Heyse & Hesse – ein Leseabenteuer für reifere Jahrgänge

Stell dir vor, du liest eine Novelle deines momentanen Lieblingsautors und gleich danach eine von einem deiner ehemaligen Langzeitfavoriten. Und es kommt dir so vor, als sei letztere Teil 2 zum Vorgänger.

Kann das sein?

Kannten die sich?

Mochten die sich?

Oder wollte der eine die Idylle des anderen einfach weiterdenken?

Vermutlich nicht. Er wollte lediglich seine eigene Misere verarbeiten – und gibt so seinen Lesern die Chance zu vergleichen. Entweder unter der literarischen oder unter der persönlichen Brille.

Schon als ich seinerzeit Heyses „Gegen den Strom“ las, kam es mir so vor, als wäre ich auf die Urform des „Glasperlenspiels“ gestoßen.

Teil 1 also – Heyse mal wieder:

Heyse veröffentlichte 1893 die Novellensammlung „Aus den Vorbergen“, bestehend aus 4 lesenswerten Charakterstudien: Vroni – Marienkind – Xaverl – Dorfromantik, so die Titel, die den ahnungslosen Nachkriegsleser in die Flucht schlagen; muss er hier doch erbärmlichen Bayernkitsch von anno dunnemals vermuten. Mit 20 oder 30 wäre es auch mir so gegangen.

Heyse stiftete ein Leben lang gern Verwirrung mit seinen Titeln. Du kriegst praktisch nie, was der Titel zu versprechen scheint. „Gute Kameraden“ hat nichts mit Militär zu tun, „Die Eselin“ ist keine Tiergeschichte, „Das Glück von Rothenburg“ spielt nicht im Mittelalter und die „moralischen Unmöglichkeiten“ sind absolut kein Schweinkram!

Du setzt dich also immer wieder über die Titelgebung hinweg und lässt den gebotenen Erzählstoff auf dich wirken und er verfehlt dein Herz – nie. Inzwischen 15 Novellenbände in meinem Bücherschrank beweisen: Es ist Sucht geworden.

Kernstück des oben vorgestellten Quartetts ist „Marienkind“, die längste der vier Schicksalserzählungen. Als trainierten Heyseleser hat es mich nicht überrascht, dass ich zunächst mal wieder ein Naturalismus-Streitgespräch eines alten, wandernden Medizinalrathes mit seiner Zufallsbekanntschaft, einem talentierten jungen Maler, geboten bekam: Der Alte frotzelt den Jungen, weshalb er ein im Schmutz spielendes, zerlumptes Kind vor einer bröckligen Kate malt, ob er keinen Sinn „für das Schöne“ habe. Der Maler sieht es anders und bezieht im Wortgefecht die Stellung eines leicht depressiv wirkenden Naturalisten. Der Disput ist immerhin relativ versöhnlich angelegt.

Heyse ist 63, als er das schreibt. Angefeindet von den „jungen Wilden“ Münchens, die dem schonungslos ehrlichen Naturalismus frönen. Der Altvater ist für sie ein Schnulzier, ein talentloser Schreiberling, ein „boring old fart“ (wenn sie seinerzeit den Punk gekannt hätten); „Steinklopfer“ sind IN; „Venusse“ OUT. Das ewige leidige Generationsproblem. Das Getöse bleibt reziprok zur Bedeutung. Denn „die ersten werden die letzten sein“, wenn die Jahre ins Land gehen und beweisen, was besser altert, das Durchdachte oder das Herbeigeschriene.

Heyses Medizinalrath soll einem verwitweten Studienfreund helfen, der wiederum eine 17jährige Tochter hat, die ihm Kopfzerbrechen bereitet. Das Mädel wächst in einem katholischen Internat auf und möchte Nonne werden. Der Papa hält das für geisteskrank und hofft auf Aderlass und Wunderdrogen seitens seines Kumpels. Denn das Mädel ist hübsch und intelligent – und will sein Leben wegwerfen.

Der Doktor ist mit gutem Rat und medizinischen Überlegungen schnell am Ende, aber voller Lebenserfahrung. So empfiehlt er dem Vater schlitzohrig eine Schocktherapie für das Problemkind: Sie solle sich malen lassen, bevor sie im Kloster verschwindet, dann habe er als Vater wenigstens eine schöne Erinnerung an sie an der Wand hängen. (Und nebenbei hofft der gerissene Ratgeber, dass „die Natur ihren Weg findet“, wenn sich eine 17jährige Hübsche und ein 25jährigen Beau tagelang Stunde um Stunde gegenübersitzen – und niemand stört.) Und so kommts auch, nach mannigfaltigen Verwicklungen.

Wir erleben die Entstehung von drei Gemälden mit, während zwei Jahre vergehen. Das erste quasi aus „medizinischen Gründen“ legt die Spur, das zweite wird zur Kirchenprovokation und schließlich zeigt das dritte die frisch gebackene Gattin des Malers, schlafend nach dem Stillen, während ihr Kind im Körbchen kniet und die Mutter bewundert. Das Bild wird in die Pinakothek gehängt, weil der Maler „Verbindungen“ hat, als Schwiegersohn eines Regierungsrathes, der er nun ist. Aber es hängt in einem dunklen Winkel und wird von den Malerkollegen seiner Alterskohorte bewitzelt oder mit Kopfschütteln übergangen; denn es ist „voll der Rubens“, aber eben nicht Courbet!

Nun wollen wir jenem gemobbten Naturalismusrenegaten mal wünschen, dass die Rubensanspielung eine feindselige Übertreibung darstellt und die Konturen seiner Gemahlin doch eher im Schönheitsideal des späten 19. Jahrhunderts verortet sein mögen – aber mir hat Heyses Abwatschen unbefriedigender Umstände auch in dieser Novelle wieder sehr gefallen:

Er legt sich nicht nur mit seinen Lieblingsfeinden „von der neuen Richtung“ an, den Gangsta-Rappern seiner Zeit, sondern auch mit dem Katholizismus – der Staatsideologie im Bayern jener Jahre! Viel Feind – viel Ehr‘! Bei Heyse triumphiert die Biologie über klerikalen Naivitätsmissbrauch und die Harmoniesehnsucht über dogmatisch-destruktiven Naturalismus. „Durch Nacht zum Licht“ gewissermaßen, aber diesen Titel hielt ja Spielhagen schon besetzt.

Das Happy End lässt befriedigt aufseufzen, erinnert jedoch prompt an einen heute vergessenen Hit von Prinzip aus dem Jahre 1979:

„Im Fernsehn lief ein Film von Liebe und so

Und die beiden war’n jung und so unsagbar froh

Er liebt sie und sie liebt ihn

Und der Film ist zuend‘, als sie zum Standesamt ziehn

Wie’s weiterging, behielt man für sich

Und dann sah ich auf mich und dann sah ich auf dich

Nichts. Mehr. Was. Da. War.

Al. Les. War. Schon. Da. (Liebesfilm in Farbe; Text: Demmler)

Es war ’79 wie eine Warnung.

Und trotzdem sehnt man sich ewig nach der anderen ergänzenden Hälfte, die so schwer zu finden ist.

  1. Teil – Hesse’s Ehe-Absage-Roman:

Der pure Zufall wollte es, dass ich just nach der Marienkind-Lektüre beim Aufräumen Hesses „Roßhalde“ in die Finger bekam und die ersten Seiten überflog. Es zündete.

Ich las es und vergaß es einst mit 30 aus gutem Grund schnell wieder – nun aber war es die Verblüffung pur, wie perfekt „Roßhalde“ „Marienkind“ ergänzt.

Hesses alter ego Veraguth könnte 1:1 jener Maler der drei „Marienbilder“ sein. Nun gealtert und arriviert. Hochverehrt und auf Auktionen nachgefragt – aber die Ehe liegt in den allerletzten Zügen. Oder anders gesagt: Im Kloster-Stift abtrainierte Neugier auf das Leben rächt sich eben später in den Matronen-Jahren.

Besonders Künstler haben hinsichtlich der Partnerwahl ein noch viel größeres Problem als Otto Normalverbraucher. „Künstler kann man nicht werden. Künstler muss man sein.“ (Hesse) Denn sie sind von ihrem Werk besessen, kämpfen lange um Anerkennung und haben wenig Sinn für Familienleben und Verhältnispflege; vor allem dann nicht, wenn sich herausstellt, dass die Frau gar keinen Anteil nehmen will, am Titanenkampf ihres Galans mit seinen Einfällen. Desinteresse dem Werk gegenüber aber ist der Krebs der Künstler-Ehe. „Kampfgefährtinnen“ sind hard to find!

Veraguth sieht seine Frau nicht (mehr) als eine solche an. Er malt erfolgreich. Sie spielt Klavier für den Hausgebrauch und vierhändig mit dem großen Sohn. Aber Papa interessiert keine Musik und sie keine Malerei. Lediglich die Existenz des jüngeren Sohnes bindet sie noch aneinander.

Hesse beschreibt ein vergiftetes Idyll, denn Villa und Park sind schön gelegen; irgendwo in der Schweiz an einem See. Man besitzt Kutsche, Pferde, einen Salon mit Flügel. Es fehlt an nichts – außer an Verständnis von Partner zu Partner. Man geht reserviert „auf Eiern“, will Streit vermeiden, trifft sich nur zum Mittagsmahl. Der Maler träumt sich ein Fluchtidyll am Ende der Welt. Heyse hätte ihn nach Italien geschickt. Das hat im frühen 20. Jahrhundert seinen Reiz verloren. Hesse jagt seinen Schwerenöter deshalb nach Indien oder Indochina oder Sumatra … er legt sich nicht fest. Jedenfalls hat ein Jugendfreund dort irgendwo eine Farm. Es dauert lange – bis er aufbricht.

Wenn „einer nicht Schritt hält mit dem andern, weil er auf einen anderen Trommler hört“ (Reiner Bärensprung Band) …

…dann kommt die Scheidung. Der bürgerlich-moralische Bankrott.

Inzwischen ist das leichter, sagt man so. Scheidungen passieren alle Tage?

Die Kinder zahlen die Zeche.

„Ey, vertragt euch! Hab kein‘ Bock, wie Lara jedes Wochenende in‘ner andern Wohnung zu verbring‘!“

Manchmal hilft das.

Wenn man nicht Veraguth(=Hesse) heißt und nach Indien will.

Die Leute aus dem Wald – Raabe mal wieder

Uff! Ich hab es durch. Genuss ist anders. 400 Seiten. Aber ich hielt aus. Es war eine Qual. Aber es war auch interessant. Ja phasenweise schön! Anheimelnd. Witzig! Öde Seitenschinderei. Spannende innere Monologe! Holprige Wendungen. Lustlos hingeschlampte Episoden. Herrliche Zitate! Wortspiele! Hochdramatische Ansätze, die sich in Nichts auflösen. Anschauliche Alltagsschilderungen im Mietshaus des Kleinbürgertums der 40er Jahre des 19.Jahrhunderts. Ein zu simpler, löchriger Handlungsfaden. Ein Erzähl-Chaos.

Der Plot taugt nix. Der Aphorismensteinbruch schon!

Meine Rezi hier wird auch einer. Ein Assoziationssteinbruch.

Bisher sagte ich stets: „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier ist das schlechteste Buch, das ich je gut fand.

Aber nu macht Old Raabe ihm den Platz streitig.

Der Portugal-„Nachtzug“ zeichnet sich aus durch einen absolut mies konzipierten Handlungsablauf. Zur Erinnerung: Ein alter gestandener Gymnasiallehrer in der Schweiz rettet einer jungen Selbstmörderin ebenda das Leben, holt sie vom Brückengeländer zurück, weshalb sie sich bedankt und ihm ihre Telefonnummer auf die Stirn schreibt… Daraufhin schmeißt er seinen Job hin; geht nicht mehr zum Dienst, sondern macht sich auf den Trip nach Lissabon. Tja. Nur hat jene Frau und jene Telefonnummer nun keinerlei Bedeutung mehr. Nochmal -tja. Und auch der Nachtzug selber ist nur für ein oder zwei Kapitel gut, denn die übrige Zeit recherchiert er in Lissabon herum, auf den Spuren eines Heftchens, das er beim Antiquar zuhause erstanden hatte. Dickes Zusatz-Tja! Eine seiner Schülerinnen hat Zugang zu seinem Konto und kann ihm Geld schicken – ach hör doch auf!

Da sind also so Sprünge; Schwerpunktverlagerungen; immer wieder glaubt man zu wissen, worum es geht – peng – neuer Aspekt. Immerwieder „och nö!“ Stellen, die einen aufgeben lassen wollen – aber immer wieder auch „Hui!“-Momente, wegen denen man dann doch dranbleibt.

All diese portugiesische Diktaturgrübelei des alten Lehrers hat dann doch jede Menge mit mir als Leser „mit DDR im Blut“ zu tun gehabt, auch wenn ich nun nicht DIESE Probleme hatte, wie dort geschildert. Aber das Buch tippte vieles an, was „noch nicht vergangen“ war.

Ein seltsamer „Genuss“.

Und Raabe?

Es ging mir hier genauso, die Lissabon-Erinnerung stellte sich immer wieder ein.

Der Plot ansich ist doof: Robert Wolf, mittelloser Förstersohn, hat Probleme, findet Helfer, die ihn vor Knast bewahren, weshalb er erst studieren kann und dann nach Kalifornien reist, um reich zu werden, damit er schließlich seine Traumfrau kriegt und sein Heimatdorf kaufen kann.

DAS also ist es nicht, was einen fesselt.

Raabe selbst, der das Seitenkonvolut 1863 für die Westermann-Monatshefte erschuf und es erst 1890 in Buchform erscheinen ließ, gab diesem Frühwerk mit auf den Weg, es sei

„ein Litteratur-Küken, dem die Eierschalen noch am Kopfe kleben“.

Stimmt.

Viel zu oft bricht er den Erzählstrang einfach ab, indem er Sätze passieren lässt, die anspruchsvolle Autoren vermeiden sollten:

„Lassen wir die beiden nun allein und begeben uns in die Kronenstrasse, wo zur selben Zeit…“

„Ein Jahr und ein halbes sind vergangen, seit die Leute dieses Buches uns zum ersten Male vor Augen traten…“

„Während dies geschieht entführt der Autor den geneigten Leser nun nach Hamburg, wo Robert inzwischen…“

„Was nun besprochen wird, tangiert uns nicht, wechseln wir also die Straßenseite ins Haus Nr.17, wo inzwischen…“

Holprige, schlampige Überleitungen so oder so ähnlich zuhauf.

Aber er schildert Alltagsleben in einer nicht genauer namhaft werdenden Hauptstadt im „ach so tollen Deutschen Bunde, in dem so gar nichts zum Besten steht“. Er schildert die Hausgemeinschaft der Mozartgasse Nr.17 mit allen ihren Macken, in all ihrer Dürftigkeit und zusätzlich ist in Hof und Haus „an Mäusen und Ratten kein Mangel“. Klartext eben.

Er ohrfeigt die Titelhuberei und Untertanenschleimigkeit, wenn er eine Abendgesellschaft bei Bankier Wienand beschreibt, in der eine „Exzellenz“ a.D. auftaucht, der man geflissentlich rückgratlos hinterher scharwenzelt.

„Und doch gibt es im Deutschen wohl keinen Titel, der unangenehmer berührte, als das abgeschmackte Wort „Exzellenz“! Es klebt ihm etwas Lächerliches und zugleich Unheimliches an. Ich weiß nicht, ist das Theater oder etwas anderes, „Kabale und Liebe“ oder unsere vorteffliche Diplomatie schuld daran? Selbst Wolfgang Goethes hohe Göttergestalt läuft komisch schillernd an, wenn man auf das Piedestal: Exzellenz! schreibt.“

Feinsinnig sarkastisch geohrfeigt in Arno Schmidt’schem Sinne!

Zeitlos auf dem Punkt. Warst du mal dabei, wenn ein Staatssekretär ein Kleinstadtrathaus „beehrt“? Musst du mal erleben! Alles kriecht, wie zu Kaisers Zeiten! Vor einem Zopfträger im Maßanzug, wie sich zeigt, ohne irgendeine Praxiserfahrung.  Nur Bludgy scheint mitzukriegen, dass diese Nase da nichts zu bieten hat, außer Schülersprecher an seinem West-Gymnasium gewesen zu sein; und der nun nach abgebrochenem PoWi-Studium Aufbauhilfe „in den neuen Ländern“ leistet. Ächz.

„Auch ein wohlgekleideter Dichter war zugehen… wurde aber von der Mehrheit der Herren mit mitleidiger Verachtung gemieden; nicht zuletzt, weil ihm kürzlich ein Preis nicht zuerkannt worden war, was zu beweisen schien, dass es sich bei ihm nicht um einen Shakespeare handelte“.

Eine Salon-Löwen-Watsche in Richtung Heyse, Freytag oder Spielhagen? Eventuell erst bei Bearbeitung für die Buchausgabe um 1890 ergänzt? Gleichzeitig auch die Entblößung der „intellektuellen“ Kreise, die nur goutieren, was zur „Exzellenz“ erhoben wurde.

Was haben wir noch:

Die sprechenden Namen sind zum Schreien: Herr von Poppen! (Denn der Adel hat „das Recht der ersten Nacht“, aber ansonsten keinerlei Aufgabe mehr.) Poppenhagen! (Gewissermaßen örtlich „eingehegtes/begrenztes Poppen“). Baronin Frau von Poppen; geborene von Zieger. Die Gouvernante Mademoiselle Schnubbe, der die Schicksale ihrer Schutzbefohlenen eben dieses sind. Polizei-Kommissar Tröster, der erstaunlich viel Mitgefühl für seine Elends-Deliquenten mitbringt. Gefängniswärter Greiffenberger, Schauspieler Julius Schminkert…

Nur Strittmatter (im 20. Jahrhundert) ahmt das ähnlich unverblümt nach: Operntenor Schreischlund; Parteisekretär Weißgott…

Manchmal ist das echte Leben dann noch härter drauf: Kammersänger Peter Schreier; Ostbeauftragter der Bundesregierung Wanderwitz; Pastor Eppelmann – ja, watt willste machen?

Fast alle Figuren des Romans haben Auftritte, in denen sie längere philosophische Betrachtungen zu ihrer Herkunft, zu ihrer Zeit abgeben. Das stoppt seitenlang die Handlung, erzeugt aber einige der besten Charaktere in Raabes Schaffen: Polizeischreiber Fiebiger, Sterngucker Ulex und die alte verstoßene Juliane von Poppen; drei Kindheitsgefährten, die sich ein Leben lang die Treue halten. Besonders letztere sticht heraus:

Eine alte, hinkende Adlige, die sich ihren guten Werken hingibt, auf den schlechten Ruf in ihrer Kaste pfeift, weil sie dafür die Achtung sovieler anderer erwirbt. Die von Poppen sterben einsam, bösartig verkracht mit der Welt. Niemand geht hinter ihrem Sarg.

„…du dagegen musst dir keine Sorgen machen, dass es dir genauso ergehen könnte. An deinem Grabe werden alle die stehen, die in ihrem Leben deine helfende Hand verspüren durften.“ (Fiebiger zu Juliane)

Kennst du sowas? So „alte Jungfern“, die der gute Geist (im Wortsinn) von Familien wurden, die sonst auseinanderzubrechen drohten? Die sich einbrachten mit Lebenserfahrung, Trost zur rechten Zeit, wenn’s Not tat auch mit einem reinigenden „Donnerwetter“, das man ihren leisen Stimmchen niemals zugetraut hätte? Vor deren 1,50m gebeugter Körpergröße Zweimetermänner stramm standen?!

Ich hätte da aus eigener Anschauung gleich vier zu bieten!

Darüber hinaus: Das Bild des schnellen Wandels im 19. Jahrhundert rundet sich.

Das Halseisen am Pfahl auf dem Gutshof; Ausdruck der Landgerichtsbarkeit des bösen alten Gotthilf von Poppen, findet seine drastische Erwähnung, ebenso das Kopfschütteln des menschenklugen Idealisten Fiebinger über den aufkommenden Schopenhauer.

Der geräuschlos fallende Schnee, der sein Leichentuch über all das arme-Schlucker- Elend decken will, wird beschrieben; aber auch, dass der aktive Fabrikschornstein ihn im Handumdrehen in eine dreckige Masse verwandelt, auf dem Giebel- und Dächermeer – über das der Sterngucker Ulex den Überblick hat.

Sah ich aus dem Fenster meiner Flöten- und Akkordeon-Lehrerin in der Altstadt, dann hatte ich diesen Spitzwegausblick auch. Auch die großen Fenster meiner POS gaben dieses Altstadtgiebelwirrwarrpanorama frei. Blumenkästen und Wäscheleinen vor Gaubenfenstern, rotes Bettzeug wie Stones-Zungen aus Wohnhöhlen bleckend; umringt von einen Wald windschiefer Fernsehantennen.

Amerika kann er nicht.

Die Kalifornienkapitel sind so langweilig wie bei Gerstäcker. Sein Roman „Gold“ erschien in den frühen 70ern in der Ehemaligen in der Jugendbuchreihe „Spannend erzählt“. Glatt gelogen. Mit Müh und Not kam ich mit 11 oder 12 Jahren bis Seite 70. Im Raabe-Nachwort ist vermerkt, dass er sehr wahrscheinlich DIESEN Gerstäcker aus dem Jahre 1854 zu Rate zog. Ebenso Dickens‘ „David Copperfield“ und Goethes „Wilhelm Meister“.

Raabes Amerika schwankt zwischen Realismus und Märchenland. Er hat sich von Gerstäcker die armselige Beschreibung der Zelt-und Bretterbudenstadt San Francisco „geborgt“, beschreibt das Völkergemisch und das Faustrecht, das zum Waffentragen zwingt; erfindet jedoch einen genialen Weltenbummler Hauptmann Faber, quasi bereits einen Prä-Shatterhand, als Begleitung für den unerfahrenen Robert Wolf hinzu und eine todkranke Verwandte, allein dahinsiechend in einem Blockhaus im Nirgendwo irgendeines Canons, wo Robert dann nur mit der Schaufel zu graben braucht, um prompt Nuggets zu finden.

Mir scheint zusätzlich, dass das Buch ein Anti-„Soll und Haben“ sein will. Robert Wolf kann als ein Anton Wohlfahrt gelesen werden, der mehr Ecken und Kanten hat, als sein reibungsloser Vorreiter.

Es ploppen beim Lesen also viele kleine „Blitzlichter“ auf.

Aber:

Die Lebendigen wandeln in Unruhe – der Tod schaut in das Buch.

Das ist eine seiner lapidaren Kapitelüberschriften. Er meint vermutlich wirklich nur DAS Buch hier, weil er in diesem Kapitel einen alten Sargtischler sterben lässt. Mir aber gab die Zeile so eine ganz eigentümliche Umdrehung:

Meine Kollegen, viele in meiner überalterten Branche nicht viel jünger als ich, „wandeln (weiter) in (der) Unruhe“ des Alltags. Ich „schaue ins Buch“ … Wie lange mag ich noch haben?

Falls du bis hierher durchgehalten hast:

Lesenswert ist dieser Raabesche Gedankensteinbruch auf alle Fälle!

RAABE lesen! (5)

Das Beste kommt wie immer zum Schluss:

„Im Siegeskranze“(1866)

Ein Titel, der in die Irre führt und eine Novelle, in der plötzlich auch formal-stilistisch alles stimmt. Plötzlich kann er fabulieren und Charaktere entwickeln! Gefühle werden beschrieben, Gleichnisse – so treffend, wie nur was – verwendet, Wut, Wahnsinn und Erlösung in kräftige Bilder gepackt – wer hat das geschrieben? Raabe? Realy?!

Hätte mir die Geschichte – blind date mäßig – jemand vorgelegt: „Rate, von wem die is‘!“ Ich hätte auf Storm getippt! Historischer Stoff und ergreifend? Kann nur Storm sein!

Bevor ich auf den Inhalt zu sprechen komme, ist wegen Ostsozialisation und Westsozialisation der Leser hier folgende Klarstellung wichtig: Wir müssen über Nationalismus reden, der in Ost und West „anders“ unterrichtet wurde, jedenfalls seit den 80er Jahren ungefähr. Die Novelle spielt 1813 im „Königreich Westfalen“, dieser kurzlebigen Napoleonschöpfung. Es war die Zeit, in der das deutsche Nationalbewusstsein entstand, die Hoffnung auf ein einiges, starkes Reich, das nie wieder Spielball ausländischer Mächte wird. Das Thema ist zu Zeiten einer „Europäischen Einigung“ und einer „Deutsch-Französischen Freundschaft“ irgendwie immer „eingedampfter“ unterrichtet worden.

(Wer kennt heute noch Andreas Hofer? Turnvater Jahn? Den Freiherrn von Schill? „Is der nich noch abundan in Fernseh? Der war doch mal Richter oder so? Jetze machta mit Desiree Nick rum.“ Schmerz lass nach!)

Nationalismus, entgegen heutiger Sonntagsreden, war keine schlechte Idee, sondern ermöglichte die notwendige Bündelung der Kräfte gegen einen sonst übermächtigen Feind, der die Kleinstaaten aussog.

Mein Geschichtslehrer hat das anno’75 in der 8. Klasse bei der Behandlung des Napoleonthemas in folgende Worte gefasst:

„…damals lernten die Hessen, Sachsen, Thüringer, Preußen usw. dass sie eben nicht nur das sind, sondern alle zusammen Deutsche, die unter derselben Knute litten. Da entstand Nationalismus. Das war damals was Fortschrittliches!“

Aus der Klasse irgendein Blödmann:

„Or! Gommor da jetze zu de Nazis?“

Herr M. erhob sich von seinem Stuhl, ging zur Tafel und schrieb an:

Nationalismus 

Nationalsozialismus.

Dann wechselte er zu roter Kreide und machte hinter den oberen Begriff so ein Lehrerhäkchen für „richtig“ und hinter den anderen Begriff ein f für „falsch“

Und sprach:

„Nationalismus ist: Nationalbewusstsein, Nationalmannschaft, Nationales Kulturerbe, Nationalgalerie usw.

NationalSOZIALISMUS ist: Hitler, Faschisten, Weltkrieg, LeichenLeichenLeichen und die ganze Scheiße.

IMMER auseinanderhalten! Klar?!“

Sein Zeigefinger ging nach oben.

Er strich den unteren Begriff durch und ließ beide die Stunde über an der Tafel stehen.

Und zu dem Epochenmoulinetter gewannt:

„Hitler kam hundert Jahre später! Oder siehste, dass Nabolchon örchenswo ä Stahlhelm offhat und Bandsor fährd?!“

Einiges Kichern.

„Indschanor mit Gallaschnigoff, das wär’s jewäsn.“ kräht Bernd.

Aber Herr M. winkt nur ab und Ruhe is‘.

Raabe lebte in einer Zeit, in der man automatisch in den Einheitsgedanken hineinwuchs. Intelligente Menschen Raabe 5yempfanden die tiefe Schmach des Deutschen Bundes, dieses Staatenbundgebildes, das weder Fleisch noch Fisch war. Fürsten hatten immer noch das Sagen, als gäbe es den Absolutismus noch. Sie verbrämten ihr altes Schmarotzertum zwar mit der einen oder anderen „Landesverfassung“ mit ein paar eingeschränkten Grundrechten, aber es war überall zu spüren, dass die Ungleichzeitigkeit der Entwicklung schier unaushaltbar wurde.

Nur mit Mühe konnte Preußen durchsetzen, dass sich alle Bundesländer auf die gleiche Schienenbreite einigen konnten. Hannover wollte erst gar keine und dann eine selbstbestimmte Breite. Bayern hielt kurioserweise am längsten durch mit Schienenverweigerung, obwohl doch zwischen Nürnberg und Fürth die ersten 3 km überhaupt lagen!

Raabe 5xDie Zwergstaaten mit ihrer mittelalterlichen Einzelfertigung von Nägeln, Textilien, Werkzeugen aller Art verelendeten Zusehens. England überschwemmte den Markt mit Billigprodukten in besserer Qualität. Preußen hielt zunächst per Produktpiraterie einigermaßen mit, und gelangte bald auf die Überholspur; den meisten anderen Fürsten war das Weltgeschehen und die Lage ihrer Völker wumpe!

Also schrieb anlässlich „50 Jahre Waterloo“ Raabe eine Novelle über enttäuschte Hoffnungen, aus den Tagen, als eine Vision aufkeimte, die sich 1815 und 1848 nicht erfüllte. Jetzt in den 60ern feierte niemand das Waterloo-Jubiläum, niemand wagte an dem Tabu zu rütteln, dass es keine Blücher-, Körner-, Jahn-Denkmale gab. Das Volk sollte weiterschnarchen, nicht an seine großen Momente denken, aber in Preußen tat sich was:

Der Deutsch-Dänische Krieg 1864 hatte die Schmach von Olmütz abgewaschen. Das Jahr 1866 war gekennzeichnet von preußisch-österreichischen Querelen, ein weiterer Krieg lag in der Luft und bricht zwischen Niederschrift und Veröffentlichung dieser Novelle auch aus:

Man kann sie lesen als zu spät kommende Mahnung:

Wie lange noch soll dieses Gezeter Deutsche gegen Deutsche angehen?! Wollt ihr wirklich einen Krieg, indem Deutsche auf Deutsche schießen? Mäßigt euch! Schmeißt euch endlich friedlich zusammen und ernennt einen Chef!

(Die Novelle gab es in der DDR als Neuauflage nie!)

Man kann sie lesen als Aufruf:

Klärt das endlich! Kämpft für das Vermächtnis Körners, Schills und Jahns und meiner Ludowike hier in diesem Stück!

Und drittens mag es auch die grummelnd-resignierte Variante der Auslegung geben:

Her mit der Einigung! Kleindeutsch – ohne Österreich! Soll’n die Habsburger selig werden mit ihrem Balkanpotpourri! Die Zerstückelung des Reiches hat es jahrhundertelang geschwächt. Scheißegal, wer es nun eint! Verpreußung? Macht auch nichts. Idioten gibt’s bei denen wie in Braunschweig oder Bayern. Die wird man nicht los. Siehe die Kollaborateure hier in meiner Novelle! Sowas wird es immer geben. Umfaller, Anschwärzer, Charakterlumpen. Schillers Hofschreiber Wurm heckt wie eine Ratte an allen Höfen! Das geht eh nicht weg!

Die Novelle trägt den Titel „Im Siegeskranze“ zurecht – aber er ist zynisch gemeint.

Hier wird kein Reiterheld bekränzt, kein König empfangen.

Mit Siegesgrünzeug an den Hüten feiern die, die gar nicht gekämpft haben, schließlich an einer Leiche, der als einziger in dieser Runde ein solcher gebührt hätte. Feine, böse Pointe!

Der Plot beinhaltet 3 Katastrophen, die so heftig sind, dass der Tod der Hauptfigur tatsächlich nur als Erlösung verstanden werden kann. Die Ich-Erzählerin schließt zwar ab mit einem versöhnlerischen „Alles wird gut!“ oder „Das Leben geht weiter!“, aber das scheint mir in Bezug auf DIESEN Inhalt eher eine Art optimistisches Schwänzchen, damit der vorangestellte Rest überhaupt erscheinen kann!

  1. Unglücklich gestiftete Ehen; das ist 1866 keine Rarität, also muss man sich was einfallen lassen, wie man dieses Dauerbrennerthema, das Heyse und Spielhagen schon zur Genüge strapazieren noch steigern kann. Und Raabe kommt hier auf einen Einfall, der in ganz unaufdringlicher Form sich ganz widerlich anschleicht, dem Leser ein kurzes, arges Frauenschicksal vor Augen führt, das elender nicht sein kann; aber die Tochter, die in dieser Grässlichkeit entstand und das Schicksal ihrer Mutter hier erzählt, kann nicht anders abschließen als mit diesem lapidaren Achselzucken: Ja, so kam halt ich auf die Welt. Damals 1801. Und der Leser überlegt prompt, ob er ähnliche Fälle kennt. Ja, er kennt sie. Sie sind wohl seltener geworden, aber nicht ausgestorben.
  2. Sie berichtet weiter, wie ihre viel ältere Stiefschwester nun ihre Ersatzmutter und Braut eines Kavallerie-Leutnants wurde. 1813. Königreich Westfalen. Regiert von Napoleons Bruder. Also in französischen Diensten. Obwohl Preußen und Mecklenburg gemeinsam mit den Russen bereits Jagd auf die geschwächten Bedrücker machen, da Napoleons Russlandabenteuer von1812 so bilderbuchhaft schief gegangen war.

Die Story bekommt hier Sophie-Scholl-Momente:

Der Leutnant und ein Kollege, sowie dessen Bruder und Ludowike beraten heimlich, wie sie es anstellen könnten, in dem bevorstehenden Kampf auf der richtigen Seite zu stehen. Das Desertieren wird diskutiert. Und schließlich auch – Tat. Allerdings geht sie schief. Die Fahnenflüchtigen werden gefangen eingebracht in ihre Heimatstadt, in der alle bereits die befreienden Preußen erwarten, die Faust in der Tasche ballen, gegen die „Franzosenknechte“, die dienstbeflissen funktionieren – aber keiner traut sich, das aufrührerische Wort zu erheben, den Sturm auf die Büttel zu starten. Und so entstehen noch 5 Minuten vor Schluss der Franzosenzeit Opfer gefangen von den eigenen Leuten.Raabe 5a

Die beiden werden ins weit entfernte Kassel überstellt und dort hingerichtet, am Tag, als die Preußen ihre Heimatstadt befrei’n.

3. Katastrophe folgt: Ludowike erfährt die Nachricht und bricht anders zusammen als erwartet. Kein Heulkrampf, kein Jammern – sondern strahlendes Lächeln, Kleinmädchengetue – Wahnsinn. Ihr Geist verwirrt sich irreparabel.

Raabe schildert die Varianten mit Geisteskranken umzugehen ungeschönt. Anstalt oder zu Hause behalten? Pest oder Typhus! Schauderhaftes Unwissen und fehlende Medikamentenkenntnis ermöglichen sadistischen Brachialkuren fröhliche Urständ.

In der DDR lasen viele den Bestseller „Flucht in die Wolken“, Leidensgeschichte und Selbstmord einer schizophrenen jungen Frau, deren Mutter Journalistin war. Waren die Methoden der 70er Jahre Psychatrie schon äußerst fragwürdig – hier bei Raabe kriegst du die Vorstufe. Inzwischen weiß man allerhand über die Hölderlinbehandlung: Ludowike hier hat das schlimmere Schicksal!

Ludowike hält ein knappes Jahr unter üblen „Betreuungsvarianten“ zuhause durch. Dann folgt eine von Raabe geschickt kombinierte Todesszene voller Symbolik…

Eine bitterböse Geschichte mit soziologisch zutreffendem Tiefgang findet ein Ende in Würde.

Nehmt und lest!

Raabe 5fEine Sache ging mir erst Tage später auf: Warum dreht Ludowike in dieser Art durch? Warum spielt sie nicht die erwartbare heulende Witwe ohne Trauschein?

Zuvor war vom Zaudern der Leutnants gesprochen worden. Sie ringen sich zur Tat durch – weil Ludowike die Mechthild Grosse gab? Weil sie wie diese einen Helden heiraten wollte! Einen Kerl! Nun reißt sie ihre Schuld in den Abgrund! Sie hat seine Zweifel zerstreut! Sie hat ihren Bräutigam auf dem Gewissen! – Sie verdrängt, flieht in ihre Kinderzeit, „als die Welt noch in Ordnung war“.

„Püppi, Püppi schlaf. Dein Vater ist ein Graf. Deine Mutter ein Marienkind, ….“

Fazit: Ein absolut perfektes Ding!

Ich muss meine Novellen-Hitlist neu sortieren!

RAABE lesen! (4)

„Else von der Tanne“(1865)

„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“

Else von der Tanne ist Novelle Nr.2 aus jenem Reichskronebüchlein, das mir 1975 ins Netz ging.

Gelesen habe ich sie damals nicht. Mag am Titel gelegen haben.

„Theo von Tanne“ war ein unter Schülern gefürchteter Name.

Aber in der 8. Klasse hatten wir ja noch kein Effi-Trauma. Da muss es andere Gründe gegeben haben. Eventuell las ich seinerzeit die erste Seite an: Ein Dorfprediger schreibt…. „Oach! Lass’n schreiben.“

Somit datiert mein Erstkontakt mit diesem Inhalt auf 2021 und da fiel mir beim Lesen schon so einiges auf und ein.

Der Plot ist diesmal ein gar nicht komplizierter: Baue eine Idylle auf und zerstöre sie gründlich!

(Leg dir Haggard auf, wenn du sie liest.)

Im „Elend“ (die Talsenke heißt wirklich so) am Harz bekommen wir ein mehrfach geplündertes Restdorf vorgestellt; durch den Pastor der über einer Neujahrspredigt grübelt, die es dies‘ Jahr in sich haben soll, denn er will seiner „Herde“ die Leviten lesen!

Er ist das letzte Oberhaupt, das da geblieben ist, bei ihnen, als die Welt über Deutschland unterging. Von Rügen über Brandenburg-Thüringen-Franken- Pfalz zog sich ein breiter Korridor des Todes, in dem 30 Jahre lang mehrfach hin und her gezogen-geplündert und gemordet wurde.else 4

Pfarrer und Dorf wurden bereits dreimal Opfer derartiger Überfälle, als eines Tages ein bewaffneter bärtiger Hüne mit 4 Hunden, Eselkarren und kleinem Mädchen auftauchte und sich oberhalb des Ortes an der großen Tanne im Wald ein Lager bereitete.

Er redete mit niemandem und begehrte nichts. Also staunte man nur und ließ ihn machen.

Eines Tages kam er allein herunter in den Ort, setzte sich Pfeife rauchend vor’s Pfarrhaus und wartete bis der Hausherr erschien. In perfektem Latein bat der Fremde um Unterstützung. Somit gab er Bildung zu erkennen und vergrößerte den Abstand zu den gaffenden Bauern. Eine Freude für den Pastor, in Zukunft einen Ansprechpartner seines Niveaus zu haben. Der Fremde bat, ihm zu helfen, ein festes Hüttchen zu errichten, oben am Wald für den Winter. Der Pfarrer möge doch die Bauern veranlassen, tätig zu werden.

Die Hütte entstand. Aber die Bauern sahen nun auch eine Menge rätselhaftes Zeug vom Eselskarren in die Hütte wandern, dessen Zweck sie sich nicht erklären konnten.

Die Gerätschaften, die Bücher, die abweisende Abgeschiedenheit, und dazu der seltsame Magnetismus, der auf den Pfarrer wirkte, da er fast täglich bei dem Fremden verkehrte…

„Unser Pfarrer ist verhext!“

Die Fremde wurde zur Gefahr erklärt.

Er war eigentlich nur ein gebildeter Domschullehrer, der 1631 das Magdeburgmassaker überlebt hatte, als Tilly nach einjähriger Belagerung sein Heer eine Woche plündern ließ. Der wortkarge traumatisierte Davongekommene wollte nie wieder in Ortschaften leben, die das Räubervolk ja regelmäßig anzogen – und richtig! – bei der vierten Brandschatzung des Dorfes blieb das Haus an der Tanne im Wald unentdeckt.

else 1Die Jahre gingen hin in einer Art Burgfrieden zwischen Dorf und Tannenhütte. Das kleine Mädchen wurde eine hübsche Jungfrau, die wie ihr Vater eher mit den Bäumen und Tieren sprach, denn mit der Dorfbevölkerung.

„Seht die Hexe!“ murmelte das Dorf immer lauter.

Aber noch fürchteten sie die Muskete des Vaters.

Raabe gab Else, der Tochter,  im letzten Drittel ein Reh an die Seite, was an „Brüderchen und Schwesterchen“ erinnert. Wald. Geruhsame Einsamkeit. Baldige Errettung in Aussicht stellend… Aber der Autor bleibt in der Dramenschiene.else 3

Eines schönen Tages geschah die Katastrophe: Die Sonderlinge von der Tanne besuchten einen Gottesdienst – was böse Folgen hatte. Verletzt liegt Else von nun an in der Hütte.

Das Jahr vergeht, es wird Winter. Die Wochen bis zum Jahresende fliegen dahin – man munkelt von Frieden, unterschrieben da irgendwo in Osnabrück. Der Pfarrer will in seiner Neujahrspredigt auf diese Hoffnung eingehen, aber auch Abrechnen mit seiner abergläubigen Gemeinde. Er ist hinundher gerissen zwischen Hass auf diese stupiden, brutalen Lumpen, die seinen Freunden soviel angetan hatten, und Verständnis dafür, dass bei diesen Umständen, wie sie in Deutschland nun einmal die Überlebenden prägten, nichts anderes erwartet werden kann.

Da erscheint im tiefsten Schneegestöber die alte Dorf-Irre und prophezeit den baldigen Tod der Else – er möge eilen, wegen der Sakramente!

Er eilt. Und nocheinmal ereignen sich seltsame Dinge in jener Sturmnacht am Ende des 30jährigen Krieges im Harz…die Neujahrspredigt fällt aus… die Gemeinde wird am Neujahrstag ihren Prediger suchen gehen…

Nehmt und lest.

Die Geschichte hat 3 Gesichter.

  1. Sie ist düster und spannend erzählt. Das führt den jugendlichen Leser eventuell auf die Abenteuerschiene: Wird Elses Vater rechtzeitig schießen? Greift der Pfarrer auch noch zur Waffe? Kommt ein dritter Retter? Wer bestraft die Täter?

Eventuell steigt er selbst in den Plot ein, als imaginärer Retter der Fee aus dem Walde…

  1. Dem historisch interessierten Leser mag es heute unter Umständen so scheinen, als gäbe es geschichtlich nichts als das Thema NS und Holocaust. Die Regale „Geschichte“ in den noch rudimentär vorhandenen Buchläden sind oft arg monothematisch bestückt. Gerät er dann an Raabes „Else“ merkt er eventuell: So singulär wie jene katastrophale Fehlentwicklung des 20. Jahrhunderts scheint, ist sie gar nicht! Raabes Pfarrer bringt Ursache und Folge von stupider, grausamer Enthemmung zusammen. Die Fehlprägungen des Kriegserlebnisses, des Elends Erduldens im Verein mit jenem Bildungsmanko der Zeit ergeben eben diese Folgen.

Und wer I.Weltkrieg, Kohlrübenwinter und Spanische Grippe zusammenbringt mit Versailler Vertrag und Inflation‘23 in der „ach so tollen“ Weimarer Republik, der findet zurück auf einen Erkenntnispfad, der früher mal gewusst wurde: „Schlangenei“ (Ingmar Bergmann)  und „Spinnennetz“(Bernhard Wicki): Hitler fand ein vorgeprägtes Volk vor, vom Erlöserwahn befallen, Volksgemeinschaft vermissend, freiwillig in der Herde sich aufgebend, mitmordend, weil man ja siegte, solange man siegte.

Es ist dieselbe Struktur der „Volksseele“, die Raabe 1865 treffend veranschaulicht, und die eben nicht mit dem Westfälischen Frieden verschwand, sondern ab 1933 real dieselben geistigen Abläufe zeigt.

Erst bestaunt man den Fremden – dann baut man ihm eine Hütte – Kontakt fehlt, kennen lernt man sich nicht – dann belauert man sich – dann vernichtet man ihn (eine Zeit lang) – und hinterher will die Kirche eine Bußpredigt halten, die nicht zustande kommt…

  1. Der nicht historisch interessierte Leser wiederum ist trotzdem in der Lage, hier zu erkennen, welch Problem es darstellt, für eine gebildete Minderheit in einer ungebildeten Mehrheit zu bestehen. Ein bissel Smalltalk mag ja gehen, aber…

Die Dummheit ist immer in der Mehrheit und zahlst du ihr ihre Frotzelei mit gleicher Münze zurück, dann solltest du auch Arnold Schwarzeneggers Arme haben, um deinen Argumenten Nachdruck verleihen zu können.

„Sie haldn mich wohl für blöde?!“ baut sich der dicke Maurer vor mir auf, der mir gerade erklärt hat, wie er MEINE Arbeit machen würde.

„Äh – ja klar?!“ (denke ich wenigstens tapfer, mangels Muskelmasse und Muskete).

Ich treffe hin und wieder meinen Hausarzt im 15 km entfernten Ort bei edeka. Wir nicken kurz und jeder schiebt woanders hin. Ich bin aus demselben Grund da, wie er.

Wir hätten edeka und Lidl vor Ort. Aber da droht eben plauzig-blöde Ansprache – vom Plebs.

Raabe lesen – hilft!

Sein Pfarrer hat meine Sympathie.

RAABE lesen! (3)

„Des Reiches Krone“ (1870)

Gedankenspiele:

Es hat sein Geschmäckle, die Wiederbegegnung mit einem Text zu feiern, den man mit 15 mit Betroffenheit las und der einem 46 Jahre später wieder begegnet.

Was ging mir 1975 durch den Kopf, als ich das Büchlein für 4,50 M kaufte und nur die erste Novelle von dreien las, die es enthält? Was hat mich davon abgehalten, die andern beiden zu lesen, wo mir doch die erste sehr gefiel?

War es irgendeine Pflichtliteratur? Damals Ende 8. Klasse? Gar der Storm’sche „Schimmelreiter“?

War es eine Karl-May-Massenborgung, die bald wieder zurückgegeben werden sollte?

Ich weiß es nicht mehr.

Fest steht, dass ich durch diese Novelle erfuhr, dass Konstantinopel und somit Byzanz erst 1453 unterging.

Dass Jahre zuvor in den Hussitenkriegen, diese nicht zum Zwecke des ehrlichen Predigens von Gottes Wort durch die Gegend zogen, sondern um Rache zu nehmen für die Hinrichtung von Jan Hus 1415 in Konstanz. (Nur kamen sie nie dorthin. Sie zogen lieber kreuz und quer durchs beuteverheißende Sachsen bis rauf nach Danzig. (Die dachten also damals schon wie George W. Bush.)

Naumburg an der Saale feiert alljährlich im Juni umfangreich ein Kirschfest. Prokop der Hussite soll die Stadt einst belagert haben. (Fake-News eines phantasievollen Schneiders aus dem 18.Jahrhundert) Ein Lehrer ging mit einem Mädchen-Chor im Büßergewand ins Lager der Hussiten. Der Kindergesang soll diese so gerührt haben, dass sie auf die Bäume kletterten, die Kinder mit Kirschen bewirteten und die Stadt nicht „berannten“. Hussiten standen also in eher mildem Licht.

Bei Raabe wird gegen sie gekämpft. Perspektivwechsel lernen – das hatte was!

Doch der Reihe nach:

Raabes Novelle hat eine Rahmung. Der Ich-Erzähler, ein alter Nürnberger Patrizier, schreibt 1453 in seinem ehemaligen Kinderzimmer seine Memoiren und holt somit alle die aus dem Totenreich zurück, die ihm einst wichtig waren und leider jung verstorben sind. Die Glocken läuten allüberall, während er schreibt, denn die Nachricht vom Fall Konstantinopels traf gerade ein. Er aber erinnert sich an ganz andere Kämpfe und Erlebnisse aus seiner Jungmännerzeit, damals in den 20ern – eben jene Hussitenkriege.

Raabe schildert die Situation des alten Weisen da, so saturiert, aber erschöpft vom Leben; so vereinsamt im Elternhaus, dessen „Wohnräume den Spinnen und den Mägden überlassen“ bleiben, da ihm seine alte Dachstube mit dem Ausblick in den Garten reicht; dass du dich als Leser jeden Alters automatisch identifizierst, wenn du in deiner Kindheit reichlich Altstadtflair aufgesogen hast, so wie ich.

Die verblüffend grünen Hinterhöfe, die du innerhalb des ehemaligen Stadtmauerringes gar nicht vermutest, wenn du dort Klassenkameraden besuchst! Diese Laubengänge entlang der Nebengelasse, die mal Remisen oder Werkstätten waren. Die vielen, vielen buntverglasten Oberlichter der Fenster, die leider, leider der 90er Jahre Renovierung vielfach zum Opfer fielen!

Diese Geborgenheit, die dich umfängt, wenn du hinter Butzenscheiben auf uralten Dielen mit deinen Kumpels noch mit Bleisoldaten „von früher!“ (Sensation!) oder mit Lineolsoldaten (noch seltener!) spielst! Aus den Bücherschränken der Väter grüßt alter Buchbestand in Goldschnitt und Leder! Du wünscht dir automatisch nichts so sehr, wie in diesem Ambiente altwerden zu können.

Es kam anders.

„Nehmt und lest!“ ist als Mehrfachmahnung in die Novelle eingewoben.

Das Wiederlesen der „Reichskrone“ geschah tatsächlich im selben Zimmer wie damals ’75!

Und die Lektüre ging ihre ganz eigenen Wege.

Vater nun gestorben, sein Deutschlandfunkradiogeplapper ist verstummt. Hund und Bruder fehlten. Mutter werkelt im Erdgeschoss.

Nun war ICH tatsächlich der Alte oben in seiner Kindermansarde!

Es klingelt. Aber es ist nicht Udo, der mich zur Radtour abholt oder Christian mit einem Plattenbeutel unterm Arm.

Es ist Bofrost. Mutter geht schon zur Tür. Ich kann also weiter grübeln.

Bücherschrank und Lampe sind noch die Alten. Die Liege wurde inzwischen mal erneuert, steht aber an selber Stelle.

Auf dem Bücherschrank fehlt die Bierbüchsenpyramide. DAS Relikt der frühen 70er, das damals so ziemlich jeder hier herum hatte. Jörgi’s Vater hatte sogar eine im Wohnzimmer auf dem Bücherbord.

Allerdings nur bestehend aus 3x DAB und 3x Dortmunder Union, weil es die nunmal im Intershop gab.

Meine war bunter; zusammengekaupelt für doppelte Mosaiks, Bleisoldaten, Kaugummibilder…

Als der Jupiter einzog (das große Spulentonband), wanderte die Pyramide frei von Wehmut in den Müll. DIE Mode war vorbei. Der Musikaltar brauchte Platz! Inzwischen ist auch er dahin.

Raabe beschreibt, wie der Alte da in der Dachkammer nichts mehr besitzt, was er den „reinigenden Flammen“ opfern könnte, da ein Mönch dies gerade marktschreierisch von allen Gläubigen verlangt, damit Gottes Zorn gemildert werde und die Türken nicht auch noch bis Nürnberg kommen.

Du weißt dank MOSAIK und einiger Kreuzritterromane:

Das griechische Kaisertum in Nöten! Byzanz hatte nicht erst 1453 Schwierigkeiten. Sein Abwärtstrend setzte mit den Kreuzzügen am Ende des 11. Jahrhunderts ein. Die Sarazenen drückten aus dem Osten, die katholischen Ritterheere kamen aus dem Westen. Ursprünglich kamen sie „zu Hilfe“, aber sie entpuppten sich zusehens als Belastung. Sie waren vor allem scharf auf Hafenstädte, als Stützpunkte für die Versorgung ihrer Kreuzfahrerstaaten. Ein Kreuzfahrerheer eroberte und plünderte zwischenzeitlich die Hauptstadt Konstantinopel, bevor der Orient darüber hinwegmarschierte….

Und gegen die aktuellen Assoziationen kannst du dich nicht wehren:

Manchmal erdrückt einen die Aktualität solch alter Texte geradezu.

Die Hagia Sophia bekam Minarette. Und das war mal die „Engelsburg“ der griechisch-orthodoxen Kirche!

Dass Raabe gerade diesen Zeitraum für seine Novelle wählte, ist typisch für ihn. Er hätte populärere Kriege nehmen können: Den 30jährigen oder den 7jährigen, die schulbuchkompatiblen. Nein. Er nimmt einen „unterbelichteten“ Zeitraum – der bereits durch Andeutungen Schlaglichter erzeugt und dich NACHDENKEN lässt:

Das ehrlos-wehrlose 15. Jahrhundert im Vergleich zum ebensolchen nach-napoleonischen Deutschen Bund der Raabe-Zeit. König Sigismund, der wortbrüchige Zauderer, der Krisenmanager mit mäßigem Erfolg, der immerhin die Hohenzollern von Nürnberg nach Brandenburg brachte – und ein Hohenzoller, der zaudernd unentschlossen nun 1870 von Bismarck in Richtung Einheitsvollendung geschubst wurde. Die Entsprechungen des 21.Jahrhunderts zu finden, überlasse ich dem Leser….

Der Alte in seiner Kinderstube erzählt seine Jugenderlebnisse, die damit begannen, dass er bereits als Säugling einen ebensolchen Adoptivbruder aus verarmt ausgestorbener Adelsfamilie an die Seite gelegt bekam, mit dem er gemeinsam aufwuchs. Junker Michel Groland von Laufenholz. Das Adelsgeschlecht hatte im Dahinscheiden letzte Besitzungen an den Vater vermacht, weshalb er sich genötigt sah, das letzte Küken des verwaisten Nestes zu hegen und zu pflegen.

Vater hatte schwer damit zu schaffen, erfahren zu müssen, was es heißt, „solch Adlerbrut“ aufziehen zu wollen. Der angenommene Sohn entpuppt sich also als Träger ganz anderer Erbanlagen als der eigene. Den stört das aber keineswegs, hat er doch einen Abenteuer erzeugenden Spielgefährten an ihm.

Aber da sind auch noch die kleine Gespielin Mechthild Grosse, die soviel jünger war und tatsächlich große Charakterstärke bewies als junge Frau. Und der Hauslehrer Theodoros Antoniades, der Flüchtling von Chios, welches schon 30 Jahre vor Konstantinopel verloren ging. Der war nun bis Nürnberg gekommen, geblieben und verdiente sich ein wenig Lebensunterhalt mit Griechisch- und Philosophie-Stunden für die Patriziersöhne. Der Bezug zu ihm ward enger als zum eigenen Vater, wie sich zeigen sollte.

Bei jenen Griechischstunden im Gartenpavillion machte sich die unterschiedliche Veranlagung des Brüderpaares besonders deutlich bemerkbar. Nimmersatt bildungssüchtig der eine, stets gelangweilt, aber gutwillig dabeisitzend der andere! Das ging immer solange, bis Klein-Mechthild in den Büschen aufkreuzte. Dann packte Michel die Kleine, wischte mit dem Ellbogen die Pergamente vom Tisch und ließ sie tanzen.

Das niedliche Nachbarskind wollte niemand vergraulen und so waren die Griechisch-Lektionen an manchen Tagen recht kurz. Die Albereien zwischen Mechthild und dem Junker ohne Land  entwickelten sich mit der Zeit zu einem engen Vertrauensverhältnis, so dass für alle Außenstehenden absehbar war, dass das früher oder später wohl in einer Ehe enden würde.

Zuvor aber hatte sich die Zeit entschlossen, ihre Kinder hart zu prüfen.

Die Reichsinsignien (Krone, Zepter, Reichsapfel und Heilige Lanze) waren in Gefahr, von den Hussiten erobert zu werden! Sie lagerten seit Karl IV. auf dem Karlstein in Böhmen. König Sigismund, dessen Wortbruch von Konstanz diese Gefahr bekanntlich erst erzeugt hatte, sah sich gezwungen, mit Heeresmacht diese zusätzliche Schande, die an seinem Namen kleben würde bis in alle Ewigkeit, abzuwenden.

Die Kirchen also predigten den Kreuzzug wider die Hussiten. Die Frauen darin hören das und Mechthild vergattert ihre beiden Verehrer, sich mit dem Schwerte „als Kerle“ zu beweisen. Also ziehen beide mit Sigismund’s Heer und helfen die Reichskleinodien zu retten.

Bei deren Anblick nach siegreicher Schlacht murmelt Junker Michel „Nun da diese wieder fest in unserer Hand sind, will ich mir meine Krone holen!“ Der Patrizier versteht und nickt. Dann trennen sich ihre Wege. Der Bürgersohn wird mit dem Gros des Heeres entlassen. Eine kleine Elitetruppe, zu der auch Michel zählt, der glaubt, noch eine Schippe Ruhm mehr zu brauchen, um heiratsfähig zu sein, bleibt beisammen und soll die geretteten Heiligtümer auf eine Burg nahe Budapest bringen. Dort scheinen sie Sigismund am sichersten.

Ihr Wiedersehen 2 Jahre später sollte ganz anders aussehen, als erhofft. Kein rauschender Heereseinmarsch in Nürnberg mit klingendem Spiel und Königspomp, kein rauschendes Hochzeitsfest von Mechthild und Michel. Ja, es fehlte in jenen zwei Jahren jegliche Nachricht von Sigismunds Truppe.

Der Memoirenschreiber erinnert sich eines Boten, der ihn eines Tages zum Siechenhaus vor der Stadt bestellt. Die Mater Leprosum wünsche ihn zu sehen, es sei dringend.

Er staunt und folgt. Vor dem Hospital steht eine Bank. Darauf sitzen die Leiterin, die ihn hat laden lassen und ein Mann in einer Art geflickter Mönchskutte, die Kapuze tief im Gesicht. Der Erzähler erkennt ihn nicht.

Aber vor dem Mönch steckt ein Schwert in der Erde. DAS erkennt er!

Ein Blickkontakt mit der Mutter der Siechen, fragend, erschrocken – sie nickt traurig.

Er bricht zusammen.

Während er kniet und fassungslos seinen Bruder in der Kutte anstarrt, kommt die Mutter der Barmherzigkeit auf ihn zu, um ihm das Vermächtnis des Gezeichneten zu erklären:

Er hat es als einziger bis nach Hause geschafft. Nach dem die Reichskrone in Sicherheit war, wurden auf dem Rückmarsch alle krank. Nun will er im Siechenhaus in der Nähe von Mechthild sterben; diese aber soll nichts davon erfahren! Er möchte nur, dass sein Bruder von seiner Existenz hier draußen weiß, um hinterher das Begräbnis zu richten.

Diese Heimkehr so klamm heimlich und ohne, dass die Stadt Notiz nimmt…auch das hat was ganz Aktuelles: Erst in die Scheiße schicken und hinterher nicht mal Danke sagen. Weggucken. Wegducken! Die Realitäten stören unser Wolkenkuckucksheim!

Der verschonte Bruder darf nun nicht einmal herausschreien:

„Er ist da! Draußen im Siechenhaus! Seht ihn euch an!“

Betäubt und verwirrt taumelt der Erzähler heim, lässt sich von nun an bei Mechthild verleugnen, druckst herum, wenn sie ihn freundlich-fröhlich wie immer anspricht, sucht Rat bei seinem nun schon altersschwachen Griechischlehrer.

Als jedoch wieder ein Jahr später die Insignien nun auch in Budapest nicht mehr sicher scheinen und nach Nürnberg zurückverlegt werden, kommt Mechthilds große Stunde.

Ich verrat’s nicht.

Nehmt und lest!

Nachtrag zur Form:

Raabe hätte einen Sidekick gebraucht.

Lennon/McCartney oder Jagger/Richard zusammen genial, auf Solopfaden isses dann auch immer nur die Hälfte oder sogar weniger.

Was hätte ein Spielhagen oder Heyse aus DIESEM Stoff gemacht! Du hättest heulend vor der letzten Buchseite gesessen! Der überrationale Autist Raabe bleibt sich treu – und kalt im Erzählen. Der Leser bekommt die Sentimentalität nicht, nach der dieser Stoff schreit.

Die Charakterzeichnung der Mechthild gelingt ihm besser als die der Regina Lottherin. Die Vatererfahrungen fließen hier im Ganzen ein, nicht nur für einen einzigen großen Auftritt, der in der Herrgotts Kanzlei sicherlich erst in der späten zweiten Auflage Einzug fand.

Andererseits bleibt er inkonsequent auf halber Strecke stehen, da er anfangs mehr als nur andeutet, das Mechthild des Reiches „eigentliche Krone“ ist, die tapfere charakterstarke Frau, deren Liebe alles überwindet. DIE sollst du ehren! Aber er führt diese Allegorie im weiteren Verlauf nichtrecht zu Ende. Der so perfekt geplante Schluss des Plots wird wieder nur im Telegrammstil kurz zu Ende gebracht, wie schon das verdient böse Ende des Oberstrolchs in der „Herrgotts Kanzlei“. Eventuell platzten beim Schreiben die Nachrichten von der Emser Depesche herein oder die Siegesmeldungen von Wörth und Spichern, weshalb er abschließend pathetisch wird:

Er lässt seinen Ich-Erzähler 1453 schreiben:

Des deutschen Reiches Krone lieget noch in Nürnberg; – wer wird sie wieder zu Ehren bringen in der Welt?

Vermutlich der Grund, weshalb diese Novelle in den sogenannten „ausgewählten“ Werken in Ost und West immer fehlt.

RAABE lesen! (2)

„Unseres Herrgotts Kanzlei“ (1862) meint die Stadt Magdeburg in der Reformation. Die Stadt, die sich mit scharfzüngigen Streitschriften gegen Kaisers Reichsacht und die Gegenreformationsversuche der verjagten Domherren wehrt. Beschrieben wird der Verlauf der einjährigen Belagerung 1550/51, in auch damals schon antiquiertem Chronikstil. Es handelten sich um den Schmalkaldischen Krieg, die Generalprobe für den 30jährigen.

Das Buch erlebte zunächst nur eine Auflage, die keine Wellen schlug und wurde vom Autor „vergessen“; bis 1889 die Stadt anfragte, ob sie es neuauflegen dürfe. Den Stadtvätern muss es plötzlich als DER Magdeburgroman erschienen sein. Erstaunt und erfreut stimmte Raabe zu, bat sich aber aus, die Erstfassung von 1862 zuvor überarbeiten zu dürfen. Das geschah.

In schneller Folge erlebte der Roman nun weitere Auflagen.

(Auch dies eine Parallele zu Arno Schmidt: Nach elend langem Armutsdasein beginnt im Alter plötzlich die Berühmtheit zu steigen und die Kasse zu klingeln!)

Er enthält einige Kritiksensationen, bei denen nun nicht ganz klar ist, ob die schon 1862 Teil des Buches waren, oder ob sie Ergänzungen aus Lebenserfahrung sind.

(Meine Ausgabe (Aufbauverlag 1964) schweigt sich darüber aus, welche Fassung ihr zugrunde liegt.)

Sensation Nr. 1 ist die Darstellung der auftretenden Landsknechte. Raabe zeichnet hier ungeschönt ein Bild der Verluderung. Gescheiterte Existenzen, Lügner, Säufer, Vollidioten …raabe reiter

Er beschreibt ihren ungeordneten Anmarsch auf Magdeburg. Ihre Zufallskostümierung und-bewaffnung. Ihre Bedenkenlosigkeit, heute dem und morgen jenem zu dienen mit blutigen Diensten. Alles weit weg von „schimmernder Wehr“ der Kaiserzeit. Doch seine Typenparade da wird manchem Leser das Aha-Erlebnis verschaffen: So einen kenn‘ ich heute auch!

Er beschreibt auch, wie und wo angeworben wird: Im ärmsten und gefährlichsten Stadtteil am Zeisigbauer. Magdeburgs Neukölln. Wo der ehrliche Mann nur mit gezogenem Schwert defilieren kann. „Es scheinet mir gefährlich, diesen Waffen in die Hände zu geben.“ Aber die drohende Belagerung machts nötig. Es wird sogar ein regelrechtes Schrutzregiment mit dem allerverworfensten Stadtbodensatz gebildet. (Prora, Prora, ick hör dir trapsen!)

Wir hatten reiiiiichlich Vorbestrafte in der Einheit!

Der versoffene Hauptmann Springer im Buch – ein Abziehbild meines Spießes im wirklichen Leben! Fast zu dumm zum Namenschreiben, und nach Dienstschluss immer „zu“; ließ er sich als Ranghöherer von Dreiender-Capos ausnutzen und von mir die Arbeit machen.

Sein literarisches Vorbild hier lauscht seinem durchtriebenen Leutenambd und plant mit ihm Verrat!

Raabes Roman ist also ein Gegenpol gegenüber all den Frunsberg-, Pappenheim-, Derfflinger-Romanen aus der Endphase des 19. Jahrhunderts, bei denen man sich Mühe gab, die Anführer als militärische Neuerer und ihre Soldaten als allzeit loyale, gut funktionierende GSG 9 der Vorzeit darzustellen.

Stattdessen Sätze wie:

„Meine Faust handelt mir jeder Lump, der den Fürstenhut trägt, und dem Nachbarn in die Haare fallen will, mit Freuden ab!“ (Rottmeister Philipp Horn)

Die hehren Ziele, weshalb angeblich gekämpft wird (Gottes Wort, Gerechtigkeit); werden rasant Makulatur: Obwohl das Geld durch Beute vorhanden ist, bezahlt der knausrige Stadtrat seine Landsknechte nicht, die darob ergimmen und putschen. Plötzlich muss innerhalb der Mauern gerungen werden! Und der Feind vor den Toren verschläft seine Chance. Der „Religionskrieg“ ist nichts weiter als eine erweiterte blutige Kneipenschlägerei!

Dass sich Kriegstreiber hinterher davor drücken, für getreue Kämpfer aufzukommen, die ihr Gerede von einst angelockt hat, das kennen wir ja auch ganz aktuell.

Und auch noch dies:

Während der Belagerung gibt es einen gelungenen Ausfall gen Ottersleben. Es wird viel Beute an Waffen und Pferden gemacht. Und es findet sich auch diese Passage:

„Trübselig schleppten sich die gefangenen Ritter einher, ließen mit verhaltenem Geseufz die Köpfe hängen und beneideten von Herzen die Itzenplitz, die Bismarck, die Gevettern von der Schulenburg, die Möllendorf, die Alvensleben, die Marenholtz, die Lossow, die Bülow, welche erschlagen in den Gassen oder Häusern von Ottersleben lagen.“

Hoppla! Gleich zwei Reichskanzlergeschlechter der Raabezeit vertreten! Schon 1862 oder erst 1889?

Das ist die umfassende Vision eines Adelsmassakers! Das Jetset des Bismarckreiches!

Man stelle sich Vergleichbares heute vor! Wer das mit aktualisierten Namen wagte, landete noch weit jenseits Maron und Tellkamp!

Aber es wird nicht nur gehauen und gestochen. Raabe packt auch beeindruckende Frauenschicksale dazu.

raabe feurioZum Beispiel Johanna von Gent, ihr Schicksalspacken ist ungeheuer. Die etwas andere Mutter Courage. Von der Familie zwangsverheiratet, erstach sie Ehemann Nr. 1, geriet in den Landsknechts-Tross, floh dort vor Ehemann Nr.2 und warf sich jenem versoffenen Hauptmann Springer an den Hals, denn Hauptleute bieten Schutz. Sie trägt die Illusion mit sich herum, den Galan ein weiteres Mal zu wechseln, ihre neue Hoffnung ist einer mit guten Beziehungen zum Feind vor den Toren. Wenn der einen Aufruhr anzettelte, während dem die Stadt erobert werden kann, würden Ehe, Aufstieg, Ansehen als Belohnung winken. Endlich raus aus der Misere! Sie kann es nicht erwarten, Magdeburg brennen zu sehen, damit all die Bürgerweiber, die ihr tagtäglich ihre Verachtung zeigen, nun ihrerseits herunterkommen.

Aber es kommt ja immer alles anders als man hofft.

Wo hatten wir gleich nochmal solche Damen, die ihren Landsknechten unter ziemlich schwarze Fahnen folgten – und nichts von alle dem, was sie sich erträumt hatten, trat ein?

Die nächste starke Frau ist Regina Lottherin. Zwei Drittel des Buches ist sie vorerst ein auf brav dressiertes Mälei, das nur weint und betet. Plötzlich jedoch rafft sie sich auf, um ihrem Schwiegervater in spe eine Standpauke zu halten, die wirkt und den Leser beeindruckt. Praktisch eine Suffragettenrede, ohne dass die Rednerin dadurch unsympatisch wirken würde. Im Gegenteil!

Ich wette, dass DIESE Stelle erst in der zweiten Auflage hinzukam! 1862 war er noch nicht vierfacher Mädchenvater. Wer aber ein lebenlang 5 Kampfhennen zu Hause hat, der erlebt solche Auftritte – und kann sie hinterher literarisch werden lassen!

Die dritte wichtige Dame des Geschehens tritt nur als Tote auf. Anna Scheuerin. Ein Grethchenschicksal. Ergreifende Fakten legt Raabe hier vor und dem Meisterschütz vom Jacobsturm in den Mund:

„Und die gottesfürchtigen Eltern, die zu allen Heiligen beteten für ihren Sohn in der Fremde, stießen doch seine Braut mit seinem Kinde mitleidlos ins tiefste Elend; ja; sahen schadenfroh zu, wie sie verkam.“

Ganz Goetheähnlich der Vorgang, der im Kerker, im Wahnsinn, im Tod endet. Aber während der Hahnrei von Weimar sich mit „Sie ist gerichtet….“ (Engel von oben) „Ist gerettet!“ aus der Affäre zieht, geht Raabe hier alttestamentarisch vor. Aug um Auge, Zahn um Zahn. Auf dem Höhepunkt des Goethekultes, als der Denktitans ohne Fehl und Tadel gerade erst erfunden war, zeigt uns Raabe, was „der Tragödie erstem Teil“ fehlt: Laaaaangsam soll der Strolch verrecken, der dies Mädchen auf dem Gewissen hat!

Die unheilschwangeren, rätselhaften Botschaften, die dem Täter zugehen, haben das Zeug zum richtig guten Thriller!

Leider, und damit sind wir wieder bei der Raabe-Form, merkt man dem Erzähl-Flow einige Male an, wo er hochmotiviert einsteigt, und abgekämpft nur noch fertig werden will. Das Täterende, das so vielversprechend eingefädelt wurde, ist in seiner Abschluss-Idee passend perfekt. Aber die Art, wie es fast im Nebensatz schnell abgetan wird, enttäuscht.

Dabei wäre er doch gerade hier eins gewesen mit den Töchtervätern aller Zeiten!

Es ist wohl so, wie eine Anekdote über ihn berichtet:

Eines Tages gingen er und seine Frau an einem schönen Landhaus vorüber. Sie stöhnte: „Wer so leben könnte!“

Er (sich an Kritiken zu seinem Erzählstil erinnernd): „Könnten wir, wenn ich nur wollte. Aber ich will nicht!“

Leider wahr.

Und noch mal der Meister selbst, aus dem Briefwechsel zur Erschaffung der 2.Auflage (1889):

„Die ganze Magdeburgerei ist doch auch alles nichts. Alle Figuren Marionetten.“

Der zweite Satz stimmt. Charakterentwicklung ist nicht seine Stärke. Die Figuren bleiben Schemen.

Der erste Satz jedoch ist Understatement: Es steckt doch soviel Aktualisierbares drin! Viel mehr, als aus dieser Rezi herausgelesen werden kann!

Prädikat: Lohnt sich!

RAABE lesen! (1)

Echt jetz‘? Den auch noch?

Klar! Geh mir weg mit all der Tendenzliteratur von heute – im Augenkrebsdesign postmoderner Paperbacks. Darfs noch ne Transe mehr sein? Oder irgend so ein millionstes American-Ghetto-in romantic-light-Ding? Von der Bronx an die Wallstreet und zurück…

Zurzeit lockt mich da gar nichts.

„Erst durch Lesen lernt man, wieviel man ungelesen lassen kann.“ (W.Raabe)

Also zurück ins Nationale Kulturerbe. Finde die Vergessenen, die es wert sind, wiedergelesen zu werden!

In Literaturgeschichtsbänden seit 1949, hier wie drüben, finden sich seitenlange Elogen auf Fontane und Mann. Über Spielhagen und Heyse – anderthalb Sätze. Also sind die die interessanteren! Die hab ich nun weitestgehend abgegrast. Über Storm und Raabe finden sich – halbe Seiten recht unentschiedenen Inhalts. Das macht – unter ferner liefen – auch neugierig. Storm ist in den 80ern/90ern ebenfalls gut in meinen Leselisten vertreten – bleibt also der Raabe.

Die „Chronik der Sperlingsgasse“ fährt in beiden Deutschlands Lob ein, als erster Roman der Moderne, was immer das heißen soll; erdacht von jenen Germanisten, die Bücher wegen „der Sprache lesen“, nicht wegen des Inhalts. Dazu fehlt mir der Film. Nach all den Jahren als Leseratte immer noch.

„Der Hungerpastor“ wird mitunter des Antisemitismusses geziehen.

Also Raabe (tot 1910) als KZ-Wegbereiter, wie Karl May (tot 1912), der in seinen Indianerbüchern die Martermethoden für die SS erfand? Wird derartiger Unsinn jemals aufhören?

Früher oder später werde ich das Rätsel lösen. Dazu muss ich den „Hungerpastor“ erst einmal besorgen und lesen. Selber lesen ist immer besser, als Vorgekäutes nachzuplappern.

Habe aber inzwischen drei andere Raabes durch!

Bevor nun demnächst hier ein paar diesbezügliche Posts folgen werden, ein paar Bemerkungen zum Autor selbst:

Wilhelm Raabe. Der deutsche Rasputin: Hypnotische Augen, vernachlässigte angeklatschte Langhaar-Frisur, imposanter Bart und die Klamotten immer 3 Nummern zu groß. Armer intelligenter Kauz!

Geboren 1831 und gestorben 1910. Also fast identische Lebensdaten wie seine Kollegen Heyse und Spielhagen. Aber er unterschied sich deutlich von diesen, in der Art seines Schreibens, seines Auftretens, seines fehlenden Geschäftssinns, und in der Art der Kontaktvermeidung.

Schulabbruch vor dem Abitur; vier Jahre ergebnislose Buchhändlerlehre, mehrere Jahre richtungsloses Studium in Berlin, viele Novellen bei Westermann in den Monatsheften untergebracht, aber jahrzehntelang nicht für Wert befunden, diese in Buchform erscheinen zu lassen, erst mit 60 erreicht er eine Art später- und begrenzter Kenner-Berühmtheit, da nun doch mehrbändige Editionen ausgewählter/sämtlicher Werke entstehen.

Vermutlich wäre er heute Autist. Für seine historischen Romane recherchiert er penibel in alten Chroniken. Vergräbt sich in diese Forschungen. Lebt sich in jene anderen Zeiten ein. Begeistert sich für bisher unerzählte Details oder altertümliche Wortwahl und Schreibweisen, die er zitiert, da sie doch manche neue Assoziation beim Leser befeuern dürften. Oft aber hemmen diese dann auch den Erzählfluss. Raabe, der Schwierige – der den Leser abschreckt. Ein Arno Schmidt seiner Zeit.

Nebenbei hat er sich nach dem Überraschungserfolg seiner „Sperlingsgasse“ wohl für unbesiegbar gehalten und den Weg des Nur-Schriftstellers gewählt, ganz ohne Mäzen (wie Heyse) und ohne journalistische Nebentätigkeit (wie Spielhagen). Sogar geheiratet hat er, auf  kommende Honorare setzend und 4 Töchter erzeugt. Und dann blieben die durchschlagenden weiteren Erfolge aus. Zank, Frust, Armut, bibliophile Neigungen, die die knappe Haushaltskasse zusätzlich schmälern, erzeugen eine Elendstretmühle, wie sie der geneigte Leser von Karl Marx oder wiederum Arno Schmidt kennt.

Letzterer ist in Bezug auf Raabe einen zweiten Blick durchaus wert. Raabe und er – hätten Vater und Sohn sein können.

Er teilt dessen lakonischen Humor, die Art der Stoffwahl – allzeit so „neben der Spur des Erwartbaren“, die Lust am eigenwilligen Stil. Grade Sätze a la Alltagsgeschwätz oder Lakaienpathos kann jeder, das sollen die anderen Schreiberlinge machen!

Schmidt wollte immer das bisher Ungesagte erzählen, den Leser überraschen, mit bisher nirgendwo beschriebenen Zusammenhängen. Ja, er ging schließlich soweit, die Mehrgleisigkeit des Denkens beim Lesen mitzubeschreiben:

Der jugendliche Winnetou-Leser liest und ahnt voraus, was gleich kommen wird (Gefangennahme, Schießerei, Schatzfund etc); zugleich aber ist er selbst Winnetou und durchlebt die gelesene Situation in eigenem Handeln in der Phantasie (er schießt-reitet-gräbt selber mit) und als drittes träumt er sich den Winnetou oder den Shatterhand hier neben sich als Gehilfen zur Lösung seiner Alltagsprobleme fernab der Prärie: Komm und erschieß mir den dicken Bernd!

Raabe geht nicht ganz soweit ins Gehirn seiner Leser hinein, aber er liefert die Vorstufe:

Er betreibt Parallelverschiebung von Gegenwartsproblemen in andere Epochen. (Meisterhaft in „Unser Herrgotts Kanzlei“).

Während Spielhagen und Heyse ihren Lesern den Spiegel recht unverblümt vorhalten, historische Stoffe meiden, wie der Teufel das Weihwasser; wählt Raabe (nicht immer, aber hin und wieder) eine Art Kostümspiegel:

Nimm und lies!

Hast geglaubt, das wird ein harmloser Historienschmöker? Reingefallen! Erkennst du dich wieder? In wem? Warum? Merkste was? Die Menschheit war vor 300 Jahren schon so bekloppt wie heute! Nur heute fährt se eben Straßenbahn!

Da er bei historischen Stoffen auf alte authentische Quellen zurückgreift, diese zitiert und ins Geschehen einbaut, zwingt ihn das zu historisierender Erzählweise voller Dehnungs E’s, Titelhuberei und Namens-Moulinetten:

„Folget mir!“, „Enttäuschet mich nicht!“, „Gebet Raum!“, Jungfer Regina ist Regina Lotter oder Jungfer Lotterin. Moritz von Sachsen, Maurice von Sachsen; es lebe Fürst Maurice!

Die Generation „Wanderhure“ streicht hier die Segel.

Auch weil bei Raabe der Sex fehlt. In dem Punkt ist Heyse deutlich vorn!

Was bleibt nach Raabe-Lesegenuss?

Für mich sind es gallige Zeitkommentare, die Gegenwartsprobleme der Raabezeit aufgreifen, welche wiederum Entsprechungen im 21. Jahrhundert haben.

Veraltet ist da – höchstens der Erzählstil.

Mein Dank geht an Lena Riess für’s anstiften.

Heyses Venus

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Heyses Schlussstein

Ist!

Das!

Stark!

Da wollte einer den Buchmarkt nochmal so richtig rocken, aber keiner hat’s gehört. Die zeitgenössischen Literaturgeschichten schweigen das Werk tot, wie zuvor schon „gegen den Strom“.

Heyse schrieb 1910 mit  -für DIE Zeit- sensationellen 80 Jahren seinen letzten Roman – und es ist ein toller Schlussakkord geworden! Auch wenn „gegen den Strom“ sein eigentliches „Vermächtnis-Album“ bleibt – aber da war noch was offen!

„Für wie moralisch integer haltet ihr unsere Zeit, liebe Leute?!“, fragt er und liefert die Antwort mit: Nicht mehr meine Zeit; aber eure eigentlich auch nicht! Ihr seid nicht in der Lage, das ins Bessere zu drehen! Das 20.Jahrhundert wird kein leichtes!

Der Titel mag manchen abstoßen.

Er gemahnt zunächst an das berühmte Botticelli-Gemälde, meint aber die Entstehung einer der vielen Coverversionen, die um 1900 entstanden und heute alle ein bisschen wie die Schlafzimmerbilder vom Trödler nebenan wirken. Die Maler alter Schule waren in der Bredouille. Heyse springt ihnen bei. Der Liebhaber von Zentauren und Illias-Bebilderung bleibt vom Impressionismus unbeeindruckt.

Etwas ähnliches hat Heyse mit seiner Novelle von der „Irdischen und himmlischen Liebe“ schon mal geboten. Damals stand ein alter Tizian als Namensgeber Pate. Auch dieser Titel las sich gewöhnungsbedürftig, doch auch diese Novelle gehört unbestreitbar zu seinen Hits.

In der „Geburt der Venus“ erhältst du eine hauchzart erzählte, anheimelnd tolle Liebesgeschichte. Hier kriegt er dich genauso wie mit „dem verlorenen Sohn“ und den „Moralischen Unmöglichkeiten“.

„Es gibt moralische Unmöglichkeiten, die einer solchen Eheschließung nun mal im Wege stehen.“, sagt der sympathische Vater des träumerischen Malers. Zufall? Berechneter Wiedererkennungseffekt?

Das Vater-Sohn-Gespräch, aus dem der Satz stammt, ist eins der vielen kleinen Highlights des Werkes. Wenn der Sohn die dem Vater entgangene Karriere lebt, dann ist das Topverhältnis sattelfest. Beide verachten elitär die spießbürgerliche Meute. Und trotzdem bedrohen die Spielregeln des „blöden Haufens“ das Familienglück.

Heyse thematisiert die völlig überholte Heiratsetikette seiner Zeit, die uns heutigen Lesern eigenartig kurdisch/arabisch vorkommt. Und die Duelle waren unsere Spielart von Ehrenmord. Wobei eher die Männer zu schaden kamen.

Das erbärmliche Schicksal der Hanna illustriert zeittypische Umstände und führt somit dem Leser vor Augen wie prüde und somit folgerichtig frivol verdorben ein Zeitgeist ist, der die Erschaffung erotischer Kunst sofort in den Dreck zieht. Wenn Heyse hier 1910 mit Moralkriegern seiner Zeit abrechnet, dann hinterlässt das so einen überraschend aktuellen Nachhall.

Herrlich beschrieben, wie Trude, die Pastorentochter, den Fanatismus ihres Vaters unterläuft und damit zeigt, wo Heuchelei für den gesunden Menschenverstand überlebensnotwendig ist: Im Pfarrhaus.

Ja, wieder ein böser Pastor, wie in „Crone Stäudlin“, wie in „Moralische Unmöglichkeiten“.

Ja, wieder so ein aristokratisches Aschenputtel wie die Traud in „Irdische und himmlische Liebe“.

Ja, wieder so ein verpeilter Professor Chlodwig, wie dort, diesmal als aussichtsreicher Maler.

Und wieder so ein Dr. Berndt, als zynischer Kommentator und helfender Freund, der wiederum mehr Durchblick hat, als die Hauptfigur.

Heyse variiert die „Irdische und himmlische Liebe“ hier zum Roman. Er zeigt, dass ihm zum Ende hin bewusstwurde, dass das sein bester Plot war.

Der Zweitaufguss alter Ideen kann schief gehen. Ihm gelingt er! Jedenfalls bei mir trifft er ins Schwarze. Wie Yes mit „Yes-Album“ und „Fragile“, wie Pink Floyd mit „Dark Side…“ und „Wish you…“, wie Nazareth mit ihrem Debut und der „expect no mercy“.

Und das Sahnehäubchen an der ganzen Geschichte ist, dass dieser Schlusspunkt einer großen Laufbahn mit Spielhagens „Opfer“ von 1901 zu korrespondieren scheint, was ja auch in dessen Fall fast ein Schlusspunkt war.

Heyse, mit einer Kunstauffassung von gestern und Moralvorstellungen von morgen, Kind seiner Zeit, präsentiert die Themen jener Ära zeittypisch: Allweil realistisch, aber umhüllt mit Schmauchspuren vergehender Romantik, die sich „klassisch“ gibt und somit Gefahr läuft, nur als kitschig verlacht zu werden. Der notwendige Gegenpol zu Fontane und Mann.

In Zeiten, wo dir Historiensurrogate in Form von Fernsehfilm und -serie vorgaukeln, dass unsere Altvorderen einst unsere heutigen Zustände herbeigesehnt hätten, sind Heyse, Spielhagen & Co. notwendige Kronzeugen, dass dem nie so war.

Sicher ließe sich auch im Falle der „Venus“ das eine oder andere missglückte Detail aufrechnen. Es ist wiederum ein „Thüringen“, das eigentlich eher München und sein Umland ist. Für die Inspiration zum Titelgebenden Kunstwerk via Kletterpartie auf einsamer griechischer Insel hätte sich sicher was Besseres finden lassen, als ein angeblich reales Erweckungserlebnis. Aber geschenkt. Nach 10 Seiten kippligen Einstiegs, der kurz die Gefahr einer zweiten „Crone Stäudlin“ am Horizont erscheinen lässt, erzählt sich hier ein mitreißender Erzähler seine Lebenserfahrungen im „blöden Haufen“ vom Hals und schmeißt die Türe zu.

Ein kolossaler Abgang!

Crone Stäudlin

Vielleicht hat Heyse um 1900 auf einer Reise von Berlin nach München sich wirklich mal einen Thüringenaufenthalt gegönnt und dort in einem Ausflugslokal an einem See in den Bergen ein Schlüsselerlebnis gehabt. Vielleicht ist das aber auch schon MEINE erste Übertreibung in Sachen „Crone Stäudlin“, denn eventuell waren es nur die „Draußen-Tische“ irgendeiner Mitropa, beim Umsteigen.

An einem Studententisch fühlt sich einer von den Angesoffenen plötzlich bemüßigt, aufzustehen und irgendeins der Kommersliedchen ins Volk zu brüllen. Die spärliche Besetzung des Biergartens nimmts mit Verwunderung hin, ein älteres Ehepaar springt auf und flieht, die hübsche Kellnerin wird von einem der anderen Corps-Brüder an der Schürze festgehalten, auf den Schoß es Täters gezogen und abgeknutscht – und irgendwo weiter hinten sitzt dieser Reisende. Ein alter Mann mit immer noch imposanter Löwenmähne, aber wohlwissend, dass er hier nun nicht (mehr) den ritterlichen Retter spielen kann. Die Zeiten, da er für einen Fels in der Brandung gehalten werden konnte, sind vorbei.

Die Kellnerin macht sich los, quittiert die Küsse mit ein paar Ohrfeigen, was lachend hingenommen wird, und flieht ins Gasthaus. Der Geschäftsführer erscheint prompt und macht den „Herren“ unmissverständlich laut und kompromittierend klar, dass er jetzt bis 3 zählt, bevor er nach dem Gendarm wird schicken lassen…. Da er den einen von ihnen auch noch mit Namen anspricht, ist der Rest-Anstand der Herren immerhin noch derart, dass der Angesprochene vor dem Abgang einen größeren Schein auf den Tisch knallt, gewissermaßen Zeche und Schweigegeld in einem.

Heyse selbst erhebt sich wenig später auch, bezahlt und setzt seine Reise fort.

Auf der Weiterfahrt lässt ihn die kleine Episode nicht los, vermischt sich mit Erlebnissen der eigenen Studentenzeit und Ausflugserinnerungen mit und ohne königliche Begleitung rund um den ein oder anderen bayrischen Bergsee.

Auch er selbst hatte dort den ein oder anderen genießerischen Moment mit einer Kellnerin – sich wenigstens erträumt. Die „Traud“ in einer seiner besten Novellen legt davon Zeugnis ab.

Bayern liegt ihm nun mal näher als Thüringen.

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Und so entschließt sich der 70jährige zu einem Roman. Er will die Welt lehren, wie Anstand geht und wie man ramponierte Verhältnisse repariert. Denn: Da wird soviel von Schillerschem Idealismus geschwafelt – aber die reale Welt ist weiter weg davon, denn je!

Sein Anliegen also ist ein Großes. Aber die Gestaltung leider nicht.

Wenn du mit dem Heyse lesen anfangen willst, tu es bitte nicht mit „Crone Stäudlin“! Das Werk ist kein gelungenes. Es enthält durchaus Momente für Genießer solch alter Literatur; aber dem Gesamtpuzzle scheinen allerhand Teile zu fehlen und die Lücken wurden ungekonnt mit Buntstift übermalt.

Da ist schon der vergurkte Einstieg: Du bekommst ein Hotel am See  „in den deutschen Mittelgebirgen“ beschrieben. Aber weder Hessen, noch Thüringer oder Sachsen finden hier typisches Lokalkolorit. Hinzu kommt die seltsam unausgegorene Situation des Hotels. Halb Schloss, halb Kur-Sanatorium, halb Schankwirtschaft mit Biergarten… es gibt einen Objektgebundenen Arzt für die Kurgäste… aber die, die beschrieben werden, sind eher spleenige Weltflüchter ohne Gebrechen.

Es gibt einen Herrn Doktor, der der Wirtin hier vor Jahren empfahl, den Gasthof zum Kur-Hotel zu erweitern und der auch sonst in einer recht eigentümlichen Rolle hier „all summer long“ verkehrt.

Dieser Herr Doktor wird zunächst nur mit seinem Vornamen Johannes eingeführt, heißt aber plötzlich Helmbrecht. – Man merkt dann nach dem ersten Stolpern, dass das derselbe ist. Eigentümlich bleibt aber, dass im Weiteren eher von Helmbrecht die Rede ist, ein „Herr“ davor oder gar ein „Dr.“ jedoch gespart wird. Der Autor fährt seine männliche Hauptfigur hier quasi laufend Dienstbotenhaft mit dem Familiennamen an. Immerhin heißt die nicht auch noch profan Maier, Müller, Lehmann, Schmidt…

Schulze kam den Berg herauf…. Schulze sieht…Schulze umarmt… Schulze weiß…

Er, die Wirtin Maria, und ihre 3 Kinder werden umfangreich vorgestellt – und niemand heißt Crone. Das geht so die ersten 40-50 Seiten lang.

Du willst schon aufgeben, da kommt zur Sprache, dass nebenan eine Crone Stäudlin wohnte, die aber ihrem Bruder den Hof überließ, um in die Schweiz zurückzukehren.

Crone sei die Koseform von Corona. Zufälle gibt’s!

Tja – und diesem Umstand verdankt nun dieser Post seine Entstehung, denn ich hielt durch.

Die Stäudlins sind also Schweizer, die nach Thüringen gerieten.

Nun hat sich Heyse auf Seite 70 ungefähr doch dafür entschieden, die „deutschen Mittelgebirge“ etwas konkreter zu lokalisieren. Aber Wirtin Maria vom Kurhotel wird von einem jungen katholischen Pfarrer gepeinigt, da sie eine 12jährige wilde Sommer-Ehe mit dem gut 10 Jahre jüngeren Helmbrecht praktiziert.

Katholisches Thüringen? 1905? Noch ohne sudetendeutsche Zuwanderung? Kann ja nur Eichsfeld sein! Dort sieht es aber mit Bergen, die „früh am Nachmittag die Sonne verdecken“ mau aus!

Jene ersterwähnte Crone Stäudlin ist nun auch gar keine Figur des weiteren Ensembles, sie diente nur ihrem Bruder zur Namenspatronin für dessen Tochter.

Crone StDiese wiederum ist nun tatsächlich jene „kaum erblühte Fee“ vor deren Anblick ein jeder dahinschmelzen muss! Heyse schickt sie für ihren ersten Auftritt Geige spielend, mit Hund als Begleitschutz, auf Abendspaziergang. (Kitsch as Kitsch can!) Hierbei sieht sie Helmbrecht wieder, der sie vor Jahresfrist noch „als kleines Mädchen“ auf dem Sterbebette vorfand und vom Typhus errettete. Nun ist er hin und weg, beim Anblick der „kaum Zwanzigjährigen“. Wie passend, dass Wirtin Maria, der Sünde wegen und wegen des falsch rum‘en Altersunterschiedes, nun willens ist, sich aus der wilden Ehe mit Helmbrecht zu lösen, um sich lieber mit dem Jenseits gutzustellen und dem Pfarrer in den Landfrauen-Bet-Zirkel zu folgen.

Problematisch hierbei die Existenz von Hänsel, ihrem unehelichen Kind.

Der Knabe ist älter als 10, benimmt sich jedoch wie ein 3 oder 4jähriger, wenn er sich an „Onkel Helmbrechts“ Schulter ausweint, beim Gute Nacht Kuss zurückküsst, oder brav zur Stelle ist, wenn Heyse den anderweitig verliebten Doktor als guten Vater präsentieren will, was regelmäßig daneben geht. Heyse hatte vermutlich nie Umgang mit Kindern. Kennt sie nur aus Situationen, in denen sie knicksend und dienernd Gedichte aufsagten und mit Kniff in die Wange verabschiedet wurden, bevor sich der Kreis der Erwachsenen wieder „seinen“ Themen zuwandte. Sein Hänsel wirkt unerträglich unwirklich.

Und so summieren sich die Schnellgestricktheiten und Fehler im Geschehen.

Mit rund hundert Seiten mehr, rechtzeitigerem Figuren Einführen und ein paar dringend notwendigen Ausschmückungen hier und da wäre das ein Spielhagen-Plot vom feinsten! Aber auf den komme ich später nochmal zurück.

Schluss mit der Mängelhuberei!

Was gibt es zu loben?

Man entdeckt, wenn man Heyses früheres Schaffen kennt, lauter „alte Bekannte“. Die früher aber in seinen Novellen besser zur Geltung kamen. Ich meine das nicht nur auf Personen, sondern abstrakter auf Bauteile des Romans bezogen. Der Pfarrer hier ist ein blasser Widergänger des Pastors in „Moralische Unmöglichkeiten“, die frivole Gräfin hier, eine adlig vermählte und wieder geschiedene Ex-Schauspielerin, ist jener aus „Männertreu“ sehr ähnlich. Die GräfinDie dramaturgisch passende Bootspartie aus „geteiltes Herz“ findet hier einen zwar ebenfalls dramatischen, aber dramaturgisch hergezwungenen Ableger. In „Einer von Hunderten“ erzählte Heyse die Geschichte eines Sonderlings, der merkt, dass die Kellnerin seines Stammlokals ein Auge auf ihn geworfen hat, aber er fühlt sich zu alt für die junge, schweigsame Schönheit, obwohl auch er sich eingesteht, dass sie ihm gefällt. Als sie zaghaft die Initiative ergreift, reißt er aus. Helmbrecht und Crone drehen den Spieß nun um.

Dieses Entdecken von Parallelen beziehungsweise „Berichtigungen“ früherer Konfliktkonstellationen sorgt für Lesespannung, die der eigentliche Handlungsablauf eher nicht bietet.

Wenn man auf der letzten Seite ankommt und der mehr als erwartbare Happyend-Kuss erfolgt, wird einem schlagartig klar, dass Heyse zuvor reihenweise Spielhagen gelesen haben muss.

Die Schlussszene brachte den Stein der Erkenntnis ins Rollen: Das ähnelt heftig dem Ende von „Allzeit voran!“, als der verletzte Kavallerist nach der Schlacht von Gravelotte, im Lazarett jene junge Künstlerin als Krankenschwester wiedererkennt, die sein greiser Onkel per Mesalliance einst zur (nie akzeptierten) Fürstin eines thüringischen Kleinststaates machte. Hier nun, nach der Scheidung, arbeitet sie ebenso platonisch mit dem sie anschwärmenden ehemaligen Landarzt zusammen, wie Crone in Helmbrechts Kinderklinik.

Einmal aufmerksam geworden, fällt einem dann rückwirkend auf, dass die frivole Schauspielergräfin mit einem Mann verheiratet war, der dem Wahnsinn anheimfiel. Hoppla! Das gabs doch schonmal wo anders! Melitta! Jene Über-Fee aus Spielhagens „Problematischen Naturen“ hatte ja dasselbe Schicksal!

Und schließlich sind all die Gewissenskrämpfe Helmbrechts zwischen Sohn und Lebensabschnittsgefährtin Maria und der unantastbaren Crone Heyses Variationen des verheirateten Barons von Randow und Eleonore Ritter aus Spielhagens deutlich besser gelungenem Spätwerk „Stumme des Himmels“.

Was bleibt? Man müsste zeitgenössische Kritiken kennen! Aber leider ist mir das bisher nicht vergönnt gewesen.

„Crone Stäudlin“ ist eventuell ein Werk, das sein musste, damit es heftig Zunder gibt! „Ideenlos“…“zusammengepfuscht“…“überschätzter Autor“….Mit einem so verrissenen Werk wollte er sich nicht verabschieden!

1907 erscheint „Gegen den Strom“ – und siehe da: Der Alte kann’s noch!

MOSAIK Tiefenforschung 2

Für das Folgende passen keine Bee Gees. Leg dir Mittelalterrock auf, denn gleich zücken wir die Schwerter!

Haggard, Opeth, Therion irgendsowas eben, was dir die Zinnen an die Schädeldecke malt.

Weiter geht’s mit literarischer Archäologie.

DSC02903-001mosaikIn der leider unvollständig erzählten Hegen-Biografie „Die drei Leben des Zeichners Hannes Hegen“ wird erzählt, dass die Crew des Mosaiks, vom schieren Erfolg in den 50ern überrannt, angespornt war, besser und besser zu werden. Die Anfeindungen in Sachen „Schund- und Schmutz-Literatur“ taten ein Übriges. So begannen sie also, sich auf Ideensuche zu begeben und antiquarische Bücher zu erwerben. Die waren billig in der Ehemaligen. Das schnell anwachsende Archiv schlug zwei Fliegen mit einer Klappe: Es ist in alten Mären gar wunderviel geseyd…, also konnte man aus alten Romanen „für die reifere Jugend“ der Kaiserzeit, sich ungestraft Anregungen holen, indem man aus 3 oder 4 Erzählungen Partikel entnahm, um sie Runkel und den Digedags in einer Geschichte unterzuschieben, denn es war davon auszugehen, dass wohl niemand in der Lage sein würde, in alten Wälzern auf Digedagspuren zu stoßen. Frakturschriftkenntnis-Inhaber waren eine aussterbende Spezies bereits in den 60ern.

Andererseits waren die alten Kupferstich-Illustrationen aus fernen Ländern ideale Vorlagen für anheimelnde Hintergründe, vor denen Hegens Comic-Helden ihre Bewährungsproben erdulden müssen. Meisterhaft geradezu das mittelalterliche Venedig zu Beginn der Runkel-Serie oder aber auch die Berliner Reichstagsruine im damaligen Ist-Zustand auf dem Stern des Todes (im Heft 26). Nicht zu vergessen die Hafenanlagen des alten Konstantinopel, nach Vorlagen einer alten Völkerkunde, mit Abbildungen Istambuls um 1880.

Somit kann behauptet werden, dass man mit den Digedags erfolgreich durch Raum und Zeit reisen konnte. Ob Bayous am Mississippi oder die Steinhänge am Euphrat – die Landschaft stimmt!

Jugendverderbnis- und Volksverdummungsvorwürfe liefen so ins Leere..

Arno Schmidt hat die interessante Idee entwickelt, dass jeder Autor im Jenseits erst dann Ruhe findet, wenn er auf Erden vollständig vergessen ist. Und wenn er sich nicht an realen historischen Personen vergriff, die ihn ansonsten durchs Paradies jagen, wie z.B. die Gotenkönige den Felix Dahn.

Dieser Theorie entsprechend bin ich der geborene Störenfried. Mein Literaturgeschmack hinkt dem meiner Generation gut 50 Jahre hinterher und somit bin ich vermutlich letzter Liebhaber so einiger Namen, nach denen heute kein Hahn mehr kräht.

Da wird sich so mancher Literaturtitan da oben bereits bequem in die allerletzte Haltung gebracht haben, befriedigt aufseufzen „So! Genug! Es ist vollbracht!“ – wenn Erzengel Gabriel an seine Bettstatt tritt, um grinsend mitzuteilen: „Denkste! Hoch mit dir! Bludgeon liest dich noch!“

So geschehen 2020 mit dem „Guten Kameraden“ Band 28; Schuljahr 1913/14. Die letzte Friedensspanne der „Guten Alten Zeit“.

„Gottfried von Hohenloh.“ ist dort drin ein kurzer Fortsetzungsroman um einen Minnesänger im 13. Jahrhundert. Der Autor kaschiert seinen Namen zu M. Sch.; untypisch für die führende Knabenzeitung jener Tage.

Vorlage 1

Wenn du dich auf diese 5 oder 6 Folgen einlässt, dann kommt dir das Grinsen, denn der Inhalt hat es in sich. Er enthält sowohl ein politisches Wagnis zu Zeiten des Erscheinens, als auch eine Digedagspur für spätere Leser.

Der Haupt-Gag ist der, dass Hohenloh 1233 vom Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen in Sizilien losgeschickt wird, um seinem Kronprinzen Heinrich jenseits der Alpen ein paar Nachrichten zu bringen und als Berater auf die Finger zu sehen. Kaiser Frederico hat per Gerücht erfahren, dass sein volljähriger Bub da oben im Norden nämlich ungeschickt agiert, wichtige Fürsten verprellt und an Putsch gegen den Vater denkt.

Ein Gag ist das deshalb, weil es für wissende Gymnasiasten 1913 – und da hat es sicher nicht wenige gegeben, denn Geschichte war damals „in“! – eine deutliche Parallele gibt zum amtierenden Willy Zwo und seinem verstorbenen Vater Friedrich III.. Dass sich beide nicht „grün“ waren, ist damals allseits bekannt. Dass Willy ein ungeschickter Akteur auf der Weltbühne ist, bekommt ebenfalls jeder mit – und nun, ausgerechnet im Jahr des 25jährigen Thronjubiläums des „Friedenskaisers“ mit den vielen außenpolitischen Krisen, kann die Jugend diese mittelalterliche Parabel auf das „jetzt“ lesen!

Klar, dass da der Autor lieber nicht allzu bekannt werden will!

Das Damoklesschwert der „Majestätsbeleidigung“ schwebt über ihm!

Hatespeech 1913!

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…Österreicher auf der Wacht …

Der „Gute Kamerad“ ist ein deutlich süddeutsch geprägtes Werk. Union Verlagsgesellschaft Stuttgart-Berlin-Leipzig-Wien. Die Abstandssuche zu Preußen wird darin deutlich, dass bei militärischen Themen eher über die K&K Armee berichtet wird, bzw. über württembergische Regimenter. Die Willy-Watsche im Jubiläumsjahrgang unterzubringen ist bestimmt klammheimlich in den Redaktionsstuben gefeiert worden!

Der zweite Gag der Erzählung liegt im Detail und hat MOSAIK-Bezug:

Es macht einfach Spaß, beim Lesen auf etwas zu stoßen, was dir sofort bekannt vorkommt:

Spuren der Hohenloh-Geschichte finden sich in mehreren Episoden der Ritter-Runkel-Serie:

– in der 110; „Das Kastell Peripheria“

– in der 145, „Ritter Runkels Heimkehr“

– in der 150; „Der Sturm auf die Kuckucksburg“

Denn:

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Hohenloh und 3 Begleiter fliehen vor Verfolgern, aufmüpfigen Mailändern, die den deutschen Rittern alles andere als freundschaftlich gesinnt sind. Sie jagen auf eine Burg zu, die sie da über einem Wald im Alpenvorland aufragen sehen. Sie erhoffen sich dort Schutz. Die Zugbrücke ist unten, also hinein; ein dösender Räuber am Tor wird überwältigt, das Tor aufgezogen. Im Inneren gibt es eine kurze Überrumpelung der anderen überraschten Räuber, die sich leicht wegschließen lassen. Die Verfolger sind inzwischen vor dem Tor angekommen und wissen nicht weiter, entschließen sich aber zur Belagerung, die sie mangels Masse auf den Torweg beschränken.

Hohenloh lässt Fake-Lanzen an die Zinnen stellen, damit die Burgbelegschaft nach mehr aussieht und von unterschiedlichen Stellen der Mauer auf die Belagerer schießen.

Einer seiner Begleiter hat inzwischen das Hauptgebäude der Burg untersucht – und eine große Falltür gefunden. Als sie geöffnet wird, entdecken die Bedrängten einen Reitweg hinein in den Burgberg. Sie reiten ihn hinab und erreichen am Fuße des Berges und an der Rückseite der Burg das Freie. Entwischt! Zu Pferde!

runkel 2Natürlich ist eine Falltür, so groß, dass Pferde durch die Öffnung passen und eine Reitweg-Serpentine im Gestein ziemlich märchenhaft, jedoch schmilzt die Sache ja im MOSAIK auf einen Burgbrunnen und einen Bach im Berg zusammen.

Damit auch dort die weitere Reise schnell und zu Pferd fortgesetzt werden kann, mussten in dem Fall die Kuckucksberger so blöde sein, Runkels Pferd Türkenschreck, weil zu alt zum Schlachten, einfach wegzujagen und nur den Ritter einzusperren. Haben nun ihrerseits die Digedags Türkenschreck wieder aufgelesen und Runkel per Burgbrunnen befreit, ist das Ensemble ebenfalls wieder vollzählig unterwegs, um die weiteren Pläne des Kuckucksbergers zu durchkreuzen, wie Gottfried von Hohenloh die des fiesen Heinrich.

Die Idee zur flachen Reiter-Treppe könnte aus dem Hradschin stammen. Hegen war Sudete. Sicher kannte er die Prager Burg. Dort gibt es eine, die (allerdings ohne Falltür) hinein in einen Saal führt, um speisenden Gästen Reiterkunststücke vorführen zu können.

Die unterbesetzte Burg (Peripheria und Kuckucksburg), die Mitgliederschwache Räuberbande, die sich vorübergehend eine fremde Burg aneignet wird eingesperrt (Teufelsbrüder), der Fluchtweg durch den Berg und auf der Rückseite raus, das Erstürmen wollen einer Burg, die gar nicht (mehr) verteidigt wird (Kuckucksburg).

Sachen gibt’s!