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Renft und ich (VIII)

oder

Was noch zu sagen wär

Kommen wir nun zur letzten Strophe des „Liedes, das sich nun enden will“. Da zogen 7 aus, den Staat das Fürchten zu lehren und selber werden sie ebenfalls manches Mal vom Gruseln geplagt worden sein, bei dem, was ihnen widerfuhr. Aber sie blieben DIE Freigeister des Ostrocks.

1. Der Abgesang:

Nach „als ob nichts gewesen wär“ ruhte der Schaffenswille wieder für mehrere Jahre. Oder es fehlte am nötigen Kleingeld, um in Vorkasse gehen zu können, für eine neue Produktion. Crowdfounding wurde nie versucht.

1998 wurde 40 Jahre Renft gefeiert. Sowas wie Klaus’ns Dienstjubiläum. Es traten an: die neue Klaus Renft Combo, die dahinsiechende Truppe „Monsters Renft“ und Cäsar und die Spieler. Für einige Besucher der langersehnte Anblick aller 6 Vertreter der klassischen Skandalbesetzung zu fortgeschrittener Stunde auf einer Bühne. (Gerulf fehlte bereits; war schon in Chemo.)  Andere bekamen mit, wie hässlich das Verhältnis untereinander zu diesem Zeitpunkt war. Wohl knapp vor neuerlichen Gläserwürfen. Der DVD-Livemitschnitt des Konzertes ist jedenfalls nicht das Highlight, das es hätte sein können. Es geschah im „Anker“ in Leipzig. Nach seinem Tod 2006 wurde das Straßenstück davor offiziell zur „Renft-Straße“. Eigentlich hätte es die komplette Schuhmannstrasse sein sollen. Eigentlich ein anständiger Einfall, den berühmtesten Sohn der Stadt nicht gar so sang-und klanglos zu beerdigen, aber die Kürze der Renftstrasse zeigt auch das Vertruxte, die halbgare „Entschlossenheit“ der Entscheider. „Manche Dinge ändern sich nie.“

klausrenft

Klaus

Kuno erlitt mehrere Hörstürze. Andere Quellen schieben es auf extremen Tinnitus, dass er 2005 das Handtuch warf, aber immerhin am Leben blieb. Pjotr starb im gleichen Jahr. Schwups war Monster wieder da. Rauchte das Kalumet mit den „Verrätern“ von ’98 und es begann eine Phase stabilen Tourens.

Mit Monster, Delle, Basskran Marcus und Heinz schien es sich gerade einzuspielen – da ereignete sich jene Nachtfahrt 2007. Heimfahrt von‘ner Mugge, irgendwo in Sachsen. Sekundenschlaf des Fahrers, ein sich überschlagender Tourbus. Alle verletzt – Heinz tot.

2. Renft goes on – the Pitti-Years

Die Stehaufqualitäten der Band sind allein schon legendär: Ein halbes oder dreiviertel Jahr später touren Monster, Delle und der Basskran-Marcus mit Gisbert Piatkowski an der Gitarre. The Pitti-Years beginnen. Sein Weg durch die ostdeutsche Rockgeschichte wäre ein Roman für sich. Jedenfalls beginnen mit ihm die interessanten Zeiten musikalischer Zitate.

Ich sah die Band in dieser Besetzung zum ersten Mal bei einem Doppelkonzert mit Stern Combo Meissen in Kühlungsborn 2008. Die Meissener ihrerseits hatten gerade ebenfalls großen Bandinternen Knaatsch und Band-Doppelung hinter sich; sollten als erste spielen und hatten irgendwelche Technikprobleme mit der von Berluc vor Ort geborgten Anlage. Alles verzögerte sich. Dann spielen sie endlich doch – aber so, wie mir mein Kumpel Udo einst jenen denkwürdig miesen Deep Purple Auftritt von Weissenfels beschrieb: Lustlos wurden eine handvoll Hits heruntergeschrubbt. Besonders Vivaldis „Frühling“ kam hierbei erbärmlich unter die Räder: Mal sehn ob wir den 12Minüter auch in 5einhalb Minuten schaffen! Zuspät angefangen, aber das Repertoire nicht kürzen wollen, wissend, dass 22:00 Uhr Schluss sein muss, wegen Ruhestörung im See-Bad, bescherten sie damit Renft ein Problem: Nur ne knappe Stunde noch, wenn ihr sofort und ohne Sound-Check losballert!

Wut ist ein verlässlicher Begleiter! Die folgende Stunde machte den bisherigen lausigen Konzertabend wett. Schlechtgelaunte Meissener sind ein Trauerspiel. Ein wütender Monster on Stage – eine Freude. Und Technikprobleme gab es für sie auch keine!

„Wir legen los! Mit’n Applaus müsster euch bissl beeilen. Wir machen keene Pausen!“(Monster)

Und so wars: Volle Pulle durch. Sie spielten 60 Minuten. (Aber keine beschleunigten Rammelversionen wie STERN zuvor!) Pitti streut in fast jeden Renftsong ein gutpassendes Gitarrenzitat von Led Zeppelin, van Halen und schließlich taucht sogar das Thema von „Race with the devil“  in „Nach der Schlacht“ auf. Sozusagen 2 „Osthits in einem“, denn die Gun-LP hatte ja im Osten fast jeder, während die im Westen kaum einer kennt. Kurz vor 22:00 Uhr wurden sie gemahnt, aufzuhören, sonst bekäme der Veranstalter Ärger. Monster ließ es das Publikum wissen. Und in die Pfiffe und das Buh fiel seine Ansage für das letzte Lied:

„Ruhestörung! Sperrstunde! Konzertverbote! Manche Dinge ändern sich nie!“ Joooohl!  Pitti spielt ein Intro und Monster startet als Rausschmeißer ach so passend:

„Als ich wie ein Vogel war! Der am Abend sang! Riefen alle Leute nur- “ und die braven Kurgäste und die Handvoll nachpilgernde Hardcore-Fans stimmen lachend ein: „Sonnenuntergang!“

DIE Stunde hat sich gelohnt!

2010 erscheint „Renft goes on“, live in der Besetzung von Kühlungsborn. Klar. Die musste auch noch sein. Ganz okay. Kein Meilenstein-Album. Musikalisch besser als die „live 1990“. Leider wird der Verbots-Vers zu Beginn nicht mehr verwendet. Monster röhrt (noch sehr gut bei Stimme) auch seine Jugendhits „Come together“ und „Born to be wild“, Pitti zitiert in die Impro-Parts mit der Gitarre ein paar Überraschungen hinein. Geht gut durch.

Schwachpunkt: Hintendran gibt es einen viertelstündigen Konzertauszug von einem Auftritt im Kosovo vor Bundeswehrsoldaten, wodurch eine eigentlich verzichtbare Version von „Sunshine of your love“ und „Ich und der Rock“ zum zweiten Mal  auf der CD gelandet sind – und „Sonne wie ein Clown“ fehlt! Ein letzter zänkischer Arschtritt in Richtung Pannach+Kunert? Keine Tantiemen für die Besserwisser?! Ich habe die Monsterbesetzung 3x live gesehen. Jedesmal war „Sonne wie ein Clown“ dabei. In meinen Ohren eine vielsagende Abwesenheit auf der Platte! Schade drum.

Die Band war von 2007-2019 stabil. Dann starb Marcus der Basskran. Pitti hat viele Nebenjobs als Gitarrenlehrer, als Sessionmusiker bei zahlreichen anderen Projekten, bei Engerling…

Anfang 2020, noch vor Corona, gab Delle bekannt, dass er aussteigt. Differenzen innerhalb der Band, heißt es. So so. Ähem, die nun noch aus wem alles besteht? So steht Monster mal wieder allein auf weiter Flur. Last Man Standing. 75 Jahre alt. Allein – und voller Pläne…

3. Was übrig bleibt

Die Puhdys stanzten Plattitüden, brachten sie auf Platte unter die Leute, blieben ungefährdet und wurden reich. Music for the masses. Die Vermarktung hatten sie besser begriffen.

Die Memoiren von Maschine Birr stellen eine überflüssige Sammlung alter, sattsam bekannter Interviewaussagen dar. „1969 haben Fans aus Gardelegen ans Fernsehen geschrieben….“

Und dann lies mal „Nach der Schlacht“ von Delle Kriese!

Von den 7 Samurai des Ostens kann jeder eine Biografie vorlegen, die nach Verfilmung schreit!

Ich hätte es den Renftlern gegönnt, dass sie da ankommen, wo heute Rammstein sind. War nicht drin. On the road verschlissen zum kleinen Preis.

Was wird bleiben?

Die Renftler lebten so, wie viele von uns gerne hätten leben wollen, damals in den 70ern. Seit Jahrzehnten sonnen sich viele da draußen, Träger biederer Brotberufskarrieren gleich mir, in ihrem Licht. Vor der Renft- oder Cäsar&Spieler-Bühne bist du immer auch selber ein klein wenig Renftler!

Sie waren unser Ventil und wurden unsere Legende.

Sie eckten an, machten Fehler und bezahlten den Rock&Roll mit dem Leben. Idole eben.

Vielleicht haben sich Gerulf, Klaus, Pjotr, Heinz, Cäsar, Marcus und die noch lebenden Kuno, Jochen und Monster in finsteren Gemütslagen gefragt: Was hab ich erreicht?

Die Antwort ist einfach: Renft goes on! Eure Songs sind in der Großhirnrinde all der Boomerjahrgänge im Osten einzementiert! Eure Platten und CDs drehen sich weiter, solange es noch Plattenteller und CD-Player gibt. (Und alte Knacker wie mich, die sich Spotify verweigern!)

Da sind mehr als eine Handvoll große Nummern entstanden, dank Cäsar und Demmler auch in den Anfangstagen von Karussell noch, die inzwischen Volkslieder sind. Viele Songzitate leben als Sprichwörter fort – bis die Jahrgänge 1963/64 ausgestorben sein werden.

„Arbeitszeit schreit die Sirene!“, wenn morgens das Handy piept, oder die Hähne krähn.

„Mama! Du meine Mama!“ Es war grad wieder Muttertag.

„Irgendwann will jedermann raus aus seiner Haut, irgendwann denkt er dann – wenn auch nicht laut.“, eine systemunabhängige Weisheit.

„Ach – könnt ich dir ne Sonne baun!“, der ständige Seufzer über das Ausbleiben des besseren Menschenbildes.

„…und der Kopf hat immer frei dabei!“, nicht nur an den Fließbändern dieser Erde.

„Manchmal fällt auf uns ein Frost…“

„Stoß auf die Tür aus Stahl! …“

„Mein Regen wurde krank und auch mein Wetter!“

„Fenster zu! Draußen schwirr‘n Gerüchte!“

„Es war mal eine Zeit – in der das Gold nichts wog. In der man nicht einmal für Ruhm und Ehre log.“

(Nein, die Mauer muss nicht wieder hoch. Aber unsere Jugend fand nicht in Bautzen II statt, sondern war schön!)

„Die Zeit kämmt mir das Haar mit Zangen.“

„Hol mich oder ich flieh!“

Usw. Usf.

„Nu geh ich ohne Gruß – das war mein Bluuuuuuues!“

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Leipzig 2006

The End.

©Bludgeon

 

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Renft und ich (VII)

oder

Als ob nichts gewesen wär…

Es war einmal ein Tour-Bus anno’96, der stand hinter der Location in der gerade ein Konzert zu Ende war. Die Band steigt ein; zwei alkoholisierte Mitglieder kabbeln sich schon in der Kneipe und draußen weiter. Der eine hat, wie in guten alten Ostzeiten üblich, das noch nicht ausgetrunkene, derbe Wirtshausglas einfach „weggefunden“, noch in der Hand. Als ihm reicht, was ihm der andere da so alles an den Kopf wirft, wirft er auch. Das Glas verfehlt den Adressaten und trifft den Kopf eines anderen Bandmitgliedes. Die Folgen für den unfreiwilligen „Glasfänger“: Platzwunde. Säuernis über die Alki-Eskapaden der beiden grauen Band-Eminenzen. Genäht werden müssen. Zum Anwalt traben. Verklagung. Über alles weitere schwiegen die Medien.

Die Folgen für den unrechtmäßigen „Glaseigentümer“: Rausschmiss aus der Band.

Die Folgen für die Fans der Band: Renft von Renft gefeuert!

Klingt wie ein Witz.

Renft auf Tour, aber ohne den Namensgeber, der schmollend nach Auswegen sucht.

Und sein rettender Engel wird: Cäsar.

„Kommste mit of Tour. Der große Schmott isses zwar nich‘, aber stehste erst ma nich so ganz ohne da.“

Cäsar & die Spieler sind 1997 also mit „Special Guest“ auf Tour und präsentieren einen, „der in einem verschwundenen Land mal eine bekannte Band gegründet hat, die dann auch verschwand“.

Nebenbei versucht Cäsar im Streit mit der Renft-Band zu vermitteln, was misslingt. Noch im selben Jahr die nächste öffentliche Sensationsmeldung:

Es gibt wieder eine „Klaus-Renft-Combo“! Noch unfertig. Und weiterhin existiert eine Band, die „Renft“ heißt und nun ein Namensproblem hat. Bald schon heißt sie „Monsters Renft“.

Klaus’ns Buch erscheint und gipfelt in dem Resümee:

„Zwei Bands sind manchmal weniger als eine.“

Wie wahr.

Interessante Gerüchte machen die Runde, wer dieser Renft-Combo angehören würde. Das Beste darunter war: Alle klassischen Mitglieder außer Monster. Also 5 von 6. Dafür Gerulf Pannach nun als fester Bestandteil.

Dann kam Ernüchterung 1: Gerulf tot! Er starb fast zeitgleich mit Rudolf Bahro und Jürgen Fuchs, dem Schriftsteller: Alle 3 am selben Krebs; alle drei 1977 in Stasi-Haft, in Einrichtungen, in denen im „Foto-Raum“, wo für die „Verbrecherkartei“ geknipst wurde, Röntgenapparate hinter Vorhängen gefunden wurde. Sind missliebige Dissidenten-Promis also „verstrahlt“ worden? Ein heißer und bis heute nicht aufgeklärter weiterer Legendenbaustein.

Ernüchterung Nr.2: Cäsar bleibt doch bei seinen Spielern.

Ernüchterung Nr.3: Jochen Hohl fehlt ebenfalls, ohne dass verlautbart wird, weshalb.

Die Band besteht schließlich aus wieder nur drei Alt-Kadern: Klaus, Kuno und Pjotr.

Hinzu kommt der graumelierte „Basskran“ von Reform: Marcus Schloussen. Zwei Meter vier und das Instrument meist waagrecht vor dem Bauch. Der Name passt.

Aber Klaus’ns neue Renft-Combo erschreckt die Welt geradezu mit einer Neuigkeit, an die die Fans schon nicht mehr glaubten:nft

Es wird 1999 ein neues Album geben. Sein passend programmatischer Name „Als ob nichts gewesen wär!“ Der Titelsong ein genial sich wandelnder Rumpler, als ob man bei der „Straßenbahnballade“ beginnen wolle, dann aber doch eher im „Downtown-Train“ landet.

Bäm!

CD gekauft. Gehört. Und zunächst – mittelmäßig begeistert.

Dem Album ist einerseits anzuhören, dass es beinahe so ein Murks hätte werden können, wie die Pannach+Kunert Veröffentlichungen. Da ist schon die eine oder andere Nummer verzichtbar. (Vor allem die Liebeslieder klingen so – naja, abgebrüht. Man ist eben aus dem gewissen Alter raus. Scheidungsversehrte Wölfe suchen willige Reste.)

Beim Einspielen des neuen Materials in Klaus‘ Schlafzimmer helfen Detlef „Delle“ Kriese (früher Passion und Cäsars Rockband) und Heinz Prüfer (früher Express und Reggae Play). Beide formal noch bei Monsters Renft, nach Erscheinen der CD aber doch fest übergewechselt. Die Verdoppelung der Band war somit durch Migration erledigt.

Auf der anderen Seite hatte das Album aber auch eine unüberhörbar starke Seite:

Alte Renft-Stärken: Mehrere Sänger; Alltagskritisches („Wenn du groß wirst“, „U-Bahn“; „Ernst Lustig“) und Rebel-Legenden-Pflege („Hacker-Rag“; „Blues in Rot“); und dazwischen diese angenehm melancholischen „Ermutigungs-Songs“:

Der „Frost, der hart macht“ got a little Babe, and they named it „Es war da eine Zeit“! Absolut geil! Klaus am Mikro. Der kann nicht singen, monierten Kuno und ein paar Rezensenten in der Presse. Wann hätte im Rock je jemanden interessiert, ob der Sänger ein hohes C schafft? Pah!

Christa Wolf schrieb „Kindheitsmuster“ für die Generation meiner Eltern. Sie feierten das Buch. Kurt Demmler schrieb „Es war da eine Zeit“für meine Generation. Ich feiere das Lied. (Wenn du verstehst, was ich meine.)

Und was einmal klappt, das klappt auch zweimal – und deshalb gibt es in ähnlicher Art noch „Ist das etwa nichts“. Kuno hat Klaus hier zu seinem ganz persönlichen Denkmal verholfen. Der brave, stets loyale Kumpel, der sich für seine Streithähne nicht nur anno‘75 prügeln ließ:

„Schmeißen Sie den Kunert(= Kuno) und den Schoppe(= Monster) aus der Band und wir versprechen ihnen, dass wir Sie weiter unterstützen. Brechen Sie den Kontakt zu diesem Pannach endlich ab und der 3. LP steht nichts mehr im Wege.“ (KGD Leipzig)

„Ich arbeite doch nicht gegen meine Leute.“ (Klaus)

„Klaus Jentzsch, genannt Renft, ist als Ensemble-Leiter einer Tanzformation untragbar. Sein Alkoholkonsum zeugt vom Stand seiner Verwahrlosung. Daher Spielerlaubnisentzug auf Lebenszeit.“

(Beurteilung Stasi-Akte; sinngemäß wiedergegeben; siehe Klaus‘Memoiren „Zwischen Liebe und Zorn“ von 1997)

Er wollte doch eigentlich immer – nur spielen. Ein Leben für den Rock&Roll:

„Hör mal, wie mein Kumpel Saxophon bläst! Ist das etwa nichts?“

Es ist ein deutsches Tom-Waits-Album. Die Coverfotos sprechen eine eindeutige Sprache. Streetcredibility unzweifelhaft.

Es ist eins von diesen Alben, die mitwachsen, wenn die Jahre verstreichen und Situationen eintreten, die die Songs illustrieren.

Das liegt auch an einem Konzertbesuch meinerseits:

Neustrelitz, Stadttheater, Januar oder Februar 2000, glaub ich.

Zunächst nur Kuno on Stage:

„Meine sehr verehrten Damen und Herren! Freunde der Nacht! Ich begrüße Sie zum heutigen Konzert der Klaus-Renft-Combo!“

Applaus.

„Die Gruppe Renft. Optisch leider ein trauriger Fall.“

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Pjotr, Klaus & Kuno

Zustimmendes Gelächter.

„Deshalb haben wir beschlossen, einzeln die Bühne zu betreten, damit Sie sich an den Anblick gewöhnen können.“

Applaus und Gelächter.

Dann greift er in die Tasten; oder hatte er für die Eröffnungsnummer die Gitarre um?

Er ist noch immer allein auf der Bühne. Zwei-drei Töne und:

„Ich bau euch ein Liiiiied! Aus grauen Pflastersteinen…“

Und die anwesenden, ca. 200 Althippies, Sparkassenangestellten, Baumarktverkäufer, Trunkenbolde, Lehrer und Pastoren erreichen den ersten Applausspitzenwert des Abends. Die Legende lebt!

Das neue Album wird reichlich vorgestellt, aber auch von den alten Hymnen ist fast alles da, vor allem natürlich auch „Sonne wie ein Clown“.

Eine herrliche, sternklare, kalte Winternacht.

Mein heiligs Blechle draußen vor der Tür bringt mich warm und wohlbehalten wieder heim. Untypischerweise bleibt die Musik im Auto aus. Das Hirn ist beschäftigt. Erfüllt vom Soundtrack des Lebens:

„Und blast ihr in den Sand euren Atem aus, werden Wellen draus, es war da eine Zeit, zwischen Liebe und Zorn, träumt ich meinen Apfeltraum in Moll, als ob nichts gewesen wä-här!, Kinder, ich bin nicht der Sandmann, der ist von kürzerem Haar, sag ich der schönsten von den Küchenfraun; Frühling, Sommer, Herbst und Winter, mancher lacht schon gar nicht mehr. Lachend aber sind wir Kinder! Als ob nichts gewesen wär!“

©Bludgeon

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Renft und ich (VI)

oder

Cäsarology

Wo war Cäsar bei der Reunion 1990? Warum gab es nach der Wende fast 20 Jahre lang, bis zu Cäsars Tod eigene Bandprojekte von ihm und 4 CDs, aber keine weitere Renftmitgliedschaft?

Um dies zu beantworten muss man nun, ob man will oder nicht, wiedermal ein sattsam überstrapaziertes Thema anschneiden:

„Ehrlich will ich bleiben, ehrlich will ich sein, Lieder will ich schreiben, so wie ich sie mein, Lügenmale stehen keinem zu Gesicht. Mir nicht. Dir nicht. Ihm nicht. Ihr nicht. Uns niiiiiicht.“ (Karussell’78)

2007 erscheint Cäsars Buch „wer die Rose ehrt“ inclusive dem Outing: 22 Jahre als IM geführt. Schock!

Gibt es ehrlich gebliebene IMs? In den frühen 90ern machten wir nicht Betroffenen uns die Meinung dazu ziemlich einfach. Nein! Dann kamen aber auch immer mehr Fälle ans Licht, die mich nachdenken ließen: Ehle, Gundermann, das clevere Super-Illu-Interview der Puhdys… die mehrfachen Exkursionen nach Hohenschönhausen… Führungen durch Zeitzeugen mit Opferbiografien der unterschiedlichsten Art … ich ertappe mich das eine oder andere Mal, kein Mitleid zu haben… dann eine Führung durch den Naumburger Knast durch einen ehemaligen Schließer … ein interessanter Unterschied! Dazu meine Armee-Erlebnisse mit den Assis in Prora …  Wer kommt warum hinter Gitter? Wer wird warum IM? Was ist falsch? Und was entschuldbar?

Die Stasi suchte sich überwiegend die Ungefestigten, die familiär Traumatisierten, die ungewollten Kinder, die ausgegrenzten Störenfriede, die eine Sehnsucht nach Aufwertung in sich trugen. Die gibt’s in jedem Staat. Die verführten die dann „väterlich“ und nett oder per Erpressung. Und die stehen dann hinterher auch reichlich dumm da, wenn sie zum Bauernopfer gemacht werden; weil hinter ihnen all die anderen Schachfiguren in Deckung gehen.

Hat ausnehmend gut geklappt damals. War das eine Hatz anfang der 90er!

Jedoch muss ich jetzt hier keine Stasi-Geschichte von Hohenschönhausen oder Bautzen erzählen. Da Cäsars diesbezügliche Karriere wohl noch geringer als die Gundermann’sche ausfällt:

„Der war IM!“

„Verräter! Was hattn der verraten?“

„Wees’ch nich!“

„Ohhrr, janz schlimm! N jannz Ausjefuchster!“

„Joa doch nur!“

Die Renft-Kollegen wurden bereits 1990 durch Cäsar selbst informiert. Damals war das seine interne Erklärung, bei der Reunion nicht mitmachen zu wollen. (Offiziell war er ja generell „nicht mehr am Musik machen interessiert“.) Er wolle die Band nicht in diesen Stasi-Enthüllungsstrudel reißen, falls ihm einer drauf kommt. Der Veitstanz ging ja gerade los. Die akzeptierten das, und so zerstritten die glorreichen 6 auch waren: Sie hielten dicht.

Bei Klaus ist das keine Überraschung, denn Klaus und Cäsar, das war sowas wie Old Shatterhand und Winnetou. Ein unzerstörbares Vertrauensverhältnis zueinander. Der berühmte Klaus Renft hatte den selbstbewusstseinslosen schweigsamen 17jährigen Typen da in die Band geholt, weil er auf der Gitarre „Töne ziehen“ konnte. Dann stellte sich noch raus, dass der Musikschule hinter sich hatte und Stücke schreiben konnte! Plötzlich konnte man mehr als nur nachspielen!

Dann kam Cäsars Einberufung – und Klaus versprach ihm, dass er hinterher jederzeit wiedereinsteigen könne. Und so geschahs auch 1970. Ab 1974 spitzte sich die Lage zu: Alle gegen alle, aber Cäsar stand zu Klaus! Da war kein Übelnehmen zu befürchten.

Und auf Seiten der anderen? Die lasen alle ihre Akte. Und schwiegen. Wie groß also kann der Schaden gewesen sein? Wie oft und wieviel hat er gepetzt?

So zerstritten wie sie untereinander waren, so spricht dieses 17jährige Dichthalten der Chaoten-Truppe doch eine eindeutige Sprache: Niemand von denen hatte in seiner Akte was gefunden, was den Rückschluss auf eine Verpetzung durch Cäsar zuließ!

Um Belastungsmaterial gegen Renft zu sammeln, brauchte die Stasi keine IMs. Die belasteten sich selber öffentlich. Da musste sich nur ein Hauptamtlicher in dieselbe Kneipe setzten, wo die Band gerade „tagte“ und mitschreiben. Je nach Alkoholpegel krakeelten die ihre Meinung lauthals heraus. Pannach trat mit seinen missliebigen Songinhalten ohne Rücksicht auf Veranstalter oder vorgefundenes Publikum auf, auch das hatte nichts „Getarntes“ an sich.

Ich habe das Cäsarbuch bisher nicht gelesen. Aber ich war bei der Cäsar-Lesung in Perleberg zugegen. Natürlich kam dort prompt die Frage eines Besuchers auf dieses Thema. Cäsar erzählte, dass er mit 18 zur Fahne kam, dass ein Politoffizier ihn eines Tages ansprach, ob er für den Frieden sei und:

„ich war ja kee Staatsfeind. Und ich war hier großgeworden und wusste es nicht anders. Politik hat mich damals nicht interessiert, wie die meisten; aber man will ja lieb sein und nicht auffallen. Und – klar, am Sozialismus mitbauen und wie das damals so hieß. Und da hab ich eben ja gesagt und auch was unterschrieben.“

kleinBild (22)Zu den Treffs sei er nur die ersten beiden Jahre gegangen und dabei habe er gemerkt, wie der Hase lief; später sei er nicht mehr hingegangen bzw. musste vorgeladen werden. Wenn die ihn was gefragt haben, dann wussten die eigentlich immer schon alles und da haben die ihn so nach Sachen gefragt, die er nicht abstreiten konnte…

Zurück zur Musik: 1991 bekommt Cäsar von seinem Sohn Robert den Erweckungsarschtritt: „Du musst wieder spielen, Alter!“ Er beginnt Songs zu schreiben und alte zersprengte Kontakte neu zu knüpfen.

1995 war das Jahr der ersten heftigen Ostalgie-Welle. Massenarbeitslosigkeit; Abwanderung; Pleitewelle der Existenzgründer von 1990; Rote-Socken-Kampagne, Eierwurf von Halle… Loveparade… Party-Dome statt Disco „Wer im FDJ-Hemd oder in NVA-Uniform kommt, hat freien Eintritt!“. Die Memoiren von Frank Schöbel und Reinhard Lakomy erscheinen und sind sofort vergriffen. Steimle und Böwe werden das Traumpaar unter den Ermittlern im Polizeiruf.

cäsar 1Vita-Cola und Rotkäppchen-Sekt expandieren wieder. Da! Neues von „CÄSAR“! Seine erste CD ist da!

Ich höre rein und die Härte überrascht und begeistert: Die Gitarre dröhnt befreit wie bei „Onkel Neil“ zu der Zeit. Aber – o weh, die Texte! Sehr sehr düster, nichtssagend oder zu PDSlerisch. Trostversuche, jetzt, wo der Wende-Kater auf dem Gipfel war. Verlierer gab es viele, der Erfolg gab Cäsar recht. Aber ich gehörte nicht dazu.

Ich war gerade „aus der Platte raus“, im Eigenheim gelandet; saß nach jedem Arbeitstag mit dem Kaffee-Pott in der Veranda, sah auf den eigenen Rasen (der zwar noch 20 Jahre der Bank gehörte) und hörte Prärie-Rock, um mich an den Dauerzustand „Brändenbörg Kaunti“ zu gewöhnen: Allmans, Rory, Walkabouts; Grapes of Whrat und „Rick’s Road“ von Texas: „Yeahhehe – I’m gonna make you wonder if you’re my friend!“ (Telephone wrings: We got success!) In dieses Stimmungshoch passte Cäsars Todestrieb a la „Halleluja“ und „Nocturno“ nun herzlich schlecht, auch wenn das eigentlich gute Songs sind. Ich ließ sie stehen, wie auch die beiden Nachfolger. In Sachen Texter hatte er kein gutes Händchen. Auf jeder CD prangen 2 oder 3 sehr gute Nummern alter Schule, aber der Rest hört sich an, wie von frustrierten FDJ-Bonzen getextet.

Zwischen CD 2 und 3 erlebte ich ihn live in Neuruppin mit dem „Cäsar-Trio“. Das war dermaßen geil, dass ich auf die nächste CD brannte! Die drei Herren rockten da heftig in Neils „Mirror Ball Style“ alte Renft- und Karussell-Nummern und ein paar Nachwende-Tracks, dass es eine Art hatte:

Renft’ns „Liebeslied“ gepaart mit dieser Pearl-Jam-Guitar-Härte! „Bleich und Uferlos, liegt die Liebe bloß“ Rummsdröhhhn! „irgendwo hinterm Stein muss ihr Hemdchen sein!“ Dröööhn! Music with big balls! Und zwar ganz „bigge“ Dinger! Auch der „Wandersmann“ war eher im Panzer unterwegs. Es war herrlich!

Am superlangen Bass und ebenfalls zuständig für allerhand Krach, so ein laufender Meter, der deshalb auch Suzer Quatro hätte heißen können, aber als „Hans“ Moser vorgestellt wurde, obwohl er Mathias hieß. Der brachte mir die Erinnerung an Leipziger Karussellkonzerte zurück. Der war so ein Leipziger Rockerurgestein, das überall einsprang, wenn mal ein Basser ausfiel. In den 80ern bei Karussell als Claus Winter schon schwächelte, in den 90ern bei einer der Kurzzeit-Renft-Versuche und hier nun bei Cäsar. Er soll anfang der Nullerjahre dem Krebs zum Opfer gefallen sein und nirgendwo wird an ihn erinnert. Deshalb soll’s nun hier geschehen. Rock on!

Ich hoffte auf diese intelligenten Krachkaskaden nun auch auf der nächsten CD, aber die wurde schon von „Cäsar und den Spielern“ eingespielt. Er hatte das Trio aufgestockt mit Fiddle und Flöte und war dem Irlandtick verfallen. Ansätze gab es bei ihm ja hin und wiedermal (Siehe „Mac Donald“ auf der 1.Karussell) aber hier gab er diesem Affen nun heftig Zucker. Ach. Du hoffst auf sowas ähnliches wie „weld“ von St.Neil und bekommst leicht aufgerockte ostdeutsche Dubliners. Ächz. Die Nr. 3 ließ ich also auch im Laden.

Zeitchen verging und ich lernte einen Typen kennen, der Hardcore-Cäsarianer war. Der wusste gar seltsame Klamotten von guten und katastrophalen Konzerten zu erzählen und steckte mich wieder an. Wir fuhren zum Cäsar-Konzert mit der Spieler-Bigband nach Berlin im November 2007 und hinterher wagte ich in CD Nr.4 hineinzuhören. Und siehe da: Alles anders als zuvor: Deutlich homogener, Irlandeinflüsse weg, Texte insgesamt besser – endlich eine, die zu mir passt! Und sie sollte bald aus einem anderen Grund traurige Berühmtheit erlangen:

Statt zum nächsten „Spieler“-Konzert fuhr ich ein Jahr später zu seiner Beerdigung.

Mein Bekannter wusste von einer anberaumten Ohren-OP, bei der der Krebs festgestellt wurde. Ein Jahr Chemo verging; ohne Erfolg. Der Termin der Beerdigung stand in der Zeitung. Mutter hatte es im Saaletal in der dortigen Presse auch gelesen und rief mich an: Dein Cäsar ist gestorben!

Abschied von Cäsar am 07. November 2008; Südfriedhof am Völkerschlachtdenkmal.

kleinBild (21)

Mit KEINEM Musiker der Ossi-Szene fühlte ich mich so verbunden wie mit Cäsar. Ich musste da hin!

Es war ein Freitag. Ein Arbeitstag. Ich fragte bei meinen Chefs an, ob ich zur Beerdigung eines guten Freundes freigestellt werden könne; nacharbeiten selbstverständlich – kein Problem.

Ich fuhr hin. War einer der ersten. Dachte noch: Huch? Und wollte mich wundern. Ich unterhielt mich mit einem wildfremden Typen neben mir, er hat ihn noch bei Renft erlebt, ich erst bei Karussell, da tippt er mich plötzlich an:

„Guck mal!“

Ich dreh mich um: 2 Busse kippen ihre schwarzgekleideten Trauergäste aus, weiter hinten hält eine Straßenbahn, aus allen Türen fallen alte Hippies in schwarz. Die sammeln sich bei den Bussen und kommen wie eine Trauer-Prozession geordnet auf uns zu. Die meisten haben an eine Rose gedacht. Ich Rindvieh nicht!

Nun sind wir deutlich mehr. Von nun an ist das aber mit jeder weiteren Straßenbahn dasselbe. Sie kommt überfüllt und fährt leer weiter. Der PKW-Parkplatz – inzwischen voll. Die Kapelle wird geöffnet und auch oben der Chor muss zugänglich gemacht werden. Ich komme knapp mit rein. Stehplatz. Die Türen bleiben offen, denn der Platz reicht nicht. 500 sollen wir gewesen sein; mir kam’s mehr vor.

Cäsars Beerdigung, von seiner letzten Frau und Managerin arrangiert, wurde zum ergreifenden Event.

Beide Söhne singen nacheinander je einen Song. Robert Gläser ist schon bekannt. Moritz Gläser noch nicht. Als der singt – geht ein Raunen durch die Anwesenden, denn er hat Vaters Stimme! Alle gucken ergriffen und bedröppelt, viele wischen sich bereits die Augen. Der Krankenpfleger beschreibt Cäsars letzten Tag und das Aus- und Aufräumen seines Zimmers, als es vorbei war. Wahrscheinlich hört kaum einer zu, denn alle denken an ihre eigenen Cäsar-Jahre…

Dann soll der Sarg hinausgetragen werden. Die Sargträger sind keine Friedhofsangestellten, sondern „Weggefährten“. Fans und Musiker seiner Bands; vorn dran Monster und Oschek – also Renft und Karussell.zeitlos

Zum Ausmarsch hören wir über die Boxen einen Herzrhythmus, Kirchenglocken, Meeresrauschen – ALLE hier wissen: Das ist das „Zeitlos“-Intro! Nun grabschen auch die letzten nach Taschentüchern – denn als SEINE Gitarre einsetzt, brechen alle Dämme. Auch aus meinen Augenwinkeln läuft es einfach nur so – Irmgard Düren, Cäsars Blues, ZDF-Special; 950 Jahrfeier, Lebe!, Gänselieschen, Wandersmann, Fenster zu!

Cäsar ist tot!

©Bludgeon

Fehler im System XIX

Renft und ich (V)

oder

Allseitige Strategieprobleme

 

Warum nur die halbe Wiedervereinigung von Renft? Welche Hindernisse gab es 1990 für eine triumphale vollständige Reunion? Alle waren noch am Leben! Wo zum Beispiel war Kuno abgeblieben? (Cäsar machen wir später.)

Der wollte nicht! Da gibt es ein ganzes Bündel von Gründen und die leidige Vorgeschichte aus den 70ern. Es gibt eben so Wunden, die nicht heilen wollen. Licht ins Dunkel brachten – wenigstens ansatzweise – die diversen Veröffentlichungen von Klaus, Delle Kriese und Cäsar.

Allesamt Lesens-/hörenswert und doch letzte Fakten vergessend/verschweigend.

Cäsars Buch hab ich (noch) nicht gelesen, aber sein Hörbuch „Cäsar erzählt“ angehört.

In den 90ern wussten wir vieles nicht, was da zu lesen steht.

Als am 11.11. 1989 diejenigen wieder auf Arbeit kamen, die den 10. in Westberlin oder mit Nachschlafen verbracht hatten, berichteten einige von einem Spontankonzert, bei dem alle auftraten, die in Berlin gerade greifbar waren. Joe Cocker, Crosby and Nash, Silly, Reinhard Mey, Pankow, usw. Darunter auch Pannach und Kunert und natürlich mit ihrem seherischen Song von vor Jahren: „The Day they took the wall away“.

Die schienen durch dieses Applauserlebnis nach längerer Zeit, und nach ersten Kontakten mit der alten Heimat Leipzig, wieder Lust zu Auftritten bekommen zu haben. Also ward der Plan einer Comeback-Tour erwogen.

Klaus trommelte seine 5e zusammen, weil er dasselbe vorhatte und wurde prompt an eine Stimmung vom Herbst’75 erinnert, die er in seinem Buch später sinngemäß so auf den Punkt bringt:

„Wenn die uns nicht verboten hätten, hätte ich den Laden 3 oder 4 Wochen später sowieso  zugemacht. Ich hatte genug von den Vorladungen und von dem Knaatsch in der Band.“

Anfang 1990 nun fallen beim ersten Wiedersehen erstmal Pjotr und Monster über Cäsar und Jochen her, dass die die alten Songs bei Karussell gespielt haben! Unverschämtheit! Verrat! Rufschädigung!

Was völliger Quatsch ist. Ohne Karussellkonzerte, hätten Renft 1990 jeden im Publikum mit Handschlag begrüßen können! Die hätten sich bedanken sollen, statt „Wilde Sau“ zu spielen!

Es gab viel musikalisches Talent, aber eine ungute mentale Gemengelage in der Band, so oder so.

Als Kuno 1972 Micha Heubach an den Tasten beerbte, fragte der noch schüchterne unbekannte Kuno den Abschiednehmenden: „Warum gehen Sie denn von DIESER Band weg?“ „Musst mal mit denen proben!“ Maximalist Heubach, ausgestattet mit dem absoluten Gehör und damals in Sachen Alkohol noch gebremster Natur, fühlte sich unterfordert in der turbulenten Feten-Band, bei der die Proben zu Gelagen wurden. Da er Hans-Jürgen Beyer, den Sänger, mit zur Bürkholz-Formation nahm, brauchten Renft einen anderen. Sie entdeckten bei einem Jugendkonzert in der Pampa östlich von Leipzig, einen Typen, dessen Brüllorgan beeindruckte. Thomas Schoppe. The Monster was comin‘.

Kuno und „dieser Monster“ waren bereits in den 70ern auf zwei verschiedenen Ebenen unterwegs und fetzten sich heftig, da der eine „den Sozialismus verbessern“ wollte, und mit Pannach „einen auf Biermann machte“, während der andere gegenüber dem Ex-Thomaner mit Abitur glaubte den Proll raushängen zu müssen. Monster sah unverblümt das Heil im goldenen Westen, war mit 16 eh beim Fluchtversuch erwischt worden und deshalb gesanglich eher damit beschäftigt, sein Jugendwerkhof-Trauma zu verarbeiten und seinen DDR-Frust herauszuschreien:

„Sweet child in time! You never seen the light! Ahhh-ha-ha! Ahhh-ha-ha-ha!“

Die Deutsch-Singerei war ihm notwendiges Übel, um von Musik leben zu dürfen „in dor Zone“. Seinen Spitznamen hatte er von Steppenwolf!

Wenn Monster und Pjotr sich mit Pannach und Kunert in den Haaren lagen, dann waren Cäsar und Klaus die unpolitischen Harmonisierer: „Leute, denkt an die Band!“

Und Jochen schwieg.

Nichts destotrotz unterschrieb Monster dann Ende 1976 mit Pannach und Kunert die Biermannresolution. Alles was den Staat ärgert, war ihm recht. Der legte ihm dann die Ausreise nahe: Ziel erreicht! Er war ja kein Biermann-Spinner!

1990 mit Monster wieder in dieselbe Band zu müssen, war für Kuno also kein so attraktiver Gedanke, zumal DER nun der Sieger der Geschichte war.

So kam es, dass zeitgleich zu Renft’90 auch Pannach+ Kunert im Osten spielten. Ich fuhr auch da nicht hin; zum einen wegen der Autobahnsituation (siehe letzter Post) und zum andern wegen des Eindrucks jenes TV-Konzertes damals, wo sie dieses Anti-Cäsar-Liedchen schmetterten und sich easy, locker, versoffen, mit der Buddel auf der Bühne cool fanden; einen Haufen seltsames Zeug sangen und zwischendrin auch mal Klasse bewiesen: Zwischen Liebe und Zorn, Fluche Seele fluche – ergo: Unsicherheit blieb, ob das was is‘!

Aber dafür weit und gefährlich fahren und Eintritt bezahlen, wenn’se dann als typische Liedermacher vorwiegend Oden an ihre Teetassen schmettern oder über nicht gemachte Betten singen? Nö.

Aber Moritzbastei! Der kultigste Keller von Leipzig! Frenetischer Studentenjubel für „Sonne wie ein Clown“ live by Pannach and Kjoonärd! Wär’s das nicht doch wert?

1991 kam eine Live-LP auf den Markt. Die wollt‘ ich haben. Die „Renft live“ hatte ich ja grade. Am Arbeitsort hatte sich ein „freier Plattenladen“ gegründet. Deutschland war geeint. Die Gehälter noch im Keller. Aber die Nachholkäufe hatte ich schon gestartet und war somit dort gern gesehen. Ich war der, der immer so krudes Zeug bestellt: Interzone, Fehlfarben, Legendary Pink Dots. Hat alles geklappt. Frieder Butzmann hat sie nicht auftreiben können. Als ich „Pannach und Kunert“ sage, kommt die bisher nie gehörte Antwort: „Da müssen Se aber auch versprechen, dass Se die nehm. Die kauft mir hier sonst keener ab.“ Heu! Die Chefin kennt sich aus, dachte ich; und meine eigene Skepsis kam auch wieder hoch. Aber „Fluche Seele fluche“, „Sonne wie ein Clown“ „Wir sangen für Bahro in Bonn und Paris…“ – ach. Historisches Material! Muss sein! Neupreis 19.90 DM? Egal. Schlechter als „Renft live‘90“ wird’s schon nicht!

Oh, doch!

Eine Woche später. Ich betrete den Laden.

„Ihre Platte ist da.“ Und sie hält sie mir auch gleich unter die Nase. „Macht 19.90.“ Ich guck aufs Cover, dann auf sie und werde den Gesichtsausdruck nie vergessen. So was kriegen nur Frauen hin: Diese Mischung aus „Machen Se jetzt bloß keinen Ärger!“(Der bezahlt doch hoffentlich!) und schadenfrohe Belustigung im Mundwinkel aber bissl Mitleid im Blick, als ich wortlos das Portemonnaie zücke.

reinfall1Ich hatte die Rückseite mit der Titelliste noch gar nicht gesehen. Aber ich wusste: REINGEFALLN!

Ich hab‘ erst zuhause, als die Platte dann das eine Mal lief, die Titel gelesen. Es fehlte alles, worauf es angekommen wär! Graupe an Graupe. Lauter Rotz!

Am einprägsamsten war noch:

„Mein großer Bruder is’n Tiefflieger … Intensivkrieger… und fliegt mit Überschall übern Hühnerstall.“

Der Rest hörte sich an, wie uninspirierter Stefan Krawczyk, gepaart mit Ulrich Roski in schlecht.

I want my money back!

Haben die das Konzert wirklich so gespielt? Oder die historischen Hymnen nur herausgeschnitten, aus welchen altlink-spleenigen Anti-Kommerz-Gründen auch immer? Rätsel über Rätsel. Jeder Elvis-Filmsoundtrack, der ja nur 25 Minuten miese Songs bietet, wäre besser gewesen! Den finalen Schlag versetzte mir das Kleingedruckte: Aufgezeichnet im Flöz Berlin. Das war Westpublikum!

Das war gar keine „Live in Leipzig“!

Die Platte stand noch volle 3 Jahre im Plattenregal. Ungespielt. Als Brandmal! Beim Umzug wanderte sie neben anderem verzichtbarem Kram in den Müll-Container.

Ein paar Jahre später erschien die Live-Kompilation „Gib mir’ne Handvoll Glück“, da reinfall2lohnten sich so 4 oder 5 Stücke drauf von 25; eben jene ehemaligen Dissidentensongs. Die wanderten bei mir auf die Festplatte und die CD reichte ich weiter. Als ich sie eintütete, fielen mir Hermann Kants Worte wieder ein:

„Gerulf Pannach? Das ist doch dieser talentierte Texter mit dem verschnittenen Werk.“

Manchmal wohnt auch Aussagen von Vertretern einer untergegangenen Ordnung eine tiefe Wahrheit inne.

Ein Pannach-und-Kunert-Fan kann man irgendwie nicht werden.

©Bludgeon

Fehler im System XVIII

Renft und ich (IV)

oder

But the Band plays the boogie and the beat goes on…

 

1990 war die Welt eh aus den Fugen. So entging mir zunächst, dass sich Renft wieder zusammengetan hatten. Auf die alte Art: Eigentlich zerstritten, aber den Kult im Blut, aus dem sie nun was machen wollten.

Als ich per Monster-Interview in der „Wochenpost“, die es damals noch gab, von der Wiederauferstehung erfuhr, glaubte ich, dass nun gloriose Zeiten anbrechen. Es würde nun das verhinderte 3. Album geben. Man würde den Pannach+Kunert Liederkanon durchforsten und ein 4.Album machen, man würde den Werdegang der Band verfilmen, man würde mehrbändige Memoiren schreiben und die Streitigkeiten um Zeilen, Strophen, Lieder der Nachwelt erhalten…

Ich armer Irrer. Meine kranke Phantasie! Renft waren nie ein rockender Philosophen-Club! Sie wurden es auch jetzt nicht. Nichts von alledem geschah. Nur 4 von 6 hatten sich zusammengerauft, Cäsar und Kuno fehlten. Lutz Heinrich und Robert Hoffmann ersetzten sie. Wer immer die waren. Ein halbes Ding also. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Der Reiz von Renft war unter anderem die Vielfalt der Singstimmen, die Aufteilung der Songs auf 3 sehr unterschiedliche Stimmlagen, die sich perfekt ergänzten – und nun fehlten davon gleich zwei!

Ich riss mich also nicht um eine Karte. Außerdem spielten die nicht hierherum und es war die Zeit des Massensterbens auf der Autobahn. Angst! Ich fuhr noch Trabbi – praktisch eine Brandkugel ohne Knautschzone. Ein Kultmobil wird der für mich nie! Nina Hagen hielt die Situation von damals in „Zwischen Erfurt und Gera“ genial auf thüringisch fest.

„Off de Bremse trädn, hier wörd nich gepennt! De Dotenhämdn-Industrie liechd voll im Drend!“

Lauter irre Ossis, mit und ohne Fahrpraxis, rasten mit ihren „Schnäppschen-Fohrzeusch’n für siehmhunnert West“ mit 100 PS in den Tod und rissen letzte Trabbifahrer, die zufällig in der Nähe fuhren, mit. Einmal hatten auch wir knapp Glück. Wo war eigentlich der TÜV damals? Was da für Ruinen unterwegs waren!

Ich fuhr mit meiner damals ja noch jungen Familie wie immer in Richtung Saaletal. Wars Ostern, wars der Sommer? Zu dritt im Trabbi. Auf dem immer noch leitplankenlosen, nicht mehr ganz so leeren Westring von Berlin. Plötzlich langsamer werdender Verkehr; dann Scherben und Trümmer; Schrittgeschwindigkeit; schließlich ein zerrissener blauer Kadett, der eckigen früh80er Bauart, das Heck mit Hinterachse auf dem Mittelstreifen, die Rückbank auf der linken Fahrbahn, die Schnauze rechts im Graben; auf den Vordersitzen saßen noch welche – reglos. Zwei oder drei Autos standen dahinter auf dem Standstreifen und Helfer winkten uns durch die Kleinteile auf der rechten Fahrbahn durch. Meine Frau auf der Rückbank will unserm 3jährigen eben die Augen zuhalten, als der schon die altersgemäße Frage-Lawine startet:

„Ohrrr is das Kaputt! Warum isn das kaputt?“

„Zu schnell gefahrn.“

„Und warum?“ usw. Sie hatte jetzt bis Niemegk gut zu tun.

Ich musste blitzentscheiden, ob ich um die Scherben kurve oder quer durchknirschle, platte Reifen riskiere, da wurde ich auch schon rasant überholt. In der Unfallstelle! Von einem grünen Daimler. Darinnen ein wackelnder, scheinbar zum Sound mitsingender Fahrer allein. Der musste dieser Rückbank ausweichen und schnippt vor mir auf die rechte Spur. Schrecksekunde!

„Arschloch!!“, brüll ich die Windschutzscheibe an. Er rast davon.

„Was hattn der gemacht?“ kams prompt von hinten.

„Der konnte och nich‘ richtich fahrn! Vielleicht sehn wir den nachher och noch im Gra’m.“

„Au ja! Noch’n kaputtes Auto!“ jubelts hinter mir voller Vorfreude. Ganz der Papa!

Aber mir war nach der Tour endgültig klar: Nie wieder Autobahn im Trabbi!

Deshalb: Diese „halben Renft“ spielten in Leipzig. Bischofswerda. Berlin. Auf Rügen. No way. Ohne mich! Für die Restetruppe riskier‘ ich nich’s Leben. Wird ja wohl ne Live-Platte geben?

1991 schrie dann dieses gelbe Cover mit der Karikatur: Kauf mich! renft-90

Fluxus Records Berlin. Klar. Bischofswerda 10. Mai ’90; Eintritt noch für Ostgeld… Das Hörerlebnis? Durchwachsen. Eben nur Monster am Mikro. Der Sound ganz okay, aber die Stücke recht rumplig gespielt. Anfang und Ende der Platte aber sind historisch wertvoll.

Du legst sie auf und hörst das Publikum. Dann wird die Verlesung des Verbots von 1975 eingespielt. Klaus hatte das seinerzeit mitgeschnitten. Auf welche Weise das gelang, das wird alle paar Jahre und in jedem Buch anders erzählt.  Sehr gut remasterte Qualität übrigens. Die Masse hört das Bonzensprech und fängt an zu toben:

„Aus! Aus! Mach die Scheiße aus! Kommunistenschweine!“

Mitten hinein ein Klampfakkord und Monsters kräftiger Gesang startet:

„Manchmal fällt auf uns ein Frost und macht uns haaaaart!“

Geil! Es konnte nicht besser passen! Gänsehaut. Jubel auf der Rille. Ein Freudentränchen auch bei mir, nun ein Jahr später vor dem Plattenteller. Aber schmunzeln muss ich schon: Erstmals wieder live und schon wieder missverstanden! Eigentlich wollten ja zumindest Pannach und Kunert, die die maßgeblichen Stücke schrieben, Superkommunisten sein. Monster eher nicht. Und nun feiert hier ein Publikum den Untergang des „Gumunismus“ mit Klängen, die ihn eigentlich weiterbringen wollten. Tja. So isse halt, die ehemals herrschende Klasse. „…und der Kopf hat immer frei dabei…“ Grins.

Am Ende der B-Seite in den Abschlussapplaus hinein ruft Monster:

„Wir sind wieder da. Nach 15 Jahr’n! Wir sind wieder da!“

Die Freude ist ihm anzuhör’n. Sieger der Geschichte, der er ist.

Nach der Tour war erstmal gleich wieder Schluss. Die beiden No Names und Jochen verschwanden von der Bildfläche. Und so sollte es dann 30 Jahre weitergehen: Alle paar Jahre ein neuer Anlauf, die klassischen 6 nie auf einer Bühne! Man feierte seltsame Jubiläen: „40 Jahre Renft“ – ? – Das klappt nur, wenn du Klaus’ns Musikerkarriere mit 4 Bands zusammenrechnest. Die Legendenformation existierte keine 4 Jahre! Ausstiege, Wiedereinstiege, Krebstribute, Bandspaltung (besonders abstrus; aber das passiert auch anderen, siehe Yes, Wishbone Ash und Barclay James Harvest) Autounfalltod, Neubesetzung … und zwischen drin dann 1999 endlich mal eine Platte mit neuem Material. Leidlich gut sogar. Aber das ist schon wieder ein anderes Kapitel.

©Bludgeon

Fehler im System XVII

Tingelnder Stillstand

oder

What goes up, must come down!

Karussell blieben nicht die Gralshüter des rockmusikalischen Widerstandes privater Grübler.

Wer „Fehler im System“ komplett gelesen hat, weiß bereits, wer die Führung diesbezüglich in den 80ern übernahm.

Die Erde drehte sich weiter, aber Rummel-Karussells achten nicht auf die Richtung der Erdrotation. Und unser Musik-Karussell hier setzte auf den falschen Zeitgeist: Nämlich den verordneten; das bringt offiziöses Lob und Privilegien in Form von Reise-Pässen und vergrault die Fans.

Auf LP 2 war es noch nicht ganz so offensichtlich wie auf LP 3, aber eigentlich hätte man den späteren rasanten Niedergang der Band schon auf der zweiten Platte ahnen können.

1. …ein leeres Nest, ein leerer Hort…

1981 galt „Das einzige Leben“ als Sensation. Sie war um den Jahreswechsel 80/81 in den Läden. So auch in der MHO in Hagenow, wohin mein Prora-Regiment verlegt worden war. Ich war EK und feierte „Halte durch!“ Auch „Wenn die Hähne krähn am Morgen, reiß ich die Augen auf und staun – die Welt haaaaat, mein Vertrau‘n!“ schien mir wie eine Verheißung der kommenden Freiheit. Ich würde meinen Spieß zwar leider nicht erschießen können, aber ich war zum Verdrängen bereit: Jetzt musste es kommen, das große Abenteuer Leben!

karussell2Im Radio feierte man – und diskutierte sich wund dabei – den Titelsong. Die Refrain-Zeile sorgte anlässlich der ersten Sendetermine auch für gebührend Aufsehen: „Oh Jesu Christ! Oh Jesu Christ! Komm und sei DU mein Retter!“ Ganz und gar unironisch wurde hier die Entsagung einer vereinsamten alten Mutter besungen, die auf die Verheißungen des Jenseits setzt. Was für ein Thema! In der religionsfeindlichen DDR! Karussell packen ein heißes Eisen an und kriegen das sogar auf Platte! Titelsong! Und „Wer die Rose ehrt“ auch noch! Knaller. Sensation! Ein Renft-Oldie quasi aus dem Giftschrank zurück! (Dass das im Falle von „Besinnung“ auf der ersten LP auch so war, war den meisten entgangen, der Song zuvor zu unbekannt.)

Mehr oder weniger versteckt auf der Platte war „Lieb ein Mädchen“, medial wenig beachtet, im Rundfunk selten gelaufen, enthielt er jedoch die eigentliche Textsensation:

Kritik an stupider Industriearbeit und somit antrainierter Denkfaulheit der Masse, zwar optimistisch verkleidet, aber unüberhörbar.

„…(sie) steht 8 Stundenlang am Band und der Kopf hat immer frei dabei… baut sich Geschichten und Schlösser in der (geistigen) Still…“

Da steckt die ganze Verschnarchtheit des DDR-Alltags drin, Monotonie, Kitschsehnsucht, privates Nischenglück. Was meinste, wieviele westdeutsche Groschenheftchen im Osten völlig zerlesen von Hand zu Hand gingen! Nix „Neuer Mensch“. Game over. Die Renftsche „Schlacht“ ist aus.

Dem gegenüber war die Exhumierung der „Rose“ vielleicht leichter als wir legendensüchtigen Fans damals herbeiinterpretierten. Denn:

„Wer die Rose ehrt“ hat einen auf den ersten Blick relativ staatstragenden Demmler-Text. War 1971 Hit. Hatte 1981 also 10jähriges Jubiläum; und wurde von Michael Heubach und Cäsar komponiert. Die waren alle noch da, politisch unbeschadet. Da hatten die „Großen Verhinderer“ relativ wenig in der Hand!

Auch der Sensationssong vom „einzigen Leben“ hatte beim 3. oder 4. Hör in der letzten Strophe dann eben doch so ein „sozialistisches Schwänzchen“, nämlich mit der Klage, „dass man aus einem Leben nur allein, doch nicht so fröhlich scheiden kann!“

Der Band kam zupass, dass mit Beginn der 80er Jahre der Kirchenkurs der Wandlitz-Brothers kompromissbereiter wurde. Die „Bluesmessen“ Ostberlins wurden nicht im alten Stil aufgelöst, verboten, sondern beschattet. Pastorenkinder konnten zur EOS, jedenfalls in West-Elbien. In Mecklenburg geschieht ja alles hundert Jahre später, wusste schon Bismarck. Electra durften ihren 1972er Hit „Tritt ein in den Dom“ ebenfalls 1980 auf ihrer 3.LP unterbringen. Es läpperte sich…

Andererseits wurden die „Schwerter zu Pflugscharen“-Aufnäher gejagt. Dass die Kirche ihrerseits darauf eine sowjetische Skulptur mit einem Bibelzitat umrandete, war eben nun wieder zuviel für die Jünger der sozialistischen Dreifaltigkeit Marx-Engels-Lenin.

Was ich damals völlig überhörte war, dass in mehreren Texten der Platte dieser verordnete Singe-Club-Optimismus a la „Da sind wir aber immer noch, und der Staat ist noch da, die Arbeiter baun das Land….“durchschlug. Am deutlichsten in „…und der Wind endet nicht“. Lange Zeit hielt ich den für die „Bezahlung“ dafür, dass „Wer die Rose ehrt“ mit auf die Platte durfte.(Hier noch ne andere Variante.) Aber bereits der Opener „Jungs“ hat diesen altväterlichen Pädagogen-Touch, den man von Renft-Nachfolgern eher nicht erwartet. „Ein Leben lang“ war textlich so ein hölzerner Abklatsch vom „weiten Weg“ der Vorgängerplatte, aber ohne einen Widerhaken, z.B. einen Hinweis auf Zwänge, die zu dieser Verhaltensweise führten. Du bist Spießer geworden! Selbst Schuld! Ändere dich! Pathetisch aufgeblasen – aber platt.

Auch „wenn die Hähne krähn“ und „halte durch“ haben, wenn man sie nicht mit EK-Ohren hört, eher diesen „Es ist eigentlich alles in Ordnung-Gestus“.

Was also übrig bleibt, sind die beiden zeitlos schönen Miniaturen: „…nämlich bin ich glücklich“ (auch wegen der Anti-Karat-Klatsche, die sich der Demmler nicht verkneifen konnte, weil die nicht mehr bei ihm texten ließen) und „wiedersehn im Traum“. Beides Cäsar-Nummern. Wie auch das schon erwähnte „lieb ein Mädchen“. Ein Cäsar-Evergreen. Übrigens: Hört euch mal „factory girl“ von den Stones an.

Mit der 3.LP 1983 kams schlimmer.

2. …erst durch diesen Berg Schokoladenersatz…

karussell3Cäsar war ausgebrannt. Mehr als 200 Konzerte im Jahr, fast in allen Kneipen ging die Getränkerechnung „aufs Haus“, weil die Musiker ja für „volle Hütte“ sorgten, dazu der Druck, kreativ zu bleiben, weil er der Hauptkomponist war und die Verärgerung, dass die anderen den braveren Weg gehen wollten, führten zum „Trinken gegen sich selbst“.

Es war so üblich innerhalb der Bands, dass zwar jede nur ein oder zwei Songschreiber hatte, aber unter den fertigen Titeln einer Platte dann doch alle Bandmitglieder vertreten waren. Der Komponist verschenkte quasi seine Leistung, weil jeder in der Band mit irgendeiner Fähigkeit zum Band-Wohl beitrug (Bandbus reparieren, Ersatzteile erschachern, Musikinstrumente besorgen vom Klassenfeind usw.) und deshalb von den Gema/AWA-Tantiemen profitieren können sollte. An den Umsatzzahlen beteiligte Amiga seine Stars ja eh nicht. Solange das Bandklima stimmt, mag das hinhauen – aber was, wenn man sich mit Krach von einer Truppe trennt? Bei „Schlaraffenberg“ war schon der Wurm drin. Cäsar wollte weg. Vielleicht wollten ihn die andern auch inzwischen loswerden. Ohne ihn gibt’s die Pässe schneller. Musikalisch schwächelt sich die Platte von Nummer zu Nummer durch. Und Demmler schwächelt mit.

Ein zweites „Fenster zu“, „Lieb ein Mädchen“ oder gar „ehrlich will ich bleiben“ find’ste hier nicht mehr.

Zwar erinnert der Form halber die Zweiteilung von „Flimmertheater“ an den Trick von „Ich bau euch ein Lied“, aber erstens ist Reinhard nicht Kuno: Seine Stimme nervt schneller und zweitens ist der ungeschickte Text zum Fremdschämen.

„Flimmertheater! Mutter und Vater reden kein Wort. Sitzen im Sessel beim Bunten Kessel, mich teibt es fort….“

singt Reinhard Huth. Ein Mann, dem die Natur skalptechnisch übel mitgespielt hat, der dank Resthaardecke, Schnauzer und Pausbäckchen schon mit 25 wie 50 wirkte. Er ist hier nun 33, also NOCH älter und will sich jetzt von den Eltern lösen, singt er! Ein Schelm, wer da an „Ich bin 17x sitzengeblieben und hab dann die Lehrerin geheiratet.“, denkt. Und das gleich als Opener!

Es folgt mit „Sirene“ das kurze beste Liedchen. Cäsar gibt verschlüsselt Auskunft über seinen Seelenzustand:

„Bin ein Boot, bin ein Boot, bin ein Boot in Not….“

dav

Karussell 82 und Cäsars Gesicht

Kann ich bestätigen. Während der 3 Karussellkonzerte meiner Leipziger Jahre konnte man die Lustlosigkeit wachsen hören und sehen. Zuletzt sah ich sie im Plagwitzer Kino Lindenfels ganz ohne Ansagen, Cäsar nicht in der Mitte, sondern am Rand, nur noch mit 2 (ungefährlichen) Renft-Nummern, („Apfeltraum“ und „Liebeslied“) und lautem Soundbrei, der dich die Texte raten ließ.

Wir waren mit unseren Madames zu sechst zugegen. Den Mädels gefiels, der Kult war ihnen Schnuppe. Wir Jungs fanden da nichts mehr „zum Verehren“, ließen die anderen nach Zugabe brüllen, hakten das Konzert als absolviert ab und freuten uns auf die nächsten Pogo-Runden vor der Pankow- oder Keks-Bühne demnächst im „Schmidtchen“.

Nach „Sirene“ folgt „Sterne in der Nacht“, das Herantasten an das Thema Homosexualität. Naja. Über Renft formulierte Christoph Dieckmann in den 90ern „sie soffen und weiberten sich durch die Republik“. Karussell sind die Renft-Erben. Mittlerweile angejahrte Super-Machos. Und die machen nun auf Schwulenversteher? Wirkte irgendwie wie krampfhafte Suche nach einem neuen „heißen Eisen“ ohne an der „Tür aus Stahl“ zu rütteln, „die in den Frühling führt“.

Next Song. Titelsong. Der, der der Platte den Namen gab. Da steht jetzt 3x der, mehr gibt der Song nicht her. Grins!

Gefolgt von einem Blues für die ewigen Fleischerhemden-Träger mit einem billigen reim-dich-oder-ich-fress-dich-Text „Mein Bruder Blues tut Buß‘‘“.

Und so ging das weiter: Die Platte war heiß erwartet worden. Legenden rankten sich um die Verspätung. Wie immer. Für Anfang 82 angekündigt, kam sie erst mitte 83 in die Läden. Der „gelbe Mond“ war schuld. Den wollte die Band durch die Zensur bringen und den „Großen Verhindern“ war der zu unmoralisch:

„Unter einem gelben Mond haben wir uns beigewohnt und ich sagt‘: „Ich hab dich lieb.“, dabei war es nur der Trieb.“

Wir schrieben 1983, als wir sie schließlich kaufen konnten! Da waren wir aus West und Ost gaaaanz anderes gewohnt! Nina! Interzone! Kiev Stingl! Inge Pawelcyk! Wilde Mathilde! Zwar wurde die Querele gern herumerzählt und Karussell weiterhin als „Große Band“ angesehen, aber die Glorie verlor an Glanz. Die „Schlaraffenberg“ stand bald überall nur noch im Regal und erreichte den Plattenteller nicht mehr. Der war blockiert vom „Mont Klamott“!

1983 im Laden! Mit diesem altbackenen Sound! Hingeleierten Kompositionen und diesen schlimm öden, „pädagogisch wertvollen“ Texten! Singen da die Renft-Erben oder alle meine Stabülehrer?

Bleiben übrig „Sirene“ und „Wochentag(der erbrochen lag)“ die so einigermaßen gingen.

1983 im Laden! Das Jahr des Silly-Phänomens, das Jahr in dem Pankow ihr zweites brisantes Bühnenstück „Hans im Glück“ zelebrierten. Das Jahr von Stern Meißens „Stundenschlag“-LP. Und ihrer besten -leider nur Kurzzeit- Inkarnation als Fusion-Band, noch mit Fißler. Live (Kongresshalle) ein Hammer! Das Jahr vom ersten „Regenwiese“-Konzert. Das Jahr mit Omega live (Messehalle2)!

Und die Renft-Erben kamen mit ihrem „Schlaffen Berg“ —??? Wandel tat not, aber er brachte keine Heilung.

Cäsar stieg 1984 aus. Die Band holte Lutz Salzwedel von Passion weg und machte Musik, passend zu seiner Dauerwelle.  LP Nr.4 erschien jenseits der Wahrnehmung von uns Alt-Fans. Als der auf Westtournee abhanden kam, stieg Dirk Michaelis ein, der noch jünger aussah und mit ihnen „Café anonym“ einspielte. Mantel des Schweigens hilf! Immerhin gelang ihnen darauf noch „Als ich fortging“.

Dirk Michaelis ist eigentlich ein feiner Kerl meines Alters, der die gleiche Gojko-Macke hat wie ich. Und der auch eine dunkelhaarige Dakotabraut heiraten wollte. In der DDR! Er fand seine schon in der Parallelklasse. Ich meine erst im Studium. Aber sowas verbindet halt. Als er nach der Wende mit Herzberg und Zöllner (Die 3 Highligen) tourte, waren die Klasse!

Aus den Passion-Resten wurde „Cäsars Rockband“. Allerdings gelang dieser kein großer Wurf mehr. War’s der Alkohol? Waren es Ansichten, die letztlich nicht zusammenpassen wollten? Ein ungeschriebenes Kapitel. Er stellte schließlich Ausreiseantrag und wurde anfang 1989 aus der „Staatsbürgerschaft der DDR entlassen“. In Westberlin wurde er Taxi-Chauffeur, stellte die Gitarre in die Rumpelkammer und resignierte. In dieser Zeit der Lethargie fiel die Mauer. Die 7 Samurai trafen sich wieder; „stießen auf einander“, muss man sagen, wollten sich trotz aller Animositäten wieder zusammenraufen, aber die diversen Nachwende-Inkarnationen fanden ohne Cäsar statt. Warum?

Das ist ein anderes Kapitel.

©Bludgeon

 

Fehler im System XVI

Karussell `79

oder

die Nachlassverwalter der Rebellion

Im Rahmen dieser Reihe habe ich nach Jahrzehnten mal wieder die 1.LP von Karussell auf den Plattenteller gelegt. Die Nadel senkt sich in die Anfangsrille – – – und ich bin wieder 18, wie damals.

mde

 

1.“…draußen schwirrn die Gerüchte!“

Dass Cäsar und Jochen bei Karussell untergekommen waren, hatte sich herumgesprochen. Natürlich nicht durch Ost-Medien. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, liefen seit 1977 bereits die beiden ersten Songs „Gaukler Whisky“ und „Lebe“ im Ostrundfunk. Das gleichzeitig noch „Welt im Sand“ entstanden war, erfuhren wir erst per Konzert. Meines Wissens nach lief DER nie im Radio. Die Metapher für auf Sand gebauten /bzw. in den Sand gesetzten Sozialismus war wohl ZU deutlich.

Das Whisky-Lied war nicht gut und auch nicht schlecht, es nervte nur ein bisschen, weil die verordnete Kampagne gegen Alkohol und Nikotin gerade wiedermal so holzhämmernd ungeschickt zu spüren war: Seltsame Zeitgleichheit von „Zigarrettenblues“ (Vroni Fischer&Band), „Blues von zwei falschen Freunden“(Alkohol und Nikotin) von Jürgen Kerth. Gäääähn.

Aber:

„Lebe nicht hinter Glas! Lebe! Die Welt macht Spaß. Lebe! Und lass dich sehn! Im Geschehn.“

DAS hatte es mir angetan! Zum einen tröstet es dich mit 17…18 über die eigenen Liebeskalamitäten hinweg — Zielgruppentreffer par excellence; und zum anderen: Wenn Renft-Erben sowas singen, dann ist das auch ein Akt der Selbstermutigung. Nach so einem jähen Absturz vom „hervorragenden Tanzmusik-Kollektiv“ zum gar nichts … aufrappeln … neue Band ….neue Einstufung …. Alles von vorn!

Sie tingelten seit Sommer’76, dann’77 – und dann ‘78 zur 950-Jahrfeier; MEINEM (kleinen) Woodstock im Saaletal! Nach und nach kamen weitere Titel ins Radio, aber wo blieb die Platte?

Nach jenem spektakulären Konzerterlebnis hieperte nun jeder in meinem Bekanntenkreis nach der LP. Wochenlang hab ich im Plattenladen nachgefragt – bis schließlich – fast ein Jahr später – mich so ein abschätzender Blick der Verkäuferin traf: „Is‘ der‘s wert?“

Dann bückt sie sich, um etwas hinterm Ladentisch von einem Hocker zu nehmen und drückt mir -in Packpapier bereits eingewickelt- ein quadratisches Viereck in die Hand: „Da isse. Sechzehnzehn.“ Glückstag! Ich zückte das Portemonnaie…

Hinterher bekam ich mit, dass die Startauflage besonders klein gewesen sein muss und deshalb zunächst nur an „Schallplattenunterhalter“ verkauft werden sollte. Vielleicht sollte der Blick zuvor auch bedeuten: „Is der DJ? (Nach‘m Berufsausweis zu fragen, ist mir zu blöd.)“

Die Nachauflage gab es sogar erst, nachdem LP Nr. 2 schon draußen war. Ihr Erfolg im Radio ließ die Kulturgewaltigen zucken: Die großen Stückzahlen der Plattenproduktion bleiben für die domestizierten Puhdys reserviert! Und für die braven Karat, für die sich jetzt der Maffay interessiert. Nie wieder so ein Renft-Debakel!

2. „Spiel dein Lied! Spiel dein Lied Gitarrist! Ob es dasselbe noch ist…“

Zuhause pack ich sie aus: Tolle Covergestaltung mal! Selten bei Amiga. Der Karussellschriftzug so ähnlich abstrahiert wie die Buchstaben auf „Renft“(74); ich drehe die Hülle um. Titelverzeichnis checken:

– Autostop! Yep!

– Der Gitarrist. Ja!

– Fenster zu! Jaaaa!

– Ehrlich will ich bleiben! Yeahr!

Alles drauf, was man aus dem Radio kannte. Moment – aber wo ist „Lebe!“?

Scheiße. Hamse uns wieder nicht den vollen Spaß gegönnt! Welcher Bonze hat nun da wieder dran gedreht!

Aber der aufkommende Ärger war schnell verflogen, denn:

Ich las den Hüllentext von Kurt Demmler und stieß auf eine Sensation:

„Sie haben keinen Schneider und keinen Gesangslehrer, kein Lichtgeflatter (…) und keine einstudierten Mätzchen. Sie machen Musik…

Auf der Bühne sind sie 6 Musikanten, sechs Typen, eigenwillig und sich unterordnend:

Cäsar, dessen Gitarre…  Jochen,…Hula, …Oschek …usw.“

Der Satzbau, die Wortwahl! Das kannte ich! Aber mit anderen Namen!

Einige Jahre zuvor, so 73 oder 74 herum habe ich beim Friseur ein „Neues Leben“ in der Hand gehabt. Das war so eine Art „Ost-Bravo“, aber bedeutend steifer, weil „unjugendlich“, geschrieben. Und dort entdeckte ich neben einem Renft-Bildchen einen Text, der hätte eigentlich ungefähr so gehen müssen:
„Klaus Jentzsch-Renft und seine Mitmusikanten, die seit geraumer Zeit die Klaus-Renft-Combo bilden, haben sich in der Tanz-und Unterhaltungsmusik unserer Republik einen Namen erspielt und veröffentlichen bereits ihre zweite LP…“

Stattdessen hatte der diesen „für uns unüblichen“ westdeutschen Rann-wantz-Duktus:

„Ich möchte euch 6 Typen vorstellen, Sie heißen Kuno und Klaus, Monster und Pjotr, Cäsar und Jochen. Sie haben keinen Schneider und keinen Gesangslehrer. Sie machen ehrliche Musik ohne Mätzchen…“

Wenn DAS keine Sensation ist! Da hat der Demmler denselben Text nur geringfügig umgestellt! Alle, die sich auskennen, haben’s nun amtlich: „Das sind die neuen Renft!“

Viele Leser kann das „Neue Leben“ nicht gehabt haben. Jedenfalls habe ich nur ein einziges Mal jemanden getroffen, dem es ging wie mir. Eines Tages, so 83 oder 84 herum, rede ich in Leipzig mit Micha über Renft und da erzählt der mir das von dem Hüllentext, und merkt nicht, dass ich die ganze Zeit schon grinse:

„Siehste! Gerade wollte ich dir das Gleiche erzählen. Das hat mich damals auch sofort umgehauen!“

Die Platte stellte eine gelungene Staffettenstab-Übergabe dar. Die Songs sind mitgewachsen. Sie funktionieren noch immer. Bis auf „Tanzen“. Der funktionierte nie! Ist genauso ein Fremdkörper wie „Susann“ auf der zweiten „Renft“. Da wär‘ Platz gewesen für „Lebe“!

 

3. „…doch die Schlacht wird viel viel länger sein!“

Der Titelsong ist ein Großwerk, mit einem Meistertext vom Demmler. Das Spiel mit den Paradoxien: In alter Renft-Tradition geht’s um die großen Fragen des jungen Erwachsenen, der noch nichts ist, dessen innere Kompassnadel noch kräftig pendelt.

„ …und es werden Frau und Kinder sein, oder eben Einsamkeit.

Niemals fiel mir im Traume ein: Beides wär zur gleichen Zeit!“

Individuelle erste Lebenserfahrung. Aber wie weiter? „Zwischen Liebe und Zorn“(Renft), „entweder oder“(Karussell) „Also was soll aus mir werden“(Stern Meissen). Songs über sich verflüchtigende Ideale. DAS Thema im Ostrock.

Der „Gitarrist“  im Anschluss gehört ebenfalls in diese Songfamilie, ist Cäsar auf den Leib getextet. Sinnkrise des romantischen Idealisten: Nu biste 30. Wie lange willste noch den Rebellen vor kleinen Jungen geben? Was macht der Rocker, wenn er nicht als Klampfer eines wirklichen Tanzorchesters enden will? Hält dir Jo Kurzweg schon einen Platz frei?

 „Spiel dein Lied! Spiel dein Lied Gitarrist! Ob es dasselbe noch ist?! Jenes Lied vom Dach. Doch es schläft ganz tief. Du kriegst es nicht mehr wach!“

Und auch der da vor den Boxen merkt: Ja, Junge! Verrenn’ dich nicht! Du wirst nicht ewig ticken wie mit 17/18!

Interessanterweise sollte die Zerrissenheit des zweifelnden Rockers durch Stereoeffekte unterstrichen werden, was allerdings misslang. Der Song hört sich wie eine Fehlpressung an, weil da in der Mitte mal die eine-, dann die andere Box ausfällt.

Um „Autostop“ wurde in Studentenkellern viel gestritten: Renft-Song oder nicht. Beides stimmt. Heute wissen wir nun dank der Archivmaterial-CDs. Es gab 1975 ein nicht so richtig zuende komponiertes Lied gleichen Namens mit deutlich anderen Versen Die Karussellversion ist somit die textlich und kompositorisch verbesserte Endfassung.

„Fenster zu!“  war ein Knüller der Zeit! „…. Draußen schwirr‘n die Gerüchte! Machen gern Zweisamkeiten zunichte! Baby von dir sprang eines mir soeben in das Ohr! Oh nein-nein-nein, ich geb nichts drauf. Ich wär ein Tor!“ Filigran gespielt, als wär’s ein Minnelied von Branduardi, dessen „pulce d’aqua“ gerade für Aufsehen sorgte. Cäsars zärtlicher Bariton lässt es wie ein Liebeslied erscheinen und bringt es durch die Zensur, aber:

Tja. Aber berühmte (gestreute) Gerüchte waren auch, dass Renft Staatsfeinde gewesen sein sollen, die die Republik gefährdeten. Oder dass Luis Corvalan ohne Austausch „freigekämpft“ worden sei. Oder dass die Musik von Kiss „Rockfaschismus“ wäre! Oder dass von oben verordnete Friedenslieder den Weltfrieden retten würden! Oder das Punk wirklich DIE Musik sei, vor der uns unsere Eltern immer gewarnt haben und der Imperialismus die Jugend auf den neuen Faschismus vorbereiten will. Aber dass der weltweite Sieg des Sozialismus unmittelbar bevorsteht.

„Kille-kille-über diesen Witz kann ich nicht lachen…“, könnte man da mit Renft-Zitaten Paroli bieten und im selben Fettnapf enden, wie die. Schnauze halten war klüger! – Und neben dir, vor dir, hinter dir – irgendwo sitzt immer einer, der wie du Blickkontakt sucht und ebenfalls die Augen verleiert, wenn offiziell solcher Rotz verkündet wurde!

„Irgendwann will jederman raus aus seiner Haut! Irgendwann denkt er dann. Wenn auch nicht laut.“ (Renft/Pannach)

4.Das trojanische Pferd

Die Grübelmaschine in mir schlägt noch einmal die alten Schlachten, während „Tanzen“ und „der weite Weg“ laufen, dann folgt das Schlusslied der B-Seite. Karussells „Besinnung“. Und damit auch die Schluss-Pointe:

Seit den frühen Tagen der Skandalbesetzung von Renft geisterten zwei harmlose Liedchen der Band, gesungen von Cäsar, durch den Äther: „Sehnsucht“ und „Besinnung“. Nun gab es das eine von beiden auf ner Platte – unter dem Logo einer anderen Band.

Aber: Vielleicht ist das ja genau DIE Fassung? Die von damals. Knappe Ressourcen; auch an Studiozeiten. Warum nochmal aufnehmen, was gut gemastert doch schon vorliegt? Spielen also Kuno, Pjotr, Klaus usw. geisterhaft hier ihren eigenen Memorial-Song?

„Wenn das Lied endet, das sich nun enden will – seid noch ein Weilchen mit mir still…“

Schweigeminute. Remember ZDF-Special. Remember Ottoballade! „Ach könnt‘ ich mit an deren Sonne baun!“

Klack, der Tonarm hebt sich. Ich streiche mir durch den Bart; und die grauen Haare, die dabei in meinen Fingern hängen bleiben, erinnern mich daran, dass nicht mehr 1979 ist. Ich hänge den Klängen noch eine Weile nach. Einmal mehr wird mir bewusst:

Nie wurde ein Kult mystischer gepflegt, als mit dieser Platte.

©Bludgeon

 

Fehler im System XV

RENFT ’74

1974 erschien „Renft“, das 2. Album. Eine Sphinx. Es spricht zu dir und es wirft Fragen auf, die bisher nirgendwo beantwortet wurden.

Die Quellenlage zum Thema Renft ist eine unglücklich unvollständige. Jeder der 7 Samurai hat in den 90ern noch gelebt und Interviews gegeben: Oral-History; jeder hatte seine Wahrheit und mancher nach Tagesform über die Jahre sogar mehrere.

Die Titelreihenfolge der Amiga-Pressung ist folgende:

Ich bau euch ein Lied (I)                                            Weggefährten

Nach der Schlacht                                                       Ermutigung

Wiegenlied für Susann‘                                              Ich und der Rock

Mama                                                                            Irgendwann wird‘ ich mal

Als ich wie ein Vogel war                                           Ich bau euch ein Lied (II)

Gelbe Straßenbahnballade                                        Was noch zu sagen wär

 

Renft 74Es ist eine für damalige Verhältnisse und Hörgewohnheiten sehr gute LP. Stereo-Effekte und Hall sind eine Wucht für Amiga zu der Zeit! Aber da ist eben auch eine seltsame Zerrissenheit nicht zu überhören, was die Reihenfolge der Botschaften betrifft.

Thomas „Monster“ Schoppe legte mal im Interview die Spur: „… damals als die uns unser Konzeptalbum zerschossen haben“ wäre der Knaatsch mit den Behörden schon am Laufen gewesen. Nicht erst, als die „Otto-Ballade“ entstand.

Eigentümlich ist, dass sich in den sonstigen Memoiren von Bandmitgliedern dazu nichts findet, dass aber die Nach-Wende-Veröffentlichungen von Archivmaterial „Unbequem wollen wir sein“ bzw. „40 Jahre Renft“ Probenraumfassungen von Songs des 2. Albums enthalten, die diesem Konzeptausspruch entsprechen.

Die Frage, „Was wäre wenn …?“, ist in diesem Fall eine historisch interessante. Geht man ihr nach, stößt man auf das Dilemma der Ost-68er, die ja nicht die Probleme ihrer Westkollegen hatten, wohl aber auch eine immense Sehnsucht nach Erneuerung/Reform/Wiederbelebung scheintoter Zustände. Sie glaubten teilweise, dass nun, nach Ulbrichts Ende, die Zeit reif sei, ein paar nicht gemachte Hausaufgaben der Macht ansprechen zu können, und erlitten eine Bruchlandung.

Ein bisher nicht untersuchtes Phänomen ist es, wie der DDR-Führung gelang, sich ihrer Jugend so dauerhaft zu entfremden. Da war durchaus Schwung in den ersten Jahren nach 1949 vorhanden…Woher kam diese dauerhafte Angst davor, ein kleinwenig mehr Leine zu lassen, mit kleinlichen Gängelungen kontinuierlich aufbauwillige Geister zu verprellen; sehr oft genau die Falschen zu bestrafen und ebenso die Falschen mit Karrieren zu belohnen. Ein nicht enden wollendes Trauerspiel.

Biermann schrieb seinen Underground-Hit „Du lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit“ und Pannach war Fan geworden.  Die ganze zweite LP scheint sich an Biermanns provokantem Fragenkatalog zu orientieren:

Wann dürfen wir mal was? Wann kommt der neue Mensch zustande, den uns die Pioniernachmittage und FDJ-Studienjahre seit 24 Jahren auf jedes Butterbrot schmieren wollen? Was wäre dazu nötig, dass das möglich wird?

Die Platte klingt wie ein Songschreiber-Duell zwischen Pannach und Demmler, denn beide sorgen hier für Highlights.

Man legt sie auf und Kunos hohe Stimme bringt dir den ersten, metaphorisch meisterhaft verbrämten Denkanstoß:

Leute! Ich hau euch hier ein paar dicke Brocken hin, da sind Dinge nicht mehr totschweigbar, wenn wir endlich drüber reden(dürften), kommen die erstarrten Verhältnisse wieder in Bewegung „werden Wellen draus“ – – – !!! —

Rumms! Rollt dich die deep purplige Orgel von „Nach der Schlacht“ über den Haufen und Monsters Geröhre stellt den bestmöglichen Kontrast zu Kunos Counter-Tenor von gerade eben dar. Und dann packt dich die Frechheit der Botschaft:

Die alten Genossen feiern den Sieg „auf der Station“, sind so gut wie hinüber, faseln vom neuen Menschen, aber draußen rennen nur Leute rum, die so aussehen und sich so geben wie immer, also müsste die „Schlacht nicht viel viel länger sein“ um wirklich neue Verhältnisse zu schaffen?  Feiern die Alten da nicht selbstgefällig viel zu früh?

Dann der Bruch: „Wiegenlied für Susann“. Cäsars Bariton. Drei gute Sänger sorgen halt für angenehm dosierte Abwechslung. Aber ein Gute-Nacht-Lied nach DIESEM Aufschrei zuvor? „So, mein Kind, jetzt hast du genug Deep Purple gehört, jetzt wird es Zeit für das Sandmännchen?“ Hier rumpelt es gehörig im Ablauf. Da merkt auch der allerletzte Depp beim ersten Hör, dass da was faul ist! Ist da etwa was wegzensiert worden? Richtig! Auf der „40 Jahre Renft“ befindet sich die Urfassung dieser Komposition mit einem völlig anderen Text, in dem es um die Frage des Eingesperrt-Seins geht im halben Land und wie man dies erträgt. Pannach. Logisch. Demmler hat dann die „Susann“ erfunden. Die Halb-Land-Frage in einem anderen Text trauen sich erst City wieder auf ihrer „Casablanca“ LP von 1987 zu Gorby-Zeiten!

Hätten die „Großen Kontrolleure“ die „Susann“ hinter die „Mama“ gepackt, wäre es im Konzept weniger aufgefallen, so bleibt die Ablaufwunde deutlich hörbar.

Mit„Mama, du meine Mama“ folgt nämlich Cäsars Funk-Versuch, in den sich dann Kuno hineinmischt, so dass ein bisschen Crosby, Stills … Feeling aufkommt: Verbeugung vor den Müttern, die nach dem Krieg ihre Kinder allein großgezogen haben – „und Vater kommt nie wieder, nie wieder, nie wieder!“ – weil er gefallen ist, in den Westen abgehauen oder „nur“ weggeschieden bei einer andern wohnt. Sozialistische Familie – wie stark bist du in Zukunft?

Danach hätte „die Susann“ (neudeutsch) Sinn gemacht.

Es folgt„Als ich wie ein Vogel war“, meint „Als ich der Prophet im eigenen Land war, auf den keiner hören wollte“, dessen Botschaft sich aber doch in den Köpfen einnistet. Meisterhaft von Pannach in bester Blumenkindmetaphorik deutscher Zunge versteckt, weshalb die „Großen Kontrolleure“ wohl gar nicht verstanden, was gemeint sein könnte. (Denk an „Have you ever seen the rain/Who’ll stop the rain“, wenn du’s hörst.)

Und dann wird’s McCartneymäßig jahrmarktern: Leierkasten-Intro, Tin-Pan-Alley lässt grüßen, Steigerung, melancholische Katharsis am Ende und aus: Ein Pärchen knutscht zu mitternächtlicher Stunde in der Straßenbahn, „der Fahrer sieht zu in seinem Spiegel und hält’n paar Haltestellen lang nicht an“; passt auf Leipzig, denn die Fahrer wussten, wo die Wohnheime stehen. Als sie aussteigen, ist der Fahrer „traurig gelb wie seine Straßenbahn“. Eine herrliche Situationsbeschreibung – wenn man’s erlebt hat!

Auch dieser Song hätte eigentlich eine ganz andere Botschaft transportieren- und „Anfang aller Angst“ heißen sollen. Und in diesem Fall bin ich heilfroh, dass mir die Zensur den Demmler-Text von der Straßenbahn beschert hat. Denn im Pannach’schen Urtext hätte die Band ein Lieblingsthema der West-68er aufgreifen wollen: Weg mit all den Hausmärchen und ihren Schreckgespenstern von Hexen und Wölfen! Mit denen erzieht man „nur“ Untertanen, die sich dann ein Leben lang nichts mehr trauen! Diese Sorte Bilderstürmerei und Traditionsvernichtung stank mir schon immer. Ich möchte meine Märchen-Platten-Kindheit nicht missen!

Die Nachtfahrt in der Straßenbahn dagegen hab ich fast 1:1 so erlebt, damals ‘83 mit meiner Zukünftigen auf dem Schoß! (Nur bis ins Depot mussten wir nicht mitfahren. Er ließ wirklich einige Stationen aus, aber hielt zwei Stationen vor dem Depot, da, wo die Wohnheime standen, doch noch an.) Und weil auch wir alleine in der Bahn waren, musste ich kurioserweise die ganze Fahrt an diesen Song denken. Fährt der nu wirklich bis ins Depot durch? Dann hamm’wer noch’n kuschligen Nachtspaziergang.

Ich denke mal, dass ich dieses Erlebnis mit ein paar hundert anderen Pärchen teile, denn Nacht für Nacht wiederholte sich das mit anderen studentischen Fahrgästen.

Zwischenfazit: Sehr gute A-Seite, die „Susann“ als Stilbruch lässt sich einigermaßen verschmerzen.

Deutlich holpriger gerät die B-Seite. Auch deutlich schwächer, was die Botschaften betrifft. Warum? Weil hier Songs kurzfristig ganz herausfielen? An welche Stelle hätte hier „Sonne wie ein Clown“ gehört? Hätte Renfts Coverversion von Neil Youngs „Helpless“ hier eventuell der geplante Abschluss sein sollen? Stell dir mal vor, die Platte wäre so erschienen! 1974, als die „Deja vue“ von CSN&Y gerade en vogue war, singt Kuno diese herrliche „Hilflos“-Version! Da wär‘ der Kampf mit den Puhdys aber entschieden gewesen! Für alle Zeiten!

Der Reihe nach:

„Weggefährten“ – ach! Der mieseste Renft-Track aller Zeiten. Bis heute gelang es mir nicht, diesem Stück irgendwas abzugewinnen. Humpelrhythmus, Satzgesang, die Komposition will irgendwie gar keine sein und der Text verstolbert sich im Notendschungel: Wortscrabbel auf Yes-Imitat-Versuch? Die haben auch diese unmelodischen Bestandteile! Aber gebadet in Bombast! Und aufgefangen in Wohlklang-Sequenzen. Hier? Einmal mehr kommt mir so ein CSN&Y-Verdacht: Bei denen gibt’s ja auch „Deja vue“ , dieses möchtegern-Jazz-Stückchen als Opener der B-Seite.

Schwamm drüber, es folgt der beste Renft-Song: „Ermutigung“– nicht der Biermanntext, sondern kräftiger in Ton und Bildern: „Manchmal fällt auf uns ein Frost und macht uns haaaaaaart!“

Wann immer du down bist – gib dir Sillys „Großen Träumer“ und danach Renftns „Ermutigung“ – und es wird wieder gehen. Wenigstens ein Weilchen! „Stoß auf die Tür aus Stahl! Die Tür die in den Frühling führt!“ Yeahr!

Es folgt „Ich und der Rock“; eigentlich eine hübsche Text-Idee vom Pannach:

„Schon mein Vater trat auf den Fuss“ als Blues-Fan und der Sohn kann antworten:
„Wenn ich heute vor dem Radio hock! Sind wir Brüder: Ich und der Rock!“

Hm. Aber irgendwas hat mich an der Nummer immer gestört. MEIN Vater war KEIN Blues-Fan. Und schließlich kam ich drauf: Wären wir Amis, hätte die Botschaft ihre vorstellbare Richtigkeit. Aber Musiker, die älter sind als ich, müssen Väter gehabt haben, die älter sind, als meiner – und die waren nicht HJ, sondern Wehrmacht. Väterliche Bluesfans? In Deutschland? Das geht nicht auf.

Was dann kommt, ist ein gerade noch akzeptabler Stilbruch, denn der Rest der B-Seite kommt sehr Liedermachern daher: Wanderklampf und Kunos Tirilieren. Gut – wenn man nochmals die „Deja vue“ von Crosby & Co bemüht, dann kommen jetzt Renftns „our house“ und „teach your children“ verbunden mit einer Reprise von „Ich bau euch ein Lied“. 1974 war den wenigsten Kunden bekannt, dass Renft Knaatsch mit „der Macht“ hatten. Hörst du dann diese Schluss-Songs, hören sie sich an, wie gesungenes Stabü-Lehrbuch: Meine Hand für mein Produkt! Wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben! Da wird der Maulheld gegeißelt, der nur redet, alles besser weiß, aber seine Heldentaten, seine Subbotnik-Einsätze auf morgen verschiebt. Welcher 16-17jährige fühlt sich da nicht „unangenehm ertappt“? Hört er sich dann freiwillig diese Belehrung an, oder nimmt er nach „Ich und der Rock“ den Tonarm aus der Rille?

Nach dem Verbotseklat ‘75 entwickelt sich bei „Irgendwann werd ich mal“ und „Was noch zu sagen wär“ ein viel dissidentischerer Subtext:

„Worte, denen die Tat fehlt, sind Brücken ohne Kontakt zum Ufer und führen nirgendwo hin“. (Renft’74)

alias

„Du sagst: Ich will heute lebm und nich‘ in tausnd Jahrn!“ (Pankow; späte 80er)

Klaus und seine Leute ham’s eher gewusst!

©Bludgeon

Fehler im System XIV

Renft und ich (III)

oder

Das Lied der Lieder

Während meiner Armeezeit (79/81) war die zweite Karussell-LP erschienen und „Wer die Rose ehrt“, der erste Renft-Hit von 1971, war da drauf. Arrangement und Singstimme von Cäsar – alles wie damals – zum Verwechseln ähnlich. Ein Schelm, wer glaubt, dass das die gleiche Version unter anderem Bandnamen ist. Diese Legende kam auch sofort auf. Groß war die Sehnsucht nach Helden, da fantasierte man sich eben dieses Schelmenstück zurecht.

Mit EK-Ohren* in der Kaserne gehört, entfaltete jedoch vor allem „Halte durch“  gute Stimmung: Das Ende vor Augen, den kurzen Bandmaß-Rosenkranz in der Hand, singst du zum Klappern deiner Stiefeleisen:

„Halte durch, dass dir kein, dass dir kein – Zustand zerstört das menschlich sein!“

Nach dem langen Sommer’81, dem Sommer der Rehumanisierung via NDW, begann das Studium: In der Renft-Stadt Leipzig. Und ich wurde Teil einer Studentengemeinschaft, die unorganisiert und unabgesprochen diesen Kult genoss, der einfach so da-war. Ein Kult ist ein Kult, weil er keine Werbung braucht.

Intuitiv, wie ein Hund vom andern lernt, übernimmst du automatisch all die Zitate, Legendenerzählungen, dir bisher entgangene Messages der Songs, schnüffelst selber nach den vergrabenen Knochen/Schätzen/Platten/Aufnahmen von Renft, Pannach+Kunert/ unveröffentlichten Karussell-Texten … und horchst auf, sobald so Signalworte in deiner Umgebung fallen. Es war wie eine Erkennungs-Chiffre: Wer DAS zitiert, der denkt wie du!

Herbst 1981: FDJ-Studienjahrveranstaltung, Pflicht an allen Fakultäten akademischer Ausbildung, Illusionsverbreitungsversuche vom Sieg des Sozialismus. Im Halbschlaf erträgt man den Referenten; und plötzlich stöhnts flüsternd neben dir:

„Ach könnt man dem ‘ne Sonne baun…auf dass ihm ein Licht aufgehe.“

„Sonne baun“ war ein Zitat:

„Sonne wie ein Clown“ war DER Renft-Hit schlechthin.

Viele Renft-Verse waren Sprichwörter geworden. Aber „Sonne wie ein Clown“  war das Lied der Lieder; mit dem größten Mysterium. Der Song war für das 74er Album vorgesehen, und durfte dort nicht erscheinen. Er erlebte also nur die kurze Live-Karriere, im letzten Jahr der Band im Konzert. Und er war einer von 3 verbotenen Liedern im „Kennzeichen D“ Special gewesen. Der mit dem eigentlich harmlosesten Inhalt:

Ein Hippie kommt zu spät zur Arbeit, erträgt den Anschiss des Meisters und lädt die „schönste von den Küchenfrau‘n“ zum Rendezvous, blitzt aber bei ihr ab. Soweit nicht weiter schlimm. Aber er will eben im Refrain aller Welt eine Gute-Laune-Sonne bauen, „wie die Stimme von Bob Dylan etwas rau“. Und genau das war der Punkt des Anstoßes:

„Bob Dylan lebt noch. Wenn der sich als eigensinniger Ami mal negativ über die DDR äußert, müssten wir die Platte wieder einstampfen. Das wäre ja Ressourcenverschwendung! Könnt’er nicht irgendeinen toten Star nehm‘? Louis Armstrong oder so?“

Die Band lehnte ab. Der Song blieb unveröffentlicht. Der Text aber machte die Runde. Ein Volkslied ward geboren! Pannach und Kunert machten ihn 1979 zum Opener ihrer ersten LP im Westen, aber das wussten wir nicht, weil keiner die Platte hatte oder kannte.

So hockst du dann z.B. im Studenten-Club und lauschst einem, der ne Klampfe hat (und sie auch spielen kann) und der auch singt. Zu fortgeschrittner Stunde, nach eins-zwei-drei-vielen Bieren und weltverändernden Diskussionen Sartre-Bulgakow-Style singt der doch tatsächlich: „Arbeitszeit schreit die Sirene….“ – Sonne wie ein Clown.

Weil es unter Studierenden nun mal viele Freizeitklampfer und Teilzeit-Kunden gab, wiederholte sich das an den unterschiedlichsten Örtlichkeiten.

Eines Tages entdeckst du in der Leipzig-Information, da wo heute dieses Gemäldegalerie-Monstrum dem Sachsenplatz das Licht nimmt, ein unspektakuläres Plakat:

„Regenwiese – Rockkabarett – Karten hier.“ Mehr PR muss nicht sein. „Wie ein Krokodil auf der Regenwiese…“ so beginnt Cäsars Blues. Wenn eine Band sich so nennt, dann hin da!

Meine beiden Raumteiler und ich sitzen mit hundert anderen erwartungsvoll vor der Bühne des großen Saales über der Leipzig-Information: Die Band tritt auf, will den Alltag eines Spießers zu Gehör bringen, sagt sie, und dudelt erstmal instrumental los. Dann kam irgendein Liedchen, dass seine Wirkung verfehlt. Es ging irgendwie um den Morgen-Kater beim Aufstehen, ähnlich dem zu jener Zeit berühmten „Ich komm nicht hoch“ und in mir entsteht prompt der Verdacht, ob hier ‘ne unbekannte Truppe nicht „Paule Panke“ in schlecht kopieren will, weil Pankow aktuell gerade in aller Munde sind.

Es erklingt noch ein unerheblicher Frühstückssong, der die Vorfreude auf den Feierabend zum Thema hat und meine Zweifel verstärkt. Dann erfolgt das Unvorhersehbare:
„Arbeitszeit schreit die Sirene…“ Um uns rum ein freudiges Erkennen: „Hohoho, hörste?!“ Die Zweifel an der Band waren mit eins verschwunden und es kam nun Song für Song immer frecher. Salz in der Suppe waren dann noch gesprochene Aphorismen zwischen den Tracks, wie der hier:

„Eingeholt vom Gleichschritt meiner Tage, starre ich in leere Zeitungen und lasse mir meine Macht verkünden.

Ich habe ja nicht einmal die Macht, zu tun, was alle von mir verlangen!“

Langsam begannen wir uns umzusehen. Kommen „die“ bald, um die Veranstaltung aufzulösen? Irgendein Zinker ist doch immer dabei! Würden wir an der Hochschule Theater kriegen, weil wir „bei sowas“ dabei waren? Wird hier gefilmt, wer applaudiert? Aber es war uns auch scheißegal, wir hatten die Fahne hinter uns, der Staat hatte also in Sachen „Freiheitsberaubung“ auch noch was gutzumachen! Sex, no drugs, but Rock&Roll! Wir waren Studenten „und wollten endlich mal! Egal! Egal!“ wie in dem Pankow-Song! Von Einschüchterung keine Spur. Der frenetische Applaus, die Begeisterungspfiffe und „Zugabe“-Rufe bewiesen es.

Regenwiese haben viel riskiert. Ein zweites Programm, ein Jahr später war noch härter. Nichts davon kam je auf Platte oder ins Radio. Die Pointen waren treffend und heftig. Aber sie sind heute vergessen. Unvergessen blieb: Die haben „Sonne wie ein Clown“ gespielt!

Besonders dieser Song war so ein Gänsehaut-Garant: Zum einen bringt der die eigenen UTP-Erinnerungen** der Schulzeit aller auf den Punkt; dieses stundenlange Gefeile oder Schraubenmuttern entrosten, was in dir den Lebenserfahrungsansatz schuf: „Am Schraubstock darf’s später nicht enden!“ und zum andern wars in den 80ern so eine Art Pannach-Vermächtnis: Band verboten, Autor verhaftet, Lied nie gesendet, aber – es lebt!

Das musste erst mal schaffen!

Und so erwisch ich mich ein- ums andre Mal dabei, dass ich neidisch bin auf Gerulf Pannach, obwohl ich brav einen biederen, arbeitsintensiven Weg gegangen bin, der mir materiell soviel mehr eingebracht hat, als alle Renft-Veteranen heute vorweisen können, weil mir nicht vergönnt war, so einen Song erschaffen zu haben, der bleiben wird und der Momente ermöglichte, wie diesen:

Es ist kurz nach der Messe-Pause. Das neue Semester hat begonnen. Du sitzt mit deiner Zukünftigen im Park hinter der Thomaskirche auf dem zementierten Hochbeet-Rand gegenüber dem „Kiew“. Frühlingsgefühle. Turtelzeit. Um dich rum noch andere Pärchen. Die einen frisch liiert, bloß frisch zurückgekehrt aus den getrennten Heimatorten die anderen.  In der Mitte zwei Klampfer. Das Repertoire wie bei all diesen Gelegenheiten: Über den Wolken, dust in the wind, Countryroads take me home, it ever rains in southern Leipzig-City…. Aber dann kurze Kussunterbrechung. Aufhorcher!

„Arbeitszeit schreit die Sirene. Ich komme wiedermal etwas zu spät…“

Mehrere Jungsköpfe winden sich aus 80er Jahre-Mädchen-Mähnen heraus und suchen Blickkontakt zu Artgenossen: Kennergrinsen!

Und Romeo säuselt seiner Julia ins Ohr:

„Hörste das? Willkommen zurück in Leipzig. Renft lebt!“

©Bludgeon


* EK = Entlassungskandidat

** UTP = Unterrichtstag in der Produktion

Fehler im System XIII

Renft und ich (II)

In meine Tanzstundenzeit ’77 fiel ein Film: „Saitenwechsel“ von Olaf Leitner (Rias-Moderator und Musik-Redakteur). Der wurde ein einziges Mal auf ARD 20.15 Uhr gesendet – aber ich war aus eben jenem Grund verhindert. Ich sah ihn auf youtube neulich erst.

Der Film zeigt die ersten Schritte von Klaus Renft und seiner damaligen Freundin nach ihrer Ankunft in Westberlin 1976. Es ist so ein halb-und halb Dok-Spielfilm mit „durchwachsenen“ schauspielerischen Leistungen von Klaus und Olaf, sowie „Musikpromotern“ und Schlagersternchen auf Sendertour.

Der Film war damals untypischerweise mit Trailern beworben worden, weil sich der Sende-Rat sicher denken konnte: Bei uns interessiert das kein Schwein, aber die Jugend drüben; und die haben keine „Hörzu“.

Bei dem einen Mal blieb es, weil unübersehbar ist, dass Klaus, als eher braver, zurückgenommener Sachse „der nur spielen will“, sich zu typischen Kalten-Kriegs-Schlagzeilen nun mal nicht eignete.  Außerdem war er zwar der Vater der Band, aber nicht der politische Schwarmgeist im Biermannfahrwasser gewesen. Deshalb war nach dem 75er „Kennzeichen D“- Special kein weiteres Interview und auch keine Sendertournee von ihm erfolgt. (Lediglich Olaf Leitner hielt an ihm fest: Das alljährliche „Rock over Rias“ hatte immer mindestens eine Deutschrockstunde, die auch auf die Szene jenseits der Mauer sah, was nie ohne einen Renft-Track abging.)

Die Medien-Karawane war weitergezogen: Die Biermann-Chose war gerade am Laufen – und DER war der geschicktere Pfau, der da nun auf dem Misthaufen der Systempropaganda beider Seiten nach Würmern suchte und die Schwanzfedern spreizte. (Sehr bezeichnend: Jene „Saitenwechsel“-Szene eines Telefonates zwischen Klaus und Wolf in Westberlin) Die Krug-Solidaritätsaktion und das Aufsehen deshalb kosteten den weiteren Schicksalen der 7 Samurai der DDR eine ganze Portion Ruhm, da das mediale Interesse(west) an ihnen nun erlosch. Im langanhaltenden Biermann-Hickhack,

– welche Künstler haben die Resolution gegen die Ausbürgerung unterschrieben? Welche haben zurückgezogen? Wer hat da jetzt Berufsverbot? Welche DEFA-Filme landen auf dem Index? Wir zeigen einen 22 Uhr! Wie geht es Krug? Stellt er Antrag? Wann kommt er rüber? Was sagt Havemann dazu? Krugs erstes Interview im Westen! Krug und Kinski bei Münchenhagen im Talk!

ging auch unter, dass Pannach und Kunert, nach dem Band-Ende nun erst recht Dissidenten geworden waren und trotz Auftrittsverbot noch Mittel und Wege für heimliche Gigs gefunden hatten. Das Resultat waren 9 Monate U-Haft und die Abschiebung in den Westen. Da sie gesessen hatten und vermeintlich „Anti“-DDR waren, kam der CBS-Plattenvertrag prompt. Die LP wurde in Hamburg produziert und ging sang-und klanglos unter.

P und KDenn sie landeten politisch auch hier „zwischen allen Stühlen“. Pannach und Kunert sahen sich als linke Regimekritiker, nicht als Antikommunisten. Um im linken Spektrum der BRD einen Fuß in die Tür zu bekommen, hatten sie auf dem Debut sowohl Songs ihrer jüngeren Vergangenheit in der DDR als auch einige Solidaritätslieder für politisch Inhaftierte in Moabit und Fuhlsbüttel. Dieser „Brückenschlag“ – Polizeigewalt „hier wie drüben“- misslang gründlich.

Null Airplay im NDR; ein paar Feigenblatt-Sendetermine im Rias, dank Olaf Leitner; das wars.

Ich erfuhr von diesen Werdegängen nichts. Das Klaus im Westen war, wusste ich durch die „Saitenwechsel“-Trailer. MEIN Renft-Erlebnis war mein erstes Karussell-Konzert im Sommer 1978, das ich hier schon beschrieb. Pannach und Kunert hatte ich einmal Sonntagvormittag in der ARD erwischt – Jugendfernseh-Termin 11.15 Uhr nach dem Aufstehen. Der Eindruck dieses Konzertes war durchwachsen. Zwar brachten sie „Zwischen Liebe und Zorn“ zu Gehör, aber auch „Verfluch nicht den Wind“. Dort gibt es einen bösen Vers auf einen alten Freund:

„Heut sah ich seine Show mit ner Rock&Roll Band/ und nun bin ich froh, dass er mich nicht mehr kennt.“

renft 3War das auf Cäsar gemünzt, der nun bei „Karussell“ spielte? Was wollt ihr Nasen denn?! Der hält das Erbe hoch! Wegen dem seid ihr nicht vergessen! Siehe 950-Jahrfeier-Konzert in Naumburg! Die Karussell-LP „Entweder – oder“ von 1978 klingt wie eine 3. Renft-LP! Mit „Besinnung“ ist da sogar ein Renftsong drauf! Und dann so ein Undank „von drühm“? Knallköppe!

Vielleicht kam auch deshalb dieser komische Song „…und der Wind endet nicht“ auf der 2. Karussell-LP zustande. Ohne Kenntnis dieser Vorgeschichte wirkt der peinlich staatstreu, war vermutlich aber als Antwortsong gedacht:

Sa-ha-hand in unserm Getriebe, Zo-ho-horn in unserer Liebe, Sa-ha-hand, pusten wir aus dem La-ha-hand.“

Nun war man quitt!

Cäsar traf Pannach in den 80ern mehrfach in Prag. Er spielt auf Pannachs Solo-CD „York 17“ Gitarre. Pannachs Text „Geht es dir gut“ ist dort und auf Cäsars letzter CD zu finden – also alles wieder gut.

©Bludgeon