Ein Hauch von Amerika

Viel ist schon geschrieben worden über diesen Film. Ich hab ihn nun auch gesehen. Hier also mein Senf zum Thema:

Ein schönes Filmmärchen in 6 Teilen a 45 Minuten; arrangiert um einen wahren Kern.

US-Rassismus in einer Pfälzer Garnison 1951-52 herum. Der Name Kaltenstein für den Ort -deucht mir- geschickt gewählt. Schön anzusehende Story von zwei deutschen Freundinnen aus sehr unterschiedlicher Familie, die eben das Leben entdecken.

Eine blonde, arme Goldmarie, die alles kann und deshalb auch einen schwarzen GI liebt, der es ehrlich meint und der nicht nur das schnelle Fraulein-Abenteuer will. Und eine rothaarige, spätpubertierende, „lebenshungrige“ Tochter des Bürgermeisters, die in einer Suffnacht von drei weißen GIs missbraucht wird, woran sich das gefährliche Unterfangen einer illegalen Abtreibung schließt, welches zu lebenslanger Unfruchtbarkeit führt.

Maries Vater, der alte Kastner, gibt den versoffenen, einfachen Bauern. Sein Vollbart in Verbindung mit der Seitenscheitelmähne ist gleich zu Beginn des Films das erste, was Verwunderung auslöst: Wie kommt dieser Typ „trottliger Iwanuschka“ als freier Bauer 1951 in die Pfalz? Da Marias Gretelfrisur entfernt an Frau Timoschenko erinnert, war sofort meine erste Assoziation da. Die klassischen Sowjet-Märchenfilme aus Professor-Flimmrich-Zeiten feierten ein Deja vu, made by ARD:

Wassilissa muss ihren braven Wanja finden, der erst durch einige Gefahren muss, bevor er sie kriegt, weil Väterchen Frost hilft, die Schufte zu bremsen. Nun ja – Wanja ist hier schwarz und heißt George Washington und Väterchen Frost heißt hier Colonel McCoy, aber auch er kann zaubern und macht Unmögliches wahr:

  1. Die pampig auftretende, zerlumpte Maria im ersten Teil, deren langhaariger Vater gerade US-Landvermesser auf seinem Acker verdroschen hat, erwählt er prompt aus Mitleid zur Haushaltshilfe für seine vornehme Frau, die somit mehr Zeit zum Saufen hat. Diese wiederum lässt Maria erstmal duschen und sich neu einkleiden, sodass aus der unscheinbaren Maria eine schöne Wassilissa werden kann.
  2. Der zweite Zauberstreich des großen weißen Wohltäters McCoy betrifft den Mariavater selbst: Wenn du US-Army-Angehörige verdrischt, dann wirst du hinterher gut bezahlter Baustellenleiter der US-Army. Papa Kastner erhält als Ausgleich für enteignetes Ackerland eben diesen Job.
  3. Zauberstreich endlich imTeil 6: McCoy und seine Frau können von Marie glücklich erpresst werden: Damit die McCoys nicht vor den McCarthy Ausschuss müssen. Weil Mrs. McCoy nachweisbare gute Kontakte in die Künstlerszene Ostberlins hat, müssen die McCoys den unter falschem Verdacht inhaftierten George Washington nicht nur laufen lassen, sondern in Colonels Dienstwagen auch noch zum Bahnhof bringen, damit er und Marie ihre Reise „ins Glück“ antreten können. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann feiern  sie noch heute bis an ihr Ende…

Nunja.

Es stimmt, dass das Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß in den USA der 40er und 50er Jahre mit Apartheid noch ganz gelinde und zutreffend beschrieben ist. Das schonungslos zu zeigen, ist 2021 nicht mehr neu. „Flucht in Ketten“ setzte da 1958 Maßstäbe und ähnliche Filme gibt es zuhauf.

Die verdienstvolle amerikanische TV-Serie „Roots“ wurde in den späten 70ern ein Straßenfeger in beiden Deutschlands: Sie leitete all die bis heute fortlebenden Verwerfungen historisch her und erweiterte somit Horizonte.

Letzteres tut „Ein Hauch von Amerika“ mMn nicht. Aber „Black lives matter“ is up to date!

Wie bereits gesagt, waren es schön anzusehende 6 Teile, die wenigstens nicht diese schnellen Schnitte hatten, die den ohnehin fragwürdigen Inhalten von „Unsere wunderbaren Jahre“ den Rest gaben.

Der Maria Kastner gelingt es, trotz dramaturgischer Überladenheit, immerhin nicht allzu emanzipert herumzupowern, wie das die jüngste der 3 Schwestern in den „Wunderbaren Jahren“ tat.

Aber pädagogisch überladen bleibt auch ihre „starke Frauen“-Rolle:

Sie muss sich rasant entwickeln, vom dummen Bauernmädchen zur do it yourself english sprechenden Haushilfe bei Colonels. Sie muss für ihren GI Porgy die weiße Bess sein. Sie muss sich von Mrs McCoy für Tschechow und abstrakte Malerei begeistern lassen. Sie muss begreifen, dass ihr in der Pfalz mit ihrem traumatisierten Heimkehrer (mit dem sie verlobt ist) nur ein elendes Hausmütterchenschicksal droht – und dass es deshalb besser ist, mit schwarzem GI nach Ostberlin zu gehen, um Grafikerin werden zu können. Ächz! Und Fahrrad fährt sie auch noch!

Immerhin kein Lastenfahrrad! Also ökologisches Prophetentum bleibt mithin ausgespart!

Ihr Porgy-Wanja-George hingegen bleibt als Figur im Film unterfordert. Das beste ist noch die Namenswahl: George Washington. Somit steht er als Schwarzer für das bessere Amerika und all die Werte, die da 1951 schon rund 200 Jahre in der Verfassung stehen, aber bis heute nicht vollständig Wirklichkeit geworden sind. Im Weiteren jedoch ist er beileibe kein Prä-Martin Luther King oder gar -Malcolm X. laut Drehbuch muss er immer nur brav gucken, Liebesbeteuerungen und Entschuldigungen stammeln und sich von einem weißen „Sardsch“ schikanieren lassen. Er verkörpert das mitleiderregende, arme Negerlein -Onkel Toms Hütte Style- par excellence.

Ich wartete regelrecht darauf, dass ihm im Dialog mit seinem weißen Schinder-Sergeant auch noch „Massa“ herausrutscht.

Somit spielen die Strolch-Figuren echter und besser als die zu eindimensionalen Bilderbuch-Helden George und Maria.

Einfach, weil da für sie mehr Freiraum ist, real sein zu dürfen – mal nett, mal biestig, mal schmierig angepasst.

Familie Strumm:

Vater Nachkriegsbürgermeister: Entnazifizierter Ortsgruppenführer und Arisierungsgewinner von einst, nun neuzeitlich gewendeter mauschelnder Geschäftsmann, der den Amerikanern Kasernen baut.

Mutter: Bigotte Musterkatholikin; passend zur Zeit, dauernd mit dem Pfarrer Kaffee trinkend.

Sohn Siegfried: starren Blickes soeben aus russischer Gefangenschaft zurück gekehrt; traumatisiert.

Erika: Das lebenshungrige Flittchen, wenn man es wohlwollend ausdrücken will.

Hinzu kommt noch die Standort-Hure Martha, die Erika in der Besserungsanstalt bei den Nonnen kennenlernt.

Aber so einiges fehlt eben, um aus den 6 Teilen das TV-Ereignis zu machen, das es sein will:

Vorallem fehlen – ALLE Zwischentöne.

Alle Weißen (außer Maria und ihrer Mutter) sind dumm oder falsch oder rassistisch, bzw. alles das auf einmal.

Alle Schwarzen sind – brave, arme Märtyrer.

Die beiden Familien Kastner und Strumm sind wie zwei Robinsonfamilien in Kaltenstein angelegt, da außer dem Pfarrer (für insgesamt 7 oder 8 Sätze in 6 Filmteilen) keine weitere Nebenfigur irgend eine Bedeutung erlangt und somit die Möglichkeit einräumt, dass der Ex-Bonze Strumm mal mit ein paar alten Kameraden Sprüche über „den Ami, den Tommi oder den Iwan“ klopfen könnte. Oder dass der traumatisierte Siegfried auf ebenfalls versehrte Klassenkameraden träfe, oder von alten Vorkriegsidolen schwärmt, um irgendwo wieder anknüpfen zu können. Stattdessen weiß der, als erwachsener Sohn, 1951 nicht einmal, dass seine Familie eine enteignete Juden-Villa bewohnt! Hat der erst Erinnerungen ab Einberufung?

Somit wird darauf verzichtet, ein reelles Bild der postfaschistischen Gesellschaft der Adenauerzeit zu erzeugen, wo Russen- und Bimbo-Witze umgehen, einschlägige Büttenreden gehalten werden, alte Liedfetzen im Suff erschallen oder gar ein paar Vertriebene (als Zwangseinweisung irgendwo im Ziegenstall untergebracht) gerade Lastenausgleich empfangen und beneidet werden.

Kaltenstein bleibt leblose Kulisse.

Was aber vor allem fehlt, ist der Aspekt der Besatzerkinder. Hier verschenkt das Drehbuch das meiste Potential.

Erika wird zwar geschwängert, aber a) von Weißen und b) wird das Ergebnis ja „weggemacht“.

Maria wird nicht schwanger, flieht also unbelastet mit „Wanja“-George ins Märchenland/Ost.

Wenigstens Martha hätte ein schwarzes Kind gebären- und Spießruten laufen müssen, wenn da ein bissel auch deutsche Nachkriegsbrisanz einbezogen worden wäre.

Hierin sehe ich die Hauptschwäche des Drehbuchs.

Fassbinders „Ehe der Maria Braun“ (1978) bleibt bis auf weiteres der bessere Film zum Thema „Chasing Frauleins“; und „Roots“ die bessere Serie zum Thema Rassismus.

Als Nachkriegsfilm besser als die „wunderbaren Jahre“, deshalb in Schulnoten eine glatte 3.

16 Gedanken zu “Ein Hauch von Amerika

  1. Ich habe mir den Drei- oder Sechsteiler auch angesehen und war vom Schluss recht enttäuscht. Klischee pur. Ich hätte es noch hingenommen, dass Marie ins Unbekannte aufbricht, weil es nichts mehr gibt, was sie noch in Kaltenstein hält. Aber ich hätte es in Kauf genommen, dass George noch weiterhin gemobbt wird und unglücklich in die Staaten zurückkehrt. Ohne Mary, natürlich.

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    • Eben. Ein schönes Märchen. Realismus geht anders. Aber in unseren Zeiten werden viele dieses „Werk“ für realistisch halten. Einfach weil es Mode ist, und Grundwissen und Courage zum sachlichen Widerspruch aussterben. Dumme Brüller gibts genug. Naiv Gläubige auch. Die Zwischentöne fehlen der Wirklichkeit und dem Film. So gesehen, isser dann doch wieder realistisch.

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  2. Toll beschrieben: ja – es hatte sehr viele Klischees – und der Film war so sehr sauber fotografiert.
    Die Hausecke mit der Kneipe von mehreren Seite war vermutlich die Lieblingslocation, hatte etwas von Theaterkulisse.
    Als Abendunterhaltung aber „schön“.

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  3. Ich schau mir schon länger keine Mehrteiler mehr an, da ich meist irgendwelche Teile versäume und dann regts mich noch mehr auf. Der letzte Mehrteiler war letztes Jahr über die Weihnachtstage, das war diese Dystopie aus dem United Queendom, Years and Years. Gefiel mir gut. Und hatte was Reales….

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  4. Interessant geschriebene Kritik. Ich bin nun auf die sechs Folgen neugierig geworden und gespannt. Zumal ich die pfälzer Mentalität aus eigener Erfahrung gut kenne und die Besatzungsgeschichte mir leidlich bekannt ist.

    PS: Die filmische Umsetzung der „Katharina Blum“ haben in Kooperatiion Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta besorgt.

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  5. Sodele, gestern habe ich alle sechs Folgen nacheinander gesehen. Zu Deinen kritischen Anmerkungen könnte ich jetzt noch ein ganzes Sortiment hinzufügen.
    Seis drum, denn diese Serie sollte seichte Unterhaltung in Zeiten der Pandemie sein. Um es freundlich zu umschreiben. Und das einzige gesprochene Dialektwort in den sechs Folgen war ausgerechnet aus dem Saarland…

    Ich habe mir danach noch die eigens zur Ergänzung dieser Serie gedrehte Dokumentation angesehen. Diese ist mMn quasi als Beweislieferantin für die Serie angefertigt worden. Die Serie ist in Baumholder gedreht worden. Und es werden Sachverhalte gezeigt, die sich in meinem Umfeld so garnicht abgespielt haben. In den 1950er Jahren nicht und zu meiner Zeit in den 1960er auch nicht. Ich bin groß geworden mit us-amerikanischen Besatzungseinheiten verschiedener militärischer Gattungen in meiner Umgebung. Die einzigen Übereinstimmungen waren beispielsweise: 1. die Rechtlosigkeit gegenüber Angehörigen der Besatzungsmacht bei deren Gesetzesübertretungen; 2. lag meist Ärger in der Luft, wenn Besatzungssoldaten von Mädchen zu „unseren“ privaten Parties eingeladen worden waren.
    Insofern krankt die Serie auch daran, dass ein bestimmter Ort mit einer bestimmten Struktur beispielhaft für alle damals (und heute noch immer) besetzten Orte herhalten muss. Historische Fehler reihenweise.. .

    Um es positiv zu formulieren, was mir ohnehin wichtiger ist: Man kann sich derlei seichte Unterhaltung ansehen, wenn es den Betrachter zum recherchieren und nachdenken anregt. Das hat die Serie in meinem erreicht. Historisch ist sie ziemlich wertlos, da sie an Anfang in vielen Bereichen fehlerhaft ist. Die Ausstattung fand ich weitgehend gelungen. Auch wenn verarmte Bauern nicht auf dermassen grossen Höfen sassen. Und in der Pfalz schon garnicht.

    Dennoch danke für den Hinweis auf die Serie. Im Gegenzu empfehle ich zur Entspannung die ollen Weihnachtsvierteiler (https://de.wikipedia.org/wiki/Abenteuervierteiler)

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    • Sieh mal einer guck: Du NOCH kritischer als ich! Ja, dass man die Mängelliste schier unendlich erweitern kann, steht außer Frage. Ich hab mich auf ein paar -in meinen Augen- Hauptmängel beschränkt, weil ichs trotz allem irgendwie anheimelnd fand. Mag die Wassilissa-Kinderzeit-Assoziation gewesen sein, oder auch die Schadenfreude, dass 60er Jahre Propagandastreifen Osteuropas a la „4 Panzersoldaten und ein Hund“(Polen) zwar Blödinn waren, aber von uns Halbwüchsigen gerne geguckt wurden. –
      Ja – und nu is‘ der Westen auf dem Niveau von Scharik und seinen 4 Herrchen im Panzer „Rudi“ angekommen. Grins.

      Qualitätsfernsehen, wie jene alten 4-Teiler sind heute von ARD und ZDF nicht mehr zu erwarten.

      „Ku’damm’56“ fing mal gut an, wurde in den späteren Folgen dann aber auch zu plump pädagogischer Klischee-Rallay.
      Zuviel woke-correctness-(Selbst-)Auflagen-Quälerei,; zu fanatische Selbstverpflichtung auf Feminismusapologetik; mithin Geschichtsverzerrung.

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      • Nachtrag:

        Ich hatte es bereits angekündigt. Wenn „1913“ ein gelungenes Werk war, so ist „Liebe in den Zeiten des Hasses“ ein weitaus größeres und schillernderes Panoptikum. Vierhundertvier Seiten Text und sechsundzwanzig eng bedruckte Seite Bibliografie und Register machen neugierig und reizen zu weiteren Vertiefungen. Es geht um Liebesbeziehungen jeglicher Art und Ausprägung. Die zunehmende Bedrohung durch das Erwachen des Leviathans wabert eher im Hintergrund und der Text wird gegen Ende des Buches deutlicher, aber er beherrscht den Leser nicht.

        Die kurzen Stücke (lediglich zwei sind länger als eine Seite) sind trefflich formuliert und hervorragend arrangiert. Sie rufen öfter ein Schmunzeln hervor.

        Sehr lesenswert.

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      • Falls Du Lust und viel Zeit hast, schau dir die erste Staffel der „Heimat“ von Edgar Reitz an. Die zweite Staffel ist mMn zu lange geraten. Die dritte ist was für Liebhaber dieser Jahrzehnteserie. Mauerfall und Liebesgeschichte; sehr autobiografisch. Aber das war bereits in der zweiten Staffel präsent. Die Münchner Studentenjahre…

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      • „Heimat“ sollte ich wirklich mal eine 2.Chance geben. Ende der 70er lief irgend eine Staffel davon. Damals waren das langweilige Zustände irgendwo im „Ausland“. Nach einer oder anderthalb Episoden haben wir das als Familie dann nicht mehr weitergeguckt. – Aber inzwischen bin ich ja „reifer“.
        Was aber in Erinnerung geblieben ist: Da wurde Dialekt gesprochen. Eine eigenartige Krankheit der jetzigen Filmstagnation ist ja diese „Angst vor dem Dialekt und vor dem Alltagshumor“. Da fehlt völlig was! Dem Volk wird nicht mehr aufs Maul geschaut. Nur noch erklügelte Erziehungspredigten vom weltabgewandten Redaktionstisch in Dialogform. Ein Graus.

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