RAABE lesen! (3)

„Des Reiches Krone“ (1870)

Gedankenspiele:

Es hat sein Geschmäckle, die Wiederbegegnung mit einem Text zu feiern, den man mit 15 mit Betroffenheit las und der einem 46 Jahre später wieder begegnet.

Was ging mir 1975 durch den Kopf, als ich das Büchlein für 4,50 M kaufte und nur die erste Novelle von dreien las, die es enthält? Was hat mich davon abgehalten, die andern beiden zu lesen, wo mir doch die erste sehr gefiel?

War es irgendeine Pflichtliteratur? Damals Ende 8. Klasse? Gar der Storm’sche „Schimmelreiter“?

War es eine Karl-May-Massenborgung, die bald wieder zurückgegeben werden sollte?

Ich weiß es nicht mehr.

Fest steht, dass ich durch diese Novelle erfuhr, dass Konstantinopel und somit Byzanz erst 1453 unterging.

Dass Jahre zuvor in den Hussitenkriegen, diese nicht zum Zwecke des ehrlichen Predigens von Gottes Wort durch die Gegend zogen, sondern um Rache zu nehmen für die Hinrichtung von Jan Hus 1415 in Konstanz. (Nur kamen sie nie dorthin. Sie zogen lieber kreuz und quer durchs beuteverheißende Sachsen bis rauf nach Danzig. (Die dachten also damals schon wie George W. Bush.)

Naumburg an der Saale feiert alljährlich im Juni umfangreich ein Kirschfest. Prokop der Hussite soll die Stadt einst belagert haben. (Fake-News eines phantasievollen Schneiders aus dem 18.Jahrhundert) Ein Lehrer ging mit einem Mädchen-Chor im Büßergewand ins Lager der Hussiten. Der Kindergesang soll diese so gerührt haben, dass sie auf die Bäume kletterten, die Kinder mit Kirschen bewirteten und die Stadt nicht „berannten“. Hussiten standen also in eher mildem Licht.

Bei Raabe wird gegen sie gekämpft. Perspektivwechsel lernen – das hatte was!

Doch der Reihe nach:

Raabes Novelle hat eine Rahmung. Der Ich-Erzähler, ein alter Nürnberger Patrizier, schreibt 1453 in seinem ehemaligen Kinderzimmer seine Memoiren und holt somit alle die aus dem Totenreich zurück, die ihm einst wichtig waren und leider jung verstorben sind. Die Glocken läuten allüberall, während er schreibt, denn die Nachricht vom Fall Konstantinopels traf gerade ein. Er aber erinnert sich an ganz andere Kämpfe und Erlebnisse aus seiner Jungmännerzeit, damals in den 20ern – eben jene Hussitenkriege.

Raabe schildert die Situation des alten Weisen da, so saturiert, aber erschöpft vom Leben; so vereinsamt im Elternhaus, dessen „Wohnräume den Spinnen und den Mägden überlassen“ bleiben, da ihm seine alte Dachstube mit dem Ausblick in den Garten reicht; dass du dich als Leser jeden Alters automatisch identifizierst, wenn du in deiner Kindheit reichlich Altstadtflair aufgesogen hast, so wie ich.

Die verblüffend grünen Hinterhöfe, die du innerhalb des ehemaligen Stadtmauerringes gar nicht vermutest, wenn du dort Klassenkameraden besuchst! Diese Laubengänge entlang der Nebengelasse, die mal Remisen oder Werkstätten waren. Die vielen, vielen buntverglasten Oberlichter der Fenster, die leider, leider der 90er Jahre Renovierung vielfach zum Opfer fielen!

Diese Geborgenheit, die dich umfängt, wenn du hinter Butzenscheiben auf uralten Dielen mit deinen Kumpels noch mit Bleisoldaten „von früher!“ (Sensation!) oder mit Lineolsoldaten (noch seltener!) spielst! Aus den Bücherschränken der Väter grüßt alter Buchbestand in Goldschnitt und Leder! Du wünscht dir automatisch nichts so sehr, wie in diesem Ambiente altwerden zu können.

Es kam anders.

„Nehmt und lest!“ ist als Mehrfachmahnung in die Novelle eingewoben.

Das Wiederlesen der „Reichskrone“ geschah tatsächlich im selben Zimmer wie damals ’75!

Und die Lektüre ging ihre ganz eigenen Wege.

Vater nun gestorben, sein Deutschlandfunkradiogeplapper ist verstummt. Hund und Bruder fehlten. Mutter werkelt im Erdgeschoss.

Nun war ICH tatsächlich der Alte oben in seiner Kindermansarde!

Es klingelt. Aber es ist nicht Udo, der mich zur Radtour abholt oder Christian mit einem Plattenbeutel unterm Arm.

Es ist Bofrost. Mutter geht schon zur Tür. Ich kann also weiter grübeln.

Bücherschrank und Lampe sind noch die Alten. Die Liege wurde inzwischen mal erneuert, steht aber an selber Stelle.

Auf dem Bücherschrank fehlt die Bierbüchsenpyramide. DAS Relikt der frühen 70er, das damals so ziemlich jeder hier herum hatte. Jörgi’s Vater hatte sogar eine im Wohnzimmer auf dem Bücherbord.

Allerdings nur bestehend aus 3x DAB und 3x Dortmunder Union, weil es die nunmal im Intershop gab.

Meine war bunter; zusammengekaupelt für doppelte Mosaiks, Bleisoldaten, Kaugummibilder…

Als der Jupiter einzog (das große Spulentonband), wanderte die Pyramide frei von Wehmut in den Müll. DIE Mode war vorbei. Der Musikaltar brauchte Platz! Inzwischen ist auch er dahin.

Raabe beschreibt, wie der Alte da in der Dachkammer nichts mehr besitzt, was er den „reinigenden Flammen“ opfern könnte, da ein Mönch dies gerade marktschreierisch von allen Gläubigen verlangt, damit Gottes Zorn gemildert werde und die Türken nicht auch noch bis Nürnberg kommen.

Du weißt dank MOSAIK und einiger Kreuzritterromane:

Das griechische Kaisertum in Nöten! Byzanz hatte nicht erst 1453 Schwierigkeiten. Sein Abwärtstrend setzte mit den Kreuzzügen am Ende des 11. Jahrhunderts ein. Die Sarazenen drückten aus dem Osten, die katholischen Ritterheere kamen aus dem Westen. Ursprünglich kamen sie „zu Hilfe“, aber sie entpuppten sich zusehens als Belastung. Sie waren vor allem scharf auf Hafenstädte, als Stützpunkte für die Versorgung ihrer Kreuzfahrerstaaten. Ein Kreuzfahrerheer eroberte und plünderte zwischenzeitlich die Hauptstadt Konstantinopel, bevor der Orient darüber hinwegmarschierte….

Und gegen die aktuellen Assoziationen kannst du dich nicht wehren:

Manchmal erdrückt einen die Aktualität solch alter Texte geradezu.

Die Hagia Sophia bekam Minarette. Und das war mal die „Engelsburg“ der griechisch-orthodoxen Kirche!

Dass Raabe gerade diesen Zeitraum für seine Novelle wählte, ist typisch für ihn. Er hätte populärere Kriege nehmen können: Den 30jährigen oder den 7jährigen, die schulbuchkompatiblen. Nein. Er nimmt einen „unterbelichteten“ Zeitraum – der bereits durch Andeutungen Schlaglichter erzeugt und dich NACHDENKEN lässt:

Das ehrlos-wehrlose 15. Jahrhundert im Vergleich zum ebensolchen nach-napoleonischen Deutschen Bund der Raabe-Zeit. König Sigismund, der wortbrüchige Zauderer, der Krisenmanager mit mäßigem Erfolg, der immerhin die Hohenzollern von Nürnberg nach Brandenburg brachte – und ein Hohenzoller, der zaudernd unentschlossen nun 1870 von Bismarck in Richtung Einheitsvollendung geschubst wurde. Die Entsprechungen des 21.Jahrhunderts zu finden, überlasse ich dem Leser….

Der Alte in seiner Kinderstube erzählt seine Jugenderlebnisse, die damit begannen, dass er bereits als Säugling einen ebensolchen Adoptivbruder aus verarmt ausgestorbener Adelsfamilie an die Seite gelegt bekam, mit dem er gemeinsam aufwuchs. Junker Michel Groland von Laufenholz. Das Adelsgeschlecht hatte im Dahinscheiden letzte Besitzungen an den Vater vermacht, weshalb er sich genötigt sah, das letzte Küken des verwaisten Nestes zu hegen und zu pflegen.

Vater hatte schwer damit zu schaffen, erfahren zu müssen, was es heißt, „solch Adlerbrut“ aufziehen zu wollen. Der angenommene Sohn entpuppt sich also als Träger ganz anderer Erbanlagen als der eigene. Den stört das aber keineswegs, hat er doch einen Abenteuer erzeugenden Spielgefährten an ihm.

Aber da sind auch noch die kleine Gespielin Mechthild Grosse, die soviel jünger war und tatsächlich große Charakterstärke bewies als junge Frau. Und der Hauslehrer Theodoros Antoniades, der Flüchtling von Chios, welches schon 30 Jahre vor Konstantinopel verloren ging. Der war nun bis Nürnberg gekommen, geblieben und verdiente sich ein wenig Lebensunterhalt mit Griechisch- und Philosophie-Stunden für die Patriziersöhne. Der Bezug zu ihm ward enger als zum eigenen Vater, wie sich zeigen sollte.

Bei jenen Griechischstunden im Gartenpavillion machte sich die unterschiedliche Veranlagung des Brüderpaares besonders deutlich bemerkbar. Nimmersatt bildungssüchtig der eine, stets gelangweilt, aber gutwillig dabeisitzend der andere! Das ging immer solange, bis Klein-Mechthild in den Büschen aufkreuzte. Dann packte Michel die Kleine, wischte mit dem Ellbogen die Pergamente vom Tisch und ließ sie tanzen.

Das niedliche Nachbarskind wollte niemand vergraulen und so waren die Griechisch-Lektionen an manchen Tagen recht kurz. Die Albereien zwischen Mechthild und dem Junker ohne Land  entwickelten sich mit der Zeit zu einem engen Vertrauensverhältnis, so dass für alle Außenstehenden absehbar war, dass das früher oder später wohl in einer Ehe enden würde.

Zuvor aber hatte sich die Zeit entschlossen, ihre Kinder hart zu prüfen.

Die Reichsinsignien (Krone, Zepter, Reichsapfel und Heilige Lanze) waren in Gefahr, von den Hussiten erobert zu werden! Sie lagerten seit Karl IV. auf dem Karlstein in Böhmen. König Sigismund, dessen Wortbruch von Konstanz diese Gefahr bekanntlich erst erzeugt hatte, sah sich gezwungen, mit Heeresmacht diese zusätzliche Schande, die an seinem Namen kleben würde bis in alle Ewigkeit, abzuwenden.

Die Kirchen also predigten den Kreuzzug wider die Hussiten. Die Frauen darin hören das und Mechthild vergattert ihre beiden Verehrer, sich mit dem Schwerte „als Kerle“ zu beweisen. Also ziehen beide mit Sigismund’s Heer und helfen die Reichskleinodien zu retten.

Bei deren Anblick nach siegreicher Schlacht murmelt Junker Michel „Nun da diese wieder fest in unserer Hand sind, will ich mir meine Krone holen!“ Der Patrizier versteht und nickt. Dann trennen sich ihre Wege. Der Bürgersohn wird mit dem Gros des Heeres entlassen. Eine kleine Elitetruppe, zu der auch Michel zählt, der glaubt, noch eine Schippe Ruhm mehr zu brauchen, um heiratsfähig zu sein, bleibt beisammen und soll die geretteten Heiligtümer auf eine Burg nahe Budapest bringen. Dort scheinen sie Sigismund am sichersten.

Ihr Wiedersehen 2 Jahre später sollte ganz anders aussehen, als erhofft. Kein rauschender Heereseinmarsch in Nürnberg mit klingendem Spiel und Königspomp, kein rauschendes Hochzeitsfest von Mechthild und Michel. Ja, es fehlte in jenen zwei Jahren jegliche Nachricht von Sigismunds Truppe.

Der Memoirenschreiber erinnert sich eines Boten, der ihn eines Tages zum Siechenhaus vor der Stadt bestellt. Die Mater Leprosum wünsche ihn zu sehen, es sei dringend.

Er staunt und folgt. Vor dem Hospital steht eine Bank. Darauf sitzen die Leiterin, die ihn hat laden lassen und ein Mann in einer Art geflickter Mönchskutte, die Kapuze tief im Gesicht. Der Erzähler erkennt ihn nicht.

Aber vor dem Mönch steckt ein Schwert in der Erde. DAS erkennt er!

Ein Blickkontakt mit der Mutter der Siechen, fragend, erschrocken – sie nickt traurig.

Er bricht zusammen.

Während er kniet und fassungslos seinen Bruder in der Kutte anstarrt, kommt die Mutter der Barmherzigkeit auf ihn zu, um ihm das Vermächtnis des Gezeichneten zu erklären:

Er hat es als einziger bis nach Hause geschafft. Nach dem die Reichskrone in Sicherheit war, wurden auf dem Rückmarsch alle krank. Nun will er im Siechenhaus in der Nähe von Mechthild sterben; diese aber soll nichts davon erfahren! Er möchte nur, dass sein Bruder von seiner Existenz hier draußen weiß, um hinterher das Begräbnis zu richten.

Diese Heimkehr so klamm heimlich und ohne, dass die Stadt Notiz nimmt…auch das hat was ganz Aktuelles: Erst in die Scheiße schicken und hinterher nicht mal Danke sagen. Weggucken. Wegducken! Die Realitäten stören unser Wolkenkuckucksheim!

Der verschonte Bruder darf nun nicht einmal herausschreien:

„Er ist da! Draußen im Siechenhaus! Seht ihn euch an!“

Betäubt und verwirrt taumelt der Erzähler heim, lässt sich von nun an bei Mechthild verleugnen, druckst herum, wenn sie ihn freundlich-fröhlich wie immer anspricht, sucht Rat bei seinem nun schon altersschwachen Griechischlehrer.

Als jedoch wieder ein Jahr später die Insignien nun auch in Budapest nicht mehr sicher scheinen und nach Nürnberg zurückverlegt werden, kommt Mechthilds große Stunde.

Ich verrat’s nicht.

Nehmt und lest!

Nachtrag zur Form:

Raabe hätte einen Sidekick gebraucht.

Lennon/McCartney oder Jagger/Richard zusammen genial, auf Solopfaden isses dann auch immer nur die Hälfte oder sogar weniger.

Was hätte ein Spielhagen oder Heyse aus DIESEM Stoff gemacht! Du hättest heulend vor der letzten Buchseite gesessen! Der überrationale Autist Raabe bleibt sich treu – und kalt im Erzählen. Der Leser bekommt die Sentimentalität nicht, nach der dieser Stoff schreit.

Die Charakterzeichnung der Mechthild gelingt ihm besser als die der Regina Lottherin. Die Vatererfahrungen fließen hier im Ganzen ein, nicht nur für einen einzigen großen Auftritt, der in der Herrgotts Kanzlei sicherlich erst in der späten zweiten Auflage Einzug fand.

Andererseits bleibt er inkonsequent auf halber Strecke stehen, da er anfangs mehr als nur andeutet, das Mechthild des Reiches „eigentliche Krone“ ist, die tapfere charakterstarke Frau, deren Liebe alles überwindet. DIE sollst du ehren! Aber er führt diese Allegorie im weiteren Verlauf nichtrecht zu Ende. Der so perfekt geplante Schluss des Plots wird wieder nur im Telegrammstil kurz zu Ende gebracht, wie schon das verdient böse Ende des Oberstrolchs in der „Herrgotts Kanzlei“. Eventuell platzten beim Schreiben die Nachrichten von der Emser Depesche herein oder die Siegesmeldungen von Wörth und Spichern, weshalb er abschließend pathetisch wird:

Er lässt seinen Ich-Erzähler 1453 schreiben:

Des deutschen Reiches Krone lieget noch in Nürnberg; – wer wird sie wieder zu Ehren bringen in der Welt?

Vermutlich der Grund, weshalb diese Novelle in den sogenannten „ausgewählten“ Werken in Ost und West immer fehlt.

Drei Alben

In einem Land vor dieser Zeit heute lebte ich einst dahin. Das Besondere an diesem Land war, dass es keine Schallplatten gab. Also es gab schon welche, aber – das war kompliziert:

Das Land hatte EIN Plattenlabel für Rock/Pop/Schlager und veröffentlichte für stabile 16,10 M landeseigene Volkskunstgesänge.

Zweimal im Monat kam es zur Unter-dem-Ladentisch-Verhökerung einer sogenannten Lizenz-Platte für ebenfalls 16,10 M. Dabei konnte es sich um irgendwen Großkopfertes aus dem Lager des Klassenfeindes handeln; Geräusche, die vom Klassenkampf abhalten, im Sozialismus aber genossen werden können; sagen wir Deep Purple, Who, Stones; aber auch um „so Zeuch halt“ ala Katja Epstein, Udo Jürgens, Roger Whittaker etc.

Da man die Platte seiner Begehr meist nicht im Laden bekam, erwarb man sie „unter der Hand“ für 30.-M oder im Tausch für eine Ungewollte, die man vorsorglich für diesen Fall gekauft hatte, weil es sie eben grade gab, als man im Laden war.

Die „richtigen“ LPs, von A&M, CBS, RCA usw. gab es nur auf dem Flohmarkt oder von jemandem, den ein guter Freund halt so mal eben kennengelernt hatte. Und die kosteten, laut Umtauschkurs 1:6 eben nun mal 120.-M (Ost).

Da Rundfunkempfang von „Feindsendern“ kein Problem und somit Norm war, wusste man immer, wann welches Idol welche Platte herausgebracht hatte; aber man wusste nie, ob man sie eines Tages mal auf dem Flohmarkt erwischen würde.

Flohmärkte blühten in den 80ern mehr und mehr auf. Und du bekamst dort fast alles, was in den Läden Mangelware war – und so einiges mehr!

Und so trug es sich zu, dass auch Merseburg einmalig einen Flohmarktversuch startete.

Sommer’83. Bei bestem Wetter und mit wenig Geld fuhr nun also ein Trabi voller studentischer Plattensüchtlinge die paar Kilometer gen Schlosspark.

Ich für meinen Teil hatte die Barschaft von 250 Mark dabei und wohl wissend, dass ich dann wieder vor einem Vinylstandort stehen würde, bei dem ich gern das Zehnfache gehabt hätte, war ich auf die Idee gekommen, meine Lizenzplattenbestände zu durchforsten, was eventuell entbehrlich wäre, um die Suchtbefriedigung wenigstens in diesem Segment noch ein wenig weiter steigern zu können.

Im Plattenbeutel unter meiner Schulter befanden sich nun also „Leo Kottke“ und „CCR“; damals gerade auf AMIGA erschienen, sodass sie eventuell noch gesucht sein könnten. Kottke gefiel mir in jenen textlastigen NDW-Jahren noch nicht so richtig (das änderte sich später sehr); und die CCR hatte ich mir überhört, sodass der Trennungsschmerz nicht allzu groß sein würde. Sollte sich gar jemand finden, süchtig wie ich, dann würde der eventuell je 40.-M springen lassen – und dann hätte ich bei etwas Verhandlungsgeschick Geld für „aller guten Dinge sinder Dreie“ von den RICHTIGEN!

Wir also rein da, löhnen das bissel Eintritt und ziehen getrennter Wege, denn keiner gönnte dem andern Funde, die ihm selber gefallen hätten und die er so nun wieder „nur“ aufnehmen konnte.

Ich wende mich nach rechts und gleich als zweiter oder dritter Anbieter steht da jemand mit einem Bettvorleger im Gras und darauf liegen 4 Alben. Welche weiß ich nicht mehr, denn ich hatte nur Augen für eins -BÄM! -:

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Ich wusste sofort, dass ich das gleich kaufe! Aber ich wusste ebenfalls gleich: Du bist noch keine 10 Schritte gelaufen und deine halbe Barschaft geht jetzt drauf! Du wirst noch vor größeren Kisten stehen! Aber überlegen und wiederkommen is’nich‘! Dann isse schon weg!

1978 -vor der Fahne- war „Bat out of hell“ erschienen – und nenne mir einen von meiner Generation, der nicht das große Sabbern gekriegt hätte, wenn man ihm die zum Aufnehmen anbot! Ich hatte sie -Prora-Dealer sei Dank- seit 1981 endlich auch auf Band und nun lag hier der zweite Streich des Big American Wahnfried!

Die Hülle war perfekt, beim Rausziehen der Platte glänzte alles, wie es sein soll! Problem: Ich kannte keinen Ton von diesem Album!

Die muss 1980 höllisch eingebrochen sein! Ich hatte das nicht mitbekommen können. 18 Monate „Ehrenhaft“ auf Rügen, da kommste zurück und denkst, es gibt international bloß noch Nik Straker und die Goombay Danceband, saach ich dir! Ostseewelle Rostock, das war seinerzeit auch sowas wie Folter!

Ich hatte zwar alles aufgenommen, was mein Langzeitkumpel Udo in jener Phase zu Hause so an musikalischer Beute machen konnte, aber von Meat Loaf war da nichts dabei!

„Is‘ die wie die Bat out of hell?“, frag ich also ziemlich deppert. Und der Verkäufer muss mich prompt für einen Idioten halten.

„Klar! Die is zwar nich‘ so bekannt – aber, wem die eene jefällt, der mag ooch die annere hier.“

Hab ich zu handeln versucht? Oder widerstandslos gleich die 120 gezückt?

Ich war in Trance!

Gleich nach dem Kauf wurde ich wieder unschlüssig: Was, wenn die verdient gefloppt is‘? Hast du dir jetzt Mist andrehen lassen?

Die Ängste waren unbegründet. Die Platte sollte in meinem Besitz ihre ganz spezielle Geschichte erlangen.

Musikalisch ist sie der „Bat out of hell“ tatsächlich ähnlich. Sie geht gut ab. Mini-Opern wie „Paradiese by the Dashboardlight“ allerdings fehlen. Aber Graupen gibt es keine.

Als ich sie vor Udo aus dem Beutel ziehe, kriegt der glasige Augen: „Ooooor! Und wer malt mir das Cover jetz‘ in Lämsgröße übbers Sofa?“

„I’m gonna love her for both of us“ … „more than you deserve“… lebenskluge Studentenhymnen! Alles wahr! Soundtrack einer Lebensphase!

dav

Anfang’89 verbüßte ich mein viertes „Zusatzabsolventenjahr“ hinter Cottbus als Strohwitwer, während meine Frau weit weg daheim ihre Mutter pflegte und unser erstes Kind windelte – alle Versetzungsanträge und Eingaben abgeschmettert – und kein Bonze hatte ein Einsehen auf Familienzusammenführung! Dementsprechend war ich drauf, als diese letzten Kommunalwahlen abgehalten wurden:

Ich ging hin, nahm den Zettel, legte ihn auf die Urne und begann Namen von der Liste zu streichen.

Die Wahlkabine war – wie üblich – zu weit weg und mit Stühlen verstellt.

(Komme da jetzt, was da wolle! Hat sich was mit braver DDR-Bürger! Ich hörte da so eine Speckbacke im Anzug flüstern: „Wen streicht‘n der?“ Von den andern gabs diese typischen Blicke: Ist Ihnen klar, was Sie da gerade getan haben?!)

Leckt mich! 5 km von der polnischen Grenze! Noch weiter östlich könnter mich nich‘ verbannen. Schlesien is‘ futsch!

Dann stopfte ich den Wisch in den Schlitz und ging -leicht zitternd vor Aufregung- heim. Wird’s noch Theater geben? Oder bin ich eh schon „durch“? Zuhause legte ich die „Deadringer“ auf: Peel out, peel out! I‘m sick and tired of waiting in line! – und fand mich strax wieder gut!

Wenn ich an den Wochenenden das Pflegeelend meiner Schwiegerfamilie erlebte, war ich immer aufs Neue der „Real Deadringer for Love“, auch wenn Olle Ami-Bulette das ursprünglich anders gemeint hatte.

So bekam diese Platte ihre Unverzichtbarkeit! Aber‘83 da im Schlosspark war daran nicht zu denken.

Es ist im Leben prima eingerichtet, dass man nicht vorausschauen kann. Würde man mit 23 sehen, durch welchen Mist man noch zu waten hat, man würde keine 30.

Also lebte ich den Moment: Meine Zweifel an der Richtigkeit jener Kaufentscheidung wuchsen mit jedem Schritt.

 Und die Verunsicherung begann sogar zu sieden, als ich 100 Meter weiter vor zwei Typen stand, die in zwei großen Pappkisten an die 500 begehrte West-Platten feilboten!

Ich kann bis heute nicht erklären, wie solche Anbieter zustande kamen: Zwei Fernseherkisten voll Rockgeschichte im Bestzustand! Ladenneu! Waren das Einbrecher im Rundfunkarchiv? Stasischergen, die die Paketbeschlagnahmungen verhökerten? Oder nur skrupellose Schröpfer von Westverwandtschaft?

Es waren keine Ausländer! Sie sprachen akzentfrei unsern Slang!

Der Stand ist umlagert. Ich drängle mich rein. Erwische gleich die „Who are you“, halte sie erst mal fest, will aber noch an Überblick gewinnen:

Neben mir flippt einer so eine lange Plattenreihe durch. Die gesammelten Werke der Scorpions, so scheint es, Rainbow und Maiden auch dabei, die greift einer von der Seite gleich raus. Egal. Da: Bowie! Aber der Typ flippt drüber weg. Gott sei Dank!

„Warte mal kurz!“ hör ich mich auf Autopilot sprechen, flippe zurück, ziehe die Bowie und schieb die Who an die Stelle rein: Es ist die „Diamond Dogs“! Was für ein Cover! Und „Rebel Rebel“ ist drauf!

dav

Heinz Rudolf Kunze hatte zu der Zeit auf NDR2 gerade eine Sendereihe „Bowie – der Favorit“ laufen – und er besprach dort alle LPs mit reichlich Hörbeispielen! Ich hieperte deshalb auf die „Hunky Dory“, aber die „Diamond Dogs“ erschien mir seinerzeit als die zweitbeste der Vor-Fame-Phase!

Treffer! Bezahl und weg!

Aber – Geld alle. Für den letzten 10er würde es kein Vinyl mehr geben und nach meinem Beutelinhalt war ich noch kein einziges Mal angesprochen worden.

Fluchtartig verließ ich diesem Stand des Überangebotes: Hach, da hatten die sogar die Kiss „Alive!“ und Floyds „the piper at the Gates of dawn“! Von Rainbow wär die „Long live Rock And Roll“ auch verführerisch gewesen! Bloß weg hier!

Erst mal ne Wurschd, um den Adrenalinpegel zu senken.

Die „Diamond Dogs“ gefiel mir jahrelang ganz ausgezeichnet. Sie passte in die 80er, obwohl sie da schon 10 Jahre auf dem Buckel hatte: Aber all die Apocalypse-Anspielungen – das hörte sich extrem aktuell an – in Zeiten von „99 Luftballons“,„Berliiiin! Du kotzt mich an!“ und „Weltsendeschluss“! Viel ist davon nicht übriggeblieben. Höre ich sie heute seltenerweise einmal, dann merke ich, was Kunze seinerzeit schon erzählte: Gesammelte Bruchstücke eines Drogenwracks, das sich künstlerisch gehörig übernommen hatte. Er hatte zu lesen begonnen und wollte nun aus Orwells „1984“, Kubricks „Clockwork Orange“ und Shakespeares „Hamlet“ das eigene große Überwerk erschaffen: Doppelalbum, Buch und Film. Allerdings wurde er Opfer seiner Stimmungsschwankungen und verwarf immerzu seine Vortagsideen. Übrig blieb eine LP mit „Rebel Rebel“, „When you Rock and Roll with me“,„1984“ und allerhand katastrophenschwangeren Füllseln.

Hat halt so jedes seine Halbwertzeit. In den 80ern machte mich die Platte glücklich!

Ein paar Parkrundenspäter steh ich wieder vor einem, der so ein Allerlei aus Ost-Platten und Kram auf einer Decke anbietet.

Und da lag dann noch – SIE!

dav

AMIGA’77. In den 70ern verpasst, dann kurz vor der Fahne immerhin noch aufgenommen. LP mit Überlänge! Herrlicher Sound! Prägemelodaien am Fließband! Keine Graupen! „Bring back my yesterday“ war das zentrale Langwerk darauf, inclusive dem gesprochenen Intro, das auf späteren „Best ofs“ immer fehlt!

Ich weiß, ich weiß! Barry White! Das ist nicht der Name, der unter Althippies, Bluesern und Punks der ersten Stunde Anerkennung genießt – aber – fuck it! Zu MEINEN Göttern gehört er! ICH MUSSTE diese Platte haben!

„Willst’n für die?“

„Dreißch Morg.“

Ich ziehe aus meinem Plattenbeutel Kottke und CCR.

„Und wenn de dir eehne davon aussuchst?“

„Oi!“

Natürlich nimmt er die CCR.

Barry White wollte nie jemand von mir aufnehmen. Aber durchsichtig gespielt hab ich die! Und wie!

Nach der Wende kaufte ich „Barrys Gold“ auf CD mit sehr ähnlicher Zusammenstellung – aber o weh! Der Yesterday-Monolog fehlte! Also gingen die Barry-Käufe „notgedrungen“ weiter. Bis zur „Rhapsody in White“ – DIE ist die Beste! MEIN Sound der Pubertät! Da ziehen sie alle im Geiste noch mal vorbei, die damals Rang und Namen hatten:

Carrell, Elefantenboy, Eddies Vater, Otto-Show, Butler Parker, Margret Thursday, Belle und Sebastian, Daniel Boone – und eben auch so Alltagsbilder einer anderen Zeit: Die Bierbüchsen-Pyramide! Das Kohlebunkern, wenn uns der Wintervorrat in die Einfahrt gekippt wurde! Vaters Kofferheule plärrt Deutschlandfunk dazu. Der bringt Wortbeiträge ohne Ende und zwischendurch plötzlich mal: Standing in the shadow of love-love-love- waiting for the heartache above….“

Exactly my point of view‘73/74!

Oh yeahr!

One ticket please. She’s at home. Yeahr, she’s at home…

dav

 

Er ist nun dort.

Vater 1930-2021

Wann immer einer von den gebrannten Jahrgängen zu den himmlischen Heerscharen eingeht,

öffnet eine der Walküren die Pforte Walhall

und ein Lichtschein fällt auf die Nachkommen

da unten

die so heißen

weil sie nachkommen werden

dermaleinst

sdr

Und dieser Lichtschein soll sagen:

Er ist angekommen!

Sie hält die Zügel seines Pferdes aus Kindertagen.

Er steigt auf

und reiht sich ein.

Die Vorfahren begrüßen ihn.

Bowie Bilanz

Staub gewischt auf alten Platten.

Nichts bleibt wie es war. Alte Vorlieben weichen neuen. Eine Binse. Aber – die alten waren einfach mehr und hielten länger. Kommt heute angestaubt Empfundenes in ein paar Jahren eventuell zurück?

Ich beschrieb bereits, wie mich anno‘75 „Fame“ geradezu umgehauen hat. Das traf einen Nerv. Meinen Nerv. Den Nerv meiner damaligen pubertären Ablehnungshaltung gegenüber – äh – ja eigentlich allem.

Die Ablehnung der anderen gegenüber diesen seltsamen Klängen verstärkte den Effekt.

Das war MEINS!

Bowie wurde ein Langzeitidol für mich. Heutige Playereinsätze seiner Scheiben sind jedoch eher selten.

Mit zunehmender Reife trennst du viel besser Tiefsinn von Scharlatanerie. Und die alten Provokateure haben heftig Haare gelassen.

 „Die Geister der Kindheit verabschieden sich eben hinten am Ende des Korridors am Tor der Zeit“ (Fogelberg)

Bowie war so eine Art Begleiter aus der EOS-Zeit über die Fahne hinweg in’s Studium, und von dort noch in die Erwachsenenphase des Berufslebens. Er war der erfolgreiche Blender mit dem Hang zu karikierter Melancholie, an dessen Sounds du dich durch schwierige Phasen deiner eigenen Entwicklung hangeln konntest. Bis es nicht mehr nötig schien oder besser: Bis die Götter wechselten.

Einst machte er sich rar im Radio. Das „Fame“ überhaupt gespielt wurde, war eher die Ausnahme. In Deutschland war er bis „Heroes“ nicht massenkompatibel. In Amerika Platz 1, aber bei unseren Cousins und Cousinen „drühm“ nicht vermittelbar. „Golden years“ kam noch, „sound and vision“ und eben die halbdeutsche „Heroes“-Nummer und dann war da auch noch dieses kuriose Weihnachtslied mit Bing Crosby. Das war’s dann eigentlich bis zur Fahnezeit.

Keine dolle Ausbeute, aber viel Gerede um den Superstar da in Berlin und seinen Kumpel Iggy Pop, der noch viel weniger Sendezeit erhielt.

Ganz knapp vor der Einberufung gerieten mir ein paar Nummern der „Lodger“ aufs Band. Seltsames Zeug, das nicht zünden wollte und zum „Schönhören“ war keine Zeit mehr. Prora calling.

Die Lodgerstücke ähnelten denen von Iggys „New Value“-LP, aber sie klangen als seien sie die übriggebliebenen Reste. Iggys Platte war zuvor ebenfalls im Rundfunk eingehend besprochen worden, wobei einige Beute-Tracks abfielen und die hatten die Nase deutlich vorn.

Von „Fame“ bis „african nightflight“ waren es also 4 Jahre Fantum.

Und es wäre niemals so lange geworden, wenn ich Wessi gewesen wäre und mir 1975 die „Young americans“ gekauft hätte. Denn auf der Platte fetzt „Fame“ und der Titelsong geht auch noch, aber der Rest – puhhhhhhh, das war eine ziemliche Enttäuschung, als ich sie ende der 90er/anfang der Nullerjahre endlich kennenlernen konnte.

Ja, Old Davy hat so seine Schaffenskrisen. Das Image fing viel auf. So scheint es mir heute.

Ich war high, als ich damals im Fahne-Urlaub vor den drei LPs saß:

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Station to station – Low – Heroes – endlich MEINE!

Die Armeezeit hatte mir „meinen Dealer“ beschert. Er, ich, ein angehender Schauspieler und ein Pastorensohn, 4 Abiturienten unter Assis – klar, dass das zusammenschweißt. Rüdiger hatte reichlich Westverwandtschaft und ebenso reichlich Geschäftssinn. Als er hörte, dass ich willens wäre, die üblichen 120 Mark pro LP zu zahlen, sprach er kurz und schmerzlos: „Mach ma Liste.“ Er hatte mir versprochen, wenn die Ware bei ihm angekommen wäre, seine Mutter zu instruieren, an meine Mutter Pakete zu schicken. Bezahlt hab ich mehr oder weniger mit meinem Wehrsold. Herbeigesehnt der Brief von zu Hause: „Rüdigers Paket ist da.“

Ich mit einem Mal – King on the Block! Wenn ich erst wieder draußen wäre, würde nur noch gelten:  Das is‘ der Typ mit den Bowie-Platten!

Das war sowas wie ein Ritterschlag! Lindenberg-, Genesis- oder Beatlesplatten konnt’ste überall mal kriegen, aber Bowie — den gab’s nur bei MIR!

Gott sei Dank wusste ich den LP-Titel der „Fame“-Platte nicht, nur deswegen hatte ich die nicht bestellt.

Auf die „Low“ war ich am neugierigsten gewesen, weil mir „sound and vision“ ursprünglich am besten gefiel.

Die A-Seite der Platte hielt auch, was der Song versprach: Es rumst ordentlich und in todesschwangerem Bariton grummelt Bowie üble Botschaften a la „always crashing in the same car“ und ähnliche Idyllen herunter. Ab und an bricht die Stimme in zickiges Gemecker aus, um gleich wieder tiiiief abzustürzen. Nina, heute die Großmutter des Punks, sang so ähnlich.

Aber dann drehst du die Platte um und – verstehst die Welt nicht mehr. Rausch-dudeldudel-schweeeeb – ab und an quäkt ein Saxophon; scheint sich zu beschweren, dass ihm gerade Gewalt angetan wird, denn der Spieler kann’s nicht.

Nirgends Text. Keine Melodie. Und was will er denn in „Warzawa“? Jeans kaufen wie ein Ossi?

Würde ich mir das schönhören können? 120 Mark für ne Platte, von der nur die A-Seite fetzt! Anschiss, verdammt!

Ich griff zur „Heroes“. A-Seite startet okay. Ich dringe bis zum Titelsong vor und beiße die Zähne zusammen. Verdammt! Die deutschen Strophen gibt es also nur auf der Singlefassung.

Nix mit „ICH! Ich bin dein Könnik! Und Duhe! Du Könnigin! Waaaahnsinn! Wird uns heilen! Dann sind wir Helden für alle Zeiteeeeen!“

Dann – B-Seite. Und fast wie bei der „Low“ fast alles instrumental. Aber – Erleichterung macht sich breit – deutlich schöner. Und dann noch dieses Hundebellen hinten im Mix, ungefähr in der Mitte:

Gerade vor dem Urlaub mussten wir Glatten eines Sonntags das Wegesystem auf einem der Schießplätze neu abstechen. Wir waren unter uns. Die Kapos waren ebenfalls Anfänger und hatten noch mehr Tage vor sich als wir. Ein gemütlicher Arbeitseinsatz mit Frühlingswetter und Pausen. Und in einer davon hörte ich Kirchenglocken aus der Ferne und ein Weilchen später einen Dorfhund schimpfen. Es war ein Idyll. Wir hatten es im Unterbewusstsein: Die große Härte war nach den ersten 6 Monaten vorbei. In ein-zwei Wochen kommen neue Glatte. Die Zwischenhunde werden EK‘s und wir rücken auf als Zwio’s. Von nun an werden die Neuen die Kotze wischen müssen…

Die Bowieplatte zuhause hält diesen Moment fest. Bis heute.

Bliebe noch die „Station to Station“. Die entpuppte sich als die geschlossenste von den dreien. Auf beiden LP-Seiten wird gesungen. Der Titelsong und „TVC15“ sind gleichwertige Brecher, die die LP-Seiten eröffnen. „Golden Years“ ist eh klar: Klasse! Und auf beiden LP-Seiten bekommt er es hin, abschließend in ganz ruhigen Songs ganz „gefährlich“ zu wirken. Die Minuspunkte sind die fast 5minütige Graupe „Stay“ und die ohnehin Elvismäßige Kürze der Platte.

Der Zwio-Sommer 1980 kam, ich wurde versetzt und Spießschreiber, alle 4 waren wir nun in unterschiedlichen Einheiten. Immerhin: an den Wochenenden jagte einen nun keiner mehr zum Küchendienst oder zum Schießplatz umgraben. Wir lagen also FKK am Landser-Strand vor der Kaserne, badeten, lasen und schlossen neue Geschäfte ab.

mde

Nach der Fahne sah ich dann zum ersten Mal das „Ashes to ashes“-Video mit dem Clochard in der Brandung und mich traf der Schlag: Major Tom als Clown im seichten Wellengang – der Ostsee vor Prora! Das drängte sich einfach so auf und war so verdammt nah, dass ich die LP damals nicht wollte. Denn Prora – das war in übler Weise deutlich mehr als FKK und Platten dealen! Da stellten sich sofort auch all die anderen Bilder ein, an die man nicht erinnert werden wollte!

„Ashes to Ashes, Punk to Punkie, we know Major Tom’s a Junkie strung out in heaven’s high hitting an alltime low“

geradezu beängstigend exakt der Punkt an dem ich mich 1981 befand.

Was haben wir zu EOS-Zeiten die Pistols gefeiert! Und Clash…und nicht zu vergessen Blondie!

Aber nun? Nach der Fahne?  Was würde die Zeit bringen?

Zum Schritthalten mit der Musikentwicklung waren die sechs Urläube von der Fahne zu kurz gewesen. Die Standortradios hatten mit Pflastern gekennzeichnete Senderskalen, damit keiner Westen hört. In Prora eh ein Witzvorhaben. Da kriegste eher Dänemark!

So blieb sommers nur diese dämliche Ostseewelle-Rostock mit Abba und Goombay Danceband in Dauerschleife und in der dunklen Jahreszeit die „üblichen“ Sender der Ehemaligen.

Du kamst wie „auf null gestellt“ nach den 18 Monaten zurück. Und da war vor allem die NDW, als Ventil zur Linderung deines Prora-Klapses: „Ich gehe nicht mehr! Nach Cuxhaven! Nein! Neineinein!“

Im Radio liefen die Singles „Fashion“ und „Scary monsters“ zwischen Ideal-, Interzone- und Spliff-Stoff, und hatten keine Chance dagegen anzustinken. Obwohl gerade der Text von „Fashion“ einer von Bowies besseren ist, aber das entging mir. Wenn Klartext zu haben ist, brauchst du keine Fremdsprachen-Messages in verblümter Form. Einer von jenseits des Atlantik schaffte es doch in unsere Lauscher: Neil Young donnerte zeitgleich seine „shots!“ ab, auf einer Platte, die passenderweise Re-ac-tor hieß! Das brachte die Rache-Amok-Gelüste von Fahnerückkehrern besser auf den Punkt!

Dagegen Bowie am Strand von Prora und diese melancholisch-ruhige Keyboardmelodai? Passte nicht! Noch nicht. Die Zeit war noch nicht bewältigt! 6 Jahre später hatte ich die Platte dann doch. Und sie wurde zum all time fav! Das Ganze klingt mir heute wie eine gutkonzipierte, dekadente Militärverarsche-Party – it got nothing to do with you if one can grasp it – und die vielfüßigen Trappelgeräusche zu Beginn der A- und der B-Seite erinnern an die Ratten in der Bataillonsküche, wenn früh um 5e dort das Licht eingeschaltet wurde.

„So where’s the moral
When people have their fingers broken
To be insulted by these fascists
It’s so degrading
And it’s no game

Shut up!
Shut up!“

Ich werd‘ auch das Gefühl nicht los, dass die „Scary Monsters“ klingt, wie die „Lodger“ zuvor hätte klingen sollen.

Bowie schloss mit „Scary monsters“ 1980 seine relevante Phase sauber ab und begann anschließend zu schwächeln. „Cat people“ kam raus. Im Giorgio Moroder Mix. Ächz! „This is not America“ mit Pat Metheny… nun ja, die Moderatoren priesen es… ich brauchte eine Weile um mir dieses stromlinienförmige Gelalle schönzuhören. Aber im Endeffekt kam es doch auf der positiven „Haben-Seite“ an.

Seine Kreativitätsreste verstreute „der schöne Dave“ bis auf Weiteres auf Nebenprodukte: Absolute Beginners, Dancing in the streets, under pressure… Er war nun Schnösel geworden. Der Schicki-Micki-Dancer. Einer der seltsam schlecht in seine eigenen Videos passte. Und was jetzt erst auffiel: Der keine Botschaften hatte!

Zum Fremdschämen – das „Let‘s dance“ Filmchen mit den Aborigines! Wie er da frischgefönt und onduliert in der Arme-Leute-Disco steht und das Elend der Welt in diese billig-Phrase: „put on the red shoes and dance the blues“ eindampft –  … da verstehste dann die Welt nicht mehr! Mit solch einem Mist zu kommen, nach „Scary Monsters“!

Zu meiner Schande sei’s gestanden: Ja, ich habe die „Let’s Dance“ seinerzeit komplett aufgenommen und das Band auch immerhin häufiger angehört als Tull’s „Stormwatch“ oder Barclay James Harvests „Turn of the tide“; aber nach der Wende blieb sie ungekauft und wurde auch bis heute nicht vermisst.

Eine andere Hausnummer ist da die „tonight“. Die kaufte ich im Intershop im Cottbusser Bahnhof ganz zu Beginn meines Berufslebens und die wurde somit Soundtrack des ersten Dienstjahres ganz dahinten im Sorbenwald. Abgeschnitten vom Westfernsehen, sah ich dazu keine dämlichen Videos. Somit blieb die Platte für mich, was sie vorgab zu sein: Ein Gruß aus den Metropolen der Welt! Mit ganz viel Trost:

mde

„Don’t know who else came to kneel
On this empty battlefield
But when I hear that crazy sound, I don’t look down
From Central Park to shanty town…“

Ja und dann guckste wie er auf die Einschusslöcher in deinen Blütenträumen, die sich einfach nicht realisieren lassen.

Heute purer Erinnerungssound an all die Fahrten nach Plauen zum Flohmarkt und die lange Reihe von Schätzen, die ich dort heben konnte. Gib mir Musiiiiik-Musik-musik…..

Zwei alte Großtaten von Bowie waren auch dabei: „Diamond Dogs“ und „Aladin Sane“. Aber die kriegen später mal einen Post.

Nach „Tonight“ war für mich Schluss mit Bowie. Für die Nachfolge-LP schämte er sich schon kurz nach Erscheinen selber, weshalb die Tour seinerzeit auch nicht nach der Platte, sondern nach dem einzig verwertbaren Song darauf „Glass-Spider-Tour“ hieß. Ein verdienter Flop.

Schweigen wir sie tot. Die Tin Machine Phase ist besser als ihr Ruf, ging aber seinerzeitnicht nur bei mir völlig unter. Bowie den Popper hatte eben nicht nur ich satt. Mit „Hours“ und „Heathen“ hätte er mich dann fast wieder gehabt, aber wenn du Bowie hören willst, welche legst du dann auf? Hat da „heathen“ wirklich eine Chance, wenn die „Hunky Dory“ oder die „Heroes“ gleich danebensteht?

Und vor allem: wie oft hast du noch Lust auf Bowie im 21. Jahrhundert?

Im Player rotieren eher

Onkel Neil und Onkel Lou, Sister Ann W. kommt noch dazu,

Dan, Barry und Waylon sind oft dabei,

YES und Eagles einwandfrei!

Und klingt ein Sampler gar so schön,

dann liegts an : „Faaaaaaaaaame! Whats your name?! Whats your name?!“

Ersatzreligion

Ohne Musik leben, geht – aber es wäre sinnlos.

Initialzünder waren zwar Slade und Sweet, aber als die uns peinlich wurden, blieben Nazareth übrig.greatest hits

Irgendwie folgerichtig, wenn man sich als Hohepriester einer Ersatzreligion Nazareth nennt.

Please me, squeezze me, Teenage rampage, Tiger feet, Come on everybody to the buuuuump! So Kram halt war es in der ersten Zeit, als der Rekorder neu und die Ahnung noch gering war.

Aber dazwischen waren immer auch Nummern, die länger bleiben durften, die man mit 15 aufnahm und für die man sich mit 16 immer noch nicht schämte: Marsha Hunt „Southern man“, „Pinball Wizzard“, Elton-John-Version, weil im Westen der Film gerade neu war und natürlich „Johnny B.Goode“, Hendrix Style!

McCafferty and the Boys wurden von mir via „My white bicycle“ entdeckt. Das war 1975. Danach gelang mir noch „This flight tonight“ zu erbeuten und erst DA-nach “Love Hurts“, als es zum dritten oder vierten Mal chartete und eine Musikladen-Performance erlebte. Bei der Gelegenheit sahen meine Klassenkameraden und ich die Band auch zum ersten Mal.

„Der Sänger könnte Ecke sein. Der kann‘s oooch nich. Und der Drummer is Bludgy, wächn dor Brille.“

„Love hurts“ war so eine Generationen verbindende Übernummer, die sogar die mochten, die mit Hardrock gar nicht konnten. Uriah Heep ging es mit „Lady in black“ ähnlich.

Natürlich war „love hurts“ schon viel früher durch den Äther gejagt worden, so dass ich es in Blödel-Englisch hätte mitsingen können, seit ich 12 war; aber 1. wusste ich da nicht, dass die Combo Nazareth heißt und 2. hatte ich anno’73 noch keinen Rekorder.

Die besagten drei Hits waren zunächst alles, was man von denen kennen musste, um beim Fachsimpeln mithalten zu können. „Oldies for Youngsters“ (HR3) brachte etwas später an den Tag, dass es da jene mystische Nummer „Morning Dew“ gab.

Herrlich daran war dieses Gitarren-Echo, was uns damals den Begriff der „Rückkopplung“ zu veranschaulichen schien. debutAber wir Blinden schwafelten von der Farbe – sozusagen. Keine Ahnung wie der Effekt wirklich heißt. Geil klingt das bis heute! Der Text hingegen auf den ersten Hör – armselig. Aber das „Rock&Roll Museum“ auf NDR 2 kam zu Hilfe mit einer Themensendung über Joe Meek. Der hatte es mit dem Jenseits und Outa Space. Die Mystik von „Johnny remember me“ übertrug sich einfach auf „Lord I heard a young girl cryin‘ Mama!“ Gespenstisch – gut! Nun siehst du die Moorlandschaft richtig vor dir, aus der die Rufe kommen! Irgendwo da draußen wartet deine Fee auf ihre Rettung!

Als die „Close enough to Rock and Roll“ erschien, gabs die kalte Dusche: Die wurde recht umfangreich im Rundfunk besprochen: „Eine weitere etablierte Band, die an sich selbst scheitert.“ (Zuvor war es Jethro Tulls „Too old to Rock&Roll“ ganz ähnlich ergangen. Bei beiden Verrissen war erwähnt worden, dass „die großen Bands progressiver Rockmusik in der Krise stecken“ würden, da auch „die letzten Veröffentlichungen von Who, Led Zeppelin und Genesis eher laue Geschichten“ seien.

Als Beweis wurde dann „Telegram“ gespielt. 7 quälende Minuten, die nicht zünden. Ein Generationswechsel in der Rockmusik sei dringend nötig. Rätselhafterweise feierten dieselben Moderatoren aber zeitgleich Little Feat und Herbie Mann als große Nummern. Nach Verjüngung sah das nicht aus.

Ein paar Tage später wurde in der ARD per „Info-Show“ der Punk gezündet. Da war er! Der Wechsel! Aber der NDR zickte und zierte sich, spielte ihn nur äußerst dosiert.

Nazareth verschwanden aus meiner Wahrnehmung. Punk-Years. Fahne-Zäsur. Ende der Kindheit.

Rückkehr von dort. Mit Veteranengefühlen, als käme man von Verdun zurück. Heiße Studentenjahre standen bevor, aber am Ende drohte lebenslang ein Beruf, von dem ich nicht wusste, ob es der richtige sein würde. Slade röhrten den Ratschlag „I believe in Women my-oh-my“ – mitten in die NDW!

„Hier kommt die Antwort auf deine Gegenfrage! Wo liegt der Sinn denn von dieser Textbeilage? Der liegt im Dunkeln! Das ist der Reiz, den ja wohl jeder kennt!“ (Joachim Witt)

Nazareths McCafferty krächzte die Empfehlung „Dream on“ dazu und aller Rest war Interzones „Blues“: „Dein kleines bisschen Leben! Wird grade abgepackt!“ Ich hielt mich dran und genoss den Rausch.

„Kleine Taschenlampe brenn! Schreib ich lieb dich in den Himmel…“

Im Intershop hing die „Sound elexir“. Vermutlich im Westen ein Flop, deshalb nun die Restexemplare im ganz nahen doppelpackOsten verhökern! Das Cover zeigt vier Whiskyflaschen in so Reklame-wirksamen, goldgelbem Licht. Und wenn du die Platte kennst, dann weißt du, dass die Erstellung des Cover-Shots sicher das teuerste daran war. Irgendeinen Musikinstinkt muss es geben. Während ich um Waggershausens „Tabu“ herumschlich wie der Fuchs um den Hühnerstall, hob mich das Whiskysoundelexir gar nicht erst an. Als ich die LP schließlich von einer Bekannten geborgt bekam, zeigte sich, dass das richtig war: Rums-Rums-Rums…wie beinahe alle alten 70er Heroen in den 80ern: Max Werner-/Phil Collins-Syndrom. Ich brach die Aufnahme ab, hörte mir die B-Seite gar nicht erst an und gab die Platte zurück.

ballads2ballads1So geschahs, dass 1990 ebenfalls erst alles Mögliche andere wichtiger war, als sich um Nazareth zu kümmern. Im Gründerfieber hatten sich in der schönsten Stadt der Welt gleich mehrere Videotheken etabliert und eine in der Wenzelsstraße verlieh auch CDs. So wanderten „The Ballad Album“ und „The Ballad Album Vol.II“ auf Kassetten für den Drivin’ Sound im ersten West-Mobil.

Das war überhaupt so ein Moment für die Ewigkeit. Sommerabend ‘93. Du fährst hinters Buchholz, parkst mit Heimat-Panoramablick, machst die Scheiben runter und „Old days“(Chicago); „Dream on (Aerosmith), „far far away“(Slade),“Moscow“(Wonderland) „Dream on“(Nazareth)…holen dir die 70er zurück! Hier ungefähr stand’ste damals mit’m Mokick und hast -ganz ohne Musik- das LIFT-Konzert von Schkölen sacken lassen!

Da die Nazareth-Balladen reichlich zum Einsatz kamen, kaufte ich mir nun doch die „Greatest Hits“, was sich als suboptimal erwies. Da sind zwischen den Nuggets so einige Graupen drauf, die ich nu auch wieder nicht gebraucht hätte. „Razzamanazz“ und „Shanghaid in Shanghai“ – und so Rumpelzeug halt. Positive Überraschungen gibt’s aber auch, z.B. das Slide-Feuerwerk auf „Early in the Morning“ und der rauschhafte Rausschmeißer „where are you now“. Hach, mehr davon!

(Ausgerechnet letzterer stammt von der „Sound Elexir“! Da kannste mal sehen: Auch Mistplatten sollte man wenigstens einmal zuende hören! Weiter hinten kann doch noch was kommen!)

Da ausgerechnet der „Morning Dew“ auf der „Greatest Hits“ fehlte, war klar, welches der nächste Schritt sein würde: Her mit dem Debut!

Ungehört per Mailorder bestellt, bekommen, aufgelegt:

Mir fällt grad keine Platte ein, von der ich verblüffter war! Diese Vielfalt in der Güte haute mich um!

Das klang wie Black Sabbath+ Rod Stewart x Neil Young : Chicago – Bläsersatz; oder so ähnlich.

Nun hatte ich also Blut geleckt. Im WOM entdeckte ich die „Rampant“. Das geschichtsträchtige Cover lockte heftig. Ich hörte dort am Tresen rein und riss mir schon bald die Hörer vom Kopf: Bootleg oder was? Einen beschisseneren Sound konnte man sich für eine offizielle Platte gar nicht denken! Dumpf, übersteuert kratzende S-Laute – unvermittelbarer Schrott! Hat die in den 70ern auch so geklungen? Zweiter Versuch mit der „Expect no mercy“, genau die gleiche Scheußlichkeit. Ende.

Für Jahre. Dann irgendwann in einer Wühltonne eines Plattenladens – gebrauchte CDs zum kleinen Preis. Ich fische die snakes„Snakes and Ladders“ heraus: „Helpless“ ist da drauf! Und Janis‘ „Piece of my heart“. Denk an „Love hurts“ und „Ruby Tuesday“! – Covern können die aus dem Handgelenk! Gekauft, gehört, gemocht. Feines Teil! Wiederholt geplündert für diverse Autobahnsoundtracks.

2008 trat ich dem Rockzirkus Bochum bei und ein Mitforist dort machte einen Nazareth-Thread auf. Ergebnis: Ich musste mir die vielgepriesene Live-Aktion von Vancouver kaufen – das Snaz-Album! Dringend! Herrlich, wenn man Track 1 geflissentlich wegskippt. („Telegram“ – siehe oben.) Der Rest ist fein. Besonders der „Java-Blues“: Kaffee-Kaffee-Kaffee-Java-Blues! Und J.J.Cales „Cocaine“. Ja, covern können die mit links! „Morning Dew“ kriegen sie live nicht richtig hin. Wermutstropfen. Dafür gibt es als Entschädigung „Morgentau“ als Bonustrack. Kurios und unfreiwillig komisch.

Den Amazon-Rezis war zu dieser Zeit zu entnehmen, dass sich in Sachen Wiederveröffentlichung der Altwerke etwas getan hat und jetzt auch „Rampant“ und „No Mercy“ in astreiner Qualität zu haben seien. Ich war nun zwar nicht mehr der jüngste und in Sachen musikalischer Futtersuche auch relativ satt, aber die „Expect no mercy“ Wiederveröffentlichung der Nullerjahre lockte mit dem Clou, dass man da zwei ehemalige Platten bekam; nämlich die offizielle aus den 70ern und das eigentliche LP-Konzept, das in letzter Sekunde damals verworfen wurde: 4 Songs no mercyUnterschied und völlig andere Songreihenfolge. Für Musicjunkies wie mich ist das ne Leimspur. Da kann ich nicht anders! Das muss ich hören! Warum wurde das für nötig gehalten? Welche Version würde mir besser gefallen? Her damit!

Klasse!

Welche ist die bessere? Weiß ich bis heute nicht. Bei jedem Hördurchlauf die jeweils andere. Das Booklet verrät, dass der Grund für die Auswechslungen der Song „Moonlight eyes“ gewesen sein soll. Die Band wollte weg vom Image der Love-hurts-Schnulzen-Combo. „Moonlight eyes“ wäre ein sicherer Hit im selben Schema gewesen. Auf der „Ballads“ war er ja dann doch drauf.

Was mir vor allem an der „Expect no mercy“ gefällt, ist zweierlei: Zum einen hör ich beim Title-Track irgendwie immer Aram Chatchaturijan heraus. Die müssen kurz zuvor den Säbeltanz gehört- und dann vermutlich im Vollrausch losgejammt haben.

Und dann ist da noch das witzig vergurkte Coverbild: Nazareth sind Schotten und die haben bekanntlich ein Alkoholproblem wie die Russen, siehe auch „Sound elexir“-Cover. Und wenn du in dem Zustand als Grafikdesigner ans Werk gehst, dann kommt sowas raus, wie der behelmte Hüne da, mit den Armen hinter den Helmhörnern! Wenn der nämlich den Schlag ausführt, zu dem er bereits ausgeholt hat, dann haut er sich den eigenen Helm direkt aufs Nasenbein! Shit happens. Vermutlich hatte er die Ausgangsposition besoffen und unbehelmt schon eingenommen, dann aber unentschlossen herumtaumelnd verharrt, bis ihm ein mitfühlender Kostümbildner den Deckel aufs Haupt gedrückt hat: „Mütze auf, Junge! Wird kalt!“

„Aaaalllll the kings horses“ können da auch nichts mehr retten.

Prost! Mit Kaffee. Wegen Java-Blues!

Damals war’s

In alter Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, bekamen wir Kassettenrekorder zur Jugendweihe geschenkt. Und sehr bald reichte uns deren Klang nicht aus. Da Taschengeld für richtige „Anlagen“ nun mal nicht reicht, sammelten wir allerhand Erfahrungen mit Draht und Fernseh-Litze und verstöpselten unsere Anetts/Minetts/Sonetts mit großen, frisch aus dem Wohnzimmer enteigneten, Holzkastenradioapparaten. Die waren vom Fernseher dort entmachtet worden und staubten vor sich hin – bis sie einen mehr oder weniger schnellen Röhrentod starben, wegen jugendlicher Überlastung im Kinderzimmer durch endloses Wiedergeben der „Hottentottenmusike“ der Anfangszeit.

…. teenage-rampage- now-now-now!

Voluminöser dumpfer Mono-Sound. Mancher stöpselte noch extra Lautsprecher, geplündert aus zerlegten Holzkastenradios von Oma oder Tante, samt Rekorder in dieselbe Buchse – knirschel, kraxelkrächz- Totalausfall. Aber manchmal klappte es eben auch – und dann klang es fast wie Stereo.

Cum’on feel the noise!

Wir feierten unsere Entdeckungen, träumten uns in die Royal Albert Hall bei „White Bird“ von It’s a beautiful day, oder ins Dingsbums-Lyceum Los Angelas bei „bye bye love“ in Simon und Garfunkelfassung.

Wie geil muss das sein, wennde selber als Mitglied von Fricture Pink – (Jaja, ich schrieb die so! Wo hätt‘ ich lesen können sollen, wie die sich schreiben, damals hinter der Mauer?)  – im chroßn Gino auf der Bühne „house of the rising sun“ rockst und die Gitarre brennt?!!!!!

Oder wennde dir Mähne und Vollbart heranzüchtest und den Text so herrlich herausröhrst wie die:

„….not to dooooooo, what IIIIIIIIIIIII have doneeee….“

Yeahr!

Ja, damals war Musik der tägliche heilige Gral, der alle Wunden heilt.

Die Hauptkunst! Ersatzreligion!

Als wir das Geld hatten, bauten wir ihr Hausaltäre! Oben auf dem Bücherschrank.

Links und rechts die Boxen, die nie groß genug sein konnten, in der Mitte das einzige wichtige Möbelstück des ganzen Hauses: Das Spulentonband, dem wir kalt den Platz der Bierbüchsen-Pyramide opferten. Das Anett hatte ausgedient.

Und dann der Tag der ersten Westplattenaufnahme, zwar vom Spenderband noch, aber in Superqualität:

„looking for someone! I gueeeeesss, I’m doin‘ thaaaaaat….. YEA-HEAR!“

Der Kirchensound der „Trespass“ lässt die „Sauerkrautplatten“ der Wärmedämmung in der Kinderzimmermansarde vibrieren.

Bludgy allein zu haus. Niemand nervts. „Visions of angels all around! Dance in the sky!“

Da die LP-Spielzeit recht kurz war, hatte der Bandspender auf dem Bandrest hintendran noch „Stairway to heaven“, was die Platte wunderbar ergänzt, weil sie somit nicht mit dem rumplig-rammligen „The Knife“ endete, sondern mit eben  dieser unsterblichen Led-Zep-Zugabe.

„And she’s buyin‘ a stairway to“ ch-ch-ch – drehen sich die Spulen plötzlich gegeneinander. Die eine voll, die andere leer. Für den letzten „heaven“ hat das Band nicht gereicht. Also singste das Wörtchen immer selber beim Aufstehen und Tonband ausschalten.

Rockin’a rollin‘! Wir erlebten eine Zeit, in der die Rockmusikentwicklung ihren Höhepunkt erreicht – und leider auch überschritten hat.

So wie die Fotoapparate einst die vielen Maler der Gründerzeit um Aufträge und Einkommen brachten, wie die Filmkamera dem Theater den Garaus blies, das Fernsehen das Radio aus dem Wohnzimmer vertrieb – starb die Rockmusik an Hodenkrebs. Einseitig zu Tode designed, marktkonform zugrunde analysiert, dudeln die verlässlichen Lieferanten immer gleicher Tonschablonen sich selbst in den Orkus der Klänge – im Dudelfunk.

Es gibt noch widerständige gallische Dörfer, die die alte Rezeptur des Zaubertrankes pflegen. Aber er bleibt Nischengenuss für Altgläubige in a pale moon’s shadow…

Ol‘ Frankie’s Watertown

Irgendwann schlägt jedem die Sinatra-Stunde.

Eine Platte für die Frühjahrsmüdigkeit.

Du legst sie auf, es umarmt dich eine einschmeichelnde Musik, die an früh70er Vorabendserien der Marke „Elefantenboy“ erinnert, oder „Margreth Thursday“ und du dämmerst weg, um erst bei den letzten Takten wieder aufzuwachen, „I’m sure, I’d recognized her face“… und die Musik entfernt sich, wie ein Personenzug, der in der Ferne immer leiser wird.

Du hast eine wunderbare Story verschlafen. Frank Sinatra erzählt sie dir auf seinem Watertown- Album von 1970, wann immer du willst.

Sehr viele werden es nicht sein, die das wollen. 30 000 Exemplare nur gingen damals über den Ladentisch. Ein blamables Nichts für „Ol’blue Eyes“. Es heißt, er mag deshalb das Album nicht.

Schade eigentlich. Es ist ein gutes!

Er wollte es ja selbst auch, als er von der „The Imitation of Life Gazette“ begeistert war.

Gaudio und Holmes machten sich also ran und schrieben ihm ein Konzeptalbum der sehr melancholischen Art.

Die Schilderungen all dieser Slacker-Schicksale in der Ami-Provinz zwischen Frau verdreschen-Auto schrotten-Drogen dealen-Army&Knast sind Legion. Hier stattdessen die leise sich anschleichende, völlig unaufdringliche Variante eines Saubermannschicksals, die dich im Nachhinein deutlich mehr berührt, weil der beschriebene Lebensstil viel mehr mit deinem Eigenen zu tun hat:

Ein verlassener Mann in den besten Jahren in einer amerikanischen Kleinstadt erzählt, wie ihn seine Frau verließ, weil die großen Erfolge in der großen Metropole lockten und wie er mit den Kindern zurückblieb.

Er erzählt, dass da kein großer Krach und kein Bleib-doch-Gebettel war. Dass sie sich lieb verabschiedete und versprach zu schreiben.

Wie er sich immer wieder damit plagt, die Gründe für sein Scheitern zu finden; weshalb der Magnetismus der ersten Ehejahre verflog; wie er sich einen Neuanfang herbeisehnt, wenn sie doch wiederkäme…

Wie in guten Hollywood-Streifen, wo Lachen und Weinen psychologisch meisterhaft kombiniert eng beieinanderliegen, entdeckst du in den simpel gehaltenen Lyrics hier ebenfalls die Gänsehautmomente und schmunzelst doch wenig später über Alt-Männer-Humor a la

„The kitchen looked like World War III, what a funny girl you used to be…“,

weil du diese Sprüche kennst. Weil das das Leben ist. Das Leben der Anderen. Solche Scheidungsgeschichten blieben gottlob outside of the family, aber nahe genug, um bei diesem und jenem Schicksal mitzuleiden.

Sie schreibt, dass sie an Gewicht verlor, mehr Auftritte hat, die Karriere läuft… die Stadt schön aber fremd bleibt. Er schöpft daraus Hoffnung.

Die Platte enthält keinen Las Vegas Swing mit Bügelfalten-Lackschuh-Tritt in den Bläsereinsatz, wohl aber diese sich anschleichenden Klarinetten-Soli a la Benny Goodman (Chamber Version). Violingestreichelt.

Der Schwachpunkt der Platte ist die Abwesenheit von einprägsamen Hooklines.; womit also keine Trompeten von Jericho-Chorusse gemeint sind. Aber so was „Heart of Goldhaftes“, leise Eindringliches, wie es eben Onkel Neil mit links kann, das wäre hier das Tüpfelchen gewesen. „I‘m sayin‘ something stupid, like: I love you“ – Old Frankie hat das ja zuvor bereits geschafft, aber eben leider nicht hier. Weil das nun nicht zu haben ist, kommt es dir phasenweise vor, wie ein Versuch, Brechts Episches Theater musik-minimalistisch untermalen zu wollen. Sinatra goes Minetti.

Aber wenn man sich drauf einlässt, dann geht man trotzdem mit, wenn die zunächst einschläfernde Musi‘, die den bescheidenen Alltagsablauf des Erzählers untermalt, lebendiger wird, da er einem Brief zu entnehmen glaubt, „Sie“ käme bald auf Besuch. Prompt steht er am Bahnhof. Es gießt. Das ist egal!

Sie kommt – sicher – die Schranken gehen zu – der Zug fährt ein – Leute steigen aus – und verlaufen sich. Der Zug fährt an –

„Ich war sicher, ihr Gesicht gesehen zu haben …“ – tudumm-tudumm-tudumm – und verschwindet am Horizont.

Der Songzyklus korrespondiert mit „Saturdays father“ auf der „IoLG“ der 4 Seasons. Der Begriff „Watertown“ wird auch dort erwähnt.

Und er korrespondiert mit „Delta Dawn“ von 1972. Hier steht SIE jeden Tag abreisebereit am Bahnhof, aber ER kommt nicht, um sie wegzuholen. In Watertown dagegen warten ER und die kleinen Söhne, aber SIE kehrt nicht zurück.

Feine Puzzleteile im Musik-Kosmos.

sinatra

Sechsjähriges

Oder:

Drei aus Sechs

Heute vor 6 Jahren begann ich, alles, was meine Umwelt eh nicht hören will, oder nicht mehr hören kann, zu bloggen.

Schuld war daran eine gewisse Tippgeberin, die nicht genannt werden will. Danke.

Sie ahnte auch nicht, dass das so viel werden würde.

Da dies zugleich mein 301. Post ist, dachte ich mir dies’Jahr:

Erinnerste mal an drei Beiträge aus der ersten Zeit:

Melancholisch – literarisch – unterhaltsam. Klick it.

Tipp 1

Tipp 2

Tipp 3

Wünsche gute Unterhaltung.

MOSAIK Tiefenforschung 2

Für das Folgende passen keine Bee Gees. Leg dir Mittelalterrock auf, denn gleich zücken wir die Schwerter!

Haggard, Opeth, Therion irgendsowas eben, was dir die Zinnen an die Schädeldecke malt.

Weiter geht’s mit literarischer Archäologie.

DSC02903-001mosaikIn der leider unvollständig erzählten Hegen-Biografie „Die drei Leben des Zeichners Hannes Hegen“ wird erzählt, dass die Crew des Mosaiks, vom schieren Erfolg in den 50ern überrannt, angespornt war, besser und besser zu werden. Die Anfeindungen in Sachen „Schund- und Schmutz-Literatur“ taten ein Übriges. So begannen sie also, sich auf Ideensuche zu begeben und antiquarische Bücher zu erwerben. Die waren billig in der Ehemaligen. Das schnell anwachsende Archiv schlug zwei Fliegen mit einer Klappe: Es ist in alten Mären gar wunderviel geseyd…, also konnte man aus alten Romanen „für die reifere Jugend“ der Kaiserzeit, sich ungestraft Anregungen holen, indem man aus 3 oder 4 Erzählungen Partikel entnahm, um sie Runkel und den Digedags in einer Geschichte unterzuschieben, denn es war davon auszugehen, dass wohl niemand in der Lage sein würde, in alten Wälzern auf Digedagspuren zu stoßen. Frakturschriftkenntnis-Inhaber waren eine aussterbende Spezies bereits in den 60ern.

Andererseits waren die alten Kupferstich-Illustrationen aus fernen Ländern ideale Vorlagen für anheimelnde Hintergründe, vor denen Hegens Comic-Helden ihre Bewährungsproben erdulden müssen. Meisterhaft geradezu das mittelalterliche Venedig zu Beginn der Runkel-Serie oder aber auch die Berliner Reichstagsruine im damaligen Ist-Zustand auf dem Stern des Todes (im Heft 26). Nicht zu vergessen die Hafenanlagen des alten Konstantinopel, nach Vorlagen einer alten Völkerkunde, mit Abbildungen Istambuls um 1880.

Somit kann behauptet werden, dass man mit den Digedags erfolgreich durch Raum und Zeit reisen konnte. Ob Bayous am Mississippi oder die Steinhänge am Euphrat – die Landschaft stimmt!

Jugendverderbnis- und Volksverdummungsvorwürfe liefen so ins Leere..

Arno Schmidt hat die interessante Idee entwickelt, dass jeder Autor im Jenseits erst dann Ruhe findet, wenn er auf Erden vollständig vergessen ist. Und wenn er sich nicht an realen historischen Personen vergriff, die ihn ansonsten durchs Paradies jagen, wie z.B. die Gotenkönige den Felix Dahn.

Dieser Theorie entsprechend bin ich der geborene Störenfried. Mein Literaturgeschmack hinkt dem meiner Generation gut 50 Jahre hinterher und somit bin ich vermutlich letzter Liebhaber so einiger Namen, nach denen heute kein Hahn mehr kräht.

Da wird sich so mancher Literaturtitan da oben bereits bequem in die allerletzte Haltung gebracht haben, befriedigt aufseufzen „So! Genug! Es ist vollbracht!“ – wenn Erzengel Gabriel an seine Bettstatt tritt, um grinsend mitzuteilen: „Denkste! Hoch mit dir! Bludgeon liest dich noch!“

So geschehen 2020 mit dem „Guten Kameraden“ Band 28; Schuljahr 1913/14. Die letzte Friedensspanne der „Guten Alten Zeit“.

„Gottfried von Hohenloh.“ ist dort drin ein kurzer Fortsetzungsroman um einen Minnesänger im 13. Jahrhundert. Der Autor kaschiert seinen Namen zu M. Sch.; untypisch für die führende Knabenzeitung jener Tage.

Vorlage 1

Wenn du dich auf diese 5 oder 6 Folgen einlässt, dann kommt dir das Grinsen, denn der Inhalt hat es in sich. Er enthält sowohl ein politisches Wagnis zu Zeiten des Erscheinens, als auch eine Digedagspur für spätere Leser.

Der Haupt-Gag ist der, dass Hohenloh 1233 vom Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen in Sizilien losgeschickt wird, um seinem Kronprinzen Heinrich jenseits der Alpen ein paar Nachrichten zu bringen und als Berater auf die Finger zu sehen. Kaiser Frederico hat per Gerücht erfahren, dass sein volljähriger Bub da oben im Norden nämlich ungeschickt agiert, wichtige Fürsten verprellt und an Putsch gegen den Vater denkt.

Ein Gag ist das deshalb, weil es für wissende Gymnasiasten 1913 – und da hat es sicher nicht wenige gegeben, denn Geschichte war damals „in“! – eine deutliche Parallele gibt zum amtierenden Willy Zwo und seinem verstorbenen Vater Friedrich III.. Dass sich beide nicht „grün“ waren, ist damals allseits bekannt. Dass Willy ein ungeschickter Akteur auf der Weltbühne ist, bekommt ebenfalls jeder mit – und nun, ausgerechnet im Jahr des 25jährigen Thronjubiläums des „Friedenskaisers“ mit den vielen außenpolitischen Krisen, kann die Jugend diese mittelalterliche Parabel auf das „jetzt“ lesen!

Klar, dass da der Autor lieber nicht allzu bekannt werden will!

Das Damoklesschwert der „Majestätsbeleidigung“ schwebt über ihm!

Hatespeech 1913!

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…Österreicher auf der Wacht …

Der „Gute Kamerad“ ist ein deutlich süddeutsch geprägtes Werk. Union Verlagsgesellschaft Stuttgart-Berlin-Leipzig-Wien. Die Abstandssuche zu Preußen wird darin deutlich, dass bei militärischen Themen eher über die K&K Armee berichtet wird, bzw. über württembergische Regimenter. Die Willy-Watsche im Jubiläumsjahrgang unterzubringen ist bestimmt klammheimlich in den Redaktionsstuben gefeiert worden!

Der zweite Gag der Erzählung liegt im Detail und hat MOSAIK-Bezug:

Es macht einfach Spaß, beim Lesen auf etwas zu stoßen, was dir sofort bekannt vorkommt:

Spuren der Hohenloh-Geschichte finden sich in mehreren Episoden der Ritter-Runkel-Serie:

– in der 110; „Das Kastell Peripheria“

– in der 145, „Ritter Runkels Heimkehr“

– in der 150; „Der Sturm auf die Kuckucksburg“

Denn:

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Hohenloh und 3 Begleiter fliehen vor Verfolgern, aufmüpfigen Mailändern, die den deutschen Rittern alles andere als freundschaftlich gesinnt sind. Sie jagen auf eine Burg zu, die sie da über einem Wald im Alpenvorland aufragen sehen. Sie erhoffen sich dort Schutz. Die Zugbrücke ist unten, also hinein; ein dösender Räuber am Tor wird überwältigt, das Tor aufgezogen. Im Inneren gibt es eine kurze Überrumpelung der anderen überraschten Räuber, die sich leicht wegschließen lassen. Die Verfolger sind inzwischen vor dem Tor angekommen und wissen nicht weiter, entschließen sich aber zur Belagerung, die sie mangels Masse auf den Torweg beschränken.

Hohenloh lässt Fake-Lanzen an die Zinnen stellen, damit die Burgbelegschaft nach mehr aussieht und von unterschiedlichen Stellen der Mauer auf die Belagerer schießen.

Einer seiner Begleiter hat inzwischen das Hauptgebäude der Burg untersucht – und eine große Falltür gefunden. Als sie geöffnet wird, entdecken die Bedrängten einen Reitweg hinein in den Burgberg. Sie reiten ihn hinab und erreichen am Fuße des Berges und an der Rückseite der Burg das Freie. Entwischt! Zu Pferde!

runkel 2Natürlich ist eine Falltür, so groß, dass Pferde durch die Öffnung passen und eine Reitweg-Serpentine im Gestein ziemlich märchenhaft, jedoch schmilzt die Sache ja im MOSAIK auf einen Burgbrunnen und einen Bach im Berg zusammen.

Damit auch dort die weitere Reise schnell und zu Pferd fortgesetzt werden kann, mussten in dem Fall die Kuckucksberger so blöde sein, Runkels Pferd Türkenschreck, weil zu alt zum Schlachten, einfach wegzujagen und nur den Ritter einzusperren. Haben nun ihrerseits die Digedags Türkenschreck wieder aufgelesen und Runkel per Burgbrunnen befreit, ist das Ensemble ebenfalls wieder vollzählig unterwegs, um die weiteren Pläne des Kuckucksbergers zu durchkreuzen, wie Gottfried von Hohenloh die des fiesen Heinrich.

Die Idee zur flachen Reiter-Treppe könnte aus dem Hradschin stammen. Hegen war Sudete. Sicher kannte er die Prager Burg. Dort gibt es eine, die (allerdings ohne Falltür) hinein in einen Saal führt, um speisenden Gästen Reiterkunststücke vorführen zu können.

Die unterbesetzte Burg (Peripheria und Kuckucksburg), die Mitgliederschwache Räuberbande, die sich vorübergehend eine fremde Burg aneignet wird eingesperrt (Teufelsbrüder), der Fluchtweg durch den Berg und auf der Rückseite raus, das Erstürmen wollen einer Burg, die gar nicht (mehr) verteidigt wird (Kuckucksburg).

Sachen gibt’s!

MOSAIK Tiefenforschung 1

Stell dir vor, du schlägst einen alten Band von Westermann’s Monatsheften auf und stößt auf diese Überschrift:

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Als Ossi-Boomer springt dich das regelrecht an, denn Bogumil – das war der Chef der Teufelsbrüder im MOSAIK von Hannes Hegen.Bild (26)

Draußen ist Frühling, du legst dir ne selbstgebrutzelte „Best of Bee Gees“ auf, und während „August October“ erschallt, gleitest du in die 60er zurück, bist wieder klein; Großmutter, Oma oder Mutti lesen Ritter Runkel vor – und du selber träumst dich hinein, wie das wäre, wenn du Janos wärst und so eine Suleika hättest – und natürlich eine eigene Burg! Mindestens! „A Man for all seasons“ eben.

„I.O.I.O“  – du liest weiter und entdeckst einen schönen und spannenden Gesellschaftsroman aus der Zeit des frisch okkupierten Bosnien-Herzegowina durch Österreich, wie da eine Kamarilla aus Offizieren, Geschäftsleuten und Regierungsbeamten sich ihren Tag gestalten, zwischen Tennisplatz und Operettenabenden im Salon eines jungen, verschrobenen, ungarischen Grafen.

Gute alte Zeiiiiit… auch ein englischer Lord ist dabei…„if I’m goin‘ back to Massachusetts… something’s tellin‘ me, I must go home…“

Aber da schwingt eben auch noch was anderes mit:

Der Roman beginnt mit einer spannenden Verfolgungsjagt, einer abendlichen Entführung. Die Entführer entkommen an einem Waldrand voller Glühwürmchen. Was in der Dunkelheit geisterhaft wirkt und die Verfolger auf die falsche Fährte lockt. Die Entführte ist eine schöne Serbin, die von ihrem ungarischen Liebhaber herübergeholt wurde, über die Grenze ins Österreichische. „I can see nobody! My eyes can only look at you..you..you!“ Sie ist völlig damit einverstanden. Die Heirat erfolgt prompt. Eine Messalliance. Aber die junge Dame beeindruckt die Gesellschaft im Handumdrehn. Pfeif auf die politischen Verwicklungen, weil ein österreichisch-ungarischer Regierungsbeamter nun Mädchenräuber ist und ein Staatssekretär aus dem Kriegsministerium ihm zur Seite stand, bei jener Nacht- und Nebel-Aktion. „Saved by the Bell.“ Es ging ja alles gut.

Da ist der Sumpf mit den Irrlichtern – Heft 99; nun verlegt nach Italien, wo die Digedags und Ritter Runkel bei ein paar Untergrundkämpfern des Mittelalters unterkommen und eine Spur ihres verschollenen Gefährten Digedag im Alten Rom wiederfinden.Bild (28)

Da ist die hübsche Sultanstochter Suleika, deren Vorbild jene Serbin gewesen sein muss, denn auch sie liebt einen Ungarn, der allerdings kein aristokratisches Inzestprodukt voller Macken ist, sondern ein Kämpfer, ein Titan des Mittelalters, der seine Angebetete auch nicht aus dem Elternhaus entführt, sondern davor bewahren muss, byzantinische Kaiserin werden zu müssen. „Heeeeere we are! In a room full of strangers! Standing in the dark!“ Dabei helfen ungewollt die trottelig-bösen Teufelsbrüder. Bogumil und seine Leute.Bild (25)

Ursprünglich eine verrufene, gefürchtete, gejagte Ketzersekte auf dem Balkan, die im Roman als dekadentes Spiel wiederbelebt wird, während sie im MOSAIK zur Piratenbande herabsank.

Und dann schlägst du den einen Westermann-Wälzer zu und den anderen auf, um noch einmal die Novelle von der Totenmaske nachzulesen. Adolf Stern, ein vergessener Vielschreiber in den Westermann Bänden erschuf sie 1893.

Sie spielt im späten 15. Jahrhundert. Byzanz ist bereits futsch, aber ein paar venezianische Inselkönige „herrschen“ noch auf griechischen Inseln, bis es den Türken beliebt, auch diese zu kassieren.

Immer wieder besucht der eine oder andere Auslandsvenezianer das eigentliche Venedig, um um Geld oder Unterstützung zu bitten, was nie in ausreichendem Maße geschieht. Die Macht auch dieser Territorialmacht ist im Schwinden. Ein junger Bildhauer lernt die Tochter eines solchen Zwergenkönigs kennen, verliebt sich, weiß, dass das nicht geht und lässt sie deshalb ziehen.

Zeitchen später wird er auf die Insel seiner Angebeteten geladen und erfährt dort ein bevorstehendes Trauerspiel. Damit die Insel noch ein paar Jahre unabhängig bleiben kann, muss sie den Sultan heiraten. Als ihre feierliche Abholung erfolgen soll, gibt ihr Vater ein großes Fest. „Lamplights keep on burning, while my heart for you is jerning…“ Seine Tochter will nicht in einem Harem lebendig begraben sein, sie beugt sich von der Palastbalustrade und stürzt sich in den Tod. „Bury me down by the river!“ Man findet sie am Ufer, bahrt sie auf im Palast. Der junge Bildhauer nimmt ihr Profil für eine Totenmaske ab, bevor er heimreist. Dort erzählt er einem befreundeten Baumeister die ganze Tragödie. „I just gotta get a message to you…“

totenmaske

Die Örtlichkeiten auf der Insel erinnern an die Palastanlage von Kaiser Andronikos in den Heften 112-120. Suleika soll ebenfalls zwangsverheiratet werden, allerdings in entgegengesetzter Richtung, als Sultanstochter nach Konstantinopel, und denkt ebenfalls daran, sich ins Meer zu stürzen, wenn es ihrem Janos nicht gelingen sollte, sie zu retten. „Run to me, where ever I’m with you…“

Andronikos Reich wird dargestellt, wie jene venezianischen Rest-Inseln von Adolf Stern beschrieben werden: Er regiert desaströs, reitet seine Spleene, hat nur noch ein morsches Kriegsschiff, die Genuesen blockieren seinen Hafen, die Insel Lesbos verweigert den Tribut, der Feldzug dorthin mit einer Art „letztem Aufgebot“ schlecht ausgebildeter „Soldaten“ schlägt gänzlich fehl; da soll es dann eben auch eine politische Hochzeit retten – und nachdem Suleika entkam, wird es dann eben Irene von Tessalonien. Eine attraktive, rothaarige Furie. „Every christian lionhearted man will show you!“

Ich habe Hannes Hegens Inspirationsquell gefunden!

„Boogie! Boogie child!“

ende