Über Menschen

Juli Zeh – zum zweiten.

Sehen wir es zunächst mal so:

„Jeder lebt doch in seiner Welt, in der nur er den ganzen Tag recht hat.“

Einer der vielen schönen Sätze aus „Unterleuten“, von Juli Zeh. Einem feinen kleinen literarischen Meisterwerk mit allerdings grob plötzlichem Schluss.

Ich mag das Buch sehr, weil das Figurenensemble mir bereits komplett begegnet ist.

Meine Lobeshymne findest du hier.(klick)

Das Folgende wird keine.

Es gibt die Binsenweisheit, dass man sich vor einem Zweitwerk desselben Künstlers hüten sollte, wenn es nicht besser werden kann. Dummerweise hab ich mich nicht daran gehalten und Juli Zehs „Über Menschen“ nun tatsächlich auch noch durchgelesen.

Hier kommt MEIN Leseresultat. Solltest du, lieber Leser, noch vorhaben, dieses Buch lesen zu wollen: Spoilerwarnung!

Während „Unterleuten“ als -neudeutsch- Hardcover-Ausgabe mit Schutzumschlag seinen Platz in meinem Bücherschrank sehr zurecht behalten darf, ist „Über Menschen“ ein Fall für die blaue Tonne. Aus einer Vielzahl von Gründen.

Vor allem fehlt mir der durchaus wichtige Untertitel:

Ein modernes Märchen aus einem Brandenburg, wie es sein könnte, aber nicht ist.

Das Positive zuerst:

Mir gefällt Frau Zehs Schreibe. Eigentlich. Gekonnter Mix aus Witz und Melancholie. Zügige Dramaturgie mit Überraschungseffekten; wechselnd mit inneren Monologen der Hauptfigur über Gott und die Welt, die mich eigentlich immer heftig Zustimmung nicken lassen.

Das gelungenste Beispiel dieser Art befindet sich in diesem Buch auf Seite 218 (Taschenbuchausgabe) im Kapitel „Sadie“, das von einer jungen Alleinerziehenden handelt, die Dora lakonisch ihren schier grauenhaften Alltagsrhythmus beschreibt. Sie ist im Plot die einzige, dem Leben abgelauschte, wirklich realistische Figur.

über menschen

Das ist wirklich einrahmenswert! Aber dieser Problem-Ansatz wird unbearbeitet liegengelassen. Er ist nichts weiter als eine Möhre, die den Leser bei der Stange halten soll: Mal sehen, ob dazu im weiteren Geschehen noch was kommt.

Soweit Seite 218. Das Buch hat jedoch 420. Und die sind bevölkert mit einem seltsamen Panoptikum von Typen.

Grundkonflikt ist der zwischen Dora, der Zugereisten aus Berlin, und Gote dem Dorf-Nazi in Bracken/Prignitz, der immer mehr in eine Mitleidsrolle hineinmanövriert wird, da er als unheilbar krank (im medizinischen Sinne) Hilfe braucht.  Aber der Reihe nach:

  1. Die vermeintliche Unerhörtheit des Problems: Ärztliche Hilfe für ein verzichtbares Subjekt der Gesellschaft – ist nicht neu, sondern „geklaut“ aus Merciers „Nachtzug nach Lissabon“. Dort hat ein Arzt in Portugals Diktatur-Epoche vor 1975 das Problem, den schwer verletzten Chef der Geheimpolizei, also den obersten Folterer, auf dem OP Tisch vorzufinden: Soll er nun retten oder einen „Kunstfehler“ begehen? Hypokratischer Eid – gilt der für alle?
  2. Dora und Robert in Berlin – das ist das Protagonisten-Paar der Ausgangslage, scheinen einer Tele-Novela Marke GZSZ oder „Anna und die Liebe“ entsprungen. Somit schreit der Roman von Anfang an: Verfilmt mich! (Was durchaus zu befürchten ist.) Die beiden sind Klischee pur. Sie Werbefachfrau, er Journalist mit Erlöserwahn: Greta Thunberg Fan und überalterter Fridays for future Maniac: Also beide (Ironie an!) umtriebige junge Erwachsene, voll ausgelastet und topverdienend, dabei ja soooo flexibel, und sich nur von internationalen Delikatessen ernährend – puhhh! (Ironie aus!)
  3. Dora trennt sich von Robert und zieht ins spontan mal schnell gekaufte Gutsverwalterhaus in der Prignitz. Also allein in ein kleines Gutshaus, jahrelang leerstehend, mit 4000 qm dazugehörigem Flurstück – ein ehemaliger Kindergarten, der gleich nach der Wende schloss. Das Ding ist heruntergekommen und weitgehend ausgeräumt. Die Nachbarn rennen ihr hilfsbereit und unentgeltlich die Bude ein, roden große Teile des Grundstücks und malern. Wie die guten Dshinnies aus der Flasche! Ich dagegen habe in 33 Jahren Nordbrandenburg 3 Fälle mehr oder weniger dramatischen Unterganges von Wessis im „Ostbusch“ aus nächster Nähe miterlebt. –
  4. Das Gutsverwalterhaus an sich ist einen Extrapunkt wert: Es entpuppt sich, wie bereits erwähnt, als der ehemalige Kindergarten, der nach der Wende schloss. Restmobiliar ist zwar vorhanden, aber keinerlei Kindergestühl oder tief angebrachte Kleiderhaken. Keinerlei Kindertoiletten. Sodass Dora erst weiter hinten im Buch im Gespräch erfährt, wie das Haus vor dem langen Leerstand genutzt wurde. Jedoch kurz vor Ende des Buches duscht sie (nach Rodungsarbeiten auf ihrem Flurstück) ausgiebig in eben jenem Ex-Kindergarten. Wo kommt die Dusche her?
  5. Tom und Steffen, ein schwules Männerpaar, ist nun vollends Klischee überlastet. Beide sind sowas wie die Investoren im Kaff. Denn sie haben eine Art Trockenblumen-Ranch in der sie Gestecke, Kränze usw. herstellen und „Erntekanacken“ beschäftigen, die sich als Erasmus-Studenten herausstellen. Tom ist ein sarkastischer kampfbereiter Macho, der dem Dorf-Nazi wortgewaltig Paroli bietet und mit „paar Typen“ droht, die er in Null Komma nichts zusammen kriegen würde, um ihn platt zumachen; während Steffen, nebenberuflich Kabarettist, an einem ziemlich platten Anti-Nazi-Programm arbeitet. Beide wurden in der Vergangenheit wiederholt Zielscheibe von Gotes Ausfällen, switschen aber nach einem entlarvenden Wutausbruch von Dora um und sponsern ein Dorffest für den kranken Gote, um ihm kurz vor dem mutmaßlich baldigen Ableben noch die Versöhnungshand anzubieten. – Wie aus dem wirklichen Leben gegriffen! Ironie aus.
  6. Nun aber zum kranken Dorf-Nazi selbst: Der bei Mercier entlehnte Grundkonflikt ist an und für sich eine gute Idee, aber in Bezug auf Dora und Gote lausig umgesetzt.

Gote stellt sich eingangs ziemlich aggressiv vor und bezeichnet sich selbst als Dorf-Nazi. Reflektierende Selbstironie ist das also nicht. Dann zeigt er sich plötzlich märchenhaft hilfsbereit gegenüber der Zugereisten, an der alles „grüne Wessi-Tante“ schreit. Dann singen er und zwei Kumpane das Horst Wessel Lied. – Aber darüber hinaus unterläuft ihm im Alltagsgespräch kein weiteres Nazivokabular! Er singt und pfeift ungefährliches Liedgut, niemals Rechts-Rock! Er besitzt auch als ehemaliger 90er Jahre Skin keine einschlägigen Landser-CDs! Er hat Knast hinter sich und meidet sein eigenes Wohnhaus, will also irgendwie mit seinem früheren Leben nichts mehr zu tun haben. Er wohnt deshalb im Wohnwagen im Hof. (Weib und Kind sind „damals 2017“ nach Berlin geflohen, als er „einfahren musste“.) Dann steht er aber doch wieder besoffen vor dem Haus von Tom und Steffen und brüllt erwartbare Botschaften in deren Fenster. Nur weil der Tumor drückt? Soll das „Reflektieren mit Rückschlägen“ bedeuten?

Als Ex-Knacki hat er Ämterscheu. Er ist also nirgendwo gemeldet, bezieht kein Hartz IV und hat keine Krankenversicherung. Handwerklich geschickt schlägt er sich nach eigener Aussage „ebenso durch“. Hat also durchaus Beziehungen in Dorf und Umgebung. Bekommt auch problemlos den Ahornstamm für sein Schnitzwerk. Wozu dann das Dorffest „für einen Gemiedenen“, der doch gar nicht gemieden wird?! Dora, die wegen Corona gerade ihren Job verlor, und die nun die Kreditraten für ihr Haus drücken, bezahlt für Gote die Kortison-Tabletten, die ihr Vater (wundersamerweise rein zufällig Hirnchirurg) per Privatrezept verschreibt. Purer Realismus! Noch besser wäre Crowdfunding unter Prignitz-Bauern gewesen. Sarkasmus aus!

  1. Last not least bliebe noch Franzi zu erwähnen, die 10jährige Tochter von Gote. Auch hier Klischee en masse. Ein pflegeleicht an- und ausschaltbares Kind, das man braucht, um die Leserinnen (west) bei ihrem Pippi Langstrumpf Kindheitssyndrom zu packen. (Dora spricht die TV-Serie ihr gegenüber direkt an.) Franzi lebt eigentlich mit ihrer Mutter in Berlin. Wird aber scheidungstechnisch in den Ferien dem Vater überlassen, obwohl der sich fast gar nicht um sie kümmert. Sie aber fühlt sich hier befreit vom Berliner Schulmobbing und schwärmt von ihrem Papa, obwohl sie alleine in ihrem Kinderzimmer im Wohnhaus schlafen muss, in dem noch der Dreck von 2017 liegt. Auch sie hat in ihrem bisher 10jährigen Dasein rein gar nichts faschistoides von ihrem Papa aufgeschnappt, was sie nun irgendwann zum Besten geben könnte. – Leute! – Seufz.

Was also will mir dieses Werk nun mitteilen? Die Welt ist gut, wir ham uns alle lieb? Und das in diesen Zeiten? – Die Gesellschaft zerspreiselt sich gerade in immer kleinere Nischen-„Komjunitties“, die sich unversöhnlich betwittern! Wir bewegen uns rasant in eine dysfunktionale gesellschaftliche Dahinvegetiererei nach US-Vorbild – die Ex-DDR und Niedersachsen als „Fly over States“. – Und da soll mich dieses Buch nun was genau lehren? Dem Assi von nebenan die Beerdigung zu bezahlen? Da sei Prora vor! Dem zugereisten Wessi den Vorgarten zu mähen?

Es widerspricht (bis auf das „Sadie“-Kapitel) allen meinen Erfahrungen und Beobachtungen in 33 Jahren Restpreußen!

Weg damit!

Weiter mit Heyse, Spielhagen, Zobeltitz & Co!

Amen.

Meraner Novellen – Heyse (1862)

Ukraine und kein Ende. The birth of a bigger Bosnien. Schalt ab. Verdräng’s. Was anderes bleibt dir sowieso nicht übrig. Lies was schönes! — Heyse mal wieder. Niveaubringer von einst. Wie sah er die Welt? – In gleichnishaft unaufgeräumter Zeit des deutschen Nachmärz. Aktuelle Assoziationsmöglichkeiten inclusive. Die Grundregel bleibt:

Das Lesen genießen. Am Rand sitzen bleiben. Kaffee trinken. Schnauze halten.

HerbstbibelHeyse hat diesen Novellenband so gewollt, wie er mir hier vorliegt. Das er gar aus der Weimarer Hofdruckerei stammt, bekam ich erst auf der allerletzten Seite mit.

Nur 3 Novellen. Jede 150 Seiten lang. Alle 3 spielen in der Meraner Gegend. Ehemals Zentraltirol. Seit 1919 italienisches Grenzland zu Österreich.

Heyse ist viel gereist, sowohl als begleitendes Faktotum König Maximilians II. von Bayern, der sein Gönner war und allzeit gut unterhalten sein wollte, als auch privat. Die Reiseroute kannte praktisch nur eine Richtung: Italien. Und Tirol liegt somit irgendwie „am Wege“. Er kennt sich sehr gut aus in der Meraner Ecke; benennt Flüsse und Bächlein mit Namen, beschreibt ergreifend Wetter-Phänomene, sodass heutige Leser spontan an die Ahr-Tal-Katastrophe von 2021 denken müssen; die Zenoburg-Ruine spielt in allen drei Novellen eine Rolle. Detailreich werden die Besonderheiten des dortigen Weinanbaus und seiner Bewachung durch Weinhüter geschildert … alles, als wär’er einer von dort. Der Berliner am Münchner Hof.

Der John Jarmusch der Vorzeit. Denn wie der mit seinen Taxi-Episoden, die zwar nicht zusammenhängen, über Kleinigkeiten dann aber doch verbunden sind, erzählt hier Heyse drei in sich geschlossene Geschichten, die nur um wenige Jahrzehnte versetzt am selben Ort spielen, wodurch eben doch die Geister der Vorfahren den späteren Figurenensembles hätten im Traum erscheinen können. Das heimelt an.

Gut möglich, dass er nach Erstbesteigung des Burgberges der Zenoburg, ermattet auf jener Bank saß, auf der später auch seine Heldin aus „Unheilbar“ sitzen wird, um einen gar seltsamen Hirten kennenzulernen.

Kennst du das? Du sitzt in einer Burgruine: Niemand stört. Deine Gedanken gehen auf die Reise und bevölkern die Leere mit Gestalten vergangener Tage. Wie lebten die hier? Was erlebten sie? Was erlitten sie? Seit wann ist hier Ruhe eingekehrt?

alpen0Heyse muss einige Idyllen der Umgebung aufgesucht haben, um dem Kurbetrieb mit seinen schwachsinnigen Konversationszwängen zu entgehen. Er weiß, dass seine Kollegen (Spielhagen, Fontane) erkleckliche Summen aufbringen, um alle paar Jahre „ins Bad“ zu reisen, wie Monarchen, um mehr oder weniger eingebildete „Nervenleiden“ zu kurieren und bei Tische Hof zu halten – und er hasst es! (Am deutlichsten wird das später in seiner Novelle „Der Blinde von Dausenau“, aber die gehört nicht nach Meran.)

Da sitzt du dann auf irgendeiner Alm, links die Burg und rechts irgendwo ein Einöd-Hof und deine Phantasie bringt das zusammen: Den Sohn vom Einöd-Bauern und die Gräfin, oder umgekehrt, den Junker Franz und’s Annl vom Hilpinger-Hof…

Und Heyse saß da auch so, aber zunächst noch ärgern ihn die Snobs, denen er gerade entronnen ist: Also kommt ihm „Unheilbar“ ein. Eine freche Vorführung der Kurgast-Typografien und ihrer „Themen“. Das ist der „Zauberberg“ im Schnelldurchlauf. Vermutlich niedergeschrieben in nur einer Nacht, nach einsamer Wanderung zur Zenoburg, auf der er sich alles hat zurechtgrübeln können:

Die Novelle ist eine von seinen großartigen. Alles passt. Die beiden Haupthelden entwickeln sich sogar. Fast alles könnte sich auch genauso zutragen, wie beschrieben. Also ist ihm wiedermal Realismus „passiert“, den er doch eigentlich ablehnt.

Nach dem Schreibrausch folgt die Leere der innerlichen Befriedigung: Und siehe, es ward gut!

Ein paar Tage später fangen die Eindrücke von Land und Leuten an, weiter in ihm zu weben.alpen4

Was, wenn so eine Burgruine zum Verkauf stünde? Wen würde solch hochromantisches Angebot reizen? Und warum? — Pack eine schöne junge Frau dazu, so’ne Art Aschenputtel; die Tochter eines bärbeißigen Verwalters, der sich äußerst rätselhaft verhält und den niemand in der Gegend wirklich kennt: Erzähl das Geheimnis dieses „ehemaligen Gutsförsters von anderswo“ als Schicksalsgeschichte im verfallenen Rittersaal der alten Festung. Vom Efeu der Zeit überwucherter Notstand, der so oder so ähnlich immer wieder kehrt.

Das ist der Grundstein zu „Der Kinder Sünde der Väter Fluch“.

Was klingt, wie ein verlockendes Mysterium erweist sich als ein leider vergeudeter Stoff: Der Plot ist herrlich. Die Umsetzung – mies. Ein Drauflosgeschreibsel, das erst nach 40 Seiten die Fabel erkennen lässt, die wiederum flüchtig geheftet, nicht genäht wird, gegen das Ende hin wirklich dramatisch und interessant Fahrt aufnimmt; aber nach der letzten Seite schaut man zur Zimmerdecke und ruft:

„Paule, alter Pfuscher! Was hätte das werden können, ohne all die Sprünge und mit bissel mehr Charakterzeichnung all der Männeken!“

Der Hauptkonflikt ist solch eine Sensation! Wenn man sie in einem Text von 1862 entdeckt.

Krieg als Glücksspiel. Man muss losen, ob man einberufen wird oder nicht! Man will sich drücken. Mitleid mit dem Deserteur! Das Kriegsverbrechen des Exekutors! Die Rache der Kriegerwitwe!

Sollte man nicht als junger Mann, bevor man in den Krieg befohlen wird, der einem privat eh nichts bringt, einmal richtig körperlichen Trieben gefolgt sein, da für Eheanbahnung keine Zeit mehr bleibt?

„Unter einem gelben Mond haben wir uns beigewohnt…“

„Wahnsinn! Wird uns heilen! Dann sind wir Helden für alle Zeiten!“

Karussell’s Cäsar trifft hier auf David Bowie. Vorausgesetzt, jemand von heute findet diese Novelle noch irgendwo. (Wir Deutschen und unsere Kulturbringer – ein Trauerspiel.)

Wirklich sehr, sehr schade, dass diese Handlung nicht so gründlich erzählt wird, wie die in der Novelle zuvor!

Der kleine dicke Graf, der Mittler zwischen Leser und Geschehen, und sein maulfauler Gesprächspartner haben nicht mal Namen! Er bleibt „der Graf“ und der hagere alte Mann an seiner Seite bleibt „der Oberst“. Niemand weiß, wo der wohnt, nur dass er gepflegt und satt alle Tage in den Schluchten hier herum Gesteinsproben sammelt. Niemand im Ort scheint die efeuüberwucherte Burgruine zu kennen, in der der seltsame Verwalter haust, den wiederum alle dem Namen nach kennen.

Niemand kennt dessen 20jährige hübsche Tochter, die tagelang alleingelassen dort oben auf der Burg haust, bewacht von ihrer Großmutter, einer alkoholkranken Hexe. Kommt keine der beiden mal einkaufen in den Ort? Kommt da oben nie ein Jäger oder Hirte vorbei?

alpen0aPlötzlich aber der Dammbruch der Neuigkeiten: Jene geheimnisvolle Schöne hat eine genauso attraktive etwas ältere Schwester, die nicht in Erscheinung tritt, von der der Leser nur durch ein Kneipengespräch des „Grafen“ erfährt. Der Knoten all der blassen, mies unvollständigen Ansätze entwirrt sich. Plötzlich schreit das ganze nach Verfilmung! Ein düsteres packendes Heimat-Epos in der Art der bayrischen Alpenwestern wäre vorstellbar; aber: Wer soll den Stoff hier finden?

Feuilleton und Literaturgeschichte unserer Tage gestehen dem Autor ja keinerlei Relevanz mehr zu.

Hier schlummert ein Kultur-Humus – vergessen und ungenutzt. Schade.

Es folgt der dritte 150-Seiter: „Der Weinhüter“. Der wiederum hätte „Der Eltern Sünde der Kinder Fluch“ heißen können. Heyse bürstet hier die gerade zu Ende geschriebene Handlung gegen den Strich: Diesmal versauen die Erzeuger ihren Nachkommen das Dasein.

Ein Romeo-und-Julia-Stoff. Kellers Variante „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ (1856) schimmert ein bissel durch. Aber – ein Gedenk des Kellerzitates in einem Brief an Heyse: „Du hast alles, was mir fehlt!“ – Heyse umgeht die Gefahr in kellersche Bräsigkeit zu verfallen. Nix Langeweile! Drive on!

Wir haben hier einen männlichen Protagonisten. Andree Ingram (wie sich zeigen sollte, ein in mehrfacher Hinsicht sprechender Name) hat ein Mutterproblem. Und da diese im Ort eh den Ruf der „durchgeknallten Mohrin“ weghat, kümmerts keinen. Nur seine kleine Schwester hängt an ihm, trotz aller Versuche der Mutter, ihn auch in ihren Augen zu verteufeln. Beide Kinder werden Jugendliche, sind ausgegrenzte Paria – und das Thema „Inzucht“ naht, denn beide haben nur einander…

Ganz starker Tobak! 1862! Heyse bewältigt den Stoff salonfähig. Gemäß seiner Novellentheorie gibt es kurz vor Ende den Kipppunkt, und der Skandalstoff mäandert vom Problem „Geschwisterliebe“ zur flammenden Anklage bigotter Heuchelei. Heyse hält der christlichen Gesellschaft seiner Zeit den Spiegel vor: Schaut hin, wen ihr verehrt – und wen ihr lynchen wollt!

Eine durchaus gegenwartskompatible Message, so will mir scheinen.

Gleichfalls ein filmreifer Ablauf. Großartig erdacht. Gut, nicht sehr gut, ausgeführt, schließt diese Novelle zu „Unheilbar“ auf.

Fazit: Wie immer gut lesbar, unterhaltsam; philosophisches Grübelfutter zuhauf.

Dem Musicjunkie unserer Altersklasse entsteht der Eindruck, Heyse müsse Neil Young (für „Unheilbar“) und David Bowies „Heroes“ für „Der Kinder Sünde…“ gekannt haben. Auch Patrick Michael Kelly und seine Lebenskrise, die ihn ins Kloster führte, kommt dir ganz nah. Der „Weinhüter“ schließlich ließ mich mehrfach an Songs von Peter Cornelius denken.

„Ein Diamant verbrennt. Genau wie ein empfindsamer Mensch. Ein Kieselstein überstehhhht, woran…“

Lesen!

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Herbstgedanken

Sonntagmorgen 7 Uhr, den Player angeschmissen und das nächste Buch aufgeschlagen. Draußen wird es hell, aber drinnen braucht es noch die Lampe. Der Computer bleibt aus.

Benson und Earl Klugh „Collaborations“ wecken die Denkmaschine.

Die Kinder sind nun längst aus dem Haus. Die Frau schläft noch. Niemand will was von dir. Niemand stört. Von 7 bis 9; das ist DEINE Zeit.

„Das ist der einfache Frieden…“(DDR-Pionierlied) Wieso mir das jetzt einkommt, weiß ich auch nicht.

herbstbuch3Vorgestern hab ich Juli Zehs „Über Menschen“ angelesen. Nun ja… leicht lesbar. Aber eine Westberliner Schlunze auf Selbstfindungstrip in der Prignitz, mit so Erkenntnissen der Marke Latte-Macchiato-Prenzelberg-Mälei:

Da „draußen“ gibt es auch Häuser! Und Leute! Und zu den Häusern gehören Grundstücke! Und die können mitunter sehr groß sein! 4000 Quadratmeter sind echt viel! (Wenn man ihnen allein mit einem Spaten zu Leibe rückt!) Hab ich einfach so gekauft. (Was der mediale Klischee-Wessi eben so macht. Die ZEIT macht mir dauernd weiß, dass es pausenlos Karrieren gibt, wo Mit20er 3000.- netto monatlich machen.) …

Das war nun nicht das, womit ich gemeinhin Mitleid empfinde. Identifizierung gleich ganz unmöglich. Nach 11 Seiten wurde ich eh weggelockt.

HerbstbibelGestern griff ich zu Heyses „Meraner Novellen“. Lag schon eine Weile hier. Umfasst nur 3 Novellen a 150 Seiten. Die erste kannte ich. „Unheilbar“. Mit ca 32 oder 35 gelesen. Also nicht erst gestern. Mehr als das Rückgrat des Plots war mir nicht mehr erinnerlich. Aber gefallen hatte das lange, relativ ereignislose Textlein von einer vermutlich schwindsüchtigen jungen Frau, die daheim Mutter pflegte und deren Stelle beim viel jüngeren Bruder einnahm, den Vater versorgte und sich nie etwas für sich selbst gegönnt hat, eben doch. Es wird wohl am Trigger „Pflege“ gelegen haben. Das Thema hatten wir als junge Eheleute leidvoll selber durch. Meine Frau mehr als ich. Also konnte ich sie auf jene in der Geschichte beziehen.

Eigentlich wollte ich diese bekannte erste Novelle nun weglassen, zu neugierig war ich auf die zweite mit dem ach so mystischen Titel „Der Kinder Sünde der Väter Fluch“; jedoch sollte es anders kommen: Ich schlug das Buch auf, las die ersten anderthalb Seiten von „Unheilbar“ – und der alte Meister fing mich zum zweiten Mal mit derselben Geschichte. Ich wusste sofort: Das gefällt dir wieder – und es wird völlig anders sein, als vor 30 Jahren.

Das einst noch frische Pflege-Notstands-Trauma ist inzwischen versandet. Der frisch gebackene Rentner-Leser wird nun hineingestellt in eine Geschichte, die -in Tagebuchhäppchen verfasst- darstellt, wie eine noch junge Totkranke sich IHREN Lebensabend gestaltet. Der Hausarzt schickte sie nach Meran. Das sonnige Südtirol sollte ihr die letzten Tage in Licht und Lust (zum Wandern) verschönern und vielleicht das Unabänderliche ein wenig hinauszögern helfen, so wurde ihr gesagt. Aber das Ganze wird nun nicht etwa zum Poisel-Text. (Heulen kannste wo anders.) Die junge Kranke hadert nicht mit ihrem Schicksal, sondern ist willens, genau das zu vollziehen, was man heute neudeutsch „quality time“ nennt. Sie wird zum Diogenes von Meran; erlebt die Kurgesellschaft von außen und lehnt ihr Getue ab. Sie will sich „nun nicht mehr“ sittsam in Konventionen langweilen lassen!

Sie „geht ihre einsamen Wege; alle Sinne geschärft und hell wach…“(Metropol) Keine Ahnung, weshalb mir das nu‘ einkommt.

Und sie vertraut ihrem Tagebuch Sätze an, die von Hesse oder Sartre stammen könnten.

„Ich sagte mir im Gehen und Schauen: Dies ist mein, dies genieße ich und niemand kann es mir wieder nehmen.“

Und aufbegehrend:

„Nein ich ertrage es nicht länger! Und sollte ich der ganzen Welt einen offenen Fehdebrief schreiben; ein Sterbender braucht nicht zu lügen, braucht sich nicht misshandeln zu lassen und dankbar dazu zu lächeln. Ich bin so zerknickt, zerrieben, in allen Nerven empört, dass ich am liebsten von meinem Fenster aus durch ein Sprachrohr der ganzen Gesellschaft meine feierliche Absage zuriefe, wenn sie jetzt nicht grade alle bei Tische wären, meine Peiniger!“

Yep! Wo kann ich das rahmen lassen?!

Die Würfel also sind gefallen: Für die nächsten Tage/Wochen wird es wieder Heyse sein als Lesefutter. Je nachdem, in wieweit mich die üblichen Medienportale mit ihrer anhaltenden Realsatire davon abhalten werden, gute Literatur zu genießen. Detox-Day! Detox-Day! Schreibt sich so leicht. Is‘ schwerer als man denkt.

Heyses „Unheilbar“ wirft die Frage auf, wer denn hier der wirklich „Unheilbare“ ist: Die junge, pflichtbewusste, aufopfernde Schwindsüchtige im letzten schönen Hafen ihres kurzen Erdendaseins, oder die Gesellschaft, in der metaphorisch gelesen erst recht gefährliche Tuberkeln werkeln:

„Ich habe mir heute früh beim Aufwachen die Frage gestellt, wie verwunderlich es doch ist, dass die verschiedenen Stände einander gegenseitig um eine Freiheit beneiden, die in keinem zu finden ist, wo überhaupt noch ein Standesgefühl bewahrt wird.(…) Wie ich doch jene einfachen Menschen (Einwohner von Meran) beneide, die hier geradezu paradiesisch dahinleben (…) und nichts wissen von den hundert eingemauerten, kleinstädtischen Rücksichten der sogenannten Gebildeten – wie der Seidenwurm nicht ahnt, wieviel glänzendes Elend sein Gespinst vielleicht dermaleinst verschleiern wird.“

Automatisch stimmst du zu. Die Krönung der Schöpfung beherrscht nur eines richtig gut: Sich das Dasein so richtig schwer zu machen. „Respekt“? Ein Slangbegriff aus dem Gangsta-Rap. „Vernunft“?  Müsst‘ ick googeln ßurßeit! Was gehörte sich damals nicht – und was heute? Wer darf mit wem reden und was ist dabei zu beachten? Welche Frage schickt sich nicht? Welches Volkabular auf jeden Fall vermeiden? Jedenfalls unter den akademisch halbgebildeten Überschriften-Wissern der Gegenwart. Die Ständegesellschaft ist tot? Dass ich nicht lache!

Und du staunst mal wieder, wie leicht das Assoziieren ist, bei einem Text von 1862. Wir sind nicht wirklich weitergekommen. Die Ständeordnung verfiel. Der Neid blieb, sowie die Lust an Tratsch und Hetze. Der Mob ist ewig. Das gehört zur menschlichen Natur, wie der Schwanz zur Ratte.

„Der Sieg der Vernunft“ wird pausenlos herbeigepredigt. Aber das Gegenteil getan.

dav

„Die Dummheit reitet die schnelleren Pferde.“ (Keine Ahnung mehr, wo ich das mal aufgeschnappt habe. Könnte der späte enttäuschte Karl May gewesen sein.)

Gabriele Krone-Schmalz hält in Reutlingen einen beachtenswerten 90 Minutenvortrag. Eine bittere Bilanz! Fakten basiert. „And she moves on a solid ground…“ (Van Morrison) sozusagen. Sein Inhalt gehört in jedes führende Massenmedium, ist dort aber nicht zu finden. Denn die haben keine freien Kapazitäten. Dort tummeln sich die Rüstungsapologetinnen alias „Russlandkennerinnen“ wie einst jene namenlos gebliebenen Orientexperten, die 2002/03 den alten Scholl-Latour in Sachen Afghanistan belehrten. Grins. Wo sind se hin? Ähem.

Einer seiner Bestseller hieß „Russland im Zangengriff“. —?! — Schau mal wieder rein. „‘nuff said!“

An den Rand setzen, Kaffee nachschenken. Zuschauen. Schnauze halten.

Heyse mochte die Umstände der Zeit nicht, in der er zu leben verdammt war. Seine Kritikpunkte haben Hand und Fuß: Eine Zeit der Wachtmeister und Advokaten, des Gleichschrittes und der Paragraphen, der Gesangs- und Turnvereine (Hauptsache, es erlöst vom Denken), Größen- und Erlöserwahn; immer unromantischer werdende Kunst, die dadurch alle Mystik einbüßt. Keine Harmonie im Zusammenleben in all den Zwangs- und Versorgungsehen seiner Tage; usw. usf.

„There ain’t no love in the heart of the City…“(Whitesnake), weiß auch nicht, wie ich darauf komme.

Werde mal die CD wechseln. Van Morrison. Beautiful Vision. Soviel Zynismus muss sein. Herbstklänge. Der alte Klempner kräht es einfach raus:

I’m a dweller on the threshold
And I’m waiting at the door
And I’m standing in the darkness
I don’t want to wait no more.

Krischan der Große

Zum Tode Ralf Wolters (1926-2022)

Erinnerst du dich noch an den Sommer’69? Nicht in Amerika! Woodstock und so. Sondern hier in Deutschland! Genauer: Ost-Deutschland. Wie alt warst du da? Ich war 9 und jener Sommer hatte es bös‘ in sich:

  1. Schwimmlager, weil Mutti es so wollte. Eine Vollpleite für das unsportliche Sensibelchen, das ich damals war.
  2. Das Wetter war mies. Carrell klagte „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“. Niemand wurde diesmal „braun auf Borkum und auf Sylt“ – und auch nicht auf Usedom, wohin es die Bludgeon Family damals für 14 Tage verschlug.
  3. Die Sommerfilmtage bescherten das vierte Jahr in Folge den neuen Indianerfilm. Nur diesmal war das „Weiße Wölfe“ – und diesmal siegte Gojko als Dakota nicht. Er wurde sogar ganz dramatisch und feige erschossen, als ihm die Munition ausgegangen war. Kinderkatastrophe: Scheißfilm. Das stand fest.
  4. Drohte in den Sommerferien noch die Turnbergkatastrophe herein: Die Schule plante den Lehrereinsatz und bescherte dem kleinen Bludgy als Sportlehrerin ausgerechnet die Schinderin vom Schwimmlager in ihrem letzten Dienstjahr, Frau von Turnberg, für immerhin 3 gefürchtete Sportstunden pro Woche.
  5. Im Mosaik endete in diesem Sommer die Ritter Runkel Serie und die Amerika-Abenteuer begannen äußerst langweilig unten in Louisiana mit einem Schiffsrennen der Mississippi-Dampfer der Kapitäne Baxter und Joker. Kein Indianer nirgends! Und auch keine Chance auf Saloon-Schlägerei. Nur Gelaber.

Sommer 1969 war also Scheiße am Rollen!

Wie gut, dass mich da irgendwann die Eltern oder die Großmutter ins Kino lockten – in einen Film mit dem seltsamen Namen „Die Heiden von Kummerow“. Krischan 1Der spielte in der Kaiserzeit irgendwo im Norden an der Küste. Mit 9 hatte ich keinerlei Ahnung, was „Heiden“ sind und den Brauch der „Heidentaufe“, den die Jungs da im Film zelebrieren, indem sie mit im arschkalten Wasser stehen, verstand ich auch nicht; aber den Konflikt zwischen armen Kuhhirten und bösem Tierquäler Düker, dem reichen Müller des Ortes, den verstand ich umso besser.

Auch die Freundschaft zwischen Martin Grambauer und Johannes Bärensprung ging mir nahe, denn auch ich hatte so einen Hang zu interessanten Sitzenbleibern in der Klasse, was Mutti die Sorgenfalten auf die Stirn trieb. Irgendwie wollte ihr mein „Umgang“ mit Günter, Klaus und später Ecke nicht recht gefallen.

„Die gehen nach der 8.Klasse Fluchten mauern. Du willst hoffentlich was werden!“

Schon. Aber: Die fetzten, aber das verstand Mutti nicht.

Und im Film verstehen auch die Mütter nicht, warum alle Dorfkinder den abgerissenen Kuhhirten mögen, der jedes Frühjahr ins Dorf kommt und jeden Herbst wieder verschwindet. Keiner weiß, wohin.

Der Kuhhirte ist Krischan Klammbüdel. Er wird gespielt von Ralf Wolter.

Wären wir Wessi-Kinder, hätten wir gesagt: Sam Hawkins spielt hier den Krischan.

Aber die Karl May Filme kannten wir im Osten 1969 allenfalls vom West-Quartett, wenn überhaupt.

Paul Dahlke als Pastor Breithaupt und Theo Lingen als Superindendent Sanftleben kannten wir aus den Ufa-Komödien, die montags abends liefen.

In den „Heiden von Kummerow“ spielten sie ganz ähnliche Charaktere: Ins Idyllische gewendete Autoritäten. Nebendarsteller irgendwie. Für die Action sorgten andere.

Es war der erste gesamtdeutsch abgedrehte Film nach 1945 und er wurde im Osten im Kino gut besucht. Ich sah ihn dort in meiner Unterstufenzeit mindestens 5mal – und die Reihen waren immer gut gefüllt. Dann kam er alle Jahre wieder im Fernsehen – und ich vermute mal, ich hab ihn dann jedes Mal gesehen, bis ich 13 oder 14 war.

Das war irgendwie Gesetz:

„Nimm dir für Sonnabendnachmittag nischd vor! Da kommen die „Heiden von Kummerow“!“

Der Film stammt von 1967. Ob der bereits ’68 im Ostkino lief, weiß ich nicht. Mir isso, als ob ich ihn ’69 kurz vor- oder kurz nach unserem Urlaub in Bansin/Usedom gesehen habe. Und weil ich zu der Zeit noch ordentlich Ostsee-Flair im mentalen Gepäck hatte, ging mir der Film nahe.

Ich hatte selbst, wie Krischan abend für abend im Dorfkrug 14 Tage lang dasselbe Abendbrot gegessen, weil der Wirt „nur Bockwuast odä S-piegeleieé“ im Angebot hatte: Also regelmäßig 3 Spiegeleier und ne Limo. Der Tisch hatte ebenfalls keine Tischdecke. Immerhin gab es Bierdeckel zum Pyramidenbau. DIE hatte Krischan nicht, bei seinen ärmlichen Abendbroten in der Kummerower Kneipe, abseits am „Henkerstisch“.

Bauernkäuze kannte ich durch das Mitfahren mit Vater „auf Praxis“; bösartige Müller Düker gabs bei mir ganz in der Nähe: z.B. Udos Großvater.

Martin Grambauers Vater, der immer Spitzen gegen die Autorität des Pastors warf, war ganz klar mein eigener Vater, der fleißig gegen einige Lehrer meiner Schule frotzelte:

„Hab dein‘n Direx jetroffm, indor Stadt. Hackedicht warä. Hat die janze Breite von dor Salzstraße jebrauchd.“

Oder:

„Frau von Turnberg? Adel verpflichtet. Da is‘ Inzucht im Spiele. Mach dir ma‘ nich‘ ins Hemd vor der ahlen BDM-Hexe.“

Mutter stoppte zwar meist recht schnell. Aber übrig blieb die Erkenntnis: Erwachsene achten sich durchaus nicht automatisch immer. Ein wohltuender Gedanke. Was BdM war, bekam ich zwar nicht erklärt, aber „Hexe“ war ja deutlich genug.

Und: Martin Grambauer und Johannes Bärensprung – das waren auch zugleich Tom Sawyer und Huck Finn (Deutsche Reichsvariante); der Drehbuchschreiber hatte es voll draufgehabt: Die Kinderdarsteller waren die Haupthelden, die einen Krimi erleben, der für die Erwachsenen nur Alltag ist. Aber auf die Erwachsenen kam es gar nicht so sehr an.

Heute hat das eine ganz eigenartige zweite Message bekommen: Gesamtdeutsch verfilmt hieß: Alle Erwachsenenrollen wurden westdeutsch besetzt. Die Kinder stammten alle von der Insel Rügen. Sie wurden mit Filzstiften bezahlt. Und sie spielten erstaunlich echt und unverkrampft. DEFA-Kinderfilme hatten es oft an sich, dass die Kinderdarsteller „Sprecherkinder“ waren; also „geschult“ ihre Texte aufsagten, was allzu oft steif rüberkam. In den „Heiden von Kummerow“ war das nicht der Fall. Sogar der Fischie-Dialekt kommt durch.

Die Bevormunder also „von drüben“, das „noch zu erziehende Fußvolk“ von hier; aber es lebt eben auch anarchisch unter all den Anweisungen drunter weg, pfeift drauf. Wie man Pfeifen schnitzt, zeigt ihnen Krischan. Der Paria ist der Held! Als er durch Müller Düker in Schwierigkeiten gerät, helfen ihm die Kinder und der „aufsässige“ alte Grambauer, der eh was gegen „die da oben“ hat.

Krischan ist eigentlich auch eine Erwachsenen-Rolle.Und Ralf Wolter ist auch Wessi.  Aber zu den Bevormundern gehört er nicht. Er ist ein altgewordenes Kind. Er verkehrt mit den „Lütten“ von Mann zu Mann. Sie versorgen ihn mit ihren Pausenbroten und verdanken ihm manche Weisheit aus seiner „Seefahrerzeit“. Sie verhelfen ihm am Ende des Films zu seinem Recht, um das er so viele Jahre von den „Großen“ betrogen worden war.

krischan3Krischan Klammbüdel war ein Held meiner Kindheit. Und es half sehr dabei, dass wir seine trottelige Sam Hawkins Rolle nicht kannten.

Nach dem Filmerlebnis las ich auch Ehm Welks Romanvorlage.

Die beiden Hörspielschallplatten „Die Heiden v. K.“ und „Die Gerechten v. K.“ konnte ich auswendig.

Vor ein paar Tagen starb Krischan der Hirte (alias Ralf Wolter) 96jährig und relativ vergessen von der Welt; immerhin erwähnten sie ihn aber noch in der Tagesschau, als Sam Hawkins und in allerlei Nebenrollen – bloß nicht als Krischan Klammbüdel!

Sauerei! Seine beste Rolle! Der Film wirkt heute noch!

Das musste ich reparieren!

Hallo Ralf! Einmal Krischan – immer Krischan!

So wie Dieter Mann für mich auf ewig der Gatt war und Gojko der Dakotahäuptling,

so gehörst du in die „Heiden von Kummerow“!

Basta!

Schlaf gut, Krischan!

Über allen Gipfeln – Heyse mal wieder…

Zweiter Versuch. (inclusive nochmal überarbeitetem Nietzsche-Kasten)

Ein neuer Zeitgeist tut sich hervor – mit einem unbegrenzten Hang zum Schwachsinn.

Bier kaltstellen. An den Rand setzen. Zuschauen. Schnauze halten!

(Schreib wieder für die Schublade. Deinen Politfrust braucht kein Schwein!)

Ich habe „Über allen Gipfeln“ gelesen. Heyse 1895. Und es wühlt mich auf.

Bier holen, eingießen. An den Rand setzen. Zuschauen. Schnauze halten!

Heyse im Alter von 65 Jahren schreibt an – gegen einen immer kränker werdenden Zeitgeist.

Es bringt zwar nichts, weil auch damals schon galt: Alter Mann, was willst du noch? Deine Zeit ist um!

Aber er setzte immerhin ein Zeichen, das spätere Geschlechter finden können, wenn sie ein bissel suchen. Denn die wahren Helden kommen auch in der Literaturgeschichte immer zu kurz.

Was ist da von ihm übrig? „L’Arrabiata“, die eh „La Rabiata“ heißen müsste. Abwink.

Das lehrt mich:

Bier trinken. Am Rand sitzen. Zuschauen. Schnauze halten!

Und siehe: Der alte Mann lag 1895 weiiit richtiger als all die Youngsters – bound for Massengrab.

Heute läuft eine ganz ähnliche intellektuelle Sklerose auf Hochtouren.

Wer bis gestern noch einfache Antworten auf schwierige Fragen gesellschaftlicher Entwicklung hatte, galt als Nazi.

Heute bellen dich auf allen Kanälen lauter Simplicissima an mit ihren Aldi-Argumenten zur Frontlage! Was’n da los? Hab ich’n Regime-Chance verpasst?

Bier trinken. Am Rand sitzen. Zuschauen. Schnauze halten!

Stellt man sich Heyses „Gipfel“-Roman, rezensiert man automatisch zwei Bücher. Nämlich auch Friedrich Nietzsches Durchbruchsbroschürchen „Jenseits von Gut und Böse“ von 1886.

Man muss also ausholen.

Nietzsche hatte zwei oder drei Bücher veröffentlicht, ohne dass dieses Faktum irgendwelche Wellen schlug. Dann schrieb er „Jenseits von Gut und Böse“ als „Glossar zum „Zarathustra“ und DIESES Werk schlug ein. Nun endlich war er Star; aber er hatte nichts mehr davon. 1889 setzte die totale Umnachtung ein. Seine plötzliche geistige Umnachtung wurde früher mit Gehirnzersetzungsprozessen in Folge von Syphilis erklärt; heute gibt es verschiedendliche andere Ansätze für Erklärungen. Bis 1894 edierten zwei Nachlaßverwalter die nachgelassenen Schriften quellentreu, dann trat Nietzsches Schwester (zurückgekehrt aus Paraguay) in Aktion, ließ die bereits gedruckte Auflage einstampfen und gründete das Nietzsche-Archiv unter ihrer Federführung.

Von diesem Zeitpunkt an datieren die Verfälschungen.

Verheiratet war sie mit einem unstrittigen Antisemiten, der für die damalige Zeit typisch obendrein Siedlerträume  a la Kulturbringer hegte und nach Paraguay auswanderte, um dort an den Vorstellungen eines idealen Staates wirken zu können. Was jedoch folgte, waren alsbaldige Desillusionierung und Suizid. Aber sein Einfluß wirkte in ihr weiter. Inwieweit „Wille zur Macht“ und „Blonde Bestie“ wirklich aus der Feder von Nietzsche selbst stammten oder aber hinzugefügte Puzzleteile „von anderer Hand“ sind, wird seit 1945 endlos erforscht, mit immer mal wieder anderen Ergebnis-Nuancen. Somit entstand bisher kein umfassend neues „repariertes“ Nietzscheverständnis; wohl aber eine hochinteressante Ausstellung im Naumburger Nietzsche-Haus.

1886 war das Bändchen jedenfalls sowas, wie eine literarische Sprengladung: Kurz und bündig, in berauschender Sprache abgefasst – und alles über Bord werfend, was bisher galt.

„Umwertung aller Werte“; der Mächtige stehe „jenseits von Gut und Böse“, denn es gäbe nur „Erfolg und Misserfolg“; „Macht oder Ohnmacht“. Das Mittelalter „lebte und regierte danach“ und „befand sich wohl“, denn „das Reich wuchs“.

Diese Lehre einer jugendlichen Schickeria in einem erfolgreichen Kaiserreich ins Maul gelegt, die barmte, dass sie keine Chance zu echten Erfolgen habe, da die Zeiten zu müd’ seien und der „Säbel in der Scheide roste“, trug ganz entscheidend dazu bei, Gewissen abzuschaffen, einzuschläfern, kompliziertes Denken zu verhöhnen; kurz: Daran zu arbeiten, dass „die letzte Schicksalsschlacht“ bald kommen möge, um manch‘ ungediente Uniform mit Orden zu schmücken.

Da all diese „mutigen Gedanken“ von einem Professor stammten, waren sie comme il faut. Jeder spießbürgerliche Gehrockträger wollte nun „markig“ erscheinen und führte fortan Nietzsche-Schlagsätze im Munde.

Halb- oder gar nicht verstandener Nietzsche wurde zur Intellektuellenpandemie.

Heyse sah es kopfschüttelnd mit an.

Als es ihm reichte, schrieb er „Über allen Gipfeln“. Einen Anti-Nietzsche-Roman, indem unter anderem ein Professor in der Bahn eben jene oben genannte Broschüre liest, sie erschöpft und kopfschüttelnd beiseite packt und gegenüber dem mitreisenden, jungen Diplomaten vernichtend darüber urteilt. Der Diplomat jedoch, jüngerer Bauart; sieht nur den alten Mann, der die Zeit nicht mehr versteht, die „genau diese“ Gedanken jetzt nötig hat.

Heyse will veranschaulichen, zu welchen Konsequenzen diese Haltung „jenseits von Gut und Böse zu stehen“, führt. Er braucht also eine Figur, die anfangs gute Ansätze hatte, sich aber im Sumpf der Zeit verläuft, sich im Sinne von Nietzsches(Schwester-)Lehre aufführt, um anschließend „durch Liebe geläutert“ anständig auf der Lebensbahn voranzuschreiten.

Diese Figur im Plot ist Erk von Friesen. Verarmter Adel aus Thüringen, der überraschend reich erbt und nun aufsteigen kann. Er wird preußischer Legationsrat und Weltreisender und kehrt nach 7 Jahren Abwesenheit in seine Geburtsstadt Blendheim zurück.

Im Blendheimer Fürstenschloss wohnt seit ebenfalls 7 Jahren Lena Valentin; eine weitere Heyse-Fee, wie sie durch alle seine Schriften geistern. Von Friesen hatte sie vor seiner Reise kennengelernt, allerdings fehlten ihm damals noch Erbschaft und Karriere, weshalb er sich nicht erklären durfte, da er keine Frau hätte ernähren können. Nun aber, nach 7 Jahren, hoffte er auf ein Happyend. Allerdings finden weder er noch sie zur rechten Zeit das rechte Wort.

Erschwerend kommt hinzu, dass in den besagten 7 Jahren ein Dr. Steinbach sich ebenfalls mehr und mehr in den Gedanken hineingewöhnt hatte, diese Malerin ehelichen zu wollen, da sie so bereitwillig die Illustrationen für sein botanisches Sachbuch übernommen hatte. Er ist ganz der bescheiden-biedere, kleinbürgerliche Angestellte des Fürsten, der die Parks und Gewächshäuser betreut.

Wie sich zeigt, ein verlässlicher, anständiger Bewerber.

Friesen ist sauer über seine eigene Tollpatschigkeit, die die schönsten Situationen vergehen lässt, ohne zum Zuge zu kommen. Schließlich resigniert er, redet sich die Lage aber zu seinen Gunsten schön und beschließt nun Sidonie, die uninteressante Tochter des Ministerpräsidenten zu ehelichen, um diesen später beerben zu können, und somit die heimliche Nr.1 im Ländchen sein zu können.

Der Fürst verbringt seine Zeit mit astronomischen Studien statt mit Regierungsgeschäften. Seine junge exotische Frau langweilt sich zu Tode.

Somit agiert Friesens Schwiegervater in spé wie Schillers Präsident in „Kabale und Liebe“, dem der eigene Sohn nicht zu schade war für eine Mätresse seines Fürsten.

„Heirate mein Kind und schwängere die Fürstin. Der Fürst selber ist zu krank dafür. Gebärt sie einen Erben, ist die Dynastie gerettet.“ Friesen nun also – jenseits von gut und böse – auf dem Nietzsche Weg: Gewissenlos und schnell nach oben.

Nicht nur in dieser Episode kommt einem der 65jährige Heyse wie der junge Schiller vor.

Er, der ein Leben lang Protegé zweier bayrischer Könige war, hatte im Alter vergnatzt alle Stipendien, Leibrenten und Ehrenposten sausen lassen, als eines seiner eigenen Protegés im höfischen Intrigenstrudel unterging. Saturiert für diesen Schritt war er ja nun. Er kannte also den Münchner Hof in- und auswendig und kotzt sich regelrecht frei: Unmoral. Wohlstandsverwahrlosung. Weltfremder wissenschaftlicher Dillettantismus. Abgehobenheit. Keinerlei Kontakt zum Volk – da oben „über allen Gipfeln“.

Das ist doch ach so aktuell, wie nur was! Ich könnte da Vergleiche ziehen… –

Bier holen, eingießen. An den Rand setzen. Zuschauen. Schnauze halten!

Friesen ist drauf und dran, die Fürstin „klarzumachen“, als beide ertappt werden.

Der Nietzsche-Ikarus stürzt ab. Sein Plan A kann nichts mehr werden. Nun kommt Plan B; doch noch irgendwie bei Lena zu landen.

Heyse hat da über 200 Seiten etwas sehr spannend eingefädelt, was nun im letzten Drittel immer schlechter erzählt, schnell zu Ende gebracht wird: Ein bissel hin und her, aber Friesen kriegt Lena und sein Freund Wolfhardt kriegt Lenas Freundin Babsi. Ein Schluss wie für eine 30er-Jahre-UFA-Komödie erdacht. Enttäuschend.

Besonders mies, wie Dr. Steinbach aus dem Weg geräumt wird. Übelste Kolportage. Das passt zu Robert Kraft oder in Karl Mays Münchmeyer Romanketten, aber nicht in einen „Heyse“!

Der schnell über das Knie gebrochene Wohlfühlschluss erinnert an einen ähnlich enttäuschenden Ausgang des sehr viel besseren späteren Romans „gegen den Strom“.

Heyse schien auch hier die lange Form nicht durchzuhalten. Gelangweilt von der Grundidee? Oder frustriert, weil ihm Klarheit über die Hoffnungslosigkeit seines Tuns einkam?

Man weiß es nicht.

Erk von Friesen will nun treuer Ehemann und „ehrlicher“ Diplomat in preußischen Diensten sein. Kein spätabsolutistischer Ministerpräsident in thüringischem Zaunkönigreich. Kein Schwängern von Vorgesetzten-Frauen. Ein geläuterter Anstandsapostel. Das erfüllte Liebesleben machts möglich. So die Message.

Mich erinnerts an die Motivationssaga für frustrierte Streetworker in den 90ern, die die Skinheads in jenen Baseballschlägerjahren in Schach halten sollten.

„Wenn der Skin sich in eine Russlanddeutsche aus Kasachstan verliebt, isses aus mit der Hitlerei.“

Im Einzelfall ist das sicher richtig. Massenvermählungen von Skins mit Nastjenkas sind jedoch nicht überliefert.

Ich hadere mit fast allen Charakteren des Büchleins.

Erk ist kein Sympathieträger. Ein Windhund. Ein arroganter Sack. Man gönnt ihm halt die Lena nicht.

Andererseits ist Lena ein Eisberg. Da ist keine knisternde Leidenschaft im Werk, wie das Heyse doch unzählige Male hinbekam! In „Vroni“, im „Marienkind“, in „Gute Kameraden“ oder erst Frau von Rittberg in „gegen den Strom“! Dagegen bleibt Lena „nur ne Leinwand, schade dass ich das sagen muss“, um mal „Uns‘ Udo“ einfließen zu lassen.

Dr. Steinbach und Sidonie, die Tochter des Ministerpräsidenten, können einem leidtun. Heyse müht sich -irgendwie ungekonnt-, sie lächerlich wirken zu lassen. Sie werden um ihre Hoffnungen geprellt und im Gerede der anderen Figuren kleingemacht, verhöhnt, abgewatscht – aber da ist eigentlich nichts, was wirklich als Minuspunkt zählen würde. Wunderschön beschrieben, wie Sidonie beseelt singt, als sie von Friesen am Klavier begleitet wird, weil sie glaubt, das sei es jetzt: Endlich einer, der mich mag! Morgen wird er sich erklären! Die Verlobung kann kommen! Und dann – nichts! Eine plautzige Äußerung von Lenas Freundin Babsi reißt sie wenig später aus allen Wolken. Das fällt eher negativ auf die Verhöhner zurück und das sind ausgerechnet die, die die positiven Figuren darstellen sollen.

Dem Roman fehlen glutvolle Identifikationsfiguren, wie sie „himmlische/irdische Liebe“ und „Grafenschloss“ zum Beispiel in den Jahren zuvor hatten und wie sie die „Erschaffung der Venus“ einige Jahre später wiederum haben wird.

Ein großes Unterfangen ging hier also nur teilweise auf.

Aber immerhin blieb hier ein Zeitzeichen erhalten, als ein alter Mann erfolglos gegen Zeitgeist anschrieb – und Recht behielt.

Bier holen. Einschenken. CD wechseln. Computer herunterfahren. Detox Day!

Wege übers Land – mit Hanns von Zobeltitz

Der nächste „vergessene Autor“!

Hier geht es im Folgenden um Hanns von Zobeltitz. Und vor allem um sein Erfolgsbuch von einst: „Auf märkischer Erde“(1910). Und wie immer um mich – und wieso ich auf die Idee komme, sowas freiwillig zu lesen.

Schnitt.

  1. Wie Findeisen versuchte, sich einzurichten

Fährt ein Jetta über Land. Baujahr’84. Im Jahre 94. Speichenfelgen und Kofferraum. Der gab den Ausschlag. 91 beim Kauf. Nach Jahren des Trabifahrens; endlich Klappe auf, Zeug rein, Klappe zu. Los. Nicht Trabikofferraum mit Ersatzrad und Benzinkanister und dann zirkeln, zirkeln, zirkeln, damit junge Eheleute mit Kleinkind alles unterkriegen, was mitmuss.  – Eigentlich sollte es 1991 nun endlich irgendwas rundgelutschtes Westliches werden. Weg vom Massen-Car! Auf keinen Fall ein Golf! Dann kam ich mit dem eleganten, rollenden Ziegelstein nach Hause. Golf mit Kofferraum. So kann‘s gehen. So begann es, das Kleinschmelzen der West- Illusionen. So begann sie, die lange Reihe der West-Cars… Noch fuhr ich den ersten. Mitte der 90er. Im „Niemandsland von Preußen“. Unterwegs zum neuen Antiquariat. Irgendwo im Wald hinter Rippdichow. Über Ostpreußen wurde geschrieben und eine wahre Dok-Film-Schwemme erzeugt; im Laufe der Jahre. Über Schlesien gibt es immerhin die Heimwehbildbände im Weltbildkatalog.

bdr

Aber über die Mark? Speziell ihren Norden? Schonmal einen Prignitzroman gelesen? Oder einen, der in der- /um die Grafschaft Ruppin herum irgendeinen Wirbel macht?

Den Fahrer plagt Heimweh. Gerade hat er Plan A für das weitere Leben ad acta legen müssen. War also nichts mit jahrzehntelangem Glück und Sonnenschein im Saaletal! Hier oben waren die Flüsse schmaler, die Burgruinen spärlicher gesät. Beruflich war er recht beliebt. Auf Anhieb. Das war kurios. Aber andererseits blieb das Kontakteknüpfen schwierig. Immerhin – nu hatte er’n Haus zum Um-und Ausbau. Aber eben 300 km „zu weit oben“ auf der Karte. Der No-where-man…

Im Jetta läuft, wenn nicht gerade Reinhard Lakomy – Southern-Rock.

„Lord, I was born a ramblin‘ man
Tryin‘ to make a livin‘ and doin‘ the best I can…“

Der deutsche Osten nach 1989, das ist sowas wie der Grand Ol‘ South, der besiegte Teil des Landes; aus dem gerade viele wegwollen. Die Straßen hier oben werden schneller in Schuss gebracht als im Süden der Ehemaligen. Weiß der Teufel warum. Und Prärie drumherum ist allenthalben!

„So we had a great big Convoy, rockin‘ through the night…“

„Mensch hau ab! Meine Zeit is knapp. – – – Guck dir an! Der Idiot! Mensch, der fährt noch bei Rot!“

„In Brandenburg, in Brandenburg, ist wieder einer in die Allee gegurkt. Was soll man auch machen mit 17/18 in Brandenburg.“

dig

Ja, die Zeiten waren zum Pläne wegschmeißen. Des Fahrers Eltern hatte es ’45 von ihrer Scholle geweht. Tapfer, clever, mühevoll erschufen sie ein neues heimeliges Nest weitab von daheim in einer mythisch anmutenden Gegend zwischen lauter Burgruinen. Und ihr Großer, der das bewahren wollte, und der eh ganz von selbst mit so einem dynastischen Klaps und Hang zu „alten Zeiten“ geboren ward, wenn es die eigene Familie betraf – der saß nun da, wo noch nicht mal Pfeffer wächst, fest und kam nicht mehr weg.

Überall flogen Leute raus. Wer jetzt irgendwo innerhalb Ossi-Land irgendwo hinzieht, ist dort, wo er ankommt, immer der zuletzt Gekommene; also der erste der fliegt: Überstruktur!

„Ich brauche nur zweiorlai: Oarbeitslus un‘ Spoaß dabei!“,

war der genial zynische Kommentar von Vickie Vomitt, der damit einen Hit landete.

Adieu, du schöner Plan von der triumphalen Heimkehr ins Saaletal! Vielleicht in der Rente mal.

Wie also einrichten, da wo keiner freiwillig hinzieht, wenn er nicht von da stammt?! Ostelbien. Auf Dauer?!

Das kann dauern, bis die meinen Namen gefressen haben!

„Für wen soll das gescheh’n?“

„Findeisen“

„Wie?“

„Findeisen. In Bresekow.“

„Gut Herr Vieleisen. Viel Hoffnung mach ich ihnen aber nicht…“

„Findeisen.“

„Wie?“

„Ach schreim Se „Ehemals Vielecke in Bresekow“. Das war der Name meiner Frau.“

„Vielecke! Burghaaad Vielecke! Mit dem hab ich mal gesoffen. Das war ihr Schwiegervater?“

„Genau der.“

„Ja dann. Kommen wir nächste Woche zu – Vieleisen“
„Findeisen!“

“Naja, wir wissen dann schon. Bei Burghaaddn.“

(Watt wea eijentli jewes‘n, wenn ick Przschlewinsky jeheeßn hätte?)

Das gefiel mir schon nicht, und dann:

18 Gefechtsalarm

Ich hatte da so einschlägige Erfahrungen. Von damals. Prora. Dort hatte ich soviel Kontakt mit Typen, denen die Gefängnisse von Rüdersdorf und Cottbus quasi Zweitwohnung waren, dass mich sogar heute noch der ketzerische Gedanke umtreibt: Der „Unrechtsstaat“ locht bei Leibe nicht immer nur die Falschen ein.

„Du warst och schon im Knast?“

„Yo, klar. Eehn Jahr sechs Monate eijentli‘ , aba wejen jute Führung hamse mir eha jehn lassen, aba nu musst ick prompt wida 6 Monate in die Scheiße hia einfahrn. Ick hab noch watt jut bei die, wennet ma andasrum jeht. Det kannste glohm!“

„Weshalb warst’n drinne?“

„Polütüsch. Ick hab ehn vonne Pa’tei umjehaun. Hattick Ärja in Kneipe. Fängta Pippl an mia ßu belea‘n. Wollt ick nüsch. Rumms.“ Er deutet einen Faustschlag an. „Und wia umfällt, wah det da neue ABVer in ßiwiel. Konnt‘ ick doch nüsch ahn, sowat!“

So welcome to the North.

Klar gabs solche Typen auch im Saale-Tal. Aber da fielen se mir nicht so auf. Denn erstens klingt der Assi-Slang auf hallensisch lustiger. „Bass of meinor! S‘ klatschd glei!“ Und zweitens hatte ich im zivilen Umgang ein intaktes Umfeld normaler Leute um mich rum. Aber Prora, das war eben eine Welt für sich.

Es galt, sich also irgendwie zu gewöhnen. Und Bücher und Musik hatten mir schon über einige Krisen hinweggeholfen.

  1. Wie Findeisen den Zobeltitz fand

Da traf es sich, dass in der Zeitung stand, ein Westberliner Antiquar habe die Landschaft des Moloch-Umlandes für sich entdeckt und sei in die Ostprignitz gezogen, um dort als der Weise aus dem Wald in abgelegenen Dörfchen ein „Bücher-Café“ zu errichten.

Nichts wie hin!

Aber oweh. Mit dem „Weisen aus dem Walde“ wurde es nie wirklich was Dauerhaftes.

Ich weiß nicht, woran es lag, dass der sich nicht einmal an die eigenen Öffnungszeiten hielt, und man also nach doch einigen Kilometern Anfahrt stets vor verschlossener Türe stand.

Auch mit dem Kaffee-Ausschank haperte es mächtig, wenn sich denn mal die Ladentür doch öffnete.

Nach wenigen Jahren gab er auf und „floh“(?) nach Berlin zurück.

Immerhin geriet mir dort im Walde als erster Fang von nur 3 Käufen „Auf Märkischer Erde“ in die Finger. Hanns von Zobeltitz. Wie sich zeigen sollte, eine lohnende Entdeckung.

„Machste dich also ma‘ bekannt mit deiner neuen Wirkungsgechend; historischerseits; nöch?! Mitm Reden hamses hier ja nich so.“

„Lord, I was born a ramblin‘ man
Tryin‘ to make a livin‘ and doin‘ the best I can…“

Eben.

  1. Was Zobeltitz so wertvoll macht (I)

Es gab ja mehrere Zobeltitze mit mehr oder weniger Kurzzeit-Ruhm.

Hanns von Zobeltitz (1852 – 1918) war ein preußischer Schriftsteller. Sein Bruder Fedor v. Z. war seinerzeit berühmter, weil er mehr schrieb und sich weniger öffentlichkeitsscheu gab, was Interviews und Engagement-Beteiligung für diverse gute Zwecke betraf. Hanns war eher der Kauz. Der Zurückgezogene. Aber vermutlich kein typischer Schreiberling-Kotzbrocken wie Hesse oder Grass.

Eher eine „ehrliche Haut“, die warmherzig gewinnend über brandenburgisch/preußische Verhältnisse schreiben konnte. (Kritik an der Gesellschaft kommt in seinem Schaffen nie bitterböse, sondern immer mit bedauerndem Unterton vor.) Die eigenen Familiengeschichte ist sein Erzählfundament, wie das aufschlussreiche Erinnerungsbändchen „Im Knödelländchen“ verrät. Allzeit ist das zobeltitzsche Brandenburg lebendiger als Fontanes destilliertes Figurenensemble. Auf interessante Weise werden heute vergessene Alltagsgepflogenheiten in die Handlung eingeflochten, da dem Autor sehr bewusst ist, wie stark sich die Verhältnisse seit seiner Jugend in den 60ern des 19. Jhds wandeln. (Das geht seinem späten Boomer-Leser 1995 und 2022 exakt genauso!) Somit hält er viel fest von dem, was bald keiner mehr kennen wird. Bewahrendes Schreiben – sozusagen. Und so lüftet dir hier einer den Vorhang in alte Zeiten und bebildert dir dein bisher totes Faktenwissen über die Bismarckzeit und zu deinen Fragen bezüglich der Seltsamkeiten brandenburgischer Mentalität.

Schnitt.

  1. Was man in „Auf märkischer Erde“ erfährt

zobeltitz 0Der Roman spielt in der Neumark (heute Polen) und Berlin. Dem alten, gepflegten Berlin. Wo die Regimenter noch „auf den Kreuzberg“ ziehen – zum Exerzieren. Wo man im Kroll’schen Garten unter Lampions lustwandelt und knutscht; wo die Eisenbahnspekulanten in klassizistischen Palais wohnen. Zeitraum der Handlung sind die Jahre 1861-1866. Heeresreformkonflikt, Deutsch-Dänischer Krieg, Deutscher Krieg fließen gekonnt ins Geschehen daheim ein. Zobeltitz zeigt hier Fingerspitzengefühl; switscht zwischen naiv-ehrlicher Begeisterung, nassforschen Schwadroneuren und der Tatsache, dass auch auf Siegerseite schmerzhaft Opfer verkraftet werden müssen, meisterhaft hin und her. Das verdeutlicht glaubhaft die gesamte Bandbreite damaliger Denkweisen. Man meint hier, als Leser von heute, einen „halben Remarque“ läuten zu hören.

Vorgestellt werden drei Generationen Landadel.

  1. Den alten Rittmeister Hackentin auf Rohlbek; der Veteran von 1813, der der alten feudalen Zeit nachtrauert, auf die Demokraten schimpft und eisern spart. Aber der wirtschaftliche Untergang des Gutes ist absehbar. Obwohl die Herrschaft bereits lebt, wie die Landarbeiter: Brotsuppe und Stampfkartoffeln Tag ein Tag aus. Traditionsgemäß hält der Gutsherr gute Freundschaft zum gleichaltrigen Pastor von gleichfalls konservativem Geiste. Die Industrialisierung wird nicht verstanden. Beide alte Herren machen allabendlich ihre Gassi-Runde mit den Hunden durchs Dorf und beargwöhnen den Kantor, der sich doch tatsächlich unverbesserlich erfrecht, die liberale „Tribüne“ zu lesen.
  2. Seine beiden Söhne, Wilhelm und Friedrich, die bereits „Berufe“ haben. Der eine versucht sich als Eisenbahnspekulant und Strippenzieher, auf dass eine Bahn Berlin-Posen entstehen möge, die der Neumark Aufschwung bringt. Der andere dilettiert als Bürgermeister und Kreisrichter, sowie als liberaler Kandidat für das Abgeordnetenhaus, weshalb bei Rittmeisters nicht mehr von ihm gesprochen werden darf. Und –
  3. Gibt’s dann noch die beiden Enkel des Rittmeisters, die Söhne des „Eisenbahners“: Hanns und Thede. Im Grundschulalter. Die balgen sich stets und ständig um die Posttasche, die sie täglich an der Brücke vom Postillion „erbeuten“ und dem Großvater bringen.

In der Hauptsache jedoch geht es um Helene von Hackentin, die Schwester der beiden Rittmeister-Söhne; der „Spätling“ des Rittmeisters; die verehrte Teenie-Tante von Hanns und Thede. Sie bekommt die Empfehlung, ihr Gesangstalent ausbilden zu lassen, egal ob nur für den standesgemäßen Hausgebrauch oder doch mal für den ein oder anderen Konzertsaal; was für ein Fräulein „von“ zu der Zeit noch ein übles Pfui-pfui-pfui bedeutet, aber immerhin Einkommen ermöglicht haben würde. Die volljährigen Hackenthins pfeifen finanziell alle auf dem letzten Loch.

So kommt es im Buch zu jener Passage, in der Helene über ihre Familiengeschicke nachdenkt und erkennt, dass das „heiße Blut der Hackentins“ ein ausgewogenes Geschäftsgebaren bisher verhindert hat – und das hoffentlich Hanns und Thede einst mehr Glück haben werden, um „Mehrer statt Verzehrer von Vermögen“ sein zu können.

Helene von Hackentin hat nicht nur tolle philosophische Anwandlungen, sondern sie pubertiert auch ganz hervorragend. Für mich DER Clou dieses Romans. Das liest sich so heutig!

Auch ihre Musikbegeisterung, die freilich damals leider ganz ohne Rock & Roll auskommen musste, passt bestens. Wenn sie zum Auftritt vor Verwundeten z.B. ausgerechnet Uhlands „Frühlingsglaube“ auswählt und da 1866 im Spätsommer nun ach so passend „Nun muss sich alles, alles wenden!“ schmettert. Das ist das metaphorische Denken des Ossis 120 Jahre später, beim Hören von Renft-, Lift-, oder Silly-Songs!

Aber zusätzlich gibt es das ganze, zeitlos wirre, Hin-und-her-Gezicke des schönen Geschlechts:

„Nein, ich singe nicht!“ – Singt dann aber doch.

„Bin ich verliebt in ihn? Nein! Der ist nichts für mich!“ – Liebt Idol 1 aber doch. Wenn auch unglücklich.

„Ich sollte ihn lieben.“  – Liebt Nr.2  dann aber doch nicht.

Und schließlich beim dritten Mal: „Ich liebe dich auch! Ja, lass uns heiraten! – Nein, ich kann nicht! Gib mich frei! – Vergiss mich! Lass uns Freunde bleiben. Du musst in den Krieg? Du liebst mich? Ich weiß. Dann lass uns doch heiraten! (Aber eigentlich kann ich ihn nicht lieben, obwohl ich ihn lieben sollte. Er hätte es verdient …)

Das ist das leibhaftige Joan Armatrading Syndrom! Lies mal ihre Texte des „to the limit“ Albums!

  1. Was Zobeltitz so wertvoll macht (II)

Alles in allem ist Hanns von Zobeltitz ein empathischer, sehr warmherziger Realist. Also ein sehr gut lesbarer Autor.

Er erzählt dir die Verschnarchtheit des ländlichen Raumes in Preußen in „Heiden von Kummerow-Manier“. Es gibt Bauern und es gibt Gutsherren. Und beide Seiten brauchen eigentlich – kein Buch. Alles lebt „von der Hand in den Mund“. Der Wechsel nach Berlin gleicht dem in eine andere Galaxie.

Das hat seine Ursachen in dem hier:

(Schuld daran ist der große Kurfürst Friedrich Wilhelm. Der musste nach dem 30jährigen Krieg seine entvölkerte Mark wieder aufbauen. Er hatte sich von den Holländern die Akzise-Steuer (Mittelding aus Umsatz- und Mehrwertsteuer) abgeguckt und führte diese nun in seinen darniederliegenden Provinzen ein. Einige hatte der Krieg zwar verschont (Ostpreußen, Jülich und Berg; also die östlichsten und die westlichsten Flicken „seiner Lande“) aber die große Provinz Brandenburg war Wüstenei. Da die Akzise-Steuer umso höher ausfiel, je mehr Erfolg du hast – bremste sie den Ehrgeiz, viel Erfolg haben zu wollen. Die ostpreußischen (Bürger-)Stände probten gar den Aufstand und bekamen von der neu formierten Armee eins drüber. So kuschte man und verkniff sich das Investieren weitgehend. Die -allerdings sehr weise- Wirtschaftsförderung in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Preußen investierte in den Ruhrpott, Berlin und Oberschlesien. Die Städtchen dazwischen blieben ackerbäuerlich. Die Vielstaaterei des Mittelalters hatte einst den Aufstieg vieler deutscher Städte ermöglicht. Anderswo. Im Süden. Im Westen. An den Küsten. In Kernland Brandenburg blieb alles „Muh“ und „Mäh“. Bis 1945. In der Prignitz und Uckermark bis heute.)

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Das liest man so in Sachbüchern über die Hohenzollern oder Broschüren über „das neue Bundesland Brandenburg“, um es gleich wieder zu vergessen. Nach Zobeltitz-Lektüre hast du dafür Bilder im Kopf. Diese Selbstbeschränkung. Diese Hinnahme-Bereitschaft. Dieses treudoof Duldsame. „Ach lass mal. Das ist ja Politik.“ Dieses sich im Einklang mit den neuen Machthabern fühlen. Für alle diese Typen hast du anschließend auf Arbeit und im Wohnumfeld die aktuellen Entsprechungen.

Als der Jetta-Fahrer das Buch durchhatte, hatte er ein Feeling für die Gegend. Der erste gute Kumpel wurde – ein Pastor. Die paar Bücherwürmer der Gegend mussten sich einfach finden! Die Gespräche hatten was Rohlbek’sches: Genüsslich den Zeitgeist ohrfeigen. Allerdings fehlte mir das „von“ und ihm der Hund.

Da sich somit Zobeltitz als ein wichtiger Helfer erwiesen hatte, musste mehr von ihm ran: Vier Bände sind es seither geworden. Aufschlussreich der vierte Kauf: „Aus dem Knödelländchen“. Gemeint ist die Zobeltitz-Heimat auf der rechten Oder-Seite, das Gut seiner Vorfahren. Hier wird schlagartig klar, wie wenig verschlüsselt – ja beinahe 1:1 – die Hackentins eigentlich die Zobeltitze sind.

Hanns ist sogar ganz realiter Hanns geblieben, während Fedor zu Thede mutierte.

„Auf märkischer Erde“ sollte jedem Restpreußen, und solchen, die’s hier her verschlug, eine Bibel sein!

Schnitt.

  1. Nachspiel: Wie Zobeltitz im Alltag hilft

Eines schönen Tages wollte ein Kollege den Jetta-Fahrer wiedermal befrotzeln.

Wir waren uns beide unserer gelinden Bösartigkeit bewusst, die immer wieder einmal in kleinen Wortgefechten zu verblüffend anschaulichen Assoziationen führte. Sein BVB war schonwieder nicht Meister geworden, und bevor ich ihn nun diesbezüglich veräppeln konnte, suchte er ein bissel Frustabbau und kam mir zuvor:

„Da, wo du jed‘n Morgen herkommst, wohnen doch ooch nur 3 Spitzbu’m und ne Handvoll Skinheads, oder? Det Nest kricht demnächst s Stadtrecht ab-arkannt.“

„Yep.“

„Und? Nix? Keen Konter heute?“

„Wozu? Bin nich‘ von da. Bin so’ne Art Missionar unter Einjebornen. Ick arrangier mir mittä Kannibaln. Sollte vielleicht mit’n Pastor abends durch’n Ort flaniern und de letzten Kommunisten zähln.“

„Oops. So siehst du das?“

Genüsslich grinsend konnte ich ihn stehen lassen. DIE Runde ging an mich.

Zobeltitz macht‘s möglich.

„Lord, I was born a ramblin‘ man
Tryin‘ to make a livin‘ and doin‘ the best I can.

And when it’s time for leavin‘
I hope you’ll understand – that I was born a ramblin‘ man.

  1. watt inßwischn jeworn is

Na Lesalein? Hast ja durchjehalt’n. Wa’n langa Riem. Tschuldik mia für. Den Slang ha’ick nu droff.

Inßwischn hatt sich det allet n bisken beruhischd. Et jibbt hier Roger Dean Wälder. Lady Agnes, die Reinhard Mey besung‘ hat, steht hia rumm und rostet. Kahlbutz, den Stern Combo un Transit besung‘ hamm, is areischba‘!  Schloss Ganzer und Schloss Wustrau, die Fontane beschriem hat. Die Ruin‘ von Genshagen ebenso. Herr!von! RibbeckaufRibbeckimHavelland is och nüsch aussa Welt… Et läppad süsch. Et jeht. Hätte allet viel schlümma komm könn. Viel schlümma.

Nix für unjut! Brändenbörg.

Victoria regis

Stehen zwei Typen mit ihren Fahrrädern unter der Saalebrücke, über die gerade ein Güterzug ächzt: Du-dumm, du-dumm-du-dumm… ringsherum geht die Welt unter. Wolkenbruch tränkt die Weinberge am andern Ufer drüben, Donner und Blitz! Monsun. Wie das eben so ist, wenn die Wolkenwand sich mit aller Kraft über die Saale schieben will.

NovalisBeide erinnert das Gepolter des elendlangen Zuges an „City-Nord“, da sie Plattenjunkies sind und das gleichnamige Instrumental von Novalis kennen. Die betreffende LP war dem einen von beiden gerade zuvor ins Netz gegangen. Für hundertzwanzig Mark. Auf Tipp des anderen, der gerade nicht liquide war. Mauerzeit. Aber ein Gespräch kommt nicht in Gang. „Manchmal fällt der Regen eben lang, hab keine Angst, hab keine Bang, bleibe nur du Sonnengeschöpf, bis sie erscheint, dich zu erfreun…“, war auch drauf…

…und deshalb malte sich der eine von den beiden ein Mädchengesicht in den Himmel, den beide gerade prüften, ob es nicht bald wieder heller würde.

Dieses Mädchengesicht erschien ihm manchmal, denn da war so was wie eine Schuld, die an ihm nagte. Sie war die verständnisvollste, netteste, die er je getroffen hatte. Da war irgendwie ein Gleichklang der Seelen gewesen. Es matchte; würden die Sprachpanscher von heute sagen. Dummerweise waren beide 15 und dass da was war, bekamen auch andere mit. Die Sticheleien kamen prompt, denn sie war – nun: – nicht die Attraktivste.

Da hätte er sich grade machen müssen!

Ein Schlag in so eine Lästerfresse zur richtigen Zeit wäre richtig gewesen!

Aber er war kein Held. Er kniff.

Zwei Königskinder kamen nicht zusammen. Man kennt das. Das Wasser war IHM zu tief.

Nun war er 22, stand mit seinem Kumpel unter der Brücke – und dachte an sie, wie so oft später auch.

Und 40 Jahre später, im Jahre 2022 flatterte ihm nun sein 18ter Heyse ins Haus. „Victoria regis“. Bestehend aus 6 Novellen. Und in der ersten gewitterts in den Weinbergen und eine große tiefgründige Liebe kommt nicht in Gang. Und in der zweiten beichtet ein glücklich verheirateter Erfolgsmensch, den alle Welt um seine schöne Frau beneidet, dass „dies Haus hier eigentlich für eine ganz andere gedacht war“, die jedoch wusste, dass es die Natur rein äußerlich nicht gut mit ihr gemeint hatte – und die ihm knallhart realistisch vor Augen führte:

Was wird sein, wenn die erste Begeisterung verflogen ist, wie das in langen Beziehungen nun einmal geschieht? Wenn dich unsere Gespräche nicht mehr fesseln? Wenn dir mein Äußeres bewusst – und zur Last wird? Dann würde unsere Ehe zur Qual für uns beide. Lass uns diesen Fehler nicht leben!

Ja, Volltreffer. Zwei Novellen. Zwei Ohrfeigen.

Und das geht so weiter.

In Novelle drei: Die verstoßene Patentante führt ihrem Patenkind vor Augen, dass man kämpfen muss: Sein Lebensglück bekommt man nicht geschenkt. Im Kampf gibt es Verluste: Das familiäre Ansehen, das Erbe – aber es lohnt: Werde Du selbst!

In Novelle vier: Deine Liebe stammt aus dem No-go-Revier! Hältst du das aus, dich zu ihr zu bekennen? Blamiert dich ihr Bekanntenkreis? Oder bedroht der dich gar? Bist du bereit zum Wechsel in eine andere gesellschaftliche Sphäre? Oder gehst du dann doch lieber „in die Kolonien“?

Novelle 5, ein positiver Aufrappler im ansonsten schwer dramatischen Geschehen des Bandes: SO ist Kleinstadt! Wie man tickt, wie man von verblichenen Phasen der Stadtgeschichte zehrt: Ex-Residenz eines Grafen, Fast-Messe-Stadt, fast Metropole, gegenüber den Dörfern ringsum IMMERNOCH! Wie man „Kultur“ pflegt. Wie man sie feiert. Auch wenn es sich eigentlich nur um plump-sentimentale Clownerie handelt. Wie Prominenz in der Provinz entsteht… 1905 geschrieben vom Heyse… aber 2019 immernoch-so erlebt. Von mir. Ich hab ALLE wiedererkannt, die da auftauchen!

Novelle 6: Der kleine feine – sehr feine – Schlussakkord unter dieses Bündel großer Schicksale: Heyse gibt das Lebensgeheimnis seiner Lieblingstante preis; wunderschön erzählt. Es rangt sich um ein seltsames Schmuckstück, das sie besaß und ihm vererbte.

Ja, an solchen Klunkern von einst hängen bisweilen filmreife Episoden des Leidensweges längst dahingegangener Ahnen.

Nach den letzten Seiten des Buches, zog ich die Schublade auf, holte die Brosche meiner Uroma heraus, die eingenäht in Mantelsaum 1945 alle Tschechen-Plünderungen überstanden hatte; und die auch danach -stets bewahrt- nicht zu Brot getauscht wurde.

Ich drehte sie in den Fingern, sah das verlorene Patrizier-Palais waydown south hinter den Bergen und das ärmliche Färberhaus von Frohburg – und im Player lief:

Manchmal fällt der Regen eben lang…

Paul Heyse „Victoria regis- und andere Novellen“ (Cotta 1905). Perfekt konzipiertes Alterswerk!

(enthalten sind: Victoria regis – Lucile – Tante Lene – die Ärztin – der Hausgeist – der Ring)

Wolzogen

Na? Schon im Kino gewesen? „Downton Abbey“ der Kinofilm Nr.2?! Soll vorwiegend in Südfrankreich spielen, wegen Erbe und so.

„Downton Abbey“ ist eine erfolgreiche – ä – DIE erfolgreichste TV-Serie in Great Britain. Mick Jagger soll Stones-Probe-Termine nach Fernsehprogramm gelegt haben: „Da geht’s nicht. Da läuft „Downton Abbey“!“Downton abbey

„Downton Abbey“ ist Historienfernsehen vom (fast) feinsten. Es gibt derzeit nichts Besseres, aber vieles, was weit schlechter gerät.

Zwar ist ein bissel viel Frauenemanzipation hineingerührt worden; sogar so falsch, dass der Eindruck entstehen könnte, dass diese ausgerechnet im adligen Oberhaus-Klientel ihren Anfang nahm; – das macht meinem Historikerherz in manchen Szenen Pickel, – aber im Großen und Ganzen geht es.

Abenteuer und Ränke im Schloss – Bediente und Bedienstete, Ladies and Lords – relativ realistisch verwoben. Gute alte Zeit – mit bösen Widerhaken.

Und da hockst du so vor dem Fernseher, wenn die DVDs laufen und fragst dich: Warum ist der Deutsche Film zu sowas nicht in der Lage?

In den letzten Wochen fing ich wieder erfolgreich einiges antiquarisches Kulturgut ein, um mein Idyll zu polstern. Vieles davon schreit nach Verfilmung. Vergeblich.

Je beschissener sich dieses 21. Jahrhundert entwickelt, umso mehr Gründe zum Granteln und zum Kotzen finden sich. Aber das ist schade um die Lebenszeit. Und nützt eh nix. (Wenn man’s nur durchhielte. Das beredte Schweigen.)

Ich bin auf der Flucht. Vor den Medien. Weltflucht. „Nicht mehr mit 60, Honey!“

Ein großes Glas Hopfenblütentee. Ein gutes Buch. Klänge aus der Jugendzeit. Und Gottfried Benns Nihilismus. So geht’s noch.

Und so stieß ich auf ihn:

Ernst von Wolzogen, „Die Tolle Komtess“, Engelhorn 1890.

Also noch ein alter Herr der Literatur der vorletzten Jahrhundertwende.

Es rundet sich mehr und mehr das Bild in mir: Unsere Literaturgeschichte des späten 19. Jahrhunderts ist vielfältiger und reicher als die russische – nur weiß das eben keiner im Lande der „allwissenden“ Ignoranten. Fontane und Mann und aus, jaja.

KrischanErnst von Wolzogen schrieb1889/90 „Die tolle Komtess“ – und siehe: Es ist „Downton Abbey“ auf Deutsch, mit Versatzstücken der „Heiden von Kummerow“, die bekanntlich erst in den Neuzehnhundert-Dreißigern von Ehm Welk geschrieben wurden. Dauerbrenner und Erfolgsfilm für Kindheiten wie meine in den 60ern.

Ein gesamtdeutscher Film mitten im Kalten Krieg der 60er Jahre übrigens: Die Stars von „drüben“, die Kulisse und die Nebendarsteller von „hier“. Gedreht auf- und um Rügen. Mit „Sam Hawkins“-Darsteller Ralf Wolter unvergessen als Krischan Klammbüdel.

Wolzogen beherrscht wie Ehm Welk dieses erzählerische Gleichgewicht zwischen Lachenmachen und Weinen lassen. Es gibt diese wohldosierten Schmunzler, die auch nach 130 Jahren noch funktionieren. Aber das Buch ist kein alberner Schwank.

Wir erleben Geschehnisse in einem Landschloss in der Nähe von Teterow in Mecklenburg mit – und lassen uns die heile Welt der Gutsherrschaft präsentieren.

Graf und Gräfin, zwei mehr oder weniger erwachsene Töchter, der alte Kutscher, der schlitzohrige Gärtner, zwei Pastorentöchter, ein heiratswilliger Inspektor …

Hinzu treten zwei Neueinstellungen: ein bankrottgegangener Adliger, der der neue Oberinspektor wird und eine attraktive neue Hausdame, die den Vorsitz über das Gesinde übernehmen soll.

Die beiden neuen bringen die Probleme mit, in die die anderen hineingezogen werden.

Es entrollt sich ein unterhaltsames Panoptikum. Besonders gelungen sticht die alte Gräfin heraus, zwischen starr pedantischem Protestantentum und reichlich Mutterwitz und Nonchalance im Umgang mit den „ebenbürtigen“ Gegenspielern. Mir geisterten da immerzu Heidi Kabel oder Inge Meysel vor dem inneren Auge herum.

Aber da mischt sich auch anderes in die Mitdenkebene ein: Wie war das nochmal mit der Bodenreform? War da was?

In der 4. Klasse ungefähr; im Fach „Heimatkunde“, welches inzwischen zu „Sachkunde“ mutierte, wurden wir Steppkes eines Tages in die Aula verfrachtet. Boomer-Zeiten. Wir waren 4 Klassen a 32 Schüler im Schnitt, die Aula war also gut gefüllt. Eine hexenhafte Biologielehrerin, die wir in der 4. Klasse noch nicht kannten, die aber später über uns kam, hatte die Oberhoheit über den Filmapparat und eingelegt wurde:

Ein kurzer Unterrichtsfilm von vielleicht einer halben Stunde, der Feldarbeit zu „Zeiten des Junkertums“ zeigte. Bauern sensen in Reih und Glied ein Kornfeld; Bauernmädchen und Knechte errichten Strohpuppen, laden Pferdewagen voll. Ein Inspektor kommt geritten und jagt mit der Reitpeitsche Pause machende Bäuerinnen am Feldrand hoch. Szenenwechsel: Bauern in der Scheune dreschen das Getreide mit Dreschflegeln. Werfen das gedroschene Stroh seitwärts auf einen Haufen. Der Inspektor kontrolliert es und findet eine Ähre. Er zückt sein Notizbuch und notiert die Namen der Dreschenden. Minuspunkt für später.

Sicherlich richtig und nur wenig übertrieben. Derartige Szenen der vorsintflutlichen Landarbeit kommen im Buch nicht vor. Aber auch „Downton Abbey“ verrät nicht, woher der Lord sein Geld hat.

Trotzdem bleibt hier wie dort Soziales nicht ausgespart.

Auch Wolzogens Roman hat – bei aller Lust am Idyll – diese zweite Schiene. Die Bediensteten bleiben zwar Staffage. Jedoch kommt Elend, Prostitution, Kriminalität, Kulturgefälle bei Mesalliancen am Beispiel des Lebensweges jener neuen Hofdame facettenreich zur Sprache. Megan Markle, ick hör dir trapsen! Rate, wer im Buch Prinz Harry ist!

Thema wird auch das heraufziehende Ungemach für diese ostelbisch rückwärtsgewandte Lebensweise. Der neue Oberinspektor bringt amerikanische Erfahrungen mit und rät zur „Moorkultur“, um mehr Nutzfläche zu bewirtschaften. Das erzwingt „neumodische“ Investitionen, für die der Mecki nunmal nicht gemacht ist; es wird gemault, misstraut, geneidet.

Die winterlichen Wochen in der Residenz bei Hofe werden gefürchtet, weil wegen strenger Kleiderordnung sehr kostspielig, aber als Heiratsmarkt auch unverzichtbar, um die Töchter zu präsentieren.

Usw.

Den Plot an sich mag mancher heute in die Nähe von Courths-Mahler-Romanen rücken, weil das Idyll an sich zwar wankt, aber obsiegt. Jedoch ist das nicht alles:

Interessant wird das Buch aus heutiger Sicht wegen allerlei Assoziationsmöglichkeiten, von denen die Parallele zum Fernseherlebnis „Downton Abbey“ nur eine ist.

Die „tolle Komtess“ ist die ältere Grafentochter. Gut gebaut, aber mit hässlichem Gesicht gestraft, wie unverblümt kundgetan wird. Wir sind im Noaden, da „vatellt man keine Opern“!

TristanSo, wie sie anfangs auftritt und reitet, wäre „Mannweib“ bis vor kurzem wohl der richtige Begriff gewesen. Inzwischen kommt dir automatisch der Gedanke ein: Gendert Wolzogen hier 1890 bereits?! Sie ist Vaters „Sohn-Ersatz“. Sie packt zu wie ein Kerl! Zu Beginn des Buches hat sie einen Auftritt, der mich schlagartig an Tristan Farnons unorthodoxe Bullenbehandlung denken ließ. („Der Doktor und das liebe Vieh“; schon wieder England!) In den 20ern hätte sie bereits Hosen tragen können. Hier im Roman plagt sie sich noch mit der Reitkleid-Schleppe und Damensattel, der ihr bei durchgehendem Pferd sogar beinahe zum Verhängnis wird.

Wolzogen erschafft hier eine unattraktive Hauptfigur, für die als bald das Herz des Lesers schlägt.

Wie er das anstellt? Probiert’s aus:

Das Buch ist über ZVAB oder Booklooker preiswert erhältlich.

MEIN Highlight ist die Episode, in der die Zusammensetzung der gutsherrschaftlichen Hausbibliothek eine Rolle spielt.

wolzogen

Und das beste daran ist: Ich kenne die alle und mag ihre Werke. Bis auf Fritz Reuter. Bisher.

Die hatten tolle Autoren damals; die vernünftige Inhalte interessant erzählten. Genützt hat es nichts.

Nassforsche Dusslichkeit triumphierte, allzeit in der Überzahl:

Endkampf nich‘ wahr! Unumgänglich, nich‘ wahr?! Sie versteh’n?! Kolossale Planung! Kolossal! Positiv kein Risiko! Totalement! Auf deutsche Generäle ist Verlass! (Monokel reinschieb.) Glotz.

Klingt heute erschreckend ähnlich, wenn all die ungedienten Couch-Potatoes online täglich den Ukrainekrieg gewinnen.

Wolzogen wollte, nach eigenem Bekunden auf den letzten Seiten, „kerngesunden … bodenständigen Landadel“ feiern. Heraus kam jedoch ein sehr gut erzähltes Werk, das erkennen lässt, wo der Putz schon bröckelt und das Gebälk vernehmlich ächzt.

Mein zweiter Diestel

Auf den ersten Les klingt die Überschrift nach Legasthenie. Aber gemeint ist nicht die Pflanze, sondern das Buch eines Mannes, der eine einflussreiche Kurzkarriere als Politiker hinter sich hat, bis heute erfolgreicher Anwalt ist – und: (Das ist nun mal die Klatschschlagzeile für alle Ewigkeit) Der 1990 als schönster Politiker gekürt wurde.

Peter- Michael Diestel

diestel22020 rezensierte ich (hier) meinen ersten Diestel-Kauf. Nun also der nächste Streich:

Warum hab ich das Geld ausgegeben: Weil das erste Buch Spaß gemacht hat und reichlich Einblicke offenbarte, die man sonst so nicht erfährt.

Eine Fortsetzung versprach also interessant zu werden.

Nun – inhaltlich ist zunächst (fast) alles beim Alten:

Auch hier kannst du beim Lesen hier und da heftig zustimmen, aber dann gibt es auch wieder jene so seltsamen Diestel-Ansichten, wie z.B. reichlich Lob für Egon Krenz, dass du es am liebsten sofort mit spitzen Fingern in den Müll entsorgen möchtest. Aber dann folgen eben immer Wieder-gut-mach-Episoden, z.B. begründete Schelte für die Zusammensetzung der Berufspolitik heute, so gänzlich intellektbefreit, die dich weiterlesen lassen.

Eine so seltsame Joschka Fischer Karriere war ja mal ganz unterhaltsam, wenn das jedoch zum Massenphänomen wird, dass vorrangig Studienabbrecher und Tagediebe das Sagen haben, nachdem sich dann 82 Mio Leute richten sollen, dann – isses eben so, wie’s grade is‘. Alte Phrasen. Alte Reflexe. Keine Ideen. Nirgends. Das diplomatische Feinbesteck geht zunehmend verloren.

Das nur als Einschub meinerseits. Ich hab mal den PMD zu Ende gedacht.

Diestel ist mit seiner Biografie ein Phänomen. Wer aufwächst wie er, den müsste DIESE Kindheit zerreißen. Dauerdeprimieren. Oder aber eben: Hart machen.

Letzteres trat ein.

Seine Eltern waren konservative junge Leute, als sie heirateten. Dann kam der bisher letzte Weltkrieg. Vater kam in Stalingrad als Wehrmachtsmajor in Gefangenschaft und gehörte zu den Offizieren um Feldmarschall Paulus, die dort in privilegierter Haft das Nationalkomitee Freies Deutschland gründeten, das Hitler kritisierte, sowjetischen Medien selbstkritische Interviews gab und für ein „Neues Deutschland“ mit Wiedergutmachungsverpflichtung nach dem Krieg eintrat. Vom Hitlerwerkzeug zur Stalin-Marionette, zum Fast-Kommunisten. Aber den Hals aus der Schlinge gezogen.

Seine Mutter als junge Frau in Deutschland blieb konservativ und religiös.

Der Mann kam gesund zurück und half (wie Paulus) die NVA zu gründen, wurde Hochschullehrer der Militärakademie der DDR. Und die Mutter bestand auf Tischgebet.

In den Westen gehen konnte das Paar nicht: Die westliche Nachkriegspresse tobte über „Paulus und Konsorten“, die „ehrlosen Russenknechte“. Da war verbranntes Gelände im doppelten Wortsinn. Also richteten sich die Diestels, so gut es eben geht, in der „Zone“, ein.

Es entstanden hier 4 Söhne und eine Scheidung, als PMD ca. 10 Jahre alt war. Er legt sich seltsamerweise da nicht fest.

Die Brüder wuchsen zunächst in Prora, dann in Dresden am unzerbombten Weißen Hirsch auf. Des Vaters wegen mit gutem Kontakt zu russischen Offizierskindern. Nach der Scheidung bekam die Mutter das Sorgerecht über alle Söhne, zog mit ihnen nach Leipzig und begann als Küsterin zu arbeiten, um 5 Köpfe durchzubringen. Pubertät und Remmidemmi. Vier junge Falken in einer „Kirchenwelt“ von gestern. Und nun ohne Russenkontakte. In plötzlich bitterer Armut.

Prägephase: Raus aus der Sackgasse! Dennoch-Trip! Die andern überholen! Aus eigener Kraft!

Erst Sport, dann Cleverness.

Vater gab den Söhnen immerhin mit, dass man in diesem Staat nicht freiwillig Offizier werden sollte. Von einem Parteieintritt sei dringend abzuraten.

Mutter verhinderte das Pionier-und-FDJler-Werden. EOS(Gymnasium) ging somit nicht. Aber Berufsausbildung mit Abitur dann doch. Deshalb: Jura-Studium möglich. Anwalt sein jedoch nicht.

Also wurde er Rechtsberater der Agrar- und Industrie-Vereinigung Delitzsch..

Das zweite Buch hier verrät mehr als das erste über die finanziellen Werdegänge des PMD:

Er jobbte, dass die Schwarte kracht, und schacherte geschickt. Im dritten Studienjahr fuhr er Wartburg. Kurz nach Berufseintritt kaufte er sein erstes Eigenheim für seine erste Ehe.

Er kam also gut voran, was den langen umständlichen Titel des ersten Buches erklärt.

Aber es fuchst ihn, dass die Wertschätzung für seine Wendetätigkeiten fehlt.

Schließlich war er „174 Tage lang der letzte Innenminister der DDR“! Und das wird auf 256 Seiten ca. 130mal erwähnt, was nervt.

„Schau dir an, wer von den Figuren der Bürgerrechtler heute mit Verdienstkreuz herumrennt. Den Einigungsvertrag erschufen de Maiziere, Krause und ich. Keiner von uns hat eins. (…) Wenn sie mich fragen, frage ich, ob Lothar de Maiziere auch gefragt wurde. Wenn der keins kriegt, nehme ich auch keins an.“

Über Lothar de Maiziere lässt er sich sehr realistisch, ehrlich und wertschätzend aus. Die IM-Rufschädigung der Person des letzten Ministerpräsidenten stuft er als Intrige ein. Krauses kuriosen Werdegang beschweigt er lautstark. Das fällt auf. Das muss auffallen, bei einem Schreiber, der sonst so unverblümt -und treffend- austeilt.

Nur soviel: Gauck und die Pastorenriege des Novembers’89 kommen auch wieder vor. Die mag er „sehr“ (Sarkasmus!); wie einmal mehr deutlich wird.

Aber eigentlich geht es im Schwerpunkt des Buches um Diestels Lebensthema: Die unvollendete Einheit, die Ausgrenzung ostdeutscher Kader von nahezu allen Leitungsebenen.

Diestel ist aufgegangen, dass der Einheitsvertrag mies gestrickt war, aber er schlägt Haken in Bezug auf Details. Immerhin bringt er einen wichtigen wunden Punkt zur Sprache: Keinerlei Absicherung für Ossi-Ansprüche ab dem 04.10.90, da nun alle DDR Gremien aufgelöst waren; was er anekdotenhaft zu illustrieren weiß.

Jedoch bringt er auch zahlreich bittere Beispiele auf den Punkt:

„Plötzlich interessierten lediglich die Immobilien und die freiwerdenden Posten – die Menschen, die das alte Regime zum Einsturz brachten, nicht.“

Da, wo die Posten nicht freiwurden, wurden sie freigemacht: Da muss sich doch IM-mäßig was finden!

Auch wenn die Ministerpräsidenten 2022 überwiegend Ossis sind und der MDR eine Ossi-Chefin hat: Neu-5-Land wird überwiegend kolonial geführt: Universitäten, Hochschulen, Gerichte, Kliniken … die Leiter haben Westwurzeln und meist auch ihre Ruhesitze dort.

„Die komplette Führungsschicht der DDR wurde >wegen Systemnähe< kaltgestellt.“

Sehr interessant Diestels Einlassungen zur Hetze gegen den letzten Ossi auf dem Rektorenstuhl der Humboldt-Uni Fink. Ein integrer, anständiger Theologieprofessor, der im Wendewirrwarr gewählt worden war: Aber da gab es im Ruhrpott soviele Professoren, die dort nichts werden konnten – „da musste sich was finden!“ Und da in der DDR jeder führende kirchliche Angestellte früher oder später wissentlich oder unwissentlich mal mit jemandem von „Horch&Guck“ gesprochen hatte, fand sich eine Akte…

Gauck war der oberste Stasi-Aktenwächter und somit auch oberster „Sachverständiger“.

Diestel vertrat Fink im Verfahren gegen seinen Rauswurf und gewann – nicht die Wiedereinsetzung, jedoch die Dienstjahr-Anerkennung und die vollumfänglichen Pensionsansprüche: Weil da schließlich gar nichts Verwerfliches war. Die Rehabilitierung des Prof. Fink nahm öffentlich niemand zur Kenntnis. Die Hetze gegen ihn zuvor – war überall zu lesen.

Diese Art Fälle wurden Diestels täglich Brot.

„Wir beschäftigten in der Hoch-Zeit 5 Anwälte und hatten voll zu tun: Alles IM- und Dopingfälle.“

Diestel, der Robin Hood aus dem Mecklenburg-Forrest, wo er inzwischen wohnt.

Er spreizt sich als Streiter für Gerechtigkeit. In vielen Fällen sicherlich zurecht.

Auf der anderen Seite entsteht im Buch jedoch von Seite zu Seite immer mehr der Eindruck: JEDER Ossi habe vor Gericht gestanden und sich gegen IM-Beschuldigung wehren müssen. Das hinkt!

Und da verzerrt sich eben das Bild.

Je nach Quelle gab es ’89 ganze 60- bis 100 000 IMs. Bei 17 Mio Einwohnern, davon 12 Mio wahlberechtigt, also volljährig und zurechnungsfähig, ist das also etwas weniger als rund 1 % der Bevölkerung. 8 Mio Ossis verloren ihre Arbeitsplätze nach 1990 also ohne Stasi-Querele; aus Gründen des Bankrotts der Betriebe oder der Konkurrenzbeseitigung seitens der westdeutschen Platzhirsche. Der Hinweis auf dieses Zahlenverhältnis fehlt im Buch leider ebenso, wie in der offiziösen Berichterstattung der Medien über die Stasi-Altlast des Ostens – seit 30 Jahren.

Abschließend noch zur Form dieses Buches: Es ist ein niedergeschriebenes Interview, das über mehrere Abende unter 4 Augen geführt wurde. Es nerven zwei Begleiterscheinungen:

  1. dieses inflationäre Einpeitschen „PMD; der letzte Innenminister und Vizekanzler der DDR für 174 Tage“; gefühlt alle zwei Seiten; wobei der Terminus „Vizekanzler“ auch ein bissel problematisch ist.
  2. das Nicht-Nachhaken, wenn PMD ganz offensichtlich ausweicht oder beim Reden „vom Wege abkommt“. So werden einige interessante Spuren gelegt, aber nicht verfolgt.

Naja, muss ja noch Platz bleiben, für ein drittes und viertes Buch; vermutlich.

Was wiederum sehr gut gemacht wurde, sind die Zwischenkapitel, die eingeschoben wurden, damit das ganze nicht nur ein „IM-Rächer-Traktat“ wird. So erfährt man mehr über PMDs Werdegang vor der Wende und über seine Liebe zum Wald als Romantiker und als Jäger, der (angeblich) kaum schießt, jedoch ein Jagdzimmer voller Trophäen sein Eigen nennt. Hat er die Geweihe also vom Flohmarkt? Nachfragen: Keine.

Fazit: Lesbar. Dümmer machts nicht. Aber man hat den Eindruck, einen Bonus-Track-Band zum Bestseller von 2020 in der Hand zu haben.

In Eiserner Zeit (1891)

EZ0Es wird lang. Mir ist mal wieder viel eingefallen. Beim Lesen und Musik hören. Reinhard Lakomy’s „Geheimes Leben“ trug mich von Erinnerung zu Erinnerung und von Einfall zu Einfall.

Lesestoff war das Trauerspiel „In Eiserner Zeit“ von 1891.

Ich habe nun auch den Dramatiker Spielhagen kennengelernt.

Ein Stück – passend zur Zeit. Damals und heute.

Ein Stück so anregend und aufregend in einem.

So perfekt unperfekt, dass es Gedankenlawinen befeuert.

Es ist ein gut gelungener Theaterversuch; kein sehr guter.

Das Drama hätte mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt, aber dass dem nicht so war, ist ebenfalls nachvollziehbar und wird im Folgenden erklärt.

1. Worum geht es?

Spielhagen verlegt die Handlung in die Befreiungskriege; ins 1813 wiederbesetzte Hamburg. Napoleon hatte sich nach seiner Russlandpleite erstaunlich schnell erholen können, sodass noch anderthalb Jahre Krieg notwendig wurden, um ihn aus Deutschland zu vertreiben. Marschall Davoust regiert mit harter Hand. Seine Soldateska setzt sich zusammen aus Offizieren mit ritterlichem Anstand und widerlichen Karrieristen (oben), sowie mauligen, kriegsmüden Bütteln und Soldaten (unten).EZ5

Die Einquartierung bescherte dem Senator Wilbek und seiner schönen Tochter Charlotte den sehr anständigen Marquis Gaston d’Ormond als Hausgast.

Charlottes Bruder Herrmann ist Freiheitskämpfer. Die Schwester verliebt sich in Gaston, den Feind, obwohl auch sie die patriotischen Ideale ihres Bruders teilt. Der Vater verarmt während der Kriegswirren und stirbt als erster.

Da Charlotte „die erste unter den Bürgerinnen“ ist, sind auch der Marschall selbst und sein fieser Adlatus Cambert scharf auf sie. Der disziplinierte Marquis ist ihnen im Weg. Gaston hat also auch Feinde im eigenen Lager.

Spielhagen führt in klassischen Dramenaufbau von 5 Akten die Spannungskurve „Schillermäßig“ in einen Abgrund – mit Trost.

Gaston wird per Intrige in die Subordination getrieben und standrechtlich erschossen. Am Tage des Abzugs der französischen Truppen, die nun Truppen König Ludwigs XVIII sind. Ein letztes Blutopfer. Napoleon down! Hamburg frei! Charlotte nimmt Gift. Herrmann kann seine tote Schwester beerdigen.

„Die ihr Hamburgs erste Bürgerin nanntet, wollte nicht seine Letzte sein; nicht werden zu der ihr sie gemacht haben würdet, bereits gemacht hattet…“,

schwingt sich Dr. Barbeyrac, der Hamburger Arzt mit Hugenottenwurzeln, zum pathetischen Schlusswort auf und hofft daran anknüpfend auf dermaleinst kommenden Weltfrieden und Gleichheit aller Völker.

Da wird viel „gewollt“, jedoch wirkt dieser Schlussmonolog seltsam platt.

Und dies aus der Feder so eines Meistererzählers, wie Spielhagen einer war?!

Warum bleibt der nicht beim Roman?

2.Warum wagen sich die Romanciers des späten 19. Jahrhunderts so häufig auf die Bretter, die die Welt bedeuten?

Freytag tat es, Heyse auch, Spielhagen ebenfalls: Der Goethe(Schiller)-Klaps!

Dichter ist man, wenn man seine Gestalten in Metren und Alexandrinern reden lässt und es vermag, das Ganze nicht wie „Reim dich oder ich fress dich“ klingen zu lassen. Das gilt als Niveaubeweis. So sehr, dass sich die Kultusministerien und scharenweise phantasielos feldwebelnde DeutschlehrerInnen bis heute nicht davon erholt haben. Schülergeneration um Schülergeneration wird mit Silbenzählen die Lust am Erbe ausgetrieben. Zur Strafe machen die dann Stars groß, die in übelster Knüttelreimerei „Hits“ in den Äther plärren: Scheiß auf den Reim!

Romanerzeuger sind Schriftsteller. Die Schmuddelkinder der Poetik. Schriftstellerei musste sich erst durchsetzen, um Anerkennung ringen. Als brave deutsche Lakaienseelen zergliedern und zerschwafeln sie alles, was sich ihren Federn so entringt, um wissenschaftlich zu wirken:

Sollte man auf auktorale Erzähler verzichten? Warum ist ein Witz ein Witz? Wie real darf Realismus sein, um nicht tendenziös zu wirken? Was ist typisch deutsch am Roman deutscher Autoren im Vergleich zu Dickens und Tolstoi? Ist das bei Freytag dickens’scher Humor oder nicht?…

Die Nation der Kammerdiener und Oberlehrer. (E. Jünger)

Bis ran an den ersten Weltkrieg versuchten sich zahlreiche Vertreter der Branche nun an laaaangen Versdichtungen oder eben gar Theaterstücken a la Schiller und Goethe. Ruhm war diesen Versuchen keiner beschieden. Kurzzeitig hie und da ein paar Aufführungen. Lob für eine oder zwei Saisonen, aber das war’s. Zu epigonal, nachgemacht, unerheblich im Inhalt – wurde oft von den grauen Eminenzen der Theaterkritik konstatiert.

Auch Spielhagens Stück reiht sich da ein.

(Es wird ein paarmal aufgeführt, ohne Sensation zu sein und verschwindet schneller als seine ruhmreichen Romane im Nirvana vergessener Werke.)

Schwung ins Theaterleben kam erst wieder durch die Naturalisten und Expressionisten und Aufreger-Stücke wie die vom Hauptmann Gerhard oder gar Wedekinds „Lulu“-Skandal, an dessen Vertonung schließlich final noch Lou Reed samt Metallica-Unterstützung grandios scheiterte.

3. Was lässt das Stück nun so „perfekt unperfekt“ erscheinen?

Spielhagen kommt mit seinem Drama 1891 um die Ecke. 20 Jahre nach Reichsgründung. Im Jubiläumssiegestaumel, der bereits seit dem Sedans-Tag im September zuvor alle Rekorde bricht.

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War Deutschland 1891 zu sehr auf Erbfeindschaft gepolt, um Spielhagens Denkanstoß goutieren zu können?

Das ist nicht so simpel eingleisig bewertbar: 20 Jahre Sieg! Gravelotte- Sedan-Paris-Versailles! Heil dir im Siegerkranz! Es gibt Sammelbilder für die Jugend, mit Szenen aus allen Gefechten der drei Einigungskriege, Zeitzeugenerinnerungsnovellen fast aller beteiligter Offiziere von 1871 als Buch oder in Westermanns Monatsheften: „Vor Paris“, „Sturm“, „Der Trompeter von Gravelotte“, „Horch was jammert dort im Busche, horch was klagt in finstrer Nacht…“, Lieder, Gemälde, Lineolfiguren – endlos.

Und es gibt Versöhnungsversuche „unter der Hand“. Reichlich reist die Schickeria Deutschlands nach Paris. Alle Jahre wieder. Reichlich finden französische Fräuleins als Gouvernanten und Gesellschafterinnen Anstellung in den Gutshäusern zwischen Maas und Memel. Studenten wählen Auslandssemester, weil die Sorbonne irgendwie dazugehört, wenn man von sich reden machen will. Malaufträge gehen hin und her zwischen Düsseldorfer Schule und Pariser Salonmalern zur Ausschmückung der Villen der Stahlbarone hüben wie drüben.

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Abenteurer wie der junge Ernst Jünger wählen die Fremdenlegion.

Die „Erbfeindschaft“ ist also nur die eine Seite der Medaille. Der Ruf der beeindruckenden Modemetropole Paris bleibt davon unberührt. Die orientalische Exotik französisch Nordafrikas verführt auch Deutsche zuhauf zum Träumen mittels französischer Autoren. Deutschland boykottiert keinen Dumas- oder Jules Verne-Roman! Auch Balzac und Zola erleben Lederausgaben beim „Erbfeind“.

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Die Kolonien bringen eine dritte Schiene ins schwierige Verhältnis zum Nachbarn: Streit an der Kameruner Grenze. Ungeklärte Interessenlage in Marokko. Rangelei um Einfluss in Istambul.

Und Spielhagen beweist sich als unangepasster Denker ohne Hausmacht; ohne Gleichgesinnte, ohne „Spielhagen’sche Schule“:

Idealistisch fordert er sinngemäß:

„Liebet eure Feinde!“

„Eines Tages wird es wahr, das Prinzip der Brüderlichkeit, welches unsere Zeiten so sehr in den Schmutz zogen.“

Aber realistisch weiß er eben auch:

„Liebe, über die Grenzen von Stand und historischer Rivalität hinweg, kann es nur im Jenseits geben!“

Ausgerechnet am exemplarischen Schicksal einer der am schwersten gebeutelten Städte Deutschlands während der Zwangsherrschaft Napoleons; Hamburg, will er sein Schärflein zur Aussöhnung beitragen.

Der Realist Spielhagen baut einen sehr logischen Handlungsverlauf und scheitert auf hohem Niveau – am Idealisten Spielhagen, dem er das letzte Wort überlässt.

Er ist NICHT bei den Hurra-Patrioten. Aber er ist Preuße. Und Kind seiner Zeit.

Er verheddert sich in den Widersprüchen zwischen hohem moralischen Anspruch, wie ihn die Gymnasien lehren; und gesellschaftlich festgefügten Grenzen, die unbeeindruckt von rund 150 Jahren Aufklärung eben fortbestehen.

Wie zeigt sich das?

Es werden ein paar Spuren zu großen Vorbildern aus Weimar gelegt:

Eine Bürgerreputation vor dem allgewaltigen Davoust rechtfertigt ihre berechtigten Ansprüche mit „Halten zu Gnaden!“ – Altgediente Deutschlehrer zucken zusammen: Schiller! Kabale und Liebe!

Nur ist es dort eine Szene der Selbstermächtigung des Bürgers Miller gegenüber dem adligen Präsidenten, der der Bürgerwohnung verwiesen wird. Hier bei Spielhagen ist es eine jämmerliche Szene des schüchternen Anfragens und sich-schnell-wieder-hinausweisen-lassens.

EZ6Charlotte erlebt ihren Vater im Niedergang, kann ihn aus Haft erretten, aber nicht aus seinem rasanten gesundheitlichen Verfall. Die Zeiten überfordern ihn. Er stirbt. Sie bleibt als starke Tochter zunächst noch übrig. Luise Millerin zwo!

Charlotte ist sogar die bessere, emanzipiertere Frauenfigur. Aber zwischen Luise und Charlotte liegen eben auch hundert Jahre literarische und gesellschaftliche Weiterentwicklung. Und der Meister selbst hat im Unterschied zu seinem Langzeitidol Goethe ein sehr gutes Verhältnis zu mindestens einer seiner Töchter: Antonie, die ebenfalls schriftstellernde Mädchenschul-Lehrerin.

Die Franzosen sind charakterlich zwischen gut und böse perfekt gemischt. Unter den deutschen Figuren fehlt ein Schuft. Somit bekommt das Stück eben doch eine Schlagseite: Fiese Lustmolche gibt es nur „drüben“?! Da fehlts an Ausgewogenheit beider Seiten. Er hätte an Raabes „Im Siegerkranz“ denken sollen!

Auch Schiller hatte seinen Wurm im Stück, den bürgerlichen Schmierlappen auf Seiten des amoralischen Adels.

Am Schluss entwickelt sich eine Szene, die fast Rettung/Flucht des verurteilten Gaston verspricht zur katharsischen Katastrophe. Nun ja. Gaston sieht ein, dass er sich gegen Cambert nicht hätte wehren dürfen – und verzichtet auf Flucht, weil er anschließend hätte ehrlos weiterleben müssen. Das ist realistisch, aber nicht DIE GROSSE – den Zuschauer überwältigende – Überraschung.

Gaston als Will Smith seiner Zeit. Zuhauen und hinterher zerknirscht herumwinseln.

Ausgerechnet der alte Ehrenkodex sich duellierender Adliger wird hier zum Katalysator für einen unbefleckten Heldentod in Konsequenz und Anstand. Obwohl doch sonst alle Realisten in ihren Romanen so oft und so facettenreich den feudalen Ehrenrummel zum Würgetuch so vieler Träumer machten, denen man modern zu leben verwehrt.

Aber abgesehen von jener eher zufälligen Will Smith Parallele:

4. Was macht das Stück so aktuell, dass es mich hier schreiben lässt?

Diese „unmögliche“ Liebe von Gaston und Charlotte provoziert Interpretation:

Wenn der Feind im Land ist – und sich da solch‘ unerhörtes Verlöbnis anbahnt: Was denken die Nachbarn? Wie soll das werden? Wo sollen die beiden glücklich leben können? Welche Sorte Spießrutenlauf kommt auf zukünftige Kinder zu?EZ4

Die Stimmung in Deutschland 1814/15 ist aufgeheizt. NICHTS Französisches wird mehr geduldet. Sogar die Alltagsmode macht eine Rolle rückwärts: Schau dir die Kleider und Frisuren der Damen an: Hie Empire – hie Biedermeier! Steif und zugeknöpft ist sittsam. Frei und luftig ist Verluderung!

Gaston in Hamburg als Exilant? Mit „deutscher Metze“ am Arm? Eine Chance auf Leben in Anstand hätten sie nicht, wenn bei jedem Spaziergang alles vor ihnen ausspuckt.

Charlotte in Frankreich? Als deutsche, bürgerliche Sauerkraut-Braut des französischen Marquis?

Eher wird er von seiner Mutter enterbt und beide müssten armselig in irgendeiner Großstadt über die Runden kommen!

Da bleibt nur der Tod und das Wiedersehen „drüben“ in der andern Welt.

Aber zusätzlich: Ist Spielhagens Plot vernünftig? War Hamburg eine gute Wahl? Wäre nicht gerade auch für den Adelskritiker Spielhagen besser gewesen, einen Franzosen bürgerlicher Herkunft auf eine Kleinbürgertochter treffen zu lassen (in irgendeinem Kaff)?

Davoust hat sooooviel Dreck am Stecken in Bezug auf Hamburg, Napoleon unterband den Englandhandel, das Lebenselixier der Stadt; Davoust ließ verhaften und erschießen, was sich bei Schmuggel oder nur despektierlich Reden erwischen ließ, die einquartierten Landser aus den Gossen Frankreichs führten sich dem entsprechend auf in den Wohnungen der unfreiwilligen Gastgeber. Die Stadt musste Schanzarbeiter stellen, um die Stadt zu befestigen – gegen die Befreier, also die eigenen Leute…

Und dann soll dieses geknechtete Volk die Toleranz aufbringen und Unterschiede machen – zwischen einem Gaston d’Ormont und einem Marschall Davoust? Zwischen Büttel 1 und Büttel 3?

Plötzlich soll die Bibel funktionieren? Liebet eure Feinde?

1815 wurde Frankreich das Elsass gelassen. Trotzdem wurde es 1870 wieder zur Gefahr.

Wenn man nun 1891 in dieser Aufführung saß – mehr als ein gähnendes Achselzucken auf Seiten des männlichen Publikums war da nicht zu erwarten. Die Damenwelt hatte was zum Seufzen. Arme Charlotte! Fertig.

5. Hält das Stück Perspektivwechsel aus?

Was, wenn ein Enkel Spielhagens diese Handlung ins besetzte Riga, Charkow, Smolensk 1943 versetzt hätte? Freiherr von Rübenacker liebt Tatjana Iwanowna, deren Bruder Oleg Partisan ist?

Max Walter Schulz (DDR) schrieb sowas ähnliches ende der 70er Jahre „Der Soldat und die Frau“. Allerdings ohne den Bruder Partisan. In Literaturseminaren reichlich zerredet, erregte es beim Alltagslesepublikum keinerlei Aufsehen.

GI Joe liebt Nugyen Pin Pon, die Schwester eines Viet Cong Offiziers 1973. Würde sie von ihrem Bruder erschossen oder Joe standrechtlich?

Marlon Brando könnte hier mitreden, wegen seiner Rolle in „Apocalypse now“, wegen seiner tahitianischen Frau, wegen der Indianerin auf seiner Oscarverleihung.

Können ukrainisch-russische Halb-und Halb-Ehen in Luhansk und Donezk und Charkiw aushalten, was da jetzt läuft?

Drei Katastrophen später – NACH Davoust in Hamburg – ist das Völkerverständnis nun soweit gediehen, dass man heute in Deutschland einer internationalen Misch-Ehe keinerlei Bedenken mehr entgegen bringt. Wenn heute ein Gaston seine Charlotte freit – soll er doch! Und wenn statt dessen ein Sergej oder ein Laszlo anklopft? Auch egal.

Erbfeindschaften haben sich erledigt. Für UNS. Kurios auffällig ist jedoch, dass die Kontakte nach Frankreich zahlenmäßig deutlich dürftiger bleiben als die nach England oder Amerika.

Wir denken heute „angloamerikanisch“; (mal mehr, mal weniger), jedoch nicht frankophil.

Viele gehen heut mit ihrer mehr oder weniger unbewiesenen Weltoffenheit missionarisch plump hausieren. Aber wenn deren Tochter Charlotte im Treppenhaus, in der Klasse oder beim Kellnern ihren Abdullah aufgabelt, dann – beißen auch sie klamm heimlich, ganz fest die Zähne zusammen beim „Willkommen“ und denken: Hoffentlich geht das  schnell vorbei gut.

Die Prophezeiung von Dr. Barbeyrac über die große finale Völkerverständigung geistert durch Immanuel Kants- und Adam Smiths Werk; sie erlebte Wiederauferstehung in den Parolen der französischen Revolutionen und im Werk von Marx, Engels und Gorbatschow.

Sie erwieß sich jedes Mal als zu schwach, die kommenden Katastrophen zu verhindern.

Aber man klammert sich halt doch dann und wann an die schöne Hoffnung vom kommenden Staat der Edelmenschen. – Wenigstens solange, bis man dem nächsten Arschloch gegenübersteht.

Amen.