Der Hungerpastor (1)

„Menschheit, du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu.“ (Ch. Bukowski)

Mir leuchtete diese Maxime bereits während meiner Armeezeit ein, ohne sie formuliert zu haben. Aber die Welt von Prora war um 1980 nunmal voller Assis. Gelesen hab ich sie erst nach der Wende. Aber heute ist sie aktueller denn je. Und obendrein liest sie sich wie ein Credo zu Raabes Schaffen. Der wiederum für mich eine Art von Prä-Schmidt ist. (Gemeint ist Arno Schmidt; der Prophet von Bargfeld). Merke: Alles hängt mit allem zusammen.

Jedes Ding hat seine Entsprechung in alter und zukünftiger Zeit.

Und gute alte Bücher beweisen dir das zeitweilig derart, dass es dir den Atem verschlägt: „Wow! Damals schon?!“

Raabes lesbarster Roman – „Der Hungerpastor“ von 1864 verführt in einem fort zur Rückschau. Guck an! Kenn‘ ich! Ging mir auch so – hundert Jahre später! Watsch! Der traut sich was! Hat ihm keine Freunde gemacht. Kenn’ich! Bin in ähnlichen Fettnäpfen zu Hause gewesen – usw. usf.

„Ich habe alle Begeisterung, so der Mensch fühlen kann, in meinem Herzen gefühlt; ich habe auch allen Menschenjammer gesehen und in mir gespürt. Nun fahren mir die Erinnerungen immerdar zwischen die Buchstaben und Zeilen …(und)… schütteln die Gedanken durcheinander.“

Resümiert der alte Waterloo-Feldprediger als greiser Dorfpfarrer in Grunzenow/Hinterpommern am Ende seines Lebens und am Ende des Romans.

Ja, so ist es. Prompt stehst du wieder im hohen, langen Flur der Altbauwohnung und die Geister der Kinderzeit sind alle wieder da. „Down the edge of korridors into the gates of time“… Wie Dan Fogelberg singt und Raabe schreibt – das gehört zusammen! Silently the past come stealin‘.

Dir wird bewusst, was es heißt, Boomer zu sein, dessen Kindheit in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts fiel – und wieviel 19. Jahrhundert da noch zu erleben war!

Raabe lässt das erste Romandrittel zwischen 1820 und 1830 spielen – und auch das kenne ich: Diesen Hang zu knapp verpassten Zeiten. Raabe ist 1830 geboren und malt (sich) die zwanziger aus. Ich bin 1960 geboren und bin stets gefährdet all dem 50er Jahre Kitsch zu verfallen. Ein herbeierzähltes Idyll aus Petticoates und Doowop, trotz Walter U. und GULAG.

Er beschreibt den Werdegang von zwei Spielgefährten: Hans Unwirrsch und Moses Freudenstein.

Die sprechenden Namen sind anders gemeint, als es auf den ersten Blick scheint. Dazu mehr in „Hungerpastor (3)“.

Unwirrsch ist ein Schuster-Sohn, der einen anderen Weg geht, als alle seine Vorfahren. Aber zunächst erlebt er eine Kindheit in kleinstädtischer Handwerkerarmut vorindustrieller Zeit.

Die Schusterwerkstätten seines Vaters und seines Onkels werden derart lebendig beschrieben, dass es mich prompt an „unseren Schuster“ in Naumburg erinnerte, auf dessen ebenfalls lichtlose Werkstatt mit den seltsamen Gerüchen in all der Enge der Regale das alles auch passt. Der alte knurrige Mann mit der Lederschürze, wortkarg und mit den Gedanken eh immer woanders, der mit Kreide eine Nummer auf die Sohlen der kaputten Botten schrieb und diese dann mit Stift von hinter dem Ohr auf ein Kärtchen übertrug und irgendwas knurrte, was wie „Freitagmittag“ klang.

Und es war auch eine Schuster-Tochter, der ich in der 3. oder 4. Klasse jenes Skatkartenspiel abkaupelte, dass bis heute in meinem Schreibtisch überlebt hat – und nach dem die ganze Schublade riecht: Diese Werkstattmischung aus Schweinsleder, Lederfett und Schuh-Creme.

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Frau und Tochter weigerten sich stante pede mit diesen Karten Mau-Mau, Krieg, Schafskopf oder Kanaster zu spielen, wegen: „Iiiiiiiiiiiih! Die doch nicht!“

Ich alter Bewahrer aber schätze sie, weil: Unter-Ober-König hier Beine haben und die Dame im Ensemble fehlt! Mit 9 Jahren war mir, als hätt‘ ich einen Schatz geborgen, wie Hans Unwirrsch, als er die Hinterlassenschaften seine verstorbenen Vaters sichten darf.

Vater Unwirrsch hatte eine Glaskugel über der Kerze hängen, bei deren Licht er so auch in der Dämmerung noch arbeiten kann und schließlich auch spät abends noch grübelt; denn jene frühe Disco-Kugel reflektiert das Kerzenlicht und wirft Schatten an die Wände, während der arme Mann sein Schicksal bedauert, nicht genug Geld übrig zu haben für Bücher, die seinen Hunger nach Wissen stillen könnten.

Gebrochenes Licht, wandelnde Schatten, Farbenspiele. Wer kennt sie noch, diese Trostpreise der Los-Bude, diesen Taschengeld-Dieb im Papierwarenladen: Kaleidoscop. Halb Fernrohr, halb Zauberstab. Du guckst unten rein und siehst lauter bunten Flitter…. „Magic!“

Und wieviel buntverglaste Fenster die alte Stadt hatte! Auch die elendste Hinterhof-Laube hatte Buntglas-Oberlichter aus Kaisers Zeiten! Butzenscheiben in allen Altstadt-Restaurants und in den Kneipen der Burg-Ruinen! Nach der Wende wurde zwar der sozialistische Verfall gestoppt, viele Fassaden feierten Wiederauferstehung – jedoch all das Buntglas war futsch. Flair, das zumindest ICH vermisse!

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Die Stadt hatte auch in den 60ern neben den Schustern noch die vielen Tante-Emma-Läden. Mir musste später keiner erklären, warum die so hießen, denn ein jeder wurde von so’ner ältlichen griesgrämigen Krieger-Witwe geführt: Missmutig rappelte sie sich im Hintergrund vom Häkeln auf, wenn die Ladenbimmel störende Kundschaft anzeigte. Das Warenangebot kurios zusammengestückelt: Sammeltassen, kleine Porzellan-Figuren, Touristenkitsch in Form von Abziehbildern mit Burgruine oder gebogenen Wanderstockbeschlägen. Manchmal stand ein einsamer Indianer oder ein Matchbox-Auto zwischen all dem Nippes. Der Grund des Besuches!

Sie fristeten ihr Rentnerinnen-Dasein mit diesem Zubrot zur spärlichen Witwenrente, fern von allen HO- oder Konsumgenossenschaftszwängen. Einer nach dem anderen verschwand durch Ableben der Eigentümerin.

Die verschnörkelten Schaufenstereinfassungen blieben und verrieten mit der Zeit und wenn der Holzwurm fleißig war, dass sie eben nicht aus Marmor oder Granit gemeißelt waren. Schnödes Holz. Und immer mehr Abblätterungseffekte mit fortschreitender „entwickelter sozialistischer Gesellschaft“. Ein gelungener Luxus-Fake aus alter Zeit.

Diese Witwen fielen mir immer dann ein, wenn Raabe beschreibt, wie in der Kröppelgasse stets das Haus voll ist, wenn einer stirbt. Alle Nachbarinnen sind zugegen, die halberblindete Hebamme ist die Totenwäscherin, die andern organisieren den Leichenkuchen, gaffen, beschnacken den Vorgang und den Sarg, vergleichen die diversen Variationen des Ablebens der letzten Zeit, bejammern die Hinterbliebenen.

Und so geht das in einem fort.

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Führ/Speck „Naumburg a.d.S. Die Stadt auf historischen Fotografien“

Die Kröppelgasse im Buch könnte die Engelgasse oder die Paul-Heese-Straße von Naumburg sein. Das Identifizieren wird von Seite zu Seite leichter.

Hansens Oheim Grünebaum in all seiner Schrulligkeit könnte (zusätzlich zu tatsächlichen Schustern) auch Udos Opa sein. Solche Käuze kommen heute nicht mehr vor. Die sonderten einen Spruch nach dem andern ab; laberten Dittsche-mäßig den ganzen Tag lang den buntesten Unsinn mit realem Kern, dass es dich von Zeit zu Zeit vor Lachen zerfetzte.

Beispiel: Udos Opa weiland 1966 oder 67 in der Bäckerschlange, als einziger alter Mann unter lauter „Weibern“ und mir als Ohrenzeugen:

(Eine Kundin hielt den Laden auf, weil sie -typisch weiblich- erst nicht wusste, was sie nehmen will und schließlich noch Familiengeschichte abspulte. Plötzlich grölts in unmissverständlichem Bariton:)

„Is‘ dor Bäggor schonn dohd, oder geht’s da vorne nochäma weitor! Ich stehe hier doch nich‘ bis de Tätowierten andor Macht sinn!“

Lachende Zustimmung des „Warte-Kollektivs“ und fluchtartige Entfernung jener Tratsche aus dem Laden.

Das Neustadt des Hans Unwirrsch hat ein Gymnasium und ist drei Tage Fußmarsch von der nächsten Universität weg: Also Naumburg und Jena, da von bewaldeten Bergen die Rede ist, die beide umgeben.

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„Man studiert in Halle oder Jena“ – legt Raabe selbst irgendwo im Buch die Spur.

Es entrollt sich ein unterhaltsamer Entwicklungsroman, mit Witz erzählt, gesellschaftliche Missstände abwatschend – und(und das ist wichtig zu erwähnen, bei Raabes gefürchteter Berg-und Tal-Schreibe) – der von A bis Z die Spannung hält!

Es ist ein Werk, das viel aufgreift, was vorher war und das anderen zum Wegweiser wurde, die später kamen; wie noch zu erzählen sein wird. (Siehe Teil 2 demnächst.)

Und es ist ein Werk, das im Verruf steht, ein „Meisterwerk des Antisemitismus“ zu sein. Ein Vorwurf, der sich nicht in einem Satz bestätigen oder abstreiten lässt, wenn man sachlich bleiben will. Deshalb dazu ein Extra-Post im dritten Teil.

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