Wie woar Weihnachten?

Olda Moa, du bist scho hundert Joahr! Sags mir, wie des woar – wie woa Weihnachten?

Ja, wie war Weihnachten eigentlich? Bevor es mit strangulierten Weihnachtsmannatrappen an Hausfassaden in amerikanischem Lichteroverkill verkam?

Bild (9)Weihnachten – das war früher eine dunkle und anheimelnde Zeit. Kein „Jingle Bells“ Geplärr in den Läden. Echte Kerzen am Weihnachtsbaum. Das Christkind kam und brachte Geschenke, aber niemand hatte es je gesehn. Im Kindergarten redeten einige vom Weihnachtsmann. Das fand ich blöd. Die verwechselten da was mit Nikolaus! Auf der letzten Seite des „Struwwelpeter“ war das Christkind immerhin deutlich abgebildet! Irgendwann im Dezember war einen ganzen Tag lang das Wohnzimmer abgeschlossen. Die Wohnzimmertüre hatte so einen unverkennbaren Quietscher, wenn man sie bewegte, aber immer wenn ich den an diesem Tag hörte, kam ich zu spät in den Flur: Das Christkind war nie zu erwischen. Abends bimmelte dann so eine Art Kuhglocke – na eigentlich eher Kälbchenglöckchen – ganz hell. Jetzt durfte ich in den Flur und die Wohnzimmerklinke betätigen: Quieeetsch! Sie ging auf! Vorsichtig eintreten und Augen aufreißen!

Ein weihevoll geschmückter Baum! Riiiiiesig (für einen Steppke von knapp einem Meter Körpergröße)! Darunter wie jedes Jahr diese herrlich bunte Krippe aus Lineol-Figuren, mit der ich gar nicht (oder nur unter sehr strenger Aufsicht von Großmutter:

„Nur hier a‘m Tiisch! Und ne a’m Boden! Da tussts no‘ a’trampln!“)

spielen durfte und die mystischer Weise, bald nach Weihnachten auch wieder verschwand. Die behielt ihre Anziehungskraft auch später noch, als ich weder an Christkind noch an Weihnachtsmänner glaubte. So sehr, dass ich manches Jahr regelrecht zu den Geschenkpaketen geschubst weden musste: Da, wickel‘ doch erst mal die andern Sachen aus!

Ich wollte die Krippe und zwar für’s ganze Jahr! Die Königsfiguren hätten so gut zu den Indianern gepasst! Denen baute ich gern Paläste aus Holzklötzen (später PeBe-Steinen) und die hübsche Maria wurde von bösen Cowboys entführt, aber der schicke blonde Engel holte die Indianer zu Hilfe und verriet ihnen das Versteck… Ein Mist aber auch, dass kein Petrus mit Schwert dabei war! Der hatte da so einem „Bösen“ ein Ohr abgeschlagen, hatte Großmutter erzählt! Das war das ganz große Manko dieses Figuren-Ensembles: Unbewaffnet und einige kniend – die konnten sich bei Gefahr alle nicht selber helfen! Da hatten Chingachgook und Toka-ihto viel zu tun!

In der Zwischenzeit waren Umzug ins Eigenheim und die Einschulung passiert. Aus der letzten Kindergartengruppe waren nur der zapplige Andreas und der fiese dicke Bernd in meine Klasse geraten, da die andern alle Hortkinder wurden, wir aber nicht. Die fremde Mehrheit war sich einig, dass der Weihnachtsmann kommt und nicht das Christkind. Die kannten das gar nicht, zeigten mir’nen Vogel – und so vollzog auch ich den Glaubenswechsel schnell und eigentlich problemlos. Ohnehin war der nur noch für ein Jahr nötig, denn einer von den anderen Andreassen klärte uns in der 2.Klasse auf: „Alles Quatsch! Das sind die Eltern!“ Dann war DIESE Mystik hin.

Aber es gab auch gewisse kindliche Ängste auszuhalten: Nicht vor der Rute oder eventueller Unbeschenktheit – nein – vor dem Thomaner-Chor! Zu Weihnachten sang der ewig lange im Fernsehen. Und sang er nicht, dann wurde er per Vinyl-LP eingespielt. Jedesmal lobten dann die Erwachsenen „die geschulten Stimmen“ und das „Gott sei dank gepflegte Erscheinungsbild“ (Gemeint war die konstante Abwesenheit von männlichem Langhaar!) und ich wusste: Mutti hat bisweilen eigenartige Bekannte mit abstrusen Erziehungstipps! So war ich schon in jene Schwimmlagerfolterfalle nach der 2. Klasse geraten und so wäre auch möglich, dass ihr irgendwann irgend so eine Tante was vorflötet, vom „Vorsingen in Leipzig“ – schwups müsste ich Thomaner werden, im Internat leben und auf lange Zeit weiter so scheiße aussehen wie die; und auch diesen ganzen alten Kram plärren „Jauchzet! Frohlocket! Mist ist erschienen!“ Mir graute davor. Zwischen 11 und 13 war es am schlimmsten: Wann würde der Satz fallen:

„Na? Hättste nicht Lust, da auch mal zu stehen?“

Aber dazu kams nie. Vielleicht lags an der fast täglichen Akkordeon-Marter, die in meinen Erzeugern die Wahrnehmung reifen ließ: Also belesen isser – aber leider völlig unmusikalisch!

So blieb die Vorweihnachtszeit bis in die Wendejahre anheimelnd schön. Die Stadt war dezent geschmückt. Der Verfall wurde uns, die wir in ihm lebten, nicht bewusst. Wir waren mit leben beschäftigt. (Heute erschrecken wir manchmal, wenn wir Fotos von damals sehen). Das Leben floss gemächlicher und abgesicherter dahin. Nie war das so spürbar, wie im Dezember. Damals hatten eigentlich alle gute Laune, kauften Geschenke, stöberten in den Läden – die zu dieser Saison auch deutlich besser bestückt wurden als sonst; da muss es irgendwo Depots gegeben haben, die für die Leipziger Messen und die Vorweihnachtszeit der Umgebung Vorrat hielten. Die Eis-Diele in der Herrenstrasse wurde alljährlich für die 4 Adventswochen Spielzeugladen! Der 6. In der Stadt! (Heute: Ein einziger kleiner widerborstig Überlebender!)

Älter werdend vollzog sich der Schwerpunktwechsel von den Spielwaren-Läden zu „Kohlmann“, dem Buchladen auf dem Markt. DER wurde praktisch mein zweites Wohnzimmer. Links die Regale mit den Jugendbüchern. Davor die Tische mit der Erwachsenen-Literatur. Rechts die Tische mit den Bildbänden und dahinter – das Land Kanaan! Die antiquarischen Angebote! Vier Schränke! Magnetisch. Suchterzeugend! Ab ungefähr 14 war ich dort fast täglich. Ich sah sofort, welches Buch vom Vortag inzwischen verkauft worden war. Und kannte mich phasenweise besser aus als der Chef.

Er (halblaut zu sich selbst): „Ich hatte doch neulich 2 Bände Hauff hier eingestellt? Sind die noch da?“

Ich: „Da drüben. Zweiter Schrank. Zweites Regal.“

Er: „Öh. Ach da! Nicht zu fassen!“

Wenn ich nicht gerade Kassetten brauchte, blieb mein Taschengeld bei Kohlmann. „Der Zug der Cimbern“, „Die Derwisch-Trommel“, Brachvogels „Oberst von Steuben“, Walter von Molos „Fridericus“, Reinwaldts „Walter von der Vogelweise“ ….

Und auch der schien Waren zurückzuhalten für Weihnachten!

Zu Hause dann im Halbdunkel der Kinderzimmer-Mansarde diese alten Schmöker lesen, begleitet von Pink Floyd- oder Genesis-Chorälen. War kein Lesestoff zur Hand, wechselte auch der Sound. Um Weihnachten herum packten mich meistens die 50er: Vorwiegend Doo Wop Aufnahmen aus Werner Voss‘ Rock&Roll Museum: Dumpf und bullig wiedergegeben über ein altes Holzkastenradio, auf dessen Senderskale noch Städte verzeichnet waren wie Königsberg und Breslau. Das passte!

Da jede Adventszeit – mal mehr, mal weniger früh-  Oma und Opa aus Frohburg bei uns einzogen, und manchmal auf mein Betteln hin bis Februar blieben, ergab sich nach manchem Abendbrot das gemeinsame Abtauchen der Erwachsenen in Erinnerungen aus „guter alter Zeit zu Hause in der alten Heimat“, was sich hinterher bei „Red sails in the sunset“ , „Tellstar“ und „we‘ll always remember Buddy Holly“ hervorragend musikalisch verarbeiten ließ, denn sowohl die Erlebnisse all der anderen, als auch diese Wirtschaftswunderklänge waren ja „vor meiner Zeit“ gewesen.

Auf Tonleitern stieg ich in sie hinab: Bei diesen Klängen sah ich dann meinen blinden Opa jung, schlank und sehend aus der Schule kommen und den Bäckerlehrling darauf hinweisen, dass der gerade „Bäkerei“ ohne „c“ über das Schaufenster des Ladens pinseln wollte. „All I had to do is dream“. Ich sah meinen Vater mit und ohne HJ-Uniform die Bubi-Kutsche durch den Ort lenken, der heute diesen unaussprechlichen tschechischen Namen führt. Ich sah ihn mit verschwollenem Gesicht bei Zittau über die Grenze schleichen. „Running like a dog to the everglades“; Großmutter hinterher. „Still as the night, cold as the wind“. Ich sah den Keller mit den von den Russen zerschossenen Einweckgläsern und hörte sie feiern, „Tallahassee Lassie“, während ich von Mal zu Mal mehr begriff, wie jene Höllennacht im Mai’45 vermutlich abgelaufen war, über die jedes Jahr ein Detail mehr zum Vorschein kam: „thats when you learning the game“… Es gruselte auch im Nachhinein noch, aber zugleich ließ es mich die Geborgenheit der Mit70er intensiv empfinden. Zum Abstellen dieser untoten Geschichten reichte es ja, das Tonband zu wechseln: Neuzeitlichere Klänge „Carry on my wayward son!“ – und weg war der Spuk!

Mit kalten Füßen unter ABBA-Beschallung auf irgendwelchen Weihnachtsmärkten herumzustehen und sich Glühwein einfüllen zu lassen, bloß weil irgendwer das für „kuhl“ erklärt hatte, wurde nie „meins“.

Bis in die Wendezeit blieb es im Wesentlichen in diesem anheimelnden Rahmen: Alle schienen Zeit zu haben. Alle suchten und fanden Harmonie im Kreise der Ihren oder gut gelaunter Kollegen bei Weihnachtsfeiern der Betriebe. Die Weihnachtsferien allerdings waren unter Ulbricht moderater gelegen als unter Honecker. Zu Unterstufenzeiten begannen sie, wenn das 18. oder 19. Fensterchen im Adventskalender geöffnet wurde, anschließend war bis zur Bescherung noch reichlich Zeit zum Schlitten fahren und Fernsehgucken. In der Ära Honecker schlich der Ferienbeginn immer näher auf den 24. zu, bis er dort mitte der 80er auch ankam. Letzter Schul- bzw. Studientag 23. 12. – Sauerei!

Auch der siegreiche Klassenfeind beließ es in den 90ern dabei. Und legte noch einige böse Schippen drauf: Hatte man Ulbricht einst alle Jahre wieder unterstellt, dass er im nächsten Jahr „sicher“ das russische „Jolkafest“ übernehmen würde, was Weihnacht und Sylvester auf einen Tag zusammengeführt hätte, so war das eher jetzt eingetreten: Zwar blieben die Feiertage alle an ihrem Platz, aber der Jahresend-Stress mit Arbeit an den Wochenenden plus „Pflichtfeiern“, wie „Weihnachtssingen“ und unmotivierten „Teamfeiern“ mitten im Jahresend-Abrechnungswahn machten Vorfreudestimmung zunehmend unmöglich. Am 24. schmeißt man sich schließlich ein paar Geschenke zu, guckt sich um – und Weihnachten ist vorbei.

Die schleichende Übernahme der amerikanischen Hyperillumination ganzer Häuser lässt die Kluft zwischen schönem Schein und innerer Leere immer heftiger empfinden. Der Small Talk, den man so mitbekommt, tut ein Übriges: Wer alles, wie sehr, von den Besuchszwängen genervt ist, was gar nicht der Fall wäre, würde man sich gesellschaftlich etwas Zeit zur Besinnung und zum Abtouren zugestehen…

Hasse ich Weihnachten? Nein! Keinesfalls. Ich vermisse es!

„Pass auf , Burli! Weihnachten! Das woar das scheenste Fest im Joahr!

 

 

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Unverzichtbar V

Diesmal 5 Werke für „zwischen den Wahlen“; alt aber aktuell geblieben bzw. wieder geworden:

  1. Hermann Hesse „Steppenwolf“ – die gelebte gesellschaftliche Totalverweigerung und bürgerliche individualistische Sinnsuche, die in die Sackgasse, resp. den Drogenrausch führt. Ein Endzeitbuch, verfasst von einem manisch depressiven Narzissten, der wohl gerade deshalb den (fast) totalen Durchblick hatte und sich auch traute, die Ergebnisse zu formulieren. Kurioserweise seinerzeit in den 60ern durch die Hippies der Vergessenheit entrissen und Kultbuch geworden. Der Stoff passt prima und systemunabhängig in die „angry young man“-Phase am Ende männlicher Pubertät, oder aber, wie vom Autor nachträglich erklärt, in die Midlife Crisis – und — in Zeiten wie unsere, in der das ungute Gefühl heranwächst, dass die bisherigen Lenker mit ihrem Latein am Ende sind und neuen Lenkvereinen geeignetes Personal fehlt.
  2. Hermann Hesse zum zweiten „Das Glasperlenspiel“ 1948 Nobelpreis geadelt; galt einst als das Buch zum Crash von 1945; der Schwanengesang der bildungsbürgerlichen Epoche. Er erfindet eine intellektuelle Elite, die sich in einer Art „Könner-Ghetto“ mit einem Glasperlenspiel beschäftigt. Der Sinn besteht darin, alles mit allem zu verknüpfen: Mozartharmonien in Wochenschauaufzeichnungen von Trommelfeuer nachzuweisen; binomische Formeln in Mendelschen Gesetze usw. Eigentlich kotzt der altgewordene Schulverweigerer seinen eventuell noch lebenden Lehrern und angepassten Klassenkameraden die Nutzlosigkeit ihrer Bildungskarrieren vor die Füße: „Was wart ihr schlau! Doch habt ihr was verhindert?“ Es entsteht ein Berg an Kenntnissen, der letztlich zu nichts führt, da die Kenntnisse „draußen“ in der Praxis entweder gar nicht oder grundfalsch verwendet werden. Das Buch entfaltet seinen Reiz vor allem, wenn man es während eines Studiums liest, inmitten der unübersehbaren Weltfremdheit der Einrichtung und ihres Personals. Der Protagonist ist der gebildetste seiner Zunft, kapiert die Abgehobenheit und Abgeschiedenheit seines Tuns, will „hinaus ins Leben“; verzichtet also auf alle Privilegien – wird Hauslehrer und ertrinkt beim Versuch seinen Schützling zu retten. Ein Alleswisser, dem die elementaren Grundlagen der einfachen Überlebensstrategien fehlen. Das ist nicht zuviel verraten, denn es sind 3 Lebensläufe angehängt, die jeder Glasperlenspieler von sich schreiben muss, nachdem er sich in sich selbst versenkt – und die haben es in sich! Diese 3 Anhängsel alleine wären schon einen Nobelpreis wert gewesen.
  3. Stefan Heym – er schien vergessen, der von der ARD hofierte, böse, alte Beobachter der DDR-Defizite von innen. Wer sollte sich dafür nach 1989 noch interessieren, da sie doch nun zur „Fußnote der Weltgeschichte“ (Heym) verkommen war? Aber lies dieser Tage den „König David Bericht“ (1972) und erschrick, wie aktuell er plötzlich wieder ist. HeymIn biblischer Zeit verdonnert König David im „Morgen“land einen Künstler zur Abfassung eines „objektiven“ Berichtes über seine königlichen Heldentaten; und erwartet selbstverständlich ein unumwundenes Loblied. Die Schwierigkeiten des unabhängigen Denkers in der Diktatur von einst wanken zombihaft durch deine Räume: Die sterblichen Überreste von Brecht oder Heiner Müller mutieren zu „Reichsbürger“ Xavier Naidoo oder „Pegidist“ Uwe Steimle. Aus den warnenden Höflingen, in denen du früher FDJ-Bonzen, ZKler, Rezensenten der „Jungen Welt“ zu erkennen glaubtest, werden heute … Alter Schwede! Da ist dir aber ein Wurf gelungen! Damals. In den 70ern. Stefan Heym. Geboren in Chemnitz.
  4. Winfried Völlger setzt noch einen drauf mit seinem One Hit Wonder von 1983 „Das Windhahn-Syndrom“. Student mit herkömmlich harmloser Studienrichtung liebt Studentin, die das Glück hatte, einen Platz in einer Studienrichtung zu ergattern, die sie anschließend berechtigen wird, immer mal wieder die DDR ins NSW (Nichtsozialistische Weltsystem) verlassen zu dürfen. Kult!Von der ersten solchen Reise kehrt sie unheilbar krank zurück. Ihr Problem sind unkontrollierbare Lachkrämpfe, immer dann, wenn… Stopp! Nicht spoilern! Am Ende des Buches gibt’s eine Tierfabel, die es in sich hat, und die den seltsamen Buchtitel erklärt. Winfried Völlger, heute ein schon sehr alter Mann, lebt inzwischen als Straßenmusikant in Leipzig. Er hat eins der klügsten Bücher über die DDR geschrieben; oder aber auch über Menschen, die sich von antrainierten Weltbildern verabschieden, wenn sie die Welt um sich her mit offenem Blick und ohne Scheuklappen wahrzunehmen beginnen.
  5. Sei an einen Klassiker erinnert: Hans Christian Andersens  modebewusster Kaiser (1837), der auf Scharlatane hereinfällt, die ihm einreden, dass sie saubere Dieselmotoren entwickeln können, oder Superwaren herstellen, die nur kluge Leute sehen könnten, wenn ER die Kosten übernimmt; und der Dussel fällt drauf rein. Eines Tages war er nackt. Und die Schwindler feierten auf den Cayman Islands bis zum finalen Zunami. Aber wenn sie nicht gestorben sind, dann sind sie heute…

Riders on the glow (3)

Wenn du heute zum Beispiel nach Seebruck fährst, weil du an den Chiemsee willst und weil du vielleicht gehört hast, dass man von da auf die Inseln übersetzen kann, auf deren einer ein unvollendet gebliebenes zweites Versailles steht: Herrenchiemsee genannt, dann erwartet dich zwar ein beeindruckend großes „Binnenmeer“ mit beneidenswert schattigem PKW-Parkplatz und Segeljachthafen; Häusern so adrett, wie eben dem Reißbrett eines histophilen Architekten entsprungen (falls es sowas gibt und die nicht in Gänze heute auf diesen Führerbunkerbaustil stehen aka Kanzleramt Berlin) aber was dich eben NICHT erwarte,t ist die Aura der Jahrhunderte.

Wie ein übergroßer leerer Bluescreen liegt die Wasserfläche vor dir, die Alpen als „blaue Berge“ fast ganz in Luft aufgelöst.

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Es ist heiß im Juli 2018. Extrem für deutsche Verhältnisse. So fällt es leicht, auf die Suche nach der (vermutlich überlaufenen) Anlegestelle für die Touri-Fähren zu verzichten. In Massen zur Insel, mit eventuell ins Rund gebrüllten Informationen zum „Keenig“ und seinen Tagträumen vom „Königreich der Künste und der Phantasie“ und wieder zurück, verschwitzt, dehydrierend, lauwarme Selter aus dem Auto puzzelnd oder tödlich lange Sekunden zählend, bis der Kellner irgendeiner Stampa ein großes Tonic oder eine Rhabarberschorle serviert… Nä!

 

Romantischer als auf den PALMIN-Bildern würden eventuelle Fotos eh nicht aussehen. Eher wie eine nachgestellte Revolution: Volksmassen vor dem Schloss. Und Abendrot ist 12:00 Uhr mittags ja auch nicht zu erwarten. Also beziehen wir ein lauschiges Plätzchen am Strand in Ortseingangsnähe, versuchen uns in Tierfotografie mangels anderer Objekte und die Gedanken gehen via Leseerinnerungen und TV- Eindrücken auf die Reise.

Felix Dahn wurde mein Literaturpapst als ich 12 war. Mit 23 wurde er vom Thron gestoßen, weil ich Spielhagen entdeckte. Aber Vizepapst darf er ruhig bleiben. Ich hatte zunächst die in der DDR viel gelesenen beiden Bände „Herniu und der blinde Asni“ und „Herniu und Armin“ von Ludwig Renn gelesen und war begeistert. Also packte mir Vater eines Abends einen unansehnlichen dicken Wälzer auf den Tisch. Roter Lederrücken, graue Deckel, 900 Seiten; keine Bilder, alte Schrift.

„Wenn dir Herniu gefallen hat, dann guck mal hier rein.“

„Ein Kampf um Rom“ beginnt gleich ganz düster mit einer Verschwörung von 4 Helden, die ihr Volk retten wollen, da sie wissen, dass der greise Überkönig Theoderich bald das Zeitliche wird segnen müssen und kein geeigneter Nachfolger zur Stelle ist, um die schwierige Lage der Ostgoten in Italien meistern zu können. Die Düsternis packt mich mit der Erinnerung an die Rom-Hefte des MOSAIKs, die ich noch nicht selbst besaß, aber kurz zuvor im Krankenhaus kennengelernt hatte, mit voller Wucht. Einer der vier ist der alte Waffenmeister Hildebrandt. Seine Namensvettern geistern ja reichlich durch andere germanische Heldensagen…. Ich las mich fest, verschlang das Buch und glaubte jedes Wort.

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Ohne Worte.

Felix Dahn war in München geboren und aufgewachsen. Seine Kindheit war schwierig, denn er war privilegiertes Künstlerkind von Hofschauspielern, die jedoch aus Hamburg an den Hof im Süden gelockt wurden und somit Protestanten waren. Im stockkatholischen Raum ein Makel gleich nach Aussatz. Der junge phantasievolle, lernbegierige Religionsbastard war quasi zum Einzelgängertum verdammt und erschuf sich im romantischen Garten der elterlichen Villa bereits seine Scheinwelten. Geschichtsprofessur war somit eine Frage der Zeit, verbunden mit der Flucht aus Bayern nach Königsberg. In der Hoffnung nun im Schoße der eigenen Glaubensgemeinschaft angesehener arbeiten zu können, musste er erleben, dass er mitnichten an einen Ort der Freigeisterei gelangt war. Königsberg ging zwar mit Immanuel-Kant-Ruf hausieren, jedoch war das das einzige progressive Aushängeschild der dortigen Universität. Und wer sich in Kants Bio oberflächlich auskennt, der weiß auch, dass Kants Karriere beinahe gar nicht zustande gekommen wäre, hätte es nicht jenen ketzerischen Friedrich II. gegeben, den Philosophen auf dem Thron, der den „Heiden Kant“ in Ehren an der Uni wiederbestallen ließ, als ihn die Alma Mater bereits zum hausierenden Wanderlehrer degradiert hatte. Es war ein Ort des geistigen Drills, nicht des freien Gedankenfluges. Dahn wechselte nach Breslau und blieb dort. Schlesien(katholisch) aber zum evangelischen Preußen gehörend, gleichzeitig aber wegen der österreichischen Tradition zuvor sich angenehm unpreußisch gebend, ließ ihn Ähnlichkeiten zu Bayern empfinden, nur mit dem Unterschied, nun der herrschenden Staatskonfession anzugehören.

Auch hatte er Bayern nicht im Hass verlassen, sondern aus karrieristischer Klugheit. Was ihm ermöglichte, nahezu alle Urlaube „daheim“ im Münchner Umland zu verbringen. Er war nun ein gestandener Mann, ein Herr Professor, in späteren Jahren sogar ein Mann mit Vergangenheit, da er Theresa von Droste-Hülshoff heiratete, was in deren Familie eine Mesalliance und somit ein Skandal war. Sein wachsender Ruf als Autor kittete jedoch diese Kluft auf schönste, da er künstlerisches Potential aber keinen Adel einbrachte, während sie wiederum aus dem Hause der berühmten Tante Anette stammend, von Geblüt aber ohne eigene literarische Talente war und nun immerhin bei einigen Spätwerken als Ko-Autorin firmieren durfte.

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Samtliche Werke Poetischen Inhalts (1905)

Seinen sogenannten „kleinen Romanen“ stellt er gern ein Kapitel voran, in dem er über eine Gegenwartswanderung berichtet, bei der er auf römische oder germanische Hinterlassenschaften stößt, also setzt er sich dem Zeitgeschmack des 19.Jahrhunderts entsprechend auf einer Waldlichtung nieder und grübelt über die Tonscherbe, die verstümmelte Marmorinschrift nach und schläft ein. Im Traum entrollt sich dann das Rätsel des Fundes: Um das Jahr 384 nach Christus, zu Zeiten des Kaisers Kannixus II. befand sich hier, wo heute hunderjährige Eichen und Buchen ihre Wipfel breiten eine römische Siedlung…

So auch in „Vom Chiemgau“, einer Erzählung über eine der letzten Awarenschlachten, die deren Vordringen nach Mitteleuropa beendete. Er liegt als junger Mann im Boot. (Tamara Danz Feeling stellt sich beim Leser ein – „Liegen wir im Boot“ Horst Krüger Band 1975) das Boot wiederum liegt im Schilf am Ufer gegenüber der See-Insel, die früher mal ein germanisches Heiligtum war. Später christlich überformt durch einen Klosterbau. Er beginnt zu grübeln, wie das wohl gewesen sein muss, als hier das Christentum noch jung und die Lage gefährlich war. Er greift ins flache Uferwasser und lässt die Hand am Grund hinundher irren, bis sie etwas greift, was sich nicht nach Kiesel anfühlt. Er bringt seinen Fund ans Tageslicht und hält ein eigenartig geformtes Stück Eisen in der Hand: Von ein paar Rostkrusten befreit entpuppt es sich als Awarenpferd-Hufeisen.

Es entwickelt sich nun eine packende Geschichte über unausgegorene Verhältnisse zwischen Heiden-und Christentum, zwischen Odalingen, die die Furchenzieher verachten, während wieder die freien Bauern die Arroganz der Odalinge zum Teufel wünschen. Thing-Eklat. Ein Bürgerkrieg steht kurz bevor, ein fanatisierter wandernder Mönch will den Heidenkult der Insel schänden, da kommen die Awaren…

  1. Heiß. Nirgends Schilf, von meinem Standort nicht einmal ne Insel. Nur Bluescreen für die Phantasie.

Der 12jährige von einst ist älter geworden. Mit 22 erwarb er günstig die „gesammelten Werke poetischen Inhalts“ seines literarischen Vizegottes und hielt sie seither in Ehren. Jedes Wort wird längst nicht mehr geglaubt. Das Figurenensemble sind pathetisch sprechende, schablonierteTypen, keine Charaktere. Manche Kampfhandlung ist ähnlich heldisch übertrieben geschildert, wie Nahkampfszenen bei „Rambo“ oder in Russenfilmen. Die Treue halte ich den Schmökern trotzdem. Sie erzeugen ein Bild der Völkerwanderungsepoche und des frühen Mittelalters, wie es trotz allen Kitsches eben doch gewesen sein könnte.

Die Awaren sind wie Hunnen zuvor und Mongolen später eine asiatische Reitervolkplage des frühen Mittelalters gewesen.

Auch wenn sich Hungaria heute lieber über die Hunnen definiert, weil König Etzel/Attila irgendwo in der Puszta seine „Hauptstadt“ gehabt haben soll, sind die heutigen Ungarn doch eher Nachkommen der Awaren, die sich mit Stämmen des Umlandes vermischend in der Gegend hinter dem Balaton hielten.

Und so musste ich doch in mich hineingrinsen, als wir am letzten Abend in einer Gaststätte landeten, wo uns Chefe und junge, sehr attraktive Kellnerin mit stark „uhngorischem Ohkzent“ ansprachen. Wenn das der Dahn wüsste: Nun sind die Awaren doch fast bis zum Chiemsee vorgedrungen. Wenn auch in Hot Pants!

 

Cooper 2018

Alle 47 Jahre sollte man es mal wieder mit Cooper probieren. James Fenimore. Nicht Alice.

Was man zwischen 11 und 16 hört, dass prägt einen ein Leben lang, las ich neulich mal. Was man in dieser Zeit liest aber auch.

ansiedlerErst Jugendbuch, dann Reprint-Ausgaben-Testung mitte der 80er, und schließlich Arno Schmidt Elogen immer mal wieder sorgten dafür, dass ich ihn nicht als bloßen Teenie- Bespaßer sehen lernte. Was seine Werke allerdings vor einem Dachbodenschicksal nicht zu retten vermochte. Bis neulich. Da holte ich ihn wieder zurück ins Bücherregal. Ich beschloss, den Sommer 2018 darauf zu verwenden, wenigstens „Die Ansiedler“ und „Die Prärie“ nun zum zweiten Mal zu lesen.

Denn Nathaniel Bumppo ist dort alt und mir geht’s ähnlich. Er galt lange Zeit als einer der fähigsten Macher seiner Sparte und mir gings ähnlich. Nun gerät er mit einer Welt aneinander, die nicht mehr seine ist. Und mir geht’s ähnlich. Er flieht in die unbekannten Weiten hinter den Appalachen. Und mir geht’s —- nicht so. Im Grunde bin ich da schon. In den weiten Ebenen. Zwischen (allerdings schwarz-bunten) Büffelherden in Begleitung eines alten Hundes; allerdings ohne Knarre. Und der eigene Nachwuchs redet westdeutsch:

An Weihnachten, in 2012, die Mütze/Brille/Kette angezogen … ÄCHZ!

Natty im Block. Im Blog. Ach, was weiß ich!

Arno Schmidt weißt darauf hin, dass Cooper allweil mies übersetzt wurde, wobei manche Pointe verloren ging. Andererseits kenne ich die Reprint-Ausgabe der deutschen Erstausgabe des „Wildtöter“ von Anno Tobak aus der Mitte der 80er: Weiiiiitschweifig ist gar kein Ausdruck. Die hab ich nicht zu Ende geschafft. Und ob die jede englische Pointe berücksichtigt hat, wage ich zu bezweifeln.

Also glaube ich, mit der mit60er Variante der DDR nach wie vor gut bedient zu sein. Den Buchschmuck finde ich immer noch 1a; wie einst mit 11 im Krankenhaus, als ich prompt versuchte auch so zu malen wie der Illustrator und dadurch begann plastischere Effekte zu erzeugen.

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„Die Ansiedler“ sind Coopers Erstwerk dieser Tetralogie. Die entstand binnen 15 Jahren relativ durcheinander. Als zweites Werk entstand „Der letzte Mohikaner“. Dann „Die Prärie“. Dann wandte er sich für längere Zeit Seefahrtromanen und politischen Traktaten zu. Schließlich kamen als „Spätwerk“ noch „Pfadfinder“ und „Wildtöter“ heraus. Die letzten beiden empfand ich mit 11 als die spannendsten. Gefolgt von der „Prärie“, weil Natty Bumppo dort den Handlungsort der deutlich später spielenden „Söhne der großen Bärin“ erreicht. Es schien mir deshalb eine Verbindung zu geben zwischen Tokei-ihto (Welskopf-Henrich) und Chingachgook (Cooper). Quasi eine Stafetten- Stabübergabe.

„Die Ansiedler“ kamen mir damals recht ereignislos vor. Und so ist es geblieben. Die „Handlung“, wenn man so will, ist philosophischer Natur. Bumppo und Chingachgook sind alt und leben unter Weißen. Beim Jagen kommen sie in Konflikt mit neuen Gesetzen. Bumppo sieht nicht ein, dass er sich an Regeln halten soll, die späteren Datums sind als seine eigene Ankunft hier vor Ort. Wem verdanken diese Schwätzer denn, dass sie hier sein können, wenn nicht alten Scouts wie ihm? Was also soll es ihn jucken, was diese Nachzügler alles mitbringen oder aushecken. Auch „der alte Indian John“, wie Chingachgook jetzt heißt, kippelt zwischen der Rolle des getauften Letzten seiner Art und altem „Wilden“ hin und her. Im Reden. Nicht im Handeln. Um sie herum gibt es eine Handvoll Nebenfiguren. Entweder lieblos gestaltet oder durch die Übersetzung verstümmelt. Eigentlich alles nur naive Idioten. Gut, das würde erklären, warum der heutige Amerikaner tickt, wie er tickt, aber ich glaube, dass das eine oder andere intelligente Kerlchen doch auch dabei gewesen sein müsste.

Es entsteht ein Figuren-Ensemble, dass heute, beim Zweitlesen seltsamerweise an „Chlochemerle“ erinnert: Bigott, dümmlich, primitiv, empathielos, wenn es um barbarische englische Bräuche wie Truthahn schießen geht. Okay, das hat es wirklich gegeben, wie Hahnenkampf, Hundekampf usw. aber es fehlt so etwas wie eine Identifikationsfigur, da einfach alle einen mehr oder weniger heftigen Schaden haben.

Am ehesten bleibt dann doch Natty Bumppo übrig. In seiner autarken Lebensweise erinnert er mich heute an Willie Nelson; der in „Storyteller“ auf VH-1 ende der 90er einen genialen Auftritt gemeinsam mit Johnny Cash hatte. Nelson erzählte, warum er es ein Leben lang vermied Steuern zu zahlen und welche Konsequenzen es hatte:

The Government has done nothing for me. Not for one single day! Every thing I own I worked for. Why I should do something for those fucking Millionaires of the Government? So they came one day. They take away my house, my guitars, especially my money. Everything I own. I was blank as an Hobo.

Aber dann, wenige Tage später hatte er alles wieder, denn zur Versteigerung hatte die Farmers Union landesweit aufgerufen:

Farmers all over the country! The inventor of FARM AID needs you now!

In the middle of the 80s everyone was talkin‘ about the struggle for life in Africa. No one was talking about the crisis of our farmers. So I phoned some friends. Together we invented Farm AID. We saved a couple of families from ruin.

Nun kauften die Rednecks und Stoppelhopser coast to coast and border to border Nelsons Habseligkeiten auf und ließen sie dort, wo sie waren – bei ihm.

Bumppo wird in den „Ansiedlern“ öffentlich für einen Tag in den Block geschlossen. Wegen einer Lappalie. Richter Temple geht es um die „Gleichheit vor dem Gesetz“. Einem Gesetz, das später in die Gegend kam, als Natty Bumppo. Er ist noch nicht ganz 70. Kerngesund. Aber die Welt um ihn herum hat sich verändert. Nicht zu ihrem Vorteil, wie er findet. Er hat keinen Einfluss, daran etwas zu ändern. Nicht er und nicht Chingachgook regeln hier irgendetwas, sondern Richter Temple und sein dussliger Cousin, den der zum Sheriff ernennen ließ.

Chingachgook hat sich aufgegeben. Er beschließt auf Indianerart zu sterben, sich einen Punkt auszusuchen, auf den er sich zurückzieht, um auf den Tod zu warten. Indianer können das, wird oft erzählt: Sie verweigern Nahrungsaufnahme, versenken sich in sich selbst, starren auf einen Punkt, bis das Herz aufhört zu schlagen.

Festus Haggan (aus „Rauchende Colts“; ARD frühe 70er) findet so einen völlig apathischen alten Mann in einer Höhle und will ihn am Leben halten. Er nimmt ihn mit in die Stadt, wo der Indianer angefeindet wird und weiter reglos im Saloon in einer Ecke hockt. Am Vormittag ist niemand in der Kneipe, aber unter dem Thresen steht ein Kinderbett mit einem kranken Mädchen, das im Fieber fantasiert. Da niemand da ist, springt der Indianer auf, nimmt das Kind und taucht es draußen in die Pferdetränke. Kaltwasserschock zur Fiebersenkung. Er rettet das Mädchen, soll nun aber gehenkt werden, weil der Plebs der Meinung ist, er habe es töten wollen. Festus merkt, dass es SEIN Fehler war, ihn mit in die Stadt zu bringen. Er bewahrt ihn vor dem ehrlosen Gehenktwerden und bringt ihn zurück zu der Höhle, wo er ihn fand, damit der unterbrochene Sterbevorgang seinen Lauf nehmen kann.

Chingachgook ist in den „Ansiedlern“ auch soweit. Sucht sich seinen Platz und versenkt sich in sich. Ein Waldbrand kommt ihm in die Quere. Wildtöter versteht, dass Motivationsparolen nicht helfen würden. Damit sein Freund nicht bei noch lebendigem Leibe verbrennen muss, packt er ihn sich auf den Rücken und trägt ihn aus der Gefahrenzone. Bumppo = Festus.

Der Freund ist somit unversehrt gestorben. Der Hund ist alt. Die Gegend wird fremd und fremder Tag für Tag. Bumppo geht. Als Christ kann er keinen Selbstmord begehen. Er streunt ziellos los. Über die Appalachen – in „die Prärie“. Es ist ihm bewusst, dass er zwischen den Stühlen sitzt. Er will keinen Treck mit Weißen in die Jagdgründe neuer Stämme mehr führen. Aber solche Trecks kommen auch ohne sein Zutun. Jeden Tag aufs Neue. Er trifft auf sie, ob er will oder nicht. Und er wird auch mit 80 noch in ihre Händel hineingezogen. Vorübergehend kann man Strolche daran hindern, die Welt noch schlechter zu machen. Aber es sind Pyrrhus-Siege. Manitous Welt versinkt. Eine Vermittlung zwischen Kulturkreisen… (listen to Marillion „FEAR“.)

 

Manchmal bekommt man mit, wie sich ein Schalter in einem selbst umlegt. Ich glaube, ich werde alt – und es steckt allerhand Natty Bumppo in mir.

 

Joe Walsh’s sanfter Kumpel

Neulich tauchte bei der Kraulquappe ganz beiläufig die Formulierung vom Soundtrack des Lebens auf und schon hatte ich meine nächste Inspiration. Im Auto laufen gerade diverse erlesene 80er Klänge (Soundtrack des Lebens) und da darf bei Bludgeon einer nicht fehlen:

Der fast unbekannt gebliebene, sanfte Kumpel von Joe Walsh

bst

Es war 77/78 in der Turnhalle in der 11. Klasse. Unser Sportlehrer holte mit der A irgendeine Leistungskontrolle nach und die B hatte die Aufgabe, Judomäßig bissl Fallschule zu proben, als Bludgy mit Christian am Rand stand, um sich gegenseitig die Aufnahmen vom Abend zuvor herunterzubeten: Devo rauschfrei, weil guter Empfang war: Mongoloid (So’n Song wär heute auch nicht mehr denkbar), Jacko Homo (ooch nich‘ mehr), Satisfaction. Christian kontert mit Nick Lowe, den Residents und den Recillos. (Der kriegt den RIAS rein! Neid-Neid-Neid!) Sperber-Thomas gesellt sich dazu und lässt beiläufig fallen:

„Kennt ihr Dan Fogelberg? As the Raven flies?“ Seine Beute von HR 3.

davManchmal gibt es Zufälle, die gibt es einfach nicht. Ich las gerade Reinwaldts „Walter von der Vogelweide“; einen spannenden antiquarischen Roman, voller Burgenromantik und dank „Sängerkrieg auf der Wartburg“ auch voller Parallelen zur Gegenwart von 1978: Punks vs. Boring old Furts. Der Vogelweidrich als die abgerissene Rockstar-Variante (kurze Songs), die sich mit dem gediegenen Herrn Wolfram von Eschenbach (Parzival/Konzeptalbum/ also Progritter) messen muss.

Außerdem hatte ich dank „Gutem Kameraden“ herausgefunden, dass Vogelweidrichs Wiege wohl doch nicht in Südtirol, sondern im Sudetenland gesucht werden muss, weil es im Dreiländereck von Franken/Thüringen/Böhmen einen Edelhof dieses Namens gab. Das würde auch die Häufigkeit der Besuche auf der Wartburg und die finale Ansiedlung des arrivierten Barden bei Würzburg erklären. Südtirol ist für einen Fuß-Pilger einfach zu weit ab.

Nun kennt Sperber-Thomas einen Ami, der fast genauso heißt und obendrein mit seinem Song auch noch einen Barbarossa-Beitrag leistet, der da sprach:

„So gehe hin oh Zwerg, und sieh ob noch die Raben fliegen um den Berg!“

Also auf zu Tommy und aufnehmen. Die Beute besteht aus eben jenem Song und „There‘s no place in the world for a gambler“. Noch’n Vogelweide-Bezug, denn auch der konnte lange seinen Platz nicht finden.

Fogelberg-Musik ist weit ab von Punk zu verorten. Aber ’78! Das war auch die Zeit von „Year of the cat“, von „Bakerstreet“, von „a Spaceman came travelling“ und nicht zuletzt von Novalis „Wer Schmetterlinge lachen hört“. Letzteres hatten wir alle, dank meiner, auf Band. Unvollständig. 4 von 7 Minuten. Der Ausschnitt aus Gottschalks „Szene‘78“ eben, so wie er dort gelaufen war. Wir schafften es problemlos gleichzeitig Punk und Romantiker zu sein. Ich löschte ja schließlich auch die „Tormato“ nicht, bloß weil da irgendein punkiger Engländer mit Grundschulbildung herausrotzte, das wäre nix.

Schwerenöterisch im Whirlpool unserer feelings mit 17/18 fühlten wir uns – eben noch schüchtern und resignierend, morgen schon Eagle-mäßig on Top von  „one of these-one of these – one of these crazy ol‘ nights…“

„Time passages! Buy me a Ticket on last train home tonight.“ Und schwups sind wir im Jahr 1983; dem Jahr, in dem einige Kommilitoninnen Mutter wurden, andere bereits „Ja“-sagten und man selbst immerhin -stolz wie tausend Spanier- ‘nen Verlobungsring trug. Der Feten-Taumel der ersten beiden Studienjahre hatte sich totgelaufen. Die Luft war raus. 1984 würden wir nur noch vereinzelt im Wohnheim aufschlagen und unsere Diplom-Seminare absitzen. Der Soundtrack „unserer Jahre“, die NDW, starb ebenfalls aus. Ideal behaupteten, nie dazu gehört zu haben. Nualas wunderbares zweites Album „Energie“ floppte. Keks wurden verboten. Den Deutschland-Deutschland-hörst-du-mich-Markus hörte man noch kurze Zeit auf Englisch als TxT, dann nie wieder. DAF und Palais Schaumburg lösten sich auf…

Es schien allerhand untergehen zu wollen, kurz vor dem Orwelljahr.

Da geschah Fogelberg zum zweiten Mal: Gleich zwei Moderatoren des NDR lobpriesen tagelang ausführlich die Zeitgleichheit des Erscheinens von „Blue Mask“ und „Innocent age“. Lou Reed contra Dan Fogelberg. New Yorker-Westberliner Drogenstrichsurvival-Image gegen kalifornischen Einsiedler, für den Joe Walsh die Klinken putzte, damit die Welt von ihm erfahre. Beide annähernd gleichalt und nun am Scheitelpunkt in einen neuen Lebensabschnitt.

Während Onkel Lou noch mächtig an den Sielen reißt, die er sich doch eigentlich selbst per Eheschließung angelegt hat, reflektiert der weise, ruhige Dan anlässlich eines erlebten Klassentreffens seinen Werdegang und die Gefühlslawine bei Heimkehr nach jahrelanger Abwesenheit. Alles wird zu Songs gerinnen, wenn er wieder fährt:

– Erinnerungen an den Vater und dessen Musikalität; denn wer in einer Hobby-Band musiziert, verstößt den Sohn nicht, wenn er versucht, ein Musiker zu sein;

– an die 1. Liebe, die unglücklich verheiratet zu sein scheint,

– die Klassenkameraden, die pransen, wer nun den größeren Erfolg über die Jahre einfuhr,

– das alte Kinderzimmer und das Weben der Geister der Kinderzeit, die sich ganz hinten am Korridor verabschieden wollen….

Eine eigentlich tonlose Stimme. Austauschbar: Crosby, Nash, McGuinn oder Glenn Frey… Aber Texte aus der Meisterklasse: Dylan, Hunter, Lightfoot , Robertson… Ein Meilensteinalbum der 80er. Ganz im musikalischen Geist der 70er. Irgendwo zwischen Eagles und Chris de Burgh. Und ganz ohne Elektro-Drum-Kit! Zeitlos schön. Wie eben das „INNOCENT AGE“ auch gewesen war.

dav

Das Band mit den Rundfunkbruchstücken hörte ich damals schon durchsichtig. Ich ahnte, dass es so kommen würde. Dem momentanen Überdruss der Gesichter im Wohnheim würde die Sehnsucht nach Seminargruppentreffs folgen, kaum dass wir raus sind. Und genauso kams:

Nach all den Jahrn/ Same ol’lang syne

(Dan Fogelberg / dt.: Bludgeon)

(Der Song hats mir ganz besonders angetan. Ich hab mich nun schon zum zweiten Mal geplagt, ihn zu übersetzen. Hm. Besser als die erste Fassung, aber: Eine 3. Variante dermaleinst nicht ausgeschlossen.)

 

Ich sah sie wieder dort im Edeka

Zu Hause, Schneefall im Advent

Stieß sie von hinten bei den Kühltruhn an

Frag einfach, ob sie mich noch kennt.

 

S ging nicht sofort, wir waren älter nun

Gesicht gereift in all den Jahrn

Sie rätselt, dann erkennt sie und umarmte mich

Als wärn wir die, die wir mal waren.

 

Wir schoben ihren Wagen an die Kasse ran

Bezahlen, packen und dann raus

Dann standen wir am Parkplatz rum

Begafft, doch machten uns nichts draus.

 

Wir suchten nach nem Café; hatte alles zu

Nur an der Tanke vier „to go“

Dann saßen wir zusammen dort in ihrem Car

Und laberten drauf los, ganz einfach so.

 

Wir wollten diese Lücke fülln

Die nach dem Bruch da war

Doch keiner von uns beiden wusste wie

Das wurd uns leider klar.

 

Sie war liiert. Ihr Mann ist Architekt.

Der sehr durch Vornehmheit besticht

Dem sie zum Dank dafür das Tischlein deckt

Von Liebe sprach sie nicht.

 

Ich sagte, dass die Jahre freundlich warn

Sie sei so schön wie eh und je

Sie blieb ernst, ich spürte: Oh das passt jetzt nicht

Ich glaub, es tat ihr weh.

 

Meine Platten kennt sie aus den Läden hier

Doch keinen Song in all den Jahrn.

Ich lob wie immer halt das Publikum

Und fluch wie immer auf das Fahr’n

 

Wir tranken auf die Zeit von einst

Und tranken dann auch auf das „Nun“

Unsre Partner warn im Geist dabei

Drum blieben wir immun.

 

Wir küssten nicht, wir tranken nur den Kaffee aus

Dann schwiegen wir betreten, wie vor Jahrn

Doch fehlt der rote Kopf, die Gänsehaut

Sie wollte schließlich fahrn

 

Für nen Moment nur war ich wieder Teen

Doch wusste ich, ich muss jetzt gehen

Drum stieg ich aus und ließ sie wieder ziehn

Und blieb am Parkplatz stehn.

 

Der sah dann plötzlich wie mein Schulhof aus

Ich fühlte mich wie einst vor vielen Jahrn

Als ich sie schon mal gehen ließ

The way we were – so wie wir warn.

 

Ich sah mich wieder in dem Streit von einst

Und konnt’s wie damals nicht ertragen.

Der Schnee verwandelt sich in Regen – nun;

So stieg ich ein und startete den Wagen.

When the Walzer gets the Blues…

Der CD-Lift sinkt in den Player. Quälende Sekunden des Einlesens dehnen sich zu Stunden, Vinyl ging früher schneller los.

Dann: Rhythmisches Ticken, sowas ähnliches wie Kastagnetten werden dazu gemischt und — STREICHER!

                   Cinematoscope – Breitwandsound

Bild (6)kopKreischweiberbackground deireckt from the Black Messiah Rebirthing Church und „grummel grummel“ mischt schließlich ER sich dazu: Barry. Der dicke schwarze Autoreifendieb, der dann -behind vergittert windows- sein Elvis-Erweckungserlebnis gehabt haben soll. Die Chronisten sind sich uneins, ob es „Its now or never“ oder „in the ghetto“ war. Jedenfalls soll er die Message auf sich bezogen haben, aus dem Knast gekommen sein – und von Stund an war er ein Topkomponist, Toparrangeur,  Toporchesterchef. …. Wie das so geht im Land der platten Klopse, weiß ich auch nicht.

Immer, wenn dieses „Philly-Gedöns“ läuft, entstehen filmische Collagen in meinem Kopf. Ganz gleich ob es deren Bestandteile wirklich gab, oder ob sie lediglich der eigenen Phantasie entspringen. Philly war „mein first cut“. Musikalisch betrachtet. Im Dauerdudel des Deutschlandfunks der frühen 70er lief fast nur Trost-Mugge für die „Generation Großdeutschland“. Bert Kaempfert, Freddy Quinn, Heino, Roberto Blancos „Puppenspieler“, Katja Epsteins „Wunder gibt es immer wieder“ usw. Ab und an aber verirrte sich George McCrae oder Barry White ins Sendekonzept. Bild (8)Aufhorcher! Papa wusch in der Einfahrt unterm Fenster den Mosquitsch, der DLF plärrt dazu und plötzlich kommen da diese Philly-Einsprengsel: Wolkenkratzer-Assoziation, Vorspannmusiken aus Kino und TV. Damals schon. Heute kommt noch mehr dazu:

Es war die Zeit der Vorabendserien, „Eddies Vater“, „Partridge Family“, „Elefantenboy“; des zunehmenden Aufbleiben dürfens, wenn Kojak kam – der begann erst um neun! Immer häufiger blieb der Kanalwahlknopf des Fernsehers (statt auf der 6) zwischen 9 und 10 (also Klassenfeindsender) Werbefernsehen für „Männer“: Heiiiiii-ßes Wasser! Stiiiiiiiiebl eltron. Die General-Putzfee tanzt sexy durchs Haus. Rumms kam die Faust mit der Uhr durch die Scheibe! Timex!

(Der Sohn vom Nachbarn probierts am Schuppenfenster mit seiner Ruhla-Uhr, kaum, dass er sie bekommen hat….klirr, kaputt and bloody fingers!)

Lass uns frischwärts gehen! Hey is’das ein Ding… Die Pyramide aus „Westbüchsen“, deren Getränke-Inhalt längst durchs Gedärm der Vorbesitzer zirkuliert war, wuchs auf dem Bücherschrank, auf dem das Spulentonband noch fehlte. Die Haare durften endlich wachsen…

Die Erinnerungslawine wächst von Jahr zu Jahr. Leg ich sowas heute auf, dannnnnn…

…kommt da ein Muscle Car um die Ecke geschwebt, hält vor einem Wolkenkratzer, irgendwo in Deutschland. Sagen wir Berlin. Es entsteigt – Kojak, schiebt sich den Lolli in den Mund und winkt mit dem Kopf dem 70er Jahre Mercedes hinter ihm. Der überholt darauf hin und fährt weiter. Im Abrollen erkenne ich, der ich im 20. Stock die Szenerie da unten überblicke, die Tränensäcke und Derricks Hundeblick zu mir herauf auf dem Beifahrersitz…

Ich ahne, Kojak will zu mir. Aber er kommt zu spät. Er wird unten von Polizisten aufgehalten. „Sie haben den Fall nicht mehr“.

philly b„Wer dann? Frankie Cannon? Rockfort?“

„Inspector Columbo. Is‘ bereits oben. Rufmordkommission L.A.“

„Ennnn-zückend, Baby. Warum hab ich mir dann den Weg gemacht?“

Kojak dreht bei, steigt wieder in den Wagen und entschwindet in seinem rollin‘ Flugzeugträger lautlos um die nächste Ecke, um die zuvor „Harry“ schon seinen „Stephan“ geschaukelt hat.

Ich wende mich vom Fenster weg meinem Gast zu, der wiederum mir den Rücken zuwendet und meinen CD Schrank inspiziert.

„Was wollen Sie nun eigentlich?“, erkundige ich mich noch freundlich nichts ahnend.

„Nichts-nichts. Nur eine Formsache. Sie wissen doch Hassmails, Shitstorm, Rufmord, wie das alles heute heißt…“

„Ja; is‘ mir bekannt. Ich hoffte bisher, mich zurückgehalten zu haben.“

„Nun. Ein paar Fragen hätte ich da. Darf ich anfangen?“

„Bitte.“, es klingt mauliger als ich wollte.

„Sie haben on the prog path geschrieben. In ihrem Blog. Richtig?“

„Ja.“

„In zwei anderen Texten outen sie sich als DDR-Möchtegern-Punk, richtig?“

„Richtig.“

„Sie mögen Ostrock und schreiben bisweilen so, als wäre ihr zweiter Vorname „Renft“; habe ich das richtig interpretiert?“

Ich nicke nur noch genervt. Nun will er schlichten:

„Ach wissen Sie Engerling! Die kenne sogar ich! Mein Schwager ist doch so ein großer Mitch Ryder Fan und Engerling sind bei dem …“

„Mr. Columbo! Sie rauben meine Zeit!“

„Entschuldigen Sie. Nun ich komme wieder zur Sache: Es ist ja schon komisch, dass sie, wenn sie, wie sie sagen YES mögen, auch Elvis-Fan sind. Hinzu kommt nun noch, das mit dem Punk. Aber, verzeihen Sie- “

„Jadoch.“ seufze ich genervt.

„Wenn ich in ihr CD Regal schaue, finde ich 8x YES; 8x Elvis; aber 5x Barry White und 12 verschiedene Philly-Sampler!“

Ich erröte nicht mehr. Die Zeiten sind vorbei.

„Den White hab ich seit Jahren; bei Elvis haben Sie sich übrigens verzählt, da stehen noch welche in zweiter Reihe; die Sampler stammen aus meiner Revivalphase vor 2 Jahren. Ich dachte mir, wenn ich all meinen Phasen ein Denkmal setze, dann darf die allererste nicht fehlen. Ist das ein Verbrechen?“Bild

Er hebt abwehrend die Hand: „Nichts Menschliches ist mir fremd Mr. Bludgeon. Wissen Sie, meine Frau stand ja auch immer auf dieses Phillyzeugs.“ Er pfeift kurz Van MyCoys „to the huzzle“ an.

Ich geh drauf ein, will mich sicherheitshalber einschleimen und imitiere Shirley & Company:

„Can’t stop me, Muck! Can’t stand that stop. My feet want to move, so: Get out my way…“ ich übernehme beide Stimmen, kreische also auch, wie jener Hippie da in der „Schaubude“ vom NDR ’75 und bemerke zu spät seine Kopfbewegung an die beiden Constables in meinem Rücken.

„Abführen. Das isser.“

Und zu mir gewandt: „Das tut mir leid Mr. Bludgeon. Lassen Sie sich überraschen, wie’s weiter geht.“

„Ja, aber was ist denn nun der Vorwurf?“ Ich tappe völlig im Dunkeln.

„Hochstapelei in Sachen Progrock, Irreführung der Leser in Sachen Punk; fortgesetztes Abbabashing, ebenso Puhdys, ebenso Karat, Krautrockbeschimpfung in Tateinheit mit zwangsneurotischer 68er Bekrittelung,“ er bricht ab, schaut mich fragend an: „Soll ich weiter machen?“

Ich breche innerlich zusammen. Die Handschellen klicken. Die beiden Gesetzeshüter bringen mich zum Fahrstuhl. Unten muss ich mit ihnen in so ein amerikanisches Polizeiauto steigen. Einer von ihnen setzt sich mit mir nach hinten. Der andere nimmt hinter dem Lenkrad Platz.Bild (5)

Mir wird komisch zumute. Wir sind immer noch in Deutschland. Aber amerikanische Ermittlungen? Ein verstorbener amerikanischer TV-Kommissar? Dieser Police-Car-Oldtimer! Dann sehe ich, wie der Fahrer statt zu starten eine Kassette in den Schlitz im Armaturenbrett schiebt.

„dommdidammdadi, domdidammdadie, ehe-i yeah-haer!“

Eben denk‘ ich noch: Das kenn ich!

Da singts auch schon mit näselnder Stimme los:

„Who can fly my heart like a bamboo kite
Make it twirl and gyrate just like a gyro delight…“
Als der Refrain kommt will ich gerade einstimmen, da grölen meine beiden Polizisten schon aus vollem Halse:

„Only you ca-han/ aha aha /only youhuhuhu-huuuu.“

Ich starre verblüfft von einem zum andern. Was hamm die genommen? Der neben mir schließt meine Handschellen auf. Dann verlassen beide den Wagen. Völlig verdattert sitz ich da. In einem leeren amerikanischen Police-Car der 70er auf der Rückbank. Vorn dudelt die Musi einen meiner Jugendhits nach dem andern. Strictly ‘75er Kram. Ich wage nicht, auszusteigen.

Da werden die beiden hinteren Türen links und rechts aufgerissen. Zwei wohlbeleibte, alte Afroamerikanerinnen mit riesigen Angela Davis Perücken plumpsen neben mir in die Polster, knallen die Türen zu und grinsen mich an.ladies kopp1

Die zur rechten nickt und grinst: „Gaynor; Gloria.“

Die zur linken nimmts als Stichwort sich ebenfalls vorzustellen: „Gwen McCrae“

„Ich…ich…verstehe nur Bahnhof….“

„Airport. Du vers-tehen Airport. Not Baaahnhoff.“ antwortet Gloria rechts.

„Flughejvän; saggd man auf doitsh. Where the big birds fly.“ ergänzt Gwen zur linken.

Aber noch fehlt der Fahrer.

Der kommt soeben. Columbo selbst; öffnet die Fahrertür, schmeißt etwas kantig verpacktes auf den Beifahrersitz, startet den Wagen und erklärt nach hinten, akzentfrei mit der Stimme seines Synchronsprechers:

„Entschuldigen Sie die Verspätung, Mr. Bludgeon. Ich musste noch die beiden Bilderrahmen kaufen.“

„Wofür sind die? Was haben die mit mir zu tun?“ die Lage bleibt unübersichtlich.

„Drive Inspector, drive! I explain the show.“ übernimmt Gwen das Wort, „Barry jr. is waiting!“

Die beiden Bilderrahmen sind für mich. Ich bekomme erklärt, dass ich großartige Leute treffen werde; sicher drüber schreiben wolle, wenn ich zurück bin; aber Zaphod und Ärmel würden dann wieder kommentieren, dass Philly angeblich Gülle sei. Ich soll mir die zu erwartenden Kommentare ausdrucken und zum Spaß ins Arbeitszimmer zwischen die Erinnerungsfotos hängen. „They roastin‘ you. Laugh it away!“ Befreit lache ich auf.

Nun seh‘ ich langsam durch: Ich bekomme eine Woche Ostküste spendiert; New York, Philadelphia und die Reste des TK-Studios in Miami; ich begebe mich an die Wurzeln des Phillysounds, werde die übriggebliebenen O‘Jays treffen, die Hinterbliebenen von Gamble & Huff, von Tom Moulton; die Nachfahren von Lou Rawls, mehrere Witwen von Teddy Pendergrass, zwei Veteraninnen der Three Degrees. Gwen McCrae beginnt, mich alle 5 Minuten zu umarmen: „My very first Fan in Germany! No one knows me here!“ wiederholt sie immer wieder.

ladiesAls es mir zuviel wird, singe ich „Let me be your rocking chair!“ Gloria kreischt auf und lacht los.

Gwen beendet prompt die Umarmung: „Boy! I could be your Mother, if you were black!“

Nun erröte ich, worauf sie wieder lacht, mir kameradschaftlich aufs Bein patscht und schnell relativiert: „This old lyrics are not ingenious ones. But the people, who loved it, were not all together Weinsteins. I’m sure!“

Wir geben uns „5“ und ich singe zur Wiedergutmachung kurz:“ I’ve got nothing to lose, but the Blues.“

Gwen wird besinnlich. „Yeah! Thats a good one. But it wasn’t a Single, and so it becomes a unknown Nugget.“ Sie wuschelt mir im Haar rum, wie Tanten es bei Neffen tun. „Good Boy. You know my songs.“

Als wir in Tegel ankommen, ist Gate 17 für uns reserviert. Wir werden anstandslos durchgewunken. Keine Kontrollen – nichts. Ein Charter-Jet wartet. Roter Teppich auf dem Rollfeld führt die Gangway hoch in die Boeing hinein, auf deren Außenhaut in großen Lettern gelesen werden kann: Barry White Airlines!

Ich bekomme schon Muskelkater in den Mundwinkeln vom Dauergrinsen. DIE alte Geschichte weiß ich sofort wieder! Der dicke Schwarze oben stellt sich als Barry White jr. vor. Er hatte per Zufall ein altes Englischschulbuch der DDR erworben (warum auch immer!), indem der pubertierende Vorbesitzer herumgemalt hatte. Damals anno’75. Da gab es eine Abbildung von Paul Robeson auf der Gangway einer Aeroflot-Maschine der UdSSR. Das Schülerlein hatte das „Aeroflot“ mit schwarzem Filzer getilgt und sauber „Barry -White-Airlines“ darüber geschrieben. Das Robesongesicht wurde mit einem Vollbart ergänzt. In Kopfhöhe des Paul R. alias nun Barry White prangte eine Sprechblase: „Hallo, my fans in GDR!“

Dieser Fund hatte ihn in die Spur gesetzt:

„Who is this guy! He likes my Dad! It must be a boy! Girls are not kidding this way!“

Die Suche dauerte. Schließlich hatten sie mich.Bild (2)

Inzwischen sitzen wir im Flieger. Gwen, Gloria, ich, Barry jr. und Columbo. Wir starten.

Im Hintergrund läuft das „Love theme“, das klingt, wie der bestellte Soundtrack für einen Rundflug um die Freiheitsstatue. Mir kommen noch „Theme from Shaft“; die Vorspann-Mugge zu „Einsatz in Manhattan“ und dieses Liedchen aus „Eddies Vater“ in den Sinn.

„You‘re the first european male Hetero, who likes Phillysound!“ erklärte Gloria verwundert, „you’re kind o’unicorn! Unbelievable!“

„Yes. I’m nearly dead. Please play – reach out I’ll be there – at my Funeral!“ rutscht mir raus. Bin eben kein Diplomat.

Aber sie lachen. Amerikanerinnen verstehen Zynismus, vermute ich.

„I guess – I will survive – is the better line for events like that.“ schiebt Gloria nach.

Ich schüttle den Kopf: „Godfather may sing: What am I gonna do with you?!

„Au!“ kreischt Barry jr. dazu passend kurz auf. Lachsalve in der Runde.

Wir fliegen zwar, aber ich komme nicht auf der anderen Seite des Atlantik an, denn plötzlich ist Stille im Raum. Die Ladies, das Flugzeug, der Breitwandsound haben sich verflüchtigt. Ich sitze nicht irgendwo in Berlin im 20.Stock  oder im Plüsch eines Millionär-Fliegers, sondern brav in der Provinz im Arbeitszimmer mit den großen Boxen. Finales leises Rattern im Player: CD aus. Tagtraum zu ende.

Und das alles bloß, weil ich mir wiedermal Ol’Barry‘s „Rhapsody in White“ in den Player geschoben habe. Seine Beste.

 

DURAN – ein Pferd unterwegs

duran1duran… im Weltkrieg Nummer Zwei. Gustav Otto Dix, ex-Oberveterinär der Wehrmacht; in den 50ern Tierarzt in der DDR; schreibt sich seine Kriegserlebnisse vom Hals. Ein lakonischer Landser-Bericht über die mitleidende Kreatur: gemustert, verwendet, verbraucht; geschunden, umsorgt, erneut geschunden, … marschier oder krepier! … von einem Schlachtfeld zum andern und schließlich noch der lange, lange Rückzug unter Feuer und ohne Futter… und dann?

Zwischen 1952 und 56 erschien das Büchlein dreimal in 30 000er Auflage. 90 000 Exemplare also. In den 70ern von Kennern gesucht wie Goldstaub.

Für Veterinärmedizinstudenten war es 1952 DIE Sensation schlechthin.

Der Leidensweg des Duran ergriff sie, die alle noch selbst den Krieg im Blut hatten, auf Grund ihrer eigenen Erfahrungen. Der lakonische Landser-Slang, der Gefühlsschilderungen nicht kennt, nicht kennen will, erweckt zunächst ihre „gelobt sei, was hart macht Prägung“ aus der Zeit der braunen Halstücher. Aber die dargestellten Elendsetappen des Pferdes holten auch ihre eigenen „Hose voll“-Situationen aus der Verdrängung herauf; jetzt, im Zeitalter des „danach“: Egal, ob man Halbe, Bad Kreuznach, Landsberg/Warthe oder Komotau gerade so entkommen war. Die Deja vues müssen heftig gewesen sein.

Spätestens, wenn der Oberveterinär sich nach überstandenem Tiefflieger-Beschuss erhebt, mit der 08 in der Hand von Fuhrwerk zu Fuhrwerk geht und Gnadenschüsse verteilt, wo Pferde liegen, aufzustehen versuchen, sich in ihrem Gedärm verheddern, zusammenbrechen … In Sekunden wird entschieden, wo noch ausspannen und zusammenflicken lohnt und wann er einem Zossen die Pistole ans Ohr setzt. Der Küchenbulle übernimmt den Rest. Das Fleisch kommt in die Gulaschkanone. Für die nächsten Tage. Dem Tierarzt reicht Kommissbrot.

Dabei hatte alles so idyllisch begonnen. Damals – 1931. Die Geburt des Duran – in einem Dorf bei Hannover.duran4duran

„Es klingt, als habe jemand einen Eimer Wasser in den Stall-Gang gekippt, wenn die Fruchtblase platzt – und ein Fohlen das Licht der Welt erblickt.“

So begann Vaters Nacherzählung auf den Praxisfahrten immer. Er schien den Text auswendig zu können, wie ich meine Kindermärchenplatten. Beim späteren Selberlesen merkte ich, dass sich da manches zwecks Ausschmückung und Abwandlung – und als Ersatz für Szenen wie oben – in den mündlichen Vortrag eingeschlichen hatte. Ich bekam eine kindgerechte Version erzählt.

Es beginnt vor dem letzten Kriege, auf einem Dorf im heutigen Westen; wo ein Knecht Arbeit suchte, der einen Sprachfehler hatte.

Deutschland hatte mal Landbesitz in Afrika, und die Soldaten, die dort auf Wache standen, hatten es mit Aufständen der Neger zu tun. Unser Knecht, war dort auf Wacht und bekam einen Speer in den Hals, weil er eben kein Kara Ben Nemsi war, denn dann hätte er das rechtzeitig gemerkt. Er überlebte, aber sprechen konnte er nicht mehr richtig. Nun kam er in das Dorf, wie Krischan Klammbüdel in den „Heiden von Kummerow“, als abgerissener Habenichts und wurde von einem Bauern eingestellt.

Als nun die Pferdegeburt anstand, hatte zwar der Bauer den Tierarzt angerufen, alles Weitere im Stall aber dem Knecht überlassen.

Es wird ein Hengst-Fohlen. Die Geburt läuft ohne Probleme ab. Der Bauer begutachtet die nächtliche Arbeit von Knecht und Tierarzt am nächsten Morgen. Er tauft das Fohlen Johann.

Alle Wallache auf dem Hof hießen so und auch Johann wird bald schon kastriert, um ein williges Arbeitspferd zu werden. Johann verdient sich sein Futter brav 7 oder 8 Jahre lang – dann kommt der Herbst‘39.

Pferdemusterung! Alle Bauern mussten ihre Pferde auf dem Dorfplatz vorzeigen. Der Johann-Besitzer schickt sich in das notwendige Übel, aber er geht nicht selber hin, weil er ahmt, was kommt:

Mehrere seiner Nachbarn haben Glück. Ihre Pferde sind zu jung, zu alt, zu schwächlich oder von Macken geplagt – Johann jedoch wird für „kv“ befunden.

Der Knecht wird nach dem Namen des Pferdes gefragt und sagt irgendwas, das wie „Huohaaaan“ klingt. Der Spießschreiber versteht nicht und fragt 2-oder 3mal nach. Schließlich mault er „Wegtreten, du Arsch!“ und schreibt DURAN in die Papiere.

DURAN also muss in den Krieg und der Knecht nicht, weil die zu Anfang nur die jungen Kerle losgeschickt haben zum Kämpfen. Es heißt also Abschied nehmen von seinem treuen Arbeitskollegen und Stallmitbewohner der letzten 8 Jahre.“

Neben mir sitzt wie immer unser Foxl und ich stelle mir prompt so eine „Hundemusterung“ vor.

„Da kann einfach jemand kommen und dir deine Haustiere klauen?“

„Klauen war das ja nicht so ganz. Wenn wir gewonnen hätten, dann hätte man ja das Pferd zurückbekommen und wenn es draufgegangen – also gefallen – wäre, dann hätte es Beutepferde gegeben.“

Ich war nicht getröstet:

„Stell dir vor, uns nimmt einer unseren Tiger von Eschnapur hier weg und paar Wochen später bekommen wir Satowskis blöden Rottweiler?!“ Wie der jedes Mal am Zaun auf wilde Bestie markierte, wenn wir auf Gassirunde vorbeikamen, hatte nu prompt auch Vater vor Augen.

„Ach. Hunde holen se ja nich zur Fahne“, lenkte Vater genervt ab und erzählte weiter:

„Das Pferd zog nun Verpflegungswagen, Sani-Transporte, „leichte“ Geschütze; in Polen, Frankreich und Russland, im ewigen Winter da…

Es erging ihm schlecht. Hunger und Verwundungen zehrten die Gesundheit auf.

Auf dem laaaangen Rückzug aus Russland war es Zugpferd eines Oberveterinärs der bespannten Truppe. Schließlich landen sie in Rumänien. Und dort kommt der Befehl:300 Pferde zurück nach Deutschland zu verlegen. Acht Mann – 300 Stück. Unlösbarer Quatsch. Aber so is’ das immer beim Barras. 300! Das schaffen auch deine Indianer nicht. Nicht in der Prärie, wo wenigstens Platz wäre und schon gar nicht im Gebirge, wo damals gerade alle Wege überfüllt waren! Mit etwa 30 kommen sie nach Bayern durch. Darunter auch DURAN. Abgekämpft und fertig. Der Krieg ist aus. Die Achte geh‘n nach Hause. Die letzten Pferde werden auf einer Weide stehen gelassen. Soll sie sich holen, wer will…

Da kommt ein zerlumpter Soldat des Weges. Alt. Letztes Aufgebot eben. Zunn Schlusse hamse ja alles geholt. Verhungert, verlaust und unrasiert.

Kennste ja ausm Fernsehen, wie wir damals nach’m Kriege eben alle aussahn.

Er verschnauft am Rand der Weide. Dann will er weiterziehen. Er hüstelt – und einer der abgehalfterten Klepper spitzt die Ohren. Der Alte merkt’s und ruft probeweise „Huohaaaan?!“ Duran stakst auf ihn zu und sie reiben ihre Köpfe aneinander –“DSC02465-007blogbild (2)

Clevere Unterbrechung und Blick zu mir: Ich starrte vor mich hin durch die Windschutzscheibe und streichelte in Gedanken einen strubbligen mümmelnden Pferdekopf, dann trat ich bereits den Weidezaun herunter, bevor der Schlusssatz kam:

Dann gingen se beide gemeinsam weiter – nach Hause.

Hätte ich später je ein Pferd haben wollen, so hätte es zwingend DURAN heißen müssen.

Als ich das Buch zum ersten Mal las, war ich 16. Ich glaubte, die Pferdefabel seit Kindergartenzeiten drauf zu haben, wollte aber nun die ungeschönte Version.

Das Phänomen für den jugendlichen 70er Jahre Leser bestand darin, dass hier alles das vermieden wird, was man dank inflationärer Dauerbeschallung nicht mehr hören konnte: Am Ende wird keine LPG gegründet, kein KZ-Überlebender spielt den großen Retter, kein Oberveterinär tritt in die KPD ein, und nirgends steht eine sowjetische Gulaschkanone zur Notversorgung …statt dessen spielt die Handlung komplett außerhalb des Territoriums der Sowjetischen Besatzungszone und war doch trotzdem hier druckbar gewesen!

Als ich es in den 80ern zum zweiten Mal las, war ich Mitte 20, Student; und hatte Prora intus. Ich las es somit aus einer ganz anderen, wesentlich reiferen Perspektive. Unfähige Offiziere und hanebüchene Organisationsfehler hatte ich nun selbst erlebt, wenngleich auch ohne Pferd und nicht an irgendeiner Front. Wo der 16jährige staunend den Kopf geschüttelt hatte, konnte der 24jährige nun grimmig wissend nicken.

Jedes Mal, wenn zu jener Zeit „the reflex is a lonely Child“ oder „Wild boys, wild Boys“ im Radio ertönte, registrierte ich amüsiert, dass ich dieser geschminkten Schnösel-Combo dankbar war, für die immer wiederkehrende Assoziation: DURAN (DURAN).

Zum dritten Mal las ich es 2015. Diesmal erschien mir das Kapitel über den Sommer’41 verstörend aktuell. Deutsche Truppen lungern in Bereitstellungsräumen an der noch jungen deutsch-russischen Grenze herum. Drüben ist Ukraine. Auf der Gegenseite ist alles ruhig, die ganze Zeit keinerlei Grenzstreife zu sehen. Schütterer Wald. Menschenleerer Raum. Am 22. Juni wird „Feuer“ befohlen: Aber auf was? Wohin? Egal. Befehl ist Befehl! Die Idylle dort drüben bekommt Krater, die dann beim Vorrücken stören. Munitionsverschwendung. Als der Befehl zum Vormarsch erfolgt, behindern auch die gerade zusammengeschossenen Bäume den „Raumgewinn“.  Kilometerweites Vorrücken ohne auf eine Menschenseele zu treffen … im Rundfunk die Meldung, dass man im Osten in eine unvorstellbare Truppenkonzentration des Feindes hineinmarschiere, um einem Angriff auf Deutschland zuvorzukommen…

Gleichzeitig in den „Tagesthemen“ Jazenjuk auf Staatsbesuch; mit seiner ungeheuerlichen Verdrehung des 2. Weltkrieges. Niemand weißt ihn zurecht. Ein medialer Aufschrei bleibt aus. Gabriele Krone-Schmalz findet bei Maischberger unter den übrigen Polit-Claqueuren kein Gehör. Platzeck ergehts bei Illner ähnlich.

Ich aber sehe ein müdes Pferd durch die Schneewehen am Dnjestr staksen…

duran7duran

 

(P.S.: Da war doch noch was! 2016 sah ich im Arno von Rosen Blog DIESES BILD; und prompt dachte ich, es könnte vielleicht der Illustrator aus „Duran“ gewesen sein!)

 

Unterleuten

„Linda liebte Frederik nicht. Frederiks Anwesenheit wurde nicht von bedingungsloser Zuneigung getragen, sondern von einem Vertrag, der an eine Bedingung geknüpft war: dass Frederik funktionierte. Sollte er beschließen, mit dem Funktionieren aufzuhören, folgte automatisch das Ende seiner Anwesenheit. Er wusste das – und kapitulierte sofort.“

Liebe im 21. Jahrhundert! Feminismus vs. Testosteronmangel!

Bin momentan richtig happy, denn ich habe „Unterleuten“ von Juli Zeh nun endlich gelesen!

Es spielt in der nordwestlichen Ecke von Brandenburg und ich weiß nicht, ob unter dem verfremdeten Namen mein derzeitiges Domizil oder einer der Nachbarorte gemeint sein könnte: Es passt auf alle!

PENG! DIESE Lektüre entfaltete Lesewucht! Lauter alte Bekannte:

Der ehemalige LPG-Chef Gombrowski, der dieselbe als Agrargenossenschaft in den Westen rettete, der schnöselige Bodenspekulant Meiler aus Ingolstadt im Mercedes Roadster; der grummelnde Altkommunist Kron, vor den Trümmern seiner Arbeitsjahre, der angegraute altlinke Wessi Gerhard Fließ, der in den Busch zog, um ihn umzukrempeln; seine Frau Jule, die von der frischen Mutterschaft in den hormonellen Ausnahmezustand getriebene zukünftige Helikoptermutter; dagegen fast gleich alt Linda F.; die junge Frau mit Reitermacke und Größenwahn, kalt, kontrolliert, sexy – ein Strategiemonster als Venusfalle. Dazwischen lügen sich verschiedene andere Nebenfiguren ihre Gegenwart zurecht, um ihre eigene Erbärmlichkeit aufzuwerten.

Es zieht dich rein, es zwingt dich ständig zur Selbstanalyse: Wieviel Gombrowski, wieviel Kron, wieviel Fließ steckt in mir?

Von Schaller und von Meiler nichts. Das steht fest. Die scheiden als einzige der männlichen Figuren aus. Aber selbst Frederik und Wölfi Hübscher kommen mir peinlich nahe.

Das Buch erklärt in leicht fasslicher Form brandenburgische Mentalität und Ost-West-Gegensätze, wenn im näheren Umfeld Wessis auftauchen, die sich erst eigenartig jovial interessiert geben, bald schon aber alles besser zu wissen meinen und statt direkter Kommunikation den „Behördenweg“ bevorzugen.

Die eigentliche Story ist eine simple: Ein Windpark soll entstehen. Irgendwo am Waldrand. Aus 7 oder 8 Perspektiven wird erzählt, weshalb nicht sofort allgemeiner Jubel ausbricht, sondern ganz im Gegenteil die Dorfgemeinschaft daran zu Grunde geht. Der Leser kann jede der Sichtweisen nachvollziehen und staunt beim Lesen am meisten – über sich selbst.

Es tauchen Sporenelemente von alten Bekannten auf:

– ein mysteriöser Gewitterunfall, der auch ein Mord gewesen sein könnte auf einer Waldlichtung, wie in Spielhagens heute vergessenem Roman „Selbstgerecht“;

– immer wieder Möglichkeiten, alles zu einem guten Ende zu bringen, aber letztlich wird doch wieder falsch abgebogen, (siehe Georg Danzers „Traurig aber wahr“);

– Linda Franzen als gepflegter, weiblicher, nicht versoffener Wiedergänger von Henry Chinaski (alias Charles Bukowski) mit vernichtendem Durchblick, was die Klassifizierung ihrer Mitmenschen betrifft;

– Gombrowski als herrlich schrulliger Ex-LPG-Vorsitzender; wie Manne Krug in „Daniel Druskat“, nur eben in alt.

Massenhaft zitierfähige Sätze a la:

„An seinem 45. Geburtstag schien es Gerhard, als stünde er allein auf einem Schlachtfeld, das alle anderen verlassen hatten, um für den nächsten Stadtmarathon zu trainieren. Umweltschutz war eine Angelegenheit für Unternehmensberater geworden und die restliche Politik wurde zwischen Sachzwangverwaltung und Spektakeljournalismus zerrieben.“

„Jeder lebt doch in seiner eigenen Welt, in der nur er den ganzen Tag recht hat.“

„Heute hält er sich zwei überregionale Zeitungen, aber er liest sie lediglich als Satireblätter.“

Usw.

Eine ganze Weile glaubte ich gar, ich müsste meine bisherigen literarischen Lieblinge umsortieren.

Aber im weiteren Lesevorgang stieß ich auf kleine Ungereimtheiten, die sich läpperten, den Gesamteindruck zwar nicht „schwer schädigen“; jedoch geriet ich im innerlichen ja-jaa-jaaaa-Bestätigungstaumel ab und an aus der Spur: Ochnö! So doch nicht! Das passt nicht! Aber weiter geht’s: Ja! Jaa! Jaaaa!

  1. Gombrowskis Jugend; Frau Zeh richtet ein seltsames Durcheinander der Begrifflichkeiten an: Gutsherrenfamilie, Großgrundbesitzer, reichster Bauer des Ortes – ja, was denn nun? Die ersten beiden Bezeichnungen passen überhaupt nicht zur späten Enteignung von 1960, denn diese Klasse wurde bereits durch die Bodenreform Herbst 1945 vertilgt.
  2. Wenn die Widersacher Gombrowski und Kron mit einem Altersunterschied von 10 Jahren vorgestellt werden, weil der junge Kron beim Zündeln 1960 vom 13jährigen Gombroski erkannt wird, dann ist die Schlägerei beider Veteranen 2010 extrem unrealistisch dargestellt: Der nun über70jährige und seit 20 Jahren am Stock humpelnde Kron geht zu Boden und kann sich später aus eigener Kraft erheben und entfernen; tritt wenig später ohne erwähnenswerte Blessuren auf…
  3. Schallers Tochter bekommt als Abiturientin von ihrem Vater (Landmaschinenschlosser und wendebedingter „Schwarzschrauber“) ein Auto zurechtgemacht. Das klingt glaubhaft. Dass es aber ein MGB GT V8 ist, lässt wiederum den Kopf schütteln, denn die kultige MGB-Verehrung ist so ein Westding, das im Osten völlig unbekannt war. Ein Corrado, ein Audi Quattro oder meinetwegen auch ein älterer 7er BMW wären ost-typischer gewesen.
  4. Schließlich noch die leidigen Seiten 612 und 613: Ein kritischer Antiprovinz Monolog vom alten Kron, der bis hier als provinzieller Altkommunist mit Bodenhaftung durchs Figurenensemble geisterte. Die dargestellte Betrachtung kann man als der Provinz entfremdeter Düsselmünchgarter Molochbewohner eventuell goutieren. Der alte Kron jedoch wirkt hier wie Erich Mielke, der auf Cannabisfreigabe und Ehe für alle plädiert.

Überhaupt schwächelt 5. der Schluss in der Gestaltung: Nach soviel Raffinesse zuvor, die einen 600 Seiten lang in ihren Bann zog, liest sich dieses angepappte Schlusskapitel aus Sicht der extra hinzugenommenen Figur Finkbeiner wie „was schnell noch zu sagen wär“. Schade.

Unter die besten 5 rückt „Unterleuten“ bei mir also nicht auf. Sollte ich aber aus dem Stand mal meine wichtigsten 10 Leseerlebnisse aufzählen müssen – dann wäre in der zweiten Wertungshälfte durchaus Platz dafür.

Tellkamp schrieb den großen Wenderoman „Der Turm“. Frau Zeh schrieb den bisher einfühlsamsten Nachwenderoman über ostdeutsche Zustände, die wie im Brennglas ganz Deutschland entlarven.

„Man kolportiert oft, der Osten hinke hinterher; dabei stellt sich ein ums andre mal heraus, im Osten passiert nur manches früher, weil die Bewahrerstrukturen des alten Westens bestimmte Entwicklungen dort NOCH aufhalten können, gegen die es im Osten keine Abwehrkräfte gibt. Es sollte also eher heißen: Der Osten ist uns einen Schritt voraus. Auch wenn das nicht automatisch etwas Gutes bedeuten muss.“ (Spiegel/DIE ZEIT; mehrere Artikel nach der Wahl vom Sept.2017)

By the way: Aber es schmerzt, diesen beiden hier dabei zuzusehen, wie sie „welterfahren-abgehoben“ herumwundern, dass a) zwischen all den Großstädten tatsächlich noch Menschen wohnen und dass denen b) – Perplex! – Heimat mehr bedeutet, als den urban herumgeschleuderten Flexibilitätsnomaden. Abenteuer im Brandenburger Busch sozusagen. Tja. Et is ehm, wies is!

Von Pferden und Menschen

Zunächst aus aktuellem Anlass:

Poor man wanna be rich/rich man wanna be king,/and a king ain’t satisfied,
‚til he rules everything,/ I wanna go out tonight, I wanna find out what I got…

Und in den „Badlands“ wohn‘ ich eh schon; wenn es auch nicht Bruce’s sind. Schnell weg, aus dem tagespolitischen Elend:

Da waren mal „Badlands“ anderswo. Vor vielen vielen Jahren. Ein weiterer Arsch der Welt; weiiit hinter den Bergen; die Sachsen lange Zeit von Kakanien* trennten. Das zerfiel; und herauskam ein Staat, den keiner wollte. Jedenfalls in den Grenzgebieten und in der Osthälfte des Gebildes. Und da seh ich diesen kleinen blonden Dürrländer in Lederhosen und kurzärmligem Sommerhemd, wie er eingeschult wird, wie er lesen lernt und wie er locker den ersten Systemwechsel wegsteckt, mit 8, weil für ihn eh nur Pferde und Abenteuer zählen, die sich mehrheitlich im Kopf abspielen und teilweise im ungenutzten, großen Garten. Eine Jubelparade im Regen bekommt er mit. An der Pestsäule auf dem Markt. November ’38. Modernste Technik im Land der Hundekarren und Pferdefuhrwerke: Kräder, LKWs und Panzerabwehrkanonen werden mit Blumen beworfen. Ab sofort gehört man zu dem Staat, dessen Sprache man auch spricht. „Ei‘s Biehmsche geschickt zu werden“ entfällt von jetzt ab. Den Armeefahrzeugen folgt die Kultur. Buchladen und Leihbücherei sind plötzlich reichhaltiger bestückt. Und der kleine Blonde ist Leseratte! So liegt er dann auf dem Bauch im Garten. Im Sommer ’39 oder ‘40. Ein halber Ring Knackwurst neben ihm, entwendet aus der Vorratskammer, ein Buch vor ihm und im Kopf eine ferne, ferne Welt: Argentina.

Dort galoppiert ein Hengst durch die Pampa, gemeinsam mit einer Herde, die er den Schindern entriss. Dass Gauchos keine Tierliebe kennen, weiß der kleine Blonde bereits durch Karl May. Hier nun wird das bestätigt. Sogar mit Fotos! Beweise genug: Peitschende Sombrero-Träger. Sich aufbäumende und zu Fall gebrachte Pferde. Ein Trakehner-Hengst, zu wild für alle nützlichen Zwecke in Deutschland, deshalb nach Südamerika verkauft – und dort in die Freiheit entkommen.

Das Buch packt ihn so, dass er erschrickt, als ihm irgendwas Feuchtes in den Nacken fährt und schnaubt. Diesmal ist das Pferd echt: Bubi wundert sich, weshalb er heute nicht beschäftigt wird. Das kleine Herrchen sattelte ihn doch sonst, ritt ihn, führte ihn im Karree, legte ihm Verbände an, traktierte ihn mit salzigen Brotkantenhappen für allerlei Zufallsbewegungen, die prompt zu „Kunststücken“ erklärt wurden, so dass keine Langeweile aufkommen konnte auf dem großen abgegrasten Geviert mit den Obstbäumen. Was Schöneres kann man sich als rüstiger, vierbeiniger Gnadenbrotempfänger gar nicht wünschen; wenn einem die Schlacht von Gorlice 1915 und die Isonzo-Front bis 1918 in den Knochen steckt. Wenn man anschließend 20 Jahre Geschlachtetes ausfuhr; immer diesen Geruch von totem Fleisch in den Nüstern… Und plötzlich war man Pferderentier (sprich: -rentjee); graste, wurde bespielt, zog aus Jux mal den Leiterwagen voller kleiner Bengels, die nicht nach Tod rochen – und hatte keine Plage mehr.

Heute aber war das anders: Das kleine Herrchen lag und las und kaute Knackwurst. Ditha Holesch hatte kurz zuvor ihren Bestseller veröffentlicht: „Der schwarze Hengst Bento“. Nun erreichte sein Ruhm auch jenes noch unbeschadete Legendenland, das bald schon nur noch als „alte Heimat“ in den Erinnerungen der Davongekommenen existieren würde.

Bento verschmolz mit Bubi, Rih und Hatatitla zum Über-Pferd. Alle vier wurden das kindliche Wissensfundament des werdenden Pferdemannes. Zwar würde er Fleischer werden und in Vaters und Großvaters Fußstapfen treten, glaubt er, aber er sah bereits eine lange Kette geschäftlicher Erfolge vor sich, die die Anschaffung edler Kutschpferde ermöglichen würden. Mit 9 haben die Träume noch Flügel. Sie tragen dich eine gewisse Zeit. Aber es sollte anders kommen. Ganz anders.

Hört man heute die Jahreszahl 1939, weiß man, was bevorsteht. Fünf Jahre später erfüllt sich Bubis Schicksal per Abdecker gerade noch in geordneten Verhältnissen. 8 Monate danach, im Frühjahr’45, wird der Volkssturm (all diese14- und 15jährigen Hitlerjungs) nach Hause geschickt, weil „der Führer gefallen ist“. Nun ist der Krieg aus. Aber das Schlimmste kommt noch. Der Albtraum beginnt mit bewaffneten tschechischen Plünder-Banden…

Die Hitlerjugend der Dörfer wird eingesammelt, verprügelt, erniedrigt, erschlagen, verschleppt, zur Zwangsarbeit verhökert … nach einem Vierteljahr Elend die wundersame Errettung durch die verschollen geglaubte Mutter, die sich vor den nachträglichen „Partisanen“ glaubhaft als Tschechin ausgeben kann. Beide wissen, dass sie wegmüssen. Zum zweiten Mal „heim ins Reich“; ins Rest-Reich; diesmal ohne Haus und Hof.

Gerettet wurde nichts als das nackte Leben, Erinnerungen und zwei Fotoalben. Jahre der Entbehrungen liegen vor Mutter und Sohn….

Zwanzig Jahre später fährt ein Tierarzt durch idyllische Dörfer der Täterätätä in teils armselige Ställe „Farnon&Herriot-Style“ und neben ihm sitzt wieder so ein kleiner Dürrer. Nicht so blond wie er einst war, dafür bebrillt und mit einem Pflaster über dem linken Brillenglas. Der ist meistens schlecht gelaunt, wenn er auf dem Beifahrersitz neben dem Terrier Platz nehmen muss, denn er hätte lieber zu Hause gespielt oder gemalt, anstatt sich wieder einmal mehrfach sagen zu lassen, dass er angeblich „janz de Muddi“ sei. Abhilfe musste her und so kommt Vater ins Erzählen:

„Stell dir mal vor, wir hätten nicht nur unseren Timpetu hier, sondern ein Pferd! So einen zweiten Bubi, der keine geschlossenen Stalltüren mag oder einen Bento, der sowieso macht, was er will. Bento ist unbesiegbar gewesen! Der ist allen entkommen: Dem Tierarzt, der ihn kastrieren wollte, dem Zirkus, der ihn dressieren wollte, den südamerikanischen Cowboys, die ihn brutal zureiten wollten – der hätte bloß über den Koppelzaun springen brauchen um abzuhaun; aber der ist rückwärts ans Tor ran, wie das Pferde so machen, wenn se was vor haben und hat die Balken vom Tor zertreten, damit nicht nur er, sondern die ganze Herde fliehen kann. Alt und Jung, Stuten und Fohlen, alle weg… Bubi hatte das auch drauf. Wenn der der Meinung war, es gab zu wenig Hafer, hat der die Haferkiste kaputtgetreten und sich selber bedient. Deshalb hatten wir die dann nicht mehr im Stalle, sondern im Hinterhaus im Flur. Da kam er nicht hin.“

Die Erzählungen verfehlen ihre Wirkung nicht. Der bockige Kleine neben dem Hund hört zu und träumt sich weg. Er reitet Bento, Udo neben ihm den Bubi, auf die Verfolger schießend, die die Herde einfangen wollen, …

Beim nächsten Mal werden die Wunder von Rih erzählt, oder von Duran…. Dann reitet er eben die. Das Resultat ist immer dasselbe. Der Beifahrer wird zum Helden. Aber das Heldentum zerstiebt beim ersten Halt, wenn ein grinsender Bauer auf das Tierarzt-Auto zu gestiefelt kommt und den Beifahrer bemerkt: „Na Dukter, der goomt abor jar nich nach Ihn‘, der is ja janz…“ Peng! Der letzte Schuss im Geiste des eben noch Pferde rettenden Rih- oder Bento-Reiters bleibt stets unerfüllter Wunsch.

Zeitchen verging. Es gibt Antiquariate. Auch zu Mauerzeiten. Offiziell dort aber keine Druckerzeugnisse der Jahre 1933- 45. Inoffiziell gerät jedoch so mancher Zufallsfund in die Regale. Bento ist leider nie dabei. Die Jahre gehen hin. Eines Tages, dem bebrillten, gar nicht mehr so Kleinen  steht die Jugendweihe kurz bevor, wählte er wiedermal den Umweg von der Schule nach Hause an Großmutters Keksdose vorbei. Er klingelt bei ihr.

„Na kummok rei.“

„Haste och Limo da?“

„Ja. Nimm dir.“, sie wendet sich wieder ihrem Buch zu.

„Liestn da?“

Wortlos dreht sie ihm das geborgte, in Zeitungspapier eingeschlagene Buch hin.

Er schlägt auf die Vorderseite zurück: Der schwarze Hengst Bento.

Zwei weitaufgerissene Augen glotzen die Großmutter fragend an und zwei strahlende ebenso große Exemplare leuchten da aus ihrem indianisch braunem Runzelgeflecht zurück: Naaaaa?

Beide schweigen eine Weile. Endlich entringt sich ihm:

„Wosn das her? Off ehmal?“

„Vo dor Arko-Oma. Geborgt.“ Und bevor er nachfragen kann, kommt sie ihm zuvor: „Se wördes vorkoofm.“

„Wieviel?“

„Teuer. 25 Mark.“

„Zuviel.“

Bei Großmutters oberstem Keksvernichter kehrte Ernüchterung ein.

Die Buchpreise der Ehemaligen lagen zwischen 6.- und 9,60 M für Festgebundenes. Da klangen 25 Mark schon irgendwie nach Wucher. Andererseits hatte auch die Republik der kleinen Leute ein handfestes Rentenproblem. Vor allem verwitwete Hausfrauen standen, trotz (symbolisch geringem) Witwenrentenaufschlag auf die Grundrente, relativ arm da.

„Kann ich‘s wenigstens lesen, wenn du’s durchhast?“

„Nimm‘s ok mit. Ich kenn‘s ja noch vo‘ zu Hause.“ Listig lächelnd schob sie es wieder auf seine Seite des Tisches. Wenn es der Enkel mitnimmt, wird’s der Vater sehen. Der Rest ist ein Selbstläufer. Ihrer Rommé-Partnerin war finanziell geholfen und ein Stück alte Heimat – wieder in Familienbesitz. Sie kannte schließlich ihren Sohn.

Und genauso kams.

„Großmutter hat Bento aufgetrieben!“

„Zeig!?!“

Blättern. Lange. Hinundher drehen.

„Arko-Oma, stimmts?“

„Ja, die wills verkaufen.“

„Wieviel?“

„25 Mark.“

„Da. Bringser am besten glei hin.“

Der Enkel wurde erwachsen und das Schicksal verschlug ihn in die ostelbische Pferdeprärie, die restpreußischen Badlands – und irgendwie gings guuuuut, wie Bruce einst im Refrain gerade so abfing.

Und wieder gab es einen kleinen, dürren Blonden, der den Weg zu sich selber suchte. Diesmal familienuntypisch ohne Leselust. Lieber probierte er allerlei Sportarten durch. Unter anderem kam dabei auch mal kurz die Reitlust auf. (Der Pferdebestand auf dem Hof eines Klassenkameraden schien dies zu ermöglichen.) Er hatte weder Opa noch Papa jemals reiten sehen, aber mit Wunderpferdgeschichten hatten sie ihn reichlich betankt. Da wär es doch DAS DING, sagen zu können: Aber ICH bin der einzige wirkliche Reiter in der Familie!

Die Vorlieben wechseln schnell zwischen 12 und 16, – so wurde die Reiter-Phase beerdigt, kaum, dass sie begonnen hatte. Immerhin fiel in jene kurze Zeitspanne eines Tages die Frage:

„Papa! Ham wir den Bento eigentlich als Buch? Das will ich mal lesen.“

Da wusste ich, dass hier etwas gerade zum dritten Mal funktionierte.

Wäre schön, wenn’s weiterginge.

Die Jahre vergeh‘n. Der nächste dürre Blonde lässt auf sich warten. Bento steht bereit.

….Saddle up the Palomino/The sun is going down/The way I feel/This must be real… (N.Young)

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*Kakanien = k & k Österreich-Ungarn

Verliebt, verhoben, vergessen, verehrt…

Man könnte Wikipedia anklicken und sich über Georg II. von Sachsen-Meiningen informieren. Man erführe auch die Namen seiner 3 Ehefrauen. Jede von ihnen hat wiederum eine eigene Schlagwortseite. Es wäre alles da. Aber: Wer macht das schon? Georg II.? Und dann noch nicht mal der King des UK? Wozu?

Im Sommer 2017 saß ich im Buchladen von Meiningen und wartete auf eine Regenpause draußen. In jenem Sommer konnte sowas dauern! Der Bildband, den ich in dieser Zeit (quer)las, enthielt all die obengenannten Informationen. Und er verschwieg, dass Friedrich Spielhagen einer der häufigsten Besucher des Hofes jenes Kleinstaatregenten war.

Wen juckt’s?

Mich!

Spielhagen ist mein literarischer Hausgott. Die Fakten zu den drei Ehen entrollten mir den Tatsachen-Hintergrund zu einem seiner Romane: Allzeit voran! (1872)

2017 ist obendrein das Diana-Jahr: 20 Jahre Tunneltod! Da kommt einem in der Georg-Biografie viel bekannt vor. 100 Jahre Unterschied. Mehr als der Übergang von der Kutsche zum Auto? Mesalliancen können immer noch Thema werden. Und was bedeutet „morganatische“ Ehe; bzw. „Ehe zur linken Hand“?

Ich wurde somit auf die Spur gesetzt: Der tatsächliche Georg von Wettin, Herzog von Sachsen-Meiningen, wurde steinalt, starb 1914, war intelligent, diplomierter Historiker, eher propreußisch und liberal gesinnt und er war 3x verheiratet. Zum ersten Mal (mit Charlotte v. Hohenzollern) sehr glücklich, doch Kindbettfieber kennt kein arm und reich; die vierte Geburt beendet die Ehe Nr.1.

Die zweite Ehe (mit Feodora von Hohenlohe-Langenburg) verläuft sehr unglücklich, da Ehefrau Nr.2 zwar jung und hübsch, aber borniert und künstlerisch völlig desinteressiert war, weshalb der Herzog einsehen muss, hier nichts mehr „umprägen“ zu können und mehr und mehr allein ins Theater ging. Gerüchte entstehen. Das Gemunkel wird Tatsache. Frau Nr.2 frustriert‘s. Sie erkrankt, hat keine Widerstandskraft (mehr) und stirbt 32jährig; erlöst somit beide Ehepartner aus einem fast feindseligem Verhältnis.

Georg ist 46 und heiratet das letzte Mal; „nur“ morganatisch; eine Bürgerliche; sein Langzeitverhältnis; eine Schauspielerin. Ellen Franz. Sie ist im gleichen Alter wie seine zweite Frau, weniger attraktiv, jedoch intellektuell ansprechbar wie seine erste. Das Verhältnis begann 4 Jahre vor dem Tod von Ehefrau Nr. 2. Die Attraktivere verliert. Eine deutliche Windsor-Parallele. Deren Wurzeln liegen „nebenan“ im Gothaischen.

 

Spielhagen schrieb seinen Roman als Liebesroman, Arztroman, Politikum. In der Nebenfigur des Apothekers der Residenz wird er obendrein passagenweise zur Klamotte. Wieder einmal hat er Stoff für ein Großwerk, ein gesellschaftliches Komplettpanorama wie in den „Problematischen Naturen“ und in „Hammer und Amboss“ zuvor. Er nimmt sich jedoch diesmal nicht die Zeit, es auszukleiden. Auf nur 300 Seiten zusammengedrängt kann der Stoff nicht richtig leuchten. „Allzeit voran!“ wird kein Erfolgsbuch, ist aber lesenswert, weil es, so ganz nebenbei und vollkommen untypisch für die Zeit, NICHT in Hurrapatriotismus verfällt. Der geneigte Leser erfährt hier, wie die Stimmung außerhalb Preußens im Sommer 1870, am Vorabend des Deutsch-Französischen Krieges, im Volk und an den Höfen tatsächlich gewesen sein könnte.

Es geht um einen jungen Landarzt, um eine noch jüngere (aber volljährige) Malerin, die die morganatisch angetraute zweite Frau eines schon sehr alten Fürsten eines thüringischen Kleinstaates ist und um eben diesen 70jährigen Fürsten selber. Da diese Ehen zweiter Klasse, oder „zur linken Hand“, eigentlich seriöse Öffentlichkeit für standesunübliche Verbindungen ermöglichen sollten, jedoch Mesalliancen blieben und Rufschädigung bedeuteten, waren sie extrem selten. Der einzige Thüringer Regent des späten 19.Jhds., auf den sowas zutraf, war Georg II. Im Hochadel war sein außereheliches Verhältnis mit Ellen Franz mal süffisant, mal bösartig kommentiert worden. Von einer baldigen „Ehrlichmachung“ der Liaison nach dem Tod von Ehefrau Nr.2 wurde geunkt, als das Ereignis dann jedoch real wurde, war der Skandal perfekt und die Kontaktabbrüche zahlreich. Nichts desto trotz standen Georg noch 42 Jahre glücklicher Partnerschaft bevor.

Die Veröffentlichung des Buches und die Bekanntmachung der „Konkubinenheirat“ fallen zeitlich zusammen. Im 70jährigen Romanfürsten wird allzu leicht der 46jährige Meininger Regent erkannt, der charakterlich und altersmäßig jedoch eher Georgs Vater zum Vorbild hat. Dieser hatte sich 1866 für die falsche Seite entschieden und wurde anschließend auf Bismarcks Betreiben zur Abdankung genötigt, um seinem pro-preußischen Sohn die Regentschaft zu überlassen. Spielhagen nimmt diese Episode der Familiengeschichte der Meininger Wettiner stark abgeändert auf und fügt sie einen Krieg später ein. Auch hat sein Romanregent keinen Nachkommen, weshalb im Roman gleich ein preußischer Neffe auf den Thüringer Thron folgt, während der real Abgedankte wenigstens die Gnade erfährt, seinen Sohn als Nachfolger einsetzen zu dürfen.

„Lass es weiterhin wie Souveränität aussehen!“, mag sich Bismarck gedacht haben.

Eine Würde von Preußens Gnaden, denn die „Thüringischen Staaten“ hingen wirtschaftlich schon lange vor den 3 Kriegen am Geldhahn Berlins.

Preußen vergoldete seit ca. 1845 den „Thüringer Zaunkönigen“ ihr Dasein für das Gewähren der Erlaubnis, Schienen in die Rheinprovinz legen zu dürfen. Wirtschaftlich stand die Region, weil Massentourismus noch fehlte, ansonsten da wie Mecklenburg. Hinterwäldlerisch die Industrialisierung verschlafend, fristeten Spielzeugschnitzer, Nagelschmiede, Holzfäller, Köhler und Weber ihr kärgliches Dasein. Das damalige Elend – ein Segen für die Gegenwart, wenn man so 2017 durch intakte Natur rollt, die es andernfalls nicht mehr geben würde. Die Fehler von gestern sind die Erfolge von morgen. An den Thüringer Geschicken ablesbar.

Der Fürst des Romans ist nur 2x verheiratet. Spielhagen kürzt 3 Ehen auf zwei, indem er die letzten beiden Frauenbilder zusammenzieht: die unerfüllte Ehe und die Schönheit von Feodora, sowie die künstlerischen Interessen von Ellen Franz werden eins. Georg macht im wirklichen Leben seine dritte Ehefrau zu seiner Chefberaterin in Sachen Kultur, baut gemeinsam mit ihr einen prominenten Freundeskreis der Dichter und Komponisten auf. Beide gemeinsam reisen viel, holen sich Ideen aus ihren Urlaubsorten und reformieren das Meininger Theater zu Weltruhm. Bayreuth ist schon berühmt. Meiningen zieht nach. DIE Pilgerstätten der Kulturenthusiasten der Zeit. Außerdem wird nach ihren Vorstellungen der bis heute erhaltene romantische Park der Residenz angelegt. Sie harmonieren perfekt. Georg hat in Ellen eine „zweite Charlotte“ gefunden.

Ganz anders im Buch: Die junge Künstlerin malt in einem Gartenpavillon. Sie hat keinerlei Einfluss in irgendeiner Richtung und auch keine Ambitionen, diese Situation zu ändern. Eine malende Feodora, allerdings bürgerlicher Herkunft. Auch ehelich ist dem alten Herzog mit ihr kein Glück beschieden.

Spielhagen legt die Liaison tragisch an: Er lässt es während eines Kuraufenthaltes knistern; intellektuelle Gespräche zwischen beiden sind möglich. Beide atmen auf, glauben auf einen Gleichgesinnten gestoßen zu sein. Gekonnt wird das Thema “Altersgeilheit“ umschifft. Beim Herzog ist es eine Art Erlöserwahn, der ihn zur Ehe verleitet. Die arme mittellose Schönheit soll es gut haben und sich verwirklichen können. SIE sieht in ihm den alten, lieben, hilfsbereiten Mann und die Hoffnungslosigkeit ihrer mittellosen Lage. Sie entsagt wissentlich einem erfüllten Liebesleben. Das „Ja-Wort“ ist ihre Art von Resignation. Die Kommunikation erstirbt. Sie leben nebeneinander her. Die Domestiken verachten sie, da sie dem Vergleich mit der verstorbenen Herzogin nicht standhalten kann. Sie zieht sich in den Mal-Pavillon zurück.

Feodora gab im wirklichen Leben lieber die barmherzige Landesmutter, um dem Schlosspersonal zu entgehen; durch die Elendsquartiere der Dorfbevölkerung reisend und sich somit auch den finalen Scharlach zuziehend. Hat sie den Tod gesucht? Soweit geht die Malerin im Roman nicht. Jedoch trennt sie sich letztlich von ihrem Gönner und löst so das „unnatürliche Band zwischen Jugend und Greis“ um ihr Leben selbst zu gestalten…

Das Buch erscheint 1872 und stellt die Verhältnisse an den Thüringer Höfen – trotz aller Abänderung – gut erkennbar bloß. Aber: Spielhagen verkehrt weiterhin in Meiningen und wohnt während dieser Aufenthalte in Gästezimmern des Schlosses. Kein Anzeichen von Ungnade seitens des skandalträchtigen Herrscherpaares. Stattdessen jene Belohnungsanfrage und ihre Beantwortung; sowie das große Vergessen, das über alle Beteiligten, das Reich, das damals gerade entstand und den Roman inzwischen hinweg gegangen ist.

12 kopiemeiningen

Copyrights diesmal alle by Bludgeon selber.