Riders on the glow (4)

 „Man weiß am Ende aller Reisen doch immer wieder nur die Erde rund….“ (A.Heller)

Letzter Teil unseres Hitzetrips 2018. Weniger Text diesmal. Aber meine 3 Lieblingsfotomotive wollte ich noch verewigen. Es lebe der Rupertiwinkel, abseits der Pfade des Massentourismus. „Das kann auch ruhig so bleiben. Wenn uns der Tourismus erst entdeckt, wird’s schnell zu viel.“ (O-Ton unserer Pensionsvermieterin; weshalb ich in „Riders on the glow“ auch lieber mit allzu genauen Ortsangaben spare.)

  1. Eine Watzmann-Saga

„Gefolgt sans ihm tapfer, aber der Berg der wüll sei Opfer“ (W.Ambros)

Der Ö3 hatte in den späten 70ern eine Sendung, die hieß „Musik für mich“. Wie kommt jetzt der Ossi auf den Ö3? Der NDR 2 schaltete sich jede Freitagnacht zu später Stunde zu. Und immer, wenn bei „Rums“ auf HR 3 nichts los war, hörte ich freitags eben „Musik für mich“. Die Sendung war seltsam gestrickt. Eine kurios stimmige Mischung aus Schlagerkram, Chanson, Wiener Lied, Filmmusik bzw. Big Band Jazz und ab und an so Raritäten wie „Lauf Hase lauf“ gesungen von Wilfried; geschrieben jedoch von keinem geringeren als Georg dem Großen (Danzer). Auch Ambrosens „Hofer“ geriet so aufs Band. Charles Aznavours „Du lässt dich gehen“ ließ mich vor Lachen fast aus dem Bette falln, aber aufnehmen konnte man das nicht. Wenn das die Angebetete dermaleinst auf deinen Bändern findet – isse weg!

Hier war es auch, dass ich „das Lied vom Watzmann“ zum ersten- und für lange Zeit zum letzten Mal hörte. Die Aufnahme ging mir durch die Lappen. Die obengenannte Zeile blieb im Gedächtnis, denn:

Wiederholt irrte ich durch Antiquariate auf der Suche nach Schätzen aus „guter alter Zeit“ oder nach Büchern mit Titeln, wie sie im Gespräch zwischen den Älteren im Tonfall der Anerkennung mal gefallen waren. Und immer mal wieder lagen dann da auch so dicke Wälzer vom Deutschen Alpenverein oder von Sven Hedin Reisen anderswo in Gebirgen. Ihre Aufmachung verführte mich immer wieder zum Blättern und herumlesen, nie zum Kauf.

Da fehlten die Katastrophen, die Abenteuer, aber da waren auch diese kupferstichigen großen (manchmal ausklappbaren) Illustrationen. Die prägten sich ein.

„Hannibal“ wurde gelesen: Mit Elefanten über die Alpen! „Die Zeit der Sachsen-Kaiser“ verschlungen und die vergeblichen Italienzüge der Ottonen kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen: In Eisenrüstung über die Alpen. Beschlagene Pferde auf vereisten Pässen! Tortur pur!

Gebirgsromantik krallte mich. Wenn man DA durch war, dann konnte man erzählen! (Und der innerliche Grusel lacht dich aus.)

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Schicksalspanorama

Der Song vom „Berg“ gehörte zu einem Konzeptalbum, war zu erfahren, dass man „Rustical“ nannte. Was das sein soll, war nicht zu erfahren. Ein Zweitsong als Hörprobe erklang nicht. Also entstand in mir die übersteigerte Erwartung nach so etwas wie Achim Reichels „Regenballade“(n)-Werk mit textlich rotem Faden. Mystisch, düster, heldisch, dramatisch. Soundtrack zu antiquarischer Gebirgskriegslektüre. Hätte ich damals gleich erfahren, was für ein alberner Scheiß das Komplettwerk eigentlich ist, hätte sich a) das Watzmannzitat nicht eingeprägt und b) wäre ich nicht 2018 noch, ein Gedenk der Jahrzehntelangen Falschverehrung (und laut TomTom-Irreführung) einen aberwitzig steilen Einspurpfad nach Maria Gern gefahren, um anschließend die Marxenhöhe zu erklimmen, um endlich ein brauchbares selbstgeschossenes Foto vom Watzmann zu erbeuten. Rückzu fuhren wir auf wesentlich ungefährlicherem Hauptstrassen-Pfad wieder heim zur Pension. Ende gut, alles gut.

 

 

  1. Von Wichteln, Lustmolchen, Nachtengeln und Fledermäusen aus der Hölle

Es gibt in jeder Region der Welt Legendenorte, die die Volksphantasie beflügeln. Ob Restpreußen, Saaletal oder Berchdesgadener Land. Irgendeine Wahrheit aus alter Zeit wird halbvergessen und deshalb falsch ergänzt weitererzählt und manchmal bleibt ein realistischer Kern und ein andermal wirds ein Märchen. So zum Beispiel die Venezianer-Wichtel, die im Forst spuken, weil im späten Mittelalter wirklich Italiener angeworben wurden, weil man ihnen zutraute, dass sie „die Gabe“ haben. Sie sollten Mineralien und Erze finden. Also kraxelten so einige von ihnen in den Bergen herum, verunglückten, verschwanden spurlos und lebten als Wichtel fort.

 

Interessant auch, der Raubritter und Jungfrauenschreck, der einen 20 km langen Geheimgang in Schuss hielt, um hier in deutlicher Alibi-Entfernung von seinem Raubnest frische Beute für die Nächte daheim machen zu können. Sowohl die Unmoral des Landadels, als auch die immens übertriebenen Vorstellungen von Geheimgängen sind immerwiederkehrende Motive in Volkserzählungen: Fluchtgräben unter dem Dom zu Naumburg oder zu Merseburg, unter dem Amtshof von Wittstock, unter den Gleichenburgen in Thüringen – sie enden immer kilometerweitweg, aber niemand findet jene sagenumwobenen Enden.

 

Als ich (von Herrn und Frau Graugans geleitet) vor diesem Efeu-Spuk stand, war Meat Loaf zwar der erste Gedanke, aber zu Hause kam mir noch ein zweiter in den Sinn. Hier der Vergleich:

 

 

  1. Die Schmiedekunst vom Schäfergraben oder bury me down by the river

Und last not least: Da war 2015 oder 16 eines Tages ein Foto im Internet und dabei stand jene tragische Entstehungsgeschichte dieses Kreuzes aus den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts, die mich an mittelalterliche Sühnekreuze für Todsünden denken ließ. Die las sich so ergreifend, dass ich mir vornahm: Wann immer du mal in diese Gegend dort kommen solltest – DA musst du hin! Das Kreuz am Schäfergraben will ich selber gesehen und fotografiert haben. 2018 hat es geklappt.

 

Und außerdem drängte sich mir auf: Wer über derlei Erinnerungen schreiben MUSS und das dann auch noch KANN, der muss ein Seelenverwandter sein. Das hat auch geklappt. Die Geschichte zum Bild steht (hier) im Graugansblog. Sie verführt zu dramatischer Ausschmückung. Aber manchmal schmerzt Kürze mehr als ein langer Sermon. Meisterwerke soll man nicht remaken. Man würde nur scheitern.

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Riders on the glow (3)

Wenn du heute zum Beispiel nach Seebruck fährst, weil du an den Chiemsee willst und weil du vielleicht gehört hast, dass man von da auf die Inseln übersetzen kann, auf deren einer ein unvollendet gebliebenes zweites Versailles steht: Herrenchiemsee genannt, dann erwartet dich zwar ein beeindruckend großes „Binnenmeer“ mit beneidenswert schattigem PKW-Parkplatz und Segeljachthafen; Häusern so adrett, wie eben dem Reißbrett eines histophilen Architekten entsprungen (falls es sowas gibt und die nicht in Gänze heute auf diesen Führerbunkerbaustil stehen aka Kanzleramt Berlin) aber was dich eben NICHT erwarte,t ist die Aura der Jahrhunderte.

Wie ein übergroßer leerer Bluescreen liegt die Wasserfläche vor dir, die Alpen als „blaue Berge“ fast ganz in Luft aufgelöst.

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Es ist heiß im Juli 2018. Extrem für deutsche Verhältnisse. So fällt es leicht, auf die Suche nach der (vermutlich überlaufenen) Anlegestelle für die Touri-Fähren zu verzichten. In Massen zur Insel, mit eventuell ins Rund gebrüllten Informationen zum „Keenig“ und seinen Tagträumen vom „Königreich der Künste und der Phantasie“ und wieder zurück, verschwitzt, dehydrierend, lauwarme Selter aus dem Auto puzzelnd oder tödlich lange Sekunden zählend, bis der Kellner irgendeiner Stampa ein großes Tonic oder eine Rhabarberschorle serviert… Nä!

 

Romantischer als auf den PALMIN-Bildern würden eventuelle Fotos eh nicht aussehen. Eher wie eine nachgestellte Revolution: Volksmassen vor dem Schloss. Und Abendrot ist 12:00 Uhr mittags ja auch nicht zu erwarten. Also beziehen wir ein lauschiges Plätzchen am Strand in Ortseingangsnähe, versuchen uns in Tierfotografie mangels anderer Objekte und die Gedanken gehen via Leseerinnerungen und TV- Eindrücken auf die Reise.

Felix Dahn wurde mein Literaturpapst als ich 12 war. Mit 23 wurde er vom Thron gestoßen, weil ich Spielhagen entdeckte. Aber Vizepapst darf er ruhig bleiben. Ich hatte zunächst die in der DDR viel gelesenen beiden Bände „Herniu und der blinde Asni“ und „Herniu und Armin“ von Ludwig Renn gelesen und war begeistert. Also packte mir Vater eines Abends einen unansehnlichen dicken Wälzer auf den Tisch. Roter Lederrücken, graue Deckel, 900 Seiten; keine Bilder, alte Schrift.

„Wenn dir Herniu gefallen hat, dann guck mal hier rein.“

„Ein Kampf um Rom“ beginnt gleich ganz düster mit einer Verschwörung von 4 Helden, die ihr Volk retten wollen, da sie wissen, dass der greise Überkönig Theoderich bald das Zeitliche wird segnen müssen und kein geeigneter Nachfolger zur Stelle ist, um die schwierige Lage der Ostgoten in Italien meistern zu können. Die Düsternis packt mich mit der Erinnerung an die Rom-Hefte des MOSAIKs, die ich noch nicht selbst besaß, aber kurz zuvor im Krankenhaus kennengelernt hatte, mit voller Wucht. Einer der vier ist der alte Waffenmeister Hildebrandt. Seine Namensvettern geistern ja reichlich durch andere germanische Heldensagen…. Ich las mich fest, verschlang das Buch und glaubte jedes Wort.

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Ohne Worte.

Felix Dahn war in München geboren und aufgewachsen. Seine Kindheit war schwierig, denn er war privilegiertes Künstlerkind von Hofschauspielern, die jedoch aus Hamburg an den Hof im Süden gelockt wurden und somit Protestanten waren. Im stockkatholischen Raum ein Makel gleich nach Aussatz. Der junge phantasievolle, lernbegierige Religionsbastard war quasi zum Einzelgängertum verdammt und erschuf sich im romantischen Garten der elterlichen Villa bereits seine Scheinwelten. Geschichtsprofessur war somit eine Frage der Zeit, verbunden mit der Flucht aus Bayern nach Königsberg. In der Hoffnung nun im Schoße der eigenen Glaubensgemeinschaft angesehener arbeiten zu können, musste er erleben, dass er mitnichten an einen Ort der Freigeisterei gelangt war. Königsberg ging zwar mit Immanuel-Kant-Ruf hausieren, jedoch war das das einzige progressive Aushängeschild der dortigen Universität. Und wer sich in Kants Bio oberflächlich auskennt, der weiß auch, dass Kants Karriere beinahe gar nicht zustande gekommen wäre, hätte es nicht jenen ketzerischen Friedrich II. gegeben, den Philosophen auf dem Thron, der den „Heiden Kant“ in Ehren an der Uni wiederbestallen ließ, als ihn die Alma Mater bereits zum hausierenden Wanderlehrer degradiert hatte. Es war ein Ort des geistigen Drills, nicht des freien Gedankenfluges. Dahn wechselte nach Breslau und blieb dort. Schlesien(katholisch) aber zum evangelischen Preußen gehörend, gleichzeitig aber wegen der österreichischen Tradition zuvor sich angenehm unpreußisch gebend, ließ ihn Ähnlichkeiten zu Bayern empfinden, nur mit dem Unterschied, nun der herrschenden Staatskonfession anzugehören.

Auch hatte er Bayern nicht im Hass verlassen, sondern aus karrieristischer Klugheit. Was ihm ermöglichte, nahezu alle Urlaube „daheim“ im Münchner Umland zu verbringen. Er war nun ein gestandener Mann, ein Herr Professor, in späteren Jahren sogar ein Mann mit Vergangenheit, da er Theresa von Droste-Hülshoff heiratete, was in deren Familie eine Mesalliance und somit ein Skandal war. Sein wachsender Ruf als Autor kittete jedoch diese Kluft auf schönste, da er künstlerisches Potential aber keinen Adel einbrachte, während sie wiederum aus dem Hause der berühmten Tante Anette stammend, von Geblüt aber ohne eigene literarische Talente war und nun immerhin bei einigen Spätwerken als Ko-Autorin firmieren durfte.

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Samtliche Werke Poetischen Inhalts (1905)

Seinen sogenannten „kleinen Romanen“ stellt er gern ein Kapitel voran, in dem er über eine Gegenwartswanderung berichtet, bei der er auf römische oder germanische Hinterlassenschaften stößt, also setzt er sich dem Zeitgeschmack des 19.Jahrhunderts entsprechend auf einer Waldlichtung nieder und grübelt über die Tonscherbe, die verstümmelte Marmorinschrift nach und schläft ein. Im Traum entrollt sich dann das Rätsel des Fundes: Um das Jahr 384 nach Christus, zu Zeiten des Kaisers Kannixus II. befand sich hier, wo heute hunderjährige Eichen und Buchen ihre Wipfel breiten eine römische Siedlung…

So auch in „Vom Chiemgau“, einer Erzählung über eine der letzten Awarenschlachten, die deren Vordringen nach Mitteleuropa beendete. Er liegt als junger Mann im Boot. (Tamara Danz Feeling stellt sich beim Leser ein – „Liegen wir im Boot“ Horst Krüger Band 1975) das Boot wiederum liegt im Schilf am Ufer gegenüber der See-Insel, die früher mal ein germanisches Heiligtum war. Später christlich überformt durch einen Klosterbau. Er beginnt zu grübeln, wie das wohl gewesen sein muss, als hier das Christentum noch jung und die Lage gefährlich war. Er greift ins flache Uferwasser und lässt die Hand am Grund hinundher irren, bis sie etwas greift, was sich nicht nach Kiesel anfühlt. Er bringt seinen Fund ans Tageslicht und hält ein eigenartig geformtes Stück Eisen in der Hand: Von ein paar Rostkrusten befreit entpuppt es sich als Awarenpferd-Hufeisen.

Es entwickelt sich nun eine packende Geschichte über unausgegorene Verhältnisse zwischen Heiden-und Christentum, zwischen Odalingen, die die Furchenzieher verachten, während wieder die freien Bauern die Arroganz der Odalinge zum Teufel wünschen. Thing-Eklat. Ein Bürgerkrieg steht kurz bevor, ein fanatisierter wandernder Mönch will den Heidenkult der Insel schänden, da kommen die Awaren…

  1. Heiß. Nirgends Schilf, von meinem Standort nicht einmal ne Insel. Nur Bluescreen für die Phantasie.

Der 12jährige von einst ist älter geworden. Mit 22 erwarb er günstig die „gesammelten Werke poetischen Inhalts“ seines literarischen Vizegottes und hielt sie seither in Ehren. Jedes Wort wird längst nicht mehr geglaubt. Das Figurenensemble sind pathetisch sprechende, schablonierteTypen, keine Charaktere. Manche Kampfhandlung ist ähnlich heldisch übertrieben geschildert, wie Nahkampfszenen bei „Rambo“ oder in Russenfilmen. Die Treue halte ich den Schmökern trotzdem. Sie erzeugen ein Bild der Völkerwanderungsepoche und des frühen Mittelalters, wie es trotz allen Kitsches eben doch gewesen sein könnte.

Die Awaren sind wie Hunnen zuvor und Mongolen später eine asiatische Reitervolkplage des frühen Mittelalters gewesen.

Auch wenn sich Hungaria heute lieber über die Hunnen definiert, weil König Etzel/Attila irgendwo in der Puszta seine „Hauptstadt“ gehabt haben soll, sind die heutigen Ungarn doch eher Nachkommen der Awaren, die sich mit Stämmen des Umlandes vermischend in der Gegend hinter dem Balaton hielten.

Und so musste ich doch in mich hineingrinsen, als wir am letzten Abend in einer Gaststätte landeten, wo uns Chefe und junge, sehr attraktive Kellnerin mit stark „uhngorischem Ohkzent“ ansprachen. Wenn das der Dahn wüsste: Nun sind die Awaren doch fast bis zum Chiemsee vorgedrungen. Wenn auch in Hot Pants!

 

Riders on the glow (2)

Eine ältere Dame lädt zum 66. Geburtstag ein. Woran denkst du dann?

Tosca kaufen, eine Halbzentnerpackung Schnapsbohnen oder Mon Cheri dazutun und ab dafür: An die Geburtstagstafel zu Buttercremé-Torte und Schlagobers, empfangen von einer kleinen Dicken mit Perlenkette und dupiertem, graumelierten Kurzhaarschnitt. Ihr verwöhnter Zwergpudel oder Chihuahua röchelt dich feindselig an, wenn du gratulierst, dann festsitzen im Café „Haubentaucher“ und den gesammelten Wartezimmerinformationen der letzten 10 Jahre lauschen. Nachdem die Enkel Gedichte aufgestammelt oder Flötenstücke vorgefiept haben, wird getanzt, von denen die noch können, zu „Du kannst nicht immer 17 sein“ und „Oh mein Papa“ und früher oder später, während der Tanzrunden ist dann der Moment günstig für den Absprung – „Muss morgen früh raus….“

Soweit, so bekannt. So war’s mal. Way back in den frühen 70ern. Als Großmutter noch lebte und ihre Rommé-Runde alter Witwen.

Omis von heute allerdings würden dich glatt zwingen, die Tosca-Flasche auf ex zu saufen, bevor du unter dem Dauerfeuer deiner mitgebrachten Schnapsbohnen von Hof gejagt wirst. Der Zug ist abgefahren.

Wenn nun die Graugans zu so einem Event einlädt, dann kannste das eben Beschriebene erst recht komplett vergessen.

Eine Rock-Disco war angesetzt, wie weiland in den 70ern! Ein Scheunen-Woodstock? Das geht doch nicht! „Die goldnen Zeiten san vorbei“(STS)! Melancholisch blättere ich von Zeit zu Zeit in EMP-Katalogen oder starre an Zeitungswänden auf Beilagen im Sonic Reducer, Classic Rock, Eclipsed um herauszufinden: Welche Band lässt derzeit das schönste Logo auf T-Shirts drucken? Wenn ich 30 wär,‘ würde ich das noch bestellen. Und das. Und das. Vorbei. Ich alter Zausel kann doch nicht Reklame laufen für Rocker, die meine Söhne sein könnten! Und ein Kiss-Logo über der Plautze fährt auch nur noch Mitleidsblicke ein in Zeiten von Assi-Rap und Jammerlappen-Pop. Und jetzt sollen ein Bündel alter Leute da auf der Graugansfete sich einen abpogen? Hä?

Ich geb’s zu, dass da eine gewisse Tosca-Melancholie in mir aufstieg.

Denn hiermit sei verraten: Der Bludgeon und das Tanzen, dass isso ein Zusammenhang, der sich erst nach einer gewissen Grundalkoholisierung ergibt und selbst dann sind die laienhaften Bemühungen des Delinquenten nicht unbedingt Formationstanz kompatibel, sondern gewissermaßen als Hybrid aus anarchistischem Ausdruckstanzballett Harald Schmidtscher Schule und sehr abstrakten Latin-Dance-Rudimenten anzusehen.

Oder einfacher formuliert: Er kanns halt nicht.

Aber „drücken is’nich‘!“ Sinnvollere Geschenkideen waren dank reichlicher Bloggertrefferinnerungen leicht gefunden. Also hin da und überraschen lassen. Und – was soll ich sagen – die gelang vollkommen. Familie Graugans hat ja auch monatelang zuvor gerackt und geräumt, um Platz zu schaffen, Transparente zu malen, Futterage heranzukarren…

Kein Tanzsaal dieser Welt kann das schaffen, was ein spärlich beleuchteter, uriger Heuboden mit „Antik-Scheunen-Flair“ in einem ehrwürdigen, oberbayrischen Bauernhaus im Verein mit einer reichlichen Schar gut gelaunter Gäste so zu Wege bringt. Witzige, sich selbst auf die Schippe nehmende Kurzansprachen der beiden Gastgeber und des DJs (aka Riffmaster), sowie eine Art Hemmschwellenbeseitigung per Kennlernrunde der entkrampfenden Art und dann begann die Parade all der alten Heuler von einst: Steppenwolf, Scott McKenzie, Sweet, Animals, Puhdys, AC/DC, Jethro Tulls Locomotive breathte auch mal wieder los … wie in alten Zeiten. (Oder sogar besser: ABBA & BoneyM freie Zone!)  Schuldisco-Flashback und fast alles tanzt auch sofort!

Klar „mit 66 Jahren…“ musste sein. Bei DEM Anlass – und DEM DJ! Und „Schuld war nur der Bossannova“ gabs auch, war ja’n Jugendhit der Jubilarin. Seit in den 90ern dieser wunderbare gleichnamige Film lief, der Muriel Braumeister, Jürgen Vogel und Benno Führmann auf einen Schlag bekannt machte, mag ich den Song schließlich auch.

Beim 5. oder 6. Song macht Riffmaster eine Ansage, die mir entgeht, daraufhin stürzen sich Graugans und irgendwer noch auf mich und zerren mich auf den Tanzteppich: „Das is‘ Dein Song! Los!“ Okay. Rockhaus. Da kann man nicht Neinsagen. Also bemühe ich mich eben im Sound mitzuzucken.

Bei der Umschau gewahre ich, dass auch einige der anderen männlichen Anwesenden ähnliche Rhythmosleptiker sind wie ich und eh alle „auseinander“ bevorzugen. Erleichterung!

Und es ging ab: Whole lotta love, Smoke on the water, california dreaming, all right now! Letzteres traf DERMAßEN zu!

Dann wurde „In a gadda da vida“ angesagt, die Langfassung! Und Tanzdefizitator Bludgy hält durch! Tanzend zum elendlangen Drum-Solo. Mit der eigenen Frau und sie mit ihm! (Das hätte mir vorher mal einer prophezeien soll’n!) Die Fläche leerte sich nicht spontan aber zügig. Übrig blieben 5e, von denen eindeutig Zeilentiger am besten abschnitt. Er hätte sich auch Gre(a)t Palucca nennen können.

Schließlich, so zu roundabout mitternächtlicher Stunde beim Verabschieden noch ein finaler Kurzdialog mit dem Geburtstagskind:

Graugans: „Hatsdor g’falln?“

Bludgy (strahlenden Blickes): „Wie hast du DAS geschafft? Wieso hat DAS funktioniert?!“

Beim Blick zurück auf die erhellte Heubodentüre in stockfinsterer Nacht kam mir ein Lied ein:

„Theres a light over at the Frankenstein Place, theres a li-hight also in my tired Fa-hace…“

Ich murmle es vor mich hin auf dem Weg zum Auto. Töchterlein und Hund warteten (abstinent geblieben) auf den Abtransport der Alten. Ich machte noch Nachtaufnahmen vom „Frankenstein Place“ und wurde prompt verhöhnt:

„Papa macht Nachtaufnahmen! Mit Handy. Ohne Blitz! Klick. (Klopps vor die Stirn) Oooorrrr! Dunkel!“

Sie sitzt schon hinterm Lenkrad und grinst. Ich falle auf den Beifahrersitz:

„Wennd ahmol noch so haam kummst! Sammar gschiedene Leit!… there’s a light…over at the…mhm hm hm“.

Von der Rückbank kommt noch eine Stimme: „Das war ein schönes Fest!“

Die Chauffeuse startet den Wagen und das TomTom guidet uns sicher zur Unterkunft.

Schee woars. Schee!

 

Riders on the glow (1)

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen…aber manchmal überwältigen ihn die Eindrücke auch derart, dass das Erzählen nicht gelingen will. Also splitten. Trennen, was nicht zusammenpassen will.

Teil 1:

Urlaubsreise. Idlewild south. Auf der Route 66 vertikal durch dreieinhalb Bundesländer. Weltflucht in die süddeutschen Black Hills. Du fährst am heißesten Tag seit Beginn der Wetteraufzeichnung los. Ein Rekord, der am nächsten Tag bereits überholt wird und am nächsten wieder… Klar sollte man das Auto stehen lassen, aber gebucht ist gebucht, und zwar bereits Anfang April!

Die Alternativen sind erbärmlich: Inland fliegen? Kerosin verplämpern helfen? ICE fahren? Irreparable Climateregulation Error? Näääää. Lieber Schwitz on the Sitz of your own Rolling Rockpalast! Obwohl die Sache mit der Mugge wieder so ein Ding war. Läuft Musik, hörste die Warnungen des TomTomFlüsterers gleich gar nicht mehr. Klar, kann den auch auf laut stellen. Spar dir den Hinweis. Längst geschehn. Auf Standarteinstellung (halblaut) hörn den eh nur Fledermäuse und „volle Pulle“ isses ungefähr vergleichbar mit den tonlosen Jane Birkin Keuchern aus „Je taime“:

„Wonnongplü…Nach 300 Metern fahren sie in den Kreisverkehr und nehmen Sie die 2. Ausfahrt ….schüppüpürp!“

Dazu das Rauschen der Klimaanlage: hhhhhhhhhhhhhhhhhhh.

Dann aber das: Du überholst einen Brummi mit Hänger; genauer einen Viehtransporter. Schlachtvieh. Klar. Die Anzeige meines Armaturenbrettes sagt 32,5 Grad. Wetten dass es auf dem Hänger da NOCH wärmer ist? In der Enge! Das Hirn explodiert geradezu. Blitzgedanken en masse. Vom Schweine-KZ zur Schlachtbank! Kadaverstern! Heinz Rudolf Kunze. Die Würde des Schweins ist unantastbar! Reinhard Mey. Schindlers Liste und jener gnädige Moment, als Wasserschläuche auf ein paar Häftlings-Wagons gerichtet werden, die in sengender Sonne auf Abtransport warten. Auf Raststätten gibt es keine Schläuche.

Für mich ist täglich Treblinka, Soweto und My Lai

Für mich ist täglich Golgatha und nie der Krieg vorbeiiiii!

Auf der ersten Anti-TTIP-Demo in Berlin 2015, die gleichzeitig eine für Agrar-Wende war, fuhr einer einen Transporter mit einem lebensgroßen Schweinemodell in so einer engen EU-Norm-Stallbox auf dem Dach spazieren. Aufschrift:

Sperrt die WAHREN Schweine ein!

Vegetarier sollte man werden. Aber das wird nichts. Dafür schmecken all die Steaksorten und Bratwürste, Hackepeter und Sülzen zu gut. Aber früher wurde mal im kleinen Schlachthof nebenan geschlachtet. Heute Aufzucht in Brandenburg und Schlachtung in Franken. Normal. Neoliberal rationalisierte Grausamkeit, wo du hinschaust. In Bezug auf die Tiere und in Bezug auf die Balkanhilfskräfte, die sie für Dumpinglohn ausweiden müssen. Bilder eines ARD-Dokumentarfilms drängen sich auf, der auf Youtube neuerdings verschwunden ist. „Das Geschäft mit der Armut“ hieß er.… Agrarwende tut Not! Mehr denn je! Nun erodieren auch die Böden. Sperrt die wahren Schweine ein! Wo bleibt „Bayer-Years“, die Coverversion zu Neil Youngs „Monsanto-Years“? Müssten ja Rapper übernehmen, denn Rock ist tot. Leider. Und Protestsongs nützen auch nichts. Man weiß zuviel und macht zu wenig, damit sich was verändert in „einem Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“. Die „Schulz-Story“ les ich grade, die lässt dich die Scharlatanerie und Leere greifen und erinnert an all das hohle Jahrmarktgedöns vom „weiter so“. Denn solange alle Nachbarn ärmer dran sind, ist ja alles gut. Nicht wahr?

Radio an: „In der Özil Debatte schaltet sich nun…“ Radio aus.

Musik an, Ablenkung muss her, sonst wird das nichts mit der Urlaubsstimmung! Christie McVie und Lindsay Buckingham wie 2017; das „Rumourfeeling“ von 1977 stellt sich ein von den „Dreams“ zu Schulzeiten, dem „own way“, den man meinte zu gehen, aufrecht mit dem Kopf unterm Arm(Neubauten-Text 1981; genial für mental geerdete Typen nach der Fahne), den „Second hand news“ auf die man hereinfiel mangels eigener Lebenserfahrung. „Gypsy“ der man „was“. Long long gone. Far, far away. Takeste eben den long way home. Du Supertramp du!

„…No I don’t wanna bring you down…“

Musikalische Streicheleinheiten. Erinnerungen an all die Regenfahrten im Sommer 2017. Inzwischen 34,5 Grad laut Anzeige. Damals war mein innerer Ferienfilm der von Spielhagens thüringischer Lebensetappe. Dieses Jahr bietet sich Felix Dahn an. Aber davon später.

Wir erreichen die A8 von München nach Salzburg. Wir sind gewarnt worden, aber noch rollt der Verkehr.Kommen gut vorwärts. Tiefergelegt ist die Kiste gepäcktechnisch wie von selbst. Drei Personen, auf dem 4.Sitz der Kofferturm und im Kombihintern der Hütehund. Dorthin kommt, wie wir learning by doing merkten, die Klimaanlage nur dürftig. Aber Töchter sind mitunter schlau. So öffnete sie die Durchreicheklappe in der hinteren Rückenlehne, damit Durchzug vom Gebläse der Mittelkonsole zum Hund gelangt und da dieser ein kluger Collie ist, steckte er zeitweilig sein schlankes Haupt gleich ganz durch die Luke: Das sichert Frischluft und Streicheleinheit in Einem.

Doch nicht Lassie.Und überhaupt: Mit Collie reisen heißt an jeder Ecke gesagt zukriegen, dass das Lassie ist. Hätten wir für jedes „Lassie“ 2 Euro genommen, wäre der Urlaub dicke bezahlt gewesen. Fährste zu so Massenattraktionen wie André Hellers Kristallwelten – sogar in allen Sprachen.

„Schaust? Doa is dor Lassie!“

„Cute Doggie, isn’t it?! Is it Lassie?“

„Chalamam cham-sham Lassie!“

„Jeu mer si Lassie bon!“

„Can I take a picture?“

„Lassie! Özdal emrek Lassie ember.“

„Quin’quai’quonimonny Lassienassa!“

Nur die armen Russen begnügten sich mit „Krassiwaja sabaka.“ (Ohne Lassie Hinweis!)

Zu diesen Kristallwelten nach Wattens/Tirol musste ich schon deshalb mal, da in meiner Musicjunkie-Karriere ein großes Loch klafft: Nie war es mir vergönnt, einen der verehrten Austropop-Heroen live zu erleben. Die Heinis trauten sich ja nie über den Main! Heller hat seine Musikerlaufbahn längst beerdigt, Danzer und Hirsch sind in den Ewigen Jagdgründen, Ambros leider kurz davor und STS mittlerweile auch schon Geschichte. Da muss eben irgendeine Art von Kompensation her: Im Falle von Heller – wenigstens mal eine seiner Installationen sehen!

Aber dort: Hunde verboten! Parkplätze garantiert schattenlos; Besucher mit Hund können diese in „Besucherboxen“ zwischenparken. Und wie das Gejaul bestätigt, machen davon auch einige Gebrauch. Ausgeschlossen sowas! Einer muss sich also opfern und dem vierbeinigen Familienmitglied die Treue halten. Und da das Happening inzwischen den Namen „Swarovskis Kristallwelten“ trägt, ist auch schon klar wer.

Könnten eigentlich gleich ein Schild anbringen: Ladies World. Oder so. Hund und Herrchen finden dann ein angenehm zugiges Plätzchen mit Sitzbank am Rande des Tickettempels neben ebenfalls wartenden Russen; allerdings am Touristenauftriebtrail all der Busladungen, die hier pausenlos ankommen: Eine Fuhre Ungarn, eine Fuhre Inder, Arabia und Asia ebenfalls reichlich vertreten; „The Bus is leaving in 90 minutes! Listen please! Only 90 minutes!“ Was deutschsprachig ist, kommt verkniffenen Gesichts vom kochenden Parkplatzschotter der Wohnmobile und PKWs gegenüber.

Es dauert. Ich lese, beobachte, lese, biete dem Hund ein bissl Wasser an, lese wieder, registriere die Rückkehr der Begleiterinnen der wartenden Russen: Echauffiertes Gerede über „Magasinn“ und „bolsche“- und „plocho“-irgendwas. Also vermutlich Aufregung über die Preise im Abzocke-Shop der Swarovskis. Dann die Rückkehr meiner Madames und siehe: Nirgends eine Swarovski-Tüte! Dickes Lob! Der Bericht über die Preise ist auch hier das erste: Ein Glasperlenhandel wie einst in Afrika. Vollkommen überzogen. Dann aber auch die Begeisterung für die „Sinfonie des Lichts“ und all die gesehenen Einfälle in den Höhlen.

Nun ja; Heller von außen. Ich war hier. Aber Autobahn vermieden und die „Alpenstraße“ genommen: Nach jeder Biegung wurde es schöner. Bergwelten eben. Die DEFA-Indianerfilmerinnerungen stellen sich ein. Berge, wie sie Bashon sprengte, um die Dakota zu vernichten. Aber Gojko rächte sich. Als weitspähender Falke. Damals. Klar – irgendwo in Jugoslawien gedreht. 1968. Aber hier wieder auferstanden. Wenn man all die Parkplätze, Seilbahnen, Gewerbegebiete wegschneidet aus den Fotos – dann reitet Gojko wieder.

Oid wuan samma. Oid.

Im Land der Ahnen…

….2017 stark verregnet, stößt der Blick des Reisenden doch auf die eine oder andere kleine Sensation: Die gottlob – trotz Holzklau und Kaminwahn – immer noch vollständig bewaldeten Berghänge des Rennsteigs und auch des sonstigen Thüringer Waldes dampfen nach überreicher Wolkenschüttung morgens heftig in den raren Regenpausen.

„Und ewig singen die Wälder“ vom vegetativen Überlebenskampf, dem Trockenheit genauso schadet, wie nasser Überfluss, der den Wurzeln den Halt zu rauben droht.  Rauchschwaden, Wolkenschatten, relative Finsternis; ganz ohne Feuer – „Into the mystic“; Van Morrisson liegt nahe. Oder die wunderbare „Wildhoney“ von Tiamat mit all ihren Sumpflandgeräuschen und tiefen Growls zu akustischer Gitarre und Kriegstanzrhythmus der Hobbits & Orks. Beides leider im Auto nicht vorrätig. Auch Haggard und Douglas Spotted Eagle glänzen durch Abwesenheit. Mist!

Das Thema Soundtrack-Auswahl hatte ich schon mal besser im Griff! Aber so geht das schon die ganze Zeit in diesem Jahr. Kaum stellt Töchterlein fest: „Das sieht hier aus wie Kanada!“ fehlen mir prompt auch noch Bachmann Turner Overdrive! Wir hören also, während rund 2000 km Fahrleistung anfallen, so kreuz und quer durch diesen Gustav-Freytag-County und das angrenzende Söderistan, Kompromiss-Mugge; wie immer, wenn Frau und Tochter an Bord sind: „Private best of 70s“ (Mainstream; immerhin unter Auslassung all der musikalischen Disco-Ölpest jenes Jahrzehnts) Al Stewart, Bob Seger, ELO, Fleetwood Mac; verpassen uns von letzteren auch eine Überdosis, da zusätzlich die neue „Lindsay Buckingham und Christie McVie“ mit von der Partie ist und klingt, als wären’s die missing Pieces der „Rumour-Sessions“. Eigentlich seeehr schön, aber eben nicht 3x am Tag.

Es war in diesem Jahr eine Blitzentscheidung. Es wurde ein „Behelfsurlaub“ der schönen Bilder. Für Auslandsbuchungen zu spät dran blieb nur die Alternative: Urlaub in Deutschland oder gleich ganz zu Hause bleiben. So versuchte ich wenigstens noch zwei Fliegen mit einer Klappe zu erwischen: Irgendwohin, wo’s schön ist (mal nicht die Ostsee) und wo’s eventuell die Möglichkeit gibt, per Tagesausflügen Regionen des „unbekannten Westens“ kennenzulernen.

Irgendwie ist dieses „Adenauerland“ eben doch eine Art von Ausland geblieben.

Also: Meiningen. Thüringen ist schön und Franken ist nicht weit. Plan erfüllt.

Dachte ich. Nach erfolgter Buchung im Melchiormäßigen „Schlundhaus“ der Stadt. Sehr schönes Renaissance-Ambiente innen wie außen. Sehr nettes Personal.

Jedoch kam es anders als gedacht, was zum einen dem Wetter des Sommers 2017 und zum andern der hypersensiblen Ossi-Seele geschuldet sein mag. Die Nebensache wurde zur Hauptsache. Die Exkursionen nach Söderanien hinterließen nur blasse Eindrücke. Die Ausflüge im Land der Dichterfürsten führten stattdessen zu einigen Aha-Momenten.

Die Entscheidung für Meiningen war keine Kopfgeburt. Eher so aus dem Bauch mit Torschlusspanik: Bloß keinen reinen Brandenburg-Urlaub mehr verwarten müssen!

Üblicherweise bekommt der Hund in solchen Reisezeiten Tierpension zu Hause und Herrchen ein bisschen schlechtes Gewissen.  In diesem Jahr jedoch erlebte er passend 14 Tage vor Abreise mit stolzen 8 Jahren auf dem Buckel seine erste Beißerei; und die gleich mit so einem Kampfhund-Köterproll-Mix und — unterlag. Die offene Schulter musste fachgerecht verarztet und beobachtet werden. Deshalb verbot sich Tierpension von selbst. Er musste mit. Man gut, dass es mit England nicht geklappt hat! Er erlebte also eine reichliche Woche Rudelnähe rund um die Uhr, aber draußen überwiegend an der Leine. Leinenzwang all over. Schwarze Tüte immer „am Mann“ bzw. „an der Frau“ wandelten wir nach Ankunft zunächst leidlich beschirmt und einigermaßen ziellos durch den Ort. Mit Collie im Stadtbild, wo auch immer, setzt es reichlich Komplimente:

„Guck mal! Ein Löwe!“ von Seiten kleinerer Fans.

„Guck mal Lassie!“ von den Älteren.

Komischerweise verweist nach wie vor niemand auf BESSY?! Die Comics waren doch so erfolgreich in unseren Jahrgängen!

Weib, Kind und Hund entschlossen sich alsbald zwecks Trocknung die Unterkunft aufzusuchen, während wir gerade in der Nähe des Buchladens standen. Also betrat ich den auch und wusste wiederum nicht, wonach sich zu suchen noch lohnen würde. Thriller – nein danke, Krimis – brrrrr, Memoiren von Menschen mit Jahrhundertbiografie a la Sigmar G. und Phillip L.? Die armen Bäume! Die Band-Bio der Ärzte?

Ich wusste nicht, wohin mit mir – und draußen schifft‘s. Da fiel mein Blick auf einen Charakterkopf mit ernster Miene. Ein wahrer Adlerblick fixierte mich. Intelligente Augen, weißer Weihnachtsmannbart und Halbglatze. Sein Blick traf mich von der Titelseite eines Bildbandes: Georg II. Und als ich den aufschlug, traf mich wie ein Schlag die freudige Erinnerung: Meiningen! Georg II.!

„… möge uns der Herr Poet doch baldigst eine Idee zukommen lassen, mit welchem Orden, welcher Gnade wir ihm unsere Wertschätzung erzeigen könnten.“

Und SPIELHAGENs knappe Antwort war: „Wenn Durchlaucht mein geneigter Leser bleiben wollen, so ist mir dies Ehre genug.“

Ich hatte das völlig vergessen! Jetzt war mit einem Schlag mein Ferienfilm geboren: Die Thüringischen Zaunkönige des späten 19.Jahrhunderts im Bemühen mit Sachsen Weimar- Eisenach gleichzuziehen und Kulturhochburg werden zu wollen, locken die schreibende Prominenz in ihre Paläste. Die dynastischen Privatissime, die hier in verrauchten Herrenzimmern verraten wurden, der Eindruck der Landschaft, „die hier in Thüringen, wie auch der Menschenschlag, das Höchstmaß der Ausgeglichenheit erreichte“ (Felix Dahn), flossen ein, in einst viel gelesene Werke, die Ruf und Reichtum schufen – und heute leider vergessen sind.

Thüringen hatte nach hehrer Bedeutsamkeit als Grenzmark im frühen Mittelalter des 10. und 11.Jahrhunderts eine lange Phase politischen Niederganges ereilt. Die ernestinischen Wettiner, also das sächsische Königshaus der Reformation, vererbten nicht qua Erstgeburt, sondern qua Erbteilung. Jedes am Leben bleibende Brüderlein „der Familie“ musste so mit einer Stadt und ein paar Dörfern bedacht werden. Thüringen, das alte eigentliche Westsachsen, wurde geradezu atomisiert. Da dank Luther und Friedrich dem Weisen bereits säkularisiert worden war, gab es auch später für Napoleon in diesem Gelände keine unabhängigen Bistümer aufzulösen. Für ihn war das Durchgangsland, das er beließ, wie er es vorfand. Ebenso Metternich auf dem Wiener Kongress 1815 bei der Erfindung des Deutschen Bundes. Nirgends war deshalb Zersplitterung nach den Befreiungskriegen größer als hier: Im grünen Herzen Deutschlands.

Goethe lebte noch. In seinem Lichte strahlte Sachsen Weimar-Eisenach. Der Musen-Hort. Die Fürstenwitwe und vormundschaftliche Regentin Anna Amalie, zwangsverheiratet, aber durch frühe Witwenschaft befreit, hatte 50 Jahre zuvor für intellektuellen Zulauf im Ländle gesorgt und gründete die nach ihr benannte Bibliothek in einem Bauwerk, das ihr von jeher ein Dorn im Auge war: Bereits im 16.Jahrhundert hatte einer der Weimarer Regenten das Lustschloss zur Auslebung seiner Triebe direkt vor das Stadtschloss, also gewissermaßen vor die Schlafzimmerfenster seiner Zwangsangetrauten bauen lassen. Seine Nachfolger übernahmen mit der Macht auch jene pikante Servicelokation, um sie in besagter Weise zu nutzen. Anna Amalie, verwitwet aber noch nicht 30, hob die Bedeutung des Bauwerkes, nach dem ach so plötzlichen Ableben ihres Gatten, at hoc von der Unterleibsdienstleistungshalle zum Studienort des Kopfes.

Sprach man in jenen Tagen von Thüringen, meinte man Weimar. Die anderen Zaunkönige mussten sich was einfallen lassen: Der zweiterfolgreichste Zwergstaat in Sachen Prestige-Hebung wurde Sachsen Coburg-Gotha, das „Adelsgestüt Europas“ (laut Bismarck) durch – ähem – blaublütigen Jungs-und Mädchenhandel. Für den Bedarf eines jeden Königshauses war ein heiratsfähiger Fürstensproß/eine Komtessè vorrätig (Elite-Partner.de – ohne Internet) 1914 gab es keinen Thron in Europa, auf dem nicht ein coburg-gothaischer Abkömmling saß. Über jenes Puzzleteil sind Windsor/Battenbergs, Habsburg, Romanows und Hohenzollern verwandt und verschwägert; der I.Weltkrieg ein Familienzwist.

Hinzukommt, dass das Herrscherhaus in Gotha 1853 einem prominenten politischen Flüchtling Quartier bot, der kurz nach Aufnahme hier vollends zum Bestsellerautor und Dichterfürsten der Nachgoethejahre avancierte: Gustav Freytag.

Aus Preußen als zu liberal entfernt, alsbald aber auch dort wieder gewertschätzt und begnadigt, ja später mit dem Pour le Mérite versehen, sorgte er als Journalist, Dramatiker und Buchautor für dauerhaftes Aufsehen. Er war schon 1848 für die kleindeutsche Lösung eingetreten (ein Reich ohne Österreich) und erlebte in den Folgejahren den Wandel seines Minderheitenstandpunktes zur Mehrheitsmeinung. In Siebleben bei Gotha ließ er sich nieder und verfasste hier seine beiden Dauerbrenner „Soll und Haben“(1855) und „Die Ahnen“(ab 1872), jene mal 4-, mal 6- mal 8bändige Familiensaga, die aus germanischer Vorzeit bis hinauf in die Tage der 48er Revolution reicht. Letzteres Kapitel in mancher „gekürzten und von Weitschweifigkeiten bereinigten“ Auflage der 20er und 30er Jahre gern unterschlagen.

Spielhagen wiederum verkehrte des Öfteren im Schlosse derer von Sachsen-Meiningen, Freytag deshalb nicht.

In Ermanglung von Antiquariaten und Musikläden zog ich es vor, mental im späten 19.Jahrhundert zu verweilen, statt Kneipen, Rossmann-Filialen, Schöller-Eis-Fahnen oder Taschen vertickende Inder zu zählen.

Spielhagen und Freytag wurden meine Scouts, wenn ich nicht gerade mit engsten Parkhauskurven in Bamberg rang, auf dem Markt von Coburg mit der übelsten Blümchen-Kaffeeplörre der Marke „letzte Lagerhallenfegung“ konfrontiert wurde oder kopfschüttelnd die inflationäre Richard Wagner Verhohnepiplung in der Fußgängerzone von Bayreuth ertrug: Alle gefühlten 5 Meter stand dort vor jedem dritten Laden ein ca. 1m großer Gartenzwerg-Richie mit erhobenen Händen in Dirigenten- oder Bettelpose eines bockigen Kleinkindes „Mama t‘agen!“, ganz wie man will. Wagner goes Tele-Tubbie. Mal schlumpfblau, mal popelgrün, mal wutrot – scheußlicher Endzeiteinfall einer sich überlebt habenden Kultur.

Gottlob gab‘s ja noch die Wälder, die Berge, die weiten Straßen und den Sound eines ganz anderen Jahrzehnts: Der schon erwähnte 70er Mix und die Wiederauferstehung von Ingo, Ingraban und ihren Nachfahren befreiten aus dem nivellierten Heute; schon lange bevor wir per Zufall den tatsächlichen Gustav-Freytag-Wanderweg fanden.

„Time Passages! Buy me a ticket on last train home tonight…“

Und als auf abendlicher Fahrt Töchterlein neben mir, die zwischen den Scheibenwischerintervallen all die tollen Fotos schoss, am Radio drehte, um Papas Musikarchiv zu entkommen, erklang da plötzlich

„…. these towns all look the same, and we remember that why we ca-hame…“

und wie aus einem Munde schrien Mutter und Vater: „Lass mal!“ Überstimmt. Wir „Ahnen“ waren David Guetta, Ed Sheeran, Rihanna & Co wiedermal entkommen. „Oh want you staaaaaaaay – just a little bit longer! Oh please please stay! Say you will. SAAAAAHY youhu will!“ Aber weder Immo, Helgi noch irgendeine Walküre hatten „Bock“, dergleichen zu tun. Sie schickten einen letzten gespenstischen Lichtergruß und blieben im Land der Sagen und Legenden, als unser Eisenpferd schließlich den Pfad gen Norden einschlug. Kein Urlaub hält ewig.

Copyright aller Fotos: Bludgeons Daughter; Illustrationen aus „Germania“(1905); „Realienbuch“ (1912) und „Der Gute Kamerad“ Bd.26 (1912)

Treffpunkt German’scha

Blogger-Tour II. Diesmal in noch kleinerem Rahmen als beim ersten Mal, weil Riffmaster überraschend ausfiel. Einziger Gast deshalb: Graugans. Die Mutter des Feinsinns trifft auf den garstigen Kommentator. Kann das gut gehen? Stoßen Blogger livehaftig aufeinander, kennen sie sich im besten Falle bereits jahrelang virtuell. Es braucht also nur Sekunden, um den wirklichen Schreiber mit dessen virtueller Gestalt in Einklang zu bringen und nach 3 Sätzen Small-Talk versteht man sich – auf’s Komma (oder man reist wieder ab). Die Graugans blieb. Und Bludgeon wollte auch nicht weg.

DSC03427burgenlandTreff: Germania und weiter Himmel/Landgraf Ludwigs Edelacker/ Danzer I./ der Kaffee schmeckt – auf der Rudelsburg nicht/Chiemsee und Neuschwanstein /Kinnich oder Kinni/koksender Ambros/ Schmidtbauers Gäste auf Bayern TV/ klampfender Cornelius/auf ‘nem tollen vergessenen Album von Hubert Kah/ Buchholzcowboys im Prießnitz-Sound/ Maismonokultur kills Panorama/ Vogelwiese mit Totalschadensmeldung/ Ratsherrenpils und Wandelkonzert/St. Wakeman Cathedral/ hie Hildebrandt – hie Ladegast/ Dr. Albert Schweitzer grüßt aus Lambarene/dialektisches Training bei Ratsherren-Pils/das hallesche Singen und die bayrische Verneinung…

Treff: Mohren-Kaffee/ Danzer II./Ian Hunter Cover Dom Entree/ Franz von Assisi Treppe/ ich war was ihr seid – ihr werdet, was ich bin/ Uta oder der Bamberger Reiter /ein Kunstschmiedekreuz am Bächlein daheim und Schach spielende Meerkatzen im Namen der Rose /Gleenes Gino/Nietzsche/ Kindergärten im alten Osten/Semmelknödel oder Kartoffelklöß‘? Lektion1 /Dorf 1 und Dorf 2/die Schönburg und der Frosch-Hof ohne Pferde/ 2 Cheyenne auf dem Highway/ von Luftschlössern, die zerbrochen sind/ hie Patina – hie Kaputtrenovierung/ bei den Pavilliontreppen/ Standort Parkbank/ Russen im Wald/ Gorby Sticker Zeiten/ Meyweckerwader/ Welterklärungsversuche auf west-und ostdeutsch, endend in Gelächter/Flucht vor ner Wolke/ Börchergordn von drinne/ Portemonnaies, die nicht aus der Tasche wollen/ zahl du morgen, wenn der Kaffee nicht schmeckt/ seitlich am Knast vorbei…gut Nacht.

 

Treff: Knast/Danzer III./ …in Scheibs kanns a ganz g‘miedlich sein/ auch auf der Rudelsburg/ Kaiserdenkmale bei Kaiserwetter/Brauchtum/wer’s braucht/ Flaggen auf Türmen/ Rudelsburger Kaffeeboykott/ grüner Tunnel ins Himmelreich/ wo man Vögel einsperrt und Kaffee auch nicht schmeckt/ Semmelknödel oder Kartoffelklöß‘ Lektion2/ afterglow bergrunter/ cinemashow bergrauf/ Schkölens verschwundener Rathaussaal/ auf Schliemanns Spuren/ Trojaburg/ Labyrinth ohne Minotaurus/ aber‘s Lamb liechd noch am Broadway rum/ Börchergordn one more time/ über EINkommen und ENTkommen/ schreiben und bleiben/ Ouzo schmeckt(nicht) aber der Kaffee/ Einparken vor Ost-Kulisse/Stacheldraht all over/ Knast/ hier darfs nicht enden/ back to school/ Goldener Hahn in Ruinenstatus, Kleine Bühne, Salztorschule/ 1632 noch Gasthof zum Scheffel/ damals berühmte Gäste/ Ecki verkürzte 1975:

Gennsde Gustav Adolf den Schwedenging? Der hoad bei uns im Chemieraum jeschloafm!

Verabschiedung an der Germania …

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… auf bald, liebe Graugans.

 

Bludgeon

Irische Impressionen

Seit die musikalische Schatzsuche an Reiz verliert, schwelt die Suche nach Alternativen. Reisen gilt ja allgemein hin als die Ersatzbefriedigung für entgangene Lebensqualität in der beruflichen Tretmühle. Andererseits: Was bleibt von den bezahlten Unsummen für eine Woche hie und da? Kann es etwas Langweiligeres geben, als die Fotoschau eines Pauschaltouristen?
Meine Generation hat da erkleckliches durchleiden müssen: Die Dia-Abende der Eltern und Verwandten!

Gerahmte Fotos a la Mutti auf den Stufen des Palastes von Rülpsowsk, Papa in den Ruinen von Pengputtsk, alle beide am goldenen Strand von Nepperowskoje usw. – kunterbunt für den Moment an die Wand geschmissen, gesehn und schon vergessen.

Und nun bleibt mir selber kein anderer Ausweg als zu reisen?
Wird mein Bericht interessanter für Betrachter, als das oben beschriebene Elend?

Ich probiers:

Wenn ich denn schon reisen muss, verknüpfe ich die Tour gern mit dem passenden Lesestoff. Nicht Reiseführerschwarten sind gemeint, sondern irgendwas, was eine Phantasieanregende Bindung an die zu erledigende Route hergibt.

Im Falle von Wien waren das Erika Pluhars Memoiren.
Anlässlich unserer Nordsee-AIDA-Tour ist es Schätzings „Schwarm“ gewesen.
Zu Schottland schien mir Hunas „Helgi“ zu passen, wegen der Wikinger, die nun mal auf der britischen Insel eine wichtige historische Rolle spielten.
So gelang immer irgendwie eine Übereinstimmung von Lesestoff und Umgebung.
Im Falle von Irland hatte ich nun ein Problem, denn etwas typisch Irisches wollte mir ums Verrecken nicht einfallen.

Auch bei der musikalischen Begleitung setzte ich nicht mehr auf Gallagher und U2, wie ich es vor 5 Jahren eventuell noch getan hätte, sondern ich entschied mich ganz un-irisch für Anne Clark, Joan Armatrading und Renaissance schönes 78er Opus „Song for all seasons“.

Literarisch fand ich dann die Notlösung, Bergers „Heiligen Nil“ mitzunehmen.

DSC02880-011blogbild-002blogbild Nach Irland?
Ja, weil die Nilufer fast komplett lange Jahre englische Kolonie gewesen sind; Irland zu der Zeit zum Kingdom gehörte; sich aber mehrheitlich fühlte, wie eine Kolonie. Außerdem konnte ich mich dunkel daran erinnern, dass in diesem Buch Kitcheners Sieg über den Mahdi nacherzählt wird. Deshalb ergibt sich zusätzlich der aktuelle Bezug zum IS-Unwesen heute.

Dr. Artur Berger, seines Zeichens heute vergessener Afrikaforscher und Großwildjäger, veröffentlichte 1924 ein edel in Leder und Pappe gebundenes Werk namens „Der heilige Nil“.
Wer hatte eigentlich im ersten Jahr nach der Inflation Geld für so eine Luxusauflage übrig?DSC02883-012blogbild
Mich hat es antiquarisch 1977 ganze 7.- M(Ost) gekostet. Die Bleistiftauspreisung steht immer noch drin.

„Wälder gibt es, oder besser: gab es zu beiden Seiten des Nil. Aber die Waldbestände nahmen ab. Reißend schnell. An Wiederaufforsten dachte niemand. Und merkwürdig, die sonst so (…) weitblickenden Engländer haben für Forstwirtschaft scheinbar kein Verständnis. (…) In den letzten Jahren haben ja wohl die Engländer versucht, von uns Deutschen in dieser Hinsicht etwas zu lernen, und englische Offiziere sprachen sich mir gegenüber dahin aus, dass wir ihnen im Forstwesen weit voraus sind, dass sie aber jetzt anfangen, die Fehler langer Jahre wieder gut zu machen.“ (S.40)

Diese Sätze krallten sich fest. Denn sie gelten nicht nur für die „überseeischen Besitzungen“ von einst. Auf den laaaaaaaangen Anfahrten in die schönen Ecken von Glenndalough, Moher, und Cork durchstreift der Reisende auf Gottes grünster Insel doch meilenweit recht karge Prärie, der die Büffel fehlen, und die in ihrem Unkraut, Gras und Schotter-Mix ans Berliner Umland oder ans dünn besiedelte Westpolen/Niederschlesien erinnert.

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Bäume sind in weiten Teilen selten und wenn vorhanden, dann vereinzelt stehengelassener Krüppelwuchs, der obendrein mancherorts als „Fairy-Tree“, als „Feen-Baum“ herhalten muss.

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Die Ruinen des Mittelalters ragen aus der Landschaft, wie hohle Zähne. Kein Weg führt zu ihnen. Kein Gide hält sie für erwähnenswert.

Aber dann erreicht man wiederum Landstriche, die an Thüringen erinnern, mittelalterlich verwunschen erscheinen, so als habe Heinrich I. hier einwenig Burgenbau probiert, um dann die schöneren Exemplare „an der Saale hellem Strande“ entstehen zu lassen.

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Den Anblick von Blarney Castle brachte mein historisch eher desinteressiertes Töchterlein (18) auf den Nenner: „Das is’ doch Prora hochkant.“

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Zum Vergleich hier der Koloss von Rügen:

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Die Seemacht rodete einst auf Teufel komm raus. Schiffe, Schiffe, Schiffe.
Cork erinnerte daran, als es 2005 zur Weltkulturhauptstadt wurde und sich diese gewöhnungsbedürftige Straßenbeleuchtung leistete.

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Als die Seefahrt stählern wurde, rettete das die Bäume keineswegs, denn Wolle, Wolle, Wolle schrie die „Spinning Jenny“ und die Einhegungen für die unvermeidlichen Schafweiden schablonierten die Landschaft weiterhin und der Regen spülte die Krume von den Hängen.

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Dann kam die Baumwolle und ansatzweise endlich erste Gedanken an Aufforstung um den I.Weltkrieg herum. Von Heiler Welt konnte trotzdem keine Rede sein, denn von Cork ausgehend erhoben sich die Iren 1916 zum letzten großen Aufstand, der sich hinzog, bis 1928 endlich England aufgab.

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Jeder Fremdenführer erzählt voll Stolz über den opferreichen Kampf und die englischen Gegenmaßnahmen, die den Begriff „versuchter Völkermord“ durchaus gerechtfertigt erscheinen lassen.
Hätten wir der Weltgeschichte nicht jenen Braunauer und Auschwitz beschert, wie stünden die Engländer heute da?

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Thin Lizzy und U2 begannen mit einzelnen Songs daran zu erinnern.
Latimers Band „Camel“ widmete dem dramatischen irischen Exodus der 20er Jahre 1996 ein hörenswert schönes Prog-Rock-Konzeptalbum – „Harbour of tears“.

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HO Gaststätte „Tanzmusik“

Im Westen geht man Essen. Im Osten – auf Nahrungssuche. (DDR-Sprichwort)
Großstadt. Stadtbummel. Mittagszeit. Hach, gehen wir heute mal chic essen.
Im Leipziger „Kiew“ oder im „Gastmahl des Meeres“ oder so.
Pustekuchen!
„Einen Moment – Sie werden platziert!“, (sonst artet es am Ende fürs Personal in Arbeit aus! Der Kunde ist König? Wo hamsen das her? Monarchie ist abgeschafft! Der Klügere gibt nach. Wir geben unserer Kundschaft die Chance, klug zu sein.)
Du stehst also geduldig an der Tür, glotzt auf leere Tische und harrst der Gunst der Stunde, in der sich der eine von den zwei Kellnern herablässt, deine Familie an einen 6er Tisch zu lotsen, an dem schon ein altes Ehepaar sitzt. Während du Platz nimmst, nimmt er den Abraum deiner Vorgänger huldvoll an sich und entschwebt in Richtung Küche. Um dein fremdes Gegenüber nicht dauernd anglotzen zu müssen, starrst du auf die Seite – auf all die leeren Tische und harrst der Gunst der Stunde, wann dem Kellner einfallen wird, dass er dir und den deinen eine Speisekarte angedeihen lassen könnte….

Gaststättenbesuche der vornehmeren Art waren zu DDR-Zeiten eine Qual.

Neulich in Dobblinn beteiligten wir uns an so einem Ganztagsbustrip an die Cliffs of Moher.
Das waren 6 Stunden Fahrt quer durch die grüne Insel,

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dann Touristenmassenauftrieb zu den Cliffs und wieder runter. Dann 6 Stunden Rückfahrt. Der Mercedes-Kleinbus beschallte uns landestypisch mit Folklore. Irische! Flöten-Hardcore zum Akkordeon! Stundenlang! Und er hatte nicht wie sonst 3, sondern 4 Sitze in einer Reihe plus Mittelgang. Dies wiederum bedeutete, dass die Sitze somit für den Weltbund der gehörlosen, beinamputierten Anorexianer geplant gewesen sein müssen.
Kurz: Was eine beeindruckende Fahrt ins Glück hätte werden sollen, entpuppte sich als Tortura Grande, wenn gleich das eine oder andere Idyllenphoto trotz allem möglich wurde.

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Als wir im irischen Dauernieselregen von der Endhaltestelle zum Hotel zurückkehrten, leuchtete mich das „Hard Rock Café“ an und schwubs war der Vorschlag geboren – lasst uns den Tag retten – Abendbrot – DA!

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Der Nimbus dieser weltweiten Kultstätte ist ungebrochen. Für Musicjunkies ist ein Besuch eigentlich Pflichtprogramm, aber in Berlin bin ich im CD-Finde-Modus oft schon dran vorbeigetrabt und in anderen Metropolen hab ich auch nicht dran gedacht, hier nun lief mir praktisch der Laden selber über den Weg und schien mir den Urlaubstag retten zu wollen.

Also rein da:
„3 Persons, Sir?“
Verblüffung meinerseits pur; „Yes?!“
„Please wait a moment.“
Waaaaaaaaaaaaaaaaaaaas?

Da stürzte auch schon so eine Art Kellnerinnendomteuse heran, deckte mich mit einem irischen Wortschwall ein und prompt hatte ich so eine Art plastene Aschenbecherimitation mit Leuchtdioden in der Hand und so halb die Erklärung verstanden, dass – wenn dieses Unikum leuchtet, die Gnadenstunde für unser Abendmahl gekommen sei – bis dahin sollten wir uns an der Theke oder beim Merchandising amüsieren.

Einmal endlich in so einem Ding und dann das? In fataler Entschlusslosigkeit, machte ich nicht flott kehrt, sondern erklärte kampflos der Family die anstehende Geduldsprobe.
Durch den Laden dröhnte die „Bohemian Rhapsody“ aber nicht mal das konnte mich noch aufheitern. Ich hatte 12 Stunden „eirisch Fohk“ als Busbedudelung hinter mir und nun dämmerte mir langsam, dass ich nicht mehr 25 bin und nicht etwa der musikalische Stilwechsel ohr-atorische Wunden heilt – sondern einzig und allein Ruhe.
Wir checkten also die Nepperpreise für T- und Sweat-Shirts, sowie für diese Ansteckgitarren; doch ich hatte beim Anblick dieser blitzenden Rockerorden unter der gläsernen Ladentheke spontan die Assoziation: Shücrü, Mauro und der Trödeltrupp! Die sollten mal einen sammelsüchtigen Edelmessi u. a. von einem halben Zentner dieser Dinger aus aller Welt befreien…
Das machte wenigstens vor dem nächsten Fehler immun: Hier was zu kaufen.
Aber da flackerten die Blinklichter auf meiner Untertanenmarke: Wir bekommen unsere Plätze!

Wir saßen dann schräg vor der Paul Stanley Gitarre zwischen 2 Flachbildschirmen auf denen z.Zt gerade die Human League aufspielte! Der Tag war nicht mehr zu retten. „Girl, don’t you want me…“ Nee, noch nie! Erstens bin ich keene Ische und zweitens was macht ihr hier im HARD Rock Café?
Die Karten kamen, die Bestellung gelang, und auf die Poppertruppe folgten die Simple Minds: Weiße Socken, dauergewellter Kurzhaar-Wuschelkopf: „Don’t you forget about me…“ Wie könnte ich? Vergebliches Bemühen seit 1983!
Geht das so weiter?
„For ever young, baby we can live forever…” Ächz. „Hardrock aus Tschörmeny. Alphaville“, knurre ich in mich hinein. Immerhin gefällt der Schrott meinen Begleiterinnen und sie monieren nicht zusätzlich meinen Scheißeinfall, hier überhaupt einzutreten.

Die Getränke kommen. Statt Guiness hab ich auf Verdacht auf Heinecken gesetzt und erlebe gleich die nächste Überraschung: Eine Dünnplörre von leibhaftigem DDR-Format! Als hätte man Weißenfelser Helles oder das alte Landskron (Spremberger Abfüllung) hierher evakuiert!
Die Stones auf den Bildschirmen! Yeahr – aber nee – „Satisfaction“ in 82er live-Kitschversion mit buntem Luftballon-Regen. The torture never stopps! Remember Spielshow oder Disneyclub-Finale!

Dann das Essen und U2 „Glohhhh-ria!“ Na gut. Gleich danach dann schon wieder Cobains Turnhallengedächtnissong vom „Teenagerschweiß“. Schülergelärme elendes. Oh ich werde alt. Ich beginne Haare zu spalten: Grunge ist KEIN Hard Rock! Ich will hier bloß noch raus. Schneller essen!
Als nächstes dann Thin Lizzy „Bad reputation“. Kurzes Aufatmen. They took the words right out of my mouth! Denn genau den hat diese Discobumsladenkette nun bei mir weg.
The bill please! Zahlen und weg hier! Für den Abspann sorgen Blink 123 oder 157 oder 138 oder was -verreck- auch immer. Muttis geleckte Punkerlein. Das ist das Ende! An 2 Tischen wird jetzt mitgesungen…
Rette sich wer kann! Vielleicht gibt’s von Helene Fischer schon „breathless through the night“! Dann kommt das hier auch noch!

Hardrock Café? Dass ich nicht lache! HO Gaststätte „Tanzmusik“ sollte das heißen.

Irish Tour 2015

Bludgeon wandelte in diesem Jahr auf Rory’s Spuren.

Was blieb übrig vom Callingcard-Tröster, vom Mr. Bluesrock, vom King of Rockpalast?

In der Stadt, die gar nicht Dabblinn heißt, wie alle hierherum behaupten, sondern Dobblinn oder Dubblinn! (Werri funni inglisch hier äraund!)
Am ersten Tag war nichts zu finden. Bis auf das hier:

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Rory was a fisherman? Nö. Stattdessen begegneten mir reichlich andere Assoziations-Erreger:

Mario Barths Alptraumhotel muss hier in der Nähe sein: blogzugabe-001blogbild

Oder der hier – mit schönen Grüßen vom Nockherberg. Vermutlich sein zweites Standbein. Droht da ein Hardertauerähnlicher Abgang demnächst?blog4-005blogbild

Dass David keine Musik mehr macht, erklärt sich hiermit:

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Auf die arme Verwandtschaft von Chris stößt man dagegen in einer Jahrmarktpassage:blog6-007blogbild

Selbst Showaddywaddy haben Spuren hinterlassen:blog3-004blogbild

Doch wo war Rory?
Würde es so werden wie in Wien 2009? Nirgends Danzer? Aber dann – verborgen hinter Bauzäunen – eine erste heiße Spur:blog10-010blogbild
Also rein da und:

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Du bist im Timetunnel mindestens 20 Jahre zurückversetzt.

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Und da steht dann schon mal er

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Und endlich auch ER:

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Mehr als versöhnt mit Land und Leuten entschließt du dich im Pub mangels Alternative todesmutig ein Getränk zu ordern, das schmeckt wie eine Mischung aus Flüssigbohnerwachs und Schmierseife – Guinness.

Mit geschlossenen Augen presst du den ersten Schluck abwärts, denn du hast den Kram nun mal für fast 5 Euro bestellt und als du sie wieder öffnest, wirst du prompt belohnt. Denn dein Blick fällt auf das da:

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Prompt musst du schmunzeln. Jefferson Airplanes Ratschlag hilft!

“Remember what the dormouse said! Feed your heaaaad!”

Und der zweite Schluck geht dann schon besser.