RAABE lesen! (5)

Das Beste kommt wie immer zum Schluss:

„Im Siegeskranze“(1866)

Ein Titel, der in die Irre führt und eine Novelle, in der plötzlich auch formal-stilistisch alles stimmt. Plötzlich kann er fabulieren und Charaktere entwickeln! Gefühle werden beschrieben, Gleichnisse – so treffend, wie nur was – verwendet, Wut, Wahnsinn und Erlösung in kräftige Bilder gepackt – wer hat das geschrieben? Raabe? Realy?!

Hätte mir die Geschichte – blind date mäßig – jemand vorgelegt: „Rate, von wem die is‘!“ Ich hätte auf Storm getippt! Historischer Stoff und ergreifend? Kann nur Storm sein!

Bevor ich auf den Inhalt zu sprechen komme, ist wegen Ostsozialisation und Westsozialisation der Leser hier folgende Klarstellung wichtig: Wir müssen über Nationalismus reden, der in Ost und West „anders“ unterrichtet wurde, jedenfalls seit den 80er Jahren ungefähr. Die Novelle spielt 1813 im „Königreich Westfalen“, dieser kurzlebigen Napoleonschöpfung. Es war die Zeit, in der das deutsche Nationalbewusstsein entstand, die Hoffnung auf ein einiges, starkes Reich, das nie wieder Spielball ausländischer Mächte wird. Das Thema ist zu Zeiten einer „Europäischen Einigung“ und einer „Deutsch-Französischen Freundschaft“ irgendwie immer „eingedampfter“ unterrichtet worden.

(Wer kennt heute noch Andreas Hofer? Turnvater Jahn? Den Freiherrn von Schill? „Is der nich noch abundan in Fernseh? Der war doch mal Richter oder so? Jetze machta mit Desiree Nick rum.“ Schmerz lass nach!)

Nationalismus, entgegen heutiger Sonntagsreden, war keine schlechte Idee, sondern ermöglichte die notwendige Bündelung der Kräfte gegen einen sonst übermächtigen Feind, der die Kleinstaaten aussog.

Mein Geschichtslehrer hat das anno’75 in der 8. Klasse bei der Behandlung des Napoleonthemas in folgende Worte gefasst:

„…damals lernten die Hessen, Sachsen, Thüringer, Preußen usw. dass sie eben nicht nur das sind, sondern alle zusammen Deutsche, die unter derselben Knute litten. Da entstand Nationalismus. Das war damals was Fortschrittliches!“

Aus der Klasse irgendein Blödmann:

„Or! Gommor da jetze zu de Nazis?“

Herr M. erhob sich von seinem Stuhl, ging zur Tafel und schrieb an:

Nationalismus 

Nationalsozialismus.

Dann wechselte er zu roter Kreide und machte hinter den oberen Begriff so ein Lehrerhäkchen für „richtig“ und hinter den anderen Begriff ein f für „falsch“

Und sprach:

„Nationalismus ist: Nationalbewusstsein, Nationalmannschaft, Nationales Kulturerbe, Nationalgalerie usw.

NationalSOZIALISMUS ist: Hitler, Faschisten, Weltkrieg, LeichenLeichenLeichen und die ganze Scheiße.

IMMER auseinanderhalten! Klar?!“

Sein Zeigefinger ging nach oben.

Er strich den unteren Begriff durch und ließ beide die Stunde über an der Tafel stehen.

Und zu dem Epochenmoulinetter gewannt:

„Hitler kam hundert Jahre später! Oder siehste, dass Nabolchon örchenswo ä Stahlhelm offhat und Bandsor fährd?!“

Einiges Kichern.

„Indschanor mit Gallaschnigoff, das wär’s jewäsn.“ kräht Bernd.

Aber Herr M. winkt nur ab und Ruhe is‘.

Raabe lebte in einer Zeit, in der man automatisch in den Einheitsgedanken hineinwuchs. Intelligente Menschen Raabe 5yempfanden die tiefe Schmach des Deutschen Bundes, dieses Staatenbundgebildes, das weder Fleisch noch Fisch war. Fürsten hatten immer noch das Sagen, als gäbe es den Absolutismus noch. Sie verbrämten ihr altes Schmarotzertum zwar mit der einen oder anderen „Landesverfassung“ mit ein paar eingeschränkten Grundrechten, aber es war überall zu spüren, dass die Ungleichzeitigkeit der Entwicklung schier unaushaltbar wurde.

Nur mit Mühe konnte Preußen durchsetzen, dass sich alle Bundesländer auf die gleiche Schienenbreite einigen konnten. Hannover wollte erst gar keine und dann eine selbstbestimmte Breite. Bayern hielt kurioserweise am längsten durch mit Schienenverweigerung, obwohl doch zwischen Nürnberg und Fürth die ersten 3 km überhaupt lagen!

Raabe 5xDie Zwergstaaten mit ihrer mittelalterlichen Einzelfertigung von Nägeln, Textilien, Werkzeugen aller Art verelendeten Zusehens. England überschwemmte den Markt mit Billigprodukten in besserer Qualität. Preußen hielt zunächst per Produktpiraterie einigermaßen mit, und gelangte bald auf die Überholspur; den meisten anderen Fürsten war das Weltgeschehen und die Lage ihrer Völker wumpe!

Also schrieb anlässlich „50 Jahre Waterloo“ Raabe eine Novelle über enttäuschte Hoffnungen, aus den Tagen, als eine Vision aufkeimte, die sich 1815 und 1848 nicht erfüllte. Jetzt in den 60ern feierte niemand das Waterloo-Jubiläum, niemand wagte an dem Tabu zu rütteln, dass es keine Blücher-, Körner-, Jahn-Denkmale gab. Das Volk sollte weiterschnarchen, nicht an seine großen Momente denken, aber in Preußen tat sich was:

Der Deutsch-Dänische Krieg 1864 hatte die Schmach von Olmütz abgewaschen. Das Jahr 1866 war gekennzeichnet von preußisch-österreichischen Querelen, ein weiterer Krieg lag in der Luft und bricht zwischen Niederschrift und Veröffentlichung dieser Novelle auch aus:

Man kann sie lesen als zu spät kommende Mahnung:

Wie lange noch soll dieses Gezeter Deutsche gegen Deutsche angehen?! Wollt ihr wirklich einen Krieg, indem Deutsche auf Deutsche schießen? Mäßigt euch! Schmeißt euch endlich friedlich zusammen und ernennt einen Chef!

(Die Novelle gab es in der DDR als Neuauflage nie!)

Man kann sie lesen als Aufruf:

Klärt das endlich! Kämpft für das Vermächtnis Körners, Schills und Jahns und meiner Ludowike hier in diesem Stück!

Und drittens mag es auch die grummelnd-resignierte Variante der Auslegung geben:

Her mit der Einigung! Kleindeutsch – ohne Österreich! Soll’n die Habsburger selig werden mit ihrem Balkanpotpourri! Die Zerstückelung des Reiches hat es jahrhundertelang geschwächt. Scheißegal, wer es nun eint! Verpreußung? Macht auch nichts. Idioten gibt’s bei denen wie in Braunschweig oder Bayern. Die wird man nicht los. Siehe die Kollaborateure hier in meiner Novelle! Sowas wird es immer geben. Umfaller, Anschwärzer, Charakterlumpen. Schillers Hofschreiber Wurm heckt wie eine Ratte an allen Höfen! Das geht eh nicht weg!

Die Novelle trägt den Titel „Im Siegeskranze“ zurecht – aber er ist zynisch gemeint.

Hier wird kein Reiterheld bekränzt, kein König empfangen.

Mit Siegesgrünzeug an den Hüten feiern die, die gar nicht gekämpft haben, schließlich an einer Leiche, der als einziger in dieser Runde ein solcher gebührt hätte. Feine, böse Pointe!

Der Plot beinhaltet 3 Katastrophen, die so heftig sind, dass der Tod der Hauptfigur tatsächlich nur als Erlösung verstanden werden kann. Die Ich-Erzählerin schließt zwar ab mit einem versöhnlerischen „Alles wird gut!“ oder „Das Leben geht weiter!“, aber das scheint mir in Bezug auf DIESEN Inhalt eher eine Art optimistisches Schwänzchen, damit der vorangestellte Rest überhaupt erscheinen kann!

  1. Unglücklich gestiftete Ehen; das ist 1866 keine Rarität, also muss man sich was einfallen lassen, wie man dieses Dauerbrennerthema, das Heyse und Spielhagen schon zur Genüge strapazieren noch steigern kann. Und Raabe kommt hier auf einen Einfall, der in ganz unaufdringlicher Form sich ganz widerlich anschleicht, dem Leser ein kurzes, arges Frauenschicksal vor Augen führt, das elender nicht sein kann; aber die Tochter, die in dieser Grässlichkeit entstand und das Schicksal ihrer Mutter hier erzählt, kann nicht anders abschließen als mit diesem lapidaren Achselzucken: Ja, so kam halt ich auf die Welt. Damals 1801. Und der Leser überlegt prompt, ob er ähnliche Fälle kennt. Ja, er kennt sie. Sie sind wohl seltener geworden, aber nicht ausgestorben.
  2. Sie berichtet weiter, wie ihre viel ältere Stiefschwester nun ihre Ersatzmutter und Braut eines Kavallerie-Leutnants wurde. 1813. Königreich Westfalen. Regiert von Napoleons Bruder. Also in französischen Diensten. Obwohl Preußen und Mecklenburg gemeinsam mit den Russen bereits Jagd auf die geschwächten Bedrücker machen, da Napoleons Russlandabenteuer von1812 so bilderbuchhaft schief gegangen war.

Die Story bekommt hier Sophie-Scholl-Momente:

Der Leutnant und ein Kollege, sowie dessen Bruder und Ludowike beraten heimlich, wie sie es anstellen könnten, in dem bevorstehenden Kampf auf der richtigen Seite zu stehen. Das Desertieren wird diskutiert. Und schließlich auch – Tat. Allerdings geht sie schief. Die Fahnenflüchtigen werden gefangen eingebracht in ihre Heimatstadt, in der alle bereits die befreienden Preußen erwarten, die Faust in der Tasche ballen, gegen die „Franzosenknechte“, die dienstbeflissen funktionieren – aber keiner traut sich, das aufrührerische Wort zu erheben, den Sturm auf die Büttel zu starten. Und so entstehen noch 5 Minuten vor Schluss der Franzosenzeit Opfer gefangen von den eigenen Leuten.Raabe 5a

Die beiden werden ins weit entfernte Kassel überstellt und dort hingerichtet, am Tag, als die Preußen ihre Heimatstadt befrei’n.

3. Katastrophe folgt: Ludowike erfährt die Nachricht und bricht anders zusammen als erwartet. Kein Heulkrampf, kein Jammern – sondern strahlendes Lächeln, Kleinmädchengetue – Wahnsinn. Ihr Geist verwirrt sich irreparabel.

Raabe schildert die Varianten mit Geisteskranken umzugehen ungeschönt. Anstalt oder zu Hause behalten? Pest oder Typhus! Schauderhaftes Unwissen und fehlende Medikamentenkenntnis ermöglichen sadistischen Brachialkuren fröhliche Urständ.

In der DDR lasen viele den Bestseller „Flucht in die Wolken“, Leidensgeschichte und Selbstmord einer schizophrenen jungen Frau, deren Mutter Journalistin war. Waren die Methoden der 70er Jahre Psychatrie schon äußerst fragwürdig – hier bei Raabe kriegst du die Vorstufe. Inzwischen weiß man allerhand über die Hölderlinbehandlung: Ludowike hier hat das schlimmere Schicksal!

Ludowike hält ein knappes Jahr unter üblen „Betreuungsvarianten“ zuhause durch. Dann folgt eine von Raabe geschickt kombinierte Todesszene voller Symbolik…

Eine bitterböse Geschichte mit soziologisch zutreffendem Tiefgang findet ein Ende in Würde.

Nehmt und lest!

Raabe 5fEine Sache ging mir erst Tage später auf: Warum dreht Ludowike in dieser Art durch? Warum spielt sie nicht die erwartbare heulende Witwe ohne Trauschein?

Zuvor war vom Zaudern der Leutnants gesprochen worden. Sie ringen sich zur Tat durch – weil Ludowike die Mechthild Grosse gab? Weil sie wie diese einen Helden heiraten wollte! Einen Kerl! Nun reißt sie ihre Schuld in den Abgrund! Sie hat seine Zweifel zerstreut! Sie hat ihren Bräutigam auf dem Gewissen! – Sie verdrängt, flieht in ihre Kinderzeit, „als die Welt noch in Ordnung war“.

„Püppi, Püppi schlaf. Dein Vater ist ein Graf. Deine Mutter ein Marienkind, ….“

Fazit: Ein absolut perfektes Ding!

Ich muss meine Novellen-Hitlist neu sortieren!

RAABE lesen! (4)

„Else von der Tanne“(1865)

„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“

Else von der Tanne ist Novelle Nr.2 aus jenem Reichskronebüchlein, das mir 1975 ins Netz ging.

Gelesen habe ich sie damals nicht. Mag am Titel gelegen haben.

„Theo von Tanne“ war ein unter Schülern gefürchteter Name.

Aber in der 8. Klasse hatten wir ja noch kein Effi-Trauma. Da muss es andere Gründe gegeben haben. Eventuell las ich seinerzeit die erste Seite an: Ein Dorfprediger schreibt…. „Oach! Lass’n schreiben.“

Somit datiert mein Erstkontakt mit diesem Inhalt auf 2021 und da fiel mir beim Lesen schon so einiges auf und ein.

Der Plot ist diesmal ein gar nicht komplizierter: Baue eine Idylle auf und zerstöre sie gründlich!

(Leg dir Haggard auf, wenn du sie liest.)

Im „Elend“ (die Talsenke heißt wirklich so) am Harz bekommen wir ein mehrfach geplündertes Restdorf vorgestellt; durch den Pastor der über einer Neujahrspredigt grübelt, die es dies‘ Jahr in sich haben soll, denn er will seiner „Herde“ die Leviten lesen!

Er ist das letzte Oberhaupt, das da geblieben ist, bei ihnen, als die Welt über Deutschland unterging. Von Rügen über Brandenburg-Thüringen-Franken- Pfalz zog sich ein breiter Korridor des Todes, in dem 30 Jahre lang mehrfach hin und her gezogen-geplündert und gemordet wurde.else 4

Pfarrer und Dorf wurden bereits dreimal Opfer derartiger Überfälle, als eines Tages ein bewaffneter bärtiger Hüne mit 4 Hunden, Eselkarren und kleinem Mädchen auftauchte und sich oberhalb des Ortes an der großen Tanne im Wald ein Lager bereitete.

Er redete mit niemandem und begehrte nichts. Also staunte man nur und ließ ihn machen.

Eines Tages kam er allein herunter in den Ort, setzte sich Pfeife rauchend vor’s Pfarrhaus und wartete bis der Hausherr erschien. In perfektem Latein bat der Fremde um Unterstützung. Somit gab er Bildung zu erkennen und vergrößerte den Abstand zu den gaffenden Bauern. Eine Freude für den Pastor, in Zukunft einen Ansprechpartner seines Niveaus zu haben. Der Fremde bat, ihm zu helfen, ein festes Hüttchen zu errichten, oben am Wald für den Winter. Der Pfarrer möge doch die Bauern veranlassen, tätig zu werden.

Die Hütte entstand. Aber die Bauern sahen nun auch eine Menge rätselhaftes Zeug vom Eselskarren in die Hütte wandern, dessen Zweck sie sich nicht erklären konnten.

Die Gerätschaften, die Bücher, die abweisende Abgeschiedenheit, und dazu der seltsame Magnetismus, der auf den Pfarrer wirkte, da er fast täglich bei dem Fremden verkehrte…

„Unser Pfarrer ist verhext!“

Die Fremde wurde zur Gefahr erklärt.

Er war eigentlich nur ein gebildeter Domschullehrer, der 1631 das Magdeburgmassaker überlebt hatte, als Tilly nach einjähriger Belagerung sein Heer eine Woche plündern ließ. Der wortkarge traumatisierte Davongekommene wollte nie wieder in Ortschaften leben, die das Räubervolk ja regelmäßig anzogen – und richtig! – bei der vierten Brandschatzung des Dorfes blieb das Haus an der Tanne im Wald unentdeckt.

else 1Die Jahre gingen hin in einer Art Burgfrieden zwischen Dorf und Tannenhütte. Das kleine Mädchen wurde eine hübsche Jungfrau, die wie ihr Vater eher mit den Bäumen und Tieren sprach, denn mit der Dorfbevölkerung.

„Seht die Hexe!“ murmelte das Dorf immer lauter.

Aber noch fürchteten sie die Muskete des Vaters.

Raabe gab Else, der Tochter,  im letzten Drittel ein Reh an die Seite, was an „Brüderchen und Schwesterchen“ erinnert. Wald. Geruhsame Einsamkeit. Baldige Errettung in Aussicht stellend… Aber der Autor bleibt in der Dramenschiene.else 3

Eines schönen Tages geschah die Katastrophe: Die Sonderlinge von der Tanne besuchten einen Gottesdienst – was böse Folgen hatte. Verletzt liegt Else von nun an in der Hütte.

Das Jahr vergeht, es wird Winter. Die Wochen bis zum Jahresende fliegen dahin – man munkelt von Frieden, unterschrieben da irgendwo in Osnabrück. Der Pfarrer will in seiner Neujahrspredigt auf diese Hoffnung eingehen, aber auch Abrechnen mit seiner abergläubigen Gemeinde. Er ist hinundher gerissen zwischen Hass auf diese stupiden, brutalen Lumpen, die seinen Freunden soviel angetan hatten, und Verständnis dafür, dass bei diesen Umständen, wie sie in Deutschland nun einmal die Überlebenden prägten, nichts anderes erwartet werden kann.

Da erscheint im tiefsten Schneegestöber die alte Dorf-Irre und prophezeit den baldigen Tod der Else – er möge eilen, wegen der Sakramente!

Er eilt. Und nocheinmal ereignen sich seltsame Dinge in jener Sturmnacht am Ende des 30jährigen Krieges im Harz…die Neujahrspredigt fällt aus… die Gemeinde wird am Neujahrstag ihren Prediger suchen gehen…

Nehmt und lest.

Die Geschichte hat 3 Gesichter.

  1. Sie ist düster und spannend erzählt. Das führt den jugendlichen Leser eventuell auf die Abenteuerschiene: Wird Elses Vater rechtzeitig schießen? Greift der Pfarrer auch noch zur Waffe? Kommt ein dritter Retter? Wer bestraft die Täter?

Eventuell steigt er selbst in den Plot ein, als imaginärer Retter der Fee aus dem Walde…

  1. Dem historisch interessierten Leser mag es heute unter Umständen so scheinen, als gäbe es geschichtlich nichts als das Thema NS und Holocaust. Die Regale „Geschichte“ in den noch rudimentär vorhandenen Buchläden sind oft arg monothematisch bestückt. Gerät er dann an Raabes „Else“ merkt er eventuell: So singulär wie jene katastrophale Fehlentwicklung des 20. Jahrhunderts scheint, ist sie gar nicht! Raabes Pfarrer bringt Ursache und Folge von stupider, grausamer Enthemmung zusammen. Die Fehlprägungen des Kriegserlebnisses, des Elends Erduldens im Verein mit jenem Bildungsmanko der Zeit ergeben eben diese Folgen.

Und wer I.Weltkrieg, Kohlrübenwinter und Spanische Grippe zusammenbringt mit Versailler Vertrag und Inflation‘23 in der „ach so tollen“ Weimarer Republik, der findet zurück auf einen Erkenntnispfad, der früher mal gewusst wurde: „Schlangenei“ (Ingmar Bergmann)  und „Spinnennetz“(Bernhard Wicki): Hitler fand ein vorgeprägtes Volk vor, vom Erlöserwahn befallen, Volksgemeinschaft vermissend, freiwillig in der Herde sich aufgebend, mitmordend, weil man ja siegte, solange man siegte.

Es ist dieselbe Struktur der „Volksseele“, die Raabe 1865 treffend veranschaulicht, und die eben nicht mit dem Westfälischen Frieden verschwand, sondern ab 1933 real dieselben geistigen Abläufe zeigt.

Erst bestaunt man den Fremden – dann baut man ihm eine Hütte – Kontakt fehlt, kennen lernt man sich nicht – dann belauert man sich – dann vernichtet man ihn (eine Zeit lang) – und hinterher will die Kirche eine Bußpredigt halten, die nicht zustande kommt…

  1. Der nicht historisch interessierte Leser wiederum ist trotzdem in der Lage, hier zu erkennen, welch Problem es darstellt, für eine gebildete Minderheit in einer ungebildeten Mehrheit zu bestehen. Ein bissel Smalltalk mag ja gehen, aber…

Die Dummheit ist immer in der Mehrheit und zahlst du ihr ihre Frotzelei mit gleicher Münze zurück, dann solltest du auch Arnold Schwarzeneggers Arme haben, um deinen Argumenten Nachdruck verleihen zu können.

„Sie haldn mich wohl für blöde?!“ baut sich der dicke Maurer vor mir auf, der mir gerade erklärt hat, wie er MEINE Arbeit machen würde.

„Äh – ja klar?!“ (denke ich wenigstens tapfer, mangels Muskelmasse und Muskete).

Ich treffe hin und wieder meinen Hausarzt im 15 km entfernten Ort bei edeka. Wir nicken kurz und jeder schiebt woanders hin. Ich bin aus demselben Grund da, wie er.

Wir hätten edeka und Lidl vor Ort. Aber da droht eben plauzig-blöde Ansprache – vom Plebs.

Raabe lesen – hilft!

Sein Pfarrer hat meine Sympathie.

RAABE lesen! (2)

„Unseres Herrgotts Kanzlei“ (1862) meint die Stadt Magdeburg in der Reformation. Die Stadt, die sich mit scharfzüngigen Streitschriften gegen Kaisers Reichsacht und die Gegenreformationsversuche der verjagten Domherren wehrt. Beschrieben wird der Verlauf der einjährigen Belagerung 1550/51, in auch damals schon antiquiertem Chronikstil. Es handelten sich um den Schmalkaldischen Krieg, die Generalprobe für den 30jährigen.

Das Buch erlebte zunächst nur eine Auflage, die keine Wellen schlug und wurde vom Autor „vergessen“; bis 1889 die Stadt anfragte, ob sie es neuauflegen dürfe. Den Stadtvätern muss es plötzlich als DER Magdeburgroman erschienen sein. Erstaunt und erfreut stimmte Raabe zu, bat sich aber aus, die Erstfassung von 1862 zuvor überarbeiten zu dürfen. Das geschah.

In schneller Folge erlebte der Roman nun weitere Auflagen.

(Auch dies eine Parallele zu Arno Schmidt: Nach elend langem Armutsdasein beginnt im Alter plötzlich die Berühmtheit zu steigen und die Kasse zu klingeln!)

Er enthält einige Kritiksensationen, bei denen nun nicht ganz klar ist, ob die schon 1862 Teil des Buches waren, oder ob sie Ergänzungen aus Lebenserfahrung sind.

(Meine Ausgabe (Aufbauverlag 1964) schweigt sich darüber aus, welche Fassung ihr zugrunde liegt.)

Sensation Nr. 1 ist die Darstellung der auftretenden Landsknechte. Raabe zeichnet hier ungeschönt ein Bild der Verluderung. Gescheiterte Existenzen, Lügner, Säufer, Vollidioten …raabe reiter

Er beschreibt ihren ungeordneten Anmarsch auf Magdeburg. Ihre Zufallskostümierung und-bewaffnung. Ihre Bedenkenlosigkeit, heute dem und morgen jenem zu dienen mit blutigen Diensten. Alles weit weg von „schimmernder Wehr“ der Kaiserzeit. Doch seine Typenparade da wird manchem Leser das Aha-Erlebnis verschaffen: So einen kenn‘ ich heute auch!

Er beschreibt auch, wie und wo angeworben wird: Im ärmsten und gefährlichsten Stadtteil am Zeisigbauer. Magdeburgs Neukölln. Wo der ehrliche Mann nur mit gezogenem Schwert defilieren kann. „Es scheinet mir gefährlich, diesen Waffen in die Hände zu geben.“ Aber die drohende Belagerung machts nötig. Es wird sogar ein regelrechtes Schrutzregiment mit dem allerverworfensten Stadtbodensatz gebildet. (Prora, Prora, ick hör dir trapsen!)

Wir hatten reiiiiichlich Vorbestrafte in der Einheit!

Der versoffene Hauptmann Springer im Buch – ein Abziehbild meines Spießes im wirklichen Leben! Fast zu dumm zum Namenschreiben, und nach Dienstschluss immer „zu“; ließ er sich als Ranghöherer von Dreiender-Capos ausnutzen und von mir die Arbeit machen.

Sein literarisches Vorbild hier lauscht seinem durchtriebenen Leutenambd und plant mit ihm Verrat!

Raabes Roman ist also ein Gegenpol gegenüber all den Frunsberg-, Pappenheim-, Derfflinger-Romanen aus der Endphase des 19. Jahrhunderts, bei denen man sich Mühe gab, die Anführer als militärische Neuerer und ihre Soldaten als allzeit loyale, gut funktionierende GSG 9 der Vorzeit darzustellen.

Stattdessen Sätze wie:

„Meine Faust handelt mir jeder Lump, der den Fürstenhut trägt, und dem Nachbarn in die Haare fallen will, mit Freuden ab!“ (Rottmeister Philipp Horn)

Die hehren Ziele, weshalb angeblich gekämpft wird (Gottes Wort, Gerechtigkeit); werden rasant Makulatur: Obwohl das Geld durch Beute vorhanden ist, bezahlt der knausrige Stadtrat seine Landsknechte nicht, die darob ergimmen und putschen. Plötzlich muss innerhalb der Mauern gerungen werden! Und der Feind vor den Toren verschläft seine Chance. Der „Religionskrieg“ ist nichts weiter als eine erweiterte blutige Kneipenschlägerei!

Dass sich Kriegstreiber hinterher davor drücken, für getreue Kämpfer aufzukommen, die ihr Gerede von einst angelockt hat, das kennen wir ja auch ganz aktuell.

Und auch noch dies:

Während der Belagerung gibt es einen gelungenen Ausfall gen Ottersleben. Es wird viel Beute an Waffen und Pferden gemacht. Und es findet sich auch diese Passage:

„Trübselig schleppten sich die gefangenen Ritter einher, ließen mit verhaltenem Geseufz die Köpfe hängen und beneideten von Herzen die Itzenplitz, die Bismarck, die Gevettern von der Schulenburg, die Möllendorf, die Alvensleben, die Marenholtz, die Lossow, die Bülow, welche erschlagen in den Gassen oder Häusern von Ottersleben lagen.“

Hoppla! Gleich zwei Reichskanzlergeschlechter der Raabezeit vertreten! Schon 1862 oder erst 1889?

Das ist die umfassende Vision eines Adelsmassakers! Das Jetset des Bismarckreiches!

Man stelle sich Vergleichbares heute vor! Wer das mit aktualisierten Namen wagte, landete noch weit jenseits Maron und Tellkamp!

Aber es wird nicht nur gehauen und gestochen. Raabe packt auch beeindruckende Frauenschicksale dazu.

raabe feurioZum Beispiel Johanna von Gent, ihr Schicksalspacken ist ungeheuer. Die etwas andere Mutter Courage. Von der Familie zwangsverheiratet, erstach sie Ehemann Nr. 1, geriet in den Landsknechts-Tross, floh dort vor Ehemann Nr.2 und warf sich jenem versoffenen Hauptmann Springer an den Hals, denn Hauptleute bieten Schutz. Sie trägt die Illusion mit sich herum, den Galan ein weiteres Mal zu wechseln, ihre neue Hoffnung ist einer mit guten Beziehungen zum Feind vor den Toren. Wenn der einen Aufruhr anzettelte, während dem die Stadt erobert werden kann, würden Ehe, Aufstieg, Ansehen als Belohnung winken. Endlich raus aus der Misere! Sie kann es nicht erwarten, Magdeburg brennen zu sehen, damit all die Bürgerweiber, die ihr tagtäglich ihre Verachtung zeigen, nun ihrerseits herunterkommen.

Aber es kommt ja immer alles anders als man hofft.

Wo hatten wir gleich nochmal solche Damen, die ihren Landsknechten unter ziemlich schwarze Fahnen folgten – und nichts von alle dem, was sie sich erträumt hatten, trat ein?

Die nächste starke Frau ist Regina Lottherin. Zwei Drittel des Buches ist sie vorerst ein auf brav dressiertes Mälei, das nur weint und betet. Plötzlich jedoch rafft sie sich auf, um ihrem Schwiegervater in spe eine Standpauke zu halten, die wirkt und den Leser beeindruckt. Praktisch eine Suffragettenrede, ohne dass die Rednerin dadurch unsympatisch wirken würde. Im Gegenteil!

Ich wette, dass DIESE Stelle erst in der zweiten Auflage hinzukam! 1862 war er noch nicht vierfacher Mädchenvater. Wer aber ein lebenlang 5 Kampfhennen zu Hause hat, der erlebt solche Auftritte – und kann sie hinterher literarisch werden lassen!

Die dritte wichtige Dame des Geschehens tritt nur als Tote auf. Anna Scheuerin. Ein Grethchenschicksal. Ergreifende Fakten legt Raabe hier vor und dem Meisterschütz vom Jacobsturm in den Mund:

„Und die gottesfürchtigen Eltern, die zu allen Heiligen beteten für ihren Sohn in der Fremde, stießen doch seine Braut mit seinem Kinde mitleidlos ins tiefste Elend; ja; sahen schadenfroh zu, wie sie verkam.“

Ganz Goetheähnlich der Vorgang, der im Kerker, im Wahnsinn, im Tod endet. Aber während der Hahnrei von Weimar sich mit „Sie ist gerichtet….“ (Engel von oben) „Ist gerettet!“ aus der Affäre zieht, geht Raabe hier alttestamentarisch vor. Aug um Auge, Zahn um Zahn. Auf dem Höhepunkt des Goethekultes, als der Denktitans ohne Fehl und Tadel gerade erst erfunden war, zeigt uns Raabe, was „der Tragödie erstem Teil“ fehlt: Laaaaangsam soll der Strolch verrecken, der dies Mädchen auf dem Gewissen hat!

Die unheilschwangeren, rätselhaften Botschaften, die dem Täter zugehen, haben das Zeug zum richtig guten Thriller!

Leider, und damit sind wir wieder bei der Raabe-Form, merkt man dem Erzähl-Flow einige Male an, wo er hochmotiviert einsteigt, und abgekämpft nur noch fertig werden will. Das Täterende, das so vielversprechend eingefädelt wurde, ist in seiner Abschluss-Idee passend perfekt. Aber die Art, wie es fast im Nebensatz schnell abgetan wird, enttäuscht.

Dabei wäre er doch gerade hier eins gewesen mit den Töchtervätern aller Zeiten!

Es ist wohl so, wie eine Anekdote über ihn berichtet:

Eines Tages gingen er und seine Frau an einem schönen Landhaus vorüber. Sie stöhnte: „Wer so leben könnte!“

Er (sich an Kritiken zu seinem Erzählstil erinnernd): „Könnten wir, wenn ich nur wollte. Aber ich will nicht!“

Leider wahr.

Und noch mal der Meister selbst, aus dem Briefwechsel zur Erschaffung der 2.Auflage (1889):

„Die ganze Magdeburgerei ist doch auch alles nichts. Alle Figuren Marionetten.“

Der zweite Satz stimmt. Charakterentwicklung ist nicht seine Stärke. Die Figuren bleiben Schemen.

Der erste Satz jedoch ist Understatement: Es steckt doch soviel Aktualisierbares drin! Viel mehr, als aus dieser Rezi herausgelesen werden kann!

Prädikat: Lohnt sich!

RAABE lesen! (1)

Echt jetz‘? Den auch noch?

Klar! Geh mir weg mit all der Tendenzliteratur von heute – im Augenkrebsdesign postmoderner Paperbacks. Darfs noch ne Transe mehr sein? Oder irgend so ein millionstes American-Ghetto-in romantic-light-Ding? Von der Bronx an die Wallstreet und zurück…

Zurzeit lockt mich da gar nichts.

„Erst durch Lesen lernt man, wieviel man ungelesen lassen kann.“ (W.Raabe)

Also zurück ins Nationale Kulturerbe. Finde die Vergessenen, die es wert sind, wiedergelesen zu werden!

In Literaturgeschichtsbänden seit 1949, hier wie drüben, finden sich seitenlange Elogen auf Fontane und Mann. Über Spielhagen und Heyse – anderthalb Sätze. Also sind die die interessanteren! Die hab ich nun weitestgehend abgegrast. Über Storm und Raabe finden sich – halbe Seiten recht unentschiedenen Inhalts. Das macht – unter ferner liefen – auch neugierig. Storm ist in den 80ern/90ern ebenfalls gut in meinen Leselisten vertreten – bleibt also der Raabe.

Die „Chronik der Sperlingsgasse“ fährt in beiden Deutschlands Lob ein, als erster Roman der Moderne, was immer das heißen soll; erdacht von jenen Germanisten, die Bücher wegen „der Sprache lesen“, nicht wegen des Inhalts. Dazu fehlt mir der Film. Nach all den Jahren als Leseratte immer noch.

„Der Hungerpastor“ wird mitunter des Antisemitismusses geziehen.

Also Raabe (tot 1910) als KZ-Wegbereiter, wie Karl May (tot 1912), der in seinen Indianerbüchern die Martermethoden für die SS erfand? Wird derartiger Unsinn jemals aufhören?

Früher oder später werde ich das Rätsel lösen. Dazu muss ich den „Hungerpastor“ erst einmal besorgen und lesen. Selber lesen ist immer besser, als Vorgekäutes nachzuplappern.

Habe aber inzwischen drei andere Raabes durch!

Bevor nun demnächst hier ein paar diesbezügliche Posts folgen werden, ein paar Bemerkungen zum Autor selbst:

Wilhelm Raabe. Der deutsche Rasputin: Hypnotische Augen, vernachlässigte angeklatschte Langhaar-Frisur, imposanter Bart und die Klamotten immer 3 Nummern zu groß. Armer intelligenter Kauz!

Geboren 1831 und gestorben 1910. Also fast identische Lebensdaten wie seine Kollegen Heyse und Spielhagen. Aber er unterschied sich deutlich von diesen, in der Art seines Schreibens, seines Auftretens, seines fehlenden Geschäftssinns, und in der Art der Kontaktvermeidung.

Schulabbruch vor dem Abitur; vier Jahre ergebnislose Buchhändlerlehre, mehrere Jahre richtungsloses Studium in Berlin, viele Novellen bei Westermann in den Monatsheften untergebracht, aber jahrzehntelang nicht für Wert befunden, diese in Buchform erscheinen zu lassen, erst mit 60 erreicht er eine Art später- und begrenzter Kenner-Berühmtheit, da nun doch mehrbändige Editionen ausgewählter/sämtlicher Werke entstehen.

Vermutlich wäre er heute Autist. Für seine historischen Romane recherchiert er penibel in alten Chroniken. Vergräbt sich in diese Forschungen. Lebt sich in jene anderen Zeiten ein. Begeistert sich für bisher unerzählte Details oder altertümliche Wortwahl und Schreibweisen, die er zitiert, da sie doch manche neue Assoziation beim Leser befeuern dürften. Oft aber hemmen diese dann auch den Erzählfluss. Raabe, der Schwierige – der den Leser abschreckt. Ein Arno Schmidt seiner Zeit.

Nebenbei hat er sich nach dem Überraschungserfolg seiner „Sperlingsgasse“ wohl für unbesiegbar gehalten und den Weg des Nur-Schriftstellers gewählt, ganz ohne Mäzen (wie Heyse) und ohne journalistische Nebentätigkeit (wie Spielhagen). Sogar geheiratet hat er, auf  kommende Honorare setzend und 4 Töchter erzeugt. Und dann blieben die durchschlagenden weiteren Erfolge aus. Zank, Frust, Armut, bibliophile Neigungen, die die knappe Haushaltskasse zusätzlich schmälern, erzeugen eine Elendstretmühle, wie sie der geneigte Leser von Karl Marx oder wiederum Arno Schmidt kennt.

Letzterer ist in Bezug auf Raabe einen zweiten Blick durchaus wert. Raabe und er – hätten Vater und Sohn sein können.

Er teilt dessen lakonischen Humor, die Art der Stoffwahl – allzeit so „neben der Spur des Erwartbaren“, die Lust am eigenwilligen Stil. Grade Sätze a la Alltagsgeschwätz oder Lakaienpathos kann jeder, das sollen die anderen Schreiberlinge machen!

Schmidt wollte immer das bisher Ungesagte erzählen, den Leser überraschen, mit bisher nirgendwo beschriebenen Zusammenhängen. Ja, er ging schließlich soweit, die Mehrgleisigkeit des Denkens beim Lesen mitzubeschreiben:

Der jugendliche Winnetou-Leser liest und ahnt voraus, was gleich kommen wird (Gefangennahme, Schießerei, Schatzfund etc); zugleich aber ist er selbst Winnetou und durchlebt die gelesene Situation in eigenem Handeln in der Phantasie (er schießt-reitet-gräbt selber mit) und als drittes träumt er sich den Winnetou oder den Shatterhand hier neben sich als Gehilfen zur Lösung seiner Alltagsprobleme fernab der Prärie: Komm und erschieß mir den dicken Bernd!

Raabe geht nicht ganz soweit ins Gehirn seiner Leser hinein, aber er liefert die Vorstufe:

Er betreibt Parallelverschiebung von Gegenwartsproblemen in andere Epochen. (Meisterhaft in „Unser Herrgotts Kanzlei“).

Während Spielhagen und Heyse ihren Lesern den Spiegel recht unverblümt vorhalten, historische Stoffe meiden, wie der Teufel das Weihwasser; wählt Raabe (nicht immer, aber hin und wieder) eine Art Kostümspiegel:

Nimm und lies!

Hast geglaubt, das wird ein harmloser Historienschmöker? Reingefallen! Erkennst du dich wieder? In wem? Warum? Merkste was? Die Menschheit war vor 300 Jahren schon so bekloppt wie heute! Nur heute fährt se eben Straßenbahn!

Da er bei historischen Stoffen auf alte authentische Quellen zurückgreift, diese zitiert und ins Geschehen einbaut, zwingt ihn das zu historisierender Erzählweise voller Dehnungs E’s, Titelhuberei und Namens-Moulinetten:

„Folget mir!“, „Enttäuschet mich nicht!“, „Gebet Raum!“, Jungfer Regina ist Regina Lotter oder Jungfer Lotterin. Moritz von Sachsen, Maurice von Sachsen; es lebe Fürst Maurice!

Die Generation „Wanderhure“ streicht hier die Segel.

Auch weil bei Raabe der Sex fehlt. In dem Punkt ist Heyse deutlich vorn!

Was bleibt nach Raabe-Lesegenuss?

Für mich sind es gallige Zeitkommentare, die Gegenwartsprobleme der Raabezeit aufgreifen, welche wiederum Entsprechungen im 21. Jahrhundert haben.

Veraltet ist da – höchstens der Erzählstil.

Mein Dank geht an Lena Riess für’s anstiften.

Jimmy the DOORman

WARNING!

Sollten Sie Doors-Fan sein, dann lesen Sie nicht weiter! Dieser Text könnte ihre Gefühle verletzen!

Für alle anderen:

Es folgt mein Beitrag zum 50. Todestag des American Prayers am 3. Juli. Denn, wer a und b sagt, muss auch c sagen.

Einstimmung:

(Mit bedeutungsschwangerer Stimme deklamieren; 3 Sekunden Pause nach jedem Vers, damit es wirkt😊)

Und die Prinzessin stand in ihrem Bett

Wütend!

Und sie schleuderte den Frosch an die Wand

Herabfiel – der Prinz

Der schöne Prinz

Barfuß und nackt

Das antike Gesicht des Odysseus

mit den Augen des Lurchs

denn tief drin in seinem Kopf

Blieb er Frosch!

(„Prinz Lurchi“ a real Bludgy-Poem, inspired by Morrisson-Poetry)

Die großen Drei von 70/71 – in Reihenfolge ihres Wegtretens: Jimi, Janis und Jim.

Über Jimi schrieb ich hier.

Und über Janis hier.

Fehlt der Lizard-King! Ein schwieriges Thema.

Von mir aus – macht ihn zum Kaiser!

Ich aber sage: Der Kaiser ist nackt.

Da war als Erstkontakt „Come on Baby light my fire“ so um ’75/76 herum. Das ging mit 15 ähnlich schief, wie die Bekanntschaft mit „Move over“ von Janis. Das klang so unentschieden: Der Sänger will zwar loslegen, hat Druck in der Stimme, aber die Band dudelt herum. Da knallt nix! Und was ist das überhaupt für eine Kurhauskapellen-Orgel da, das klingt wie Altenheim und nicht wie Rock! Aber wie im Falle Janis mit „woman left lonely“ gelang mir mit den Doors zumindest der Zweitstart, denn diesmal war es „Riders on the storm“. Ein herrlich mystisches Stück, das über die Jahre nichts an Wirkung eingebüßt hat. Das gefällt mit 15 Jahren genauso wie mit 95!

(Vorausgesetzt, du verdrängst, was du über Jimmy the „Poet“ so alles gelesen und gesehen hast!)

Schlag 3 wurde der „Shaman’s Blues“ und das Quartett voll wurde schließlich mit „When the music’s over“. Soweit so gut. Solange dein Schulenglisch nicht ausreicht, hinter all die Phrasen zu schaun, die ein Heer von Musikjournalisten über „Vielschichtigkeit“ und „kryptische Aussagen“ oder „ödipale Dystrophie“ verbreitet, feierst du ihn – wie alle um dich rum- als den dritten großen Toten von 70/71.

Mit jedem weiteren Todestag nahm das Kult-Getümmel um den schönen Jim zu; und je mehr man so erfuhr, umso komischer wurde mir der Typ — und mein bissel Mittelfeldbegeisterung für die paar Doors-Hits, die mir untergekommen waren, schmolz dahin.

Als zum ersten Mal noch in den 70ern in irgendeiner Oldies-Sendung erzählt wurde (oder stand das im DDR-Beat-Lexikon?), dass es in „The end“ jene „ödipalen“ Zeilen gibt, da lernte man als Pennäler zwar ruckartig, was ein Ödipuskomplex ist und genoss spontan die innere Zufriedenheit – eben diesen nicht zu haben – aber: Warum singt der das? Iiiiiiiiieeeh!

Klar, hatten wir auch diese Nummer irgendwann auf Band, jedoch wuchs die Fremdscham bei jedem der seltenen Hördurchgänge. Nicht nur wegen dem Motherfuck-Dingens, sondern wegen dem dilettantischen Drumherum: Morrisons Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Prinzip war immer schlechter ignorierbar!

Ray Manzarek brachte ’91 aufs Trapez, es handle sich bei „The End“ um antikes Theater! Deshalb der „römische Wald“ und „der ancient lake“. Klar. Wenn sich das Reimdefizit von Xavier Naidoo mit dem Überschriftenwissen eines durchschnittlichen ZEIT-Kolumnisten treffen und Drogen im Spiel sind, dann wird Wendler zu Shakespeare und Morrison zu Sophokles.

Die Vielschichtigkeit seiner Texte war immer wieder Thema. Eskapistisch, apokalyptisch, dystrophisch, existenzialistisch … Das las sich immer, als sänge Ol’Jimmy vertonte Philo-Dissertationen! Hm. Haste die Oden mal gelesen? Ohne Musik? Das fängt gerne bedeutungsschwanger an und endet bei „love me girl!“ Also die typische Aufmerksamkeitsspanne eines ADHSlers: Der Kopp will zunächst, was eventuell gut zu werden verspricht, aber die Fertigstellung dauert zu lange, die Triebe revoltieren: Übrig bleibt – der frühe Ingo Appelt.

Vollends im Eimer war mein Bezug zu den Doors nach dem Oliver Stone Film anfang der 90er.

Stone verkündete im Interview, der Film sei seine Danksagung an die Doors, denn deren Musik habe ihm geholfen, seinen Vietnamkriegseinsatz durchzuhalten und hinterher zu verarbeiten.

Der GROSSE Jim Morrison ist dort „zu bewundern“; Sprachrohr seiner Generation, der Lizard-King, der ständig „zu“ war, unzuverlässig wie nur was, Auftritte verdarb oder ganz platzen ließ, dann wieder ein paar Phrasen halluzinierte und nie wusste, wo er sich grade befand!

Der dargestellte „legendäre Miami-Vorfall“ ließ mich böse grinsend an „Sexy Exi“ vom Georg Danzer denken. Ach DAHER hatte der die Inspiration!

Ich war nun mit anfang 30 knapp drüber über den „Club 27“ und ich hatte gerade so einiges durch. 1988-92, das war politisch, existenziell und familiär „schwere See“ gewesen, aber wir hatten uns bewährt – und dann seh ich diesen Film über diesen King zusammengeklaubter Stopfgans-Zeilen.

„An den Toren von Troja steht Häuptling Moja, im Safrankleid deklamiert er und schreit, ich hol mir die Maid, denn es ist Zeit, die Uhren ticken, komm, lass uns f*****!“ (Das ist das Ende. Ruf die Polente!)

So jedenfalls hört sich das Doors-Schaffen in Bludgys Ohren nunmal an.

Diese völlig verwahrloste Ruine wollte und konnte ich nicht mehr verehren. Ich sah klipp und klar: Ich bin besser! Verantwortungsvoll eine Familie durch schwierige Zeiten zu bringen, hätte der niemals geschafft! Der hätte „die Alte mit dem Kind“ sitzen lassen, wenn’s kompliziert zu werden droht; sich bekifft und „people are strange“ drauf gereimt. Das wäre SEINE Alltagsbewältigung gewesen. Und genügend Dummbatze standen ja Schlange, dieses Komplettversagen als „existenzialistisches Menetekel im Zeitalter der monetären Prostitution des Ichs in der Postmoderne“ hochzujazzen.

Wenige Tage nach dem Film (oder war’s wenige Tage zuvor?) gastierte Ray Manzarek bei „Gottschalk“, der kurzlebigen Late-Night-Show auf RTL damals: Schwer bekifft oder schon dement? Er schwafelte dort 10 Minuten völlig wirres Zeug (simultan übersetzt); und machte so auf das Kapitel DOORs den Deckel drauf.

Not needed anymore. Keine CD vorhanden.

Drei Alben

In einem Land vor dieser Zeit heute lebte ich einst dahin. Das Besondere an diesem Land war, dass es keine Schallplatten gab. Also es gab schon welche, aber – das war kompliziert:

Das Land hatte EIN Plattenlabel für Rock/Pop/Schlager und veröffentlichte für stabile 16,10 M landeseigene Volkskunstgesänge.

Zweimal im Monat kam es zur Unter-dem-Ladentisch-Verhökerung einer sogenannten Lizenz-Platte für ebenfalls 16,10 M. Dabei konnte es sich um irgendwen Großkopfertes aus dem Lager des Klassenfeindes handeln; Geräusche, die vom Klassenkampf abhalten, im Sozialismus aber genossen werden können; sagen wir Deep Purple, Who, Stones; aber auch um „so Zeuch halt“ ala Katja Epstein, Udo Jürgens, Roger Whittaker etc.

Da man die Platte seiner Begehr meist nicht im Laden bekam, erwarb man sie „unter der Hand“ für 30.-M oder im Tausch für eine Ungewollte, die man vorsorglich für diesen Fall gekauft hatte, weil es sie eben grade gab, als man im Laden war.

Die „richtigen“ LPs, von A&M, CBS, RCA usw. gab es nur auf dem Flohmarkt oder von jemandem, den ein guter Freund halt so mal eben kennengelernt hatte. Und die kosteten, laut Umtauschkurs 1:6 eben nun mal 120.-M (Ost).

Da Rundfunkempfang von „Feindsendern“ kein Problem und somit Norm war, wusste man immer, wann welches Idol welche Platte herausgebracht hatte; aber man wusste nie, ob man sie eines Tages mal auf dem Flohmarkt erwischen würde.

Flohmärkte blühten in den 80ern mehr und mehr auf. Und du bekamst dort fast alles, was in den Läden Mangelware war – und so einiges mehr!

Und so trug es sich zu, dass auch Merseburg einmalig einen Flohmarktversuch startete.

Sommer’83. Bei bestem Wetter und mit wenig Geld fuhr nun also ein Trabi voller studentischer Plattensüchtlinge die paar Kilometer gen Schlosspark.

Ich für meinen Teil hatte die Barschaft von 250 Mark dabei und wohl wissend, dass ich dann wieder vor einem Vinylstandort stehen würde, bei dem ich gern das Zehnfache gehabt hätte, war ich auf die Idee gekommen, meine Lizenzplattenbestände zu durchforsten, was eventuell entbehrlich wäre, um die Suchtbefriedigung wenigstens in diesem Segment noch ein wenig weiter steigern zu können.

Im Plattenbeutel unter meiner Schulter befanden sich nun also „Leo Kottke“ und „CCR“; damals gerade auf AMIGA erschienen, sodass sie eventuell noch gesucht sein könnten. Kottke gefiel mir in jenen textlastigen NDW-Jahren noch nicht so richtig (das änderte sich später sehr); und die CCR hatte ich mir überhört, sodass der Trennungsschmerz nicht allzu groß sein würde. Sollte sich gar jemand finden, süchtig wie ich, dann würde der eventuell je 40.-M springen lassen – und dann hätte ich bei etwas Verhandlungsgeschick Geld für „aller guten Dinge sinder Dreie“ von den RICHTIGEN!

Wir also rein da, löhnen das bissel Eintritt und ziehen getrennter Wege, denn keiner gönnte dem andern Funde, die ihm selber gefallen hätten und die er so nun wieder „nur“ aufnehmen konnte.

Ich wende mich nach rechts und gleich als zweiter oder dritter Anbieter steht da jemand mit einem Bettvorleger im Gras und darauf liegen 4 Alben. Welche weiß ich nicht mehr, denn ich hatte nur Augen für eins -BÄM! -:

dav

Ich wusste sofort, dass ich das gleich kaufe! Aber ich wusste ebenfalls gleich: Du bist noch keine 10 Schritte gelaufen und deine halbe Barschaft geht jetzt drauf! Du wirst noch vor größeren Kisten stehen! Aber überlegen und wiederkommen is’nich‘! Dann isse schon weg!

1978 -vor der Fahne- war „Bat out of hell“ erschienen – und nenne mir einen von meiner Generation, der nicht das große Sabbern gekriegt hätte, wenn man ihm die zum Aufnehmen anbot! Ich hatte sie -Prora-Dealer sei Dank- seit 1981 endlich auch auf Band und nun lag hier der zweite Streich des Big American Wahnfried!

Die Hülle war perfekt, beim Rausziehen der Platte glänzte alles, wie es sein soll! Problem: Ich kannte keinen Ton von diesem Album!

Die muss 1980 höllisch eingebrochen sein! Ich hatte das nicht mitbekommen können. 18 Monate „Ehrenhaft“ auf Rügen, da kommste zurück und denkst, es gibt international bloß noch Nik Straker und die Goombay Danceband, saach ich dir! Ostseewelle Rostock, das war seinerzeit auch sowas wie Folter!

Ich hatte zwar alles aufgenommen, was mein Langzeitkumpel Udo in jener Phase zu Hause so an musikalischer Beute machen konnte, aber von Meat Loaf war da nichts dabei!

„Is‘ die wie die Bat out of hell?“, frag ich also ziemlich deppert. Und der Verkäufer muss mich prompt für einen Idioten halten.

„Klar! Die is zwar nich‘ so bekannt – aber, wem die eene jefällt, der mag ooch die annere hier.“

Hab ich zu handeln versucht? Oder widerstandslos gleich die 120 gezückt?

Ich war in Trance!

Gleich nach dem Kauf wurde ich wieder unschlüssig: Was, wenn die verdient gefloppt is‘? Hast du dir jetzt Mist andrehen lassen?

Die Ängste waren unbegründet. Die Platte sollte in meinem Besitz ihre ganz spezielle Geschichte erlangen.

Musikalisch ist sie der „Bat out of hell“ tatsächlich ähnlich. Sie geht gut ab. Mini-Opern wie „Paradiese by the Dashboardlight“ allerdings fehlen. Aber Graupen gibt es keine.

Als ich sie vor Udo aus dem Beutel ziehe, kriegt der glasige Augen: „Ooooor! Und wer malt mir das Cover jetz‘ in Lämsgröße übbers Sofa?“

„I’m gonna love her for both of us“ … „more than you deserve“… lebenskluge Studentenhymnen! Alles wahr! Soundtrack einer Lebensphase!

dav

Anfang’89 verbüßte ich mein viertes „Zusatzabsolventenjahr“ hinter Cottbus als Strohwitwer, während meine Frau weit weg daheim ihre Mutter pflegte und unser erstes Kind windelte – alle Versetzungsanträge und Eingaben abgeschmettert – und kein Bonze hatte ein Einsehen auf Familienzusammenführung! Dementsprechend war ich drauf, als diese letzten Kommunalwahlen abgehalten wurden:

Ich ging hin, nahm den Zettel, legte ihn auf die Urne und begann Namen von der Liste zu streichen.

Die Wahlkabine war – wie üblich – zu weit weg und mit Stühlen verstellt.

(Komme da jetzt, was da wolle! Hat sich was mit braver DDR-Bürger! Ich hörte da so eine Speckbacke im Anzug flüstern: „Wen streicht‘n der?“ Von den andern gabs diese typischen Blicke: Ist Ihnen klar, was Sie da gerade getan haben?!)

Leckt mich! 5 km von der polnischen Grenze! Noch weiter östlich könnter mich nich‘ verbannen. Schlesien is‘ futsch!

Dann stopfte ich den Wisch in den Schlitz und ging -leicht zitternd vor Aufregung- heim. Wird’s noch Theater geben? Oder bin ich eh schon „durch“? Zuhause legte ich die „Deadringer“ auf: Peel out, peel out! I‘m sick and tired of waiting in line! – und fand mich strax wieder gut!

Wenn ich an den Wochenenden das Pflegeelend meiner Schwiegerfamilie erlebte, war ich immer aufs Neue der „Real Deadringer for Love“, auch wenn Olle Ami-Bulette das ursprünglich anders gemeint hatte.

So bekam diese Platte ihre Unverzichtbarkeit! Aber‘83 da im Schlosspark war daran nicht zu denken.

Es ist im Leben prima eingerichtet, dass man nicht vorausschauen kann. Würde man mit 23 sehen, durch welchen Mist man noch zu waten hat, man würde keine 30.

Also lebte ich den Moment: Meine Zweifel an der Richtigkeit jener Kaufentscheidung wuchsen mit jedem Schritt.

 Und die Verunsicherung begann sogar zu sieden, als ich 100 Meter weiter vor zwei Typen stand, die in zwei großen Pappkisten an die 500 begehrte West-Platten feilboten!

Ich kann bis heute nicht erklären, wie solche Anbieter zustande kamen: Zwei Fernseherkisten voll Rockgeschichte im Bestzustand! Ladenneu! Waren das Einbrecher im Rundfunkarchiv? Stasischergen, die die Paketbeschlagnahmungen verhökerten? Oder nur skrupellose Schröpfer von Westverwandtschaft?

Es waren keine Ausländer! Sie sprachen akzentfrei unsern Slang!

Der Stand ist umlagert. Ich drängle mich rein. Erwische gleich die „Who are you“, halte sie erst mal fest, will aber noch an Überblick gewinnen:

Neben mir flippt einer so eine lange Plattenreihe durch. Die gesammelten Werke der Scorpions, so scheint es, Rainbow und Maiden auch dabei, die greift einer von der Seite gleich raus. Egal. Da: Bowie! Aber der Typ flippt drüber weg. Gott sei Dank!

„Warte mal kurz!“ hör ich mich auf Autopilot sprechen, flippe zurück, ziehe die Bowie und schieb die Who an die Stelle rein: Es ist die „Diamond Dogs“! Was für ein Cover! Und „Rebel Rebel“ ist drauf!

dav

Heinz Rudolf Kunze hatte zu der Zeit auf NDR2 gerade eine Sendereihe „Bowie – der Favorit“ laufen – und er besprach dort alle LPs mit reichlich Hörbeispielen! Ich hieperte deshalb auf die „Hunky Dory“, aber die „Diamond Dogs“ erschien mir seinerzeit als die zweitbeste der Vor-Fame-Phase!

Treffer! Bezahl und weg!

Aber – Geld alle. Für den letzten 10er würde es kein Vinyl mehr geben und nach meinem Beutelinhalt war ich noch kein einziges Mal angesprochen worden.

Fluchtartig verließ ich diesem Stand des Überangebotes: Hach, da hatten die sogar die Kiss „Alive!“ und Floyds „the piper at the Gates of dawn“! Von Rainbow wär die „Long live Rock And Roll“ auch verführerisch gewesen! Bloß weg hier!

Erst mal ne Wurschd, um den Adrenalinpegel zu senken.

Die „Diamond Dogs“ gefiel mir jahrelang ganz ausgezeichnet. Sie passte in die 80er, obwohl sie da schon 10 Jahre auf dem Buckel hatte: Aber all die Apocalypse-Anspielungen – das hörte sich extrem aktuell an – in Zeiten von „99 Luftballons“,„Berliiiin! Du kotzt mich an!“ und „Weltsendeschluss“! Viel ist davon nicht übriggeblieben. Höre ich sie heute seltenerweise einmal, dann merke ich, was Kunze seinerzeit schon erzählte: Gesammelte Bruchstücke eines Drogenwracks, das sich künstlerisch gehörig übernommen hatte. Er hatte zu lesen begonnen und wollte nun aus Orwells „1984“, Kubricks „Clockwork Orange“ und Shakespeares „Hamlet“ das eigene große Überwerk erschaffen: Doppelalbum, Buch und Film. Allerdings wurde er Opfer seiner Stimmungsschwankungen und verwarf immerzu seine Vortagsideen. Übrig blieb eine LP mit „Rebel Rebel“, „When you Rock and Roll with me“,„1984“ und allerhand katastrophenschwangeren Füllseln.

Hat halt so jedes seine Halbwertzeit. In den 80ern machte mich die Platte glücklich!

Ein paar Parkrundenspäter steh ich wieder vor einem, der so ein Allerlei aus Ost-Platten und Kram auf einer Decke anbietet.

Und da lag dann noch – SIE!

dav

AMIGA’77. In den 70ern verpasst, dann kurz vor der Fahne immerhin noch aufgenommen. LP mit Überlänge! Herrlicher Sound! Prägemelodaien am Fließband! Keine Graupen! „Bring back my yesterday“ war das zentrale Langwerk darauf, inclusive dem gesprochenen Intro, das auf späteren „Best ofs“ immer fehlt!

Ich weiß, ich weiß! Barry White! Das ist nicht der Name, der unter Althippies, Bluesern und Punks der ersten Stunde Anerkennung genießt – aber – fuck it! Zu MEINEN Göttern gehört er! ICH MUSSTE diese Platte haben!

„Willst’n für die?“

„Dreißch Morg.“

Ich ziehe aus meinem Plattenbeutel Kottke und CCR.

„Und wenn de dir eehne davon aussuchst?“

„Oi!“

Natürlich nimmt er die CCR.

Barry White wollte nie jemand von mir aufnehmen. Aber durchsichtig gespielt hab ich die! Und wie!

Nach der Wende kaufte ich „Barrys Gold“ auf CD mit sehr ähnlicher Zusammenstellung – aber o weh! Der Yesterday-Monolog fehlte! Also gingen die Barry-Käufe „notgedrungen“ weiter. Bis zur „Rhapsody in White“ – DIE ist die Beste! MEIN Sound der Pubertät! Da ziehen sie alle im Geiste noch mal vorbei, die damals Rang und Namen hatten:

Carrell, Elefantenboy, Eddies Vater, Otto-Show, Butler Parker, Margret Thursday, Belle und Sebastian, Daniel Boone – und eben auch so Alltagsbilder einer anderen Zeit: Die Bierbüchsen-Pyramide! Das Kohlebunkern, wenn uns der Wintervorrat in die Einfahrt gekippt wurde! Vaters Kofferheule plärrt Deutschlandfunk dazu. Der bringt Wortbeiträge ohne Ende und zwischendurch plötzlich mal: Standing in the shadow of love-love-love- waiting for the heartache above….“

Exactly my point of view‘73/74!

Oh yeahr!

One ticket please. She’s at home. Yeahr, she’s at home…

dav

 

Er ist nun dort.

Vater 1930-2021

Wann immer einer von den gebrannten Jahrgängen zu den himmlischen Heerscharen eingeht,

öffnet eine der Walküren die Pforte Walhall

und ein Lichtschein fällt auf die Nachkommen

da unten

die so heißen

weil sie nachkommen werden

dermaleinst

sdr

Und dieser Lichtschein soll sagen:

Er ist angekommen!

Sie hält die Zügel seines Pferdes aus Kindertagen.

Er steigt auf

und reiht sich ein.

Die Vorfahren begrüßen ihn.

Bowie Bilanz

Staub gewischt auf alten Platten.

Nichts bleibt wie es war. Alte Vorlieben weichen neuen. Eine Binse. Aber – die alten waren einfach mehr und hielten länger. Kommt heute angestaubt Empfundenes in ein paar Jahren eventuell zurück?

Ich beschrieb bereits, wie mich anno‘75 „Fame“ geradezu umgehauen hat. Das traf einen Nerv. Meinen Nerv. Den Nerv meiner damaligen pubertären Ablehnungshaltung gegenüber – äh – ja eigentlich allem.

Die Ablehnung der anderen gegenüber diesen seltsamen Klängen verstärkte den Effekt.

Das war MEINS!

Bowie wurde ein Langzeitidol für mich. Heutige Playereinsätze seiner Scheiben sind jedoch eher selten.

Mit zunehmender Reife trennst du viel besser Tiefsinn von Scharlatanerie. Und die alten Provokateure haben heftig Haare gelassen.

 „Die Geister der Kindheit verabschieden sich eben hinten am Ende des Korridors am Tor der Zeit“ (Fogelberg)

Bowie war so eine Art Begleiter aus der EOS-Zeit über die Fahne hinweg in’s Studium, und von dort noch in die Erwachsenenphase des Berufslebens. Er war der erfolgreiche Blender mit dem Hang zu karikierter Melancholie, an dessen Sounds du dich durch schwierige Phasen deiner eigenen Entwicklung hangeln konntest. Bis es nicht mehr nötig schien oder besser: Bis die Götter wechselten.

Einst machte er sich rar im Radio. Das „Fame“ überhaupt gespielt wurde, war eher die Ausnahme. In Deutschland war er bis „Heroes“ nicht massenkompatibel. In Amerika Platz 1, aber bei unseren Cousins und Cousinen „drühm“ nicht vermittelbar. „Golden years“ kam noch, „sound and vision“ und eben die halbdeutsche „Heroes“-Nummer und dann war da auch noch dieses kuriose Weihnachtslied mit Bing Crosby. Das war’s dann eigentlich bis zur Fahnezeit.

Keine dolle Ausbeute, aber viel Gerede um den Superstar da in Berlin und seinen Kumpel Iggy Pop, der noch viel weniger Sendezeit erhielt.

Ganz knapp vor der Einberufung gerieten mir ein paar Nummern der „Lodger“ aufs Band. Seltsames Zeug, das nicht zünden wollte und zum „Schönhören“ war keine Zeit mehr. Prora calling.

Die Lodgerstücke ähnelten denen von Iggys „New Value“-LP, aber sie klangen als seien sie die übriggebliebenen Reste. Iggys Platte war zuvor ebenfalls im Rundfunk eingehend besprochen worden, wobei einige Beute-Tracks abfielen und die hatten die Nase deutlich vorn.

Von „Fame“ bis „african nightflight“ waren es also 4 Jahre Fantum.

Und es wäre niemals so lange geworden, wenn ich Wessi gewesen wäre und mir 1975 die „Young americans“ gekauft hätte. Denn auf der Platte fetzt „Fame“ und der Titelsong geht auch noch, aber der Rest – puhhhhhhh, das war eine ziemliche Enttäuschung, als ich sie ende der 90er/anfang der Nullerjahre endlich kennenlernen konnte.

Ja, Old Davy hat so seine Schaffenskrisen. Das Image fing viel auf. So scheint es mir heute.

Ich war high, als ich damals im Fahne-Urlaub vor den drei LPs saß:

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Station to station – Low – Heroes – endlich MEINE!

Die Armeezeit hatte mir „meinen Dealer“ beschert. Er, ich, ein angehender Schauspieler und ein Pastorensohn, 4 Abiturienten unter Assis – klar, dass das zusammenschweißt. Rüdiger hatte reichlich Westverwandtschaft und ebenso reichlich Geschäftssinn. Als er hörte, dass ich willens wäre, die üblichen 120 Mark pro LP zu zahlen, sprach er kurz und schmerzlos: „Mach ma Liste.“ Er hatte mir versprochen, wenn die Ware bei ihm angekommen wäre, seine Mutter zu instruieren, an meine Mutter Pakete zu schicken. Bezahlt hab ich mehr oder weniger mit meinem Wehrsold. Herbeigesehnt der Brief von zu Hause: „Rüdigers Paket ist da.“

Ich mit einem Mal – King on the Block! Wenn ich erst wieder draußen wäre, würde nur noch gelten:  Das is‘ der Typ mit den Bowie-Platten!

Das war sowas wie ein Ritterschlag! Lindenberg-, Genesis- oder Beatlesplatten konnt’ste überall mal kriegen, aber Bowie — den gab’s nur bei MIR!

Gott sei Dank wusste ich den LP-Titel der „Fame“-Platte nicht, nur deswegen hatte ich die nicht bestellt.

Auf die „Low“ war ich am neugierigsten gewesen, weil mir „sound and vision“ ursprünglich am besten gefiel.

Die A-Seite der Platte hielt auch, was der Song versprach: Es rumst ordentlich und in todesschwangerem Bariton grummelt Bowie üble Botschaften a la „always crashing in the same car“ und ähnliche Idyllen herunter. Ab und an bricht die Stimme in zickiges Gemecker aus, um gleich wieder tiiiief abzustürzen. Nina, heute die Großmutter des Punks, sang so ähnlich.

Aber dann drehst du die Platte um und – verstehst die Welt nicht mehr. Rausch-dudeldudel-schweeeeb – ab und an quäkt ein Saxophon; scheint sich zu beschweren, dass ihm gerade Gewalt angetan wird, denn der Spieler kann’s nicht.

Nirgends Text. Keine Melodie. Und was will er denn in „Warzawa“? Jeans kaufen wie ein Ossi?

Würde ich mir das schönhören können? 120 Mark für ne Platte, von der nur die A-Seite fetzt! Anschiss, verdammt!

Ich griff zur „Heroes“. A-Seite startet okay. Ich dringe bis zum Titelsong vor und beiße die Zähne zusammen. Verdammt! Die deutschen Strophen gibt es also nur auf der Singlefassung.

Nix mit „ICH! Ich bin dein Könnik! Und Duhe! Du Könnigin! Waaaahnsinn! Wird uns heilen! Dann sind wir Helden für alle Zeiteeeeen!“

Dann – B-Seite. Und fast wie bei der „Low“ fast alles instrumental. Aber – Erleichterung macht sich breit – deutlich schöner. Und dann noch dieses Hundebellen hinten im Mix, ungefähr in der Mitte:

Gerade vor dem Urlaub mussten wir Glatten eines Sonntags das Wegesystem auf einem der Schießplätze neu abstechen. Wir waren unter uns. Die Kapos waren ebenfalls Anfänger und hatten noch mehr Tage vor sich als wir. Ein gemütlicher Arbeitseinsatz mit Frühlingswetter und Pausen. Und in einer davon hörte ich Kirchenglocken aus der Ferne und ein Weilchen später einen Dorfhund schimpfen. Es war ein Idyll. Wir hatten es im Unterbewusstsein: Die große Härte war nach den ersten 6 Monaten vorbei. In ein-zwei Wochen kommen neue Glatte. Die Zwischenhunde werden EK‘s und wir rücken auf als Zwio’s. Von nun an werden die Neuen die Kotze wischen müssen…

Die Bowieplatte zuhause hält diesen Moment fest. Bis heute.

Bliebe noch die „Station to Station“. Die entpuppte sich als die geschlossenste von den dreien. Auf beiden LP-Seiten wird gesungen. Der Titelsong und „TVC15“ sind gleichwertige Brecher, die die LP-Seiten eröffnen. „Golden Years“ ist eh klar: Klasse! Und auf beiden LP-Seiten bekommt er es hin, abschließend in ganz ruhigen Songs ganz „gefährlich“ zu wirken. Die Minuspunkte sind die fast 5minütige Graupe „Stay“ und die ohnehin Elvismäßige Kürze der Platte.

Der Zwio-Sommer 1980 kam, ich wurde versetzt und Spießschreiber, alle 4 waren wir nun in unterschiedlichen Einheiten. Immerhin: an den Wochenenden jagte einen nun keiner mehr zum Küchendienst oder zum Schießplatz umgraben. Wir lagen also FKK am Landser-Strand vor der Kaserne, badeten, lasen und schlossen neue Geschäfte ab.

mde

Nach der Fahne sah ich dann zum ersten Mal das „Ashes to ashes“-Video mit dem Clochard in der Brandung und mich traf der Schlag: Major Tom als Clown im seichten Wellengang – der Ostsee vor Prora! Das drängte sich einfach so auf und war so verdammt nah, dass ich die LP damals nicht wollte. Denn Prora – das war in übler Weise deutlich mehr als FKK und Platten dealen! Da stellten sich sofort auch all die anderen Bilder ein, an die man nicht erinnert werden wollte!

„Ashes to Ashes, Punk to Punkie, we know Major Tom’s a Junkie strung out in heaven’s high hitting an alltime low“

geradezu beängstigend exakt der Punkt an dem ich mich 1981 befand.

Was haben wir zu EOS-Zeiten die Pistols gefeiert! Und Clash…und nicht zu vergessen Blondie!

Aber nun? Nach der Fahne?  Was würde die Zeit bringen?

Zum Schritthalten mit der Musikentwicklung waren die sechs Urläube von der Fahne zu kurz gewesen. Die Standortradios hatten mit Pflastern gekennzeichnete Senderskalen, damit keiner Westen hört. In Prora eh ein Witzvorhaben. Da kriegste eher Dänemark!

So blieb sommers nur diese dämliche Ostseewelle-Rostock mit Abba und Goombay Danceband in Dauerschleife und in der dunklen Jahreszeit die „üblichen“ Sender der Ehemaligen.

Du kamst wie „auf null gestellt“ nach den 18 Monaten zurück. Und da war vor allem die NDW, als Ventil zur Linderung deines Prora-Klapses: „Ich gehe nicht mehr! Nach Cuxhaven! Nein! Neineinein!“

Im Radio liefen die Singles „Fashion“ und „Scary monsters“ zwischen Ideal-, Interzone- und Spliff-Stoff, und hatten keine Chance dagegen anzustinken. Obwohl gerade der Text von „Fashion“ einer von Bowies besseren ist, aber das entging mir. Wenn Klartext zu haben ist, brauchst du keine Fremdsprachen-Messages in verblümter Form. Einer von jenseits des Atlantik schaffte es doch in unsere Lauscher: Neil Young donnerte zeitgleich seine „shots!“ ab, auf einer Platte, die passenderweise Re-ac-tor hieß! Das brachte die Rache-Amok-Gelüste von Fahnerückkehrern besser auf den Punkt!

Dagegen Bowie am Strand von Prora und diese melancholisch-ruhige Keyboardmelodai? Passte nicht! Noch nicht. Die Zeit war noch nicht bewältigt! 6 Jahre später hatte ich die Platte dann doch. Und sie wurde zum all time fav! Das Ganze klingt mir heute wie eine gutkonzipierte, dekadente Militärverarsche-Party – it got nothing to do with you if one can grasp it – und die vielfüßigen Trappelgeräusche zu Beginn der A- und der B-Seite erinnern an die Ratten in der Bataillonsküche, wenn früh um 5e dort das Licht eingeschaltet wurde.

„So where’s the moral
When people have their fingers broken
To be insulted by these fascists
It’s so degrading
And it’s no game

Shut up!
Shut up!“

Ich werd‘ auch das Gefühl nicht los, dass die „Scary Monsters“ klingt, wie die „Lodger“ zuvor hätte klingen sollen.

Bowie schloss mit „Scary monsters“ 1980 seine relevante Phase sauber ab und begann anschließend zu schwächeln. „Cat people“ kam raus. Im Giorgio Moroder Mix. Ächz! „This is not America“ mit Pat Metheny… nun ja, die Moderatoren priesen es… ich brauchte eine Weile um mir dieses stromlinienförmige Gelalle schönzuhören. Aber im Endeffekt kam es doch auf der positiven „Haben-Seite“ an.

Seine Kreativitätsreste verstreute „der schöne Dave“ bis auf Weiteres auf Nebenprodukte: Absolute Beginners, Dancing in the streets, under pressure… Er war nun Schnösel geworden. Der Schicki-Micki-Dancer. Einer der seltsam schlecht in seine eigenen Videos passte. Und was jetzt erst auffiel: Der keine Botschaften hatte!

Zum Fremdschämen – das „Let‘s dance“ Filmchen mit den Aborigines! Wie er da frischgefönt und onduliert in der Arme-Leute-Disco steht und das Elend der Welt in diese billig-Phrase: „put on the red shoes and dance the blues“ eindampft –  … da verstehste dann die Welt nicht mehr! Mit solch einem Mist zu kommen, nach „Scary Monsters“!

Zu meiner Schande sei’s gestanden: Ja, ich habe die „Let’s Dance“ seinerzeit komplett aufgenommen und das Band auch immerhin häufiger angehört als Tull’s „Stormwatch“ oder Barclay James Harvests „Turn of the tide“; aber nach der Wende blieb sie ungekauft und wurde auch bis heute nicht vermisst.

Eine andere Hausnummer ist da die „tonight“. Die kaufte ich im Intershop im Cottbusser Bahnhof ganz zu Beginn meines Berufslebens und die wurde somit Soundtrack des ersten Dienstjahres ganz dahinten im Sorbenwald. Abgeschnitten vom Westfernsehen, sah ich dazu keine dämlichen Videos. Somit blieb die Platte für mich, was sie vorgab zu sein: Ein Gruß aus den Metropolen der Welt! Mit ganz viel Trost:

mde

„Don’t know who else came to kneel
On this empty battlefield
But when I hear that crazy sound, I don’t look down
From Central Park to shanty town…“

Ja und dann guckste wie er auf die Einschusslöcher in deinen Blütenträumen, die sich einfach nicht realisieren lassen.

Heute purer Erinnerungssound an all die Fahrten nach Plauen zum Flohmarkt und die lange Reihe von Schätzen, die ich dort heben konnte. Gib mir Musiiiiik-Musik-musik…..

Zwei alte Großtaten von Bowie waren auch dabei: „Diamond Dogs“ und „Aladin Sane“. Aber die kriegen später mal einen Post.

Nach „Tonight“ war für mich Schluss mit Bowie. Für die Nachfolge-LP schämte er sich schon kurz nach Erscheinen selber, weshalb die Tour seinerzeit auch nicht nach der Platte, sondern nach dem einzig verwertbaren Song darauf „Glass-Spider-Tour“ hieß. Ein verdienter Flop.

Schweigen wir sie tot. Die Tin Machine Phase ist besser als ihr Ruf, ging aber seinerzeitnicht nur bei mir völlig unter. Bowie den Popper hatte eben nicht nur ich satt. Mit „Hours“ und „Heathen“ hätte er mich dann fast wieder gehabt, aber wenn du Bowie hören willst, welche legst du dann auf? Hat da „heathen“ wirklich eine Chance, wenn die „Hunky Dory“ oder die „Heroes“ gleich danebensteht?

Und vor allem: wie oft hast du noch Lust auf Bowie im 21. Jahrhundert?

Im Player rotieren eher

Onkel Neil und Onkel Lou, Sister Ann W. kommt noch dazu,

Dan, Barry und Waylon sind oft dabei,

YES und Eagles einwandfrei!

Und klingt ein Sampler gar so schön,

dann liegts an : „Faaaaaaaaaame! Whats your name?! Whats your name?!“

Heyses Venus

dav

Heyses Schlussstein

Ist!

Das!

Stark!

Da wollte einer den Buchmarkt nochmal so richtig rocken, aber keiner hat’s gehört. Die zeitgenössischen Literaturgeschichten schweigen das Werk tot, wie zuvor schon „gegen den Strom“.

Heyse schrieb 1910 mit  -für DIE Zeit- sensationellen 80 Jahren seinen letzten Roman – und es ist ein toller Schlussakkord geworden! Auch wenn „gegen den Strom“ sein eigentliches „Vermächtnis-Album“ bleibt – aber da war noch was offen!

„Für wie moralisch integer haltet ihr unsere Zeit, liebe Leute?!“, fragt er und liefert die Antwort mit: Nicht mehr meine Zeit; aber eure eigentlich auch nicht! Ihr seid nicht in der Lage, das ins Bessere zu drehen! Das 20.Jahrhundert wird kein leichtes!

Der Titel mag manchen abstoßen.

Er gemahnt zunächst an das berühmte Botticelli-Gemälde, meint aber die Entstehung einer der vielen Coverversionen, die um 1900 entstanden und heute alle ein bisschen wie die Schlafzimmerbilder vom Trödler nebenan wirken. Die Maler alter Schule waren in der Bredouille. Heyse springt ihnen bei. Der Liebhaber von Zentauren und Illias-Bebilderung bleibt vom Impressionismus unbeeindruckt.

Etwas ähnliches hat Heyse mit seiner Novelle von der „Irdischen und himmlischen Liebe“ schon mal geboten. Damals stand ein alter Tizian als Namensgeber Pate. Auch dieser Titel las sich gewöhnungsbedürftig, doch auch diese Novelle gehört unbestreitbar zu seinen Hits.

In der „Geburt der Venus“ erhältst du eine hauchzart erzählte, anheimelnd tolle Liebesgeschichte. Hier kriegt er dich genauso wie mit „dem verlorenen Sohn“ und den „Moralischen Unmöglichkeiten“.

„Es gibt moralische Unmöglichkeiten, die einer solchen Eheschließung nun mal im Wege stehen.“, sagt der sympathische Vater des träumerischen Malers. Zufall? Berechneter Wiedererkennungseffekt?

Das Vater-Sohn-Gespräch, aus dem der Satz stammt, ist eins der vielen kleinen Highlights des Werkes. Wenn der Sohn die dem Vater entgangene Karriere lebt, dann ist das Topverhältnis sattelfest. Beide verachten elitär die spießbürgerliche Meute. Und trotzdem bedrohen die Spielregeln des „blöden Haufens“ das Familienglück.

Heyse thematisiert die völlig überholte Heiratsetikette seiner Zeit, die uns heutigen Lesern eigenartig kurdisch/arabisch vorkommt. Und die Duelle waren unsere Spielart von Ehrenmord. Wobei eher die Männer zu schaden kamen.

Das erbärmliche Schicksal der Hanna illustriert zeittypische Umstände und führt somit dem Leser vor Augen wie prüde und somit folgerichtig frivol verdorben ein Zeitgeist ist, der die Erschaffung erotischer Kunst sofort in den Dreck zieht. Wenn Heyse hier 1910 mit Moralkriegern seiner Zeit abrechnet, dann hinterlässt das so einen überraschend aktuellen Nachhall.

Herrlich beschrieben, wie Trude, die Pastorentochter, den Fanatismus ihres Vaters unterläuft und damit zeigt, wo Heuchelei für den gesunden Menschenverstand überlebensnotwendig ist: Im Pfarrhaus.

Ja, wieder ein böser Pastor, wie in „Crone Stäudlin“, wie in „Moralische Unmöglichkeiten“.

Ja, wieder so ein aristokratisches Aschenputtel wie die Traud in „Irdische und himmlische Liebe“.

Ja, wieder so ein verpeilter Professor Chlodwig, wie dort, diesmal als aussichtsreicher Maler.

Und wieder so ein Dr. Berndt, als zynischer Kommentator und helfender Freund, der wiederum mehr Durchblick hat, als die Hauptfigur.

Heyse variiert die „Irdische und himmlische Liebe“ hier zum Roman. Er zeigt, dass ihm zum Ende hin bewusstwurde, dass das sein bester Plot war.

Der Zweitaufguss alter Ideen kann schief gehen. Ihm gelingt er! Jedenfalls bei mir trifft er ins Schwarze. Wie Yes mit „Yes-Album“ und „Fragile“, wie Pink Floyd mit „Dark Side…“ und „Wish you…“, wie Nazareth mit ihrem Debut und der „expect no mercy“.

Und das Sahnehäubchen an der ganzen Geschichte ist, dass dieser Schlusspunkt einer großen Laufbahn mit Spielhagens „Opfer“ von 1901 zu korrespondieren scheint, was ja auch in dessen Fall fast ein Schlusspunkt war.

Heyse, mit einer Kunstauffassung von gestern und Moralvorstellungen von morgen, Kind seiner Zeit, präsentiert die Themen jener Ära zeittypisch: Allweil realistisch, aber umhüllt mit Schmauchspuren vergehender Romantik, die sich „klassisch“ gibt und somit Gefahr läuft, nur als kitschig verlacht zu werden. Der notwendige Gegenpol zu Fontane und Mann.

In Zeiten, wo dir Historiensurrogate in Form von Fernsehfilm und -serie vorgaukeln, dass unsere Altvorderen einst unsere heutigen Zustände herbeigesehnt hätten, sind Heyse, Spielhagen & Co. notwendige Kronzeugen, dass dem nie so war.

Sicher ließe sich auch im Falle der „Venus“ das eine oder andere missglückte Detail aufrechnen. Es ist wiederum ein „Thüringen“, das eigentlich eher München und sein Umland ist. Für die Inspiration zum Titelgebenden Kunstwerk via Kletterpartie auf einsamer griechischer Insel hätte sich sicher was Besseres finden lassen, als ein angeblich reales Erweckungserlebnis. Aber geschenkt. Nach 10 Seiten kippligen Einstiegs, der kurz die Gefahr einer zweiten „Crone Stäudlin“ am Horizont erscheinen lässt, erzählt sich hier ein mitreißender Erzähler seine Lebenserfahrungen im „blöden Haufen“ vom Hals und schmeißt die Türe zu.

Ein kolossaler Abgang!

Ersatzreligion

Ohne Musik leben, geht – aber es wäre sinnlos.

Initialzünder waren zwar Slade und Sweet, aber als die uns peinlich wurden, blieben Nazareth übrig.greatest hits

Irgendwie folgerichtig, wenn man sich als Hohepriester einer Ersatzreligion Nazareth nennt.

Please me, squeezze me, Teenage rampage, Tiger feet, Come on everybody to the buuuuump! So Kram halt war es in der ersten Zeit, als der Rekorder neu und die Ahnung noch gering war.

Aber dazwischen waren immer auch Nummern, die länger bleiben durften, die man mit 15 aufnahm und für die man sich mit 16 immer noch nicht schämte: Marsha Hunt „Southern man“, „Pinball Wizzard“, Elton-John-Version, weil im Westen der Film gerade neu war und natürlich „Johnny B.Goode“, Hendrix Style!

McCafferty and the Boys wurden von mir via „My white bicycle“ entdeckt. Das war 1975. Danach gelang mir noch „This flight tonight“ zu erbeuten und erst DA-nach “Love Hurts“, als es zum dritten oder vierten Mal chartete und eine Musikladen-Performance erlebte. Bei der Gelegenheit sahen meine Klassenkameraden und ich die Band auch zum ersten Mal.

„Der Sänger könnte Ecke sein. Der kann‘s oooch nich. Und der Drummer is Bludgy, wächn dor Brille.“

„Love hurts“ war so eine Generationen verbindende Übernummer, die sogar die mochten, die mit Hardrock gar nicht konnten. Uriah Heep ging es mit „Lady in black“ ähnlich.

Natürlich war „love hurts“ schon viel früher durch den Äther gejagt worden, so dass ich es in Blödel-Englisch hätte mitsingen können, seit ich 12 war; aber 1. wusste ich da nicht, dass die Combo Nazareth heißt und 2. hatte ich anno’73 noch keinen Rekorder.

Die besagten drei Hits waren zunächst alles, was man von denen kennen musste, um beim Fachsimpeln mithalten zu können. „Oldies for Youngsters“ (HR3) brachte etwas später an den Tag, dass es da jene mystische Nummer „Morning Dew“ gab.

Herrlich daran war dieses Gitarren-Echo, was uns damals den Begriff der „Rückkopplung“ zu veranschaulichen schien. debutAber wir Blinden schwafelten von der Farbe – sozusagen. Keine Ahnung wie der Effekt wirklich heißt. Geil klingt das bis heute! Der Text hingegen auf den ersten Hör – armselig. Aber das „Rock&Roll Museum“ auf NDR 2 kam zu Hilfe mit einer Themensendung über Joe Meek. Der hatte es mit dem Jenseits und Outa Space. Die Mystik von „Johnny remember me“ übertrug sich einfach auf „Lord I heard a young girl cryin‘ Mama!“ Gespenstisch – gut! Nun siehst du die Moorlandschaft richtig vor dir, aus der die Rufe kommen! Irgendwo da draußen wartet deine Fee auf ihre Rettung!

Als die „Close enough to Rock and Roll“ erschien, gabs die kalte Dusche: Die wurde recht umfangreich im Rundfunk besprochen: „Eine weitere etablierte Band, die an sich selbst scheitert.“ (Zuvor war es Jethro Tulls „Too old to Rock&Roll“ ganz ähnlich ergangen. Bei beiden Verrissen war erwähnt worden, dass „die großen Bands progressiver Rockmusik in der Krise stecken“ würden, da auch „die letzten Veröffentlichungen von Who, Led Zeppelin und Genesis eher laue Geschichten“ seien.

Als Beweis wurde dann „Telegram“ gespielt. 7 quälende Minuten, die nicht zünden. Ein Generationswechsel in der Rockmusik sei dringend nötig. Rätselhafterweise feierten dieselben Moderatoren aber zeitgleich Little Feat und Herbie Mann als große Nummern. Nach Verjüngung sah das nicht aus.

Ein paar Tage später wurde in der ARD per „Info-Show“ der Punk gezündet. Da war er! Der Wechsel! Aber der NDR zickte und zierte sich, spielte ihn nur äußerst dosiert.

Nazareth verschwanden aus meiner Wahrnehmung. Punk-Years. Fahne-Zäsur. Ende der Kindheit.

Rückkehr von dort. Mit Veteranengefühlen, als käme man von Verdun zurück. Heiße Studentenjahre standen bevor, aber am Ende drohte lebenslang ein Beruf, von dem ich nicht wusste, ob es der richtige sein würde. Slade röhrten den Ratschlag „I believe in Women my-oh-my“ – mitten in die NDW!

„Hier kommt die Antwort auf deine Gegenfrage! Wo liegt der Sinn denn von dieser Textbeilage? Der liegt im Dunkeln! Das ist der Reiz, den ja wohl jeder kennt!“ (Joachim Witt)

Nazareths McCafferty krächzte die Empfehlung „Dream on“ dazu und aller Rest war Interzones „Blues“: „Dein kleines bisschen Leben! Wird grade abgepackt!“ Ich hielt mich dran und genoss den Rausch.

„Kleine Taschenlampe brenn! Schreib ich lieb dich in den Himmel…“

Im Intershop hing die „Sound elexir“. Vermutlich im Westen ein Flop, deshalb nun die Restexemplare im ganz nahen doppelpackOsten verhökern! Das Cover zeigt vier Whiskyflaschen in so Reklame-wirksamen, goldgelbem Licht. Und wenn du die Platte kennst, dann weißt du, dass die Erstellung des Cover-Shots sicher das teuerste daran war. Irgendeinen Musikinstinkt muss es geben. Während ich um Waggershausens „Tabu“ herumschlich wie der Fuchs um den Hühnerstall, hob mich das Whiskysoundelexir gar nicht erst an. Als ich die LP schließlich von einer Bekannten geborgt bekam, zeigte sich, dass das richtig war: Rums-Rums-Rums…wie beinahe alle alten 70er Heroen in den 80ern: Max Werner-/Phil Collins-Syndrom. Ich brach die Aufnahme ab, hörte mir die B-Seite gar nicht erst an und gab die Platte zurück.

ballads2ballads1So geschahs, dass 1990 ebenfalls erst alles Mögliche andere wichtiger war, als sich um Nazareth zu kümmern. Im Gründerfieber hatten sich in der schönsten Stadt der Welt gleich mehrere Videotheken etabliert und eine in der Wenzelsstraße verlieh auch CDs. So wanderten „The Ballad Album“ und „The Ballad Album Vol.II“ auf Kassetten für den Drivin’ Sound im ersten West-Mobil.

Das war überhaupt so ein Moment für die Ewigkeit. Sommerabend ‘93. Du fährst hinters Buchholz, parkst mit Heimat-Panoramablick, machst die Scheiben runter und „Old days“(Chicago); „Dream on (Aerosmith), „far far away“(Slade),“Moscow“(Wonderland) „Dream on“(Nazareth)…holen dir die 70er zurück! Hier ungefähr stand’ste damals mit’m Mokick und hast -ganz ohne Musik- das LIFT-Konzert von Schkölen sacken lassen!

Da die Nazareth-Balladen reichlich zum Einsatz kamen, kaufte ich mir nun doch die „Greatest Hits“, was sich als suboptimal erwies. Da sind zwischen den Nuggets so einige Graupen drauf, die ich nu auch wieder nicht gebraucht hätte. „Razzamanazz“ und „Shanghaid in Shanghai“ – und so Rumpelzeug halt. Positive Überraschungen gibt’s aber auch, z.B. das Slide-Feuerwerk auf „Early in the Morning“ und der rauschhafte Rausschmeißer „where are you now“. Hach, mehr davon!

(Ausgerechnet letzterer stammt von der „Sound Elexir“! Da kannste mal sehen: Auch Mistplatten sollte man wenigstens einmal zuende hören! Weiter hinten kann doch noch was kommen!)

Da ausgerechnet der „Morning Dew“ auf der „Greatest Hits“ fehlte, war klar, welches der nächste Schritt sein würde: Her mit dem Debut!

Ungehört per Mailorder bestellt, bekommen, aufgelegt:

Mir fällt grad keine Platte ein, von der ich verblüffter war! Diese Vielfalt in der Güte haute mich um!

Das klang wie Black Sabbath+ Rod Stewart x Neil Young : Chicago – Bläsersatz; oder so ähnlich.

Nun hatte ich also Blut geleckt. Im WOM entdeckte ich die „Rampant“. Das geschichtsträchtige Cover lockte heftig. Ich hörte dort am Tresen rein und riss mir schon bald die Hörer vom Kopf: Bootleg oder was? Einen beschisseneren Sound konnte man sich für eine offizielle Platte gar nicht denken! Dumpf, übersteuert kratzende S-Laute – unvermittelbarer Schrott! Hat die in den 70ern auch so geklungen? Zweiter Versuch mit der „Expect no mercy“, genau die gleiche Scheußlichkeit. Ende.

Für Jahre. Dann irgendwann in einer Wühltonne eines Plattenladens – gebrauchte CDs zum kleinen Preis. Ich fische die snakes„Snakes and Ladders“ heraus: „Helpless“ ist da drauf! Und Janis‘ „Piece of my heart“. Denk an „Love hurts“ und „Ruby Tuesday“! – Covern können die aus dem Handgelenk! Gekauft, gehört, gemocht. Feines Teil! Wiederholt geplündert für diverse Autobahnsoundtracks.

2008 trat ich dem Rockzirkus Bochum bei und ein Mitforist dort machte einen Nazareth-Thread auf. Ergebnis: Ich musste mir die vielgepriesene Live-Aktion von Vancouver kaufen – das Snaz-Album! Dringend! Herrlich, wenn man Track 1 geflissentlich wegskippt. („Telegram“ – siehe oben.) Der Rest ist fein. Besonders der „Java-Blues“: Kaffee-Kaffee-Kaffee-Java-Blues! Und J.J.Cales „Cocaine“. Ja, covern können die mit links! „Morning Dew“ kriegen sie live nicht richtig hin. Wermutstropfen. Dafür gibt es als Entschädigung „Morgentau“ als Bonustrack. Kurios und unfreiwillig komisch.

Den Amazon-Rezis war zu dieser Zeit zu entnehmen, dass sich in Sachen Wiederveröffentlichung der Altwerke etwas getan hat und jetzt auch „Rampant“ und „No Mercy“ in astreiner Qualität zu haben seien. Ich war nun zwar nicht mehr der jüngste und in Sachen musikalischer Futtersuche auch relativ satt, aber die „Expect no mercy“ Wiederveröffentlichung der Nullerjahre lockte mit dem Clou, dass man da zwei ehemalige Platten bekam; nämlich die offizielle aus den 70ern und das eigentliche LP-Konzept, das in letzter Sekunde damals verworfen wurde: 4 Songs no mercyUnterschied und völlig andere Songreihenfolge. Für Musicjunkies wie mich ist das ne Leimspur. Da kann ich nicht anders! Das muss ich hören! Warum wurde das für nötig gehalten? Welche Version würde mir besser gefallen? Her damit!

Klasse!

Welche ist die bessere? Weiß ich bis heute nicht. Bei jedem Hördurchlauf die jeweils andere. Das Booklet verrät, dass der Grund für die Auswechslungen der Song „Moonlight eyes“ gewesen sein soll. Die Band wollte weg vom Image der Love-hurts-Schnulzen-Combo. „Moonlight eyes“ wäre ein sicherer Hit im selben Schema gewesen. Auf der „Ballads“ war er ja dann doch drauf.

Was mir vor allem an der „Expect no mercy“ gefällt, ist zweierlei: Zum einen hör ich beim Title-Track irgendwie immer Aram Chatchaturijan heraus. Die müssen kurz zuvor den Säbeltanz gehört- und dann vermutlich im Vollrausch losgejammt haben.

Und dann ist da noch das witzig vergurkte Coverbild: Nazareth sind Schotten und die haben bekanntlich ein Alkoholproblem wie die Russen, siehe auch „Sound elexir“-Cover. Und wenn du in dem Zustand als Grafikdesigner ans Werk gehst, dann kommt sowas raus, wie der behelmte Hüne da, mit den Armen hinter den Helmhörnern! Wenn der nämlich den Schlag ausführt, zu dem er bereits ausgeholt hat, dann haut er sich den eigenen Helm direkt aufs Nasenbein! Shit happens. Vermutlich hatte er die Ausgangsposition besoffen und unbehelmt schon eingenommen, dann aber unentschlossen herumtaumelnd verharrt, bis ihm ein mitfühlender Kostümbildner den Deckel aufs Haupt gedrückt hat: „Mütze auf, Junge! Wird kalt!“

„Aaaalllll the kings horses“ können da auch nichts mehr retten.

Prost! Mit Kaffee. Wegen Java-Blues!