Parabelritters Sternenklang

Woran merkst du, dass der Alterungsprozess nun unwiderruflich eingesetzt hat? Du hast endlich die Million auf dem Konto? Du bekommst eine fragwürdige Diagnose bei der Vorsorgeuntersuchung? Du magst plötzlich SUV’s „wegen dem hohen Einstieg“? Du beneidest den Wendler? – Nein – das ist es alles nicht. Ich sag dir, worüber du erschrecken solltest, wenn du zur Generation „Babyboomer“ gehörst: Du interessierst dich plötzlich für Wishbone Ash!

Alarmsignal! Die waren gitarrentechnisch zwar immer gut, hatten oft auch brauchbare Texte (wenigstens, was die 70er Jahre ihres Schaffens betraf), aber die hatten auch immer schon diesen Weicheiergesang, der aufkommende Begeisterung nie recht überkochen ließ.

„Wie issn deine Wishbone Ash Live Dates?“ fragte ich einst den Sperber-Thomas.

„Hm, naja, irgendwie wissense nich, ob se Eagles oder Led Zeppelin sein wolln.“

Ich borgte sie mir trotzdem. Wir schreiben das Jahr 1983. Rumsplautz-Zeiten; international Phil Collins Ära. Zu Hause Spliff und Mitteregger. Da klang fast alles von vor’75 antiquiert! Somit zündete der Doppeldecker der „Wunschknochenasche“ bei mir auch nicht so richtig. Ich kürzte die Angelegenheit auf 45 Minuten. Mehr Tonbandplatz wollte ich nicht opfern; und war’s zufrieden.

Bis auf eine Handvoll Songs der „Front Page News“ LP kannte ich zuvor nichts von denen. Weil nun aber „In the fire the king will come…“ und „Through down your sword“ diesen Historien-Touch hatten, bekamen sie diese „unter ferner liefen“ Chance. Aber die Botschaften hätten einen Cocker, einen Noddy Holder oder einen McCafferty am Mikro gebraucht! Naja.

Dann gingen die Jahre so drüber hin.

Mit nicht ganz 60 spürst du mehr und mehr, dass dir der Job zum Halse -äkmh- alles abverlangt. Dass du die CD auf dem Weg zur Arbeit wochenlang nicht mehr wechselst, weil du entweder gar keine Mugge mehr einschaltest, oder sie auf „Zahnarzt-Wartezimmer-Beschallungslevel“ leise laufen lässt und somit eh scheißegal ist, was läuft. An den Standort der Anlage im Arbeitszimmer kannst du dich kaum noch erinnern. Da naht endlich die Urlaubszeit und du zwingst dich zum Aufrappler: Ein Cut muss her! Irgendwas, was noch interessant genug ist, ergründet zu werden und die jüngste Vergangenheit verdrängen hilft.

Nun ist die derzeitige Musikszene ja eine echt eierlose Angelegenheit. Glaubst du jedenfalls. Was dir auf unvermeidbar langen Pflichtbustouren so im Dudelfunk geboten wird, gleicht akustischer Körperverletzung. Einen Überblick über spätabendliche Kennersendungen hast du längst nicht mehr. Internetradio? Zu kompliziert, die richtige Sendung a) zu finden und b) zum Laufen zu kriegen, ohne gleich wieder den halben Gombjudor ummodeln zu müssen. Also streife ich so durch Angebote diverser Online-Anbieter von mehr oder weniger bekannten Namen „meiner Zeit“ und lande bei – Wishbone ash. davDa gibt es plötzlich eine live-Geschichte von der „Front page news tour“ – „Glasgow 1977“! Peng! Und die hat „Front page news“, „Come in from the rain“ und „Good by Babe, hallo friend“ im Gepäck! Soundtechnisch sehr okay! Und um die Sache rund zu machen, und weil die „There’s the rub“ gerade nicht erhältlich ist, gibt’s die „No smoke without fire“ gleich mit dazu, weil unter den Live-Bonussen, der „Bad Weather Blues“ schon in den Hörproben gut losgeht. Als das alles ankommt, gefällt es und ich beschließe, den Sommer zur Wishbone-ash-Saison werden lassen zu wollen. Verblüffenderweise stört der Gesang gar nicht mehr so sehr wie früher. Aber:

„Da machst du einen Plan und bist ein großer Wicht. Dann machst du noch’n Plan – gehen tun beide nicht.“ (Brecht).

Es sollte anders kommen.

Der zweite Plan sah vor, eine bescheidene Kurzurlaubsfahrt nach Weimar zu unternehmen. Nicht wegen Goethe; nicht wegen Schiller und auch nicht wegen dem KZ, – sondern als quasi Relaxing-Tour für zwei abgekämpfte Werktätige, die sich bei hoffentlich schönem Wetter stressfrei von Café zu Café die Schillerstrasse hoch und runter arbeiten-, durch den Ilm-Park schlendern-, vielleicht ne ihnen unbekannte Burgruine sichten und durchstreifen wollten; und als Höhepunkt das „Blackmore’s Night“ Konzert von Merseburg noch mitnehmen. Töchterlein hütet dankeswerterweise Haus und Hund, der langsam in die Jahre kommt, wo diese Hitze-Marathon-Touren vermieden werden sollten.

btyRichie Blackmore ist nun nicht gerade eins meiner Idole gewesen, aber er gehört schon auch noch zu den „still standing Heroes“ der großen Zeit der Rock-Ära. Seine Entscheidung, vor Jahren den Selbstkopie-Bettel bei Deep Purple hinzuschmeißen, sich Wendler-mäßig familiär neu zu orientieren und mit Ehefrau Nr.4 dieses „Ougenweide 2.0“ Ding durchzuziehen hatte was und war auch eine. Candice Night ist stimmlich so dieses Mittelding aus Maddy Prior und Annie Haslam und äußerlich ne Stevie Nicks. Dass die Liaison schon 20 Jahre hält, erstaunt mich, als sie’s erzählt. Youtube hat reihenweise Livemitschnittschnipsel von Auftritten in Burghöfen – und da passte der von Merseburg wirklich sehr gut dazu.

Aber meine Laune nicht. Von Stressfreiheit war bis eine Minute vor Konzertbeginn nichts zu spüren. Diverse Kapriziösen trugen sich zu und mussten trotz innerem leerem Akku verdaut werden, so dass ich schließlich erschöpft am Rand auf so einer eisernen Kellerfensterabdeckung saß und mir die historische Kulisse und der „Weimarbackground“, von dem wir kamen, lediglich noch das Götz von Berlichingen Zitat eingab. Und zwar auf die ganze Welt bezogen! Das „Runterkommen“ dauert eben. Nicht umsonst schreiben sich Journalisten aller einschlägigen Onlineportale zu Saisonbeginn die Finger wund: „Warum uns die ersten Urlaubstage überfordern“. Diesmal war ich mit von der Partie.bty

Das Konzert selber war wohl ein gutes. Halbe Stunde zu spät begonnen, aber dann 120 Minuten gute Musik. Candice Night moderierte reichlich zwischen den Songs, hielt ihren alten Mann bei Laune, der manches Stück nicht – oder noch nicht spielen wollte… Richie eben. Manche Dinge ändern sich nie. Brennende Boxen schmiss er keine mehr ins Volk. Dazu hätte er aufstehen müssen. Und wenn wir in unserem Alter einmal sitzen – dann sitzen wir!

Nächster Tag – nächstes Problem: Da war noch ein anderes Konzert zu absolvieren!

Den Tipp dazu verdanke ich der Tatsache, dass ich seit einiger Zeit ganz gerne dem „Dunklen Parabelritter“ auf youtube ein Ohr leihe. Der erinnert mich so an – dies und das.

Und eben der plante nun überraschenderweise ein Rockfestival zu stemmen – in Weimar-Nähe.

Die Idee „Sternenklang-Festival“ war geboren, der Vorverkauf lief bereits einige Zeit und zu den Bands, die man als Anfänger nun mal so zu seinem ersten Event einlädt, gehörten – HAGGARD!

Wenn mich nun, da alle meine Helden tot oder doch vom Tode gezeichnet sind, noch irgendein Name zu einem Festival zieht, dann der!mde

Problem: Als Ex-Pogo-ist VOR-, und arrivierter Herumsteher SEIT der Wende, in diversen Hallen der Republik, wusste ich: Wenn die Guitarrrrr zuschlägt, dann gehen die Frauen! Und ziehen mehr oder weniger bramsigen Blickes ihre Kerle mit – ganz nach hinten oder gar gleich nach Hause. Ich war deshalb wohlweißlich eher allein „bei sowas“. Aber diesmal ging das nu nicht. HAGGARD genießen, ohne sich hinterher scheiden lassen zu müssen, erwies sich als Herausforderung. Zumal bei 35 Grad! Und mit immer noch leerem Akku auf beiden Seiten der Bludgy-Family.

Doch siehe – der HERR hatte ein Einsehen! Er ermöglichte ein Wunder!

Problemlose Anfahrt zur Niederburg bei Kranichfeld, stressloser Einlass und ebensolch stressfreier Erwerb einer dritten Karte für meinen „aus dem Westen zurückgekehrten“ Sohn, schattige Plätze im Burgbereich, Kennergespräche über Mittelalterkampftaktiken in Film und Realität, Cateringstände in ausreichender Zahl. Nirgends langes Anstehen. Die gute Laune aller übertrug sich bzw. stärkte die eigene.

Zu nachmittäglich früher Stunde krawallten gerade „Vogelfrey“ mit erstaunlich gut verstehbaren Texten. Die Technik-Crew also musste was draufhaben. bdrNach einer Akklimatisierungspause im Schatten, beim „Heerlager“ der Reenactment-Truppe, gehen die männlichen zwei Drittel der Family doch mal gucken und gewahren, dass die Freilichtbühnen-Sitze unbesitzbar sind. Die Latten fangen jeden Moment Feuer. Folge stundenlanger Bestrahlung nahe der 40 Grad. Rund hundert Leute drängen sich unter die Büsche am Rand. Wir finden auch noch einen Platz.

„Vogelfrey“ sind ne ganz unterhaltsame Entdeckung für mich. Eine Mischung aus „Subway to Sally“ und „Knorkator“ irgendwie. Hörenswert ihre Coverversion zu einem Text „eines Gedichtes eines großen Dichters des letzten Jahrhunderts, das da heißt: Was kostet der Fisch?!“ How much is the fish auf Latein und mit Tröte zu Heavy-Guitar und Brutalo-Barbie-Cello? Geil!

Im Anschluss machen wir ne weitere notwendige Getränkepause im Schatten. Alle Getränke zu 4 Euro. Die Bierwageninhaber fahren hinterher Rolls Royce! Ein bissl Essen – trotz des Tropentages – muss dann auch noch sein und irgendwie vergeht die Zeit bis um 19: 00 Uhr, leider immer noch im Hellen, die große Stunde schlagt: Haggard-Auftritt. Geschafft!

Bei den ersten Stücken knallt die Sonne noch immer auf die Ränge, dann endlich erreicht sie den Wipfel des großen Baumes hinter der Bühne, eines wahrlichen Jahrhundertriesen, dessen Wipfel uns im Weiteren vor ihren Strahlen schützt. Schlagartig werden auch die Handyfotos besser.

Haggard! Da dreh ich innerlich jedes Mal vor Begeisterung durch! Dieses Projekt! Es vereint meine Ritterburgen-, Historienschmökerleseexperience-, Saaletalerinnerungen-Prägung musikalisch auf dem Punkt! Nebenbei lernste auch noch so allerlei über Nostradamus, wenn du einmal bei denen am Haken hängst! So viele Leute! Die so lange durchhalten! 18 Mann im Studio; 10-12 bei Live-Gigs. Das kann sich irgendwie nicht lohnen, mit so wenig PR, wie bisher. Warum haben die kein Management, dass sie pusht?! Haggard um 19 Uhr im Hellen und Corvus Corax als Headliner 21 Uhr im Dunkeln. Verkehrte Welt. Was kann besser sein als Haggard? Wir fahren nach dem Auftritt bereits heim. Man soll den Bogen nicht überspannen – und nach Haggard kann nichts Besseres kommen!

Aber: Sie spielen hier 90 Minuten! Bei dem Massenangebot an Bands, wäre zu befürchten gesessen, dass ihr Auftritt kürzer ausfällt. 2006 beim Rockharz-Festival sah ich sie ebenfalls als Vorband unerheblicher Nachfolger und nur mit einem 45 Minuten-Gig! Headliner waren damals Saxon mit so einem AC/DC-für-Arme-Sound. Davon taten wir uns nur 3 oder 4 Songs an und gingen lieber schlafen vor der anstehenden Heimfahrt.

Zum ersten Mal live sah ich Haggard 2005 in Flensburg. Da musste man sich sogar ängstigen, ob die überhaupt auftreten, so wenig Leute waren da, als der Einlass begann. Es läpperte sich damals laaaaangsam im Laufe der Zeit auf vielleicht 120 oder 150 Leute. Und 10 Mann auf der Bühne + Road-Crew! Eintritt damals moderate 25 Euro. Das kann sich nicht rechnen!

Während ich so dasitz‘ und genieße, fällt mir auf, dass ich alle 3 Haggard-Gigs nu mit meinem Sohn absolviert habe. Und er musste in allen 3 Fällen nicht gezwungen werden! Hey, sagenhaftes Gefühl! Der innere Akku beginnt mit der Aufladung.

digRückfahrt nach Weimar ins Hotel. Der Sonntagmorgen ruft unsern Sohn in den Westen zurück. Wir, die beiden Alten schlendern von Café zu Café. Beim Abendbrot am Frauenplan, vor dem Goethehaus, dann noch ein Straßen-George-Benson, der den ganz sanften Blingggg hinbekommt.  Die Leute glotzen ein bisschen, als ich ihm einen 5 Euro-Schein in den Koffer werfe. Auch er sorgt dafür, dass der Akku lädt.

Wieder daheim sind Wishbone Ash vom Tisch, bzw. aus‘m Player. Haggard-Revival! Nahezu Übermut. Voll ist der Akku noch nicht wieder, aber der Ladevorgang läuft. Sommer 2019? Alles wird gut!

Dank Alex, dem dunklen Parabelritter.

Viel Erfolg mit dem Sternenklang-Festival 2020.

 

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Paradise without dashboardlights

Zu Pfingsten war ja wieder Oldtimertreff in Paaren Glien. Aber keine Zeit, die Eindrücke zu beschreiben:

Am besten wär ja, man hätte Platz und einen Carport, oder eine Garage in sicherer Grundstücksumgrenzung. Dann könnte man sich so ein Sommer-Tour-Spielzeug in echt hineinstellen und hoffen, dass man immer die Teile auftreiben kann, die nun mal verschleißen.

Die Alternative ist – ein möglichst echtes Modell von damals in deutlich kleiner zu erwerben, es im Bücherschrank zu parken und die Ferienphantasie alleine auf die Reise zu schicken – wayback to the innocent age…

30 Jahre hats gedauert, dass die Modellanbieter nun außer dem Trabbi auch die überfälligen anderen Ost-Legenden im Sortiment haben: Sogar Seltsamkeiten, wie den P70 Kombi hab ich gesehen! Dafür fehlte der Wartburg-Lumumba.

Aber meine alten Legenden ranken sich um ihn hier:

 

 

Lotte

Sommer. Sonne. Klimawahn? Klimakatastrophe? Iran-Krieg-in-Sicht-Krise? Volksparteien-Agonie? Her mit dem Idyll! Tauch mit mir ab in „bessere Zeiten“, als Probleme noch lösbar waren:

Back to the summer of love! Und back to Frohburg!

Seit ich denken kann, steh ich auf altes Zeug. „Du Altertumsforscher“ nannte mich Vater frühzeitig. Bleisoldaten waren anziehender als Plaste-Indianer. Aber ihre Zahl wuchs nur langsam und als sie endlich für ein ansprechendes Schlachten-Diorama reichten, war ich in der 6. Klasse und die „Spielzeit“ nahezu abgelaufen.

Günter, der klügste unter den Sitzenbleibern meiner Klasse, hatte Lineoltiere, -indianer und -soldaten. Letztere mit Pickelhaube und Stahlhelm. Dazu rot-blaue Franzosenfiguren von 1870/71. Beneidenswert. Unverkäuflich! Er kannte sich mit sowas aus. Leider. Schade.

Das Schielen bescherte mir nicht nur ein Pflaster auf dem linken Brillenglas und eine Augen-OP, sondern auch zahlreiche Fahrten zum Augenarzt nach Leipzig, die einige Male in Lützen unterbrochen wurden: Gustav-Adolf-Gedenkstätte. Drei Kolossalgemälde: Der König betet vor der Schlacht; der König im Getümmel, die Auffindung der Leiche des Königs nach der Schlacht. Eine Ritsch-Ratsch-Knall-Kriegskassentruhe und schließlich ein Zinnsoldaten-Diorama im Schloss.

Von daher hatte Omas Bodenkammer ihren Magnetismus. Die Schräge, die Balken, der abgeplatzte Putz, der Mauerwerk freilegte, die Spinnweben, drei große schwarze Truhen – buchstäblich alles schrie hier: Schatzversteck!

Irgendwann hatte sie mich mal mit auf den Dachboden genommen zum Wäsche aufhängen. Die Wäscheklammern lagerten in eben jener Bodenkammer. Sie schloss auf. Ich stand in der Türe – und: „Wooooow!“

Truhen! Wie in Lützen!

„Oma? Wassn da drinne?“

„Alter Krempl von früher, als unse Viere noch klein waren.“

„Und in dem Schrank?“

„Das ist ein Spind. Gibt’s heute nur noch bei der Armee. Kannste ma sehn, was wir für arme Leute warn, nachm Kriege. Das war unser erster Kleiderschrank, als wir hier ankamen und keine Möbel hatten.“

„Und was is drin?“

„Nix. Guckok rein.“

Verschlossen war er nicht. Ein paar Lappen, ein Blechabzeichen zu Ehren des ersten 5-Jahr-Planes der DDR, ein paar Münzen „5000 Mark“ von 1923.

„Sind die echt?“

„Warnse mal.“

„Kannich dafür Eis kaufen?“

„Nein. Nicht mehr. Die gelten nicht mehr.“

„Krieg ich die?“

„Wozu denn?“

„Als Spielgeld. Schatzgeld.“

„Na, wenn de meinst!“

„Gucken wir mal in die Truhen?“

„Nein. Hab grade den Schlüssel nicht mit. Später mal.“

Später mal. Wann ist das? Nachher? Heute Abend? Morgen vor dem Frühstück? Eine Stunde kann endlos sein – für einen 7jährigen!

Am nächsten Tag zu Mittag hatte ich Oma weichgebettelt und sie mich erpresst:

„Wennde heute zu Mittag wirst schön geschlafen haben, gehmer nauf. Aber schlafen! Hörste! Ohne Gezeter!“

Ich biss mir auf die Zunge. Nach dem Essen ging ich also diesmal ohne Kampfdiskussion ins Schlafzimmer, legte mich ins Bett und starrte einmal mehr „Jesus im Kornfeld“ an.

dav

Oma ließ einfach nicht locker mit diesem Scheiß-Mittagsschlaf! Als nach schier endloser Zeitspanne die Schlafzimmertür ging, stellte ich mich schlafend, ließ mich wecken und fragte blitzschnell:

„Gehmer jetz? Aufn Boden?“

„Erst trinkmer noch Kaffee.“

„Oooooch. Will kein Kakao.“

„Ä Stickl Kuchen wirst scho essen. Musst doch groß und stark wern. Dirrrländer du!“

War nix zu machen. Oma verzögerte das Wiedersehen mit der Schatzkammer.

Dann war’s endlich soweit. Oma öffnete die Kammertür. Der Schlüssel war groß und alt. Der Kerkermeister von Ritter Runkel kam mir in den Sinn. Der hatte einen ganzen Ring solcher Unikümer am Gürtel hängen. Ich stürzte siegesgewiss hinein und kletterte auf die erste Truhe vor dem Kammerfensterchen um hinauszugucken.

„Ooooor! Ist das hoooooch!“

„Ja aber das Fenster bleibt zu! Hearst?“

„—-“

„Hear ogke! Sonst gehmor gleich wieder runter!“

„Ja“, und Augen verleiern. Oma war auch in der Wohnung unten von der fixen Idee besessen, ich würde prompt aus dem Fenster fallen, sobald ich nur einem zu nahekam.

Zwischen den Truhen stand – SIE: Eine Plüsch-Kuh auf 4 Rädern. Eine Achse zwischen den Voderbeinen, eine zwischen den Hinterbeinen. Der Rücken stark durchgebogen.

„Das is Lotte. Auf der is deine Tante Gisa geritten.“

„Könnwer die mit runter nehm?“ und eh irgendein Bedenken von erwachsener Seite kommen kann, setzte ich lieber gleich noch nach: „Die braucht Hilfe. Guck mal – der Rücken.“

„Ja. Der ist gebrochen. Vielleicht heilste den ja wieder, so als kleiner Tierarzt.“

Totsicher!

Ich hatte die Kuh bereits unterm Arm, da fiel mir beim Rundblick auf die 3 großen Truhen wieder Lützen ein.

„Oma?“

„Was ist denn noch?“

„Könnwerma in sone Schatztruhe gucken?“

„Da sind keine Schätze drin. Das sind Koffer. So reiste man früher.“

„Oma! Du willst mich veräppeln!“

„Wieso?“

„Wer solln die tragen? Opa ist zwar groß und dick, aber drei of eehmal krichd der ooch nich weg.“

„Musste er auch nicht. Früher gabs dafür Fuhrknechte und auf den Bahnhöfen Gepäckträger.“

Ich schüttelte allwissend den Kopf. Vermutlich redet Oma grade „wunderlich“ wie Großmutter manchmal.

 

 

Gepäckträger sind so Drahtvorrichtungen an Fahrrädern. Und bei Oma liegen nun die Bahnhöfe voller abmontierter Gepäckträger und das hilft Truhen in die Waggons zu wuchten? Das ist Quatsch! Aber nicht verärgern. Immerhin darf ich ja schon die Kuh retten.

Also diplomatisch:

„Aha. — Guckmer numa rein in so einen „Koffer“? Nur in einen! Ja? Bütttö!““

Oma guckte nun wieder ganz gewitzt und holte aus der Schürzentasche noch so einen Kerkerschlüssel, steckte ihn bei der am freiesten stehenden Truhe ins Schlüsselloch und schloss…

Ich wartete auf den Schließkrach, aber die Truhe ließ sich geräuschlos öffnen. War ja auch keine Kriegskasse, wie in Lützen. Schade. Deckel hoch: Lauter zusammengelegte Laken oder Tischdecken.

Oma wollte den Deckel gleich wieder zukippen, da hing ich schon drin und grub mit beiden Händen zwischen den Stapeln. Ich war drauf und dran, ausräumen zu wollen, um „der Sache auf den Grund zu gehen“, aber Oma befahl:

„Schluss! Das wirbelste mir nich ausnander! Da is nüschd dunter, glaubsok nur!“

Sie zog mich Fliegengewicht weg und rumms knallte der Deckel zu.

„Reicht für heute. Du musst die Kuh noch füttern.“

Stimmt.

Truhe und Kammer wurden verschlossen und ich kümmerte mich um Lotte.

Zu diesem Zweck eilte ich in den Garten, riss ein paar Grasbüschel mit Löwenzahn heraus und wollte die Kuh füttern.

„Halt mal!“ fing mich Oma im Flur ab.

„In die Küche! Das musste erschd putzen! Dreck frisstse nee!“

Mist! Stimmt och wüddor.

In der Küche wurde das Wurzelwerk samt eventueller Ameisen abgeschnitten und dann das Grüne neben dem Sofa auf die Dielen geschmissen, direkt vor Lottes Maul.

„Oma! Wir müssn in die Stadt. Knete kaufen.“

„Wieso’n das?“

„Na sie frisst ja. Da wirdse bald scheißn. Da muss ich’n Fladen basteln.“

„Hm. Brausde nee.“

„Darf ich Eierpampe nehm?“, aber ich korrigierte mich gleich selber: „Auf den saubern Dielen?“

„Von Tante Gisa is noch Löschpapier im Schreibtisch. Spring ok hie. Das is braun, das knüllmer und legns hinter sie.“

„Aber Kühe scheißn dunkelgrün.“

Das Gespräch machte richtig Spaß, denn wenn es um tierische Verdauung ging, dann durfte man ungestraft das „schlechte Wort mit Sch“ verwenden und man bekam keinen Klaps auf den Mund!

„Dann malste die Kacke halt noch an mit Tusche.“ Nun hatte sogar Oma „Kacke“ gesagt! Der Tag war Spitze!

„Okay.“

Ich suchte die Löschblätter. Knüllte sie. Glättete sie wieder. Wollte eigentlich schon Pinsel und Wasserglas holen, aber – dann kam mir der rettende Gedanke:

„Oma?!“

„Ja?“

„Ich mal die Kuhkacke nicht an.“

„Warum nicht?“

„Wenn Vati mich abholt, frag ich ihn, bei welcher Krankheit Kuhscheiße braun wird. Da gibt’s bestimmt eine. Da pansch ich jetz‘ nicht mit dem nassen Pinsel rum.“

„Ja, lieb von dir.“ (Siehste! So wurde mein Anfall von Ferienfaulheit noch gelobt.)

Ich untersuchte die Kuh. Schob man die beiden Radachsen aufeinander zu, machte sie einen Rundrücken; ließ man los, rollten die Räder wieder auseinander und Lotte wurde ein plüscherndes „U“. Nix zu machen. Ich hob ihren Schwanz. Da war eine Naht zuende und ein winziges Loch, in das mein Finger passte.

Nachgeburt entfernen – ließ sich mit ihr also auch spielen!

Sie war die Attraktion des Sommers 67.

Dann sollte es wieder nach Hause gehen. Vati kam, sah die Kuh und sprach:

„Notschlachten. Aber schnell.“

„Nööö!“ protestierte ich, „die will ich rettn!“

„Quatsch. Rückgrat durch. Die verreckt elende, wennde se nich lässt schlachtn.“

„Die nehmer mit nach Naumburg und die wird gesund!“ Visier runter, Bock fährt hoch!

„Das verstaubte Ding? Da ham jetzt 10 Jahre die Mäuse draufgepisst! Das kommt nich‘ in de Tüte und scho gar nich‘ ins Auto.“

Drama ante portas!

Oma schritt ein: „Lasse hier, ich pflegse für dich. Wennde wiederkommst, wirdser besser gehen.“

„Wirklich?“ Erwachsenen ist nicht zu trauen! Kaum bin ich weg, ist die Kuh entweder wieder in der Bodenkammer oder gar im Müll!

Aber Oma legte mir mitfühlend die eine Hand auf die Schulter und in der andern Hand hatte sie ca. 50 000 Mark in bar. Die Münzen!

„Hast ja noch DEN Schatz. DEN nimmste mit.“

Hach! Auf Oma war Verlass!

Wie sehr – das zeigte sich beim nächsten Besuch ein paar Wochen später.

Ich aus dem Auto raus, die Treppen hoch, Sturm klingeln

„Aufmachen! Tierpolizei!“  —- „Wo is‘ Lotte?“

Die stand neben dem Sofa. Frisches Grün vor dem Maul. Der „Stall“ war „frisch ausgemistet“, denn die Löschblattkacke war weg. Das beste aber war: Um alle 4 Beine hatte sie Paketstrippe, so dass die Räder nicht mehr soweit auseinander konnten. Der Rücken war grade. Lotte war GESUND!

Querdenker IX

Die DDR erfand, als sie um 1981 herum nicht mehr weiterwusste, den Friedenskampf als Nachweis für Daseinsberechtigung, trotzdem im Inneren bereits alles zusammenbröckelte.

Warum habe ich dieser Tage ein weiteres Mal ein Deja vu?

Die EU betreibt Wahlkampf. Diesmal mit eigenartigen Wahlhelfern und sogar live in der Provinz. In ostdeutschen Gemeindesälen tauchen bisweilen Anzugträger aus Straßburg und/oder Brüssel auf. Adrett, manikürt, frisch gebügelt, parfümiert, sitzen sie dann auf Podien und gewähren nach narkotisierenden Einführungsmonologen dem Volke eine Fragestunde.

Sie können sich sicher sein, dass das provinzielle Bildungsbürgertum sehr devot die ein- oder andere Scheinfrage stellen wird, für die die bewährten Floskeln abgespult werden können. Wie immer wird sich dann irgendein als Ausnahme anwesender, frustrierter Nichtgewinner der Globalisierung wagen, den Phrasenkonsens mit einer derben Frage aufzubrechen; jedoch des Redens vor Publikum nicht trainiert und verblüfft über die eigene Courage, wird er es nicht bei der Frage belassen, sondern gleich weiterabspulen, was er alles dazu selber weiß. Und so wird es ein Leichtes sein für die Boss-Anzüge, die Schrecksekunde zu überwinden und mit dem Hinweis auf Verschwörungstheorien, böse Populisten und gar -ts-ts-ts- all diese Lügenpressevorwürfe den armen Mann in seinen Alltagsfrust zurückzuschicken:

„Der Binnenmarkt ist doch win-win für uns alle, nicht wahr? Oder kaufen Sie nicht bei Amazon?“

Alles will sich nach dem Aufrappler grade wieder zurücklehnen, um der Eröffnung des aufgebauten Schnittchen-Buffets entgegen zu dämmern, da erhebt sich noch einer und entpuppt sich als informierter Besucher:

– Was sagen sie zur Existenzvernichtung für Bauern, Fischer und Textilhersteller in Afrika durch EPA, das von der EU injiziert wurde, um all unsere unverkäuflichen Überschüsse dorthin profitabel entsorgen zu können?

– Warum wurde nicht vor der Krise über die Inhalte des Assoziierungsabkommens mit der Ukraine informiert?

– Wie erklären Sie die scheinheilige Informationspolitik der offiziellen Medien zu CETA und TTIP?

Auf dem Podium gehen die Augenlider und die Mundwinkel für ein-zwei Sekunden auf Halbmast, sofort aber kommt Strategiepunkt 2 zur Anwendung. Mit scheinheilig wohlwollendem Lächeln wendet man sich dem Sprecher zu, um gleich über ihn hinweg zu sehen und ins Publikum zu fragen:

„Danke für diese wichtigen Fragen. Wir sammeln erstmal weiter. Ich sehe da hinten noch eine Wortmeldung.“

Wie zu erwarten folgt Ungefährliches: Wann sorgt die EU für mehr Altenpfleger, oder mehr Rente, oder weniger Bürokratie….

Die in Aussicht gestellte Beantwortung entpuppt sich als die Wiederholung der Einleitungsmonologe, verbunden mit dem Hinweis, dass „wir uns doch alle einig sind, hier im Raum, dass der Frieden in Europa wichtig ist und ein Verdienst des erfolgreichen europäischen Vereinigungsprozesses sei und dass doch niemand mehr beim Reisen an Schlagbäumen aufgehalten werden möchte.“ Amen.

Ein Pflichttermin wurde abgehakt. Alle Beteiligten waren mit den Schnittchen zufrieden.

Augen auf beim „Vertrauen verschenken“ am 26. Mai!

„Würden Wahlen etwas ändern, würden sie verboten.“ (Kurt Tucholsky; berüchtigter Verschwörungstheoretiker der 20er Jahre)

Winnetou-Melodie

Wenn dich deine Eltern spüren lassen, dass du nicht geplant warst, dann nennt man das Schicksal. So lernt man für sich selber diesen immerwährenden Daueranschiss zu verkraften. Manchmal ereignen sich seltene Trostmomente. Den Eltern fällt auf, dass es mal an der Zeit sei, dir was zugutekommen zu lassen. Irgendwie müssen sie bemerkt haben, dass die Gleichaltrigen davonziehen; mehr vorweisen können als der eigene Sohn.

Im schönen Sommer 1976 komme ich zu Udo und der präsentiert mir mit tellergroßen Glücksaugen ein intaktes Smaragdtonbandgerät (früh60er Jahre Bauart; noch mit Röhren) mit 20 vollen Tonbändern. Sein schwächelndes, leierndes URAN-Tonbandgerät ist bereits entsorgt.

Die Anschaffung dünkte dem Vater vermutlich preiswert, da das Gerät gut 15 Jahre auf dem Buckel hatte und nicht mehr „die Welt“ gekostet haben kann. Aber es war groß wie ein Fernsehapparat und hatte 9,5er und 19er Geschwindigkeit. In unseren Augen also eine „Studio-Maschine“.

Zu den 20 Bändern gibt es kein Verzeichnis. Wir erstellen eins. Mehrere Tage hänge ich nun bei Udo ab, denn die Erkundung dieser archaischen Anschaffung macht Spaß, erweitert Horizonte, lässt über manche Klänge rätseln, wer das so in etwa sein könnte. Udo will anschließend, die interessantesten Funde mit Hilfe meines Gerätes auf einem Band, oder eventuell zweien vereinigen, um auf den anderen Platz zum Löschen zu haben.

Der Klang ist dumpf, aber bullig beeindruckend, also nicht im Sinne von „schlecht“ zu verstehen.

Zu den ersten Funden gehören „Death of a clown“ (Endlich! Als das im „Musikladen“ als Oldie gewann, hatten wir noch den Fernseher ohne Diodenbuchse!), dann Arthur Browns „Fire“ und „Jumping Jack Flash“(live) mit kurzer Ansage von Jagger: „We bring you now this one!“ Somit wissen wir nicht, wie der Song heißt. „Gas, gas, gas“ oder „Crossfire hurrican“? Dann folgen „Pretty Woman“ von Roy Orbison; (In dieser basslastigen Variante ein nie wieder erreichter Ohrenschmaus. Ich trauere diesem Klangerlebnis bis heute nach!), „Only you“ von den Platters; „Gimme that ding“ (Interpret unbekannt; später stellt sich heraus, dass das ein erster Gehversuch von Albert Hammond war), „My Dingeling“(live; Chuck Berry spät und versaut; für DEN Text reichen unsere Englischkenntnisse bereits!) und gleich zuvor oder hinterher auch „Je taime“ wonnomplüüüü – für 16jährige Musikarchäologen ein Volltreffer.

Schließlich noch „A hard days night“ als „dritte Neuvorstellung in dieser Woche“ aus irgendeiner vorsintflutlichen Hitparade. Die Moderatorenstimme kennen wir schon nicht mehr. Wir strahlen bereits beide um die Wette, aber dieses Fetzchen Zeitgeschichte kommt uns vor, als hätten wir eine neue Urmenschenart oder ne Nummer kleiner eben – das Bernsteinzimmer entdeckt! Uralter Beatlesscheiß als Neuvorstellung! Somit erleben auch die wieder ein Revival für die nächsten Monate! Ein paar Songs später folgt ein Instrumental, das wir in Zukunft hoch verehren werden, weil es niemand kennt, wir somit „DIE KENNER“ sind: „Psycho-Rock“.; der ebenfalls unbekannte Moderator sagt den Titel hinterher ab und nennt als Interpreten einen „Sir Henry“; was wir dankbar in die Liste übernehmen. Jahrzehnte später wird sich herausstellen, wie sehr er nuschelte, denn „Sir“ Henry war „Pierre“ Henry.

Höhepunkt aber ist eine ca. 3minütige Filmmusik, bei der ich sofort die Kanu-Fahrt von Gojko Mitic als Chingachgook vor Augen habe. Da auf den Bändern aber keinerlei Ostmusik vorkommt, muss auch das was aus dem Westen sein. Also ist es „die Winnetou-Melodie“ –  behaupte ich selbstsicher. Das MUSS was Indianisches sein! Kein Zweifel.

Knapp daneben. Wie sich Jahre später, bei Erscheinen der AMIGA-Quartett-Single, herausstellt, war es das Schatz-im-Silbersee-Thema.

Neulich starb 92jährig Martin Böttcher. Riffmaster erinnerte an ihn; den Mann, der den Soundtrack zum Karl May Schmökern schuf. Musik, die auch dann noch gefallen kann, wenn man melancholisch feststellt, dass die Filme, für die sie erschaffen wurde, reichlich Patina angesetzt haben und inzwischen schwer erträglich sind.

Leg ich heute Böttcher auf; die Winnetou-Soundtracks in Originalabmischung; ( VORSICHT! Neueinspielungen ohne Flair gilt es zu vermeiden!) fährt nicht mehr nur Gojko Kanu, sondern da sitzen auch regelmäßig zwei langhaarige Spackos mit roten Ohren unter den Mähnen vor einem alten Smaragd…

Seufz. Schee wars. Schee.

Die Ballade des Harfen-Webers

Frei nach dem Original: „The Ballad of a Harp-Weaver“ by Edna St.Vincent Millay; 1922

Spoken and recorded by Johnny Cash; 1960

Now Bonus-Track on the record „Ride this Train“ from the same year;

Deutsche Version: Bludgeon; 2019

 

Johnny Cash zum dritten:

Es mag verblüffen, wenn im Folgenden etwas Gereimtes zu lesen sein wird, was dem heutigen Leser als kitschig erscheinen mag.

Aber da war vor gut einem Jahr eine Doku über Iggy Pop auf -arte- zu sehen und der alte Iggy ließ die Film-Crew auch in sein jetziges Haus voller Stühle, Sessel und edel bezogener Sofakissen. Somit kam prompt auch die Frage:

„Wozu all die Stühle hier?“

Und die Antwort war:

„Ich sammle sie jetzt. In meiner Jugend hab ich sie vermisst.“

Schlagartig war mir bewusst, was ich früher einmal gehört hatte, dass er im Wohnwagen aufgewachsen war, da seine schlecht verdienenden Eltern sich nichts anderes leisten konnten.

Diese Beispiele bitterster Armut, die du immer wieder vor allem aus Amerika erzählt bekommst, erinnern dich ans europäische 19. Jahrhundert. Als es hier herum genauso elend lief wie heute immernoch in „Gods own Country“. Bald könnten diese Zustände zurückkehren. Unsere globalisierten Zeiten sind danach.

„Tarifvertrag“ ist als Begriff fast heute schon ein vergessener Archaismus. „Mindestlohn“ wird stets offiziell mit dieser Betonung verwendet, als handle es sich um ein unverdientes, überhöhtes, aber huldvoll gewährtes Almosen. Superreiche Oligarchen sind auf dem Vormarsch, nicht nur in Russland. Die Zahl der Boom-Verlierer wächst jedoch allzeit schneller.

DMAX-Sendungen a la „Fast&Loud“ und „Garage Rehab“ usw. lehren uns, dass es Spaß macht, unter Zeitdruck für einen „Burger“ pro Tag zu arbeiten. Ausbildung? Wird überschätzt! Gestern hast du zum ersten Mal einen Auspuff ausgebrannt, morgen baust du deinen ersten Chopper und übermorgen bist du Millionär! So läuft das heute! Sozialabgaben! Du ewig Gestriger! Du bist ja so 70er! Start up, man! Dilettanten an die Macht! In der Politik läuft es doch auch!

Kunst nützt nix. Ich weiß. Warum also hab ich mir die Mühe gemacht und diese alte Ami-Ballade ins Deutsche übertragen? Weil sie mich berührt hat. Wegen Iggy. Wegen Johnny. Wegen all denen die nach uns kommen und dann eventuell auch nur noch ganzjährig im Camper wohnen. Mindestlohn einerseits und 600 Euro (kalt) für eine Hundehütte in Berlin, das geht nun mal nicht auf. Klassenkampf reloaded? Ist leider nicht zu erwarten.

 

Und nun geht’s wirklich los:

Ich war kaum einen Meter,

da sprach sie sorgenvoll aus:

Der Winter kommt und

du wächst aus allem schnell raus.

 

Warme Kleidung musste dringend her

für uns alle beide doch die Not drückte schwer.

Wir besaßen fast nichts, hatten alles versetzt,

Mutter wirkte verhärmt schon, und abgehetzt.

 

Da war noch ihre Harfe aus der Glanzzeit von einst

Als sie jung und schön nicht mit Reizen gegeizt.

Die hätte auch längst zu Geld werden sollen.

Doch hatte sie bisher keiner haben wollen.

 

Für Schränke zu zahlen, war jeder bereit,

Doch ne Harfe oje, die stahl ja nur Zeit.

Und so hatten wir nichts als dieses alte Ding

das rumstand und störte und Spinnweben fing.

 

Der Herbst verrann und mit ihm das Licht

Der Winter kam, aber Auswege nicht.

Da trauten wir beide uns nicht mehr hinaus

Hier drin warn wir sicher, die Welt war ein Graus.

 

So waren wir ganz auf uns alleine gestellt

Draußen vorm Fenster, da feiert die Welt

Mit Vorfreude das Weihnachtsfest;

Die Geburt des Herrn Jesu, der keinen verlässt.

 

Früher feierten auch wir mit Vater so gut!

Nachts, wenn ich schlief, verließ Mutter der Mut.

Sprach sie von Vater, dann war sie froh

Dass der schon tot war, es sei wohl besser so.

 

Dann zerhackten wir die Stühle, nun Brennholz auch sie.

Der Winter da draußen war hart wie noch nie.

Nur ein allerletzter stand stumm an der Wand

wir hackten und rissen, er aber hielt stand.

 

Sie hieß mich immer länger im Bette zu bleiben

Wollt mit Geschichten und Liedern die Zeit mir vertreiben

All die Geschichten lebten im Traume dann fort

aus der Welt wurde so ein besserer Ort.

 

Eines Nachts tief im Schlafe, da träumte ich fest,

wie die Seele der Mutter ihren Körper verlässt

Dann schwebt sie sanft an mein Bettchen heran

Beugt sich nach unten und lächelt mich an.

 

Sie wirkte so jung, erholt und gesund

Ganz so wie früher und küsst mich auf den Mund.

Dann schwebt sie zur Harfe auf den Stuhl hinüber

und streichelt die Saiten, übt endlich wieder.

 

Die himmlischen Töne erfüllen den Raum

Und die Saiten, die webten, es war ja nur Traum.

Als das Musizieren ein Ende dann nahm

Lag da fertige Kleidung, ich probierte sie an.

 

Hose, Hemd, Mantel, Mütze sogar

Wie für einen Prinzen! Äußerst bizarr.

Ich jubelte laut, denn alles passte perfekt!

Wo war das alles nur bisher versteckt?

 

Als ich erwachte, wollt ich ihr berichten

von eben jenen Traumgesichten,

Da sah ich sie sitzen auf dem Stuhl an der Wand

in den Saiten der Harfe noch die eine Hand

 

Die andere hing an ihrer Hüfte herab

Ich ergriff sie, jedoch war sie leblos und schlapp

Sie lächelte tot, seltsam‘ Licht überm Haupt;

Der Frost hatte ihre letzten Kräfte geraubt.

 

Mit einem Schlage wurde mir klar,

Dass der Traum der Moment des Abschiedes war.

Sie hatte die Harfe wirklich gespielt

und sich zum letzten Mal frei und glücklich gefühlt.

 

Doch noch etwas anderes lag da im Raum

Da lagen die Kleider aus meinem Traum

Wie wundersame Wege das Schicksal auch geht

Sie passten – sogar in der Realität.

Ride this Train

Komm geh mit mir auf Reisen in dieses alte Legendenland. Wo die Orte komische Namen tragen, wie Ashgash, Sakamoe, und einst Leute in Tipis lebten, die den Bär und den Büffel jagten für Nahrung und für Hausung. Sie müssen sehr musikalisch gewesen sein, denn ihren Stämmen gaben sie Namen, die eine Melodie ergeben: Comanchen, Apachen, Delawaren, Cree, Pima, Oglala Dakota, Shawnee…

Die meisten von ihnen haben das Diesseits längst verlassen; wie lange es die anderen noch geben wird, weiß Gott. Aber selbst wenn sie alle hinüber sind, werden die Namen all der Ortschaften und Flüsse noch an sie erinnern.

Wir sollten ihnen dankbar sein, dass wir hier unser Glück suchen konnten, auch wenn die Hilfsmittel nicht die feinsten oder fairsten waren. Unsere Leute suchten das Glück mit ihren eigenen Mitteln, die sie mitbrachten von dort, wo sie herkamen.

Beginnen wir in Kentucky. In den Bergwerken da. Kohle suchen, Bergwerke gründen, angeheuert  werden und Kohle schippen, Kohle schippen – wurde Schicksal für viele junge Burschen dort.

Vater war ein Bergmann, er ernährte die Familie. Tag ein Tag aus fuhr er ein und kam müde zurück. Dreckig-grau und abgekämpft. Als ich 17 war, sah er mich an und sprach:

„Du bist nun alt genug. Groß und grade gewachsen.“

Er gab mir die Schaufel.

„Von jetzt an bist du dran.“

Ich hatte keine Lust. Aber was blieb mir übrig? Kohle schippen, Kohle schippen. Wie alle um mich herum.

Wenn dir dieses Schicksal zuwider ist, dann geh mit mir auf Reisen. Etwas besseres findet sich überall. Lass uns nach was umsehen in den Great Plains am Fuße der Black Hills. Vielleicht versteckt sich da das Glück. Es gibt viele Goldsucher, Strauchdiebe und Glücksritter da.

„Meine Mähre ist alt und nicht mehr viel wert. Mein Sattel dagegen ist unversehrt. Ich schone sie beide, mich treibt nichts mehr um. Reite langsam, ganz langsam, ziellos herum.  Muss mich nicht beeilen, das Ziel ist noch weit. Egal wann ich ankomm‘ ich hab ja Zeit.

Die Frau hamse mir erschossen, meine Töchter sind weg. Die eine in Denver, die andre – verreck…“

Wenn du seinem Lamento weiter lauschst, erfährst du noch, dass ihm so ziemlich alles egal geworden ist. Aber für den Tag des Sterbens hat er eine ausgefallene Idee: Man möge ihn in den Sattel setzen und festbinden. Das Pferd richte man nach Westen und gebe ihm einen Klaps. Es wird wie gewohnt lostrotten. Langsam ganz langsam. Aber es wird den Flecken Erde finden, wo sie beide hingehören. Das alte Pferd und er – der Slow Rider.

Nein, in den Plains ist es also auch nicht, was du suchst. Fahren wir eben nach Neuengland rauf. Dort wachsen die Bäume in den Himmel. Und die Menschen da sollen immer gut gelaunt sein.

Vater nahm mich mit in den Wald als ich 17 war. Sein Boss fragte mich, ob ich „Highclimber“ werden wolle. Ich hatte keine Ahnung, was das ist. Aber ich bekam eine Axt in einen Rucksack und lernte schnell. Immer die Bäume hoch und die Äste kappen, damit der Stamm später sauber fällt und nicht splittert. Tag ein, Tag aus. Viel zu wenig Pausen.

Versuchen wir es im Süden. Fahren wir nach Bogalusa/Louisiana hinunter. Da gibt es Gegenden, die sind so paradiesisch unberührt, wie am ersten Tag. Alligator und Schlange geben sich ein Stelldichein am Rande der Sümpfe, und die Mädels sind schwarzhaarige braune Schönheiten voller Kajun-Trotz.

Meine Dorraine traf ich auf dem See, dem Ponchartrain gegenüber von New Orleans. Wir ruderten wie zufällig an einander vorbei. Dann fasste ich mir eines Tages ein Herz und grüßte. Sie kicherte zurück. Wir alberten ein bisschen. Ich schenkte ihr so eine Schießbudenrose und sie steckte sie sich ans Kleid. Right upon the Heart, you know? Wir flachsten herum und knutschten schließlich von Boot zu Boot. Wären fast gekentert. War aber egal, denn nun wussten wir, dass wir uns lieben. Anderntags trafen wir uns wieder „reiiiin zufällig“ und alberten weiter. Ich fragte schließlich, ob sie mich für Geld heiraten würde – da schnappte sie ein. Sie ruderte los wie wild quer übern See und achtete nicht aufs Wetter. Ich ihr zuerst hinterher, aber die Wolkenwand hieß mich umkehren. Sauer war ich nun auch. Das Unwetter brach los, als ich das Ufer erreichte, aber was würde nun aus Dorraine werden? Würde sie das andere Ufer noch erreichen? Nach schlafloser Nacht ruderte ich am Morgen über die wieder beruhigte Wasserfläche – und ich fand – ihre Ruder. — und ein Weilchen später – die Schießbudenrose. Ich fischte sie aus dem Wasser. Sie ist das einzige, was blieb. Von ihr. Meiner Dorraine vom Ponchartrain.

Fahr mit mir nach Pine Ridge/Mississipi. Dort findest du immer Arbeit. Mies bezahlte zwar, aber Party am Samstag! Immer! Sieh dich vor, vor schlechtem Gras und leichten Mädchen. Die bringen Ärger. Ratzfatz hast du eine Kugel am Fuß und eine Schaufel in der Hand. Willkommen in der Chain-Gang. Nun schufte bis zum Umfallen für ein Verbrechen, an das du dich nicht einmal erinnern kannst.

Gibt es noch Wasser, Leroy? Gib mir noch Wasser!

No!

Ich bring die Norm nur mit Wasser, das ist nun einmal so!

Ich schufte hier alle Tage aber eines Tages komm ich heim.

Das wird der schönste der Tage und das wird in Memphis sein!

Ich geh nach Memphis! Nur Memphis!

Wenn du nun mit mir weiterfährst, zu irgendeiner dieser Landwirtschaftsmessen im Nirgendwo, dann triffst du immer auf Leute, die gut drauf sind, weil sie dem Alltag für diesmal ein Schnippchen schlugen. Endlich mal wieder unter Leuten! Der einsamen Ranch für einen Tag (oder zwei) entkommen.

Papa spannte die Pritsche an und nahm mich mit auf den Bock. Wir fuhren zur Messe und wie alle Kinder in meinem Alter nervte ich ihn: Isses noch weit? Wie weit denn noch? Sind wir bald da? Ich konnte es nicht erwarten, denn ich wusste, dass nach all den Meetings und Geschäften, am Abend dort immer Tanz war und Papa und ein paar andere bildeten die Band. Der alte Kaleb spielte Maultrommel, Joey Banjo und Papa die Dobro wie ein Gott! Wenn ich lang genug genervt hatte und Papa guter Laune war, drückte er mir die Zügel in die Hand, holte die Dobro unter dem Kutschbock hervor und sprach: Ich kann ja für heute Abend bissl Üben.

Yeah! Ich fühlte mich dermaßen groß auf diesen Fahrten zur Messe! Ich lenkte die Kutsche und Papa spielte Dobro wie ein Gott!

Zu einsam da? Weiter nach Diaz/Arkansas. Ins Baumwoll-Land. Die wächst hier echt gut. Baumwolle und Mais soweit das Auge reicht.

Papa hatte hier 1855 eine der größten Farmen und seine Sklaven waren gut erzogen. Arbeiteten ohne Aufseher. Papa war stolz auf seine Regel, die er ihnen eingeprügelt hatte: Bei Sonnenuntergang von den Feldern zurück sein und vor der Hütte sitzen. Er wusste, dass sie einen Heidenrespekt vor seiner Peitsche hatten, wenn sie nicht pünktlich waren. Eines abends aber fehlte der alte Moses. Dass er geflohen sein könnte, konnte sich niemand vorstellen. Also wurde ich losgeschickt um ihn zu suchen und zu bestrafen. Ich fand ihn am Feldrand. Ganz verträumt. Er sah der Sonne beim Versinken zu und lud mich ein, mich zu ihm zu setzen.

Ich fuhr ihn an: „Moses! Kennst du nicht die Sonnenuntergangsregel? Du weißt, was dich jetzt erwartet!“

Er aber wies wieder nur auf den Platz neben sich und sprach: “Jawoll, Boss Jack. Dunkel isses unser ganzes Leben lang. Und Prügel gibt es mal für dies und mal für das. Aber manchmal kommt ein Engel vorbei und schenkt dir einen Trost. Heute war einer bei mir. Ich schlief hier nach der Arbeit müde ein und da bekam ich diese Melodie.“ Er fing unvermittelt an zu singen und ich hörte an diesem Abend „Swing low sweet chariot!“ zum allerersten Mal. Dann sah er mich an und sprach: „Nun bin ich bereit für die Strafe.“ Aber der Moment da am Feldrand, das Lied, der Sonnenuntergang, diese Melodie – ich konnte ihn nicht schlagen.

„Gehen wir!“

Als ich später die Abendrunde zwischen den Hütten machte, hörte ich ihn singen. Aber er sang nicht „Swing low…“, er sang ein zweites neues Lied und es handelte von mir. Boss Jack war von nun an sein Held, der alte Sklaven nicht schlägt, sondern sie ganz sicher eines Tages frei lässt. Ich stand da draußen in der Nacht vor seiner Hütte, sah den Sonnenuntergang am Feldrand vor mir, und heulte.

Ein gefährliches Pflaster wie du siehst, also lass uns weiterfahren, rauf nach Idaho. Da waren wir noch nicht. Dort wohnt ein Haufen Iren, die von England rüber gespült wurden.

Wir hatten eine Kartoffelfarm bei Cork. Aber die Engländer machten uns das Leben unmöglich. Immer mehr Steuern, bis wir pleite waren. Die Familie bettelte eine Weile in Cork. Schließlich beschloss Vater die Überfahrt zu wagen. Die Eltern schufteten dann an der Ostküste, um die Überfahrt nachträglch bezahlen zu können und fürs Startkapital in Idaho. Hier leben viele von uns. Da hilft einer dem anderen. Aber keiner hat was zu verschenken. Jeder lebt hier von der Hand in den Mund. Abhängig vom Wetter, den Stürmen, den Bränden, den Indianern. Die gesamte Familie rackert auf der Farm und auf den Feldern. Von Jahr zu Jahr kommen wir besser klar. Geht aber nicht allen so. Der Tod ist immer mit am Tisch. Bevor du aber abkratzt, kommt noch Doc Brown vorbei und versucht dich mit seinen Wunderpillen zu heilen. Und manchmal schafft er es tatsächlich. Er hatte einen sehr guten Ruf. Er wusste viel. Und er sah nicht aufs Geld. Wenn du zu arm warst oder zu geizig, dann ritt er nach getaner Heilung einfach wieder weiter. Alle mochten ihn. Alle glaubten an seine Fähigkeiten. Dann starb er selber. Als sie ihn fanden und sein Haus durchsuchten, fanden sie ganze 50 Cent. Wie sollte nun Doc Brown unter die Erde gebracht werden? Wie ein Hobo – ohne alles? Ratlos standen sie an seiner Leiche. Da nahm einer den Hut von der Brust und hielt ihn dem Nachbarn hin. Der verstand und knüllte einen 5 Dollarschein hinein. Der Hut begann zu wandern. Er füllte sich wie von selbst. Jeder gab nun das, was er entbehren konnte – und am Ende des Tages reichte es für Sarg und Grabstein und Totenmesse – für ihren Doc Brown auf seiner letzten Fahrt.

Mit dieser Geschichte endete die Original LP „Ride this Train“ von Johnny Cash aus dem Jahre 1960.

booklet

Die 70th Birthday Edition der Platte hat noch 3 Songs mehr. Einer von den dreien passt wie ein missing track dazu: „Der Harfenweber“; aber das ist schon wieder eine Geschichte für sich.

 

PS: Wer hat nochmal gleich die Konzeptalben erfunden? Die Beatles 1967? Oder die Who(same time)? Small Faces? Beach Boys? Hahahahahahahahahah…. Vergiss es!

Johnny – the long gone Poet

Eines Abends in der zweiten Hälfte der 70er lief der Fernseher. Es war „Musikladen“-Tag. Das Diodenkabel war gesteckt. Das „Anett“ startklar. Der kleine Dakota nach Wachstumsschub und Skalpanpassung saß davor. Die Daumen auf den wichtigen Tasten. Aber wiedermal kam haufenweise Disco-Gülle. Erfahrungsgemäß musste aber irgendwann so ein rares Highlight kommen, das man nur hier zu sehen bekam. Und wenn es nur der „Beat-Club“-Oldie ist, der zu erwarten war.

Eine ganze Weile also – nichts. Plötzlich dieses Gesicht! Die Daumen gehen runter, die Tasten rasten ein und „Because you‘re mine, I’ll walk the line“ knurrt sich angenehm auf die Kassette. Der Typ sah aus wie Marshall Mat Dillon aus „Rauchende Colts“! Nur hatte er keine Knarren an der Seite, sondern eine Akustische vor dem Bauch, dann wie ein Jagdgewehr auf dem Rücken. Und diese Stimme! Dicht an C.W.McCall, dessen „Convoy“ vor gar nicht allzu langer Zeit eine Art Klassen-Hymne gewesen war.

Mr.CashDie Ehemalige rang sich Zeitchen später zur Veröffentlichung einer Amiga-Lizenz-LP durch. 1981. Mein Re-a-listment-Soundtrack als ich von der Asche kam. In der MHO hatte ich die Platte knapp verpasst, aber Snegows „Menschen wie Götter“ gekauft. Eigentlich hatte ich das lesen wollen, weil es mir schien, es könnte eine Symbiose aus historischem und utopischem Roman sein, aber dann gab ich beide Bände ungelesen hin für ihn – Johnny Cash.

Das Resi-Tuch noch um den Hals, die Tasche in die Ecke feuernd, stocknüchtern, weil ich den Entlassungstag genießen wollte, erreichte ich mein Kinderzimmer nach durchfahrener Nacht.

Plattenspielerdeckel hoch, Johnny’s Scheibe drauf, aufdrehen und sich selber fallen lassen. Like a „9 Pound Hammer“ sozusagen. Im Einschlafen seh ich noch Vaters Silhouette in der Tür, wie er wohl wieder „Leiser!“ einklagen wollte; aber heute sagt er nix. Sein Landser is „back from the barracks“.

„Call me (nüchtern) Ira Hayes, I will answer anymore, ‘cause the music drinkin‘ Indian is at home nomore at war.“ Sozusagen. Nie wieder Fischies! Nie wieder „faul ick denn?!“ Nie wieder „Tür aaaauuuufff!“

Nach ein paar Stunden Schlaf dann los zur Polizei, den Persi wiederholen. „Der liebe Resi“ will wieder zivil sein. Dort Typen wie ich, die dasselbe wollen und auch solche wie ich vor 18 Monaten, den Ausweis und die blaue Klappkarte zum Abgeben in der Hand. Deja vu. Dann zu Udo. Der ist arbeiten, also wieder heim … auf dem Plattenteller gewinnen diesmal Skorpio „Hey, hey jobarat! Hey! Heyhey!“ Ungarische Kriegstänze und das übliche „LEISERRR!“ von unten aus dem Erdgeschoss. Knallt mehr als Country. Der Überdruck aus Freude und unbefriedigter Rache musste erst raus! Aber das Cash-Cover steht aufrecht auf dem Stuhl daneben, gegenüber meiner Liege: Er sieht halt immer noch aus wie Mat Dillon! Und ne Knarre hat er bestimmt auch zu Hause, so als typischer Ami.

Bloß – so ein typischer Ami ist er gar nicht. Er hat allerhand übrig für Indianer. Das geht dort drüben nicht grade vielen Weißen so. Sein „Ira Hayes“ hatte es mir angetan.

 

Die Ballade von Ira Hayes – Peter LaFarge & Johnny Cash (Album „Bitter tears“; 1964)

dt. Version: Bludgeon

 

Lass mich die Geschichte erzählen

Von einem taffen jungen Mann

Der aber ein Indianer war

Und aus der man lernen kann.

 

Er stammt von den Pima-Indianern

Einem fleißigen stolzen Stamm

Der nicht nur saufen und streiten

Sondern auch arbeiten kann.

 

Sie pflügten Arizona Valley

Und bauten Melonen an

Bis man ihnen eines Tages

die Wasserrechte nahm

 

Nun blieben die Felder trocken

Dem Stamm erging es schlecht

Der weiße Mann sah ruhig zu

Er fühlte sich im Recht.

 

Als dann Weltkrieg Zwo begann

Trat Ira trotzdem an

In der Hoffnung auf Veteranenruhm

Der dem Stamm dann helfen kann.

 

Sie kämpften auf Südseeinseln

Gegen die gelbe Gefahr

Obwohl doch Ira der Pima

Auch kein Weißer war.

 

Sie erstürmten den Iwo Hügel

250 Mann

nach einem Tag des Sterbens

kamen 30 oben an.

 

Die Fahne der Freiheit flattert

nun über dem Ozean

das hat für Roosevelt & Truman

auch Ira Hayes getan.

 

Mit’nem Orden an der Brust

Kehrte er wieder heim

Die Kameraden achten ihn

das sollte nicht von Dauer sein.

 

Denn kaum von Bord gegangen

da änderte sich der Ton

wieder bloß ein „Redskin“

wie vor dem Kriege schon.

 

Ira lernte da drüben

Wie Recht aus Blut erblüht

Dass das zu Hause nicht so ist

Das schlug ihm aufs Gemüt.

 

So begann er das Saufen – hart!

Er kam auch oft in den Knast

Immer wenn er Reservationsverwaltern

Einen Tritt verpasst.

 

Da hatte er Zeit zum Grübeln,

bis er plötzlich verstand

warum der weiße Mann das Sagen hat

Im Indianerland.

 

Sie hatten ihn in die Army gelockt

Und Ruhm und Ehre versprochen

Aber sie hatten ihn wie einen Hund entlohnt

Sein Orden war der Knochen.

 

Jeden Morgen im Saloon

Da schüttet er in sich rein

Den Orden trägt er längst nicht mehr

Man lässt ihn lieber allein.

 

Nenn ihn Säufer Ira Hayes

Wenn er in seinen Whisky stiert

Heute lässt er sich’s gefallen

Früher hätt’ er dich skalpiert.

 

Nenn ihn Säufer Ira Hayes

Er antwortet nicht mehr

Denn die Bürde, die er trägt

Drückt seine Schultern schwer.

 

Im Reservat blieb das Wasser knapp.

Die Not blieb Jahrzehnte bestehen

Der Säufer Ira Hayes jedoch

Wurde plötzlich nicht mehr gesehen.

 

Sie fanden ihn eines Tages

Erschossen in die Wüste gekarrt

Nah an einer Wasserstelle

In der Hand noch das Purple Heart.

 

Zum Junge-Hunde-Kriegen

(Rammsteins neues Video)

Es ist zum Junge-Hunde-Kriegen!

Dieses Sprichwort ist ziemlich aus der Mode gekommen. Rammstein erinnern dieser Tage dran. (siehe Video „Deutschland“ Schlussbild der Band) Das Volk der Dichter und der Denker bewies medial mal wieder, dass es genau das nicht ist. Die Unfähigkeit, Kunst zu interpretieren, feierte anlässlich des „Deutschland-Videos“ fröhliche Urständ. Ach hättense doch einfach bloß die „Moorsoldaten“ gecovert! Lindemann wusste das im Voraus. Welche Reflexe musste füttern, damit es kracht? Hat bestens geklappt.

Rammstein gelten als Provokationsband, die mit den Propagandastilistiken der Systeme spielt wie sonst nur Laibach, ihre nicht erklärten Vorbilder.

„Deutschland“ schießt nun aber den Vogel ab. Einen besseren Abriss deutscher Geschichte in nur 10 Minuten und surreal-perfekten Anspielungen gibt’s nicht. Alles da! Bild und Ton an die jeweils richtige Stelle geschnitten.

Teutoburger Wald. Barbarentum. Kannibalistischer Einstieg. Nun ja: In Gedärm gefangener Römer zu lesen, um Siege vorauszusagen, das gilt bisher noch als erwiesen. Die Seherin im Video aber ist schwarz. Kommt aus dem Busch. Aber eben dem germanischen. Gelungener Hinweis auf „aller Anfang ist primitives Chaos.“

Wenig später: Schlemmende Mönche bei Kerzenschein. Auf dem Tisch die schwarze Germania, die ausgeweidet wird. Treffer: Kirche als Machtfaktor. Dicke Mönche, armes Deutschland, und später auch armes Afrika… Der missionarische Kulturbringer mit der Peitsche und dem Scheiterhaufen.

„Du hast viel geweint; im Geist getrennt, im Herz vereint….“ Treffer! 40 Jahre Mauerzeit, Westsozialisation, Ostsozialisation, aber im Herzen national verbunden geblieben, allen heutigen Nationalstaatsverächtern zum Trotz. Ohne Nationalstaat kein Sozialstaat. Wenn er weg ist, wirst du ihn vermissen.

„Sind schon so lang zusammen, dein Atem kalt, dein Herz in Flammen“ Treffer! 30 Jahre Wiedervereinigung, Wirtschaftserfolge für die kalte Tegernsee-Kamarilla, Wut für die abgeschlagene Provinz.

„Deutschland! Mein Herz in Flammen! Will dich lieben und verdammen!“ Treffer! „Es gibt 100 000 Gründe auf dieses Land stolz zu sein, warum fällt mir auf einmal kein einziger mehr ein?“ Kennste noch? Auf den ersten Blick die Triumpfe: Kulturelle Höchstleistungen, Tüftlergeist, zeitweilige Stärke – auf der anderen Seite Profit durch Verbrechen unverblümt und anschließend Profit durch galoppierende Scheinheiligkeit. Was erst in den Kolonien passierte, geschah später auch und schlimmer noch in den KZs und anschließend im Nadelstreifenzwirn – woanders…. Industrielandschaft plus Rammstein im Kapitalistenzwirn und Feuerkugel (brennende Ölquellen all überall dank Waffenexport und pfeif auf die Umwelt)

Überheblich           (Kaiserzeit, dargestellt durch eine schwarze Germania in Maria Stuart- Outfit a la Schiller; die Klassiker allzeit als Feigenblatt missbraucht)

Überlegen              (Industrie; Kohlekraftwerkeinblendung; Gewinner des Industrialisierungsrennens)

Übernehmen         (KZ-Häftling 1; ohne Schlinge; Machtübernahmeanspielung)

Übergeben             (also Kotzen: KZ-Häftling 2 mit Schlinge um den Hals)

Überraschen          (V1/V2- Raketenanspielung)

Überfallen              (SS-Offizier vor angetretenen Häftlingen, stellvertretend für die Besetzung Europas)

Perfekte Sequenz!

Deutschland, Deutschland über allen.  (Lindemann in zivil und Ketten, nach „Schlag in die Fresse“ also vom (Über-)Leben gezeichnet)

Deutschland, deine Liebe ist Fluch und Segen, meine Liebe kann ich dir nicht geben….

(Germania als Supermodell im Zeitenwandel: Zusammenschnitt Gardeuniform, SS-Uniform (mit Augenklappe links!), als Opfer von RAF-Terroristen mit Sprenggürtel heutiger Attentäter. Getrieben von hehren Idealen neuen Unsinn anrichtend. Der Stein der Weisen wird bis auf weiteres „verschollen bleiben“.

Die „Germania“ wirft junge Hunde. (Deutsche Schäferhunde? Nicht nur in Fachkreisen „überzüchtet krank (im Beckenbereich)“. Lendenlahm. Nunmehr Kuschelwauwis. Deutsche Bestie? Fehlanzeige!

 

Nach dem letzten Glas

Heyyyyyyyyy. Die beste Pladde kommt zum Schluss.

19 neue Kleinodien. Die Gitarren irgendwo zwischen dem verzerrten Müllmännerblues a la Tom Waits und den gut abgehangenen Zufalls-Licks eines J.J.Cale, wie schon auf dem Album zuvor; aber alles noch einen ordentlichen Schluck melancholischer. Die Stimme tonlos vor sich hin lamentierend. Zeile für Zeile sitzt! Ja; da ist er wieder.

Sieben Jahrzehnte hat’s gebraucht für dieses Tiefgang(doppel)album ohne Graupen!

Er liebäugelt mit „der letzten Kurve“. Die Gitarren sind gestimmt für den ersten Treff mit Hank Williams, da oben, wo alles geht, sagen sie. Den schwarz gefärbten Inhalten blieb er treu.

Außerdem hier und da bissl Dobro, bissl Geige, Dylan-Hurrican-Memorial-Sound!

„Die letzten Drinks, die sind getrunken, die Bühne, die ist leer, nichts geht hier – in diesem Lande – mehr…“

Jaaaaaaa. Meister der Andeutung. Zeitgeist-Erfasser. Da isser wieder.

Als ich einst loszog, war er da und vertonte mir die Orientierungkrise des beginnenden Twen, wie ansonsten nur Georg Danzer. Die eben erworbene Selbstsicherheit, die Down-Phasen, oder beides in einem, wie das eben nur zwischen 21 und 25 so geht, flirting with desaster…

„Sag mal Engel! Ist es da oben besser als hier? Oder nervt ihr euch gar noch schlimmer als wir?“

Die Fahne überlebt und ins Studentenwohnheim eingeritten mit „Interzone“ und „Neubauten“-Sound, mit den Raumteilern Renft von Kassette und Pankow auf der Bühne gefeiert. Die eigene Trinkfestigkeit bestaunt. Das Studium als Witz erkannt. Es ging verführerisch einfach. Alles, was die wollten, wussten wir schon. Von ein paar Organisationstricks für die spätere Arbeit einmal abgesehen. Ein paar sehr interessante Vorlesungen unter sehr vielen langweiligen, konnten genossen werden. Wenn’s leicht fällt, brauchts keine Kurskorrektur – für all jene, die nur im heute leben. So einer war ich nie. Deshalb kam er mir zupass.  Der sanfte Rebell. 4 Jahre Penne, 18 Monate Asche, 4 Jahre Studium – alle bisherigen Etappen waren von überschaubarer Dauer. Die, die dann kommt, ist ein Ozean aus abzudienender Zeit!

„Der Blues, der kam heimlich und holt uns heut ein. Wenn es so sein soll, dann soll es so sein!“

An Warnungen hat es zuvor nicht gefehlt. Du bist doch keiner von dieser Art. Du wirst nicht in diese Branche passen. Deine Denke ist nicht die von denen…

„Was soll ich noch sagen? Es geht mir gut?“

Eigentlich durchaus! Die perfekten Jahre 82/83 wollten genossen werden.

1984 deutete sich das fading out an und pünktlich zum Umbruch gab es wiederum Tonsignale von ihm:

„Sonne und Feuer! So lang Tabu! Wir küssen die Nacht nur ich und du!“

Abschied für die Zeit im Paradies Leipzig. Umschwung. Überdruss. Entfremdung. Verbannung.

„Ich war doch für euch nur der treue Husar. Heut leg ich mir andere Träume auf meinen Altar.“ (aus „Ragazzi di Strada“ 1984 von der „Tabu“)

Im Wohnheim wurde ein West-Sampler herumgeborgt, auf dem Satchmo den „treuen Husar“ sang. Manchmal geschehen Dinge parallel, als ob sie von oben geplant worden wären: Da wollte jemand, dass ich diesen Song verstehe.

Zeitchen verging. Mörderlich langes Zeitchen. Immermal wieder tauchte er im Radio auf und prompt umgab mich, wo immer ich gerade war, das Mobiliar des Studentenwohnheims, die enge Medi-Disco, der „Schwarze Jäger“, der „Jörgen Schmidtchen“…

Nicht nur er, der alte Wolf, wurd‘ langsam grau.

Sondern auch ich komm immer seltner aus dem Bau…

Die alten Knochen tun ihm weh. Statt Bourbon trinkt er Grünen Tee.

Das ist nun auch schon eine Weile her.

Nun, da „die letzten Kurven“ näher rücken, kommt er nochmal stärker denn je zurück.

Diesmal schlagen die Songzeilen NOCH präziser ins Hirn als einst beim treuen Husar:

aus der zeit gefallenÜber 50 musste ich werden, damit ich die Story von Bob Seger‘s„Mainstreet“ komplett verstehe. Ich scheine da was gemeinsam zu haben mit meinem musikalischen Begleiter, denn ihm gelang -erst jetzt- ein Antwortsong auf die dort beschriebene Situation. Zu spät, um noch Hit werden zu können. Unsere Epoche ist um. Rory, Johnny Winter und J.J.Cale sind tot, Johnny Cash und Bowie ebenfalls. Clapton und Collins fast. Lindenberg peinlich. Mey verstummt. Bob Seger macht noch Musik, ohne in Europa wahrgenommen zu werden.

Und seine angehimmelte Table-Dancerin von einst ist immer bei den falschen Typen gelandet, weil die beständigen zu schüchtern waren, sie anzusprechen. Während manch kleiner Held seinen ersten Schwarm ungeküsst nach Hause brachte, irgendwo da draußen, „down on mainstreet“. Lang, lang ist’s her.

„Nur wer hier zurückbleibt, ist allein. Der Rock&Roll ruft seine Kinder heim.“

Danke, Stefan!