Mr. Robertson’s Bestwerk

Auch schon wieder 10 Jahre her!

Robbie Robertson „How to become clairvoyant“ 

(Dieser Text entstand damals für den alten Rockzirkus Bochum. Die Platte hat an Bedeutung eher noch gewonnen! Ich leg sie auf, setz mich ins dunkle Zimmer und der Sound umarmt mich. – Dann kommt die Stimme: Mein großer Bruder (der Adoptiv-Dakota, you know noch?) raunt mir die Botschaften über den Rand seines Bierglases herüber…)

 

„Nö. Wir geben keine Interviews. Schon gar nicht in Europa.“

Tja. Selber schuld, Europa.

Überall konnte man vor 10 Jahren lesen, dass „Mr. The Band“ ein weiteres Solo-Werk veröffentlichte. Überall auch, dass das wieder einmal hervorragende Musik ist. –

Und überall, dass die Texte anspruchsvoll und „irgendwie“ autobiographisch sein sollen. Das war‘Robbies.

Nun sind DIESE Texte aber wirklich mehr als einen Schwafelsatz wert!

Ja, man könnte über eine ganze Generation, ach was sage ich, über eine ganze Epoche ins Diskutieren verfallen: Was bleibt übrig aus der Flower-Power-Ära?

Aber – nix.

Stattdessen: Clapton ist dabei! Er slidet auf Track X und feedbackt auf Track Y. Thats it, Baby. Ach ja?

Tragisch. Robertson war von jeher einer, der was zu sagen hatte.

Erst recht auf seinen Soloalben. „Storyville“ gab es eine Zeit lang mit deutschen Textübersetzungen im Booklet. Seine anderen Werke hatten diesen Vorzug nicht.

Robertson, Hunter, Young, von mir aus auch Clapton, Dylan & Co … die bestaunten Helden! Die Beneideten, Verehrten; zu welcher Bilanz gelangen sie? Wenn die nicht ein erfülltes Leben haben, wer dann? Hunter hat mit „shrunken heads“ und „Man overboard“ abgeliefert. Clapton mit „Pilgrim“, Young mit „Chrome dreams II“, „Monsanto years“ und „Earth“- – – Robertson arbeitet seit 1988 an den tieferen Weisheiten; lehrt uns 2011 nun, wie man Genießer wird. Das Coverfoto konterkariert den Titel. Sunshine-Reggae ist nicht zu erwarten; eher eine Art Entblößung des eigenen Seelenzustandes. Und von Track zu Track wird klarer, warum er sich den Clapton dazu geholt hat. Brüder im Geiste erzählen von ihrer „großen“ Zeit:

  1. straight down the line – An Warnungen hats nicht gefehlt: Der alte Bluesman lehrte mich: „Ich spielte niemals Rock&Roll, blieb immer sauber, bewahrte meine „Soul“. — Und in der Kirche diese schwarze Lady, die fast das Gleiche sang – das hätte mir was bedeuten müssen! – Aber die Musik hatte mich am Haken. Ich zog los – in den Rock&Roll.
  1. when the night was youngUnd wie das abging damals, als die Nacht noch jung war! Wir verwechselten das mit Morgendämmerung. Wir müssen nur lauter singen und der Krieg hört auf! Wir sinds, die die Welt verändern. Revolution ohne einen Schuss! … Der Krieg stoppte dann wirklich, kein Wunder, das wir weiter glaubten …aber die Nacht hatte gerade erst begonnen. … Andy Warhol wartet in der Hotellobby auf seine Late Night Muse, mit ihm sein Hofstaat. Ich weiß, was dann abgeht und verdrück mich in die Vorstadt in irgendeinen Bluesschuppen, ein paar Gitarren-Tricks abgucken. Es war der richtige Riecher, nicht mitzukoksen… Merke: Blues kann Leben retten.
  1. He don’t live here no more – Ich hatte ein Ticket für die erste Reihe und fand mich in der letzten wieder; war ich zu weit gegangen? Hatte ich den Bogen überspannt? War ich der im Wal und draußen klopfen sie immerzu: Isser noch hier? – Subtextvariante: Unsere erste Bleibe wurde eine Art Mekka, hier hatten wir ein paar wichtige Songs eingespielt, gekifft und gesoffen wie alle; der Hippiemessias war mit von der Partie. Nee, er wohnt hier nicht mehr! Ich war permanent auf Entzug, Enthaltsamkeitstraining, aber es wurde nix, denn immer wieder klopft es, während man den eigen Datterich unter Kontrolle bringen will: Ey Man, isser da? Kann ich ihn mal sehen? Und der nächste Joint flattert ins Haus, aber Bob wohnt gar nicht mehr hier…
  1. the right mistake – Und so zog die Karawane weiter. Von Stadt zu Stadt. Und man sammelt seine Narben und versucht immer den „richtigen nächsten Fehler“ zu machen. Denn die heutigen Fehler werden morgen Erfolge sein und umgekehrt. Absurd. Also lass uns Fehler machen, die uns weiterbringen.
  1. this is where I get off – Es wurde mit den Jahren immer schlimmer. Alles verändert sich, nur bei uns tat sich nichts. Wir hatten Erfolg, aber es brachte uns nicht weiter…. Subtext: Wie die letzte Lumpenbrigade zogen wir fixend und fickend durchs Land. Ich hatte es doch schaffen wollen! Nach oben! Deshalb stieg ich aus. Die anderen rafften das nicht. Elendes Gezerre um jeden neuen Song! Keine Entwicklung nirgends. Deshalb stieg ich aus.
  1. fear of falling – wann fing das eigentlich an …. Ist das an einen Ort gebunden oder an ein Gefühl? Haben wir nur geträumt? Haben wir es nun satt oder wollen wir weiter träumen? Warum kommen wir nie über die Startposition hinaus? Sieh dir an, was wächst und was vorwärtskommt. Warum nicht das, was wir träumten? Sind wir so tief unten oder stürzen wir erst noch? Wie lange zappeln wir noch an anderer Leute Draht?
  1. she’s not mine – und dann kam ich nach Hause, so down and out; ich brauchte jemanden zum reden und hoffte den alten Faden von einst wieder aufnehmen zu können … ich hätte es wissen müssen….sie ließ sich lange bitten und schließlich kam es zum Date: Ein fremdelndes Abtasten, ein paar Sätze über Filme… einst war sie die, die zu mir gehörte, aber ich war New York süchtig… ich musste dahin und sie blieb zurück; sie verstand es nicht; ich bettelte schon damals am Telefon, sie soll mich besuchen kommen, soll mich sehen, auf der Bühne – ihr Unverständnis konnte ich durch die Leitung spüren…. sie mag zu irgendwem gehören, ich bin es jedenfalls nicht….
  1. Also hin zu Madame X.; instrumentale Streicheleinheiten! Man rate, wo die Inspiration herstammt…..
  1. Axman – Der Axtmann kommt! Seit Jimi geht das so. Klar, das war herrlich. Wir machten uns auf den Weg, wann immer er irgendwo in der Nähe war. Er, B.B. King und so viele andere seither. Das gab immer soviel Auftrieb! Die Klänge befreien dich, machen die Nacht zum Tag – Fete, Absturz, Filmriss. Der Axtmann kommt! Wenn einer verloren geht, gibt es bald den nächsten. Immer wieder.
  1. Won’t be back! – Nee, dahin will ich nicht zurück. Die Jungs von damals wollten mich locken: Wieder auf Tour? So tun, als wär man ewig 25? Nee, ich brauch das nicht mehr. Ohne mich, Jungs! Macht euch nichts vor: Euch vermisst auch keiner. Der nächste Gitarrengott ist längst geboren.
  1. Clairvoyant – Benedictine, eine Verwandte der Isis und der schwarzen Madonna, konnte in die Zukunft sehen und mein Rätsel lösen: Mein Zeichen ist der Skorpion, wir gefährden uns, reiben uns auf, töten uns selbst… Plötzlich sah ich klar: Wer um die Ecken sehen kann, weiß, was als nächstes kommt – So erlangte ich den Durchblick; so lernte ich zu trennen, was lohnt und was nicht; ich genieße den Augenblick; das Bisschen, was zählt ….
  1. Tango for Django – Instrumental; aber die logische Konsequenz aus den Vorangestellten Tracks ist: Der Rock&Roll ist durch! Django Reinhardt. Days before Rock&Roll. (Aber eigentlich klingt das nicht nach Djangos Swing-Klampfe. Hatte er eventuell einen Filmmusik-Deal für Quentin Tarantio’s “Django unchained”, der dann platzte? Jedenfalls klingt die Nummer nach Robertsons ureigenem Americana-Stil mit ordentlich Indianermelancholie.) DAS nutzt sich nicht ab. Das bleibt noch. Für die Restzeit. Darauf einen Dujardin.

MOSAIK Tiefenforschung 2

Für das Folgende passen keine Bee Gees. Leg dir Mittelalterrock auf, denn gleich zücken wir die Schwerter!

Haggard, Opeth, Therion irgendsowas eben, was dir die Zinnen an die Schädeldecke malt.

Weiter geht’s mit literarischer Archäologie.

DSC02903-001mosaikIn der leider unvollständig erzählten Hegen-Biografie „Die drei Leben des Zeichners Hannes Hegen“ wird erzählt, dass die Crew des Mosaiks, vom schieren Erfolg in den 50ern überrannt, angespornt war, besser und besser zu werden. Die Anfeindungen in Sachen „Schund- und Schmutz-Literatur“ taten ein Übriges. So begannen sie also, sich auf Ideensuche zu begeben und antiquarische Bücher zu erwerben. Die waren billig in der Ehemaligen. Das schnell anwachsende Archiv schlug zwei Fliegen mit einer Klappe: Es ist in alten Mären gar wunderviel geseyd…, also konnte man aus alten Romanen „für die reifere Jugend“ der Kaiserzeit, sich ungestraft Anregungen holen, indem man aus 3 oder 4 Erzählungen Partikel entnahm, um sie Runkel und den Digedags in einer Geschichte unterzuschieben, denn es war davon auszugehen, dass wohl niemand in der Lage sein würde, in alten Wälzern auf Digedagspuren zu stoßen. Frakturschriftkenntnis-Inhaber waren eine aussterbende Spezies bereits in den 60ern.

Andererseits waren die alten Kupferstich-Illustrationen aus fernen Ländern ideale Vorlagen für anheimelnde Hintergründe, vor denen Hegens Comic-Helden ihre Bewährungsproben erdulden müssen. Meisterhaft geradezu das mittelalterliche Venedig zu Beginn der Runkel-Serie oder aber auch die Berliner Reichstagsruine im damaligen Ist-Zustand auf dem Stern des Todes (im Heft 26). Nicht zu vergessen die Hafenanlagen des alten Konstantinopel, nach Vorlagen einer alten Völkerkunde, mit Abbildungen Istambuls um 1880.

Somit kann behauptet werden, dass man mit den Digedags erfolgreich durch Raum und Zeit reisen konnte. Ob Bayous am Mississippi oder die Steinhänge am Euphrat – die Landschaft stimmt!

Jugendverderbnis- und Volksverdummungsvorwürfe liefen so ins Leere..

Arno Schmidt hat die interessante Idee entwickelt, dass jeder Autor im Jenseits erst dann Ruhe findet, wenn er auf Erden vollständig vergessen ist. Und wenn er sich nicht an realen historischen Personen vergriff, die ihn ansonsten durchs Paradies jagen, wie z.B. die Gotenkönige den Felix Dahn.

Dieser Theorie entsprechend bin ich der geborene Störenfried. Mein Literaturgeschmack hinkt dem meiner Generation gut 50 Jahre hinterher und somit bin ich vermutlich letzter Liebhaber so einiger Namen, nach denen heute kein Hahn mehr kräht.

Da wird sich so mancher Literaturtitan da oben bereits bequem in die allerletzte Haltung gebracht haben, befriedigt aufseufzen „So! Genug! Es ist vollbracht!“ – wenn Erzengel Gabriel an seine Bettstatt tritt, um grinsend mitzuteilen: „Denkste! Hoch mit dir! Bludgeon liest dich noch!“

So geschehen 2020 mit dem „Guten Kameraden“ Band 28; Schuljahr 1913/14. Die letzte Friedensspanne der „Guten Alten Zeit“.

„Gottfried von Hohenloh.“ ist dort drin ein kurzer Fortsetzungsroman um einen Minnesänger im 13. Jahrhundert. Der Autor kaschiert seinen Namen zu M. Sch.; untypisch für die führende Knabenzeitung jener Tage.

Vorlage 1

Wenn du dich auf diese 5 oder 6 Folgen einlässt, dann kommt dir das Grinsen, denn der Inhalt hat es in sich. Er enthält sowohl ein politisches Wagnis zu Zeiten des Erscheinens, als auch eine Digedagspur für spätere Leser.

Der Haupt-Gag ist der, dass Hohenloh 1233 vom Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen in Sizilien losgeschickt wird, um seinem Kronprinzen Heinrich jenseits der Alpen ein paar Nachrichten zu bringen und als Berater auf die Finger zu sehen. Kaiser Frederico hat per Gerücht erfahren, dass sein volljähriger Bub da oben im Norden nämlich ungeschickt agiert, wichtige Fürsten verprellt und an Putsch gegen den Vater denkt.

Ein Gag ist das deshalb, weil es für wissende Gymnasiasten 1913 – und da hat es sicher nicht wenige gegeben, denn Geschichte war damals „in“! – eine deutliche Parallele gibt zum amtierenden Willy Zwo und seinem verstorbenen Vater Friedrich III.. Dass sich beide nicht „grün“ waren, ist damals allseits bekannt. Dass Willy ein ungeschickter Akteur auf der Weltbühne ist, bekommt ebenfalls jeder mit – und nun, ausgerechnet im Jahr des 25jährigen Thronjubiläums des „Friedenskaisers“ mit den vielen außenpolitischen Krisen, kann die Jugend diese mittelalterliche Parabel auf das „jetzt“ lesen!

Klar, dass da der Autor lieber nicht allzu bekannt werden will!

Das Damoklesschwert der „Majestätsbeleidigung“ schwebt über ihm!

Hatespeech 1913!

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…Österreicher auf der Wacht …

Der „Gute Kamerad“ ist ein deutlich süddeutsch geprägtes Werk. Union Verlagsgesellschaft Stuttgart-Berlin-Leipzig-Wien. Die Abstandssuche zu Preußen wird darin deutlich, dass bei militärischen Themen eher über die K&K Armee berichtet wird, bzw. über württembergische Regimenter. Die Willy-Watsche im Jubiläumsjahrgang unterzubringen ist bestimmt klammheimlich in den Redaktionsstuben gefeiert worden!

Der zweite Gag der Erzählung liegt im Detail und hat MOSAIK-Bezug:

Es macht einfach Spaß, beim Lesen auf etwas zu stoßen, was dir sofort bekannt vorkommt:

Spuren der Hohenloh-Geschichte finden sich in mehreren Episoden der Ritter-Runkel-Serie:

– in der 110; „Das Kastell Peripheria“

– in der 145, „Ritter Runkels Heimkehr“

– in der 150; „Der Sturm auf die Kuckucksburg“

Denn:

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Hohenloh und 3 Begleiter fliehen vor Verfolgern, aufmüpfigen Mailändern, die den deutschen Rittern alles andere als freundschaftlich gesinnt sind. Sie jagen auf eine Burg zu, die sie da über einem Wald im Alpenvorland aufragen sehen. Sie erhoffen sich dort Schutz. Die Zugbrücke ist unten, also hinein; ein dösender Räuber am Tor wird überwältigt, das Tor aufgezogen. Im Inneren gibt es eine kurze Überrumpelung der anderen überraschten Räuber, die sich leicht wegschließen lassen. Die Verfolger sind inzwischen vor dem Tor angekommen und wissen nicht weiter, entschließen sich aber zur Belagerung, die sie mangels Masse auf den Torweg beschränken.

Hohenloh lässt Fake-Lanzen an die Zinnen stellen, damit die Burgbelegschaft nach mehr aussieht und von unterschiedlichen Stellen der Mauer auf die Belagerer schießen.

Einer seiner Begleiter hat inzwischen das Hauptgebäude der Burg untersucht – und eine große Falltür gefunden. Als sie geöffnet wird, entdecken die Bedrängten einen Reitweg hinein in den Burgberg. Sie reiten ihn hinab und erreichen am Fuße des Berges und an der Rückseite der Burg das Freie. Entwischt! Zu Pferde!

runkel 2Natürlich ist eine Falltür, so groß, dass Pferde durch die Öffnung passen und eine Reitweg-Serpentine im Gestein ziemlich märchenhaft, jedoch schmilzt die Sache ja im MOSAIK auf einen Burgbrunnen und einen Bach im Berg zusammen.

Damit auch dort die weitere Reise schnell und zu Pferd fortgesetzt werden kann, mussten in dem Fall die Kuckucksberger so blöde sein, Runkels Pferd Türkenschreck, weil zu alt zum Schlachten, einfach wegzujagen und nur den Ritter einzusperren. Haben nun ihrerseits die Digedags Türkenschreck wieder aufgelesen und Runkel per Burgbrunnen befreit, ist das Ensemble ebenfalls wieder vollzählig unterwegs, um die weiteren Pläne des Kuckucksbergers zu durchkreuzen, wie Gottfried von Hohenloh die des fiesen Heinrich.

Die Idee zur flachen Reiter-Treppe könnte aus dem Hradschin stammen. Hegen war Sudete. Sicher kannte er die Prager Burg. Dort gibt es eine, die (allerdings ohne Falltür) hinein in einen Saal führt, um speisenden Gästen Reiterkunststücke vorführen zu können.

Die unterbesetzte Burg (Peripheria und Kuckucksburg), die Mitgliederschwache Räuberbande, die sich vorübergehend eine fremde Burg aneignet wird eingesperrt (Teufelsbrüder), der Fluchtweg durch den Berg und auf der Rückseite raus, das Erstürmen wollen einer Burg, die gar nicht (mehr) verteidigt wird (Kuckucksburg).

Sachen gibt’s!

MOSAIK Tiefenforschung 1

Stell dir vor, du schlägst einen alten Band von Westermann’s Monatsheften auf und stößt auf diese Überschrift:

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Als Ossi-Boomer springt dich das regelrecht an, denn Bogumil – das war der Chef der Teufelsbrüder im MOSAIK von Hannes Hegen.Bild (26)

Draußen ist Frühling, du legst dir ne selbstgebrutzelte „Best of Bee Gees“ auf, und während „August October“ erschallt, gleitest du in die 60er zurück, bist wieder klein; Großmutter, Oma oder Mutti lesen Ritter Runkel vor – und du selber träumst dich hinein, wie das wäre, wenn du Janos wärst und so eine Suleika hättest – und natürlich eine eigene Burg! Mindestens! „A Man for all seasons“ eben.

„I.O.I.O“  – du liest weiter und entdeckst einen schönen und spannenden Gesellschaftsroman aus der Zeit des frisch okkupierten Bosnien-Herzegowina durch Österreich, wie da eine Kamarilla aus Offizieren, Geschäftsleuten und Regierungsbeamten sich ihren Tag gestalten, zwischen Tennisplatz und Operettenabenden im Salon eines jungen, verschrobenen, ungarischen Grafen.

Gute alte Zeiiiiit… auch ein englischer Lord ist dabei…„if I’m goin‘ back to Massachusetts… something’s tellin‘ me, I must go home…“

Aber da schwingt eben auch noch was anderes mit:

Der Roman beginnt mit einer spannenden Verfolgungsjagt, einer abendlichen Entführung. Die Entführer entkommen an einem Waldrand voller Glühwürmchen. Was in der Dunkelheit geisterhaft wirkt und die Verfolger auf die falsche Fährte lockt. Die Entführte ist eine schöne Serbin, die von ihrem ungarischen Liebhaber herübergeholt wurde, über die Grenze ins Österreichische. „I can see nobody! My eyes can only look at you..you..you!“ Sie ist völlig damit einverstanden. Die Heirat erfolgt prompt. Eine Messalliance. Aber die junge Dame beeindruckt die Gesellschaft im Handumdrehn. Pfeif auf die politischen Verwicklungen, weil ein österreichisch-ungarischer Regierungsbeamter nun Mädchenräuber ist und ein Staatssekretär aus dem Kriegsministerium ihm zur Seite stand, bei jener Nacht- und Nebel-Aktion. „Saved by the Bell.“ Es ging ja alles gut.

Da ist der Sumpf mit den Irrlichtern – Heft 99; nun verlegt nach Italien, wo die Digedags und Ritter Runkel bei ein paar Untergrundkämpfern des Mittelalters unterkommen und eine Spur ihres verschollenen Gefährten Digedag im Alten Rom wiederfinden.Bild (28)

Da ist die hübsche Sultanstochter Suleika, deren Vorbild jene Serbin gewesen sein muss, denn auch sie liebt einen Ungarn, der allerdings kein aristokratisches Inzestprodukt voller Macken ist, sondern ein Kämpfer, ein Titan des Mittelalters, der seine Angebetete auch nicht aus dem Elternhaus entführt, sondern davor bewahren muss, byzantinische Kaiserin werden zu müssen. „Heeeeere we are! In a room full of strangers! Standing in the dark!“ Dabei helfen ungewollt die trottelig-bösen Teufelsbrüder. Bogumil und seine Leute.Bild (25)

Ursprünglich eine verrufene, gefürchtete, gejagte Ketzersekte auf dem Balkan, die im Roman als dekadentes Spiel wiederbelebt wird, während sie im MOSAIK zur Piratenbande herabsank.

Und dann schlägst du den einen Westermann-Wälzer zu und den anderen auf, um noch einmal die Novelle von der Totenmaske nachzulesen. Adolf Stern, ein vergessener Vielschreiber in den Westermann Bänden erschuf sie 1893.

Sie spielt im späten 15. Jahrhundert. Byzanz ist bereits futsch, aber ein paar venezianische Inselkönige „herrschen“ noch auf griechischen Inseln, bis es den Türken beliebt, auch diese zu kassieren.

Immer wieder besucht der eine oder andere Auslandsvenezianer das eigentliche Venedig, um um Geld oder Unterstützung zu bitten, was nie in ausreichendem Maße geschieht. Die Macht auch dieser Territorialmacht ist im Schwinden. Ein junger Bildhauer lernt die Tochter eines solchen Zwergenkönigs kennen, verliebt sich, weiß, dass das nicht geht und lässt sie deshalb ziehen.

Zeitchen später wird er auf die Insel seiner Angebeteten geladen und erfährt dort ein bevorstehendes Trauerspiel. Damit die Insel noch ein paar Jahre unabhängig bleiben kann, muss sie den Sultan heiraten. Als ihre feierliche Abholung erfolgen soll, gibt ihr Vater ein großes Fest. „Lamplights keep on burning, while my heart for you is jerning…“ Seine Tochter will nicht in einem Harem lebendig begraben sein, sie beugt sich von der Palastbalustrade und stürzt sich in den Tod. „Bury me down by the river!“ Man findet sie am Ufer, bahrt sie auf im Palast. Der junge Bildhauer nimmt ihr Profil für eine Totenmaske ab, bevor er heimreist. Dort erzählt er einem befreundeten Baumeister die ganze Tragödie. „I just gotta get a message to you…“

totenmaske

Die Örtlichkeiten auf der Insel erinnern an die Palastanlage von Kaiser Andronikos in den Heften 112-120. Suleika soll ebenfalls zwangsverheiratet werden, allerdings in entgegengesetzter Richtung, als Sultanstochter nach Konstantinopel, und denkt ebenfalls daran, sich ins Meer zu stürzen, wenn es ihrem Janos nicht gelingen sollte, sie zu retten. „Run to me, where ever I’m with you…“

Andronikos Reich wird dargestellt, wie jene venezianischen Rest-Inseln von Adolf Stern beschrieben werden: Er regiert desaströs, reitet seine Spleene, hat nur noch ein morsches Kriegsschiff, die Genuesen blockieren seinen Hafen, die Insel Lesbos verweigert den Tribut, der Feldzug dorthin mit einer Art „letztem Aufgebot“ schlecht ausgebildeter „Soldaten“ schlägt gänzlich fehl; da soll es dann eben auch eine politische Hochzeit retten – und nachdem Suleika entkam, wird es dann eben Irene von Tessalonien. Eine attraktive, rothaarige Furie. „Every christian lionhearted man will show you!“

Ich habe Hannes Hegens Inspirationsquell gefunden!

„Boogie! Boogie child!“

ende

Die Welt der einen – die Welt der andern

Da war mal ein Film. Echt heiß diskutiert! Nicht nur in den Medien! Auch sonst so:

„Warst du schon drin?“

„Läuft noch im gleen Gino! Musste sehn!“

„Is DEFA, naja – obor…!“(Augen aufreißen)

Oder

„Geht da rein! Die f***en wie die Guppies!“

Oder

„Wüddor so ä Knäd! Sowas macht imbodennd, soach ich dior! Spar dir die Gohle!“

Wir gingen rein. Christian und ich. Sommer’79, kurz nach dem Abi und kurz vor Prora, der Fahne-Pein.

Der Film hieß „Bis dass der Tod euch scheidet…“ und wenn zu Beginn der Vorspann läuft, wird in Karat- oder Stern-Combo-Manier auf Melotron das Thema aus dem 2. Satz der 9.Sinfonie von Dvorak gespielt. Ungefähr für ne Minute. Wenn die um ist, hast du das Beste schon hinter dir.

Der Film ist absolut düster und der erste von mehreren ähnlich gelagerten Assi-Streifen, die in den Folgejahren anstanden. Abgesang auf die sozialistischen Träume? Warnung? Reformwunsch? Oder nur Berufsfrust der Filmschaffenden im Jahr 3 nach Biermann? Man weiß es nicht. Damals war mir das ne Schippe zu viel. Sooooo negativ wollte ich die Welt nu ooch wüddor nich‘ sehn!

Ich hab ihn mir zur Selbstvergewisserung HIER nochmal angetan. Der Eindruck ist so furchtbar wie’79, aber inzwischen kam ein bisschen Hintergrund hinzu, der damals fehlte. Und deshalb kommt der Film letztlich doch ein ganz klein bisschen besser weg als damals.

Sonja und Jens heiraten jung, Verkäuferin und Maurer. Sie macht per Fernstudium ohne sein Wissen Karriere und er säuft, fällt durch die Meisterprüfung, säuft noch mehr und schlägt die Frau. Mehr Klischee geht nicht. Und dann fallen se noch alle Nasen lang nackt und halbnackt übereinander her. Das muss so bei DEFA’ns inne späten 70er! Auch wenn die Akteure nu ziemlich weit weg sind von Jane Fonda oder Raquel Welch, Robert Redford oder Terence Hill. Du sollst dich eben ans reale Leben gewöhnen!

Hinzu kommt, dass es im ganzen Film kein funktionierendes Paar gibt. Alle Schwäger und Kollegen, gehen fremd, liieren sich aussichtslos, müssen ganz viel saufen, um den Kummer zu ertränken…

„Kleinen Mannes Sonnenschein ist ficken und besoffen sein!“

Und das ist der Film zum Spruch!

Sonja und Jens, Katrin Saß und Martin Seifert, beide Debutanten in ihren Rollen, spielen sehr emotional und engagiert, was im Vergleich zu den wiederum sehr altväterlich, steifen Vorgesetzten positiv auffällt.

„Die Prügelszene war echt! Ich war in Rage und da fing er eine und drosch zurück.“ (Kartin Saß/Riverboat-Talk)

Angelika Domröse, als Jens‘ Schwester, soll wohl, da es nach langer Zeit mal wieder ein Carow-Film war, als Paul und Paula Vehikel eine Art Brücke sein: Aufbruch’73 und Abbruch’79, so ungefähr, denn auch sie ist nun nicht mehr die Hippietraumfee „Paula“, sondern die in der Ehe gelangweilte, fremdgehende Fast-Alkoholikerin, die keinen „Paul“ mehr findet. (Ihre letzte DEFA-Rolle vor dem Weggang)

Der Westen jubelt. Kennzeichen D; TTT; Kommentar zum Zeitgeschehen (Deutschlandfunk): Carow zeigt die Verwerfungen in der geschlossenen Gesellschaft schonungslos.

Und im Osten diesmal fast dasselbe: Realistisch werden hier Probleme unserer Gesellschaft angesprochen…

Sonja             Jens

Jens und Sonja stellen also unsere junge Arbeiterklasse dar? Typische „junge Eheleute“, wie sie den Junge-Eheleute-Kredit nehmen, eine Wohnung kriegen, ein Kind erzeugen – und dann Suff und Haue; Haue und Sex! Bis er im Suff zur falschen Flasche greift und Reinigungsmittel säuft… Und sie sieht zu, ohne es zu verhindern.

Wirklich?

Okay, wir sind die Creme mit Abi, die „Kader von morgen“. Das ham’se uns nu oft erzählt. Aber was ist mit unseren POS-Kumpels, zu denen immer noch Kontakt besteht? Trinkfreudig sind da einige! Die Feten mit ihnen machen Spaß! Aber wer von denen verdrischt „seine Kirsche“? Wir trauen‘s keinem zu.

Einen in unserm Alter kennen wir, auf den das passt. Aber der ist doch Ausnahme und nicht die Regel oder? Der ist dank Beziehungen knapp am Jugendwerkhof vorbei geschrammt – und solche Fälle, die sind doch eh ähx! Um die macht man’nen Bogen!

Als der Film aus ist, geht das Licht an. Christian patscht mir die Hand aufs Bein:

„Heirat’mer noch?“

„Nach dem Ding nich’mehr!“

„Ich musste immer an Klinkmart Steffen denken, wegen der schwarzen Mäcke. Aber rumgeningelt hattor wie Kumske.“

„Und sie hattes Gesicht und‘n Toppschnitt wie de Schilkern.“

Die drei genannten waren Klassenkameraden von uns, mithin auch keine Prolls.

Christian weiter: „Der Jensi-Boy sah nich nach Baubude aus. Der war wirklich eher so a GOL-Fuzzi, der Assi spielt.“

Ich: „Gloobst du, dass das der Trend is? Fremdvöcheln und Suff und sonst nüschd?“

„Was willst sonst machen, hinter der Mauer?“

Es gibt so Momente,da merkst du, dass einer Freundschaft langsam der Atem ausgeht.

Ich konnte mir keine Langeweile vorstellen! Bücher, Antiquariatspilgerei, Musik, Burgen-und Waldromantik, Wohnung oder Haus designen, Konzerte …

Der Jens sah nicht nur nicht wie‘ Maurer aus, er hatte zusätzlich auch so abgespaced unpassende Ansichten:

Seine Sonja präsentiert ihm ihren Abschluss zur Verkaufsstellenleiterin; denkt, er wird erstaunt, erfreut gratulieren. Er aber reagiert wie ein West-Mann: „Hinter meinem Rücken? Hab ich das erlaubt?“ (Patsch, Patsch – fängt sie ihre ersten Ohrfeigen!)

Hä?

Wir hatten’79; die beiden da spielen junge Leute, die höchstens 2 Jahre älter sind als wir und dann so’ne Reaktion? Das ist so 60er! Frühe 60er! Ganz frühe! 1979 gab es praktisch keine Hausfrauen mehr. Jeder um uns her war froh, wenn der Ehepartner/die Ehepartnerin mehr Geld heimbrachte, weil da auf Haus, auf Auto, auf Ostblockreisen, auf teure Farbfernseher, auf Westplatten gespart wurde – und der Dödel da spielt den Märchenlandpascha?

Haben die Regisseure noch das Ohr an der Masse? Oder lag das Drehbuch 2 Jahrzehnte im Safe?

Noch Tage später, wenn ich an’ner Kasse stand, studierte ich die Gesichter der Verkäuferinnen: Kriegt die Dresche zu Hause? Oder die? Oder die?

Ein Vierteljahr später war ich Soldat – unter lauter solchen Typen wie Jens. Die gabs wirklich! MSR 29. Willkommen beim Schrutz! Die soffen Rasierwasser, wenn kein „Schluck“ in der Nähe war. Und die einen kriegen dann das große Winseln und die andern suchen Streit und beide Sorten pissen in die Bude. Und der Glatte muss wischen. Der Winsler entschuldigt sich hinterher wenigstens, so wie Jens im Film. Der Streithammel kriegt 5 Tage „Bau“ und wenn die um sind, hat er’s eh vergessen. Über ihre Frauen lallen sie dummes Zeug, schlimmer als im Film.DVD

Aber wozu braucht’s diese Gossendarstellung im Kino?

Die Assis, die die Thematik betreffen würde, feiern, dass da „gef***t“ wird!

„Orrrr, der war hackedicht und hats noch jebracht!“

Und unsereiner wendet sich angeekelt ab.

„So sehen unsere Menschen nicht aus!“ dachte damals sogar ich.

Hm. Aber die Fahne lehrte mich: Doch!

Filmversagen

Die DEFA drehte in den späten 70ern vermehrt Jugendfilme. Obwohl die Macher hätten wissen müssen, dass das nichts werden kann.

„Wie füttert man einen Esel“, „Verdammt, ich bin erwachsen!“, „7 Sommersprossen“ usw.

Ab Jahresende’76 kamen der DEFA mehrere Altstars abhanden; der Biermann-Knaatsch, you know? Deshalb mögen sich diverse Regisseure gedacht haben: Neue Leute müssen her!

Aber sie können keine eigenen Teenie-Kinder gehabt haben, sonst hätten sie sehen müssen, dass das, was sie da zustande bringen würden, scheitern muss. Die Offensive fand zeitgleich auch im Fernsehen statt. Dort gab es „Aber Vati“, eine Erfolgsserie; die Ausnahme unter den Pleiten! Und es gab eine lose Reihe von Spielfilmen zu Schulproblemen, die sogenannten Schlossarek-Filme „Plantagenstraße 19“, „Der Tadel“ und andere.

51kTVmyy3zL„Aber Vati!“ schlug ein, wie eine Unterhaltungsbombe. Ein Straßenfeger! Deshalb ein paar Jahre später auch um mehrere Teile verlängert. Thema der ersten Staffel: 2 Brüder, Zwillinge, ungefähr 11 oder 12 Jahre alt, beobachten den verwitweten Vater auf Brautschau und wollen seine andauernden Misswahlen vereiteln. Sie gehen auch ihrerseits auf Stiefmuttersuche und versuchen den Vater (schließlich erfolgreich) zu verkuppeln.

Das war „Eddie’s Vater“ goes GDR! Die Vorabendserie der ARD hat uns alle irgendwie geprägt.

Als die neue Mutter dann gefunden war und die Zwillinge um die 15 oder 16 Jahre, war zu merken, dass ansehenswerter Handlungsstoff fehlte. Zuviel war tabu. (Siehe unten)

Die Schlossarek-Filme wurden viel diskutiert, auch freiwillig von uns 11./12.-Klässlern auf dem Schulhof ohne Lehrereinmischung.

Die Konflikte, die dort angesprochen wurden, waren aktuelle Aufreger des Schulalltags.

Die beiden obengenannten, waren für mich die einprägsamsten. „Der Tadel“ war der bessere.

Eine junge Klassenlehrerin erwischt den Sohn des Direktors bei irgendeinem Mistbau und gibt ihm einen Tadel. Der Film handelt davon, wie die eben noch allseits beliebte junge Frau nun von allen Seiten in die Mangel genommen wird: Den Sohn von Herrn X. tadelt man nicht! Nimm das zurück! Übe Selbstkritik! Überzogene Maßnahme! Usw. Es wird anschaulich gezeigt, wie der Druck wächst, wie allein sie plötzlich dasteht, wie sie verzweifelt, obwohl sie im recht ist. Das Ende ist mir nicht mehr erinnerlich. Die Dauerqual vorher war zu eindrucksvoll – DAS kommt auf dich zu, falls du Lehrer wirst! So scheiße kann das gehen! So sieht er aus, der Bonzenfilz!

„Plantagenstraße 19“ zeigt eine eigentlich brave Jugend-Clique 17jähriger Schüler zwischen Liebelei und Gartenfete, die dabei ist, individuell und unsozialistisch aufzuwachsen. Outfit und Gegebenheiten blieben positiv in Erinnerung. Soweit sie unter sich sprechen, kommt das auch locker rüber. Kaum taucht ein Erwachsener auf, wird’s wieder automatenhaft steif. Auch wurde da bei Feten-Szenen wenigstens Abba/Smokie usw. gespielt und nicht permanent nur Puhdys! Aber dann kommt eben der Herr Arbeiterveteran und beeindruckt die Schüler und biegt alles wieder grade. Immerhin gibt es eine einprägsame Szene, als er einem „Rowdy“ zeigt, wie man die Zündkerze am Moped wechselt.

Er: „Lernt‘mer sowas nicht im UTP?“

Teenie: „Schön wär’s!“

So klein waren die Spitzen, die gefeiert wurden!

Der Unterrichtstag in der Produktion, alle 14 Tage feilen gehen, in einem Großbetrieb der Umgebung, brachte zwar leichtverdiente 1en und 2en, war aber öde wie Hölle.

PSZeitgleich mit „Plantagenstraße 19“ lief auf ARD „Feuerreiter“, das war eine Serie in einer Serie, denn die Rahmenserie „PS“ um Motorisierungsprobleme im Alltag gab es schon länger. Eigentlich ging es da um Väter, die das falsche Auto kaufen oder bei Pannen im Urlaub beschissen werden. Diesmal ging es um ein „Jugendproblem“, in mehreren Teilen. Der Sohn eines Fabrikanten fährt Motorrad und damit er das nicht alleine tun muss, rüstet Papa seine Kumpels mit Mopeds aus. Nun sind sie die coolste Clique der Schule. Aber auch die Knechte des reichen Schnösels, der nun so ein richtiger Rocker-Präsi sein will. Liebeleien, Ausgrenzungen, 2 Boys ein Mädchen, Mutproben, Lehrer-Ärger – voll das Leben. Dachten wir hinter der Mauer. Und soviel lockerer, als die Typen aus der „Plantagenstraße“! Auswertungsstoff für Wochen:

„Da geht der Typ in den Plattenladen und kauft mal schnell die neue Supertramp, für seine Alte, ey!“

„Musste ma bei uns machen. Was nimmst’n da? Monika Herz?“

Totsichere Pointe! Gröl!

Nachsatz: „Nö. Express. Liebling ich verspeise dich zum Frühstück! Ohne Senf und ohne Salz!“

„Oach! Geh weg! Die Schmerzen! Perversling!“

Hatten die genannten Fernsehfilme also wenigstens ansatzweise ein wenig Alltagslockerheit, ging das bei den Kinofilmen richtig schief.

Erwachsenwerden, verliebt sein, Ärger kriegen, siegen oder untergehen, Adoleszenzfilme eben – aber unter Weglassung all dessen, was unseren Alltag eigentlich ausmachte:

Kaum oder gar keine Jugendsprache. Kein bisschen Dialekt. Und wenn, dann nur berlinern. Keine Westmusik. Kein Bravo-Poster nirgends an den Wänden der Jugendzimmer. Keine Fußball-Debatten über Netzer, Müller(1) oder den abgehauenen Sparwasser. Keine Gespräche über Westfernsehen, Kaugummibilder-Kaupelei, Westplattenbesorgung, tagelanges Kampieren am Tonbandgerät, weil gerade Oldie-Wochenende auf irgendeinem Sender war oder der Kumpel irgendein begehrtes West- oder Lizenz-Vinyl vom anderen Kumpel geborgt hatte; was ganz schnell aufgenommen werden musste, damit der Spender nicht merkt, dass die verliehene Platte auf weiteren Plattenspielern malträtiert wurde. Keine verbalen Hahnenkämpfe um irgendwelche Bands. Und keinerlei Witzwelle!

Heikel und hoch interessant wäre auch gewesen, wenn einbezogen hätte werden können, was Tellkamp nach der Wende in seinem „Turm“ berücksichtigt: Da Ossi-Kids nur unzureichend Zugang zu modischem Westkram hatten, machte man sich unverwechselbar mit Überbleibseln „aus guter alter Zeit“: Kollagen aus alten Kaiserzeitpostkarten, Zigarettenbilder-Alben, U-Boot-Fahrer-Memoiren aus Weltkrieg eins usw. Das wurde alles rumgereicht, gelesen, erkaupelt, weitergetauscht… Ober“kuhl“ waren die, die irgendwoher ein „Gott mit uns“-Koppel mit der Kaiserkrone aus dem I.Weltkrieg auftreiben konnten. „Trauste dich, das in der Hose zu lassen und in die Schule zu gehen, mit nur dem Pullover drüber?“ Auf der „Krug 4“, der letzten LP vor dem Weggang, trägt auch Manne Krug eins.

Den Filmen blieben also nur dürftige Klischees übrig. Oder ein Punkten mit Nacktheit.Plakat

„Sieben Sommersprossen“ wurde sowas, wie ein Kult, weil sich da ein 16jähriges Pärchen im seltsam steifen Ferienlageralltag kennenlernt und relativ ausgiebig nackt badet. Auf dem Schulhof wurde jedoch „fachmännisch“ beurteilt, warum Nastassja Kinski im „Tatort“ besser aussah.

Mit der Wende in die 80er war es dann mit diesem Abenteuer Jugendfilm im Kino auch vorbei. Die DEFA entdeckte andere gesellschaftliche Randgruppen und filmte deren Probleme. Es gab so eine gewisse Assi-Filmwelle. Sollte wohl deutlich werden lassen: Obacht! Da gibt es so eine Art mentaler Verelendung! Vielleicht war es auch eine Replik der Filmemacher auf zunehmenden Druck von oben: Immer wenn ein kritisches Kunstwerk entstand, war in den einschlägigen Medien zu lesen: „So sehen unsere Menschen nicht aus!“ und „wo bleibt der positive Ausblick?!“ Okay, dachte sich da wohl der ein- oder an der Regisseur und Drehbuchautor, dann zeig ich euch mal eure Arbeiterklasse, zwischen Suff und Hurerei! Und wenn der Film nicht durchgeht, dann stell ich Ausreiseantrag!

Erich, Werner, Margot und ein totgeschwiegener Film

 

BuchDa war mal ein Buch, das keiner las und ein Film, den keiner sah, weil er schnell wieder verschwand – heimlich, still und leise, damals in der Ehemaligen.

Dass die Ehemalige gern missliebige Filme verbot, Regisseure und Schriftsteller regelrecht vertrieb, ist bekannt, aber weshalb traf es einen Film mit staatstragender Story?

Es ging grob zusammengefasst um Folgendes:

Ein erfolgreicher Aufsteiger mit SED-Parteibuch und Dr.-Titel macht 1975 auf dem Weg zu einer Tagung einen Zwischenstopp in einem kleinen Vogtlandnest. Er ist Ende 40, graumeliert und erinnert sich, dass er 1948 hier seine Karriere begann bei einem Großprojekt der frisch gegründeten FDJ damals: Staudammbau. Nun soll ganz in der Nähe diskutiert werden, wie groß der neue Staudamm werden soll, da die Ressourcen des alten nicht mehr reichen.

Der Doktor nimmt sich ‘nen Tag und ‘ne Nacht lang Zeit, die altvertraute Gegend abzuklappern und zu staunen, wieviele alte Mitkämpfer von damals noch hier herum hängen geblieben sind. Sie erkennen ihn wieder, sie erinnern sich gemeinsam an die Tage des alten Schwunges – bis auf einen Bauern, der damals im Überschwemmungsgebiet wohnte und seinen Hof nicht aufgeben wollte. Mit rüdem Ungestüm jugendlicher, weltverbesserischer Naivität wird er beiseite geräumt, „Einsicht in die Notwendigkeiten der neuen Zeit erzwungen“, sein Hof zerstört und – schwupps – steht dem Staudamm nichts mehr im Wege.

Der Doktor kann am Abend nicht frühzeitig zu Bett gehen, also bummelt er durch den Ort und landet im Jugendclub, wo gerade Disco ist, weil ihn eine seiner Studentinnen erkennt und anspricht. Sie stellt dem Doktor ihren Lover vor. Beide Herren sind in der Partei. Alles im staatstragend grünen Bereich. Soweit.

Am Schluss ein Wermutstropfen: Der Doktor trifft auch seine Jugendliebe wieder. Die scheue, schüchterne Hanka. Er war nach Dresden gegangen, um zu studieren. Er hatte sie nachholen wollen. Sie hatte ihn später in Dresden in den Wohnheimen gesucht, aber nicht finden können. Er hat nie geschrieben.

Der Doktor findet auch die alte Zementpyramide im Wald wieder, die sie damals auf einer Kahlschlagfläche zusammengepfuscht haben. Sie hatten ihr eine Inschrift verpasst, die voll in den Zeitgeist des Jahres’48 passte:

„Hier schlug 1948 Satie, unser Brigadier, die erste Fichte. Ruhm und Ehre unserer Brigade“.

Da, wo dann 1948 kein Baum mehr stand, ist 1975 wieder Wald.

Die Pyramide steht bemoost und vergessen abseits des Weges.

(Was für eine gelungene Metapher für den Werdegang der DDR!)

Denn für den „zweiten Blick“ ist da soviel mehr interpretierbar, als dieses simple Märchen von der Bestätigung alter Heldentaten und nun anstehendem Ausbau der entwickelten sozialistischen Gesellschaft.

Ich sah diesen Film anfang der 90er Jahre, als der ORB eine Reihe „verbotene DEFA Filme“ sendete.

Beim ersten Mal gingen bei mir noch nicht alle Lichter an, aber beeindruckt war ich sofort. Zwar: Der allzu hölzern-regimetreue Dr. Satie ist eine Märchenfigur: Nicht richtig Bonze, nicht richtig Sympath, vollkommen unkritisch gepolt, also auch als Endvierziger so lehrbuchnaiv, wie die frisch „umgedrehten“ Ex-HJ-tler der Stalinzeit kurz nach dem Krieg.

DEFA-typisch ist auch diese vergurkte Disco-Szene: Jugend der 70er realistisch abzubilden, ging einfach nicht, das wäre durch keine Abnahme gekommen! Somit kam immer hölzern Aufgesagtes heraus, wenn junge Leute gezeigt werden MUSSTEN, die voll und ganz regimetreu denken, reden und handeln. Denn wir waren ja die „Kader von morgen“! Eben Stabü-Lehrbuchgetreu, aber an der Wirklichkeit vorbei. Für alte Herren, die in Wandlitzer Echokammern wohnen, oder in SED Bezirks- und Kreisleitungen dahindämmern, abgeschirmt von der schleichenden Westifizierung der nachwachsenden Generation, mag normal sein, dass eine Studentin eine Knutschpause einlegt, weil ihr Professor vorbeikommt, ebenso normal ist dann die SED-Mitgliedschaft ihres „Jake’ses“ und die freundlichen Reaktionen seiner Freunde auf den Professor da im Dorf-Club, wenn er ihnen erklärt, wie zufrieden man doch sein kann – im jetzt.

Für die wirklichen Menschen bietet der Film immerhin das kleine bisschen Trost, dass der Doktor kurz zuvor an einer nächtlichen Hauswand vorbeilief, an der gut lesbar „Ketten werden knapper!“ und „I’m free!“ steht. Das muss reichen, denn getanzt wird in der Disco nur nach Puhdys und Halina Franzkowiak! Nix mit The Who oder gar Renft!

1975 – da war doch deren Verbot! Ist die Wand-Inschrift der Grund für das Verschwinden des Films? Die paar Sekunden wären leicht herausschneitbar gewesen – das kann der Grund nicht sein!

Der Film lief ein zweites Mal, ich bekam mehr mit.  Heute kann er HIER/Klick gesehen werden.

Da das aber eh keiner mehr tun wird, hier kommen die Highlights:

  1. Man merkt dem Ablauf an, dass darin herumgeschnitten werden musste, dass die Dramaturgie holpert, dass ein „richtiger“ Schluss oder wenigstens ein Schlusssatz aus dem Off fehlt.
  2. Der Film korrespondiert mit einem Mehrteiler von 1971 „Der Sonne Glut“, dort wurde die Aktion „Max braucht Wasser“, die Rettung der Max-Hütte, des letzten Hochofens der Ostzone durch Staudammbau der FDJ, zur Heldengeschichte. Hier nun wird per Hin-und Herblende zwischen den Zeiten nachgereicht, wie es mit den beseelten Aktivisten von einst weiterging: Da kamen verblüffend wenig Parteikarrieren heraus. Müde gewordene Krieger allesamt.
  3. Dann die unglaubwürdige Discoszene – Keinem Regisseur wäre verziehen worden, wirkliche Jugend zu zeigen, die die Puhdy-Mugge wegbuht und bei Gary Glitter oder Uriah Heep ausflippt. Die den graumelierten „Opa“ anmacht, ob seines Fehlers, hier aufzukreuzen: „Was will’n der Alte hier? Da hat wohl eehner Embryo schupsen falsch verstanden?!“
  4. 1975 war noch Aufbruchstimmung angesagt: Dr. Satie in alt wirkt wie Werner Lambertz, Erich’s Kronprinz, der 1978 so mysteriös in Libyen per Hubschrauberabsturz umkam. Dr.Satie(Somit wurde er zum „Friedrich III. der DDR“, denn ihm wurden nun posthum allerhand Reformideen zugetraut, die niemals kamen.) Hatte ihn Mielke aus dem Weg geräumt, weil er „von der Linie abweichen wollte“?
  5. Der junge Satie 1948 jedoch gleicht dem jungen Erich Honecker anfang der 30er, der freiwillig nach Russland ging und im Ural Magnitogorsk errichten half. Genauso überzeugt, total auf Linie, und nach 45 der FDJ-Gründer und „Jungspund“ hinter den Opas Pieck und Ulbricht.
  6. Honecker war liiert, ja sogar verheiratet, als er Margot Feist traf, sich unsterblich verliebte, auf die SED-Statuten schiss und sich scheiden lassen wollte. Das sah der Vortrupp der Arbeiterklasse aber nicht vor! Scheidungen zeugen von moralischer Unreife. Genossen aber haben stets moralisch einwandfrei zu sein. Vortrupp eben! Ein Heidendebakel hinter verschlossenen Türen! Wie man weiß, setzten sich Erich und Margot durch. – Im Film ist nun dieser Jung-Erich/Satie ebenfalls liiert, lässt Hanka jedoch sitzen, um nach Dresden zu gehen und dort ausgerechnet bei der verrufensten seiner Staudammbrigade zu landen – die Margot heißt. Dieses zwielichtige Zusammenkommen tut seiner Polit-Karriere keinen Abbruch.

Hier liegt mMn der Hund begraben, weshalb der Film schnell wieder verschwinden musste.

  1. Man kriegt gezeigt, wie überall zwischen den jungen Leuten Liebe aufkeimt, aber letztlich bekommt keiner der Akteure den Partner, der gepasst hätte.

Und zu guterletzt gibt es

  1. Ein paar gruslig gute Sätze kurz vor dem Ende des Films:

Baladschin (balla Dshinn = böser Geist) der rückständige Bauer von einst, dem man den Hof demolierte, ist nun ein versoffenes Dorf-Faktotum. Er nähert sich Satie besoffen und hämisch kumpelnd, als dieser auf seine Jugendliebe Hanka wartet:

„Früher hab ich dich gehasst… aber nun vergebe ich dir, Satie. Du siehst in meinem Gesicht das Lächeln des Siegers! Hätte nie gedacht, dass ich mal über euch triumphiere! Konnte ja keiner ahnen, dass ihr euch solange an der Macht haltet. (…) Du bist fertig, Satie. Wie Hanka. Die ist so fertig, wie du…“

Im Suff spricht man die Wahrheit. Die perfekten Outfits von Satie und Hanka sind die Fassade, die bei ihm die Fehler und bei ihr die Wunden verdeckt.

Sie ist am Ort geblieben. Hat seinen Sohn geboren. Wechselnde Verehrer gehabt, unverdient im Geschwätz des Dorfklatschs einen schlechten Ruf geerntet. Satie trifft auch sie, aber viel zu reden gibt es nicht mehr.

Sie verabschiedet sich am Bahnhof von ihm.

„Du siehst blass aus. Bist du krank? Setz dich hin.“

Als er auf der Vorplatz-Bank sitzt, bleibt sie stehen: „Lebe wohl.“

Dr.Satie, Werner Lambertz, der Träger der Ideale, bleibt kränkelnd sitzen und träumt nochmal den Traum von 1948, als sich all die Neulinge bei ihm vorstellten. Als sich noch was bewegte.

Auch den alten Sittenwächtern in Wandlitz, wird nichts anderes einfallen. Sie träumen ihn einfach weiter. Noch 14 Jahre. Und auf der Pyramide wächst das Moos…

Trotz aller gefürchteter DEFA-Dialog-Steifheit ein Klasse-Film!

Ulis schiefer Edgar W.

Wie eine große rostige Eisenkrampe riss „Die verdrängte Zeit“ von Marko Martin so allerhand Schlick der Jahre von alten, längst beerdigten Leseerlebnissen und Kinoeindrücken eines jungen Mannes, der mal der Vater der Toka-ihto-Tales werden sollte.

Und nun umwabern da mehrere Untote meinen Alltag und drängen sich ins Tagesgeschäft:

„Da sind wir aber immer noch und der Staat ist langst futsch und Monsanto ruiniert das Laaaand“.

Schreib über uns, schreiiiiib!

Grusel!

An vorderster Front Ulrich Plenzdorfs Marxschädel.

Tja, das war schon ein Held. Der schrieb „die Legende vom Glück ohne Ende“, also das „Paul und Paula“-Buch, das ich nie gelesen hab, aber der Film kam 1973 in die Kinos und die Macher selber staunten, dass der ziemlich gut besucht wurde. Gegenwartsfilme der DEFA waren eigentlich verlässliches Kassengift. Dieser nicht. Er kam zur richtigen Zeit. Honecker war seit ’71 dran, aber ‘73 starb erst der Ulbricht und nun sollte es heißen, kommen freiere Zeiten – da ging sowas.

Im selben Jahr erschienen als Buch „Die neuen Leiden des jungen W.“, sein zweiter Geniestreich – so hieß es. Es fuhr mächtiges Korrespondentenlob ein: Individualitätsbeweis der Jugend im sowjetischen Marionettenstaat. Honecker herausgefordert – den kollektiven Zwang zu lockern usw.

Ältliche Herren, angefixt von der Goetheparallele…

Westradio und seine Rezensenten taten ein Übriges. Die Zaungäste hinter der Mauer staunten nicht schlecht, dass da ein Buch gelobhudelt wurde, das man ab der Nachauflage tatsächlich zu kaufen bekam. Und sie kauften…

laubenpieper goes jazzLothar Loewe hat gesagt…

Also war das gut!

Sagt sogar der Deutschlandfunk!

Es wurde ein Bestseller. Aber wieviele der Käufer haben dieses Ding wirklich gelesen?

Welche Käuferschicht visierte ein Buch an, dessen „Held“ ein 17jähriger ist, der ausgefallener Weise auf Jazz abfährt, in einer Gartenlaube wohnt, weil er „von zu Hause weg ist“ und ungelernt bei einem Malermeister jobbt?

Die Generation Flakhelfer scheidet aus, wegen der „Urwald-Mugge“; die Ost-Hippies nicht minder, keine Landkommune, kein Blues, kein Burdon… meiner einer und sonstige Boomer feierten anno 73 irgendwas zwischen Slade und Black Sabbath, aber doch nicht Satchmo! Noch jüngere waren gleich ganz auszuschließen.

Wer also kauft sowas?

Unser Hausarzt (mitte 40) schleppte ca. 1976 oder 77 die Nachauflage an: „Hier müsster mal reingucken! Das kommt im Westen ganz groß an!“ Inzwischen hatte es der „Klassenfeind“ sogar verfilmt! Und zu mir:

„Du ooch! Is genau deine Altersgruppe!“

Aha. Meine Eltern legten es diplomatisch bei Seite.

Ich habs gelesen. Durch. Aber:

Ich kam aus dem Kopfschütteln einfach nicht heraus.

Wenn das ein Ost-Autor war und das Buch hier erschien, glaubte ich „Sozialistischen Realismus“ erkennen zu müssen, den ich hier aber überhaupt nicht fand.

Heute im Alter ist mir der Inhalt von Goethes Vorlage geläufig. Nicht, weil ich sie gelesen- , sondern weil ich den Film „Goethe!“ genossen habe. Der war so gut im Kino, dass ich Filmmuffel mir die DVD auch noch kaufen musste! Er enthält die Liebesgeschichte des jungen Goethe und schwer vermittelbaren Bummelstudenten mit Charlotte Buff. Sein Schlüsselerlebnis, dass zu seinem ersten Bestseller führte:goethe

Ein verkrachter Habenichts liebt, muss mit ansehen, wie die Angebetete in eine Vernunft-Ehe getrieben wird, und nimmt sich das Leben.

1977 war mir nur bekannt, dass Goethe ein Buch dieses Titels verzapft hatte, aber wen hätte das interessieren sollen, nach inflationärer Goethe-Qual in Lesebüchern aller Alterstufen?

Plenzdorf gefiel die Idee: Er greift sich also den Goethe und erfindet ein DDR-Jugendschicksal, was ansatzweise zu passen scheint. Die Zensoren werden somit Beißhemmungen kriegen, denn Plenzdorf verbieten, hätte jetzt den Touch des Goethe-verbietens. Er holt also den Werther von 1772 aus der Gruft und in die DDR 200 Jahre später. Gelingt ihm das? Nö.

Seine zusammengeszwungene Parabel erzeugt reihenweise schiefe Bilder.

Edgar Wibeau heißt der Knabe. Französisch klingender Name. Zusätzliche Plenzdorfsche Absicherung: Hugenottenhinweis. Tolerantes Brandenburg! Naja. Ob’s viel genützt hätte, wenn die übrigen Inhalte so ähnlich ausgefallen wären, wie in Reiner Kunzes „Wunderbaren Jahren“, sei mal dahingestellt.

Wibeau schmeißt eine Lehre an der Berufsschule, die seine Mutter leitet, und verschwindet nach Ostberlin. Dort lebt er in einer verlassenen Gartenlaube.

Lehre schmeißen in der DDR hieß, sich den Halbsatz „zeigt keine Einsicht in gesellschaftliche Notwendigkeiten“ einhandeln. Minuspunkt für später. Kam deshalb auch nicht allzuoft vor.

Wer die Lehre schmeißt, ohne gesundheitliche Gründe zu haben, war Assi. Da fiel Verehrung schonmal aus. Außerdem, wenn seine Mutter in so gehobener Position ist, bekommt auch sie Ärger, da sie ihr „Früchtchen“ nicht im Griff hat. Denkt er daran nicht? Seine Mutter ist geschieden, also alleinerziehend – und da beschert er ihr solche „Zicken“?

Nun ja, Direktorinnen zu Ostzeiten, das waren so verkniffene §-Reiterinnen, garantiert humorbefreit, in erloschenen Ehen dahinvegetierend oder eben solo. Vielleicht ja Rabenmutter, dann wäre einigermaßen erklärbar, warum er nicht an Konsequenzen denkt. Scheint ja auch kein Überflieger zu sein, wenn er an der Berufsschule seiner Mutter keinen „Berufsausbildungsplatz mit Abitur“ inne hatte. Dass so ein intellektuell eher desinteressiertes Bürschchen dann freiwillig einen zufällig gefundenen Goethe liest – das ist nur mit hanebüchen hohem Autismus-Level erklärbar.

Dann schickt er Tonbandaufnahmen seiner Goetheleserei an seinen Kumpel!

Weiß Plenzdorf, was Bänder oder Kassetten in seinem Land kosten?

Er beschreibt seinen Edgar W. als Musiksüchtling, ohne aber an die Konsequenzen zu denken: NIEMAND verschwendet Bandkapazitäten für solche Deppenideen!

Und dann dieses Wohnen in der Laube. Entweder steht sowas in einer Schrebergartenanlage, dann hat der automatisch Nachbarn, die sich sorgen, welcher Laubenknacker in spé sich da eingenistet haben mag und dann bekommt er uniformierten Besuch!

Oder die Laube steht irgendwo im Unland an’ner Bahnschiene, dann interessiert das nach wenigen Tagen die TraPo, warum da abends Licht ist. Und dann gibt’s den Assi-§ im Strafgesetzbuch: Zuzugsgenehmigung? Nicht gemeldet in Berlin? Keine Berufsausbildung? „Schwarz pfuschen gehen“ ist keine Arbeit! Noch nicht 18? Glück gehabt! Kein Knast – „nur“ Jugendwerkhof!

Schließlich nun noch der ganz und gar „danebene“ Musikgeschmack: 17 Jahre alt, und dann Satchmo hören; MSB lieben, und Uschi Brüning anschwärmen! Das ging weder 1973 noch 1977 auf!

Satchmos Krächzgeang klang lustig, wenn er mal den „treu Husar“ versuchte, oder den „Haifish, got much teeth in“. Das war mal ein Gag für zwischendurch, aber das Dixieland-Gedudel – NoGo! Unvermittelbar!

Zu sowas fandest du mitte/ende eines Studiums in elitärer Kunstrichtung, aber nicht als 10.Klässler mit Lehr-Abbruch!

Modern Soul Band – die gabs. 1973 waren die noch auf der Chicago-/Santana-Nachspielebene, wenn man sie live kannte. Im Radio aber sangen die jeden Schrott, der ihnen von genehmigten Textern in den Mund gelegt wurde. Da entsteht automatisch eine Kluft zwischen dem Romanhelden und seinen Lesern: Er mag die Band in Ostberlin live erlebt haben. Saaletal-Leser wie ich kannten nur den Radiomüll von denen. Auch war hier eine Entwicklung zwischen 1973(Buchentstehung) und 1977(Leseerlebnis) äußerst rasant vorangekommen: 1973 war gekonntes Nachspielen noch das Nonplusultra für den Konzerterfolg einer Band. 1977 hatte sich der Ostrock bereits durchgesetzt. Die eigenen Stücke störten längst nicht mehr. Es wurde fein unterschieden zwischen Bands mit (textlichem) Anspruch und Kreml-Rock. Und was MSB im Radio boten, war letzterer.Uschi B.

Uschi Brüning Begeisterung mit 17? Eine LP von ihr lag mehrere Jahre im Plattenladen herum! Die sang wie Manfred Krug in weiblich – so Jazz-Schlager-Soul. Das war die irgendwie richtige Musike für frisch geschiedene, enttäuschte Frauen in den End20ern, oder eben Musiklehrer, aber doch zu keiner Zeit für Teenies!

Bleibt noch dieses Theater um „echte Jeans“. Da hatte sich zwischen 1973 und 77 ebenfalls allerhand getan. Die landeseigene Jeansproduktion war mit Lössnitz-Jeans-Anzügen 74 oder75 gestartet. Bald folgten Boxer- und Wisent-Jeans. Christian hatte mir 10. oder 11. Klasse mal angeboten, er rangiere nun seinen Lee-Jeansanzug aus.  Sind eben neue Pakete angekommen. (Volksmund: „In manchen Familien kommt auch noch das Klopapier aus dem Westen.“) Ich könne den haben, für 50 Mark Vorzugspreis. Meine Antwort war kurz und knapp: „Ich soll deine Lumpen auftragen und dafür löhnen?“ Er fragte nie wieder und fand einen Käufer für 80 Mark. Also, es gab schon „Kunden“, die sich ihre abgehalfterten Niethosen gegenseitig verhökerten, die Löcher mit Flicken besetzten und über den Besitz so einer Ruine happy waren, aber wenn de an der EOS bist, dann sind das nu nicht gerade deine Helden.

Dann ist da noch diese sogenannte Jugendsprache, aber „die gibt’s in keem Russenfilm“, denn da „fetzt“ oder „peitscht“ überhaupt nüschd! Der Herr Alt-Boheme von mittlerweile 40 Jahren versuchte hier, sich an die Jugend heranzuwanzen, ohne sie zu kennen. Hatte Plenzdorf Kinder?

Ich war 17. Ich schaffte dieses Buch. Aber mehr noch schaffte es mich. Am Ende schlug ich es zu: Knäd!

Bis neulich: „Verdrängte Zeit“. M.Martin feierts in der üblichen Altgermanistenattitüde.

Wenn’s schee macht? Abwink.

Schlaf nun wieder gut Uli! Bist ja einer von den guten; wegen „Paul und Paula“ und weil du Strittmatters „Laden“-Verfilmung gerettet hast. Aber deine Laubenpieper-Saga da, die war Murks.

Die rettete dir nur die Westwerbung.

Die Glorreichen Sieben (DDR-Filme)

Nach der Lektüre des besagten Martin-Buches „Verdrängte Zeit“ überlegte ich: Welche Filme fehlen mir in seiner Aufzählung. Es sind diese glorreichen Sieben:

1. „Ete und Ali“, die erste Filmrolle für zwei geniale Schauspieler: Jörg Schüttauf und sein Konter-Part Thomas Putensen, der leider hinterher die Schauspielkarriere abbrach, um sehr origineller Musiker sein zu können. (2x live gesehen; solo (90er) und mit der Fischer Band (00er) ; grandios!) Drehbuch top, Requisite ist die wiedererkennbare, graue Alltags-DDR; die kritischen Sequenzen werden mit Humor verabreicht. Seh!-ens!-wert! Bis heute!

2. „Die Entfernung zwischen mir und dir und ihr“; auch so ein Film, der zu kurz vor dem Mauerfall das Licht der Welt erblickte und deshalb nicht nachwirken konnte. Lauter unbekannte Neulinge spielen hier junge Leute, die gerade ins Berufsleben einsteigen und zum Beispiel auf die müden Altgedienten im Großbetrieb treffen. Und es rummst in den Dialogen:

„Du da! Runter da! Wer hat das erlaubt! Ich zieh dir die Hammelbeine lang! Welche Brigade? Wie heißt du!“

Die Gerügte im Blaumann auf dem Stapel Eisenträger, deutet einen Bauchtanz an, windet sich das Arbeitsschutz-Haarnetz vom Skalp, schleudert lasziv die Mähne, grinst und säuselt mit Schlafzimmerblick:

„Raten Se doch mal – Frieda – Hock!Auf!“ und entschwebt.

(Für heutiges Publikum bräuchte die Stelle einen Synchronbalken als Untertitelerklärung:

Frieda Hockauf war zu DDR-Zeiten die bekannteste Aktivistin/Bestarbeiterin, die in den Lehrbüchern stand.)

Die Youngsters sehen nicht so abgewrackt aus, wie die Jungschauspieler der späten 70er, die zwar Talent für die Schauspielschule, aber selten Attraktivität für die Leinwand mitbrachten.

3. „Der Hut des Brigadiers“ (1988 einmalig im TV gesehen); der gab auf einer Baustelle in Marzahn all die Misswirtschaft zu, die überall zu greifen war, aber nie in der Zeitung stand. Ein neuer Brigadeleiter, jung, soll die „Jugendbrigade“ aus lauter Mit-und Enddreißigern mit Plauze zu Aktivisten machen. Der abgesetzte 40jährige Vorgänger schaut ihm beim Abrechnen über die Schulter.

„Machst’n da?“

„Bilanz. Geht nicht auf. Wir sind zu schlecht. Ham nüschd geschafft.“

„Na, wenn de SOOO rechnest, kommste nie of 110%. Rutsch ma, ick zeig dir!“ Szenenwechsel.

Es war sprichwörtlich, dass all die Planübererfüllungen in den Zeitungen Augenauswischerei waren. Der Film hätte großes Renommee einfahren können, wenn das ostdeutsche TV-Publikum noch so drauf gewesen wäre, wie in den 70ern; wo alle diese Gegenwarts-TV-Romane Quote machten und hinterher sogar Thema in den Rotlicht-Sitzungen werden konnten. Aber inzwischen guckte alles einfach nur noch Westen. Der Film lief einmal, als ich ihn zufällig sah. Habe nie jemanden getroffen, der ihn kannte.

Bild (22)

4. „Auf der Suche nach Gatt“ (Wenigstens den 1. Teil!); der 2. ist verunglückt, Dieter Mann und Barbara Dittus in Glanzrolle; 50er Jahre Thematik; Aufbauideale und ihre schleichende Pervertierung; dazu ein Horst Drinda als der gute Exilrückkehrer, der nun in Bonzenrolle den verständigen Papa-Ersatz gibt; (aber im Subtext schwingt mit, dass grade diese jovialtuenden Typen in der Regel keine idealistischen Widerstandskämpfer aus dem Exil , sondern Karrieristen ohne Vorgeschichte und somit hintenrum die größten Anscheißer waren.) Er sät ja auch das Misstrauen zwischen die Partner Mann/Dittus. (Dabei wird deutlich, dass jemand, der sich vor KZ und Tod (GULAG wird verschwiegen) bewahren musste, niemandem vertraut und nun auch nicht runterschalten kann, wenn es um Vertrauensprobleme kleinerer Art geht. (Neutzsch konstruiert hier eine idealisierende, Verständnis erweckende Vorgeschichte für eigentlich oft nur fiese Charakterlosigkeit)

Als ich den Film zum ersten Mal sah, war ich erstaunt, dass da eine umfassende 17. Juni-Sequenz enthalten ist. Das Ereignis wurde ansonsten eher schmal-lippig zum „faschistischen Putsch“ erklärt, oder ganz ausgespart. Buch und Film zeigen, dass Neutzsch nach seiner „Spur der Steine“ Querele von 1965, wo er sich gezwungen sah, sich vom Film zu distanzieren, nun lustlos halb zu Kreuze kroch. „Gatt“ enthält sehr interessante Konfliktansätze, die aber alle „verbogen“ werden, damit Buch und Film die „behördliche Abnahme“ überlebten. Das Zeitzeugenpublikum merkt das und weiß, wie es jeweils eigentlich hätte weitergehen müssen. Nachgeborenem Publikum könnte man dergleichen – bei Interesse – in der Art eines Film-Clubs „für Kenner“ zeigen und erläutern.  Wenn kein Interesse vorliegt, hat es aber auch keinen Sinn. Der 1. Teil ist actionreich und i.O.; der 2. Teil erstickt in Parteitagsphrasenmonologen von Drinda und vom 2. Mann der Dittus. Dass sie nach allem, was sie erlebt hat, linientreu blieb, ist einer dieser zurechtgebogenen, unrealistischen Werdegänge. Sie hätte als intelligente Ärztin allen Grund gehabt, zynisch auf den Proletenstaat herabzublicken oder gar von Ausreise zu phantasieren.

5. „Verwirrung der Liebe“ (1957); Annekatrin Bürger und Angelika Domröse in ihren vermutlich ersten Rollen; Studentenwirrwarr um die Partnerfindung: Ein Kerl, eben jene zwei Damen und hin und her unter anderem auf einem typischen Studentenfasching, wie ich ihn anfang der 80er auch noch erlebte. Als ich diesen Film ein einziges Mal zu sehen bekam, kriegte der mich total, weil er meine eigene Studentenzeit heraufholte und zugleich illustrierte, wie das gewesen sein muss, als die Generation meiner Eltern ihre zweiten Hälften fand. Die kargen Storyfetzen, die diesbezüglich aus Eltern, Onkels, Tanten herauszuholen waren, passen 1:1 und die im Film zu sehenden Sofadecken und Häkelkissen kenn‘ ich alle noch!

6. „Heißer Sommer“(1967); Ja! Muss sein! Der Film ist rappelblöde, was die Story angeht. Die Prügelszene haben wir im Sportunterricht in gespielter Zeitlupe nachgefaked und uns beäumelt vor Lachen: Die Faust bleibt immer erkennbar 10cm vor dem Gegner stehen, aber dieser fällt getroffen um. Man ringt miteinander, berührt sich also, spannt aber keinerlei Muskel an. Wie im Film!

Prügel

Die Musik ist Allerweltsschlager; keine Spur von Flowerpower; obwohl – doch, es gibt da so Kuschelszenen im Heu in der Scheune.

Den Film sah ich kurz vor und kurz nach der Pubertät und starrte auf die Beine der Damen. Wo blieben all die hübschen Jungschauspielerinnen später? Die spät70er DEFA hatte einen eklatanten Mangel an weiblicher Attraktivität. Nach der Wende kehrte er als „Super-Illu-Klassiker“ wieder. Jetzt, im gesetzteren Alter, gingen mir auch ein paar dechiffrierenswerte Sequenzen auf.

Eine Jungsgruppe von Abiturienten (Frank Schöbel und Co) und eine Mädchengruppe (Chris Doerk und Co) trampen an die Ostsee zum Arbeitseinsatz mit Erholungsbestandteilen; Lager für E&A. Dort gibt es dann eine Reihe von Techtelmechteln unter Verwendung aberwitzig angepasster Dialoge.

Pärchen im Bootsschuppen:

Er „…und dann ließen mich meine Eltern eine Woche keinen Jazz mitschneiden.“

Sie: „Brutaaaal!“

Publikum: Blödsinn! So’n unterbelichteter Teenie und Jazz! Aber Beat oder Rock ging ja nicht 1967! Dann hät‘s der Film ooch nich‘ durch die Zensur geschafft!

Und auch noch das: Immermal wieder pfeift der Rudelführer und dann stecken alle Typen reflexhaft die Köpfe zusammen, wie ne Fußballmannschaft vor dem Spiel. Bei den Mädchen klappt das so ähnlich.

Publikum: Ach du Scheiße! Das hätten se wohl gerne, dass alles so läuft, wie es sich FDJ-Bönzchen vorstellen! Dieses dressierte Mannschaftsverhalten. Schenkelklopf! Und so blöde würden wir dabei aussehen! Pruuust! „Beule! Feife ma‘! Ich willdch auslachng!“

7. Das Beste kommt zum Schluss: Die Krönung dieser Liste: Willst du wirklich DDR verstehen? Willst du das wirklich? Was da so alles zusammenging und warum nicht „alle“ abgehauen sind, als Berlin noch offen war? Dann gibt es nur eins:

Kult!

„BERLIN – Ecke Schönhauser“ (1957) ab 1965 ebenfalls im Giftschrank und erst ab 1990 wieder zu haben. Jugendgang in Ostberlin; glaubhaft ruppig; Eckehard Schall (Brechtschwiegersohn) in Paraderolle als eine Art von Jim Stark/James Dean (Ost) keine gestanzten Floskeln; der Volkspolizist, der den verständnisvollen Papa Ersatz geben will, wird rüde ausgebremst… kommt den James Dean Filmen erstaunlich – und völlig unpeinlich – nahe.

Das XI. Plenum der SED, das berühmte „Kahlschlagsplenum“, das die komplette DEFA-Produktion aller 26 Spielfilme des Produktionszeitraumes 64/65 verbot, Schriftsteller maßregelte, und „mit dem Je-jeh-jeh und wie das alles heißt, schlussmachte“ – verhunzte die Kulturentwicklung der Republik nachhaltig.

Indianerfilme ab’66 gelangen und wurden „wie durch ein Wunder“ erlaubt. Ernstnehmbare Gegenwartsfilme waren unmöglich geworden. Für lange Zeit.

„Die gewöhnungsbedürftige Parabelhaftigkeit des DDR-Films bleibt manchem ein Graus.“ (M. Martin)

Recht hat er!

Mir.

Die verdrängte Zeit

aufwühlendIn den letzten Tagen hab ich „die verdrängte Zeit“ von Marko Martin gelesen. Es wurde ein vielschichtiges Leseerlebnis, das mich dranbleiben ließ.

Es geht um die Frage: Was bleibt von der DDR-Kultur als empfehlenswertes Erbe übrig?

(Und hier verabschieden sich vermutlich schon alle West-Leser, was verständlich ist, da für sie Garcia Marquez näher läge als Strittmatter & Co.)

Für Ost-Leser wurde es ein sehr interessanter Mischmasch, voller „Ach ja‘s“ und „Och nö‘s“, voller Staunen über ein paar Neuigkeiten, voller Kopfschütteln über doch spürbare Auslassungen – kurz: Ein interessantes Wechselbad der Empfindungen.

Zu Beginn ein paar amüsierte Bemerkungen zur Form: Das Buch ist 2020 erschienen. (Tropen-Verlag; Lizenz von Cotta) Vermutlich war da Lockdown-bedingt Zeitdruck bei der Fertigstellung im Spiel, denn:

Ich habe noch NIE ein Buch mit so vielen Druck- oder Tippfehlern, verstümmelten Sätzen oder Verwechslungen von deren/dessen usw. gelesen.

Was auch nervt, ist diese Fremdworthuberei im Schachtelsatz:

Diese clandestine Eloquenz des Feuilletonisten, in kafkaesker Metaphorik dissidentische Subtexte in lyrischer Hinterlassenschaft diverser ostzonaler Widerstands-Nestoren mit Biermann-Trauma dechiffrieren zu wollen.

Damit bringt er die ersten und ca. vorletzten 50 Seiten hin. (Der eigentliche Schluss ist ein sicher „künstlerisch zugespitztes“ Reiseerlebnis im Heimatdorf eben jenes Garcia Marquez in Kolumbien.) Er wertet also vorweg und nachgestellt; als sei er Theo Sommer von der ZEIT, dazwischen, wenn er über die ostzonalen Kulturhighlights und/oder deren Verhinderung spricht, wird er aber wieder Ossi und die Sätze reinigen sich wie von selbst. Jedenfalls in Bezug auf die Fremdwörter.

So entsteht nach aufkommendem Ärger zu Beginn bald schon ein schadenfrohes Genießen des stolpernden Lesevorgangs, denn ich bekomme einiges unter die Nase gerieben, wogegen ich opponieren möchte, was aber nicht möglich ist; und so ermöglichen mir all diese Stolper ein genüssliches Murmeln in der Art: „Bau du erstmal grade Sätze!“ oder „Kein Wunder! Bei DEM Geschmack!“ Aber das liest sich jetzt schlimmer, als es gemeint ist.

Worum geht es nun im Hauptteil konkret:

Um Film, Musik und Buch, wobei die Literatur gewinnt –  in puncto Qualität und Quantität. Hier gibt es vieles, was mal bei Gelegenheit wirklich lockt.

Nicht so beim Film. Er feiert z.B. „Paul und Paula“ (Gähn) und „Das Kaninchen bin ich“. Letzterer einer der verbotenen Filme von 1965, der 1990 uraufgeführt wurde. Für 1965 wär’s ne Sensation gewesen. Insofern sind wir d’accord. Aber: Für heutige Zuschauer ein eher langatmig erzähltes Etwas, trotz des eigentlich brisanten Konfliktes. Tatsächlich schade drum, zumal hier eine wirklich attraktive Angelika Waller in ihrer ersten Filmrolle zu bewundern gewesen wäre. Aber wie müsste der beschaffen sein, der sich die bräsig erzählte Story heute noch antun würde?

„Coming out“, der Schwulen-Film der DDR, der am 9.11.89 Premiere hatte und deshalb unterging, erfährt ebenfalls allerhand Würdigung und dient als Aufhänger für allerlei Wissenswertes über die Schwulenproblematik in der DDR. Schwulen-§ seit 1968 bereits aufgehoben, aber …

Über Ludwig Renn hab ich in diesem Zusammenhang sehr staunen müssen.

Ein erster Höhepunkt des Buches.

Der zweite ist die Würdigung der Gojko-Filme als sachliche Darstellung des Indianer-Themas ohne ideologische Überfrachtung.

Denn wie oft musste ich anderswo die versuchte Verunglimpfung lesen, dass die Gojko-Filme ja angeblich auch Propagandakram seien und aus jedem Dakota-Häuptling einen Lenin machen würden?! Derlei Mist gibt es bei M. Martin nicht. Danke!

In Bezug auf (Rock-)Musik in der DDR wird es dann ganz finster. Den gesamten Ostrock tut er mit einem Satz ab: Domestiziert und langweilig. Naja ‘70 geboren. Dann erzählt er einige wenige Seiten lang etwas über die erste Generation Ost-Punks, die allesamt Stasi-Opfer wurden. Scheinbar ist Herr Martin jedoch musikalisch eher desinteressiert, denn das was hier erzählt wird, gibt es in besser in Roland Galenzas Standartwerk zum Thema „Wir woll’n immer artig sein“. Geschenkt. In Sachen Musik also – nichts.

Zwischen Musik und gesungener Literatur steht allerdings Bettina Wegner. Die Passage über sie ist eine Hommage an sie und die ist ihm gelungen.

Ähnlich versucht er dann, mit Manfred Krugs musikalischer Seite zu verfahren, und da melde ich starke Zweifel an: Einer der 1970 geboren ist, in seiner Jugend inkognito an den BR schrieb und sich Alphaville „Big in Japan“ wünschte, hört heute zu Westzeiten Manne Krugs So-irgendwie-dazwischen-Jazz-Schlager? Er bezieht sich hier auch auf keine konkreten Songs wie bei Bettina Wegner oder seiner Biermann-Verehrung. Will da eventuell einer nur Komplimente fischen?

Auch dass er nun nochmal die gesamte Heldengeschichte von der Biermannresolution 1976 erzählt, so wie sie bis zur Wende geglaubt wurde, nervt. Bei all den anderen Biografien entdeckt er kleinste Stasiverstrickungen und hier entgeht ihm das, was das ganze Puzzle erst stimmig macht? Es fehlt jeder Hinweis auf die Andert/Stuhler-Nachwendeenthüllungen zum Thema Wolf und Margot H. Da wird also weggelassen, damit etwas passt, was passen soll. Nicht zu viele Westleserglaubenskulte erschüttern?

Ähnliches gilt auch für die Abfeier der Integrität von Monika Maron und Günter de Bruyn. Unangepasste Schreiberlinge im Kalten Krieg, harte Kritiker plumper Ostalgie in den 90ern, stimmt. Aber auch heute wieder tapfere Steller unbequemer Fragen in ihren Alterswerken, für die man sie plump in die rechte Ecke rückt – darauf kein hinweisender Nebensatz. An denen ja sonst kein Mangel herrscht.

Was haben wir sonst noch?

Die Hommage an Wolfgang Schreyer und seine Lateinamerika-Thriller. „Der Adjutant“! War das ein gelungener Straßenfeger als Film! Da konnte Peter Ustinow in „Die Stunde der Komödianten“ glatt einpacken!

Das gekonnte Entgegensetzen der teilweise ebenso spannenden Südostasienromane von Harry Thürk, der sich jedoch mit dem „Gaukler“ in belesenen Kreisen der Republik unmöglich machte. „Das fasst man nicht an!“ (O-Ton mein Vater, mit mir im Buchladen) Eine plumpe Propaganda-Schmonzette, die Solschenyzin als Idioten darstellen wollte, dem das FBI seine Romane redigiert. (Wieso eigentlich nicht die CIA? Wenn schon, denn schon. Aber einem wie Thürk war das vermutlich ebenso egal, wie unsereinem der Unterschied zwischen Politbüro und ZK.)

Dann haben wir noch eine lobende Erinnerung an Eduard Klein. Jawoll! „Den Weg der Toten“ muss ich mir für die Rente nochmal raussuchen!

Das Aufdecken der Tatsache, dass praktisch jeder namhafte Autor der DDR eine Exilvergangenheit vor‘45 hat. Was meinen Eindruck schon zu Studenten-Zeiten bestätigt: In diesen Klüngel Boheme-Bonzokratie kämst du ohnehin nicht hinein.

Kurios unterhaltsam die Erinnerung an Max Walter Schulz als zweimaligen One-Night-Stand von Brigitte Reimann. Den hatte ich komplett vergessen. War das ein Buhei um seine Novelle(?) Roman(?) „Der Soldat und die Frau“. Ächz! Was wir da alles hineininterpretieren sollten! Gone with the wind!

Aber um auf die Ausgangsmotivation zurückzukommen: Was wird davon bleiben?

Nichts.

Und das weiß auch der Autor dieses Buches im Stillen.

Aber selbst wenn er in vorbelasteter Familie aufwuchs, deshalb frühzeitig Ausreiseantrag stellte, und im Mai’89 endlich „aus der Staatsbürgerschaft der DDR entlassen“ wurde; niemand entkommt seiner Prägung.

Auch wenn er heute woanders wohnt und die Heimatregion meidet, weil sie ihn in erster Linie an Gängelung und Vorladungen erinnert; „angekommen“ in der Westwelt isser eben auch nicht.

Auch wenn er sich alle Mühe gibt, dieselbe zu preisen.

Seite 216 zeigt das deutlich. MEIN Höhepunkt des Buches!

Da steht er nun also weitgereist und welterfahren mit seiner Gießkanne und hat keine Wurzel, die er gießen könnte.

Deshalb schrieb er sich halt von der Seele, was ihn die ersten 20 Jahre kulturell prägte und was er inzwischen an Hintergründen zu Werk und Autoren erfuhr.

Gut so.

Jersey Boys (III)

 

„Sgt.Pepper“? Brauch ich nicht mehr.

„Her Satanic Majesties Request“? Zurecht vergessen.

„Tommy“? War mir immer schon nüschd. Nur 6 Minuten gute Musik auf einem Doppelalbum.

„Quadrophenia“ War mal ne schöne Konzeptidee, die heute musikalisch nicht mehr kickt.

„The Wall“? Völlig überschätzt. Immerhin 15 gute Minuten.

„Pet Sounds“? Och, naja…muss oooch nich‘ sein.

Welche großen Konzeptalben lasse ich auch heute noch an meine Ohren?

Johnny Cashs „This Train I’m on“.

Johnny Cashs genialen Indianer-Lieder-Zyklus „Bitter Tears“.

Das Konzepttrümmeralbum der Bee Gees „Odessa“.

Pink Floyds „Wish you were here“, DAS war einfach „meine“ Zeit!

Und vor allem „The Genuine Imitation Life Gazette“ von den 4 Seasons. Vor 10 Jahren erst entdeckt!

Ja, die 4 Seasons haben ein Konzeptalbum zu bieten!

Aus dem Jahre ’69!

Es floppte krachend.

Denn es ohrfeigte den Zeitgeist!

Mit 17/18/19 Jahren hätten mir zwar einige der Inhalte auch schon gefallen, aber 1. war das Schulenglisch noch nicht so weit und 2. wäre DIESE Art Musik damals nicht mein Fall gewesen. Es ist progressiv, aber kein Artrock im herkömmlichen Sinne. Kein krummtaktiger Trümmersalat aus Mitsingpassagen und Verdun-Soundtrack, sondern so eine Art Swing-Oratorium, das aber fast ganz ohne Bläser auskommt. Liest sich komisch – issaberso! Gitarrensoli gibt es auch keine.

Und dann wäre da noch die Vorgeschichte, die der Eastwood-Film antippt, ohne das Album und die mit ihm einsetzende Pechsträhne zu erwähnen. Weitere Erklär-Puzzle-Teile stehen in den Booklets diverser CDs.

  1. Las Vegas statt Woodstock

Bis 1968 lief die Hitmaschine der 5 (die den Drummer meist versteckten) wie geschmiert, auch wenn Europa das nicht mehr mitbekam, weil alles auf die britischen Bands starrte. Die 4 Seasons waren die Amerikaner, die daheim den Beatles doch hinundwieder einen Spitzenplatz streitig machen konnten. Manche Medien verpassten ihnen den Stempel „die Beatles Amerikas“ zu sein.

1969 riss der Glücksfaden gleich doppelt, nämlich mit besagtem Steuernachzahlungsproblem UND mit der Idee zum Konzeptalbum.

(Ich weiß nun nicht exakt, ob erst die Steuerfahndung kam, und das große Kunstwerk dieses Problem im Handumdrehen lösen sollte, oder ob das Album zuerst erschien, immense Gelder verschlang, floppte – und die Steuer dann noch einen draufsetzte.)

Auf jeden Fall hatte Bob Gaudio da etwas sehr Kluges im Sinn, nachdem er Jake Holmes kennengelernt hatte. Jake Holmes, machte grade in New York Furore als sarkastischer Kabarettist. Seine Programme in Greenich Village halten den Hippies dort den Spiegel vor: Er watscht sie ab und sie feiern‘s mit Gelächter. Eine frühe Form des Roastens. Gleichzeitig aber schrieb er „Dazed and Confused“ und verkaufte den Text – na wem wohl? Gaudio glaubte, einen Bruder im Geiste gefunden zu haben.

Seine Band war ihm ein mittlerer Graus. Der Pate hatte ihn da reingebracht. Dass Valli ein Braver war und ein Goldkehlchen hatte, das war schnell zu ersehen gewesen und den wollte er auch auf keinen Fall verlieren, aber diese andern Typen –  es nervte, ausgerechnet sowas reich zu machen!

Eastwoods Film illustriert sowohl ihre stümperhafte Kriminalität, als auch ihre eher niedrigen Ansprüche an das eigene musikalische Können. Gaudio aber sah sich – in Las Vegas! Member of Ratpack! Früher oder später. Irgendwann musste er kommen, der Kontakt zu Sinatra!

Wenn so einer nun ein Konzeptalbum angeht, dann ist klar, dass das nicht nach kosmischem Drogennebel oder gar Blues klingen würde.

Die deVito-Band soff und hurte, wie der Film verdeutlicht; ohne Valli und Gaudio, aber sie hielt sich „clean“, was die „Substanzen“ betraf.

Sie haderten mit der Bevorzugung der englischen Musikinvasoren. Plötzlich bekamen die automatisch die Hauptact-Rolle; die erfolgreichste Ami-Band musste sich mit Vorgruppenstatus begnügen, wenn sie überhaupt dabei sein wollte. Bei Auftrittsverhandlungen wurde man gefragt, ob man Beatles-Titel im Repertoire hätte, denn das wollten die Leute. Wenn man dann diese shitty-britty-horse-face-bums reden hörte, waren die entweder halluzinierend weggetreten oder derart arrogant, dass man das Kotzen bekam. Und denen den Vortritt lassen? Niemals!

Guck sie dir an: Tun so, als ob ihre Vorfahren unter Peitschenhieben Baumwolle gepflückt hätten und kommen von Eton! Was soll das? Ganzjahresfasching oder was?

Also blieben die Haare kurz. Bärte kamen nicht in Frage! Die Teppichweste blieb aus!

Die erste Watsche, die sich Gaudio bereits 1964 erlaubt, ist DIESE.(Klick)

Um nicht verklagt zu werden, wird ein Pseudonym auf die Singlecover gedruckt, dann das Beschwichtigungsmärchen in die Welt gesetzt, das sei Jazzgesang im Stil der legendären Rose Murphy, eine doppelte Reminiszenz also. Die Medien greifen das dankbar auf, der Song wird Hit und „His Bobness“ kifft sich stinkig den Frust weg und sinniert über Urheberrechtsabsicherung für die Zukunft.

Ein Jahr später folgt die „Beggars Parade“:

„Your Skin is thin, mine is too,

what’s so special about you?

Make excuses ’cause you just can’t make the grade….

Why you should work, without a rest,

when it’s easier to protest…”

Die naive Wohlstandsentsagung all dieser Elite-Hippies stört nicht nur Gaudio, sondern auch die deVito-Fraktion in der Band. Wenn du ganz von unten kommst, und es nach oben schaffst, dann schwillt dir nun mal der Kamm, wenn da so Typen frisch von der Mutterbrust kommen und „a hard days night“ verkünden oder „can’t buy me love“. Ham die ne Ahnung, ey!

Im „December‘63“ hatte deVito eine Hure zuviel bestellt und sie dem Miesepeter Gaudio, der sich von den Bandorgien ausschloss, in sein Einzelzimmer geschickt. Nicht ohne ihr einen Schein extra zuzustecken, mit dem Auftrag, sich ja nicht abweisen zu lassen. Schlüsselerlebnis. Welthit!

Schlag 3 soll nun das Album werden.

  1. Die astreine Lebenskrücken-Gazette

Als Gaudio und Holmes der Firma das Libretto zeigen, ist die entsetzt. Neun Songs. Unverkäuflich kompliziert. Nirgends ein Ohrwurm wie bisher!  Dazu der Coverentwurf, der prächtig ist und teuer wird. (Noch muss das alles per Hand gesetzt, kombiniert, gelayoutet werden.) Eine 6seitige Zeitung. Zu jedem Song gibt es einen Artikel, Pressefotos oder Karikaturen. Ein künstlerisches Gesamtpaket aus Dichtung, Bild und Ton!Bild (22)

John Lennon feiert das Album und klaut sich die Zeitungsidee später für „Sometimes in New York City“. Jethro Tulls „Thick as a brick“ – noch ein Fake-Blatt.

„The Genuine Imitation Life Gazette“ erscheint im Woodstock-Jahr, verdämmert 6 Wochen auf hinteren 90er Plätzen der „Hot hundred“ und ward dann 40 Jahre nicht mehr gesehen.

Die beiden legen den Finger in alle Wunden, die das Hippietum so mit sich bringt. Eine Sache allerdings sparen sie aus: „Make love not war!“ – die Kritik am Vietnamkrieg – wird nicht durch den Kakao gezogen. Auf dem Plattencover befindet sich unter anderem ein Uncle Sam („the Army needs you!“) vor Börsenkurs-Tabellen. Ein deutlicher Hinweis, dass man diesbezüglich kein Problem mit dem Zeitgeist hat, sondern die „Demokratiebringephrase“ genauso durchschaut, wie ein Dylan oder Donovan.

Worum geht’s nun konkret:

Track 1 „American Crucifixion and Ressurection“ ist ein 7Minüter; der Crosby Stills Nash & Young zeigt, was geht. Der Band-Chor singt die eine Songebene (die große Politik) und Valli lamentiert die andere Ebene dazwischen (die Alltäglichkeit).

Amerikanische Kreuzigung und Wiederauferstehung; wer die Überschrift für bare Münze nimmt, glaubt, die Platte liegt im Trend: Amerika erneuert sich gerade via Studentenbewegung. Passt!

Im Text des Songs gibt es zum einen die anschauliche Allegorie, dass die Knechte und die Sklaven, die gesprengten Ketten noch um den Hals, vor dem Palast des Prince of Peace stehen, der ihnen das Licht versprach: Nun realisieren sie, dass der Prinz ein Langschläfer ist – denn nichts passiert. Dylan?

Die Revolte ging führungslos „ins Blaue“ und erzeugte nun – viel Musik, gesellschaftlich aber keinen Wandel. Johnson ging und Nixon kam. Studenten belagerten Weißes Haus und Capitol.

Ein Schelm, wer an das Capitol 2021 denkt! Als die Massen eingedrungen waren – machten sie Selfies!

1969 haben sie immerhin die Wehrpflicht beerdigt und Nixon zu Friedensgesprächen mit Vietnam gedrängt. „Even Richard Nixon has got soul.“ (Neil Young war damals die Michelle Obama) Und für das entgangene Vietnam entschädigte sich die Machtzentrale mit ein paar feschen Juntas im Hinterhof, waydown south; Argentina, Brasil, Chile, Haiti, Dom.Rep.,…

Also wer wird hier gekreuzigt, und wer steht wieder auf?

Valli steuert den upcoming Hellikoptervater bei: Ein Jüngelchen erhält beste Bildung; bekommt Fairness und Gewaltverzicht anerzogen, erfüllt die Anforderungen seiner Lehrer aufs perfekteste. Aber draußen lauert das Leben in Form eines fiesen Chefs, und der nutzt den Träumer nach Strich und Faden aus, bis dieser merkt: Ich muss alles über Bord schmeißen, was sie mir eingebläut haben. Ich erinnere mich meiner Fäuste und meiner Ellbogen – und lerne diese zu gebrauchen: „Platz da! Oder aufs Maul!“ (Seine Lehrer würden ihn nicht wiedererkennen.)

Es folgt „Mrs. Statelys Garden“. Ein Antwortsong auf „Eleonore Rigby“. Wir erinnern uns an jene Mitleids-Ode über die alte vereinsamte Frau und Vater McKenzie, die Paul McCartney schuf.

Was wird aus dem Rentnerthema, wenn ein Roaster wie Holmes sich dessen annimmt?

In „Mrs. Statelys Garden“ trifft sich regelmäßig das Kränzchen alter Witwen, die die Neuigkeiten ihrer Umgebung durchgehen:

Hast du schon gehört? Nachbars Tochter – tot. Soll schwanger gewesen sein. Selbstmord. Armes Ding. Elli, du sitzt auf meinem Hut! Nu isser hin! Armes Ding!

Mitleid mit den Opfern der „freien Liebe“? Fehlanzeige.

In „Look up look over“ beschreibt Valli in einem reimlosen Lamento zu einer seltsamen Nicht-Komposition, dass er seiner Freundin übers Haar streichen kann und sie dann noch ein klein wenig Reaktion zeigt; ansonsten ist sie „gone“, obwohl sie anwesend ist. Syd Barett fällt mir ein. Ein Drogenopfer, dass sich das Hirn zerschoss. Und nun muss jemand die Reste pflegen. Nicht tot und nicht lebendig. Nicht weg und auch nicht da.

Bei Track 4 fällt mir „Singing in the rain ein“, die Nummer geht am deutlichsten in Richtung alter Tanz-Hollywoodstreifen: da schwärmt einer, wie toll das ist, dass er die Liebe in den Augen seiner Freundin sieht – bis in der letzten Strophe deutlich wird, dass er sich fürchtet, dass ihr Mann das auch sehen könnte. Ein Ehe-Crasher also auf frischer Tat.

Song 5 schildert die Folgen von sowas: Scheidung – und die vorhandenen Kinder müssen pendeln. Der „Saturday-Father“ holt seine Tochter von der Ex, macht ihr einen schönen Tag und erträgt es nicht, wenn sie bei der abendlichen Rückkehr weint. „Wer zweimal mit der gleichen pennt, gehört schon zum Establishment!“ „Make love not war!“ (und scheiß auf die Folgen!) Die Sexuelle „Befreiung“ ist in den Augen katholisch aufgewachsener Italiener die absolute Pest. Valli hat sein erstes Groupie, eine 10 Jahre ältere Musikjournalistin, geheiratet; es ging 5-6 Jahre gut. Dann traf es die ebenso alte Tochter, als es aus war. Sie wird Song 3 durchleben und durchleiden. Ihr blieben noch 10 Jahre. Gaudio hatte sich den Orgien entzogen. Die Dame, die ihm deVito im „December’63“ auf die Bude schickte, blieb eine „Lady“ für ihn.

Song 6 beschreibt, indem 2x dieselbe lange Strophe gesungen wird, die sich nur durch 2 Auswechslungen unterscheiden, wie der Lauf der Welt allweil derselbe bleibt: Die Uptown People sehnen sich nach dem „Ausstieg“ ins Village, die Künstlerkolonie. Sie ahnen nicht, was auf sie zukäme, würden sie es tun. Die Downtown People sehnen sich nach der Wallstreet und den teuren Läden da: Jeder idealisiert, was ihm fehlt. „Nenn es wie du willst, es ist immer dasselbe“. Hier geht der Text über die „Beggars parade“ vier Jahre zuvor hinaus: Es gibt nicht nur die Banker’s son’s, die sich ins utopische Armutsparadies träumen. Die Bovary bums. Es geht allen so.

Es folgt, sowas wie der Title-Track „Die wahrhaftige Lebensimitation“

Die in der Strophe gipfelt:

Old friends get together
But it’s solitaire they play
Everybody’s rainbows
Dressed in different shades of gray
It’s a lovely place to visit
But I wouldn’t want to stay

La-la-lalalala-hey Jude…

Wo alles auf „Solitaire“ (Ichbezogenheit/Selbstverwirklichung) gepolt ist, gehen die Ehen in die Brüche und die „Scheidungskids“ müssen getröstet werden, wenn sich denn ein Tröster findet.

„Idaho“ wurde auf Wunsch der Plattenfirma eingeschoben. Ein „Hit“ in bewährter Form sollte in dieses schwer verdauliche Oratorium einfließen. Gaudio und Holmes parierten. Die Nummer klingt wie früher, aber der Text erinnert an NDW-Nonsens der Marke „Prima Klima (fahr ich sofort nach Lima)“ Idaho, das macht mich so froh, ja das reimt sich so, Kinder suchen, Apfelkuchen, Idaho, weit und breit kein Klo…“ so in der Art. Idaho wurde eine Single und – verfehlte die Charts.

In „Wundern, was aus dir werden wird“ lamentiert der kopfschüttelnde Vater nochmal, ganz ähnlich der „Beggars Parade“, dass sich wegen der „Revolution“ die Studienzeiten des Kindes unabsehbar in die Länge zieh‘n, dass die weltrevolutionären Ausreden, warum kein Abschluss erfolgt, den Geldgeber nerven wie Hölle – zumal in Amerika, wo die Familie die Altersabsicherung ist. Was, wenn der Filius stur bleibt und ein Leben lang nur kifft und Blumen sät?

Die „Seele der Frau“ solls retten. Finde eine, heirate eine, mach ein Kind oder zwei, dann keimt hoffentlich Verantwortungsgefühl. Ihre Seele wird den Laden zusammenhalten. Seid nett zueinander. Was du gibst, soll später auch zurückkommen. (Nun – das gelingt in sehr vielen Fällen nicht. Der Neoliberalismus und die Verelendung der Fly-over-States zwangen zum flexiblen Herumvagabundieren auf immer größeren Distanzen zum Elternhaus. Auch das hat die „Revolution“ von damals nicht hinbekommen.

  1. Fazit

Wer hätte das kaufen sollen? Die Hippie-Generation inclusive aller Mitläufer fiel aus. Die bisherigen 4 Seasons-Single-Buyers ebenfalls: Hausfrauen und Redneckerinen brauchten Sound zum Geschirrabtrocknen und zum Tanzen. Und wenn es schon um Scheidungen und dergleichen Alptraumszenarien gehen muss, dann bitte mit Country-Untermalung. Die konservative junge Landbevölkerung? Typen, die die „Easy Rider“ erschossen und an der weißen Kapuze nähen ? Die störte schon, dass der Kram von Ostküsten-Ithakern stammte! Kurz vor „Nigger“ gewissermaßen. Es gab also gar keine Zielgruppe.

Somit grenzt es schon an ein Wunder, dass das Album 6 Wochen around Platz 96 in den Charts verbrachte. Aber vielleicht waren das die Rückkäufe der Firma, wie das so üblich ist, im Business, dann und wann.

John Lennon soll begeistert gewesen sein. Man weiß jedoch nicht weshalb. War‘s die  Anti-Eleonore Rigby? Die McCartney-Watsche? 1969 – da mochten sich die Fab Four nicht mehr. 1971 entstand „How did you sleep?“

Neil Young, Robbie Robertson, Ian Gillan schreiben heute, am Ende ihres Lebens, Texte, wie Gaudio 1969.

Und ein gewisser Frank Sinatra meldete sich bei Gaudio: Er will auch so ein Album. Holmes und Gaudio konzipieren „Watertown“ für den „anderen Frank“. Es floppt 1971 genauso. Und gilt heute Kennern als ein ebenso gesuchtes Kleinod wie die

Einzig wahre Lebenskrücken-Gazette.

Und was hat das nun mit mir zu tun?

Als ein 78er lebe ich einer vormundschaftlichen Generation hinterher. Es geht nicht anders. Es hat sich biologisch so ergeben. Meine Generation hat keine Trends gesetzt. Sie verdämmerte in Nischen. Hielt sich „still zurück für ein ganz privates Glück“ oder erlitt großmäulig Schiffbruch beim Anbiedern an „die Großen“ oder als Punk-Exot für „die Kleeen“.

Dazwischen ich – nun relativ schachmatt. (bissel Niedecken-Klau; sorry)

Ich wollte die Mähne, ich verehrte Hendrix & Co, ich wollte Jeans, Hippieketten und breite Ledergürtel. Eine Art Vorturner in all diesen Dingen war mein Cousin väterlicherseits in Bitterfeld.

Das familiäre Pflichttreffen der Großmutter zuliebe, war Gesetz. Da er ein Jahr älter war als ich, war er immer einen Schritt voraus und bekam das 68er Feeling früher ab. Was hab ich sein Black Sabbath Poster bestaunt mit 13 – und sein großes Spulentonband!

Auf den Heimfahrten begann ich dann für gewöhnlich zu nerven, um erlaubt zu bekommen, was ihm gestattet war.

Während des Pfingstbesuches 1975, wurde ich Ohrenzeuge, wie er am Kaffeetisch seine Eltern mit Vornamen anredete. „Toni, gib ma‘ Schlagsahne rüber.“ „N Hund zu haben, wär nich‘ schlecht, aber die Margot würde‘n nich‘ in de Wohnung lassen.“  Als wir heimfuhren, fragte mich meine Mutter, wie ich das gefunden hätte, und ob ich das nun auch so machen wolle.

„Um Gottes Willen!“, entfuhr es mir.

Vorn im Auto sackten meine Eltern erleichtert zusammen. Von Vatern erntete ich ein seltenes Lob: „Na Gott sei Dank! Ich hab enn vornümftchn Sohn!“ Mir war an dem Tag bewusst geworden, dass da etwas nicht stimmt an diesen Hippiemoden. Anfang ’78 trug ich wieder Igel. Punk ist, wenn man trotzdem lacht.

Sometimes Flowers ain’t enough. (Ian Hunter)