Tür aaauuuf!

Oder: Prora-Klaps 3

Fehlstart in den Sommer. Dürre in Ostelbien. Gelbe Savanne, wo eigentlich grüne Wiese sein sollte. Nur 3 Nächte Regen seit Ende April. Andererseits auch keine Zecken dies‘ Jahr. Aber die Gartenwasseruhr tickt und tickt, damit mein kleines bissl Sitzeckenumrandung grün bleibt.

Were you drifting
On a strange tide?
Collecting visions
From the other side?
Caught between day and night
You were stealing moments past hours
of your life
And balancing on
The edge of a knife

Bruderherz macht wiedermal Urlaub in Binz. Yeahr! Das Arbeitssuch-Nachwende-Schicksal hat eine große räumliche Distanz zwischen uns gepackt, aber seine mehrfachen Rügenurläube (und meine Kurzbesuche dort) sind eins jener spärlichen, aber notwendigen Bänder zum Wiedersehen.

Memories of once longer days
They keep on flooding back
The adventurous times when we
traveled life’s road
Though we were often blind
But with a lot more heart
And for each other
Taking the time…

…für immermalwieder einen Tag am Meer, auf den Spuren von Caspar David Friedrich und voller Spielhagen-Assoziationen. Der muss hier in seiner Jugend des Öfteren langgeritten sein um 1840. In Einsamkeit; nur dann und wann eine Siedlung der Ichthyophagen streifend und unbewusst Eindrücke sammelnd, für spätere Romane.

(Die Suche nach der Herschelmann-Handtaschenkulisse bei Sassnitz erwies sich 2018 leider als erfolglos. Da ist also noch etwas übrig für die nächsten Male.)

Und dann ist dort eben auch noch Prora. Üble MSR-29 Erinnerungen einerseits. Andererseits die Plattendeals, die mich zur begehrten Kontaktperson werden ließen.

On a wing and a prayer
A wounded bird in the hand
With the eyes of a child
Come to understand…

…behütet und abgeschirmt im EOS-Alltag, mit verblasenen Theorien vom „neuen Menschen“ vollgestopft und lediglich in jugendlicher Provokationslaune auf den Punk-Train gesprungen, verabreicht dir die Fahne den wirklichen Punk, der sich daraufhin verfestigt. Jenes fischköpfige Assigesocks vom Diensthalbjahr über mir und die 10ender der Ränge Feldwebel bis Fähnrich, sind heute tot; oder doch auf dem strikten Weg in die finale Leber-Zirrhose. Aber damals gaben sie dir „einen mit“, wie man so sagt: Intensivkurs in Sachen Menschenbild.

Alptraum-Eiländ hab ich knapp 20 Jahre gemieden. Seit’98 war ich nun doch 4x in Prora. Am Verfall dort gesundete die Erinnerung mehr und mehr. Aber ein Baustein fehlte bis 2014. Zuvor hatte ich lediglich Außenaufnahmen vom Koloss machen können. Untenrum war alles vernagelt und vermauert. Aber dann:

2014. Julisonne. Frühzeitig gestartet, werktags, auf völlig freier Autobahn – da legte ich zum allerersten Mal die soeben erschienene und überall verissene „Heaven and Earth“ von Yes ein. Ein Soundbastard aus YES- und Supertrampfeeling. Glücksgriff. Genau das Richtige für eine Fahrt in die Vergangenheit um 1980. Und die Glückssträhne hielt: Diesmal war eine Hintertür zur ehemaligen Küche des 3. Bataillons offen!

ICH WAR DRIN! Lost Place. Aber ich kannte mich aus. Küche-Treppe-Stabsflur-Treppenhaus 3. Bataillon. Scherben und Kabelreste, demolierte Sicherungskästen, Geister der Vergangenheit, das Treppenschachtgebrüll des Stabs-UvDs:

„UvD Achte! Schick ma GuvDy sofort zum Staber!“ „Tür auuuuf!“ „EKs, wo seid ihr!….“ „Schnauze im Glied!“ „Faulickdenn? Gleich fälltn Schuss!“ „UvD Neunte! Hauptfeldwebel zum OvD!“

Knirsch und knax unter den Sandalensohlen. Tour de force. Meine Bude der ersten 6 Monate. Vorletztes Zimmer links im Schlauch. Schlauch und Piste – die Bohnerflure. Scheißhaus 3. Zug. Völlig zertrümmert. Hätt‘ ich glatt mitmachen wollen, so oft, wie ich hier putzen musste. Die Waschräume noch erkennbar. Dann ein Stockwerk höher: Die 2 Mann-Bude für Schreiber und Uralfahrer; und – – – ein Erinnerungsfehler: Wo die Spießbude war, hab ich verdrängt/verwechselt und versehentlich wohl eine von den Capo-Unterkünften fotografiert. Egal. Alles ratzekahl leer. Im Zustand des Verfalls. Graffitis allenthalben. Das sinnvollste in der ehemaligen Waffenkammer meiner Ursprungskompanie: Idiotencrew!

Ich nehme mir eine gute halbe Stunde Zeit, auch für das angrenzende ehemalige „Ledigenwohnheim“ unverheirateteter Sackies und den Med-Punkt. Und anschließend schwebe ich geradezu über all den Restedreck wieder durch die Küche nach draußen. Happy und erlöst. Mein Gedärm sieht das genauso – und so scheiße ich beim Abmarsch am Kdl (Kontrolldurchlass = Kasernentor) noch in die Büsche – eine buchstäbliche Altlasten-Entleerung. Frei.

I will open the book
Raise the pen
Let it re-invent
My life again
Take me from where I am

As a freed bird
Flies from the hand
To ascend, to ascend

 

2018 fahre ich geradezu euphorisch hin. Mit dem fast gleichen Soundtrack wie 2014, weil der sich bewährt hat: Yes, Asia, dann NDW-Goodies:

Ich lebte hinter Gitterstäben, dann kam sie, ich begann zu leben; dein kleines bisschen Leben – wird grade abgepackt; nun bin ich raus, nun steh ich hier; wie in Sodom und Gomorrah, wie in Babel und bei Noah; ich möchte ein Eisbär sein; die Traurigen werden geschlachtet, die Welt wird froh, die Alten werden geschlachtet, die Welt wird jung;, wir sind die letzten von 110, wir warten, bis die Zeit vergeht; unser Mann aus Bückeburg teilt soeben mit, der Agent der Gegenseite heißt Joachim Witt; du wirst tanzen wie ein Kind im Wind und dahin kommen, wo wir alle schon so lange sind: Ins Labyrinth!

Düstersongs aus der Zeit des unmittelbaren DANACH. Damals Fugenkitt der Seele. Trotzdem unterstützen sie nun meinen Frohsinn: Überwunden!

2018 gibt’s nichts mehr zu bewältigen. Als ich „meinen Block“ wiedersehe, hat ihn die „Entkernung“ ereilt. Ein Baustellenradio hämmert gerade „I can’t get no satisfaction“. Nojaaaa. Ich schon. Das kommende Schicksal auch dieses Teils des Koloss‘ offenbart sich im Anblick der angrenzenden bereits verkauft und vermieteten Feriendomizile.

Ich steh davor und weiß nicht: Stahlbetonruine. 3km lang. Abriss zu kostspielig. Arme Insel. Du hattest keine Wahl. Den unfertigen KdF-Bau vollenden oder wieder „Links zwo drei vier – ein Lied!“

Were you catching
The last train to nowhere?
Playing out scenes
Of dark desert days?
Put it behind you now

Was wissen die, die hier nebenan zum Teil schon Balkonblumen gießen, von der Vorgeschichte? Wollen die überhaupt was wissen? In unseren geschichtsvergessenen Zeiten, in denen angeblich nichts mehr eine Rolle spielt, was früher war?

Die Wände sind zwar alle neu und die langen Flure verschwunden, aber Fußbodenbeton und Zimmerdecke könnten noch erzählen:

Ist das hier etwa DER Block, in dem die Russen 1945 nach der Bodenreform die enteigneten Gutsbesitzerfamilien Sachsens und Thüringens internierten vor dem Abtransport nach Workuta? Wieviel Selbstmordelend mag sich dann hier ereignet haben? Oder war es „nur“ ein Block voller Pommern-, Ost- und Westpreußenflüchtlinge? Wie lange hausten die hier? Wer wurde hier wo vergewaltigt? Wer wurde hier noch „abgeholt zur Klärung eines Sachverhalts“ auf Nimmerwiedersehen? Aus welchem Fenster sprangen hier die meisten? Heulten hier die Hinterbliebenen auf zur Zimmerdecke und verfluchten Hitler, Gott und Stalin?

Und dann die laaaaange NVA-Phase:

Wieviel Schikane hat sich hier abgespielt? Wieviel Urin besoffener EKs und wieviel Blut aufgeschnittener Pulsadern von Leidensgenossen musste hier von „Glatten“ aufgewischt werden? Ist von deinem Ferienwohnzimmer aus einer nach „Schwedt“ ab-gegangen? Wieviele Flüche stecken hier in jedem Quadratzentimeter Zimmerdecke?

Möchte man in diesem Gebäude wirklich seine Mußestunden verbringen? Möchte man davon ein Stück kaufen?

Call out those bleak shadows from your mind
And never again
Slip through the cracks

Ehemalige KZler zieht es in die Gedenkstätten zur Selbstvergewisserung diesen Scheiß überlebt zu haben; Wehrmachtsveteranen bereisen ihre alten Frontabschnitte, wo sie litten, wo sie schweigen lernten, wo sie nach den alten Holzkreuzen suchen, die sie nicht finden, unter denen die Kameraden liegen, weil da jetzt unter Umständen Wohnblocks stehen, die es 43/44 nicht gab. Vertriebene bereisen Schlesien oder das Sudetenland auf der Suche nach idyllischer Erinnerung, aber auch im Kampf mit den alten Gespenstern aus den Tagen und Wochen im Frühjahr’45. Stasihäftlinge führen durch die Knäste der Ehemaligen in Cottbus und Hohenschönhausen und erzählen ihr Schicksal immer und immer wieder. Anfangs detailliert und ergreifend; mit den Jahren routiniert und mit immer mehr Kontextfakten verlangweiligt.

Und ehemalige Wehrpflichtige (ost) besuchen heute eventuell das NVA-Museum in Prora und möchten auf die Schaukästen kotzen: Schöne heile Wehrpflichtwelt!

Weder das „(KdF-)Dokumentationszentrum“ noch das „NVA-Museum“ werden der Geschichte des Ortes gerecht.

Also letztlich: Wozu das Ganze. Ist doch vorbei. Da vorn ist ein Andenken-Shop. Lets buy?

Die Dummen werden geschlachtet! Die Welt wird klug! (Grauzone)

Nee, leider siehts momentan nicht danach aus.

 

(Alle englischen Zitate: „To ascent“ – YES/2014)

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Cooper 2018

Alle 47 Jahre sollte man es mal wieder mit Cooper probieren. James Fenimore. Nicht Alice.

Was man zwischen 11 und 16 hört, dass prägt einen ein Leben lang, las ich neulich mal. Was man in dieser Zeit liest aber auch.

ansiedlerErst Jugendbuch, dann Reprint-Ausgaben-Testung mitte der 80er, und schließlich Arno Schmidt Elogen immer mal wieder sorgten dafür, dass ich ihn nicht als bloßen Teenie- Bespaßer sehen lernte. Was seine Werke allerdings vor einem Dachbodenschicksal nicht zu retten vermochte. Bis neulich. Da holte ich ihn wieder zurück ins Bücherregal. Ich beschloss, den Sommer 2018 darauf zu verwenden, wenigstens „Die Ansiedler“ und „Die Prärie“ nun zum zweiten Mal zu lesen.

Denn Nathaniel Bumppo ist dort alt und mir geht’s ähnlich. Er galt lange Zeit als einer der fähigsten Macher seiner Sparte und mir gings ähnlich. Nun gerät er mit einer Welt aneinander, die nicht mehr seine ist. Und mir geht’s ähnlich. Er flieht in die unbekannten Weiten hinter den Appalachen. Und mir geht’s —- nicht so. Im Grunde bin ich da schon. In den weiten Ebenen. Zwischen (allerdings schwarz-bunten) Büffelherden in Begleitung eines alten Hundes; allerdings ohne Knarre. Und der eigene Nachwuchs redet westdeutsch:

An Weihnachten, in 2012, die Mütze/Brille/Kette angezogen … ÄCHZ!

Natty im Block. Im Blog. Ach, was weiß ich!

Arno Schmidt weißt darauf hin, dass Cooper allweil mies übersetzt wurde, wobei manche Pointe verloren ging. Andererseits kenne ich die Reprint-Ausgabe der deutschen Erstausgabe des „Wildtöter“ von Anno Tobak aus der Mitte der 80er: Weiiiiitschweifig ist gar kein Ausdruck. Die hab ich nicht zu Ende geschafft. Und ob die jede englische Pointe berücksichtigt hat, wage ich zu bezweifeln.

Also glaube ich, mit der mit60er Variante der DDR nach wie vor gut bedient zu sein. Den Buchschmuck finde ich immer noch 1a; wie einst mit 11 im Krankenhaus, als ich prompt versuchte auch so zu malen wie der Illustrator und dadurch begann plastischere Effekte zu erzeugen.

dav

„Die Ansiedler“ sind Coopers Erstwerk dieser Tetralogie. Die entstand binnen 15 Jahren relativ durcheinander. Als zweites Werk entstand „Der letzte Mohikaner“. Dann „Die Prärie“. Dann wandte er sich für längere Zeit Seefahrtromanen und politischen Traktaten zu. Schließlich kamen als „Spätwerk“ noch „Pfadfinder“ und „Wildtöter“ heraus. Die letzten beiden empfand ich mit 11 als die spannendsten. Gefolgt von der „Prärie“, weil Natty Bumppo dort den Handlungsort der deutlich später spielenden „Söhne der großen Bärin“ erreicht. Es schien mir deshalb eine Verbindung zu geben zwischen Tokei-ihto (Welskopf-Henrich) und Chingachgook (Cooper). Quasi eine Stafetten- Stabübergabe.

„Die Ansiedler“ kamen mir damals recht ereignislos vor. Und so ist es geblieben. Die „Handlung“, wenn man so will, ist philosophischer Natur. Bumppo und Chingachgook sind alt und leben unter Weißen. Beim Jagen kommen sie in Konflikt mit neuen Gesetzen. Bumppo sieht nicht ein, dass er sich an Regeln halten soll, die späteren Datums sind als seine eigene Ankunft hier vor Ort. Wem verdanken diese Schwätzer denn, dass sie hier sein können, wenn nicht alten Scouts wie ihm? Was also soll es ihn jucken, was diese Nachzügler alles mitbringen oder aushecken. Auch „der alte Indian John“, wie Chingachgook jetzt heißt, kippelt zwischen der Rolle des getauften Letzten seiner Art und altem „Wilden“ hin und her. Im Reden. Nicht im Handeln. Um sie herum gibt es eine Handvoll Nebenfiguren. Entweder lieblos gestaltet oder durch die Übersetzung verstümmelt. Eigentlich alles nur naive Idioten. Gut, das würde erklären, warum der heutige Amerikaner tickt, wie er tickt, aber ich glaube, dass das eine oder andere intelligente Kerlchen doch auch dabei gewesen sein müsste.

Es entsteht ein Figuren-Ensemble, dass heute, beim Zweitlesen seltsamerweise an „Chlochemerle“ erinnert: Bigott, dümmlich, primitiv, empathielos, wenn es um barbarische englische Bräuche wie Truthahn schießen geht. Okay, das hat es wirklich gegeben, wie Hahnenkampf, Hundekampf usw. aber es fehlt so etwas wie eine Identifikationsfigur, da einfach alle einen mehr oder weniger heftigen Schaden haben.

Am ehesten bleibt dann doch Natty Bumppo übrig. In seiner autarken Lebensweise erinnert er mich heute an Willie Nelson; der in „Storyteller“ auf VH-1 ende der 90er einen genialen Auftritt gemeinsam mit Johnny Cash hatte. Nelson erzählte, warum er es ein Leben lang vermied Steuern zu zahlen und welche Konsequenzen es hatte:

The Government has done nothing for me. Not for one single day! Every thing I own I worked for. Why I should do something for those fucking Millionaires of the Government? So they came one day. They take away my house, my guitars, especially my money. Everything I own. I was blank as an Hobo.

Aber dann, wenige Tage später hatte er alles wieder, denn zur Versteigerung hatte die Farmers Union landesweit aufgerufen:

Farmers all over the country! The inventor of FARM AID needs you now!

In the middle of the 80s everyone was talkin‘ about the struggle for life in Africa. No one was talking about the crisis of our farmers. So I phoned some friends. Together we invented Farm AID. We saved a couple of families from ruin.

Nun kauften die Rednecks und Stoppelhopser coast to coast and border to border Nelsons Habseligkeiten auf und ließen sie dort, wo sie waren – bei ihm.

Bumppo wird in den „Ansiedlern“ öffentlich für einen Tag in den Block geschlossen. Wegen einer Lappalie. Richter Temple geht es um die „Gleichheit vor dem Gesetz“. Einem Gesetz, das später in die Gegend kam, als Natty Bumppo. Er ist noch nicht ganz 70. Kerngesund. Aber die Welt um ihn herum hat sich verändert. Nicht zu ihrem Vorteil, wie er findet. Er hat keinen Einfluss, daran etwas zu ändern. Nicht er und nicht Chingachgook regeln hier irgendetwas, sondern Richter Temple und sein dussliger Cousin, den der zum Sheriff ernennen ließ.

Chingachgook hat sich aufgegeben. Er beschließt auf Indianerart zu sterben, sich einen Punkt auszusuchen, auf den er sich zurückzieht, um auf den Tod zu warten. Indianer können das, wird oft erzählt: Sie verweigern Nahrungsaufnahme, versenken sich in sich selbst, starren auf einen Punkt, bis das Herz aufhört zu schlagen.

Festus Haggan (aus „Rauchende Colts“; ARD frühe 70er) findet so einen völlig apathischen alten Mann in einer Höhle und will ihn am Leben halten. Er nimmt ihn mit in die Stadt, wo der Indianer angefeindet wird und weiter reglos im Saloon in einer Ecke hockt. Am Vormittag ist niemand in der Kneipe, aber unter dem Thresen steht ein Kinderbett mit einem kranken Mädchen, das im Fieber fantasiert. Da niemand da ist, springt der Indianer auf, nimmt das Kind und taucht es draußen in die Pferdetränke. Kaltwasserschock zur Fiebersenkung. Er rettet das Mädchen, soll nun aber gehenkt werden, weil der Plebs der Meinung ist, er habe es töten wollen. Festus merkt, dass es SEIN Fehler war, ihn mit in die Stadt zu bringen. Er bewahrt ihn vor dem ehrlosen Gehenktwerden und bringt ihn zurück zu der Höhle, wo er ihn fand, damit der unterbrochene Sterbevorgang seinen Lauf nehmen kann.

Chingachgook ist in den „Ansiedlern“ auch soweit. Sucht sich seinen Platz und versenkt sich in sich. Ein Waldbrand kommt ihm in die Quere. Wildtöter versteht, dass Motivationsparolen nicht helfen würden. Damit sein Freund nicht bei noch lebendigem Leibe verbrennen muss, packt er ihn sich auf den Rücken und trägt ihn aus der Gefahrenzone. Bumppo = Festus.

Der Freund ist somit unversehrt gestorben. Der Hund ist alt. Die Gegend wird fremd und fremder Tag für Tag. Bumppo geht. Als Christ kann er keinen Selbstmord begehen. Er streunt ziellos los. Über die Appalachen – in „die Prärie“. Es ist ihm bewusst, dass er zwischen den Stühlen sitzt. Er will keinen Treck mit Weißen in die Jagdgründe neuer Stämme mehr führen. Aber solche Trecks kommen auch ohne sein Zutun. Jeden Tag aufs Neue. Er trifft auf sie, ob er will oder nicht. Und er wird auch mit 80 noch in ihre Händel hineingezogen. Vorübergehend kann man Strolche daran hindern, die Welt noch schlechter zu machen. Aber es sind Pyrrhus-Siege. Manitous Welt versinkt. Eine Vermittlung zwischen Kulturkreisen… (listen to Marillion „FEAR“.)

 

Manchmal bekommt man mit, wie sich ein Schalter in einem selbst umlegt. Ich glaube, ich werde alt – und es steckt allerhand Natty Bumppo in mir.

 

Weltkulturerbe

Seit heute. Der 1.7.2018 beschert nun endlich – im 3. Anlauf – unserer Uta ihre Geltung.

Angeblich fehlte das „Alleinstellungsmerkmal“ des Domes:

  • 4 Türme in 3 Baustilen: Romanisch, gotisch; barocke „Notdächer“ auf den romanischen Türmen seit der letzten Feuersbrunst ende des 18.Jahrunderts;
  • 2 Lettner, (romanisch und gotisch), mehrerlei verbaute Trollerien in Säulenkapitelen und Gargoyles; 12 Stifterfiguren in Lebensgröße; über jedem Chorsitz der Domherren die Stammburg en miniature in Stein als Baldachin aus der Säule getrieben;
  • Eingang untypisch von der Seite, da das ursprüngliche romanische Portal mit dem gotischen Stiftersaal im 13.Jahrhundert zugebaut wurde;
  • Marienkapelle, und Kreuzgang erhalten; mehrere Kurien aus dem 12. und 13. Jahrhundert als klösterliches Restensemble umstehend;
  • Handlungsort für mehrere Romane, die sich entweder um „die Uta von Naumburg“ oder die namenlosen Meister drehen, denen nachgesagt wird, dass mindestens einer von ihnen am Bamberger- bzw. am Reimser Dom gelernt haben könnte.

Und der Weltdenkmalrat erkennt „keine Einmaligkeit“ !?!

Zuwenig Bestechungsgelder geflossen? Jedenfalls war’s heute im 3. Anlauf wiederum kein Durchmarsch durch die Abstimmungen, sondern knapp.

 

 

On the Prog Path (16)

Man muss Bands mit dem richtigen Stück zur richtigen Zeit kennen lernen, damit man sie lieben kann. Aber manchmal klappt auch das nicht.

Als erste Nummer von Chicago hörte ich „I’m a man“ , als zweite Nummer „ Old Days“, dann kam schon „Do you leave me now“, ich glaubte Fan werden zu können, aber dann – nee, dieses Getute und Generve… Bläser? Nicht, wenn‘s sich vermeiden lässt!

Mit Blood Sweat and Tears lief es ähnlich: Was ist doch „Ride Captain ride“ für ein Übersong! Und dieses Jazzpiano da in der Mitte! Auch „Hollywood“ mit diesen Kreischweibern, die wie Cocker seine klingen! Aber sonst? Tröööööt! Pfeif-Fietsch! Und dann noch der Clayton- Thomas, der immer singt, als würde er mit seiner Zahnprothese kämpfen… Nee, auch das ging nicht über längere Distanzen.

Ja, und dann war da eines Tages dieses Schlagzeugsolo auf meiner Kassette: „Time machine“. Eine Aufnahme aus der sehr lehrreichen „Musik für Nussknacker“ von HR 3. Der sich die Nummer gewünscht hatte, hatte 4 Rätsel der letzten Sendung richtig; somit wurden die 7 Minuten ausgespielt.

Der Überdrummer sollte das sein. Dafür hielt ich bis dahin Keith Moon. Aber nun: Jon Hisemann!

Der hatte‘ne Band! Von der hörte man auf dieser Aufnahme nichts. Aber die hieß Colosseum! Sofortige MOSAIK- und Felix-Dahn-Assoziationslawine! Wenn die so heißen, müssen die gut sein! So denkt man halt mit 15!

Bald darauf gab es „Lost Angeles“ sogar im Ostrundfunk, also rauschfreie Aufnahme – das war schon auch nicht übel, bloß…. Der geneigte Leser wird es ahnen: Warum tutet da immer dieser eine Typ dazwischen?

Zwar gefiel mir die Nummer trotzdem „irgendwie“, so ungefähr wie „25 or 6 to 4“ oder „Mother“ von Chicago, aber so richtig Herzblut regte sich da nicht. Die älteren aus der Patenklasse hoben die in den Himmel! Und je mehr Interviews mit „unseren Tanz- und Unterhaltungsmusikern“ Mode wurden, outeten die sich als von Colosseum stark beeinflusst! Darunter auch der Schlagerfuzzi Hans-Jürgen Beyer! (Dessen Bandsängerschicksal bei den überraschend und wegen „nichts“ verbotenen Bürkholtzern wir damals nicht kannten) Was hat „Taaaaag für Taaaag und Jaaaahr für Jaaaahr!“ mit „Lost Angeles“ zu tun? Diese Breitenwirkung war schon verblüffend.

Während der Fahnezeit bekam ich die „daughter of time“ angeboten. Ein anderer Musicjunkie hatte sich damit bekauft. In New Wave Zeiten klangen die nun echt antiquiert. Ich nahm sie aus „historischen“ Gründen. Darauf gibt es das „theme for an imaginary western“ und 1980 erschien auch die 2.LP von Karat mit der „Musik zu einem nichtexistierenden Film“. Wow! Der Swillms also auch!

Unter den Resis in der Kaserne waren welche, die hatten noch Panta rhei live gesehen. (Aus denen ging 1975 Karat hervor) „Das waren die Colosseum der DDR!“, hieß es da und schwups bekamen die leuchtende Pupillen! Die schwärmten von langen Improvisationen und Chicagocoverversionen und zu allem Übel auch noch von einer „ganz heißen“ Veronika Fischer als deren Sängerin!

Um die nun wieder wurde in der zweiten Hälfte der 70er ein Geschiss gemacht, als wäre Janis in der DDR wieder auferstanden. Kultur-, Musiker-, Plattenpreise zu vergeben? Gebt euch keine Mühe. Kriegt sowieso alles die Fischer! Und dabei fand ich an der rein gar nichts. Die war weder heiß, noch sang die textlich „gutes Zeuch“! Aber die hatte Franz Bartzsch und Frank Hille in ihrer Band! Und die machten die „erste Supergroup der DDR“ auf: 4 PS. Blöder Name, tolle Musik, mit teils grauslichen Texten. Leider. Eine LP bekamen sie erst posthum ende der 90er auf CD, als man all ihre verstreuten Stücke kompilierte. Für Ossies meiner Generation UNENTBEHRLICH!

Das Geschwärme in Prora hatte zwei Folgen:

1980 erschien auch die 4. und letzte DDR-LP von Veronika Fischer – „Goldene Brücken“, die ich kaufte. Da ist immerhin kein „Sommernachtsball“ oder „Auf der Wiese haben wir gelegen“ oder „Klavier im Fluss“ oder ähnlicher Stuss drauf. Textlich geht das auf der „Brücken-Pladde“ ganz ohne Fremdschäm-Effekte ab. Musikalisch ist es 4 PS Sound pur. Der Titelsong schien wirklich Brücken nach Hamburg zu Novalis und deren „Irgendwo, irgendwann“ schlagen zu wollen.

Kaum hatte ich die gekauft, sprach sich herum, dass „die Fischer nun auch abgehaun“ sei. Sogar mit Visum! Darf also 3 Jahre überlegen, ob sie wieder zurückkommt!

Das Staunen war groß! Was hat die denn vertrieben? Prämiert, privilegiert und Texte ohne Ecken und Kanten?! Weniger bekannt war, dass zuvor ihr Keyboarder und Komponist Franz Bartzsch „die Flocke gemacht hatte“. Da waren nun also nur noch 3 PS übrig – aus denen Pankow werden sollte! Und die brachten mich gemeinsam mit Silly durch die 80er! Aber das erzähl‘ ich später mal.

So um 83 herum erschien in der Amiga-Reihe „Die frühen Jahre“ eine Pantha rei LP. Die wollte ich fast kaufen, aber mein Raumteiler im Wohnheim war schneller. Das bewahrte mich vor diesem Fehlkauf. Hach, klang das rumpelig, zertutet und irgendwie „unrund“. Kunststück. Im Parolenzeitalter der NDW mit klaren Ansagen.  Ähnlich wie im Falle von 4 PS musste erst die Mauer fallen, damit eine brauchbare Panta rhei CD entstehen kann. Zwar ist sie auch jetzt nur unter zeithistorischen Aspekten anhörbar; aus diesem Blickwinkel aber auch hochinteressant. Obwohl auch diesmal „Finis“ und „180 Tage“ fehlen. Das waren wirklich die „Colosseum der DDR“.

Schließlich hieß es irgendwann in den späten 90ern: „Theme for a reunion“! Bäm! Colosseum wollen es in Originalbesetzung nochmal wissen! Rums! Und wie! Das klang schon mitreißend. Jedoch erschien mir das Getute auch „gezähmter“, was Alt-Fans vermutlich eher ärgerte. Mir gefiels. Es gab auch neuere Veröffentlichungen, die sich hören lassen konnten. Zu großer später Liebe zwischen mir und der Band kam es jedoch trotzdem nicht mehr. Aber sie bleiben unwidersprochen eine – nein – DIE Keimzelle des Prog; formaly known as ARTROCK.

Jon Hiseman hat mich weitergebracht. Diese Woche starb er. Alle unsere großen Türöffner sind nun mal leider in „den Jahren“…

Friede, Freude, Wimpel suchen …

Is WM now! Soccer dir ein’n! (Abwink.)

Weiß nich‘, ob was anders wär, wenn ich eine gesündere Kindheit gehabt (und mir jemand rechtzeitig Ballgefühl beigebracht) hätte. Vermutlich säß‘ ich dann zu Hause, wie alle, und brüll‘ den Fernseher an:

„Schieß doch! — Aaaaarrgh! Das gibt’s nicht! So ein Arrrrsch!“

So aber fehlt mir das Gen. Ich schau mal rein, wenn wirklich nur die Alternative zwischen Fußball und Verbrechen bleibt; wobei das ja streng genommen inzwischen Synonyme sind, und trolle mich dann gelangweilt auf die Hunderunde oder zum Bloggen wie jetzt.

War da nicht was? Die Cosa Fifa fliegt auf, durch unbestechliche US-Justiz überführt und so? Zeitgleich mit dem Dieselskandal? Die Gewinnerstaaten, die den Austragungszuschlag kriegen, werden immer komischer! In den Knast geht aber keiner. Nicht mal die Panamapapers-Spieler. Da wird gedealt, dass sich die Paragraphen biegen, sag ich dir. Eine Chesna für mich, einen Bugatti für dich… Wertegemeinschaft, you know! Da flossen Ströme von Geld!

Kir Royal, Mario Adorf: „Ich scheiß dich zu mit meinem Jeld!“

Sou geiht dat. Warum eigentlich musste der Hoeneß einfahrn? Alle andern machen es genauso und – fahren zur nächsten WM.

Deutschland spielt gerade gegen Mexico! Wow! ZEIT online und SPIEGEL online erlauben dieser Tage unter Schmerzen gerade noch so unter moralinsauren Verrenkungen, dass man „Deutschland“ sagen, rufen, singen darf, ohne Nazi zu sein! Glück gehabt. Wimpel am Auto? Schwarz-rot-gold? Verdächtig! 3 Wochen erlaubt! Du Nationalist, du! Die merken nicht, wie sie der AfD zuarbeiten mit ihrer Kneterei am neuen Menschenbild. Die Globalisierung verlangt nach finalen Internationalisten! Wie zuvor der Sozialismus. Merkste watt? War unjeheuer erfolgreich damals.

Brav bleiben! The Hungergames are on! In Bangla desh, Pakistan, Kambodscha, Vietnam dürften sich die Einschaltquoten in Grenzen halten. Nach 12 Stunden Trikotnäherei haste keene Mauke mehr, diese ältlichen Bubis aus „Anderswo“ dribbeln zu sehn. Die Cosa Fifa schafft Arbeitsplätze! Hungerlohn in einsturzgefährdeten Fabriken zwar, aber besser als betteln! (Einen Bugatti für mich – eine Rolex für dich.) Und verschiebt seit Jahrzehnten ihre Gladiatorenshow in die Arenen der Welt. (Eine Rolex für mich, einen Ferrari für dich.) Aber es muss alles ganz seriös aussehen! Funktionäre geschmiert, Spieler dressiert: Dass mir da keiner abspringt! Oder zur Unzeit die falsche Geste macht! (Halbe Million extra. Cash in de Täsch, wenn de bloß noch in NIKE rumläufst. Oder in Adidas. Oder in Puma….Und ne Jahreskarte im Bordell deiner Wahl obendrauf. Inkognito. Selbstredend. Dezente Hintertür.)

Robbie Williams! I love you! (… neuerdings und vorübergehend; für die Effe-Gedächtnissekunde).

American Football hat noch richtige Helden! Die knien bei der Hymne trotz Trump und gegen soziale Ungerechtigkeit!

Stell dir Ähnliches mal beim europäischen Soccer vor! Plötzlich knieende Spieler! Was dann heißen könnte: Nicht mit DIESEN Bällen!

Oder nach dem Event auf der Tribüne frei nach Schiller:

„Und er wirft ihm die Schale ins Gesicht! Den Dank, Bonze, begehr ich nicht! Und verlässt ihn zur selben Stunde.“

DAS wär doch mal’n Abgang für so einen MüllerNeuerIrgendwas. Fies gucken könn‘ se ja! Fehlt nur noch die Aktion.

Könn’n zur Not auch Bushido zitieren:

„Damit meine Tochter sagen kann, ihr Papa war ein Ehrenmann!“ Bäm!

Aber bestenfalls gibt’s Nabelschau at the end of the Karriere a la Mertesacker. Immerhin ein Anfang. Besser als nichts.

Aber eben noch lange kein Politikum, wie z.B. symbolische Protestgesten gegen Kinderarbeit ein längst überfälliges wären.

Politikum der anderen Art: Helmut Esel und Günter Kay haben sich da neulich falsch fotografieren lassen. Falsch „beraten“. IQ 07, n Eimer Wasser hat 10. Is‘ verziehn. Ging nochmal gut. Onkel Erdi is‘ja zum Glück nicht der Gauland oder RT Deutsch. Wenn man sich mal vorstellt, der Hummels oder der Kroos wäre bei einer dieser Adressen aufgeschlagen! Puh! Wären die dann auch noch dabei? Schwamm drüber, jeder liegt mal falsch. Die anderen müssen jetzt auch alle so tun, als stünden sie hinter den beiden. Mannschaftsgeist, you know? Gruppendynamik. Wer jetzt noch pfeift, muss Nazi sein. Oder wenigstens „Alltagsrassist“. Na, das erklär mal der Fankurve! Ach so. Die Spiele sind ja nicht hier.

In Russland wird nicht gepfiffen!

Nach Russland fahren nur noch gesiebte. So wie damals anno‘74: 500 Ossis bejubeln unter tausenden Wessis das Sparwassertor live in Hamburg. Kenn’werja. Alle überprüft, durchleuchtet, beurteilt, geschult, prophylaktisch vorverwarnt und mit „Betreuern“ losgeschickt. Kommt allet wieda.

Der Effe hat als einziger noch Eier: „Die müssen raus da!“, sachda. Ging in den 90ern für‘nen bloßen Stinkefinger aus ‘nem allerdings unterirdischen Kader. War ja auch die Schuld vom Voigts damals und dessen Murmeltaktik. Von 1991-2006 waren doch 16 Jahre Standfußball die Norm. Immer, wenn ich damals an’nem Fernseher vorbeilief, war gerade Abstoß. Oder 11 Meterschießen. Die Griechen wurden auf die Art Europameister.

Löw is‘ ja Weltmeistermacher! Der trat früher mal mit lauter hungrigen, jungen Nobodies an. Jetzt reist er mit‘nem Veteranenbus. Neuer, Boateng, Müller, Reus – lauter Langzeit- und Maximalverletzte. Neuer sogar in letzter Sekunde erst „kv“ geschrieben! Wie beim letzten Aufgebot. Und dann noch die zwei Falschfotos dazu; Dreamteams sehen anders aus. Kommt jetzt der Standfußball zurück? Meister wer’n die nich‘.

Die Masse scheint sowas zu ahnen. Kaum Fähnchen an den Autos hier herum. Is‘ allgemein ziemlich ruhig heuer. In der Kneipe ums Eck läuft RTL. Ich geh jetzt mit dem Hund.

Der große Erfolg des kleinen Poeten

Chris de Burgh? Ernsthaft? Von dir? Hähähähähä… So geht’s mir immer, wenn ich den ins Spiel bringe. „Jeder lebt doch in seiner Welt, wo nur er den ganzen Tag recht hat.“ (Juli Zeh/Unterleuten) Und die meisten kennen eben „Woman in red“ und machen den Deckel zu.

Wenn ICH den Namen Chris de Burgh höre, dann denke ich an:

“Hey boys tonight we getaway/ to the other side/ head for the wall/ we getaway…“

1982. Stillstand zwischen den Blöcken. 18. Breschnewjahr. 11. Honeckerjahr. Zweites Reaganjahr. Raketenstationierung. Machtvolle Machtlosigkeit in Krefeld und Bonn. Die NDW tobt durch den Äther. Brokdorf und Startbahn West. Schmidt dankt ab. VerKOHLung…

Auf der Grünen Insel sitzt der kleine Barde in Klausur und pinselt seine letzten Eindrücke aus Fernseheindrücken, Erlesenem und Familienspaziergängen zu Papier.

Die Welt blendet er weitgehend aus. Er braucht romantische Grundlagen, sonst fällt ihm nichts ein. Aber diese schleichende Rückkehr neuerlicher Vergletscherung des Kalten Krieges macht auch um ihn keinen Bogen (Thatcherismus, Falklandkrise) und schleicht sich immer wieder zwischen seine Songzeilen. Irgendwann kapituliert er vor den Eingebungen und bringt solch unpoetische Begriffe wie Revolution und Borderline zu Papier.

Und merkt erst als es passiert ist, WAS er da verzapft hat, denn plötzlich gibt es Gold und Platin für die Platte und das vor allem – nein: nur – in Deutschland…

Dont pay the ferryman:

– Bezahl nicht den Fluchthelfer bevor er seinen Auftrag erfüllt hat…

– verlier dein Startkapital nicht vor der Ankunft…

Living on the island:

auf dieser Insel ist nichts los, hier wächst auf allen Steinen Moos, hier sind die Zwerge riesengroß, reimte Rio ganz ähnlich und meinte Diepgen. Auf Honecker und seine Zwerge passte das aber auch. Ob grüne Insel, ob (West-)Berlin der „alte Junkie“ = die Insel im Roten Meer oder das Trabbiland: Man wartet und säuft und pflegt eine kleine Sehnsucht nach Veränderung, ohne zu ahnen, welcher Art sie sein wird, wenn sie eintritt.

Crying and laughing:

– erlebst und erleidest du beim Wiedersehen und Abschied nehmen auf den Flughäfen dieser Welt, und zwar nicht nur, wenn dein Lover unglücklicherweise aus dem Lager der „Klassenfeinde“ stammt und mit Tageskarte und Westplattenmitbringsel auf Besuch kommt, sondern auch, wenn du Internationalismus nicht nur als Phrase herbetest, sondern –lebst; und dich ausgerechnet in jemanden verliebst, der auf sozialistische Art abgeschoben wird, bevor eine Mischehe entstehen könnte: russ. Offizierstochter, Vietnamesin, Angolanerin, …

I’m counting on you:

– mein Kind, denn du wirst den Weg finden müssen, den meine Generation verloren hat… (ein wunderbarer Song für den Stagnationszeitraum der 80er, die „Zeit der kleinen Schritte“, in der alle anstehenden Probleme durch ein Achselzucken „gelöst“ wurden.)

The getaway:chris 1

– mit dem Kopf durch die Wand bzw. über die Mauer;

– ein paar gibt’s immer, die den Ausbruch versuchen und die dafür erschossen werden…

– denn:

Ship to shore, you can’t leave me anymore:

– singen sie jeden Abend in Wandlitz, weil sie wissen, dass alle Kähne auf dem Trockenen sind und nur per Gnadenerlass herausgelassen wird, wer bezahlen kann oder für wen bezahlt wird…

All the love I have inside me:

– is for you, die es hier mit mir in meiner Nische aushält und mein Schicksal teilt;

Borderline:

– Trennung, in Zeiten explodierender Ausreiseantragszahlen, Abschied ohne Aussicht auf Wiederkehr; ob ich je wieder zurückkehren darf entscheiden „die Umstände“…

– irgendwann wird es keine Grenzen mehr geben, sagt man so…

Where the peaceful waters flow:

– ist immer da, wo die Kindheit stattgefunden hat und das ist deshalb auch immer die wichtigste Gegend in deinem Leben, egal wieviele Jahrzehnte du selber brauchst, um das zu kapieren; die Umstände des Wegganges bestimmen die Intensität des Wiedersehens.

Wer von Kassel nach Würzburg zieht, wird nicht unbedingt weinen, wenn er mal wieder vor dem Schwimmbad steht, in dem er früher schwimmen gelernt hat, wer von Wismar nach Lübeck schwimmen musste schon.

The Revolution:

– reift heran, wie Engels formulierte. Das Volk will nicht mehr – die Regierung kann nicht mehr- wie bisher. Plötzlich empfinden nicht mehr nur ein paar die Wut und die Lust wächst, erlebte Bevormundung und erzwungene Selbstbescheidung heimzuzahlen: Die Richtigen soll’s erwischen!

Light a Fire:

– greift zur Kerze, wenigstens montags abends, in Leipzig und lehr die Bonzen das Fürchten…

Liberty:

– die alte Schimäre, die keiner je gegriffen hat, „ich seh ja nichts, der Käfig ist ja leer…das ist ja grad der Gag, man sperrt sie ein und augenblicklich ist sie weg… denn nur in Freiheit kann die Freiheit Freiheit sein…“

– worauf hoffen, wenn nicht auf sie?

———

Und wenn dich die Freiheit enttäuscht hat/im Stich ließ? Dann?

Ja, dann hast du vermutlich den Ferryman zu früh bezahlt – du verstehst? Schwimm halt an Land, schüttle das Wasser aus dem Pelz und versuch es „one more time“.

Nicht jeder Ossi konnte Englisch. Nicht jeder Ossi hat das wörtlich so verstanden, wie es sich hier liest. Aber gefühlt haben es viele, dass DIESE Platte etwas ganz Besonderes hat.

chris2Auch wenn man nicht erklären konnte, worin das Besondere bestand.

In diesem Falle war man eins mit Chris de Burgh.

Die ungeplanten Erfolge sind die Größten.

(Die Platte konnte man im Intershop für Westgeld – also fast offiziell erwerben. Sie wurde sehr populär im Osten. Die Chefeinkäufer, westkontaktverwöhnt, empfanden nichts dabei: Chris de Burgh – das ist doch dieser Schnulzen-Heinz!)

Sie nannten ihn Boss…

Hotfox hat die Platte gerade in seinem Blog gewürdigt. Vor ein paar Jahren tat ich dasselbe im Rockzirkus. Ich mochte sie einst auch. Allerdings lernte ich sie mit Verspätung schätzen. Manche Themen passen halt nicht zu allen Zeiten.

Tunnel of love

Der Tunnel(blick) der Liebe – in dem kann man sich mitunter ganz schön festfahren.

Als die Platte neu war, traf das bei mir nicht zu. Anno 88 unter der Weltzeituhr auf dem Alex von einem Strassen-Polen gekauft; polnische Lizensplatte; auf der Innenhülle alle Texte auf englisch; alles sah nach Schnäppchen aus…

Die 80er ohne Springsteen sind überhaupt nicht vorstellbar:

– „Nebraska“ auf Band gehörte mit zum Soundtrack meiner Studentenzeit;

– die „born in the USA“ kostete zwar das primitive rumms-plautz-Schlagzeug bis zum Exzess aus und war daher gewöhnungsbedürftig; da jedoch einer der Kommilitonen auf der Studienabschlussfahrt pausenlos ausgerechnet diese Songs dudelte, bekamen sie ihren unverzichtbaren Erinnerungswert; eben doch „glory days“ damals irgendwie.

– dann waren da noch gewisse Pauseneinspielungen in Rockpalastnächten;

– die Teilnahme an „USA for Africa“ mit deutlich ruinierter Stimme, so dass man nicht mehr wusste, ist das jetzt noch Springsteen oder schon Joe Cocker;

– schließlich diese 5fach live Geschichte die DT Jugendradio mitschneidefreundlich einmal komplett spielte…. Boss…immer wieder der Boss… irgendwie war er immer da und hätte er einen anderen Schlagzeuger, wäre ich vermutlich Fan geworden.

Die Tunnel of Love wurde nun die erste, die mir selbst in Vinyl gehörte – aber ich hatte ihn nicht nötig, den Tunnelblick der Liebe. Das Hörerlebnis war somit eher lau. Die Platte plautzte angenehm wenig, aber es blieb auch nichts hängen. Sie wanderte in die Kiste zu den anderen Lizensplatten und wurde vergessen – bis neulich 2010. Ich hab da also was gut zu machen …

Der Boss war 39 und ein knappes Jahr verheiratet, aber irgendwas schien nicht zu laufen in dieser Ehe. Irgendwas schien sogar von Anfang an schief gelaufen zu sein zwischen ihm und ihr. Aber es war diese Rockstar & Model Ding. Das machten doch alle in der Branche so!

„Ich hab ein Haus voller Rembrandts und alle lecken meinen Schleim, aber wenn ich mal nach Hause komm’ bin ich jämmerlich allein…“ so ungefähr lässt sich Track 1 anempfinden.

„Die eine sucht den starken Micha, die andre will den soften Knut, die dritte versucht schon wieder, ob’s der schlaffe Günter tut, doch Baby, eins halten wir fest, ich mein Kind bin tougher! Tougher als der Rest!“ Track 2.

Ich sah sie in der Disco und spür die Liebe ruft, aber -shit!- mein Portmonee steckt zu Haus noch in der Arbeitskluft. Ich ras’ also heim und hole es fix her und wenn sie dann noch da ist, dann läuft da auch noch mehr….“ Track 3.

Und dann ist der Humor erschöpft, denn ab Track 4 langte er ernst hin:

„Spare Parts“ erzählt eine oft erzählte Geschichte, ganz in der Tradition von Hank Williams “Long gone Daddy“ oder Johnny Cash, die Story von den im Stich lassenden Vätern und den sitzen gelassenen Müttern, die zwar erfahren, dass manche Schicksalsgenossinnen das Kind in den Fluss schmeißen würden, jedoch wissen, dass sich dann das Gewissen meldet und das Leben erst recht verpfuscht ist und die es deshalb durchstehen, das Kind eines treulosen Hallodris aufzuziehen.

„Caution man“ bringt dann den Perspektivwechsel: Der Vorsichtige, der eines Frühlings doch nicht vorsichtig genug ist und der Liebe freien Lauf lässt – im Herbst „muss“ er also heiraten und diszipliniert baut er seiner schönen Schwangeren ein großes Haus. Er beschließt nun verantwortungsvoll seine Familie zu beglücken, aber manchmal träumt er schlecht und sehnt sich nachder Romantik on the road. Eines Nachts schleicht er aus dem Haus und pilgert an die Autobahn, aber dort ist „nichts als Strasse“ und er begreift, dass das Weiterfahren nur 3 Personen unglücklich machen würde, also kehrt er um, schleicht ins Schlafzimmer und legt sich wieder neben seine Frau. Bläst der Schlafenden die Haare aus dem Gesicht und weiß nun: es ist gut so, wie es ist.

„Walk like a man“ denkt und sagt im nächsten Song einer, der da gar nicht sicher zu sein scheint, jedoch gerade im Begriff ist zu heiraten:

Denn am Altar hat er Vaters rohe Hand gespürt und -Stimme gehört: „Trag’s wie ein Mann!“ Verdammt! War das ein Glückwunsch? Dann hätte er auch gleich Klartext reden können: Zwei Celulitis freie Schenkel sind kein Beweis dafür, dass sie dich versteht!

Seit er 5 Jahre alt war und am Strand versuchte in Papas große Fussstapfen zu treten, sagte Vater den Spruch immer, wenn dem Sohnemann etwas schief ging! Und nun kreiste dieser Spruch in seinem Hirn und der Priester fragt: „Wollen sie diese hier anwesende….“ – Walk like a man! Ziehen wir’s eben durch. Nun ist es eh zu spät.

An seinem schwierigen Verhältnis zu seinem Vater reibt sich Springsteen jahrelang auf und dabei entstehen meist die berührendsten Songs: used cars, my fathers house, der Monolog vor the river(live); immer geht es um den mächtigen Papa und den Jungen, der weg will, den aber die Erinnerung immer wieder einholt, und der sich zunehmend für früheres Verhalten schämt. Er will alo etwas reparieren am pubertär versauten Vater-Sohn-Verhältnis und lässt den Sohn in allen Songs zuspät kommen, so auch hier: Papa ist längst gestorben. Nur sein Spruch lebt weiter und wie die Folgesongs zeigen – zurecht.

Auf der ehemaligen 2. Plattenseite befinden wir uns plötzlich in einer Art Konzeptalbum, denn alles passt zusammen:

„Tunnel of love“ – solange du verliebt bist, bist du ach so stolz, wenn du die anerkennenden Blicke der anderen bemerkst, die dich mit deiner Freundin sehen; aber später beginnt es dann zu nerven, wenn jeder x-beliebige mit Blicken deine Frau auszieht! Immerzu die Frage, drüberweg sehen oder zuschlagen? Du bist nur noch am lauern, interpretieren und Frust schieben. Die Stimmung bleibt permanent im Keller und deine Frau fragt sich, warum sie dich Griesgram überhaupt geheiratet hat.

„two faces“ – ein Song wie aus der Waschpulverreklame: Der eine in mir schwört die Treue und meint das auch ernst, der andere in mir hält ständig Ausschau nach besseren Möglichkeiten. Das alte Lied – Treue oder Überdruss:

„Und du glaubst es gibt eine bessere Liebe für dich. Und dann wieder fühlst du dich schlecht und hoffst das sie es nicht merken wird – na klar, sie merkt es erst recht!“(Tom Liwa hat’s in Deutsch auf den Punkt gebracht.)

„brillant disguise“ lenkt textlich in der Elvisspur: „your the devil in disguise” bzw. “Suspicious minds”, besingt er das Versteckspiel voreinander und grübelt darüber nach: Wie gut kennen wir uns eigentlich? Sehen wir nicht lediglich unser beider Fassaden?

„One Step up (and two steps back)“ – die ewigen Kleinkriege und Neuanfänge und wieder Blumen nach hause schleppen, aber schon morgen können wieder die Tassen fliegen, denn da war diese mädchen in der Bar und die sah sehr wenig verheiratet aus und ich tat, als wär ich es auch nicht… ein Hinweis auf Patty Scialfa, die Nachfolgerin?

„When your alone“ dann bist du wirklich nur allein, grübelst du dich fest und kommst nicht weg und nicht weiter und es kommen die Zweifel ob die letzte Trennung richtig war….

„Valentins day“ kann jeder Tag sein, wenn du dich aufraffst, ins Auto steigst und durch die Nacht rast, zu der, von der du weißt, dass sie dich versteht .Ein weiterer Scialfa-Hinweis?

Ende’89 wird sich Springsteen scheiden lassen  und mit Patty Scialfa zusammen ziehen, die auf dieser Platte bereits Backgroundsängerin und Gitarristin ist und diese Beziehung wurde Ehe Nr. 2 und hielt.

Nachtrag 2018: 2010 begann ich diese Platte zu genießen und Ergänzungskäufe zu tätigen: Scialfa Solo; Pete Seeger Sessions live in Dublin, Nebraska auf CD …

Aber die liegt heute noch eingeschweißt im Regal. Denn:

2013 packte mich der Wahnsinn: Ich wollte „zum Boss“ ins Konzert. Es gab einen Leipzig Gig im Juli. Also hin da. Ich traf dort meine Begleiter und die wussten irgendwoher, dass es Diskrepanzen zwischen Ihm und der Stadt gegeben haben muss, weil er entweder keine Start- oder Landeerlaubnis auf dem Schkeuditzer Flughafen zum Wunschtermin erhalten haben soll. Eventuell hängt damit zusammen, was uns bevorstand:

Das Konzert wurde von 45 000 Leuten besucht und ungefähr die vorderen 10-15 Reihen müssen auch guten Sound gehabt haben, denn die Kraulquappe war auch da und schwärmt noch heute. Ich stand in Reihe 70 oder 80 oder hundert, hinter dem Mischpulthüttchen und suchte hinterher 2x den Ohrenarzt auf, aus Angst vor Tinnitusdauerschaden bzw. Hörsturz. Trotz Ohrstöpsel! Gut eine Woche später kam langsam alles wieder ins Lot. Glück gehabt. Aber danach brauchte mir mit Springsteen keiner mehr kommen.

Der hatte entweder gar keine Tontechniker dabei oder die haben nur vorjustiert und waren wegen der Flughafenquerele schon weitergereist, denn das Mischpulthüttchen war von allen Seiten mit Planen zugehangen. Der Sound dröhnte von vorn nach hinten an die Stadionbetonwände, kam zurück und mischte sich mit den Folgetönen von vorn. Astrein verstehbar war immer nur das Anzählen „One two three four pruuuuuuuuuuuummmm! The next song is called Prrrrrrrrooooooooom schepper prooooommm.“ Es war in 30 Jahren Konzertpilgerei meinerseits der Supergau. So also hört sich der Boss der Stadion-Rocker an?

Danzer ist tot. STS sind aus gesundheitlichen bzw. Altersgründen auseinander, Ambros ist ein Schatten seiner selbst…

Ich fahr höchstens noch zu Chris de Burgh. Dessen Tontechniker verstehen ihr Handwerk.

St. Georg von Österreich

In memoriam Georg Danzer (1946-2007)

Hallo Georg!

Hearst mi?

Oder siehst du mein Geschreibsel da herunten?

Wie geht’s da denn da oben, so nach die erschten Joahr?

Haste Kontakt zum Lennon? Oder bockt der, weil du besser warst als er?

Ich denk, das wird schon klappen mit euch. Wenn er dir „Imagine“ vorspielt und du ihm die „Ruhe vor dem Sturm“ oder „Traurig aber wahr“, dann passt das schon. Ihr dürft euch aber nicht vom Alten erwischen lassen. Der mag das bestimmt nicht, wenn ihr seiner Schöpfung so ans Bein pinkelt.

Aber ihr verzieht euch sicher eh auf eine ganz spezielle Wolke. George und der Hendrix dürfen noch mit, aber der Morrison soll halt nicht stören. Der hatte beim Ableben soviel intus, dass er jetzt noch alle um den Verstand labert, von den Butterflies und den Flöten auf der Wiese, you know? Klar auf den Dylan müsst ihr noch ne Weile warten. Hilfe! Wird das ein Personenkult werden, wenn der sich auf die ewige Reise machen wird. Vielleicht verteilt dann die amerikanische Regierung Gedächtnisjoints, „because the american Goethe is gone…“, nach dem Vorbild von Nordkorea dieses Jahr.

Dafür kommt inzwischen der Heesters zu euch rauf. Ich weiß, das sagt dir was. Hast ja auch ne ganze Reihe Couplets gemacht. Vielleicht zeigst du ihm den Weg, dass er den Moser und den Lingen findet?

Aber zurück zu dir.

2011 – das war dein Jahr. Ob du’s glaubst oder nicht.

Die haben jetzt deinen 65. gefeiert und alle deine Platten auf CD herausgehauen.

Schleuderpreis – aber Massenumsatz.

Was meinst du wie schnell bei amazon die Reviews ins Kraut schossen. Und alles Lob.

Bist und bleibst ein Großer hier unten. Das steht fest. Jedenfalls solange wie wir 60 geborenen noch Umsatz machen. Die späteren … na da übernimmt dann Xavier Naidoo. Jede Generation kriegt die Barden, die sie verdient.

„immer vor der Menschlichkeit verbeugen, auch wenn’s net zum besten steht.“ Du hast ja so was kommen seh’n.

Die ham dem Bushido dieses Jahr den Bambi für Integration übergeholfen. Der kann ja selber gar nichts dafür. Aber das wär ungefähr so, wie wenn dein „Kniera“ den Bambi für Zivilcourage bekäme, oder dein Wessely den für Völkerfreundschaft.

Wie war Weihnachten? Kannst dich noch erinnern an das alte Lied, das du dann endlich auf die „Nahaufnahme“ gepackt hast? Stimmts, das ist von „Malevil“ inspiriert gewesen, oder?

Weihnachten war 2011 prächtig. Wegen deiner CDs.

Da wurde mir erst heuer klar, wie viele meiner Wegbegleitersongs von dir stammen.

Sexappeal, damit ging es los 1977 in der aktuellen Schaubude. Damals hab ich noch geglaubt, du gehörst in die Frank Zander Liga. Aber kurz danach kamen die 10 kleinen Fixer – da war klar, dass ich dich umsortieren muss.

„Wenn die wieder auferstehn, werden sie sich wehrn.“ Das hat mir gefallen. Damals mit 17.

Wehren – wogegen? Gegen die Droge? Gegen die Umstände? Niemand hat ihnen die Drogen aufgezwungen. Heute weiß ich, dass die Nummer ganz schön diffus ins Leere läuft. Aber das ist in Ordnung so. Unmutsäußerung ohne Anleitung zur Weltverbesserung ziehe ich diesen penetranten Degenhardts und Biermanns tausendmal vor. Ganz so aufdringlich warst du nicht mal in deiner hölzernsten Phase in den späten 80ern.

Der Degenhardt hat doch tatsächlich die DDR gemocht. Von außen.

Ich hab sie von innen erlebt.

1979/80 war ich bei der NVA und hab dort verbotenerweise eine Kassette mit Songs von dir und Ambros gehört. Die Rekorder waren dort immer verplombt worden mit so Siegellack. Da musste man mit Rasierklinge drunterfahren und die eine Hälfte vorsichtig ablösen, dann die Lifttaste drücken und das komplette Siegel wurde angehoben, Kassette rein und fertig. Jedenfalls hatte da einer Songs von dir auf Kassette und somit hab ich deine „Freiheit“ und „Wir werden alle überwacht“ ausgerechnet bei der Fahne kennen gelernt. Einmal wäre uns fast der Politoffizier drauf gekommen. Das hätte für 6 Monate Schwedt sicher gereicht.

„Schwedt“ das klang in Militärkreisen wie „Bautzen“, nur schlimmer noch. Das hatte den Ruf eines sozialistischen KZs für Defätisten. Das kannte der Degenhardt natürlich nicht.

Du sicher auch nicht, aber du hattest allweil die besseren Instinkte.

Deine „Feine Leute“ LP hab ich dann nach der Fahne aufgenommen.

Die „Ruhe vor dem Sturm“ und die „Traurig aber wahr“ auch. Denn bei uns gabs derartig gefährliches Liedgut ja höchstens mit viel Glück mal auf dem Flohmarkt. Der in der Ehemaligen immer ein Schwarzmarkt war. „Gebts uns endlich Frieden“ kam heraus, als bei uns gerade die Schwerter-zu-Pflugscharen-Farce lief. Die Friedenskämpfer des Staates machten Jagd auf die Friedenskämpfer der Kirche und unsereins war gerade von der Fahne zurück. Du hast in deiner großen Freiheit 1967 versucht von „Spiegeleier mit Pommes frites“ zu leben und wir in unserer 1981/82 von Debreziner Buffet-Wurst und Schaschlyk, bis die Magenschleimhaut danke spie.

1984-1986 war ich ein paar Mal in Plauen, dort war einer der größten Märkte, jeden letzten Sonnabend im Monat. Paar Hunderter einstecken, hinfahren und hoffen. Da stand dann eines Tages deine „Unter die Haut“ –  mein erstes Danzer-Vinyl. Einen glatten Hunderter warst du mir wert. Aber mal ehrlich, deine beste Platte war das nicht. Ich war zunächst doch recht enttäuscht, bis ich drauf kam, dass die Songs da alle in der falschen Reihenfolge sind.

Hast du das selber so zerhackt?

Wenn man „Israel“ (wegen der kleine Jungs Perspektive) an den Anfang setzt, dann das pubertäre „Sexappeal“, dann „Haschisch“, danach „Zieh dich aus“ und schließlich „ich verlass dich“ hätte man eine prima A-Seite zum Thema „Schwierigkeiten mit dem Hormonpegel“ gehabt, die anderen Songs auf die B-Seite, fertig.

Na ja und „Militärisches Geheimnis“ ist jetzt nicht direkt ein Songdiamant geworden, stimmts?

Nachdem Studium, wenn man sich das erste Mal so richtig in der Praxis beweisen muss, kann man ganz gehörig aufs Maul fallen. Man, war das ne kipplige Zeit! Und wenn dich dann dein Chef nicht liebt, wie gut, dass es den Georg gibt! Deine Songs haben mich vor manchem Absturz bewahrt. Kein Scheiß. Aus deiner Unsicherheit machtest du nie ein Geheimnis. Dafür bin ich dir immer noch dankbar. Deine mutigsten Brüller sind doch in erster Linie dem Niederringen von Unsicherheiten geschuldet, hab ich recht?

„Der Schrei“, „ich will nicht mehr“, „ich steig aus“, „zerschlagt die Computer“, „traurig aber wahr“ – die Platte war die Bewältigungshilfe meiner 26er Krise. Wenn man die hinter sich hat, ist man erwachsen, sagt man. (Also die Krise mein’ ich, nicht die Platte.)

Dann war via Flohmarkt und Rundfunk lange nichts von dir zu erbeuten. Wenn ich heute nachträglich deine Platten aus der Zeit bis 1992 kennen lerne, stelle ich fest: verpasst hab ich da auch nicht viel, aber Hut ab vor deinem „Atlantis“ Cover.

Schnapp nicht ein.

In den 90ern hattest du ja wieder ein Dauer-Hoch. Wie Lou Reed.

Für „Große Dinge“ hätt’ ich dich zu gern umarmen wollen!

Und dann kam noch die „Nahaufnahme“ …“Kreise“ ….“Atemzüge“ … 4 auf einen Streich. Die Gedankenwelt des Endvierzigers. Damals hab ich das nicht vollständig zu schätzen gewusst. Heute steck ich in der Phase, in der du damals warst und kapiers. Ich hinke hinterher.

Du liefertest den Soundtrack

– für meine Spätpubertät,

– für meinen Mittzwanziger Blues,

– und schließlich für meine midlife crisis.

Fehlt nur noch, dass ich mir deinen „Träumer“ oder den „St.Johannpark“ für die eigene Beerdigung wünsche.

Thanx.

Früher oder später läuft man sich übern Weg da oben. Bis dahin – – –

pfleg ich weiter meinen „Zorn, den ma doch zum Leben braucht, denn ohne ihn (…) issma nie vorn.“

Donkda scheh.

(Geschrieben Januar 2012 für „Rockzirkus“ Bochum)

 

 

Stagnationsblues one more time

1988, vier Jahre nach Orwell und eins vor Schabowski war es, da entdeckte ich eins meiner zukünftigen Idole. Das Radio hämmerte mir Bilder in den Kopf, die bleiben sollten:

Und ewig schwebt der Pick up übern Highway…

Buffalos kreuzen lautlos die Strasse. Ein paar Cheyenne versuchen dem Wagen abseits des Weges und zu Pferd zu folgen … und bleiben zurück.

Vorbei an Santa Fé und verfallenen Blockhäusern durch bluegrass plains … da: Ein Bär erhebt sich auf die Hinterpfoten und will drohen …. Vorbei…

Eine Fahrt wie im Video … du hörst kein Hufgetrappel, keinen Adlerschrei – nicht einmal deinen eigenen Motor: Das Auto ist erfüllt von Musik: Dieser Musik. Vorbei …

Das war nicht selbstverständlich, denn in einer Zeit, in der nicht einmal das Wünschen mehr zu helfen schien, der Stillstand allenthalben war, schien auch der Rock & Roll zu verrecken.

Quietschige Keyboards, Synthetik-Drums, der Maxie-Wahn und tonnenweise Scratch-Effekte schienen nichts übrig zu lassen.

In Gods own Country kochten alternde Stars ihre alten Erfolgsteebeutel wieder und wieder aus und jagten ihre Songleichen in den Äther.

Das gar nicht mehr so Greate Britain suchte händeringend nach den nächsten Synthie Poppern und die hießen dann, wie sie sangen: Durantamtam, Visa(r)sch, Keil i min Oog und Nik(olaus) Kehrschaufel… Sammelt Brot für Depeche Mode!

West-Deutschlands NDW war kurz zuvor so etwas wie ein allerletztes gut gemeintes Aufgebot, aber inzwischen als „Ölpest der Tonkunst“ (Heinz R. Kunze) eines klebrigen Todes gestorben.

Da hockte ein noch junger Mann weit „hinter der Mauer“ vor seinem Radio mangels Westplattenzufuhr.

Als slave to the rhythm, ertrug er voll ausgespielte 10 inch/12 inch/club-mix/rough-nix/ inkontinence-spritz-wixwörschens einfallsloser Restmelodien und ebenfalls voll ausgespielte fffffffrrrrrrrriiillllllffforzzzzzzkkkkkcccchhhhhhhh- Spielübertragungen für den „heimatlichen PC“ (har-har!) in der unrealistischen Hoffnung auf Erlösung, denn diese stirbt bekanntlich ja zuletzt.

Und es kam der Tag, an dem sie eintraf:

„I don’t believe it’s all for nothing, it’s not just written in the sand, (…) come down Gabriel! Blow your Horn! Cause some day we will meet again!”

Yeahr! Voll auf die 12!

Die knarzige Stimme, die den Teer von ca 2 Millionen Marlboros ahnen ließ, die indianisch monotonen erdigen Drums, der schleppende Rhythmus! Und dann auch noch –AUF’S STICHWORT – Peter G. wie aus dem Jenseits: faaaallen annnnngel! … und weiter im Knarz-Ton:

Fallin’! Fallin’ down!

Wer ist das? Wer singt so? Wer kann sich Peter Gabriel als Background leisten?

Robbie Robertson. Der The Band-Veteran vertrug seinen zu früh verordneten Ruhestand nicht und hatte sich 10 Jahre nach dem letzten Walzer zu einer Soloplatte durchgerungen.

Daniel Lanois, Peter Gabriel, Rick Danko, Manu Kaché, Bono und the Edge halfen dabei…

Doch der Wunder waren noch nicht genug. Der Jugendradiosender DT 64 spielte wenige Wochen später das ganze Album komplett. Ein einsatzbereites Tonbandgerät war in jenen Tagen wichtiger als Brot und somit vorhanden, „somewhere down the Elbe-River.“

Song für Song und message auf message gelangte hier ein anspruchsvolles Alterswerk auf’s Band, klang überhaupt nicht altmodisch aber (Gott Lob!) auch nicht nach’87er Synthiepest!

“Who’s gonna bring me a broken arrow? Who’s gonna bring me a bottle of rain!”

Friedenszeichen allenthalben schwer gesucht! Im Versetzungskampf down on the polish border: „Move faster by night!“

Dass der Pickup in Wirklichkeit ein Trabbi war, die Buffalos schwarzbunt gewesen sind und Ohrmarken trugen, Santa Fé und Dodge City viel unromantischer Eilenburg, Elsterwerda oder sogar Unterkaka heißen konnten – who cares! Immerhin waren die Cheyenne fast echt: Kopfputz, Tomahawk, Kriegsgeschrei und sie ritten wirklich – auf kleinen Fahrrädern.

Robbie Robertson/ same (Geffen Records, 1987 (aber 88 erst im Radio angekommen))

P.S.: 30 Jahre hat sie nun auf dem Buckel, die Scheibe, die ne Welt bedeutet (hat). Und vor 10 Jahren war sie meine erste Rezi im Rockzirkus.

Tief im Westäään – geht eine Ära zuende

Der 24.Mai 2018 ist ein schwarzer Tag für Musicjunkies wie mich:

Good bye Rockzirkus-Forum.

2008-2018 war ich Mitglied in einem kleinen, feinen Kennerkreis, dessen Kopf (alias RemoFour) in Bochum saß.

Der betreibt dort immer noch seinen Rockzirkus. Jedoch hatte diese Website ein Forum, das schneller anschwoll als die eigentliche Seite. Rund 20 versprengte Enthusiasten hatten sich hier per Zufall versammelt. 68er und 78er, die musikinteressiert übrig geblieben waren zwischen all ihren Vinyl- und CD-Schätzen, als ihre Altersgenossen längst den Schalter umgelegt hatten, um zwischen Rasenmäher und Autowäsche nur noch Formatradiogülle zu konsumieren.

Hier fand man Gesprächspartner:

Badger und Black Dog, Dude und Mellow, Roberto, Zaphod, Sleeper und Willi Winzig  usw. usf. Kenner allesamt, die a) Schreibtalent und b) eine gesunde Dosis Streitlust einte, wodurch interessante Dispute über rockhistorische Großtaten und Ereignisse, die so scheinen wollten, entstanden. Wo der Musikgeschmack „neben der Spur“ geschätzt wurde.

Horizonterweiterungen ohne Ende schienen möglich.

Leider wurde aus der eben gelobten Streitlust dann und wann auch naseweise Rechthaberei. Während zweier größerer Kräche aus mädchenhaft nichtigem Anlass begann sich die Anzahl der Schreiber zu verringern.

Zeitweilig waren neben dem Betreiber selbst nur noch ein Schweizer und ein Ossi übrig…

Die Klickzahlen gingen aber gerade in letzter Zeit enorm in die Höhe. Kein Wunder. Es gab nichts Vergleichbares im Netz.

Sicher: Da sind noch Krautrockzirkus, Musikzirkus, die Babyblauen Seiten oder Deutsche Mugge.de

Nirgends aber wurde DIESE Bandbreite erreicht:

– alle Stile vertreten,

– (fast) alle Meisterwerke aller Jahrzehnte der zweiten Hälfte des 20. Jhds berücksichtigt,

– viele, viele Randerscheinungen auch, die hier eben nicht nur von einem gekannt wurden;

Und nun kommt die DSGVO und plötzlich ist Schluss.

Ich trauere um das riesige Konvolut an Spezialwissen von ca. 20 Kennern, deren einer ich 10 Jahre lang sein durfte.

Hab Dank, Rockzirkus, für Entdeckungen und Wiederfindungen rarer Schätze, wie „a million shades of blue“ (Gene Vincent), Douglas Spotted Eagle, The Peddlers, Paul Brett Sage, Roy Buchanan u.v.a.

Dank auch für Horizonterweiterungen per Disput über Blue Öyster Cult, Hip Hop, Countrymusik, Synthie-Pop der 80er und den Spaß in Sachen Abba-Bashing.

Danke für den lesenswerten Gesamtüberblick über die Veröffentlichungen von Neil Young und Lou Reed und und vieles mehr.

Ich bedauere Remos Entscheidung. Aber ich verstehe sie. Niemand möchte sich im wohlverdienten Ruhestand in den Fängen bürokratisch-juristischer Spielchen verlieren.