Ersatzreligion

Ohne Musik leben, geht – aber es wäre sinnlos.

Initialzünder waren zwar Slade und Sweet, aber als die uns peinlich wurden, blieben Nazareth übrig.greatest hits

Irgendwie folgerichtig, wenn man sich als Hohepriester einer Ersatzreligion Nazareth nennt.

Please me, squeezze me, Teenage rampage, Tiger feet, Come on everybody to the buuuuump! So Kram halt war es in der ersten Zeit, als der Rekorder neu und die Ahnung noch gering war.

Aber dazwischen waren immer auch Nummern, die länger bleiben durften, die man mit 15 aufnahm und für die man sich mit 16 immer noch nicht schämte: Marsha Hunt „Southern man“, „Pinball Wizzard“, Elton-John-Version, weil im Westen der Film gerade neu war und natürlich „Johnny B.Goode“, Hendrix Style!

McCafferty and the Boys wurden von mir via „My white bicycle“ entdeckt. Das war 1975. Danach gelang mir noch „This flight tonight“ zu erbeuten und erst DA-nach “Love Hurts“, als es zum dritten oder vierten Mal chartete und eine Musikladen-Performance erlebte. Bei der Gelegenheit sahen meine Klassenkameraden und ich die Band auch zum ersten Mal.

„Der Sänger könnte Ecke sein. Der kann‘s oooch nich. Und der Drummer is Bludgy, wächn dor Brille.“

„Love hurts“ war so eine Generationen verbindende Übernummer, die sogar die mochten, die mit Hardrock gar nicht konnten. Uriah Heep ging es mit „Lady in black“ ähnlich.

Natürlich war „love hurts“ schon viel früher durch den Äther gejagt worden, so dass ich es in Blödel-Englisch hätte mitsingen können, seit ich 12 war; aber 1. wusste ich da nicht, dass die Combo Nazareth heißt und 2. hatte ich anno’73 noch keinen Rekorder.

Die besagten drei Hits waren zunächst alles, was man von denen kennen musste, um beim Fachsimpeln mithalten zu können. „Oldies for Youngsters“ (HR3) brachte etwas später an den Tag, dass es da jene mystische Nummer „Morning Dew“ gab.

Herrlich daran war dieses Gitarren-Echo, was uns damals den Begriff der „Rückkopplung“ zu veranschaulichen schien. debutAber wir Blinden schwafelten von der Farbe – sozusagen. Keine Ahnung wie der Effekt wirklich heißt. Geil klingt das bis heute! Der Text hingegen auf den ersten Hör – armselig. Aber das „Rock&Roll Museum“ auf NDR 2 kam zu Hilfe mit einer Themensendung über Joe Meek. Der hatte es mit dem Jenseits und Outa Space. Die Mystik von „Johnny remember me“ übertrug sich einfach auf „Lord I heard a young girl cryin‘ Mama!“ Gespenstisch – gut! Nun siehst du die Moorlandschaft richtig vor dir, aus der die Rufe kommen! Irgendwo da draußen wartet deine Fee auf ihre Rettung!

Als die „Close enough to Rock and Roll“ erschien, gabs die kalte Dusche: Die wurde recht umfangreich im Rundfunk besprochen: „Eine weitere etablierte Band, die an sich selbst scheitert.“ (Zuvor war es Jethro Tulls „Too old to Rock&Roll“ ganz ähnlich ergangen. Bei beiden Verrissen war erwähnt worden, dass „die großen Bands progressiver Rockmusik in der Krise stecken“ würden, da auch „die letzten Veröffentlichungen von Who, Led Zeppelin und Genesis eher laue Geschichten“ seien.

Als Beweis wurde dann „Telegram“ gespielt. 7 quälende Minuten, die nicht zünden. Ein Generationswechsel in der Rockmusik sei dringend nötig. Rätselhafterweise feierten dieselben Moderatoren aber zeitgleich Little Feat und Herbie Mann als große Nummern. Nach Verjüngung sah das nicht aus.

Ein paar Tage später wurde in der ARD per „Info-Show“ der Punk gezündet. Da war er! Der Wechsel! Aber der NDR zickte und zierte sich, spielte ihn nur äußerst dosiert.

Nazareth verschwanden aus meiner Wahrnehmung. Punk-Years. Fahne-Zäsur. Ende der Kindheit.

Rückkehr von dort. Mit Veteranengefühlen, als käme man von Verdun zurück. Heiße Studentenjahre standen bevor, aber am Ende drohte lebenslang ein Beruf, von dem ich nicht wusste, ob es der richtige sein würde. Slade röhrten den Ratschlag „I believe in Women my-oh-my“ – mitten in die NDW!

„Hier kommt die Antwort auf deine Gegenfrage! Wo liegt der Sinn denn von dieser Textbeilage? Der liegt im Dunkeln! Das ist der Reiz, den ja wohl jeder kennt!“ (Joachim Witt)

Nazareths McCafferty krächzte die Empfehlung „Dream on“ dazu und aller Rest war Interzones „Blues“: „Dein kleines bisschen Leben! Wird grade abgepackt!“ Ich hielt mich dran und genoss den Rausch.

„Kleine Taschenlampe brenn! Schreib ich lieb dich in den Himmel…“

Im Intershop hing die „Sound elexir“. Vermutlich im Westen ein Flop, deshalb nun die Restexemplare im ganz nahen doppelpackOsten verhökern! Das Cover zeigt vier Whiskyflaschen in so Reklame-wirksamen, goldgelbem Licht. Und wenn du die Platte kennst, dann weißt du, dass die Erstellung des Cover-Shots sicher das teuerste daran war. Irgendeinen Musikinstinkt muss es geben. Während ich um Waggershausens „Tabu“ herumschlich wie der Fuchs um den Hühnerstall, hob mich das Whiskysoundelexir gar nicht erst an. Als ich die LP schließlich von einer Bekannten geborgt bekam, zeigte sich, dass das richtig war: Rums-Rums-Rums…wie beinahe alle alten 70er Heroen in den 80ern: Max Werner-/Phil Collins-Syndrom. Ich brach die Aufnahme ab, hörte mir die B-Seite gar nicht erst an und gab die Platte zurück.

ballads2ballads1So geschahs, dass 1990 ebenfalls erst alles Mögliche andere wichtiger war, als sich um Nazareth zu kümmern. Im Gründerfieber hatten sich in der schönsten Stadt der Welt gleich mehrere Videotheken etabliert und eine in der Wenzelsstraße verlieh auch CDs. So wanderten „The Ballad Album“ und „The Ballad Album Vol.II“ auf Kassetten für den Drivin’ Sound im ersten West-Mobil.

Das war überhaupt so ein Moment für die Ewigkeit. Sommerabend ‘93. Du fährst hinters Buchholz, parkst mit Heimat-Panoramablick, machst die Scheiben runter und „Old days“(Chicago); „Dream on (Aerosmith), „far far away“(Slade),“Moscow“(Wonderland) „Dream on“(Nazareth)…holen dir die 70er zurück! Hier ungefähr stand’ste damals mit’m Mokick und hast -ganz ohne Musik- das LIFT-Konzert von Schkölen sacken lassen!

Da die Nazareth-Balladen reichlich zum Einsatz kamen, kaufte ich mir nun doch die „Greatest Hits“, was sich als suboptimal erwies. Da sind zwischen den Nuggets so einige Graupen drauf, die ich nu auch wieder nicht gebraucht hätte. „Razzamanazz“ und „Shanghaid in Shanghai“ – und so Rumpelzeug halt. Positive Überraschungen gibt’s aber auch, z.B. das Slide-Feuerwerk auf „Early in the Morning“ und der rauschhafte Rausschmeißer „where are you now“. Hach, mehr davon!

(Ausgerechnet letzterer stammt von der „Sound Elexir“! Da kannste mal sehen: Auch Mistplatten sollte man wenigstens einmal zuende hören! Weiter hinten kann doch noch was kommen!)

Da ausgerechnet der „Morning Dew“ auf der „Greatest Hits“ fehlte, war klar, welches der nächste Schritt sein würde: Her mit dem Debut!

Ungehört per Mailorder bestellt, bekommen, aufgelegt:

Mir fällt grad keine Platte ein, von der ich verblüffter war! Diese Vielfalt in der Güte haute mich um!

Das klang wie Black Sabbath+ Rod Stewart x Neil Young : Chicago – Bläsersatz; oder so ähnlich.

Nun hatte ich also Blut geleckt. Im WOM entdeckte ich die „Rampant“. Das geschichtsträchtige Cover lockte heftig. Ich hörte dort am Tresen rein und riss mir schon bald die Hörer vom Kopf: Bootleg oder was? Einen beschisseneren Sound konnte man sich für eine offizielle Platte gar nicht denken! Dumpf, übersteuert kratzende S-Laute – unvermittelbarer Schrott! Hat die in den 70ern auch so geklungen? Zweiter Versuch mit der „Expect no mercy“, genau die gleiche Scheußlichkeit. Ende.

Für Jahre. Dann irgendwann in einer Wühltonne eines Plattenladens – gebrauchte CDs zum kleinen Preis. Ich fische die snakes„Snakes and Ladders“ heraus: „Helpless“ ist da drauf! Und Janis‘ „Piece of my heart“. Denk an „Love hurts“ und „Ruby Tuesday“! – Covern können die aus dem Handgelenk! Gekauft, gehört, gemocht. Feines Teil! Wiederholt geplündert für diverse Autobahnsoundtracks.

2008 trat ich dem Rockzirkus Bochum bei und ein Mitforist dort machte einen Nazareth-Thread auf. Ergebnis: Ich musste mir die vielgepriesene Live-Aktion von Vancouver kaufen – das Snaz-Album! Dringend! Herrlich, wenn man Track 1 geflissentlich wegskippt. („Telegram“ – siehe oben.) Der Rest ist fein. Besonders der „Java-Blues“: Kaffee-Kaffee-Kaffee-Java-Blues! Und J.J.Cales „Cocaine“. Ja, covern können die mit links! „Morning Dew“ kriegen sie live nicht richtig hin. Wermutstropfen. Dafür gibt es als Entschädigung „Morgentau“ als Bonustrack. Kurios und unfreiwillig komisch.

Den Amazon-Rezis war zu dieser Zeit zu entnehmen, dass sich in Sachen Wiederveröffentlichung der Altwerke etwas getan hat und jetzt auch „Rampant“ und „No Mercy“ in astreiner Qualität zu haben seien. Ich war nun zwar nicht mehr der jüngste und in Sachen musikalischer Futtersuche auch relativ satt, aber die „Expect no mercy“ Wiederveröffentlichung der Nullerjahre lockte mit dem Clou, dass man da zwei ehemalige Platten bekam; nämlich die offizielle aus den 70ern und das eigentliche LP-Konzept, das in letzter Sekunde damals verworfen wurde: 4 Songs no mercyUnterschied und völlig andere Songreihenfolge. Für Musicjunkies wie mich ist das ne Leimspur. Da kann ich nicht anders! Das muss ich hören! Warum wurde das für nötig gehalten? Welche Version würde mir besser gefallen? Her damit!

Klasse!

Welche ist die bessere? Weiß ich bis heute nicht. Bei jedem Hördurchlauf die jeweils andere. Das Booklet verrät, dass der Grund für die Auswechslungen der Song „Moonlight eyes“ gewesen sein soll. Die Band wollte weg vom Image der Love-hurts-Schnulzen-Combo. „Moonlight eyes“ wäre ein sicherer Hit im selben Schema gewesen. Auf der „Ballads“ war er ja dann doch drauf.

Was mir vor allem an der „Expect no mercy“ gefällt, ist zweierlei: Zum einen hör ich beim Title-Track irgendwie immer Aram Chatchaturijan heraus. Die müssen kurz zuvor den Säbeltanz gehört- und dann vermutlich im Vollrausch losgejammt haben.

Und dann ist da noch das witzig vergurkte Coverbild: Nazareth sind Schotten und die haben bekanntlich ein Alkoholproblem wie die Russen, siehe auch „Sound elexir“-Cover. Und wenn du in dem Zustand als Grafikdesigner ans Werk gehst, dann kommt sowas raus, wie der behelmte Hüne da, mit den Armen hinter den Helmhörnern! Wenn der nämlich den Schlag ausführt, zu dem er bereits ausgeholt hat, dann haut er sich den eigenen Helm direkt aufs Nasenbein! Shit happens. Vermutlich hatte er die Ausgangsposition besoffen und unbehelmt schon eingenommen, dann aber unentschlossen herumtaumelnd verharrt, bis ihm ein mitfühlender Kostümbildner den Deckel aufs Haupt gedrückt hat: „Mütze auf, Junge! Wird kalt!“

„Aaaalllll the kings horses“ können da auch nichts mehr retten.

Prost! Mit Kaffee. Wegen Java-Blues!

Damals war’s

In alter Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, bekamen wir Kassettenrekorder zur Jugendweihe geschenkt. Und sehr bald reichte uns deren Klang nicht aus. Da Taschengeld für richtige „Anlagen“ nun mal nicht reicht, sammelten wir allerhand Erfahrungen mit Draht und Fernseh-Litze und verstöpselten unsere Anetts/Minetts/Sonetts mit großen, frisch aus dem Wohnzimmer enteigneten, Holzkastenradioapparaten. Die waren vom Fernseher dort entmachtet worden und staubten vor sich hin – bis sie einen mehr oder weniger schnellen Röhrentod starben, wegen jugendlicher Überlastung im Kinderzimmer durch endloses Wiedergeben der „Hottentottenmusike“ der Anfangszeit.

…. teenage-rampage- now-now-now!

Voluminöser dumpfer Mono-Sound. Mancher stöpselte noch extra Lautsprecher, geplündert aus zerlegten Holzkastenradios von Oma oder Tante, samt Rekorder in dieselbe Buchse – knirschel, kraxelkrächz- Totalausfall. Aber manchmal klappte es eben auch – und dann klang es fast wie Stereo.

Cum’on feel the noise!

Wir feierten unsere Entdeckungen, träumten uns in die Royal Albert Hall bei „White Bird“ von It’s a beautiful day, oder ins Dingsbums-Lyceum Los Angelas bei „bye bye love“ in Simon und Garfunkelfassung.

Wie geil muss das sein, wennde selber als Mitglied von Fricture Pink – (Jaja, ich schrieb die so! Wo hätt‘ ich lesen können sollen, wie die sich schreiben, damals hinter der Mauer?)  – im chroßn Gino auf der Bühne „house of the rising sun“ rockst und die Gitarre brennt?!!!!!

Oder wennde dir Mähne und Vollbart heranzüchtest und den Text so herrlich herausröhrst wie die:

„….not to dooooooo, what IIIIIIIIIIIII have doneeee….“

Yeahr!

Ja, damals war Musik der tägliche heilige Gral, der alle Wunden heilt.

Die Hauptkunst! Ersatzreligion!

Als wir das Geld hatten, bauten wir ihr Hausaltäre! Oben auf dem Bücherschrank.

Links und rechts die Boxen, die nie groß genug sein konnten, in der Mitte das einzige wichtige Möbelstück des ganzen Hauses: Das Spulentonband, dem wir kalt den Platz der Bierbüchsen-Pyramide opferten. Das Anett hatte ausgedient.

Und dann der Tag der ersten Westplattenaufnahme, zwar vom Spenderband noch, aber in Superqualität:

„looking for someone! I gueeeeesss, I’m doin‘ thaaaaaat….. YEA-HEAR!“

Der Kirchensound der „Trespass“ lässt die „Sauerkrautplatten“ der Wärmedämmung in der Kinderzimmermansarde vibrieren.

Bludgy allein zu haus. Niemand nervts. „Visions of angels all around! Dance in the sky!“

Da die LP-Spielzeit recht kurz war, hatte der Bandspender auf dem Bandrest hintendran noch „Stairway to heaven“, was die Platte wunderbar ergänzt, weil sie somit nicht mit dem rumplig-rammligen „The Knife“ endete, sondern mit eben  dieser unsterblichen Led-Zep-Zugabe.

„And she’s buyin‘ a stairway to“ ch-ch-ch – drehen sich die Spulen plötzlich gegeneinander. Die eine voll, die andere leer. Für den letzten „heaven“ hat das Band nicht gereicht. Also singste das Wörtchen immer selber beim Aufstehen und Tonband ausschalten.

Rockin’a rollin‘! Wir erlebten eine Zeit, in der die Rockmusikentwicklung ihren Höhepunkt erreicht – und leider auch überschritten hat.

So wie die Fotoapparate einst die vielen Maler der Gründerzeit um Aufträge und Einkommen brachten, wie die Filmkamera dem Theater den Garaus blies, das Fernsehen das Radio aus dem Wohnzimmer vertrieb – starb die Rockmusik an Hodenkrebs. Einseitig zu Tode designed, marktkonform zugrunde analysiert, dudeln die verlässlichen Lieferanten immer gleicher Tonschablonen sich selbst in den Orkus der Klänge – im Dudelfunk.

Es gibt noch widerständige gallische Dörfer, die die alte Rezeptur des Zaubertrankes pflegen. Aber er bleibt Nischengenuss für Altgläubige in a pale moon’s shadow…

Ol‘ Frankie’s Watertown

Irgendwann schlägt jedem die Sinatra-Stunde.

Eine Platte für die Frühjahrsmüdigkeit.

Du legst sie auf, es umarmt dich eine einschmeichelnde Musik, die an früh70er Vorabendserien der Marke „Elefantenboy“ erinnert, oder „Margreth Thursday“ und du dämmerst weg, um erst bei den letzten Takten wieder aufzuwachen, „I’m sure, I’d recognized her face“… und die Musik entfernt sich, wie ein Personenzug, der in der Ferne immer leiser wird.

Du hast eine wunderbare Story verschlafen. Frank Sinatra erzählt sie dir auf seinem Watertown- Album von 1970, wann immer du willst.

Sehr viele werden es nicht sein, die das wollen. 30 000 Exemplare nur gingen damals über den Ladentisch. Ein blamables Nichts für „Ol’blue Eyes“. Es heißt, er mag deshalb das Album nicht.

Schade eigentlich. Es ist ein gutes!

Er wollte es ja selbst auch, als er von der „The Imitation of Life Gazette“ begeistert war.

Gaudio und Holmes machten sich also ran und schrieben ihm ein Konzeptalbum der sehr melancholischen Art.

Die Schilderungen all dieser Slacker-Schicksale in der Ami-Provinz zwischen Frau verdreschen-Auto schrotten-Drogen dealen-Army&Knast sind Legion. Hier stattdessen die leise sich anschleichende, völlig unaufdringliche Variante eines Saubermannschicksals, die dich im Nachhinein deutlich mehr berührt, weil der beschriebene Lebensstil viel mehr mit deinem Eigenen zu tun hat:

Ein verlassener Mann in den besten Jahren in einer amerikanischen Kleinstadt erzählt, wie ihn seine Frau verließ, weil die großen Erfolge in der großen Metropole lockten und wie er mit den Kindern zurückblieb.

Er erzählt, dass da kein großer Krach und kein Bleib-doch-Gebettel war. Dass sie sich lieb verabschiedete und versprach zu schreiben.

Wie er sich immer wieder damit plagt, die Gründe für sein Scheitern zu finden; weshalb der Magnetismus der ersten Ehejahre verflog; wie er sich einen Neuanfang herbeisehnt, wenn sie doch wiederkäme…

Wie in guten Hollywood-Streifen, wo Lachen und Weinen psychologisch meisterhaft kombiniert eng beieinanderliegen, entdeckst du in den simpel gehaltenen Lyrics hier ebenfalls die Gänsehautmomente und schmunzelst doch wenig später über Alt-Männer-Humor a la

„The kitchen looked like World War III, what a funny girl you used to be…“,

weil du diese Sprüche kennst. Weil das das Leben ist. Das Leben der Anderen. Solche Scheidungsgeschichten blieben gottlob outside of the family, aber nahe genug, um bei diesem und jenem Schicksal mitzuleiden.

Sie schreibt, dass sie an Gewicht verlor, mehr Auftritte hat, die Karriere läuft… die Stadt schön aber fremd bleibt. Er schöpft daraus Hoffnung.

Die Platte enthält keinen Las Vegas Swing mit Bügelfalten-Lackschuh-Tritt in den Bläsereinsatz, wohl aber diese sich anschleichenden Klarinetten-Soli a la Benny Goodman (Chamber Version). Violingestreichelt.

Der Schwachpunkt der Platte ist die Abwesenheit von einprägsamen Hooklines.; womit also keine Trompeten von Jericho-Chorusse gemeint sind. Aber so was „Heart of Goldhaftes“, leise Eindringliches, wie es eben Onkel Neil mit links kann, das wäre hier das Tüpfelchen gewesen. „I‘m sayin‘ something stupid, like: I love you“ – Old Frankie hat das ja zuvor bereits geschafft, aber eben leider nicht hier. Weil das nun nicht zu haben ist, kommt es dir phasenweise vor, wie ein Versuch, Brechts Episches Theater musik-minimalistisch untermalen zu wollen. Sinatra goes Minetti.

Aber wenn man sich drauf einlässt, dann geht man trotzdem mit, wenn die zunächst einschläfernde Musi‘, die den bescheidenen Alltagsablauf des Erzählers untermalt, lebendiger wird, da er einem Brief zu entnehmen glaubt, „Sie“ käme bald auf Besuch. Prompt steht er am Bahnhof. Es gießt. Das ist egal!

Sie kommt – sicher – die Schranken gehen zu – der Zug fährt ein – Leute steigen aus – und verlaufen sich. Der Zug fährt an –

„Ich war sicher, ihr Gesicht gesehen zu haben …“ – tudumm-tudumm-tudumm – und verschwindet am Horizont.

Der Songzyklus korrespondiert mit „Saturdays father“ auf der „IoLG“ der 4 Seasons. Der Begriff „Watertown“ wird auch dort erwähnt.

Und er korrespondiert mit „Delta Dawn“ von 1972. Hier steht SIE jeden Tag abreisebereit am Bahnhof, aber ER kommt nicht, um sie wegzuholen. In Watertown dagegen warten ER und die kleinen Söhne, aber SIE kehrt nicht zurück.

Feine Puzzleteile im Musik-Kosmos.

sinatra

Sechsjähriges

Oder:

Drei aus Sechs

Heute vor 6 Jahren begann ich, alles, was meine Umwelt eh nicht hören will, oder nicht mehr hören kann, zu bloggen.

Schuld war daran eine gewisse Tippgeberin, die nicht genannt werden will. Danke.

Sie ahnte auch nicht, dass das so viel werden würde.

Da dies zugleich mein 301. Post ist, dachte ich mir dies’Jahr:

Erinnerste mal an drei Beiträge aus der ersten Zeit:

Melancholisch – literarisch – unterhaltsam. Klick it.

Tipp 1

Tipp 2

Tipp 3

Wünsche gute Unterhaltung.

MOSAIK Tiefenforschung 2

Für das Folgende passen keine Bee Gees. Leg dir Mittelalterrock auf, denn gleich zücken wir die Schwerter!

Haggard, Opeth, Therion irgendsowas eben, was dir die Zinnen an die Schädeldecke malt.

Weiter geht’s mit literarischer Archäologie.

DSC02903-001mosaikIn der leider unvollständig erzählten Hegen-Biografie „Die drei Leben des Zeichners Hannes Hegen“ wird erzählt, dass die Crew des Mosaiks, vom schieren Erfolg in den 50ern überrannt, angespornt war, besser und besser zu werden. Die Anfeindungen in Sachen „Schund- und Schmutz-Literatur“ taten ein Übriges. So begannen sie also, sich auf Ideensuche zu begeben und antiquarische Bücher zu erwerben. Die waren billig in der Ehemaligen. Das schnell anwachsende Archiv schlug zwei Fliegen mit einer Klappe: Es ist in alten Mären gar wunderviel geseyd…, also konnte man aus alten Romanen „für die reifere Jugend“ der Kaiserzeit, sich ungestraft Anregungen holen, indem man aus 3 oder 4 Erzählungen Partikel entnahm, um sie Runkel und den Digedags in einer Geschichte unterzuschieben, denn es war davon auszugehen, dass wohl niemand in der Lage sein würde, in alten Wälzern auf Digedagspuren zu stoßen. Frakturschriftkenntnis-Inhaber waren eine aussterbende Spezies bereits in den 60ern.

Andererseits waren die alten Kupferstich-Illustrationen aus fernen Ländern ideale Vorlagen für anheimelnde Hintergründe, vor denen Hegens Comic-Helden ihre Bewährungsproben erdulden müssen. Meisterhaft geradezu das mittelalterliche Venedig zu Beginn der Runkel-Serie oder aber auch die Berliner Reichstagsruine im damaligen Ist-Zustand auf dem Stern des Todes (im Heft 26). Nicht zu vergessen die Hafenanlagen des alten Konstantinopel, nach Vorlagen einer alten Völkerkunde, mit Abbildungen Istambuls um 1880.

Somit kann behauptet werden, dass man mit den Digedags erfolgreich durch Raum und Zeit reisen konnte. Ob Bayous am Mississippi oder die Steinhänge am Euphrat – die Landschaft stimmt!

Jugendverderbnis- und Volksverdummungsvorwürfe liefen so ins Leere..

Arno Schmidt hat die interessante Idee entwickelt, dass jeder Autor im Jenseits erst dann Ruhe findet, wenn er auf Erden vollständig vergessen ist. Und wenn er sich nicht an realen historischen Personen vergriff, die ihn ansonsten durchs Paradies jagen, wie z.B. die Gotenkönige den Felix Dahn.

Dieser Theorie entsprechend bin ich der geborene Störenfried. Mein Literaturgeschmack hinkt dem meiner Generation gut 50 Jahre hinterher und somit bin ich vermutlich letzter Liebhaber so einiger Namen, nach denen heute kein Hahn mehr kräht.

Da wird sich so mancher Literaturtitan da oben bereits bequem in die allerletzte Haltung gebracht haben, befriedigt aufseufzen „So! Genug! Es ist vollbracht!“ – wenn Erzengel Gabriel an seine Bettstatt tritt, um grinsend mitzuteilen: „Denkste! Hoch mit dir! Bludgeon liest dich noch!“

So geschehen 2020 mit dem „Guten Kameraden“ Band 28; Schuljahr 1913/14. Die letzte Friedensspanne der „Guten Alten Zeit“.

„Gottfried von Hohenloh.“ ist dort drin ein kurzer Fortsetzungsroman um einen Minnesänger im 13. Jahrhundert. Der Autor kaschiert seinen Namen zu M. Sch.; untypisch für die führende Knabenzeitung jener Tage.

Vorlage 1

Wenn du dich auf diese 5 oder 6 Folgen einlässt, dann kommt dir das Grinsen, denn der Inhalt hat es in sich. Er enthält sowohl ein politisches Wagnis zu Zeiten des Erscheinens, als auch eine Digedagspur für spätere Leser.

Der Haupt-Gag ist der, dass Hohenloh 1233 vom Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen in Sizilien losgeschickt wird, um seinem Kronprinzen Heinrich jenseits der Alpen ein paar Nachrichten zu bringen und als Berater auf die Finger zu sehen. Kaiser Frederico hat per Gerücht erfahren, dass sein volljähriger Bub da oben im Norden nämlich ungeschickt agiert, wichtige Fürsten verprellt und an Putsch gegen den Vater denkt.

Ein Gag ist das deshalb, weil es für wissende Gymnasiasten 1913 – und da hat es sicher nicht wenige gegeben, denn Geschichte war damals „in“! – eine deutliche Parallele gibt zum amtierenden Willy Zwo und seinem verstorbenen Vater Friedrich III.. Dass sich beide nicht „grün“ waren, ist damals allseits bekannt. Dass Willy ein ungeschickter Akteur auf der Weltbühne ist, bekommt ebenfalls jeder mit – und nun, ausgerechnet im Jahr des 25jährigen Thronjubiläums des „Friedenskaisers“ mit den vielen außenpolitischen Krisen, kann die Jugend diese mittelalterliche Parabel auf das „jetzt“ lesen!

Klar, dass da der Autor lieber nicht allzu bekannt werden will!

Das Damoklesschwert der „Majestätsbeleidigung“ schwebt über ihm!

Hatespeech 1913!

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…Österreicher auf der Wacht …

Der „Gute Kamerad“ ist ein deutlich süddeutsch geprägtes Werk. Union Verlagsgesellschaft Stuttgart-Berlin-Leipzig-Wien. Die Abstandssuche zu Preußen wird darin deutlich, dass bei militärischen Themen eher über die K&K Armee berichtet wird, bzw. über württembergische Regimenter. Die Willy-Watsche im Jubiläumsjahrgang unterzubringen ist bestimmt klammheimlich in den Redaktionsstuben gefeiert worden!

Der zweite Gag der Erzählung liegt im Detail und hat MOSAIK-Bezug:

Es macht einfach Spaß, beim Lesen auf etwas zu stoßen, was dir sofort bekannt vorkommt:

Spuren der Hohenloh-Geschichte finden sich in mehreren Episoden der Ritter-Runkel-Serie:

– in der 110; „Das Kastell Peripheria“

– in der 145, „Ritter Runkels Heimkehr“

– in der 150; „Der Sturm auf die Kuckucksburg“

Denn:

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Hohenloh und 3 Begleiter fliehen vor Verfolgern, aufmüpfigen Mailändern, die den deutschen Rittern alles andere als freundschaftlich gesinnt sind. Sie jagen auf eine Burg zu, die sie da über einem Wald im Alpenvorland aufragen sehen. Sie erhoffen sich dort Schutz. Die Zugbrücke ist unten, also hinein; ein dösender Räuber am Tor wird überwältigt, das Tor aufgezogen. Im Inneren gibt es eine kurze Überrumpelung der anderen überraschten Räuber, die sich leicht wegschließen lassen. Die Verfolger sind inzwischen vor dem Tor angekommen und wissen nicht weiter, entschließen sich aber zur Belagerung, die sie mangels Masse auf den Torweg beschränken.

Hohenloh lässt Fake-Lanzen an die Zinnen stellen, damit die Burgbelegschaft nach mehr aussieht und von unterschiedlichen Stellen der Mauer auf die Belagerer schießen.

Einer seiner Begleiter hat inzwischen das Hauptgebäude der Burg untersucht – und eine große Falltür gefunden. Als sie geöffnet wird, entdecken die Bedrängten einen Reitweg hinein in den Burgberg. Sie reiten ihn hinab und erreichen am Fuße des Berges und an der Rückseite der Burg das Freie. Entwischt! Zu Pferde!

runkel 2Natürlich ist eine Falltür, so groß, dass Pferde durch die Öffnung passen und eine Reitweg-Serpentine im Gestein ziemlich märchenhaft, jedoch schmilzt die Sache ja im MOSAIK auf einen Burgbrunnen und einen Bach im Berg zusammen.

Damit auch dort die weitere Reise schnell und zu Pferd fortgesetzt werden kann, mussten in dem Fall die Kuckucksberger so blöde sein, Runkels Pferd Türkenschreck, weil zu alt zum Schlachten, einfach wegzujagen und nur den Ritter einzusperren. Haben nun ihrerseits die Digedags Türkenschreck wieder aufgelesen und Runkel per Burgbrunnen befreit, ist das Ensemble ebenfalls wieder vollzählig unterwegs, um die weiteren Pläne des Kuckucksbergers zu durchkreuzen, wie Gottfried von Hohenloh die des fiesen Heinrich.

Die Idee zur flachen Reiter-Treppe könnte aus dem Hradschin stammen. Hegen war Sudete. Sicher kannte er die Prager Burg. Dort gibt es eine, die (allerdings ohne Falltür) hinein in einen Saal führt, um speisenden Gästen Reiterkunststücke vorführen zu können.

Die unterbesetzte Burg (Peripheria und Kuckucksburg), die Mitgliederschwache Räuberbande, die sich vorübergehend eine fremde Burg aneignet wird eingesperrt (Teufelsbrüder), der Fluchtweg durch den Berg und auf der Rückseite raus, das Erstürmen wollen einer Burg, die gar nicht (mehr) verteidigt wird (Kuckucksburg).

Sachen gibt’s!

MOSAIK Tiefenforschung 1

Stell dir vor, du schlägst einen alten Band von Westermann’s Monatsheften auf und stößt auf diese Überschrift:

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Als Ossi-Boomer springt dich das regelrecht an, denn Bogumil – das war der Chef der Teufelsbrüder im MOSAIK von Hannes Hegen.Bild (26)

Draußen ist Frühling, du legst dir ne selbstgebrutzelte „Best of Bee Gees“ auf, und während „August October“ erschallt, gleitest du in die 60er zurück, bist wieder klein; Großmutter, Oma oder Mutti lesen Ritter Runkel vor – und du selber träumst dich hinein, wie das wäre, wenn du Janos wärst und so eine Suleika hättest – und natürlich eine eigene Burg! Mindestens! „A Man for all seasons“ eben.

„I.O.I.O“  – du liest weiter und entdeckst einen schönen und spannenden Gesellschaftsroman aus der Zeit des frisch okkupierten Bosnien-Herzegowina durch Österreich, wie da eine Kamarilla aus Offizieren, Geschäftsleuten und Regierungsbeamten sich ihren Tag gestalten, zwischen Tennisplatz und Operettenabenden im Salon eines jungen, verschrobenen, ungarischen Grafen.

Gute alte Zeiiiiit… auch ein englischer Lord ist dabei…„if I’m goin‘ back to Massachusetts… something’s tellin‘ me, I must go home…“

Aber da schwingt eben auch noch was anderes mit:

Der Roman beginnt mit einer spannenden Verfolgungsjagt, einer abendlichen Entführung. Die Entführer entkommen an einem Waldrand voller Glühwürmchen. Was in der Dunkelheit geisterhaft wirkt und die Verfolger auf die falsche Fährte lockt. Die Entführte ist eine schöne Serbin, die von ihrem ungarischen Liebhaber herübergeholt wurde, über die Grenze ins Österreichische. „I can see nobody! My eyes can only look at you..you..you!“ Sie ist völlig damit einverstanden. Die Heirat erfolgt prompt. Eine Messalliance. Aber die junge Dame beeindruckt die Gesellschaft im Handumdrehn. Pfeif auf die politischen Verwicklungen, weil ein österreichisch-ungarischer Regierungsbeamter nun Mädchenräuber ist und ein Staatssekretär aus dem Kriegsministerium ihm zur Seite stand, bei jener Nacht- und Nebel-Aktion. „Saved by the Bell.“ Es ging ja alles gut.

Da ist der Sumpf mit den Irrlichtern – Heft 99; nun verlegt nach Italien, wo die Digedags und Ritter Runkel bei ein paar Untergrundkämpfern des Mittelalters unterkommen und eine Spur ihres verschollenen Gefährten Digedag im Alten Rom wiederfinden.Bild (28)

Da ist die hübsche Sultanstochter Suleika, deren Vorbild jene Serbin gewesen sein muss, denn auch sie liebt einen Ungarn, der allerdings kein aristokratisches Inzestprodukt voller Macken ist, sondern ein Kämpfer, ein Titan des Mittelalters, der seine Angebetete auch nicht aus dem Elternhaus entführt, sondern davor bewahren muss, byzantinische Kaiserin werden zu müssen. „Heeeeere we are! In a room full of strangers! Standing in the dark!“ Dabei helfen ungewollt die trottelig-bösen Teufelsbrüder. Bogumil und seine Leute.Bild (25)

Ursprünglich eine verrufene, gefürchtete, gejagte Ketzersekte auf dem Balkan, die im Roman als dekadentes Spiel wiederbelebt wird, während sie im MOSAIK zur Piratenbande herabsank.

Und dann schlägst du den einen Westermann-Wälzer zu und den anderen auf, um noch einmal die Novelle von der Totenmaske nachzulesen. Adolf Stern, ein vergessener Vielschreiber in den Westermann Bänden erschuf sie 1893.

Sie spielt im späten 15. Jahrhundert. Byzanz ist bereits futsch, aber ein paar venezianische Inselkönige „herrschen“ noch auf griechischen Inseln, bis es den Türken beliebt, auch diese zu kassieren.

Immer wieder besucht der eine oder andere Auslandsvenezianer das eigentliche Venedig, um um Geld oder Unterstützung zu bitten, was nie in ausreichendem Maße geschieht. Die Macht auch dieser Territorialmacht ist im Schwinden. Ein junger Bildhauer lernt die Tochter eines solchen Zwergenkönigs kennen, verliebt sich, weiß, dass das nicht geht und lässt sie deshalb ziehen.

Zeitchen später wird er auf die Insel seiner Angebeteten geladen und erfährt dort ein bevorstehendes Trauerspiel. Damit die Insel noch ein paar Jahre unabhängig bleiben kann, muss sie den Sultan heiraten. Als ihre feierliche Abholung erfolgen soll, gibt ihr Vater ein großes Fest. „Lamplights keep on burning, while my heart for you is jerning…“ Seine Tochter will nicht in einem Harem lebendig begraben sein, sie beugt sich von der Palastbalustrade und stürzt sich in den Tod. „Bury me down by the river!“ Man findet sie am Ufer, bahrt sie auf im Palast. Der junge Bildhauer nimmt ihr Profil für eine Totenmaske ab, bevor er heimreist. Dort erzählt er einem befreundeten Baumeister die ganze Tragödie. „I just gotta get a message to you…“

totenmaske

Die Örtlichkeiten auf der Insel erinnern an die Palastanlage von Kaiser Andronikos in den Heften 112-120. Suleika soll ebenfalls zwangsverheiratet werden, allerdings in entgegengesetzter Richtung, als Sultanstochter nach Konstantinopel, und denkt ebenfalls daran, sich ins Meer zu stürzen, wenn es ihrem Janos nicht gelingen sollte, sie zu retten. „Run to me, where ever I’m with you…“

Andronikos Reich wird dargestellt, wie jene venezianischen Rest-Inseln von Adolf Stern beschrieben werden: Er regiert desaströs, reitet seine Spleene, hat nur noch ein morsches Kriegsschiff, die Genuesen blockieren seinen Hafen, die Insel Lesbos verweigert den Tribut, der Feldzug dorthin mit einer Art „letztem Aufgebot“ schlecht ausgebildeter „Soldaten“ schlägt gänzlich fehl; da soll es dann eben auch eine politische Hochzeit retten – und nachdem Suleika entkam, wird es dann eben Irene von Tessalonien. Eine attraktive, rothaarige Furie. „Every christian lionhearted man will show you!“

Ich habe Hannes Hegens Inspirationsquell gefunden!

„Boogie! Boogie child!“

ende

Die Welt der einen – die Welt der andern

Da war mal ein Film. Echt heiß diskutiert! Nicht nur in den Medien! Auch sonst so:

„Warst du schon drin?“

„Läuft noch im gleen Gino! Musste sehn!“

„Is DEFA, naja – obor…!“(Augen aufreißen)

Oder

„Geht da rein! Die f***en wie die Guppies!“

Oder

„Wüddor so ä Knäd! Sowas macht imbodennd, soach ich dior! Spar dir die Gohle!“

Wir gingen rein. Christian und ich. Sommer’79, kurz nach dem Abi und kurz vor Prora, der Fahne-Pein.

Der Film hieß „Bis dass der Tod euch scheidet…“ und wenn zu Beginn der Vorspann läuft, wird in Karat- oder Stern-Combo-Manier auf Melotron das Thema aus dem 2. Satz der 9.Sinfonie von Dvorak gespielt. Ungefähr für ne Minute. Wenn die um ist, hast du das Beste schon hinter dir.

Der Film ist absolut düster und der erste von mehreren ähnlich gelagerten Assi-Streifen, die in den Folgejahren anstanden. Abgesang auf die sozialistischen Träume? Warnung? Reformwunsch? Oder nur Berufsfrust der Filmschaffenden im Jahr 3 nach Biermann? Man weiß es nicht. Damals war mir das ne Schippe zu viel. Sooooo negativ wollte ich die Welt nu ooch wüddor nich‘ sehn!

Ich hab ihn mir zur Selbstvergewisserung HIER nochmal angetan. Der Eindruck ist so furchtbar wie’79, aber inzwischen kam ein bisschen Hintergrund hinzu, der damals fehlte. Und deshalb kommt der Film letztlich doch ein ganz klein bisschen besser weg als damals.

Sonja und Jens heiraten jung, Verkäuferin und Maurer. Sie macht per Fernstudium ohne sein Wissen Karriere und er säuft, fällt durch die Meisterprüfung, säuft noch mehr und schlägt die Frau. Mehr Klischee geht nicht. Und dann fallen se noch alle Nasen lang nackt und halbnackt übereinander her. Das muss so bei DEFA’ns inne späten 70er! Auch wenn die Akteure nu ziemlich weit weg sind von Jane Fonda oder Raquel Welch, Robert Redford oder Terence Hill. Du sollst dich eben ans reale Leben gewöhnen!

Hinzu kommt, dass es im ganzen Film kein funktionierendes Paar gibt. Alle Schwäger und Kollegen, gehen fremd, liieren sich aussichtslos, müssen ganz viel saufen, um den Kummer zu ertränken…

„Kleinen Mannes Sonnenschein ist ficken und besoffen sein!“

Und das ist der Film zum Spruch!

Sonja und Jens, Katrin Saß und Martin Seifert, beide Debutanten in ihren Rollen, spielen sehr emotional und engagiert, was im Vergleich zu den wiederum sehr altväterlich, steifen Vorgesetzten positiv auffällt.

„Die Prügelszene war echt! Ich war in Rage und da fing er eine und drosch zurück.“ (Kartin Saß/Riverboat-Talk)

Angelika Domröse, als Jens‘ Schwester, soll wohl, da es nach langer Zeit mal wieder ein Carow-Film war, als Paul und Paula Vehikel eine Art Brücke sein: Aufbruch’73 und Abbruch’79, so ungefähr, denn auch sie ist nun nicht mehr die Hippietraumfee „Paula“, sondern die in der Ehe gelangweilte, fremdgehende Fast-Alkoholikerin, die keinen „Paul“ mehr findet. (Ihre letzte DEFA-Rolle vor dem Weggang)

Der Westen jubelt. Kennzeichen D; TTT; Kommentar zum Zeitgeschehen (Deutschlandfunk): Carow zeigt die Verwerfungen in der geschlossenen Gesellschaft schonungslos.

Und im Osten diesmal fast dasselbe: Realistisch werden hier Probleme unserer Gesellschaft angesprochen…

Sonja             Jens

Jens und Sonja stellen also unsere junge Arbeiterklasse dar? Typische „junge Eheleute“, wie sie den Junge-Eheleute-Kredit nehmen, eine Wohnung kriegen, ein Kind erzeugen – und dann Suff und Haue; Haue und Sex! Bis er im Suff zur falschen Flasche greift und Reinigungsmittel säuft… Und sie sieht zu, ohne es zu verhindern.

Wirklich?

Okay, wir sind die Creme mit Abi, die „Kader von morgen“. Das ham’se uns nu oft erzählt. Aber was ist mit unseren POS-Kumpels, zu denen immer noch Kontakt besteht? Trinkfreudig sind da einige! Die Feten mit ihnen machen Spaß! Aber wer von denen verdrischt „seine Kirsche“? Wir trauen‘s keinem zu.

Einen in unserm Alter kennen wir, auf den das passt. Aber der ist doch Ausnahme und nicht die Regel oder? Der ist dank Beziehungen knapp am Jugendwerkhof vorbei geschrammt – und solche Fälle, die sind doch eh ähx! Um die macht man’nen Bogen!

Als der Film aus ist, geht das Licht an. Christian patscht mir die Hand aufs Bein:

„Heirat’mer noch?“

„Nach dem Ding nich’mehr!“

„Ich musste immer an Klinkmart Steffen denken, wegen der schwarzen Mäcke. Aber rumgeningelt hattor wie Kumske.“

„Und sie hattes Gesicht und‘n Toppschnitt wie de Schilkern.“

Die drei genannten waren Klassenkameraden von uns, mithin auch keine Prolls.

Christian weiter: „Der Jensi-Boy sah nich nach Baubude aus. Der war wirklich eher so a GOL-Fuzzi, der Assi spielt.“

Ich: „Gloobst du, dass das der Trend is? Fremdvöcheln und Suff und sonst nüschd?“

„Was willst sonst machen, hinter der Mauer?“

Es gibt so Momente,da merkst du, dass einer Freundschaft langsam der Atem ausgeht.

Ich konnte mir keine Langeweile vorstellen! Bücher, Antiquariatspilgerei, Musik, Burgen-und Waldromantik, Wohnung oder Haus designen, Konzerte …

Der Jens sah nicht nur nicht wie‘ Maurer aus, er hatte zusätzlich auch so abgespaced unpassende Ansichten:

Seine Sonja präsentiert ihm ihren Abschluss zur Verkaufsstellenleiterin; denkt, er wird erstaunt, erfreut gratulieren. Er aber reagiert wie ein West-Mann: „Hinter meinem Rücken? Hab ich das erlaubt?“ (Patsch, Patsch – fängt sie ihre ersten Ohrfeigen!)

Hä?

Wir hatten’79; die beiden da spielen junge Leute, die höchstens 2 Jahre älter sind als wir und dann so’ne Reaktion? Das ist so 60er! Frühe 60er! Ganz frühe! 1979 gab es praktisch keine Hausfrauen mehr. Jeder um uns her war froh, wenn der Ehepartner/die Ehepartnerin mehr Geld heimbrachte, weil da auf Haus, auf Auto, auf Ostblockreisen, auf teure Farbfernseher, auf Westplatten gespart wurde – und der Dödel da spielt den Märchenlandpascha?

Haben die Regisseure noch das Ohr an der Masse? Oder lag das Drehbuch 2 Jahrzehnte im Safe?

Noch Tage später, wenn ich an’ner Kasse stand, studierte ich die Gesichter der Verkäuferinnen: Kriegt die Dresche zu Hause? Oder die? Oder die?

Ein Vierteljahr später war ich Soldat – unter lauter solchen Typen wie Jens. Die gabs wirklich! MSR 29. Willkommen beim Schrutz! Die soffen Rasierwasser, wenn kein „Schluck“ in der Nähe war. Und die einen kriegen dann das große Winseln und die andern suchen Streit und beide Sorten pissen in die Bude. Und der Glatte muss wischen. Der Winsler entschuldigt sich hinterher wenigstens, so wie Jens im Film. Der Streithammel kriegt 5 Tage „Bau“ und wenn die um sind, hat er’s eh vergessen. Über ihre Frauen lallen sie dummes Zeug, schlimmer als im Film.DVD

Aber wozu braucht’s diese Gossendarstellung im Kino?

Die Assis, die die Thematik betreffen würde, feiern, dass da „gef***t“ wird!

„Orrrr, der war hackedicht und hats noch jebracht!“

Und unsereiner wendet sich angeekelt ab.

„So sehen unsere Menschen nicht aus!“ dachte damals sogar ich.

Hm. Aber die Fahne lehrte mich: Doch!

Filmversagen

Die DEFA drehte in den späten 70ern vermehrt Jugendfilme. Obwohl die Macher hätten wissen müssen, dass das nichts werden kann.

„Wie füttert man einen Esel“, „Verdammt, ich bin erwachsen!“, „7 Sommersprossen“ usw.

Ab Jahresende’76 kamen der DEFA mehrere Altstars abhanden; der Biermann-Knaatsch, you know? Deshalb mögen sich diverse Regisseure gedacht haben: Neue Leute müssen her!

Aber sie können keine eigenen Teenie-Kinder gehabt haben, sonst hätten sie sehen müssen, dass das, was sie da zustande bringen würden, scheitern muss. Die Offensive fand zeitgleich auch im Fernsehen statt. Dort gab es „Aber Vati“, eine Erfolgsserie; die Ausnahme unter den Pleiten! Und es gab eine lose Reihe von Spielfilmen zu Schulproblemen, die sogenannten Schlossarek-Filme „Plantagenstraße 19“, „Der Tadel“ und andere.

51kTVmyy3zL„Aber Vati!“ schlug ein, wie eine Unterhaltungsbombe. Ein Straßenfeger! Deshalb ein paar Jahre später auch um mehrere Teile verlängert. Thema der ersten Staffel: 2 Brüder, Zwillinge, ungefähr 11 oder 12 Jahre alt, beobachten den verwitweten Vater auf Brautschau und wollen seine andauernden Misswahlen vereiteln. Sie gehen auch ihrerseits auf Stiefmuttersuche und versuchen den Vater (schließlich erfolgreich) zu verkuppeln.

Das war „Eddie’s Vater“ goes GDR! Die Vorabendserie der ARD hat uns alle irgendwie geprägt.

Als die neue Mutter dann gefunden war und die Zwillinge um die 15 oder 16 Jahre, war zu merken, dass ansehenswerter Handlungsstoff fehlte. Zuviel war tabu. (Siehe unten)

Die Schlossarek-Filme wurden viel diskutiert, auch freiwillig von uns 11./12.-Klässlern auf dem Schulhof ohne Lehrereinmischung.

Die Konflikte, die dort angesprochen wurden, waren aktuelle Aufreger des Schulalltags.

Die beiden obengenannten, waren für mich die einprägsamsten. „Der Tadel“ war der bessere.

Eine junge Klassenlehrerin erwischt den Sohn des Direktors bei irgendeinem Mistbau und gibt ihm einen Tadel. Der Film handelt davon, wie die eben noch allseits beliebte junge Frau nun von allen Seiten in die Mangel genommen wird: Den Sohn von Herrn X. tadelt man nicht! Nimm das zurück! Übe Selbstkritik! Überzogene Maßnahme! Usw. Es wird anschaulich gezeigt, wie der Druck wächst, wie allein sie plötzlich dasteht, wie sie verzweifelt, obwohl sie im recht ist. Das Ende ist mir nicht mehr erinnerlich. Die Dauerqual vorher war zu eindrucksvoll – DAS kommt auf dich zu, falls du Lehrer wirst! So scheiße kann das gehen! So sieht er aus, der Bonzenfilz!

„Plantagenstraße 19“ zeigt eine eigentlich brave Jugend-Clique 17jähriger Schüler zwischen Liebelei und Gartenfete, die dabei ist, individuell und unsozialistisch aufzuwachsen. Outfit und Gegebenheiten blieben positiv in Erinnerung. Soweit sie unter sich sprechen, kommt das auch locker rüber. Kaum taucht ein Erwachsener auf, wird’s wieder automatenhaft steif. Auch wurde da bei Feten-Szenen wenigstens Abba/Smokie usw. gespielt und nicht permanent nur Puhdys! Aber dann kommt eben der Herr Arbeiterveteran und beeindruckt die Schüler und biegt alles wieder grade. Immerhin gibt es eine einprägsame Szene, als er einem „Rowdy“ zeigt, wie man die Zündkerze am Moped wechselt.

Er: „Lernt‘mer sowas nicht im UTP?“

Teenie: „Schön wär’s!“

So klein waren die Spitzen, die gefeiert wurden!

Der Unterrichtstag in der Produktion, alle 14 Tage feilen gehen, in einem Großbetrieb der Umgebung, brachte zwar leichtverdiente 1en und 2en, war aber öde wie Hölle.

PSZeitgleich mit „Plantagenstraße 19“ lief auf ARD „Feuerreiter“, das war eine Serie in einer Serie, denn die Rahmenserie „PS“ um Motorisierungsprobleme im Alltag gab es schon länger. Eigentlich ging es da um Väter, die das falsche Auto kaufen oder bei Pannen im Urlaub beschissen werden. Diesmal ging es um ein „Jugendproblem“, in mehreren Teilen. Der Sohn eines Fabrikanten fährt Motorrad und damit er das nicht alleine tun muss, rüstet Papa seine Kumpels mit Mopeds aus. Nun sind sie die coolste Clique der Schule. Aber auch die Knechte des reichen Schnösels, der nun so ein richtiger Rocker-Präsi sein will. Liebeleien, Ausgrenzungen, 2 Boys ein Mädchen, Mutproben, Lehrer-Ärger – voll das Leben. Dachten wir hinter der Mauer. Und soviel lockerer, als die Typen aus der „Plantagenstraße“! Auswertungsstoff für Wochen:

„Da geht der Typ in den Plattenladen und kauft mal schnell die neue Supertramp, für seine Alte, ey!“

„Musste ma bei uns machen. Was nimmst’n da? Monika Herz?“

Totsichere Pointe! Gröl!

Nachsatz: „Nö. Express. Liebling ich verspeise dich zum Frühstück! Ohne Senf und ohne Salz!“

„Oach! Geh weg! Die Schmerzen! Perversling!“

Hatten die genannten Fernsehfilme also wenigstens ansatzweise ein wenig Alltagslockerheit, ging das bei den Kinofilmen richtig schief.

Erwachsenwerden, verliebt sein, Ärger kriegen, siegen oder untergehen, Adoleszenzfilme eben – aber unter Weglassung all dessen, was unseren Alltag eigentlich ausmachte:

Kaum oder gar keine Jugendsprache. Kein bisschen Dialekt. Und wenn, dann nur berlinern. Keine Westmusik. Kein Bravo-Poster nirgends an den Wänden der Jugendzimmer. Keine Fußball-Debatten über Netzer, Müller(1) oder den abgehauenen Sparwasser. Keine Gespräche über Westfernsehen, Kaugummibilder-Kaupelei, Westplattenbesorgung, tagelanges Kampieren am Tonbandgerät, weil gerade Oldie-Wochenende auf irgendeinem Sender war oder der Kumpel irgendein begehrtes West- oder Lizenz-Vinyl vom anderen Kumpel geborgt hatte; was ganz schnell aufgenommen werden musste, damit der Spender nicht merkt, dass die verliehene Platte auf weiteren Plattenspielern malträtiert wurde. Keine verbalen Hahnenkämpfe um irgendwelche Bands. Und keinerlei Witzwelle!

Heikel und hoch interessant wäre auch gewesen, wenn einbezogen hätte werden können, was Tellkamp nach der Wende in seinem „Turm“ berücksichtigt: Da Ossi-Kids nur unzureichend Zugang zu modischem Westkram hatten, machte man sich unverwechselbar mit Überbleibseln „aus guter alter Zeit“: Kollagen aus alten Kaiserzeitpostkarten, Zigarettenbilder-Alben, U-Boot-Fahrer-Memoiren aus Weltkrieg eins usw. Das wurde alles rumgereicht, gelesen, erkaupelt, weitergetauscht… Ober“kuhl“ waren die, die irgendwoher ein „Gott mit uns“-Koppel mit der Kaiserkrone aus dem I.Weltkrieg auftreiben konnten. „Trauste dich, das in der Hose zu lassen und in die Schule zu gehen, mit nur dem Pullover drüber?“ Auf der „Krug 4“, der letzten LP vor dem Weggang, trägt auch Manne Krug eins.

Den Filmen blieben also nur dürftige Klischees übrig. Oder ein Punkten mit Nacktheit.

„Sieben Sommersprossen“ wurde sowas, wie ein Kult, weil sich da ein 16jähriges Pärchen im seltsam steifen Ferienlageralltag kennenlernt und relativ ausgiebig nackt badet. Auf dem Schulhof wurde jedoch „fachmännisch“ beurteilt, warum Nastassja Kinski im „Tatort“ besser aussah.

Mit der Wende in die 80er war es dann mit diesem Abenteuer Jugendfilm im Kino auch vorbei. Die DEFA entdeckte andere gesellschaftliche Randgruppen und filmte deren Probleme. Es gab so eine gewisse Assi-Filmwelle. Sollte wohl deutlich werden lassen: Obacht! Da gibt es so eine Art mentaler Verelendung! Vielleicht war es auch eine Replik der Filmemacher auf zunehmenden Druck von oben: Immer wenn ein kritisches Kunstwerk entstand, war in den einschlägigen Medien zu lesen: „So sehen unsere Menschen nicht aus!“ und „wo bleibt der positive Ausblick?!“ Okay, dachte sich da wohl der ein- oder an der Regisseur und Drehbuchautor, dann zeig ich euch mal eure Arbeiterklasse, zwischen Suff und Hurerei! Und wenn der Film nicht durchgeht, dann stell ich Ausreiseantrag!

Ulis schiefer Edgar W.

Wie eine große rostige Eisenkrampe riss „Die verdrängte Zeit“ von Marko Martin so allerhand Schlick der Jahre von alten, längst beerdigten Leseerlebnissen und Kinoeindrücken eines jungen Mannes, der mal der Vater der Toka-ihto-Tales werden sollte.

Und nun umwabern da mehrere Untote meinen Alltag und drängen sich ins Tagesgeschäft:

„Da sind wir aber immer noch und der Staat ist langst futsch und Monsanto ruiniert das Laaaand“.

Schreib über uns, schreiiiiib!

Grusel!

An vorderster Front Ulrich Plenzdorfs Marxschädel.

Tja, das war schon ein Held. Der schrieb „die Legende vom Glück ohne Ende“, also das „Paul und Paula“-Buch, das ich nie gelesen hab, aber der Film kam 1973 in die Kinos und die Macher selber staunten, dass der ziemlich gut besucht wurde. Gegenwartsfilme der DEFA waren eigentlich verlässliches Kassengift. Dieser nicht. Er kam zur richtigen Zeit. Honecker war seit ’71 dran, aber ‘73 starb erst der Ulbricht und nun sollte es heißen, kommen freiere Zeiten – da ging sowas.

Im selben Jahr erschienen als Buch „Die neuen Leiden des jungen W.“, sein zweiter Geniestreich – so hieß es. Es fuhr mächtiges Korrespondentenlob ein: Individualitätsbeweis der Jugend im sowjetischen Marionettenstaat. Honecker herausgefordert – den kollektiven Zwang zu lockern usw.

Ältliche Herren, angefixt von der Goetheparallele…

Westradio und seine Rezensenten taten ein Übriges. Die Zaungäste hinter der Mauer staunten nicht schlecht, dass da ein Buch gelobhudelt wurde, das man ab der Nachauflage tatsächlich zu kaufen bekam. Und sie kauften…

laubenpieper goes jazzLothar Loewe hat gesagt…

Also war das gut!

Sagt sogar der Deutschlandfunk!

Es wurde ein Bestseller. Aber wieviele der Käufer haben dieses Ding wirklich gelesen?

Welche Käuferschicht visierte ein Buch an, dessen „Held“ ein 17jähriger ist, der ausgefallener Weise auf Jazz abfährt, in einer Gartenlaube wohnt, weil er „von zu Hause weg ist“ und ungelernt bei einem Malermeister jobbt?

Die Generation Flakhelfer scheidet aus, wegen der „Urwald-Mugge“; die Ost-Hippies nicht minder, keine Landkommune, kein Blues, kein Burdon… meiner einer und sonstige Boomer feierten anno 73 irgendwas zwischen Slade und Black Sabbath, aber doch nicht Satchmo! Noch jüngere waren gleich ganz auszuschließen.

Wer also kauft sowas?

Unser Hausarzt (mitte 40) schleppte ca. 1976 oder 77 die Nachauflage an: „Hier müsster mal reingucken! Das kommt im Westen ganz groß an!“ Inzwischen hatte es der „Klassenfeind“ sogar verfilmt! Und zu mir:

„Du ooch! Is genau deine Altersgruppe!“

Aha. Meine Eltern legten es diplomatisch bei Seite.

Ich habs gelesen. Durch. Aber:

Ich kam aus dem Kopfschütteln einfach nicht heraus.

Wenn das ein Ost-Autor war und das Buch hier erschien, glaubte ich „Sozialistischen Realismus“ erkennen zu müssen, den ich hier aber überhaupt nicht fand.

Heute im Alter ist mir der Inhalt von Goethes Vorlage geläufig. Nicht, weil ich sie gelesen- , sondern weil ich den Film „Goethe!“ genossen habe. Der war so gut im Kino, dass ich Filmmuffel mir die DVD auch noch kaufen musste! Er enthält die Liebesgeschichte des jungen Goethe und schwer vermittelbaren Bummelstudenten mit Charlotte Buff. Sein Schlüsselerlebnis, dass zu seinem ersten Bestseller führte:goethe

Ein verkrachter Habenichts liebt, muss mit ansehen, wie die Angebetete in eine Vernunft-Ehe getrieben wird, und nimmt sich das Leben.

1977 war mir nur bekannt, dass Goethe ein Buch dieses Titels verzapft hatte, aber wen hätte das interessieren sollen, nach inflationärer Goethe-Qual in Lesebüchern aller Alterstufen?

Plenzdorf gefiel die Idee: Er greift sich also den Goethe und erfindet ein DDR-Jugendschicksal, was ansatzweise zu passen scheint. Die Zensoren werden somit Beißhemmungen kriegen, denn Plenzdorf verbieten, hätte jetzt den Touch des Goethe-verbietens. Er holt also den Werther von 1772 aus der Gruft und in die DDR 200 Jahre später. Gelingt ihm das? Nö.

Seine zusammengeszwungene Parabel erzeugt reihenweise schiefe Bilder.

Edgar Wibeau heißt der Knabe. Französisch klingender Name. Zusätzliche Plenzdorfsche Absicherung: Hugenottenhinweis. Tolerantes Brandenburg! Naja. Ob’s viel genützt hätte, wenn die übrigen Inhalte so ähnlich ausgefallen wären, wie in Reiner Kunzes „Wunderbaren Jahren“, sei mal dahingestellt.

Wibeau schmeißt eine Lehre an der Berufsschule, die seine Mutter leitet, und verschwindet nach Ostberlin. Dort lebt er in einer verlassenen Gartenlaube.

Lehre schmeißen in der DDR hieß, sich den Halbsatz „zeigt keine Einsicht in gesellschaftliche Notwendigkeiten“ einhandeln. Minuspunkt für später. Kam deshalb auch nicht allzuoft vor.

Wer die Lehre schmeißt, ohne gesundheitliche Gründe zu haben, war Assi. Da fiel Verehrung schonmal aus. Außerdem, wenn seine Mutter in so gehobener Position ist, bekommt auch sie Ärger, da sie ihr „Früchtchen“ nicht im Griff hat. Denkt er daran nicht? Seine Mutter ist geschieden, also alleinerziehend – und da beschert er ihr solche „Zicken“?

Nun ja, Direktorinnen zu Ostzeiten, das waren so verkniffene §-Reiterinnen, garantiert humorbefreit, in erloschenen Ehen dahinvegetierend oder eben solo. Vielleicht ja Rabenmutter, dann wäre einigermaßen erklärbar, warum er nicht an Konsequenzen denkt. Scheint ja auch kein Überflieger zu sein, wenn er an der Berufsschule seiner Mutter keinen „Berufsausbildungsplatz mit Abitur“ inne hatte. Dass so ein intellektuell eher desinteressiertes Bürschchen dann freiwillig einen zufällig gefundenen Goethe liest – das ist nur mit hanebüchen hohem Autismus-Level erklärbar.

Dann schickt er Tonbandaufnahmen seiner Goetheleserei an seinen Kumpel!

Weiß Plenzdorf, was Bänder oder Kassetten in seinem Land kosten?

Er beschreibt seinen Edgar W. als Musiksüchtling, ohne aber an die Konsequenzen zu denken: NIEMAND verschwendet Bandkapazitäten für solche Deppenideen!

Und dann dieses Wohnen in der Laube. Entweder steht sowas in einer Schrebergartenanlage, dann hat der automatisch Nachbarn, die sich sorgen, welcher Laubenknacker in spé sich da eingenistet haben mag und dann bekommt er uniformierten Besuch!

Oder die Laube steht irgendwo im Unland an’ner Bahnschiene, dann interessiert das nach wenigen Tagen die TraPo, warum da abends Licht ist. Und dann gibt’s den Assi-§ im Strafgesetzbuch: Zuzugsgenehmigung? Nicht gemeldet in Berlin? Keine Berufsausbildung? „Schwarz pfuschen gehen“ ist keine Arbeit! Noch nicht 18? Glück gehabt! Kein Knast – „nur“ Jugendwerkhof!

Schließlich nun noch der ganz und gar „danebene“ Musikgeschmack: 17 Jahre alt, und dann Satchmo hören; MSB lieben, und Uschi Brüning anschwärmen! Das ging weder 1973 noch 1977 auf!

Satchmos Krächzgeang klang lustig, wenn er mal den „treu Husar“ versuchte, oder den „Haifish, got much teeth in“. Das war mal ein Gag für zwischendurch, aber das Dixieland-Gedudel – NoGo! Unvermittelbar!

Zu sowas fandest du mitte/ende eines Studiums in elitärer Kunstrichtung, aber nicht als 10.Klässler mit Lehr-Abbruch!

Modern Soul Band – die gabs. 1973 waren die noch auf der Chicago-/Santana-Nachspielebene, wenn man sie live kannte. Im Radio aber sangen die jeden Schrott, der ihnen von genehmigten Textern in den Mund gelegt wurde. Da entsteht automatisch eine Kluft zwischen dem Romanhelden und seinen Lesern: Er mag die Band in Ostberlin live erlebt haben. Saaletal-Leser wie ich kannten nur den Radiomüll von denen. Auch war hier eine Entwicklung zwischen 1973(Buchentstehung) und 1977(Leseerlebnis) äußerst rasant vorangekommen: 1973 war gekonntes Nachspielen noch das Nonplusultra für den Konzerterfolg einer Band. 1977 hatte sich der Ostrock bereits durchgesetzt. Die eigenen Stücke störten längst nicht mehr. Es wurde fein unterschieden zwischen Bands mit (textlichem) Anspruch und Kreml-Rock. Und was MSB im Radio boten, war letzterer.Uschi B.

Uschi Brüning Begeisterung mit 17? Eine LP von ihr lag mehrere Jahre im Plattenladen herum! Die sang wie Manfred Krug in weiblich – so Jazz-Schlager-Soul. Das war die irgendwie richtige Musike für frisch geschiedene, enttäuschte Frauen in den End20ern, oder eben Musiklehrer, aber doch zu keiner Zeit für Teenies!

Bleibt noch dieses Theater um „echte Jeans“. Da hatte sich zwischen 1973 und 77 ebenfalls allerhand getan. Die landeseigene Jeansproduktion war mit Lössnitz-Jeans-Anzügen 74 oder75 gestartet. Bald folgten Boxer- und Wisent-Jeans. Christian hatte mir 10. oder 11. Klasse mal angeboten, er rangiere nun seinen Lee-Jeansanzug aus.  Sind eben neue Pakete angekommen. (Volksmund: „In manchen Familien kommt auch noch das Klopapier aus dem Westen.“) Ich könne den haben, für 50 Mark Vorzugspreis. Meine Antwort war kurz und knapp: „Ich soll deine Lumpen auftragen und dafür löhnen?“ Er fragte nie wieder und fand einen Käufer für 80 Mark. Also, es gab schon „Kunden“, die sich ihre abgehalfterten Niethosen gegenseitig verhökerten, die Löcher mit Flicken besetzten und über den Besitz so einer Ruine happy waren, aber wenn de an der EOS bist, dann sind das nu nicht gerade deine Helden.

Dann ist da noch diese sogenannte Jugendsprache, aber „die gibt’s in keem Russenfilm“, denn da „fetzt“ oder „peitscht“ überhaupt nüschd! Der Herr Alt-Boheme von mittlerweile 40 Jahren versuchte hier, sich an die Jugend heranzuwanzen, ohne sie zu kennen. Hatte Plenzdorf Kinder?

Ich war 17. Ich schaffte dieses Buch. Aber mehr noch schaffte es mich. Am Ende schlug ich es zu: Knäd!

Bis neulich: „Verdrängte Zeit“. M.Martin feierts in der üblichen Altgermanistenattitüde.

Wenn’s schee macht? Abwink.

Schlaf nun wieder gut Uli! Bist ja einer von den guten; wegen „Paul und Paula“ und weil du Strittmatters „Laden“-Verfilmung gerettet hast. Aber deine Laubenpieper-Saga da, die war Murks.

Die rettete dir nur die Westwerbung.

Die Glorreichen Sieben (DDR-Filme)

Nach der Lektüre des besagten Martin-Buches „Verdrängte Zeit“ überlegte ich: Welche Filme fehlen mir in seiner Aufzählung. Es sind diese glorreichen Sieben:

1. „Ete und Ali“, die erste Filmrolle für zwei geniale Schauspieler: Jörg Schüttauf und sein Konter-Part Thomas Putensen, der leider hinterher die Schauspielkarriere abbrach, um sehr origineller Musiker sein zu können. (2x live gesehen; solo (90er) und mit der Fischer Band (00er) ; grandios!) Drehbuch top, Requisite ist die wiedererkennbare, graue Alltags-DDR; die kritischen Sequenzen werden mit Humor verabreicht. Seh!-ens!-wert! Bis heute!

2. „Die Entfernung zwischen mir und dir und ihr“; auch so ein Film, der zu kurz vor dem Mauerfall das Licht der Welt erblickte und deshalb nicht nachwirken konnte. Lauter unbekannte Neulinge spielen hier junge Leute, die gerade ins Berufsleben einsteigen und zum Beispiel auf die müden Altgedienten im Großbetrieb treffen. Und es rummst in den Dialogen:

„Du da! Runter da! Wer hat das erlaubt! Ich zieh dir die Hammelbeine lang! Welche Brigade? Wie heißt du!“

Die Gerügte im Blaumann auf dem Stapel Eisenträger, deutet einen Bauchtanz an, windet sich das Arbeitsschutz-Haarnetz vom Skalp, schleudert lasziv die Mähne, grinst und säuselt mit Schlafzimmerblick:

„Raten Se doch mal – Frieda – Hock!Auf!“ und entschwebt.

(Für heutiges Publikum bräuchte die Stelle einen Synchronbalken als Untertitelerklärung:

Frieda Hockauf war zu DDR-Zeiten die bekannteste Aktivistin/Bestarbeiterin, die in den Lehrbüchern stand.)

Die Youngsters sehen nicht so abgewrackt aus, wie die Jungschauspieler der späten 70er, die zwar Talent für die Schauspielschule, aber selten Attraktivität für die Leinwand mitbrachten.

3. „Der Hut des Brigadiers“ (1988 einmalig im TV gesehen); der gab auf einer Baustelle in Marzahn all die Misswirtschaft zu, die überall zu greifen war, aber nie in der Zeitung stand. Ein neuer Brigadeleiter, jung, soll die „Jugendbrigade“ aus lauter Mit-und Enddreißigern mit Plauze zu Aktivisten machen. Der abgesetzte 40jährige Vorgänger schaut ihm beim Abrechnen über die Schulter.

„Machst’n da?“

„Bilanz. Geht nicht auf. Wir sind zu schlecht. Ham nüschd geschafft.“

„Na, wenn de SOOO rechnest, kommste nie of 110%. Rutsch ma, ick zeig dir!“ Szenenwechsel.

Es war sprichwörtlich, dass all die Planübererfüllungen in den Zeitungen Augenauswischerei waren. Der Film hätte großes Renommee einfahren können, wenn das ostdeutsche TV-Publikum noch so drauf gewesen wäre, wie in den 70ern; wo alle diese Gegenwarts-TV-Romane Quote machten und hinterher sogar Thema in den Rotlicht-Sitzungen werden konnten. Aber inzwischen guckte alles einfach nur noch Westen. Der Film lief einmal, als ich ihn zufällig sah. Habe nie jemanden getroffen, der ihn kannte.

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4. „Auf der Suche nach Gatt“ (Wenigstens den 1. Teil!); der 2. ist verunglückt, Dieter Mann und Barbara Dittus in Glanzrolle; 50er Jahre Thematik; Aufbauideale und ihre schleichende Pervertierung; dazu ein Horst Drinda als der gute Exilrückkehrer, der nun in Bonzenrolle den verständigen Papa-Ersatz gibt; (aber im Subtext schwingt mit, dass grade diese jovialtuenden Typen in der Regel keine idealistischen Widerstandskämpfer aus dem Exil , sondern Karrieristen ohne Vorgeschichte und somit hintenrum die größten Anscheißer waren.) Er sät ja auch das Misstrauen zwischen die Partner Mann/Dittus. (Dabei wird deutlich, dass jemand, der sich vor KZ und Tod (GULAG wird verschwiegen) bewahren musste, niemandem vertraut und nun auch nicht runterschalten kann, wenn es um Vertrauensprobleme kleinerer Art geht. (Neutzsch konstruiert hier eine idealisierende, Verständnis erweckende Vorgeschichte für eigentlich oft nur fiese Charakterlosigkeit)

Als ich den Film zum ersten Mal sah, war ich erstaunt, dass da eine umfassende 17. Juni-Sequenz enthalten ist. Das Ereignis wurde ansonsten eher schmal-lippig zum „faschistischen Putsch“ erklärt, oder ganz ausgespart. Buch und Film zeigen, dass Neutzsch nach seiner „Spur der Steine“ Querele von 1965, wo er sich gezwungen sah, sich vom Film zu distanzieren, nun lustlos halb zu Kreuze kroch. „Gatt“ enthält sehr interessante Konfliktansätze, die aber alle „verbogen“ werden, damit Buch und Film die „behördliche Abnahme“ überlebten. Das Zeitzeugenpublikum merkt das und weiß, wie es jeweils eigentlich hätte weitergehen müssen. Nachgeborenem Publikum könnte man dergleichen – bei Interesse – in der Art eines Film-Clubs „für Kenner“ zeigen und erläutern.  Wenn kein Interesse vorliegt, hat es aber auch keinen Sinn. Der 1. Teil ist actionreich und i.O.; der 2. Teil erstickt in Parteitagsphrasenmonologen von Drinda und vom 2. Mann der Dittus. Dass sie nach allem, was sie erlebt hat, linientreu blieb, ist einer dieser zurechtgebogenen, unrealistischen Werdegänge. Sie hätte als intelligente Ärztin allen Grund gehabt, zynisch auf den Proletenstaat herabzublicken oder gar von Ausreise zu phantasieren.

5. „Verwirrung der Liebe“ (1957); Annekatrin Bürger und Angelika Domröse in ihren vermutlich ersten Rollen; Studentenwirrwarr um die Partnerfindung: Ein Kerl, eben jene zwei Damen und hin und her unter anderem auf einem typischen Studentenfasching, wie ich ihn anfang der 80er auch noch erlebte. Als ich diesen Film ein einziges Mal zu sehen bekam, kriegte der mich total, weil er meine eigene Studentenzeit heraufholte und zugleich illustrierte, wie das gewesen sein muss, als die Generation meiner Eltern ihre zweiten Hälften fand. Die kargen Storyfetzen, die diesbezüglich aus Eltern, Onkels, Tanten herauszuholen waren, passen 1:1 und die im Film zu sehenden Sofadecken und Häkelkissen kenn‘ ich alle noch!

6. „Heißer Sommer“(1967); Ja! Muss sein! Der Film ist rappelblöde, was die Story angeht. Die Prügelszene haben wir im Sportunterricht in gespielter Zeitlupe nachgefaked und uns beäumelt vor Lachen: Die Faust bleibt immer erkennbar 10cm vor dem Gegner stehen, aber dieser fällt getroffen um. Man ringt miteinander, berührt sich also, spannt aber keinerlei Muskel an. Wie im Film!

Prügel

Die Musik ist Allerweltsschlager; keine Spur von Flowerpower; obwohl – doch, es gibt da so Kuschelszenen im Heu in der Scheune.

Den Film sah ich kurz vor und kurz nach der Pubertät und starrte auf die Beine der Damen. Wo blieben all die hübschen Jungschauspielerinnen später? Die spät70er DEFA hatte einen eklatanten Mangel an weiblicher Attraktivität. Nach der Wende kehrte er als „Super-Illu-Klassiker“ wieder. Jetzt, im gesetzteren Alter, gingen mir auch ein paar dechiffrierenswerte Sequenzen auf.

Eine Jungsgruppe von Abiturienten (Frank Schöbel und Co) und eine Mädchengruppe (Chris Doerk und Co) trampen an die Ostsee zum Arbeitseinsatz mit Erholungsbestandteilen; Lager für E&A. Dort gibt es dann eine Reihe von Techtelmechteln unter Verwendung aberwitzig angepasster Dialoge.

Pärchen im Bootsschuppen:

Er „…und dann ließen mich meine Eltern eine Woche keinen Jazz mitschneiden.“

Sie: „Brutaaaal!“

Publikum: Blödsinn! So’n unterbelichteter Teenie und Jazz! Aber Beat oder Rock ging ja nicht 1967! Dann hät‘s der Film ooch nich‘ durch die Zensur geschafft!

Und auch noch das: Immermal wieder pfeift der Rudelführer und dann stecken alle Typen reflexhaft die Köpfe zusammen, wie ne Fußballmannschaft vor dem Spiel. Bei den Mädchen klappt das so ähnlich.

Publikum: Ach du Scheiße! Das hätten se wohl gerne, dass alles so läuft, wie es sich FDJ-Bönzchen vorstellen! Dieses dressierte Mannschaftsverhalten. Schenkelklopf! Und so blöde würden wir dabei aussehen! Pruuust! „Beule! Feife ma‘! Ich willdch auslachng!“

7. Das Beste kommt zum Schluss: Die Krönung dieser Liste: Willst du wirklich DDR verstehen? Willst du das wirklich? Was da so alles zusammenging und warum nicht „alle“ abgehauen sind, als Berlin noch offen war? Dann gibt es nur eins:

Kult!

„BERLIN – Ecke Schönhauser“ (1957) ab 1965 ebenfalls im Giftschrank und erst ab 1990 wieder zu haben. Jugendgang in Ostberlin; glaubhaft ruppig; Eckehard Schall (Brechtschwiegersohn) in Paraderolle als eine Art von Jim Stark/James Dean (Ost) keine gestanzten Floskeln; der Volkspolizist, der den verständnisvollen Papa Ersatz geben will, wird rüde ausgebremst… kommt den James Dean Filmen erstaunlich – und völlig unpeinlich – nahe.

Das XI. Plenum der SED, das berühmte „Kahlschlagsplenum“, das die komplette DEFA-Produktion aller 26 Spielfilme des Produktionszeitraumes 64/65 verbot, Schriftsteller maßregelte, und „mit dem Je-jeh-jeh und wie das alles heißt, schlussmachte“ – verhunzte die Kulturentwicklung der Republik nachhaltig.

Indianerfilme ab’66 gelangen und wurden „wie durch ein Wunder“ erlaubt. Ernstnehmbare Gegenwartsfilme waren unmöglich geworden. Für lange Zeit.

„Die gewöhnungsbedürftige Parabelhaftigkeit des DDR-Films bleibt manchem ein Graus.“ (M. Martin)

Recht hat er!

Mir.