Der Hungerpastor (2)

(Vorwarnung: is‘ lang geworden. Alte Männer eben. Opas die (noch)keine sind, labern halt das Internet tot.)

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Du liest ein Buch, das dich packt. Du liest schneller als sonst; schaffst gar mal wieder hundert Seiten am Tag. Das ist lange nicht mehr vorgekommen! Kurz vor Schluss ahnst du zwar bereits, was jetzt noch kommt, aber egal. Als es eintritt, wie vermutet, ist es trotzdem nicht langweilig, die letzten 40 Seiten zu schaffen, da auch sie mit tiefgründigen Lebensweisheiten gespickt sind. Und so einige Triggerbegriffe jagen dich ein weiteres Mal „in deine eigenen Anfänge“, weil die Situation des Hilfspredigers Unwirrsch da in Hinterpommern an die des Absolventen in der Niederlausitz erinnert. – Dann ist es vorbei. Letzte Seite. Durch!

Du klappst das Buch zu. Die Begleitmusik läuft noch. Du starrst auf einen Fleck und lauschst den Stimmen der Jahrzehnte, die du hinter dir hast und die nun alle durcheinander quaken.

Versuch es zu ordnen, los!

1. Das Allgemeine

Der Roman durchläuft 3 Etappen:

  1. a) Unwirrschs Jugend bis Studienende; (1820- ca. 44)
  2. b) Unwirrschs  Hauslehreranstellungen; (1844-1847)
  3. c) Unwirrsch in Grunzenow. (1847-48)

Anspruchsvolle Romane gaben sich damals den Anschein der Überregionalität dadurch, dass allzu genaue Ortsangaben vermieden wurden, damit so das beschriebene ÜBERALL hätte sein können. Bloß kein Lokalschriftsteller werden!

Das verursacht dann aber das Problem, dass keine Figur so richtig Mundart sprechen kann, da diese ja ein Hinweis gewesen wäre. Somit erfindet Raabe für alle seine Käuze, die den Roman bevölkern, so ein Phantasie-Idiom, in dem gern „mir und mich“ verwechselt wird, „als wie“ straflos vorkommt und Fremdwörter mit volkstümlich falschen Schreibweisen und -Endungen den Bildungsstand erkennbar werden lassen – damals – in unbelesener Zeit; ab 1820 aufwärts.

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1a) Unwirrschs und Freudensteins Jugend (1820 – 1843/44 ungefähr)

Der eine und der andere, wie Anton Wohlfahrt und Veitel Itzig! Gustav Freytags „Soll und Haben“ war 10 Jahre vorher da. Und es war ein Literatur-Hit aus dem Stand! 1855 war das der erste Roman, der als „realistisch“ galt und der mit seinen 900 Seiten auch eine gerade noch fassliche Form hatte. Karl Gutzkow hatte zwar ähnliches vor, jedoch seine „Ritter vom Geiste“ gerieten uferlos. In „Soll und Haben“ hatte Freytag diese Konstellation erfunden: Der Bürger und der Jude; auf unterschiedlichen Werdegängen. Sprechende Namen, die eine volle Charakteristik sind. Kantenlos holdselig der eine, hinterlistig bös der andere. Das Bürgertum 1855 tröstete sich über die Pleite von 1848 hinweg, gewann in Wohlfahrt einen neuen Helden des puren ökonomischen Fleißes. Das Buch stand 1864 bereits in jedem Bücherschrank, so man sich einen leisten konnte. Der Freytag-Hype als neuer „Dichterfürst“ auf dem verwaisten Goethe-Thron, war wohl Hauptinspiration für Raabe, es ihm gleich zu tun, bzw. es sogar besser machen zu wollen. Denn bei Lichte besehen ist „Soll und Haben“ eine ziemlich dröge Angelegenheit. Zusätzlich gab es seit 1862 bereits „Die Problematischen Naturen“ des Newcomers Spielhagen – und auch der wurde dafür bereits gefeiert.

Bucherfolge jener Zeit muss man sich wie Smash-Hits in den 1960ern und 70ern vorstellen. In radioloser Zeit, waren sie DIE Kulturereignisse, die besprochen wurden.

Und nun erlebten die belesenen Kreise da 1864 ihren Beatles oder Stones Moment: Freytag oder Raabe. (Und abseits grinste das dritte Lager: Weder noch, sondern Spielhagen, also The Who jener Zeit.)

Freytag und Raabe sind in heutiger Zeit in Verruf geraten: Antisemitismus; finden aber auch (noch) Verteidiger. Ich spare diese Problematik für „Hungerpastor 3“ auf.

„Soll und Haben“ enthält eine feinsinnigere Intrige, die der Böse einfädelt und der Gute aufdröseln muss. Aber Freytag lässt sich eben auch 900 Seiten Zeit. (Tipp an den Vielleser: Diesmal hab ich nachgesehen!)

„Der Hungerpastor“ bringt es in meiner 1912er Ausgabe auf 397 Seiten. Raabe kommt also schneller zu Potte. Der Konflikt kommt hier simpler daher, aber dafür wird Elend realistischer beschrieben als bei Freytag!

nap7Anton Wohlfahrt trifft auf Veitel in einem Gutsherrenpark; quasi in einem Paradies, das später den Zankapfel abgeben wird. Beide sind auf Wanderschaft in ihre jeweiligen Lehrverhältnisse. Es steckt also etwas Biblisches in diesem Romanbeginn: Veitel provoziert mit der Frage: „Das alles könnte dir gehören! Soll ich es dir beschaffen?“ Veitel als Schlange bzw. als Mephisto. Bibel und Goethe.

Hans Unwirrsch und Moses lernen wir gleich bei ihrer auf den Tag gleichzeitigen Geburt in der Kröppelgasse einer Stadt, die Neustadt heißt, kennen. Sie kommen aber erst im Alter von ca 10 Jahren zusammen und bleiben Freunde mit gemeinsamem Lebensweg bis sie 24 sind.

Die sprechenden Namen sind hier seitenverkehrt verwendet. Jeder hat das, was dem andern fehlt. Zusammen wären sie EINER; wenn man so will.

Auch Oheim Grünebaum ist eher schon morsch – oder, als alter Junggeselle, ewig unreif. Die Base Schlotterbeck schlottert nie! Sie ist die Mutter Courage der Kröppelgasse.

Raabe bebildert hier: Lern die Menschen kennen, jenseits des ersten Eindrucks!

Wenn Freytag die Bibel bemüht, so bedient sich Raabe einer anderen bekannten Anmutung: Unwirrsch wird einem alten Vater „nach langem Sehnen nun endlich doch noch“ geboren.

Ein Schelm, wer an Dornröschen denkt! Hundert Jahre schlafen muss der kleine Hans zwar nicht, aber er hat schon auch einen langen Weg als Schnarchsack vor sich, ehe er „erwacht“.

In beiden Romanen sind die positiven Helden jedoch seltsam asexuelle Streber. Am Gymnasium keine Streiche. Im Studium keine Feten. Da wird nur ganz kurz mal für eine Fee geschwärmt und ansonsten wird GEARBEITET und geschlafen. No Sex till 30! Prüde. Verkniffen.  Hier wirkt Raabe wieder sehr autistisch. Er scheint das nicht zu kennen. Im Roman von den „Leuten aus dem Walde“ war das genauso.

„Die Zeit!“ könnte man denken. Aber Heyse schrieb zeitgleich seine frühen Novellen vom „Bild der Mutter“, vom „Grafenschloss“! Was da alles ging!

Auch Spielhagens Hauptfiguren unterliegen Hormonstürmen im passenden Alter!

Freytag und Raabe sind elende Spießer.

1b) Unwirrschs Lehrjahre als Hauslehrer ( ca.1844-47)

Um 1864 sind Märchen „IN“.  Inzwischen nicht nur die Grimm’schen, der Erziehung wegen, sondern sogar die aus „1001er Nacht“, wegen der Exotik.

Die Gebrüder Grimm haben ihre Hausmärchensammlung zwar bereits 30 Jahre vorher auf dem Markt, aber erst um 1860 beginnen die belesenen hundert Jahre; das Lektüre-Zeitalter: Als Analphabetismus schwand, Massenauflagen ungeahnte Buchumsätze ermöglichten; das literarische Niveau wuchs, Bestsellerautoren von ihnen großbürgerlich leben konnten, ohne nebenbei noch Zeitungen herauszugeben oder irgendwo lehren zu müssen. Raabe gehörte nie dazu. Seine Verhältnisse blieben – bescheiden. Vornehm ausgedrückt.

Er verwendet hier deutlich erkennbar den Drei-Schritt, den viele Märchen kennen:

Drei Anstellungen muss Unwirrsch „erdulden“, bevor er „erhöht“ wird.

Drei Brüder Götz spielen eine Rolle in seinem Leben. Wie die 3 Müllerssöhne im „Gestiefelten Kater oder in „Tischlein deck dich!“ Und immer ist der Loser der eigentliche Gewinner; und der, der alles hat, höchstens zu bemitleiden, wenn nicht gar zu hassen.

Rudolf Götz, der älteste von den dreien, ist ein heimatloser Waterloo-Veteran, der Loser, der dreimal Glück bringt; er tritt als erster auf und der Name ist Programm und Goetheanklang: Die Welt kann ihn am Arsch lecken.

Theodor Götz, der mittlere Bruder, zu kränklich für die Befreiungskriege, macht Bürokratenkarriere, wird Steuer-Rath, heiratet Wohlstand, aber ist unfähig in seiner traumhaft schönen Villa ein harmonisches Familiendasein zu erzeugen. Er ist zum Götzen-Dienst verdammt. Denn er ist an eine „böse Königin“ geraten, unter deren Fuchtel er steht. Frau Götz, geborene von Lichtenhahn, hasst ihren Mann und sich für diese Mesalliance, gibt sich bigott-arrogant und „selbstverständlich makellos“, macht jedem Hauslehrer das Leben zur Hölle, da diese nicht in der Lage sind, unter ihrer Aufsicht das verzogene Miststück von Söhnlein zu beschulen. Raabe beschreibt eine Helikoptermutter – als es noch gar keine Helikopter gab!

Felix Götz, der jüngste von den dreien, geistert nur als Toter durch den Roman. Wichtig ist sein „Überbleibsel“, die Tochter Franziska. Wie man sofort richtig ahnt: Die zukünftige Frau Unwirrsch. Felix Götz ist mit 17 von der Schule weggerannt, um sich den Frei-Corps anzuschließen. 1813-15 kämpft er romantisch schwärmerisch beseelt von Freiheit und Vaterlandsidee und wird enttäuscht. Er findet nicht zurück in zivile Verhältnisse. Ein weiterer Götz von Berlichingen: „Bürger-Karriere? Leck mich!“ Die Todesumstände lässt Raabe im „Ungefähren“, streut aber Andeutungen, sodass der Leser wählen kann, woran er glauben will: Duell? Suff? Syphilis? Die typischen Probleme der „Rock-Stars“ jener Zeit.

Gleich zwei Brüder also Befreiungskrieger, hinzu kommen noch Oberst von Bullau, Feldprediger Josias Tillenius und der Stammtisch der „Neuntöter“, allesamt Waterloo-Veteranen, und an der Katzbach dabei, und bei Leipzig und Paris…

DAS ist die eigentliche Sensation, für die man den „Hungerpastor“ feiern sollte; denn:

Raabe bohrt hier in einer Wunde des öffentlichen Bewusstseins. 1864. Das liegt knapp vor 1871. Der Roman entsteht in dem Jahr, indem der Deutsche Bund durch den Deutsch-Dänischen Krieg seinen Todesstoß erhält. Der Norddeutsche Bund wird entstehen und zwei weitere Kriege werden folgen. 1871 ist die Einheit endlich da und all die Helden von 1813-15 sind dann auch endlich medial „IN“. Von 1815 bis 1871 wurden sie totgeschwiegen.

nap5

Wellington und Blücher bei Waterloo – NICHT ABBA!

Zwar durfte der eine oder andere literarische Text über das Thema Napoleon gedruckt werden, aber offizielle Anerkennung; Jubiläum 50 Jahre Völkerschlacht 1863? Undenkbar!

Und so wurde es 1864 eben Zeit für dieses Buch!

1815 ist dem Hochadel voll bewusst, wie sehr er zuvor versagt hat. Er zitterte, er zauderte nach der Russlandpleite, er wollte das Volk zwingen, ruhig zu bleiben und weiterhin zum Rheinbund zu halten, aber die Erhebung lief bereits: Blücher, Scharnhorst, Tauenzien, schlugen bereits los. Gerade noch rechtzeitig hinkte König Friedrich Wilhelm III mit seinem Aufruf dem Zeitgeist hinterher. Der Mecklenburger in Schwerin tat es ihm nach. Jetzt war Napoleon schwach! Jetzt geht was!

Raabe 5c

Der Rückzug aus Russland 1812/13 – also nicht Hitler!

Napoleon hatte die Fürsten von Bayern und Württemberg zu Königen ernannt, die zitterten um ihren Titel und vor dem Volk. Sie schickten Napoleon erneut Truppen. In der Völkerschlacht bei Leipzig liefen sie über. Sachsen ebenso.

Der damals neue Nationalismus, der KEIN Nationalsozialismus war, hatte die alten Privilegien des Absolutismus gefährdet.

Der Wiener Kongress rückte die alten Strukturen wieder grade.

Niemals sollte an die Stunde der Schmach der Regierenden erinnert werden! Die vornapoleonischen Zustände sollten (soweit wie’s geht) wiederhergestellt werden. Restauration!

Keine Jubelfeiern aus Anlass irgendeines Schlacht-Jubiläums!

Keine Blücher-Denkmäler!

Keine Straßennamen nach Schill, Hofer, Lützow!

Biedermeier! Schnauze halten! Für fast 60 Jahre!

Studenten radikalisieren sich und werden gejagt. Die übrigen Untertanen ziehen die Michelmütze tiefer über die Ohren und üben sich im „unpolitisch Sein“.

Und Raabe scheißt auf das Tabu!

Er lässt die Kämpfer auftreten, als alte Herren, untergekommen in allen möglichen Berufen.

Liebenswerte Leute; bissel kauzig; und versoffen. Sie treffen sich in der Kneipe zum Grünen Baum als „Neuntöter“ zum Stammtisch. Den Namen gaben sie sich, weil als Gesetz gilt: Ein jeder darf in seinem allabendlichen Kriegerlatein nur 9 Leichen haben. Ansonsten muss er Strafrunden schmeißen.

(Außerdem passt der Name Neuntöter auch, weil es da einen Singvogel gleichen Namens gibt, der seine Insekten und Würmer auf Brombeerheckendornen spießt. Aber kaum einer hat sowas je in freier Wildbahn mal gesehen! Wie auch all die Freiheitskämpfer – Raabe stellt hier „Vögel“ vor, die keiner kennt.)

Wie antwortet der Wirt vom Grünen Baum dem Leutnant Götz bei Betreten des Restaurants auf dessen Frage:

„Neuntöter da?“

„Jeder Vogel auf seinem Ast!“

Die drei Götz-Brüder haben noch andere Spuren hinterlassen:

1868 veröffentlicht Spielhagen seinen vierten großen Zeitroman. „Hammer und Amboss“.

Auch dies ein Entwicklungsroman, in dem ein gewisser Georg Hartwig durch viele Stationen muss, um solides Glück zu finden. (Spielhagens Georg kommt ohne Juden als Konterpart aus.)

Aber auch ihm begegnen im Laufe der Zeit drei Brüder, die Einfluss auf ihn nehmen. Allerdings sind sie adlig und ihre Einflüsse sind deutlich andere. Der älteste ist der beeindruckende Individualist, das falsche Idol, weshalb Hartwig ins Gefängnis kommt. Der jüngste Bruder ist dort Gefängnisdirektor und ein Tugendbold; der mittlere ist -wie bei Raabe- der langweilige Bürokrat, der obendrein hier auch noch Zinker ist und seinen älteren Bruder verrät, obwohl dieser ihm seinen sündhaft teuren Lebensunterhalt finanziert.

Raabe hat sich oft neidhammelig sauer über Spielhagen geäußert, sicherlich, weil dieser hatte, was Raabe zeitlebens fehlte: Ruhm und Wohlstand! Aber eventuell, weil er sich obendrein „beklaut“ fühlte.

1c) Grunzenow und Happyend (1847/48; weltabgeschieden, ohne Revolution)

In diesem letzten Drittel wird es so märchenhaft, dass Raabe selbst diesen Begriff ehrlicherweise mehrfach einschiebt. Für damalige Verhältnisse ist Grunzenow in Hinterpommern von Berlin aus noch so „märchenhaft“ weit weg, wie Kalifornien in seinem vorangegangenen Roman über „Die Leute aus dem Walde“. Eindrucksvoll wird die Umständlichkeit des Reisens 1845 geschildert.

Raabe schmeißt auch märchenhafterweise mit lauter friesisch-dänischen Fischernamen um sich: Johannsen, Klaasen, Petersen. Niemand heißt hier Pebelow oder Pryczibylski! Und Oberst von Bullau, ein alter rüstiger Mini-Blücher, spricht „da oben“ als alteingesessener Gutsherr einen Dialekt, der eher Machdeborgisch anmutet. Kein Fischi-Deutsch. Vermutlich sind ihm die gerade genannten Fehler wirklich durch Unwissenheit passiert und nicht durch bewusste „Überregional-Machung“.

Oberst von Bullau und winters auch Leutnant Götz hausen also in ihrer Junggesellen-Burg mit rein männlicher Dienerschaft. In dieser Karikatur eines Gutshauses wohnen somit alle guten Geister, die es braucht, um Unwirrsch und Franziska endlich zu verkuppeln. Und die Neuntöter geben helfende Tipps.

Hier treibt Raabe seine Heldenverehrung für die totgeschwiegenen Schutzgeister Deutschlands auf die Spitze: DIE und nur DIE richten, was verbogen ist! Ohne diese alten Herren – keine Chance auf Glück für Unwirrsch und Franziska!

Last but not least hab ich mir das Folgende für den Schluss aufgehoben:

Wieder 10 Jahre später wird sich ein anderer Autor den Raabe zunutze machen, wie einst Raabe den Freytag:

Ein erster Verdacht war mir bereits gekommen, als Raabe Hansens Oheim Grünebaum in gar seltsamem Outfit auf den Abiturienten Hans warten ließ, aber dann:

nap1Diese Waterloo-Veteranen… Das ist das Figurenensemble der Herren von Greifenklau! Oheim Grünebaum ist eine Mischung aus Sam Hawkins und Tante Droll. Auch Namen wie diesen hat sich Karl May bei Raabe abgeguckt. Als Trapper Geierschnabel nach Deutschland reist und sich zivilisiert gewanden muss – ist er eine weitere Grünebaum-Variante.

Und: May guckt sich auch die Art der Elendsschilderung hier ab. Oft aus Kinderperspektive erzählt, damit man Dinge sagen kann, die sonst Probleme bekommen hätten, in gut bürgerlichen Familienblättern gedruckt zu werden. In ein bissel Kitsch verpackte drastische soziale Anklage!

– Raabes „Leute aus dem Wald“ – da ist das idyllische Försterhaus, aber nur eine Bettstatt für 7 Kinder; mit Waldlaub statt Bettzeug. Und 5 von 7 sterben darin ohne ärztliche Hilfe. Weil der treue Förster fleißig ist, aber nichts verdient.

– Raabes Hans Unwirrsch als Sohn eines fleißigen, sparsamen Schusters hat ein kleines bisschen Startkapital fürs Gymnasium, muss aber betteln gehen für ein Stipendium, damit es reicht. Als er arm und dürftig gekleidet beim Herrn Assessor Dank sagen will für bewilligte Förderung, sieht er dessen Villa und dessen Töchter, wie sie in ihren langen Kleidern zu schweben scheinen, wie sie kichern. Er ist verblüfft. Geschockt. Verdaddert. Diesen Lebensstandard kennt man in seiner Kröppelgasse nicht! Als er seinem Freund Moses von diesem märchenhaft schönen Eindruck erzählt, erdet der ihn umgehend:

„Man hat dir eine Tür geöffnet und eine neue Welt gezeigt. Aber niemand rief: Herein!“

Und Raabe selbst ergänzt später:

„Es gibt allzeit fleißige Menschen, denen es vergönnt ist, aufzusteigen. Da, wo sie herkommen, werden sie verehrt. Aber da, wo sie ankommen, sieht man lediglich die Herkunft.“

Mays „Sklaven der Arbeit“, das „Buschgespenst“ und einige der Erzgebirg-Geschichten hauen in die gleiche Kerbe.

May wird ab 1875 bekannt und er hatte zuvor im Knast viel Zeit zum Lesen!

Raabes Zitat von der „lediglichen Herkunft des Emporkömmlings“ wird sich an ihm besonders bitter bewahrheiten.

Aber Raabes „Hungerpastor“ half ihm seine Käuze zu erfinden, denen ein hundertjähriger Erfolg beschieden war.

Alles hängt mit allem zusammen.

(Auch wenn es vergeblich ist:) Entdeckt die Alten neu!

Parabelritters Sternenklang

Woran merkst du, dass der Alterungsprozess nun unwiderruflich eingesetzt hat? Du hast endlich die Million auf dem Konto? Du bekommst eine fragwürdige Diagnose bei der Vorsorgeuntersuchung? Du magst plötzlich SUV’s „wegen dem hohen Einstieg“? Du beneidest den Wendler? – Nein – das ist es alles nicht. Ich sag dir, worüber du erschrecken solltest, wenn du zur Generation „Babyboomer“ gehörst: Du interessierst dich plötzlich für Wishbone Ash!

Alarmsignal! Die waren gitarrentechnisch zwar immer gut, hatten oft auch brauchbare Texte (wenigstens, was die 70er Jahre ihres Schaffens betraf), aber die hatten auch immer schon diesen Weicheiergesang, der aufkommende Begeisterung nie recht überkochen ließ.

„Wie issn deine Wishbone Ash Live Dates?“ fragte ich einst den Sperber-Thomas.

„Hm, naja, irgendwie wissense nich, ob se Eagles oder Led Zeppelin sein wolln.“

Ich borgte sie mir trotzdem. Wir schreiben das Jahr 1983. Rumsplautz-Zeiten; international Phil Collins Ära. Zu Hause Spliff und Mitteregger. Da klang fast alles von vor’75 antiquiert! Somit zündete der Doppeldecker der „Wunschknochenasche“ bei mir auch nicht so richtig. Ich kürzte die Angelegenheit auf 45 Minuten. Mehr Tonbandplatz wollte ich nicht opfern; und war’s zufrieden.

Bis auf eine Handvoll Songs der „Front Page News“ LP kannte ich zuvor nichts von denen. Weil nun aber „In the fire the king will come…“ und „Through down your sword“ diesen Historien-Touch hatten, bekamen sie diese „unter ferner liefen“ Chance. Aber die Botschaften hätten einen Cocker, einen Noddy Holder oder einen McCafferty am Mikro gebraucht! Naja.

Dann gingen die Jahre so drüber hin.

Mit nicht ganz 60 spürst du mehr und mehr, dass dir der Job zum Halse -äkmh- alles abverlangt. Dass du die CD auf dem Weg zur Arbeit wochenlang nicht mehr wechselst, weil du entweder gar keine Mugge mehr einschaltest, oder sie auf „Zahnarzt-Wartezimmer-Beschallungslevel“ leise laufen lässt und somit eh scheißegal ist, was läuft. An den Standort der Anlage im Arbeitszimmer kannst du dich kaum noch erinnern. Da naht endlich die Urlaubszeit und du zwingst dich zum Aufrappler: Ein Cut muss her! Irgendwas, was noch interessant genug ist, ergründet zu werden und die jüngste Vergangenheit verdrängen hilft.

Nun ist die derzeitige Musikszene ja eine echt eierlose Angelegenheit. Glaubst du jedenfalls. Was dir auf unvermeidbar langen Pflichtbustouren so im Dudelfunk geboten wird, gleicht akustischer Körperverletzung. Einen Überblick über spätabendliche Kennersendungen hast du längst nicht mehr. Internetradio? Zu kompliziert, die richtige Sendung a) zu finden und b) zum Laufen zu kriegen, ohne gleich wieder den halben Gombjudor ummodeln zu müssen. Also streife ich so durch Angebote diverser Online-Anbieter von mehr oder weniger bekannten Namen „meiner Zeit“ und lande bei – Wishbone ash. davDa gibt es plötzlich eine live-Geschichte von der „Front page news tour“ – „Glasgow 1977“! Peng! Und die hat „Front page news“, „Come in from the rain“ und „Good by Babe, hallo friend“ im Gepäck! Soundtechnisch sehr okay! Und um die Sache rund zu machen, und weil die „There’s the rub“ gerade nicht erhältlich ist, gibt’s die „No smoke without fire“ gleich mit dazu, weil unter den Live-Bonussen, der „Bad Weather Blues“ schon in den Hörproben gut losgeht. Als das alles ankommt, gefällt es und ich beschließe, den Sommer zur Wishbone-ash-Saison werden lassen zu wollen. Verblüffenderweise stört der Gesang gar nicht mehr so sehr wie früher. Aber:

„Da machst du einen Plan und bist ein großer Wicht. Dann machst du noch’n Plan – gehen tun beide nicht.“ (Brecht).

Es sollte anders kommen.

Der zweite Plan sah vor, eine bescheidene Kurzurlaubsfahrt nach Weimar zu unternehmen. Nicht wegen Goethe; nicht wegen Schiller und auch nicht wegen dem KZ, – sondern als quasi Relaxing-Tour für zwei abgekämpfte Werktätige, die sich bei hoffentlich schönem Wetter stressfrei von Café zu Café die Schillerstrasse hoch und runter arbeiten-, durch den Ilm-Park schlendern-, vielleicht ne ihnen unbekannte Burgruine sichten und durchstreifen wollten; und als Höhepunkt das „Blackmore’s Night“ Konzert von Merseburg noch mitnehmen. Töchterlein hütet dankeswerterweise Haus und Hund, der langsam in die Jahre kommt, wo diese Hitze-Marathon-Touren vermieden werden sollten.

btyRichie Blackmore ist nun nicht gerade eins meiner Idole gewesen, aber er gehört schon auch noch zu den „still standing Heroes“ der großen Zeit der Rock-Ära. Seine Entscheidung, vor Jahren den Selbstkopie-Bettel bei Deep Purple hinzuschmeißen, sich Wendler-mäßig familiär neu zu orientieren und mit Ehefrau Nr.4 dieses „Ougenweide 2.0“ Ding durchzuziehen hatte was und war auch eine. Candice Night ist stimmlich so dieses Mittelding aus Maddy Prior und Annie Haslam und äußerlich ne Stevie Nicks. Dass die Liaison schon 20 Jahre hält, erstaunt mich, als sie’s erzählt. Youtube hat reihenweise Livemitschnittschnipsel von Auftritten in Burghöfen – und da passte der von Merseburg wirklich sehr gut dazu.

Aber meine Laune nicht. Von Stressfreiheit war bis eine Minute vor Konzertbeginn nichts zu spüren. Diverse Kapriziösen trugen sich zu und mussten trotz innerem leerem Akku verdaut werden, so dass ich schließlich erschöpft am Rand auf so einer eisernen Kellerfensterabdeckung saß und mir die historische Kulisse und der „Weimarbackground“, von dem wir kamen, lediglich noch das Götz von Berlichingen Zitat eingab. Und zwar auf die ganze Welt bezogen! Das „Runterkommen“ dauert eben. Nicht umsonst schreiben sich Journalisten aller einschlägigen Onlineportale zu Saisonbeginn die Finger wund: „Warum uns die ersten Urlaubstage überfordern“. Diesmal war ich mit von der Partie.bty

Das Konzert selber war wohl ein gutes. Halbe Stunde zu spät begonnen, aber dann 120 Minuten gute Musik. Candice Night moderierte reichlich zwischen den Songs, hielt ihren alten Mann bei Laune, der manches Stück nicht – oder noch nicht spielen wollte… Richie eben. Manche Dinge ändern sich nie. Brennende Boxen schmiss er keine mehr ins Volk. Dazu hätte er aufstehen müssen. Und wenn wir in unserem Alter einmal sitzen – dann sitzen wir!

Nächster Tag – nächstes Problem: Da war noch ein anderes Konzert zu absolvieren!

Den Tipp dazu verdanke ich der Tatsache, dass ich seit einiger Zeit ganz gerne dem „Dunklen Parabelritter“ auf youtube ein Ohr leihe. Der erinnert mich so an – dies und das.

Und eben der plante nun überraschenderweise ein Rockfestival zu stemmen – in Weimar-Nähe.

Die Idee „Sternenklang-Festival“ war geboren, der Vorverkauf lief bereits einige Zeit und zu den Bands, die man als Anfänger nun mal so zu seinem ersten Event einlädt, gehörten – HAGGARD!

Wenn mich nun, da alle meine Helden tot oder doch vom Tode gezeichnet sind, noch irgendein Name zu einem Festival zieht, dann der!mde

Problem: Als Ex-Pogo-ist VOR-, und arrivierter Herumsteher SEIT der Wende, in diversen Hallen der Republik, wusste ich: Wenn die Guitarrrrr zuschlägt, dann gehen die Frauen! Und ziehen mehr oder weniger bramsigen Blickes ihre Kerle mit – ganz nach hinten oder gar gleich nach Hause. Ich war deshalb wohlweißlich eher allein „bei sowas“. Aber diesmal ging das nu nicht. HAGGARD genießen, ohne sich hinterher scheiden lassen zu müssen, erwies sich als Herausforderung. Zumal bei 35 Grad! Und mit immer noch leerem Akku auf beiden Seiten der Bludgy-Family.

Doch siehe – der HERR hatte ein Einsehen! Er ermöglichte ein Wunder!

Problemlose Anfahrt zur Niederburg bei Kranichfeld, stressloser Einlass und ebensolch stressfreier Erwerb einer dritten Karte für meinen „aus dem Westen zurückgekehrten“ Sohn, schattige Plätze im Burgbereich, Kennergespräche über Mittelalterkampftaktiken in Film und Realität, Cateringstände in ausreichender Zahl. Nirgends langes Anstehen. Die gute Laune aller übertrug sich bzw. stärkte die eigene.

Zu nachmittäglich früher Stunde krawallten gerade „Vogelfrey“ mit erstaunlich gut verstehbaren Texten. Die Technik-Crew also musste was draufhaben. bdrNach einer Akklimatisierungspause im Schatten, beim „Heerlager“ der Reenactment-Truppe, gehen die männlichen zwei Drittel der Family doch mal gucken und gewahren, dass die Freilichtbühnen-Sitze unbesitzbar sind. Die Latten fangen jeden Moment Feuer. Folge stundenlanger Bestrahlung nahe der 40 Grad. Rund hundert Leute drängen sich unter die Büsche am Rand. Wir finden auch noch einen Platz.

„Vogelfrey“ sind ne ganz unterhaltsame Entdeckung für mich. Eine Mischung aus „Subway to Sally“ und „Knorkator“ irgendwie. Hörenswert ihre Coverversion zu einem Text „eines Gedichtes eines großen Dichters des letzten Jahrhunderts, das da heißt: Was kostet der Fisch?!“ How much is the fish auf Latein und mit Tröte zu Heavy-Guitar und Brutalo-Barbie-Cello? Geil!

Im Anschluss machen wir ne weitere notwendige Getränkepause im Schatten. Alle Getränke zu 4 Euro. Die Bierwageninhaber fahren hinterher Rolls Royce! Ein bissl Essen – trotz des Tropentages – muss dann auch noch sein und irgendwie vergeht die Zeit bis um 19: 00 Uhr, leider immer noch im Hellen, die große Stunde schlagt: Haggard-Auftritt. Geschafft!

Bei den ersten Stücken knallt die Sonne noch immer auf die Ränge, dann endlich erreicht sie den Wipfel des großen Baumes hinter der Bühne, eines wahrlichen Jahrhundertriesen, dessen Wipfel uns im Weiteren vor ihren Strahlen schützt. Schlagartig werden auch die Handyfotos besser.

Haggard! Da dreh ich innerlich jedes Mal vor Begeisterung durch! Dieses Projekt! Es vereint meine Ritterburgen-, Historienschmökerleseexperience-, Saaletalerinnerungen-Prägung musikalisch auf dem Punkt! Nebenbei lernste auch noch so allerlei über Nostradamus, wenn du einmal bei denen am Haken hängst! So viele Leute! Die so lange durchhalten! 18 Mann im Studio; 10-12 bei Live-Gigs. Das kann sich irgendwie nicht lohnen, mit so wenig PR, wie bisher. Warum haben die kein Management, dass sie pusht?! Haggard um 19 Uhr im Hellen und Corvus Corax als Headliner 21 Uhr im Dunkeln. Verkehrte Welt. Was kann besser sein als Haggard? Wir fahren nach dem Auftritt bereits heim. Man soll den Bogen nicht überspannen – und nach Haggard kann nichts Besseres kommen!

Aber: Sie spielen hier 90 Minuten! Bei dem Massenangebot an Bands, wäre zu befürchten gesessen, dass ihr Auftritt kürzer ausfällt. 2006 beim Rockharz-Festival sah ich sie ebenfalls als Vorband unerheblicher Nachfolger und nur mit einem 45 Minuten-Gig! Headliner waren damals Saxon mit so einem AC/DC-für-Arme-Sound. Davon taten wir uns nur 3 oder 4 Songs an und gingen lieber schlafen vor der anstehenden Heimfahrt.

Zum ersten Mal live sah ich Haggard 2005 in Flensburg. Da musste man sich sogar ängstigen, ob die überhaupt auftreten, so wenig Leute waren da, als der Einlass begann. Es läpperte sich damals laaaaangsam im Laufe der Zeit auf vielleicht 120 oder 150 Leute. Und 10 Mann auf der Bühne + Road-Crew! Eintritt damals moderate 25 Euro. Das kann sich nicht rechnen!

Während ich so dasitz‘ und genieße, fällt mir auf, dass ich alle 3 Haggard-Gigs nu mit meinem Sohn absolviert habe. Und er musste in allen 3 Fällen nicht gezwungen werden! Hey, sagenhaftes Gefühl! Der innere Akku beginnt mit der Aufladung.

digRückfahrt nach Weimar ins Hotel. Der Sonntagmorgen ruft unsern Sohn in den Westen zurück. Wir, die beiden Alten schlendern von Café zu Café. Beim Abendbrot am Frauenplan, vor dem Goethehaus, dann noch ein Straßen-George-Benson, der den ganz sanften Blingggg hinbekommt.  Die Leute glotzen ein bisschen, als ich ihm einen 5 Euro-Schein in den Koffer werfe. Auch er sorgt dafür, dass der Akku lädt.

Wieder daheim sind Wishbone Ash vom Tisch, bzw. aus‘m Player. Haggard-Revival! Nahezu Übermut. Voll ist der Akku noch nicht wieder, aber der Ladevorgang läuft. Sommer 2019? Alles wird gut!

Dank Alex, dem dunklen Parabelritter.

Viel Erfolg mit dem Sternenklang-Festival 2020.

 

Im Land der Ahnen…

….2017 stark verregnet, stößt der Blick des Reisenden doch auf die eine oder andere kleine Sensation: Die gottlob – trotz Holzklau und Kaminwahn – immer noch vollständig bewaldeten Berghänge des Rennsteigs und auch des sonstigen Thüringer Waldes dampfen nach überreicher Wolkenschüttung morgens heftig in den raren Regenpausen.

„Und ewig singen die Wälder“ vom vegetativen Überlebenskampf, dem Trockenheit genauso schadet, wie nasser Überfluss, der den Wurzeln den Halt zu rauben droht.  Rauchschwaden, Wolkenschatten, relative Finsternis; ganz ohne Feuer – „Into the mystic“; Van Morrisson liegt nahe. Oder die wunderbare „Wildhoney“ von Tiamat mit all ihren Sumpflandgeräuschen und tiefen Growls zu akustischer Gitarre und Kriegstanzrhythmus der Hobbits & Orks. Beides leider im Auto nicht vorrätig. Auch Haggard und Douglas Spotted Eagle glänzen durch Abwesenheit. Mist!

Das Thema Soundtrack-Auswahl hatte ich schon mal besser im Griff! Aber so geht das schon die ganze Zeit in diesem Jahr. Kaum stellt Töchterlein fest: „Das sieht hier aus wie Kanada!“ fehlen mir prompt auch noch Bachmann Turner Overdrive! Wir hören also, während rund 2000 km Fahrleistung anfallen, so kreuz und quer durch diesen Gustav-Freytag-County und das angrenzende Söderistan, Kompromiss-Mugge; wie immer, wenn Frau und Tochter an Bord sind: „Private best of 70s“ (Mainstream; immerhin unter Auslassung all der musikalischen Disco-Ölpest jenes Jahrzehnts) Al Stewart, Bob Seger, ELO, Fleetwood Mac; verpassen uns von letzteren auch eine Überdosis, da zusätzlich die neue „Lindsay Buckingham und Christie McVie“ mit von der Partie ist und klingt, als wären’s die missing Pieces der „Rumour-Sessions“. Eigentlich seeehr schön, aber eben nicht 3x am Tag.

Es war in diesem Jahr eine Blitzentscheidung. Es wurde ein „Behelfsurlaub“ der schönen Bilder. Für Auslandsbuchungen zu spät dran blieb nur die Alternative: Urlaub in Deutschland oder gleich ganz zu Hause bleiben. So versuchte ich wenigstens noch zwei Fliegen mit einer Klappe zu erwischen: Irgendwohin, wo’s schön ist (mal nicht die Ostsee) und wo’s eventuell die Möglichkeit gibt, per Tagesausflügen Regionen des „unbekannten Westens“ kennenzulernen.

Irgendwie ist dieses „Adenauerland“ eben doch eine Art von Ausland geblieben.

Also: Meiningen. Thüringen ist schön und Franken ist nicht weit. Plan erfüllt.

Dachte ich. Nach erfolgter Buchung im Melchiormäßigen „Schlundhaus“ der Stadt. Sehr schönes Renaissance-Ambiente innen wie außen. Sehr nettes Personal.

Jedoch kam es anders als gedacht, was zum einen dem Wetter des Sommers 2017 und zum andern der hypersensiblen Ossi-Seele geschuldet sein mag. Die Nebensache wurde zur Hauptsache. Die Exkursionen nach Söderanien hinterließen nur blasse Eindrücke. Die Ausflüge im Land der Dichterfürsten führten stattdessen zu einigen Aha-Momenten.

Die Entscheidung für Meiningen war keine Kopfgeburt. Eher so aus dem Bauch mit Torschlusspanik: Bloß keinen reinen Brandenburg-Urlaub mehr verwarten müssen!

Üblicherweise bekommt der Hund in solchen Reisezeiten Tierpension zu Hause und Herrchen ein bisschen schlechtes Gewissen.  In diesem Jahr jedoch erlebte er passend 14 Tage vor Abreise mit stolzen 8 Jahren auf dem Buckel seine erste Beißerei; und die gleich mit so einem Kampfhund-Köterproll-Mix und — unterlag. Die offene Schulter musste fachgerecht verarztet und beobachtet werden. Deshalb verbot sich Tierpension von selbst. Er musste mit. Man gut, dass es mit England nicht geklappt hat! Er erlebte also eine reichliche Woche Rudelnähe rund um die Uhr, aber draußen überwiegend an der Leine. Leinenzwang all over. Schwarze Tüte immer „am Mann“ bzw. „an der Frau“ wandelten wir nach Ankunft zunächst leidlich beschirmt und einigermaßen ziellos durch den Ort. Mit Collie im Stadtbild, wo auch immer, setzt es reichlich Komplimente:

„Guck mal! Ein Löwe!“ von Seiten kleinerer Fans.

„Guck mal Lassie!“ von den Älteren.

Komischerweise verweist nach wie vor niemand auf BESSY?! Die Comics waren doch so erfolgreich in unseren Jahrgängen!

Weib, Kind und Hund entschlossen sich alsbald zwecks Trocknung die Unterkunft aufzusuchen, während wir gerade in der Nähe des Buchladens standen. Also betrat ich den auch und wusste wiederum nicht, wonach sich zu suchen noch lohnen würde. Thriller – nein danke, Krimis – brrrrr, Memoiren von Menschen mit Jahrhundertbiografie a la Sigmar G. und Phillip L.? Die armen Bäume! Die Band-Bio der Ärzte?

Ich wusste nicht, wohin mit mir – und draußen schifft‘s. Da fiel mein Blick auf einen Charakterkopf mit ernster Miene. Ein wahrer Adlerblick fixierte mich. Intelligente Augen, weißer Weihnachtsmannbart und Halbglatze. Sein Blick traf mich von der Titelseite eines Bildbandes: Georg II. Und als ich den aufschlug, traf mich wie ein Schlag die freudige Erinnerung: Meiningen! Georg II.!

„… möge uns der Herr Poet doch baldigst eine Idee zukommen lassen, mit welchem Orden, welcher Gnade wir ihm unsere Wertschätzung erzeigen könnten.“

Und SPIELHAGENs knappe Antwort war: „Wenn Durchlaucht mein geneigter Leser bleiben wollen, so ist mir dies Ehre genug.“

Ich hatte das völlig vergessen! Jetzt war mit einem Schlag mein Ferienfilm geboren: Die Thüringischen Zaunkönige des späten 19.Jahrhunderts im Bemühen mit Sachsen Weimar- Eisenach gleichzuziehen und Kulturhochburg werden zu wollen, locken die schreibende Prominenz in ihre Paläste. Die dynastischen Privatissime, die hier in verrauchten Herrenzimmern verraten wurden, der Eindruck der Landschaft, „die hier in Thüringen, wie auch der Menschenschlag, das Höchstmaß der Ausgeglichenheit erreichte“ (Felix Dahn), flossen ein, in einst viel gelesene Werke, die Ruf und Reichtum schufen – und heute leider vergessen sind.

Thüringen hatte nach hehrer Bedeutsamkeit als Grenzmark im frühen Mittelalter des 10. und 11.Jahrhunderts eine lange Phase politischen Niederganges ereilt. Die ernestinischen Wettiner, also das sächsische Königshaus der Reformation, vererbten nicht qua Erstgeburt, sondern qua Erbteilung. Jedes am Leben bleibende Brüderlein „der Familie“ musste so mit einer Stadt und ein paar Dörfern bedacht werden. Thüringen, das alte eigentliche Westsachsen, wurde geradezu atomisiert. Da dank Luther und Friedrich dem Weisen bereits säkularisiert worden war, gab es auch später für Napoleon in diesem Gelände keine unabhängigen Bistümer aufzulösen. Für ihn war das Durchgangsland, das er beließ, wie er es vorfand. Ebenso Metternich auf dem Wiener Kongress 1815 bei der Erfindung des Deutschen Bundes. Nirgends war deshalb Zersplitterung nach den Befreiungskriegen größer als hier: Im grünen Herzen Deutschlands.

Goethe lebte noch. In seinem Lichte strahlte Sachsen Weimar-Eisenach. Der Musen-Hort. Die Fürstenwitwe und vormundschaftliche Regentin Anna Amalie, zwangsverheiratet, aber durch frühe Witwenschaft befreit, hatte 50 Jahre zuvor für intellektuellen Zulauf im Ländle gesorgt und gründete die nach ihr benannte Bibliothek in einem Bauwerk, das ihr von jeher ein Dorn im Auge war: Bereits im 16.Jahrhundert hatte einer der Weimarer Regenten das Lustschloss zur Auslebung seiner Triebe direkt vor das Stadtschloss, also gewissermaßen vor die Schlafzimmerfenster seiner Zwangsangetrauten bauen lassen. Seine Nachfolger übernahmen mit der Macht auch jene pikante Servicelokation, um sie in besagter Weise zu nutzen. Anna Amalie, verwitwet aber noch nicht 30, hob die Bedeutung des Bauwerkes, nach dem ach so plötzlichen Ableben ihres Gatten, at hoc von der Unterleibsdienstleistungshalle zum Studienort des Kopfes.

Sprach man in jenen Tagen von Thüringen, meinte man Weimar. Die anderen Zaunkönige mussten sich was einfallen lassen: Der zweiterfolgreichste Zwergstaat in Sachen Prestige-Hebung wurde Sachsen Coburg-Gotha, das „Adelsgestüt Europas“ (laut Bismarck) durch – ähem – blaublütigen Jungs-und Mädchenhandel. Für den Bedarf eines jeden Königshauses war ein heiratsfähiger Fürstensproß/eine Komtessè vorrätig (Elite-Partner.de – ohne Internet) 1914 gab es keinen Thron in Europa, auf dem nicht ein coburg-gothaischer Abkömmling saß. Über jenes Puzzleteil sind Windsor/Battenbergs, Habsburg, Romanows und Hohenzollern verwandt und verschwägert; der I.Weltkrieg ein Familienzwist.

Hinzukommt, dass das Herrscherhaus in Gotha 1853 einem prominenten politischen Flüchtling Quartier bot, der kurz nach Aufnahme hier vollends zum Bestsellerautor und Dichterfürsten der Nachgoethejahre avancierte: Gustav Freytag.

Aus Preußen als zu liberal entfernt, alsbald aber auch dort wieder gewertschätzt und begnadigt, ja später mit dem Pour le Mérite versehen, sorgte er als Journalist, Dramatiker und Buchautor für dauerhaftes Aufsehen. Er war schon 1848 für die kleindeutsche Lösung eingetreten (ein Reich ohne Österreich) und erlebte in den Folgejahren den Wandel seines Minderheitenstandpunktes zur Mehrheitsmeinung. In Siebleben bei Gotha ließ er sich nieder und verfasste hier seine beiden Dauerbrenner „Soll und Haben“(1855) und „Die Ahnen“(ab 1872), jene mal 4-, mal 6- mal 8bändige Familiensaga, die aus germanischer Vorzeit bis hinauf in die Tage der 48er Revolution reicht. Letzteres Kapitel in mancher „gekürzten und von Weitschweifigkeiten bereinigten“ Auflage der 20er und 30er Jahre gern unterschlagen.

Spielhagen wiederum verkehrte des Öfteren im Schlosse derer von Sachsen-Meiningen, Freytag deshalb nicht.

In Ermanglung von Antiquariaten und Musikläden zog ich es vor, mental im späten 19.Jahrhundert zu verweilen, statt Kneipen, Rossmann-Filialen, Schöller-Eis-Fahnen oder Taschen vertickende Inder zu zählen.

Spielhagen und Freytag wurden meine Scouts, wenn ich nicht gerade mit engsten Parkhauskurven in Bamberg rang, auf dem Markt von Coburg mit der übelsten Blümchen-Kaffeeplörre der Marke „letzte Lagerhallenfegung“ konfrontiert wurde oder kopfschüttelnd die inflationäre Richard Wagner Verhohnepiplung in der Fußgängerzone von Bayreuth ertrug: Alle gefühlten 5 Meter stand dort vor jedem dritten Laden ein ca. 1m großer Gartenzwerg-Richie mit erhobenen Händen in Dirigenten- oder Bettelpose eines bockigen Kleinkindes „Mama t‘agen!“, ganz wie man will. Wagner goes Tele-Tubbie. Mal schlumpfblau, mal popelgrün, mal wutrot – scheußlicher Endzeiteinfall einer sich überlebt habenden Kultur.

Gottlob gab‘s ja noch die Wälder, die Berge, die weiten Straßen und den Sound eines ganz anderen Jahrzehnts: Der schon erwähnte 70er Mix und die Wiederauferstehung von Ingo, Ingraban und ihren Nachfahren befreiten aus dem nivellierten Heute; schon lange bevor wir per Zufall den tatsächlichen Gustav-Freytag-Wanderweg fanden.

„Time Passages! Buy me a ticket on last train home tonight…“

Und als auf abendlicher Fahrt Töchterlein neben mir, die zwischen den Scheibenwischerintervallen all die tollen Fotos schoss, am Radio drehte, um Papas Musikarchiv zu entkommen, erklang da plötzlich

„…. these towns all look the same, and we remember that why we ca-hame…“

und wie aus einem Munde schrien Mutter und Vater: „Lass mal!“ Überstimmt. Wir „Ahnen“ waren David Guetta, Ed Sheeran, Rihanna & Co wiedermal entkommen. „Oh want you staaaaaaaay – just a little bit longer! Oh please please stay! Say you will. SAAAAAHY youhu will!“ Aber weder Immo, Helgi noch irgendeine Walküre hatten „Bock“, dergleichen zu tun. Sie schickten einen letzten gespenstischen Lichtergruß und blieben im Land der Sagen und Legenden, als unser Eisenpferd schließlich den Pfad gen Norden einschlug. Kein Urlaub hält ewig.

Copyright aller Fotos: Bludgeons Daughter; Illustrationen aus „Germania“(1905); „Realienbuch“ (1912) und „Der Gute Kamerad“ Bd.26 (1912)

Im Jenseits 2

Frau von Suttner wandte sich Wilhelm Raabe zu und führte ihn ebenfalls auf die Seite.

„Wo jeetz’ der ahne fuord is und i den oandern net frong möcht, seins so lieb und erklärns mer den Gruund für diese Misshellichke-iten zwischan dem Spielhagen und dem Freytag. Wann derahne net guckt, schleudert der aandre Bliitze, doas es eine Oart hoat, woas kommerda tun?“

„Nichts, Gnädige Frau. Das ist, wie es ist. Bis in alle Ewigkeit.“

„Na. Sanns ned so faaad. Sie wissen mehr?”

„Ich schlage vor, dass wir’s uns für diese Geschichte etwas gemütlich machen.“

Im Jenseits kann man, wie auf Knopfdruck, durch bloßes Erinnern, die Wunschumgebung um sich her erzeugen, die man momentan mag oder für angemessen hält. Raabe sorgte somit spontan für einen großbürgerlichen Salon der vorletzten Jahrhundertwende mit zwei bequemen Fauteuils vor einem Kamin; Beistelltisch mit Weinflasche und Gläsern. Das Einschenken erübrigte sich, denn während er sich genüsslich an einen herben Weißen erinnerte, der prompt in seinem Glas erschien, füllte das ihre ein roter Bordeaux…

 

„Zum Wohl gnädige Frau.“

„Zum Wohle, der Herr.“

„Ja, also der alte Streit unser aller Vorreiter begab sich ungefähr so: Der Gustav, er ist ja nicht anwesend, also duze ich ihn hier jetzt mal der Einfachheit halber…“

Zustimmendes Nicken aus dem anderen Sessel.

„…schrieb sein „Soll und Haben“ und landete damit 1855 mit knappen 40 Jahren einen schon relativ späten Erstlingserfolg in prekärer privater Situation. Es war Nachmärz, unsere Klasse hatte sich in all ihrer Servilität 1848 mal wieder bis auf die Knochen blamiert und Friedrich Wilhelm dem Dauerredner die Kaiserkrone angeboten. Das schmähliche Ende der Paulskirchen-Haarspalterei ist bekannt. Die Biedermeiermutlosigkeit kam zurück. Die Schlafmützen wurden wieder tiefer über die Ohren gezogen. Man suchte Trost. Bürgerliche Glanzstücke. Aber woher nehmen?

Zum einen gebar diese Zeit der eingezogenen Schwänze diesen abstrusen Goethe-Kult, auf den unsere Generation so willig hereinfiel: Der Geheimrat ohne Fehl und Tadel. Erst hier auf der anderen Seite der Welt erkannten einige Herrschaften aus unseren Kreisen, welchen sprichwörtlichen Bock sie da als Gärtner vorgesetzt bekamen.“

„Huch! Sie erschrecken mich?!“

„Nun, Verehrteste, das wäre allein ein abendfüllendes Thema, lassen wir es für heute dabei bewenden. Spielhagen und ich sind von unserer irdischen Weimaritis jedenfalls geheilt.“

 

Wieder ein zustimmendes Nicken von der Gegenseite: „Einverstoandn, foahrns’fuord, bittschön.“

 „Nun, da erscheint dieses Buch und enthält die Karriere eines Kaufmannes im Vormärzlichen Deutschland. So brav und bieder erzählt, so frei von jedem Makel, dass es einem bei heutiger Lektüre grausen kann. So makellos aber die Hauptfigur ist, so real und fehlermachend sind die anderen Personen geschaffen. Alle. Die Guten haben böse- und die Bösen haben sympathische Momente. Einschließlich des Veitel Itzig, des Spekulanten. Der jüdische Spielgefährte, der den negativen Gegenentwurf zu Wohlfahrts Werdegang lebt.“

„A böser Jud als Hauptstrolch. Jessas, jetzt wird mir auf einmal klar, was Karlchen vorhin g’meint hat.“

„Sie kennen „Soll und Haben“ selbst?“

„Ja natürlich. Stand ja in jedem Bücherschrank zu unsrer Zeit. Wie der Spielhagen eben auch. Bei meinem Vater vis-a-vis. Die g’herrn zamm’ wie Strump un’ Laatsch, hoad dor Baapa immer g’soagd.“

„Herrlich. Sollte man den beiden demnächst mal unter die Nase reiben.“ Er machte eine kleine Pause, um einen Schluck zu trinken und dann den Faden wieder aufzunehmen:

„Ja, sie sagen es. Er beschrieb das vor48er Judenbild Ostelbiens. Nicht emanzipiert, verschrieen, negativ und zeitlich kontextual richtig. Dann fiel es Jahrzehnte später denen in die Hände, die „wenig lesen und nichts verstehen“ wie Kollege Storm vorhin so herzerfrischend lospolterte und fertig war die Bibel des neuen Antisemitismus. Dann kam der Braunauer und seine Kamarilla und nun gilt der arme Gustav manchen Halbgebildeten, die mitunter erschreckend zahlreich sind, als Hitlers Vordenker. Aber wir schweifen ab. Zurück zu Spielhagen:

Der las, wie wir alle zu der Zeit, „Soll und Haben“. Das erste anspruchsvolle Prosawerk in zumutbarem Umfang. Und der irrlichterte, wie wir alle, durch ein halbes Dutzend abgebrochener Karrieren, hatte auch bereits als glückloser Novellendichter herumgestümpert und bekam nun durch DIESE Lektüre den entscheidenden Kick, seine „Problematischen Naturen“ zu schreiben.“

 

Hier klatschte Raabe einmal in die Hände: „Bämm! Und fertig war die Sensation!“

 

„Die waren mir immer zu dick.“, warf Frau von Suttner ein, „ Ich hoab mir da lieber die kleineren Romane genehmigt. Aber schön war’n sie oalle. Herzensgut geschrieben. So viel Mitgefühl für uns arme Fraunspersonen fand man nicht oft.“

„Stimmt. Mir sind ihre Geschlechtsgenossinnen ein ewig Rätsel geblieben, weshalb ich lieber den männlichen Schicksalsacker pflügte.“

Beide nahmen einen Schluck und prosteten sich zu.

Raabe setzte fort:

 „Die „Naturen“ schlugen 1861 ein wie eine Kartätsche in den Hühnerstall. Ein paar Landjunkervereine wollten das Buch gar verbieten lassen. Andererseits: Nietzsche und der spätere Kaiser Friedrich III. empfahlen es weiter. Wieder andere setzten zum Enthüllungsversuch an und gründeten Listen: Wer in Vorpommern ist wer im Buch? Der Adalbert von Oldenburg als Fürst von Puttbus ist noch relativ einfach zu erahnen gewesen, aber wer ist Melitta? Wer der sagenhaft-dämliche von Cloten? Es soll eine Baronin gegeben haben, die bei Einkäufen in Stralsund mehrfach mit „Frau von Berkow“ oder gleich als „Melitta?“ angesprochen worden war. Sie soll strahlend errötet sein, was man als Eingeständnis nahm, ohne dass sich die Dame jemals erklärte.“

 

„Hat Herr Spielhagen das Geheimnis wenigstens hier oben jemals gelüftet?“

„Wie man’s nimmt. Herr Dr. Hans Henning, sein Biograph schilderte, dass das Verhältnis Oswald-Melitta dem echten Leben anempfunden sei, weil Spielhagen in jungen Jahren als Hauslehrer in Leipzig, (allerdings in nichtadliger, aber großbürgerlicher Familie) sich ähnlich in die Mutter seines ersten Zöglings verliebt haben soll. Woher Henning diese Informationen nun wiederum hat, behält er für sich.“

„Ja und wie passt nun der Freytag-Zwist dahinein in die Melange?“

„Gustl sieht, wie die „Naturen“ durch die Decke gehen und jeder Einzelheiten aus dem Buch nacherzählt oder gar wörtlich zitieren kann. Andererseits erlebt er, dass er selbst zwar hofiert wird, als der Schöpfer der Bibel des aufstrebenden Bürgerfleißes. Bemerkt aber, dass SEIN Buch zwar viel gekauft, aber selten gelesen wurde. Wann immer er auf Inhaltliches anspielt – verständnislose Blicke oder allgemeine Verunsicherung.“

„Ich weiß. Der Baahpa hoad verlangt, dass ich’s les. Ich hoattes irgendwann auch durch. Aber es war schwer. Mit der Zeit kam ich rein, aber der Spielhagen war oallweil bekömmlicher.“

„Absolut. Nur gibt es tatsächlich gewisse Ähnlichkeiten zwischen den beiden Büchern im Grundriss. Der große Unterschied ist die lebensechte Nähe zum Alltag wirklicher Menschen bei Spielhagen. Ein gewisser Fast-Naturalismus, auch wenn der Friedrich das nicht gerne hört. Das unterscheidet ihn ja auch derb vom Fontane. Bei Freytag verliebt sich der Anton Wohlfahrt in die Komtesse von Rothsattel. Der Oswald Stein hat sich in Melitta von Berkow verguckt. Bei Freytag kommt kein Mitleiden beim Leser auf. Bei Spielhagen — aber absolut!“

„Ich hoab Tränen vergossen, als ich die „Stummen des Himmels“ g’lesn hoab.“

„Interessant. DAS Buch nun wiederum kenne ich nicht. Aber den Liebeshickhack: angezogen werden, sich abgestoßen fühlen, Verunsicherung, Sehnsucht, entsagen wollen, zueinanderfinden – Kuss! Darinnen war der Spielhagen Meister. Fast immer die Kurve vor dem Kitsch gekriegt. MEINE Hochachtung hatter.“

Ein leises Zustimmungsseufzen antwortet aus dem anderen Sessel.

Er unterbricht um sich genüsslich eine Zigarre anzustecken: „Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich rauche?“

„Ach ich bitt Sie; nicht mehr in DIESEM Leben! Sie bilden sich den Geruch zwar ein, meine Nase und meine Kleider jedoch werden nicht mehr von ihm belästigt und das Thema Raucherlunge ist hier oben ja auch keins mehr…“, winkte Frau von Suttner generös ab.

„Und beklaut hammern später alle: der Heyse, der Storm und ich. Lesense mal Heyses Novelle „Im Grafenschloss“ und dazu das Kapitel aus den „Naturen“, wo Mutter Clausen dem Oswald die Geschichte seiner Herkunft erzählt. – Nur mal so nebenbei. Spielhagen weiß das und versteht sich trotzdem noch mit Heyse.“

Er zieht an der Zigarre und lehnt sich zurück:

„Der Gustav ist nun neidisch auf den Dauererfolg vom Spielhagen gewesen. Er selber hatte ja nun seine andere Art von Erfolg: Soll und Haben millionärisierte ihn. Außerdem erreichten noch „Die Ahnen“ und „Die verlorene Handschrift“ vorzeigbare Umsätze. Lassen wir mal die „Bilder aus deutscher Vergangenheit“ außen vor; ein Konglomerat mehr oder weniger langatmiger Geschichtsvorlesungen; da pfuschte er dem Leopold von Ranke ins Handwerk, ohne Historiker zu sein. Bilanz: Der eine also hatte nur 4 Erfolgswerke und der andere je nach Zählung auf jeden Fall zweistellig: 10 – oder 15 oder 18; wie Sie wollen. Ärgerlich auch, dass „die Ahnen“ zu Lebzeiten vom Gustav selbst, lediglich überschaubar erfolgreich waren; erst nach dem I.Weltkrieg posthum in Massenauflage immerwieder erschienen. Wieder leckten sich unsere Landsleute die Wunden und suchten das Heil in alter Glorie und wieder überlasen sie all die Ohrfeigen, die auch dieses Werk zu bieten hat, wenn man es richtig liest.“

„Gut, danke. Aber wie war des nun mit dem Hofratstitel?“

„Ja, die Wurzeln DIESES Übels liegen in der Zeit VOR dem Bucherfolg der beiden Streithähne: Freytag, Preuße durch und durch, verlebte sein Erdendasein jedoch eher außerhalb der Landesgrenzen seines Traumlandes, nämlich in Thüringen. Das erscheint zunächst wie ein Widerspruch. Das für die Einheit Deutschlands eintreten, jedoch Ehrungen eines kleinen Duodezfürsten akzeptieren, kommt einem zweiten gleich. Beides jedoch ist logisch erklärbar. Freytag war geradezu burschenschaftlich beseelt in der Zeit vor 48, als die Studenten-Corps noch Demagogen hießen und für die Einheit eintraten; und er versuchte sich relativ erfolgreich als Enthüllungsjournalist. Seine „Grenzboten“ war’n ein Knüller. Mit beiden Beinen sprang er da in Fettnäpfe und exponierte sich. Er war quasi aufrecht auf den Barrikaden im 48er Jahr, wenngleich auch nur vom Schreibtisch aus. Und er war ein früher Befürworter der kleindeutschen Lösung – ohne Österreich.“ Scheuer Blick zur Zuhörerin.

„Jaja“, seufzte Frau von Suttner, „unsere verhängnisvolle Vielvölkerverbandelung; ich weiß. Leider.“

„Er kam dahinter, dass die preußische Generalität 1853 sich schwer darüber beklagte, dass ihr oberster Dauerrhetoriker auf dem Thron so gaaar keine Lust zeigte, an der Seite Russlands in den Krim-Krieg einzusteigen. Freytag machte das publik: (Lieber ein ordensträchtiges Abenteuer auf der Krim, als die Probleme des eigenen Landes endlich in den Griff zu kriegen und die Einheit herzustellen!) und fand sich plötzlich in der Rolle, wie dieser junge Amerikaner jetzt da unten; ein gewisser Snowden. Er musste aus Preußen weg, floh aber nicht weit – nur bis Sachsen-Coburg-Gotha; weil er wusste, dass der dortige Herzog Lust verspürte, Gotha zum nächsten Weimar zu machen: einem Musen-Hort.

Freytag schrieb dort das „Soll und Haben“ fertig, hatte Erfolg, wurde Coburgscher Hofrat und bald darauf in Preußen amnestiert. Spielhagen, getragen von der ersten Erfolgswelle seiner „Problematischen Naturen“, machte nun wiederum seinem Buchtitel alle Ehre, indem er frei von aller Sachkenntnis – sich selbst problematisch gebärdete und über den Gothaer Möchtegern-Goethe witzelte, der große Dramen lieber seziert als welche hervorzubringen, der somit auch niemals Geheimrat wird, sondern sich mit einem Hofschranzentitel zufrieden gibt. Und dergleichen mehr.“

„Oje. Da kann ich nuwieder Herrn Freytag sehr gut verstehn.“

„Ich durchaus auch. Deshalb versuchte ich in dieser Sache, wenigstens posthum hier oben mehrfach zu vermitteln. Vergebens. Das Tischtuch zwischen den beiden bleibt zerschnitten. Ohne Freytag, keine Inspiration für Spielhagen, ohne Spielhagen keine Motivation für uns andere. Diese beiden waren die entscheidenden Türöffner für die Romanschriftstellerei als ernst genommene Kunstform.“

im jenseits2b

„Mir raucht der Kopf“, lächelte Frau von Suttner kapitulierend, „aber als Wegbereiter müsstns doch noch den Gutzkow Karli darzunehm, net woahr?“

„Ja, der ist sauer auf uns alle.“

„Jessas!“

„Der war einen Tick zu früh und mit seinen „Rittern vom Geiste“ auch zu umfangreich. Gut, aber leider sehr erfolglos. Und auch er wirft dem Spielhagen vor, ihn beklaut zu haben.“

„Ach diese Neidhammelei allüberall. Grauslig.“

„Absolut, gnädige Frau. Lassen Sie uns den Abend nicht mit der Auflistung jener alten Kamellen ausklingen; ich schlage vor, für die letzten 2 oder 3 Gläser Wein die Richtung zu ändern und ein wenig musikalisch zu werden.“

„Gern. Mir schwillt jetz’scho’dor Kooopf von all ihren Informationen. Seien Sie bedankt.“

„Fensterln Sie ab und an auch auf neuzeitlicheren musikalischen Pfaden als bei Beethoven und Schumann?“

„Sie meinen Wagner und Orff?“

„Nein. Noch etwas weiter vor in Richtung Jetztzeit. Hören Sie mal das hier…“

Prompt erscheinen Lautsprecherboxen mit gedrechselten Einfassungen auf dem Kaminsims und es erklingt das Intro zu „Shine on you crazy diamond“; beide lauschen mit dem Weinglas in der Hand. Beim ersten Gilmour- Einsatz wiegt Frau von Suttner leicht das Haupt:

„Hübsch. Das hoad was Woalzahaftes.“

Raabe nickte zustimmend: „Und hinterher werden Sie noch die Geräusche jener Industrialisierung vernehmen, die unsere Zeiten so verunstaltet hat.“

„Vo’ wann stammt denn deees?“

„Schon aus dem 20. Jahrhundert, relativ weit hinten; nach den Kriegen.“

„Und was singen die jetz’?“

„Da muss ich passen. Englisch war nie mein Metier. Aber der Spielhagen hat sogar in Amerika reüssieren können und zumindest seine Gedichte auch selbst übertragen. Der hat mir die Titel der Stücke übersetzt:

  • Scheine weiter verrückter Diamant;

  • willkommen an der Maschine,

  • Zigarre gefällig,

  • ich wünschte, du wärst hier

  • und abschließend noch ein weiteres Mal: Scheine weiter verrückter Diamant, als großes Finale.“

„Doas ist schön. Wie eine Symphonie aufs 19.Jahrhundert.“

„Absolut. Gnädige Frau. Zum Wohl.“

Im Jenseits

Das Jenseits darf man sich nicht einfallslos als eine Ansammlung von Wolken vorstellen, auf denen die Seelen der Verstorbenen sitzen und auf deren einer der berühmte verstorbene „Trickfilm-Münchner“ pflichtschuldigst „Halleluja – luja soagg i!“ brüllt.

Das Jenseits ist ein virtuelles Nirwana, denn auch die Seelen sind transzendent, quasi durchsichtig. Ihre Erinnerung an Gegenstände und Lieblingsgetränke erschafft diese für den „Hausgebrauch“ in jener Schattenwelt aus Nebel. Den Fortschritt der Zeitläufe nach dem irdischen Ableben nachzuvollziehen ist der jeweiligen Person stets möglich.

Der ein- oder andere hält zu diesem Zwecke ein Tablet in Händen, allerdings gab es diese Apparatur hier schon früher, da sie hier ja, wie alles, aus NICHTS besteht. Auch konnte sich unter deutschen Verstorbenen der Begriff „Fensterle“ durchsetzen, da sich die unverhältnismäßigen medialen Kontakte mit den englischen Muttersprachlern hier oben auf ein natürliches oder notwendiges Minimum beschränken. Außerdem deutet die Endung „-le“ unmissverständlich an, dass hier oben weitergeht, was da unten bereits auffiel: Der Süden Deutschlands ist abseits des Militärs allzeit schöpferischer, trendsetzender gewesen als der Norden.

Das uns ebenfalls umgeisternde Internet ist also auch den Seelen unserer Vorfahren ein 2. Zuhause.

Nichts desto trotz finden sich die Verstorbenen ähnlich einem großen Schulhof in Gesprächs-Trauben zusammen, die den einen anlocken und den anderen abwehren mögen. Je nach Eignung und Sympathie – wie auf Erden so auch im „Himmel“. Musiker stehen somit meist bei eben solchen. Schriftsteller bei Schriftstellern. Manchmal darf ein frisch gestorbener Fan hinzutreten und ihnen seine nun Tatsache gewordene EWIGE Verehrung mitteilen. Ansonsten bleibt man unter Seinesgleichen.

Nähern wir uns ein paar alten Bekannten. Oder soll ich sagen „ehemals sehr Bekannten“? Denn auf der Erde sind sowohl ihre Erscheinung als auch ihr Schaffen von Neuerungen zu Hauf überschüttet- und somit nahezu vergessen worden. Hören wir hinein und lernen wir den Umgang der Seelen miteinander kennen:

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„Glückwunsch Herr Kollega!“, begrüßt Theodor Storm den zu einer Gruppe hinzutretenden Gustav Freytag, „Ihr 200. Geburtstag wurde „unten“ doch nicht ganz vergessen. Ein paar Gazetten   berichteten, wie ich erfensterlt habe.“

„Hab ich gesehen.“ erwiderte der Angesprochene knapp. Seine Statur richtete sich kerzengerade auf. Sein unbebrillter Adlerblick überflog die Runde. Eine Spur von Ärger blitzte kurz im Augenwinkel auf, als er das Grinsen im Mienenspiel Spielhagens wahrnahm.

„Schließe mich an.“ gratulierte Heyse mit Händedruck, gefolgt von Raabe und May, welch letzterer hier oben eine ganz natürliche kollegiale Wertschätzung genoss.

„Durchaus auch von mir ein pflichtschuldigster Händedruck“, grinste nun offensichtlich Spielhagen.

Er hielt die Hand hin, diese blieb jedoch unergriffen. Demonstrativ steckte Freytag seine Daumen in die Achselränder der Weste und gab ablehnenden Bescheid: „Die Ironie in ihren Zügen straft sie Lügen, Verehrtester! Das ausgerechnet wir zwei nun auf EWIG hier kollaborieren sollen, stellt für mich eine leider sehr reale Version des Fegefeuers dar.“

Spielhagen ließ die Hand sinken, verneigte sich weiterhin grinsend und sprach: „An Angeboten meinerseits fehlte es nicht, das alte irdische Kriegsbeil zu begraben.“ „Sie mögen es als arrogant empfinden, dass ich davon keinen Gebrauch zu machen gedenke. Ich reklamiere für MEIN Verhalten den Begriff Aufrichtigkeit.“, konterte Freytag und er verkniff sich keineswegs „Statt Anbiederung!“ noch hinterherzuknurren.

Nun verschwand auch in Friedrich Spielhagens Gesicht das Lächeln: „Anbiedern? Ich? Sie überschätzen sich wie gewohnt, Herr Kollege. Das hatte ich zu keiner Zeit nötig.“

„Nach dem sie mich plagierten und verhöhnten? Ich danke.“

„Plagiert – stimmt nicht. Das wissen Sie so gut wie ich und behaupten es trotz alledem immer wieder. Und dass ich über ihren thüringischen Hofrath in kleinem Kreis mir hier und da mal eine Bemerkung erlaubte – das nennt man Humor. Über ihren Pour le Mérite witzelte ich nie.“

„Geben Sie sich keine Mühe. Ich bleibe dabei: Ihre „problematischen Naturen“ verraten mehr über den Autor als einem lieb sein kann.“ Er wendete sich erklärend zu den anderen: „Ein ins widerwärtig Geile gewendetes „Soll und Haben“. Oswalt Stein ist ein Anton Wohlfahrt, die von Grenwitze sind meine von Rothsattels und sogar mein Veitel Itzig taucht bei ihnen in Gestalt des Landvermessers Timm wieder auf….“

„…der schon mal gar nicht jüdisch ist und auch nur in 3 Kapiteln Erwähnung findet.“

„Nun, nun! Lassts doch amoal des oalde Gehakel,“ schaltete sich Heyse ein. „Ihr habts beide zwoa hervorragende Erstlinge verzapft. Du woarst eher droa!“, wandte er sich zu Freytag. „Du hast‘n g‘lesn und dich inspirier‘n loassn.“, zu Spielhagen gerichtet. „Des is‘ sauber. Absolut! Wo kommoar denn doa hi, wenn a jedar aufrechnen wollt‘, wo di Musnküss hersann.“

„Eggsaggd! Da gebch Herrn Heyse recht. Briedor im Geiste, dies’ch behargng undn Dreck undorn Fingernächln missgönn – fetzn nich.“ pflichtete ihm May bei.

Seine Wortwahl hatte die Runde zusammenzucken lassen, da er einen dieser neuzeitlichen Jargonismen verwandte, was sich in DIESEN illustren Germanisten-Kreisen nun und ein- für allemal nicht schickt.

Ein militärisches „Ach-tung!“ ließ jedoch die Herren gleich ein zweites Mal zucken und die Hände an die Hosennaht legen. Frau von Suttner trat hinzu.

„Aber liiieber Fontane! Die militärischen Ehren spoarnsich bittschön!“, rügte sie charmant den schmächtigen Theodor, um dann wohlüberlegt die Herren nach ihrer eigenen Rangfolge zu begrüßen: „Mein liiiiebes Karlchen!“ und ein freundschaftlicher Klaps mit dem Fächer auf Mays Oberarm.

„Herr Heyse!“ begleitet von einem Kopfnicken.

„Die andern.“ verbunden mit einer angedeuteten, eher formalen Verbeugung.

„Ich habe heutmoargn gefensterlt“, erklärte sie den Grund ihres Kommens. „Und nun verlangds mi noa a bisserl Zerstreuung. Wemmar da hinunterschaut, wird’s am schleeecht.“

Allgemeine Zustimmung.

„Willkommen im Kreis der Erfolglosen.“ Das war Storm, der Zyniker der Runde.

„Das musst du grade sagen!“ empörte sich Freytag, „grad erst ist wieder dein Schimmelreiter verlegt worden.“

„Oje. Gustl, du mergst nüscht.“ funkte May dazwischen, aber es war bereits zu spät:

Ein weiterer Monolog der Verzweiflung, wie ihn die Runde passagenweise bereits mitsprechen konnte, war fällig – und der große weißhaarige Noardmann legte los:

„Schimmelreiter verlegt… Mögen sie ihn niemals wiederfinden! Ich kanns nicht mehr hören und schon gar nicht sehen, was die da mit meiner besten Novelle veranstalten. Das ist MEIN finales Kunstwerk! Das hat mich die letzte Lebenskraft gekostet – und die – !!!“, wütend zeigte er nach unten, „werfen es 14jährigen Halbfertigen vor! Unbelesen, unbeleckt von jeglicher Lebenserfahrung! Erklärt, NEIN! ZERklärt von Fatzkes und Laffen, die sich dabei fühlen wie Geheimrat Größenwahn da drüben bei den Perückengockeln!“ hierbei wies er abfällig hinüber auf den Gesprächskreis der Klassiker, wo einträchtig Goethe, Schiller, Lessing & Co. beieinander standen. „Und dieses Volk, das wenig liest und nichts begreift, erregiert (entsetztes „Iiiii, na-na-na!“ der Umstehenden) sich an der 3fachen Rahmung und an den eigenen nichtigen Klischeevorstellungen, die sie meinen, in meinem Hauke Hein erkannt zu haben! In meinem neuen Neuzeit-Wotan, dem Schöpfungsschützer!“

„Is ja gut. Theo. Komm runter.“, schaltete sich hier ein seltenes Mal Wilhelm Raabe ein, ihm eine Zigarre anbietend, „von meiner Sperlingsgasse geistern auch noch Fragmente durch die Schulbücher. Ich weiß, wie dir zumute ist. Von meiner Reichskrone spricht keiner mehr.“

„Was soll i do erscht soang!“, pflichtete Heyse bei, „I dürft‘ der vergessenste Nobel-Preis-Träger aller Zeiten sann.“ Aber er lächelte immerhin. „Wenn I oaber seh, woasse aus Storm und Fontane moachn, binni wieda happy! Do vergessts mi liaber.““

„Ja, seien Sie mal lieber froh, dass jenes Zerklärungsschicksal nicht ihr Aquis submersus oder ihren Pole Poppenspähler ereilt hat.“, versuchte sich nun auch Spielhagen einzubringen. „Mit Verlaub halte ich die beiden für ihre besseren Werke.“

Raabe lenkte geschickter ab: „Frau von Suttners Buch hätte spätestens nach diesem zweiten Gemetzel da im 20. Jahrhundert die neue deutsche Bibel werden müssen, aber neh. Stattdessen, lieber Theodor! Blasen se deinen alten Komtessen-Langweiler (Fontane zuckte schmerzhaft zusammen) geradezu zum zweiten oder dritten Faust auf. Als gebe es für moderne Übelstände keine wichtigeren Bücher. Auch Lessings Nathan war als Medizin ja bereits vor der Krankheit da – aber trotzdem konnte dieser missratene Österreicher da machen, was er wollte.“

„Nana, Herr Kollege“, rettete Spielhagen die Situation, „nichts gegen die Effi – ein gutes Buch. Zurecht verehrt. Mit dem Nathan geb‘ ich Ihnen jedoch vollumfänglich recht.“ Fontane bedankte sich durch ein kurzes Kopfnicken in Richtung seines Freundes.

„Die Waffen nieder – geht heuer nimmer, weils die Kriege längst vergessn hoam, die i da beschreib. Venezien-Verlust, Reichseinigung, die eine ÖsterreichimStichLassung war, Pariser Kommune. Jessas-Maria! Spanische Dörfa seins heut oalle mitei’nand.“

„Geschichtslosigkeit triffts eher.“, knurrte Storm.

„Wer seine Jeschichde nich gennd, musse widderholn.“ rezitierte May.

„Sie zitieren Engels?“ Freytags süffisante Miene zog die Blicke wieder auf sich. „ich dächte die Kommunisten hätten doch wirklich genug Unfug verzapft mit ihrer plebejisch-billigen Auffassung Ihres geschätzten Anliegens der Völkerverständigung; Sie „Erfinder der KZ-Methoden“ Sie!“

May grinste ironisch zurück: „Hörich da n vergabbtn Andisemiddn raus? Da hindn spieln groade Deddy Bendorgräss und Jimi Hendrix. Ä Neechergonzert is für unsorehn jetze genau richtich.“

Beide lachen, haken sich unter und ziehen sich in den Hintergrund zurück.

Die Zurückbleibenden sehen ihnen nach.

„Beneidenswert, dies Pfeifenkönnen auf den Nachweltruhm…“, murmelt Spielhagen in seinen Bart.

Von fern hört man „The whole town is laughing at me“ mit den Wah-wah-Solis aus „all along the watchtower“ verziert…

Unverzichtbar II

Heute mal eine Lanze für 5 alte Heroen des historischen Romans.
Bis 1945 hatten sie ein Dauerhoch, dann der Epochenbruch und die Abkehr der Masse von Geschichte im Allgemeinen.

Schuldzuweisungen der abstrusen Art: Die nationalistisch-tendenziöse historische Schreiberei sei präfaschistisch gewesen. Ist das so? Schrieben britsch-französische-amerikanische Autoren anders, wenn es um deren Geschichte ging?

Ich finde, wir schütten das Kind mit dem Bade aus.

Dabei wäre Einfühlungsvermögen in alten Zeitgeist doch gar nicht so unnütz.
Wie glaubten die Autoren des 19.Jh., tickten die Menschen im 12. oder 13. Jhd.? Natürlich deckt sich da die frühmittelalterliche Kaisertreue mit der wilhelminischen. Aber waren die Autoren von 1890 nicht näher dran an 1300 als wir heute? Die Denkweisen waren kompatibler. Der frisch industrialisierte Mensch war noch nicht postmodern. Zum Beispiel erführe man so auch, weshalb unaufgeklärte Gesellschaften sich nicht gleich in die Demokratie beamen, wenn sie mal einen alten Despoten davonjagen.
„Arabischer Frühling!“ Har-har-har! Das Chaos dort war doch erwartbar!

Historisch denken lernen, mit denen hier leicht gemacht:

Platz 5. Paul Schreckenbach (1866-1922), ein schreibender Pastor, der mit viel Lokalkolorit eine Reihe von mitteldeutschen Heimatromanen schrieb. „Die letzten Rudelsburger“ gelten vermutlich als bekanntestes Werk, falls ihn da draußen überhaupt noch jemand kennt. Sein „Markgraf Gero“, „Die von Wintzingerrode“ und „der König von Rothenburg“ haben aber die packendere Story. Mit den „Mühlhausener Schwarmgeistern“ griff er 1917 ein großes zeittypisches Thema auf, starb und hinterließ es unvollendet. Posthum fertig gestellt kam es 1924 doch noch auf den Markt und zeichnet ein sehr negatives Bild von Mühlhausen 1525 während der Thomas Münzer Zeit. Es lädt geradezu dazu ein, Revolutionen zu vergleichen. Vor 1989 in der Ehemaligen natürlich nicht beschaffbar, hab ich’s in den 90ern aufgetrieben und dank frischer Wendeerinnerungen amüsiert gelesen.

Platz 4. Johannes Renatus; in seiner Schreibe dem Schreckenbach sehr ähnlich, erschuf er 1890 den „Rudolf von Vargula“ Roman über den Schenk von Saaleck. Andere Werke von ihm kenne ich nicht. Der Vargula jedoch hinterließ nachhaltigen Eindruck. Da sitzt einer auf der kleineren Saaletalburg SAALECK um 1220 herum und starrt auf die größere – die RUDELSBURG, die er gern hätte. Zeitgleich wird er wiederholt an den Hof des Thüringischen Landgrafen auf die Wartburg beordert und erlebt dort den Untergang der heiligen Elisabeth mit, die mit 14 Jahren verheiratet wurde und so von Ungarn nach Thüringen kam. Das Buch korrespondiert regelrecht mit Schreckenbachs „Um die Wartburg“. Wer beide gelesen hat, zu dem sprechen von Stund an alle Klöster, Dome, Burgruinen in lebendigster Form. Du wirst nie wieder eine langweilige Führung haben, denn während der Guide dich mit nutzlosen Fakten erschlagen will, durchwandern deine Phantasie Elisabeth, ihr arger Beichtvater, ein tumber Landgraf und Rudolf von Vargula….

Platz 3. Ludwig Huna (1872-1945); über den schwieg sich das Internet bis vor kurzem noch komplett aus.
(Inzwischen gibt es ein paar spärliche Eckdaten seiner Laufbahn.) Mein 20er Jahre Reclam-Schriftstellerlexikon kennt ihn immerhin als aufstrebendes Nachwuchstalent. Jedoch sind dort noch nicht seine beiden Großwerke registriert. Eine Jesus-Trilogie, die im Wesentlichen das neue Testament als Roman zu erzählen versucht und eine Borgia-Trilogie, die den Hurenböcken auf dem Heiligen Stuhl um 1500 und Savonarola in Florenz ein Denkmal setzt.
Während der Jesus zeitgeistbedingt kaum veröffentlicht, schon vergessen war, blieben die Borgias sein Dauerbrenner.
Besonders den in sich abgeschlossenen ersten Band „Die Stiere von Rom“ halte ich für den lesenswertesten Roman über die italienische Renaissance.
Zahlreiche kleine Romane erweitern das Angebot und schwanken zwischen unlesbar langweilig und hölzern („Wieland der Schmied“/“Walter von der Vogelweide“) und packend, begeisternd („Wolf im Purpur“/ „Die Hackenberg“)
Der „Wolf im Purpur“ handelt von einem Salzburger Bischof des Mittelalters, der daran scheitert, sein eigens dauerhaft autarkes Ländle zu gründen.
„Die Hackenberg“ wirken wie bei Gustav Freytags „Nest der Zaunkönige“ abgeschrieben, na – sagen wir anverwandelt. Es geht um den Widerstreit zwischen weltlichem niederen Adel und Klerus, sowie ums Überleben der Reste alter heidnischer Traditionen im Mittelalter: Klar – Wotanrenaissance war NS-kompatibel. Der Autor scheint sich anzubiedern. Aber zeigt nicht die Tatsache, auf welche Art und Weise das heidnische Nibelungenlied ausgerechnet in einem Kloster die Zeiten überdauern konnte, dass auch das, was die Hackenbergs ereilt durchaus um 1500 – wie beschrieben – möglich war?

Platz 2. Gustav Freytag (1816-1895), ursprünglich wegen seines Hauptwerkes „Soll und Haben“ und wegen seines Dramenschemas quasi als Goethe II. verehrt, hinterließ mit seinem Zweitwerk „Die Ahnen“ das eigentliche Monument für die Nachwelt. An „Soll und Haben“ spürt man das große Bemühen einen Gesellschaftsroman für die Ewigkeit erzeugen zu wollen. Jedoch mutet vieles darinnen heute verstaubt an. Viel zu brav und bieder handeln fast alle Protagonisten. In den „Ahnen“ ist das anders. Wie der Titel bereits suggeriert, wird eine Familie vom Teutoburger Wald bis in die Restauration nach Napoleon verfolgt.
Hier fällt erstaunlich viel Unangepasstheit auf. Heldenhafte Sich-Selbst-Durchsetzer, den Zeitgeist verkennende auf das falsche Pferdsetzer wechseln mit romantischen Träumern, deren einziges Verdienst es ist, Nachwuchs erzeugt zu haben, damit die Familie weiterlebt…
Wenn man in Amerika Alex Haleys „Roots“ verfilmen konnte, warum dann nicht in Deutschland Gustav Freytags „Ahnen“?

Platz 1 unangefochten: Felix Dahn! (1834-1912) Vermutlich bin ich sein letzter noch lebender Fan. Arno Schmidt machte sich mehrfach über ihn lustig. Schmidt mag ich auch sehr. Ein Widerspruch eigentlich. Aber egal. germania0003
Dahn starb 1912 wie Karl May. Er hatte dasselbe Pech. Hitler mochte Karl May. Die NAPOLA machte Dahns „Kampf um Rom“ zur Pflichtliteratur. Seine Fans kann man sich nicht aussuchen.
Das Buch ist trotzdem toll, in wilhelminischem Zeitgeist geschrieben, inszeniert wie eine Wagneroper, aber nicht faschistisch, beschreibt es den Untergang der Ost-Goten in Italien im 6. Jahrhundert.
Nach 1945 wurde es als Jugendbuch in Westdeutschland wiederaufgelegt und in den 60er Jahren in einer hanebüchenen Superschlechtversion verfilmt.
Dahn; Künstlerkind, Einzelgänger, Geschichtsprofessor und Germanenkenner schrieb wie am Fließband für Wissenschaft und Belletristik. Auf „25 Bände poetischen Inhalts“ brachte es seine schöngeistige Gesamtausgabe von 1905.
Das Panorama der Völkerwanderungszeit zwischen 4. und 10. Jahrhundert feiert hier dramatische Urständ in 20 Bänden. Die restlichen 5 sind Versdichtungen, Gedichte, Sagennacherzählungen.

Diese 5 Herren sind aus meiner Sicht dem Pseudohistorismus der Päpstinnen, Medicusse, Wanderhuren haushoch überlegen.

(Ernstnehmbare historische Romane, die nach 1945 entstanden, demnächst hier.)

Free the nuggets from the past!