das ist von „Malevil“ inspiriert gewesen, oder?

Weihnachten war 2011 prächtig. Wegen deiner CDs.

Da wurde mir erst heuer klar, wie viele meiner Wegbegleitersongs von dir stammen.

Sexappeal, damit ging es los 1977 in der aktuellen Schaubude. Damals hab ich noch geglaubt, du gehörst in die Frank Zander Liga. Aber kurz danach kamen die 10 kleinen Fixer – da war klar, dass ich dich umsortieren muss.

„Wenn die wieder auferstehn, werden sie sich wehrn.“ Das hat mir gefallen. Damals mit 17.

Wehren – wogegen? Gegen die Droge? Gegen die Umstände? Niemand hat ihnen die Drogen aufgezwungen. Heute weiß ich, dass die Nummer ganz schön diffus ins Leere läuft. Aber das ist in Ordnung so. Unmutsäußerung ohne Anleitung zur Weltverbesserung ziehe ich diesen penetranten Degenhardts und Biermanns tausendmal vor. Ganz so aufdringlich warst du nicht mal in deiner hölzernsten Phase in den späten 80ern.

Der Degenhardt hat doch tatsächlich die DDR gemocht. Von außen.

Ich hab sie von innen erlebt.

1979/80 war ich bei der NVA und hab dort verbotenerweise eine Kassette mit Songs von dir und Ambros gehört. Die Rekorder waren dort immer verplombt worden mit so Siegellack. Da musste man mit Rasierklinge drunterfahren und die eine Hälfte vorsichtig ablösen, dann die Lifttaste drücken und das komplette Siegel wurde angehoben, Kassette rein und fertig. Jedenfalls hatte da einer Songs von dir auf Kassette und somit hab ich deine „Freiheit“ und „Wir werden alle überwacht“ ausgerechnet bei der Fahne kennen gelernt. Einmal wäre uns fast der Politoffizier drauf gekommen. Das hätte für 6 Monate Schwedt sicher gereicht.

„Schwedt“ das klang in Militärkreisen wie „Bautzen“, nur schlimmer noch. Das hatte den Ruf eines sozialistischen KZs für Defätisten. Das kannte der Degenhardt natürlich nicht.

Du sicher auch nicht, aber du hattest allweil die besseren Instinkte.

Deine „Feine Leute“ LP hab ich dann nach der Fahne aufgenommen.

Die „Ruhe vor dem Sturm“ und die „Traurig aber wahr“ auch. Denn bei uns gabs derartig gefährliches Liedgut ja höchstens mit viel Glück mal auf dem Flohmarkt. Der in der Ehemaligen immer ein Schwarzmarkt war. „Gebts uns endlich Frieden“ kam heraus, als bei uns gerade die Schwerter-zu-Pflugscharen-Farce lief. Die Friedenskämpfer des Staates machten Jagd auf die Friedenskämpfer der Kirche und unsereins war gerade von der Fahne zurück. Du hast in deiner großen Freiheit 1967 versucht von „Spiegeleier mit Pommes frites“ zu leben und wir in unserer 1981/82 von Debreziner Buffet-Wurst und Schaschlyk, bis die Magenschleimhaut danke spie.

1984-1986 war ich ein paar Mal in Plauen, dort war einer der größten Märkte, jeden letzten Sonnabend im Monat. Paar Hunderter einstecken, hinfahren und hoffen. Da stand dann eines Tages deine „Unter die Haut“ –  mein erstes Danzer-Vinyl. Einen glatten Hunderter warst du mir wert. Aber mal ehrlich, deine beste Platte war das nicht. Ich war zunächst doch recht enttäuscht, bis ich drauf kam, dass die Songs da alle in der falschen Reihenfolge sind.

Hast du das selber so zerhackt?

Wenn man „Israel“ (wegen der kleine Jungs Perspektive) an den Anfang setzt, dann das pubertäre „Sexappeal“, dann „Haschisch“, danach „Zieh dich aus“ und schließlich „ich verlass dich“ hätte man eine prima A-Seite zum Thema „Schwierigkeiten mit dem Hormonpegel“ gehabt, die anderen Songs auf die B-Seite, fertig.

Na ja und „Militärisches Geheimnis“ ist jetzt nicht direkt ein Songdiamant geworden, stimmts?

Nachdem Studium, wenn man sich das erste Mal so richtig in der Praxis beweisen muss, kann man ganz gehörig aufs Maul fallen. Man, war das ne kipplige Zeit! Und wenn dich dann dein Chef nicht liebt, wie gut, dass es den Georg gibt! Deine Songs haben mich vor manchem Absturz bewahrt. Kein Scheiß. Aus deiner Unsicherheit machtest du nie ein Geheimnis. Dafür bin ich dir immer noch dankbar. Deine mutigsten Brüller sind doch in erster Linie dem Niederringen von Unsicherheiten geschuldet, hab ich recht?

„Der Schrei“, „ich will nicht mehr“, „ich steig aus“, „zerschlagt die Computer“, „traurig aber wahr“ – die Platte war die Bewältigungshilfe meiner 26er Krise. Wenn man die hinter sich hat, ist man erwachsen, sagt man. (Also die Krise mein’ ich, nicht die Platte.)

Dann war via Flohmarkt und Rundfunk lange nichts von dir zu erbeuten. Wenn ich heute nachträglich deine Platten aus der Zeit bis 1992 kennen lerne, stelle ich fest: verpasst hab ich da auch nicht viel, aber Hut ab vor deinem „Atlantis“ Cover.

Schnapp nicht ein.

In den 90ern hattest du ja wieder ein Dauer-Hoch. Wie Lou Reed.

Für „Große Dinge“ hätt’ ich dich zu gern umarmen wollen!

Und dann kam noch die „Nahaufnahme“ …“Kreise“ ….“Atemzüge“ … 4 auf einen Streich. Die Gedankenwelt des Endvierzigers. Damals hab ich das nicht vollständig zu schätzen gewusst. Heute steck ich in der Phase, in der du damals warst und kapiers. Ich hinke hinterher.

Du liefertest den Soundtrack

– für meine Spätpubertät,

– für meinen Mittzwanziger Blues,

– und schließlich für meine midlife crisis.

Fehlt nur noch, dass ich mir deinen „Träumer“ oder den „St.Johannpark“ für die eigene Beerdigung wünsche.

Thanx.

Früher oder später läuft man sich übern Weg da oben. Bis dahin – – –

pfleg ich weiter meinen „Zorn, den ma doch zum Leben braucht, denn ohne ihn (…) issma nie vorn.“

Donkda scheh.

(Geschrieben Januar 2012 für „Rockzirkus“ Bochum)

 

 

Im tanglerine Stream von Tangerine Dream

(oder auch: Prora-Klaps 2)

Prolog:

Eigentlich sollte es im Folgenden um Tangerine Dream und meinen Bezug zur Elektronik-Mugge gehen, ich wollte auch über Klaus Schulze und Reinhard Lakomy schreiben, aber ich kam vom Wege ab, weil sich da ganz etwas anderes Bahn brach.  „Sometimes the song writes you“(Guy Clark) Das Folgende schrieb sich selbst.

Die Namen sind geändert, die Zustände sind wahr.

Es schien mir abschließend geboten, diese Vorbemerkung einzuflechten:

Ich kam zur Armee mit blauäugigen Idealen von Kameradschaft. Ich erlebte sie im Rahmen meines Diensthalbjahres durchaus. Aber ich wurde nach 18 Monaten entlassen mit einem tiefsitzenden Vorurteil gegenüber “Fischies“, denn diese hatten es mir „Sachsensau“ eingetrichtert. Aber heute ist alles wieder gut.

Im Zeitalter der „Häschtecks“: # ich liebe euch alle # liebe love&understanding #ich bremse auch für Mecklenburger #heile-heile Gänschen # even Meckis feel the hurt # Hoch! die! interregionale! Solidarität!…

Und nun geht’s los:

Welche Assoziationen kommen dir, wenn du Band-Namen hörst wie Nazareth, Renft, Pink Floyd oder (setz ein, was du willst)? Wann hörtest du sie zum ersten Mal? Von wem wurden sie empfohlen? Wann entstand der bleibende Eindruck? Oder blieb vielleicht gar keiner?

Manche Antworten hierauf sind sicher unerheblich. Aber manchmal klemmen da so Schlüsselerlebnisse dran, die du nie wieder aus dem Kopf kriegst. Und die einen sind wunder-wunderschön und die anderen – – – äh – – – prägend.

In der 11. Klasse, kurz vor der Sturmflut des Punk kam in meinem Bekanntenkreis die Lust an elektronischer Musik auf. Befeuert wurde sie durch die positiven Erfahrungen, die wir dank Radioaufnahmen von „One of these days“(Pink Floyd), „Frank Herbert“(Klaus Schulze), Kraftwerks „Transeuropaexpress“ und mehr und mehr Liebe zu SBB-LPs aus der „Polen-Information Leipzig“ machten.

Dann, Zeitchen später, die Bänder voller Clash, Boomtown Rats, No Horizon, Pere ubu, Sex Pistols, sendete der Berliner Rundfunk in seiner Sendung „Duett – Musik für den Rekorder“ eine halbe Stunde Tangerine Dream. Es handelte sich um die zusammengekürzte LP „Cyclone“. Die wird von Liebhabern heutzutage eher nicht gemocht. „Bend cold sidewalk“ und „Madrigal Meridian“ hörten sich gut weg, hinterließen über viele Monate einen positiven, aber keinen bleibenden Eindruck. Dann kam die Fahne. Die Band wird in Ostberlin erwartet, wir aber werden nicht dabei sein:

Grundausbildung und EK-Bewegung (Landser-Slang-Erklärungen siehe am Ende), zwei Schocks in einem; für jemanden mit schwacher Lunge und jahrelanger Sportbefreiung; Exzesse, deren Folgen mit Glück an einem selber vorbeigingen:

Eines Morgens Mitte Dezember‘79: „Kompanie Gefechtsalarm!“

Statt Frühsport und dem üblichen morgendlichen „Verpissen“ nun also wiedermal Raustreten in voller Montur. Der deutsche Landser schleppt sich tot. Stahlhelm, Klappspaten, Gasmaskentasche Feldflasche, Bajonett, Magazintasche, Tragegestell mit „Jumbo“ (dem Ganzkörperkondom für den Atomkrieg) – Waffenempfang. 2 leere Magazine in die Magazintasche, das dritte in die Waffe, die verlängerte Kalaschnikow mit dem 2-Bein vorn am Lauf (genannt LMG) und damit noch nicht Plunder genug: LMG-Schützen haben unseligerweise zusätzlich auch noch eine bleierne Makarow-Pistole in die Innentasche des Drillichs zu schieben und mit Kordelstrippe am Knopfloch zu befestigen. Eh der Klimbim an dir verteilt ist, bist du schon das erste Mal fertig. Die Kompanie steht keuchend angetreten auf der Stellfläche vor der Treppe und erlebt den Batailloner, verbrauchter Endvierziger, grauhaarig, Bärenfotze (Sorry; aber die Militärpelzmütze hieß nun mal so), Pferdedecke (Langer Mantel), der zum frühen Morgen wütend vor uns hinundher tigert, dann abrupt stehen bleibt um die Meldung des Kompanie-Chefs entgegenzunehmen:

„Genosse Major! Kompanie XY gefechtsbereit!“

Die Hände auf dem Rücken, bellt er uns an:

„Gefechtsbereit! Dass ich nicht lache! Ihr kapierts nicht! Ich schleif euch das ein! Bedankt euch bei euerm 2. Zug! Erneut haben wir einen Vorfall, der sich so nicht gehört. Beinahe wäre ein Soldat des 1. Diensthalbjahres in eurem Sauhaufen heute Nacht zu Tode gekommen! Soldat Kriegoleid! Vortreten! Hiermit befördere ich Soldat Kriegoleid vorzeitig zum Gefreiten, weil er schlimmeres verhindert hat.“

„Ich diene der Deutschen Demokratischen Republik!“ antwortet der sichtlich überraschte Zwischenhund vorschriftsmäßig und ziemlich zerknirscht, weil er die Folgen dieser Gunst sofort weiß.

„Soldat Marquardt liegt zur Stunde im Med-Punkt. Und mich interessiert es einen Scheißdreck! (Pause) Ob nun hier die EKs oder die Zwischenhunde versoffener sind! (Pause) Das ist bekanntlich nicht das erste Mal im 3. Bataillon, dass jemand versucht sich umzubringen, weil er schikaniert wurde! Aber es wird das letzte Mal sein:

Kompaniiiie!!! Sti‘‘‘‘stan‘‘‘!

Hiermit bestrafe ich den 2. Zug mit einer Boddenrunde in vollständiger Gefechtsausrüstung. Antreten im Lichthof – sofort!“

Uff. Ich bin – 3. Zug.

„Die andern! Dienst nach Dienstplan. Rühren! Leutnant Schwiegert! Übernehmen Sie!“

Von diesem kam prompt: „Ko-Trupp stie‘‘stan‘‘! Zur Waffenabgabe räääächts -um! Ohne Tritt marsch!“, (während der Bataillonskommandeur sich auf den Lichthof begibt um den 2. Zug in Empfang zu nehmen und ein zweites Mal zusammenzuscheißen). Dann 1. Zug, dann 3. Zug zurück zur Waffenkammer, dann Abmarsch des 2. Zuges zum Härtetest „außer der Reihe“, Gewaltmarsch um den gesamten Jasmunder Bodden; vermutliche Dauer: fast der ganze Tag. Kein Frühstück; unterwegs 2 oder 3 Zigarettenpausen, durchgeschwitzte Rückkehr, Waffen putzen; das Abendbrot als erste Mahlzeit, miese Stimmung: Hass auf den frisch gebackenen Gefreiten Kriegoleid, den Petzer, das „Treibhaus“ (dem die Gefreiten-Balken auf den Schulterstücken nun gute 5 Monate zu früh gesprossen sind). Also wird er von nun an mit dem 1.Diensthalbjahr mit raustreten müssen, wenn es Dampf-Druck-Reviere (DDR) gibt: Stuben-und Revierreinigen unter schikanöser „Kontrolle“ seines eigenen Diensthalbjahres. Der fromme Wunsch des Batailloners blieb unerfüllt. Gegen die Quälerei der Diensthalbjahre untereinander war kein Kraut gewachsen. Nach 17:00 Uhr hielt sich in der Regel kein „Sacki“ mehr im Kompaniebereich auf, wenn nicht Wachdienst oder Nachtschießen bevorstand.

Herauszukriegen war, dass Marquardt mehrere Nächte lang kaum zum Schlafen gekommen war, weil er als „Glatter“ sogenannten „Betrieb“ bekommen hatte, immer wieder geweckt wurde, um den skatspielenden EKs und Zwischenhunden Kaffee zu kochen, oder eine „Spindkontrolle“ über sich ergehen zu lassen u. ähnliches mehr. Laut war es nie geworden, denn das betreffende Zimmer lag gegenüber von meinem und ich hatte absolut nichts mitbekommen. Irgendwann war M. so erschöpft und verzweifelt, dass er sich die Pulsadern aufschnitt. Kriegoleid hatte das Bett unter ihm und deshalb gerade noch rechtzeitig mitbekommen, was passiert war…

Und da hockst du nun in diesem primitiven Verbrecherhaufen als kleines unsportliches Abiturientlein, bekommst Menschenkenntnis im Schockverfahren verabreicht und fragst dich: Wie sollst du noch über ein Jahr lang diese Scheiße hier überstehen? Wann hast DU die Marquart-Karte?

Ende Januar 1980 war gerademal ein Vierteljahr herum, als es eines Abends nach Dienstschluss, nach der allabendlichen Bohner- und Scheißhausputz-Schikane und dem Abendbrot ausnahmsweise mal zu einem erfreulichen Ereignis kam: Von irgendwoher kamen diese TÖNE – wurden lauter – und plötzlich brüllte der Gefreite Röver(der sympatischste der EKs, ein Hippie aus der Lausitz, verständnisvoll auch gegenüber uns Glatten) mit unverwechselbarer Stimme: „Tür auuuuuf!“

Inzwischen gut dressiert springe ich vom Lese-Schemel auf und stehe mit 1 an der offenen Stubentür: „Los! Moachdog oalle STIMME an! Volle Pulle! Konzert!“ Wie befohlen – so geschehen: STIMME der DDR übertrug als Sonderkonzert den „DT64-Gig“ von Tangerine Dream im Palast der Republik. Da jede Stube mindestens ein Radio hatte und tatsächlich alle mitmachten, ging man die nächste gute halbe Stunde praktisch über die „Piste“(den langen Flur) in einem kosmischen Soundtunnel zum Scheißhaus oder in die Nachbarstuben auf Besuch und schrie sich an:

Klingt geil!!

Was?!

Klingt geiiiil!

Jaaa!!

Ab und an wurde der Genuss unterbrochen: Strom weg! Schlagartige Stille im Dunkeln. Wie immer flogen Türen auf und sofort ergab sich das Gebrüll: „Ufos raus! Ihr glatten Schweine!“ Die Glatten waren stets fürs Kaffee machen zuständig. Dafür gab es statt Tauchsiedern verbotene Ufos: Schnellkochvorrichtungen aus 2 Rasierklingen und ein bisschen Draht, der in die Steckdose „präzisiert“ werden musste. Geschah dies in mehr als 3 Stuben gleichzeitig, war der Strom weg. Der UvD stürzte an den Sicherungskasten, während alles „Ufos raus!“ brüllt und da diesem archaisch vorgetragenen Wunsch meist sofort entsprochen wurde, kehrt der Strom nach wenigen Sekunden zurück – und mit ihm der Sound.

Die EKs waren zum großen Teil musikbegeisterte „Kunden“; Hippies aus dem Süden der Republik, die Mehrzahl von ihnen vorbestraft wegen Rangeleien mit der Polizei anlässlich irgendwelcher Kundentreffen bei Konzerten oder wegen „asozialem Lebenswandel“, weil sie es verschmäht hatten, regelmäßig auf Arbeit zu erscheinen, wenn in der Nacht zuvor irgendwo ein Happening gewesen war. Vorbestrafte, Sonderschüler und Unsportliche landeten nun mal in Eggesin oder in Prora.

Die Zwischenhunde waren „Noadlichte´“, ost-elbisch strunzdumme Landeier. Die wenigsten von denen hatten die 10 Klassen geschafft, Knasterfahrung auch hier, aber nicht wegen polizeilich bedingter Kulturschlägereien, sondern wegen Einbruch, Fahren im Suff, oder Erntefestprügel. Die dachten von einem „Köhm“ zum nächsten, versuchten so militärisch desinteressiert aufzutreten, wie ihre EK-Vorbilder aus dem Süden, aber man spürte ihren heimlichen Stolz auf Uniform, Schützenschnur und das kleine bisschen Allmacht als „GUvD“ für 24 Stunden oder im Rudel, wenn es darum ging „Sing mei Sachse sing“ zu grölen, während wir „Sachsensauen“ vom 1. Diensthalbjahr bohnern mussten. Das Lied war dummerweise gerade „Hit“ und lief deshalb gefühlte duzendmal am Tag auf allen Ostsendern. Ich hasse es bis heute. Ich nahm mir im Stillen vor, in Zukunft jedem Mecklenburger mit allen 4 Gliedmaßen gleichzeitig in die Fresse zu springen, wenn er versucht, seiner Meinung nach Sächsisch zu singen: „Sing mein Sachsä sing! Es istn Eichending und och n grroußees Glääck umenn Zaubahr der Musäääg.“ Rums! Zahn raus! Pawlowscher Reflex.

Wir Glatten aus Thüringen und dem Großraum Halle mussten uns nun 6 Monate von einem unbeschreiblichen Gesocks alles Mögliche bieten lassen, nur mit dem Trost, dass nach dieser Zeit, die nächsten Glatten kommen würden, während die Fischies ihrerseits dann EK’s wurden, weil deren Vorgänger sich in die Freiheit verabschieden. Ossis mögen keine Ausländer? Ossis mochten sich untereinander schon nicht!

Die Tangerine Dream Klänge schufen eine Zeit-Oase, wirkten wie ein Gruß von zu Hause, erinnerten an die „Cyclone“-Aufnahme, an Stern Combo, an SBB. Ich genoss den Abend in Schlappen, Winterdiensthose, die breiten Hosenträger überm wochenlang durchgeschwitzten grünen Einheitspullover am braunen Plaste-Pott voller Fruchtsirup, (denn wenn du Cola kauftest, soffen die dir die EKs weg)…

…runde 400 Tage später, als ich endlich auch entlassen war, frisch erlöst die herbeigesehnten Segnungen genoss, Westplattenbesitzer geworden zu sein und mir jemand die AMIGA-LP (mit dem Foto von der Orange unter Kopfhörern) auflegte, da merkte ich, wie sich die Perspektive drehte: Zivil, zu Hause und im Sessel fand ich das schlagartig nicht mehr schön. 1980Nun tanzen die ANDEREN Bilder um mich herum Ringelrein, gegen die ich wieder genauso wehrlos war, wie gegen die realen Situationen, in denen sie zuvor  entstanden waren: von der „Piste“ und vom „Schlauch“(den Bohner-Fluren), vom Scheißhaus 3. Zug und den Fäkalien der Fischköppe, die nicht spülten, weil ja der Glatte eh gleich „Revier“ hat; von Kriegoleit und Marquardt, der nicht etwa ausgemustert wurde, sondern „wiederhergestellt“ worden war und brav seine 540 Tage abdiente, wie wir alle; vom Rostocker- und vom Bützower Ober-Assi (ach hätt’ich doch zwei Schüsse frei!); vom Wechsel auf den Schreiber-Posten in die andere Kompanie, vom Spieß in Keilhose und bekotztem Unterhemd, wie ich ihn mitten in der Nacht-  vom ebenfalls besoffenen Kompanie-Chef geweckt -, zusammen mit dem Uralfahrer aus seinem Schreibtischstuhl hochwuchtete und über die Piste schleifte, um ihn aufs UvD-Bereitschaftsbett zu knallen. Laufen konnt’er ja nicht mehr. Die hatten zu viert, mit zwei Feldwebeln in die anstehende Übung hineingefeiert, indem sie die beschlagnahmten Spirituosen der Landser-Pakete niedermachten. Dann warf ich den bekotzten Papierkorb durchs Fenster der Spießbude ins Außenrevier, holte die schwarzen Gummihandschuhe aus der Gasmaskentasche und wischte den daneben gegangenen Rest auf. Die Handschuhe gehörten eigentlich zum „Jumbo“, dem atomaren Vollschutz, fanden aber reichlichen Gebrauch im 1. Diensthalbjahr, wenn der EK aus dem Ausgang kam und einfach in die Stube pisste, oder ein Mecki beim Scheißen die Schüssel nicht traf…

Zu Hause will ich das Verdrängen. Was anfangs kaum gelingt. Ich verzichte auf die Platte.

Obwohl gerade jener Spießleichentransport noch eine Pointe hatte:

Andern Tags nämlich begann die „Waffenbrüderschaft 80“, das große See-Landemanöver; natürlich mit Gefechtsalarm. Als wir diesmal bereit zum Abmarsch standen, staunten wir nicht schlecht: KC und Spieß hatten um Mitternacht praktisch eine „alkoholische TGL“ (Teilweise Gesichtslähmung); um 6 Uhr morgens standen sie in tadelloser Anzugsordnung, allerdings windschief und leichenblass, vor uns. Das Reden überließen sie dem Politnik, Leutnant Glaubrich, der in der Nacht zuvor nicht mit von der Partie gewesen war:

„Wir! Die Kommunisten der Einheit Kriepsch! Verpflichten uns zu bestmöglichen Leistungen bei der bevorstehenden Herausforderung…rhabarber-rhabarber…“

Da vernehme ich neben mir im schönsten Schweriner Mecki-Deutsch:

„Ach! (Pause) SO sehn Kommunisten aus, du? Hassu die diä so vOrgestellt? Schreibee´? DIE solln wir uns zum Vorbild nehm? (Pause) Findssas guhut? Du? (Pause) Oder nich‘?“

Der unnachahmliche Humor des Uralfahrers. Um ihn herum kicherts.

Nekrolog:1986

Erst vor kurzem stolperte ich in einem Blog über den langvergessenen Namen Tangerine Dream. Irgendwie angefixt machte ich mich auf die Suche und hörte auf youtube die komplette „Pergamon“-LP durch. So heißt der Ostberliner Auftritt von 1980 seit 1986 als Westpressung. Schöne Musik eigentlich. Aber während sie lief, ging im Kopf der alte Alb von ehedem wieder los:

Tür auuuuf! …. EKs, wo seid ihr! ….Das Bett bleibt leer, der hier liegen müsste, sitzt in Schwedt… Schreibä! Zum Spieß, sofoad! …. Und ich warte praktisch darauf, dass wieder der Strom ausfällt … Ufos raaaus! … dass sich mein Naumburg-Kaffee-Pott in der Hand -hassunichgesehjn- in einen braunen Plastebecher verwandelt…

Schüttelfrost. Rache-Halluzinationen. Gewaltfantasien.

Ich hielt bis zum Ende der Platte durch. Aber es war seit 1981 das erste- und sicherlich auch das letzte Mal in diesem Leben. Tangerine Dream? No-Go.

 

Slang-Führer:

  • EK-Bewegung = Knasthierarchie, Tretmühle: 1. Diensthalbjahr muss leiden, 2.Diensthalbjahr muss/darf das erste schinden; 3. Diensthalbjahr hat nach Dienstschluss (17 Uhr) Ruhe, weil es sich auf die Entlassung vorbereitet
  • Batailloner = Bataillonskommandeur;
  • Sti‘‘stan‘‘ = still gestanden!
  • Sacki = Tagesack; Offizier (hat noch mehr Tage abzudienen als ein Glatter)
  • UvD = Unteroffizier vom Dienst; auch Brüll-Affe genannt; 24 Std. „Tür auuuf!“ brüllen und Befehle aller Art ausrufen
  • GUvD = Gehilfe des Unteroffiziers vom Dienst
  • Glatter = Soldat im 1. Diensthalbjahr, seine Schulterstücke haben noch keinen Knick.
  • Zwischenhund = 2. Diensthalbjahr, Schulterstücke längs gefaltet bilden die Tagerinne, damit die Restzeit schneller ablaufen kann; er schindet die Glatten, damit der EK seine Ruhe hat;
  • EK = Entlassungskandidat, meistens Gefreiter, drittes und letztes Diensthalbjahr; kann sich vor Wach-und Küchendiensten drücken und „seinen Stuben-Glatten“ dafür schicken;  dass dieser dann Doppelschichten hat, spielt keine Rolle
  • Schreiber – einige wenige Soldaten hatten das Glück „Spießschreiber“ zu werden; sie gingen demzufolge seltener mit „raus“ auf den Acker, weil sie die Arbeit des Spießes erledigten; das hatte seine Vorteile, wenn man einen dankbaren gutmütig-doofen Spieß hatte. Es gab aber auch Typen, wie meinen, die dem Schreiber (aus dumpf empfundenem Minderwertigkeitskomplex heraus) Bildung und alkoholische Zurückhaltung im Ausgang übelnahmen. Und dann war Schreibersein auch nicht so lustig.
  • Uralfahrer – war der andere Sonderposten: Der Spieß-Ural, war ein Gepäck-LKW schwerer russischer Bauart, auf dem die Sturmgepäcke der Kompanie ins Gelände gefahren wurden. Der Uralfahrer wartete den Lkw tagein-tagaus; Schreiber und Uralfahrer teilten sich eine 2 Mannstube.
  • Boddenrunde = Rügen hat zahlreiche Flachwasserbereiche; der Jasmunder Bodden ist der größte; die Boddenrunde kam pro Halbjahr ein oder zweimal vor, weil der Alkoholmissbrauch nicht in den Griff zu kriegen war;
  • Alkoholbesitz/-konsum in NVA Kasernen – war durch den „Befehl 30/74“ verboten; praktisch aber nicht durchsetzbar; schon gar nicht in einem Regiment, wie dem MSR 29, in das vorwiegend alles das einberufen wurde, was man anderswo nicht haben wollte: Vorbestrafte, Asoziale, Schulversager, Hilfsarbeiter, angehende Künstler, Dreiviertelausgemusterte. Die Saufgelage mittels eingeschmuggeltem 90%igem Primasprit (verdünnt in Limonade) führten u. U. zu schweren Schikanen von einzelnen Glatten, weshalb es ab und an auch mal drastische Bestrafungen seitens der Offiziere gab – eben: Boddenrunde oder Arrest.
14a Zustimmung

gefunden in „meiner“ ehemaligen Waffenkammer; Prora 2014

On the Prog Path (9)

„My heart is going boom-boom-boom…“

Solche Scheiße hat der bei Genesis nie gemacht.

„Solisbury Hill“ war draußen und schockte die Gemeinde der 17-18jährigen Progheads da im Osten. Mit den Englischkenntnissen war es mengenmäßig betrachtet nicht weit her und so genügte diese eine Zeile den ehemaligen Mr. Tiefsinn in die Schublade von Monika Herz, Regina Thoss und Hans-Jürgen Beyer zu verfrachten. Aus.

Gabriel verarbeitete hier seinen überstandenen Genesis-Frust. Die Frotzeleien von Rutherford und Collins. Er feiert sein Befreitsein nach dem großen Ballastabwurf.

Ich hatte eine Zeile mehr verstanden: „Eagle flew out on the night“; wodurch spontan eine anheimelnde Verbindung zu den Kupferstichen aus dem „Guten Kameraden“ von stürmischen Nächten am Meer bzw. heimkehrenden Kreuzrittern und im Morgennebel auftauchenden Heimat-Burgen entstand. Mir gefiel der Song auf Anhieb, aber ich schwieg zu all dem Schulhofspott.

Stück für Stück und Zeile für Zeile erschloss sich da bei jedem Hör ein sehr gekonnter Text. Es sollte im Falle von Peter-Gabriel-Dichtkunst nicht das letzte Mal sein. Nach ein paar Wochen oder Monaten kippte auch die Mainstreamstimmung „der Kader von Morgen“ an der „höheren Bildungsanstalt“ von pfui auf hui, als „modern love“ von Kassetten und Sammlerbändern knallte, wenn Schul-bzw. Klassendisco war: Fast Punk! Kuhl! (Yeah Man! Wir schrieben das wirklich so!)

Im Nachhinein war die Zeit 77-79 DIE Phase mit der größten Gleichzeitigkeit der widersprüchlichsten Erfahrungen, die es kennenzulernen galt und die spielerisch und auf eigenartige Weise ungestresst ausgehalten wurden: der Tod von Großmutter, Opa und Hund1, der Umstieg von Kassettenrekorder auf Spulentonband, die ersten beiden Liebesunentschlossenheiten, Fahrerlaubnis Moped, Tanzstunde, Fahrerlaubnis Auto, nebenbei Punk sein wollen, aber weiterhin auch Progrock mögen; trotzdem über deren Gigantismus spotten und sich gleichzeitig danach sehnen, irgendwann einmal live in einem Yes-Konzert zu stehen

„bei dem die Band zuvor Lautsprecherboxen in die Deckenkuppel hängen ließ, um den Schall zu schlucken und somit gute Akkustik zu erzeugen“, wie der Hessische Rundfunk da unlängst aus Frankfurt/Main anlässlich der „Going for the one“ Tour berichtete…

Inzwischen trösteten die Rockpalast Festivals über den „Mauerschaden“ hinweg.

Erst die Gallagher-Fantum-Explosion (noch zu Kassettenzeiten) und bald darauf „Peter Gabriel live!“ und diesmal ist der Jupiter eingestöpselt für die Komplettmittschnittpremiere.

Aber da war noch Steigerungspotential: Wenige Wochen später kam Udo mit einem geborgten Band an, auf dem sich zwei LP-Aufnahmen befanden: Genesis „Trespass“ und „Peter Gabriel“ (die erste)!

Oh, das war was gaaaanz anderes als jene elenden Yes-Kassettenmitschnitte zuvor! Diesmal klang es hinterher auch auf unseren Bändern herrlich! Und überhaupt: „Lord here comes the flood!“ – was für ein Brecher!

Das verbesserte unsere Lage ruckartig.  Wir hatten nun was zu bieten! Vor allem die „Trespass“ war alsbald begehrt! Die war selbst den „Kennern“ unbekannt. „The Knife“ kannten zwar ein paar, aber lediglich in der Live-Version von der späteren LP. Unser Studiovariantenbesitz trug uns Beute ein: Queen „Jazz“, Lynyrd skynyrd „Pronounced…“ und endlich eine erste Yes-Aufnahme-Chance direkt von Vinyl: „Tormato“!

Was wird die heute bespöttelt, in Grund und Boden kritisiert, für wertlos befunden! Gottlob lernte ich sie kennen, als es den pseudoakademischen Schmäh des Internets noch gar nicht gab.

Die Erhabenheit von „Madrigal“, das Ohrwurmmotiv von „don’t kill the whale“ (die Textaussage nicht minder!), die geniale Song- und Arrangement-Idee von „circus of heaven“, der kryptische Text von „release, release“! Hach! MEINE Musik! Eben einfach YES!

Udo kaufte schließlich Genesis „…then there were three“ und hatte somit das erste eigene Westvinyl, was wiederum Begehrlichkeiten anderer Platteninhaber weckte: Barclay James Harvest flatterten so ins Netz, Elvis’ens „Moody Blue“ –

„I’ll tell the man to turn the jukebox way down low
And you can tell your friend there with you he’ll have to go…“

Gehen würden wir alle müssen. Das war so üblich nach’m Abi. Im Herbst. Wie alle Jahre so auch 79:

Auf einmal hast du so eine kleine blaugraue Klappkarte im Briefkasten und einen Kloß im Hals: Einberufungsbescheid nach Prora/Rügen PF 31130/c2. Nie gehört. Das las sich im Saaletal wie Stalingrad und war reichsbahntechnisch auch fast so weit weg. Proransk eben. Der Arsch der Welt. Im Haack-Weltatlas der DDR nicht zu finden. Geheimhaltung! Militärisches Objekt!

Dort würden die Radiogeräte auf der Anzeigenskale kleine Pflasterstreifen haben, wo die Ostsender liegen. Wer einen Radiorekorder mitbringt, würde sich vom Spieß das Kassettenteil verplomben lassen müssen. Rund 540 Tage würde diese Entsagungsphase dauern und nur 18 Tage Urlaub würde es geben! Das war bekannt. Auf EK-Schikane und Rassenfrage („Sachsensauen“ gegen „Klippenkotzer“ und „Wrukenfresser“) waren wir nicht vorbereitet.

Wenigstens in musikalischer Hinsicht kam es besser als erwartet. Ich lernte bereits während der Grundausbildung MEINEN Dealer kennen: Westplattenkauf per Wunschliste. Davon konnte ich vor 79 nur träumen.

„My heart was going boom-boom-boom“ bei jeder seiner Vollzugsmeldungen, wenn er aus dem Urlaub kam: „Die Bowieplatten sind da. Meine Mutter schicktse an deine.“ …. „La Düsseldorf und Oldfield kannste bezahlen, meine Mutter hat se losgeschickt.“ … allerdings auch „Ian Hunter, die „shizophrenic“ war’n guter Tipp von dir. Die behalt ich selber. Die nimmste ehm nach dor Asche bei mir of.“ Immerhin‘n Hunderter gespart – für noch’n Wunsch mehr…

Langsam erklomm somit auch ich MEINEN „Sonnenburgberg“, denn mit jedem verstreichenden Monat und jedem Plattendeal „hinter der Front“ daheim meinte ich den „Eagle“ deutlicher und deutlicher „flewen“ zu sehen:

…He was something to observe
Came in close, I heard a voice
Standing, stretching every nerve
I had to listen, had no choice
I did not believe the information
Just had to trust imagination
My heart was going boom, boom, boom

Aber erst in der Nacht des 29. April 1981 beim symbolischen „Löffel abgeben“ am Kasernentor; als die plattgewalzen Emaille-Löffel der EKs MEINES Diensthalbjahres auf die Regiments-Avenue klimperten, war er wirklich gelandet:

„Son,“ he said, „grab your things
I’ve come to take you home“.

Kastanien III

Der Moderator auf HR3 verstand seinen Job. Kein Frohsinnerzwingendes Dampfgetalke, wie heute üblich, sondern sachliche Information über den Ostpreußen, der nach Amerika ging, eine Band gründete, die er nach einem Roman von Hermann Hesse benannte und mit der er den folgenden Hit landete:

Like a true nature’s child
We were born
Born to be wild
We can climb so high
I never wanna die
Born to be wild
Born to be wild

Der Teeny da hinter dem eisernen Vorhang hatte gerade „Wolfsblut“ von Jack London gelesen, „Steppenwolf“ schien so was ähnliches zu sein. Ein Ostpreußen-Ami am Mikrophon – klar, dass da beide Daumen die Tasten drückten und „Born to be wild“ aufs Band bannten, gleich hinter „Band on the run“ von Paul McCartney & the Wings. Da es sich um eine Oldies-Sendung der Mit70er handelte, gerieten gleich dahinter noch the Move mit „I can hear the gras grow“ und Janis Joplin mit „ a woman left lonely“ und somit entstand eine Kassettenseite, die regelrecht durchsichtig gedudelt wurde – damals 1976!
Heute klingt die Originalversion derart abgedroschen, dass ich lieber auf die CD „RENFT live 2010“ verweisen möchte: 10 Minuten „born to be wild“, gespielt von Gisbert Piatkowski an der Gitarre, der sich durch die Rockgeschichte zitiert, dass es SEINE Art hat!

I like smoke and lightnin‘
Heavy metal thunder
Racing in the wind
And the feeling that I’m under

Der Teeny aber wurde 3 Jahre später 19 und kam zur Armee. Und obwohl er alles, was mit dem Thema NVA zu tun hat, bis heute konsequent verabscheut, muss er in einem Punkt doch eine Ausnahme machen: Der Drill, die Schinderei und die Erniedrigung bescherte ihm eine ruckartige Erweiterung seines literarischen Horizontes: Leseratte war er nicht wegen- , sondern TROTZ des erfolgten  Deutschunterrichtes geworden! Literarische Bandbreite bekam er nun nicht wegen etwaiger propagandistisch gewollter Erleuchtungen, sondern TROTZ verordneter, gewollter Verblödung. Bisher musste sein Lesestoff „Action“ haben! Abenteuer! Kampf! Wildwest, Mittelalterschlachten und die Weltkriege! Denn der Schulalltag war langweilig genug!

Nun aber gab es ungewollt mehr Abwechslung, als ihm lieb war: DDR = Dampf, Druck, Reviere; womit das „Stuben-und Revierreinigen gemeint war, dass von den „Zwischenhunden“ genüsslich zur Domestikation der „Glatten“ genutzt wurde. Entwürdigungen nach dem Dienstdrill, die zehrenden Hass erzeugten!

Um wachsende Amok-Gelüste weiter aufschieben zu können, musste beruhigender Lesestoff gefunden werden. Wunderbarer Weise hatte ein Kamerad desselben Diensthalbjahres ein Fischer-Taschenbuch mit Hesse-Novellen im Spind. (Hesse – zum Zweiten!) Der Name gewann an Bedeutung: Heumond, der Zyklon und zwei weitere, die aber gegen diese beiden nicht ankamen, waren der Inhalt des Bändchens. Beim Lesen wunderte sich Großmutters Enkel noch, dass ihm derartig impressionistische Handlungslosigkeit plötzlich gefiel. Zuhause hätte er das nie zu Ende gelesen! Jetzt aber, auf dem Hocker vor seinem Spind im Koloss von Prora, sah er sich beim „Heumond“ lesen selber wieder zu Hause im Garten unter dem Nussbaum, wie er sich da genüsslich durch einen Meter „Alexandre Dumas – Gesammelte Werke“ fraß … und der „Zyklon“ zauberte ihn zurück zu jenem denkwürdigen Wolkenbruch, als er ein wenig zu spät aus der Badeanstalt am Blütengrund aufbrach, um daheim die Schildkröten aus dem Garten zu bergen, bevor dieser in den Wassermassen ersoff. 13 war er damals. Als Held hat er sich gefühlt. Gegen die Strömung der Sturzbäche, die vom Buchholz her herunter tobten, schob er sein Fahrrad bergauf, den Monsunguss von oben stoisch ertragend, an der Frage kauend: Wie lange würden zwei Landschildkröten diese Wassermassen aushalten? Ab wann droht ihnen die finale Lungenentzündung?

„Tür aaaauuuuf! Erstes Diensthalbjahr rrrrraustretten zum Sssstuben-und Revierreinigen!“ Da brüllt er wieder, der Fischkopp mit dem Karpfenblick. Klippenkotzer, der! Rostocker! Freigeben für Kernwaffentests sollte man das Kaff, dass solches Pack gebärt!
Ich lese gerade die letzten Sätze des Zyklon und trete als letzter „raus“. Wie immer bekomme ich das “Scheißhaus dritter Zug“ als Revier. Das hatte ich abonniert, weil ich einen wahrheitsgemäßen durchaus gebremsten Wandzeitungsartikel geschrieben hatte, über die ersten 14 Tage bei der NVA. Eigentlich enthielt der nur einen wirklichen Kritikpunkt: Kein warmes Wasser für die Mannschaften. Eigentlich hätte mir das die Kameradschaft aller Diensthalbjahre einbringen müssen, aber stattdessen gebärdeten sich besonders der Rostocker Textilflacharbeiter und der Bützower Fliesen- le-schräger als die Rächer der NVA: „Der Sachsensau gefällt das wohl nich hi-ehr? Du? Das magst kaum glauben, du?“

Heute war’s egal: Einmal mehr sah ich davon ab, einen von denen im aufgedrehten Pissbecken zu ersäufen. Früher nur aus sachlicher Einschätzung meiner muskelmäßigen Unterlegenheit; heute, weil ich über das gerade Gelesene nachdachte:

Der Zyklon beschreibt die Stimmung eines jungen Mannes, der für eine Müllerstochter schwärmt, an die er sich jedoch nicht heranwagt. Deshalb „stalkt“ er die Mühle, würde man heute sagen. Ein Unwetter braut sich zusammen. Er verlässt seinen Beobachtungsposten am Berghang und will nach Hause – muss sich aber unterwegs unter stellen und den Wolkenbruch abwarten. Als der Himmel wieder klar ist, erreicht er „seine“ Straße und erschrickt. Der Sturm hat alle Platanen geknickt. Seine gewohnte Jugendidylle gab es nicht mehr. Alles wirkt fremd.
Die aussichtslose Liebe, die kreuz und quer liegenden Bäume, die zertrümmerte Kindheit – nun hielt ihn hier nichts mehr. Er war bereit Abschied zu nehmen.

Die Melancholie der Erzählung besänftigte den in mir brodelnden Orkan. Ich grübelte beim Schrubben, welche Allee in der schönsten Stadt der Welt ein Sturm wohl knicken müsste, damit ich so denken könnte wie Hesse.

Lindenring? Medlerstrasse? Lepsiusstrasse?

Ich würde vermutlich trotzdem nicht wegwollen!
Dann kam der Kompanieurlaub. Runter von der Insel! Befreit und voller Vorfreude fuhr ich gen Süden: Dort würde ein Plattenpaket auf mich warten, wenn der Dealer kein Betrüger ist!
Ich laufe beschwingt vom Bahnhof im Saaletal hinauf in die Stadt, nehme die Stufen am „Goldenen Hahn“ mit Schwung, erreiche die Kreuzung am Knast – und die Reisetasche fällt mir aus der Hand! Ich stehe wie erstarrt. DAVON hat mir niemand geschrieben:
Nackt liegt die Kreuzung vor mir. Die hässlichen 08/15 Neuzeit-Mauern vor dem Hauptgebäude sind sofort gut zu sehen, denn nichts verstellt den Blick: DA IST KEINE KASTANIE MEHR!
Hesse brauchte eine ganze Allee. Mir reichte ein Baum. Meine Stadt war nicht mehr dieselbe.
Nun war ICH Hesse. Ob ich wollte oder nicht: Die Kindheit war vorbei.

Prora-Klaps

„Irgendwann werd ich mal“ – nee, nicht Renft singen, sondern mich im Koloss von Prora einmieten. Sicherheitshalber nur für eine Nacht. Und dann werd’ ich wissen, ob man da schlafen kann, oder ob mein alter Spieß wieder neben meinem Bett auftaucht oder mein schlaksiger KC mit dem fiesen Grinsen; am Ende vielleicht sogar dieser widerliche kleine Rostocker oder der blonde Fiesling aus Bützow (Soldaten wie ich, ein Diensthalbjahr über mir) die die „Glatten“ quälten, frei nach der Devise: „Ich bin nichts, ich kann nichts, gebt mir eine Uniform!“ Typen wie die, Kameradenschweine, Schinder, hielten die Manneszucht aufrecht. Solange der prollige Mitläufersadismus existiert, haben die „Säcke“ nichts zu befürchten und nur halbe Arbeit. Man reißt seinen „Ehrendienst“ ab, mancher behauptet, es bräuchte nur eine Arschbacke und im Nachhinein sei’s ein Lacher gewesen – mancher jedoch brauchte beide Backen und der Lacher kam erst durch die Genugtuung, dass sich dieser Kanonenfutterdrillverein 1990 selber abwickeln musste und einige sogar beim Klassenfeind Speichellecken gingen, um einen Dienstgrad tiefer noch Verwendung zu finden!

Nach der Aschezeit galt für mich ehern:

„3 Worte genügen! Nie wieder Rügen.“

Seit 1998 wurde ich dem Prinzip untreu. Und immer, wenn mich alle paar Jahre mal meine Wege nach Ralswiek oder Sassnitz führten, war ein Abstecher zum Koloss drin, um die alten Demütigungen am dortigen Verfall gesunden zu lassen.

Kann heute noch jemand nachvollziehen mit welchem Most im Kopf man nach 18 Monaten Eingesperrtsein dort endlich wieder raus kam?
Welche Euphorie und wie viel Amok-Lust sich da Paroli boten?
Wie man sich ins Held- und „Resi“-Sein* hineinsteigerte, um all die erlebte Unfairness und strunzdämliche Propaganda zu vergessen?

1981 empfing mich zu Hause im Radio die NDW mit Interzone, Fehlfarben und Cats TV „Ich gehe nie mehr nach Cuxhaven! NEINNEINNEIN! … Ich fühl mich wie ein Indianer! Ins Reservat gedrängt! Oh wie toll!“ Auch ein Negativ-Küstenerlebnis, wenn auch woanders.

2015 nun gibt es von Bear Family Records bereits zwei genial kompilierte Doppeldecker namens „Aus grauer Städte Mauern“ und darauf eben dieses Cats TV-Stück „Koxhaven“, aber noch wichtiger: Interzones „Berlin West“! Der Urschrei über verdrängte, nicht gern gesehene, Zustände.
Und eben solche Zustände hatten mich in den ausgestandenen 18 Monaten beherrscht. Keine Heroinprobleme zwar, aber Leben unter Underdogs, die ihren regelmäßigen „Schluck“ brauchten und in Ermanglung von Alkohol Rasierwasser soffen, geführt von Feldwebeln, die aufgekohlt** hatten, weil sie draußen in der LPG zu blöd waren, mit dem Jauchewagen gradeaus zu fahren! Und die Offiziere? Waren meist intelligent genug, zu kapieren, welch ein Fehler es war, diese 25 Jahre zu nehmen. Die hatten an ihren „Tagen“ zu tragen und soffen sich die Lage schön. Die Schießergebnisse interessierten sie, das nächste „Rohr“***. Die Leute nicht.

DAS erzählen sie nirgendwo in den verlogenen Militärgazetten, in die bisweilen auch eigenartig milde Artikel über die NVA geraten, die von einem „guten Kampfgeist der Truppe“ schwätzen. Davon erzählt auch nicht das Armeemuseum im Koloss selbst, alles eitel Sonnenschein und der Rest ist KdF-Bau-Mystik.

Veteranen der Bausoldaten, die als quasi-Wehrdienstverweigerer besonders schlecht behandelt wurden, wollten in den 90ern dort eine Gedenkstätte gründen und scheiterten an der vorort lebenden Ex-Offiziersmehrheit.

Nun wird alles saniert und als Steuersparmodell Appartementweise verhökert.
Urlaubs-Idyll mit Meerblick. Ich beging in diesem Jahr den Fehler, mir eine Musterwohnung nicht nur anzusehen, sondern auch „erklären“ zu lassen.

Deshalb fuhr ich diesmal wütender nach Hause als im vorigen Jahr, denn dieses vergessenmachende Maklergequatsche störte mich extrem.

Ich bedröhnte mich auf der Heimfahrt mit Part 2 des GrauenStädteMauernSounds.

Interzone „Blnw“ repeat-repeat-repeat…

Und so ist das Folgende entstanden:

Was ist denn los in Prora-Nord
Die ganze NVA ist fort!

Offz-Familien? Großer Jammer!
„Ich nehm mirs Leben!“, schreit die Mama!
Papa, hol Investor her,
Sonst stürz ich mich ins wilde Meer!

Es ist so viel geschehn
Könnt ihr mich denn verstehn
In Prora-Nord, in Prora Nord!

Der Koloss stand und er verfiel
Das war das Immobilien-Spiel!

Das alte Army-Personal
Erlebte seinen tiefen Fall
ABM warf nichts mehr ab
Schulden, Suff und schnell ins Grab.

Eines Tages dann Trara
der Sohnemann vom Busch**** ist da!

Des roten Sängers Filius
erwirtschaftet dann Überschuss
für sich natürlich und die seinen
das will mir klassenfeindlich scheinen

Es ist so viel geschehn
Könnt ihr mich denn verstehn
In Prora-Nord, in Prora-Nord!

Renoviern und dann verkoofen
Die Wehrdienstopfer sind die Doofen!
Das Kapitel wird versteckt
Ob „Schwedt“, versehrt oder verreckt!

„Bausoldaten wolln Gedenken?
Dafür sollte man sie henken!“
Wenn die Touristenwelle rollt
DER FÜHRER HAT’S JA SO GEWOLLT!

*    Resi – Reservist, also Zivilist!
**   aufkohlen – Wehrdienstzeit verlängern.
***  Rohr – Flasche Schnaps

**** Busch – gemeint ist Ernst Busch

   13 Boddenrunde oda wattkopie1 06 UvD Sicht 2

18 Gefechtsalarm  08 Piste Prora

34 Ihr habt doch gesiegt    35 Danke

Alle Fotos: Bereich der ehemaligen Ernst-Moritz -Arndt-Kaserne des MSR 29/ III. Bataillon, vom Sommer 2014 vor der Entkernung.