Legendenbildung

Es war einmal, in einem Land vor unserer Zeit. Und es ist doch kein Märchen.

Der Nachfolger

Das 20. Jahrhundert war noch jung. Vor 4 Monaten erst war es mit Tschingderassa und Feuerwerk begrüßt worden. Auch da, wo sich üblicherweise nur Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Abseits der Metropolen. In der Kleinstadt am Rande des Isergebirges. Österreich-Ungarn. Unweit von Zittau.

  1. Zwei Kontrahenten

Der Schuss war im ganzen Hause zu hören. Bertha, die Magd, ließ fast das Kastrol mit dem Mittagsgulasch fallen, schaffte es aber doch noch bis zum Küchentisch.

Der alte Seff eilte zum Herrenzimmer und rief vor der Tür zweimal unsicher, leise aber nachdrücklich:

„Herr Prinzipal?!“

Dann trat er ein.

Was er sah, erschütterte ihn so sehr, dass er auf dem Sessel neben der Tür zusammensank. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf das Ensemble inmitten des Zimmers:

Der wuchtige Schreibtisch, der „Thron“ dahinter; und auf ihm saß – nein – in ihm hing, über die linke Armlehne geneigt sein Chef. Ottfried Köhler. Tuchfabrikant. 53 Jahre alt. Tot.

Aus der Austrittswunde, der linken Schläfe floss es rot auf den Teppich. Von der rechten Schläfe hatten sich ebenfalls zwei rote schillernde Rinnsale ihren Weg über das Gesicht und um die Nase herum gebahnt.

Die rechts auf dem Teppich liegende Luger konnte Seff nicht sehen.

Er saß nur da und starrte- , und irgendwann entrang sich ihm ein zittriges

„Jesses, Jessas! Was soll nur wernn jetze? Jessas Mariandjosef, was soll nur wernn ajetz?!“

So fand ihn die Bertha, die unten von der Küche auch endlich gucken kam.

Zwar schossen ihr beim Anblick des Schreibtischstilllebens sofort die Tränen in die Augen, jedoch beherzt rüttelte sie den alten Diener, Kutscher, Hausknecht in Personalunion aus seiner Schockstarre.

„Seff! Hearste?! Joooseff!“ Es war der eine oder andere Rüttler nötig. „Geh nach’m Schandarm! Hearst?! Und brängok die Ringlern glei dohier. Die sollem’s letzte Hemd oa‘ziehn.“

Und der alte Hausgeist rappelte sich wirklich auf und wankte von dannen.

Am Abend desselben Tages, nur ein paar Kilometer weiter, in der Stricker-Villa im Nachbarort, saß ebenfalls ein Tuchfabrikant in seinem Herrenzimmer am Schreibtisch und wendete einen kleinen Aufstellrahmen, der eine Photographie mit drei jugendlichen Gesichtern enthielt, hin und her. Er wischte auch das eine oder andere Staubkorn auf die Seite und murmelte unaufhörlich in seinen sehr gepflegten, tiefschwarzen Henri Quarte hinein:

„Wofür das alles? Wielange noch? Mit 55 kannst‘ vorbei sein. Vier Jahre also noch. Oder aber erschd mit 70. Wer wahs denn? Und nu no‘ahmol investiern fia die nei‘en Farbm. A eigne Färberei muss sein. Erschd wars eehne Tuchfabrike, nu seins ihrer dreie. Und is immer no’nee gnung! Wer steht, va’geht. Wie der Köhler heute Mittag. Und dabei hätte der Älteste jetze bahle sollt einsteigng dorte. Nu steht der ohne alles da. Hat sich was mit’n Studier‘n da oben ei‘m Reiche. Obar der HOAT wenigstens studiert. Zielstrebig isser ja. Wenn ich’s doch nur oach kennte soang, von meim Poldi.“

Er wandte sich dem Photo vollends zu: „Hoastenn Stammhalter und hoast doch ke‘nn! Schlingel du! Patzi verdammta!“ Letzteres war auf den Jungen auf dem Bild gemünzt, der da neben zwei Mädchengesichtern – ach, was sag ich – wahren Feenerscheinungen griente.

Die Prinzessinnen auf dem Photo mochten 17 oder 18 sein. Der „Bursch“ war 21 und in Uniform.

„Hättma diech og nee so verzogng! Erschdgeborna du! Ob du ehmol reif wischd sein? Obiechs no‘ waar arlaabm?“

Es war ihm nur zugut bewusst, dass sein Erstgeborener allen Geschäftssinn und alle Eignung zur späteren Firmenleitung -bisher- vermissen ließ.

Er stellte das Bild wieder zwischen die Teile der marmorierten Schreibtischgarnitur.

„Und ihr zweehe?“richtete er nun seinen Monolog an die Mädchen, „wen werd ihr mir o’breng? Was wird-do sein? Na! Ahle Jungfern wird’der nee. Bei dem Aussehen!“

Nun lächelte er vaterstolz, denn es war unübersehbar, wie attraktiv die beiden da auf dem Bild mit Aufblühen beschäftigt waren – und beide hatten SEINE Augen! Dunkle tiefe Seen unter tiefschwarzen Augenbrauen: Rassig!

Er sah nun aus dem Fenster auf die Fliederknospen im Garten und die noch spärlichen, weißen Blüten des Apfelbaumes:

„Es lenzt.“ Wieder sah er zum Photo, aber eher auf die Mädchengesichter, dann wieder auf die Blüten draußen. Müde deklamierte er: „Hurra-hurra. Der Lenz is‘ da … mir fahrn halt mit dem Dampfer da.“

Er erhob sich, dehnte sich gähnend und ging zum herrlich verzierten, eichenen Aktenschrank. Dort holte er hinter einem dicken Aktenordner die Cognac-Flasche hervor, griff sich eins von zwei Gläsern dahinter, schenkte sich einen „Schlummertrunk“ im Stehen ein, stürzte ihn an Ort und Stelle hinunter und ging zu Bett.

  1. Dampferfahrt mit Folgen

Der alte Stricker gewährte seiner Familie nach langem Darben eine Dampferfahrt, wie sie die Töchter mochten: Frühzeitig per Kutsche zum Bahnhof. Dann per Bahn Reichenberg – Dresden. Schaufensterln und Kaffeehausbesuch am Brühl. Schließlich Dampferfahrt mit Buttercreme-Torte bis Bad Schandau und zurück,  – und wieder heim wie hergekommen.

Sie hatten das vor Jahren so erprobt und beibehalten. Leopold, der Stammhalter, hatte Kasernendienst. Er fehlte.

Während die kleine Gesellschaft an Deck des weißen Dampfers saß und in die Tortenstücke einhieb, schaute sich der alte Stricker wie unbeteiligt um – und meinte prompt da an der Rehling zwei junge Herren zu erkennen. Der eine mit Gymnasiastenmütze noch Schüler, aber ersichtlich kurz vor Ende, war unverkennbar Rudolf Köhler. Der andere wirkte seltsam alt für seine 26 oder 27 Jahre. Eventuell machte das der dunkelblonde Henri Quarte, den er trug, wie der alte Stricker in schwarz. Oder aber dieses gemessene Benehmen.

„Kommt rüber wie ein Baron. Is aber der studierte Köhler“, murmelte Stricker wie so oft vor sich hin.

Da war er aber auch schon aufgestanden, seinen „Weibern“ bedeutend, sitzenzubleiben – und an die beiden Herren herangetreten:

„Holla der Köhlernachwuchs.“

Die beiden wendeten sich um, erkannten ihn und der Blick des älteren verdunkelte sich abrupt.

Strickers Ruf war nicht der beste im konservativen Mittelstand der Region. Er war als der Hanftlmacher verschrien. Wegen dem hängten sich reihenweise die Textilfabrikanten auf, weil er alles niederkonkurrierte. Nun: Vater Köhler hatte sich immerhin erschossen, als nichts mehr ging.

„Gott grüß Sie, Herr Stricker.“

„Gleichfalls…. Des Gleichen.“ Der Alte suchte nach einer passenden Eröffnung, fischte dann sein Zigarrenetui aus dem Sakko und bot erstmal dem älteren eine an. Dieser lehnte ab.

„Nun: Mein Beileid. Aufrichtig. Ihnen beiden“, murmelte Stricker im Wegstecken des Etuis.

„Danke.“

„Sie sind auf der Heimfahrt, den Nachlass zu regeln?“

„Hm.“ Köhler, der ältere wollte nicht so recht sich ins Gespräch ziehen lassen. Nicht mit DEM!

„Viel zu regeln is‘ ja nich‘.“ verriet Rudolf, der jüngere von beiden – und erntete einen strafenden Blick seines Bruders.

Schließlich gab sich dieser aber einen Ruck:

„Was soll’s. Zu verbergen is’es ja nich’mehr. Das Haus Köhler& Söhne is‘ bankrott. Bapah hat in seinem Abschiedsbrief verlauten lassen, das Erbe auszuschlagen, da eh alles unter den Hammer käme. So aber könne ich schuldenfrei bei Null anfangen. Ich muss nun alle die treuen Seelen entlassen, mit denen ich und mein Bruder aufgewachsen sind. Sie werden die Todesumstände meines Vaters besser kennen als ich. Sie waren näher dran. Der Dorfklatsch funktioniert. Falls es sie verwundert, uns hier anzutreffen, statt Express nach Haus zu meiner Schwester zu eilen: Diese Spritztour ist der zusammengekürzte Rest eines großen Planes. Ursprünglich wollte ich nach der Diplomverteidigung eine große Deutschlandwanderung unternehmen. Die Ereignisse zwingen mich nun, mit 2 Stunden Dampferfahrt zufrieden zu sein. Das Tal der Entsagungen wird finster und lang genug werden. Zufrieden?“

„Heu-heu-heu. Nicht so dolle mit die jungen Pferde. Wieso sollte ich zufrieden sein?“

„Kennen Sie ihren Ruf nicht unter den Fabrikanten?“

„Autsch.“ ließ sich Rudolf vernehmen und machte eine saure Miene.

„Nun ja. Wo Erfolg ist, kommt der Neid vo‘ ganz dorleehne.“ Er macht eine Pause, als ob er überlegen muss, das Folgende zu sagen; „Ich woar halt immer a bissel schneller als der Rest vom Schützenfest. Wenn ihr oandern schnarchd und adlig tutt, wie die Barons, die an‘n Fortschritt neh nötig ham, kannich nee dafier! Nüschd fia ungut.“ Der alte Stricker schnippte seinen Zigarrenstummel in die Elbe, drehte sich dann seinen „Weibern“ zu und lud die beiden Herren an den Tisch.

Eine Vorstellung war nicht nötig, oberflächlich kannte man sich von Kindesbeinen an.

Frau Stricker lobte das Aussehen des älteren Köhler-Sohnes:

„Ja so a fescher Herr! Den klenn Guntram vo‘ ehedem kommor da nimmi dorkenn‘.“

„Ja, das Alter schlägt zu.“ lächelte Köhler 1 nun doch in Anwesenheit der jungen Damen.

„Wie alt ist denn der „alte Mann“?“ begehrte die vorlaute Ingeborg zu wissen.

„27 Lenze gnädig’s Fräulein.“

„Jesus! Kurz vor Pension also!“ scherzte sie weiter, verbarg aber ihre Röte und ihr Kichern „süüß“ hinter ihrem neuen Fächer.

Die ruhigere Martha legte ihm die Hand auf den Unterarm:

„Mein Beileid. Sie stehen nun ganz allein in der Welt?“

Ingeborg errötete gleich noch einmal, denn daran hatte sie nun nicht gedacht. Peinlich.

„Ich auch. Also auch von mir mein Beileid. Wollt‘ ich soang.“, versuchte sie den Fauxpas auszugleichen.

„Jetz‘ wird ihr Herr Vater ja in ungeweihte Erde müssen.“, berührte Frau Stricker prompt einen wunden Punkt, für den sie gleich einen Fußtritt ihres Mannes unterm Tisch erhielt und einen bösen Augenwink, das Thema janicht zu vertiefen.

„Pardon. Das is‘ mir so rausg’rutscht. Ich hab woll’n Ihnen nich zu nahe treten.“

„Keine Ursache Frau Stricker. Das Thema wird ebenfalls das ganze Nest beschäftigen.“

„Nehmen Sie das etwa in kauf?“ staunte sie nun doch weiter.

„Viel kann ich da nicht machen. Den Herrn Pfarrer bitten, ob er ein Einsehen hat. Vielleicht wirkt ja doch no a bissl der alte gute Ruf, von vor den Schulden. Dann kömmor den Bapah ins Familiengrab tun.“, klärte Guntram Köhler die wissbegierige Alte auf.

„Wenn’s dor Laurenzie-Kirch e buntes Fenster spendiern, hätt‘ der Hergott spontan a Einsehen.“ schaltete sich der alte Stricker ins Gespräch.

„Otto! Tu dich og ne versündchen!“, strafte ihn sein Ehegespenst.

„Auch schon durchgegrübelt. Macht 200 Taler. Die fehlen dann wieder für Kränz‘ und Leichenschmaus.“, nuschelte Guntram in seinen Bart; egal ob das sein Umfeld nun vernahm oder nicht.

„Kindorsch! Themawechsel! Wolltor no awos trinken? Es is‘ Wochenende.“, riss Stricker das Ruder herum.

Das Gespräch drehte sich dann unverbindlich um alles Mögliche. Um das Annerl, die Schwester der beiden Brüder, die mit ihren 20 Jahren tapfer mit Bertha und Seff daheim inzwischen die Stellung hielt Sie war es, die entschieden hatte, dass Rudolf dem Telegramm hinterhergeschickt worden war, den großen Bruder heimzuholen, der nun Herr im untergehenden Hause sein sollte. Auch Guntrams frisches Diplom summa cum laude spielte eine nicht ganz unwichtige Rolle. Diplom-Ingenieur für Wirk- und Färbetechnik. Erfahrungen im Umgang mit den neuen künstlichen Farbstoffen. Die es seit gut 30 Jahren gab, die aber jetzt erst in den Textilfabriken Nordböhmens für Aufruhr sorgten.

Beim Verabschieden an der Anlegestelle in Dresden gab man sich die Hand.

Als Guntram dem alten Stricker die seine gab, fühlte er einen kleingefalteten Zettel im Handteller.

Verwundert sah er Herrn Stricker ins Gesicht. Dieser zwinkerte:

„Wegpacken. Für’s Fenster.“

Und laut in die Runde ließ er sich vernehmen: „Also dann bis Sonntag. Halten Sie mich auf dem Laufenden über ihre Geschicke. Wenn Sie ein Betätigungsfeld suchen. Ich hätte da so die eine oder andere Textilbude, die einen Oberhäuptling kennte vertroang!“

Frau Stricker rieb beiden Köhler-Buben tröstend den Oberarm: „Doar Mensch denkt. Gott lenkt. Moar wess halde nee, wozu’s no‘ wird gutsein.“

Ingeborg knixte kichernd und Rudolf grinste draufgängerisch zurück.

Martha gab schüchterner die Hand:

„Hearns og of unsen Voatern. Wenn ich Sie wär‘, tät ich die Hand nehm, die mir will helfm.“

Dann waren Guntram und Rudolf wieder allein. Guntram entfaltete den Zettel.

Ein 200 Taler Scheck.

Er zeigte ihn Rudolf. „Hättest du das von einem wie Stricker gedacht?“

Verständnislos schaute der zwischen Bruder und Schriftstück auf und ab.

Hier tat Aufklärung Not. Deshalb sprach Guntram: „200 Taler. Kostenvoranschlag für ein bleiverglastest Buntfenster. Kapierst?“

Rudolfs Miene hellte auf:

„Dann muss dor Bapah nee ei ungeweihte Erde?!“

„Wermer seh’n.“

  1. Interludium

Am darauffolgenden Mittwoch erfuhr die staunende Stadt, dass der Fabrikant Köhler überraschend einem Schlagfluss erlegen sei. So stand es schwarz auf weiß nun in der Parte der Reichenberger Zeitung. Die Beisetzung sollte am Samstag in aller Stille in der „Köhlergruft“ erfolgen. Eine Woche später weihte die barocke St.Laurenz-Kirche im Ort das Köhlerfenster an der Nordseite.

Der alte Seff war seinem „Prinzipal“ hinterher gestorben. Er wusste nicht wohin. Auch er wurde in aller Stille beigesetzt. Gottlob hatte er bescheidene Ersparnisse für Sarg und Totenmesse. Hinter seinem Wagen aber gingen die drei Köhler- Kinder, die einst alle drei auf seinem Schoß die ersten Abenteuergeschichten erzählt bekamen und die treue alte Bertha.

  1. Der alte Stricker und der junge Köhler

Jener Mittwoch ging jedoch aus ganz anderem Grund in die Annalen des kleinen Ortes ein. Da geschah im „Hinterzimmer“ beim alten Stricker etwas, woran sich die Klatschmäuler der Marktweiber und Stammtischveteranen noch tagelang abarbeiteten.  Drei Tage nach jener Dampferfahrt kam es zu einem denkwürdigen Auftritt von Köhler 1 im Herrenzimmer der Stricker-Villa.

Er sprach außerplanmäßig vor, denn die Einladung hatte ja erst für Sonntag gegolten.

„Ja was moagar nur woll’n?“ staunte Otto Stricker, als ihm der Besuch gemeldet wurde. „Geld vermutlich. Hoatt woll nichmal’s Nötige fürn Stein.“

Die Sorge erwieß sich jedoch als unbegründet – denn das Gespräch nahm eine völlig andere Richtung. Und Schuld daran war überwiegend Otto Stricker selber.

Köhler Junior, gepflegte Erscheinung wie auf dem Dampfer neulich, betrat den Raum mit einem Blick, der das ganze Gegenteil vom letzten Sonntag war. Offen und strahlend.

„Es trieb mich einfach her, Dank zu sagen. Ich weiß, dass noch nicht Sonntag ist.“

„Ja, sooooo!“, lachte im Stricker entgegen. „Lassens miech og raten! Sie haben den Herrgott rumgekriegt?“

„Ja. Nicht unbedingt den Herrgott. Aber seinen Großwesir ei St. Laurenzie. Er meint, er könne sich vorstell’n, dass für so a Wunder, wie’ra neu’s Fenster, demnächst der Herrgott a Einsehen wird haben – und’n Bapah kennt‘s Schluss machen vergeben.“, fällt Köhler mit der Tür ins Haus.

„Dacht’ ich‘s doch!“ Der alte Köhler trat zum Aktenschrank und entblößte die Cognac-Flasche vom Aktenordner. „Setzens Ihrer hie, dohier. Wunder soll’mer feiern.“

Als beide ihren Schwenker in der Hand sanft pendeln ließen, setzte er fort:

„Wo’s scho ahmol da sein. Iss sogar besser hier ohne die Frauens. Redmer ämal geschäftlich. Hams scho wohs ei Aussicht? Nimmt sie scho‘ jemand?“

„Ich hatte noch keine Zeit.“

„Ham’s über mei Angebot geschlafm? Ich tät Sie sofort einstelln. Ich muss eh ahne richtche Farbarei gründen. Jetze mitti nejchen Far‘m aus’m Reiche. Das hoaltmor nimmi auf.“

„Ja. Das klingt verlockend für einen, der aus’m letztn Loch pfeift. Ansprüche koann ich kane stelln. Aber froang müsst ich, wie … welches Salär hätten Se mir da zugedacht?“

„Sie müssen noch für’n Rudolf sorng und für die Anni.“, ergänze der alte Stricker.

Guntram nickte.

Stricker lehnte sich zurück. Ein Schlückchen Cognac. Ein Grinsen. Dann die süffisante Antwort:

„Also ich dachte da an – nichts.“

Köhler Junior guckte nun wieder wie auf dem Dampfer: Das war der Stricker wie im Volksmund: Geizig und fies.

Stricker genoss die Verwirrung im Gesicht seines Gegenübers und setzte fort:

„Vorerst! Ich dachte so: Sie hoam a Diplom, oaber keene Berufspraxis. Noch nich‘! Aber Sie hoam da Kenntnisse, die hoad sonnst koaner dahier! Zwee Joahr‘ Probezeit füra Toaschngeld. S Schulgeld fürn Rudolf nemmich ah auf miech. Dann – nach die zwee Joahr‘ – Gompanjong; und am besten wär‘: Sie suchen sich eehne meiner Madeln aus. Hochzeit oaber ebenfalls nur im Erfolgsfall – in zwee Jahrn!“, schob er schnell noch nach; selber überrascht von seinem Spontaneinfall.

Guntram goss fast den Branntwein auf den Teppich, so überfahr‘n saß er in seinem Besuchersessel.

Aber es kam noch besser:

„Sie schlagen das Köhler-Erbe aus?“ forschte Stricker weiter.

Guntram nickte.

„Dann is auch ihre Villa weg?“, konstatierte Stricker mit hocherhobenem Kopf.

„Ich überblicke noch nicht das gesamte Ausmaß, jedoch, egal ob ICH selber verkaufe oder pfänden lassen muss. Ich muss eh alles in Gläubigerhände ge’m. Weg is‘ eh oalls.“

Mit der freien Hand fuhr er sich übers Gesicht um den Alp zu verscheuchen.

Stricker zog den letzten Trumpf:

„Wenn se dorheme rausmüssen, das wird ja noch eh Weilchen dauern – ziehen se hier ei.“ Er zeigte zur Zimmerdecke. „Dor erschde Stock is leer. Sie, die Anni und der Rudolf ziehen droben inde erschdn 3 Zimmer. Ich war jung und blöde, als’ch mor den Kasten dahier hoab andrehn lassen. Viel zu groß bisher. Oabor mor weeß ehm nie, wozu’s mal werd guttsein. Wie mor nu sidd. Wemmor am Sonntage wern dor Muddi de Vorlobung bekanntge‘m, simmor Familie. Ihnen sparts de Miete und mir Lohn in ihrer Probezeit.“

Das räumte alle Existenzsorgen mit einem Schlag aus dem Weg. Um den Preis des Frontwechsels im Gerede der Stadt. „Hanftlmachers“ Schwiegersohn.

„Ich – als dor Schwiegersohn vom Stricker?!“ musste er sich selber erstmal klarwerden.

Stricker grinste immernoch und zuckte mit den Schultern.

„Se könn‘ auch ablehn‘. Und irgendwo im Reiche ei Stellung gehen. Vo miiiir aus!“

„Äh. Nö. Nein-nein. Aber. Das kommt so plötzlich … Sie ham doch einen Sohn. Wenn sie den dasselbe studieren lassen, wie ichs hab, dann bräuchten Sie mich ja gar nicht?“

Stricker schoss nach vorn und beugte sich weit über die Schreibtischplatte:

„Hearns amol zu! Der Poldi is nicht wie Sie. Der is a Hallodri. A Schöngeist. Selbst wenn ich n ließe studiern – dauertes bis noa St.Nimmerlein. Ergebnis ungewiss. Binich amol hinüber, dann valudert er die Firma schnölla als seh wuchs. Er braucht enn bedächtigen Freund an der Seite, der’n tutt bremsen und lenken. SIE! – wernn doar richdche!“ Sein Zeigefinger zielte auf Guntrams Nase.

Er lehnte sich wieder zurück: „Nehmse nu an?“

„Ja doch. Ja.“

„Ha! Ich wusstes!“, Stricker klatschte in die Hände und drehte dann das Kinderbild auf dem Schreibtisch um, so dass Köhler alle dreie sah.

„Willkommen indor Familie, Jung‘! Welche nimmste?“

„Martha.“ Guntram erschrak. Hatte er das wirklich so ohne zu Überlegen gerade gesagt?

„Gute Entscheidung. Gleich zu Gleich. Der Bedächtige wählt die Bedächtige.“ Stricker haute die flache Hand auf die Klingel. Anton, das Hausfaktotum, erschien.

„Holokke die Martha her. Es eilt!“

In Guntrams Kopf griff nun Chaos Platz: Wie? Jetz‘? Sofort? Wie soll das gehen? Was soll er jetzt sagen? Heiratsantrag aus dem Nichts? Kruz=i=Türken! In was war er da hineingeraten? Der alte Stricker ließ wirklich nichts anbrennen! Was verband ihn bisher mit Martha? Was hatte er am Sonntag mit ihr gesprochen? Wo anknüpfen? Da ging die Tür schon auf und Martha erschien.

  1. Martha

Strahlend schön. Gerade 18 geworden. Kurz vor der Matura im Lyceum in Reichenberg. Die Frisur nicht aufgedonnert wie am Sonntag. Sondern zwei alltagstaugliche, dicke blonde Affenschaukeln vor den Ohren im Kontrast mit diesen tiefschwarzen Zigeuneraugen. Zwei Seen, so tiiiief, um darin zu versinken…

„Was willst‘n Voater? Oh, Herr Köhler! Herr Vater haben mich rufen lassen?“, korrigierte sie sich sofort; einen Knix andeutend.

„Kind! Der Herr Köhler ist gekommen, um uns – äh dir eine Mitteilung zu machen. Eine Wichtige. Also. Ich lass euch jetzt allein und Kind – was du nun erfährst: Denk dran: Dein Vater will es!“

Verwirrung machte sich nun auch auf ihrem Gesicht breit. Da Köhler bei ihrem Erscheinen aufgesprungen war, standen beide nun etwas verloren in dem großen Raum einander gegenüber.

Kaum war der alte Stricker aus dem Zimmer, zuckte es in Köhlers linkem Bein als wollte er niederknien; er besann sich aber auf halbem Wege und richtete sich wieder straff auf.

„Fräulein Stricker. Ich eh… oach … wie sag ich das jetzt. … ich bin gekommen … um zu … um zu…Fräulein Stricker! Ich bin schlecht in Romantik. Ich darfs nicht verderben. Ich kam zu ihrem Herrn Vater und … und dann …. Um zu erfahren, dass wir beide heiraten sollten. … nein vergessen Sie das. Anders! Ich bin entschlossen … ach verdammt.“

Ihre Verwirrung war erst in Erröten, dann in Schmunzeln, schließlich in Lachen übergegangen.

Sie fand als erste zu klaren Sätzen: „Das ist eigentlich eine Ingeborg-Szene. Soll ich sie rufen lassen? Das is‘so albern! Wir SOLLEN heiraten? Allerliebst.“ Und dann ganz schnippisch: „Wie war nochmal der Vorname – mein Gemahl?“ Er stand mit puterrotem Kopf völlig bedeppert vor ihr. Nun schüttete sie sich förmlich aus vor Lachen und warf sich in den bisher unbenutzten zweiten Besuchersessel vor dem Schreibtisch.

Er nahms als Zeichen, sich ebenfalls zu setzen. Er drehte seinen Sessel aber auf sie zu.

Er begann von neuem:

„Lassen Sie mich erklären. Die Situation ist wirklich kurios. Ich gebe aber zu, dass mir sehr recht wär‘, wenn-“

„Sie brauchen sich nicht zu quälen, lieber Herr Köhler. Der Voader braucht an Färber, der diese neuchen Verfahren kennt. Und nu hatter Sie ei’fang wolln“, ihr Lächeln erstarb, weil nun auch bei ihr der Groschen erst so richtig fiel, „und iiich bindoar Köder?! Hab ich recht?“

„Ja. Nein. Das heißt. Ich wollte ja selbst…“

„Sie nehmen ihn in Schutz? Was wissen Sie von mir? Genausoviel wie ich über Sie. Den Namen und den Wohnort.“

„Ja. Aber ist das nicht sowas wie eine vergleichbare Basis?“, nun kehrte auch das Lächeln auf sein Gesicht zurück. „Ausbaufähig sozusagen?! Ihr Herr Vater wünscht zwei Jahre Verlöbnis. Das heißt: Spielraum haben.“

Sie ging darauf ein: „Nun ja. >>Mein Vater will es!<< Bauen wir’s aus? Sie können mich leiden? Glauben Sie?“

„Durchaus. Die wenigen Sätze vom Sonntag zeigten mir eine junge Frau mit Herz und Verstand.“

„Nun das beruht auf Gegenseitigkeit. Für mich waren sie ein selbstbeherrschter, liebenswürdiger >>alter<< Mann, an den man sich würde gewöhnen können.“

Er nahm den Ball an: „Knapp vor der Pension. Jaja, ich erinnere mich. Wenn man von so einigen Jährchen absieht, die ich noch für Ihren Herrn Papa werde arbeiten müssen… ä …dürfen. Sie bringen gern die Ingeborg ins Spiel?“

Das Eis war gebrochen. Die Worte flogen nun hin und her. Die Verwirrung in beider Augen ward restlos entschwunden. Dann ertönte aus dem Esszimmer der Gong zum Abendbrot.

„Nun, Herr Geschäftspartner“, beendete sie schalkhaft dieses erste mentale Abtasten. „Ich merke, unsere Sozietät offenbart Optionen der Akkumulation.“ Sie stand auf und reichte ihm die Hand zum Kuss.

Er nahm sie im Aufspringen, küsste aber nicht die Hand, sondern zog das ganze Mädchen an sich.

„Ich schließe mich meiner Vorrednerin vollumfänglich an. Unterschrift. Datum. Blabla. PS: Kuss! Express!“

So fanden sich ihre Lippen zum ersten Mal.

„Martha.“ flüsterte er ihr ins Ohr.

„Wie war doch gleich der werte Name?“ kicherte sie zurück.

1902 wurde geheiratet.

1963 wurde ich dreijährig an das Bett einer weißhaarigen, todkranken Frau geführt. Weit weg von zuhause am Rande von Berlin. Ich sollte ihr einen Kuss geben, aber ich kannte sie ja gar nicht. Mutti erklärte mir, dass das ihre Oma, also mein „Urahnel“, sei. Da überwand ich mich. Ich hatte also eine Uroma; wenn auch nur noch für diesen Moment.

Es war Martha. (Alle Namen sind selbstverständlich geändert.)

Uns’rer Geschichte erster Teil, der endet hier allmählich.

Und wenn es nicht genauso war, dann war es doch so ähnlich.

6 Gedanken zu “Legendenbildung

  1. Wie gut sich ein Text liest, wenn er nicht durch irgendwelche Songs und scheußliche Anglizismen zerstört wird! Den Schluss hätte ich mir aber für „Legendenbildung XXVIII“ (oder was immer die letzte Folge ist) aufgehoben. Und der alberne Vers am Ende passt nicht zu der Tragik der Geschichte.

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    • Thanx. 🙂
      Ja, mit den beiden Tipps am Ende hast du schon irgendwie recht.
      Der Spruch entstand in Erinnerung an Strittmatter, der sauer war über die Dorfbewohner seines Heimatortes, die nicht verstanden, was poetisches Verdichten bedeutet, als er „den Laden“ schrieb.
      Hab mir hier ein paar Details selber einfallen lassen müssen, da die bruchstückhaften Erzählungen von Tanten, Eltern und Großeltern sonst sogar recht widersprüchlich ausfielen. Und im Falle der Großeltern geht Nachfragen nun mal nicht mehr.
      Aber als mir eines Tages meine Großtante von jener Dampfertour erzählte und vom „Tochter verhökern um Fachkraft zu kriegen“, fand ich die Story so richtig interessant.
      Und da dacht‘ ich, das sollte irgendwie erhalten bleiben.

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