Bilanz 2021

So Jemeinde. Wieda eehn Jah‘ rum. Macht eusch n Gläsken ßureschd, der Rückblick lässt a’bleichn.

„Wenn die Mächtigen nicht Vernunft annehmen, hat die Vanunft keene Macht.“ (Jurij Brezan; sorbischer DDR-Autor)

Ha’ick vom Steimle den Spruch. Wees nich, wann olle Brezan det von sich jab. Aba et passt volle Kanne of det Jah‘ hier inne letztn Zuckung. Wat bleibt häng?

Ick musste reeneweg erst guhgeln, watt wa, weil det Covid-Dauafeua ja allet platt macht im Schäddl.

Impfpflicht – der Horror! Komischaweise och für allahand Ossis nune. Da kannste ma sehn wie weit det Niveau schon runta is. Inne DDR wärnse alle anjetretn, bei‘n Betriebsarzt und inne Schulä: chroße Pause, gommste nua offm Hof, wennde ehn Obaarm frei machst – peng. Impfausweis her! Stempl. Peng. Drei Wochen. Denne wär det Ding durch. Mit Sputnik. Nu heuln se alle: Impfzwang Diktatur!

Nee Wahlbeschiss! Kiek dir det Deppmkonglomerat an, wat sich da bietet als Entscheida für de nächste ßeit! Keen Hoffnungsträja nürjends! Saarland ohne jrüne Liste, weil DIE det Jemauschle nu och noch off de Spitze jetriem ham. Naja Saarland. Honecker, Maaß, Karrenbauer, Cindy und Bert – also irgendwatt is da inne Gene!

„Et muss Nacht sein! Et muss Nacht sein! Denn det kommta allet Spanisch so vor!“

Und wie die Kanzlakandidatn erzeucht wurdn! Bildabuch! Saachick! Bil.da.buch! Voll det Tackatuckalandverfah’n! Olle Laschet als kommenda Adenaua! Hat süchaheitshalba nua den Voastand jefracht, obba soll. Lachsta doot. Det ehnzische Männeken, dem nichema ne Flut wat nützt! Janze Ortsvabände schämtn süsch, sein Konterfei anne Laterne ßuhäng, wejen Wahlkampf. Kommt of Betroffenheitstournee anne Wuppa und lachd sich eehn.

Und da Bundespräsi Minuten späta ooch!

Da weeste watt looft!

Selbstendlarvend!

Keehn Rücktritt, keen nüschd. Weita, weita! Da jroße Voasitzende hat halt Humoa bewiesn, hieß et.

Da Patei wa et ejal: Oach, wie ham eh keen Bessaren!

Siehste ja jetze: Aneuarunk mit voll die alten Tools! Kandidaten da Freude und da Hoffnunk! Det wüad da Ejon Krenz Törn der ßeDeUh, saach ick dia. Hintahea hat damals olle Gysi die Resterampe vawaltet. So kommt det jetze och. Wüaste sehn. Stramm in Rüchtung Einstellischkeit. Kuban, biste bereit? Kannst schon ma Hungastreik trainier’n, wenn’se euch an‘s Pateivamöjen woll’n.

Obwohl, wenn die Traumtänza von de Lastenfahrradconnection jenuch Fehla machen, denne passiat mit Merzi-Herzi det selbe wie mit Olafm jetze: miese Presse, totjesacht, einijet offm Kerbholz, aba plötzli -2025- Siega im Fotofinish!

Ja det wahn Akt! Die Kanzlarin da Herzn wa anjekündigt! Annalena die Chroße. Boing Rückschlach. Latürnich füas erste Nazi-Kampannje. Klaro. Wie ümma. Und fraunfeindlüsch! Erst füllefülle Taache späta Einsicht, det det kee Scheniestreich wa mittet Buch. Wo doch olle Habeck so dschentlmenmäßi‘ den Maso-Macker jejehm hat! „Die kann det!“, sachda – und duckt süsch weg.

Ick frach mia schon die janzen letztn Jahre, wo bei die Jrün die janzn Hobby-Freuds abjebliehm sinn: Kiek doch ma of die Körpasprache von olle Habeck und of die weichseiande Sprechmanier – wie kann sowatt Hoffnungsträja wern? Der will doch ja’nüsch! Jejen den wa doch olle Scharping hyperaktiv!

Apropos SPD-Kader: Heiko! Neuli habbich jeträumt, det Heiko Maaß mit ehm T-Shirt rumlooft. Vorne droff süsch selba als Konterfei und drüber fett: …ich nicht! Und denne jehta an mia vobei, ick kiek ihm hintahea und er hat offm Rücken den Kopp vom Scholl-Latour und drüber: Er hats gewusst…

Tja nu issa im jehen! Würd det bessa mit Fräulein Schlau-schlau? Lernt die jetze schon alte Joschka-Redn auswendi‘?

Also meaxte selba: Polütüsch simmer down. De Juchnd wählt soja schon FDP!

Wat hatma noch:

Fußball EM 2020 nachjeholt. Du, die wa schnella vajessn, als se jedauat hat! Wa och mea Rejenbogenpalava als Jekicke.

Manuel Neuer, det Flagschiff der LBSdingBums-Bewejung! Der Mann mit der Binde! Halbet Jah vorher noch beim Absing des falschn Liedjuts in Kroatien ertappt, aba nu plötzli Rosa von Praunheims Adoptivsohn, oda so.

Deutsche Bürjameista aziehn den ungarischen Präsidenten! Alle Stadien in Faschingsbestrahlung! Wah det peinli‘! Am deutschen Wesen soll die Welt jenesen, wa? Die Ungarn ham’89 den Zaun offjemacht. Und anno’15 ehn neuen jebaut, sonst hättma heuer schon die Bathpartei mit offm ßettel jehabt! Da simmer doch ma lieba janz leise!

Wea jetze Europameista is, müsstick guhgeln. Is mia Banane. Die fress ick och nüsch.

Hinta die Ballgladiatoren wa glei noch Olympia. In Japan. Ooch die vaschobene von 2020. Det selbe Elend. Det Einzüsche, watt in A’inarunk bleibt, is die Heulsuse of dem Ferd und die keifende Trainerin am Rande. Do! Tiawohl und so! Und Frauen machen allet bessa als wie Kerle?! Da kiek ma hin, wat abjeht, wenn die Ponyhofweltbilda platzn! Wär ick n Landlord, hätt ick dat Ferd jekooft, damittet nich in de Hundefuttabüchse offwacht. Aba jab tatsächli ne Rettarin, so’ne Hollywood-Tante, die hats jekooft! Det wa schone det besta am Jah‘! Do!

Watt wa noch? Ach so. Ein’n habbich noch:

Kmmmh! In Balin hat nüschema mehr die Wahl jeklappt! Völlije Erjebnissvazerrung! Aba keene Anfechtung! Weita, weita!

Stell dia ma vor, olle Putin hätte UN Wahlbeobachta anjeheuat! Det Jeweese! DIE Presse!

Prost und auf ein Neuet. ßwei-zwozwo is coming!

Allet weita wie bisher plus Inflation.

Die Freudn nehm eben keen Ende.

Lechtenbrink

Es gibt zweierlei Promi-Tote.

Die einen sterben – und man nimmt es zur Kenntnis, weil vielleicht länger schon nichts von ihnen zu hören war; weil sie halt das Alter hatten, weil sie eh nie so richtig die eigenen Kreise tangierten –

Und es gibt Promi-Tote, deren Sterbemeldung „Ballett im Kopf“ auslöst; weil sie wichtig waren, zu Zeiten, die einem selber wichtig waren, oder sogar noch sind.

Einer der letzteren ging gestern – Volker Lechtenbrink.

Mir gelang kein Nachruf. Zuviele alte Geschichten kamen hoch.

  1. Der Macher

Wie ich in anderen Beiträgen bereits durchblicken ließ: Wir Zaungäste von jenseits der Mauer waren in den 70ern von unseren Cousins und Cousinen „da drühm“, schwer enttäuscht, weil sich im Krautrock keine Konterbande finden ließ.

Die hatten da das bissel Lindenberg und das schien es schon gewesen zu sein.

Der Rest schien fröhlich vor sich hinzukiffen und die „Strukturen zu zerstören“ – in der Musik. Einem Spielplatz, der von der Politik gern überlassen wurde. Ommmmmmmh!

Ton Steine Scherben wurden medial bis in die ganz späten 70er totgeschwiegen, und so blieb uns nur Nachzuerzählen, was unsere Vorgänger(mehrheitlich des Englischen unkundig, weil „Kapitalistensprache“) von Wonderlands „Moscow“ herumphantasierten. Wir Spätgeborenen, inzwischen dank vermehrter Englischunterrichtszulassung deutlich versierter als die wirklichen Ost-68er, wiederholten das verschwörerisch grinsend; obwohl nichts davon zutraf, wie wir ja selbst hören konnten. Aber: Wir wollten den Kult pflegen!

„Außer Wonderland und Can ham die doch nüschd zustandejekrichd da drühm!“

Wann hätte man je dergleichen Sätze in einem Nachwendefilm zu hören bekommen?

Von Can kannten wir den „Spoon“ aus dem Radio und „Hunters and Collectors“ aus „Euro-Gang“(Titelmelodie); das war’s. Als dann endlich das „Tago-Mago“-Album im Bekanntenkreis kreiste, wollte niemand es kaufen – und ich nicht mal aufnehmen. Bandverschwendung!

Da liefen also diese Deutschrocksendungen auf HR3 und seltenerweise mal eine Ausnahmesendung auf NDR2, und da gelangten so Funde von Kraftwerk, Karthago, Jane Atlantis für kurze Zeit auf das eine oder andere Band, weils irgendwie rockig klang, aber textlich lohnte sich das Hinhören nicht. Ein Ausreißer war „Illegal“ von Grobschnitt, aber das waren ja schon nicht mehr die 70er. Und gleich nach „Illegal“ fegte die NDW durch den Äther: Problem geklärt! Plötzlich Rock mit Aussage! Neubauten, Interzone, Fehlfarben…

Und wieso hat das was mit Lechtenbrink zu tun?

1976 erschien die LP „Der Macher“ und der NDR stand Kopf! Da schien endlich mal einer abseits von Schlagermüll und Liedermacherlyrik, diese Leerstelle neben Lindenberg auffüllen zu wollen. Deutsche Texte mit Anspruch auf Country bzw. irgendwo zwischen Pop und kalifornischem Softrock.

Der NDR spielte wohlweißlich den Titelsong zunächst nicht; denn der hat so ein missglücktes Arrangement mit viel Gebläse. Wie das Kristofferson-Original „The Maker“ auch. Nur jenseits des großen Teiches klingt sowas dann nach Mexico, also Urlaubsland und großer Freiheit. In Deutschland eben doch wieder nur nach Erntefestmugge – wenn nicht gar nach Marschmusik.

Der NDR spielte „Volker und das Kind“ und „Hilf mir durch die Nacht“ und hatte mich am Haken. Denn ersteres gefiel mir auf Anhieb und letzteres kannte ich von Telly Savalas.

Irgendwann tauchte dann auch „Leben so wie ich es mag“ auf. Klingt im ersten Moment nach Aus- oder Aufbrechen; ist kompositorisch erkennbar „Tulsa Time“, aber im Arrangement leider eben doch ein Rohrkrepierer wie Maffays etwa zeitgleiches „Samstag abend in unsrer Straße“ – ächz. Kastrierter Rock. Ungefähr wie Thomas Natschinski‘s Team 4 „aus der Zone“. Rummel-Mugge. Nix für’s Band!

Lechtenbrink verriet seinerzeit im Interview, dass seine Songs eigentlich Kris Kristofferson- bzw. Waylon-Jennings-Songs seien, deren textliche Güte ihm aufgefallen war.

Er blieb aber irgendwie auf halbem Wege stecken. Seine einmalige Stimme hätte super zu erdigerer Instrumentierung gepasst oder auch zu Las Vegas Bombast – aber er hatte sich eben leider auf diesen DieTieÄitsch-Gedächtnis-Sound mit Grummel-Voice festnageln lassen. Den „Steppenwolf“-Schritt vom Maffay wagte er nicht. Immerhin sorgte „Dort drüben die Dame“ von der Folge-LP „Der Macher 2“ nochmal für Neugier.

Lechtenbrink blieb im Radio präsent, aber es wurde immer schlagericher oder Sesamstraßig: „Oma auf der Wolke“ … „Ich mag“ usw. Musikalisch schien das Thema Lechtenbrink also nach einem Anfangsaufhorcher schnell vorbei zu sein.

  1. Die Brücke und Prora

Fernsehtechnisch jedoch ergaben sich im spät70er-West-TV zwei Knaller:

Eines schönen Tages ca 1978 schaltete ich das gemeinsame Vormittagsprogramm von ARD und ZDF ein und erwische, die filmische Umsetzung der Erzählungen meines Vaters über das Ende seiner ersten Schulzeit wegen Kriegsende und Volkssturm: „Die Brücke“!

Rumms! Was für ein Ereignis! Kriegsfilme kannten ca. 18jährige Ossis zuhauf, auch aus deutscher Perspektive gedrehte, wie „Werner Holt“ und/oder „Mama ich lebe!“, aber DAS DA -?-?-!! Wow! Soooo echt! Und ohne Zeigefingerei erschütternd! So nachvollziehbar!

Sieben HJ-tler werden in den allerletzten Kriegstagen einberufen und sollen an die Front. Günter Pfitzmann in Paraderolle, als altes Frontschwein, will die Knirpse nicht verheizen und setzt sie an ihrer Heimatbrücke ab, die sie „bewachen“ sollen. Er glaubt, somit seien sie außer Gefahr. Es kommt anders. Die Erziehung der Jungs rächt sich bitter…

Und einer der Sieben ist der 15jährige Volker Lechtenbrink. Da war er wieder.

Kaum von diesem Eindruck erholt, sendete die ARD „Bratkartoffeln inclusive“, ein englisches Bühnenstück für’s Fernsehen adaptiert. Hier geht es um die britische Armee und Lechtenbrink spielt einen Rekruten der „immer lächelt“.

„Lachen Sie mich aus?! Was gibt’s zu grinsen!“

„Nichts Sir! Das ist angeborn! Sir!“

„Ich zeig Ihnen mal, was angeboren ist! Vortreten!“

Schikane, Schikane. Geburtsfehler sind in den Dienstvorschriften nicht vorgesehen. Lechtenbrink grinst und grinst und muss grinsend heulen und zeigt grinsend zunehmende Panik und Verzweiflung – bis zum Tod. (Wenn ich es nicht falsch in Erinnerung habe.) Dampf, Druck, Reviere beim Barras. In aller Herren Länder! Und mir drohte die Einberufung. Mit all meinem sportlichen Unvermögen! Ich wusste: Das wird bei mir auch so. Im Unterbewusstsein wuchs die Angst bereits. Ich gestand sie mir nicht ein. Aber Desillusionieren konnte mich die NVA nicht. Dass es Scheiße wird, wusste ich vorher. Nur wurde es anders Scheiße – als erwartet.

Lechtenbrink in zwei sehr guten Anti-Kriegs-Filmen – quasi mein Aufklärer, neben Remarque, Plevier, Dix, Noll, Grümmer…

Komisch, dass in den Nachrufen seit gestern, an die „Bratkartoffeln“ nicht erinnert wurde. Oder?

So eine Darstellung einer „demokratischen Armee“? Ts-Ts-Ts…

Würde heute auch nicht mehr gehen. Und auch noch um 20.15 Uhr!

  1. Der Kuppler

Zurück von der Fahne und ein paar D-Mark in der Tasche, die gut eingeteilt werden wollten, inspizierte ich in den frühen 80ern oft Intershops: Da hing diese Lechtenbrink-Best-of -LP „Herz und Schnauze“ mit dem Bobtail Cover. Verführerisch. Ikonografisch irgendwie! Solche Hunde gab’s nur im Westen! Und die See da, das musste die Nordsee sein. Sylt vielleicht. Ostsee hatten wir selber. Die schied aus.

Gesehen hab ich die Hülle oft, gekauft hab ich die Platte nicht. Wegen – siehe oben. Musikalisch traute ich ihm nicht.

Die LP „Wer spielt mit mir“ kaufte ich dann aber doch. Der Liebe wegen. Da war halt eine Ann Wilson aufgetaucht. Im Studentenwohnheim hinter der Mauer. Und die Funken sprühten. Themen hatten wir zuhauf. Peinliche Schweigephasen lernten wir erst in der Ehe kennen. Nur mit dem Musikgeschmack jener Ost-Ann haperte es. Viel Schlager, wenig Rock. Ich brauchte ein erstes Weihnachtsgeschenk. Ich wollte punkten. Über Lechtenbrink hatten wir gesprochen. Wir mochten ihn beide aus unterschiedlichen Gründen. Er schien ein guter Kompromiss, zumal auf der Platte „bei dir müsst ich aus Eis sein“ drauf war. Lou Reeds „Walk on the wild side“, diesmal textlich extrem weit weg vom Textoriginal. Der Coup gelang. Wurde Zeitchen später noch mit Gittes „Ich bin stark“ untermauert. Was tut man nicht alles – im Ausnahmezustand. Live goes on! Manches gelang. Und manches nicht. „Leben = Malen ohne Radiergummi“, like Lennon said.

Dann fiel die Mauer. Wir traten unbekannten Verhältnissen bei, aber auch bunten Schaufenstern. Da war sooooviel aufzuholen! Kein Gedanke an „den Macher“!

Plötzlich wollten DIE den Sandmann abschaffen. „Zu staatsnah! Ist am Tag der Volksarmee mit dem Brückenlegepanzer gekommen – der muss weg!“, meinten die Sieger und ihre TV-Askaris, die um ihren Job bangten. Jedoch DA hatte das Ossivolk zum ersten Mal nach der unmittelbaren Wende so richtig die Schnauze voll: Unterschriften-Aktion in allen Kleinstadtläden! Von 17 Mio Ossis unterschrieben 20 – DAS musste ernstgenommen werden! Der Sandmann blieb, bekam aber West-Abendgrüße; unter anderem den „Tier-Babysitter“; anheimelnde Tiergeschichtchen, gesprochen von dieser Grummelstimme, die früher mal gesungen hatte: „Erst da hinten die Dame, dann du!“

Also war er wiederum da, in meinem Alltag und dem meines 3jährigen Sohnes und half uns gewissermaßen „durch die Nacht“ einer seltsamen Kahlschlagspolitik West.

Paar Tage später erlebte Deutschland in Somalia sowas wie eine erste Feuertaufe nach 1945. Noch im Bereich „rückwärtiger Dienste“ und soweit ich weiß ohne eigene Tote.  Plötzlich hatte ich „Feldpost“ im Briefkasten. Ein junger, sympathischer Bekannter hatte sich im Wendewirrwarr für „Nummer sicher“ entschieden, um der typisch ostdeutschen Arbeitslosigkeit zu entgehen und den „Bund“ gewählt. Nun war er „da unten“ im Feldlager an der Grenze zu Kenia – und „Bratkartoffeln inclusive“.

Nach der ersten Feldpost kaufte ich Lechtenbrink „Die großen Erfolge“. Ein durchwachsenes Sammelsurium. Denn:

Hörst du Jennings oder Kristofferson – siehst du den knarzigen einsamen Wolf vollbärtig hinterm Lenkrad, wie er seinen Pickup zwischen die Kakteen setzt und auf die nackte Hippie-Fee wartet, deren Chopper er schon hört (siehe Vanishing Point/Grenzpunkt Null).

Hörst du Lechtenbrink – sitzt du statt dessen wieder auf einer Silberhochzeit in der Kleingartensparte „Saaleblick“ zwischen deiner mehr oder weniger übergewichtigen Verwandtschaft, wayback in den 70s; und Oma Elfriede schiebt Onkel Erwin (Goldkettchen am Handgelenk, Westbesuch) übern Tanzboden; als Dankeschön für Tosca, Toblerone und die Heino-Kassetten; während draußen der Knudsen-Taunus zwischen Trabbis und Wartburgs parkt.

Seinen Historien-Touch hat auch das inzwischen.

Ein Wegbegleiter ist er nun mal – das lässt sich nicht leugnen – so oder so.

„Erst drüben die Dame“ hat es auf manchen meiner Sampler geschafft.

Und auch „Volker und das Kind“ find ich immer noch schön.

77 ist er geworden, las ich gestern.

Schlaf gut da oben, Alter!

Every Jingelingeling every ohuo-o will shine!

Es ist früh am Morgen. In the heart of the sunrise, sozusagen. Vor dem Fenster rauscht der Berufsverkehr. Auf dem Parkplatz gegenüber warten Pendler auf die Abholung ihrer Fahrgemeinschaft.

Bin gerade dabei, meine neue Mitte zu finden und stehe wieder regelmäßig zeitig auf.

Die Jalousien sind hoch. Das Licht muss noch eine Weile anbleiben.

Aber ich muss nich’mehr los!

Wohltuend!

Worüber schreiben wir heute?

ABC-Bands.

?????

ABC-Waffen kennt jeder ältere Zausel aus dem Stand: Atomare, Biologische (Corona-Viren)Bomben, Chemikalische Giftgaserei.

Nun ja, unsere zu Dauernaivität verdammten Youngsters hätten googeln müssen.

Aber ABC-Bands?

Klar! Gibt’s auch. Waren vor einiger Zeit mal in einem ganz hübschen TV-Feature Thema.

(Weiß nich‘ mehr, welcher Sender. Denn wenn ich arte schreibe, liest keine Sau mehr weiter. So is‘ das mit dem angeblichen Bildungshunger der Masse. Brat mir einen Storch!)

Also zur Auflösung:

A wie Abba, B wie Bee Gees, C wie Carpenters.

ABC-Waffen sollten seinerzeit durch die SALT-Abrüstungsgespräche gebannt werden, da gefährlich und unnütz – und mit jenen 3 Bands verhält es sich für die Musikgeschmacks-Kardinäle des Progizismus ähnlich.

Hm.

Inwieweit bin ich da nu mit von der Partie?

Nun war ich schon Glam-Aficionado, Artrocker (neudeutsch: Proggie) Wannabee-Punk, Indie-Papst und Fusion-Goutierer. Von allem ein bisschen. Aber alles intensiv zu seiner Zeit.

Wie also halte ich es mit den ABC-Bands? Was davon kann wirklich weg?

Der klarste Fall:

Abba. Hype derzeit um dieses neue Ding aus dem Jenseits gewissermaßen. Ich glaube sicher zu sein, immun bleiben zu können. Abba ging nie! Satan weiche von mir!

Ähem. Ganz ehrlich? Mit vierzehneinhalb hatte ich „Solong“, „Honey Honey“ und „Rock me“ auf Kassette. Weil sie voll werden sollte und das Zeug eben gerade im Radio lief – (Ich war jung und brauchte eben SOUND!) – und weil Abba noch keine Plärr-Seuche war. „Solong“ hat sogar was Rauschhaftes bis heute behalten. Der Recorder war neu, ein Musikarchiv noch nicht vorhanden: Was willste machen?

Aber „Dancing Queen“, „Quicitita“ und „Fernando“ – da schüttelt sich der Gast mit Grausen. Die waren es vor allem, die mich das Weite suchen ließen. Dieses emotionslose Geplärr, unterlegt mit so Pseudo-Mugge für Tanzmausreflexe – und dann noch jeder dieser Tracks gefühlt stündlich im eigentlich noch gar nicht erfundenen „Format“-Radio. Es war schlicht nicht zum Aushalten! Abba sind die Vorstufe von LUV – und von denen gab es auch viel zu viel klanglichen Abraum im Äther. „Heh hello, ich bin der geilste Macker! He hello ich bin ein Sexy-Ding!“ (Karl Dall Version) Gepaart wurde sowas ja zumeist mit Smokie-Unfug und „WayyyyEmmSieÄj“ – dem Veitstanz des Rundfunks.

Die Bee Gees sind da schon eine ganz andere Hausnummer. Ich war auf Anhieb empört über jene TV-Reihung der ABC Bands! BoneyM hätte sich doch hier viel eher aufgedrängt. Oder das ganze Bohlen-Imperium! Aber Bee Gees?

Die haben „Odessa“ gemacht! Und „Maincourse“! Und „Here at last“! Bis 1977 waren die „bei den Guten“! „Saturday Night Fever“ wurde zwar als Disco-Film verachtet, aber die 3 Bee Gees Songs aus dem Soundtrack, die hatte doch jeder irgendwo irgendwann auf Band.

Erst ab „Trädschediiiiii!“ gingen sie mir auf die Nerven. Die Sendeanstalten hetzten sie – ab „Night fever“- zu Tode. Und ab Tradgedy klangen sie tatsächlich wie es Heinz Rudolf Kunze in den 90ern mal beschrieb:

„Die Bee Gees klingen in meinen Ohren wie Zicklein, die in der Mikrowelle ums Überleben kämpfen.“

Da hatte er noch Biss! Und es hat gestimmt! Für dieses letzte Drittel ihrer Sangeskarriere.

Aber wer hätte denn je was gegen „Massachusetts“ gehabt?! Oder gegen „Lamplights“?! Sogar die heilige Janis hat einst Bee Gees gecovert!

Bleiben die Carpenters. Viel gesendet und fast immer gescholten. Zu seicht. Zu harmlos. Ist das noch ne Band im eigentlichen Sinne oder sind das Cindy&Bert auf amerikanisch? Anfang’75 war ihre Fassung von „Please Mr. Postman“ neu und so 3 oder 4 Tage auf meiner Kassette Nr.2.

Gemeinsam mit „Only you can“ von Fox und „Convoy“ von C.W.McCall. Für den Postman wurde ich vom Nachbarsjungen ausgelacht, der ebenfalls seinen Recorder gerade zur Jugendweihe bekommen hatte. Der nahm zwar sogar noch von Mittelwelle auf, der Anfänger! Aber sein Spott machte mir doch was aus. Der Postman wurde überspielt, mit irgendwas von Slade oder Rubettes oder so. So war’n se, die Anfänge.

Jedoch so 1978 herum, mitten in meiner Phase punkigen Aufbegehren Wollens: „Calling Occupents of interplanetary craft“. Meine Fresse, war das toll! Ich hatte ja nebenher immer den Musikarchäologen in mir und mag bis heute 50er Sound sehr – und da mittendrin gab es so erste musikalische Comedy von Buchanan&Goodman, die 1958/59 ebenfalls kleine Marsmännchen landen ließen und dafür so ziemlich die gesamte frühe Rock&Roll-Prominenz in kurzen Schnipseln verhackstückten. Und nu kommen die Carpenters mit dieser herrlich ge-fake-ten Radioshow als Intro! Das MUSSTE auf band. Und nach’89 auch ins Archiv! Also kaufte ich „The Carpenters Greatest Hits“. Und da hatte ich sie nun alle – den „Postman“ und „Jambalaya“, „Ticket to ride“ und „Yesterday once more“.

Sie läuft alle Jahre wieder ein paar mal.

Kim Gordon von Sonic Youth verehrt Karen Carpenter für ihre musikalische Perfektion.

Karen ist tot. Aber wir nicht, die ihre CDs noch hören: We’ve only just begun.

45 Jahre Magic Man – the HEART-Ranking

Heart. Eine meiner Favoriten-Bands. Deshalb zum Beispiel.

Ann und Nancy Wilson.

Ein feines Detail der Band-Saga geht so:

Die Highschool-Band aus Seattle spielte ganz gut, blieb auch danach noch zusammen und sollte eines Tages fürs Radio Aufnahmen produzieren und fragte sich, wie man sich bei sowas nicht blamiert. Einer aus der Band erklärte, er hätte da einen Bruder in Vancouver (Kanada), der nicht in die Staaten zurückkehren könne, da er Army-Deserteur sei, wegen Vietnam – aber der wäre Multi-Instrumentalist und überhaupt Klasse. Also fuhr die Band nach Vancouver und bei Ann schlug der Blitz ein: Liebe auf den ersten Blick. Wie man so sagt. Die Offizierstochter und der Deserteur. Filmreif. Somit wurde die Seattle-Band kanadisch, denn sie blieb kurzentschlossen dort.Zeitchen verging. Die Band spielte 1975 super Zeug ein, aus dem die Debut-LP „Dreamboat Annie“ wurde.

„Magic Man“ stürmte die kanadischen Charts und sickerte anfang’76 über die Grenze nach Süden in den Bill Board, knapp unter der 10er Marke; erfolgreich, aber noch kein Nr.1 Hit.

Denen widmete bei Juuuuduuub noch keiner ein Ranking.

Also mach ich das mal. Soweit ich ihre Platten kenne. Und ganz nach MEINEM Geschmack.

Los geht’s untypischerweise mit

Platz 1: Nun doch wieder „Dog and Butterfly“ 1978. Die war meine erste von ihnen!heart 78

Gekauft in Buttstädt auf dem Pferdemarkt. 1983 oder ‘84. Für 120 Ostmark. Ich kannte nur „cooking with fire“ aus dem Radio, aber ich wurde belohnt: Das Album hat keine Graupen!

Es beginnt – unabnutzbar – mit ebenjenem „cooking with fire“(live), ist aber trotzdem kein Live-Album. Ab Track 2 gibt es lauter feine Studiodiamanten – und man steigert sich hier bis zum finalen „Mistral Wind“ in immer neue Höhen. Letzteres kann man durchaus als „ihr Stairway to heaven“ ansehen, obwohl es textlich, kompositorisch in keiner Hinsicht irgendwelche Ähnlichkeiten hat, bis auf diese monströse herrliche Steigerung zum Ende hin.

Der Titelsong ist so eine ruhige aber eindringliche Ballade, die anfänglich irgendwie hölzern wirkt, nach dem 3. Hör aber doch plötzlich Ohrwurmqualitäten hat.

Gefragt nach dem wichtigsten Heart-Song im Laufe der Jahre, nannte Ann 1996 IHN, denn das ist der, bei dem im Konzert „all the girls“ den Kopf an die Schulter ihrer „boys“ kuscheln und „all the boys“ dann überlegen „I guess  I like that Band“!

Ich mag den Song auch sehr. Seit 2005 aus traurigem Anlass noch mehr als zuvor. Als unsere 11jährige Hündin eingeschläfert werden musste, kam die mitfühlende Tierärztin ins Haus. Ich hielt Cindy auf meinem Schoß. Die Spritze wurde gesetzt. „Es dauert nicht lange“, versprach die Tierärztin. Sie hatte recht. Ein paar letzte Streichler. Kein Zucken. Nur ein plötzliches Erschlaffen. Dann war es vorbei. Ich wickelte sie in ihre Kuscheldecke und legte das Paket ins Grab an der Gartenhecke. Nach dem Zuschaufeln ging ich ins Haus und legte mir „Dog and Butterfly“ auf. Vinyl. Seite 2. Weil sie mit eben diesem Song beginnt und mit Mistral aufhört. Ein paarmal hintereinander. Die Familie war nicht im Haus. Bei diesen Klängen steigt verlässlich bis heute Cindy aus dem Grab.

Platz 2

„Red velvet car“ 2010; war bis vor kurzem Platz 1. Ein echter Lebenskrisenhelfer. 2010/11 durchlebte ich mein zweitbeschissenstes Jahr, abgesehen von Prora 1979/81. Bauernopfer im Intrigenspiel eines diktatorischen Bonzen zu sein, macht echt keinen Spaß. Strafversetzung ohne Anlass sozusagen. Die soeben erschienene CD war DER Kraftquell zum Durchhalten.  Ich durchlebte einen James Bond reifen Kampf der Institutionen um meine Person, bei gleichzeitig elendsten Arbeitsbedingungen –  bis hin zur subversiven, erlösenden Mitteilung: „Es steht jetzt fest, dass er verloren hat. Du kannst wieder zurück. – Aber von mir hast du’s nicht!“ Auch filmreif.

„Es ist eine Platte ohne Hits, aber diejenigen, die die Band in den 70ern mochten, werden sie lieben.“ Ich glaube, es war die „Good Times“, die diesen Satz druckte. Er trifft zu. Ein verspäteter würdiger Nachfolger der „Dog and Butterfly“. Und der Titelsong ist definitiv ihre beste Ballade.

Platz 3

„Dreamboat Annie“ (1975), including „Magic Man“, dem ersten Hit. Es ist das in Amerika erfolgreiche Debut. In Europa sah es mit Heart-Begeisterung ja all die Jahre eher mau aus. Aber in Sachen Musikgeschmack ist Bludgeon sowieso eher Ami als Engländer. Heart hatten ihren bisher einzigen TV-Auftritt im Deutschen Fernsehen im „Musikladen“ 1976 mit eben jenem „Magic Man“. Ein Schlüsselerlebnis für den damals noch nicht ganz 16jährigen kleinen Dakota: Es gibt auch SCHÖNE Mädchen, die rocken können – fern ab von ABBA! Denn das war das große Manko in seiner Umgebung! Bis dahin war Marianne Rosenberg das Schönheitsideal gewesen, ihre Musik wurde halt leise ächzend in Kauf genommen. („Marleen“ ganz hinten auf einer Kassette versteckt.) Ab sofort hatte Ann Wilson den Thron inne! Aber an die LP kamste ja zu Mauerzeiten nicht ran. Also wurde sie zu einem jener vielen Nachholkäufe nach’89.

Platz 4

„The Road home“(1995), unplugged back to Avalon sozusagen. Live. heart roadUnter Beteiligung von John Paul Jones, der wohl sauer war, dass er von Page&Plant so übergangen worden war, als sie ihr „No Quarter“ einspielten. Nun half er hier also der Konkurrenz „the female Led Zeppelin“ aus. Ich erwarb sie eher zufällig Jahre später. Was für ein herrliches Coverfoto! Back were it all began! Ja, so sahen uns’re Schwärme aus! Remember la Boum/Die Fete! Wenn du in die Jahre kommst, und die Attraktivität schwindet, dann lieber so ein Foto statt des aktuellen Ist-Zustandes mit Alte-Lehrerinnen-Dupet.

Ich hatte seinerzeit ihre Veröffentlichung gar nicht mitbekommen; aber es gibt hier so eine wirkliche Candle-Light-Club-Atmosphäre und einige Überraschungen: Ein „Love hurts“-Cover, einen wunderschönen Titelsong, man lernt, dass „Alone“ auch ohne Bombast wirkt; und „Cherry Blossom Road“ kann erst hier so richtig strahlen – allerfeinst! Für mich ihr bisher bestes Live-Album.

Platz 5

„Little Queen“ 1977; das „Barracuda“-Album. Plattenfirmenwechsel nach „Dreamboat Annie“ zum „Majdschor“ und prompt der weltweite Hit. Geschrieben im Ärger über eine schmuddlige Offerte, die der attraktiven erfolgreichen Ann eines Tages nach einem Konzert hinterbracht wurde. Es soll sich dabei um ein Rache-Gerücht der alten Plattenfirma gehandelt haben, welches durch diese gestreut worden war. Ein regelrechter Rufmordversuch. Vom Streit mit diesem ehemaligen künstlerischen Obdach wird weiter unten noch zu reden sein.

Das Album ist ein gutes. Es wird filigran geklampft. Hörbar schwieriger und wunderschön klingender Stoff. Jedoch erdrückt der Superhit als Opener die übrigen Songs. Es bleibt hinterher irgendwie nichts hängen. Das ist auf den übrigen LPs der Band ausgewogener gelöst.

Interessant auch der Hinweis des kanadischen Radio-Veterans Michael Popoff, dass für die musikalische Seite von „Barracuda“ Nazareths „This Flight tonight“-Fassung Pate gestanden haben soll. Das hat was!

Die CD-Ausgabe der Platte enthält als Bonus-Track eine frühe Heart-Version von „Stairway to heaven“ (live) – seeehr gut gelungen und mit „Barracuda“ am Anfang eine Art Rahmung für die filigrane Mitte des Albums.

Platz 6

„Magazine“ (1978); das „kranke Werk“ der alten Plattenfirma. Soll man es überhaupt mitzählen? Und wenn ja, an welcher Stelle? Als 2. Album? Als 3. oder 4.? Inoffiziell (ohne Einverständnis der Band) erschien es zeitgleich mit „Little Queen“ und die offizielle Version dann gleichzeitig mit „Dog and Butterfly“ ’78.

Die Band hatte nach dem Überraschungserfolg von „Dreamboat Annie“ begonnen, neues Material für das Nachfolgealbum zu sammeln; dahinein platzte der Firmenwechsel. Die große Firma! Die steigenden Absatz-Chancen! Das viele Geld! Man kennt das. Und das die kleine abgehängte Firma sauer reagiert, war absehbar. Die alte Firma erlaubte die Mitnahme des halbfertigen Materials nicht. Die Band startete für „Little Queens“ also neu. Aus Gnatz streute die Firma deshalb zunächst das Gerücht, dass zwischen den Schwestern mehr laufe, als nur geschwisterliche Zuneigung und das halbfertige Material (angereichtet mit ein bissel Live-Kram um auf LP-länge zu kommen) wurde auf den Markt geschmissen. Die neue Firma schritt sofort ein und verbot Nachauflagen des Albums. Ein langer Rechtsstreit begann, der mit dem Kompromiss endete, dass die alte Firma „Magazine“ weiter vertreiben darf, dass jedoch die Band die Möglichkeit erhält, das halbfertige Material zu überarbeiten. So geschahs.

Das Album ist besser als sein Ruf. Es wird getragen von Nancys aggressivem Geklampfe auf der Halbakustischen.Einen richtigen Knüller hat es zwar nicht zu bieten; aber von einer Ausnahme abgesehen, passt alles gut zusammen. Auch die beiden Live-Tracks am Ende stellen keinen Qualitätsbruch dar. Man hört deutlich, dass die Studiotracks die Raffinesse des „Little Queen“ Materials haben. Beide Platten ließen sich glatt als Doppelalbum oder eben als „Nice pair“ verkaufen.

Leider prangt in der Mitte die Coverversion von Nilson’s „Without you“. Ann schreit die Nummer kaputt! Hier fehlt die Wärme, die „Dreamboat Annie“ oder „Dog and Butterfly“ haben. Für mich ein ewiger Skip-Kandidat.

Platz 7

beau brokeEtwas fast Neues, und eben erst Entdecktes: Beautiful Broken (2016); 3 neue Songs und eine Handvoll alte, umarrangierte Gemmen aus der Flopzeit 79-85. Alle schon mal veröffentlicht, aber nie Hit gewesen; nun eben vom glattpolierten Schablonensound befreit und vermutlich so eingespielt, wie sie damals gemeint waren, bevor der große Geldkoffer-Pate verlangte, dass das so und so zu klingen hat, „und hier mehr zeitgemäße Phil Collins Drums und da mehr DX 7 Quiek…“. Time goes by und nun ist das alles getilgt. Die Schwestern waren wohl der Meinung, es wäre schade um die ursprünglichen Songideen. Also sollte die 2.Chance her.

Ich mag die Idee. Ich mochte sie schon bei YES, als sie seinerzeit auf die Idee kamen, die gelungenen Tracks ihrer ersten beiden Stilsuche-Alben zusammenzunehmen und als „Yesterdays“ wiederzuveröffentlichen. Befreit von dem ursprünglichen Murks ringsrum konnten die nu ganz anders strahlen! Heart hatten auch mal „Yours is no Disgrace“ im live-Programm. Also YES kennen die.

Mir gefällt das Album momentan so richtig sehr gut. Könnte sein, dass es in nächster Zeit noch ein paar Plätze gewinnt. Aber noch ist es für mich zu neu. Noch hängt zuwenig „Eigenes“ an Erinnerungen an diesen Klängen, deshalb bisher nur Platz 7.

Platz 8

DIE Überraschung mitte der 90er: Zurück aus der MTV-Moulinette und dem AOR – Mainstreamsound! Den Schalter wieder auf 70er umgelegt. Wie kurz zuvor bei Nazareth zu hören, wie bei Hall and Oates und wie bei Genesis „Calling all Stations“. Rückkehr zu alter Güte! Flopgefahr? Pfeif auf die Masse; von nun an reich genug für „den Weg zu sich selbst“. Weg mit diesem Elektro-Drum-Sound! Zusätzlich auch Rückkehr in die alte Heimat: Seattle. Dort geht gerade das Grunge-Ding los. Die neuen Bands verehrten aus Lokalpatriotismus Heart, weil ja sonst noch niemand aus Seattle groß geworden war.

Die Wilson Sisters besetzten die Band wiedereinmal um und spielten „Jupiters Darling“ ein. heart jupiterStahlbetonrock meets Mandoline. Blödsinnigerweise als „Album unter Grungeeinflüssen“ beworben, da vor allem freundschaftliche Kontakte zu den Alice in Chains Buben bestanden. Es ist eher das Album, das Alannah Myles nach „Black velvet“ hätte machen sollen. Das Cover ist allerdings wirklich Grunge, oder Crap, oder Garbage — zu lange und zu oft „black hole sun“ gehört? Ein Design-Gau der Superlative! Die Musik ist ordentlich, schlüssig, bruchlos abwechslungsreich, hart und zerbrechlich – wie einst von Led Zeppelin abgelauscht.

Das Album hat nur einen Fehler: Es ist ein bissel zu lang. Doppelalbumumfang. Da sind schon zwei,drei Filler drunter. Weniger wär mehr gewesen. Aber sie hatten halt Spaß.  Und deshalb zieht das Album im Vergleich mit seinem perfekten Nachfolger „Red Velvet Car“ und den 70er Werken unverdient fast immer den Kürzeren.

Platz 9

„Bad Animals“ (1987): Heart und die 80er, das ist wie mit Genesis: Die Mugge wird mieser, aber die Hits werden größer.

Nach „Dog and Butterfly“ hapert es mit einem ebenbürtigen Nachfolger. Ann und Nancy beenden die Liaisonen mit ihren Bandmembers und deshalb beginnt das Besetzungskarussell. Das Songwriting leidet darunter. Die Anpassung an den sich verändernden Zeitgeschmack hakt. Da sie Amis sind, steht bei ihnen nicht New Wave im Focus, sondern eher die geglättete AOR-Hitparaden-Metal(light) Variante. Die Jahre 1979-1985 sind keine guten für Heart. Drei Alben floppen. Dann entschließen sie sich, auf Anraten/Zwang der Firma, Songs von Fremdschreibern anzunehmen. Mutt Lange und Desmond Child als Hit-Garanten sind darunter.

„These Dreams“ katapultiert die Band 1985 „deireckt“ aus dem Karriere-Tal an die Spitze der Charts, mit so female Hair-Metal und zeittypischen MTV-Videos. Weil Ann ein nun unübersehbar werdendes Gewichtsproblem hat, wird Nancy in den Focus der Kameras geschoben. Aber der Sound klingt schabloniert, klinisch totproduziert, wie so vieles in den 80ern. Wochenlang Platz 1. Das Album ließ ich bis heute aus.

MEIN Platz 7 ist der Nachfolger „Bad Animals“, denn der hat „Alone“ zu bieten – und daran kam ich nun mal nicht vorbei. Außerdem gibt es noch „Who will you run to“. Zum Rest der Platte ist ansonsten dasselbe zu sagen, wie zum Vorgänger: Typischer 80er Radio-Plärr-Kram. Aber erträglicher als auf dem Vorgänger. Man kann das schon hören, ohne dass es weh tut. Toto-, Journey-, REO Speedwagon Sound mit Frauenstimme. Autobahntauglich.

Sie fuhren diesen Stil noch weiter auf „Brigade“ und auf „Desire walks in“, aber die ließ ich wieder aus. „All I wanna do is make love to you“ von der „Brigade“ war schon ein schönes Wendezeit-Video damals. Aber eine von der Sorte reicht halt.

Platz 10

Last and least ein Live-Album. Ein Bootleg. Mit Heart und live isses eine Crux! Aus den 70ern gibt es kein offizielles Live-Album; nur so einen zusammengekürzten Corpus interruptus Murks, der in den USA mal ein Doppelalbum war, in Europa auf LP-Länge gekürzt wurde, wobei dann noch die Reihenfolge durcheinanderkam, die Hits verschwanden und plötzlich auch noch Studio-Songs hinein gerieten. Abwink. Seit 1990 nun wird man regelrecht zugeschmissen mit späten Konzertaufzeichnungen, aus nahezu allen amerikanischen Großstädten; aber mal isses nur eine mittelmäßige Songauswahl, mal lässt der Mix zu wünschen übrig, mal schreddert die Band selber ihre Songs oder Ann hat Stimmprobleme. Die Livekulisse bleibt eh immer dürftig. Schade drum.

Nun kam da in den 90ern ein Konzertmitschnitt auf mich, weil an jeder Tanke damals massenweise CDs „Live USA“ von allen möglichen Stars herumlagen. Schleuderpreis, Notcover und manchmal auch wirkliche Wurf-Disc-Quality, weil deireckt from se hochgehaltenen Kassettenrecorder recorded! Mein alter Sandkastengefährte Udo hatte aber Glück, ergatterte eine anhörbare „Heart live“ und ich hab se seither auf Festplatte.

Nun ja. Es ist ein „geht so“ Konzert, noch aus der Hair-Metal-Phase. Beginnt mit „If looks could kill“ ganz feurig und endet mit‘ner „Barracuda“-Schredderwörschn. Viel mehr gibt’s dazu nicht zu sagen.

Damit dieser Post aber einen wirkungsvollen Schlussakkord erhält, soll Ann das letzte Wort haben:

„Mir wurde erzählt, dass Chrissy Hynde mal gesagt haben soll: „Mädels! Wenn ihr im Rock-Bizz was werden wollt, dann beherzigt zwei Dinge:

  1. Schreit nicht! Spitze Frauenschreie verjagen die männlichen Fans!
  2. Schlaft nicht mit dem Gitarristen!

Also ich schreie seit 25 Jahren und schlief 10 Jahre mit dem Gitarristen. So what?! Und wer ist Chrissy Hynde?“ (Booklet der CD „The Road home“ 1994)

PS.: Und hier weint Robert Plant aus gegebenem Anlass. Klick.

Bludgeons Music Ranking – die „kleinen“ Giganten

61% der befragten Bevölkerung sehen Deutschland im Niedergang. Bin ich wenigstens nicht allein!

Genug geschimpft. „Ich bin ein alter Mann! Mich geht das nichts mehr an!“ (Knorkator).

Wenden wir uns dem Pläsier der „Veteranen der Arbeit“ zu: Was hat DIR geholfen, die Mühen deiner Kleeche zu ertragen? Was war dein Lebens-Elixier?

„Music is the best!“ (Zappa) galt für meine Generation. Ich war so ziemlich in allen Stilen zu Hause. Phasenweise. Auf Youtube gibt es reichlich alte Amis und Pfefferminzsoßenzöglinge von der Insel, die vor gut bestückten LP- und CD-Regalen ihre 10 oder 20 Besten von irgendeiner Richtung präsentieren.

Macht Spaß, da ab und an reinzuhören und sich erklären zu lassen, was man eh schon weiß.

Und den eigenen Englischkenntnissen tut es auch gut. Manchmal ist ein fast vergessener Diamant dabei, den man sich dann doch mal wieder auflegt.

Die Herren machen Prog-, die machen Punk-, Metal-Rankings. Was immer gern übersehen wird, ist dieser weite Ozean dazwischen: The Independent Thing.

Hervorgegangen aus Punk-Labels, nach dem kurzen ersten Punk-Beben 1977-78, während all das Ska-Geklapper losging, blieben einige Talente-Scouts in der Spur und suchten Zeug, das von den großen Mejdschorgombenies nicht gewollt wurde. Feine Sachen wurden da möglich. Manche wurden groß und landeten mit LP Nr. 4 oder 5 dann doch bei EMI (and there is no reason why) oder CBS – oder wo auch immer.

Da probierten sich also zahlreiche junge Leute aus, schrien ihren Unmut über die Zustände in ihren Ländern in den Äther der Undergroundsendungen des immernoch möglichen Profilradios der 80er und 90er Jahre, fanden mal mehr, mal weniger coole Metaphern für emotionale Ausnahmezustände, kreierten Sounds mit Sägeblatt und Bohrmaschine, Kurbelkassenklingel und E-Guitar – und es klang geil!  Die Majors glaubten, das sei keine Nische, aus der sich Geld pressen lässt – doch!

Der junge Erwachsene, frühzeitig in beruflichen Mühlen eingebunden, braucht Kompensation für Abenteuerlust und brachliegende Phantasie – und unter Umständen auch mal Zaumzeug für den Amoktrieb… Brrrrr, Alter! Beherrsch dich! Hör Neubauten oder Mould! Dreh auf, dann geht’s wieder!

In jungen Jahren ist man schneller begeistert, fällt auch auf manchen Hype rein, stellt die Käufe dann ins Regal, um sie schlicht zu vergessen. Ab und an entsorgt man ein paar, wenn die Regale allzu verstopft wirken – und geradeso noch Möglichkeiten auftauchen, die wenigstens noch einen symbolischen Spottpreis ermöglichen.

Hach, man will ja seine Lebensretter von einst nicht einfach so in die Tonne kloppen!

Der musikalische Extremismus hat sich mit den Jahrzehnten gelegt. Die Pulsfrequenz sinkt und die Takte sollten ihr entsprechen.

Welche 10 Independent-Alben sind nun diejenigen mit Langzeitwirkung – und weshalb?

Platz 10:

10 dotsThe legendary pink dots. Ihr 1990er Album „The Maria Dimension“; bei Erscheinen gekauft, weil sich zwei Tracks einer früheren Platte bei mir auf Band befanden, die einfach mystisch „anders“ klangen, als alles, was es sonst so gibt. Jene LP/CD hab ich bis heute nicht ermitteln können. Die Dots haben inzwischen ja ein Output wie Zappa – da fällt der Überblick schwer. Sie sind so ein Mittelding aus frühen Depeche Mode (oder Neubauten; was fast dasselbe ist) und Joy Division. „Athmosphere“ goes „master and servant“. So ungefähr. Depressive Ohrwürmer und versponnene Geräuschüberraschungen. Die „Maria Dimension“ wirkt wie ein Konzeptalbum. Alles passt zusammen, geht ineinander über – und ich muss gestehen: Bisher hab ich mich um die Message nicht gekümmert, sondern lediglich in diesen Sounds „gebadet“. In den 90ern recht häufig, in letzter Zeit extrem selten – aber bei der letzten Ausmistung, stellte ich beim Reinhör-Check fest: Die muss bleiben! Da stehen sofort die frühen 90er wieder auf – an den Klängen hängt zuviel eigene Geschichte.

Platz 9:

9 texasTexas „Rick’s Road“. Texas kommen, wie der Name schon sagt – aus Schottland. Sie hatten einen Hit auf ihrem Debut, der reichlich MTV_Rotation erfuhr (und den ich prompt vergessen habe) und danach war viele Jahre die Luft raus. Man hörte von denen nichts mehr bis zum Stilwandel vom Klampfgestrüpp zu so einer Art Neo-Soul Anfang der Nuller-Jahre, somit gelang Hit Nr. 2 und stabile Mittelfeldpräsenz auf vielen großen Festivals und in den CD-Läden.

„Rick’s Road“ ist eins von den Flop-Alben nach dem scheinbaren One-Hit-Wonder; ihre zweite oder dritte LP, als sie noch klassische Schrammelrocker waren. Mein Lieblingsladen hier herum hatte begonnen, auch so Gebrauchte für 1 oder 2 DM anzubieten – und da nahm ich sie auf Verdacht so um 1995/96 mit.

Volltreffer. Zu Unrecht erfolglos. Ohrwürmer zuhauf. Feine Gitarrenarbeit, schöne Stereoeffekte. Abwechseln akustisch und elektrisch. Alles da. Erstklassige Songs. Selbstbewusste, optimistische Mugge mit sympathischem Frauengesang, beschwörend, motivierend, funktionierend, immer – und immer wieder:

„Yeahr! I’m gonna make you wonder – if you`re my friend!“

Platz 8:

8 the theViel zu spät entdeckt, weil überhaupt nicht medial präsent: The The – Wenn es The Who gibt, dann geht auch der Bandname The The durch! Eigentlich ist das so ein En-Mann-Betrieb, der sich für seine Gigs mit Musikern umgibt. Matt Johnson, ein Kumpel der Depeche Mode-Buben und befreundet mit Fad Gadget, dem Brian Eno der 80er Jahre Synthie-Szene. Er soll bei Gadget im Studio herumgehangen haben und ab und an zum Zigaretten holen geschickt worden sein. Irgendwann klimperte er dort auf einem Klavier – und weil das gut klang, verriet er, dass er wohl mal richtig Klavierstunden hatte. Also durfte er ran und mal bissel was aufnehmen. Gadget sorgte für Veröffentlichung, und weil eh gerade jeder einen Vertrag bekam, der in dieses Depeche Mode, Soft Cell, Heaven 17 Schema passte, kam(en) auch The The ab und an ins UK Radio. Der NDR spielte um 1984 einmal „uncertain smile“, den 7 Minuten Mix. Der geriet mir aufs Band und hypnotisierte mich. Nach dem Klavier-Solo in der Mitte willst du unbedingt Klavierspielen lernen! Es kam nicht dazu. Vielleicht jetzt, wenn Zeit ist. Elke Heidenreich hat es auch ab 60 geschafft!

1994 nahmen The The ihr Tributalbum für Hank Williams auf. Das muss nicht wundern. Wer den Dok-Film „Music for the masses“ von Depeche Mode kennt, weiß, dass Martin Gore Johnny Cash verehrt. Da kann sein Kumpel ruhig auf Hank Williams abfahren. Er industrialized hier die alten Song-Ikonen heftig, aber durchaus gefühlvoll. Hank sang für die Cowboys, die Barflies, die Alltags-Loser in all diesen Fly-Over-States, die dort nicht wegkommen, weil für sie anderswo auch nichts geht. The The liefern die Songversionen für den Rust Belt. Die arbeitslosen Walzwerker brauchen es klanglich härter, als die Lagerfeuertypen von der Ranch, wenn sie zwischen all den Autowracks und Fabrikruinen den Hund ausführen. Absolut gelungenes Konzeptwerk!

Das Album hätte Grammy’s einfahren müssen!

Tja.

Ich hab es erst etwa 10 Jahre später entdeckt, auf Kassette überspielt und diese im Auto bis zum finalen Bandsalat endverbraucht. Die Stimmung passte in mein damaliges Stimmungstal perfekt. Kennst du das? Depri-Musik, die dich weitermachen lässt, weil sie motiviert? Hanky Panky!

Platz 7

7 grapesThe Grapes of Whrat – und ihr Debut von 1991 „These days“. Ja die damaligen Tage wollten erst einmal verkraftet sein! Im neuen Land, das irgendwie auch noch das alte war, neue Möglichkeiten vorgaukelte, um sie gleich wieder zu erschweren. Die Gehälter noch down, die Hoffnungen noch high, aber um einen rum, sammelten schon die ersten von uns Arbeitslosigkeitserfahrungen, die 40 Jahre lang niemand hatte machen müssen. Dauerhafter Unruhestand. Da braucht die Seele Futter! Das DDR-Underground-Fanzine „Messitsch“ lobte die Platte damals als „Crosby Stills, Nash and Bonham!“ Das lockte mich an. Bestellt, gekauft, gehört: Der Vergleich stimmt nicht! Die Bonham Anspielung ist schwer übertrieben gewesen. Eventuell hatte der Rezensent auch gerade gewisse Substanzen getestet, von denen im Heft immer wieder die Rede war. Es handelt sich hier bei den „Früchten des Zorns“ um klassischen Independent Schrammel mit Satzgesang ala CSN oder Byrds – sehr schöne Autobahnmusik, die heute immernoch gefällt.

Platz 6

6 NMAThe New Model Army hat viele sehr ähnlich klingende Alben auf dem Buckel. Justin Sullivan ist so eine Art zweiter Billy Bragg; ein ewiger Streiter für das Gute, ein Punk-Dylan. Mein NMA-Schlüsselerlebnis verbinde ich mit der „Impurity“ (1990), die ich  gleich bei Erscheinen in Weißenfels auf Vinyl kaufte, als ich eigentlich bereits mit Bruderherz gemeinsam auf Autoschau war. Mit dem Trabi konnte man sich ab Sommer’90 kaum noch auf die Autobahn wagen. Bis zur Aufmotorisierung sollte es aber noch ein ganzes Jahr dauern. In der Innenstadt war so eine Abbruchfläche, auf der Schlitzohren „Westwagen“ ausgestellt hatten: Entweder schon erkennbar Schrott oder aber mit für Wende-Ossis utopischen Preisen. Die DDR lag in den letzten Zügen. Die D-Mark war gerade eingeführt worden. Dicht neben dem Ausstellungsgelände hatte sich ein spontaner Gründer gewagt, einen Plattenladen zu eröffnen. Dort trösteten wir uns über unsern nicht erfolgten Autokauf. Ich mit der „Impurity“. 1995 erfolgte dann der Zweitkauf auf CD. Warum? Weils hat sein müssen! Get me out o’here! Out of this trap!

Platz 5

5 jesus andNoch einen schmalen Tick besser, mit einer Briese mehr Ewigkeitscharakter ausgestattet ist diese hier: „Die beste Symbiose aus Lou Reed und Ramones, die sich denken lässt.“ Den Satz aus den Tagen, da Jugendradio DT 64 noch Kult war, hab ich mir gemerkt. Den Namen des Moderators, der ihn sprach, nicht. Jede Donnerstagnacht wurde 1987 bis 1989 dort das „besondere Album“ gespielt, also eine Chance, auf einem sehr gut empfangbaren Sender ein komplettes Westalbum in Stereo zu erbeuten! Und dalief dann eines Tages – „Darklands“; Stagnationsrock der Extraklasse von The Jesus and Mary Chain! Doo-dn-doodup-doo! Ja, wie kann man es anders beschreiben als jener Moderator? Leicht beschleunigter Lou Reed, bzw. doll gebremste Ramones, schmeißen auch ihre Texte zusammen und erzeugen ein düsteres Textfetzengebräu des „Nichts geht mehr!“ … „Ich freu mich, wenn’s regnet!“ … (stehend)“An der Wand“… Doo-dn-doodup- doo! Zeitloser kann Musik nicht sein!

Platz 4

4 palominoesThe Golden Palominos trunken vor Leidenschaft 1991; gefloppt und superbillig verhökert vom Weikersheim-Plattenversand für 1,29 DM, so um 1994 oder 95 herum. So geriet das Vinyl als Beifang nach Bludgeon House, um über irgendeine Bestellwert-Schranke zu kommen; dort auf den Plattenteller und von dort dann nicht mehr runter, bis die Familie zu maulen begann: „Ham’wer nicht noch ne andere LP im Haus?“

Die Palominos gehen zurück auf Anton Fier(drums), einen der vielen Ex-Members von Pere Ubu. Der lud sich nun hier 3 Sänger ein: Bob Mould (Ex-Hüsker Dü) und Michael Stipe (REM) für je einen Song und Amanda Kramer für alle andern dazwischen – und es passt!

Du lebst auf Messers Schneide, alles scheint gut: Die Arbeitslosigkeit ereilt dich nicht, das Gehalt steigt, dein Ansehen im Beruf ist okay, du wirst Hausbesitzer, während um dich rum soviele untergehen! Michael Stipe eröffnet mit „I‘m alive and living now!“ Yeahr, Man yeahr! Nur steht das Haus nicht dort, wo du es hättest haben wollen. Die Rückkehr in die Heimat wäre bei der Wirtschaftslage in Neu-5-Land auf sehr lange Sicht tollkühner Unsinn! Plan A ist also futsch. Sei Preuße nun! Und Bob Mould brüllt: „I‘m dyin‘ from the inside out!“ Während die Gitarren aus den Boxen fallen. Danke Kumpel, danke.

So. Soweit das Vorfeld. Nun die big Names! Tusch für die Spitzenkräfte der vorderen 3 Plätze!

Platz 3

3 mouldBleiben wir bei Bob Mould. Hüsker Dü lernte ich 1988 herum via DT Jugendradio kennen und nicht lieben. Zu lärmig, zu abgedreht, Texte nicht verstehbar – nüschd. Anfang 1990 kaufte ich, um ihn kennenzulernen meinen ersten New Musical Express. Darin eine Lobeshymne auf das soeben erschienene (erstaunlich ruhige) erste Solo-Album des Masterminds von Hüsker Dü: Bob Mould.“Workbook“. Ein Jahr verging und es erschien wiederum hoch gelobt, obwohl stilistisch wieder näher am Stil der ehemaligen Band „Black Sheets of Rain“. Dann kam die Jahresbestenzusammenfassung in die Kioske und erstaunt las ich, dass „Workbook“ Platte des Jahres 1990 und „Black Sheets…“ unter den ersten 10 für 1991 war. Nun war die Neugier doch da: „Workbook“ gekauft, der Eindruck erzwang dann den Kauf der „Black Sheets…“. Die „Workbook“ ist die bessere. Die „Black Sheets…“ ist halt Krawall. Grunge, wenn man so will. Den hat Mould eh schon mit Hüsker Dü erfunden! Fuck Nirvana! Schlag 3 wurde dann „Copperblue“, die er unter dem Bandnamen Sugar herausbrachte. Die ist wieder eher „Workbookig“, melodiös, mit mehreren Wutausbrüchen aufgelockert… usw…usf. Mould ist für mich der intelligentere Johnny Rotten. Bruder im Geiste von Joe Strummer(Clash), musikalisch konsequenter. Auch wenn die „Workbook“ filigraner als die anderen Alben herüberkommt, gilt auch für die: Regler auf und Drööööööööhn!

Platz 2

2 BraggBilly Bragg. Der Punk-Barde mit dem großen Herzen. Die katastrophale englische Schule durchlaufen, desorientiert in die Army gemeldet, in den Falklandkonflikt geraten, die Laufbahn quittiert, die Gitarre umgehängt; die E-Gitarre; und losgerotzt, was das Zeug hält: „Say, Fear is the men’s best friend!“ Ein paar Akkorde reißen und dreckigstes Colkney auf der Zunge – das wars!

„Wearing badges is not enough – on days like these!“

John Peel macht ihn bekannt. LPs folgen. Ruppig und solo die ersten, mit Band ab der dritten: „Red‘ mit dem Finanzamt über Poesie!“ Worauf kommts im Leben an? Überleben – „zwischen den Kriegen“!

2004 ging mir die „Must I paint you a picture“ ins Netz. The essential Billy Bragg. Ich denke, das stimmt. Von den ruppigen Anfängen mit all der Problemfülle des Alltags zu immer mehr musikalischer Vielfalt bei leider abnehmender Textintensität. Die besseren Gleichnisse kommen in den Frühwerken vor. Man wird halt älter. Die Revolutionsraserei ist ausgeschwitzt. — Schöne Fassung von „When will I see you again“ dabei! Three Degrees. Jaja. Billy Bragg hat Geschmack!

Platz 1

1 pere ubuKniefall vor – David Thomas. Pere Ubu. Komischer Name, komische Musik. Auch er hat seit Mitte der 70er nun ein Meer an Veröffentlichungen zu bieten. Nicht alles ist genial. Aber provokant ist er immer. Feuilletons Liebling war er lange. Ohne, dass die viel von dem kapiert hätten, was er so an den Mann/an die Frau bringt. Seine Textfetzen lesen – und als Angebot verstehen, sich seinen eigenen Reim drauf zu machen, lohnt sich. MIR fällt da jede Menge ein!

Ähnlich wie bei The The möchte ich einen Track und ein Album hier besonders würdigen. Der Einzelne Track stammt vom offiziellen LP Debut „The Modern Dance“. Da gibt es den 7Minüter „sentimental journey“. Wer nun an den Swing Orchester Klassiker denkt, hat schon verloren, denn es erklingen Störgeräusche und das Klirren zerberstender Flaschen. Vielleicht ist es auch ein Fernsehbildschirm oder ein Fenster, denn eine wütende, hörbar besoffene, Stimme lallt: It‘s a house…. (Klirr)….It‘s a rock…. Psahw!….(klirr)… or a TV….(Klirr)…A window…. Zum Schluss fegt ein Besen den Dreck zusammen. Da zerlegt einer seine Bude, weil es auf nichts mehr ankommt! Klasse!

Inspirierend für die Einstürzenden Neubauten, die Genialen Dilettanten Westberlins, den Expander des Fortschritts (Ostberlin), Depeche Mode…

Wut…Frust …Selbstmitleid – als Kurzhörspiel. Und gleich hinterher gibt’s die genölte Aufforderung „Humor me!“ Ja, das versuch mal. Das ist so der typische Ubu Sarkasmus. I like it!

Die Platte, die ich hier schonmal gepriesen habe, ist die 2002er CD „ST Arkansas“. Meiner Meinung nach die geschlossenste und neben „Cloudland“ (1988) am leichtesten konsumierbare seines Schaffens. Worum es IHM mit den Songs geht, kann ich nur raten, worum es MIR geht, wenn ich die Platte höre, hat ganz viel mit dem wunderbaren Film „Nebraska“ zu tun.  Ich sah 2014 zuerst den Film und kaufte wenige Tage später dieses Ubu-Album – und warum sich das so perfekt ergänzt, das ist mal später einen eigenen Post wert. Nur soviel: Von Song zu Song steigst du hier tiefer in die Frage ein: Was macht ein erfülltes Leben aus? Immer seine Pflicht zu tun? Ist Chancen verstreichen lassen tapfer – oder doof? Soll man sich aufopfern – um schließlich in den Arsch getreten zu werden? Sollte man selber treten?

Die Platte beginnt im alten Pere Ubu Stil krawallig und verschreckt somit sicher den ein oder anderen Interessenten. Ab Track Zwo wird sie episch. Musikalisch gefällig, weil die Texte genug Sprengstoff intus haben. Eine Platte, die mitwächst, mit deiner Lebenserfahrung.

Soweit meine 10 Lieblinge. Knapp die 10er-Gruppe verfehlt haben die Pixies, die Replacements und die Walkabouts. Auch die Friends of Dean Martinez will ich noch lobend erwähnen. Waren sowas wie die Ventures für die 90er. Sie alle hatten ihre gute Zeit ein oder zwei CDs lang, bevor die Selbstplagiate kamen. Ihre Musik klingt noch ansprechend, aber erzeugt heute bei mir keine Bilder mehr. Es ist, als sei der Zauber verflogen, der sie einst umgab.

Andere wiederum, wie z.B. Henry Rollins, Helmet, Bongwater bräuchte ich heute gar nicht mehr.

Nachdenken über einen seltsamen ZEIT-Artikel

Peter Tauber ist Hesse, Ex-Offizier der BW und Ex-Generalsekretär der CDU (unter Merkel gewesen)

Der Hesse Tauber weiß nicht, dass sein Landesverband traditionell der konservativste (manche sagen „reaktionärste“) abgesehen von Straußns CSU war. Viele der alten Eisenbeißer kamen aus Hessen: Dregger, Hohmann, Koch, Gauland…

Der Ex-Offizier Tauber kennt nicht die zweifelhafte Praxis der Kasernennamensverleihung aus der Adenauerzeit und der „umstrittenen“ Traditionskabinette dort vor Ort (Mölders, Manstein, Rommel, …)

Der Ex-Generalsekretär Tauber kennt nicht die Werdegänge einiger Vorgänger, vor allem Biedenkopfs und Geislers.

So jedenfalls mein Eindruck nach dem ich heute „Wir bleiben Mitte!“ las.

Sein Essay (Zeit-Online, 4.10.2021) über den anstehenden Wandel der CDU bietet allerhand Wunderliches.

Er enthält Aussagen wie:

  1. Wenn die Union die starke Kraft der bürgerlichen Mitte bleiben will, dann braucht sie diese Ehrlichkeit mit sich selbst.

Stimmt, aber dann:

  1. Die Debatte, man müsse die Union nach rechts verschieben, war falsch. (…) Denn nur die politische Linke in Deutschland kann ein Interesse daran haben, wenn die CDU die politische Mitte preisgibt. Der Ruf, die CDU müsse Wähler am rechten Rand des demokratischen Spektrums binden, ist also vergiftet.

Nein. Im Gegenteil. Diese Auffassung ist das bisherige Erfolgsrezept der Vor-Merkel-CDU gewesen.

Früher gab es da mal eine clevere Aufteilung von Gesinnung: Konservativ – reaktionär- faschistoid.

Konservative Kräfte mit Angst vor allzu abrupter Veränderung sind immer Mehrheit gewesen. Dieser Konservativismus wandelt sich auf dem rechten Rand ins Reaktionäre. Möchte also nicht nur „konservieren“ sondern das Rad ein Stück zurückdrehen, weil frühere Verhältnisse irgendwann und in diffuser Verklärung mal als besser angesehen werden. Und DAHINTER erst kommen die Faschisten/Nationalsozialisten als rabiater Rest. Vor Merkel waren die Reaktionären der rechte Flügel der CDU. Der rabiate Rest blieb allein und splitterte sich auf in NPD, DVU, Wehrsportgruppen usw.

Somit blieb diesem rechten Rand nicht viel. Reaktionäre Anwälte, Richter, Studienräte, Polizisten waren in die CDU eingebunden, denn niemand strafte sie für ihre Reden. Bei Abstimmungen unterlagen sie meist rein demokratisch und akzeptierten das. Manchmal fuhren sie auch Erfolge ein, wie beispielsweise beim Thema §218, oder der Erschwerung der Wehrdienstverweigerung.

Rückblende: Die Deutschnationale Volkspartei (DNVP)der Weimarer Zeit war reaktionär; sie konnte mit der NSDAP überhaupt nicht. Sie sah sich als Elite und den Hitlertrupp als Plebs. Zur Harzburger Front kam es 1931 auf dem Papier zwar trotzdem, aber siehe Hugenbergs Unmut über Hitlers erste Koaltionsregierung am 30.Januar 1933, deren Teil er mürrisch wurde – sind dokumentierte Fakten, die zeigen, dass es normalerweise ein tiefes Mistrauen zwischen gebildeten Reaktionären und eher instinktgesteuerten „Haudraufs“ gibt. Die Angst des Bürgers vor dem Assi, auf dem Schulhof wie im Parlament. Hat aber jener Plebs erst die Macht errungen und zeigt er weiterhin Härte, so kann er sich plötzlich vor zu Kreuze kriechenden Schnellbekehrten nicht retten. Peinliche Selbstauflösung aller bürgerlichen Parteien nach dem Ermächtigungsgesetz.

Adenauers CDU, hervorgegangen aus der Zentrumspartei, zog nun nach 45 alles an, was sich durch Engagement von mehr oder weniger großer Mitläuferschuld reinwaschen wollte. Das waren nicht so sehr die dumpfen SA-Schläger, sondern der bürokratisch erfahrene Mittelbau des NS-Staates. Also akademisch gebildete Kader. Globke, Filbinger, Kiesinger, Oberländer, Gehlen, … die Politik sah demnach aus: Schlussstrichdiskussion über NS-Verbrechen; Reaktivierung von Wehrmachtsveteranen für die Bundeswehr… Verbreitung des Märchens von der im Kriege „saubergebliebenen“ Wehrmacht… Vergabe seltsamer Namen an Kasernen… sie recyclten die Goebbels-Idee der letzten Kriegsphase, die „Warnung vor der Roten Flut“ …

Kurz: Die CDU ist Adenauers „braunes Wasser“ gewesen, mit dem er das Land wusch.

„Man wirft mir vor, ich wüsche mit braunem Wasser. Ja, aber wenn ich doch kein anderes habe!“ (Adenauer)

  1. Bei den Wählerinnen und Wählern der AfD ist für die CDU nichts zu holen. Versuche wie in Thüringen mit Hans-Georg Maaßen als Kandidaten sind gescheitert. Und zwar kläglich.

Quatsch. Nur eine Volksfront aus SPD, Grünen und in letzter Minute auch Linken führte zur Bündelung „strategischer“ Wählerstimmen für den SPD-Kandidaten. Ohne all diese Propagandatrommeln, bei normalem Wahlvorgang, wäre sicher ein anderes Ergebnis entstanden.

Bei der AfD befindet sich der gesamte verprellte rechte Wähler-Flügel der alten CDU.

  1. Seit ihrer Gründung war die CDU die Partei der deutschen Einheit und der europäischen Einigung. Beides waren Visionen, politische Ziele. Heute sind sie Wirklichkeit.

Und weil die heute Wirklichkeit ist, verschweigen wir mal klammheimlich, dass im Herbst ’89 eigentlich auch in der CDU niemand mehr an eine WV gedacht hat. Lediglich Kohl hielt daran fest. War es seine Prägung in den Nachkriegsjahren? Oder die Biografie seiner Frau? Sein 10 Punkteplan überraschte die eigene Partei im Winter 89 wie später der merkelsche Schlag gegen die Kernkraftnutzung. Die Paladine waren geschockt und mundtot.

Zuvor war der 17. Juni immer weniger gefeiert worden. Der Kommunistenfresser Strauß bereicherte sich 1983 lieber an der Provision für jenen Milliardenkredit an Honeckers angeblich gar nicht existierenden Zonen-Staat. Biedenkopf und Geisler wollten modernisieren und „neue Themen setzen“ – wurden allerdings von Kohl seinerzeit kaltgestellt. Dass Biedenkopf dann König von Sachsen wurde, ist ein Paradebeispiel politischer – na – nennen wir es Flexibilität.

  1. Viele Mitglieder wissen wenig über das historische Werden der Union und ihren Gründungsimpuls als Sammlungsbewegung und Kraft des Neuen. Die CDU war in einer so zerrissenen Gesellschaft, wie es die deutsche nach dem Krieg war, 1945 ein Versprechen und etwas Unerhörtes. Die CDU war die Partei der ausgestreckten Hand und nicht der geballten Faust.

Und weil so viele tatsächlich nichts wissen, über die Werdegänge in den ersten 20 Nachkriegsjahren, da lassen wir das mal so aussehen, als wäre Adenauers „ausgestreckte Hand“ so eine Art ständiger Kirchentag gewesen: Alle haben sich lieb und grenzen sich „mit äußerster Trennschärfe“ nach rechts ab. Beate Klarsfeld lacht sich tot.

  1. Was bedeutet das programmatisch? Die Idee eines verpflichtenden Gesellschaftsjahres für alle in der jungen Generation ist Ausdruck dieses bürgerlichen Staatsverständnisses, das Verantwortung und einen praktischen Patriotismus zur Grundlage einer freien Gesellschaft macht. Darauf kann die CDU sich besinnen oder daran wieder anknüpfen.

Praktischer Patriotismus entsteht also durch ein soziales Pflichtjahr. Superidee. Ironie sollte man kennzeichnen! Wer Patriotismus will, muss Gründe schaffen, weshalb man patriotisch sein soll. Worauf darf man noch stolz sein? Ist nicht alles von früher – NS, Rassismus, Holocaust? Das liegt im Argen! Die Wurzeln demokratischer Tradition werden nirgends gründlich vermittelt. Geh auf die Straße und frage die Leute, wer Erzberger, Blum, Haecker, Müntzer war! Wo kommt die Regenbogenfahne eigentlich her und wofür stand sie ursprünglich? Warum waren die Befreiungskriege eben nicht der präfaschistoide Alptraum, der deutsch-französische Freundschaft verhinderte, sondern eine durchaus demokratische Volkserhebung?!

Weiß sowas heute jemand? Ach wozu denn! …

(In Berlin Kreuzberg will man dieser Tage gerade alle Namen dieser Heldenzeit von den Straßenschildern tilgen. Yorck-, Blücher-, Tauentzien-…; weg damit! Klar, Kreuzberg; die brauchen orientalische Namenspatrone nun.)

  1. An der Parteibasis sind die Diskussionen ähnlich: Wenn Stadtverbände erklären, sie würden das Plakat mit dem Kanzlerkandidaten nicht aufhängen, dann haben die Funktionäre vor Ort ja leider genug schlechte Vorbilder in Land und Bund. Ihr Verhalten ist falsch und auf Dauer tödlich.

Nö. Wenn sie keine Ausreden haben, warum nun gerade DER mit dem wenigsten feedback an der Basis Kandidat wurde, und warum nur der Vorstand gefragt wurde, und was der Vorstand eigentlich von Demokratie und Dienst am Wähler hält…dann ist das richtig, die Reizfigur aus der Schusslinie zu nehmen. Einer, der vor der Flut, alle Katastrophenhilfen abschafft, dann drei Wochen die Bundeswehr helfen lässt, sie aber baldigst wieder abberuft – und der dann beim Ortstermin blöde Witze reißt – während die Toten noch nicht einmal unter der Erde sind, der ist nicht mehr vermittelbar!

  1. Die Erneuerung der Partei kann nicht aus dem Konrad-Adenauer-Haus kommen. Sie muss in den Kommunen beginnen. Dazu müssen gesellschaftliche Gruppen anders eingebunden und angesprochen werden. Die Ressourcen der Partei und ihres Umfeldes müssen darauf ausgerichtet werden. Die ehrenamtlichen Mitglieder haben auch den Anspruch, mehr Gehör zu finden.

Soso. Also Basisdemokratie? Keine Anweisungen von oben? Ein frommer Wunsch. Wie stehen die Chancen, korrupte Abgeordnete loszuwerden? (Rezo-Video 3) lehrt, dass der Verbonzung nun jahrzehntelang Tür und Tor offenstanden – und dass es an „jungen Wilden“ fehlt, die per Parteirevolte daran etwas ändern könnten.

  1. Es hilft nichts, wenn die Parteibasis über die Funktionäre schimpft, wenn die Funktionäre die Schuld beim Vorsitzenden suchen und der Vorsitzende sich über mangelnden Rückhalt beklagt.

Sagen wir es konkreter: Die SPD-Regierung hat unter Schröder ihr Wählerklientel verraten und eine lupenreine FDP/CDU-Politik gefahren. Merkel hat die CDU sozialdemokratisiert bzw. (leicht) begrünt. So entstand Verwirrung und massive Enttäuschung hüben wie drüben in allen Lagern.

Also wäre der Laden dringend aufzuräumen, indem wieder jeder Verein das tut, wozu er irgendwann einmal gegründet wurde und somit wären auch die klassischen Wählerschichten zurückholbar.

Aber auch das wird frommer Wunsch bleiben. Ich weiß. Früher verschwanden bei Wahlen unterlegene CDU-Potentaten schnell in der zweiten Reihe. Selbst diese Form der Selbstreinigung gibt es heute nicht mehr.

Der Zeitpunkt des Aufhörens

Da war einmal ein Lehrer in mittleren Jahren, knapp über 40, der kam mit seinem Fan-Club, einer 12. Klasse, aus der Aula zurück in den Klassenraum. So eben hatte das Abi-Programm der 13. Klassen stattgefunden, wie alle Jahre.

Üblich war, dass die 13er den 10.-11.-12. Klassen alljährlich ca. 80-90 Minuten lang kabarettistisch den Schulalltag präsentieren. Also schlüpfen ausgesuchte Parodie-Talente des Abschlussjahrgangs in die Rollen von Frau A. und Herrn B. und ziehen diese anhand wiedererkennbarer Besonderheiten -zum Jubel aller- abschließend durch den Kakao.

Nun kamen also nach und nach alle Schüler wieder in den Raum gedröppelt, mehr oder weniger aufgekratzt, die eine oder andere Pointe wiederholend, kichernd, und auf das Klingelzeichen für die Hofpause wartend.

Herr B. lehnte wie gewohnt mit einer Arschbacke am Lehrertisch und wartete ebenfalls.

Alles strahlte um ihn her und Ringo krähte: „Und? Wie fanden Sie’s?“

Sie wussten sich eins mit Herrn B. Wie gesagt: Fan-Club. Sie hatten alle seine Pointen bisher verstanden und er ihre.

Auf die Frage trat gespannte Ruhe ein – in die Herr B knurrte: „Arschlos.“

Verblüffung pur.

Herr B.: „Die 13er haben keinen Schneid. Seit Jahren fürchten hier alle Herrn P. und Herrn T. Und? Wo waren Witze über die? Statt dessen machen die Frau M. runter. Die harmloseste im Kollegium! Die hat hier noch nie jemandem was getan. Widerlich.“

Schweigen im Walde.

Die dämliche Melanie will wie immer auch ne Meinung haben: „Ja, aber…“

Ihr Banknachbar bremst sie: „Halts Maul. Er hat recht.“

Die kluge Dörte am Fenster mit Blick in die Klasse: „Boing. Treffer, versenkt.“

Es klingelt. Der Raum leert sich.

Beim Abi-Ball nähert sich der Herr B.- Parodist vom Abi-Programm dem Original und fragt:

„Ihnen hat unser Programm nicht gefallen?“

„Yep.“

„…hat sich rumgesprochen.“

„Gut so. Schämt euch. Frau M. hats schwer genug.“

Ein Jahr später waren im Abiprogramm auch Herr P. und Herr T. Mode. Frau M. wurde diesmal übergangen. Beim Verlassen der Aula trifft der grinsende Herr B. an der Treppe auf die ebenso strahlende Dörte.

Sie: „Und? Zufrieden?“

Er: „Top!“

Daran musste ich denken, als ich gestern im Riffmaster-Blog den Text von „Dr. Brand“ , einem späten Reinhard Mey Song, las.

Guckst du hier, (ganz runter scrollen, am Ende des Beitrags).

Es traf mich unvorbereitet. Mein Idol wankt. Reinhard Mey hat von „…heiße Caspar“ bis „Narrenschiff“ ein Schaffen hingelegt, das Heinz Rudolf Kunze , Grölemeyer, Lindenberg i tutti quanti auf die Plätze – bzw. gaaaaanz weit nach hinten verweist. Deren Schaffen ist ihm gegenüber besseres Wort-Scrabbel!

Und dann kommt der mit sowas!

Der hat immer Maß gehalten, der konnte Lachen und Weinen erzeugen!

Und dann das!

Der Meister, der einst „Bevor ich mit den Wölfen heule“ schrieb, outet sich nun auf den letzten Metern als Mitläufer in der Meute, bei dümmlichsten Provokationen gegenüber dem vermutlich gutmütigsten Lehrer seiner Schule. Das alte Spiel: Früh übt sich der Welpen-Mob, dort wo es ungefährlich scheint.

Die späteren 68er in den 50s, wie die Pimpfe eine Generation früher, die ihre Inspiration aus der „Feuerzangenbowle“ hatten, die wiederum die Kaiserzeit auf dem Kieker hatte.

„Wenn alles schläft und einer spricht, dann nennt man das (Dr. Brands) Unterricht.“ Der Spruch stammt vermutlich aus der Antike. Er hat so einen Baaaaaaaart! Er ist auch in Meys Schulzeit nicht mehr originell.

Dann bekommt der Song aber die Wendung in’s KZ.

Und prompt erscheint mir die Frage: Tut ihm seine pubertierende Schülerblödheit nur leid, weil er erfährt, dass er da unbekannterweise einen KZ-Überlebenden vor sich hatte?

Sind die Blödheiten klüger, wenn der gutmütige Kauz ein Wehrmachtssoldat gewesen wäre? Kickt dann wieder die Ausrede: War’n ja alle Nazis! Also können wir die alten Kamellen einfach weiter lustig finden!

(Und was wäre dann mit Böll? Mit Borchert? Mit Lorentzen?)

Die plakativste und somit übelste Zeile im Song ist:

„Die Würde aber unberührt…“.

Wie soll‘en das gegangen sein? Als Schwuler im KZ?!

Wo hat er denn DIE DDR-Singeclub-Phrase her?

Die Würde ist schon futsch, wenn sie dir den Schädel rasieren; wenn sie dich zwingen, die Hose runterzulassen, bevor du ausgepeitscht wirst; wenn du aus Frauenmangel von kräftigeren Häftlingen „rangenommen“ wirst; wenn du dich das erste Mal überwindest, einem Mithäftling Brot zu klauen – weil du überleben willst, während er nun verhungert; wenn du vor den Wachmannschaften buckelst, auf allen vieren „deine Mütze holst“!

Und dann kommst du raus und „davon“ – und an einem westberliner Gymnasium unter; willst dir eine neue Würde erschaffen, lebst aber gefährlich, als schwuler Lehrer enttarnt zu werden, (dazu fehlt mindestens eine ganze Strophe!) – in den Adenauerjahren – und diese Rotzgören tränken es dir ein… zum zweiten Mal im Leben.

Und zwischen den Zeilen der ersten Strophe schwingt da immer noch mit: Aber schön war sie doch, die Schulzeit voller „Feixen“ und „Faxen“ als „Creme de la Creme…“ Ach diese peinlich vertruxte Altherrensehnsucht nach „Rabaukentum“, wenn doch nur ein paar beleidigende Gääähnwitze zu vermelden sind.

„Ich bin mit meinem Latein am Ende“,

heißt es kurz vor Schluss.  Ja, die Zeile stimmt.

Aber dieser lateinisch angehängten Bitte um Vergebung fehlt der Rührungsfaktor, den Mey in so vielen anderen Songs immer hinbekam: Caspar, Würde des Schweins, Alter Bär ist tot, Schade – dass du gehen musst…

Die Floskeln zu dürr und unangenehm selbstgefällig: Seht – ich büße!

Irgendwann versiegt bei jedem die Schaffenskraft; man wird sein eigener Schatten.

Ich kann all diese Alt-Stars nicht verstehen, die das doch auch merken müssten und immer weiter machen, und ihr Lebenswerk beschädigen.

Ein Jahr vor seinem Tod schoben sie hier bei uns in der Nähe den alten, hinfälligen Johnny Winter auf die Bühne, legten ihm die eingestöpselte Gitarre auf den Schoß und los gings. Im Sitzen und mit altersschwachen Stimmbändern…

Phil Collins macht das grade nach…

Meat Loaf’s letzte Platte …. stimmlich am Ende. Und Songs schreiben konnte er ja noch nie – ohne Jim Steinman.

Und Reinhard Mey kommt die Wortgewalt abhanden.

„20 Uhr“ … „Menschenjunges“ ….. „keine ruhige Minute“ …. „Alles geht!“…. „Leuchtfeuer“… „Flaschenpost“ … Alben für die Ewigkeit.

„Mr. Lee“ gehört nicht dazu, denn auf der befindet sich „Dr. Brand“.

Überzählig – the descent

Bob Mould „the descent“ 2012

Dt. Version: Bludgeon 2021

Das herrliche Video treibt mich gute 2 Jahre um. Hab mir die CD erst jetzt zugelegt. Weil sie jetzt in die Zeit passt. In MEINE Zeit.

Er hats gewusst

2002. Er hats gewusst.

Gibt so Umwälzungen privater Natur, die lassen plötzlich die Weltpolitik klein und hässlich „behind“.

Nix zu Kabul, da kann man eh nur Scholl-Latour nacherzählen und selbst dessen Bestseller haben nichts verhindern können.

Dann die Wahl von neulich. Halt – die war ja erst gestern!

„Steht ein Veganer in der Fleischerei, hat Hunger, aber nur totes Fleisch um sich…“

ja, plötzlich lässt sich sowas ganz kurz abhandeln.

Good Old Bob zerhämmerte mir mit „Workbook“ und „Black sheets of rain“ damals in den ganz frühen 90ern upcoming Nachwendeblues in den ersten „westdeutschen“ Dienstjahren – und nu verschönert er mir den Schluss mit diesem Hammeralbum „Silverage“. Da schließt sich ein Kreis – aufs feinste. Blow it away, Bob!

Ich lief einst los so blöd naiv für ein bissel Traum und Wunder

Anfangs warn noch Blum‘ im Haar, das würde ich heut nicht mehr woll‘n

Das Leben gab mir manche rein, jedoch ich ging nicht unter

Volksaufklärer gabs zu hauf, nur fehlte Lust Tribut zu zollen.

Ich/ glaub/te dir /dein „ach das wird schon“ damals nicht die Bohne

Jedoch sahst du, dein Gift, das wirkt‘ allmählich

Du/ bist/ nun/ auf/ und davon – und ich bin überzählig

Phrasen kamen pünktlich rein
mussten nur verkündet wer’n
ich schlug Haken Tag und Nacht
konnt‘ mich ja nicht mal beschwern

Ich/ glau/ bte/ dir/dein „das wird schon“ nichteinmal

Doch du kamst an – und das war für mich normal

du kannst es sehn in meinen Au‘ng
interpretier mein‘ grauen Bart
ich denke schon, man sieht mir an

der Marathon war ziemlich hart.

Hier/ kommt/der/Sinn, – den ich dir um die Ohren hau:

Du/ weißt/ge-/ nau – was ich mir zu sagen trau:

Meine Spanne is nu um, ich sitze hier in Ruhe rum

Hab manchen Götzen angepisst, werd‘ deshalb nicht sehr vermisst

Ich bin weg und das Salär wird schmählich

Pfeif drauf, ich bin halt überzählig.

Zeit ist um, sind andre dran, auf meine Sicht kommts nicht mehr an!

Nee, darauf kommt’s nu nich‘ mehr aaaaaannnnn!

Ich gewöhne mich allmählich –

Gottlob bin ich nu überzähliiiiiiiiiiiig.

Der Pflichtfilm zum 60. Jahrestag

August’61. Mauerbau. 60 Jahre her.

Ja, da musste der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk mal wieder Wahrnehmung des Erziehungsauftrages beweisen. Wie immer bei Ossi-Themen wurde es eine übellaunig abgedrehte Schnellschnell-Klischee-Parade. Sparsamer Aufwand, schneller Dreh und schnelle Schnitte, senden, abhaken. Eventuell jedes Jahr anfang August wiederholen.

„3einhalb Stunden“

„Es fährt ein Zug nach nirgendwo“… am 13. August 1961. Und die Passagiere dieses Interzonenzuges von München nach Ostberlin haben dreieinhalb Stunden Zeit zu überlegen, ob sie spätestens in Bamberg aussteigen, um „ihre Träume leben zu können“. Im Adenauerland. In den USA von Küste zu Küste reisend. Oder auf dem Eifelturm. Oder weiterfahren, um schmählich im Osten zu verenden!

Du musst wissen: Alle Ossis träumten permanent von Flucht und von Amerika! Für Wessis gilt das als erwiesen.

Der Abspann des Filmes sorgt für den eigentlichen Lacher: Historische Beratung: „Max Musterfrau“.

Ich will den armen Mann nicht bloßstellen, schaut selber nach, wenn euch der richtige Name interessiert. Vielleicht hat er ja richtig beraten, aber man hat der Crew das Budget gekürzt, sodass zeittypische Kledage eben nur für ein Drittel der Akteure gereicht hat. Vielleicht aber ist er einer dieser jungen Leute, die mittels massiver Nachteilsausgleiche ein Abi herbeigeschenkt bekamen und die nicht bestandenen Testate im Studium machte dann die Zeter- und Mordio schreiende Helikopter-Mutter auf den Fluren der Sektionsleitung wett, während die eingeschüchterten Profs hinter ihren Schreibtischen in Deckung gingen. Kein Aufsehen! Wegloben! Ab zum Fernsehen!

Welche Bären kriegen wir hier nun aufgebunden:

Da gibt es eine junge Lokführerin in der DDR, über die ein Dok-Film gedreht werden soll. Aber die junge Dame verhält sich wie die von D-MAX hergebeamte abgespeckte ARD-Version der Checker-Lina abzüglich ihrer Tatoos, wie sie da in Männerunterhemd und Latzhose an der Lok schraubt.

Dann gibt es einen Flugzeugkonstrukteur, der mit Frau und zwei Kindern in München den Zug besteigt. Beide Kinder annähernd gleich alt. So zwischen 11 und 13. Die Tochter Papas Liebling, technisch interessiert und schlauer als der Vater, weil sie spontan ein Transistorradio reparieren kann, welches dann prompt Willy Brandts Mauerbauprotest sendet. Sie nervt zuvor die Leute auf dem Bahnsteig mit einem großen Flugzeugmodell, mit dem sie herumfliegt und immer so „beinahe“ aneckt, während der fasst gleichalte Bruder brav neben Mutti hertrabt.

Also das kann ich aus meiner 60er Jahre Kindheit bestätigen: Was haben wir Jungs gelangweilt und ideenlos in der Sandkiste herumgesessen, bis die spielmachenden gleichaltrigen Kumpelinen kamen und uns via Sandkuchen backen und Gummi-Hopse einen interessanten Tag bescherten! Und später hat mir meine Sandkastengefährtin Conny mit meinem Stabilbaukasten etwas vorgeschraubt und ich habs nachgebaut.

Glaubste nich‘? War bei dir genau andersrum?

Na siehste!

Ironie aus!

Der lustlose Bockie der Familie übrigens hat kurz vor Schluss dann seinen großen Auftritt, als Vater im Westen bleiben will, weil er ein Jobangebot in München bekam. Mutter aber will den verdienstvollen Opa im Osten nicht alleinlassen. Tochter heult und will schon aufs Pilotinwerden verzichten, da kommt Kleinpubi altväterlich kraft seiner 13 Jahre Lebenserfahrung aus dem Muspott und spricht: „Du bleibst mit Papa im Westen und wirst Pilotin. Ich geh mit Mama zurück nach Berlin. Und im Urlaub treffen wir uns in Prag.“ Gesagt getan. Alle zufrieden.

So easy kann das Leben sein!

Dazu dann noch eine Ostberliner Band im Zug (sic! Warum auch immer!), die prima 90er Jahre Existenzialisten-Pop klampft, (Warum nicht gleich Punks mit Iro?) aber seltsamerweise niemanden nervt. Alt und jung kriegen feuchte Augen. Niemand tönt etwas von „Hottentottenmusike“ und „Vernegerung“. Eben alles typisch 1961. Kmmh! Abwink.

Muss ich noch mehr sagen?

Es gibt ein paar Sporenelemente „neuer“ Akzente. Aber die musst du mit der Lupe suchen, wie in Gegenwartsfilmen der DEFA in den 70ern:

Die Frau des Konstrukteurs verteidigt ihren Vater und die Ideale der DDR ohne Schaum vor dem Mund und gar nicht doof wirkend. (Geradezu revolutionär anders!) Aber sie spricht nicht wie eine Mutter, die die Familie zusammen halten will, mittels alltäglicher Argumente; sondern sie doziert die anderthalb Seiten, die der Cornelsenverlag 10.Klässlern beim Thema DDR halt so zugesteht.

Die 4 Leute jener Combo, die kein einziges Mal so genannt wird, sind dagegen unerträglich holzschnitterne Klischeeträger, dass es einen graust. Und vor allem die Dame in gänzlich falschem Outfit!

Immerhin ist hier ein Lob für die DDR versteckt, nur leider ungenügend recherchiert.

Drummer und Basser sind ein schwules Paar. Der Wessi-Historiker hat nu irgendwo gelesen, dass die DDR 1961 keinen §175 mehr hatte, also lässt er das Paar sich gerade so geben und offen reden, wie das heute möglich ist: Was für ein Irrtum! Wie sah es mit der Schwulenakzeptanz in der DDR aus? Der DEFA-Film „Coming out“ von 1989 verrät es! Nix da von regenbogenbuntem Herumgewusel!

Dann fällt ein Satz über die rückständige Schwulengesetzgebung im Westen. Hui! Ein Minuspunkt für den „goldenen“ Westen! Hört, hört! Aber das schwule Musikerpaar entscheidet sich dann doch für genau den, wegen dem Eifelturm und Miles Davis. (Frag mich nich‘!)

„Dreieinhalb Stunden“ reiht sich ein in jenen unsäglichen Reigen aus „Honigfrauen“, „Unsere besten Jahre“, „Ballonflucht“… Klischeefernsehen at it‘s schlimmst.

Weil sich Wessis halt ihr Ossibild so angelesen haben -in IHREN Quellen- und ohne mit ihnen zu reden.

Es lebe das GEZ-Qualitätsfernsehen, das völlig verlernt hat, in seinen vielen, vielen C-Filmen zu Themen der jüngeren Geschichte, zeittypische Atmosphären zu erschaffen.

Filme wie „Gundermann“ und „Wunder von Bern“ beweisen, dass da eigentlich mehr gehen würde, wenn man nur wollte.

Uns’re Besten (Epilog)

So Opa. Wunschgemäß der dritte Törn.

Yep. Am besten du sabbelst nicht dazwischen, ich laber‘ das herunter, dann sind wir schneller fertig.

Hm. Wie du meinst.

Nich einschnappen. Ich muss bloß zuviel Kontext erklärn, sonst verstehen ja alle die, für die das Thema Neuland is‘ Bahnhof. „Was für ein kurioses Zeuch?! Und das findet der gut?!“ Das will ich vermeiden.

MEISTERWERKE  –  Die  die  Wende  möglich  machte

So nu simmer nach 1990 angekommen. Da dachte ich, dass ein paar kulturpolit-Schäden der Vorwendezeit ausgebessert werden würden. Im Interregnum 1990, als die DDR bereits im Hospiz lag, erschienen tatsächlich schnell mal vorher nicht für Klassenstandpunkt kompatibel befundene Alben: Eine Debut-LP von Sandow, eine von den Skeptikern und die 1982 fertig produzierte, aber in letzter Sekunde doch noch verbotene „Paule Panke“ von Pankow.

Gundermann, Keimzeit und Rammstein machten Karriere.

Mich freute es und ich glaubte, das würde so weitergehen. Aber –

Es wurde viel vertan:

Wie wär’s, mal die 74er Renft-LP unzensiert herauszubringen?

Oder auf der Debutplatte die ungekürzte 10 Minutenversion von „Zwischen Liebe und Zorn“ zu ergänzen?

Verboten wurden Renft 1975 anlässlich der Präsentation ihrer 3. LP, die dann niemals erschien, warum erschien die seither nicht?

Warum erschienen zwei lustlos zusammengehauene Renftsampler mit akustisch katastrophalem Demokram ohne Nachbearbeitung? Die Texte wären es wert gewesen!

Wo blieben LPs von Bürkholz-Formation, Zwei Wege, Simpel-Song (Frühwerk), FoJa’s „Kerouac-Projekt“, Tramperhymnen von Löwenzahn, Wandersmann, Wind-Sand-und Sterne, und-und-und?

Leerzeichen all over. Dies alles geschah nicht.

Wie wir alle wissen, die es damals erlebt haben, war das Ossivolk in Bezug auf die Ostbands ein treuloses: Gute 5 Jahre nach der Wende spielten die ehemaligen Paradiesvögel vor leeren Rängen. Erst ab ca 1995 schlug die Stimmung wieder um. Nun wurde doch dem ein oder anderen Deppen bewusst, dass er da SEINE EIGENE Geschichte verdrängt, wenn er meint, Pankow, Rockhaus, Stern Combo vergessen zu können.

Außerdem war mal vor einiger Zeit ein interessanter Essay im Netz zu lesen, der Klartext beschrieb, wie sehr der Ostdeutsche Rundfunk unter West-Kuratel gestellt war und außer Puhdys, Karat und Ute Freudenberg kategorisch gar nichts von den alten Ostbands spielen durfte. Wegen ehemaliger „Systemnähe“. Das entschieden durchweg Westintendanten. Welcome in Neil Youngs free world!

Der meinte das auch zynisch! Das ist KEIN Jubelsong!

Aber Radio Rockland und Dieter Birr sei Dank, dass es nicht so blieb. Der Privatsender Radio Rockland (Sachsen Anhalt) gründete sich in den 90ern und lud Dieter Birr als Promi ein, zwei Stunden lang eine Sendung zu gestalten. Der kam und spielte alle seine Kollegen. Also quasi „Verbotenes Zeug“. Und dann ertrank der Sender in Zuschriften: Mehr davon! MEHR DAVON!

Buschfunk, Löwenzahn, Sehzehnzehn, und endlich auch die BMG, bei der der Löwenanteil des Amiga-Erbes nach mehrfachem Herumgeschleudere gelandet war, ließen nun CDs pressen. Buschfunk förderte auch Bands, die vor 89 chancenlos waren, Platten machen zu dürfen. Sechzehnzehn veröffentlichte vorallem vergessenes Frühwerk etablierter Bands aus Hallo-Sampler-Tagen. Die BMG begann alte Band-LPs auf CD herauszubringen, schmiss den Markt aber vor allem mit einer Flut stümperhafter Kompilationen a la „Das (angeblich) Beste aus der DDR“ zu.

Viele der Sampler und Themenreihen taugen leider nichts, weil man hier (westdeutsch übersetzt) allzuoft Max Giesinger mit den Scorpions und Doldinger zusammen warf. Aber die eine oder andere Perle ließ sich finden, so „right out of the dirt“.

Hier nu meine 5 Favoriten. Nuggets from the Past.

Platz 5:

4 PS4 PS „Blues für ein Mädchen“; da merkste schon die bescheuerte Namensgebung der Macher!

4 PS „Alle Zweigroschenlieder“ oder „Die Nachtigall-Sessions“ oder „Das Erbe der Märchenfee“ wären Titel gewesen, die ebenfalls auf ihre Hits Bezug nehmen und intelligenter geklungen hätten.

Egal. Es is‘ne gute CD, die die Nuggets des einen Jahres 4 PS Existenz enthält, die AMIGA vor der Wende keine LP wert waren. Eine der vielen Blödheiten damals. 4 PS – das war die Franz-Bartsch-Band, die die Vroni Fischer begleitete. Die hatten sich nach der 2. LP mit ihrer Frontfrau überworfen und traten nun ohne sie auf. Die Fischer brachte zeitgleich ihre 3. LP mit lauter Newcomern heraus und ließ sich ihre Songs von Thomas Natschinski schreiben. Bartsch erntete viel Lob, das „Zweigroschenlied“ viele Preise, die anderen Songs viel Airplay und gute Mittelfeldplätze in den „Wertungssendungen“.

Obendrein wurden die seltenen 4 PS Konzerte sehr in den Himmel gelobt, für lange Improvisationen in Fusion-Manier. Wo bleiben Live-Mitschnitte von sowas?

4 PS, das sei die Supergruppe der DDR, so eine Art Toto, weil die Musiker allein oder zusammen auf allen möglichen Schlagerplatten aushalfen. Sie seien die Lokomitiv GT der DDR, weil alle 4 gleichrangig nebeneinander stünden.

Ihre Texte kreuzbrav, ohne Widerhaken, (mancher knapp am Fremdschämen vorbei) aber die Musik eben schöööööööön!

Nach einem knappen Jahr – Aussöhnung mit Vroni. Die 4. LP „Goldene Brücken“ entstand 1979. Ein Longtrack unter dem Namen 4 PS wurde parallel noch veröffentlicht, „Träume wie Segel“ 1980, dann war wegen Westflucht – Finis. Aus der nicht abgehauenen Rest-Band wurde Pankow mit eigener Erfolgsgeschichte.

Platz 4

das debutStern Combo Meißen (1995). Das eigentliche Debut. Ein Konzertmitschnitt von 1976. Abgesehen von Silly’s „Zwischen unbefahrenen Gleisen“ der einzige Fall des nachträglichen Veröffentlichens einer ehemals „verbotenen“ Platte. Die Band war mit ihrem Debut (der ersten live-Platte der DDR) angekündigt gewesen für 1977. Man wartete vergebens. Dann erschien 1978 etwas, was zwar live war, aber ihren großen Hit „Finlandia“ nicht enthielt. Medial waren sie für dieses Werk schon reichlich gepriesen worden, aber dann war Biermann vor. Die Adaption enthielt einen gesungenen 4 Zeiler am Schluss, in dem das Wörtchen „frei“ vorkam. Und Anfang 77 lief immernoch das Biermann-Beben in der Ehemaligen. Und wenn man so ein Wort verbietet, dann denken die Leute auch gleich nicht mehr dran … Kommt dir das 2021 bekannt vor? 1995 erschien nun das richtige Konzert von damals mit „Finlandia“, mit „Wenn ich träume“, mit der Adaption der „Rhapsody in blue“ … Damit hat die Band eine „48“, die sie betraf, ausgeräumt. Ein herrlicher Livemitschnitt. Eine Band auf ihrem Zenit.

Platz 3

LackyReinhard Lakomy „Das Beste“. Eine zeitlang auch unter dem Namen „Die Immerwiederlieder“. (Aber eventuell war letzteres auch eine Neueinspielung.)

Mitte der 70er Jahre hatte Lakomy ein eigenes Ensemble mit Band und Kreischweibern. Er war also sowas wie der Les Humphreys, Reinhard Mey und (stimmtechnisch) Joe Cocker der Ehemaligen. Außerdem war er ein stures Unikum. Ein gestandener Jazzpianist, der sich seine Sporen bei Klaus Lenz verdient hatte, und ein einfallsreicher Arrangeur, was all die musikalischen Widerhaken betraf, die viele seiner Lieder auszeichneten. In den 80ern wurde er dann noch der Edgar Froese oder Klaus Schulze der DDR, indem er gesanglich verstummte, aber interessante elektronische Musik erzeugte. Um die geht’s hier aber nicht.

Zu Ensemble-Zeiten hatte er viele Erfolge, denn er war mit Fred Gertz eine Symbiose eingegangen, die fast Züge einer Therapie gehabt haben muss: Er beichtete bei Gertz sein Leben und Gertz machte daraus Songtexte. Ergebnis: Alles kam so echt rüber, wie selbst geschrieben.

Aber er machte daraus leider Scheiß-LPs, weil er auf allen dreien „die Lütte“ singen ließ. Angelika Mann war eine von den 3 Backgroundlerchen und, wie es heißt, die Janis Joplin des Ostens. Was sie aber auf den LPs da singen musste, das waren – extrem weit weg von Janis – immer die Graupen der Platte. Ihr Ruf passte überhaupt nicht zu diesem üblen Schlagerkram. Somit war keine LP-Seite genießbar. Auch gab es unter Lackys eigenen Liedern Billigware, die es zurecht nicht auf die großen Erfolge geschafft haben.

Zwar hatte es 1978 bereits eine LP „Die großen Erfolge“ bei Amiga gegeben, aber diese hier bietet eine deutlich bessere, ergänzte Zusammenstellung der wirklich erhaltenswerten, brauchbaren Teile. Mehr als die braucht man aus jener Phase nicht. Der hier nicht enthaltene Rest kann nur enttäuschen.

Platz 2

die KultsongsRenft. „Zwischen Liebe und Zorn“(1995). Irgendwer, vermutlich nicht die immer zankende Band selber, brachte es fertig, die brisanten Songs und ein paar Hits auf eine CD zu kompilieren, die somit auch komplett durchhörbar ist. Obwohl: Von „Sonne wie ein Clown“ gibt es hier eine Liveversion von 1975, die zwar eine brisante Ansage einschließt, aber ziemlich unausgereift, rumplig klingt. Die Pannach&Kunert Version der ersten West-LP ist deutlich schöner.

Aber: Hier gibt es Liebe und Zorn, Ottoballade, Glaubensfragen – und – jene wunderschöne Helpless-Coverversion mit deutschen Text, die man bisher höchstens aus dem Renftfilm „Saitensprünge“ kennen konnte, und wer hat den schon gesehen?! Wie sich später erst zeigen sollte, gab es noch weiteres Material, aber der Inhaber, vermutlich Klaus, hatte immer noch nicht begriffen, wie man das hätte vermarkten können.

Platz 1

wind sand und sterneEin großer Unbekannter: Stefan Gerlach un Waaggefährten – Wind Sand und Sterne (1995);

Die Kunden- und Tramperszene der Ehemaligen, die Vogtland-Blueser kannten und kennen ihn. Eine Aarzgebirg-Institution. Der Neil Yong der „Südstaaten“. Gerlach tourte mit seiner Truppe „Wind Sand und Sterne“, wie mindestens ein Dutzend andere Bands zwischen Dresden und Wasungen/Thüringen hin und her, vorwiegend im Raum Ebersbrunn – Zwickau. Ohne je im Radio gewesen zu sein, ohne „Einstufung“, deshalb ohne Platte. Es heißt, er habe zu Ostzeiten hochdeutsch gesungen. Nach der Wende dachte er sich in Erinnerung an Anton Günther, den Erzgebirg-Barden der 20er und 30er Jahre: „Was Bap können, gannich a!“ und vererzgebirgte seine alten Lieder genauso, wie seine neuen.

Ein Zufallsfund beim großen Anbieterkraken: Eine Nachwende-Debut-LP; dank Löwenzahn-Label möglich geworden. Die Stimme im ersten Moment gewöhnungsbedürftig, aber das ist die vom Onkel Neil ja auch. Hörenswert! Die hausgemachten Byrds- bzw. Neil Young-Klänge und diese Volltreffer ins Lebensgefühl meiner Generation. Gänsehaut.

Wenn du Ossi bist: Mix was aus den Fünfen und du kriegst Heimatgefühle par excellence.

Wir alten Säcke meinen die Heimat – nicht den Staat!

Es is okay su in sanner Spur.