Bilanz 2020

Prost Jemeinde. Icke wieda. Aba nua kuaz. Diesjahr haltick mein Maul.

USA-Wahl und Corona – kann eh keena mea hörn. Watt wa‘ sonste noch?

Et is det Jaah, indem de Vanunft vaschied; also dingens, exitus.

Det vadang’g’ng ma nüsch nur det arme Janalein aus Kassel und all die annan wiedajebornen Widaständler ausm Westn. Det vadankma ooch so Zeitzeischn, wie dieset Wiedatäufatum in Sachn Moral und so.

Watt meinick:

Heidi Klum. Kennste? Is bekannt, dette die Kinda in untaschiedlüscha Hautfaabe hat? Die twittate die Hände ihra Kinda und „All lives matter“ und erntet ehn Shitstorm. Only black gilt jetze! Det jebiete die zeitjemäße Tollaranz!

Alexanda Klaws spielt Winnetou in Bad Segeberg. Shitstorm. Dafa nüsch. Is weiß, der Bube. Rassismus. Strafverschärfend kommtet dicka: Fotografiert süsch mit Thomas Gottschalk als Old Shatterhand – der sollte sich sowie so füa sein Aussehn schäm! Sooo blond da’f ma ja’nüsch sein!  Als Mann! Als alta weißa Mann! Arischa Siegfried-Typ der!

Adele. Kennste och? Die Schrei-Fee aus England, die so vom Fleisch jefalln is, kämmt süsch Bantu-Lockn: Det gleische – Shitstorm: Aneignunk vonne schwaaze Kultua! Schäm dir! Un‘ so.

Muss ick doch tatsäschli‘ meine Philly-CDs noch vasteckn! Isja och sowatt!

Neuli‘ bekanntn süsch hia around paa Blogga als Blueser. Schlimm! Psst! Ick denunzia ja keen! Aba det is übl, diesa Musikminstralismus! Ab! ßurück ßu Blasmusike Jungs! Det dürfma denne noch!

Bekenne mia schuldi‘ dettick ooch Indianaflötenmugge besitze und höre, ick Kolonialherr ick! Habma schon disqualifiziat, weil ich det I-Woat vawendet hab: Native American Flute Music muss det heeßen! Ob die Übasetzung „Eingeborene-Amerikaner-Flöten-Musike“ zulässüsch is muss da Twitta-Mob entscheiden. Weil „People of color“ is correckt, Sie! Aba „farbige Menschen“, wennste den Terminus in Mund nimm’s, biste glei Nazi – unta dem machmas ja nüsch meah!

Also nee, Nazi sein, det lehn ick ab, ick bin da wiedajeborne Hans Beimla, Do! Ick hab dessen Schicksal als Stift oft jenuch nachjespielt: Spanienkriesch un‘ so. Det wa Ferjenprogramm! Det haa’ick va’innalicht!

Weeste nu, wie det kommt, dette die wiedajebornen Widaständla ümma mehr wern? Det ist Nazi-Stigma-Prophylaxe.

Dette vasteh ick noch. Det der Anti-Coronamaßnahme-Plan so vülle tangiern soll, wundat mia ooch nüsch mea. Is och wieda so’n Westding: Wie damals bei de Volkszählung. In Leipzüsch neuli‘ solln nua Schwabm demonstriat ham! Da Westbürja wacht alle paa Jahre off: Welchn hammwa jrade? Plakate maln, raus off Straße und krakeel: Volkszählung, Pro-/Contra-Abtreibung, Castortranspoat… wenn jrade nüschd anliechd, denne ehm füa besseret Wetta – obwohl! Voasüchd! Da käme nu die bezopfte Mona Lisa üba dia, oda die Reemtsma-Enkelinnen.

Hamwa nüschd drängenderet? Ick jeeb keene Tipps, do! Da sei Jott voa!

Det übalass ick die Frauenrieje inne Öffentli‘ Rechtlichn. Die Dam‘ mitti vakniffnen Jesüchta, die dir die Welt aklean, wie Muttan früha ian Rotzlöffeln. „Gloob mia det – oda ab int Bett ohne Sandmann!“ Ooch voabai die ßeitn von Merseburger, Bednarz, Ruge, Scholl-Latour – die gnadnlosen Vier mitti unbestechli komplette Faktnlaa’che.

Demnächs mehr GEZ. Bin jespannt, ob CDU Sachsen-Anhalt duarchhält. Die könntns noch kippm, hört’ick jüngst. Aba die Nazi-Peitsche is bereits ausjepackt: Arjumente wie „Einsparungspotentiale nich ausjeschöpft“ und „Bürja in Corona-ßeitn nüsch vamittelba“ zählen nüsch! Weil – det sind ooch AfD-Arjumente, also faschüstüsch! Saachd Habeck. So! Einknickn! Zahln! Maul haltn!

Und det mach ick jetz ooch!

Olle Gwisdek is dood, diesjah‘ passiat. Schade. (Det mussde noch raus. So jetze schweigick. Würkli‘.) Pröstaschn.

Allein in Ludwigslust

Einstimmung

Das kennt man: Ein historisches Ereignis tritt ein. Es wirft bisherige Lebenspläne und alte Gewohnheiten über den Haufen. Junge Männer atmen auf. Das Neue ist ihr Ding! Jetzt dreht sich die Welt endlich weiter!

Aber nach ein paar Jahren, ersetzt Scham das Gefühl der Euphorie von einst. Plötzlich will niemand mehr sich zu alter Begeisterung bekennen. Die Erfolge von gestern sind die Fehler von morgen.

schiller 1Und weil man sich schämt, aber auch nicht in das Zuvor zurückwill, fängt man an zu schwurbeln. An alten Idealen herumzukneten, mit Lebenserfahrung, die inzwischen eingetreten ist, diese in Einklang zu bringen – was irrsinnig kompliziert ist und auch nichts bringt. Besser wär, es einzusehen: Man hat sich verlaufen. Die Welt hat wieder große Pause. Und man selber steht da, wie Keimzeit 1990 sangen: Blind wie ein Katzenkind am ersten Tag. Eine neue Generation wird neuen Anlauf nehmen, um ebenfalls blind wie Schillers Jüngling, der die Wahrheit sah, zu enden.

Um welches Ereignis geht’s hier?

Um die Wende?

Ja, aber um die vor 200 Jahren. Als die Bastille gefallen und Robespierre geköpft war, und die Schwärmer des davor es nicht gewesen sein wollten: Niemand war Jakobiner!

Ein Bild, das sich wiederholen wird, nach der Novemberrevolution, nach 1945, nach 1989, in den 90ern…

Ich bin neulich beim Blättern im Westermann Band 73 über Aussagen gestolpert, wie diese:

„Wir haben hier keinen treueren Freund als Rantzau, denn die Mecklenburger Hofherren taugen eben auch nicht viel.“

„Wenn ich die schönen Güter sehe, so freue ich mich; aber ihre geistlosen Besitzer sind oft schrecklich.“

…schrieb Henriette von Knebel an die Schiller-Witwe.

Irgendwie sah ich sofort Spielhagens Herrn von Kloten und die ruinierten Visagen all der Halb- und Vollidioten meiner Prora-Zeit vor mir, mehr oder weniger zahnlos, grundlos hämisch dauergrinsend, immer auf der Jagd nach dem nächsten Schluck; mitte 20, aber aussehend wie runtergekommene 50 – nun plötzlich zeittypisch kostümiert in kniehohen Reitstiefeln und mit Dreispitz auf ihren hohlen Neandertal-Birnen. Lies hier, warum ich so schlecht auf die zu sprechen bin. Inzwischen brems ich auch für Mecklenburger.

Klar, dass der ganze Artikel gelesen werden musste.

Das Leseerlebnis

„Eine Weimarer Prinzessin“ von Lilly von Kretschman; Grübelgrundlage.

Gemeint ist Karoline Luise von Sachsen-Weimar-Eisenach; später verheiratete Erbprinzessin von Mecklenburg-Schwerin, die keine 30 Jahre alt wurde. Ihre Lebensdaten fallen in schwere Zeit 1786-1816.

karolineSie ist die Tochter von Carl August, dem Freund, Förderer und Saufkumpan eines gewissen Goethe, ehemaliger Stürmer und Dränger, Ex-Punk seiner Zeit, dann korrumpiert durch höfische Ehren wie Iggy Pop als er zu David Bowie kam.

Sie wird von Herder gebildet, von Familie Schiller mit Nettigkeiten verwöhnt, bekommt von „Onkel Wieland“ vorgelesen und Goethe-Dramen erklärt – sie hat das who is who ihrer Zeit um sich; gewinnt Einblicke, die sonst niemand hat; z.B. die Goethe-Herder-Animositäten. Während der eine mit ihrem Vater und dessen Kamarilla herumfeiert, unverheiratet Kinder macht und diese Konkubine auch noch bei Hofe einführt, schaut der andere dem Treiben pikiert zu und scharrt seriösere Würdenträger um die Mutter der „Prinzess“, die auf Grund ihrer Auffassungsgabe und frühreif- tiefgründigen Art von den alten Herren beider Seiten verehrt wird.

Die intelligente junge Dame wurde ihrerseits zu den weiblichen Geheimratsverehrerinnen gezogen und lebte dort auf: Jede Goethe-Neuheit wurde hier gefeiert, wie später News von David Cassidy, Chris Norman, Robbie Williams, Zac Afron, Harry Styles. Der prominente Verehrerkreis bekam selbstredend jede Veröffentlichung in handsignierter Erstauflage, mit beigelegten Skizzen zu kommenden Bühnenbildern; entworfen „vom Meister selbst“! Da bleibt (jung)frau natürlich dran und ihm verbunden.

Die alten Herren, die Stürmer und Dränger von einst, vom Revolutionstaumel geheilt, aber froh, dass dem ganz unverschämten Absolutismus nun doch irgendwie die Spitze abgebrochen wurde, hoffen auf neue Zeiten. Eine Edelmenschen-Epoche ohne Standesunterschied. Jedenfalls reden sie so, um sich hernach doch wieder über jede ihnen widerfahrene Despektierlichkeit eines Untergebenen aufzuregen.

Konsul Napoleon bringt „drüben“ gerade endlich Ruhe und Ordnung rein. Vielleicht strahlt das ja auch mal bis Weimar oder Berlin. So der Schnack um 1800, als noch nicht passiert war, was kurz bevorstand.

Schiller, weniger abgehoben als der Rest, von jeher gewohnt, alles gegen den Strich zu bürsten, kam die Idee zum „Wilhelm Tell“. Der wurde 1804 fertig und ward ein seherisches Werk in Bezug auf 1806 und 1815. Der war von Franzosenapologetik, nun, da er sich „Ehrenbürger der französischen Revolution von Robespierres Gnaden“ schimpfen lassen musste, gründlich geheilt. Aber auch er schwurbelt, tarnt sich, indem er seine Warnung in die Schweiz verlegt, sodass eh nur noch Eingeweihte des engsten Kreises den wahren Adressaten dechiffrieren können.

Die Prinzess indessen saugt Bildung auf, wo sie sie finden kann. Herders Völkergemeinschaft, Goethes Edelmenschen, die Beseitigung der Standesprivilegien – allesamt ungebührliche Ideen für eine zukünftige Landesmutter irgendeines deutschen Kleinstaates. Frau von Knebel, Hofdame, Gouvernante, Ersatzmutter hat alle Hände voll zu tun, den Most im Kopf ihres Schützlings, den die Herren da anrichten zu verrühren. Karoline reift zur klugen Fee der Weimarer Abendgesellschaften heran.

Zart von Gestalt und für den Zeitgeschmack mit einiger Attraktivität ausgestattet, hat sie als Debutantin 1802 alle Chancen einer glänzenden Karriere. Prinz Heinrich von Preußen ist interessiert, aber seitens seines Hauses anderweitig verplant. Der Zar zeigt sich 1805 beeindruckt, ist aber vermählt. Die Courmacher der üblichen Art, Landadlige aus halb Mitteldeutschland, bekommen zwar den ein oder anderen Tanz gewährt, werden aber kühl als „bessere Stallmeister oder Stallknechte“ wahrgenommen – und blitzen ab.

„Iphigenie? Ibykus? Nie gehört! Der preußische Rekordhengst? Römischer Feldherr?“

Worüber sollte sie mit denen reden?

So gehen die Jahre dahin. Napoleon kommt 1806; aber nicht wie erwartet. Es muss kurz geflohen werden.  Der Korse saugt das Land aus. Die Thüringischen Zaunkönige lassen ihre Völker im Stich und warten das französische Unwetter in Schleswig im Exil ab. Die Anbiederung des Dresdner Königshauses an den Usurpator wird als widerlich diskutiert. Die Erhebung Bayerns und Württembergs zu Königreichen von korsischen Gnaden jedoch wird beschwiegen.

Nach Tilsit und der Neuordnung der Landkarte versucht man an den Höfen wieder Normalität zu leben. Auf den Dörfern hält die Not Einzug. Der Druck der Kontributionen – um das ruinierte Frankreich aufzupäppeln. Es ist spürbar, dass das noch nicht alles war, die eigentlichen Prüfungen erst noch kommen werden.

Eine steht der Prinzess nun bevor. Zwar hat man ihr keinen Mann ausgesucht, sondern ihr die Wahl überlassen, jedoch häufen sich die Anspielungen auf ihr fortgeschrittenes Alter. Sie ist 24! Es pressiert!

Nach einer reichlichen „Idiotenschau“, denn die jahrhundertelange Inzucht gepaart mit nur halbverstandener Franzosennachäfferei hatte irreparable Spuren hinterlassen, in einer Schicht, die einst zu Schutz und Trutz wider äußere Feinde und somit zum Wohle des Volkes ersonnen worden war, entschied sie sich für den Heiratskandidaten, der ihr noch den meisten Esprit zu haben schien und der es vermocht hatte, sie im Gespräch nicht zu langweilen: den Erbprinzen von Mecklenburg-Schwerin. Eine heiße Zuneigung ist es nicht, aber sie will es sich schönreden und ihre Umgebung redet ihr einhellig zu.

Der Bräutigam ist 8 Jahre älter, bereits Witwer und Vater zweier kleiner ehelicher Kinder. Einiges Aufsehen erregte die Erzeugung eines dritten Kindes 1809 in nicht ebenbürtigem Umgang mit einer Dame ohne „von“. Nichts desto trotz bekennt er sich zur Vaterschaft und staffiert Mutter und Sohn mit Landschloss und Unterhalt aus. An eine offizielle Mesalliance ist jedoch nicht zu denken. Er muss also ebenfalls standesgemäß „weg“.

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In Deutschland kracht es wieder. Schlagzeilen von Schill! Die Pleite von Austerlitz! Andreas Hofer! Nichts gelingt! Welch eine Tragödie!

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Lauter böse Omen. Die Vermählung ward 1810 vollzogen, die Übersiedlung in den hohen Norden „ins Vandalische“ ebenfalls – und Schloss Ludwigslust wird als Wohnsitz des Erbprinzenpaares ausersehen. Weeeeiiit weg vom thüringischen Silicon-Valley jener Jahre. Nach den Flitterwochen kommt der Ehemann nur noch sporadisch vorbei. Das „Hotel d’Weimar“ wird zum Strohwitwenpalais. Sein Hauptmangel war ihr bereits bei Erstbesichtigung ins Auge gestochen: Pracht! Vasen, Möbel, Gemälde, Zierwaffen – aber nirgends ein lesbares Buch!

Sie will das abändern, aber das dauert. Gedrucktes kommt östlich der Elbe maximal bis Berlin. Gute 30 Jahre später wird der kleine Spielhagen in Stralsund sich mit Homer, Shakespeare und Lessing begnügen, weil kein anderer Lesestoff zur Hand ist. 150 Jahre später wird der junge Bludgeon in der MHO von Prora Bücher zu kaufen kriegen, die in der Republik gesuchte Bückeware sind, aber in Wrukistan wird eben nicht gelesen.

Ihr Mann ist tatsächlich der eloquente Plauderer mit den guten Manieren, aber eben quasi immer abwesend. In Erfurt und Paris soll er mit dem Bedrücker verhandeln. Gottlob hat er ihr gestattet, ihre Hofdame, „Ersatzmutter“ Frau von Knebel, als Inventar mit in die Ehe zu bringen; so muss sie nicht mit den Wänden reden, allein gelassen in Lu’Lu.

Die Hofgesellschaft ist katzenfreundlich nett. Sie spielt das Spiel mit, weil ihr nichts anderes übrigbleibt. Aber sie weiß zwischen Zuneigung und Schmeichelei zu unterscheiden und bleibt vorsichtig.

In seltenen Momenten ist der Erbprinz dann doch mal  da, arrangiert Ausflüge nach Doberan, bringt sie in „Gesellschaft“, in der ihr stets die Unterschiede zum Weimarer Hof auffallen. Die Inhaltslosigkeit der Konversation. Die Einfallslosigkeit der Abläufe. Das fehlende und nicht vermisste Futter für den Geist. Hier arrangiert eben kein Goethe einen antiken Abend oder einen Maskenball. Keine Vorträge über Schädelkunde oder Farbenlehre. Sie hat Zeit und Muße, die Andersartigkeit „der Vandalen“ zu studieren; die Anspruchslosigkeit „des Nordens“. Sie wird schwanger. Der werdende Vater ist wieder auf diplomatischer Mission.schiller 2

„Die geistige Notlage unserer Prinzess ist noch um einiges schlimmer als die leibliche, scheint mir.“ Schreibt Herr von Knebel (Bruder der Gouvernante) hellsichtig anlässlich einer Kranken-Visite in Lu’lu an Goethe.

Der Erbprinz fungiert als Stellvertreter seines amtsmüden Vaters und als widerwilliger Erfüllungsgehilfe der Franzosen. Während der alte Vater ein Willkürmonarch alten Stils ist, bringt sein Sohn auch Reformideen heim, wie sie in Preußen laufen. Aber da ist kein Stein oder Hardenberg zur Hand, der sie durchzusetzen hülfe.

Die Tagträume der Perestroika fallen mir ein und das Wolkenkuckucksheim Europa und ich nehme hin, was ich eh nicht ändern kann – wie sie.

Sie hofft auf Bücher aus Weimar. Ich setze aufs ZVAB. Sie flieht in den Schiller-und-Goethe Kosmos. Ich derzeit zum Heyse.

Sporadisch darf Karoline dann und wann mit nach Schwerin, dort „im großen Kasten“, dem Märchenschloss am See, wohnt eine alte Großtante ihres Mannes, Prinzessin Ulrike, fast hundert Jahre alt, allein mit Gesinde. Diese erweist sich als rüstige, gewitzte Alte, „das Schlossgespenst“, das immerhin einige französische Romane besitzt. Sie werden nun fleißig nach Ludwigslust verborgt. Ansonsten bleibt die Korrespondenz mit Frau von Schiller intensiv, um in Sachen „Meister“ auf dem Laufenden zu bleiben. Der Bruder der Hofdame, und Karolines Bruder sind die reitenden Boten und Notnägel aus der alten Heimat mit Mitbringseln im Gepäck. „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ Band 1; handsigniert, mit Glückwünschen vom Meister. Seltene Freuden.

Der Korse zieht nach Russland. Die deutschen Vasallen sind verpflichtet, ihre Landeskinder ebenfalls auszuheben und mit in diesen Totentanz zu schicken. Auch Mecklenburger müssen zur Grande Armee beitragen.

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Der Korse auf dem Rückzug. Leipzig! Der gesamte Rheinbund läuft über! Mecklenburg nun Feindstaat für die zurückflutenden Reste der Besatzer. Brandschatzungen. Die Bauern lynchen die Täter. (Spielhagens „Platt Land“ Plot; Fontanes „Unterm Birnbaum“ live erlebt.) Die Erhebung ist da!

Aber die Knebel stirbt. Ihre engste Vertraute in all der Zeit. Depression, Hustenanfälle, zweite Schwangerschaft.

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1814 Geburt, Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit; Blässe, die nicht mehr schick, sondern krank wirkt. Sie weiß, dass es Schwindsucht ist. Sie hat Schiller sterben sehen.

Aber sie kommt wieder zu Kräften, so dass sie „ins Bad“ geschickt werden kann. Sie bestimmt die Reiseroute von Lu’lu über Weimar nach Teplitz.

Nach 5 Jahren das erste Wiedersehen mit der alten Heimat. Für nur 3 Wochen. Der Abschied schmerzt. Hochgradig depressiv ahnt sie ihr Ende. Die scheinbare „Genesung“ nach Teplitz führt in Lu’lu zu einer dritten Schwangerschaft. Die finale Strapaze. Nach der Geburt quält sie sich noch ein Vierteljahr. Im Januar 1816 ist es aus. Das Kind überlebt sie nur um einige Monate.

Da sitzt ich nun 30 Jahre im Fontaneland am Rande Wrukistans und denk‘ an Omas Spruch, der immer kam, wenn ich über die ewige Goethe-Seziererei der Schulzeit fluchte: „Wenn du alt bist, wirst du’s mögen.“

Es geht langsam los.

PS.: Das Gemälde von Karoline hängt in Weimar und ist „angeblich von Tischbein“, wie es Westermann formuliert; das scheint mir sehr wahrscheinlich. Tischbein malte „Goethe in Italien“ als Hang-Huhn mit ungleich langen Beinen und nun eben Karoline als Giraffe. Den Murks zu bezahlen und aufzuhängen, sagt viel aus über das Malereiverständnis des Hochadels (auch im Süden).

Der Schluss

(Deutsche Version eines Hippieklassikers mit mehrfachem Hollywoodruhm)

Nun, dieser Blog könnte mal wieder eine Prise Humor vertragen. Ich habe deshalb  in die große Kiste „Rockgeschichte“ gegriffen und ein weiteres berühmtes Werk eingedeutscht.

Wem das Folgende als Geschreibsel eines unglücklich verliebten Viertklässlers im Ritalinrausch erscheinen mag, der sei versichert, dass ich mich wie immer so nah wie möglich am englischsprachigen Original orientierte.

Da die Originalfassung keinerlei durchgehaltenes Versmaß erkennen ließ, tut dies die deutsche Nachdichtung ebenfalls nicht.

Der ödipale Monolog kurz vor Schluss brachte dieser feinsinnigen Ode immerhin einige akademische Wertschätzung in Form von Dissertationen zum Thema „Adoleszenz und Ödipus in der Gegenwartskultur des 20. Jahrhunderts“ ein.

Kenner kennen die berühmte Vorlage sicherlich.

Viel Spaß!

Das ist der Schluss, mit schönem Gruß

Das ist der Schluss, mein Freund Fuzz

Der Schluss all unsrer Pläne

Komplizierte und schöne

Der Schluss

 

Kein Sichern, überrumpeln

Der Schluss (ganz ohne Mumpeln)

Nie wieder durch deine Augen sehn:

Ahnst du, was das sei

So grenzenlos frei!

Rückhaltlos herbeigesehnt

Die Hand des Täters

Im Lande des Töters

 

Verirrt im römischen Schmerzenswald

Allen Kindern wird so kalt

All die Kinder hoffen: Schluss!

Warten auf den Sommer-Guss!

 

Da ist Gefahr – dort wo die Stadt begann

So fahr auf Königs Autobahn

Seltsame Szenen im Bergwerksloch

Fahr die Autobahn nach Westen, Baby.

Fahr sie doch!

 

Reite die Schlange

Reite sie lange

Zum See

Zum See

Zum See des Altertums

Lang-lang ist die Schlange

Sieben Meilen

Bleib bei der Stange

 

Er ist alt

Seine Haut ist kalt!

Im Westen ists am besten

Im Westen ists am besten

Komm her, wir werden’s testen.

 

Der blaue Bus bringt uns Stuss

Der blaue Bus bringt uns Stuss

Fahrer sag, ob das so muss!

 

Der Mörder erwacht im Morgengrauen

Er zieht sich seine Schuhe an

Er nimmt sich eine der antiken Masken

Und betritt den Flur

Er geht ins Zimmer seiner Schwester

Und sieht nach seinem Bruder

 

Und er geht wieder in den Flur

Und er kommt an eine Tür

Und er schaut rein (sic!)

 

Vater?

Ja, Sohn!

Ich will dich töten!

Mutter! Ich will dich….(unartikulierter Schrei)

 

Los komm, Baby, ohne Gruß

Los komm, jetzt kommt nur noch Stuss

Los komm, fahr hinten mit im blauen Bus

 

Das ist der Schluss, der kommen muss

Das ist der Schluss, der Überdruss

 

Der Schluss

 

Es schmerzt, dich gehen zu sehn

Aber ohne dich wird’s schön.

„20 Uhr“ revisited

Zum Folgenden gibt es HIER ganz am Anfang des Blogs eine Art Vorgeschichte.

„Und das Fest, das wir endlos wähnten, hat doch wie alles seinen Schluss. Und keine Worte und keine Tränen! Alles kommt, wie’s wohl kommen muss.“ (R. Mey)

Die Eltern werden alt. Ich auch. Aber sie haben Vorsprung! Die Heimfahrten mehren sich. Sie sind keine Besuche im alten Stil, sondern notwendig. Die Eltern brauchen Hilfe und die Söhne sind weit weg. Wurzelpflege war nicht möglich. Sie wurde einst „beruflich“ gekappt, aber ein paar Nottriebe -alle Jahre wieder- bilden sich doch an der jungen Rinde. Sie reichen nicht, den Stamm in neuer oder alter Erde wieder Kraft gewinnen zu lassen, aber sie sind da – das ist nicht viel, aber besser als nichts.

Also fahr und lauf ich durch die alten Straßen, mache Einkäufe; und alte Liedfetzen stellen sich ein.

„Bin wieder hier. Hier im Revier. War nie wirklich weg. Hab mich bloß versteckt.“

Westernhagen. Auch so ein abgestürzter Hero früher Tage. Sein Biss hat nicht gereicht für sein langes Leben. Heute ist er irgend so ein Schnösel vom Rand. Bei Reinhard ist das anders. Ob du da die alten oder die neueren Sachen hörst: Da findet sich immer was. So geht Altern in Würde!

Nach den Einkäufen und dem reichlichen abgefüttert Werden bei Muttern dreh ich meinen Melancholia-Turn zur Verdauung und im Gedenken an all die gehabten oder unvollendet gebliebenen Geschichten von einst:

Bürgergartenviertel – Katzenbuckel – Agrar-Ingenieurschule – Waldschlosswiese – Eibenweg -Pavilliontreppe – Bürgergarten. Heute mal auf den Rosengarten verzichtet, denn duster wird’s.

Ein „Herbstgewitter über Dä-hä-chern…“, die im Saaletal legendär sind, scheint zu drohen. Ein Gewitter wird es schließlich doch nicht, sondern nur ein Wolkenbruch.

Und so steh ich wieder in meinem alten Kinderzimmer, als es draußen schüttet. Wassermassen rinnen zu Tal, die Straße hinab. Gurgeln und schwurbeln über die Teerflicken der Fahrbahn vor dem Haus. Die war 1967 neu, als wir einzogen. Seither hat der Asphalt viel erlebt und bietet eine schrundige, stachlige Kraterlandschaft, aufgehackt und zugeschmiert, abgesackt und aufgefüllt. Symbol der steckengebliebenen Stadt-Errettung zu Beginn der 90er. Viel war da möglich. Aber leider nicht genug. Die Kastanien sind wieder da. Die Häuser sind in Schuss. Die Straße ist enger geworden. Zugeparkt. Früher reichten die Einfahrten der wenigen Autobesitzer.

Und hier drinnen? Wieviele Indianerschlachten haben diese Wände erlebt? Die komplette Rockgeschichte verklang hier in den Fugen. Die alte Deckenlampe, im 60er Jahre Design, ehemals weiß-braun ist nun altersgelbbraun. Auf dem Bücherschrank fehlt der Jupiter. Ebenso die beiden großen Elvis-Poster, die ihm Flügel zu sein schienen. Der Musik-Altar der 70er.

„Würd ich heute nochmal losziehn, blieb’ mein Beutebeutel leer

Es gibt keinen Plattenladen, keine Lineol- und Bleisoldaten

und keine Plastindianer mehr.

Es gibt keine Maikäfer mehr.“

Jaja, geklaut bei Reinhard Meys „20 Uhr“-Album. Eingemeißelte Erinnerung. Damals ’75. Das erste West-Vinyl der ganzen Klasse! Mario war der glückliche Besitzer und ich erster Nutznießer. Erst die Mikrophonaufnahme von den noch unversehrten Platten, 1978 dann nochmal die Bandaufnahme via Diodenkabel zum Jupiter, aber nun inclusive einiger Kratzerknisterei und Rillensprüngen, denn auch Marios Platte hatte inzwischen einiges durchgemacht.

prägealbumDamals nicht bewusst, aber heute unumstößlich feststehend, war das der Moment des Erwachens: Ich wollte ursprünglich nur die Blödelsongs aufnehmen. Aber wir unterbrachen die anfängliche Stückelei! Denn da war soviel mehr! Und alles so anders als erwartet! Mario hatte vorgewarnt, dass nicht alle Songs zum Lachen sein würden; einiges sei mehr so wie „Über den Wolken“, das gerade Hit gewesen war. Wenn auch nicht gerade in unserer Klasse. Schlagerkram war das für uns 15jährige Ignoranten.

Nun aber hockten wir vor der Truhe. Er das Mikro vor den Lautsprecher haltend, ich den Recorder auf dem Schoß und Reinhard sang:

„Rechnet nicht mit mir, beim Fahnen schwenken. Ganz gleich welcher Farbe sie auch sei’n; ich bin noch im Stand allein zu denken und verkneif mir das Parolen schrein.“

Ich reiß die Augen auf und starre Mario an, der grinst stumm zurück und nickt. Als er die Platte wechselt, muss ich einen Kommentar loswerden:

„Ist das stark!“

„Nich‘ wahr?!“

„Pioniernachmittage, Fahnenappell, Mai-Demo…“

Wir mussten uns nicht gegenseitig erzählen, wie wir die 14tägigen Pioniernachmittage fanden und dazwischen diese Zirkel unter der blauen Fahne zur Vorbereitung auf den Übertritt in die FDJ. Diese staatliche Erfindung zur Verhinderung von Langeweile durch endloses Gebastel und staatsbürgerkundliche Zusatzbeschallung. Das Gegenteil war der Fall: Diese Nachmittage waren der Gipfel der Langenweile! Mario und ich gehörten zum phantasievollen Flügel der Klasse, denen mehr einfiel als Gebolze auf dem Kirchplatz. Unsere Freizeit füllte sich wie von selbst und ohne Gammelei!

Wer hätte sich ‘89 träumen lassen, dass der Scheiß als Ganztagsschulkonzept schlimmer als zuvor zurückkehren würde?

„Das is‘ kee Schloagorscheiß!“, stellt er klar, „bevor ich mit den Wölfen heule und Achtel Lorbeerblatt sind die besten.“

Ich muss es erstmal glauben, aber mich treffen zusätzlich noch „der alte Bär ist tot“ und „Aus meinem Tagebuch“ ins Mark.

Dieser Ausbruch „Ich will hier raus, ich hab genug“, der schien auf meine Krankenhausaufenthalte genauso zu passen („Wir spielen Karten seit heut früh…“), wie auf jene Schwimmlagerpein anno’69, und einen „alten (Freund) Frank“ hatte ich schließlich auch. Ich sang den Refrain grinsend meinen diversen Banknachbarn in Physik- und Chemiestunden vor. In der Politschulung der NVA. In öden Vorlesungen; allmontäglichen Sitzungen… Ich wurde an ihn erinnert in Prora, in der Niederlausitz, im finalen Norden, im Hamsterrad der Jahre…

„dann blieb ich an der Sperre stehn; mein Mut hat weiter nicht gereicht.“

Was für ein perfekter Schluss!

Der da auf der Platte hatte Worte gefunden, die mir fehlten – für MEINE Zustände!

Der animierte zum „Anders sein“, wie das später hieß!

Ich bin aus jenem Holze geschnitzt/bevor ich mit den Wölfen heule/Achtel Lorbeerblatt/Tagebuch

Die volle Dissidentenpackung für die sozialistische Schule! Wenn das unsere allseits gefürchtete und verhasste Klassenlehrerin zu hören bekäme! Dann wär‘s aus mit der Zulassung zur EOS im nächsten Schuljahr! Nun hieß es dichthalten, bis der Schritt getan war!

Ich war nach den rund 90 Minuten des  Albums mindestens ein Jahr reifer!

Das war ein Lichtstrahl aus einer neuen Welt. Da war plötzlich Klarheit – perfekt formuliert!

Von nun an wiederholte sich, in eben jenem Kinderzimmer, auf dessen Dach gerade das sprichwörtliche „Herbstgewitter über Dächern“ niederging, die Seltsamkeit, dass da bisweilen all die Punks der ersten Stunde den Aufstand simulierten oder Johnny Rotten die pure Anarchie verkündete, aber plötzlich dieser biedere Rathaussaal-Applaus ertönte und dann sang da einer zur einfachen Klampfe Sachen wie:

„Dem einen ist meine Nase zu weit links im Gesicht; zu weit rechts erscheint sie dem andern und das gefiele ihm nicht…“

Inzwischen kommt die Zeit des Gauklers an ihr Ende. Der Individualitätsschrei wies einen Weg, bei dem mich inzwischen auch manchmal Zweifel beschleichen, ob das so richtig war. Denn dieses Selberdenken bringt dich zwar weiter – aber wohin?

„Its lonely at the top.“

War ich da je?

Mit den Jahren ging mir auf, dass es Freund Reinhard wohl ähnlich ging. Die oft besungene „Freunde-Schar“, die ihm die Meinung stärken- und später trinkfest beerben sollte – sind das nicht eher herbeigesehnte imaginäre Begleiter eines einsam Brütenden gewesen?

Der nette Talkshow-Gast von einst wandelte sich mehr und mehr zum resignierten Grantler.

Wie ich.

Heyse, Heyse und kein Ende…

Eigentlich wollte ich die Heyse-Hitlist umschmeißen, um die folgenden 5 unterzubringen. Problem: Ich kann mich aber nicht von 5 Titeln der Altfassung trennen!

Inzwischen habe ich drei weitere Novellensammlungen von ihm gelesen. Da jede aus 5 bzw. 6 Novellen bestand, also 17 neue Eindrücke. Ein paar, vor allem aus dem „Buch der Freundschaft“, waren wirklich mies. Das will ich nicht verschweigen. Das „Buch der Freundschaft“ rankt sich um „Siechentrost“, den „Hit an sich“. Und wie bei Bands der 70er Jahre, die ihren Signatursong zustande brachten, ringsherum aber „schnell mal“ ein paar Songs hinschluderten, um ihn auf LP herausbringen zu können, solange er „hot“ war, ergänzt sich hier bei Heyse was eigentlich nicht zusammen gehört: Übriggebliebenes aus Veröffentlichungen in „Gartenlaube“ und anderswo, und immerhin die Miniatur von den„Guten Kameraden“ als zweites ansprechendes Werk, sonst nix.

Als ich die Golden Earring LP mit „Radar Love“ kennenlernte, oder Deep Purples „Machine-Head“-Rumpelwerk erging es mir genauso.

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Die 5, die es zu loben gilt, sind:

5. „Die beiden Schwestern“ (1869)

4. „Die Eselin“ (1883)

3. „Gute Kameraden“ (1884)

2. „Der verlorene Sohn“ (1871)

1. „Geteiltes Herz“ (1881)

Platz 5: Bei der Novelle von „den beiden Schwestern“ handelt es sich vor allem um ein „Spätes Mädchen“, ein „Mauerblümchen“, das sich mit dem Schicksal abgefunden hat, Gehilfin ihres Vaters zu sein, und selbstlos ihre jüngere, hübschere Schwester feiert, die von Ball-Erfolg zu Ball-Erfolg eilt. Jene dauerhaft Übersehene schreibt Briefe an ihre Pensionatsgefährtin, die mittlerweile Mutter ist, und nur äußerst knapp antwortet. Sie preist in diesen Briefen das bevorstehende Verlöbnis ihrer Schwester mit einem jungen Astronomen der Sternwarte Potsdam, der sich regelmäßig bei ihnen einfindet – warum wohl? Vater, der alte General a.D., kommt nicht in Betracht, sie selbst, das Familienaschenputtel auch nicht – also bleibt doch nur die Ballkönigin, auch wenn hier und da ein paar nette Neckereien auch für die „unansehnliche“ Schwester der Fee abfallen. Immerhin konnte sie mit ihrer Belesenheit eines Abends punkten: Sie kannte die Planeten des Sonnensystems in richtiger Reihenfolge! — Gerade noch rechtzeitig überwindet sich der schüchterne Astronom dann doch, das Geheimnis platzen zu lassen, dass er von der Intelligenz des Aschenputtels beeindruckt ist und SIE der Grund seiner Besuche ist, auch wenn er, wie alle Welt normal findet, der andern Fee die Aufwartung „pflichtschuldigst“ macht.

Vorhersehbar. Albern. Überholtes Frauenbild. Klar. Na und? So wie Heyse diesen Briefroman en miniature ersonnen hat, knistert es. Der Leser wird mitgenommen auf diese emotionale Reise – auch wenn er auf Seite 5 ahnt, was kommen muss – er weiß ja noch nicht WIE es kommt, oder ob alle hochdramatisch Selbstmord begehen.

Platz 4: „Die Eselin“. Ein invalider, junger Offizier von 1870 weilt zur Genesung bei befreundetem Landadel im südlichen Sachsen und wandert durch Erzgebirgstäler, auch hinüber ins Österreichische. Er lernt eine glücklose, arme, ältere Bäuerin kennen, die einen totkranken Esel pflegt. Sie hat auch noch eine hübsche, geisteskranke Tochter, die wiederum ein Kind hat – und sie weiß nicht, wie sie alle durchbringen soll. Der Offizier erfährt und erzählt ihre Geschichte. Es geht um die Bürgermeisterfamilie und um die Eselin, die eine Stichverletzung in der Schulter hat, die sie nicht gesunden und nicht sterben lässt.  Es geht um eine Hochzeit am anderen Ufer des Bergsees, und es geht um einen hochdramatischen und so nicht vorhersehbaren Schluss. Ganz großes Kino. Könnte man sich als Düster-Movie mit Helene Weigel, der jungen Fieta Benkhoff, Gerd Fröbe, Klaus Kinski, und Willi Fritsch vorstellen.

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Platz 3: „Gute Kameraden“; ein deutsches, noch junges, adliges Fräulein in einer von lauter Engländern heimgesuchten Pension in Rom. Bald wird sie abreisen. Da checkt ein Fabrikant aus Deutschland ein. Verheiratet, aber allein reisend. Es ergibt sich, dass man miteinander spricht. Sie wird seine Fremdenführerin im Landauer und zu Fuß … natürlich knistert es …. derart, wie das nur Spielhagen und Heyse zu Wege bringen … ein Ausflug vor die Tore der Stadt und eine Rast in einer einsamen Taverne bringen beiden unabhängig von einander die Erkenntnis: Es darf nicht sein!  – Gute Kameraden! Mehr nicht! Geeignet für Kammerspiele an kleinen Theatern.

Platz 2: „Der verlorene Sohn“ hat, wie hier beschrieben, eine ganze Flut von Bildern in mir ausgelöst. Heyse konzipierte hier einmal mehr die Schicksale von 4 Personen so zusammen, dass der Leser eine Achterbahnfahrt der Gefühle erlebt. Mutter Amthor und ihre heiratsfähige Tochter pflegen einen verletzten schönen Fremden gesund. Der eigene Sohn des Hauses ist seit Jahren verschollen. – Was, wenn du erfährst, dass … – Kann es solche Schicksale geben? Ähnliches gab es in einer Nachkriegsepisode bei „Doktor und das liebe Vieh“ bzw. in Fassbinders „verlorener Ehre der Katharina Blum“ – aber um ein Vielfaches vergröbert. Die Dramaturgie bei Heyse geht deutlich besser auf. Verfilmen!

Platz 1: „Das geteilte Herz“. Kennst du das Gefühl, das dich befällt, wenn du sagen wir – eine Band für dich entdeckt hast, von der es leider nur sehr wenig Songs gibt? Du hieperst auf Nachschub. Aber der kommt nicht. Irgendwann entdeckst du bei einer anderen Truppe Musik, die dich an jene erste erinnert – und die somit genau diese ungestillte Nachfrage lindern hilft.

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Ich wurde vor wenigen Monaten auf den Namen Paul Robran gestoßen. Schriftsteller des 19.Jhds. Der Name birgt ein Geheimnis, das ich hier nicht lüften will. Robran schrieb nur eine handvoll Novellen – und diese musst du in alten Ausgaben der „Gartenlaube“ oder in „Westermanns (gesammelten) Monatsheften“ finden. Macht ja keiner. Zu umständlich. Aber wenn du einen Link spendiert kriegst zu einer digitalisierten Novelle – dann ist das genau das kleine Tütchen mit dem weißen Zeug, das sofort süchtig macht. You know, what I mean? Nach der Bekanntschaft mit dem Können von Robran musste mehr her – und es fand sich – bei Heyse: Das große Zeitgemälde in der kleinen Form! Eine Dreiecksgeschichte. Ein Mann zwischen zwei Frauen. Klingt simpel. Ist es aber nicht… Die Konventionen; die Fluchten – „ins Bad“ zu reisen; Schlagzeilen, die Napoleon III. hinterlässt -und die Noten von Bachs „wohltemperiertem Klavier“ – zerrissen auf dem Hotelzimmerfussboden…

Du willst einen weiteren Leserausch? Wie bei Robran? Wie damals, als du Heyses „Moralische Unmöglichkeiten“ gelesen hast? Du kriegst ihn! Hier ist kein Wort zuviel. Hier passt alles. Und vorallem Musicjunkies jeglicher Art werden sich hier wiederfinden, ob männlich oder weiblich ist egal, es gibt für beide Lager Anknüpfungspunkte. Auch wenn es zeitlich bedingt gar nicht um Rockmusik gehen kann! Sowas wie hier liest man zuende, klappt das Buch zu – um für den Moment festzustellen: Nichts geht mehr! Du wirst nun nie wieder lesen, denn nichts kommt DA ran!

Aber Zeitchen später verfliegt der Rausch. Du schaust aus’m Fenster: Alles noch wie gehabt. Du fährst den Computer hoch, klickst das ZVAB an und gibst in die Suchleiste ein H ein. „Heyse“ kommt von Geisterhand allein. Enter. Such! Nachschub!

Es bleibt spannend.

Mr. Flitzfinger is gone

Dritter Versuch, was über van Halen zu schreiben. Immerhin war ich mal genau seine Zielgruppe. Anno’78! Oder war’s bereits Anfang’79, als diese neuen Töne via NDR 2 ins Kinderzimmer des 12.Klässlers schallten?

„Stahlbetonrock“ nannte das Günter Fink im Radio. Fand ich treffend.

Oop-oop-oop. Klicketack! Ramtaaaaa-ram-ta-ta-ta!

„Running with the devil.“ Der Soundtrack für die Mordfantasien am Physikmonster der Schule.

Van Halen schien schon mal durchzuladen. Klicketack.

Keine Sorge. Nix passiert. Schwarzer Humor. Ventil-Phantasien für angry young men. Zu DEM Sound geht man nun mal nicht Blümchen pflücken! Schul-Amok gab es noch nicht. (Ging aber bald darauf in Amerika los; siehe „Don’t like Mondays“ und die Geschichte dahinter.) Noch war die psychische Konstitution von Schülern stabil.

Und England machte aus sowas noch unterhaltsame Komödien wie „Geliebter Spinner“, was dann wiederum im DDR-TV lief.

Mit der Band passierte allerdings auch nichts weiter.

van halen 1

„Eruption/You realy got me“ wurde noch gesendet. Das war’s von der 1. LP. Der NDR begann zu jener Zeit pro Star nur die immergleichen 1 oder 2 Titel zu senden, bis du kotzt. Als hätten die alle nie LPs gemacht! Von AC/DC gabs nur „Whole lotta Rosie“, von Ted Nugent nur „I need you bad“ – vielleicht lags daran, dass dieses Metal-Ding an mir vorbeiging. Die Fahne unterbrach sowieso das „Dranbleiben“ bis’81. Da spielten die dann plötzlich anderes Van Halen Zeug. Zum Beispiel „Pretty Woman“ – von Roy Orbison. Schrammel-Gniedel-Style. Ich brach die Aufnahme ab. Es gab noch 2 Nummern, deren Namen ich vergessen hab, von der „Women and Children first“, die waren auch nix. Der LP-Name hatte mich angelockt. Wird’s dramatisch, wenn die Platte so heißt?

Ich war kein Metalhead, aber Rainbow mochte ich immerhin. Die killten den König und traten die Tore von Babylon ein, dass man glatt hätte mithelfen wollen, nachdem man sich zuvor noch mit der Lady am Lake verlustiert hat. – Aber Van Halen? Rumpel-Gnietsch-Jaul. Soll schwierig nachzuspielen sein. Möglich.

Led Zeppelin haben so Nummern wie „Gellows pole“, was dich an Schillers Bürgschaft denken lässt, wenn du auf den Text achtest, oder die unschlagbare Treppe in den Himmel. Deep Purple haben „April“ und „When a blind man cries“ – so Sachen die dich hineinziehen in ihren Kosmos, dass man dann auch tapfer so Kram wie „Lazy“ oder „Space trucking“ erträgt, weil man auf poetischen Nachschlag hofft. Aber in der Richtung kommt bei Van Halen nix. I love you, I need you, I’m hot and you not…. Blablabla zu Rumpelei; bis dann der neueste Fingerbreching-Sekundengimmick kommt. Später dann so Befehle wie „Hüpf!“ zu süßlichen Keyboards. 1984. Im Dieter-Bohlen-Jahr. Van Halen mutierten zu den heavy Modern Talking. (Schwarzer Humor one more time. Ich nehms zurück. Grins.) Hobbygitarristen scheinen ja regelmäßig vom Glauben abgefallen zu sein. Und die Damenwelt, die den animalischeren Conterpart bevorzugte, träumte sich ihre Baubuden-Macker in Diamond-Dave-Gestalt. Mag sein. Für mich war halt nichts dabei. Außer „Running with the devil“; da seh ich mich wie damals ‘79 im Physikraum, wartend auf die Exeku- Examination, hinter der Tafel stehen, den Zeigestock als Knarre in der Hand – und durchladen. Klicketack! Rammtaaaa-ram-tatata!

Tschüß Eddie.

PS: Es hieß immer, du habest das Tapping erfunden. Diese Woche las ich, dass du es dir von Steve Hackett abgeguckt hast. Nu muss ich wieder alle alten Genesis-Großwerke durchhören, um herauszufinden, auf welchem Track der tappt.

Du bist also „nur“ der Popularisator dieses Stils. Aber mal ehrlich:

Yngwie Malmsteen ist dir über.

Janis

„A woman left lounlääääää…“ Damit ist eigentlich schon alles gesagt über ein real-elendes, kurzes Leben einer Wahnsinnsstimme. Auch ihr Todestag jährte sich nun zum 50. Mal.

Die Mutter der Stimmen wurde keine 30. Bis heute stellt sie alle in den Schatten, die nach ihr kamen. Gegen DIESES Vermächtnis kann keine Debbie Harry, keine Ann Wilson, keine Tanya Tucker, keine Nina Hagen anstinken. Alle Konkurrenz findet weiiit unterhalb statt.

Sechs Jahre nach ihrem Tod stieß ich auf „Move over“ im Radio und brach die Aufnahme ab. Das fetzte nicht. Ging nicht los. Ich hatte andere „Kickmoments“ zuhauf. Das war die große tote Janis?

Aber dieser negative Erstkontakt konnte dem oft erzählten Kult nichts anhaben, auch von Jimi gabs enttäuschende Graupen. Also gingen meine Daumen bei der nächsten Janis-Erwähnung im Radio automatisch wieder runter auf der roten und schwarzen Aufnahmetaste. Die Beute war diesmal „A woman left lonely“ und traf – ins Herz. Phantastische Dramatik, sich steigernde welterfahrene Verzweiflung, Höhepunkt, geniales Outro. Das Hinschmeißen der Waffen. Kapitulation. Finales „Leck mich…!“ In Zukunft unlöschbar!

Das Lied war nie ein Hit. Aber es ist ihr bester Song!

So leiden können auf ner Platte, dass es den Hörer schmerzt – das macht ihr in der Intensität keiner nach. Und das konnte sie nicht nur in diesen 3 Minuten. Das klappte immer wieder z.B. in „Piece of my Heart“, in „Cry Babe“ in „Bobby McGee“ und vor allem auch in „Maybe! Maybe! Maybääää!“ Ganz ähnlich wie Jimi mit „Johnny B.Goode“ veredelt sie hier ein kleines Doowop-Juwelchen der 50er per—fekt! Eine geschundene Seele bricht sich Bahn.

Musikalisch also hatte sie mich am Haken. Ihr äußeres Erscheinungsbild musste ich erst verkraften lernen. Zum ersten Mal trat sie mir entgegen auf dem Bauch einer sexy Blondine. Ein T-Shirt-Konterfei schwarz auf gelb: Zwei breite schwarze Mähnenstreifen, die sich oben trafen und zwischen sich einen Rest von Gesicht erahnen ließen. Darüber JANIS und darunter JOPLIN – aber mich erinnerte sie an eine von den Manson-Girls vom Foto aus dem „Magazin“. So sieht die aus?

janis

Bei DER STIMME hatte ich ganz andere Vorstellungen! Irgendwas zwischen Brigitte Bardot und Raquel Welch in leicht ramponiert, aber tief dekolletiert. (In der 8. Klasse hatte ich eine junge Englischlehrerin in dem Stil. Sexbombe mit Männerstimme. Leider statt Mähne bereits Lehrerinnen-Dupet.) Nu war das also nix mit den erotischen Begleiterscheinungen. Aber das tat der Verehrung letztlich keinen Abbruch.

Die Amiga-LP, die 1981 endlich erschien, musste ran. Was hab ich mich gegrämt, dass da dieses unerhebliche Liedchen „Half moon“ sinnlos Rillen füllt, aber „a woman left lonely“ fehlt! Ach diese uninspirierten Entscheider „da oben“!

janis 2

Um 1984 die Blumenstein-Biografie von ihr zu kriegen, bin ich täglich durch die Leipziger Innenstadtbuchläden getigert, um dem Zufall nachzuhelfen: „Heute grade reinbekommen!“ Und der Tag trat ein: Franz-Mehring-Buchhandlung. Ein Stapelchen von ca. 10 Exemplaren liegt da vor mir. Ich will zwei, muss aber eins an der Kasse lassen. Jedem Kunden nur EIN BUCH! Tja. So war’s. Damals. Sicher hätte ich draußen die Brille absetzen- und einen Zweitversuch wagen können, aber so wichtig war mir die Beglückung eines gleichgesinnten Kommilitonen dann auch wieder nicht.

Blumenstein breitet das ganze Elend dieses ewig sich betrogen fühlenden Mädchens da vor dem Leser aus. Eigentlich auf der Suche nach Familie, nach Halt, nach einem wahren Freund zum Anlehnen, versuchts sie’s praktisch mit jeder Kifferruine, die zufällig in der Nähe ist.

„Like a Joint, she passed round!“ besingt Tony Joe White treffend ähnliche Fälle.

Bis sie den Bettel satt hat. Während der „Pearl“ Sessions schießt sie sich regelmäßig ganz im Stillen ab. Am Morgen des letzten Aufnahmetages wird sie gefunden. Der letzte Song bleibt deshalb instrumental. Passend „Burried alive in the Blues“ betitelt.

Auf der Platte befindet sich jener andere- oben bereits reichlich beschriebene Song, der zur Vermächtnishymne taugt. Sie singt nicht nur – sie IST „the woman left lonely“.

Hotel California

Original: Don Henley & Co; the Eagles 1976

dt. Version: Bludgeon 2020; unter dem Eindruck mehrerer Wende-Dokus anlässlich 30 Jahre leeres Land

Musik hier

Gräßlich kalt war die Straße

Wind spielt mir im Haar

Immerhin frische Landluft

Eagles-Sound in mei‘m Car

Vorn in der Entfernung

Seh ich schimmerndes Licht

Ist das das Ende des Tunnels, wo ich Ruhe find‘?

Oder ist‘s das immer noch nicht?

Ja sie stand in der Lücke

Wo gestern Mauer noch war

Und ich sprach zu mir selber:

Halt nun die Fresse jetzt, wenn nichts bleibt, wie es war!

Dann verschenkte sie Kulis

Drückt mir so Tand in die Hand

Beschämt drückt‘ ich mich an ihr vorbei

Und schmiss das Zeug an die Wand!

Willkommen hier im Hause Westeuropa!

Fühl dich frei hier drin! Wie voll die Läden sin‘!

Gib dich einfach hin!

Noch ist Platz im goldnen Westeuropa!

Noch für ein paar Jahr‘

Bald ist nichts mehr wahr!

Hier reden alle vom Umsatz

Aber schweigen vom Geiz

Salbadern: Werte und Ethik!

In Praxis kümmert’s ’n Scheiß

Sie sind Konkurrenten

Doch sie nennen sich Freund

Die einen ha’m Dividenden

Den andern bleibt noch’n Joint

Und so rief ich den Chef an

„Wie lang bleiben wir hier?“

Sehr dezent verpisst der sich:

„Das is nu nich‘ mehr mein Bier!“

Und dann sind da so Stimmen,

gar nicht weit weg:

„Willst auch du uns verlassen?

Back in den 80er Dreck?“

Willkommen hier im Hause Westeuropa!

Frag nicht nach dem Sinn! Hüte dein Kinn! Sonst langt einer hin!

Sind so helle Fenster auch bei dir da!

Feinstes Tunnellicht! Die Ränder sieht man nicht! Ist die alte Geschicht‘!

Verspiegelt die Wände

Chic, Muckibudenflair

Trimm dich, schaff dich selber

Du kamst ja freiwillig her

Willst Frust in dir besiegen

Aber wirst ihn nicht los

All die Jahre am Schieben

Letztlich wird-! Hier-! Keiner groß!

Ich erwach aus dem Alptraum

Trete raus vor die Tür

Wie find ich meinen Weg zurück?

Ja, was will ich noch hier?

„Bleib ruhig“, sagt der Gottschalk,

„S geht doch allen so.

Schwimm doch einfach mit im Strom –

Werd ein Teil dieser Show!“

Ja, ich will nicht zurück mehr

In das Parteibonzenland

In die graue Tristesse

Als die Mauer noch stand!

Doch bliebs weiterhin eng hier

Kafkas Katze und Maus

Du kannst über 7 Brücken fliehn

Keiner kommt-! hier! lebend raus!

So erzähl mir was Neues

Von der Gender-Front

Spürst noch den Frost, der dich hart macht? Hast du sonst nichts gekonnt?

Guitarrrr….

Einer von 17 Millionen

Nebenan läuft im Fernsehen „Der Ballon“ von Bully Herbig; 2018. Ein bayrischer Ex-Comedian dreht einen ernsten Film über zwei Familien aus Bayern. Ursprünglich waren sie zwei DDR-Familien, die einen Bettlaken-Ballon bastelten und 1979 eine spektakuläre Flucht wagten, die gelang. Wenige Wochen vor meiner Einberufung, sodass das Thema heiß diskutiert wurde, wenn wir Klassenkameraden uns zu Gartenlaubenfeten trafen, in diesem laaangen Sommer nach dem Abi und vor der Fahne…. „Würdest du bei sowas schießen, wenn’s drauf ankäme?“ Gott sei Dank war keiner von uns zu den Grenztruppen gemustert! Aber das war pures Glücksspiel!

ballon 79Zwei Familien mit Kindern auf so einem wackeligen Ding, wohl wissend, das geschossen werden könnte…

Zwei Familien, die den üblichen Gängelungsalltag satthatten, aber nicht verfolgt worden waren.

Helden?

Der Film wird der westdeutschen Mehrheit, so sie ihn denn sieht, alle erlernten Klischees bestätigen.

Spoiler: Es ist wieder reichlich Stasi im Spiel!

Ich sitze hier und schreibe diesen Text, anstatt mir das „Werk“ anzutun.

Ich bin meinen Eltern dankbar, dass sie all die Jahre vor der Wende nicht auf so eine Idee kamen, dass sie nicht durch einen Tunnel krochen, dass sie nicht im Bulgarienurlaub ins „falsche“ deutsche Flugzeug stiegen, ob mit mir oder ohne mich; und dass sie nicht im Kofferraum des einzigen Westbesuches abhandenkamen.

Der hatte das nicht mal angeboten! Man stelle sich das mal vor! (Sarkasmus!)

Laut Nachwende-TV gibt es doch NUR präparierte Kofferräume in PKWs die gen Osten fahren!

Ich finde mich  30 Jahre nach der Wende in ganzen 2 Filmen und in einem einzigen Buch wieder.

Die Filme: „Sonnenallee“ und „NVA“ von Leander Haussmann.

Das Buch: „Der Turm“ von Uwe Tellkamp.

„Gundermann“ und „Weissensee“ sind sehenswerte Filme, aber eben Stasi-Sagas, die mir lediglich Zeitkolorit zurückholen, jedoch keine Identifikationsfiguren bieten.

Der Rest ist Klischee-Erzählung. Fishing for Compliments von Siegerseite. Oder gleich von Wessis „anempfundener“ Versuch, vom Osten zu erzählen.

Reinhard Lakomy erschuf 1993 eine CD mit dem Titel „Die 6 Uhr 13 Bahn“. Leider textlich ziemlich erbärmlich, plakativ. Aber sie enthält den herausragenden Song „Alles Stasi außer Mutti“ und war damit ihrer Zeit voraus. Der verengte Blick auf das Stasi-Thema wird sich verfestigen und 17 Millionen Biografien medial beschweigen, deren „Fehler“ es ist, mit der Stasi nie zusammengestoßen zu sein.

Wer ist klüger? Der, der die Grenzen kennt und sich und seiner Familie ein Auskommen ermöglicht?

Oder der, der Fußabstreifer zusammenschweißt und Bettlaken zusammennäht?

Bewundere ich diese Ballonfamilien?

KEIN STÜCK!

Jimi

Jimi, Mensch! Alter Gitarrenverweser! 18. September 1970. 50. Jahrestag! Seit 50 Jahren nu da oben. Inzwischen mit Danzer, Cäsar und Renft, mit Elvis, Bowie und Lou Reed. Praktisch allen meinen Göttern! Onkel Neil fehlt euch noch. Der ist hier unten noch zu Gange.

Mensch, Jimi. Du warst 5 Jahre tot, als ich dich entdeckte. Also, deine Hinterlassenschaft. Auf Friedhöfen hab ich nicht gebuddelt. Schon gar nicht mit 15!

Es war ein Sommertag’75 in Frohburg. Dort bekamste mit Kofferheulenantenne auf UKW nur Ostsender rein. Ich hatte meinen „Anett“-Radiorecorder erst seit Ostern. 2 oder 3 Kassetten voller Hitparadenkram der Zeit. Das Wüsteste, was ich kannte, waren Sweet „Teenage rampage“. Von Slade kannte ich erst „far far away“ (eine Hymne zwar, aber relaxed) und „My Friend Stan“ (auch nicht der große Rammler!). Aber dann verkündete die Tante am Mikrophon, dass sie nun was von dir spielt – und die Daumen gingen runter: „We bring you a little Rock&Roll right now!“ sagtest du so wie nebenbei ganz unaufgeregt – und spieltest „Johnny B:Goode“, aber über mich kam die Sturmflut, das Zimmer schien mir um die Ohren zu fliegen, ich war auf einem Amok-Trip im wilden Westen, bei solchen Klängen kann die Welt nicht bleiben, wie sie ist! Schießt es draußen schon? Sirenen? Feuersbrunst – Erdbeben – 3. Weltkrieg! „Playin‘ the guitar like ringing the bell!“ Okay! Tell it and do so! Dann das Crescendo am Schluss, das Todeswiehern der Gitarre! Rums! Aus! Luft holen! Kein Bandsalat die 3einhalb Minuten! Alles gut!

Blick aus dem Fenster: Alles noch wie vorher. Nichts hatte sich geändert. Alles nur in mir – das bläst dir durchaus den Glamrock aus. Das ist eine andere Hausnummer!

Ich trug „Johnny be good“ in mein Aufnahmenverzeichnis ein. Falsch geschrieben, klar. Nach Gehör und Englischkenntnisstand eben. Und ich schrieb dich Jimmy Hendrix. Es wollte mir nicht in den Kopf, dass all die Dödel mit ihren Jimi-Hendrix-T-Shirt-Bäuchen Recht haben sollten. Die waren selbst gebatikt und die, die sie trugen hatten nie Englisch in der Schule. Wir schon! Und wir beäumelten uns, wenn wir in den Aufnahmeverzeichnissen unserer POS-Kumpels so Sachen lasen, wie Jeff Row Tull oder Jooraya Heap. Die Amis schreiben doch Jimmy nicht Jimi! Niemals! Also nee!

Dass „Johnny B.Goode“ von Chuck Berry war, wusste ich „Memory Hits“ geschult bereits. Aber wer braucht Chuck Berry, nach DIESER Coverversion von dir! Wenig später erlebte ich den gleichen Zündfunkenmoment, als ich „House of the rising sun“ von Frijid Pink aufnahm! Frag nicht, wie ich die geschrieben habe! Aber da hatte ich das Bild vor mir, wie ICH auf der Bühne eine Halle rocke und meine Gitarre brennt!

„Die brennende Gitarre“ las ich in den 90ern. Da wusste ich längst, dass du sowas ähnliches gebracht hast. In Monterey. Wenn auch deine Gitarre dabei nur auf dem Boden lag.jimis guitar

Im Herbst’75 sendete der HR 3 eine „Rums“-Sondersendung zu deinem 5.Todestag. Verzehnfacht hat der sich jetzt. Mann-Mann sind wir alte Säcke inzwischen! Und weit und breit kein Jimi oder Bowie in unserer Generation! Bei uns Boomern sieht es mit solchen Qualitäten dürftig aus. Leider.

Dank HR 3 damals war ich Fan von dir. So für ein reichliches Jahr etwa. Platte hatte ich keine. Mauerzeit, you know? Nur so 8 bis 10 Rundfunk-Beute-Stücke. Die Hits eben und die seltener gespielten Nummern „Angel“ und „Stone Free“. Dein Gitarrensound schien all den Most durchzuquirlen, den man als Pubertierender so in sich hat. Irgendwas zwischen Selbstmitleid, weil man an der eigenen Schüchternheit verzweifelt (castles made of sand) und Amok, der aber nicht wie Amok aussehen soll: What will you do with the gun in your hand…

Und aufs Gitarre spielen lernen hab ich auch verzichtet. Es wurde ja schon mit dem Akkordeon beidhändig nix. Und wenn ich bei diversen Gelegenheiten wie Schulfesten etc. untalentierte kleine Mädchen „Hänschen klein“ zupfen sah und die Nummer nicht erkannte, glaubte ich, Gitarre sei wahnsinnig schwer!

So stieg die Verehrungsbereitschaft für Leute, die das konnten – und damit sogar ins Fernsehen gelassen wurden.

Yeah, du gewöhntest mich ans Gniedeln. Ohne dich wär ich bei den Allmans oder Dickey Betts niemals drangeblieben. Ohne dich hätt ich den Spirit-Auftritt im Rockpalast nicht verstanden! Ohne dich wär ich auch nicht ein halbes Leben lang bei George Benson gelandet. Der spielt wie du, nur ruhiger. Der malt mit Tönen wie du: Hier ein Tupfer, da ein Tupfer. Er kleckert Notenblätter voll, wie das die wirklich guten abstrakten Maler machen: Klecks hier, Strich da, Welle dort – und zum Schluss ist die Leinwand voll und du hast als Betrachter die Assoziation einer Waldlichtung im Regen. So spielt der. Der fing zur gleichen Zeit an wie du. Blieb aber im Jazz. Manchmal hat er Soul versucht, aber das ging eher in die Hose. Eigentlich hättet ihr best Buddies sein können. Er hat mit Earl Klugh eine Duett-Platte eingespielt. Die ist gut, aber ne „Collaboration“ Benson/Hendrix – DAS wär’s gewesen! Aber da warst du ja längst weg.

Kannst eigentlich froh sein, dass du nicht mehr unter uns weilst. Die Inquisitoren gehen um. Immer mehr Kunstwerke geraten in Verdacht, irgendeinen bösen Fehler zu haben. Dein Coverfoto von „Electric Ladyland“ hat es auch schon vor Jahren erwischt. Aber das steigert sich gerade alles ins Unvorhersehbare. Kolumbus-Statuen schmeißen die jetzt um! Bei dir zu Hause. Ohne das Land zu verlassen! Bei uns wollnse das imitieren und haben keinen Kolumbus zur Hand. Doof. Aber nu jagen se deshalb Mohrenapotheken und Winnetou. Nicht mehr lange und dann lässt sich erstmalig so ein halbgebildeter Überschriftenwisser auf den Text von „Hey Joe“ ein. Und dann wird die Rockgeschichte entsorgt. Frauenfeindlich. Hendrix der Womanizer, der Verständnis für Frauenmörder hatte … Noch können wir beide drüber lachen. Aber – wie lange noch?

Also gräm dich nicht, da oben. Man sieht sich.