Abu Alkalam

oder:  Der Vater der Worte

oder: Karl May (VI)

Der Vater der Worte ist ein Leben lang auf den Spuren des Siddih unterwegs. Wo immer Karl May einst weilte, da weilte auch er – rund 100 Jahre später. Oder einer seiner Mitstreiter vom kleinen feinen Club „Karl May in Leipzig“.

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Er weiß, wann welche Magd den Meister einst verklagte; mit welcher ihm Kinderzeugung unterstellt wurde, warum dies aber nicht sein kann –

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und dass er, der sich phasenweise für Old Shatterhand hielt, privat nur kleine Hunde hatte.

Als einer dieser Dackel spitzbekam, wie man, per Dampfer über die Elbe kommt, wenn auf der anderen Flussseite eine Dackeldame heiß ist, soll jener tollkühne Rattler doch tatsächlich sich daheim fortgestohlen haben, hin zur Anlegestelle. Bei Anlegen des Schiffes sei er dann eigenpfotig und ohne Herrchen an Bord gegangen – aber vom Kapitän erkannt worden. Am anderen Ufer stieg er zielbewusst aus, verlustierte sich einen Tag lang – und beim abendlichen Anlegen der Fähre gings zurück zum Futterschüsselchen im Hause Old Shatterhands, das damals noch in Dresden stand, da das Radebeuler Domizil noch nicht gefunden war.

Diese und andere Geschichten erzählte Abu Alkalams Zeitschrift Club-Mitgliedern und Gleichgesinnten seit rund 30 Jahren. Was Mühe macht in der Akquise immer neuer Episoden und Legenden über den Radebeuler Alleskönner, der uns einst mit Pulverdampf und Lagerfeuergefahren versorgte, um Pioniernachmittage, verbracht bei dröger Bastelei und FDJ-Studienjahre vergessen zu helfen.

So begab sich der Abu an all die Orte, in denen Werke und Artikel des Meisters entstanden waren, in Archive, in denen noch immer die vielen Prozess-Akten schlummern, auf die Friedhöfe an die Gräber der Lehrer und Freunde des kleinen Großen und-und-und…

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Als er – inshallah! – das In-dher-nedd durchquerte, gewahrte er eine Oase in der Reisende bei ihrer Rast alles das erzählen konnten, was zu Hause nicht mal ihr Friseur hätte hören wollen. Der Serdar dort, Bladd Sch’nn Walidu Alshaku, der Vater des Zweifels, brachte selbst den Zuhörern allerhand Kurioses über die Bücher Kara Ben Nemsis zu Gehör, so dass der Vater der Worte beschloss, eine dieser Geschichten daheim in sein Blatt aufzunehmen; denn trotz der großen räumlichen Entfernung erschien ihm jener Bladd Sch‘nn abn tabib mashia als ein irgendwie entfernter Bruder im Geiste.

Bild (25)

So kam es, dass im September’20 wiederum ein Heft den Weg an die Krippen und Kamine der letzten aufrechten „edlen Wilden von ehemals“ seinen Weg fand. Voller Recherchen und Geschichten aus einer Zeit, da in Germanistan noch die Germanistanis lebten und im Orient die Wüstensöhne mit ihren Harems; da man unbeglotzt Indianerspiele betrieb, und noch keine alte Helikopter-Squaw dazwischenzankte, weil wir lieber schossen, statt uns beim Zwangs-Crepes-Backen und Mandala malen ihr verquastes Maharishi-Hippie-Geseier anzuhören und die Abenteuerlust austreiben zu lassen. Howgh!

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Salam Aleikum!

Unverwüstlich (Filme)

10 Filme, die Bludgeon empfiehlt:

Da ich mich neulich im Blog von FilmkritikenOD herumgetrieben habe, dachte ich mir: Bist zwar kein Film- oder Serienjunkie – aber ne Liste der besten und vielleicht auch eine der schlechtesten Filme „aller Zeiten“, die du gesehen hast, könnteste ja mal zusammenstellen.

Als Kind der 60er und 70er Jahre war ich natürlich massenhaft im Kino, auch der Fernseher lief mitunter heiß; egal, ob man in vorpubertärem Zustand den Gegenwartsfilm da nun verstand oder nicht … da sammelt sich in der Erinnerung so einiges an, verschiebt sich und verklärt sich. Kulte brechen weg, ehemalige Graupen entpuppen sich in reiferem Alter bei Zweit- oder Drittbetrachtung nun als Perlen und wieder anderes bleibt in der Wirkung gleich oder wächst mit.

Starten will ich mit 2 Filmen der letztgenannten Kategorie:

Zum Besten, was ich gefühlt nun hundertmal gesehen habe, zählen 2 Filme des Gojko-Universums nach wie vor:

– Die Söhne der großen Bärin;

– Die Spur des Falken;

In den 60ern für die Zielgruppe Kind gedreht, in Sachen Filmmusik und Kostüme bei Lex Barker und Pierre Brice abgekupfert, erlebten diese Filme in der Familie mehrere Revivals, begeisterten diese beiden DEFA-Streifen mich mit 8 im Kino, mit 14 im Fernsehen, mit 33 auf VHS und mit 43 auf DVD – immer aus ein bissl anderen Gründen. (Und immer mit einem Rucksack an Erinnerungen hintendran. Kindheit. Faschingskostüme. Wäscheleinenlassos. Little Bighorn im Saaletal. Schulhoffachsimpeleien. Film- und Buchvergleiche). Dann waren die Familien-DVDs eine Weile verschollen, bis ich mitbekam, dass sie im Kinderzimmer in der töchterlichen DVD-Sammlung „still enteignet“ worden waren.

Die Filme sind deutlich besser gealtert als das Barker/Brice-Schaffen. Letztere wirken heute auf mich wie Heimatfilme mit „Federn offm Kopp“. Schmalzige Dialoge, schlecht ge-faked-e Action – ich zappte neulich gelangweilt weg.

Die beiden Gojko-Streifen erzählen a) die Indianergeschichte richtig herum und b) haben manche Dialoge und Kostüme DDRtypisch doppelten Boden und laden zum Interpretieren ein. Immernoch sehenswert und Soundtracks im Böttcher-Style von Karl-Ernst Sasse.

Die nächsten beiden sind wieder zwei aus demselben Hause:

2x James Dean!

Warum nicht alle 3?

Nun: Wenn du im Teenie-Alter auf den Rock&Roll-Trichter der 50er kommst, obwohl die Zeichen DEINER Jugend eher auf Prog und/oder Punk stehen, dann hörst du in jeder zweiten Oldies-Sendung Hinweise auf die Wirkung jenes frühen Toten, der da Elvis beeinflusst haben soll; der da überhaupt das Thema „Coming of age Film“ und „gebrochener Held“ aufs Tablett gebracht hat – und du gierst nach diesen Filmen! Dann kommen sie endlich ins Westfernsehen (so 77 oder 78 herum) und werden in Reihenfolge ihres Entstehens gesendet. „Jenseits von Eden“ ließ uns ratlos zurück. Auf dem Schulhof am nächsten Tag zwar Autosuggestion bei allen „Das war James Dean!“ (Das muss man mögen! Alle sagen das sei Kult!) Aber eigentlich: Zuviel Geflenne für 17jährige Kerle. Ein Vater-Sohn-Konflikt, der nicht der unsere war. Ich hatte einfach seitdem keine Lust, mir den ein zweites Mal anzutun.

Die anderen beiden: „…denn sie wissen nicht, was sie tun“ und „Giganten“ schienen auf Anhieb verständlich und ihre Wirkung wuchs bei Erlangung des nächsten Reifegrades des Betrachters automatisch mit. Die psychologische Akribie, wie hier die Charaktere vorgestellt und entwickelt werden! Und zwar im nahezu kompletten Ensemble! Nicht nur 2 Superhelden und platte Statisten! Die zur Schau gestellten Probleme so „heutig“! 1953 wie 1977 wie 2020! Filme sind ein schnell veraltendes Kulturgut. DIESE beiden NICHT!

1977 hab ich – und nicht nur ich allein – den Jim Stark als „frei“ deutlich missverstanden. Was die alles dürfen da drühm! Jeder Schüler hat da’n Auto! Und was für eins! – Mauerjahre eben.

1999 herum, beim Kauf der DVD hatte uns das dargestellte Elend eingeholt. „Der Wohnblock liegt im Park, wie ein böses Tier….“ Silly hatten 1989 noch vor dem Mauerfall davon gesungen, weil es in Ostberlin längst soweit war. Ab 1990 kam das auch in die Provinz… James Dean hatte das 1953 gespielt!

„Giganten“ ist eine Familiensaga der Extraklasse. Jedes Detail sitzt. Die reiche Familie mit der bösen alten Großmutter, die dem Knecht ein Stück Land vererbt, um die Sippe zu ärgern. Der findet dann dort Erdöl, wird reich, bleibt aber ein armseliges, neureiches Würstchen. Immerhin ging der Plan der nun toten Oma auf: Ihrer Sippe ist er schwer im Weg. Aber die hat noch andere Probleme: Der Vater, der sich über den Stammhalter freut und dann enttäuscht ist, als er merkt – der kommt nicht nach ihm; ist kein Cowboy, will nicht in den Sattel, will „studieren“! Iiiiih! Der Sohn liebt eine Mexicanerin! Rassenschande! Texas 1956. Er kann sie in der Kneipe vor den Anpöblungen des Wirtes und der Barflies nicht schützen, Intelligenz vs. Idiotenmehrheit; also drischt der Schwiegervater mit. Er gewinnt nicht. Aber sein Rassismus bröckelt. Für die Ehre der Family! Zeitlos. Da kurz vor Fertigstellung des Films jener heute sagenumwobene Unfall stattfand, der James Dean das Leben kostete, wird tragischerweise der Film seither in der medialen Wahrnehmung auf ihn und seine (Neben-)Rolle reduziert. Da fällt soooo viel unbeachtet unter den Tisch! Deshalb bleibt andererseits viel Nichtzerredetes zum Entdecken übrig.

Das nächste Film-Doppel stammt von Leander Haussmann. Das sind so zwei Filme, die ich hätte drehen wollen, wenn ich Regisseur wäre:

– Sonnenallee;

– NVA.

GENAUSO WAR’S! Damals in der Dederätä!

Sonnenallee ist erfolgreich genug. Muss man nicht allzuviel dazu sagen. Außer: Wenn du Wessi bist und Ossi-Bekannte hast, frag sie doch mal, warum „Moscow“ von Wonderland so ein langlebiger Kultsong im Osten war. Mal sehen, was dir dann so erzählt wird. Wegen „Moscow“ konnten DJs auch anfang der 80er noch richtig Ärger kriegen. Siehe Detlev Buck im Film.

„NVA“ ging unverdientermaßen relativ unbeachtet unter. Ich weiß nicht, wo Haussmann hat dienen müssen. Als Schauspielersohn und Regie-Student ist aber Prora oder Eggesin sehr wahrscheinlich. Ich saß im Kino mit meinem Sohn, habe Tränen gelacht, alte Beklemmungen wollten sich nähern, aber die nächste Pointe war schon auf dem Weg, die nächste Lachsalve zertrümmerte den heraufziehenden Alp. Groooooßartige Darstellung der führungsunfähigen Führer! Idioten-Crew! Die perfekte Schwejkiade für die Neuzeit! Der Film war aus, das Licht ging an. Ich hatte noch zu tun mir atemlos die Lachtränen aus den Augen zu wischen, da hörte ich meinen Sohn grinsend den Satz der Sätze sprechen: „Jo! Alles so, wie du’s immer erzählt hast.“

Auf einer Bludgeon-Bestenliste dürfen die nächsten beiden auf keinen Fall fehlen:

– Alois Nebel

– Nebraska

Beide zu gleicher Zeit kennengelernt und bisher viel zu wenig Leute getroffen, die diese Filme auch mögen, oder wenigstens kennen würden.

Zu Alois Nebel hab ich hier schon genug geschwärmt.

Nebraska ist ein meisterhafter Road-Movie, der zum einen ein ganz tolles Vater-Sohn-Verhältnis schildert und zum anderen ein realistisch armseliges Amerikabild transportiert: Vater in zunehmendem Altersstarrsinn glaubt einem Reklameversprechen, er habe in Nebraska eine Million gewonnen. Dumm nur, dass er am Fuße der Rocky’s lebt. Frau und Söhne sind genervt von dem alten Idioten. Ein Sohn fährt ihn schließlich durch viele Fly-Over-States Richtung Ostküste, um ihm zu beweisen, dass da in Nebraska keine Million auf ihn wartet. Dabei treffen sie auf jahrzehntelang nicht besuchte Verwandte, elende Hirnis, die ihnen bewusstwerden lassen, dass sie es weitergebracht haben als diese; auf ehemalige Berufsstationen und immer andere Sichtweisen auf zurückliegende Lebensabschnitte des Vaters. Der Sohn lernt ihn Stück für Stück besser kennen – und achten. Zeitgleich kaufte ich „ST Arkansas“ von Pere Ubu – und als ich mich mit den Texten dort befasste, erschien mir die Platte wie ein ergänzender Filmsoundtrack.

Bleiben noch zwei Nennungen um auf 10 Klassiker zu kommen übrig.

Da wäre zum einen zu erwähnen, dass zum Soundtrack meines Lebens an exponierter Stelle die NDW gehört und dass ich 1983 ein Radiokonzert von Thommy Beyer aufnahm. Einer meiner Heroes jener Tage! Da machte er die Ansage, dass „die Spitzenklöpplerin“ sein Lieblingsfilm sei und deshalb nun ein Song im Sinne des dort beschriebenen Liebesverhältnisses käme. Den Song hab ich vergessen. Die Ansage nicht, weil just ein paar Monate später „Die Spitzenklöpplerin“ als DDR-Taschenbuch erschien und der Film im Film-Casino „für Kenner“ -ich glaube auch nur einmalig – gezeigt wurde. Ohne Thommy Beyer hätte ich mich weder um das Buch noch um den Film geschert. Das Buch ist gut – aber der Film ist toll! Eine ganz feinfühlig erzählte, traurige Liebesgeschichte. Student liebt Friseuse. 70er Jahre. 20. Jahrhundert. Aber etwas kommt dazwischen…  (In meiner Heyse-Lesephase der letzten Zeit kam mir die Schluss-Sequenz immer wieder in den Sinn.) Ich war frisch verlobt. Die Zukünftige neben mir. Die erzählten da auf der Leinwand unser Leben – aber wir beschlossen, den grässlichen Schluss wegzulassen! Beyer hatte Recht: Den sollte man gesehen haben!

Last not least – die 10. Nennung:

-Zwei Cheyenne auf dem Highway;

Nochmal ein Road-Movie und nochmal Indianerthematik. USA 1987: „Was meinen Sie, wo Sie hier sind! Hier beginnt die 3. Welt!“ schreit der AIM-Bürgerrechtler den Bodenspekulanten an. Realistische Gegenwart im Mittleren Westen dort. Armselig, aber nicht deprimierend abgefilmt. Komödie, Bürgerrechtsdrama, Traditionspflege-Lehrstück, Anti-Western, Road-Movie von „Handmade Films“ hergestellt, sponsered by George Harrison. Die Filmmusik ist die erste LP von Robbie Robertson. Sehens- und hörenswert immer- und immerwieder.

Tanz-Fee

„GYPSY“ Stevie Nicks/Fleetwood Mac 1982

dt. Version: Bludgeon 2020

Klick hier

 

Stevie 1977

Stevie Nicks 1977

Bin zurück nun in meinem Mädchen-Underground

Im alten Zimmer, dass mich mag

Raum voller Poster und Rummel-Blumen

Bin ich wieder die Tanzfee, die ich wa-har.

Die kleine Tanzmaus, die ich wa-har

Ja es kommt mir oft ein, du weißt,

dass der Blitz die Nacht zerreißt

zeigt dir grell, wer du sein willst und wer du bist

Rosen pflückst oder Nägel frisst

Lösch das Licht aus – scheuch den Driss

Seh ich die Tanzmaus, die ich wa-har

Die coole Tanzfee –  Schulhofsta-har.

Du siehst die Tanzfee

Diese Elfe verwirrt

Ihre Haltung ist Freiheit

Doch sie macht auf verirrt

Pfeif auf den Schiss jetzt

Denn sie hat keine Angst

Dreht sich um sich selbst now

Weiß, dass du verlangst.

Als ich ein Kind war

Da suchte ich Love

Doch die zärtliche Liebe

War immer somewhere above

Sie blieb ein Trugbild

Ich hab es vertanzt

Das große Verlangen

Nur in die Dielen gestanzt.

So bliebs bei der Tanzfee,

die du verlierst

Sie bleibt nur ein Traum dir

Wenn du untätig stierst

Auf ewig nur Tanzfee, die sie wa-har

Deine Tanzfeeeeee.

Immer mal wieder holt es dich ein

Mal früher, mal später

Soll wohl so sein.

Der Blitz fährt in dich

Und macht dir klar

Dass du nicht kapiert hast,

wie bereit ich für dich wa-har

stevie

Stevie Nicks 1983

Träum von der Tanzfee, die ich wa-har

deine Tanzfee, die ich wa-har.

Der Doktor und der Knackwurstmann

Der Doktor und das liebe Vieh (DDR-Version)

Zum 90. Geburtstag meines Vaters

Zurück in die 70er, als der „Dukter“ über Land fuhr und Geschichten erlebte, die das Leben schrieb. Damals – im alten Osten.

Inspiration war „Krambambuli“ von Frau von Ebner-Eschenbach, eine todtraurige Hundegeschichte, an die neulich Frau Arabella erinnerte.

Daraufhin fiel mir eine Herrchen-Wechsel-Geschichte ein, die mir mein Vater einst erzählte.

Lesehilfen:

Bevor es losgeht, sei noch erklärt, dass ich im Folgenden die auftretenden Personen so sprechen lasse, wie man im Saaletal nunmal spricht. Es handelt sich um Hallenser Sächsisch. Es werden Redewendungen auftauchen, die nach heutigem Ermessen Probleme mit der sogenannten „Political Correctness“ bekämen, wären sie nicht 1975 gesprochen worden. Aber wie will man über jene Zeit sonst berichten, wenn man alle Schärfen wegfiltert? Was für ein verlogenes Bild entstünde dann?

– ein „Zett Dee“ ist ein ZT 300, ein populärer Traktor der DDR;

– eine Trophy (sprich Drohvieh) ist eine ES 250, ein populäres Motorrad der 60er und 70er Jahre

– die „Großern“ ist die Kleintierärztin Frau Dr. Große, zu der man mit Hunden, Katzen, Wellensittichen usw. ging; damit wurden die Dorftierärzte staatlicher Gemeinschaftspraxen überhaupt nicht belästigt, die waren nur fürs Nutzvieh zuständig;

– alle Namen der Personen und Dörfer sind von mir nicht mehr exakt erinnerbar und deshalb frei erfunden; eventuelle Ähnlichkeiten mit heute Lebenden purer Zufall;

 

Und nun geht es los:

  1.  In der Kneipe

Der alte Schlüter (54) aus Schkola gilt ein bissel als Sonderling in der Gegend. Besitzt einen eigenen ZT und eine Trophy mit Seitenwagen, fährt aber weiteste Strecken mit dem Fahrrad. Eigentlich wohnt er gar nicht richtig im Dorf, sondern in Schkola-Ausbau; ein Kolonisteneinsprengsel in die Landschaft. Drei Vierseithöfe, ein fester Feldweg als Zufahrt, Weltende. Bis vor kurzem Wasserpumpe auf dem Hof und Plumsklo neben der Scheune. Die LPG hat auf Betreiben der anderen beiden Höfe sich erweichen lassen, die nötigen Erdarbeiten durchzuziehen, um die drei Weitentrückten ans Trinkwassernetz anzuschließen. Bedingung war Eigenleistung-Subbotnik (unentgeltliche Schaufelei) und Anschlusskostenbeteiligung in DDRisch symbolisch niedriger Form. Zähne knirschend hat Günter Schlüter mitgemacht, die Anschlusskosten bezahlt, ein sehr kleines enges Bad ins Wohnhaus einbauen lassen. Die Frau und die erwachsenen Kinder machten‘s möglich, waren gegen ihn. Hatten ihm verboten, dagegen zu sein. Fluchend (und mit Enterbung der ganzen Sippe drohend) hatte er unterschrieben. Schlüter eben. Sein Großvater war genauso.

Wir schreiben das Jahr 1975. Sommer. Saaletal. In Prisdorf, dem Nachbarort von Schkola ist die Kneipe gut besucht. Zum Feierabend trifft sich noch traditionell alles, was sowieso den ganzen Tag auf der LPG zusammengesperrt ist und wertet den Tag aus. Heute sitzen zufällig auch Förster und Tierarzt mit drin.

In der Mitte der Gaststube am großen runden Tisch führt der alte Ohlich das große Wort.  Kann alles, weiß alles – Münchhausen 2.0.

Er will sich jetzt einen Kaukasen anschaffen. Die großen russischen Hütehunde, halbe Bären, gelten als gefährlich, kommen aber unglücklicherweise grade in Mode. ER wird den schon zähmen! Wäre nicht der erste Russe, den er zähmt! Wie man halt so redet beim Bier.

Der deutlich jüngere Tierarzt fährt ihm in die Parade:

„Biste ahler Grotzkotz! Du weest nich, was de dir da offlädst! Die Kaukasen leben halb wild in den Schluchten dahinten, keene Angst vor gar nüschd. Erst wird dir der Welpe dein großes Maul stopfen und dann sperrsten weg oder verschenkstn an irgend ehn Assi. Der versautn dann komplett, dann beißte zu und wird eingeschläfert. Putze ma deine Fenster in dei’m Stalle! Deine Schweine ham ja Dunkelhaft! Schaff dir was Normales an. Schäferhund, Boxer. Mehr packste nich‘!“

Ja, der Dukter redet Klartext. Das mag nicht jeder. Aber weglaufen is’nicht! Die staatlichen Tierarztpraxen sind aufgeteilt. Da muss man beiderseits nehmen, was man kriegt.

Der alte Trinks sitzt dabei und bremst nun ebenfalls, in versöhnlicherem Tonfall:

„Sei vorsichtch. Ich hawwe doch Vorsjahr mir den Rottweiler aus Gumbach andrehn lassen. Das reicht schone! Das Mistvieh is so falsch! Den lass‘ch nich mehr aus‘m Zwinger. Hat bei Schrubski‘n Jürgen schon’s eichne Frauchn jebissn. Desdorwächen wollten Schrubski loswerrn.“

„Und du warst so blöde und hastn jenomm!“, jubelt Gärtner, Traktorist und Vater vieler Kinder, los.

„Ach Gärty! Ich dachde, isse junges Vieh, ehe‘ vorpräächd is‘, nimmst‘n. S jing och de erschde Zeit. Nachts frei offn Hof. Tachsübbor in Zwingor. Off ehmal krichde seine 5 Minuten, wiechn am Morjen wüddor in Zwinger tun will. Ich fassn ans Halsband – zack hadde mich am Arme, das Misstück. Ich de Schaufel jenomm und jibb ihm! Seit däm tude janz untorwürfig, un wenn de Zwingertüre zu is, spielte wilde Sau und springt gächns Gittor! Als wie wenne mich fressen wollte.“

„Zeiche ma de Narbe vom Biss!“, die Sensationslust der Zuhörer ist erwacht.

„Na nää! Bis ofs Blut hadde nich jebissn, obor s Zahnprofil hattch gomblett im Undorarm.“

Am Nebentisch sitzt nur ein einzelner Gast, der in sein Bier stiert und ebenfalls zuhört. Es ist der alte Schlüter auf der Heimfahrt von der Kreisstadt. Der Tag war heiß. Kurz vor zuhause wollte er sich ein Feierabendbierchen gönnen. „Also die Beißhemmung hat er noch“, denkt er sich.

klein21RottiTrinks genießt die Aufmerksamkeit; berichtet, dass das Hundeproblem in der Folge wuchs. Aber auch er ist so ein Held wie Ohlich, der immer alles im Griff hat. „Die Töle“ gebärdete sich unberechenbar, die eigene Frau fürchtete die „Bestie“ nun und nahm dem Mann das Versprechen ab, den Hund nicht mehr aus dem Zwinger zu lassen, er könnte sonst die Enkel fressen. Deshalb bekäme der nun sein Futter in den Käfig und ab und an kratze Trinks mit der Schaufel durch die Gitterstäbe etwas Kot vom Betonfußboden, wobei sich der Hund regelmäßig in den Schaufelstil verbeißt.

„Und da willst du ä Kaukasn ins Dorf hol‘n, wo schon ä Rottweiler ausreichn duhd, um Probleme zu hann!“, wendete er sich wieder an Ohlich. „Wenn der dann och im Kefich endn tut, frisste nutzlos noch vülle mehr wie meinor!“ Die andern nicken.

„Das is doch gomblett vorn Oarsch. Wie lange willstn das noch dorchziehn?“

„Nächsde Woche lass‘ch de Großern komm. Die solln einschläforn. Der nutzd mich nüschd, so wiä jetz‘ is.“

„Würschde die Großern bezahln! Sach Mecki’n Bescheid. Der gommd mitor Wumme vorbei; und juud is!“ Gärtner fühlte sich clever.

Förster „Mecki“ protestiert sofort: „Im Wohnjebied wörd nich jeschossn! Das gomd vorn Kadi und dann bin‘ch de Wumme los!“

„Mussde doch nich an de chrose Glocke häng!“ Gärtner gibt so schnell nicht auf, wenn ihn die Cleverness seiner 7 Klassen übermannt.

„Orschlöcher jibds üwwor all! Und wennde im Suff das chroße Sabbln kriechn duhst? Vorschde he ma!“

Da mischt sich plötzlich der alte Schlüter vom Nebentisch ein.

„Wie alt issn der Hund?“

„Ungefähr 3e.“

„Un wielange hasdn nur im Zwinger?“

„Drei Monate wärrns jetze sein.“

„Wenne nüschd kost, hol ich‘n dir weg.“

„Wie willst’n das packn? Der kennt dich nich! Der frisst dich! Und dann bin ICH dran, wenn‘s of mein Hof bassiern duhd!“

Schlüter lässt sich nicht abbringen. Er hält Trinks die Hand hin:

„Schlag ein! Kostenlose Abholung durch mich? Wanne hasdn ma Zeit?“

„Glei Morchn. Dann wäre weg.“

Händedruck. Abgemacht.

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  1. Trinks‘ Trauma

Als der Tierarzt 8 Wochen später zu Trinksens Ferkel kastrieren fährt, ist der Zwinger in der Hofmitte leer. Alte Hundescheiße liegt aber noch drin.

„Na, hat wohl geklappt, was dir der Schlüter versprochen hat?“

„Dukter!“, Trinks kommt ganz dicht und legt dem Tierarzt den Arm um die Schulter. Dann raunt er, damit es niemand Unberufenes hört: „Damals, in dor Rittorzeit hättnse den vorbrannt! Der is nich koscher, der alte Geizkragen! Hättich’s nich mit eichnen Och‘ng jesäähn! – “ er bricht ab und starrt den Dukter grooooß an!

„Wie haddenn den geholt? Mittn Viehwaa’ng am Zett Dee? Oder glei mit dor Trophy?“ grinst der unbeeindruckt.

Trinks bleibt ernst und schüttelt den Kopf. Der Blick wirkt immer noch verstört. Er starrt am Dukter vorbei ins Leere.

Wie zu sich selbst antwortet er mit erneutem Kopfschütteln verschwörerisch leise und todernst: „Mit‘s Fahrrad.“

„Is nich wahr!“

„Doch!“ Trinks ahnt, dass ihm das keiner glaubt, aber er muss es mal los werden:

„Der kam und kloppt ans Tor. Der Hund glei SCHGANDAL hinter de Gitter! Ich raus zu ihm, sehe nüscht. Kee Jefährt; nur ihn un sei Fahrrad. Ich: Haste nich was vorjessn? Oder hasde dirs andorrs üborleechd? Er: Wieso? Hawwe alles dabei. —

Ne Hundeleine hadde um Hals häng und ä Lädorhalsband in dor Aktentasche am Lenkor. Und enne Brotbüchse. Dann grinste mich an und sachd: Jehe man nei bei deine Alte und haltse drinne. Gannst ja hintor dor Jardine guckn. Ich wär ne Stunde brauchn.

Ich mache das, wiä schbrichd; und gugge naus – da sehe ichn sitzen vorm Zwinger. Off dor Erde, wie so a jungschor Gammlor! Schneidorsitz. Brotbüchse. Der Hund – Radau. Er sitzt und frisst de erschde Bemme und greift in de Tasche und schmeißt a Sticke Worschd in Zwingor. Dann sprichde mit das Vieh: „Gosde ma! Is leckor. Wennde de Schnauze hältsd, jibbs Nachschlag.“ Der Köter hat den Happen runter und bellt und knurrt und macht und duhd, drähds‘ch im Kreise und springt Scheinangriffe! S nächste Sticke Worschd. Und: „Gomm, rääche dich ab, meinor.“ Schlüter frisst Bemme Nummor Zwo. klein22RottiOff ehmal setzt sich der Köter und guckt blöde durch die Stäbe. Und Schlüter wüddor: „Na siehste. Jehd doch.“

Steht off, machd den Zwinger off. Halsband um. Noch ä Stück Worschd aus dor Hemdndasche! Leine dran und dann tippeln die beede zum Rad als wäre das normohl?!“

„Und dann?“

„Ja -nüschd! Fort. Ich dachte noch: Würstema morchen in de LDZ guckn, obs Tote jaab im Kreis. Wennenn der Köter vons Rad reißen duhd; obor nüschd. Die müssn heile anjekomm sein; heeme.“

„Von dor Bestie zum Rad-Hund in 5 Minuten? Spinne mich nich voll?!“

„Ehrlich Dukter! Na – 5 Minuten warns ja ooch nich. Ne jute halwe Stunde hadde jebrauchd. Dann war juud.“

Der Dukter steht draußen am Dienst-Moskwitsch. Was er gerade gehört hat, will ihm nicht einleuchten. Auch er kennt nur die Methode, Hunde durch Prügel zu erziehn, „wenn’s sein muss.“ Zu unwahrscheinlich! Er beschließt einen Umweg zu fahren und nach dem Schlüter-Hof zu sehen.

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  1. Der Knackworschdmann erzählt

10 Minuten später steigt er vor dessen Tor aus dem Auto, klopft und reißt aus Gewohnheit die kleine Eingangstür im großen Tor auf. Neben dem Misthaufen, im ansonsten sauberen Hof, springt ein Rottweiler auf, bellt und beginnt, sich auf der Stelle im Kreis zu drehen. Zeitgewinn für den Dukter, lieber wieder ein, zwei Schritte rückwärts einzulegen.

Zwei Kindergarten-Steppkes mit Dreirad und Roller unweit vom Hund krähen begeistert: „Achtung! Raudi schimpft!“

Nun hat der Hund sich besonnen, dass er nicht in einem Käfig sitzt und läuft böse knurrend an –

Aber Schlüter steht schon in der Tür zur Wohnküche und ruft ein scharfes „Bleib!“ Der Hund steht wie eine „1“ und guckt zum Herrchen. „Das is dor Dukter! Den lässte rein!“ erklärt ihm Herrchen bestimmt, aber im Tonfall weniger scharf. Der Hund trabt nun gelassen in Richtung Gast.

„Lass‘en schnüffeln!“, ist nun der Dukter gemeint. „Gomm ruhig her.“ Und zum Hund: „Wennde den ärchern duhst, kastrierde dich! Also hüte deine Eier. Bis‘ lieb jetze.“ Ein-zwei gutmütige Klapse auf die Rotti-Schultern; der Hund ist entlassen. Er wählt sich eine neue Ecke im Hof und legt sich diesmal neben die Sandkiste.

Einer der Steppkes verkündet das Offensichtliche: „Nu isse wüddor lieb!“

„Ja, abor du nich!“ tadelt Schlüter Senior das Kind. „Ich hab jesaachd, ihr sollt de Förmchen nich übern janzn Hof vorteiln! Rabauken! Da fahr ich nachher mitn Zett Dee drüwwor! Sammelt das Zeuch ein! Das hat Jeld jekostet!“

Der eine bückt sich sofort, der andere grinst erst und hat noch einen Spruch auf Lager: „Dor Hund is ruhich – nu schümpt dei Opa!“

Der deutet aus der Ferne das Ausholen zur Ohrfeige an, zuckt dann mit den Schultern und meint resigniert zum Dukter: „Kingor ehm! Was willsde da machen. Warn mir frühor nur ooch so?“

„Uns hamse die Hammelbeene langgezong bei’n Pimpfen.“, erinnert sich der Dukter.

„So alt sinn die beede nich. Sinnerschd 5e. Warum bistn vorbeijekomm. Meine Viecher sinn wohlauf?!“

„Wechn dem Rotti-Wunder. Ich komme grade von Trinks.“

„Ach so!“, strahlt Schlüter nun beruhigt. Keine veterinäramtlichen Zumutungen a la neuer Pflichtimpfungen oder so! Keine Kosten. Nur bissl Quasseln!

„Martha! Mache Gaffee. Dor Dukter is da, wechn Raudi‘n!“

Die Frau kommt erstmal staunen. „Der Hund hattdoch jarnüschd?“

„Weitorbildung.“ verkündet Schlüter stolz. „Dor Dukter will was lern. Stimmts?“

„Schieß los!“

„Wo solchn anfang. Was hatt‘n Trinks orzähld?“ beide setzen sich auf die Holzbank neben der Küchentür.

Der Dukter berichtet. Dann kommt der Kaffee. Martha Schlüter stellt das Tablett zwischen die beiden. Sie rückt einen alten Stuhl mit leicht kaputtem Flechtwerk und früher mal chicen Drechselwülsten zurecht und setzt sich dazu.

Schlüter beginnt:

„Ich kam dahin wie abgesprochen. Leine, Halsband, Stullenpaket. Lewworworschdbrote.“

„Und Knackworschd in de Hosentaschen, in dor Jacke, in dor Hemddasche – üwworall! Fettflecke!“, empört sich Frau Martha.

„Na ich musste doch juud riechn! Hunde sinn wie Weibor! Unberechnbar, obor mor krichd se rum!“ Er knufft ihr den Oberarm.

Halb sauer, halb belustigt stichelt nun sie: „DU mussts ja wissen!“

„Ich hocke mich vor denn Käfich und mei zukünftcher Gumpel mach Schgandal! Aaaabor – die könn denkng, Duktor! Die Viecher! Gloobs nur! Een Stick Worschd. Er bleibt sauer. Noch ä Stück Worschd. Immernoch. Bissl warten. Süßholz raspeln. Noch ä Stück. Er macht Pausen beim Bellen. Hältn Kopp schief. Ich sitze unbeeindruckt. Kee Angstschweiß. Keene Hektik. Kee Ärcher meinorseids; beiße in de nächste Bemme – plötzlich setzte sich hin, in seine eichne Scheiße. Ne Wahl hatte ja nich in dem Gäfich. Wemmor dich da nei sperrn däte, würdste ooch zum Tier! Stimmts, Dukter?“

Der Dukter bestätigt: „Ich hab’n heute gesehen. Die Scheiße liecht immernoch drinne.“

„Sooviel Respekt hatte vor Raudi’n“, lacht der Alte, „dassä sich nichema an die Kacke traut, wenn dor Köter schon lange übern Berch is.“

„Weiter. Wie seitorn nach Hause jekomm?“

„Na per Peedes. Ich mit‘s Rad und dor Hund zu Fuß an dor Leine. Ich musste ja ooch erschtema‘ seh‘n. Aber olles juud. Heeme habchn mir beguckt. Jestunken hattor wie ne Düte Russen. Duschen mittn Schlauche wollte nich. Hattor jeknurrt. Habch ehn Daach jewartet.“

„Also wenn ich Ihn nicht da so liegen sähe – das klingt mir alles zu harmlos! Ging gar nüschd schief?“

„Doch. Drei Tote gabs.“ gibt nun Schlüter zu.

„Ach!“ stöhnt Frau Martha auf und winkt ab, weil sie sich erinnert, aber ihren Mann erzählen lassen will.

„Nächsten Taach geht sie Gänse füttern im Jartn hinten und macht die Düre nicht zu. Der Hund erkundet das neue Terrain, der Ganter jehd off ihn los und Raudi‘n packt dor Blutrausch. Ganter tot. Die erschte Jans so am Flüchel erwischd und die zweete im Maul un am Schütteln, die andorn GAAK-GAAK! Die Frau ooch!“

„Ich hawwe jeschriiien!“ wirft Martha ein „wie am Spieß!“

„Die wäre balde de nächste Jans jewäsn.“ nickt er. „Ich hin-“

„-und hasdn vormöbelt?!“ kombiniert der Dukter.

„Ach Quatsch! Das kennde doch! Das haddn doch so vorboochn. Weibor schlächd mor ja och keene mehr. Nich‘ wahr? (Knuff an den Oberarm der Frau) Das machd die bösartch! Ich hawe mich droffjeschmissn von hinten, dasse einjeknickt is und jewürcht habchn mit beede Hände und of hündisch ins Ohr jeröchelt. (Er imitiert die Laute, an der Sandkiste erhebt sich der Hund, bleibt aber stehen und guckt irritiert rüber) So jepackt am Halse und hinundher. Ä paarma‘ und zur Sicherheit noch „Arschloch!“ anjefaucht. Da dachte sich: Ups, das war ä Fählor! Dor Knackworschdmann is sauer!“

„Ins Ohr jebissn hastn, das habbich jesään! Der hat jejault off ehmal. Und dann haste Alberts von nä’m an den toten Gänsorich vorkooft.“, mischt sich Martha Schlüter ein.

„Schadensminimierung.“ Schlüter grinst. „Und die Gans, die‘e bloß am Flüchel hatte, die hab ich musst selbor gilln.“

„Hattmor Jänsebratn die janze Woche. Jing uns nie so juud, wie wenn dor Hofhund Amok leeft.“ ergänzt Martha.

„Wo lernt morn sowas? N Hund beißen?“ Der Dukter nimmts als Witz. Aber Schlüter bleibt ernst.

„Das wolltch nich orzähln! Die Weibor wüddor! (Strafender Blick zu Martha) Im Griech. Da machsde noch janz annere Dinger, wenns ans Lähm jehd. Mei Hundewissn habbch obor äher aus Jefangenschaft. Bei Smolensk. Gottlob in ehn von die kleen Laa’cher da.“

Jetzt wirkt er versonnen. Schaut geradeaus an Frau und Gast vorbei auf den Hund.

„Ich hawwe Smolensk gabutjeschossn und wüdder heile jemachd, sozusachn. Die vörzscher Jahre warn scheise, darüwwer rädmer nich. Anfang de Fuffzscher wurde de Vorpflechung bessor. Und der Iwan sparte Offpasser. Die hatten am Zaun kaum noch Posten, abor scharfe Hunde lofen. Doppelzaun wie im KZ, aber kee Strom. Hunde darzwischen. Da habch dann mitn Gaschabrei und Drockenbrod am Zaune jesessen n Abend und je’essen und vor mir die Köter – Rabatz. Knackworschd hatch natürlich keene. Obor so Sticke Brot in’n Gascha jetunkt und hinjeschmissn. Habs. Weiterkläff. Nochema. Haps. Ruhe. Hinjesetzt und Kopp schief jehalten. Huch, denk ich. Da jehd was. Und dann schon balde habch die Hand durch jestreckt und gestreichelt.“

„Und die Russen?“

„Naja.“ Er schweigt. „Typisch für die, ehm.“ Wieder schweigen. „Erst staunen. Lachen. Beifall. Du Arrrtist? Zirrrrkuuuus?“ Schultergloppen. Sto Gramm anjeboten. Am nächsten Taach kame mittn Jelendewachn. Peng. Peng. Hadde die Hunde erschossen und zwee neue jebrachd.“ Schweigen.

„Die neuen hatch nach ä paar Wochen soweit, dasse Pfötchen jähm, durchn Zaun.“ Er sieht sie wieder vor sich und wer weiß, was alles noch.

Dann setzt er fort. „Dreinfuffzsch bin ich heeme jekomm. Haben Hof übernomm. LPG’60 wie alle. Hofhund hadch immer gostenlos. Ich hawwe ümmer „Vorbrecher“ übbornomm. — Svenni!“ ruft er dann in die Sandkiste, „zeiche ma’n Dukter Kunst mit Raudi‘n!“

Svenni und das Nachbarskind kapiern nicht gleich, was das soll, so abrupt aus dem Spiel gerissen, aber dann erheben sich beide vom Burgenbau aus der Sandkiste. Svenni rennt quer übern Hof zur Hundehütte und ruft „Raudiiiiiiiii!“ dann verschwindet er in der Hütte, der Hund hinterher. Eine Sekunde später gucken beide Kopf an Kopf aus der Hütte. Applaus von der Kaffeebank. Der Hund nimmts als Ansporn und rennt zu einem platten Ball. Aber die Vorführung ist vorbei. Svenni ist wieder in Richtung Sandkiste unterwegs. Der Hund lässt enttäuscht den Ball fallen, schnuppert hier und da und legt sich wieder hin.

klein25Rotti

„Der will partout nich in de Hütte. Nur wenn Svenni vorjeht. De blanke Tollwut! Stimmts Dukter?“

Der schüttelt nur ratlos den Kopf.

„Und die Kleen? Die Enkel? Wieso klappt das?“

„Weil die vornümpftich sinn und dor Hund ooch. Zwee Dache habch de Kingor nich ofm Hof jelassen. Musstense im Jartn hinten spieln. Der Hund sollte sein Terrain kenn’lern. Zur Ruhe komm, kapiern, dass da kee Käfich is. Das hat leider nich‘ janz jeklappt. Wechen dem Käfichklaps beim Trinks hatte den Drehrumbum weg. Wenn ehnor gombt, -haste ja jesähn-  brauchte ne Weile, bisse jradeaus leeft. Den beedn habch das Hundeschicksal als Jutenachdjeschichte orzählt. Nach 3 Daache habch’n dann die Wänste vorjestellt. Schnuppern lassen. Ich hawwe die vorher Knackworschdbrote zu essen jejähm, damit se riechen wie iche. Sein Jeruch der Befreiung. Dann mussten se mir aufsagen, dasse nich‘ hinrenn‘, wennor fressn duhd. Und dass es n Hund is und kee Ferd! Die solln jaaanich offm reiten wolln! Enkel is nur der ehne, Svenni. Der Freche von Vor’nz, der mittor Brille, Raiki, schläft bloß zurzeit hier. Die Eldorn sinn of Urloob. Das is Albertn seinor. Nachgömmling. Der hatte noch nich jenuch von seinor Muddi, da musste se nochema ran mit dreinvörzsch.“

„Gündor!“, empört sich Martha.

„Na is doch so! Wenne zwee Feffi in Turm hat, wirde spitz wie Lumpi!“

„Was solln jetze dor Herr Doktor denkng!“

„Jarnüschd. Der kennd sich aus. Hawwichrecht?“

„Und wie hasten damals sauber jekrichd?“ lenkt der Doktor wieder aufs Hundethema zurück.

„Glei nach der Schümpe weechen die Jänse. Da ware bedröppelt, da habch das schlechte Jewissn ausjenutzt; habchn am Halsband jesackt und hinlechen lassen, mich dornäm jesetzt und Marthan jesacht: Hol’en Schlauch unds Schambuh. Du, der hatte schon Jeschwüre am Arsch. War ich bei dor Großern. Die kam raus hierher und hatten untersuchd. Vormutlich hatte der Wunden von der Prüchel und dann is da die Scheiße nei und de Fliechn. Mor siehds noch an den kahlen Stellen bei dor Schwanzwurzel ä bissl, obors verheilt. Ich kreems ümmer, bevor ich mittn Angeln jehe. Dann läufte und leckt sich nich.“

„Erzähle mal das vom erschtn Ma‘!“ erinnert Martha.

klein23Rotti„Ach ja! Pass of Dukter, is lustich! Ich an dor Saale. Angel raus. Hund liecht beim Eimor. Schuborts Willi sitzt betont 10 Mätor Abstand. Der hatte Schiss vor meim neuen Gumbl. Plötzlich beißt was, ich hols rein – ä richtig fettor Garpfm dranne an dor Strippe. Wie ich denn so ausn Wasser reiße – haut der Hund ab! Bleibt oben offm Hange stehn und guckt, wo ich bleiwe. Willi lacht los: „Deine Gampfmaschine hat Angst vor de Fische!“ krähde mich an! „Odor dude sich ekeln, was du alles frisst?!“ Hadde mich blamiert, dor Raudi. Obor – der gannde ja nüscht. War ja normal. Er blieb erst oben offm Hange liechn und guckt in Richtung Eimor und wiech mich setze, game vorsichtch an und schnuppert am Eimer. Dotal vornümpftcher Hund! Und so eener nu in so a Drecksverließ bei‘n Trinks!“

„Ja, Hundeelend ofm Land. Zwinger oder Kette. Gassi geht hier doch keene Sau!“ konstatiert der Dukter trocken.

„Ich schonn. Naja, ooch nich ümmer. Musse ehm ab und an ma ofm Hof scheißn. Danach schnappte ein und seechd mir an Zett Dee. Als wie: „Du hast was vorjassn, Gnackworschdmann!“ Ich schaufels dann aufm Mist. Wenne lern däte, glei offm Mist sei Jeschäft zu machen, wärs einfachor. Abor das schaff och ich nich. Nich wahr, Raudi?!“ Der Hund erhebt sich wieder und kommt zur Kaffeerunde schnuppern.

Besonders vorsichtig kontrolliert er den Dukter vom Gummistiefel bis zum Ellenbogen. Dann lässt er ab und legt sich demonstrativ vor die Kaffeerunde.

„Wenn de s nächste Ma gommst, kennde dich.“

„Wie heißter?“

„Na Schrubski hattn Ronny getooft! Trinks hat das so übornomm. Warumdn nich glei Enrigo! N Hund – so ä Modename!“

Der Doktor feixt: „Och nich‘ schlecht. Enrico, Madelaine, Melanie, Göran! Jeder denkt, glei kommt ne halbe Schulklasse, stattdessen wetzt ä Rudel Rottweiler übern Hof!“

Aber Schlüter bleibt im Text: „Ich hawwe nu Raudi draus jemacht, wächn dem Anlaut. Habs och drühm an de Hütte so jeschriem.“

„Lesen kanne och schon?“ stichelt der Doktor weiter.

Der Witz kommt besser an: „Naaaa, gut Ding will Weile hamm. Wenndes nächste Ma‘ gomst, lieste dir de LDZ vor. Versprochen.“

„Ihr Spinnschweine.“ Frau Martha erhebt sich und räumt das Tablett ins Haus.

klein24RottifoxDer Doktor verabschiedet sich, geht zum Auto. Nimmt Platz neben seinem Terrier und guckt den alten Begleiter versonnen an:

 

„Na, Tiger von Eschnapur? Der da drinne hätte dir mehr beibringen könn‘ als ich.“ Er tätschelt ihm die Schulter, während der Hund die Rottweilergerüche zur Kenntnis nimmt. „Na, verzeih halt. Beim nächsten Hund wird alles anders.“

Er startet den Moskwitsch und fährt heim.

Am Tor steht Schlüter und schaut ihm nach, neben ihm Raudi mit Blick zum Herrchen: „Gehmor angeln?“

 Anmerkung (sicherheitshalber): Rottweiler sind KEINE Kuscheltiere. Wenn du das RICHTIG gelesen hast, merkst du: Sie stehen nicht auf Waldorferziehung. Sie handeln KEINE Kompromisse aus. Sie brauchen klare Strukturen.

 

  Text: © bludgeon

Bilder: © bludgeons daughter

Diestels Buch

Der ehemals „schönste Politiker 1990“ hat ein Buch geschrieben – 30 Jahre danach. Warum ich das gekauft und gelesen habe? Weil er rotzfrech austeilt und sich das sehr unterhaltsam liest.klein29783360013385

Peter-Michael Diestel war der Mitbegründer der kurzlebigen DSU in Wendezeiten (als die CSU von einem Ableger in Neufünfland träumte, nicht mit DVU verwechsel!), der letzte Innenminister der DDR und freiwilliger Abgänger des Politzirkus nach nur einem Jahr. Rettete sich zurück ins Anwaltsein, gewann und verlor hier Prozesse, wie das eben so ist im Leben und sammelte einen auf strategische Art nützlichen Bekanntenkreis an „Bedeutis“ der Zeitgeschichte um sich, mit denen er vorgibt befreundet zu sein, bzw. sie immerhin sehr zu achten.

Gysi, Stolpe, Lothar de Maiziere, Willi Sitte, Markus Wolf, Egon Krenz, Stefan Heym, Schalck-Golodkowsi, Egon Bahr, Helmut Kohl, Dieter Birr, Peter Meyer … auf biologischem Wege mittlerweile stark gelichtet.

Biermann, Gauck, und noch so ein paar Wendemacher der pastoralen Hinterzimmer gehören eher nicht dazu, wie er unmissverständlich deutlich werden lässt.

Diestel wurde geprägt durch einen Vater, der Wehrmachtsoffizier war, im Kessel von Stalingrad an der Seite von Feldmarschall Paulus in sowjetische Gefangenschaft ging, dort Kommunist wurde und zurückgekehrt die NVA aufbauen half. Der seinen Söhnen jedoch davon abriet in die SED einzutreten und Offizier werden zu wollen. Auf der anderen Seite von einer konservativ gebliebenen, streng christlich orientierten Mutter. Mit diesen Eltern an diversen Standorten der NVA unter anderen Offizierskindern aufzuwachsen – das trainiert das ideologische Hakenschlagen.

Das erklärt andererseits auch, wie er zu der eher mitleidigen Haltung kommt, in NVA- und Stasi-Generälen Wende-Opfer einer unangemessenen Säuberung zu sehen.

„Deutsche Offiziere, (…) die loyal ihre Pflicht erfüllten (…) in einem anerkannten Staat (….) im Kalten Krieg an der Frontlinie der Systeme.“

Alles Saubermänner also? Schadensbekämpfer? Oder doch unflexible, selbstherrliche   Opferbiografien-Erzeuger nach Schema F! Intellektuell eher unterbelichtet.

Immerhin bringt er selbst ins Spiel, welch zwitterhafte Haltung manch einer dieser Helden an den Tag legen konnte: Als Wehrpflichtiger wird er zu seinem Regimentskommandeur bestellt, weil dieser ihm zu verstehen geben will, dass er damals in den Sechzigern  als Offiziersschüler Vorlesungen bei Diestels Vater gehört habe und diesen ganz toll gefunden hätte, „eben ein echter Ritterkreuzträger aus dem Kessel“! Oops? Die Schukow-Verehrer der NVA mit ihrer anderen Seite.

Diestel liefert Widersprüche zum selber puzzeln.

Er kritisiert Dumpfbacken und Flachzangen in der Politik der 80er Jahre, ohne Namen zu nennen und „achtet“ ein paar Seiten später dann die Spionageerfolge von Markus Wolfs Auslandabteilung der Stasi, bedauert Egon Krenz für seine vierjährige Haftstrafe (die als Freigänger im offenen Vollzug äußerst human verlief, was aber nicht da steht) und erlebt Erich und Margot Honecker im Militärkrankenhaus der Sowjetarmee in Beelitz (Frühsommer 1990) wie ein würdiges, gut aufeinander eingespieltes Großelternpaar, das sich nicht beschwert und tapfer sein Schicksal trägt. Er will mit ihnen ihren weiteren Verbleib regeln, da er es als unwürdig empfand, dass der ehemalige Staatschef als einziger Obdachloser der sterbenden Republik bei einem Pfarrer unterkriechen musste, während sich alle ehemaligen höheren Genossen der „Vorhut der Arbeiterklasse“ davor drückten, ein Zimmer für ihn freizuhaben. Absolut richtig soweit.

Anderseits: Wieso dann die Würdigung von Krenz, Modrow, Gysi & Co an anderer Stelle?

Und wieso tippt er nicht wenigstens die Überlegung an, was wohl geschehen wäre, wenn der Anwalt Diestel ein lumpiges Jahr vorher mit Erich und Margot zusammengetroffen wäre und dieselben Ideale vertreten hätte wie in Beelitz 1990: Weg mit der DDR! Wiedervereinigung! -???-

Er kanzelt den Mainstream-Journalismus für seine Halbwahrheitenberichterstattung ab und weist darauf hin, dass halbe Wahrheiten mithin ganze Lügen sein können. Beispiel: „Der Tag an dem die Wende kam – D-Day Jubiläum in der Normandie“(Spiegel);  Weltkriegsjubiläum ohne Russland und somit ohne den unbestreitbaren Hauptsieger 1945.

„Die Wende des II. Weltkrieges, das waren Moskau, Stalingrad und Kursk!“

Sollte bekannt sein! Aber westdeutsches Bastelabitur macht inzwischen auch andere Sichtweisen möglich. Wie sonst wären solch dümmliche SPIEGEL-Artikel erklärbar? Abgesegnet von ganzen Redaktionen?

Jedoch an anderer Stelle macht er es nicht anders.

„Die DDR war nicht ausländerfeindlich, denn sie unterstützte Vietnam, nahm Flüchtlinge aus Griechenland 1967 und Chile 1973 auf, ermöglichte Vietnamesen und Afrikanern hier etwas zu lernen, was sie beim Wiederaufbau ihrer Länder gebrauchen konnten.“

Soweit die alten Stabü-Lehrbücher und PMDs Ausführungen zur aufrecht international gesinnten Ossi-Mentalität…

Und die Abschottung der Gäste? Die Misch-Ehen-Verhinderung? Die Abschiebungsandrohung bei Schwangerschaft? Wer schlug die Kubaner in Halle tot? Und die Angolaner in Wittstock? Und weshalb? Wieviele Polen- und Russenwitze wird er selber vor 89 erzählt haben?

Diestel bezeichnet sich als praktizierenden Christen, der „selten einen Gottesdienst aufsucht, der aber Händefalten kann und froh ist, wenn‘s mal knapp wird eine Mauer zum Anlehnen zu haben“.

Und er gibt sich bibelfest, wenn er treffend ins Feld führt, wie schnell doch gewisse Apostel ihre Lichtgestalt von gerade eben einfach nicht mehr kennen wollen: Hie Jesus, da Erich Honecker, oder dort Ibrahim(Manfred) Böhme.

So hat er eine Art Bibel geschrieben. Einen Gedankensteinbruch und Erfahrungsbericht, der für jeden Leserstandpunkt da draußen Munition liefert. Pointiert, Abläufe erhellend, mal Florett – mal Panzerfaust gegen die Dummheit der Welt. Ein Genuss! Aber das Buch lässt dich auch dann und wann ärgerlich ins Kissen beißen, wenn du es dir als Gute-Nacht-Lektüre gibst, weil er stellenweise simpel ostalgiert oder dir allzu plump die Unsympathen seines prominenten Bekanntenkreises schmackhaft machen will.

 

Beatles oder Stones? Eine Lossagung.

 

„Hot stu-uff! Hot stu-huff! Can’t get enough!“ „Can’t get enough!“

Ja, die Elefanten der Rockgeschichte. Legendäre Alben. Hits en masse. Eine lange Girlande Promis aller Jahrzehnte bekennt sich als Fan seit Jahrzehnten… oder behauptet solches wenigstens, wenn der Eindruck obsiegt, es würde im Publikum Punkte bringen.

Mir geht’s da anders.

Hier füllen CDs noch immer die Regale. Sturheit des Alters. Alte Süchtlinge wollen nicht nur Playlisten klicken. Rockhistoriker wie ich wollen nach wie vor wissen, wer bei Track 3 der 4. Gitarrist links hinten im Mix ist und welcher Roadie den Musikern da die Styvessand anraucht und in den Mundwinkel klemmt!

Hier stehen 8x Yes, 7x Heart, 4x Allmans; gefühlte 20 Elvisse, 12x Benson usw. usf.

Stones? Eine.

Beatles? Keine.

Solozeug der „Fab Four“? Nix.

Jagger-/bzw. Richards Solo? Jeh mia weg du!

Für die gebrutzelten Autosampler wurde der eine oder andere Song aus dem Ex-Beatle-Soloschaffen bezahltermaßen in Amazonien erworben, aber Ganzwerke der Elefanten? Not needed.

Aller guten Dinge sinder Dreie: „You“ (Harrison); „Band on the run“(McCartney) und „stand by me“(Lennons Ben E.King Reminiszenz) – reicht.

Wie kommt diese Missachtung? Es war ein langer, langer Weg:

1974 ereignete sich eine Jugendstunde der besonderen Art in der Fritz-Weineck-Schule in Naumburg: Sonst eher dröge Betriebsbesichtigungen der Umgebung, war diese – eine Disco in der Aula. Die erste für uns 14jährige! Mann, war’n wir groß, ey! Während dieser stellte sich heraus, dass Luggy dank seiner großen Brüder abspielbare Single-Postkarten aus Polen besaß mit Suzi Quatro-, T.Rex- und Sweet-Songs. Und Klaus besaß eine Beatles-LP. Die borgte ich ein halbes Jahr später aus, um sie (mit Mikrophon) vom Mono-Plattenspieler der Eltern aufzunehmen. „A Collection of Beatles-Oldies“. Die war von amigaAmiga! Ne Ostplatte mit Beatleszeug! Sowas hats gegeben! Und „Yellow Submarine“ war drauf! Der wichtigste Beatlessong überhaupt – in einer gutbürgerlich gebliebenen Kleinstadt im Sozialismus. Erstens sah alle Welt Westfernsehen und somit „Sesamstraße“, in der zu jener Zeit Groby &Co „In dem grün-gelben U-Boot leben wir! U-Boot leben wir! U-Boot leben wir!“ zum besten gaben und wo „Graf Luckner“ als Vorabendserie lief. Wo zweitens Leseratten wie ich wie Tellkamps Alter-Ego im „Turm“ an Kriegsliteratur alter Zeiten gerieten:

Alle meine Kampfflüge; alle meine Feindfahrten, U 9 greift an!, die Schlacht am Skagerak; Seeteufel, der Weltkrieg, …

Hatte eben allerhand überlebt auf den Dachböden der Klassenkameraden.

Ausgleichend ergänzt durch „Im Westen nichts Neues“. „Der schwarze Obelisk“. „Der Weg zurück“. Kästners „Fabian“. Neuere Kriegsliteratur a la Pleviers „Stalingrad“, Nolls „Werner Holt“ oder Grümmers „Irrfahrt“ kam hinzu.

Dann kommst du aus der Schule, hörst erstmal die „Hits nach der Schule“ auf HR2 oder „Musik für junge Leute“ auf NDR 2, versuchst dabei Hausaufgaben hinzukriegen und musikalische Beute zu machen, was endet wie immer: Physikbuch lernt Fliegen, der Hefter voller loser Knüllseiten wird in die Tasche gestopft – „schreib ich morgen in der Pause von Christian ab“ – Russisch-/Bio-/Englisch-Hefter liegt aufgeschlagen neben dem Recorder. Manches prägt sich wirklich ein! Russische Partizipien allerdings nie! Ende der Sendung. Schluss mit Hausaufgaben! Wenn kein Stadtgang zum Plattenladen anstand, weil Warenannahme war,- lesen: Und nun mit dem U-Boot-Sound (In the Time, when I was born….)der Beatles passend zum Lesestoff „Yesterday, all Getrappel seems so far away….“ ließ sich das gut an!

Mit den Jahren kamen dann so Sachen wie „A day in the life“ (the british Army had just won the war), Bee Gees „Odessa“ (the british ship get lost without a sign…) „Universal Soldier“ von Donovan, „Vietnam“ von Jimmy Cliff und auch „the last farewell“  hinzu.klein2Buch (Whittakers damaliges One-Hit-Wonder, bevor ihn die westdeutsche Schlagermoulinette zum Omi-Barden degradierte.) Mystisch anheimelnde Gänsehautmomente. Das Schulenglisch reicht noch nicht zum Komplettverstehen. Also geheimst du dir hinein, was du grade brauchst, „Snakes(she) came in through the bathroom window“ während du grade im unentdeckten Afrika unterwegs bist, in British-Indien oder auf Samoa, weil du dir privat die Kolonialgeschichte draufschaffst und „Zwischen Kap und Kilimandscharo“ (Reprint alter Reiseberichte), „Die Löwen kommen“ (neu),die-löwen-kommen „Kifanga“ (alt) und „Nena Sahib“ (sehr alt) liest. Das Thema wurde auch zu Ostzeiten schulisch recht stiefmütterlich behandelt; immerhin nicht ganz weggelassen, wie heutzutage, aber da stand bei Udo im Wohnzimmer noch der herrliche, alte Kolonien-Globus und die Alten erzählen, wenn man sie auf jene Zeiten bringt, dass Lettow-Vorbecks Frau aus dem Saaletal stammt… Viele Tabus. Viel „verbotenes“ Wissen zu heben. Viel Stoff um das eigene Abwägen zu schulen und nicht jede Phrase nachzuplappern. Aber auch Training, um nicht vom verordneten- ins verbotene Extrem zu fallen.

Der Beatlesbestand auf den Kassetten (später Tonbandspulen) wuchs parallel zum Bücherschrankinhalt. Die eine oder andere überspielte LP kam auch dazu. Die komplette „Help“ spielte einst der NDR. Den „Sgt. Pepper“ lieh ein Kumpel vom Kumpel ganz in der Nähe und wir nahmen bei mir auf. Die „Tippdisco“ auf „Stimme der DDR“ sendete wöchentlich einen Beatles-Oldie der Woche“… Es läpperte sich und wurde zunehmend totgedudelt. Wie oft am Tag erträgst du auf Klassenfahrt „Hey Jude lala lalalalaaaaa“ oder „all you need is love“? Irgendwann in der Nacht fliegt der erste Schuh in Richtung Recorderbesitzer!

Die Hits der Anfangsjahre hatten sich noch gründlicher erledigt. „Yeah,yeah,yeah“ und „Day Tripper“ (harharhar; Pubertät!) lockten keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. „Obladi-oblada-mein-Gespuhsi!“ richteten zig Strandkapellen an diversen Urlaubsorten zugrunde. Zugegeben „Helter-Skelter“ und „Birthday“ gingen 1969/70 relativ rumplig ab. Aber bereits da rockten Frijid Pink sie mit ihrer genialen „House of the rising sun“ -Version in Grund und Boden. Als Kenner älteren Semesters in der 11. und 12. Klasse gings uns eher noch um den „Walrus“, “Come together“, und „Baby you’ve got to hide your love away“. Songs, die sich nicht so abnutzten. Aber Punk war „on“! Und die Pistols hatten gerade den Steve Matlock gefeuert, weil „er die Beatles mochte!“ Das sagt ja wohl alles! Damals.

Was die Ex-Beatles Solo so boten, war – durchwachsen.

McCartney wurde im Radio mit und ohne Wings abgefeiert als der Lordsiegelbewahrer der Pilzkopfmania; rockelte aber eher ohne Biss die Erfolgsroad abwärts bis zum bitteren Ende von „Ebony and ivory“ und „saysaysay“. Dann doch lieber „Rumours“! Fleetwood Mac hatten immerhin diese Elfe zu bieten. Stevie Nicks in ihren besten Jahren!

Der Ostrundfunk spielte irgendwann einmal das „Imagine“-Album vom Lennon ganz. Ich nahms auf – um festzustellen: Imagine, Jelous Guy und How did you sleep – okay. Macht ne knappe Viertelstunde. Aber der Rest? Brauchte man also auch nicht. Bandplatz war knapp und Taschengeld endlich.

Ein Exemplar der „Shaved Fish“ machte im Bekanntenkreis die Runde, lange bevor sie auf AMIGA erschien. Ich hatte die auch auf Band. Da waren keine Graupen drauf. Aber sie lief sich ebenfalls schnell tot und wurde aus Platzgründen gelöscht. Das Amiga-Vinyl später kaufte ich zwar, aber es liegt mehr oder weniger ungespielt heute noch in der LP-Box bei den anderen Lizenzschätzen von einst. Wer braucht Lennon, wenn er Hunter, Browne, Bowie, Young und bissl Dylan zur Auswahl hat?

Ne George Harrison LP am Stück hältste nich‘ durch. Und vom Ringo gabs halt den unvermeidlichen Fotografen.

amiga1Als 1980 die Kurzfassung des „Blauen (Best of) Albums“ der großen Vier als Amiga-Lizenz-LP erschien, wollte die keiner der Plattenhaie mehr, weil alle längst das vollständige Doppel-Album auf Band hatten oder eh eher in Richtung Zappa unterwegs waren. Die wurde also für 30 oder 40 Mark an ältliche Familienväter(mitte 30) verkauft, die ihre Musiklaufbahn bereits beerdigt hatten, aber die Handvoll Jugendhits gerne in die Schrankwand stellten. Quer hinter den Plattenspieler, auf dessen Deckel Mutti ein Spitzendeckchen drapiert hatte, auf dem wiederum eine Obstschale warnte: Wehe du frisst einen von den Äppeln hier! Dann ist das Zimmer ruiniert! Das mussso! Zum Schönaussehen!

Ich habe Männer in derlei Haushalten immer bedauert. Wo der Plattenspieler so verbaut ist, da hast du keine Chance mehr! Deine Laufbahn ist Geschichte. Zahl den Lada ab, streich den Gartenzaun und fahr die Blagen zum Kindergeburtstag! Mit 35 ist die Rente ja auch nicht mehr allzuweit.

Mit den Stones verhielt es sich ein bisschen anders. Platten waren in den 70ern praktisch nicht zu kriegen. Airplay war sogar im Westradio dürftig. Lediglich dieses fürchterliche „Miss you“ wurde rauf und runter gedudelt. Eines Tages machte HR3 eine Sonderwunschsendung für Hörer aus der DDR, in der ein paar Stonesnummern älteren Schlages gespielt wurden; und als die Hessische Hitparade 1977 Sommerpause machte, lief eines Donnerstags so eine Sendezeitfüllsendung „Beatles gegen Stones“ eine Stunde lang. Die hatten wir hinterher alle auf Band.

Eines Tages, ganz am Ende der 70er verblüffte Radio DDR 2 mit einer neuen Sendereihe in unregelmäßigen Abständen: Das besondere Album. Ich las das zufällig in der FF-Dabei und Thema der ersten Sendung war „Bettlers Festmahl“. Von wem stand nicht da, aber das war für Musicjunkies auch nicht nötig. „Beggars Banquet“! Das muss eine Stonessendung sein! War’s auch. 1978 oder 79 ein Dammbruch! Punk machts möglich! Die Bonzen hatten das Gruseln gelernt, verhängten das PUNK-Verbotsedikt über den Ostrundfunk, erlaubten im Gegenzug nun aber doch „die Stones kennen zu dürfen“ und dosiert (vorwiegend die Schnulzen) zu senden. Gegen „Blitzkrieg Bop“ und „now I got a reason to be wired: The Berlin-Wall!“ war das bissl Waldbühnenschredderei von ’65 Pillepalle. Jagger wurde zum Martin Luther des Rocks. Vom bösen „Ablenker vom Klassenkampf“ im Auftrag des Kapitals zum „Kritiker der Konsumgesellschaft“ in nullkommanichts. Satisfaction guarranteed! Devo verarschten die grade.

Dann kam die NVA…. Abgeschnitten vom weiteren Verlauf der Rockgeschichte ereilte mich ein Brief. Muttern schrieb, dass sie Udo in mein Zimmer gelassen hatte, da er bei ihnen geklingelt habe, mit nem Plattenbeutel unterm Arm.

stonesReklame0006„Ich mussema an Blatschies Jubiddor! Ich hawwe hier de Schdons jeborchd. Die wille bestimmt ooch. Ich hab fürn schonne Band jekooft. Kannich ma rein in sei Zimmor? Ich glau ja nüschd. So lange, wie mir uns genn!“

Der gute Freund denkt eben mit! Keine Kopie von Band zu Band, wenn ich mal auf Urlaub bin, sondern Direktaufnahme von Vinyl mit meinem eigenen Gerät, damit nicht irgendwelche Dumpfheiten hinterher den Genuss verleiden. So kam ich also ein weiteres Mal auf Urlaub, bezahlte ihm das Band und hatte eine 1a Aufnahme der „Love you live“ zu genießen – und die haben Udo und ich SEEEEHR gefeiert!

Wendezeit. Nachholkäufe. Im WOM stehen und die Orientierung verlieren! Ein Independent-Ocean abzugrasen! Raritätenfahndung. Woher bekomme ich Accapulco Gold? Pere Ubu? Kiev Stingl?

Wer denkt da an Beatles oder Stones?

Eines Tages, ende der 90er im WOM am Ku-Damm. Ich war da wiedermal aufgeschlagen, um Kraft zu tanken. Begebe mich mit 10-12 CDs zum Reinhörpult, da liegt da ein Stapel „Black&Blue“ im Sonderangebot zum Wegschmeißpreis. Ich erinnere mich spontan an eine lustig negative NDR-Konzertkritik von damals zu einem Katastrophen-Gig in Kiel, wo das Pfund Koks nicht bereitstand und die Band deshalb nicht spielen wollte.

„also rasen erstmal 2 Limousinen der Konzertveranstalter ins Kieler Rotlichtviertel um die Naturalienabgabe aufzutreiben, während die Tontechniker die „Black&Blue“ auf Band umschneiden, weil Keith verkündet hatte, er könne auf Grund der heutigen Lage sowieso nur playbacken. Und der Konzertbeginn zog sich und zog sich….“

Ich grinse rückschau-selig in mich hinein und greife zu. Die „Black and Blue“ galt seinerzeit als elend. Die Stones als „nicht in Form“. Laborierten da mit Jeff Beck und Ron Wood an was „Neuem“ und das kam damals gar nicht gut an. Lediglich „Crazy Mama“ hatte noch etwas mit alten Duftmarken zu tun. Das „hot stuff“/“Fingerprint file“- Zeugs vorneweg dagegen – das war seinerzeit nix.

Jetzt aber, in den späten 90ern bin ich schockbegeistert. Die Ohren an Benson und Clarke Fusion-geschult, empfinde ich die Platte nun als absolut „underrated“! Ich kauf sie also und stell sie zu Hause zu den anderen ins Regal. In die Southernrockabteilung. Da schien das am ehesten hinzupassen. Da steht sie nun seit 22 Jahren ungefähr. Sie ist vllt 5x gelaufen.

Beatles und Stones – das ist für mich heute irgendwie wie Puhdys hörenmüssen.

So Allerweltsdarling-Mugge eben.

Außer „Black&Blue“ dann und wann.

Heute.

„You’re just a memori-i-ie…use to mean so much to me …..“

Prägesounds – a summertalk

Das Folgende wird sich lesen, so aktuell wie aus der Steinzeit. Macht nichts. Es war eine schöne Steinzeit. MEINE Steinzeit: So let there be Rück-Show!

Du hörst heute Grindcore, Feuilleton-Rap, Zeul oder Neo-Prog?

Du leistest dir ne Karte für den Wagner-Wahn zu Bayreuth?

Du pilgerst zu all diesen Musicaltempeln, die Rock&Roll-Area-Erbe verwursten – von Buddy Holly über Falco-Tina-Lindenberg bis zu Wolle Petry?

Achselzuck.

Ich weiß, dass auch für dich gilt: Deine Prägesounds sind andere; und mehr oder weniger verschämt versteckt füllen sie deine CD-Halter oder Festplatten!

Sollten diese pubertären Schmuddelmelodaien nicht die Ehrung erfahren, die ihnen gebührt?

Schließlich haben SIE dich in den Musikozean gezogen, Türen deines Gehörs, deines Empfindens geöffnet, was Wagner & Co niemals vollbracht hätten.

Vor ein paar Jahren war ich zu Besuch bei einem alten Freund, mit dem ich einst seeeeehr viel gemeinsam hatte. Getrennte Lebenswege und -erfahrungen schufen Unterschiede, schufen Kluft, aber ein Band blieb: MUSIK!

Slade! 50er Jahre – Oldies but Goldies! Elvis lebt! Hendrix sowieso! Artrock aller Art…Punk ist – wenn man trotzdem lacht! Ostrock-Konzerte en masse!

Er kurierte mich vom Vorurteil gegenüber Uriah Heep, ich konnte ihn mit Ungarn-Rock und Joan Armatrading infizieren. Nun saßen wir in seiner guten Stube und gedachten „alter Zeiten“ bei „grünem Pfeffi“ und neuer CD-Beute:

„Jetzt kommt was Feines – mal seh’n, was de sachsd.“

Sprach’s und drückte auf „play“:

Ich war auf beinahe alles gefasst, aber nicht auf:

„Ho-Ho-Hoho! Everybody was Kung Fu Fighting!”

carl„Na gut, ein Sampler“, dachte ich – und lag wieder falsch. Es wurde eine ganze Carl Douglas CD und ein Song klang wie der andere. Schnell noch’n Pfeffi … Igitt. Hat der mir je geschmeckt? Oder hab ich den früher nur aus pubertären Gründen in mich reingekippt um „cool“ zu sein?

Nach 3 oder 4 Songs hatte mein Gastgeber ein Einsehen. Wir fanden den Weg zurück auf dem Pfad der Begeisterung von gestern. Ein Glitter-Rock-Sampler, der nicht ganz genretreu auch Clout mit „Substitude“enthielt. Wer wäre damals in die Sängerin nicht verliebt gewesen? CCR-CD, dann Dr. Hook und schließlich Hendrix.

Bei jedem CD-Wechsel, wenn er ans Regal trat, sang es jedoch aus ihm: „Here comes the Big Boss (hough,haw!) let’s get it on!“ Die Zeile also musste es gewesen sein, die sich einbrannte; wegen der er nicht an der Billigtonne im Laden vorbeigekommen war, als Olle Carl ganz oben lag.

Fast wäre die Episode irgendwo in meinem Erinnerungsnirwana verschwunden, wenn ich nicht ein paar Monate später, angefixt durch eben jenen Nachmittag von oben, über George McCrae’s „Rock your Baby“ Debut-Album gestolpert wäre.

Same as it ever was! Ich bin dem Song verfallen, seit ich mit 13 damit infiziert wurde. Den piepsigen Kopfstimmengesang empfand ich damals nicht als geil, sondern als witzig; obendrein wurde im Intro noch „Sexyone“ geflüstert! (Harharhar, der hat sexy gesagt!) Das passte sowohl zur zeitgleichen böseböse-sexistischen  Stiebel eltron- als auch zur Afri-Cola-Reklame! Darüber wiederum echaufierten sich tagtäglich die Eltern, was wiederum meinen Genuss noch steigerte. Als zuguterletzt in Ilija Richters Disco ein McCrae-Einspieler lief und Vater laut über Negergeheul und Eunuchen nachdachte, war die Langzeitwirkung DIESES Songs für alle Zeiten zementiert. Ich hab ihn gesucht auf Millionen von Schrottsamplern, deren Tracklists in Miniaturschreibe ich in stundenlanger Kleinarbeit in dutzenden Läden fast auswendig lernte, um ihn bloß nicht zu übersehen – und endlich, als ich bei Aral oder Esso fündig wurde und einen Philly Sampler kaufte – wegen George McCrae – entpuppte sich genau DER Song als unechte, gekürzte Neueinspielung. Sakrileg!

Deshalb nun Ende 2012 das ganze Album. Mit Bonustracks! Pruuuuust!

Bild (8)

„Rock your Baby“ in der originalen schwülen 7 Minuten Version (nach wie vor unschlagbar schön) eröffnet ein Album, dessen Rest man getrost vergessen kann. Das rettet auch kein „Grüner Pfeffi“. Dagegen war Carl Douglas’ „Vielfalt“ GOLD!

Immerhin lag ein informatives Booklet bei und ich erfuhr, dass mein Signatursong eine filmreife, interessante Geschichte hat:

Er ist ja unbestritten einer der ersten Phillysound-Welthits, stammt aber gar nicht aus Philadelphia! In Amerika läuft ja vieles anders, als man in Europa so wahr haben will.

Der Western „Wyoming“ wurde in Kalifornien gedreht und „Arizona“ folgerichtig in Oregon. Dieser Logik folgend ist es also kein Wunder, dass die Philly-Hymne „Rock your Baby“ in Miami entstand. Hinter Hymne und Album steckt ein gewisser KC, der später mit der Sunshine Band schmerzhafte Sado-Maso-Liedchen a la „that’s the WEH, a-ha, a-ha, I like it“ verbockte, aber eben 5 Jahre zuvor schon mal „seinem Backgroundsänger“ George jenen Welthit spendiert hatte.

Allerdings auf Umwegen. George war verheiratet mit Gwen und die war talentierter als George. Hatte schon ne 1. LP draußen. Also sang zunächst sie das Lied ein und dann, lediglich als Vergleich gedacht, George die B-Version. Aber KC merkte, dass die männliche Version im Wortsinn GEILER klang und veröffentlichte somit die.

George war im Nu Platz 1 und Weltstar, während Gwen, die ihn schon 10 Jahre durchgefüttert hatte, nicht nur in die Röhre guckte, sondern nun auch noch ein Tina Turner Schicksal erleiden musste: Mister McCrae verkraftete weder den plötzlichen Ruhm, noch die Flaute danach, geriet an Koks und schlug die Frau.

ladiesGwen McCrae hielt noch bis 1977 bei ihm aus, dann war Schluss. Er verschwand als Tingelbruder auf europäischen Kreuzfahrtschiffen; ihr gelang ein bescheidener kleiner Hit mit „rocking chair“ noch in den 70ern und ein etwas größerer mit „funky sensation“ in den 80ern, bevor sie ganz und gar der Vergessenheit anheimfiel.

Mich machte das neugierig und so entstand mein Faible für Gwen McCrae.

Neulich traf ich meinen alten Kung-Fu-Kumpel wieder, diesmal ohne Pfeffi. Wir genehmigten uns das eine oder andere Bierchen und sprachen, um nicht in Streit über die Weltlage zu geraten lieber gleich von Musik; was unweigerlich bei Douglas und McCrae enden musste.

Er: „Ach ja, die CD damals, die habch och bloß wechen dem een Song gegoofd. Da habchmor jetz was gebrutzelt mit den Oldies but goldies von damals: „Bachmann(Turner Overdrive), Donna Summer, Mud, Rubettes und so weiter, da issor mit droff, dor Big Boss — hu-ha!“

Ich: „Habch genauso gemacht: George McCrae(Sexy one), the Cats, Suzi Quatro, Gloria Gaynor, Alvin Stardust, Three Degrees …“

Er singt prompt an: “Disco-Disco-Duck! Quakeldiquaaak! Hätch dich damals ewig offziehn gönn! Mit der Disco-Scheise! Hädch das geahnt!”

Prompt singe ich: “I feel Love, I feel Love, I feel lo-hove! — Donna Summer magst DU!”

Sein Conter mit Leichenbittermiene und Schulterzuck: “Hot stuff baby tonight!”

Verschwörerisches Grinsen beiderseits. Die Glasränder finden sich. Bling!

Prost.

 

Neues vom „Wanderer“

Yeah Baby!! Et jibbdt noch gudd njuhs aus Amerika! Klick ma. Dett jeht! Würkli‘!

Nun ja. Der Protagonis, um dens hia glei jeht, ist allerdings noch älter als die Politclowns an ihre Intellekt-Rollatoren, die da jrade Wahlkampf faken. Steht eben schlimm um die, die nach uns komm‘n, watt willste machen?

Aber sowatt kommt von sowatt:

Wenn ehna sein Idol trifft und det lebt noch – und der jüngere kann Songs schreim und saachd dem Alten: Mach ma so hier – denne fludschdet ebm mittema!

Olle Poahli, der Ex-Gumbl vom Garfankl, schrieb früa ma „America“ und sein Idol hörte sich de Lauscha wund, „wenn der mir mag, denne muss ick den ooch mö’ng!“  und schrieb „here in America (Song for Sam Cooke)“ und merkte denne, meine „Kleene-Jungs-Stimme“ passt nich so alleene. Muss Olle Poahli mit ran! „Lass Duetten, Alta!“

Und schon hattense ehn Mörda-Hamma-Song!

Aba eehn Song is kee Album. Da fehlt wat. Olle Dion hatte pah be-swing-te RhythmBlues&Boogie Numman im Jepäck und Poahli die Idee mit sein Telefonbook, in dems von Promis nua so wimmeln tut.

„Rufma ma Jeff Beck und Van Morrison und so Pippl ehm an. N Boss un’seine Olle ooch!“

dion2020

Dion 2020!

Dion denk no‘: „Dea va’aaschd mia doch!“, aba olle Poahli hat of laut jestellt:

„Kannste next week? Studio Soundso?“

„Klaaro! Füan Wandara, mach ick det!“ wa Tenor bei die alle!

17 Promis of 14 Songs. Und eehne Frische, sach ick dia!

Da kann die deutsche Giesinger-Bendzko-Winsel-Gang nua müde vonne Therapeuten-Couch winken, wenn olle Dion mit Samantha Fish voabai skejten tut. Mit 81! Also Samantha niche, die is‘ 31; rock it, Babe!

Voll gut!

Grüße aus der Vergangenheit 3

In jungen Jahren nervte es ein wenig, wenn ich in antiquarisch gekauften Büchern Unterstreichungen fand. Bücherschänder! Eigentlich wollte man doch eher einen unversehrten Schatz heben! Mittlerweile kann es interessant sein, „was“ angestrichen wurde und „weshalb“.

davDieser Tage las ich wieder so ein Exemplar; 125 Jahre alt, toll erhalten; keinerlei „Verschandelungen“ in den ersten beiden Dritteln; aber dann, in der vorletzten Novelle hatte sich ein Vorbesitzer mit dem Bleistift geradezu ausgetobt.

In der Novelle „Der verlorene Sohn“ von (na, wem wohl?) geht es um ein missratenes Bürgersöhnchen um 1650 in Bern, das ausbricht, um letztendlich nach mancherlei Station als verkommener Landsknecht zu enden. Außerdem spielen dessen besser geratene jüngere Schwester und ihr Zukünftiger entscheidende Rollen. Die Mutter der beiden, die wohlhabende Ratsherren-Witwe Amthor (Welch ein Zufall dieser Tage!), hat ein schweres Päckchen Schicksal zu tragen, wie sich zeigen sollte.

Bereits der erste Konfliktansatz ist unterstrichen worden:

Das älteste Kind, (…) ein kluger aber sehr eigenwilliger Bursch, hätte wohl eher einer männlichen Zucht bedurft, als der zärtlichen, all zu nachgiebigen Pflege der Mutter, die diesen Sohn als das Abbild des zu früh ihr entrissenen Gatten vergötterte…“

Das wirft die Assoziationsmaschine an: Wie korrespondierte der Inhalt mit der Lebenswelt des mittlerweile ebenfalls historischen Unterstreichers?

Warum bekamen Zitate wie

mde

oder

dav

ihre Unterstreichungen?

Es könnte so gewesen sein:

——-

30621358471 (2)Herbst 1919. Auf dem Gut derer von Levetzow in der Neumark sitzt die Hausherrin im spärlich beleuchteten Herrenzimmer, das immernoch so heißt, obwohl ihr Mann schon vor dem Kriege , pünktlich nach damaliger Lebenserwartungsrechnung mit 55 Jahren zu den ewigen Heerschaaren abberufen wurde. Es war Arbeitszimmer und Bibliothek in einem. Das Tagwerk lag hinter ihr. Alle Buchführung, Anweisungen an den Verwalter, Versorgung der beiden Armenhäuser des Dorfes, Einkaufslisten für die Kaltmamsell waren erledigt. Nun kam die Schummerstunde und ihr gruselte so allein in dem großen Kasten. Um das Gut stand es nicht zum Besten. Die Ernte war mäßig, die Getreidepreise elend. Die Inflation der Kriegsjahre wollte nicht enden, im Gegenteil, sie schien sich noch zu beschleunigen. Einige der Bauernsöhne waren aus dem großen Kriege zurück, viele davon mit Gebrechen und obendrein in den Gräben der Ost- und der Westfront geradezu verwildert. Ein gefährlicher Hang zur Unbotmäßigkeit war kaum noch ignorierbar. Mildtätigkeit um Not zu lindern und Rebellionsgelüste zu bremsen, war dringend geboten, aber die vielen Tausender Kriegsanleihe fehlten spürbar in der Kasse. Wann hört das auf? Wie lange noch würde sie über die Runden kommen?

davSilvester 1900 hatte alles so strahlend begonnen! Das neue Jahrhundert! Der Ball! Ihre Verlobung! Wie es sich gehört mit 18! Sie wurde erwählt! Standesgemäß! Der Bräutigam, streng genommen ein entfernter Schwippschwager, Witwer, 40 Jahre alt, kinderlos, war ihr sehr recht gewesen. Er wirkte jünger, konnte privat erfrischend albern sein und seine Offizierskameraden parodieren, dass sie beim Lachen jede Korsettstange einzeln spürte. Auch das erste Kind, der ersehnte Stammhalter, kam pünktlich ein dreiviertel Jahr nach der Hochzeit. Das zweite Kind allerdings starb 6 Monate nach der Geburt. Der Stammhalter blieb der einzige Nachkomme. November 1900 geboren. Traditionell erzogen für die „schimmernde Wehr“. Er hätte drumrum kommen können um das große Töten. Im Frühjahr’18 lag der Krieg in den letzten Zügen. Im Osten schien er gewonnen. Friedensgerüchte auch für den Westen gingen mal wieder um. Doch ihr Arno meldete sich noch freiwillig. Ostfront. Mitten hinein in den Revolutionswirrwarr dort. Erst schrieb er davon, zu spät gekommen zu sein, es sei nichts mehr los, man plane die Verlegung nach Frankreich, dann doch noch Gefechte; seltsame Briefe mit Schilderungen von Soldatenverbrüderungen und Desertionen, glücklich überstandene kleine Geplänkel. Plötzlich der Schock: Gefangenschaft. Die schien zunächst noch recht nobel zu sein. Er und zwei seiner Offiziere säßen als „Gäste“ an der Tafel ihrer zaristischen Überwinder, die sie nun aber kurioserweise als Verbündete gegen die „Rote Revolution“ sähen und ihnen ehrenhalber die Säbel gelassen hätten. Dann – schweigen. Seit fast einem Jahr keine Post.

In all dem Zwist nach dem Brest-Litowsker Frieden schien sich niemand um das Schicksal der Kriegsgefangenen in russischer Hand zu scheren! Dann die überraschende Kapitulation, die Revolution, der Wirrwarrkampf ums Baltikum. Es schießt dort noch immer! Der Junge wird 19! Wenn er noch am Leben ist. Vergessen von der Welt – aber nicht von seiner Mutter, die ihr Gewissen plagt. Kein Tag – an dem sie nicht an ihn denkt. Zur abendlichen Ablenkung versucht sie zu lesen. Heyse-Idyllen sollten es sein! Den hat sie als Verlobte gemocht. Aber Heyses „Auswahl fürs Haus“ (Band 2) ist ein Missgriff. Sie stößt auf Stellen wie:

„Wenn Sie Söhne haben, die anderswo ebenfalls auf ein mitfühlendes Herz angewiesen sind, bitte ich Sie – retten sie mich! Man ist hinter mir her!“

oder

„Der Stadtwebel sah sie durchdringend an und wagte schließlich die Frage: „Frau Amthor! Auf Ehre und Gewissen, haben Sie eine Ahnung, wo sich  ihr Sohn zurzeit verbirgt?“

und gar

dav

Wie unter Zwang erhob sie sich aus dem bequemen Fauteuil, begab sich zum Schreibtisch, holte sich dort den kleinen Bleistiftstummel, kehrte zum Sessel zurück und las das Schicksal jener Witwe in der Schweiz  in dieser Nacht durch. Sie hatte das zum ersten Mal vor 20 Jahren gelesen. Im Brautstand und noch völlig ahnungslos. Nichts war geblieben. Sie las das Buch wie neu: Wie das passte! Abschnitt für Abschnitt bezog sie auf sich und strich fast jeden zweiten an. Bei manchem Satz musste sie innehalten. Eine Erleichterung war diese Lektüre nicht.  Eher eine Folter ihres Gemütes, ein Zwirbeln ihrer Schuldgefühle. Wie war es möglich geworden, dass ihr kluger, vielseitig talentierter Sohn beim Anblick all der heimgekehrten Kriegskrüppel im Dorf und in der Kreisstadt seine Kriegsbegeisterung nicht verlor? Warum hatte sie ihn nicht veranlasst, auf den Gestellungsbefehl zu warten? Warum die Anmeldung zum Notabitur erlaubt? Warum war mancher dieser Tagelöhner-Tölpel unversehrt zurückgekehrt, der ihr jetzt das Leben schwer machte, vor ihr den Hut zog, aber hinter ihr ausspuckte – nicht aber ihr Sohn? Strafe? Wofür? Wo war ihr Sohn?

Als sie die letzten Seiten liest, die das Ende jener tapferen, gescheiterten Mutter enthalten, kommen die Tränen. Tröstend. Für den Moment erlösend. Sie stellt das Büchlein wieder zwischen Band 1 und 3 an seinen Platz. Einst ein Verlobungsgeschenk. Vorn drin noch ihr Mädchenname. Als sie ihn eintrug, dachte sie noch voller Vorfreude „nicht mehr lange“! Es würde alles gut werden als Gräfin Levetzow. Sie sah ein Jahrhundert des Glücks anbrechen – und keinen großen Krieg kommen.

Der Leser da im Garten, im Jahre 2020, erinnert sich an jenen toten Dragonervon der Erinnerungstafel im Borkenkäferwald. An Remarque, Dwinger, Zobeltitz, Kempowski, Lorentzen, Böll und Strittmatter – und die Bilder im „Guten Kameraden“. Er hat das Buch nun ebenfalls durch. Betroffen von den Eindrücken der letzten Seiten schlägt er es zu; dann vorn wieder auf: Die Erstbesitzerin hat ihren Namen hinterlassen.

dav

Außerdem klebt im Innendeckel so ein Jugendstil-exlibris-Holzschnitt, der bestimmt erst in den 20ern eingeklebt wurde: Carl Wilhelm Meyer.

davDas Internet kennt eine heute noch existente Firma dieses Namens. Damals aufstrebend? Kriegsgewinnler, die die Bibliothek eines bankrotten Gutes aufkauften? Oder handelte es sich nur um einige wenige Bände aus irgendeinem Antiquariat? Eventuell auch nur eine zufällige Namensgleichheit. Ein aufstrebender Bürgersohn, der später wieder herabkam und seine Buchbestände zur Leihbücherei degradierte? Es gibt da diesen irreführenden Stempel hinten im Buch. Die Bestände waren durchnummeriert. dav

Die Assoziationsmaschine springt noch einmal an:

Dem Gut erging es wie so vielen. Die Pleite kam 1923. Das Veräußern beweglicher Habe: Die Prunk- und Jagdwaffen des weiland Hausherren, die Bibliotheksbestände, das Mobiliar. Schließlich die Versteigerung. Die Nachbargüter erwerben die Flächen, ein Stummfilm-Star das Haus.

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Die Bibliothek geriet nach Berlin. Die 3 Bände standen im Hause Meyer gepflegt und einträchtig weiterhin nebeneinander, soweit sie nicht einzeln erwählt und verliehen wurden. Anderthalb Jahrzehnte. Eines Tages brachte die junge Kriegerwitwe Ursula B. den Band 1 zurück und lieh sich den Band 2, dann kam eine dieser Bombennächte. Sie hatte den Band noch in der Manteltasche als sie im Keller saß. Die Bücherei allerdings erhielt einen Treffer und ging in Rauch auf. Ursula B. floh kurz darauf aufs Dorf zu Verwandten. Irgendwo im Barnim/Brandenburg. Dort fielen keine Bomben. Was hat sie dort erlebt, erdulden müssen? Wie lange mag sie gelebt haben? Wann haben ihre Enkel den spärlichen Bücherbestand der Großmutter dem Online-Antiquariat überlassen?

Bludgeon sitzt im Garten. Er sieht das Gutshaus vor sich. Die junge Verlobte, die noch errötet, weil man ihr den „schlimmen“ Heyse schenkt. Die immernoch attraktive Mit40erin, erste Krähenfüße an den Augenwinkeln, wie sie da im Sessel sitzt, sich um das Schicksal des Sohnes grämt und Sätze unterstreicht. Ihre Blicke gehen immer wieder zum Fenster hinaus in die dunkle Nacht: davArno? Wo bist du? — Dann die Kriegerwitwe im zerbombten Berlin, die mit Kinderwagen und zu Fuß versucht, das Dorf an der Oder zu erreichen. Vorbei an Panzerwracks und Leichen. Sich vor feiernden Russen in Wäldern versteckend oder im Straßengraben totstellend. Und wie sie die Kate der Verwandten endlich erreicht, verdreckt und müde; eine Dachkammer überlassen bekommt, endlich das Kind windeln kann und dann den Heyse auf die umgedrehte Kartoffel-Molle legt, die ihr als Nachttisch dient.

Oder war doch alles ganz anders?

Wenn Bücher sprechen könnten…

 

Heyse-Hitlist

Zwischenbilanz nach 5 gelesenen Novellenbänden unterschiedlichster Ausgaben:

Von ca 40 Novellen, die ich nun kenne, sind das die Hits:

Ich habe mal alle 10 mit bissl Rockgeschichte unterlegt, die mir zum jeweiligen Novelleninhalt zu passen schien. The romantc way, you know? Einfach anklicken.

Und: Nein, es ist kein Tippfehler – es gibt zwei 1. Plätze und deshalb keinen zweiten.

 

10 Greatest Hits;

a private best of – (Compiled by Bludgeon)

 

  1. Ein Idealist; 1902

(Sex und Malerei, ein letzter Idealist oder ein prophezeiter Balthus?)

  1. Das Bild der Mutter; 1858

(Heidi Klum und Tom Kaulitz? Emmanuel & Brigitte Macron? Das wäre damals anders ausgegangen.)

  1. Unheilbar; 1862

(Wenn die Welt zu schön ist, um sie zu verlassen… oder „eine schrecklich nette Familie“)

  1. Das Glück von Rothenburg; 1881

(Der Spatz in der Hand oder doch die Taube auf dem Dach? II)

  1. Die Dichterin von Carcassonne; 1880

(Der Spatz in der Hand oder doch die Taube? I, Angelo Branduardi und Stephan Eicher lassen grüßen!)

  1. Im Grafenschloss; 1861

(Der Grobian mit Herz oder „Kein Mut – kein Mädchen“! Wovon künden all die großen leeren Räume?)

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  1. Siechentrost; 1883

(Der erste Hippie oder the power of sound)

  1. Der letzte Centaur; 1870

(Wohin mit den Anschauungen von gestern? Ist Neues immer besser?)

  1. Moralische Unmöglichkeiten; 1901

(Adel im Untergang oder „Pack dein Glück mit beiden Händen, forme es, überlass das nicht anderen!“)

  1. Himmlische und irdische Liebe; 1885

(Behind the scenes: Heyses, Storms, Dahns Frauenproblem(e) oder „Das wäre dein Preis gewesen!“)

 

Nicht berücksichtigt: „Gegen den Strom“. Der Vorläufer des „Glasperlenspiels“. Das Werk heb ich mir auf, bis ich weitere Heyse-Romane kenne. Würde ich es heute einbeziehen, hätte ich 3 erste Plätze; zuviel Drängelei ganz vorn.