Unten im Bunker

Original: Steve Gibbons Band (1977)

dt.Version: Bludgeon (2019)

 

Originalversion anhören hier.

 

Ich gehörte zum Cast dieser Loser auf Zeit

Einsatz weit weg, fordert Tapferkeit

Ich war der letzte von 2001 –

nur lauter Glatte

 

Wir wurden in diese Gegend gekarrt

Wo man sich dann so in Löcher scharrt

Da saß das Mädchen am Bunker

Oh, was für Kurven die hatte!

 

Dann gabs Zunder, Verletzte schrien herum

Erdfontäne, plötzlich schien alles stumm

Das Gras unter mir blutig,

weil ich kein Verbandspäckchen hatte.

 

Ich nahm mich zusammen und schoss nochmal

Leuchtspur gen Himmel – sah in meiner Qual

Den Engel vom Bunker

Oh was für Kurven er hatte!

 

Sie pellten mich aus der Uniform und der Mann im Radio sprach:

„Unsre Verluste sind gering. Wir geben bestimmt nicht nach.

Und Nachschub, der wird kommen…“ , da war ich schon nicht mehr wach.

(Rettet eure Eier! Baut lieber Bunker!)

 

Ich träumte noch von meinem Abiball, ich hatte mich schick gemacht

Doch dann sah ich sie mit dem andern, da wurde es um mich Nacht

Der Alkohol gab mir dann den Rat, den ich dummerweise beherzigt hab:

Werde nun Held! Ab mit dir in den Bunker!

 

Ich gehörte ab da zum Cast der Loser auf Zeit

Der Termin der Entlassung war noch endlos weit

war der letzte von zweitausendeinem!

Unerfahrene Glatte.

 

Doch dann erwachte ich im Lazarett

Die Schwester maß den Puls mir am Krankenbett

Sie war das Mädchen vom Bunker!

Oh was für Kurven die hatte!

 

.

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Binz again

(oder Prora-Klaps 4)

Rügen.

Sommer für Sommer, weil Brüderlein dort wieder Urlaub macht.

Ich fahre unter der Woche und frühzeitig.

Klar. Yes sind wie in den Jahren zuvor dabei. „Heaven and earth“, die viel gescholtene. Passt aber in unsere Zeit. Gibt keinen besseren Soundtrack für eine Ferienfahrt gen Norden. Die Piste ist, wie sie sein muss, wenn Götter reisen, leer.

free bird...

as a free bird flies from the hand

Statt NDW ist dies’Jahr noch Joan Armatrading an Bord. Taking my Baby up town, sozusagen. Hat alles seinen Army-Bezug. Joan Armatrading bei der NVA? Wie das zusammengeht, willste wissen? Wart‘s ab. Ich geh auf Brother to Brother Tour. Music is the best! Und alte Spielhagen-Literatur.

Schon seltsam irgendwie, dass sich der eine Bruder eine Weltecke als Dauerurlaubsort aussucht, in der der andere einst Erfahrungen erfuhr, die ihm den EK-Spruch einbrannten:

„Drei Worte genügen – nie wieder Rügen!“

Eigentlich sollte der Armee-Scheiß dieses Jahr draußen bleiben, wenn ich über Rügen schreibe. Der Prora-Klaps schien geheilt, nachdem sich „mein Trakt“ letztes Jahr in der Entkernung befand und dieses Jahr wohl sicher Steuersparappartmentsilo für Herrn und Frau Irgendwasmitgeld geworden ist. Aber dann überkommt es dich eben doch wieder: Du fährst über diesen neuen Golden Gate Brückenabklatsch auf die Insel und fühlst dich automatisch komisch. Es ist nicht so, dass ich ununterbrochen an SPW und Spieß-Ural denke, aber blitzlichtartig sind diese Eingebungen mit von der Partie, obwohl ich mich doch eher mit vorbeifliegendem Farn am Wegesrand ganz still über Baronessen in Gutshäusern unterhalte, wie sie mein literarischer Hausgott erschuf. Das alte Forsthaus Prora  saust vorbei. Seine burgenartige Protzarchitektur zeugt von der untergegangenen Herrschaftlichkeit des ostelbischen Landadels. Rügen ist irgendwie auch wie Ostpreußen. Man kennt all diese Wehmut-Dokus, die im Laufe der Jahre so über die Bildschirme flimmerten. Alleen, Äcker, (Ur-)Wälder, Bunker- und Schlossruinen. Manche zwischendrin auch mal wieder restauriert. All das hat Rügen auch zu bieten. Und viel hätte nicht gefehlt, als Stalin in Jalta seine Grenzvorstellungen durchdrückte und immerhin schon Usedom sein polnisches Schwänzchen bekam.

Andererseits: Das Förster-Schlösschen lag zu Mauerzeiten im Nichts. Ich sah es zum ersten Mal, als ich auf der LO-Ladefläche ohne Plane mit anderen Glatten im Frühjahr 80 am Sonntagmorgen zu einem Schießplatz gekarrt wurde, um dort das Wegenetz für die „Sommerausbildung“ neu abzustechen. Die Spatensoldaten gab es damals in Prora noch nicht. Glatte haben keinen Anspruch auf Wochenende. Aber es war Frühjahr. Bald ist Mai und die neuen Glatten würden kommen. Das erste Diensthalbjahr war fast überstanden! Das Wetter war prima. Wir Glatten waren, von ein paar Kapos abgesehen, unter uns. Auch die Unteroffiziere schickten zu solchen Anschissdiensten am Wochenende nur ihre Glatten raus. Also die, die noch volle 2 von 3 Jahren vor sich hatten. Die waren glatter als wir, deshalb legten wir unsere Pausen selber fest und die Kapos setzten sich dazu. Keine störenden „Zwischenkotzkeime“ von der Waterkant, die uns in den Unterkünften schurigeln durften. Trotz Schaufeldienst ein Wonnemoment. Es duftete nach Frühling. Die Sonne schien. Glockengeläut von irgendwoher. In Ruhe gelassen werden. Das Schloss von eben fiel mir wieder ein. Rudelsburg und Schönburg „klopfen an“. Von fern bellt ein Hund. Im darauffolgenden VKU (verlängerter Kurzurlaub) werde ich Besitzer der „Heroes“ von Bowie. Die zweite Seite ist fast komplett instrumental. Düster. Dräuend. Irgendwo ganz hinten im Mix bellt plötzlich ein Hund. Woran denke ich, wenn ich sie heute höre? Die Insel „ist ein Teil von meinem Leben“. Wie in dem Song von Transit, nur anders.

DSC02995-002spielhagenSpielhagens Romane haben das aufgefangen. Er wuchs bürgerlich auf in Stralsund und war als Oberschüler oft auf den Gütern seiner Klassenkameraden zu Besuch. Rügen war sein Ausrittparadies. Er wurde zum Chronisten des 19. Jahrhunderts und all der Auswüchse jener Möchtegern-Klassensymbiose zwischen borniertem Landadel und größenwahnsinnigen Gewinnern der Industrialisierung. Seine Werke schaffen die Gratwanderung zwischen intelligenter Gesellschaftskritik und Gutshausromantik. Genau das willst du lesen, wenn du in einer der schönsten Ecken der Täterätätä Ungemach erdulden musstest und dir trotzdem die Gegend an sich nicht miesmachen willst.

Du wolltest nie wieder nach Rügen! 1981. 17 Jahre hats gehalten. Seit 1998 bist du nun aber 6 oder 7x dagewesen. Mit 4 ausgedehnten Stippvisiten nach Prora. Masochistischer Trieb des Unterbewusstseins irgendwie. Nein falsch: Eher Genugtuungssucht! „1-2-3- die Scheiße ist vorbei!“ Sieger der Geschichte sein! Deine Kaserne verfällt! Die Nachfahren der Längerdienenden wackeln hier und da in braunen ASV-Trainingsanzügen in den Vorgärten der Barackenbungalows herum, wohnen da noch, verschneiden Hecken, jäten Unkraut. Jedenfalls 1999. Als ich in einer solchen Einfahrt wenden will, weil ich mich auf der Suche nach „meinem Trakt“ verfahren hatte, steht da so einer mit Gesten des Vertreibenwollens und macht auf dicke Trainingshose. Scheinbar will er mir mitteilen: Mein Touristen-Auto, gebaut vom Klassenfeind, hat in seiner Einfahrt nichts zu suchen! Kuppeln, schalten, Gas geben, lenken. Dann den Finger hoch! „Leck mich, Sacki-Brut!“ Yeahr! Die Wunden von 79-81 gingen da gerade nochmal auf. Aber was für ein Gefühl, wenige Minuten später genau an dem Strandabschnitt zu stehen,

– an dem ich einst Welskopf-Henrichs Spätwerk „Nacht über der Prärie“ las und den „Schnauzer“ und die „Früchte des Zorns“. Beute aus der MHO, die es „draußen“ vermutlich wiedermal nur unterm Ladentisch gegeben hätte;

– an dem ich sonntags mit meinem Plattendealer im Sand lag und Vereinbarungen traf: „Du, besorg mir ma bitte noch die Joan Armatrading.“ (Der einzige Deal, der damals nicht gelang.) Die „to the limit“ ist eine verhexte Platte. Zu Mauerzeiten nicht beschaffbar, danach vergriffen, vor 2 Jahren immerhin in Amazonien downloadbar und nun endlich-endlich erhältlich. (Lach nich‘, Spotyfeixer! DIE musste noch sein! Collecting Records ist eine Kulturtechnik! Das wirst du nie begreifen.)

– an dem es eines Nachts hieß: „Posten 3 hat durchgerissen!“ Rattatatat! Vorkommnis! An der Ostküste von Rügen! Seeseite! Fichten, Farn und Sand. Welche Sorte Feind haucht dort nu‘ sein Leben aus? Die Wachdienstbereitschaft der Kompanie bekommt Alarm. Ein Leutnant mit 6 Mann eilt zum Ort des mutmaßlichen Anschlags auf die Sicherheit der Republik und findet -? – – – Soldat H. auf dem Turm; die Kalaschnikow noch im Arm, fasziniert auf die Büsche neben sich starrend. „Soldat H.! Meldung!“, brüllt der Lolli durch die Nacht. Der Ex-Hilfsschüler mit dem Kinski-Blick, und nunmehriger Angehörige der bewaffneten Organe oben auf dem Turm lehnt sich unmilitärisch über die Brüstung und zeigt ins Farnkraut und gibt strahlend Antwort: „Genosse Leutnant! Ka‘nickels!“ Anderntags sprang der Spieß im Dreieck: (Wachvorkommnis, Kopp voll! Der Spieß muss ein Protokoll schreiben und kann’s nicht; 8 Schuss weniger in der Waffenkammer; Meldung an OvD) „SCHREIBEEEEEE! Mach dat!“ —„Hat der Idiot auch noch mit Feuerstoß geschossen, du!“ „Dat gibt nich! Du! Dieser Idiot!“ „Und ich kann mir die Prügel vom OvD abholn, du!“ „Alles Arschlöcher! Die Wehrpflichtigen! Alle! Du auch, Schreibeeee, du bist auch’n Arsch solange du nich‘ aufkohlst!“ „Schreib Meldung!“ „Aber schreib ja nich von den Ka‘nickeln, du!“ „OvD macht mich zur Schnecke! Was für Idioten bei uns auf Wache ziehn!“ „Lass dir was einfalln, du! Als Protokoll! Und lass das den H. unterschreim, du! Du Soldat du! Oder die Balken* kannste dir nächstn Monat abschmatzn!“

Ich: „Das ist mir -“

„Halt dein Maul, du! Bist genauso‘n Arschloch wie der H.! Sachsen!“

„Der H. is aus der Prignitz, Hauptfeld‘, der is‘ dein Landsmann.“

„Ich hau dir gleich in die Fresse, du! Du redest, wenn du gefragt wirst!“

Ehrendienst. Für’s Leben lernen.

Und nun zivil am selben Strand!

40 Jahre später. Du bist nicht mehr der Spießschreiber eines Vollhonks! Der Block deines Bataillons … Dort gibt’s nichts mehr zu sehen. Da musst du nicht mehr hin!

Rügen ist jetzt nur noch Spielhagen-Eiländ!

Dieses Jahr auf besondere Art und Weise: Ich habe Herschelmanns Burgruine gefunden!

Er präsentierte sie hier. Ich wollte dahin! Selber-Knips!

sdr

Die Zehren-Burg?

Auf seinen Tipp hin, fuhr ich nach Dranske. Da, wo die Insel ihr Ende hat und Hiddensee fotografiert werden kann. An einem Tag mit KEINEM Badewetter. Also alle Touris nicht am Strand, sondern on the Road. Kollaps in beiden Richtungen. Bin dem Schicksal doppelt dankbar, dass ich kein gebürtiger Rüganer bin. Du kannst vor Touristen nicht treten – und schon gar nicht fahren. Und manche versuchen‘s dann noch in konstanter Boshaftigkeit als Radfahrer! Auf’ner Insel ohne Radwege! Leitplanken beidseitig. Alleenschutz. Bummelei somit Notwendigkeit. Tatütata von hinten? Nix Rettungsgasse. Biste ernstlich krank, haste verlor‘n. In Dranske such ich nach Einheimischen und gerate an Schweden, Wessis und Holländer und schließlich an eine freundliche tschechische Kellnerin. Ich zeige ihr das Herschelmannsuchbild. Nix Auskunft. „Wenn Sie das gefunden. Schreiben Sie mir Mail bitte? Mich interessiert das auch.“ Sie räumt ab und kehrt zurück mit ihrer Mailadresse auf’nem Zettel. Wow! Sachen gibt’s! Ich hielt Wort.

Dann gehe ich ins Gemeindeamt und dort endlich – ein Eingeborener! Zivilisiert. Kein Fischbein in der Nasenscheidewand, kein Sachsen-Knochen im Haardutt, keine Anker-Ohrgehänge, einfach ein End50er in Zivil. Freundlich und mitteilsam. Der erkennt das Bild sofort und erklärt, dass ich die ganze Hammeltour von Binz hierher umsonst gefahren bin, denn die Ruine steht – ganz woanders. (Danke Jürgen! Grummel-grummel!)

Also zurückfahren und dann rechts weg. Komisch freie Straße plötzlich. Zweimal an der waldigen Abfahrt vorbei gerauscht deshalb; dann doch gefunden.

SA-GEN-HAFT!

dav

out of the tunnels mouth

Und fast keine Leute da! Deshalb bleib ich mit genauerer Ortsangabe mal sicherheitshalber auch im Ungefähren. Kann ruhig noch ein paar Jahre Geheimtipp bleiben. Kannst ja auch nach Dranske fahren, wennde hinwillst!

Ich steige aus dem Auto, gehe ein paar Schritte ins Grüne und stehe mit eins vor der Burgruine, die ursprünglich ein Wasserturm gewesen ist, der bis in die DDR-Zeiten funktioniert hat. Bei Herschelmann steht, dass ein Eisenbahnmagnat das Ding kurz vor 1900 finanziert haben soll. Das brachte mich auf die Spielhagenfährte, weil dessen Halbbruder in preußischem Auftrag Schienen durch Thüringen verlegte und reich wurde. Der hatte mit Sicherheit ebenfalls diesen Stralsund-Bezug wie der große Poet, und somit die Verbindung zu den Junkerfamilien der Insel.

Noch besser aber ist, dass der Turm praktisch der Eingang zu einem wildromantischen, versteckten Park ist, indem eine Baumgruppe existiert, die krüppelig verwachsen ein natürliches Laubzelt bildet, unter dem gepicknickt oder gefeiert werden könnte. Spielhagen beschreibt in seinen Romanen des Öfteren solche Soireen von Adelsfamilien an lauschigen Plätzen; an Hünengräbern oder unter Urwaldriesen. Meist ist dann ein Gewitter im Anzug und die Katastrophennachricht, die wie der Blitz einschlägt und einen Teil des Figurenensembles in den Ruin stürzt. Spielhagen muss hier gewesen sein! Hier hat er zu Abi-Zeiten um 1847 herum als Feriengast des „jungen Herrn“ gefeiert, getanzt, begehrlich in den Nackendutt der ein- oder anderen Komtesse gestarrt und sich standesbewusst die Annäherung verkniffen! Vielleicht aber saß man auch in späteren Jahren hier zusammen, als die Nachricht von der Lasker-Rede eintraf, die 1873 die Gründerkrise auslöste?! Brauerei- und Eisenbahnpleiten massenhaft!

Ruine der Zehrenburg

…seine Schritte führten ihn zum Ort der alten Geschehnisse…

Wüsste man nicht, dass der Wasserturm von 1895 ist, dann könnte man die Ruine für die Zehren-Burg halten, in der der letzte Raubritter Rügens um 1833 als Pascher-König zur Strecke gebracht wird. „Hammer und Amboss“ erzählt davon.

Eventuell wollte jener Eisenbahngeldhai, als er vom Gastgeber einst unter das Laubzeltdach geführt wurde, auf eben jene Von-Zehren-Episode Bezug nehmen, seinen nun schon angefeindeten Dichter-Bruder ehren? Unterhalb des Hügels liegen Gebäude verstreut, deren einheitliche Gestaltung die Reste eines Muster-Gutes ahnen lassen. Das war 1895 sicher noch intakt!

Wieder beim Auto bemerkt Bruderherz den vielen Rhododendron in der Buschanei am Wegesrand. Kulturpflanze in der Wildnis! Das muss eine Geschichte haben! Wie kommt der hier her? In dieser Zahl! Wer kam auf die ursprüngliche Idee? Wann? Aus welchem Grund? Welche Baroness tröstete sich so über verordnete Gattenwahl hinweg? Eine Melitta-Pflanzung? Oder eine Happyend-Feier a la Edith? Bruder und ich folgen dem Pfad zu Fuß ein Stück. Nächste Überraschung: Ein Gutshof in der Wildnis. Top restauriert. Neues Tor. Privat. Kein Zutritt. Kein Namensschild.

Ich weiß trotzdem, wer da wohnt. Der Geist Spielhagens. Alles, was er schrieb, ist hier zum Greifen nahe! Sehe ich nicht schemenhaft seinen weißen Bart dort oben am Fenster? Sonnenstich.

(Gottlob hab ich nicht gegoogelt, denn dann erfährt man, dass das ganze Phänomen dort angeblich erst aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts stammt. Zerplatzt wäre der Tagtraum.)

Wir fahren zurück. Der Tag geht zur Neige. Brüderlein fühlt sich nicht und zieht sich bald nach dem Abendbrot zurück. So absolviere ich den abschließenden Strandspaziergang allein. Schiffe am Horizont. Dämmerlicht. Ian Hunter Stimmung:

„We walked to the sea, just my father brother ’n‘ me
And the dogs played around on the sand…

We’re two ships that pass in the night

We both smile and we say it’s alright
We’re still here, it’s just that we’re out of sight
Like those ships that pass in the night“

 

Am Horizont dräut der Küstenstreifen von Prora herüber. Nur, wenn man’s weiß. Alle andern sehen ein schwarzes Ufer-Band. Die Fichten verbergen den Koloss. Gut so.

Zurück zu, auf der totschicken Uferpromenade vermischen sich mir erneut die Zeiten:

…sah früher nicht so aus… 1980 waren das dieselben Häuser mit denselben Balustraden, aber das saubere Weiß war grau und schmuddelig… streifenweise lösten sich alte Farbanstriche von den Veranden… Klar, Meerseite eben… aber warum hat man das jetzt im Griff? Ich höre im Vorbeigehen babylonische Sprachenvielfalt, italienisches Gelächter, englisches Palaver, ein Alleinunterhalter plärrt „Jugendliebe bringt…“, scheinbar gar nichts, denn ein Teenieweibchen bockt auf Schwedisch „Pö!“, ihre Eltern winken genervt ab, als die ca. 15jährige plötzlich wieder wie mit drei die Arme vor der Brust verschränkt und stehen bleibt; anderen Passanten zum Hindernis. Schoßhunde beschnüffeln sich trotz Leine. Kleinkinder bekommen ein spätes Eis spendiert. Ich sehe Gestalten, die wie Rapper aus der Bronx der 90er wirken wollen: Wampe, Lumpenlook und Basecap; eine Flosse am Handy, die andere am Dosenbier – und sich beim Näherkommen als Russen entpuppen. Ich biege in Seitenwege ab und meine mich prompt selber wieder in Uniform zu sehen. Auf Ausgang im Frühjahr 1980. Den Nuttensattel* auf dem Kopp, die Hände in den Taschen, die linke am Schlüsselbund mit der Zwio-Spange*, die rechte hält das Koppelende. Die Schnalle schleift im Dreck. Irgendwie musste man ja seine Verachtung für den ganzen erduldeten Scheiß mal rauslassen. Hätten das die Falschen gesehen und mich verpetzt – o Mannomann, da hätte der Spieß seine Freude gehabt… Glück gehabt!

davKann ich wirklich in Binz keine 3 Schritte gehen, ohne dass mir wieder Schulterstücke wachsen? Cut! Ich zwinge mich an den Ausflug vom Nachmittag zu denken. Die Ruine! Das Laub-Zelt! Es gelingt! Friedrich, alter Retter! Zauberst mir im Handumdrehen angenehmere Erinnerungen her – an Eleonore Ritter, das schiefe Klärchen, die arrogante Konstanze, die liebe Hermine, die kluge Paula, die schöne Edith, die tapfere Hedwig und sie – Melitta von Berkow. Ob Aschenbecherfrisur oder gezopfte Kunstwerke – weiße lange Gewänder schweben unter Sonnenstrahlenbalken zwischen Rododendronbüschen herum, tanzen Walzer unterm Blätterdach, während ich in einer Art Romantik-Trance wieder in Strandnähe ankomme und Prora hinter mir in Dunkelheit vergeht.

 

dav

far far away

Worterklärungen – Landser-Jargon:

– Balken abschmatzen = die Gefreitenbalken für Schulterstücke gibt’s nicht; du bleibst Soldat
– Nuttensattel = Teller-Schirmmütze der Ausgangsuniform wurde einmal quer geknickt, bzw. die Seiten mehrmals nach unten gebogen, damit der vordere Teil mit dem Eichenlaub-Emblem hochstand und im Seitenprofil annähernd eine Sattelform entstand, ähnlich den Generalsmützen der Wehrmacht.
– Zwio-Spange =eine Plastekralle(eigentlich für Gartenschläuche oder Heizrohre) die man ab 7.Monat besitzen durfte und in die zu Beginn des 13.Monats das zusammengerollte Bandmaß zum Tage zählen eingequetscht wurde; Zwio = Kurzform von Zwischenhund.
– Glatter = 1.Diensthalbjahr
– Zwio/Zwischenhund/Zwischenkotzkeim = 2. Diensthalbjahr
– EK/Resi = Entlassungskandidat/Reservist = 3.Diensthalbjahr

 

 

Parabelritters Sternenklang

Woran merkst du, dass der Alterungsprozess nun unwiderruflich eingesetzt hat? Du hast endlich die Million auf dem Konto? Du bekommst eine fragwürdige Diagnose bei der Vorsorgeuntersuchung? Du magst plötzlich SUV’s „wegen dem hohen Einstieg“? Du beneidest den Wendler? – Nein – das ist es alles nicht. Ich sag dir, worüber du erschrecken solltest, wenn du zur Generation „Babyboomer“ gehörst: Du interessierst dich plötzlich für Wishbone Ash!

Alarmsignal! Die waren gitarrentechnisch zwar immer gut, hatten oft auch brauchbare Texte (wenigstens, was die 70er Jahre ihres Schaffens betraf), aber die hatten auch immer schon diesen Weicheiergesang, der aufkommende Begeisterung nie recht überkochen ließ.

„Wie issn deine Wishbone Ash Live Dates?“ fragte ich einst den Sperber-Thomas.

„Hm, naja, irgendwie wissense nich, ob se Eagles oder Led Zeppelin sein wolln.“

Ich borgte sie mir trotzdem. Wir schreiben das Jahr 1983. Rumsplautz-Zeiten; international Phil Collins Ära. Zu Hause Spliff und Mitteregger. Da klang fast alles von vor’75 antiquiert! Somit zündete der Doppeldecker der „Wunschknochenasche“ bei mir auch nicht so richtig. Ich kürzte die Angelegenheit auf 45 Minuten. Mehr Tonbandplatz wollte ich nicht opfern; und war’s zufrieden.

Bis auf eine Handvoll Songs der „Front Page News“ LP kannte ich zuvor nichts von denen. Weil nun aber „In the fire the king will come…“ und „Through down your sword“ diesen Historien-Touch hatten, bekamen sie diese „unter ferner liefen“ Chance. Aber die Botschaften hätten einen Cocker, einen Noddy Holder oder einen McCafferty am Mikro gebraucht! Naja.

Dann gingen die Jahre so drüber hin.

Mit nicht ganz 60 spürst du mehr und mehr, dass dir der Job zum Halse -äkmh- alles abverlangt. Dass du die CD auf dem Weg zur Arbeit wochenlang nicht mehr wechselst, weil du entweder gar keine Mugge mehr einschaltest, oder sie auf „Zahnarzt-Wartezimmer-Beschallungslevel“ leise laufen lässt und somit eh scheißegal ist, was läuft. An den Standort der Anlage im Arbeitszimmer kannst du dich kaum noch erinnern. Da naht endlich die Urlaubszeit und du zwingst dich zum Aufrappler: Ein Cut muss her! Irgendwas, was noch interessant genug ist, ergründet zu werden und die jüngste Vergangenheit verdrängen hilft.

Nun ist die derzeitige Musikszene ja eine echt eierlose Angelegenheit. Glaubst du jedenfalls. Was dir auf unvermeidbar langen Pflichtbustouren so im Dudelfunk geboten wird, gleicht akustischer Körperverletzung. Einen Überblick über spätabendliche Kennersendungen hast du längst nicht mehr. Internetradio? Zu kompliziert, die richtige Sendung a) zu finden und b) zum Laufen zu kriegen, ohne gleich wieder den halben Gombjudor ummodeln zu müssen. Also streife ich so durch Angebote diverser Online-Anbieter von mehr oder weniger bekannten Namen „meiner Zeit“ und lande bei – Wishbone ash. davDa gibt es plötzlich eine live-Geschichte von der „Front page news tour“ – „Glasgow 1977“! Peng! Und die hat „Front page news“, „Come in from the rain“ und „Good by Babe, hallo friend“ im Gepäck! Soundtechnisch sehr okay! Und um die Sache rund zu machen, und weil die „There’s the rub“ gerade nicht erhältlich ist, gibt’s die „No smoke without fire“ gleich mit dazu, weil unter den Live-Bonussen, der „Bad Weather Blues“ schon in den Hörproben gut losgeht. Als das alles ankommt, gefällt es und ich beschließe, den Sommer zur Wishbone-ash-Saison werden lassen zu wollen. Verblüffenderweise stört der Gesang gar nicht mehr so sehr wie früher. Aber:

„Da machst du einen Plan und bist ein großer Wicht. Dann machst du noch’n Plan – gehen tun beide nicht.“ (Brecht).

Es sollte anders kommen.

Der zweite Plan sah vor, eine bescheidene Kurzurlaubsfahrt nach Weimar zu unternehmen. Nicht wegen Goethe; nicht wegen Schiller und auch nicht wegen dem KZ, – sondern als quasi Relaxing-Tour für zwei abgekämpfte Werktätige, die sich bei hoffentlich schönem Wetter stressfrei von Café zu Café die Schillerstrasse hoch und runter arbeiten-, durch den Ilm-Park schlendern-, vielleicht ne ihnen unbekannte Burgruine sichten und durchstreifen wollten; und als Höhepunkt das „Blackmore’s Night“ Konzert von Merseburg noch mitnehmen. Töchterlein hütet dankeswerterweise Haus und Hund, der langsam in die Jahre kommt, wo diese Hitze-Marathon-Touren vermieden werden sollten.

btyRichie Blackmore ist nun nicht gerade eins meiner Idole gewesen, aber er gehört schon auch noch zu den „still standing Heroes“ der großen Zeit der Rock-Ära. Seine Entscheidung, vor Jahren den Selbstkopie-Bettel bei Deep Purple hinzuschmeißen, sich Wendler-mäßig familiär neu zu orientieren und mit Ehefrau Nr.4 dieses „Ougenweide 2.0“ Ding durchzuziehen hatte was und war auch eine. Candice Night ist stimmlich so dieses Mittelding aus Maddy Prior und Annie Haslam und äußerlich ne Stevie Nicks. Dass die Liaison schon 20 Jahre hält, erstaunt mich, als sie’s erzählt. Youtube hat reihenweise Livemitschnittschnipsel von Auftritten in Burghöfen – und da passte der von Merseburg wirklich sehr gut dazu.

Aber meine Laune nicht. Von Stressfreiheit war bis eine Minute vor Konzertbeginn nichts zu spüren. Diverse Kapriziösen trugen sich zu und mussten trotz innerem leerem Akku verdaut werden, so dass ich schließlich erschöpft am Rand auf so einer eisernen Kellerfensterabdeckung saß und mir die historische Kulisse und der „Weimarbackground“, von dem wir kamen, lediglich noch das Götz von Berlichingen Zitat eingab. Und zwar auf die ganze Welt bezogen! Das „Runterkommen“ dauert eben. Nicht umsonst schreiben sich Journalisten aller einschlägigen Onlineportale zu Saisonbeginn die Finger wund: „Warum uns die ersten Urlaubstage überfordern“. Diesmal war ich mit von der Partie.bty

Das Konzert selber war wohl ein gutes. Halbe Stunde zu spät begonnen, aber dann 120 Minuten gute Musik. Candice Night moderierte reichlich zwischen den Songs, hielt ihren alten Mann bei Laune, der manches Stück nicht – oder noch nicht spielen wollte… Richie eben. Manche Dinge ändern sich nie. Brennende Boxen schmiss er keine mehr ins Volk. Dazu hätte er aufstehen müssen. Und wenn wir in unserem Alter einmal sitzen – dann sitzen wir!

Nächster Tag – nächstes Problem: Da war noch ein anderes Konzert zu absolvieren!

Den Tipp dazu verdanke ich der Tatsache, dass ich seit einiger Zeit ganz gerne dem „Dunklen Parabelritter“ auf youtube ein Ohr leihe. Der erinnert mich so an – dies und das.

Und eben der plante nun überraschenderweise ein Rockfestival zu stemmen – in Weimar-Nähe.

Die Idee „Sternenklang-Festival“ war geboren, der Vorverkauf lief bereits einige Zeit und zu den Bands, die man als Anfänger nun mal so zu seinem ersten Event einlädt, gehörten – HAGGARD!

Wenn mich nun, da alle meine Helden tot oder doch vom Tode gezeichnet sind, noch irgendein Name zu einem Festival zieht, dann der!mde

Problem: Als Ex-Pogo-ist VOR-, und arrivierter Herumsteher SEIT der Wende, in diversen Hallen der Republik, wusste ich: Wenn die Guitarrrrr zuschlägt, dann gehen die Frauen! Und ziehen mehr oder weniger bramsigen Blickes ihre Kerle mit – ganz nach hinten oder gar gleich nach Hause. Ich war deshalb wohlweißlich eher allein „bei sowas“. Aber diesmal ging das nu nicht. HAGGARD genießen, ohne sich hinterher scheiden lassen zu müssen, erwies sich als Herausforderung. Zumal bei 35 Grad! Und mit immer noch leerem Akku auf beiden Seiten der Bludgy-Family.

Doch siehe – der HERR hatte ein Einsehen! Er ermöglichte ein Wunder!

Problemlose Anfahrt zur Niederburg bei Kranichfeld, stressloser Einlass und ebensolch stressfreier Erwerb einer dritten Karte für meinen „aus dem Westen zurückgekehrten“ Sohn, schattige Plätze im Burgbereich, Kennergespräche über Mittelalterkampftaktiken in Film und Realität, Cateringstände in ausreichender Zahl. Nirgends langes Anstehen. Die gute Laune aller übertrug sich bzw. stärkte die eigene.

Zu nachmittäglich früher Stunde krawallten gerade „Vogelfrey“ mit erstaunlich gut verstehbaren Texten. Die Technik-Crew also musste was draufhaben. bdrNach einer Akklimatisierungspause im Schatten, beim „Heerlager“ der Reenactment-Truppe, gehen die männlichen zwei Drittel der Family doch mal gucken und gewahren, dass die Freilichtbühnen-Sitze unbesitzbar sind. Die Latten fangen jeden Moment Feuer. Folge stundenlanger Bestrahlung nahe der 40 Grad. Rund hundert Leute drängen sich unter die Büsche am Rand. Wir finden auch noch einen Platz.

„Vogelfrey“ sind ne ganz unterhaltsame Entdeckung für mich. Eine Mischung aus „Subway to Sally“ und „Knorkator“ irgendwie. Hörenswert ihre Coverversion zu einem Text „eines Gedichtes eines großen Dichters des letzten Jahrhunderts, das da heißt: Was kostet der Fisch?!“ How much is the fish auf Latein und mit Tröte zu Heavy-Guitar und Brutalo-Barbie-Cello? Geil!

Im Anschluss machen wir ne weitere notwendige Getränkepause im Schatten. Alle Getränke zu 4 Euro. Die Bierwageninhaber fahren hinterher Rolls Royce! Ein bissl Essen – trotz des Tropentages – muss dann auch noch sein und irgendwie vergeht die Zeit bis um 19: 00 Uhr, leider immer noch im Hellen, die große Stunde schlagt: Haggard-Auftritt. Geschafft!

Bei den ersten Stücken knallt die Sonne noch immer auf die Ränge, dann endlich erreicht sie den Wipfel des großen Baumes hinter der Bühne, eines wahrlichen Jahrhundertriesen, dessen Wipfel uns im Weiteren vor ihren Strahlen schützt. Schlagartig werden auch die Handyfotos besser.

Haggard! Da dreh ich innerlich jedes Mal vor Begeisterung durch! Dieses Projekt! Es vereint meine Ritterburgen-, Historienschmökerleseexperience-, Saaletalerinnerungen-Prägung musikalisch auf dem Punkt! Nebenbei lernste auch noch so allerlei über Nostradamus, wenn du einmal bei denen am Haken hängst! So viele Leute! Die so lange durchhalten! 18 Mann im Studio; 10-12 bei Live-Gigs. Das kann sich irgendwie nicht lohnen, mit so wenig PR, wie bisher. Warum haben die kein Management, dass sie pusht?! Haggard um 19 Uhr im Hellen und Corvus Corax als Headliner 21 Uhr im Dunkeln. Verkehrte Welt. Was kann besser sein als Haggard? Wir fahren nach dem Auftritt bereits heim. Man soll den Bogen nicht überspannen – und nach Haggard kann nichts Besseres kommen!

Aber: Sie spielen hier 90 Minuten! Bei dem Massenangebot an Bands, wäre zu befürchten gesessen, dass ihr Auftritt kürzer ausfällt. 2006 beim Rockharz-Festival sah ich sie ebenfalls als Vorband unerheblicher Nachfolger und nur mit einem 45 Minuten-Gig! Headliner waren damals Saxon mit so einem AC/DC-für-Arme-Sound. Davon taten wir uns nur 3 oder 4 Songs an und gingen lieber schlafen vor der anstehenden Heimfahrt.

Zum ersten Mal live sah ich Haggard 2005 in Flensburg. Da musste man sich sogar ängstigen, ob die überhaupt auftreten, so wenig Leute waren da, als der Einlass begann. Es läpperte sich damals laaaaangsam im Laufe der Zeit auf vielleicht 120 oder 150 Leute. Und 10 Mann auf der Bühne + Road-Crew! Eintritt damals moderate 25 Euro. Das kann sich nicht rechnen!

Während ich so dasitz‘ und genieße, fällt mir auf, dass ich alle 3 Haggard-Gigs nu mit meinem Sohn absolviert habe. Und er musste in allen 3 Fällen nicht gezwungen werden! Hey, sagenhaftes Gefühl! Der innere Akku beginnt mit der Aufladung.

digRückfahrt nach Weimar ins Hotel. Der Sonntagmorgen ruft unsern Sohn in den Westen zurück. Wir, die beiden Alten schlendern von Café zu Café. Beim Abendbrot am Frauenplan, vor dem Goethehaus, dann noch ein Straßen-George-Benson, der den ganz sanften Blingggg hinbekommt.  Die Leute glotzen ein bisschen, als ich ihm einen 5 Euro-Schein in den Koffer werfe. Auch er sorgt dafür, dass der Akku lädt.

Wieder daheim sind Wishbone Ash vom Tisch, bzw. aus‘m Player. Haggard-Revival! Nahezu Übermut. Voll ist der Akku noch nicht wieder, aber der Ladevorgang läuft. Sommer 2019? Alles wird gut!

Dank Alex, dem dunklen Parabelritter.

Viel Erfolg mit dem Sternenklang-Festival 2020.

 

Wieder dieser Moment…

…wenn Realsatire entsteht.

Eigentlich wollte ich die Frage in den Raum stellen:

Wie lange wird es dauern, bis wir lesen müssen, dass….

https://www.zeit.de/2019/28/eu-kommission-ursula-von-der-leyen-christine-lagarde-europa

… aber da war Krupa schneller. Qualitätsjournalismus eben!

Es darf überlegt werden:

Was will uns dieses rotztutendoofe Dauerargument „Frau“ eigentlich mitteilen?

Wäre die DDR mit Margot an der Spitze eine bessere gewesen?

Ich verkneif mir die Vergleiche mit den Zeiten zuvor.

Schere im Kopf in „jetzig Zeiten“ – wieder.

 

Paradise without dashboardlights

Zu Pfingsten war ja wieder Oldtimertreff in Paaren Glien. Aber keine Zeit, die Eindrücke zu beschreiben:

Am besten wär ja, man hätte Platz und einen Carport, oder eine Garage in sicherer Grundstücksumgrenzung. Dann könnte man sich so ein Sommer-Tour-Spielzeug in echt hineinstellen und hoffen, dass man immer die Teile auftreiben kann, die nun mal verschleißen.

Die Alternative ist – ein möglichst echtes Modell von damals in deutlich kleiner zu erwerben, es im Bücherschrank zu parken und die Ferienphantasie alleine auf die Reise zu schicken – wayback to the innocent age…

30 Jahre hats gedauert, dass die Modellanbieter nun außer dem Trabbi auch die überfälligen anderen Ost-Legenden im Sortiment haben: Sogar Seltsamkeiten, wie den P70 Kombi hab ich gesehen! Dafür fehlte der Wartburg-Lumumba.

Aber meine alten Legenden ranken sich um ihn hier:

 

 

Lotte

Sommer. Sonne. Klimawahn? Klimakatastrophe? Iran-Krieg-in-Sicht-Krise? Volksparteien-Agonie? Her mit dem Idyll! Tauch mit mir ab in „bessere Zeiten“, als Probleme noch lösbar waren:

Back to the summer of love! Und back to Frohburg!

Seit ich denken kann, steh ich auf altes Zeug. „Du Altertumsforscher“ nannte mich Vater frühzeitig. Bleisoldaten waren anziehender als Plaste-Indianer. Aber ihre Zahl wuchs nur langsam und als sie endlich für ein ansprechendes Schlachten-Diorama reichten, war ich in der 6. Klasse und die „Spielzeit“ nahezu abgelaufen.

Günter, der klügste unter den Sitzenbleibern meiner Klasse, hatte Lineoltiere, -indianer und -soldaten. Letztere mit Pickelhaube und Stahlhelm. Dazu rot-blaue Franzosenfiguren von 1870/71. Beneidenswert. Unverkäuflich! Er kannte sich mit sowas aus. Leider. Schade.

Das Schielen bescherte mir nicht nur ein Pflaster auf dem linken Brillenglas und eine Augen-OP, sondern auch zahlreiche Fahrten zum Augenarzt nach Leipzig, die einige Male in Lützen unterbrochen wurden: Gustav-Adolf-Gedenkstätte. Drei Kolossalgemälde: Der König betet vor der Schlacht; der König im Getümmel, die Auffindung der Leiche des Königs nach der Schlacht. Eine Ritsch-Ratsch-Knall-Kriegskassentruhe und schließlich ein Zinnsoldaten-Diorama im Schloss.

Von daher hatte Omas Bodenkammer ihren Magnetismus. Die Schräge, die Balken, der abgeplatzte Putz, der Mauerwerk freilegte, die Spinnweben, drei große schwarze Truhen – buchstäblich alles schrie hier: Schatzversteck!

Irgendwann hatte sie mich mal mit auf den Dachboden genommen zum Wäsche aufhängen. Die Wäscheklammern lagerten in eben jener Bodenkammer. Sie schloss auf. Ich stand in der Türe – und: „Wooooow!“

Truhen! Wie in Lützen!

„Oma? Wassn da drinne?“

„Alter Krempl von früher, als unse Viere noch klein waren.“

„Und in dem Schrank?“

„Das ist ein Spind. Gibt’s heute nur noch bei der Armee. Kannste ma sehn, was wir für arme Leute warn, nachm Kriege. Das war unser erster Kleiderschrank, als wir hier ankamen und keine Möbel hatten.“

„Und was is drin?“

„Nix. Guckok rein.“

Verschlossen war er nicht. Ein paar Lappen, ein Blechabzeichen zu Ehren des ersten 5-Jahr-Planes der DDR, ein paar Münzen „5000 Mark“ von 1923.

„Sind die echt?“

„Warnse mal.“

„Kannich dafür Eis kaufen?“

„Nein. Nicht mehr. Die gelten nicht mehr.“

„Krieg ich die?“

„Wozu denn?“

„Als Spielgeld. Schatzgeld.“

„Na, wenn de meinst!“

„Gucken wir mal in die Truhen?“

„Nein. Hab grade den Schlüssel nicht mit. Später mal.“

Später mal. Wann ist das? Nachher? Heute Abend? Morgen vor dem Frühstück? Eine Stunde kann endlos sein – für einen 7jährigen!

Am nächsten Tag zu Mittag hatte ich Oma weichgebettelt und sie mich erpresst:

„Wennde heute zu Mittag wirst schön geschlafen haben, gehmer nauf. Aber schlafen! Hörste! Ohne Gezeter!“

Ich biss mir auf die Zunge. Nach dem Essen ging ich also diesmal ohne Kampfdiskussion ins Schlafzimmer, legte mich ins Bett und starrte einmal mehr „Jesus im Kornfeld“ an.

dav

Oma ließ einfach nicht locker mit diesem Scheiß-Mittagsschlaf! Als nach schier endloser Zeitspanne die Schlafzimmertür ging, stellte ich mich schlafend, ließ mich wecken und fragte blitzschnell:

„Gehmer jetz? Aufn Boden?“

„Erst trinkmer noch Kaffee.“

„Oooooch. Will kein Kakao.“

„Ä Stickl Kuchen wirst scho essen. Musst doch groß und stark wern. Dirrrländer du!“

War nix zu machen. Oma verzögerte das Wiedersehen mit der Schatzkammer.

Dann war’s endlich soweit. Oma öffnete die Kammertür. Der Schlüssel war groß und alt. Der Kerkermeister von Ritter Runkel kam mir in den Sinn. Der hatte einen ganzen Ring solcher Unikümer am Gürtel hängen. Ich stürzte siegesgewiss hinein und kletterte auf die erste Truhe vor dem Kammerfensterchen um hinauszugucken.

„Ooooor! Ist das hoooooch!“

„Ja aber das Fenster bleibt zu! Hearst?“

„—-“

„Hear ogke! Sonst gehmor gleich wieder runter!“

„Ja“, und Augen verleiern. Oma war auch in der Wohnung unten von der fixen Idee besessen, ich würde prompt aus dem Fenster fallen, sobald ich nur einem zu nahekam.

Zwischen den Truhen stand – SIE: Eine Plüsch-Kuh auf 4 Rädern. Eine Achse zwischen den Voderbeinen, eine zwischen den Hinterbeinen. Der Rücken stark durchgebogen.

„Das is Lotte. Auf der is deine Tante Gisa geritten.“

„Könnwer die mit runter nehm?“ und eh irgendein Bedenken von erwachsener Seite kommen kann, setzte ich lieber gleich noch nach: „Die braucht Hilfe. Guck mal – der Rücken.“

„Ja. Der ist gebrochen. Vielleicht heilste den ja wieder, so als kleiner Tierarzt.“

Totsicher!

Ich hatte die Kuh bereits unterm Arm, da fiel mir beim Rundblick auf die 3 großen Truhen wieder Lützen ein.

„Oma?“

„Was ist denn noch?“

„Könnwerma in sone Schatztruhe gucken?“

„Da sind keine Schätze drin. Das sind Koffer. So reiste man früher.“

„Oma! Du willst mich veräppeln!“

„Wieso?“

„Wer solln die tragen? Opa ist zwar groß und dick, aber drei of eehmal krichd der ooch nich weg.“

„Musste er auch nicht. Früher gabs dafür Fuhrknechte und auf den Bahnhöfen Gepäckträger.“

Ich schüttelte allwissend den Kopf. Vermutlich redet Oma grade „wunderlich“ wie Großmutter manchmal.

 

 

Gepäckträger sind so Drahtvorrichtungen an Fahrrädern. Und bei Oma liegen nun die Bahnhöfe voller abmontierter Gepäckträger und das hilft Truhen in die Waggons zu wuchten? Das ist Quatsch! Aber nicht verärgern. Immerhin darf ich ja schon die Kuh retten.

Also diplomatisch:

„Aha. — Guckmer numa rein in so einen „Koffer“? Nur in einen! Ja? Bütttö!““

Oma guckte nun wieder ganz gewitzt und holte aus der Schürzentasche noch so einen Kerkerschlüssel, steckte ihn bei der am freiesten stehenden Truhe ins Schlüsselloch und schloss…

Ich wartete auf den Schließkrach, aber die Truhe ließ sich geräuschlos öffnen. War ja auch keine Kriegskasse, wie in Lützen. Schade. Deckel hoch: Lauter zusammengelegte Laken oder Tischdecken.

Oma wollte den Deckel gleich wieder zukippen, da hing ich schon drin und grub mit beiden Händen zwischen den Stapeln. Ich war drauf und dran, ausräumen zu wollen, um „der Sache auf den Grund zu gehen“, aber Oma befahl:

„Schluss! Das wirbelste mir nich ausnander! Da is nüschd dunter, glaubsok nur!“

Sie zog mich Fliegengewicht weg und rumms knallte der Deckel zu.

„Reicht für heute. Du musst die Kuh noch füttern.“

Stimmt.

Truhe und Kammer wurden verschlossen und ich kümmerte mich um Lotte.

Zu diesem Zweck eilte ich in den Garten, riss ein paar Grasbüschel mit Löwenzahn heraus und wollte die Kuh füttern.

„Halt mal!“ fing mich Oma im Flur ab.

„In die Küche! Das musste erschd putzen! Dreck frisstse nee!“

Mist! Stimmt och wüddor.

In der Küche wurde das Wurzelwerk samt eventueller Ameisen abgeschnitten und dann das Grüne neben dem Sofa auf die Dielen geschmissen, direkt vor Lottes Maul.

„Oma! Wir müssn in die Stadt. Knete kaufen.“

„Wieso’n das?“

„Na sie frisst ja. Da wirdse bald scheißn. Da muss ich’n Fladen basteln.“

„Hm. Brausde nee.“

„Darf ich Eierpampe nehm?“, aber ich korrigierte mich gleich selber: „Auf den saubern Dielen?“

„Von Tante Gisa is noch Löschpapier im Schreibtisch. Spring ok hie. Das is braun, das knüllmer und legns hinter sie.“

„Aber Kühe scheißn dunkelgrün.“

Das Gespräch machte richtig Spaß, denn wenn es um tierische Verdauung ging, dann durfte man ungestraft das „schlechte Wort mit Sch“ verwenden und man bekam keinen Klaps auf den Mund!

„Dann malste die Kacke halt noch an mit Tusche.“ Nun hatte sogar Oma „Kacke“ gesagt! Der Tag war Spitze!

„Okay.“

Ich suchte die Löschblätter. Knüllte sie. Glättete sie wieder. Wollte eigentlich schon Pinsel und Wasserglas holen, aber – dann kam mir der rettende Gedanke:

„Oma?!“

„Ja?“

„Ich mal die Kuhkacke nicht an.“

„Warum nicht?“

„Wenn Vati mich abholt, frag ich ihn, bei welcher Krankheit Kuhscheiße braun wird. Da gibt’s bestimmt eine. Da pansch ich jetz‘ nicht mit dem nassen Pinsel rum.“

„Ja, lieb von dir.“ (Siehste! So wurde mein Anfall von Ferienfaulheit noch gelobt.)

Ich untersuchte die Kuh. Schob man die beiden Radachsen aufeinander zu, machte sie einen Rundrücken; ließ man los, rollten die Räder wieder auseinander und Lotte wurde ein plüscherndes „U“. Nix zu machen. Ich hob ihren Schwanz. Da war eine Naht zuende und ein winziges Loch, in das mein Finger passte.

Nachgeburt entfernen – ließ sich mit ihr also auch spielen!

Sie war die Attraktion des Sommers 67.

Dann sollte es wieder nach Hause gehen. Vati kam, sah die Kuh und sprach:

„Notschlachten. Aber schnell.“

„Nööö!“ protestierte ich, „die will ich rettn!“

„Quatsch. Rückgrat durch. Die verreckt elende, wennde se nich lässt schlachtn.“

„Die nehmer mit nach Naumburg und die wird gesund!“ Visier runter, Bock fährt hoch!

„Das verstaubte Ding? Da ham jetzt 10 Jahre die Mäuse draufgepisst! Das kommt nich‘ in de Tüte und scho gar nich‘ ins Auto.“

Drama ante portas!

Oma schritt ein: „Lasse hier, ich pflegse für dich. Wennde wiederkommst, wirdser besser gehen.“

„Wirklich?“ Erwachsenen ist nicht zu trauen! Kaum bin ich weg, ist die Kuh entweder wieder in der Bodenkammer oder gar im Müll!

Aber Oma legte mir mitfühlend die eine Hand auf die Schulter und in der andern Hand hatte sie ca. 50 000 Mark in bar. Die Münzen!

„Hast ja noch DEN Schatz. DEN nimmste mit.“

Hach! Auf Oma war Verlass!

Wie sehr – das zeigte sich beim nächsten Besuch ein paar Wochen später.

Ich aus dem Auto raus, die Treppen hoch, Sturm klingeln

„Aufmachen! Tierpolizei!“  —- „Wo is‘ Lotte?“

Die stand neben dem Sofa. Frisches Grün vor dem Maul. Der „Stall“ war „frisch ausgemistet“, denn die Löschblattkacke war weg. Das beste aber war: Um alle 4 Beine hatte sie Paketstrippe, so dass die Räder nicht mehr soweit auseinander konnten. Der Rücken war grade. Lotte war GESUND!

Querdenker IX

Die DDR erfand, als sie um 1981 herum nicht mehr weiterwusste, den Friedenskampf als Nachweis für Daseinsberechtigung, trotzdem im Inneren bereits alles zusammenbröckelte.

Warum habe ich dieser Tage ein weiteres Mal ein Deja vu?

Die EU betreibt Wahlkampf. Diesmal mit eigenartigen Wahlhelfern und sogar live in der Provinz. In ostdeutschen Gemeindesälen tauchen bisweilen Anzugträger aus Straßburg und/oder Brüssel auf. Adrett, manikürt, frisch gebügelt, parfümiert, sitzen sie dann auf Podien und gewähren nach narkotisierenden Einführungsmonologen dem Volke eine Fragestunde.

Sie können sich sicher sein, dass das provinzielle Bildungsbürgertum sehr devot die ein- oder andere Scheinfrage stellen wird, für die die bewährten Floskeln abgespult werden können. Wie immer wird sich dann irgendein als Ausnahme anwesender, frustrierter Nichtgewinner der Globalisierung wagen, den Phrasenkonsens mit einer derben Frage aufzubrechen; jedoch des Redens vor Publikum nicht trainiert und verblüfft über die eigene Courage, wird er es nicht bei der Frage belassen, sondern gleich weiterabspulen, was er alles dazu selber weiß. Und so wird es ein Leichtes sein für die Boss-Anzüge, die Schrecksekunde zu überwinden und mit dem Hinweis auf Verschwörungstheorien, böse Populisten und gar -ts-ts-ts- all diese Lügenpressevorwürfe den armen Mann in seinen Alltagsfrust zurückzuschicken:

„Der Binnenmarkt ist doch win-win für uns alle, nicht wahr? Oder kaufen Sie nicht bei Amazon?“

Alles will sich nach dem Aufrappler grade wieder zurücklehnen, um der Eröffnung des aufgebauten Schnittchen-Buffets entgegen zu dämmern, da erhebt sich noch einer und entpuppt sich als informierter Besucher:

– Was sagen sie zur Existenzvernichtung für Bauern, Fischer und Textilhersteller in Afrika durch EPA, das von der EU injiziert wurde, um all unsere unverkäuflichen Überschüsse dorthin profitabel entsorgen zu können?

– Warum wurde nicht vor der Krise über die Inhalte des Assoziierungsabkommens mit der Ukraine informiert?

– Wie erklären Sie die scheinheilige Informationspolitik der offiziellen Medien zu CETA und TTIP?

Auf dem Podium gehen die Augenlider und die Mundwinkel für ein-zwei Sekunden auf Halbmast, sofort aber kommt Strategiepunkt 2 zur Anwendung. Mit scheinheilig wohlwollendem Lächeln wendet man sich dem Sprecher zu, um gleich über ihn hinweg zu sehen und ins Publikum zu fragen:

„Danke für diese wichtigen Fragen. Wir sammeln erstmal weiter. Ich sehe da hinten noch eine Wortmeldung.“

Wie zu erwarten folgt Ungefährliches: Wann sorgt die EU für mehr Altenpfleger, oder mehr Rente, oder weniger Bürokratie….

Die in Aussicht gestellte Beantwortung entpuppt sich als die Wiederholung der Einleitungsmonologe, verbunden mit dem Hinweis, dass „wir uns doch alle einig sind, hier im Raum, dass der Frieden in Europa wichtig ist und ein Verdienst des erfolgreichen europäischen Vereinigungsprozesses sei und dass doch niemand mehr beim Reisen an Schlagbäumen aufgehalten werden möchte.“ Amen.

Ein Pflichttermin wurde abgehakt. Alle Beteiligten waren mit den Schnittchen zufrieden.

Augen auf beim „Vertrauen verschenken“ am 26. Mai!

„Würden Wahlen etwas ändern, würden sie verboten.“ (Kurt Tucholsky; berüchtigter Verschwörungstheoretiker der 20er Jahre)

Winnetou-Melodie

Wenn dich deine Eltern spüren lassen, dass du nicht geplant warst, dann nennt man das Schicksal. So lernt man für sich selber diesen immerwährenden Daueranschiss zu verkraften. Manchmal ereignen sich seltene Trostmomente. Den Eltern fällt auf, dass es mal an der Zeit sei, dir was zugutekommen zu lassen. Irgendwie müssen sie bemerkt haben, dass die Gleichaltrigen davonziehen; mehr vorweisen können als der eigene Sohn.

Im schönen Sommer 1976 komme ich zu Udo und der präsentiert mir mit tellergroßen Glücksaugen ein intaktes Smaragdtonbandgerät (früh60er Jahre Bauart; noch mit Röhren) mit 20 vollen Tonbändern. Sein schwächelndes, leierndes URAN-Tonbandgerät ist bereits entsorgt.

Die Anschaffung dünkte dem Vater vermutlich preiswert, da das Gerät gut 15 Jahre auf dem Buckel hatte und nicht mehr „die Welt“ gekostet haben kann. Aber es war groß wie ein Fernsehapparat und hatte 9,5er und 19er Geschwindigkeit. In unseren Augen also eine „Studio-Maschine“.

Zu den 20 Bändern gibt es kein Verzeichnis. Wir erstellen eins. Mehrere Tage hänge ich nun bei Udo ab, denn die Erkundung dieser archaischen Anschaffung macht Spaß, erweitert Horizonte, lässt über manche Klänge rätseln, wer das so in etwa sein könnte. Udo will anschließend, die interessantesten Funde mit Hilfe meines Gerätes auf einem Band, oder eventuell zweien vereinigen, um auf den anderen Platz zum Löschen zu haben.

Der Klang ist dumpf, aber bullig beeindruckend, also nicht im Sinne von „schlecht“ zu verstehen.

Zu den ersten Funden gehören „Death of a clown“ (Endlich! Als das im „Musikladen“ als Oldie gewann, hatten wir noch den Fernseher ohne Diodenbuchse!), dann Arthur Browns „Fire“ und „Jumping Jack Flash“(live) mit kurzer Ansage von Jagger: „We bring you now this one!“ Somit wissen wir nicht, wie der Song heißt. „Gas, gas, gas“ oder „Crossfire hurrican“? Dann folgen „Pretty Woman“ von Roy Orbison; (In dieser basslastigen Variante ein nie wieder erreichter Ohrenschmaus. Ich trauere diesem Klangerlebnis bis heute nach!), „Only you“ von den Platters; „Gimme that ding“ (Interpret unbekannt; später stellt sich heraus, dass das ein erster Gehversuch von Albert Hammond war), „My Dingeling“(live; Chuck Berry spät und versaut; für DEN Text reichen unsere Englischkenntnisse bereits!) und gleich zuvor oder hinterher auch „Je taime“ wonnomplüüüü – für 16jährige Musikarchäologen ein Volltreffer.

Schließlich noch „A hard days night“ als „dritte Neuvorstellung in dieser Woche“ aus irgendeiner vorsintflutlichen Hitparade. Die Moderatorenstimme kennen wir schon nicht mehr. Wir strahlen bereits beide um die Wette, aber dieses Fetzchen Zeitgeschichte kommt uns vor, als hätten wir eine neue Urmenschenart oder ne Nummer kleiner eben – das Bernsteinzimmer entdeckt! Uralter Beatlesscheiß als Neuvorstellung! Somit erleben auch die wieder ein Revival für die nächsten Monate! Ein paar Songs später folgt ein Instrumental, das wir in Zukunft hoch verehren werden, weil es niemand kennt, wir somit „DIE KENNER“ sind: „Psycho-Rock“.; der ebenfalls unbekannte Moderator sagt den Titel hinterher ab und nennt als Interpreten einen „Sir Henry“; was wir dankbar in die Liste übernehmen. Jahrzehnte später wird sich herausstellen, wie sehr er nuschelte, denn „Sir“ Henry war „Pierre“ Henry.

Höhepunkt aber ist eine ca. 3minütige Filmmusik, bei der ich sofort die Kanu-Fahrt von Gojko Mitic als Chingachgook vor Augen habe. Da auf den Bändern aber keinerlei Ostmusik vorkommt, muss auch das was aus dem Westen sein. Also ist es „die Winnetou-Melodie“ –  behaupte ich selbstsicher. Das MUSS was Indianisches sein! Kein Zweifel.

Knapp daneben. Wie sich Jahre später, bei Erscheinen der AMIGA-Quartett-Single, herausstellt, war es das Schatz-im-Silbersee-Thema.

Neulich starb 92jährig Martin Böttcher. Riffmaster erinnerte an ihn; den Mann, der den Soundtrack zum Karl May Schmökern schuf. Musik, die auch dann noch gefallen kann, wenn man melancholisch feststellt, dass die Filme, für die sie erschaffen wurde, reichlich Patina angesetzt haben und inzwischen schwer erträglich sind.

Leg ich heute Böttcher auf; die Winnetou-Soundtracks in Originalabmischung; ( VORSICHT! Neueinspielungen ohne Flair gilt es zu vermeiden!) fährt nicht mehr nur Gojko Kanu, sondern da sitzen auch regelmäßig zwei langhaarige Spackos mit roten Ohren unter den Mähnen vor einem alten Smaragd…

Seufz. Schee wars. Schee.