Ich geh einfach raus

John Prine    John Prine     John Prine!

eingedeutscht von Bludgeon

 

Warn neulich Stimmen im Haus

Irgend so‘ne Art von Besuch.

Hab zwar gern Leute um mich

Doch manchmal ist das wirklich ein Fluch.

 

Wenn sie alle so labern

und ich kaum folgen kann

nehm ich die Leine vom Haken

Und zieh Schuhe mir an

 

Ich geh einfach raus

Meine Frau, die bleibt drin

Beschäftigt die Leute

Die kriegt das schon hin.

 

Ja, ich muss einfach raus

Den Hund nehm ich mit

Fasan und Hase, die fliehn

Er rennt ein Stück mit.

 

Und kommt er zurück dann

Mit diesem Glitzern im Blick

Seh ich ihm in die Augen

Und so find auch ich das Glück.

 

Da spricht diese Frau da im Fernsehn

Nen ganzen Club von Kerlen hinter sich

Ich soll sie wählen

Sie tun dann alles für mich

 

Zum Abschluss beschwörn sie

Noch das jüngste Gericht

Ich hör es und lächle

Und wähle sie nicht.

 

Ich muss einfach raus

Geh spazieren am Deich

Da wo mir niemand im Weg steht

Wirds mir wieder leicht.

 

Weg von all dem Getöse

Dass das Hirn mir zerstampft

Sehe Fasan und Hase

Fühl, wie sichs in mir  entkrampft.

 

Früher wars anders

Da war ich immer dabei

Wollte Spurn hinterlassen

Stur, reich wer‘n und frei.

 

Doch die Jahre vergingen

Ich sage dir wies is

Die Freiheit, die kommt nicht

Was bleibt, ist der Beschiss.

 

Bis die Rente heran ist

Dann gibt’s endlich Ruh

der Fasan und der Hase

Die zwinkern mir schon zu.

 

Ich muss einfach raus…

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Unverzichtbar V

Diesmal 5 Werke für „zwischen den Wahlen“; alt aber aktuell geblieben bzw. wieder geworden:

  1. Hermann Hesse „Steppenwolf“ – die gelebte gesellschaftliche Totalverweigerung und bürgerliche individualistische Sinnsuche, die in die Sackgasse, resp. den Drogenrausch führt. Ein Endzeitbuch, verfasst von einem manisch depressiven Narzissten, der wohl gerade deshalb den (fast) totalen Durchblick hatte und sich auch traute, die Ergebnisse zu formulieren. Kurioserweise seinerzeit in den 60ern durch die Hippies der Vergessenheit entrissen und Kultbuch geworden. Der Stoff passt prima und systemunabhängig in die „angry young man“-Phase am Ende männlicher Pubertät, oder aber, wie vom Autor nachträglich erklärt, in die Midlife Crisis – und — in Zeiten wie unsere, in der das ungute Gefühl heranwächst, dass die bisherigen Lenker mit ihrem Latein am Ende sind und neuen Lenkvereinen geeignetes Personal fehlt.
  2. Hermann Hesse zum zweiten „Das Glasperlenspiel“ 1948 Nobelpreis geadelt; galt einst als das Buch zum Crash von 1945; der Schwanengesang der bildungsbürgerlichen Epoche. Er erfindet eine intellektuelle Elite, die sich in einer Art „Könner-Ghetto“ mit einem Glasperlenspiel beschäftigt. Der Sinn besteht darin, alles mit allem zu verknüpfen: Mozartharmonien in Wochenschauaufzeichnungen von Trommelfeuer nachzuweisen; binomische Formeln in Mendelschen Gesetze usw. Eigentlich kotzt der altgewordene Schulverweigerer seinen eventuell noch lebenden Lehrern und angepassten Klassenkameraden die Nutzlosigkeit ihrer Bildungskarrieren vor die Füße: „Was wart ihr schlau! Doch habt ihr was verhindert?“ Es entsteht ein Berg an Kenntnissen, der letztlich zu nichts führt, da die Kenntnisse „draußen“ in der Praxis entweder gar nicht oder grundfalsch verwendet werden. Das Buch entfaltet seinen Reiz vor allem, wenn man es während eines Studiums liest, inmitten der unübersehbaren Weltfremdheit der Einrichtung und ihres Personals. Der Protagonist ist der gebildetste seiner Zunft, kapiert die Abgehobenheit und Abgeschiedenheit seines Tuns, will „hinaus ins Leben“; verzichtet also auf alle Privilegien – wird Hauslehrer und ertrinkt beim Versuch seinen Schützling zu retten. Ein Alleswisser, dem die elementaren Grundlagen der einfachen Überlebensstrategien fehlen. Das ist nicht zuviel verraten, denn es sind 3 Lebensläufe angehängt, die jeder Glasperlenspieler von sich schreiben muss, nachdem er sich in sich selbst versenkt – und die haben es in sich! Diese 3 Anhängsel alleine wären schon einen Nobelpreis wert gewesen.
  3. Stefan Heym – er schien vergessen, der von der ARD hofierte, böse, alte Beobachter der DDR-Defizite von innen. Wer sollte sich dafür nach 1989 noch interessieren, da sie doch nun zur „Fußnote der Weltgeschichte“ (Heym) verkommen war? Aber lies dieser Tage den „König David Bericht“ (1972) und erschrick, wie aktuell er plötzlich wieder ist. HeymIn biblischer Zeit verdonnert König David im „Morgen“land einen Künstler zur Abfassung eines „objektiven“ Berichtes über seine königlichen Heldentaten; und erwartet selbstverständlich ein unumwundenes Loblied. Die Schwierigkeiten des unabhängigen Denkers in der Diktatur von einst wanken zombihaft durch deine Räume: Die sterblichen Überreste von Brecht oder Heiner Müller mutieren zu „Reichsbürger“ Xavier Naidoo oder „Pegidist“ Uwe Steimle. Aus den warnenden Höflingen, in denen du früher FDJ-Bonzen, ZKler, Rezensenten der „Jungen Welt“ zu erkennen glaubtest, werden heute … Alter Schwede! Da ist dir aber ein Wurf gelungen! Damals. In den 70ern. Stefan Heym. Geboren in Chemnitz.
  4. Winfried Völlger setzt noch einen drauf mit seinem One Hit Wonder von 1983 „Das Windhahn-Syndrom“. Student mit herkömmlich harmloser Studienrichtung liebt Studentin, die das Glück hatte, einen Platz in einer Studienrichtung zu ergattern, die sie anschließend berechtigen wird, immer mal wieder die DDR ins NSW (Nichtsozialistische Weltsystem) verlassen zu dürfen. Kult!Von der ersten solchen Reise kehrt sie unheilbar krank zurück. Ihr Problem sind unkontrollierbare Lachkrämpfe, immer dann, wenn… Stopp! Nicht spoilern! Am Ende des Buches gibt’s eine Tierfabel, die es in sich hat, und die den seltsamen Buchtitel erklärt. Winfried Völlger, heute ein schon sehr alter Mann, lebt inzwischen als Straßenmusikant in Leipzig. Er hat eins der klügsten Bücher über die DDR geschrieben; oder aber auch über Menschen, die sich von antrainierten Weltbildern verabschieden, wenn sie die Welt um sich her mit offenem Blick und ohne Scheuklappen wahrzunehmen beginnen.
  5. Sei an einen Klassiker erinnert: Hans Christian Andersens  modebewusster Kaiser (1837), der auf Scharlatane hereinfällt, die ihm einreden, dass sie saubere Dieselmotoren entwickeln können, oder Superwaren herstellen, die nur kluge Leute sehen könnten, wenn ER die Kosten übernimmt; und der Dussel fällt drauf rein. Eines Tages war er nackt. Und die Schwindler feierten auf den Cayman Islands bis zum finalen Zunami. Aber wenn sie nicht gestorben sind, dann sind sie heute…

Rockpalast Jetlag

Die Rückbesinnung auf die Band, die man immer vergisst, trat eine Erinnerungslawine los; denn während ich an dem Text über Wolfsmond schrieb, plagte mich die Frage:

Wer singt bloß noch so?

Diese eigentlich tonlose Stimme aus dem oberen Rachenraum, scheinbar ganz ohne Brustraumresonanz, mit dem Umfang von nur 2 oder 3 Tönen – die gabs schon mal woanders!

Kennst du das? Da klopft etwas aus der Erinnerung an, du hast längst „herein“ gerufen, aber es erscheint nicht? Und dann nach Tagen oder Wochen, meist in ganz anderer Situation – Klops vor die Stirn – simpel wie nur was erscheint die Lösung für das, was vorher nicht zu lösen war: Toy Guns! Randy California! Der Typ, der Jimi Hendrix seinen Künstlernamen verdankt und der schöne, aber ziemlich unbekannt gebliebene Alben hinterließ, als er 1997 im Pazifik verschwand…

Ich komme von Wolfsmond auf Spirit. Ich sehe Konny Reimann im Fernsehen von Texas nach Hawaii übersiedeln und denke an Spirit. Ich sehe Telly Savalas in „Einsatz in Manhattan“ mal wieder oder in „McKennas Gold“ und denke an Ed Cassidy von Spirit, ich zappe zufällig in „Apocalypse now“, sehe Marlon Brando und denke an Spirit… Wie kommt’s?

Papa erzählt vom Kriech. Also vom Kalten. Vom Kulturkampf der Systeme, damals in den Mauerjahr‘n.

Na klar! Es begann am 4. März 1978! Rockpalast! Eigentlich wars schon der 5. März, denn Spirit traten erst nach Mitternacht auf. Eine in so vielerlei Hinsicht bedeutsame Zeit war das, als der Punk nach Deutschland kam, die Mähne dem Igel wich, der 18. Geburtstag näher rückte, und im Sommer noch die 950 Jahrfeier herbeigesehnt wurde, das Provinzwoodstock des Saaletals!

Und dann das Line up dieser 2. Rocknacht! Mothers Finest, Dickey Betts and the Great Southern und Spirit! Im Nachhinein war‘s der beste Part jener Fernsehinstitution, die bis 1985 ein MUSS war! Wegen der nur kurzfristig im Radio verkündeten Sendetermine wurden Umzüge verschoben! Oder gar Hochzeiten!

Im Herbst’77 war Rory Gallagher in unsere Wohnzimmer gestürmt, hatte die Eltern aus diesen vertrieben und 17-18jährige Halbstarke hypnotisiert an die Fernsehsessel gefesselt. Ro!ry!Ro!ry! Die meisten lallten es noch vor sich hin, als nach ewig langer Umbaupause und lahmarschigen Interview-Versuchen Little Feat ihren ebensolchen Auftritt abdudelten. Da traten die Rory-Jünger reihenweise weg. Der Schulhof am Montagmorgen brachte es an den Tag:

Niemand hatte den 3. Act erlebt! Uns allen war ein Messias erschienen mit schwarzer Apostelmähne, kariertem Hemd und abgeschrammter Guitaaaarrrr! When he was a Cowboy he was the Jesse James! Oder eben das Moonchild! Keine Ahnung, was ne Calling Card sein könnte. Egal! Alles herrlich. Dann Little Feat. Wie lange hast du durchgehalten?

3. Song, 5.ungefähr…oder 6. … wie hießä? Weees’ch nich mähr… Wer sollte danach noch komm’m? Wees’ch och nich mehr. Eehnor von de Byrds mit neuer Band oder so.

Das war die 1. Rocknacht. Nun kurz vor der 2. sah es so aus, als würde sich das wiederholen: Mothers finest hui, seit ein paar Monaten dank ARD und ein bissl Airplay bekannt; Dickey Betts? Nie gehört! Soll Bluesrock sein, naja, geht vielleicht; Spirit? Kennt keenor! Egal, wie der Ex-Byrd da in dor erschdn Nacht. Es sollte anders kommen!  Alle 3 Acts sollten dauerhaft nachwirken. Aber der Reihe nach:

Mothers Finest kannten wir aus „Phonzeit“.

„Phonzeit“ war eine eigenartig konzeptionslose Jugendmusiksendung der ARD. Meistens wurden da deutsche Bands gezeigt, interviewt und irgendwelche Probleme westdeutscher Freizeitzentren be-talkt. Meistens spielten dazu Franz K. oder Morgenrot irgendwas Erbärmliches. (Die müssen einen Abonnementvertrag mit der ARD gehabt haben.) Einmal aber trat dort „Das 3.Ohr“ auf; Blues mit gutem deutschen Text und ich ärgerte mich, dass ich den Rekorder nicht eingestöpselt hatte.

Also tat ich das beim nächsten Sendetermin auf Verdacht – und – Volltreffer. Es lief eine 45minütige Dokumentation über die Musikszene von New York. Zufällig hatte ich eine leere 90er Kassette eingelegt und deshalb war ich hinterher der begehrte Spender für 2 Klassenkameraden, die ebenfalls diese neuen Namen gut fanden und auf eigenen Bändern haben wollten: Southside Johnny and the Asbury Dukes; Mothers Finest; Blondie, Dead Boys, nochmal Mothers Finest, nochmal Southside Johnny – und aus. Explosive Liveaufnahmen, dazwischengeschnittene Kamerafahrten durch Elendsviertel von New York, zeitweilig ein paar Textbruchstücke als Untertitel eingeblendet. Geil!

Und nun also, Zeitchen später, stand uns ein vollständiges Mothers Finest Konzert ins Haus! Yeahr! Der Termin rückte näher und mit ihm ein anderer: 11.Klasse Kunst; 5.3.78; Exkursion zur 8.Kunstaustellung nach Dresden. Per Bahn. Abfahrt irgendein unmenschlicher Zeitpunkt zwischen 7 und 8 Uhr, am Sonntagmorgen, den Leute von 17 ½ sowieso nie erleben – und nun noch nach einer Rockpalastnacht!

Es war obendrein die Umbruchzeit, in der wir von Kassette auf Spulentonband umstiegen. Mir fehlte noch immer die Erlaubnis der Eltern, meine Ferienjobersparnisse dafür „auf den Kopp haun“ zu dürfen. Aber es tat sich was. Das aus einem Stück gefeilte Russentonband JUPITER; 18 kg schwer, Stahlkern und dickes Holzgehäuse, war für 1710.- Mark zum Ladenhüter geworden und deshalb im Frühjahr auf 1580 und im Juli auf 1336.- Mark gesenkt worden. Da kam dann auch die Erlaubnis gerade noch rechtzeitig: Zwei Tage vor einem Udo Lindenberg-Konzert auf ARD.Reklame0006

Zur Rocknacht im März jedoch fehlte es schmerzlich! Kassetten waren teuer im Osten. Ich hatte keine leere parat und konnte mich auch von fast nichts trennen, was auf den Vorhandenen „verewigt“ war. Also versuchte ich auszugsweise hier eine Viertelstunde und da nur 10 Minuten aufzunehmen, ohne in Raritäten wie „Proud Mary“ (live) von Elvis oder „Final solution“ von Pere Ubu hineinzulöschen. War natürlich Murks. Ich musste mitten in Songs und Solis abbrechen. Ausblenden ging ja nicht und hatte somit nichts Halbes und nichts Ganzes. Um so besser war ich zur 3. Rocknacht aufgestellt: Jupiter am Fernseher. Leeres Band bereit. Beute hinterher: Peter Gabriel und Paul Butterfield komplett – jahrelang gehört!

In jener denkwürdigen Märznacht nun aber fegte zunächst mal jener damals sensationelle Funkrock Orkan durch die Bude. Mothers Finest! Waren die heiß drauf! Heute weiß man, dass sowas nicht ohne gewisse „Substanzen“ geht! Mothers Finest zelebrierten Überdruck! Sie hatten die „uppers“ geschluckt. Betts rauchte die „downers“. Er und seine Mannen würden die Joints auf die Bühne gebracht bekommen, eine entscheidende Zeitgeistkleinigkeit, die auf der heute erhältlichen DVD kurioserweise fehlt; Spirit lassen sich umgekehrt ein Tablett kleiner Cocaine-Bällchen auf die Bühne bringen, die sie ins Publikum werfen. Aber, back to the act: Joyce Kennedy! Schockverliebt! Ich war nicht der einzige! Ach wär‘ ich doch wenigstens jener Otto Waalkes da an der Gitarre! Mickeys Monkey, take it funky! Kurze Zeit später tauchte im Ostrundfunk eine neue Band namens „Familie Silly“ auf. Blöder Name, geile Texte: „Pack deine Sachen“ und „Irgendwann stinkt jeden mal was an“ – das war ein neues, frecheres Zeitzeichen im Weltall-Erde-Mensch-Rock unserer damaligen Tage! Die Sängerin – Tamara Danz – eine Backgroundlerche der Horst Krüger Band, markierte hier auf Joyce Kennedy in blond. Der Sound stimmte auch: Die hatten Rockpalast gesehen! Und: DIE wurden GROOOOSSSS!

Nach dem ersten Konzert dann wie schon gewohnt Umbaupause, mit Einspielungen von Ian Dury und Graham Parker! „Hey Lorrrrrrd! Don’t ask me questions!“ Das ergab DIE Floskel für uns 11.Klässler in den nächsten Monaten. Spätpubertät. Gehirn vormittags im „stand by“. Und trotzdem „vor müssen“ an die Tafel zur Leistungskontrolle in so grauslichen Fächern wie zum Beispiel Füßigg und Schehmy, in denen sich die unbeliebtesten Lehrer als unantastbare Genies gerierten:

„Erzähl mir mal was über die Teilchenbewegung der Spule.“

„Hey Lord! Don’t ask me questions!“ antwortete prompt das innere Ich.

Wenn man sich dann, mit einer 3 oder 4 beglückt, wieder setzen durfte, schrie es tröstend inwändig:

„Ayyyyy! Wanna Rock&Roll all night!“ während im Geiste die Gene Simmons Bassaxt in Richtung Physiklehrerhals unterwegs war: Flatsch! Der Kopf rollt über den Lehrertisch ins Körbchen. Welcome to my nightmarrrrre! Oder gimmigimmi Shock treatment, je nach Tagesform.

„und dann sitzt du froh auf dem Cosinus-Klo….scheißalt…aber eiskalt!“ um mit Kiev Stingl zu sprechen. Dabei hattest du noch nicht mal den 18.Geburtstag geschafft oder Auto-Fleppen!

(War ja nur Phantasie! Zu unserer Zeit wusste man eben noch, wo die Grenze war.)

Dickey Betts & Co erschienen auf der Bühne. Im Vorfeld waren immerzu irgendwelche Allman Brothers erwähnt worden. Hm. Die Truppe stand bzw. saß erst mal stocksteif herum (wie eine Ost-Band!) und dudelte los. Punkzeiten. Also nicht besonders erhebend. Dann kam da so eine Melodie, die den „Ach DIE sind das!“-Effekt auslöste: Jessica! Ja, das hatte man schon mal irgendwo gehört. Ich weiß nicht, was mich durchhalten ließ. Es war nicht schlecht, aber mit 17jährigen Punklauschern gehört und dann nach DIESEM Opener eben nicht „kickend“. Andererseits als Folge-Act besser als Little Feat vor einem halben Jahr. Umbaupause. Wieder schier endlos. Betts-Interview. Einspieler. Vergessen wer. Endlich:

„Dschörmen telewischn praudli pisentz deireckt from Kalifornia Ju-es-Äj – Spirit!“

Drei Typen erklimmen die Bühne. Vom Anblick des ersten bin ich sofort geflashed: Ein kahlköpfiger Schrank in dunklem Umhang, Telly Savalas in kräftig, nimmt hinter dem Schlagwerk Platz. (Gefühlt das Dreifache an Trommeln plus 2 Pauken.) Der Name wird eingeblendet: Ed Cassidy! Klar. So einer heißt nicht einfach Tommy Young oder Joe Miller!

(Im nächsten Sommer’79 würde ich wieder beim Postzeitungsvertrieb arbeiten, was mir ein Exemplar der „Humanité“ einbringen wird. Eigentlich Bückeware für den Bahnhofskiosk. Ich kann kein Wort Französisch, aber, darin wird sich eine Seite befinden, auf die es ankommt: ed oder marlonBraun in Braun der Kopf des alten Marlon Brando vor vietnamesischen Kindern; kahlrasiert; weiß gut lesbar die Inschrift: „Le Choc – d’Apocalypse now!“ Das Blatt wird jahrelang in meinem Zimmer an der Wand hängen, aber da der Film unerreichbar bleibt, erinnerts mich eher an Ed Cassidy und an eine Band, die einige dann schon wieder vergessen hatten.)

1978 wurde ein Jahr der Spiritverehrung. Es gab niemanden, der nicht begeistert war, wenn er diesen Auftritt gesehen hatte!

Am Mikro wuselte ein Lockenstriez mit Stirnband und Gitarre los – mit Pruuuuummmmmm! So einem Moog-Brummton per Fusspedal. Randy himself. Da gings ab. Nach dem stocksteifen Dickey Betts kam nun wieder Bewegung auf! Ich war mit einem Schlag hell wach: Mr. Skin prügelte sich warm an den Fellen und der Typ mit dem Stirnband schwebte auf seinen Gitarrentönen hin und her – spielte mit dem Mund wie Jimi – und ab und an, wenn er meinte, es muss mal wieder sein – Pruuuummmm – sprangen er oder Fuzzy Knight, the Bassman, aufs Pedal.

Der tonlos-einförmige, lasche Singsang wollte irgendwie gar nicht zum Rest passen, aber mit der Zeit hörte man sich das schön. Er wurde zur persönlichen Note der Band.

„Der war komplett zugekifft!“, konstatierten wir tags darauf im Zug nach Dresden; todmüde zwischen den Koma-Phasen. Der sehr junge Kunstlehrer Herr H. kam vorbei, um seine Schäfchen zu zählen, sah uns und fragte Uwe oder Detlef, die gerade in dem Moment eine Wachphase hatten:

„Was’n mit denen los?“

„Rockpalast.“

„Ach so.“, nickte der Lehrkörper und ging weiter.

Das Konzert dauerte, der elend langen Umbaupause wegen bis 6 Uhr früh. Christian hatte durchgehalten und konnte erzählen, dass zum Schluss Dickey Betts noch auf die Bühne kam zur Abschlusssession. Ich hatte es nur bis kurz vor 4 geschafft, also mehr Schlaf als er abbekommen – aber die Kunstausstellung erlebte uns, wie viele Pubis zuvor und danach seit Generationen von Sitzgelegenheit zu Sitzgelegenheit taumelnd und sofort einschlafend. Dabei hätte sich Wachsein gelohnt. Die 8.Kunstausstellung wurde selbst im Westen als Werkschau kritischer Künstler und neuer Wege des sozialistischen Realismus‘ gelobt. Wir standen z.B. vor einem Bild mit dem Titel „Die Restaurierung findet nicht statt!“ Zu sehen war eine Klinkermauer, davor Tote, eine Leiche hing über die Oberkante. Dahinter Wohnblocks und strahlender Himmel.

„Or! Gucke! Die Mauer!“, wecke ich mal kurz Christian.

„Bilde dir mal keine Schwachheiten ein. Das Bild bezieht sich auf Chile.“, wies mich prompt der Kunstlehrer zurecht, der zufällig hinter uns stand.

Christian fängt das Gespräch mit müder Stimme gähnend ab: „Unsre Mauer is ja och weiß und nich‘ aus Ziegeln.“

Aber wir denken uns unsern Teil. Schließlich hatte uns Herr H. selbst vor ein paar Tagen erst Fritz Cremer nahegebracht: Den Schöpfer des Buchenwald-Denkmals mit DDR-Nationalpreis und Nazi-Kunstpreisträger. Den hatte er 1937 bekommen für ein Relief „Trauernde Mütter“, welches die Herrscher damals auf „Mütter von Gefallenen des I.Weltkrieges“ bezogen. Intern aber habe Cremer „Mütter der Verhafteten“ gemeint. Ach sooooooo!

In diesem Sinne konnte hier auch ein antifaschistischer Schutzwall offiziell mal eine Erschießungswand des Pinochet-Regimes sein.

Spirit waren seit jener Nacht Kult. LPs gesucht wie Goldstaub; aber nicht auftreibbar. Kurios auch der Umstand, dass nach dem 05.06. die Airplay-Rate für die Band weiterhin bei Null verharrte.

Wolfsmond auf amerikanischErst Jahre später; die Fahne und die NDW waren bereits Geschichte, die Übersiedlung in den Sorbenwald stand bevor, da traf ich einen alten Bekannten wieder, der ein gar kauziges Genie war. Der besaß plötzlich Spirit-LPs! Mehrzahl! Ich musste da hin! Dann saßen wir bei lecker Tokajer und er sorgte für einen umwerfend interessanten Abend, da er mir aus dem Stand die Band- und Familiengeschichte von Randy California erzählen konnte, gemixt mit Wissenswertem über Deep Purple (Mark I) und diverse Bach- und Beatleszitate bzw. kompositorisch ähnliche Finessen, die in den Werken beider Bands schlummern; untermauert mit Tonbeispielen von 7 oder 8 LPs. Horizonterweiterung Mitte der 80er. Die damaligen Hörgewohnheiten waren den filigranen Sessionimprovisationen Späthippie-Style jedoch alles andere als zuträglich; deshalb fand ich seine Ausführungen zwar viehisch interessant, von den Platten allerdings zündete verblüffend wenig. Lediglich die erste namenlose Spirit (including „mechanical world“) und das Solo-Album „Euro American“ suchte ich mir abschließend zur Überspielung aus.

Nach der Wende mussten beide als CD sein – aber das dauerte, weil es die in den 90ern noch gar nicht gab. Der erste Spirit-CD Kauf wurde somit die „12 dreams of Dr. Sardonicus“; eingespielt 1970 auf der Farm von Neil Young. mit Onkel neils HilfeEs ist ein psychedelisch-progressives Meisterwerk vom Allerfeinsten, wie ich nun, um 1997 herum, auf Anhieb fand. Auch Dickey Betts hatte inzwischen extrem an Wertschätzung gewonnen, während Mothers Finest irgendwo im Rocknirvana verschwunden waren. Silly allerdings; ihr ostdeutscher Ableger, waren zum rockmusikalischen Monument der 80er geworden. Vier starke LPs in Folge – der Soundtrack der DDR-Agonie.

Im Player läuft „Toy Guns“. Das Stück, das klingt, als hätte es Lude Lafayette geschrieben. Das Wolfsmond-Erbe erschien 1999. Dem Booklet ließ sich entnehmen, dass der stille Leitwolf Ende der 70er eine Kurzzeitehe mit einer Hawaiianerin eingegangen war, mit der er vorübergehend eben dorthin auswanderte. Nach einem halben Jahr war er wieder allein und in Hamburg, wo er Wolfsmond reaktivierte. Er starb 2003.

Teilzeit-Hawaiianer Randy California lebte nach seinem Rockpalast-Deutschlanderlebnis immer mal wieder einige Zeit in Hamburg, weshalb die europäische Seite seiner „Euro-American-LP“ verdächtig nach Wolfsmond und Duesenbergs klingt, während die amerikanische Hälfte ganz die alte Handschrift a la Solo-Album Nr.1 „Kaptain Kopter“ beibehält. Wieder daheim auf Hawaii, ging er schließlich 1997 mit seinem 12jährigen Sohn baden und rettete ihn aus einer gefährlichen Strömung, die ihn selbst jedoch verschlang. Seine Leiche wurde nie gefunden.

Hawaii-Hawaii! Fehlt Nr. 3:

Konny Reimann, der berühmteste Auswanderer Deutschlands, übersiedelte für RTL von Hamburg nach Texas und sorgte für astronomische Einschaltquoten! Dann zog er von dort nach Hawaii. Hier scheint der Glücksfaden gerissen zu sein: No more Mr. Reis Guy on TV.

Merke: Hawaii bringt kein Glück!

 

Wie der Wind so frei…

Früh am morgen kick ich die Maschine an

Denn wir wollen auf das Land raus fahrn.

Gleich beim ersten Mal ist der Motor da…

Und „da“ hatte diesen unnatürlichen Kiekser drin, der für die westdeutsche Sprechweise damals in den späten 70ern in unseren (Ossi)-Ohren so typisch war. Wir hatten haufenweise ARD-Jugendsendungen konsumiert und kleine Fernsehspiele gesehen und „Feuerreiter“ genossen – und überall waren so Typen in unserem Alter als Laiendarsteller aufgetaucht und wollten vermutlich „kuhl“ sein. Die sprachen dann mit so’ner betonungslosen „Hasch macht lasch“-Stimme und formulierten in annähernder Udo L.-Tonlage dann so Sätze wie:

„Du, das find ich jetz‘ irgendwie voll nich‘ in Ordnung, dass du Arschloch zu mir sagst.“

„Hau mal eben ab.“

„Ja mach ich glatt, für dich. Gern sogar. Finde deine Mitte, Alter.“

Und Lude LaFayette sang so, wie die sprachen.

(West)Deutschrock in den 70ern war ja ne ärmliche Kategorie für Musicjunkies hinter der Mauer. Da kam nix an Botschaften rüber. Die einen waren mit dem „Zerstören von Strukturen“ beschäftigt und die andern kopierten halt angloamerikanische Vorbilder. Letzteres warf dann und wann mal‘ne Ausnahmenummer ab. Wir aber lauerten auf Konterbande, die nicht kam. Da wurde man eher bei westlichen Liedermachern fündig. Mario Henés „Kinder der Nacht“ zum Beispiel. Reinhard Meys „Aus meinem Tagebuch“ oder „Bevor ich mit den Wölfen heule“ – DAS hätten mal Jane oder Frumpy vertonen soll’n! Lechz!

Aber, war eben nicht. „Fanden wir irgendwie jetz auch nich so hilfreich, Alter, dass unsre Cousins im Westn, das nicht auf die Reihe bekam‘.“ Stattdessen wollte uns mal unsere Stabü-Lehrerin allen Ernstes mit „Profitgeier“ von Floh de Cologne im Unterricht beglücken. Schuljahresende 9.Klasse. 1976. War das ein Lacher! Und die Diskussion hinterher: „Dürften wir über unseren UTP so singen wie die drüben über die Lehre: He Stift, hol noch mal ne Flasche…?“ „Die ham halt mehr als wir, da drühm. Das is jammern auf hohem Niveau.“

Klar gab es noch St.Udo. Aber den verehrten eher die Schlosserjacken. Wir mochten den zwar auch. Manche Slang-Formulierung war schon ein Bringer, geradezu genial die „Rock&Roll -Arena in Jena“, aber die Begeisterung in meinem Bekanntenkreis war dann doch nicht in solch astronomischen Sphären, wie das heutige Dokumentationen gerne kolportieren. Musikalisch fuhr er ja eher mit angezogener Handbremse.

Um 1978 herum, schaltete sich der NDR 2 im Nachtprogramm bei „Rock over Rias“ zu und einer von den uns unbekannten Berliner Moderatoren macht eine denkwürdige Ansage: „Hier was von der wahrscheinlich besten Band Deutschlands – Wolfsmond“.  Wir kannten nicht mal den Namen. Aufnahme! „Wie der Wind so frei“ schwebte herein:

„Viereinhalb Stunden auf der BMW. Viereinhalb Stunden auf Deutschlandtournee.“

Das W von BMW auch so herausgekiekst, wie oben schon beschrieben. Geil. Und „Deutschland“ kam auch noch drin vor. Erich Honecker ließ per Willkürbefehl 1975 den Nationalitätsbezug aus der Verfassung der DDR streichen und schuf sich so ein zusätzliches Problem. „Die DDR ist ein sozialistischer Staat deutscher Nation.“ war noch in der Ulbricht-Verfassung von 1968 zu lesen. Nun stand da im §1 „die DDR ist ein sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern unter Führung der SED.“ Eine Folge der „Neuen Ostpolitik“, die sich Honecker bekanntlich als Einknicken Bonns auslegte: Nun ist die DDR von der B-R-D anerkannt; scheißegal, wie die das da drüben nennen. (Außerdem sollten DDR-Bürger ihr eventuell vorhandenes Westgeld erst in Forum-Schecks umtauschen und dann mit denen im Intershop immerhin noch einkaufen dürfen.)

Nun hatte er samt seinem Machtapparat unterschätzt, dass niemand in seinem Ländle ein „De-de-ärrer“ sein wollte. Was sollte das überhaupt sein? Die Österreicher hatten dermaleinst wenigstens noch die Chance gehabt, sich Österreicher nennen zu können und nicht Ka-ka-nier, oder so etwas. Unsere Väter waren sich einig: „Typisch Saarländer!“ Auch Brandt bekam sein Fett weg: „Kognak-Willy verkooft de Einheit!“ Alfred Tetzlaff Style. Für die Vätergeneration war es ein im Stich lassen. „Wandel durch Annäherung“ klang wie eine Zauberformel aus Tausend und einer Nacht, die niemand verstand oder glauben konnte. Wir wurden durch diese anhaltende Grummelei der Erwachsenen ebenfalls sensibilisiert und feierten z.B. Lindenbergs „Sister Kingkong“ für:

Gleich kommt der Gong! Sister Kingkong! Doch zuvor noch die Flagge! Und der Nationalsong!

Und dann stimmt DEN die E-Guitar kurz an. Stop. Zurückspul. Repeat. Grins.

Nach „Wie der Wind so frei“ war lange Zeit Ruhe um Wolfsmond. Wie gut sind die nun wirklich? Sie hatten kein Airplay. Das gleiche Elend wie mit Eloy. Von denen kannte man gleich gar nichts außer dem Namen. Plötzlich war wieder diese näselnde Singsangstimme auf J.J.Cale-Sound- Basis zu vernehmen: „Für mich ist es Rock & Roll“. Hm. Zwar erstmal aufgenommen. Aber originell ist anders. Also auch schnell wieder gelöscht. Wieder Funkstille seitens der Band. Immerhin wussten wir inzwischen, dass es eine Hamburger Truppe war, die irgendwie aus den späten Rattles hervorgegangen sein soll. Deren letztes Lebenszeichen im Radio war „the Witch“ gewesen und DIE Nummer machte immer mal wieder in Oldies-Sendungen Furore. Das sprach immerhin für Wolfsmond. Aber wieso mussten wir im Sendebereich des NDR die Band via Rias kennenlernen? Und wieso werden Novalis, Reichel(Solo), Lucifers Friend, Frumpy im NDR gefeiert, aber über Wolfsmond schweigt sich alles aus? Das Kapitel begann mystisch zu werden.

Im NDW-Sommer 82 wars, da begann der Deutschrock Message-mäßig aufzuholen. Mitten in provokanten Angeboten von Acapulco Gold, Fee, Nuala, Grauzone – plötzlich Neues von Wolfsmond: „Wirf die Sorgen aus dem Fenster“ und „Zauberstadt“ (mit herrlich eindeutig/zweideutigem Subtext, wenn man bedenkt, dass sich der Sänger „Lude“ nennt und die Band aus Hamburg stammt).

Aber – alles wie immer: Einmal gesendet, glücklicherweise aufgenommen – und weiterhin KEIN Airplay für die Band, die doch „die beste“ sein sollte.

Wolfsmonds ErbeErst deutlich nach Mauerfall und Wende trug es sich 1999 zu, dass die Macher von Bear Family Records auf der Suche nach bewahrenswertem, auch deutschsprachigem Kulturerbe auf Wolfsmond stießen. Die Kompilatoren hörten sich durch die LPs, nahmen Kontakt mit Jochen Peters (alias Lude LaFayette) auf und erstellten eine Werkschau vom Feinsten. 20 Songs aus 10 Jahren, keine Graupe. Musik der Marke J.J.Cale meets Doobie Brothers und fährt mit ihnen in Neil Youngs Scheune um Randy California zu treffen; mit deutschen Texten, die gut bis sehr gut sind. Hier lernte ich vieles kennen, was seither meine Auto-Sampler bestückt. Introvertierte, ehrlich klingende Momentaufnahmen, im Nachhinein manches ahnen lassend, was sich inzwischen ergab. Lafayette starb – vergessen von der Welt – und vereinsamt 2003 im Alter von 50 Jahren in seiner Bremerhavener Wohnung.

Riffmaster erinnerte neulich an die erste LP von 1976 und aus seinem Text heraus lässt sich des Leitwolfs Weg durch viele künstlerische Sackgassen in diese völlige finale Vereinsamung erahnen.

(Wie vergessen die Band inzwischen ist, zeigt die Tatsache, dass es inzwischen einen Metal-Trupp gleichen Namens gibt, der nichts mit der LaFayette-Combo zu tun hat. Es gibt wohl nicht einmal mehr jemanden, der sich wegen der Namensrechte kümmern würde…)

Deutschland wird 1107

Die Sonntagsredner sind los! Man will uns glücklich labern. Und natürlich belehren, wie immer. Nur, wie das so is‘ mit der Indoktrination: „Et wüad halt nix helfen.“ Die Ursachen für die schlechte Stimmung sind bekannt und auch mehrfach in den Medien an anderer Stelle und zu anderen Zeitpunkten aufgetaucht, bzw. als Buch, Taschenbuch und E-Book erschienen. Phönix brachte bis gestern noch mal den sehr gut gemachten 3-Teiler „Brauchen wir den Osten?“ Nee, vermutlich braucht uns der Westen nicht. Diesen Rest, der hier noch übrigblieb. Mezzogiorno, ragged ol’south east, fly over States. That‘s Schicksal. Bleibt: Die künstlerische Verarbeitung. Chamisso-Influence meets Johnny Cash.

Wer beim Lesen an Johnny Cashs „Ragged ol‘ Flag“ denkt, liegt richtig.

 

Die schäbige alte Fahne

Als ich neulich wieder durch die Altstadt ging

Mein Blick sich in einem Fahnentuche verfing

Es war löchrig und fleckig, blass und angefressen

So als hätte man langzeit es ganz vergessen

 

Aber es wehte aus einem Fenster heraus

Darunter ein Greis, der ruhte sich aus

„Hallo Verzeihung“, sprach ich ihn an

Und bat um Erklärung, worauf er begann:

 

Unter dieser Fahne wurde viel vollbracht

Und sie wurde bewahrt in langer Nacht.

Es war das 18-null-8ter Jahr

Das hier herum eine Idee gebar

 

Die Franzosen waren zur Plage geworden

Es endete nicht das ewige Morden

Doch Lützows wilde verwegene Jagd

Ehern aus all den Duckmäusern ragt,

Die bieder Franzosenwünsche erfüllen

Sich gar lassen gen Russland mustern und drillen.

 

Die Fahne war an der Katzbach dabei

Auf dem Schlachtfeld von Leipzig wehte sie frei

Dann aber wurde sie wieder versteckt

erst zum Fest auf der Wartburg wiederentdeckt.

 

In Hambach, Frankfurt und schließlich in Baden

Hat man unter ihr große Pläne beraten.

Stolz sollte sie wehen, über dem  Land

Doch alles kam anders, das ist ja bekannt.

 

Karl Ludwig Sand, Robert Blum, Fritz Hecker sogar

Entschlossene Kerle, aber es waren nur paar

Heine und Herwegh auch unverdrossen

Doch die Fahne der Freiheit ward weggeschlossen.

 

Jahrzehnte in Kellern, auf Böden versteckt

Ist sie zwischen Kartoffeln und Kohlen verdreckt.

Schwarz-weiß-rot stürzte sich ins Kampfgetümmel

Stattdessen das „Volk – der große Lümmel“.

 

Als anno’18 brach die „schimmernde Wehr“

Zerrte man schwarz-rot-gold wieder her

Doch kein Schill, kein Lützow, oder Blücher gar

Machten die Auferstehung wahr

 

Es kam nur der mit dem kurzen Bart

Da wurden die Zeiten wiederum hart

Die Fahn’ wandert’ abermals ins Versteck

Zwischen Mausefallen und Rattendreck.

 

An nem hellen 45er Maienmorgen

Hab ich sie aus dem Schutt geborgen

Und drüben an die Ruine gehängt

Damit man nicht wieder parliert – sondern DENKT!

 

Doch wiederum ist nichts draus geworden

Man duckte sich weg und schwieg von den Morden.

Immerhin von nun an sich eines verbot:

Die Verherrlichung von schwarz-weiß-rot.

 

Im Westen hatten sie schnell wieder zu fressen

Und die Brüder und Schwestern war’n bald schon vergessen.

Schwarz rot gelb täuschten nun zwar neue Fahnen

Auf den Fabriken und Autobahnen.

 

Goldene Zeiten für eine handvoll Leute

Mit Schweizer Konten aus Zwangsarbeitsbeute

Die sehnten sich Weimarer Zeiten zurück

Kungelei, Schampus, Schmiergeld – das ist das Glück!

 

Im Osten baute man ebenfalls auf

Ich glaubte an Zukunft und freute mich drauf

Bis der Juni 53 kam und mir die Illusionen nahm

So holte ich die Fahne schnell wieder ein

Ich war ja kein Lützow. Ich war allein.

 

Als ‘89 der Taumel begann

Da macht’ ich die Fahne wiedermal an

Sie sollte eine Mahnung sein

Fallt nicht wieder auf falsche Versprechungen rein!

 

Nehmen wir’s Schicksal in die eigene Hand!

Gestalten wir uns unser eigenes Land!

 

Wohl entstanden viele bunte Fassaden

Doch dahinter zu oft die alten Tiraden

Da fiel mir Bismarck ein vorzeiten:

„Dieses Volk kann einfach nicht reiten!“

 

Der alte Zyniker besiegte einst

Nicht nur die Franzosen, wie du ja weißt,

Sondern auch die eignen Heloten

Die sich demokratisches Denken verboten

 

In schwarzer Knechtschaft brach Lützow einst auf

Kämpfte, verlor und ging blutig-rot drauf

Eine goldene Zukunft sollte entsteh’n

Doch Gelb ist am blassesten – kannst du’s seh’n?

 

Ich sah nach oben ins schäbige Tuch

und begriff mit eins den symbolischen Fluch

der in den verblichenen Farben versteckt’

zum gigantischen Mittelfinger sich reckt.

Das falsche Bild vom Dean

Letzte Woche wäre Dean Reed 80 geworden, wenn er sich 1987 nicht das Leben genommen hätte.

Der Brauseschenk erinnerte an ihn. Ich schließe mich nun an, aber ein bisschen anders.

Wer war Dean Reed?

„Früher hab ich Mist gekarrt, heut reitet mich Dean Reed.

Und jede Frau wird neidisch, wenn sie mich im Kino sieht.“

(aus „Ein Pferd wie du und ich“)

MTS, die ostdeutsche Spass-Combo, brachte 1976 auf ihrem Debutalbum auf den Punkt, was alle dachten: Dean Reed = Mist.

Denke ich an meinen pubertären Bekanntenkreis von damals zurück, so fällt mir niemand, aber auch absolut niemand ein, der Dean Reed gemocht hätte. Nicht mal die allerletzten Dödel aus der hintersten Ecke des Schulhofes, oder aus dem Dom-Viertel.

Beziehe ich die damaligen Erwachsenen jüngerer Jahrgänge ein, so muss ich sagen, dass – ähem – meine Mutter und meine Tante ihn attraktiv fanden. Was er sang oder redete war dabei naturgemäß Nebensache. „Talkin‘ bout Sex, Babe!“ Er war eine Art David Cassidy für weibliche ältere Jahrgänge in Osteuropa.

Dummerweise wollte er jedoch immer als Friedenskämpfer, zweiter Che Guevara oder sowas ernst genommen werden – und das ging gründlich schief. Liest du heute den Wikipedia-Eintrag zeichnet der durch Weglassung seiner tatsächlichen DDR-Resonanz ein vollkommen falsches Bild. Richtiger war das, was letzte Woche der MDR sendete „Ein Abend für Dean Reed“.

Besser noch war vor 10 Jahren, als Dean Reed 70 geworden wäre, der Dok-Film „Der rote Elvis“. Der kippte mein Bild von früher. Fast möchte ich mich für all die Häme von einst entschuldigen. Inzwischen bemitleide ich ihn.

„Oh say Da-da-da-da-da, Oh sing ja-ja-ja-ja-ja- oh sing yes-yes-yes-yes-yes….“ (für die internationale Solidarität, den Weltfrieden usw.) Damit lernte ich ihn via Ostfernsehen 1973 kennen. Weljugendfestival in Berlin. Ich war 13 und deshalb zu Hause in der Provinz und nicht in Ostberlin beim DDR-Woodstock. „Beatmusik“ war seit kurzem wieder erlaubt, wurde nun (zensiert)gefördert und „Unser Mann aus Colorado“ ist da auf einmal auf dem Alex. Er singt eben Zitiertes und  „Mamie Blue“ (oder irgend sowas ähnlich Zeitgeisttypisches) und schließlich „Immer lebe die Sonne“, was jeder Ossi dank Unterstufenmusikunterricht auswendig kann. Mit 11 in Klasse 5 in Russisch wurde es auch noch in Originalversion geträllert: „Busekda buseck Sonnze, buseggda buduja….“ Völlig falsch beraten, der Mann! Wenn du sowas vor 16-20jährigen schmetterst, bist du DURCH! Denn beim Älterwerden ging in der Regel als erstes diese verordnete Freundschaft zur Sowjetunion verloren. Man begann Propaganda von Realität zu trennen. Er sang da diesen vorpubertären Russen-Kram, was männliche Zufallshörer sofort vertrieb. Die Mädchen blieben – der Hormone wegen – noch ein Weilchen länger. Er sah ja nun auch wirklich (leider) gut aus!

Dean Reed war anfang der 60er von Colorado nach Lateinamerika gegangen, hatte den Kolonialismus der USA zu durchschauen begonnen und prominente Kontakte zu linken Argentiniern und Chilenen aufgebaut, bevor ihn die Junta Argentiniens ende der 60er rausschmiss und er konsequenterweise nach Moskau ging. Er war dort im rockmusikalischen Nirvana als kommunistischer Ami tatsächlich sowas wie ein „Roter Elvis“ und konnte Massenerfolge feiern – dann aber schlug das Schicksal böse zu: Auf einer Dok-Filmwoche in Leipzig als Ehrengast aus Moskau verliebte er sich in seine Dolmetscherin und entschied sich im kleineren Deutschland zu bleiben. In dem Glauben, es liefe hier alles so, wie in Moskau, reihte sich hier nun Fehlentscheidung an Fehlentscheidung:

Er stellte sich erst einmal gut mit der Bonzokratie, in an american way: Wer mit ihm 3 Sätze gewechselt hatte, war „friend of mine“ und wurde in darauffolgenden Gesprächen von ihm auch so erwähnt. Seine ersten „Freunde“ waren dem entsprechend Günter Jahn (damals Vorsitzender des Zentralrats der FDJ), Egon Krenz, Karl Eduard von Schnitzler … tja … und dann versuch mal noch ein Bein in die Tür zu kriegen, irgendwo in der gegängelten Künstlerszene.

In inflationären Interviews im „Augenzeugen“(Kinowochenschau), im Jugendfernsehen (Rund“ und „Jugend-Club“), im Radio („Hallo“ und „DT 64“) redete er in seeeeehr gebrochenem Deutsch oder gleich per Simultanübersetzer inhaltlich wie ein Musterschüler einer SED-Parteischule. „Sozialismus wird siegen!“ … „Alle guten Menschen kämpfen dafür!“ … „Reisefreiheit ist nicht so wichtig – keine Arbeitslosigkeit erdulden zu müssen ist wichtiger.“ Spätestens da winkte sein Publikum ab. Wer die Welt kannte, und Elend selbst gesehen hatte, wie Dean, der verstand ihn. Also niemand aus der DDR. 4 Jahre nach seinem Tod, sollten viele merken, dass sie da an der falschen Stelle abgewunken hatten.

Hinzu kam, dass er als amerikanischer Staatsbürger freien Zugang nach Westdeutschland hatte, zwecks Beschaffung von Gitarrensaiten oder Mikrophonen usw. Seine Musikerkollegen hatten diese Möglichkeit nicht. Zwar hatten sie über ihn als Zwischenhändler nun auch erleichterten Zugang zu westlicher Mangelware, jedoch war in Gesprächen ja weiterhin Vorsicht geboten, denn: Heute redet er mit dir und morgen mit Kulturfunktionären des Zentralrates oder des Zentralkommitees – Obacht!

Hinzu kam der Neid für all die behördliche Hilfe für alle seine Produkte: Werbung, Sendezeit, Studiotermine…

„Isch habe vülle Froinde in DDR und Sowfjettunion, aber auch in Chile und Argentina“, betonte er öffentlich immer wieder – aber die Hommagen nach der Wende zeigen das ernüchternde Ergebnis: Nicht ein DDR-Musiker der 70er oder 80er taucht da auf; nicht ein DEFA-Star will sich über ihn äußern! Was bleibt, ist ein alter Kulturfunktionär, der sich als „Hauptansprechpartner und Freund“ geriert und Gisela Steineckert, die ihre Meriten als Texterin einiger sehr guter Ostrocksongs hat, jedoch unter der Hand als gefürchtete Lektorin (sprich Zensorin) mit Sicherheit auch die leibhaftige Karrieregefahr für den ein oder anderen Künstlerkollegen darstellte. Besonders die Stern Combo Meissen ist äußerst schlecht auf sie zu sprechen.

eine von vielen

eine von vielen

Ob Schallplatte oder Film – eigentlich floppte alles, was er in der DDR unternahm: Die erste LP von ihm, eine Melodia-Lizenzplatte wurde in den 70ern von all den älteren Mädels noch gekauft, die späteren blieben liegen. Der Indianerfilm „Blutsbrüder“ 1975 wurde angepriesen wie ein DDR-Kinowunder. Zwei Superstars endlich vereint in einem Film! Gojko Mitic und Dean Reed! Ein Dreamteam – würde man heute sagen. Aber: Es war nur ein weiterer Propaganda-Gau. Der Film ist mies. Plakativ. Eine Art „Der mit dem Wolf tanzt“ für arme. Als ich Costners Meisterwerk anfang der 90er im Kino sah, fühlte ich mich mehrfach an Dean Reed erinnert. Meine Bilanz: Ja soooo kann die Thematik eines Squaw-Manns bei den Dakota wirken. Aber sowas braucht eben auch Zeit für die Charakterentwicklung. Costner brauchte fast 3 Stunden. Blutsbrüder drängt das Thema auf 90 Minuten und die abrupten Sprünge in der Handlung lassen den Plot nicht funktionieren. Brauseschenk war 1975 jünger. Ihm schien er gefallen zu haben. Ich war zuvor schon von „Tecumseh“ schwer enttäuscht und hatte mit „Ulzana“ meinen Indianerfilmabschied genommen. „Blutsbrüder“ tat ich mir Jahre später erst im Fernsehen an. Nee, ich war nicht mehr die Zielgruppe. Aber auch in jüngeren Jahren hätte ich automatisch immerzu erwartet, dass sich dieser US-Cavallery-Überläufer da, gleich nach dem Fahnenstange zerbrechen die Gitarre herzaubert und „buseckda busseg sonze“ trällert.

2008 in einer Veranstaltungsreihe „Kino für Kenner“ wurde nun „der rote Elvis“ aufgeführt, gesenkter Eintrittspreis, weil die Betreiber wohl meinten, da würde sowieso keiner kommen. Sie hatten aber sogar den Macher eingeladen, zwecks anschließender Fragestunde. Verblüffenderweise war der Laden rappelvoll. Und noch mehr verblüffte mich, was der Film alles zu Tage förderte.

sehenswert

Sehenswert!

Der ergreifendste Moment war eine Sequenz von einem Auftritt 1983 in Chile. Pinochet-Years. Jeder, der einen kritischen Ton sagt, könnte verhaftet und gefoltert werden. Todsünde vor allem ist es, „Venceremos!“, die Hymne der Unidad Popular zu singen. – Und Dean tut genau das! Es ist nur ein kleiner Club oder sowas. Aber als letztes Lied eines Konzertes nach spanischer Ansage (mit deutschen Untertiteln) „Singe ich jetzt noch was für euch“ Und als er los legt — hält die Kamera ins Publikum und voll auf das Mienenspiel der Zuhörer:

Schreck, Freude, Angst, Umherspähen(wo lauern die Schergen?!), tränende Augen, zweifelnde Blicke zur Kamera, leises Mitsingen ….

Für den ostdeutschen Kinogänger der pure Gänsehautmoment, verbunden mit der inneren Scham, weil sich die eigene Erinnerung einmischt: Chilesolidarität wurde uns bis zum Überdruss verabreicht. Was hamwer nich‘ an Papierrosen aus der „Jungen Welt“ schneiden müssen und für uns unlesbare spanische Vordruckpostkarten in der Schule unterschrieben, abgegeben, eingesammelt, in Postsäcke verschnürt; auf dass Pinochet Angst kriege vor der geballten Macht der jungen Generation der DDR und das Foltern beende! Wo mögen die gelandet sein? Kaum war in Vietnam Ruhe, gabs Altstoffsammlungen für Chile. Mai-Demos mit Chile-Transparenten. Kirschfestumzüge mit Mai-Transparenten, also nochmal Chile. Pflichtveranstaltung! Meistens Nieselwetter. Somit wurde aus „Venceremos“:

„Wenn es regnet, wenn es regnet, gehmor heeme tra-lalala! Wenn es regnet, wenn es regnet, is von uns balde kennor mehr da!“

Entschuldigung Dean!

 

ach quatsch

Finde den Fehler II

PS: Im Sommer 2017 meinte uns die ARD mit dem 3-Teiler „Honigfrauen“ beglücken zu müssen. Zwei westdeutsche Drehbuchautoren haben sich vorgestellt, wie junge Ossis 1987 im Ungarnurlaub drauf gewesen sein könnten. So stirbt dort ein Teenie beim Fluchtversuch, nachdem er zuvor sich mehrfach als Dean Reed Fan geoutet und Dean Reed Songs am Lagerfeuer gesungen hat. Finde den Fehler!

Recherche? Fehlanzeige.

Chemnitzchemnitzchemnitz….

Hach. Das Thema treibt mich zurzeit auch heftig um.

  1. Ein Toter beim Stadtfest. Eine Woche später immernoch kein plausibler Grund für die Auseinandersetzung. Anfangs sollte er der hehre Retter einer Frau gewesen sein. Das wird bis jetzt polizeilich dementiert. Nur um den gefühligen Ausgangspunkt zu eliminieren? Ein Ersatzgrund wird nicht benannt. Worum könnte es sich sonst gehandelt haben? Die Volksphantasie wird angeregt und mit ihr der Zorn: Wenn die so peinlich schweigen – dann muss das einen Grund haben. Warum fragt die Presse nicht nach? Warum erklärt sich die Polizei nicht?
  2. Wenn eine Stadt von 230 000 Einwohnern nur wenige attraktive Plätze hat, auf denen man sich treffen kann, ohne Geld ausgeben zu müssen, um die Seele baumeln lassen zu können (Parks) und sich dort mehrere der 7000 Flüchtlinge einfinden, wirkt das schnell wie ein Heerlager. Dank Sprachbarriere bleibt die Kluft erhalten. Welche Strukturprobleme plagen das abgestürzte deutsche Manchester „Kamasta“ alias Chemnitz bis heute traditionell? Warum ist die intellektuelle Substanz hier – äh – anders als in Leipzig und Dresden bestückt? War es deshalb clever, 7000 Flüchtlinge hierher zu verfrachten?
  3. Wo kommt der Frust der geflüchteten Durchdreher her? Weshalb enden sie im Drogenmilieu und/oder Extremismus? Alles Gestörte? Einzelfälle? Müssen wir halt bissl Blutzoll einplanen in den nächsten Jahren?
  4. Warum mietet sich kein Journalist mal für 1 oder 2 Wochen in so einem Übergangsheim ein und erlebt den realen Irrsinn der Flüchtlingsbetreuung mit, um darüber zu berichten?
  5. Warum liest man nichts über das völlig überzogene Erwartungsbild hier ankommender Analphabeten (bzw. minimalalphabetisierter Flüchtlinge) und ihre hier erfolgende Erdung auf dem Boden undurchdringlicher bürokratischer Tatsachen?
  6. Warum steht nicht längst unsere völlig veraltete und undurchschaubare Ausländergesetzgebung am Pranger? Jener Wirrwarr aus Kontingentflüchtling, Flüchtling, Asylant, Migrant, Geduldeter…; mit Arbeitserlaubnis, ohne Arbeitserlaubnis, mit Residenzpflicht, aber unkontrolliert; zur Kontrolle der Personalien nach X. bestellt. 200 km weit weg vom Heim. Morgens um 9:00 Uhr. Pünktliches Erscheinen Pflicht! Ohne Auto, ohne Geld, ohne Übernachtungsmöglichkeit.
  7. Warum werden nicht spätestens seit 2015 Institute geschaffen, an denen Lehrer mit Lehrbefähigung für „Deutsch als Fremdsprache“ fest angestellt und gut bezahlt werden? Wer verhindert das?
  8. Warum werden die Flüchtlinge nicht nach mitgebrachten Schulabschlüssen sortiert, sondern kunterbunt in teilweise wirr organisierte Deutschkurse, gesteckt?
  9. Warum hat keine unverfängliche Organisation fix zu einer Trauerkundgebung aufgerufen?
  10. Wie unhaltbar waren die Belästigungen am Bahnhof bzw. im Park oder am „Nischl“ im letzten Jahr wirklich? Was ist FAKT und was ist GEFÜHLT?
  11. 6000 sollen es gewesen sein, die sich an jenem „von rechts“ organisierten Trauermarsch beteiligt haben. Alles Nazis? Alles Mitläufer hinter einer falschen Flagge bzw. hinter Parolen grölenden Dumpfbacken? Wenn man es sich richtig leicht machen will: Ja. Andererseits: Wohin mit dem Frust, wenn sich kein legales Ventil findet? Warum hat man aus PEGIDA nichts gelernt? Ermittelt wird wegen 10 Hitlergrüßen.
  12. Es gibt keine Berichte über überfüllte Krankenhäuser, oder Plünderer in zerstörten Rossmann-Filialen bzw Döner-Depots. Kein brennendes Auto nirgends. Alle Schaufensterscheiben ganz geblieben. Eine Platzwunde wird da bei youtube verbunden und ein älterer Mann mit geplatzter Augenbraue meldet sich bei der Polizei, weil er verarztet werden will. Hools kloppen sich mit Polizei, wie nach jedem Fussballspiel und im Straßenkaffee sitzt ein Unbeteiligter, der das filmt. Menschenjagd? Wieso gibt’s nirgends plausible Bilder?
  13. Selbst ein ARD-Brennpunkt musste neulich eingestehn, dass es mit Ferndiagnosen aus Redaktionsstuben in Hamburg und Berlin nicht getan ist.

Fazit: Fühle ich mich gut informiert? Nein.

(Dank an gkazakou für den link.)

a californian princess

Riffmaster ist schuld. Er veröffentlichte das hier.

Neils Muse

the princess

Da kam es mir in den Sinn, mal an diese schöne alte Geschichte zu erinnern:

Ich war 18. Es war Sommer. (Ein Schelm, wer jetzt an Maffay denkt!) Da lief im Radio ein herrlich konkretes Interview mit einer, die ich nie zuvor gehört hatte. Sie fand auch im Fernsehen nicht statt. Bilder sah ich erst nach’89 von ihr, aber die Phantasie spielte mit: „Attraktiv, schlank, braun gebrannt und realy long hair“ erzählte Klaus Wellershaus oder Peter Urban im NDR2 und erschuf mit diesen spärlichen Informantionen vor meinem inneren Auge ein Bild – hart am Original, wie sich viele Jahre später endlich herausstellte.

Aber nu lasst Opa mal erzählen. Nich‘ vom Kriech, sondern von der Sehnsucht, von mehreren Sehnsüchten unterschiedlichster Leute. Vor vielen, vielen Jahren….Wie also geht die Geschichte vom kalifornischen Schneewittchen?

Ist das, was hier folgt, ein Märchen?

Ist es die Wahrheit?

Es ist eine Sage, die Legende von einer die auszog, den Erfolg zu finden…

 

In memoriam „Pocahontas“ (1952-1997)

Wenn du als 25jährige 1977 in Kalifornien dein Soloalbum aufnimmst und dir dafür Little Feat und die sonstige Session-Creme tagelang zur Verfügung stehen, dann musst du schon was Besonderes sein.

Allerdings fehlt Lowell George, der damals gerade mit Rickie Lee Jones, der Ex vom Tom Waits, im Nachbarstudio ist; dafür aber schauen bei dir noch Valerie Carter, Albert Lee und Klaus Voorman vorbei, was deiner Bedeutsamkeit zusätzlichen Zunder gibt.

Wenn sich dann noch zuträgt, dass da ein Song auf der Platte ist, bei dem der Leadgitarrist nicht genannt werden darf, weil er berühmt- und bei der Konkurrenzfirma unter Vertrag ist, verführt das zum Spekulationsmarathon und deine Wichtigkeit erlangt nahezu religiöse Ausmaße, aber:

Ausgerechnet Neil Young schenkt dir nun auch noch einen Song! Du machst daraus DEINE eigene Version (und die Single zur LP) und schneidest mit deinem Debut erfolgreicher ab als der edle Spender zeitgleich mit dem „Comes a time“ Album, welches eben diesen Song auch enthält – dann müssen alle Zweifler schweigen:

Nicolette Larson – du bist schon etwas sehr Besonderes!

Trotz allem kennt sie praktisch keiner.

2007 erschien überraschend die CD

„the lotta love concert – a Tribute to Nicolette Larson“.

Sie enthielt das Who is who des kalifornischen Musik-Adels der 70er, Jackson Browne, Crosby, Stills, Nash, Bonnie Rait, Joe Walsh usw. usf.

Nicolette Larson?

Die Backgroundlerche auf diversen Folkrock- und Countryalben?

Hat die Songs geschrieben?

War die jemals wichtig?

Ein Dutzend millionenschwerer Stars gibt einer verstorbenen Backgroundsängerin gleich eine ganze Kette von Tribute-Konzerten?

Das „Best of“ davon wird weltweit auf CD veröffentlicht?

Was ist das für ein Geheimnis um diese Frau?

Sie war eine attraktive –

(Quatsch) ganz hübsche –

(Blödsinn! Trau dich, Schreiberling!)

wirklich schöne junge Frau mit langem, seeeehr langem Haar

und verheiratet mit einem nobody, als sie mies bezahlte Backgroundsängerin für Commander Cody und Emmylou Harris wurde.

Mrs. Harris zeigte sich als erste verblüfft von dem musikalischen Talent dieses unbekannten Tausendschönchens. Jeder Song gelang im ersten Take, jeder Hinweis wurde prompt umgesetzt, mancher Spontaneinfall erwies sich als passende Bereicherung – so wurden aus den beiden Look-a-likes Freundinnen. Nur hatte eben die eine einen Plattenvertrag und die andere nicht.

Eines Tages anno 1976 saßen beide beim Kaffeeklatsch auf der Harris-Terrasse in Malibu, als das Telefon klingelte und der Nachbar anrief, er hätte da ein paar Songs fertig und bräuchte wiedermal die Stimme seiner Nachbarin für den Background…

Und ob die Nachbarin nicht noch eine zweite Fee wüsste, die mitträllern könnte.

Mrs. Harris gab zur Antwort: „Die Larson ist gerade hier, wir kommen gleich mal rüber.“

„Larson? Nicolette Larson?“, schallt es zurück, „du bist heut schon die Fünfte, die mir die Larson empfiehlt! Das muss was bedeuten!“

Nicolette

Pocahontas

Die beiden Frauen machten sich auf den Weg.

Als sie dem Nachbarn gegenüberstanden, riss der die Augen auf, der Blitz schlug ein und Emmylou Harris kam mit dem Vorstellungssatz „ Hi, this is Nic….“ nicht zuende, weil es aus ihm lallte: „You might be Pocahontas.“

„No way, Neil! I’m Nicolette.“

Der Rest ist Rockgeschichte:

Neil Young nahm mit beiden Frauen Songs auf, die auf „american stars’n’bars“ landeten.

Einer blieb übrig und wurde später auf „rust never sleeps“ verwendet.

Aber das war längst nicht alles: Das es knisterte, wenn Neil auf Pocahontas traf, konnte niemand übersehen, aber beide waren anderweitig verheiratet und beide Ehen blieben intakt. Ob nun er oder sie dafür zuständig waren, die Balance zuhalten – die Entscheidung überlasse ich dem Leser.

Es wird lediglich überliefert, dass Neil in jener Zeit aufblühte. Mehrfach fuhr er in die Pampa: nur er, sein Jeep, die Gitarre und sie – seine Muse, Pocahontas mit den langen Haaren und dem freundlichen Wesen.

Songs entstanden. Sie motivierte ihn zu Optimismus, holte ihn aus einer seiner vielen Depressionen, sang ihm fröhliche Varianten seiner Texte vor – daraufhin bestellte er sie auch wieder ins Studio und sie spielten „Comes a time“ ein. Aber von der Fröhlichkeit im Jeep ist auf der Platte relativ wenig übrig geblieben.

Lediglich „4 strong winds“ lässt die Beschwingtheit im Jeep noch ahnen.

Vor allem „lotta love“ sollte eigentlich ganz anders klingen, aber als die Bandmaschinen liefen, ließ Neil die Band in seiner gewohnten langsam müden Art spielen, sodass  Nicolette ihn hinterher zur Rede stellte: „Warum hast du es nicht flotter aufnehmen lassen?“

„Mach doch selber!“

„Gibst du mir den Song?“

„Nimm ihn.“

Es dauerte nicht mehr lange, dass auch der Chefetage von Warner Brothers zu Ohren kam, dass da irgendwie alle Musiker von so einem Schneewittchen-Virus befallen schienen und dass dieses Schneewittchen eigentlich Nicolette hieß.

Diese wiederum hing in den Tonstudios herum, kochte Kaffee und sang hier und da im Background mit: Graham Nash, Jackson Browne, Doobie Brothers… Sie schien die roten Köpfe ihrer Auftraggeber nicht zu registrieren, übersah auch den immer noch wortkargen Jackson Browne, der gerade Witwer geworden war, sich selbst die Schuld am Tod seiner Frau gab und der sie anstierte, dass es eine Art hatte.

Als er erfuhr, dass Warner der Larson einen Vertrag für ein Album gegeben hatten, wollte er es mit ihr einspielen – zu spät: Das machen schon Little Feat.

Als man nun so song by song vorbereitete, kam der Schaffensprozess bei „Can’t get away from you“ ins Stocken. Irgendwas klang daran nicht rund. Blackout bei den Beteiligten. Da erschien Eddie van Halen im Studio hatte einen spontanen Einfall – und so kam der Song schließlich mit van Halen Gitarre aufs Album. Im Booklet steht bis heute unter dem Posten Gitarre „guitar: ?“, da er nicht bei Warner unter Vertrag war.

Nicolette revanchierte sich später im Background der Van Halen LP „Women & Children first“.

Die LP „Nicolette“ erschien 1978, erreichte kurz Platz 8 des Billboard, stürzte zwar schnell wieder in die 20er Plätze hielt sich dort aber mehrere Wochen, vor allem wegen der gefälligen Version von „lotta love“. Neil Youngs Album verkümmerte seinerzeit in den 60er Plätzen und fuhr rätselhaft schlechte Kritiken ein, während es um Nicolette Larson zum Hype kam.

Album Nummer 2 wurde 8 Monate später nachgeschoben – „In the nick of time“.

Das Schnittmuster ist dasselbe: Bisschen Poprock a la „Rumours“ (Fleetwood Mac), bisschen Barjazz (kurze Zeit später von Sade erfolgreich aufgegriffen), und den „van-Halen-Kracher“ besorgt diesmal Ronnie Montrose.

Der schien allerdings immun gegen den Schneewittchen-Virus zu sein, denn er gniedelt lediglich uninspiriert auf dem Titelsong herum.

Für LP Zwo gab es herbe Kritiken und lediglich hintere Billboardplätze.

Ein Single Hit fehlt gänzlich.

die 3 guten

Was bleibt?

Die Musik ist vielseitig und trotzdem wie aus einem Guss. Die Gesangsleistung ist der Schwachpunkt. Es zeigt sich nun – nach dem Hype – dass zwar jeder Ton getroffen wird, aber in einem relativ austauschbaren Stimmumfang der in den prächtigen Arrangements unterzugehen droht. „Fertige Bänder inclusive Backgroundsängerin – fehlt nur noch ein Solist, der die Lieder leuchten lässt.“

Also alles fauler Zauber? Schlechte Sängerin?

Nein. Nur falsch beraten. Hör dir mal die „Luxury Liner“ von Emmylou Harris an, vor allem die Bonus-Tracks, die neuerdings die ursprüngliche LP verlängern: Da hörste, was Nicolette eigentlich kann!

Auch Sade Adu wäre in diesen opulenten Arrangements der zweiten LP untergegangen.

Emmylou Harris (mit ähnlicher Stimme) ist dergleichem immer aus dem Weg gegangen.

Frau Larson ist keine Bette Midler und keine Stevie Nicks. Sie hätte das Zeug zu einer ausgeschlafeneren Norah Jones gehabt. Auch als amerikanische Annie Haslam hätte man sie sich vorstellen können. Duette mit Alice Cooper oder Joe Cocker wären reizvoll gewesen.

Zum Höhepunkt auf der „nick of time“ wird auch tatsächlich ein Duett – mit Michael McDonald. Ausgerechnet der ist nun aber auch kein klassischer Shouter.

Die Verehrung unter den Rocktitanen bleibt ihr zwar erhalten, aber ab LP Nr. 3 beginnt der freie Fall. Immer poppiger, immer belangloser wird, was da erscheint.

Auch privat geht einiges schief: Scheidung, zweite Kurzzeitehe, ebenfalls geschieden, bis sie dann einen ihrer dauerhaftesten Studioverehrer erhört: 1990 heiratet sie Russ Kunkel, den meistbeschäftigten Drummer Kaliforniens, und hadert mit ihrem Schicksal, warum Linda Ronstadt und Emmylou Harris scheinbar alles gelingt, (beide haben kurz zuvor im Verein mit Dolly Parton gerade für „Trio“ den Country Grammy eingefahren) und ihr nicht.

Sie stürzt sich ins Mutterglück, kann aber nicht gründlich genug verdrängen und kämpft mit der Depression.

Da bringt sich 1992 Neil Young in Erinnerung. Er hat sich darauf besonnen, dass seine erfolgreichste Platte die „Harvest“ von 1972 war und die schönste Zeit einer Aufnahmesession überhaupt war die von „Comes a time“. Deshalb will er nun 20 Jahre nach „Harvest“ den „Harvest moon“ folgen lassen. Außerdem soll das Ganze hinterher wie eine Trilogie erscheinen.

Hatte Nicolette ihn einst aus dem Seelental geholt, so versucht er nun umgekehrt dasselbe.

„Harvest moon“ atmet den Geist von’76. Schon im Opener klingt die Erinnerung an die Ausfahrten von damals an und nebenbei ergibt sich für den nicht eingeweihten Hörer die Assoziationsmöglichkeit zum Kinoerlebnis „Grenzpunkt Null/Fluchtpunkt San Francisco“. In einer Szene macht der Gumball-Raser Kowalsky Halt in der Wüste bei einem Hippie – und dessen Freundin kommt auf einem Chopper daher gecruised: Lange Haare im Wind und – nackt.

Ein Karriereschub für Pocahontas wird „Harvest moon“ jedoch nicht.

Es folgen lediglich:

– ein TV-Auftritt im italienischen Fernsehen,

– eine Mutterliedplatte im Selbstverlag….

– und eine sich langsam aufstauende Krankheit.

Von Krebs war die Rede, von Anyrisma, von Tablettensucht – was auch immer; klar ist, dass es 1997 eine Kopf-Operation gab, die misslang.

Nicolette Larson starb 45jährig und hinterließ eine 7jährige Tochter sowie – typisch amerikanisch – eine horrende Arztrechnung, die leicht der Ruin der Restfamilie hätte sein können, aber wieder sprangen die Verehrer von einst ein.

Wer der Initiator der ersten Konzerte war, ist nicht überliefert, aber es gab 1997/98 gleich ein paar davon. 2006 kam dann der Gedanke auf, des bevorstehenden 10.Todestages wegen nun endlich doch eine CD daraus zu machen.

Die Plattenfirma war dann lediglich ein bisschen zu schnell mit der Veröffentlichung in Amerika. Aber bis sich nach Europa herumsprach, dass es die Tribute-CD gibt, war Silvester vorbei und 2007 tatsächlich da.

So blieb also erhalten, wie sich das anhört, wenn treue Verehrer trauern…

… und Freundinnen – wie Emmylou Harris und Bonnie Rait.

Aber einer, der die CD sicher heimlich gekauft hat, fehlt – – – NEIL YOUNG.Jackson Brownes Muse

 

Aretha Franklin

16. Auguste haben es in sich.

Elvis.

Aretha.

The King of Rock&Roll und the Queen of Soul haben nun den gleichen Todestag. Mystisch irgendwie.

Aretha. Ein schwieriges Kapitel in der Bludgeon-Biographie. Denn das war ja kein bekömmlicher Philly-Sound. Sie zählt zu den absoluten Säulenheiligen. Obwohl: Tina Turner war mir allzeit lieber. Aber auch erst, als sie den Ike und seine immergleiche Mugge los war.

Das erste Soulstück, das mir jemals gefiel, war „Baby, Baby, where did our love go“ von den Surpremes. Oldiessendungsaufnahme von ca. 1976. Früher war ich nun mal nicht dran. Das zweite Soulstück war dann Otis Redding – „Sitten on the dock oft he bay“; der posthume Geniestreich irgendeines Nachlassverwalters. Als ich dann später andere Reddingstücke hörte – naja…kam der Abtörneffekt.  Zur gleichen Zeit kamen die Bee Gees mit „Main course“ um die Ecke und Hall & Oates mit ihrer „Bigger then both of us“. Blue eyed Soul hieß das. Das hektische Gebläse des „echten Soul“ war hier deutlich zurückgefahren. Mehr Melodie. Mehr Finessen im Arrangement.

Im Radio gab es reichlich Grundsatzkommentare über echten Soul und Kommerz. Und man solle doch bitte der „echten schwarzen Musik“ den Vorzug geben. Viele plapperten das von Stund an nach. In eben jenen Sendungen, in denen diese wohlmeinenden Statements getätigt wurden, wurde rund um den Wortbeitrag tatsächlich was von Redding, Gladys Knight oder James Brown gespielt; aber dieselben Moderatoren spielten am Tag darauf schon lieber wieder Bee Gees und ihre damalige Lieblingsband Little Feat. Weit her war es also mit der reinen Lehre vom schwarzen Soul auch bei denen nicht.

Aretha kannte ich deswegen bis 1977 nur vom Hörensagen. Dann spielte der Berliner Rundfunk in „Duett“ verblüffenderweise in zwei aufeinanderfolgenden Wochen beide LP-Seiten der „Aretha live at Fillmore West“.

die erste

Ein schwerer Brocken.

Ich nahm das auf, weil mir der „große Name“ geläufig war, aber ich wunderte mich doch sehr über dieses hektische Getute und Geschrei. DAS ist die große Aretha? Ich wollte Zugang finden. Wollte mir das Schönhören! Aber sie klang in meinen Ohren eher wie Udos Mutter, wenn sie ihm die Leviten las. Lustig war das nie, Udo hatte heftiges Pech mit seinen Eltern und deshalb stets mein Mitleid. Er war gern bei uns, weil hier keiner auf ihn einhackte. Und jetzt hole ich mir dieses Keifen auf Englisch ins Zimmer? Mit musikalischer Untermalung einer Bachtrompete, die man eben noch unter einem Panzer hervorgezerrt zu haben schien. Immerhin trösteten die Schreipausen, wenn die Orgel zur Geltung kam. Ein Erweckungserlebnis war das nicht.

Stevie Wonder kam mit „Songs in the key of life“ heraus. „Village ghetto land“ und „Sir Duke“ machten Appetit auf mehr. Der Appetit wurde prompt wiederum durch „Duett“ bedient und fast das ganze Doppelalbum gespielt – aber da waren auch wieder so „Seltsam-Stücke“ dazwischen, die -oft überspult- bald wieder gelöscht wurden. Soul war schwierig und mit Ausnahme von Stevie Wonders Lyrics textlich auch eher unterirdisch. Heat Wave, Ohio Players, Rose Royce … Geh mir weg mit Jackson 5 & Co.

Und Aretha? Die hatte auf der Fillmore Platte wenigstens auf Seite 2 „Dr. Feelgood“ und das lange „Spirit in the Dark“ (Part2 mit Ray Charles) zu bieten, die klangen nach MEHR. Aber Aretha war ja keine Eintagsfliege, machte weiter Platten und sollte mir noch mehrfach begegnen – und steter Tropfen höhlt den Stein.

So kam es während der Armeezeit eines Tages zu einer zweiten Chance, Soul zu begreifen in Gestalt zweier Aretha-LPs, die ein Mitglied der Regimentsband angeschleppt hatte. Wir hörten uns eine Plattenseite an; wieder viel zuviel Gebläse und Geschrei; dann begann der Disput: Ergriffenheit der einen Hälfte der Band und humorige Frotzelei der anderen (und meinereiner).

„Da könnter ja als Band och mal K.N.Ö.Di.E.L. spielen.“ Und ich setzte noch nach: „Melnik! Trööt!“

Auch da flammte also noch keine Begeisterung auf.

Andererseits wenige Jährchen später: Studentenfete in baufälligem Leipziger Hinterhof. Zwei Gastgeber opfern gute Westplatten zwecks Verschleiß auf Freiluftplattenspieler, während sich die Runde alkoholisiert. Who, Zappa, Wings, Jon Anderson Solo… Ich war dort nur Gast am Rande. In meinen Kreisen, wurde derartiges Goldstaubvinyl niemals unter freiem Himmel und bei abnehmender Feinmotorik des DJs verheizt: Strictly Tonband! Bei jener Fete war das anders. Wir saßen in feuchtfröhlicher Runde. Plötzlich: Kleck! Was war’enn das? Alles guckt in Richtung Dachrinne über mir und dann auf meine Schulter: Taubendreck. Volltreffer. Kichern der anderen. Der halbe Rücken meiner blauen Windjacke plötzlich weiß. Ich lache folgerichtig nicht. Und direkt vom Plattenteller kommt:

„Live in the streets toni-hight! (hahahaaa hahahhaaa hahahaaaa)“ schienen mich die Bläser auch noch zu veräppeln. Dass das gerade gut zur Situation passt, fällt auch den anderen auf. Die Kommentare sind dementsprechend. Ich war aufgestanden, um mich in Richtung Badezimmer zu begeben: Kleck! Kam auch noch Nachschlag und „Äääääy!“, grölte Aretha wiederum passend. She took the word right out of my mouth, sozusagen. Und aus dem Kichern wird Gejohle.

die beste

Das Aha-Erlebnis

„Dich mögen die Biester besonders, scheints.“

„Die ham obendrein offm passenden Soundtrack gelauert! So is Le’m of dor Straße nu ma‘! Willste immer noch Punker sein?“

„Weeste Bescheid. Is‘ von Äreffa! Die dicke alde Nechorqueen vom Koffer da.“(Womit das Coverfoto der „Love all the hurt away“ gemeint war.)

„Wenne noch ne Weile sitzen bleibt und die die Haare treffen, siehde aus wie Johnny Wintor!“

„Da scheißn Daubm sich müde! Se fliechn lange schonn nich mehr.“

Ich ließ die Typen erstmal stehen und wusch die Windjacke. Als ich wiederkam, lief andere Musik. Aber dieses „Kleck“ und „Äjj!“ im Zusammenklang – das hatte was. Mein Humor kehrte zurück. DAS Fest vergisst du nicht so leicht wieder! Ich wollte die Platte haben.

Später am Abend, als die Musik eh keinen mehr interessierte, weil die anwesenden Philosophen tief in einer Plechanow/Bulgakow-Diskussion steckten; legte ich mir die 2. Seite der Aretha-Scheibe auf. Geil. Ich wollte die Platte wenigstens aufnehmen, aber mein Kontakt zum Besitzer war nicht gut genug und das Hoffest belehrte mich ganz automatisch, dass man DEM lieber keinen Bowie „für mal kurz“ im Gegenzug überlässt. Also war DARBEN angesagt.

Drei Jahre später brachte dann ein Flohmarkt die große Chance: Da hatte jemand keine Ahnung und verkaufte sie mir für 80.- Mark(Ost); knisterfrei, unbegrabbeltes Cover – fein. Dann brachten die beengten Wohnverhältnisse zweier jung verheirateter Berufseinsteiger mit sich, dass immer einer zu tun hatte, während der andere gerade eine Verschnaufpause genießen wollte und den anderen stört. Also kamen in jener Zeit ganz untypisch oft Kopfhörer zum Einsatz – und DAS Klangerlebnis flashte mich dann noch mal extra. Die „Love all the hurt away“ wurde meine erste und liebste von Aretha. In jenen Tagen hatte „sisters are doin‘ it for themselves“ heavy rotation.

die 3.

Typisches 80er Geplautze aber damals gut.

Mit den Eurhythmics konnte man mich normalerweise jagen. Das war diese Popplörre aus kastriertem New Wave und Bowies Papierkorbinhalt. Aber Aretha gab dem Song was, das ihn leben ließ. Die CD lief mir aber erst nach der Wende über den Weg. Da hatte ich dann auch die Chance die Bluesbrothers kennenzulernen und der „dreckige Schürzenauftritt“ im Imbiss dort schloss wieder den Kreis zu Udos Mutter. Aber diesmal mit dem Abstand der Jahre nicht mehr in nerviger, sondern unterhaltsamer Hinsicht im Sinne von „Weißt du noch?“ Schöner Film.

Gestern starb Aretha. Udos Mutter ging ihr 10 Jahre voraus.