September-Tours

Do yo remember

All the trouble in time

In September

Anger waiting in line…

(frei nach Earth Wind and Fire)

Yeah man! Ich bin draußen! Und ich habe, wie mir unlängst erst bewusstwurde, ein enormes Privileg:

Ich habe Zeeeeeeeeeiiiiiiiit!

Ich war 5 Tage auf dem Darß. Im September! Im eigentlich beschissensten Monat des Jahres! So jedenfalls in meiner Branche, der ich bis vor ‘nem knappen Jahr noch angehörte.

Nun lerne ich die Reize der Nachsaison schätzen:

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An der Segafredo-Tasse sitzen und an die Kollegen denken, die sich gerade placken mit all dem Mist, der dir bisher jeden September so zuverlässig vergällte …

In Ermanglung beruflichen Kleinkrieges könnte ich mich nun ersatzweise über jede weitere TV-Sendung dieses Karl-Eduard von Sch-Lanz aufregen und böse „poasten“. Aber – das Wetter ist zu schön. Vor allem in jenen Tagen am Darß neulich. Obwohl es pausenlos junge Hunde regnete, da, wo unser Hotel war. Ein Widerspruch? Wennde mobil bist, nich‘! Hie Weltuntergang, da Sonnenscheinidyll. Jedes Fischerkaff hatte da SEINE eigene Klimazone. Indianersommer. Drive on!

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Und Blanche Kommerell lud zur Buchlesung nach Wustrow. Die Eenah aus „Söhne der großen Bärin“ (DEFA 1966); erste Nebenrolle mit 16. Ich sah ihn erst zwei Jahre später. Im Film war sie immernoch 16.  Die erste Dakota-Fee, die mir gefiel. Damals. Walter küsste noch Leonid.

„Die Erinnerung ist das Paradies aus dem man nicht vertrieben werden kann.“ (Volksmund irgendwie.)

Im Kopf sangen Transit: „Sommertage. Und Ferien an der See. Da kann man endlich machen, was man will!“, Novalis klinken sich ein „Manchmal fällt der Regen eben lang!“, dann ist aber auch schon eine kräftige Woge Achim Reichel heran: „Trutz blanke Hans!“ und „Een Boot is noch buten!“

So schoss ich eben all die Fotos, frei nach dem Motto:

„Fliegende Pferde landen am Strand. Sie kamen übers weite Meer. Keiner weiß woher.“ – in all seiner Doppeldeutigkeit. Passend hierzu sahen wir am Horizont über dem Wasser jene Katastrophe, die nicht die unsere war. Ein Vorgeschmack auf die bevorstehende Amerikanisierung des Wetters hier around, demnächst. Und ein Sinnbild des Krieges „vor der Haustür“.

Windhosen gehörten bisher für uns ostdeutsche Boomer ins MOSAIK, genau wie jene malerischen Hannes-Hegen-Wolken ein kurzes Weilchen später.

Long, long gone.

DER Sommer ist längst vorbei. Spürst du nicht der Winter kommt und er nimmt dich fooooort.“(Kiev Stingl 1973/78, git: Achim Reichel)

Des Wetters wegen blieb es nicht beim Darß-Aufenthalt. Kleine Fluchten führten zu neuen ungeplanten Eindrücken: Barth. Kleine, feine Boomtown mit geleckten Fassaden und deutlich freundlicherer Cafe-Haus-Bedienung als in Wustrow.

Stralsund. Spielhagen-Stadt. Ein paar Kapitel seiner „Problematischen Naturen“ spielen hier. Der Eindruck ist ein zwiespältiger. Geteilt wie MEIN Naumburg. Es gibt Stadtteile, die dem Wende-Boom ein einladendes Äußeres verdanken. Man meint, die Stadt sei aus ewigem Dornröschenschlaf erweckt worden und mausere sich zur Perle – wenn man in der Nähe des Ozeaneums flaniert. Wir waren dies‘ Jahr allerdings direkt in der Altstadt – und die wirkt so zugeparkt und vergessen mit ihren schiefgelatschten Trottoirs, wie der Lindenring von Naumburg.

Dieses Zwitterdasein von halb-chic und halb-morbide symbolisiert unser Ostschicksal des Steckengebliebenseins; irgendwie nicht mehr DDR, aber auch nie im Westen angekommen.

Watt willsde mach’n? Magst’n Köhm? Odeé liebeé n Eisbecheé?

Zurück in Wustrow gießt es grad nicht. Ohne Schirm erreichen wir also die „Kaiserliche Post“, das Gästehaus, das mit einer Ausstellung des Nestors der Aktfotografie der DDR lockt. Gerhard Vetters „Studien am Strand“ – (Erstauflage 1968; sechste und letzte Auflage 1973) das bestgehütete Geheimnis in gut sortierten Bücherschränken unserer Väter.

„Gucks dir an, wenn wir nicht da sind.“, lautete der erzieherische Hinweis seinerzeit. Gesagt, getan.

„Tonight’s the night! Everything’s alright…“

Vielleicht wollte die aufstrebende Touristenmetropole in der Nachsaison Ersatz schaffen, für all die nun im Straßenbild fehlenden Sommer-Feen.

It’s the September of my life.

Prägendes Vinyl

Pete Pardo vom Sea of Tranquility hatte mal wieder ne Mordsidee: Back to Highschool. Welche Platten machten DICH zwischen 16 und 19 an? Wer oder was prägte deinen Geschmack?

Also in meinem Fall in den EOS-Jahren 1975-79.

Nun: Wäre ich ein Wessi gewesen, hätte ich dieselben Pferde im Stall wie meine Altersgenossen in Hamburg und Bochum. Aber so?

Ohne Westbeziehungen, ohne D-Mark für den „Shop“, mit nur sehr spärlichen Zufallskontakten, zwecks Aufnahme einer Aufnahme von einer Aufnahme, die von einer Westplatte stammt? Da war es halt nichts mit YES, Genesis, Supertramp auf Vinyl.

Was gaben die Saaletal-Plattenläden her?

Im Alter ist einem nichts mehr peinlich. Also sei eingestanden:

Mein erster Plattenkauf in Sachen „Rockdröhnung“, waren1976 „Die großen Erfolge“ der Puhdys.

Die besaß ich bis Prora 1980, dann verhökerte ich sie schmerzfrei mit einigen anderen „erledigten“ Ostzeitkäufen, weil ja nun meine vinylnen Westzeiten anbrachen. Guckst du hier.

Aber das soll nicht heißen, dass ich Ostrock insgesamt abschwor. Keines Falls! Nur die Puhdys waren eben sowas von Kremlrock geworden, dass ihre Platten eher peinlich wurden, als z.B. die von Karat; die wurden es später auch.

1976 war für Amiga so ein Durchbruchsjahr, in dem viel an Rockplatten erlaubt worden war, und in dem MEINE Altersgruppe langsam Live-Erfahrungen in Konzerten bekam, wer „geil abgeht“ und wer nur „steif zupft“.

LIFT wurden überraschend zur Supergroup. Ihre Debut-LP war um Längen besser, als die um ein halbes Jahr zu spät erschienene Debut-Platte der Stern Combo Meissen. Eigentlich wären die die Artrock-Überflieger der DäDäRä gewesen, aber ihr Live-Album entpuppte sich ohne ihren Erstlings-Hit „Finlandia“(Adaption) als kastrierter Konzert-Torso.

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Lifts Erste enthielt verblüffenderweise kein Sammelsurium alter Rundfunkproduktionen, sondern mit Ausnahme von „Wasser und Wein“ lauter neues Material – und die hatten gerade erst ihren Stil gefunden, der sie passend zwischen YES und Genesis setzte.

Konzert in Schkölen. Hier schon beschrieben.

Dann LP Nr. 2; im gleichen Stil, als zwei Band-Mitglieder bereits tot waren; danach war es mit den „guten LIFT“ bereits wieder vorbei. Aber die zwei LPs gehören zu den „heiligen Platten“.

Renft können hier in dieser Liste 1975-79 nicht auftauchen, weil ich an ihre 73er und die 74er LP erst 1981 per Tonbandmitschnitt herankam.

Stern Combo Meissen fehlen ebenfalls, weil sie in jener Zeit wie gesagt nur ihr Debut wie oben beschrieben und „Weisses Gold“, ihr erstes Großwerk, vorweisen konnten. MICH hat das eher enttäuscht, auch wenn es alle Welt um mich her feierte. Ich besaß die LPs, aber legte sie nur selten auf. Aber Stern Combo kriegte mich live absolut! 1980; 1981 und 1983(knapp vor der Aufnahme von IC als Sänger); als Platte aber brachte es mMn erst ihre dritte – „der weite Weg“ – so richtig. Aber die fällt mit ihrem Erscheinungsdatum Ende’79 bereits in die Armeezeit.

bayon-77Das Debut von Bayon war ein Highlight. So filigran spielte im Osten niemand sonst. Zu den Nachwende-Kulturverbrechen gehört der Umstand, dass ihr Debut nie bei „Original Amiga Masters“ auf CD wiederveröffentlicht wurde. Es war die einzige wirklich internationale Band, die Weltmusik verartrockte, in absolut genießbarer Form! Gleichzeitig klangen sie so romantisch, dass sie irgendwie Santana, Benson und Renaissance gleichzeitig abdeckten, ohne stilistische Brüche.

Um diese Zeit brach auch das „Blues-Fieber“ der DDR aus. Das heißt: So wird es heute gern kolportiert. Der Blueswahn ist älter. Er stammt bereits aus den 60ern und ist eher der Tatsache geschuldet, dass jeder, der Stones auf einer Ostbühne spielt, Bandverbot riskierte.

Also weichste aus – auf „Mannish Boy“ und „Midnight Rambler“ in angeblichen Muddy Waters Versionen. Die Aufpasser merkten es nicht – und die wirklichen Muddy Waters Nummern oder John Lee Hookers „Boom boom boom“ konnten nahtlos angehängt werden.

1976 erschienen mit den Debuts von „Jürgen Kerth“(Erfurt) und „Engerling-Blues-Band“(Berlin) nun zwei der großen Kunden-Heroen. („Kunde“= Osthippie; „Ey Kunde!“). Die waren schon vor Erscheinen KULT. Egal, was drauf war. Ich hatte dann beide. Aber siehe oben: 1980 nicht mehr.

Die Blueserei ging mir ähnlich auf den Wecker, wie dieser unerklärliche Jethro Tull Dauerhype. Wie kommt das eigentlich zustande, dass DIESER Stil und jene Band von „der Meute“ auserkoren werden, angeblich „dauergeil“ zu sein? Spätestens, wenn sich die Typen von der FDJ-Kreisleitung kurz vor dem „FDJ-Studienjahr“ mittwochs nachmittags outen, sie würden ja so auf „Bluuuuuuhs“ stehen – isses dann aus. Also weg mit Kerth und Engerling und Stefan Diestelmann und Hansi Biebl.

Hm. Aber Jürgen Kerth war auch mein erstes richtiges Live-Konzert gewesen. Die Kerthplatte verschleudert zu haben, bereute ich bald. Nach der Wende zog er per CD wieder bei mir ein. Und auf jeder Ostrockbrutzelung fürs Auto darf heute Kerth nicht fehlen!

Auch die Engerlinge wurden mit den Jahren eigentlich immer besser. Heute verehre ich ihre „So oder so“ von 1989 und die „Egoland“ von 1990 – also muss aus jenen 70er Zeiten DOCH ein Keim übriggeblieben sein. Wie vertrockneter Rasen, der viel-viel später von alleine wieder grünt.

Wir hatten in der 9. und 10. Klasse einen sehr guten Musiklehrer. Der musste mit uns natürlich den ganzen verbindlichen Lehrplanschrott abarbeiten. Aber er variierte Arbeiterkampflieder und Volkslieder am Klavier gerne mal durch:

  • Die Fassung kennt ihr…
  • Hätten das die Beatles geschrieben, klänge es so…
  • Die Chinesen spielen das so…
  • Die Neger in Amerika würden daraus Blues machen, das klänge dann so…
  • Oder einen Ragtime…

Da blieb man selbstverfreilich wach!

Diesem Lehrer verdanke ich zwei entscheidende Kicks, die den musikalischen Horizont erweiterten:

  1. Schülerkonzerte im „chroßen Gino-Saal“ waren immer Kamikazeunternehmen für das aufsichtsführende Lehrpersonal, weil Klassik gegeben wurde, die Sache eine „erscheinen Pflicht!“ Veranstaltung war, die pubertierende Hörermehrheit aber auf Rock&Roll stand und mehr oder weniger undiszipliniert kommentierte, wenn die Sopranistin eher an Babajaga erinnerte und somit jeglichen Debbie-Harry-Sex vermissen ließ.

In der 10. Klasse wurden wir auf die Veranstaltung jedoch vorbereitet, wie sonst nie:

„Ihr werdet die 9. Sinfonie von Dvorak hören. Die heißt AUS DER NEUEN WELT. Was ist gemeint?“ Schweigen. Schulterzucken. „Amerika! Dvorak reiste damals von Küste zu Küste! Er beginnt mit Wolkenkratzersound: New York. Dann kommt er in die Prärie und fährt mit den Indianern Kanu; dann wirds langsam und anstrengend, er muss die Rocky Mountains hoch und schließlich Kalifornien und wieder Große Städte, Straßenverkehr, Gedränge.“ (Dazu Klangbeispiele von Platte – und alles hat gestimmt.)

Ich saß also im Konzert und sah sie alle vor mir: Chingachgook, Toka-ihto, Wahtawa, Red Fox; vorndran Kojak in seinem rollenden Flugzeugträger und hintendran Columbo.

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Diesmal war mir das Muss-Konzert viel zu kurz!

Nächster Gang: Plattenladen und die Verkäuferin schocken:

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„Ham Sie die 9. vom Dworschak?“

„Soll’s n Geschenk sein?“

„Nö für mich.“

Der Gesichtsausdruck der ehemaligen Fischverkäuferin mir gegenüber schwankte interessanterweise zwischen „Ein perverser Irrer?!“ und „Ach du armes Früchtchen.“

Aber sie hatte die Platte eh nicht.

Erst in Leipzig, ein paar Wochen später, wurde ich fündig:

Arturo Toscanini dirigiert das NBC Symphony Orchestra New York. Was will man mehr?

  1. Der zweite Kick war seine Einführung in den Jazz: Benny Goodman Swing von Platte. Die helfende Erläuterung: „Hört mal nur auf das Orchester: Die spielen immer dieselbe kurze Melodie und Goodman steht vorn und bläst sein Solo, greift die Melodie auf, ändert sie ab, spielt sie wieder exakt, reiht sich ein….verschwindet…die Trompete ist dran, die machts wie er… Und jetzt mal Duke Ellington. Da ist das so ähnlich, aber es geht ein bissel mehr „ab“, wenn ihr euch beim Hören bissel Mühe gebt.“

Das war so anders als dieses Satchmo Gedudel im Fernsehen, das ich bis dahin für die einzige Art von Jazz hielt. Dixieland – Fluchtreflexe ahoi! Bis heute!

Also ging ich in den Plattenladen und durchstöberte die Ladenhüterreihe mit den schwarzen Covern und dem orangenen großen J in der Ecke. Lester Bangs, Ben Webster, Jimmy Smith, Ella Fitzgerald, – da: Quincy Jones! DEN Namen hatte ich irgendwo mal aufgeschnappt. Der Essay auf der Rückseite des Covers verriet, dass er hier mit Orchester spielt. Das war der Duke Ellington Kick aus der Schule. Ich ließ mir die Platte auflegen. Gleich die erste Nummer entschied den Kauf „Coming home Baby“. DAS geht! Das kann man hören! Zu Hause entpuppte sich die LP als Volltreffer. „cast your fate to the wind“, „Desafinado“, … alles bestens. Nummern, die mir in Fassungen von Carlos Jobim und George Benson alle später wiederbegegneten. Ich hielt mich plötzlich für jazztauglich. Ben Webster Trio, Oscar Peterson, Jimmy Smith zogen ein in meinen Plattenschrank, kurz bevor der Punk losbrach.

Besonders auf der Amiga-Smith-LP fiel zum ersten Mal auf, wie scheiße das sein kann, wenn ein Entscheider zwischen 10 tollen Westalben sitzt und nun überlegt:

„Welche bring ich nun als Lizenzplatte in die Läden? Ich darf nur eine! … Ich werde was zusammenstückeln.“

Und dann sitzt das Käuferlein vor dieser Bruchstücksammlung und mault: So wie das erste Stück hätte es weitergehen sollen! Oder die Nummer in der Mitte der B-Seite – hach! Wie muss sich davon die ganze LP anhören? Wie sie „drühm“ heißt, steht sogar im Begleittext. Der Zahn tropft – aber: Die Mauer! Die Mauer!

War das eine Messe, als ich dann in den Nullern die „Root down!“ an Land zog! In reparierter ergänzter Form auch noch – also nix mehr „interruped live record“!

  1. Das dritte Schlüsselerlebnis im Zusammenhang mit Musikunterricht Klasse 10 wurde dann jedoch mein Bekauf mit der Amiga „Mahavishnu Orchestra“. Die galten vom Hören-Sagen als der Gipfel anspruchsvoller Rockmusik. Ich glaubte ja inzwischen Jazz-Ohren zu haben. Und nun lag da eine LP im Laden. Auf dem Lizenzplatten Hocker hinter dem Ladentisch. Also: Zuschlagen, nicht reinhören. Die ist bald weg! Wird schon!

Falsch. Wie im Falle von Jimmy Smith war hier gestückelt worden. Jedes der 5 Alben der klassischen Besetzung hat aber einen anderen Flow. Und bei denen ist es eh mehr Saitenakrobatik als Melodie! Und so wurde dieser Tonsalat völlig ungenießbar. 16,10 M für die Tonne! Praktisch ungespielt lag die von ca 1978 bis 1980 bei mir rum. Dann: Siehe oben, ging sie den Weg der Puhdys und der Engerlinge über den Jordan. – Zeitchen verging. 1988 lernte ich die „Adventures in Radioland“ dank Rundfunkmitschnitt kennen und lieben. Und um 2000 herum waren alle Nachholkäufe, soweit erreichbar, durch. Also besann ich mich auf Beutefahrt ins Westberliner WOM mal wieder auf Mahavishnu. Es gab nur die „Emerald beyond“, aber die erwies sich nun ebenfalls als gut durchhörbar. Mit der „Birds of fire“ etwas später wurde ich nicht warm. War wohl doch nichts mit den „Jazz-Ohren“. Bissel Fusion. Bissel Easy Listening früh 60er Orchesterdudel, thats all.

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Ein Wandertag der 9. Klasse verschlug uns zunächst nach Leipzig und führte zur Entdeckung des polnischen Kultur-und Informationszentrums. Das hatte vinylne Folgen. Weil es uns The Gun und The Nice LPs eintrug. Siehe hier. Für mich erwies sich die NICE als die wichtigere. Sie enthielt „America“, jene herrliche Bernstein Adaption. Das lag damals genau in meiner Geschmacksrichtung. Die Adaptionen von Exception , electra und Focus hatten mich am Haken. Mein Orgelkonzert-Faible entstand wegen Rick Wakemans „Journey to the centre of the earth“. Pathos! Pathos! Pathos! Help me through the night of fehling Selbstbewusstsein in der Pubertät!

Dauerhafter prägte mich „die Poleninformation“ durch die Entdeckung von SBB, DER Super-Group des Ostblocks. Die SBB III, IV, V rangieren heute gleichauf mit YES und Genesis. In den Nullern leistete ich mir die 22 CD-Kiste mit den 5 Alben, ca 12 Konzerten aus allen Schaffensphasen und ein bissel Bonusklimbim. DAS MUSSTE SEIN! Die laufen heute noch. Wenn auch eigentlich nur 5 oder 6 davon. Aber DER Totalüberblick hat mich tierisch interessiert und war kein Reinfall.

Dann auf nach Berlin. Nächste Klassentour. Dort in der Nähe des Palastes der Republik war das „Ungarische Kultur-und Informationszentrum“. Da wir das „Polnisches KIZ“ nun kannten, waren wir gespannt auf die ungarische Variante dieses Geschäftskonzeptes. Aber oweh!

Da lagen Hermann Hesse- und Karl May Bücher in ungarischer Sprache. Somit war der Autorenname das einzige für uns lesbare. Westlizenz-Vinyl überhaupt keins.

Aber: LPs von ungarischen Bands in Hochglanz-Optik, wie Westplatten. Omegas „Timerobber“ hatte kurz zuvor Furore gemacht, war aber nicht vorrätig. Von Omega nur ihr 1968er Debutalbum „Red star“, ungarisch gesungen.

Von Locomotiv GT ein Album mit Dreifach-Hülle. „Everybody does his own thing“. Sehenswert. Und von Skorpio zwei solche Glitzercover „Ünnepnap“ und „Kelj fel!“

Da für Trips nach Berlin immer die ganze Sippe Geld mitgab: Guck mal, ob‘s dies gibt! Guck mal, ob de das kriegst! Konnte ich alle vier (nach kurzem Reinhörcheck) kaufen. Was elterliches erzieherisches Donnerwetter und wochenlangen Taschengeldentzug nach sich zog.

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Aus der Locomotiv GT- und Skorpio-Erfahrung wurde eine Liebe für’s Leben. Die alte Omegaplatte ging 1980 ebenfalls in den Pool: Weg damit. Klang wie die frühen Kinks auf Ungarisch. Das war bei weitem nicht ihre Spacerock/Prog-Phase. Kurz vor der Einberufung ergatterte ich die Omega VIII und IX, also für westdeutsche Kenner die „Skyrover“ und die „Gammapolis“, aber die wurden erst richtig in den spärlichen Kompanie-Urläuben konsumiert. Deshalb ist das dann schon jenseits der EOS-Zeit anzusiedeln.

Eine Klassenfahrt nach Dessau in der 11. Klasse ließ uns Music-Junkies das Horst-Krüger-Septett entdecken. Die Jugendherberge besaß u.a. eine Krüger-Single, die wie Chicago mit deutschen Frauengesang von Silvia Kottas klang. „Sag nie…“ – Huch!

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Die Truppe hatten wir bisher geflissentlich missachtet! Wie geil kann die Mugge von jemandem sein, wenn er sich diesen Opa-jazzigen Namen „Septett“ verpasst? Da wär‘ ja das verdammte „Combo“-Anhängsel fetziger gewesen! Band durfte man ja in den frühen 70ern in der Zone nicht heißen. Bänd war englisch. Und Englisch war Kapitalistensprache. So der Schnack aus Ulbrichts Tagen, der erst Mitte des Jahrzehntes beiseite geräumt wurde.

Peter wusste, dass es daheim im Plattenladen noch alte Krüger LPs geben sollte. Sogar runtergesetzt auf 8.-M.

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Er hatte recht. Die LP „Geh durch die Stadt“ von 1972 lag noch verkramt unter anderen Unverkäuflichen 6 oder 8mal herum. Vier von uns kauften vier davon. Prompt versuchte es der Filialleiter mit Marktwirtschaft und stellte die verbliebenen 3 oder 4 wieder sichtbar ins Regal auf Augenhöhe. Aber mehr als wir vier kamen nicht vorbei. Der Krüger-Boom war schon wieder „durch“.

Hört man die „Geh durch die Stadt“ heute, ist sie ein einziges Kuriosum. So richtige „optimistische Liedkunst des Sozialismus“. Man muss titanisch die Texte verdrängen, um die musikalischen Sporenelemente von Chicago und den Bee Gees der „Lonely Days Phase“ herauszuhören.

Die Platte könnte in absehbarer Zeit Sammlerrarität sein. Deshalb hab ich sie noch. Sie knistert auch nicht!

Wer ihr als Wessi gerecht werden möchte, sollte zur Einstimmung erstmal eine von Witthüser Westrupp hören, um sich an den Blödsinn aus eigenen Landen zu erinnern, bevor er diese hier verlacht.

Wenn ich es mir recht überlege, wäre sie mal einen Extra-Post wert. Platten wie diese lehrten uns, auch auf obskuren Alben die ein oder zwei Perlen zu finden, die da durchaus versteckt sein konnten. Der Titelsong und „die Allee“ gehen durchaus ganz gut durch. (Rockmusiker in den frühen 70ern zu sein, hieß, sich textlich diesen zwanghaften Optimismus aufdrücken zu lassen. Das war der Preis, auf Vinyl verewigt zu werden. In der Mitte des Jahrzehnts umgingen die Texter das geschickt mit sehr vielseitig interpretierbaren Allgemeinplätzen, die bald als „Weltall-Erde-Mensch“ Rock bewitzelt wurden. So hieß das Jugendweih-Buch für die 14jährigen. Eine Sozialismus-Bibel über den Wandel der Zeiten, die niemand las, aber alle Teenies feierten die prächtigen Saurier-Abbildungen darin.) — Schließlich stieß ich in einem Plattenladen in Markranstädt dann noch auf jene sagenumwobene Horst-Krüger-Band LP von 1975, auf der sich die Urfassung der „Tagesreise“ befand. Ein absoluter Ostrock-Klassiker; von Michael Heubach 1973 für die Bürkholz-Formation komponiert.

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In den 80ern wurde die Horst-Krüger-Band-Platte noch kultiger, weil sie in Bild und Ton festhält, wo sich Tamara Danz vor Silly herumgetrieben hat.

Wenn ich es mir recht überlege, machte der Mangel erfinderisch und schärfte die Sinne, für verborgene Klangschätze. Das bewahrte mich vor der 08/15 Werdung.

Gleis 1 blieb zwar immer die Westradio-Beute, aber das Ostvinyl setzte keinen Staub an und werkelte so reichlich mit an der Geschmacksentwicklung. Amen.

Es war nicht alles schlecht!

Mensch, Gorbi!

Was war das nur? Hätte das was werden können?

Es war ein schöner Traum. Vom guten Lenin und der verfälschten Lehre. Aber es war keine Wirklichkeit.

Du hast das geglaubt und so vertreten, dass es viele Leute anzog, die längst resigniert nur noch zynische Witze über „die alten Männer“ rissen, die da umgeben von Ruinen, immernoch schwafelten, der Sozialismus würde siegen.

0. Vorgeplänkel

Am Anfang stand ein Witz von 1985: Tschernenko war wiedermal wochenlang nicht gesehen worden, da spekulierte der Ostblock auf der Straße und am Stammtisch bereits über die Nachfolge:

„Wer wird Tschernenkos Nachfolger?“

„Sein Vater.“

Tschernenko war älter als sein Vorgänger Andropow, als dieser starb. Und er war seniler als sein Vorvorgänger, dessen Kurs er fortsetzen sollte: Breschnew.

Eine sowjetische Hindenburgfigur. Nur ohne Legenden-Sieg zuvor.

„Ein Krokodil hat 4 Beine und 72 Zähne. Beim Politbüro der KPdSU ist es andersrum.“

Ja – das waren damals so Lacher.

Und dann kamst du.

Jungspund. U60!

Das erzähl mal dem heutigen Amerika, wie dir das gelungen ist!

1. Die Erfolge

Rums – flogen erst mal ca 50 vertrottelte Altkader aus dem obersten Sowjet, damit jüngere Mit50er nachrücken konnten.

Rums – erschien deine erste Erweckungsrede in der „Prawda“ und deshalb auch auf Deutsch im „Neuen Deutschland“ – und plötzlich wollte JEDER diese Rede lesen! Und alle späteren ebenso!

Drei Seiten vierspaltig vollständiger Abdruck eines Monologs eines KPdSU-Chefs – das gab es seit 1945, – aber dass die gelesen wurden, geschah das letzte Mal 1956 unter Chrustschow.

Wir hatten das schon als Schüler drauf, welche Phrasen die 1en in Staatsbürgerkunde brachten. Die Gebetsmühle war festgetackert. Das sparte Zeit, dieses laaaange Bonzengeseiere in der Tagespresse zu lesen. Nichts wandelte sich vom späten Chrustschow 1964, den der Personenkult einholte bis zum Tschernenko-Ableben 1985.

Die Vergreisung der Obrigkeit, die Visionslosigkeit, das zum Schluss gar nicht mehr kaschierte offizielle Lügen – alles sichtbar, alles galgenhumorig bewitzelt – aber still ruhte der See, denn Panzer allenthalben.

Und dann du mit der Verkündung, dass „unsere Verbündeten das Recht haben, ihre Probleme selbst zu lösen“ – was ja hieß: Schießt auf euer eigenes Volk, wenn ihr euch traut. Unsere Panzer bleiben in der Kaserne.

Ui! Von da an ging den Wandlitzern die Muffe.

Gorbis BuchDu sorgtest für Knüller wie am Fließband: Rejkjavik, der Kuli-Tausch. Raus aus Afghanistan! Dein Bestseller-Buch vom „Europäischen Haus“, das viele kauften, aber niemand las. Sehenswerte Kinofilme – in die man in der DDR nun freiwillig ging – und die schnell wieder aus dem Programm verschwanden: „Agonie“; „der kalte Frühling 1953“, „die Kommissarin“.

Glasnostch und Perestroika.

Die DDR sperrte sich. Ließ aber die Silly LPs erscheinen. Und Strittmatters „Laden“ voller Spitzen auf den Stillstand. Verbot zwar den „Sputnik“, übersah aber „Das XX. Jahrhundert und der Frieden“. Darin der volle Wortlaut der Charta der Menschenrechte; die vollständige Schlussakte von Helsinki, die verheerende Bilanz der verschleppten Entstalinisierung ohne Rehabilitierung usw. Dissidentenkonterbande. Journalistischer Sprengstoff am Zeitungskiosk. Es war zu spüren, dass da was ins Rutschen kam.

Es wurden DEFA Filme möglich wie „Der Hut des Brigaders“ und „Die Entfernung von mir zu ihr zu dir“.

Immer brenzligere Diskussionen in den Montagssitzungen. Das große „Erwachen“. Eine Schülerin  vertickte Sticker von Gorbi. Unter anderem an mich. Am nächsten Tag kam ich im Sakko auf Arbeit, mit dem Sticker am Revers und war prompt DIE Sensation:

„Du willst wohl direkt in den Knast?“

„Von der Sowjetunion lernen, heißt: Siegen lernen! – Und nun?“

Dein Konterfei stärkte mir und vielen anderen den Rücken.

Was kam, wissen wir, die wir dabei waren – ob nun im Hinterzimmer der Pastorenwohnung in Schwante oder „hinter der Gardine“ montags abends – in fast jeder Kleinstadt, ab dem 7.Oktober 89.

„ADN hör off zu penn‘!“

„Schnitzler in den Tagebau! Erich och und seine Frau!“

4.11. Alexanderplatz. Höhepunkt des Perestroika-Traums.

9.11. Schabowskis Versehen…

Bis dahin warst du der verehrte Macher.

Dann zogen sie dich über den Tisch.

2. Die Kehrseite der Medaille

Die West-Alliierten bekamen einen ehrenvollen Abzug aus Deutschland.

Die Sowjetarmee reiste so armselig ab, wie sie einst gekommen war.

Obwohl unstrittig SIE die Hauptlast des letzten Weltkrieges hatte tragen müssen.

(Und Jelzin versaute ihr das letzte Bisschen Restwürde noch durch seinen Suff. Du warst da schon weg vom Fenster. Er war ein Held für 5 Minuten damals während des Putsches 1991; aber er war als Staatsmann peinlicher als Wilhelm II., Clinton und Trump zusammen.)

„Ihr Russen wart so brutal 1945! Die Amerikaner warfen nur mit Kaugummi!“

Niemand kontextualisierte den plötzlich wieder aktuellen Leidensweg der „Anonyma“ Sommer 1945 in Berlin und „Nemmersdorf“ mit dem Vormarsch 41/42 im „Untermenschenland“ und dem „Rückzug“ per „verbrannter Erde“. Außer dem ORB, der gut gestartet war, aber zum lausigen RBB verkam.

„Keine Osterweiterung der Nato über die Oder.“

Das sagte Genscher und alle ARD-Kommentatoren papageiten es nach. Dem Spruch entging niemand, der nicht im Koma lag! Der stand damals in allen wichtigen Zeitungen. Der Eiertanz heute ist bemerkenswert, wenn jemand daran erinnert.

„Kein schriftlicher Vertrag. Also keine bindende Relevanz. Ätschewobätsche!“

Zuhause bei euch wirkte sich die Glasnostch negativ aus: Zwar konnte sich nun ab 1985 jeder medial freischimpfen. Aber neue Ideen entstanden nicht. Und wer schimpft, der befreit sich auch von dem Druck, den Mangel wenigstens noch einigermaßen bemänteln zu helfen. Unter Tschernenko wurden Kaufhallen anweisungsgemäß noch mit Restware befüllt.

Nun zeigten sich die Regale nackt – und niemand war dafür verantwortlich.

Wie immer, wenn eine Autokratie zusammenbricht, zeigt alles auf den ganz oben, der den Laden „nicht mehr im Griff hat“, oder der gar gerade verstorben ist, so dass sich Aufarbeitung erübrigt: Plötzlich sind IMMER ALLE Widerstandskämpfer gewesen.

In Russland träumt die russische Seele viel. Im weiten Land ist jeder sein eigener Robinson. Da sind Idyllen schnell erfunden. Supergute Romanhelden. Und Rezepte für die Welt:  Von Lew Tolstoj, Bulgakow, Aitmatow, Kim, Tendrjakow, Wassiliew….

Du träumtest von obsiegender Vernunft.

Die staatlichen Leiter der sibirischen Bergwerke und Ölraffinerien träumten nicht. Sie machten: Maximalprofit. Garantiert steuerfrei; in Zeiten des „Freien Marktes“. Ihre Konten platzten. Ihre Arbeiter streikten – für Seife nach der Schicht! Wir sahen’s in der Tagesschau und im Weltspiegel:

Der „Sowjetmensch“ verdreckt – auf dem Nullpunkt! Und du -so hilflos- unter ihnen.

Du reistest durchs Land wie ein zweiter Chrustschow und versuchtest Engagement „für alle“ herbeizureden. Aber es erging dir wie ihm: Viel Grinsen. Ein bissel andressierter Beifall. Geballte Fäuste in der Tasche und – nastarowje hinterher. Resignation. Denn sie hatten die Not – und du nur salbungsvolle Worte.

Die SU begann sich aufzulösen: Du standest vor einem Rätsel. DAS hattest du gar nicht auf dem Schirm! Zu weltfremd war die Parteischule. Zu befangen der Blick des Funktionärs unter Pflicht-Lächlern und Funktionären.

Schließlich gabst du dem Drängen des „Apparates“ nach und ließest Panzer rollen in Litauen. Das erste Blutvergießen der neuen Ära.

Aber die Menschenkette durchs Baltikum erzeugte DIE Bilder, die es braucht, um die Weltöffentlichkeit Anteil nehmen zu lassen: Das Baltikum musstest du ziehen lassen.

Die alten Kräfte wollten nun schnell den Deckel auf dem Pfeifkessel wieder festschrauben. Nun, da etwas Unmut ja entwichen war. Also Putschversuch gegen dich, den Modernisierer. – Verpfuscht. Jelzins große Stunde!

Aus für die KPdSU. Aus für dich. Schluss mit der UdSSR. Die GUS als Rohrkrepierer.

Trotzdem sonnte sich Jelzin in jahrelanger Selbstüberschätzung.

Wie ein idiotischer Sitzenbleiber hatte er nur eine Phrase aufgeschnappt und beherzigt: Der Markt wird’s richten.

Also ließ er „die freien Kräfte“ walten. Die Mafia. Die Oligarchenarmeen. Die kriminellen Kleinganoven. Ein stolzes Volk verkam noch mehr als in der Stagnation zuvor. Vielen erschienen nun die Andropow/Tschernenko-Intermezzi 1982-85 wie „gute alte Zeit“.

Die schlimmen 90er – die Jahre der Oligarchenkriege. Und du als privilegierter Rentner ohne Bedeutung! Voller Selbstzweifel. Immermalwieder „im Westen“ zum Durchatmen. Dann immer TV. In Deutschland bliebst du Held. Die „Goldene Henne“ für dich. Wie auch für Genscher. Jeder Bericht über derartige Ehrungen in der Presse zu Hause ein weiterer Sargnagel: Deine Privilegien – ihr Elend.

Rette sich, wer kann – aus dem Jelzin-Chaos! Das Baltikum ist frei! Das Filet-Stück des alten Großreiches ist weg! Die Region der spärlichen Konsumgüterproduktion.

Dominoeffekt: Nun wollten Kasachstan, Aserbaidschan, Kirgisien usw. ebenfalls weg.

Das waren die asiatischen Kolonien aus der Zarenzeit. Problem: Dort stand die Raumfahrtzentrale. Dort waren die nuklearen Testgelände.

Baltikum und Asien – das waren „fremde Völker“, die sich benachteiligt fühlen konnten, die eigene Identitäten im Verborgenen bewahrt hatten.

Aber schließlich Weißrussland, Ukraine, Georgien? Russische Erde?! Die Schlachtfelder des „Großen Vaterländischen Krieges“? Was ritt DIE – gehen zu wollen? Jelzin vs. volle Schaufenster im nun möglichen Westfernsehen.

Nationalismus? Weißrussen und Kleinrussen sind keine Russen(mehr)? Eine dürftige Tünche, die erst noch zusammengeklittert werden musste.

Der Kalte Krieg war zu Ende. Der Weltfrieden brach nicht aus.

Der Kampf um die Konkursmasse der Supermacht hatte begonnen.

Wem gehört ihr nukleares Knowhow? Wird kontrollierbar bleiben, wohin die Fachkräfte verschwinden, die plötzlich niemand mehr bezahlte?

Der STERN titelte 1992. „Die Bombe für die Ayatollahs?“. Neue Ängste gingen um. Panzerrohre alter T52 wurden zersägt, aber neue Rüstungsdeals vorbereitet. Osteuropa kaufte nun Westwaffen.

Die „Kornkammer Russlands“ manövrierte sich mehr und mehr zwischen alle Stühle.

In Korruptionssümpfen verfangen konnten die Machthaber ihrem Wahlvolk nichts anderes bieten als „den großen Traum“: Ewroppa! Das Gebilde, aus dem unsere Videokassetten kommen! Das Land von Modern Talking! Dahin wollen wir!

Wie das gehen soll, ohne Oligarchen zu erschießen, blieb unklar. Umso lauter die Absichtserklärungen! Im Märchen hilft ja wünschen auch!

2014 verlief erschreckend. 2022 wurde schlimmer.

Vernunft – ist bis auf weiteres auf der Flucht.

3. Der Abgesang

Neulich hatte ich dein erstes Buch noch einmal in der Hand „Umgestaltung und neues Denken…“. Ich las die ersten Seiten. Aber ich konnte das nicht mehr ertragen. 1986 war das „Manna“. 2022 nur noch lieb gemeinter Staatsbürgerkunde-Lehrbuchduktus, der fälschlicherweise davon ausgeht: Der Mensch sei gut. Er werde nicht gefährden, worauf er angewiesen ist. 1986 wollten wir das glauben. Lieber als das „weiter wie bisher“ unserer Betonköpfe. Wir wussten es – wie du – nicht besser. Wir träumten wie die grüblerischen Russen zuvor, vom perfekten, gerechten Staat. Geführt von allseitig geschulten, intelligenten Anführern, quasi „Guten Königen“ mit Parteiabzeichen. Wir waren ja nirgends und kannten nichts.

Als die Mauer fiel, trat ein, was City 20 Jahre später so besangen:

„Wir kamen mit Freuden auf eure Seite!
Ihr machtet den Deal – wir machten Pleite!“

Wir lernten inzwischen:

It’s the economy, stupid!

Die Masse allerdings braucht eine andere Möhre vor dem Maul, damit sie trabt.

So war es immer.

Manchmal galoppiert der Größenwahn der Wirtschaftsoligarchie jedoch derart, dass sie glauben, auch diese Möhre noch einsparen zu können. Und dieser Punkt scheint mir derzeit erreicht.

Wir werden sehen, wie das ausgeht. Wir werden es durchleiden müssen.

Gorbatschow

Du nicht mehr. Du hast nun Ruh in der ewigen Erde.

Dein Buch auch – in der blauen Tonne.

Mach dir nichts draus. Warst ein Guter. Wolltest retten.

Gäbe es einen Gott, so hätte er dir die letzten 10 Jahre mit Sicherheit erspart. Es muss eine Qual gewesen sein.

Schlaf gut, alter Träumer.

Kretschmer vs. Lanz

Diplomatischer Pragmatiker vs. Einfaches Weltbild

Kräfteverhältnis 1:3

Unfair schon in der Ausgangslage.

ÖRR.

Dieser Tage.

Tja.

Die Hinrichtung des Michael Kretschmer…

… ist nicht gelungen.

Gestern abend im ZDF: Lanz in seiner bewährten Pose des interessierten Strebers und zwei westdeutsche Damen, (Typ: verbiesterte, ältliche Lehrerin), stierten missbilligend auf den missratenen Schüler in ihrer Mitte herab und versuchten alles, ihm irgendeine Floskel zu entlocken, die man zum Anlass hätte nehmen können, ihm den finalen Strick zu drehen, um ihn der Schule zu verweisen.

Da das nicht gelang, müssen heute noch ein paar Blondinen mehr antreten und in der Nachbereitung die Sendung so verdrehen, dass der Inquisitionsvorgang nun doch noch so aussieht, als hätte Lanz gewonnen.

Kretschmer hielt Maß. Er hielt durch. Er sagte ca 45mal dasselbe. Spürte die ausgelegten Schlingen manchmal gerade noch so. Stresstest total.  Es wurden ihm immer wieder die Worte im Munde verdreht.

Er sollte doch als der kleine, falsche Putin-Lakai hingestellt werden, so wollten es die – ähem – von der anderen Seite.

Lanz glaubte das Totschlagsargument schlechthin zu haben, als er sagte:

„Sie verpulvern 11 000 Euro, um für so ein (nutzloses) Gespräch nach Moskau zu fliegen?“

Kretschmer. „Was hat 11 ooo gekostet?! Wofür wurden die aufgewendet?!“

(Um Putin in den Arsch zu kriechen – stand im Raum.)

Lanz: „Das hab ich jetzt dezidiert nicht auf dem Schirm. Aber:-“

Kretschmer: „DAS ist Populismus, was sie machen.“ (Die Damen jaulen auf und springen Lanz bei.) Kretschmer erkämpft sich das Wort. Man will seine Richtigstellung aber gar nicht hören. Unisono wird er von drei Seiten angefaucht. Trotzdem kommt zu Tage:

„Wir waren da, haben Putin getroffen, aber auch all die NGO Vertreter, die dort einen schweren Stand haben und Rückendeckung brauchten. Wir haben veranlasst, dass Navalny medizinische Hilfe bekommt… DAS hat 11 000 gekostet.“

Da schwieg dann der Chefankläger ein paar Sekündchen und überließ seinen Scherginnen das Feld, die prompt wieder von vorn anfingen.

Und so ging das eine gute Stunde.

Und heute nun diese alles verdrehende Medienkritik, die dem westdeutschen Leser sein antrainiertes Russlandbild wienert, die westdeutsche Friedenserziehung der 80er und 90er Jahre ungeschehen machen will und Kretschmer wie eine verwirrte Witzfigur dastehen lässt.

Fakten-Check:

Kretschmer ist durch seine unzähligen Aug-in-Aug Wählergespräche im letzten Sachsenwahlkampf DER regierende Politiker in ganz Deutschland mit dem meisten Kontakt zum Volk. Nicht nur zu ausgewählten Speichelleckern für‘s Pressefoto. Remember Chemnitz und den angeschlossenen Presse-Gau von damals! Er hat auch den Kontakt zu den Pöblern und CDU-Feinden nicht gescheut, zugehört und gekämpft. – Und verdient die Landtagswahlen gewonnen.

Lanz (und mutmaßlich die Presse in den nächsten Tagen) werden ihn weiter diskreditieren.

Sie beschädigen den letzten Demokraten in Sachsen, der noch in der Lage ist, Wahlen zu gewinnen.

Die SPD ist in Sachsen das Abziehbild der bayrischen. Die Grünen sind quasi nicht vorhanden.

Wenn in 2 Jahren die AfD in Sachsen gewinnen sollte – dann Danke Markus!

Du Demokratiebastion.

Hoffentlich haben dieses miese Tribunal viele Ossis gesehen, die noch DDR erlebt haben.

Lanz: „Sie waren 14 Jahre alt, als die Mauer fiel. Joachim Gauck saß hier vor ein paar Wochen auf diesem Stuhl und sagte mir:  Viele jüngere Ostdeutsche haben einen Erinnerungsabriss, was Russland betrifft.“

Kretschmer: „Und was wollen Sie jetzt damit sagen?“

Jaul-Kleff-kleff kam es wieder von allen Seiten.

Die Antwort blieb Lanz schuldig.

Es stand 3 gegen einen. Kretschmer kam blessiert davon. Viel Feind, viel Ehr.

Flashback 1978/79:

Direktor: „Sie wollen also nicht 25 Jahre zur NVA?“

Schüler: „Nein. Ich möchte studieren.“

FDJ-Sekretär der Schule (= junger Sport/Geographielehrer): „Du willst also nichts für den Schutz des Sozialismus tun?“

Schüler: „Na ich hab mich doch schon zu 3 Jahren NVA überreden lassen.“

FDJ Sekretär (augenverleiernd): „Überreden?! Da hört mans ja! Was hast du in Staatsbürgerkunde?“

Schüler: „1“

Direktor und FDJ-Sekretär wechseln einen schnellen Blick: „Na! Da müssen wir – ähm – uns aber sehr wundern. Mal sehen, ob das bis zu den Zeugnissen so bleibt.“

Schüler: „Kann ich jetzt gehen?“

Direktor: „Halten wir fest: Der Schüler Ch.K. lehnt es ab, für seine Heimat und unsere sozialistischen Errungenschaften einzustehen, obwohl er alle Voraussetzungen mitbringt, ein guter Offizier unserer Streitkräfte zu werden.“

Schüler: „Ich bin ja ooch für’n Sozialismus. Ich geh doch schon für 3 Jahre-“

Und das gefühlt monatlich. Immer und immer wieder. Die Klassenstandpunktfolter der DDR.

Mein Kumpel aus EOS-Zeiten hat das durch. Mal in unser aller Beisein, mal im 6 oder 8 Augen Gespräch im Sekretariat der Schule. Offizier wurde er nicht.

Kretschmer ging auch nicht unter.

(Klar, er hätte westdeutsch abgebrühter erst die Kläfferei abwarten können: „War das ne rhetorische Frage oder wollen Sie eine Antwort? Darf ich zwei Sätze am Stück sprechen? Wollen Sie meine Antwort überhaupt hören?“

Oder „Sie hören sich gern reden. Wo wollen Sie mit dem Redeschwall jetzt eigentlich hin? Welche ihrer vielen Fragenansätze soll ich denn nun beantworten?“

Das wär cooler gewesen. Aber wir Ossis neigen halt zum Affektsprech. Unser Fehler. Leider.)

Lanz war gestern der Direktor. Die beiden -ähem- Damen teilten sich die Rolle von Klassenlehrerin und FDJ-Sekretärin.

Das Deja vu war perfekt.

Die DDR ist wieder da. 2022. Im ZDF. Im ÖRR.

Mir graust!

Über allen Gipfeln – Heyse mal wieder…

Zweiter Versuch. (inclusive nochmal überarbeitetem Nietzsche-Kasten)

Ein neuer Zeitgeist tut sich hervor – mit einem unbegrenzten Hang zum Schwachsinn.

Bier kaltstellen. An den Rand setzen. Zuschauen. Schnauze halten!

(Schreib wieder für die Schublade. Deinen Politfrust braucht kein Schwein!)

Ich habe „Über allen Gipfeln“ gelesen. Heyse 1895. Und es wühlt mich auf.

Bier holen, eingießen. An den Rand setzen. Zuschauen. Schnauze halten!

Heyse im Alter von 65 Jahren schreibt an – gegen einen immer kränker werdenden Zeitgeist.

Es bringt zwar nichts, weil auch damals schon galt: Alter Mann, was willst du noch? Deine Zeit ist um!

Aber er setzte immerhin ein Zeichen, das spätere Geschlechter finden können, wenn sie ein bissel suchen. Denn die wahren Helden kommen auch in der Literaturgeschichte immer zu kurz.

Was ist da von ihm übrig? „L’Arrabiata“, die eh „La Rabiata“ heißen müsste. Abwink.

Das lehrt mich:

Bier trinken. Am Rand sitzen. Zuschauen. Schnauze halten!

Und siehe: Der alte Mann lag 1895 weiiit richtiger als all die Youngsters – bound for Massengrab.

Heute läuft eine ganz ähnliche intellektuelle Sklerose auf Hochtouren.

Wer bis gestern noch einfache Antworten auf schwierige Fragen gesellschaftlicher Entwicklung hatte, galt als Nazi.

Heute bellen dich auf allen Kanälen lauter Simplicissima an mit ihren Aldi-Argumenten zur Frontlage! Was’n da los? Hab ich’n Regime-Chance verpasst?

Bier trinken. Am Rand sitzen. Zuschauen. Schnauze halten!

Stellt man sich Heyses „Gipfel“-Roman, rezensiert man automatisch zwei Bücher. Nämlich auch Friedrich Nietzsches Durchbruchsbroschürchen „Jenseits von Gut und Böse“ von 1886.

Man muss also ausholen.

Nietzsche hatte zwei oder drei Bücher veröffentlicht, ohne dass dieses Faktum irgendwelche Wellen schlug. Dann schrieb er „Jenseits von Gut und Böse“ als „Glossar zum „Zarathustra“ und DIESES Werk schlug ein. Nun endlich war er Star; aber er hatte nichts mehr davon. 1889 setzte die totale Umnachtung ein. Seine plötzliche geistige Umnachtung wurde früher mit Gehirnzersetzungsprozessen in Folge von Syphilis erklärt; heute gibt es verschiedendliche andere Ansätze für Erklärungen. Bis 1894 edierten zwei Nachlaßverwalter die nachgelassenen Schriften quellentreu, dann trat Nietzsches Schwester (zurückgekehrt aus Paraguay) in Aktion, ließ die bereits gedruckte Auflage einstampfen und gründete das Nietzsche-Archiv unter ihrer Federführung.

Von diesem Zeitpunkt an datieren die Verfälschungen.

Verheiratet war sie mit einem unstrittigen Antisemiten, der für die damalige Zeit typisch obendrein Siedlerträume  a la Kulturbringer hegte und nach Paraguay auswanderte, um dort an den Vorstellungen eines idealen Staates wirken zu können. Was jedoch folgte, waren alsbaldige Desillusionierung und Suizid. Aber sein Einfluß wirkte in ihr weiter. Inwieweit „Wille zur Macht“ und „Blonde Bestie“ wirklich aus der Feder von Nietzsche selbst stammten oder aber hinzugefügte Puzzleteile „von anderer Hand“ sind, wird seit 1945 endlos erforscht, mit immer mal wieder anderen Ergebnis-Nuancen. Somit entstand bisher kein umfassend neues „repariertes“ Nietzscheverständnis; wohl aber eine hochinteressante Ausstellung im Naumburger Nietzsche-Haus.

1886 war das Bändchen jedenfalls sowas, wie eine literarische Sprengladung: Kurz und bündig, in berauschender Sprache abgefasst – und alles über Bord werfend, was bisher galt.

„Umwertung aller Werte“; der Mächtige stehe „jenseits von Gut und Böse“, denn es gäbe nur „Erfolg und Misserfolg“; „Macht oder Ohnmacht“. Das Mittelalter „lebte und regierte danach“ und „befand sich wohl“, denn „das Reich wuchs“.

Diese Lehre einer jugendlichen Schickeria in einem erfolgreichen Kaiserreich ins Maul gelegt, die barmte, dass sie keine Chance zu echten Erfolgen habe, da die Zeiten zu müd’ seien und der „Säbel in der Scheide roste“, trug ganz entscheidend dazu bei, Gewissen abzuschaffen, einzuschläfern, kompliziertes Denken zu verhöhnen; kurz: Daran zu arbeiten, dass „die letzte Schicksalsschlacht“ bald kommen möge, um manch‘ ungediente Uniform mit Orden zu schmücken.

Da all diese „mutigen Gedanken“ von einem Professor stammten, waren sie comme il faut. Jeder spießbürgerliche Gehrockträger wollte nun „markig“ erscheinen und führte fortan Nietzsche-Schlagsätze im Munde.

Halb- oder gar nicht verstandener Nietzsche wurde zur Intellektuellenpandemie.

Heyse sah es kopfschüttelnd mit an.

Als es ihm reichte, schrieb er „Über allen Gipfeln“. Einen Anti-Nietzsche-Roman, indem unter anderem ein Professor in der Bahn eben jene oben genannte Broschüre liest, sie erschöpft und kopfschüttelnd beiseite packt und gegenüber dem mitreisenden, jungen Diplomaten vernichtend darüber urteilt. Der Diplomat jedoch, jüngerer Bauart; sieht nur den alten Mann, der die Zeit nicht mehr versteht, die „genau diese“ Gedanken jetzt nötig hat.

Heyse will veranschaulichen, zu welchen Konsequenzen diese Haltung „jenseits von Gut und Böse zu stehen“, führt. Er braucht also eine Figur, die anfangs gute Ansätze hatte, sich aber im Sumpf der Zeit verläuft, sich im Sinne von Nietzsches(Schwester-)Lehre aufführt, um anschließend „durch Liebe geläutert“ anständig auf der Lebensbahn voranzuschreiten.

Diese Figur im Plot ist Erk von Friesen. Verarmter Adel aus Thüringen, der überraschend reich erbt und nun aufsteigen kann. Er wird preußischer Legationsrat und Weltreisender und kehrt nach 7 Jahren Abwesenheit in seine Geburtsstadt Blendheim zurück.

Im Blendheimer Fürstenschloss wohnt seit ebenfalls 7 Jahren Lena Valentin; eine weitere Heyse-Fee, wie sie durch alle seine Schriften geistern. Von Friesen hatte sie vor seiner Reise kennengelernt, allerdings fehlten ihm damals noch Erbschaft und Karriere, weshalb er sich nicht erklären durfte, da er keine Frau hätte ernähren können. Nun aber, nach 7 Jahren, hoffte er auf ein Happyend. Allerdings finden weder er noch sie zur rechten Zeit das rechte Wort.

Erschwerend kommt hinzu, dass in den besagten 7 Jahren ein Dr. Steinbach sich ebenfalls mehr und mehr in den Gedanken hineingewöhnt hatte, diese Malerin ehelichen zu wollen, da sie so bereitwillig die Illustrationen für sein botanisches Sachbuch übernommen hatte. Er ist ganz der bescheiden-biedere, kleinbürgerliche Angestellte des Fürsten, der die Parks und Gewächshäuser betreut.

Wie sich zeigt, ein verlässlicher, anständiger Bewerber.

Friesen ist sauer über seine eigene Tollpatschigkeit, die die schönsten Situationen vergehen lässt, ohne zum Zuge zu kommen. Schließlich resigniert er, redet sich die Lage aber zu seinen Gunsten schön und beschließt nun Sidonie, die uninteressante Tochter des Ministerpräsidenten zu ehelichen, um diesen später beerben zu können, und somit die heimliche Nr.1 im Ländchen sein zu können.

Der Fürst verbringt seine Zeit mit astronomischen Studien statt mit Regierungsgeschäften. Seine junge exotische Frau langweilt sich zu Tode.

Somit agiert Friesens Schwiegervater in spé wie Schillers Präsident in „Kabale und Liebe“, dem der eigene Sohn nicht zu schade war für eine Mätresse seines Fürsten.

„Heirate mein Kind und schwängere die Fürstin. Der Fürst selber ist zu krank dafür. Gebärt sie einen Erben, ist die Dynastie gerettet.“ Friesen nun also – jenseits von gut und böse – auf dem Nietzsche Weg: Gewissenlos und schnell nach oben.

Nicht nur in dieser Episode kommt einem der 65jährige Heyse wie der junge Schiller vor.

Er, der ein Leben lang Protegé zweier bayrischer Könige war, hatte im Alter vergnatzt alle Stipendien, Leibrenten und Ehrenposten sausen lassen, als eines seiner eigenen Protegés im höfischen Intrigenstrudel unterging. Saturiert für diesen Schritt war er ja nun. Er kannte also den Münchner Hof in- und auswendig und kotzt sich regelrecht frei: Unmoral. Wohlstandsverwahrlosung. Weltfremder wissenschaftlicher Dillettantismus. Abgehobenheit. Keinerlei Kontakt zum Volk – da oben „über allen Gipfeln“.

Das ist doch ach so aktuell, wie nur was! Ich könnte da Vergleiche ziehen… –

Bier holen, eingießen. An den Rand setzen. Zuschauen. Schnauze halten!

Friesen ist drauf und dran, die Fürstin „klarzumachen“, als beide ertappt werden.

Der Nietzsche-Ikarus stürzt ab. Sein Plan A kann nichts mehr werden. Nun kommt Plan B; doch noch irgendwie bei Lena zu landen.

Heyse hat da über 200 Seiten etwas sehr spannend eingefädelt, was nun im letzten Drittel immer schlechter erzählt, schnell zu Ende gebracht wird: Ein bissel hin und her, aber Friesen kriegt Lena und sein Freund Wolfhardt kriegt Lenas Freundin Babsi. Ein Schluss wie für eine 30er-Jahre-UFA-Komödie erdacht. Enttäuschend.

Besonders mies, wie Dr. Steinbach aus dem Weg geräumt wird. Übelste Kolportage. Das passt zu Robert Kraft oder in Karl Mays Münchmeyer Romanketten, aber nicht in einen „Heyse“!

Der schnell über das Knie gebrochene Wohlfühlschluss erinnert an einen ähnlich enttäuschenden Ausgang des sehr viel besseren späteren Romans „gegen den Strom“.

Heyse schien auch hier die lange Form nicht durchzuhalten. Gelangweilt von der Grundidee? Oder frustriert, weil ihm Klarheit über die Hoffnungslosigkeit seines Tuns einkam?

Man weiß es nicht.

Erk von Friesen will nun treuer Ehemann und „ehrlicher“ Diplomat in preußischen Diensten sein. Kein spätabsolutistischer Ministerpräsident in thüringischem Zaunkönigreich. Kein Schwängern von Vorgesetzten-Frauen. Ein geläuterter Anstandsapostel. Das erfüllte Liebesleben machts möglich. So die Message.

Mich erinnerts an die Motivationssaga für frustrierte Streetworker in den 90ern, die die Skinheads in jenen Baseballschlägerjahren in Schach halten sollten.

„Wenn der Skin sich in eine Russlanddeutsche aus Kasachstan verliebt, isses aus mit der Hitlerei.“

Im Einzelfall ist das sicher richtig. Massenvermählungen von Skins mit Nastjenkas sind jedoch nicht überliefert.

Ich hadere mit fast allen Charakteren des Büchleins.

Erk ist kein Sympathieträger. Ein Windhund. Ein arroganter Sack. Man gönnt ihm halt die Lena nicht.

Andererseits ist Lena ein Eisberg. Da ist keine knisternde Leidenschaft im Werk, wie das Heyse doch unzählige Male hinbekam! In „Vroni“, im „Marienkind“, in „Gute Kameraden“ oder erst Frau von Rittberg in „gegen den Strom“! Dagegen bleibt Lena „nur ne Leinwand, schade dass ich das sagen muss“, um mal „Uns‘ Udo“ einfließen zu lassen.

Dr. Steinbach und Sidonie, die Tochter des Ministerpräsidenten, können einem leidtun. Heyse müht sich -irgendwie ungekonnt-, sie lächerlich wirken zu lassen. Sie werden um ihre Hoffnungen geprellt und im Gerede der anderen Figuren kleingemacht, verhöhnt, abgewatscht – aber da ist eigentlich nichts, was wirklich als Minuspunkt zählen würde. Wunderschön beschrieben, wie Sidonie beseelt singt, als sie von Friesen am Klavier begleitet wird, weil sie glaubt, das sei es jetzt: Endlich einer, der mich mag! Morgen wird er sich erklären! Die Verlobung kann kommen! Und dann – nichts! Eine plautzige Äußerung von Lenas Freundin Babsi reißt sie wenig später aus allen Wolken. Das fällt eher negativ auf die Verhöhner zurück und das sind ausgerechnet die, die die positiven Figuren darstellen sollen.

Dem Roman fehlen glutvolle Identifikationsfiguren, wie sie „himmlische/irdische Liebe“ und „Grafenschloss“ zum Beispiel in den Jahren zuvor hatten und wie sie die „Erschaffung der Venus“ einige Jahre später wiederum haben wird.

Ein großes Unterfangen ging hier also nur teilweise auf.

Aber immerhin blieb hier ein Zeitzeichen erhalten, als ein alter Mann erfolglos gegen Zeitgeist anschrieb – und Recht behielt.

Bier holen. Einschenken. CD wechseln. Computer herunterfahren. Detox Day!

Inmitten all der Grabesruh‘

Früher war’s mal ein melancholischer Countrypop-Song.

2015 wurde er dramatischer intoniert. Es passte in die Zeit.

Wie kann man das toppen? Vielleicht mal ins Deutsche übertragen?

Ich hab’s versucht.

The Sound of silence

Original: Simon and Garfunkel

Coverversion: Disturbed (Wunderbares Video)

Dt.: Bludgeon

Gibt ja derzeit so allerhand Branchen, Berufsgruppen und Gründe, die die alte Hippie-Hymne aktuell halten.

Hallo Nachtlicht, guter Freund

Hab grad erneut von dir geträumt

Deine Vision herein mir weht

Bei Tageslicht jedoch dann stets vergeht

Und das Weltbild einst in meinen Kopf gepflanzt, schreit und tanzt,

Doch Grabesruh im Lande

Durch diesen Traum geh ich allein,

ich könnte kotzen, möchte schrein

doch stell ich nur den Mantelkragen auf

nehm alle Lasten dann erneut in kauf

plötzlich Neon-Licht, das blendet mir den Blick

schnell zurück

bleibt doch die Grabesruh im Lande

Und in dem nackten Licht, ich sah

10 000 Mann warn plötzlich da

Lauter Menschen ohne Zeitungen

Lauter Menschen ohne Meinungen

Schreiben Songs, deren Verse niemand hört

Und keiner stört

Die dumpfe Grabesruh im Lande

„Ihr Opfer steht passiv und steif

Derweil der Krebs hier um sich greift!

Hört mir zu, ich sag euch nun

Was ansteht oder wollt ihr ruhn!“

Doch meine Worte verhallen alle ungehört

Niemand stört

die Grabesruh im Lande

Und die Leute neigen‘s Haupt

Für jede Warnung stramm ertaubt

Und ihr Neon-Gott der strahlt allein

Ich aber schleich mich wieder heim

Und der Mond sagt:

„Die Ideale, du? Das sind doch Sprüche für die U-Bahnwand.“

Ich verstand:

Deshalb die Grabesruh im Lande.

15 Alben – 5 geachtete Geächtete

Bisweilen gab es unter Studenten unserer Jahrgänge den Wettbewerb: Wer findet die grauslichste Musik schön? Wer ist also intelligenter als der Rest, weil er „kompliziertere Strukturen goutiert“. (Feuilleton-Schwatz)

Den einen trieb es in den Krautrock, den andern zu Miles Davis und wieder andere trainierten sich die Oper an. Also – die richtige Klassik. Ich hab das alles versucht, sogar die genialen Dilettanten gemocht, im Postrock gewildert, mir „intellektuell“ den Blues erklären lassen – und am Ende hörste doch wieder Doowop, Las Vegas Elvis und „Rumours“.

Ich übertreibe. Aber die Tendenz stimmt.

Deine Ohren wissen selbst, was ihnen guttut.

Spaß macht allerdings, andere Leute ab und an zu verblüffen, weil man sich zu „entsetzlichen Werken“ oder Bands bekennt, nachdem man zunächst Gleichklang auf gehobener Ebene hergestellt hat:

„Waaaaas? Dein Ernst? So’n Mist findest du gut? Warum bloß?“

Dann erst gibt es die wirklich guten Gespräche, weil dann auch andere sich aus ihrer Deckung trauen.

„Ja, wenn du DAS zugibst, dann beichte ich dir auch, dass ich immer noch die „Marleen“ LP von der Rosenberg suche, Vinyl, und dafür sogar richtig Geld bezahlen würde, wenn ich rankäme.“

Schauen wir also im Folgenden mal in die „Schmuddel-Ecke“. Was genießt Bludgeon so an Musik, was Musikjournalisten und Pseudokennern so richtig die Fußnägel wellt:

Platz 5

Der Miles Davis Fail „Tutu“ von 1987.

„Huuuuu! Der Meister auf dem Weg in den Pop!“ – „Wer rettet jetzt das Angedenken an Bitches Brew? An Cooljazz? An Rockjazz?“ – „Die andere Heroen aus der Ecke hauen ja auch alle ein Mistalbum nach dem andern raus!“ – „Mit diesem Album manifestiert sich: Das ist das Ende des Jazz!“ Und so weiter und so fort.

Ich bin ein Kind des Glamrock. Mit fast 18 erwischte mich der Punk noch – will sagen: Ich hasse Bläser! Vor allem Blechbläser! – Das Saxophon in „Bakerstreet“ oder in „Urgent“ geht gerade noch in Ordnung. Ich bin ja ein tolerantes Kerlchen. Eine Handvoll Chicago-Tracks und der eine oder andere Blood Sweat and Tears Song – von mir aus. Aber mehr darfs nicht sein! Trompeten und Posaunen nerven wie Hölle!

Und dann steh ich anfang 1988 in meinem Niederlausitz-Dorf-Plattenladen und kaufe „Tutu“!

Der Stapel lag da so. Unbeachtet zwischen Ladenhütern von Reform, Uschi Brüning und Horst-Krüger-Septett. Ich nahm die mit. Könnte eventuell später doch noch vertauscht werden. War ja ne Lizenzplatte.

Zu dem Zeitpunkt kannte ich den Titeltrack. Der hatte so ein Edgar-Wallace-Film-Feeling irgendwie:

Rumms: Blick auf die Skyline von London – diedummdummdiedeldummm schwebt die Kamera in eine enge Gasse – Rumms: Leiche Nr.1…diedummdummdiedeldum, ja, wer war’s denn bloß? … usw.

Und auf der LP geht das so weiter. 8 Stücke. Ein Flow. Das letzte heißt „Full Nelson“.

Da gibt es 1987 so einen angesagten Typen, der Prince Nelson heißt und die Welt gerade mit „Sign of times“ verblüfft hat. Und Jugendradio DT64, der mit Abstand beste Sender der Ehemaligen, brachte es an den Tag, dass da der schwarze Rock Star Nr.1 den schwarzen Jazz Star Nr.1 verehrt hat und ihm diese Komposition überließ. Jazz Star Nr.1 nahms als Herausforderung in dieser Art eine ganze LP zu fabrizieren. Rumms! Und er revanchierte sich und schickte Rock Star Nr. 1 auch ein paar Töne. Der erschuf daraufhin „Lovesexy“ – unter Zuhilfenahme der gestopften Davis-Trompete. Fantastische Symbiose in beiden Fällen!

Aber der Moderatorenspott war ihm seinerzeit sicher:

„Miles Davis im quietschbunten Prince-Kosmos! Ob der alte Mann inzwischen auch Spagat übt? Weiß man nicht!“

„Das ist eine Jazzplatte für Leute, die keinen Jazz mögen.“

Yepp. Für mich. – – – Is‘ voll aufgegangen die Rechnung.

(Naja. Understatement: Bissel Bigband Easy Listening Jazz und Fusion darf es schon sein, ab und an. Hab dann so Jazz-Tage, wo ich nur sowas höre.)

Was die schreibenden Aburteiler außer Acht ließen: Die Platte lockt Leute wie mich an! Was hat denn der sonst so gemacht?

Ich lernte 1987 „Bitches Brew“ kennen – und lieben. Für ne Weile. Lange hielt es nicht. Auf dem Dorf findest du da auch schwerlich Gesprächspartner.

Ich lernte, dass das ganze Mahavishnu Orchestra bei ihm spielte. Selbst Benson tauchte da‘69 mal auf! Was für eine beeindruckende Hexenküche. – Leider viel Trompete dabei.

Es blieb bei der „Tutu“. Aber die musste als CD später auch noch sein. Und während ich das hier schreibe, läuft sie bereits zum dritten Mal wieder – repeat-repeat-repeat…

Miles!

Davis!

Nächster Fall:

Ganz ähnlich Miles D. war sein Ex-Kollege aus alten „Bitches brew“-Tagen 1987 drauf.

Die Band von damals hatte ohne ihn weiter gemacht und viel Ruhm eingefahren: Das gepriesene, „musikalische Erleuchtung bringende“ Mahavishnu Orchestra! Es schob die Grenzen zwischen Rock und Jazz erfolgreich immer weiter. 1975 dann die Trennung. Drei von 5 machten erfolgreich Solokarriere, einer von ihnen -John Mahavishnu-, der sich nun wieder bieder John McLaughlin nannte.

John McLaughlin & the Mahavishnu Orchestra „Adventures in Radioland“ heißt die Platte, die da nun anno’87 auf dem Markt erschien und die gleich doppelt als Etikettenschwindel angesehen wurde.

  1. Außer McLaughlin ist keiner der alten Orchestra-Veteranen dabei;
  2. Die Musik klingt nicht mehr so wie vor’75, weil unter anderem die Geige fehlt und zu allem Übel ein zeittypisches electric-drum-kit zum Einsatz kommt.

Nun war das alte Mahavishnu Orchestra ein ganz besonderer Fall der Rockjazz Geschichte. Was für die einen der tonale Olymp frickeligen Improvisierens war, hörte sich für die andern an wie Katzen quälen.

Es war also nie jedermanns Sache, was unter dem Namen Mahavishnu da so in Rille gepresst worden war – und das war es 1987 eben auch nicht. Insofern stimmte die Namensgebung schon!

Auf DT Jugendradio gab es ein Sendeformat „Das besondere Album“. Dort wurde alle 14 Tage donnerstags nachts eine Westplatte der gehobenen Güteklasse gesendet und vor jeder LP Seite wurden die Titel und Hintergrundinformationen zur Platte gegeben.

Z.B. Joni Mitchell „Hejira“, Pat Metheny „First circle“, Lou Reed „New York“ und eben auch das Mahavishnu Orchestra „A.i.Radioland“.

Damals erzählte der Moderator sinngemäß das Folgende:

„Geliebt wird die Platte von der Jazz-Kritik nicht. Mir gefällt sie. Hier wird durchaus gelungen mit Zeiteinflüssen von heute gespielt. Die Titel sind…“

Und dann hieß auch noch einer der Tracks „the wall will fall“!

Nicht, dass ich das 1988 geglaubt hätte, aber dass die Musikredaktion frotzelte und mal wieder Zensur unterlief, war bereits Mode geworden und sorgte erfolgreich für Senderbindung.

Spontan grinsend drückte ich „Aufnahme“ und es entrollte sich ein Sound, der irgendwie Phil Collins und Depeche Mode minus Dave Gahan(weil niemand singt) dabei zeigt, wie man Doldingers „Das Boot“ Soundtrack und „Jan Hammers „Miami Vice Theme“ verrühren kann.

In Wirklichkeit hämmern hier Danny Gottlieb on drum, Jonas Hellborg on bass, Mitchell Forman on keyboards herum. Und der alte John McL. hält sich im Gegensatz zu früher erstaunlich zurück. Bill Evans kommt für einen Track noch mit dem Saxophon vorbei. Das war’s.

Ich liebe diese ungewöhnlichen Klänge, die nicht nerven und nicht langweilen. Eine Platte auf der man immerwieder eine neue Soundfinesse entdecken kann, die man nicht überkriegt.

Jimi Hendrix hätte vermutlich ähnlich gespielt, wenn er die 80er erlebt hätte.

Fall 3:

Da war diese Band, die es ewig gab, die es immer knapp verpasste, zu den ganz Großen aufzuschließen, deren LPs immer Moderatorenlob einfuhren, deren Gitarren-Soli-Verzahnung von vielen Berufsgitarristen für „unspielbar“ gehalten wurden, die trotzdem melodiös zu Werke gingen, die kluge Texte boten … von denen du aber nie jemals irgendwo einen Fan getroffen hast.

Die Rede ist von – Wishbone ash.

Und die Rede ist zudem von ihrem ersten richtigen Flop-Album, das zunächst zwar gelobhudelt wurde, wie alle Vorgänger, nachdem es aber noch mehr in den Verkaufszahlen einbrach als diese, bald schon als Beispielplatte genannt wurde, wenn die Punk-Behauptung von den „langweiligen alten Fürzen“ bewiesen werden sollte: „Front page news“.

Wishbone Ash waren über den großen Teich gegangen und zusätzlich noch ganz durch, durch das „gelobte Land“ nach Kalifornien und hatten dort ein Album eingespielt, das sich anhörte wie „the missing piece“ zwischen Fleetwood Mac „Rumours“ und Doobie Brothers „takin‘ it to the street“.

Damals spielte „Duett“ auf Berliner Rundfunk eine halbe Stunde einen LP-Querschnitt daraus, der mir auf Band geriet, zwischen einen ebensolchen von Bob Marleys „Babylon by Bus“ und Supertramps „Breakfest in America“ – die letzte Etappe des Penne-Soundtracks vor der Asche-Zeit (Manche nannten es „Ehrendienst“; Zynismus aus.) Funeral Anthems of a Youth. Take the long way home! – Who killed Bambi? – Like a Bat out of hell I’ll be gone-gone-gone…

Supertramp wurden derart abgedudelt, dass ich sie heute nicht mehr brauche. Vom Reggae bin ich auch weg. Was blieb, sind die Songs der „Front Page News“. Die CD, von mir ab 1993 gesucht, war so rar, dass es Jahre dauerte, sie zu ergattern.

Die Band schien alles wiederaufzulegen und zu remastern, nur DIE nicht! Die Entzugserscheinungen nahmen zu. Da war es dann noch ein letztes Mal, dieses Gänsehaut-Gefühl, als ich die CD endlich hatte und einlegte und das bekannte Intro erscholl, das mich irgendwie immer auf „Ringelrei’n“ bringt:

You made me feel good
After all this time,
Welcomed me home
With my name in lights,
Took me by the hand,
Shook away my fear,
Brought back the memory
Of those earlier years.

Yeaaaaaahr. Alles wird gut!

Da drehen sich dann wieder die Jupiter-Spulen im Geiste oben auf dem Bücherschrank und links und rechts hängen die beiden gleichgroßen Elvis-Poster wie Altarflügel. Das Physikbuch fliegt von Wand zu Wand, weil die Hausaufgaben schon wieder nicht aufgehen… damals DAS ELEND … heute HERRLICHE ERRINNERUNG!

Fall 2

Es gibt in Musikzeitschriften ab und an diese „Polls“. Beste Progrockalben aller Zeiten; Einkaufszettel zu Band X (Was muss/kann/darf ins Regal – und was nicht…)

Und wenn es um Yes geht, dann glaubt man zu wissen, was als „übelster Ausschuss“ unweigerlich abgewatscht werden wird. – Verblüfft war ich in den 90ern, bei Erstkontakt mit derlei Bringer vs. Nieten-Album-Listing, dass die „Tales from Topographic Ocean“ bestenfalls als „durchwachsen“ oder „umstritten“ oder gleich als „Lusche“ der Frühphase abqualifiziert wurde.

„…hat Längen…“, „wäre als LP ganz gut gewesen, als Doppelalbum ist das nichts…“, „Andersons Größenwahn erschuf das jämmerliche Tales-Doppelalbum…“, „…keine Gruppendynamik, nur Gedudel…“, „Wakeman weiß auch nicht, was die Botschaft ist“  usw.

Ich hatte es gerade (1994 herum) erworben, das Yes-Sehnsuchtsalbum des Ostens; weil ich es seit Mauerzeiten mochte – und zwar sehr! – Und nun dieser Quatsch im „Eclipsed“, in der „Rock“ oder in der „Good Times“ und das gefühlt alle 2 Jahre wieder.

Der Osten hatte viele Artrock-Fans. Wer eine Oma hatte, die in den Westen fuhr, der ließ sich Artrock(heute: Prog) Alben mitbringen. Nur gab es da das Problem, dass Rentner zwar reisen durften, aber ohne Devisen. Sie mussten sich „drühm“ also von der Verwandtschaft aushalten lassen bzw. von den 100.-DM Begrüßungsgeld das Plattengeld für den oder die Enkel abzwacken. Und da ja jeder in der Ostfamilie einen mehr oder weniger kleinen Wunsch hatte, wurde es eng. Und das bescherte mitunter falsche Mitbringsel. Denn für Oma war das immer nur „eine Schallplatte von diesen englischen Gammlern wünscht er sich“. Wunschzettel hin oder her.

Nichts desto trotz: Yes-, Genesis-, Floyd-LPs waren nach und nach einigermaßen reichlich in die Ehemalige gelangt, die Doppelalben fehlten – aus dem obigen Grund.

So kannten alle Proggies in meinem Umfeld also fast alles von Yes, bloß die „Tales“ nicht.

Als ich in der Niederlausitz saß, abgeschnitten von meinen Leipziger- und Naumburger Bezugsquellen und nur zweimal im Jahr nach Plauen kam, zwecks Musikdrogennachschub vom Flohmarkt dort, da trug es sich zu, dass mir als Kontakt ein Pärchen beschert wurde, welches ebenfalls Westvinyl besaß, dessen Großteil sich aber in zweifelhaftem Zustand befand. Die besaßen ein knisterndes, aber abspielbares Exemplar der „Tales“. Checkpott! Und sie besaßen Albert Hammonds LP von der „Free electric Band“ in besserem Zustand als die „Tales“.

Wenn du auf Entzug bist und der nächste Plauen-Termin ist noch weit, dann nimmst du alles, was du kriegen kannst, um es aufzunehmen: Hammond hatte ich bis dahin unter „unerheblich“ verbucht. Nun saß ich mit den geborgten Alben zu Hause, nahm die „Tales“ auf, kapierte die Texte nicht, las also derweil die Hammond Texte – und war bas erstaunt. Der tucke-tucke-train-Albert hat’s ja richtig drauf! „Smokey Factory Blues“! Hammer für unzufriedene Werktätige des Stagnationszeitalters! Genau auf die 12! Und vor allem „Rebecca“! Was für eine herrliche Darstellung eben gehabter erstmaliger Klassentreffen mit all den Scheidungserlebnissen der anderen und Seltsamwandlungen vom Punk zum Spießer. Vom Aschenputtel zum Star oder andersrum. Also musste auch davon eine Aufnahme ins Archiv!

Seither wenn die „Tales“ laufen, tritt der pawlowsche Reflex ein: Give it all up for music in a free electric Band! Irgendwie wurde Hammond der 6 Mann von Yes.

Und wenn das mal nicht der Fall ist, dann hakt sich die Songzeile vom „zerstörten Lied“ fest:

„What happened to this song – we once knew so well!“ = „Wer hat mein Lied so zerstört?“ Daliah Lavi. Das erzeugt die früh70er Wochenend-Nestwärme von daheim. „Schaubude“ gucken dürfen, „willst du mit mir gejn, Wind und Sterne verstehn“; „Butterfly, my Butterfly“; „How do you do, nana“ Carell, Ohnsorg-Theater… die Eltern teilen die Schokolade zu…vielleicht schaff‘ ich mit bissel betteln, aufbleiben zu dürfen, ob nach dem „Wort zum Sonntag“ noch ein Western kommt, oder „Godzilla“…

Die „Tales“ sind zu lang, zu hohl, zu sonstwas? Blödsinn! Keine Minute! Ein Sound-Angebot, das mit der eigenen Phantasie zu füllen ist! Wer keine hat, der kann nur pseudoakademisch mäkeln.

Bleibt noch die Nummer 1:

And the winner is – Philly-Sound!

Was gaaaaar nich‘ geht ist all die Philly-Gülle, die Vorstufe des Discomülls!

Unerhebliche Fließbandmugge von Gamble & Huff gecastete Typen. Hast du einen Song – hast du alle. Die LPs dieser Eintagsfliegen bestehen aus einem Hit und lauter schnell hingeschluderten Graupen. Nenne mir ein zweites brauchbares Lied von Shirley & Company, von Jigsaw, von George McCrae!

Jaja. Und doch liebe ich diesen Philly (Doppeldecker-)Sampler, den ich mal billig an der Tanke erstand.

Dirty ol’man, let’s clean up the ghetto, shaft, rock the boat, the hustle, everybody gonna disco stomp, … alles eingespielt mit großem Orchester, nix Billig-Samples! – Ich hab den fürs Auto umgestaltet und Claptons „swing low sweet chariot“ und „in for a penny“, „thanx for the Mem’ry“ von Slade sowie Bowie’s „Fame“ drunter gemixt; so klang „Musik nach der Schule“ auf HR2 und NDR2 wayback then, when Erich kisses Leonid.

…a Slade-Song a day keeps the doctor away…

In diesem Sinne:

Only the strong survive!

Chears!

15 Alben – 5 Verrisse

Musikalische Denkmäler anpinkeln, die in den eigenen Ohren einfach nicht zünden, macht richtig Spaß.

Natürlich mag im Folgenden manche Kritik überzogen sein, aber: Die folgenden 5e gefallen mir nu wirklich nicht(mehr) – und das hat Gründe.

Sea of tranquility hatte mal eine Sendung:

Bands that everone seems to love, but i don’t get it!

Die hat mir besonders gefallen, weil in all dem Promo-Gedöns der Jahrzehnte, dass „Band XY (angeblich) wieder ein epochales Meisterwerk veröffentlicht hat“, die anderen Stimmen, die das nicht so sehen, viel zu wenig auffielen. Und nun, im gereiften Alter, bist du eben auch bereit, über manche Begeisterung von einst den Kopf zu schütteln: Warum hab ich das mit 17 oder 25 gemocht? Wie naiv muss ich damals gewesen sein?

So. Welche 5e kriegen jetzt im Folgenden Dresche?

Fall Nr. 1:

„Deep Purple in Rock“

Entsetzlich. Ich bekam die kurz vor der Wende zum Aufnehmen geborgt – und verzichtete nach dem ersten Reinhören. Die Platte klang auffallend scheußlich „dünn“ im Sound. Auf die Entstehungszeit kann man das nicht schieben, denn ich hatte Hendrix, Who, Sabbath auf Band, die sich bedeutend kräftiger anhörten. Vorallem bei den Orgeleinsetzen hörte man auf der andern Box so eine Art Kratz-Echo oder Mitfitscheln, als wär’s nicht sauber ausgesteuert.purple

Ob inzwischen irgendwelche Remasterings daran was verbessert haben, weiß ich nicht. Mich hat das Werk nicht weiter interessiert, weil zusätzlich noch ein zweiter Schwachpunkt ins Ohr stach:

Wenn du „Child in time“ auf „Live in Japan“ kennengelernt hast, dann ist die Studiofassung nur noch – ÄCHZ! Was issn das für ein Schluss? Ist das deren Ernst? Dieses Abbrechen nach dem zweiten Schrei-Intervall, um dann wie einen Fremdkörper aus einem andern Song dieses Crescendo anzupappen. Da ist völlig der Flow futsch.

Und wenn dir „Child in time“ schon nicht gefällt, dann hat die Platte NICHTS, was sonst noch gehen würde. Kein memorabler Track nirgends.

Einer heißt „Halleluja“. Prompt denkst du an was Bedeutungsschwangeres a la Leonard Cohen, umrahmt von Bach-Fugen-Zitaten, die der Lord ja gekonnt hätte. Und was kriegste stattdessen: Nach dem ersten 3maligen Halleluja-Geleier wartest du unweigerlich auf die Les-Humphrey-Singers: Gleich kommt „Joshua fights the battle of Jericho-Jericho-Jericho“. (Jahre später kam mir dann noch die andere Assoziation ein, weil ich den Text verstand: Was singen die da? Einen Gildo Horn Text? Piep-piep-piep, wir ham uns alle lieb?! Halleluja!

„Speedking“, naja. Für Pubertierende mit „Fahr-Riemen“ ganz hübsch. Wenn dein Freizeitverhalten sich darin erschöpft mit dem Moped Stadtrunden zu schrubben, fühlst du dich eventuell verstanden. Aber in DIE Liga gehörte ich nie.

„In Rock“? In Garbadge!

Nebenbei eingestanden: Ich besitze 3 Deep Purple CDs, deren Kauf ich nicht bereue. Eine 4. wurde mir mal gebrannt spendiert. Also ich weiß durch aus, von denen was zu schätzen, aber die „In Rock“? Das ist der Vorläufer der auch ganz graußlichen „Stormbringer“.

Magst du weiterlesen? (Grins.)

Fall 2

Jethro Tull „Thick as a brick“

Hach, war das ein Hype damals’75. Ich war 15, als ich mit „Part 2“ in Berührung kam. So war das eben im Osten: Irgendwer hatte in einer Radiosendung eine halbe LP erwischt, in der Woche zuvor oder danach aber den anderen Teil verpasst – und trotzdem wurde nun das halbe Ding herumgereicht und kopiert und kopiert und kopiert.

tull1Eines Tages wollte nun ein Kumpel mit Hilfe meines Gerätes von geborgter Kassette jenen Part 2 auf seinem Gerät auf seine Kassette fabrizieren. Gesagt – getan. Wir starteten die Aufnahme – und dann ging das Gedudel los.

Ich kannte ein paar ihrer Radiohits. Die „Locomotive“ natürlich usw. Nun also die Übernummer, das Longwerk. Faust III. Finale Weisheiten in Rock garniert. Die Story des „Großwerkes“ war im Ost- und Westrundfunk oft genug erzählt worden. Wir hatten also bissel Hintergrundwissen – aber das erwies sich hier als störend. Es verhinderte, dass während des Hörens die eigene Phantasie andere Bilder produzierte als jene dürftige Zeitungsgeschichte. Hätte das Werk „On the Coast of Ireland“ -oder so- geheißen und statt Text so Oldfield-mäßig nur „Oooo-She-maaaa“ Vocalisen gehabt, wär’s musikalisch wahrscheinlich gegangen.

Aber die Story um jene Prämierung eines anspruchsvollen Gedichtes, das sich als Geschreibsel eines Grundschülers entpuppt, hatte nichts, was 15jährige besonders anhebt.

„Wie lange geht’n das?“

„17 Minuten.“

„Ach du lieber Gott! Fick dir ne Brück…“

Wir alberten noch ein bisschen weiter, denn spannend war das nicht, was da lief.

Christian wollte die Nummer unbedingt. Ich verzichtete.

Als Student hörte ich die Platte wieder. Bei einem andern Freund. Angespielt. Der hatte viele gute Yes-Platten. Also Abbruch.

„Mach was andres. Schade um die Zeit.“

Es mag sein, dass ich dem Werk Unrecht tue. Es mag hineinspielen, dass Mitte der 70er JEDER DEPP intus hatte: „Du musst nur Tull loben, dann darfste bei den Kennern mitreden.“ Das war mir zuviel Masse. Diese Tullerei ging mir auf den S… -enkel!

Deshalb brauchte ich nichts von denen.

Die „Stormwatch“ hatte ich mal gefühlte 3 Wochen auf Band. Aufgenommen und danach – na – vielleicht einmal angehört, aber sofort wieder gelöscht, als besseres reinkam. Und besser war ja fast alles. Mal abgesehen von BoneyM und Modern Talking. Ich kann einfach nicht mit Tull!

tull2Eventuell leg ich mir jetzt im Alter doch noch die „Heavy Horses“ zu. Die Idee dahinter gefällt mir sehr. Schade, dass es Tull sind, die auf sie kamen. Es gibt beim „Doktor und dem lieben Vieh“ eine Episode, wo Herriot zu so einem kranken Pferde-Elefanten gerufen wird und Helen mitnimmt, weil sie den Bauern aus Jugendzeiten kennt. Das Pferd ist das letzte seiner Art in der Region. Meinem Vater erging es ähnlich ende der 60er. Und ich fuhr mit auf Praxis.

Und der Anderson wollte die Gattung vor dem Aussterben bewahren. Was für eine sympathische Idee!

Aber niemand kaufte ihm Fohlen ab. Ein Trauerspiel. Die treuen, zuverlässigen Kumpels von einst…

dig

„Thick as a brick“ leitet nahtlos über zu weiteren Konzeptwerken, mit denen sich Bands musikalisch verhoben, trotzdem aber gefeiert wurden.

Platz 3 und 4

stammen von derselben Band, können hier also in einem Abwasch erledigt werden.

Es handelt sich um The Who.

Ihre Idee zur ersten „Rock-Oper“ vom mehrfach behinderten Tommy fand ich von Beginn an so überdreht, dass mich schon das kranke Konzept abstieß. Das wurde ja fleißig herumerzählt, bevor man Gelegenheit hatte, mit der Musik in Kontakt zu kommen.

„Kennste „Tommy“ von WHO? Geile Rockoper! Da geht’s umme Krüppel der blind is und reich wird…“

So in der Preislage.who1

„Pinball wizzard“ hatte ich zuvor schon in Elton John Version auf Kassette, weil um 75 herum der „Tommy-Film“ im Westen heftig beworben wurde. Am Ende des Filmausschnitts in „Kennen sie Kino“(ARD) zerdepperten die Who ihre Instrumente – das fühlte sich geil an – so lernte ich sie kennen. Die diffuse Wut der wilden Jahre muss raus!

Als ich die LP mal geborgt bekam, gefielen mir „I’m free“ und eben der „Pinball wizzard“. Das war‘s.

Das Markenzeichen der Who ist ihre rüde Ruppigkeit. Soweit ich ihr Schaffen kenne, waren die konsequenter als Motörhead: Sie kamen all die Jahre ganz ohne Balladen aus.

Ihre Songs sind eigentlich Testosteronüberschussverwertung auf wüsten Riffs und genialischem Schlagzeuggeballer, verbunden mit ironisch süßlichen Kinderlied-Refrains dazwischen, ab und an.

No Fee-a-lin‘! Aber das brachten dann doch erst die Pistols auf den Punkt.

Prima Mugge für angry young men, die sich ihrer drohenden Verspießerung bewusst werden:

„And the old Boss – is like the new boss – won’t get fooled again!“

Ich liebe die Who. Aber nicht ihre „Opern“.

„Quadrophenia“ nahm ich auf, ohne die Story zu kennen. Von Song zu Song auf der Hülle mitgelesen entschlüsselte sie sich auch nicht. Das hörte sich zunächst ganz beeindruckend an. Es fehlten aber so Hooks. Man lässt das über sich ergehen, wartend auf Höhepunkte, die nicht eintreten. Eigene Bilder vom nichtvollzogenen Amoklauf in Prora entstehen im Kopf. Nix – woran man täglich erinnert werden will.who2

Also löschte ich das Band, nicht so schnell wie die „Stormwatch“ – aber eben doch.

Dann kam Jahre später die Verfilmung ins Fernsehen. (Mit Sting.) Nun verstand ich die Story und fand sie gut. Finde ich heute noch! Aber es führte nicht dazu, mir die Musik wieder ins Haus zu holen. Wann würde ich die auflegen?

Ich feiere dann und wann die „Face Dances“, die ist mir die liebste. Und die hab ich in Edinburgh gekauft! Was für ein Urlaub! „The Who’s next“ ist toll. Der Rockpalastauftritt war’s auch. Die frühen Hits gab’s mal auf Amiga-Lizenz. Die hab ich buchstäblich durchsichtig gespielt. Deshalb sind sie mir heute zu abgelatscht. Aber irgendwie möchte doch jeder, der die Veranlagung leider nicht hat, mal ein Roger Daltrey sein, um seinem ihn ständig bevormundenden Widerpart eins in die Fresse zu hauen, wie das zwischen Daltrey und Townshend mehrfach passiert sein soll.

Freeeeee – me!

Und dem deutschen Fernsehen nehm ich schwer übel, dass sie für diese Rotzsendung „The Masked singer“ die „Who are you“ prostituierten! Wo läuft das? VoX? Pro7? RTL? Schämt euch!

(Wenn die wenigstens richtige Promis in den Kostümen hätten! Aber demnächst stecken die noch irgendeinen Kameramann vom „Frauentausch“ in ein Teddybärkostüm – und hinterher wird der als KULT gefeiert! Ich fliehe ja stets in’s andere Zimmer, aber höre durch die Tür trotzdem 43x „Who! Who! Who are you…“ – Die CD kann weg!)

Fall 5

Die völlig überschätzten Police.

Ich gestehe: Ich habe mich 1985 im Intershop mit der „Synchronicity“ schwer bekauft.

Und das, obwohl ich die Truppe immer nur so am Rande akzeptabel fand. Aber in diesem Fall ging ich dem Massenhype eben doch auf den Leim.police

1977 oder 78 sagte eines Tages Thomas Gottschalk in seiner Fernsehsendung „Scene‘77“ (oder eben’78) Eine Band an mit den Worten:

„Und hier die Cream des New Wave – The Police!“

Dann weißt du sofort: Super-Group! Muss wichtig sein!

Aber dann klapperten die ihren „So lonely“-Ska herunter und in derselben Sendung noch „Can’t stand losing you“. Kamera immer auf dem Drummer – das wirkte virtuos.

Von Stund an laberte alle Welt um mich herum The Police groß.

Thomas Gottschalk hatte in eben jenen Sendungen zuvor schon allerhand andere Geheimtipp-Nummern auftreten lassen – und die fand ich alle besser.

Iggy Pop mit „Sweet sixteen“, Magazine „Shot by both sides“, Ultravox (noch als Punks) mit „Young savage“ … und nu soll „can‘t stand-can‘t stand-can’t stand losing you“ fetzen?! Hm.

Dann kamen Hit auf Hit. Die Fahne-Zeit verging. Das Studium neigte sich dem Ende zu. Police blieben angesagt. Und immer war es dieses Ska-Geklapper. Und diese Mecker-Stimme knapp vor Unerträglich. Schließlich schaffte Christian die „Zenyatta Mondatta“ heran und ich nahm sie tatsächlich auf.

Als schließlich Keks im Leipziger „Schmittchen“ auftraten, 1982/83 die einzige wirkliche Punkband im Osten, uns mit „pretty vakant“ und „my way“ astrein die Pistols in die Zone holten und gleich danach und davor Police-Songs einstreuten, da glaubte ich fest, dass etwas mit mir nicht stimmt: Wenn sogar DIE Police berücksichtigen, dann müssen die gut sein! Hör dir die schön! Der Groschen der Erkenntnis muss fallen!

Police schienen es mir leicht machen zu wollen: „Every breath you take“, „King of pain“ und „wrapped around your finger“ fand ich – anders als ihre Hitschablone zuvor. Besser?

Alle 3 waren auf der B-Seite der „Synchronicity“. Und die hing im Shop.

Ich dachte, ich mach‘s richtig. 21.50 West kostete die damals. Ich trug sie heim und legte sie auf. Die A-Seite. Und mit jeder Umdrehung wuchs mir der Wut-Iro von ganz alleine! Was hab ich mir da andrehen lassen! Das klang wie Geniale Dilettanten auf Englisch. Hatte da Sting die andern beiden gezwungen „Songs“ zu schreiben, oder wollten die das selber? Da versuchten Stümper Jazz! Eine ganze Plattenseite Gnülpf-Mugge für die Tonne!

Auf „Sea of Tranquility“ erzählt einer der zugeschalteten Gäste einmal:

Ich freute mich auf das Debut von Asia. Was für ein Line up! Du hast da Leute von Crimson, Yes und ELP! Was muss das für Musik werden! — Und die Essenz ist dann: „Heat of the Moment“? Definitiv nicht! Als die A-Seite abgelaufen war, flog die Platte durch den Raum und wurde nie wieder angehört!“

Ich war nach dem Anhören der A-Seite der „Synchronisity“ auch kurz davor. Aber das teure Westgeld! Ich beherrschte mich knapp.

Ich löschte aber allsbald die „Zenyatta mondatta“. Mit denen wollte ich nie wieder zu tun haben!

hallandoatesEin Jahr stand die Platte im Regal und brannte! Ein Schandmal! Dann endlich ergab sich die Chance, sie einzutauschen. Gottseidank gab es ja so viele Police-Fans!

Ich bekam die „Bigger than both of us“ von Hall and Oates dafür und war damit mehr als glücklich.

Die wurde später auf CD nachgekauft. Jedesmal, wenn ich sie auflege, erscheint für einen kurzen Augenblick das Cover der „Synchronisity“ vor meinem inneren Auge – und ich grinse erlöst und verneige mich dankbar vor Hall and Oates, von denen hier 5 Alben stehen, für die Errettung.

Ende gut – alles gut.

15 Alben – die ersten 5

Es gibt 3 Arten von Musik.

1. Diejenige, bei der du im Einklang mit der Masse bist und mitlobst – „wie alle“.

2. Diejenige, die die Masse lobt – aber du nicht.

Und 3. schließlich diejenige, die massenhaft mediale Dresche kriegt – aber die trotzdem (oder gerade auch deshalb) von dir verehrt wird.

In der nächsten Zeit möchte ich alle 3 Kategorien an je 5 CD-Beispielen durchexerzieren.

Erste Erkenntnis war: Sich dem Herdenlob anzuschließen, fällt am schwersten. Wie lässt sich über Alben schreiben, über die alles gesagt zu sein scheint? Die gar eigene Wiki-Einträge haben!

Ich hab’s trotzdem probiert:

Fall Nr.1

Es ist eine Nummer 1, die immer als musikalisch hoch interessant galt – in aller Welt – deren Texte jedoch, wie so oft und vor allem bei diesem Künstler NIE als irgendwie relevant angesehen wurden.

Und so erging’s auch mir. Die Wucht des bisher Ungehörten, das dich aber bei Erstkontakt tonal sofort überfuhr, war so ungeheuer, dass das Geschwärme über Wah-Wah-Pedale und musikgewordene Rückkopplungen, sowie brennende Gitarren, jegliche Neugier auf Textbotschaften – bis heute – unterdrückten.

„Electric Ladyland“ von Jimi Hendrix, das ehemalige Doppelalbum, gilt somit bis heute als rockhistorisches Denkmal. Die Hitdichte ist auf „Are you experienced?“ und „Bold as love“ dichter, aber die „Ladyland“ wurde das Magnus Opus. Auch für mich. (An manchen Tagen hab ich die „First rays of the new rising sun“ etwas lieber, aber sei’s drum.) Auf der „Ladyland“ wird viel gejammt und an Mischpultreglern experimentiert. Archaisches Ping-Pong-Stereo wird so dermaßen zum Kopfkarussell gedreht, das es dich für alle Zeiten jene Jahre der Drogenumnebelung nachempfinden lässt. Hendrix spielt gewöhnungsbedürftig für Durchschnittshörer, so dass ich mich oft frage: Wie mag diese Mainstreamverehrung entstanden sein? Und wie lange wird das noch anhalten, dass Musikjournalisten, die mit Justin Timberlake aufwachsen mussten, das immer wieder von ihren Vorfahren abschreiben: Jimi ist „natürlich“ der größte!

Ich möchte dann immer nachhaken: Wie oft im Jahr legst du ihn auf?

Es ist musikalisch und Geräuschgimmickmäßig hier also eine Menge los. Es sind auch nicht nur die üblichen drei Mann am Werke. Jimis ganze Hippie-Karawane muss mit im Studio gewesen sein, wie so ein paar Pseudo-Live-Applause-Effekte dann und wann erahnen lassen. Ein paar Berühmtheiten sahen auch mal rein – oder wurden sie direkt gezielt eingeladen? Buddy Guy, Al Kooper, sind für jeweils einen Track mit von der Partie. Aber vor allem Winwood sticht mächtig heraus. Auf „Voodoo Chile“. Mehr davon! Man möchte hinterher zwanghaft Jimmy Smith’s „Root down!“ auflegen! Das auch Noel Redding mit „Little Miss Strange“ so eine typische 60s-London-Amen-Corner-Anmutung beisteuern durfte, hat auch seinen Reiz, bringt Abwechslung und setzt so eine Beat-Club-Duftmarke. Da wächst dir automatisch ein Rüschen-Hemd!

Lemmy Kilmister, der damals der Zigarettenholer und Drogenbote vom Dienst war, erzählte, dass alle Beteiligten genervt waren, weil Jimi jeden Track gefühlte 40 Mal einspielte, die Session somit kein Ende nehmen wollte, obwohl die erste oder zweite Fassung stets die beste war. Die Entourage wurde sauer, wollte saufen gehen oder in den Puff. Aber Jimi lebte in einem eigenen Kosmos aus Klängen (und Sex).

Dementsprechend sah dann auch das originale Plattencover aus – mit all den nackten Ladies. Jimi gefiel das nicht. Zu plump. Zu offensichtlich. Anstand hatte er! Sein Favorit war eine Art Spielplatzfoto: Seine Band umgeben von Kindern auf einem großen Park-Brunnen. Fotografiert von Linda McCartney. (Als ich es zum ersten Mal sah – musste ich an Frank Schöbel denken: „Komm wir malen eine Sonne“.) Irgendwann, lange vor Metoo, schlugen in Amerika die Spießer zu und schafften das Nackedei-Cover ab. Statt Linda McCartney kamen aber immer andere Fotografen zum Zuge – und seither kriegt man vorwiegend diese verwaschene Konzertportraitaufnahme als irgendwie „Nicht-Cover“ aufs Auge gedrückt. Öde. Merke: Die guten Zeiten des „Alles geht!“ sind vorbei.

Die Musik jedoch bleibt eingeschreint. Da wo die richtig wertvollen Alben stehen.

Szenenwechsel.

Fallbeispiel Nr. 2:

Nach schwer verdaulichem Hendrix ein ganz leicht verdaulicher Jackson Browne. Natürlich mit „Running on empty“, seinem Tour-Tagebuch in Plattenform. Wie für die Autobahn gemacht, oder für die „blaue Stunde“ um Mitternacht allein zu Haus. Also ein Konzeptalbum mit vorn und hinten einem „Übersong“ und dazwischen aber Liedern, die sehr nah dran sind, an den beiden Rahmungs-Hymnen. Es gelingt ihm hier deutlich besser, als seinen Kumpels von den Eagles, die auf allen ihren Alben zwar eine große Hitdichte erzeugten, aber auch scheußliche Filler dazwischen schmissen, Ausgewogenheit zu erzeugen. Bei Mr. Browne ist hier alles rund. Ich wünsch mir keinen Song weg.jBrowne

Los geht’s mit dem Titelsong, der dich einfach „kriegt“, Sorgen wegwischt und dich aufs Gaspedal treten lässt. „Go your own way“ one more time! Rasen ist nicht gemeint. Zügig fahren – und wohlfühlen! „Verdräng all den Scheiß! Denk an deine Erfolge, du Rindvieh!“ Ganz hinten gibt es dann „The load out/stay“, den Tearjerker par excellence. Hören – und „vergehen“! Und diese herrlich gemachte 50s Reminiszenz mit „stay“ – 4 Seasons- oder eben Zodiacs-Style – unschlagbar!

Niedecken und Danzer feierten dieses Album sehr. Danzer wagte sich auch an eine deutsche Version des „Load out“. Die erschien aber nur auf einem Livealbum, das nur in Österreich zu haben war.

Browne sprach hier allen Herumtreibern, Pendlern, Musikanten aus dem Herzen.

„these towns all look the same, and we remeber that, why we came…“ Mach dein Ding und fahr. Lebbe gett weida! Saaletal liegt immer um die Ecke, wenn dein Karren was taugt!

Die Platte war 1980 im selben Paket wie die nächste:

Drittens: Mike Oldfield „Incantations“.

oldfieldUm ihn ist es mittlerweile SEHR ruhig geworden. War das ein Hype um 78/79 herum! Kurz vor dem Abi lief auf ARD die Fernsehserie „All you need is love“; eine Art Endlos-Doku über die Geschichte der Rockmusik. HOCHINTERESSANT! Einschaltquote in der Altersgruppe 16-17 nahe 100%. Aber nie wiederholt. Da brat mir einer einen Storch. „Inspector Barnaby“ hat heute einen eigenen Spartensender der Öfis, die ich mitfinanzieren muss, ob ich will oder nicht. Die Intendanten haben inzwischen alle goldene Kloschüsseln zu Hause – und bauen alle 5 Jahre eine neue Sendezentrale für all den alten Wiederholungsmüll und die Tatort-Inflation, aber sparen geht nicht! Zuviele Filz-ianer wollen bestochen sein, wie man gegenwärtig bei dem RBB-Gehacke im korrupten Westberlin wiedermal miterleben kann… Nur Syn-Paten unterwegs! – Ich schweife ab:

„All you need is love“ zeigte Filmsequenzen, die mit Oldfieldmusik unterlegt waren. Dazu wurde die Geschichte von dem 17jährigen Wunderkind erzählt, das gehemmt und verklemmt 1973 „einfach mal so“ „Tubular Bells“ einspielte. Der „Exorzist“ benutzte die als Filmmusik. Aber den Film kannte man im Osten ja nur vom Hören-Sagen.

Der Name Oldfield war von Stund an in aller Munde. Der NDR2 spielte dann die „Incantations“ ganz. Ich nahm die auf, in MONO von der Kofferheule. Hm! Wie muss sich DAS erst in Stereo anhören?! 1980 erfuhr ich es. Mein Plattendealer von Prora machte es möglich. Lieferung zwo bestand aus vier Alben, darunter SIE! Die „Incantations“! Wieder ein Fahne-Urlaub per Musikdrogen potenziert. Wie zuvor schon die Bowie-Lieferung. Das Gefühl lässt sich heute gar nicht mehr wiedergeben: Du hockst hinter der Mauer und auf DEINEM Plattenteller dreht sich eine LP, die Musik enthält, die du bruchstückhaft aus dem Radio kennst, aber die LP ist nun DEINE! Beim ersten Hör hatte ich Gänsehautintervalle. Bowie, Jackson Browne, Oldfield – alles meins! Ausgang brauchte ich keinen. Binz war in jener Zeit töter als tot. Ich diente für West-Vinyl und bereute -NICHTS!

Die „Incantations“ gefällt mir besser als die „Tubular bells“, weil sie die ausgereiftere ist. Da werden 2 Melodien auf vier LP-Seiten mehrfach durchdekliniert und irgendwo in Part zwo und vier singt Maddy Prior zwei alte englische Gedichte, im ersten geht es um den Werdegang eines jungen Kriegers (Hiawatha), im zweiten wird ein Mädchen angebetet (Ode to Cynthia), was wunderbar passt, in diese Musik, die wie eine Meeresbrise auf-und abschwellend deine Ohren umschmeichelt:

Sowas hätt‘ ich auch versuchen wollen: (Hörst du die Ghostriders in the sky? Es ist von alten Mären gar wundervil gesait!?!) – Die Sounds in meinem Kopf herauslassen – und mittenrein müsste irgendeine hübsche Elfe mit Engelston Chamissos „Die Not lehrt Beten“ oder den berühmten „Nis Randers“ intonieren. „Indianerweisheiten“ in Balladenform gibt es von Chamisso, dem Weltreisenden, ebenfalls. Vermutlich war ihm sogar jener Hiawatha von Longfellow Vorbild. Aber es mangelt halt meinerseits an den Fähigkeiten und Fertigkeiten irgendeinem Instrument Töne zu entlocken, die als Grundlage brauchbar wären. Except the Dakota-Flute. Das zählt nicht. Reicht aber für den Hausgebrauch.

Die Nummer 4 stammt von Prince.

Die „Purple Rain“ gilt unbestritten mittlerweile als durchgesetztes Kunstwerk. Das war, als sie neu war noch nicht so. Wie ich als Ossi zu ihr kam steht hier. Klick. Ich hatte anfangs einen schweren Stand unter den Kumpels mit meinem Prince-Outing. Jedoch änderte sich das nach der Rockpalast-Live-Übertragung rasch.prince

Sein Pech und Glück gleichermaßen war, als Michael Jackson Pendant herauszukommen. Der anständige Kindergeburtstagssound von olle Peter Pan in black auf der einen und andererseits die schwarze Variante von Androgyne Bowie – aber mit VIIIIEL deutlicheren Botschaften als in den 70ern.

Die Anzüglichkeiten waren Legion. Den „Parents-Warn-Sticker“ bekam er automatisch mit jedem Album. Und trotzdem hatten seine Anzüglichkeiten Niveau, blieben weit weg von all dem Knast- und Assi-Rap der Kollegen von der brennenden Mülltonne.

Ein McCartney-Duett-Angebot bekam er somit nicht. Glückspilz!

(Die diesbezüglichen McCa-Schandtaten jener Zeit hießen „saysaysay“ mit Jackson und „ebony and ivory“ mit Stevie Wonder. Erbärmliches Gedudel. Ölpest der Tonkunst!)

Als er dann sogar noch die Offerte des Jackson-Clans ausschlug, auf „Bad“ mitzuwirken, war er MEIN Held! Ein Platz, den er mit den Nachfolgealben ausbaute. DER steigerte sich echt! Ja, er hatte vor „Purple rain“ schon LPs gemacht. Ich finde auf denen bis heute äußerst wenig Gutes für meine Ohren, aber die „Purple Rain“ ist für mich die, auf der „der Knoten geplatzt ist“. Hier sind nicht nur zwei oder drei Stücke gut, sondern – ALLES! Besonders diese geilen Stimmverfremdungseffekte, die in Gitarrentöne übergehen, bzw. andersrum: Soli enden als Schrei – haaaach, das hat was! Intensiv wie nur was. „The little Ones“ sind der Höhepunkt. Dieser klinisch klopfende Drumsound ist typisch Prince! Nicht dieses 08/15 elektronic-drum-Geballer der 80er, das heute für mich viele Platten jener Zeit ungenießbar macht, sondern eben so ein ganz unverwechselbares Prince-Platten-Geräusch. So klingt Schlagwerk nur bei ihm! Und danach ging es ja nahezu kometenhaft weiter mit ihm, bis er diese TAFKAP-Macke bekam. Nach der „Diamonds and pearls“. Da kam dann richtiger Mist. Schon klar: Er wollte die Firma ärgern. Aber er verärgerte auch einen Gutteil seiner Fans; und fasste hinterher auch nicht mehr wirklich Fuß. Lieblingskind der Musikjournalisten blieb er ja. Aber ich blieb weg.

Mit „Purple rain“ erlebte die Welt zum letzten Mal die Geburt eines Superstars, der den Namen auch wert war. Nirvana waren mir zu „gemacht“. Und hätte sich Cobain nicht erschossen, hätte der „Kult“ auch nicht gehalten. – Na und was derzeit alles unter „Superstar“ firmiert – wo ist meine Kotztüte!

Das Thema „Knoten geplatzt“ gilt auch für Nummer 5 in diesem Turn:

Für mich der schwierigste Fall. Rod Stewarts „Atlantic Crossing“; eine Liebe auf den -fünften- Blick sozusagen. Lange-lange mochte ich die nicht. A-Seite „rockiger“; B-Seite Balladen. Das machten später viele nach. „I am Sailing“ klang zu sehr wie Smokie, als es neu war. Totgedudelt wurde es auch sofort. Auch die anderen B-Seiten-Stücke der LP machten zunächst keinen Eindruck auf mich. 1975 fehlte es an eigenen Erfahrungen, die ich hätte dazutun können. Später lernte ich die Platte stückweise und rückwärts lieben: „Spotlight“ bleibt der beste Song.rod1

Die Nachfolge-LP „Stranger in town“ erschien. „Tonights the night“ wurde so ein Jedermanns-Hit. Vermutlich ging es vielen Pubis damals wie mir, dass das Schulenglisch dazu reichte „spread your wings and let me come inside“ zu verstehen – und dann noch die französische Stimme am Schluss, die zum zwangsläufigen „jetaime wonnomplüüüü“ Deja vu führte; da war der Auftrag der Natur dann unmissverständlich klar! Der Nachfolge-Hit war „The Killing of Georgie“, den die Hessische Hitparade wochenlang spielte – und nun wurde Rod Stewart auch „im Ernst“ interessant. Irgend ein Ostsender sendete spätabends eine Roderich-Schwerpunktsendung mit seinen Balladen der beiden Erfolgsalben – und von Stund an kannte und mochte ich die B-Seiten-Songs der „Atlantic Crossing“. Dann verging eine Zeit und irgendwann Anfang der 80er, mitten im NDW-Apocalypso, kam sie als AMIGA-Lizenz-Platte heraus. Als ich sie hatte und die A-Seite nun zum ersten Mal hörte, war ich so enttäuscht, dass ich sie prompt weiterverhökerte. Dieser angerostete Rumpelrock war für die Zeit 82/83 so unanhörbar wie Hendrix zu der Zeit. Dann vergingen die 80er, die ich mit „Absolutely Live“ zubrachte, Wendezeiten; die „Vagabond Heart“ erschien, Rodericks Auferstehung nach schwerer Krankheit und endlich „Spanner in the works“, die mir bis heute die liebste von ihm ist. Und dann, also irgendwann Ende der 90er, war ich schließlich soweit: Versuchs doch nochmal mit der A-Seite der „Atlantic Crossing“. Und siehe da – plötzlich gings. Die synthetischen Hörgewohnheiten der 80er waren fort. Das 70er Feeling kehrte zurück. Nun klang gar nicht mehr öde, was zuvor so überhaupt nicht ging; sondern Sound und Stimme holten mir Erinnerungen ebenjener 70er herauf, die ich keinesfalls bei DIESEN Songs gehabt haben kann – und wenn eine Musik so ein Kunststück zu Wege bringt, dann kann sie doch nicht schlecht sein, oder?!

So zog nun also auch die „Atlantic Crossing“ in Bludgeons Musiktempel ein, wird seltener aufgelegt als „Stranger in Town“ und „spanner in the works“, aber darf bleiben. Rockgeschichte eben. Wertvoll.

(So. Fünf Rezis. Bludgy Memoiren. Nu isses zuende, dieses erste Kapitel.

War das nu interessant, oder nicht?

Da textet halt so’n alter Ossi das Internet zu.

Schau’mer mal, ob‘s Reaktionen gibt.)

ELVIS – seine 5 besten Alben

Eine Nachwehe des Films und meines Sea of Tranquility-Konsums: Wenn eh kein Gesprächspartner für sowas da ist, erzählste dir selber halt runter, welche 5 CDs die deiner Meinung nach besten Alben des Kings sind. Denn die „Sargreiter von Memphis“ stiegen am 17. August 1977 (Ja-ja, Elvis starb am 16. ; ich meine bewusst den Tag danach) auf das Möbel, um nie wieder abzusteigen. Es gibt mehr Alben vom King als von Zappa – und das will NE MENGE heißen!

ELVIS ist mein längstes und konstantestes Fantum; also stehen hier bissel mehr als 20 CDs. Ich brauche nicht jeden Pubs von ihm, aber eben doch so einiges.

Welche 5 sind die – die IMMER laufen, wenn mir mal wieder nach King-Verehrung ist?

Platz 5:

„Moody Blue“; seine letzte, meine erste von ihm. Mit „Moody Blue“, ca. 14 Tage VOR seinem Tod im Radio gehört und aufgenommen, fing alles an. Wolfgang Tilgners „Elvis“-Biografie gelesen. Über vieles dort gestaunt, das Buch gemocht, bis auf den einen Satz:

„Die „Moody Blue“ – das Zerrbild einer Platte!“

Ja, man kann sagen: Er hatte den Titelsong und „Way down“; mehr nicht. Mit Müh und Not nahm man noch zwei Oldie-Coverversionen von „Pledging my Love“ und „He’ll have to go“ dazu, dann war erstmal wieder Erschöpfung angesagt. Und so wurden wieder mal ein Paar Liveaufnahmen zusammen geschnipselt, damit es auf eine LP, von Colonel Parker‘scher Kürze reicht.

Aber das Gesamtergebnis kann sich DOCH hören lassen! Inzwischen sind wesentlich erschöpftere Songkadaver veröffentlicht worden, als das, was auf „Moody Blue“ zu hören ist. Wenn man’s nicht erzählt bekommt, hört man nicht, dass hier ein totkranker 3 Zentnermann mit der Atmung kämpft. Die LP beginnt mit jener Live-Version von „Unchained Melody“, die auf youtube auch zu sehen ist. Wenn du das siehst, hältst du automatisch die Daumen, dass er es noch durch die Nummer schafft, so fertig und am Ende wirkt er da. Hast du die Bilder nicht im Kopf, geht das alles bombastisch und gesund gut durch!

In den Nullerjahren kam irgendein Idiot auf die Idee, „Moody Blue“ mit der Vorgängerplatte „from Elvis Presley Boulevard“ zu koppeln. Und obwohl kein Song zuviel war, für die Spielzeit der CD, ließ man „Let me be there“ weg; dummerweise, der rockigste auf „Moody Blue“; allerdings schon 1974 recorded und auf der 74er „Live in Memphis“ bereits zu haben.

Nun ist aber die „Elvis …Boulevard“, die man für jene Weglassung bekommt, eine trostlos miese Session gewesen. Die braucht nun wirklich kein Schwein. (Höchstens „The last farewell“, als Kuriosität: Der King covert Whittaker!) So ist das verlängerte Machwerk bei weitem nicht das Geld wert, was man für die kürzere Originalversion der guten „Moody Blue“ LP/CD (including „Let me be there“) bezahlen würde. Also Warnung! Die 10 Track Variante ist die richtige!

Platz 4

„Command Performances – the essential 60s Masters II“; ein Doppeldecker mit den 62 besten Songs aus seinen 32 Filmen. Ja-ja, die Filme; B-Movies allesamt, taugen „alle“ nichts; weiß irgendwie jeder.

  1. Einer taugt doch eine ganze Menge: „Flaming Star“; sein Western; Elvis als Halbblut im Indianerkrieg der weißen Siedler zwischen allen Stühlen. Gucken und staunen. Und brandaktuell zur Zeit eigentlich auch. Wohin mit dir, wenn du in der eigenen Familie Vertreter beider Seiten eines blutigen Konfliktes hast? Und wenn in aller Welt plötzlich alle immer nur den andern/bösen Teil in dir sehen wollen. Hab ich mit 17 mal im Fernsehen gesehen – und DER hat mich „gekriegt“!
  2. Nachdem eine dicke RCA Kiste „Elvis in the 60s“ entstanden war, die die Filme komplett umging, gab es Fanprotest, deshalb die „Command Performences“ als Nachbesserung. Der Kompilator hat ganze Arbeit geleistet. Er hat (fast) alle Nuggets gefunden und wirklich den vielen Mist, der auf den „Oridschinell Moschnpikdschorr Sounddrecks“ für Ohrenkrebs sorgt, weggelassen. Mit einer Ausnahme: Ich hass‘ nun mal „Wooden heart“ und „shopping around“ wäre auch verzichtbar; dafür fehlt die herrliche „Whistling tune“. Tja. Bissel Schwund is‘ immer. Aber dafür kann man hier „Fun in Acapulco“ und „Bossa Nova Baby“ genießen, ohne dass hinterher gleich wieder so Zeug wie „Guadalajara“ oder „Yoga is and Yoga does“ kommen würde. Und –
  3. befindet sich hier auch die Originalversion seines späten Club-Dance-Hits „a little less Conversation“ drauf, und auch das gesuchte „clean up your own backyard“, das schon klingt, wie die späteren Vegas-Bombast-Nummern.

Platz 3

„Elvis – on stage“ (February 1970)

Hier hat die Las Vegas Performance noch Saft und Kraft; „Polk Salad Annie“ erschließt sich vor allem auf dieser Platte; man ahnt, warum die Nummer IMMER mit dabei war. Hier gibt’s ne herrliche Fassung von Del Shannons „Runaway“ mit James Burton an der Gitarre, der früher mal dem smarten Ricky-Nelson-Sound Biss verlieh.

„Die Mädels wollten Ricky wegen Ricky; die Jungs waren da wegen Burtons Guitarrrr! Deshalb wollte ich ihn jetzt in meiner Crew.“(Elvis)

CCRs „Proud Mary“ – ich brauch das in Elvis-Fassung; CCR sind eigentlich super, aber soooo totgedudelt; da muss der King ran!

„Walk a mile in my shoes“ – yeahr; perfekter Text …

…überhaupt gibt’s hier keinen abgelatschten Rock and Roll, sondern lauter gesuchtes Zeug.

Bonus-Track: „Kentucky Rain“ – DEM Song bin ich eh verfallen! Diese Art Arrangement hat ewig diesen Samstagabend-Wohlfühl-Touch: Schaubude gucken, Carrell-Show; Lottozahlen, Wort zum Sonntag, Don Lurio-Show – oder Western; früh70er Westifizierung eben … andererseits seh ich da heute im Geiste die Wolkenbrüche über Naumburg niedergehen – so oft bis über die Knöchel im Wasser auf dem Nachhauseweg, wenn mich die Regenwand mal wieder überraschte und Sturzbäche vom Buchholz in Richtung Stadt flossen.

Inzwischen scheint es in Sachsen-Anhalt gar nicht mehr regnen zu wollen.

(Wovon schreibt der alte Mann da?)

Platz 2

„Elvis at Stax“ – erst 2013 zusammengesucht; eigentlich 40 Jahre zuvor verteilt über zig Alben und vermischt mit lauter Allerweltsaufnahmen sind die Stax-Stücke IMMER die besseren. Die Stax-Studios waren spätestens nach dem Film- und Soundtrack-Erfolg „Shaft“ eine Nummer. Elvis wollte da hin, er wollte diese Art Backing Chor, diese Shuffle-Gitarren, dieses irgendwie typische Isaac-Hayes-Feeling. Wieder schwarz klingen! Die Referenz-Nummern hier sind „Raised on Rock“ und „Good time Charlie got the Blues“. Aber Clou und Zufalls-Hit 1973 wurde „Promised Land“, eine alte Chuck Berry Nummer, die die Typen am Mischpult hier druckvoll und warm klingen lassen, so, als müsse gleich „go your own way“ von Fleetwood Mac folgen. Aber das entstand ja erst 3 Jahre später. Da hat der alte Hexer doch glatt den California-Sound vorweggenommen!

Seit 2013 endlich alle vereint auf einer! Man muss sich wundern, dass diese Idee 40 Jahre gebraucht hat, um zu reifen.

Platz 1

Natürlich „From Elvis in Memphis“, gerne auch als verlängerter Doppeldecker „The Memphis-Sessions“; dann hat man nämlich auch „Suspicious minds“, „(Don’t you worry darling) I’ll be there“ und „Kentucky Rain“ dabei.

Die muss ja auf Platz 1, weil an der kein Weg vorbeiführt, wenn man über Elvis spricht. Das war die „In the Ghetto“LP von 1969 gleich nach dem Comeback-Special im NBC-TV. Songauswahl aller erste Sahne. Nur Killer. Keine Filler. Elvis in Topform. Arrangements in maßvollem Bombast, der noch Luft lässt. Vom feinsten. Zeitlos. Setzt keinen Staub an. Remastering not needed usw.

Meine ewigen Favoriten hier sind „Only the strong survive“ und „long black Limousine“.

Soweit der momentane Stand.

So. Nun könnte man fragen: Und wo sind bei dir seine Grammy prämierten Gospels, oder die herrliche „Elvis Country“ mit jener genial verjazzifizierten Fassung von „Whole lotta shakin‘ goin‘ on“ zu verorten? Auch unter den ersten 10; aber ich wollte es diesmal auf 5 begrenzen. Und die letztere hab ich vor ein paar Jahren bissel überstrapaziert, so dass sie sich derzeit im Regal ein Zeitchen verschnaufen darf.

Und wieso fehlt der gesamte frühe Elvis?

Die Rock and Roller sind mir sämtlich zu abgedroschen. „I’m all shook up“ mag noch gehen. Ein paar Songdiamanten ragen zwar noch heraus: „Old shep“, „First in line“ – und vor allem „Blue Moon“; aber die ergeben keine LP.