Bludgeons Music Ranking – die „kleinen“ Giganten

61% der befragten Bevölkerung sehen Deutschland im Niedergang. Bin ich wenigstens nicht allein!

Genug geschimpft. „Ich bin ein alter Mann! Mich geht das nichts mehr an!“ (Knorkator).

Wenden wir uns dem Pläsier der „Veteranen der Arbeit“ zu: Was hat DIR geholfen, die Mühen deiner Kleeche zu ertragen? Was war dein Lebens-Elixier?

„Music is the best!“ (Zappa) galt für meine Generation. Ich war so ziemlich in allen Stilen zu Hause. Phasenweise. Auf Youtube gibt es reichlich alte Amis und Pfefferminzsoßenzöglinge von der Insel, die vor gut bestückten LP- und CD-Regalen ihre 10 oder 20 Besten von irgendeiner Richtung präsentieren.

Macht Spaß, da ab und an reinzuhören und sich erklären zu lassen, was man eh schon weiß.

Und den eigenen Englischkenntnissen tut es auch gut. Manchmal ist ein fast vergessener Diamant dabei, den man sich dann doch mal wieder auflegt.

Die Herren machen Prog-, die machen Punk-, Metal-Rankings. Was immer gern übersehen wird, ist dieser weite Ozean dazwischen: The Independent Thing.

Hervorgegangen aus Punk-Labels, nach dem kurzen ersten Punk-Beben 1977-78, während all das Ska-Geklapper losging, blieben einige Talente-Scouts in der Spur und suchten Zeug, das von den großen Mejdschorgombenies nicht gewollt wurde. Feine Sachen wurden da möglich. Manche wurden groß und landeten mit LP Nr. 4 oder 5 dann doch bei EMI (and there is no reason why) oder CBS – oder wo auch immer.

Da probierten sich also zahlreiche junge Leute aus, schrien ihren Unmut über die Zustände in ihren Ländern in den Äther der Undergroundsendungen des immernoch möglichen Profilradios der 80er und 90er Jahre, fanden mal mehr, mal weniger coole Metaphern für emotionale Ausnahmezustände, kreierten Sounds mit Sägeblatt und Bohrmaschine, Kurbelkassenklingel und E-Guitar – und es klang geil!  Die Majors glaubten, das sei keine Nische, aus der sich Geld pressen lässt – doch!

Der junge Erwachsene, frühzeitig in beruflichen Mühlen eingebunden, braucht Kompensation für Abenteuerlust und brachliegende Phantasie – und unter Umständen auch mal Zaumzeug für den Amoktrieb… Brrrrr, Alter! Beherrsch dich! Hör Neubauten oder Mould! Dreh auf, dann geht’s wieder!

In jungen Jahren ist man schneller begeistert, fällt auch auf manchen Hype rein, stellt die Käufe dann ins Regal, um sie schlicht zu vergessen. Ab und an entsorgt man ein paar, wenn die Regale allzu verstopft wirken – und geradeso noch Möglichkeiten auftauchen, die wenigstens noch einen symbolischen Spottpreis ermöglichen.

Hach, man will ja seine Lebensretter von einst nicht einfach so in die Tonne kloppen!

Der musikalische Extremismus hat sich mit den Jahrzehnten gelegt. Die Pulsfrequenz sinkt und die Takte sollten ihr entsprechen.

Welche 10 Independent-Alben sind nun diejenigen mit Langzeitwirkung – und weshalb?

Platz 10:

10 dotsThe legendary pink dots. Ihr 1990er Album „The Maria Dimension“; bei Erscheinen gekauft, weil sich zwei Tracks einer früheren Platte bei mir auf Band befanden, die einfach mystisch „anders“ klangen, als alles, was es sonst so gibt. Jene LP/CD hab ich bis heute nicht ermitteln können. Die Dots haben inzwischen ja ein Output wie Zappa – da fällt der Überblick schwer. Sie sind so ein Mittelding aus frühen Depeche Mode (oder Neubauten; was fast dasselbe ist) und Joy Division. „Athmosphere“ goes „master and servant“. So ungefähr. Depressive Ohrwürmer und versponnene Geräuschüberraschungen. Die „Maria Dimension“ wirkt wie ein Konzeptalbum. Alles passt zusammen, geht ineinander über – und ich muss gestehen: Bisher hab ich mich um die Message nicht gekümmert, sondern lediglich in diesen Sounds „gebadet“. In den 90ern recht häufig, in letzter Zeit extrem selten – aber bei der letzten Ausmistung, stellte ich beim Reinhör-Check fest: Die muss bleiben! Da stehen sofort die frühen 90er wieder auf – an den Klängen hängt zuviel eigene Geschichte.

Platz 9:

9 texasTexas „Rick’s Road“. Texas kommen, wie der Name schon sagt – aus Schottland. Sie hatten einen Hit auf ihrem Debut, der reichlich MTV_Rotation erfuhr (und den ich prompt vergessen habe) und danach war viele Jahre die Luft raus. Man hörte von denen nichts mehr bis zum Stilwandel vom Klampfgestrüpp zu so einer Art Neo-Soul Anfang der Nuller-Jahre, somit gelang Hit Nr. 2 und stabile Mittelfeldpräsenz auf vielen großen Festivals und in den CD-Läden.

„Rick’s Road“ ist eins von den Flop-Alben nach dem scheinbaren One-Hit-Wonder; ihre zweite oder dritte LP, als sie noch klassische Schrammelrocker waren. Mein Lieblingsladen hier herum hatte begonnen, auch so Gebrauchte für 1 oder 2 DM anzubieten – und da nahm ich sie auf Verdacht so um 1995/96 mit.

Volltreffer. Zu Unrecht erfolglos. Ohrwürmer zuhauf. Feine Gitarrenarbeit, schöne Stereoeffekte. Abwechseln akustisch und elektrisch. Alles da. Erstklassige Songs. Selbstbewusste, optimistische Mugge mit sympathischem Frauengesang, beschwörend, motivierend, funktionierend, immer – und immer wieder:

„Yeahr! I’m gonna make you wonder – if you`re my friend!“

Platz 8:

8 the theViel zu spät entdeckt, weil überhaupt nicht medial präsent: The The – Wenn es The Who gibt, dann geht auch der Bandname The The durch! Eigentlich ist das so ein En-Mann-Betrieb, der sich für seine Gigs mit Musikern umgibt. Matt Johnson, ein Kumpel der Depeche Mode-Buben und befreundet mit Fad Gadget, dem Brian Eno der 80er Jahre Synthie-Szene. Er soll bei Gadget im Studio herumgehangen haben und ab und an zum Zigaretten holen geschickt worden sein. Irgendwann klimperte er dort auf einem Klavier – und weil das gut klang, verriet er, dass er wohl mal richtig Klavierstunden hatte. Also durfte er ran und mal bissel was aufnehmen. Gadget sorgte für Veröffentlichung, und weil eh gerade jeder einen Vertrag bekam, der in dieses Depeche Mode, Soft Cell, Heaven 17 Schema passte, kam(en) auch The The ab und an ins UK Radio. Der NDR spielte um 1984 einmal „uncertain smile“, den 7 Minuten Mix. Der geriet mir aufs Band und hypnotisierte mich. Nach dem Klavier-Solo in der Mitte willst du unbedingt Klavierspielen lernen! Es kam nicht dazu. Vielleicht jetzt, wenn Zeit ist. Elke Heidenreich hat es auch ab 60 geschafft!

1994 nahmen The The ihr Tributalbum für Hank Williams auf. Das muss nicht wundern. Wer den Dok-Film „Music for the masses“ von Depeche Mode kennt, weiß, dass Martin Gore Johnny Cash verehrt. Da kann sein Kumpel ruhig auf Hank Williams abfahren. Er industrialized hier die alten Song-Ikonen heftig, aber durchaus gefühlvoll. Hank sang für die Cowboys, die Barflies, die Alltags-Loser in all diesen Fly-Over-States, die dort nicht wegkommen, weil für sie anderswo auch nichts geht. The The liefern die Songversionen für den Rust Belt. Die arbeitslosen Walzwerker brauchen es klanglich härter, als die Lagerfeuertypen von der Ranch, wenn sie zwischen all den Autowracks und Fabrikruinen den Hund ausführen. Absolut gelungenes Konzeptwerk!

Das Album hätte Grammy’s einfahren müssen!

Tja.

Ich hab es erst etwa 10 Jahre später entdeckt, auf Kassette überspielt und diese im Auto bis zum finalen Bandsalat endverbraucht. Die Stimmung passte in mein damaliges Stimmungstal perfekt. Kennst du das? Depri-Musik, die dich weitermachen lässt, weil sie motiviert? Hanky Panky!

Platz 7

7 grapesThe Grapes of Whrat – und ihr Debut von 1991 „These days“. Ja die damaligen Tage wollten erst einmal verkraftet sein! Im neuen Land, das irgendwie auch noch das alte war, neue Möglichkeiten vorgaukelte, um sie gleich wieder zu erschweren. Die Gehälter noch down, die Hoffnungen noch high, aber um einen rum, sammelten schon die ersten von uns Arbeitslosigkeitserfahrungen, die 40 Jahre lang niemand hatte machen müssen. Dauerhafter Unruhestand. Da braucht die Seele Futter! Das DDR-Underground-Fanzine „Messitsch“ lobte die Platte damals als „Crosby Stills, Nash and Bonham!“ Das lockte mich an. Bestellt, gekauft, gehört: Der Vergleich stimmt nicht! Die Bonham Anspielung ist schwer übertrieben gewesen. Eventuell hatte der Rezensent auch gerade gewisse Substanzen getestet, von denen im Heft immer wieder die Rede war. Es handelt sich hier bei den „Früchten des Zorns“ um klassischen Independent Schrammel mit Satzgesang ala CSN oder Byrds – sehr schöne Autobahnmusik, die heute immernoch gefällt.

Platz 6

6 NMAThe New Model Army hat viele sehr ähnlich klingende Alben auf dem Buckel. Justin Sullivan ist so eine Art zweiter Billy Bragg; ein ewiger Streiter für das Gute, ein Punk-Dylan. Mein NMA-Schlüsselerlebnis verbinde ich mit der „Impurity“ (1990), die ich  gleich bei Erscheinen in Weißenfels auf Vinyl kaufte, als ich eigentlich bereits mit Bruderherz gemeinsam auf Autoschau war. Mit dem Trabi konnte man sich ab Sommer’90 kaum noch auf die Autobahn wagen. Bis zur Aufmotorisierung sollte es aber noch ein ganzes Jahr dauern. In der Innenstadt war so eine Abbruchfläche, auf der Schlitzohren „Westwagen“ ausgestellt hatten: Entweder schon erkennbar Schrott oder aber mit für Wende-Ossis utopischen Preisen. Die DDR lag in den letzten Zügen. Die D-Mark war gerade eingeführt worden. Dicht neben dem Ausstellungsgelände hatte sich ein spontaner Gründer gewagt, einen Plattenladen zu eröffnen. Dort trösteten wir uns über unsern nicht erfolgten Autokauf. Ich mit der „Impurity“. 1995 erfolgte dann der Zweitkauf auf CD. Warum? Weils hat sein müssen! Get me out o’here! Out of this trap!

Platz 5

5 jesus andNoch einen schmalen Tick besser, mit einer Briese mehr Ewigkeitscharakter ausgestattet ist diese hier: „Die beste Symbiose aus Lou Reed und Ramones, die sich denken lässt.“ Den Satz aus den Tagen, da Jugendradio DT 64 noch Kult war, hab ich mir gemerkt. Den Namen des Moderators, der ihn sprach, nicht. Jede Donnerstagnacht wurde 1987 bis 1989 dort das „besondere Album“ gespielt, also eine Chance, auf einem sehr gut empfangbaren Sender ein komplettes Westalbum in Stereo zu erbeuten! Und dalief dann eines Tages – „Darklands“; Stagnationsrock der Extraklasse von The Jesus and Mary Chain! Doo-dn-doodup-doo! Ja, wie kann man es anders beschreiben als jener Moderator? Leicht beschleunigter Lou Reed, bzw. doll gebremste Ramones, schmeißen auch ihre Texte zusammen und erzeugen ein düsteres Textfetzengebräu des „Nichts geht mehr!“ … „Ich freu mich, wenn’s regnet!“ … (stehend)“An der Wand“… Doo-dn-doodup- doo! Zeitloser kann Musik nicht sein!

Platz 4

4 palominoesThe Golden Palominos trunken vor Leidenschaft 1991; gefloppt und superbillig verhökert vom Weikersheim-Plattenversand für 1,29 DM, so um 1994 oder 95 herum. So geriet das Vinyl als Beifang nach Bludgeon House, um über irgendeine Bestellwert-Schranke zu kommen; dort auf den Plattenteller und von dort dann nicht mehr runter, bis die Familie zu maulen begann: „Ham’wer nicht noch ne andere LP im Haus?“

Die Palominos gehen zurück auf Anton Fier(drums), einen der vielen Ex-Members von Pere Ubu. Der lud sich nun hier 3 Sänger ein: Bob Mould (Ex-Hüsker Dü) und Michael Stipe (REM) für je einen Song und Amanda Kramer für alle andern dazwischen – und es passt!

Du lebst auf Messers Schneide, alles scheint gut: Die Arbeitslosigkeit ereilt dich nicht, das Gehalt steigt, dein Ansehen im Beruf ist okay, du wirst Hausbesitzer, während um dich rum soviele untergehen! Michael Stipe eröffnet mit „I‘m alive and living now!“ Yeahr, Man yeahr! Nur steht das Haus nicht dort, wo du es hättest haben wollen. Die Rückkehr in die Heimat wäre bei der Wirtschaftslage in Neu-5-Land auf sehr lange Sicht tollkühner Unsinn! Plan A ist also futsch. Sei Preuße nun! Und Bob Mould brüllt: „I‘m dyin‘ from the inside out!“ Während die Gitarren aus den Boxen fallen. Danke Kumpel, danke.

So. Soweit das Vorfeld. Nun die big Names! Tusch für die Spitzenkräfte der vorderen 3 Plätze!

Platz 3

3 mouldBleiben wir bei Bob Mould. Hüsker Dü lernte ich 1988 herum via DT Jugendradio kennen und nicht lieben. Zu lärmig, zu abgedreht, Texte nicht verstehbar – nüschd. Anfang 1990 kaufte ich, um ihn kennenzulernen meinen ersten New Musical Express. Darin eine Lobeshymne auf das soeben erschienene (erstaunlich ruhige) erste Solo-Album des Masterminds von Hüsker Dü: Bob Mould.“Workbook“. Ein Jahr verging und es erschien wiederum hoch gelobt, obwohl stilistisch wieder näher am Stil der ehemaligen Band „Black Sheets of Rain“. Dann kam die Jahresbestenzusammenfassung in die Kioske und erstaunt las ich, dass „Workbook“ Platte des Jahres 1990 und „Black Sheets…“ unter den ersten 10 für 1991 war. Nun war die Neugier doch da: „Workbook“ gekauft, der Eindruck erzwang dann den Kauf der „Black Sheets…“. Die „Workbook“ ist die bessere. Die „Black Sheets…“ ist halt Krawall. Grunge, wenn man so will. Den hat Mould eh schon mit Hüsker Dü erfunden! Fuck Nirwana! Schlag 3 wurde dann „Copperblue“, die er unter dem Bandnamen Sugar herausbrachte. Die ist wieder eher „Workbookig“, melodiös, mit mehreren Wutausbrüchen aufgelockert… usw…usf. Mould ist für mich der intelligentere Johnny Rotten. Bruder im Geiste von Joe Strummer(Clash), musikalisch konsequenter. Auch wenn die „Workbook“ filigraner als die anderen Alben herüberkommt, gilt auch für die: Regler auf und Drööööööööhn!

Platz 2

2 BraggBilly Bragg. Der Punk-Barde mit dem großen Herzen. Die katastrophale englische Schule durchlaufen, desorientiert in die Army gemeldet, in den Falklandkonflikt geraten, die Laufbahn quittiert, die Gitarre umgehängt; die E-Gitarre; und losgerotzt, was das Zeug hält: „Say, Fear is the men’s best friend!“ Ein paar Akkorde reißen und dreckigstes Colkney auf der Zunge – das wars!

„Wearing badges is not enough – on days like these!“

John Peel macht ihn bekannt. LPs folgen. Ruppig und solo die ersten, mit Band ab der dritten: „Red‘ mit dem Finanzamt über Poesie!“ Worauf kommts im Leben an? Überleben – „zwischen den Kriegen“!

2004 ging mir die „Must I paint you a picture“ ins Netz. The essential Billy Bragg. Ich denke, das stimmt. Von den ruppigen Anfängen mit all der Problemfülle des Alltags zu immer mehr musikalischer Vielfalt bei leider abnehmender Textintensität. Die besseren Gleichnisse kommen in den Frühwerken vor. Man wird halt älter. Die Revolutionsraserei ist ausgeschwitzt. — Schöne Fassung von „When will I see you again“ dabei! Three Degrees. Jaja. Billy Bragg hat Geschmack!

Platz 1

1 pere ubuKniefall vor – David Thomas. Pere Ubu. Komischer Name, komische Musik. Auch er hat seit Mitte der 70er nun ein Meer an Veröffentlichungen zu bieten. Nicht alles ist genial. Aber provokant ist er immer. Feuilletons Liebling war er lange. Ohne, dass die viel von dem kapiert hätten, was er so an den Mann/an die Frau bringt. Seine Textfetzen lesen – und als Angebot verstehen, sich seinen eigenen Reim drauf zu machen, lohnt sich. MIR fällt da jede Menge ein!

Ähnlich wie bei The The möchte ich einen Track und ein Album hier besonders würdigen. Der Einzelne Track stammt vom offiziellen LP Debut „The Modern Dance“. Da gibt es den 7Minüter „sentimental journey“. Wer nun an den Swing Orchester Klassiker denkt, hat schon verloren, denn es erklingen Störgeräusche und das Klirren zerberstender Flaschen. Vielleicht ist es auch ein Fernsehbildschirm oder ein Fenster, denn eine wütende, hörbar besoffene, Stimme lallt: It‘s a house…. (Klirr)….It‘s a rock…. Psahw!….(klirr)… or a TV….(Klirr)…A window…. Zum Schluss fegt ein Besen den Dreck zusammen. Da zerlegt einer seine Bude, weil es auf nichts mehr ankommt! Klasse!

Inspirierend für die Einstürzenden Neubauten, die Genialen Dilettanten Westberlins, den Expander des Fortschritts (Ostberlin), Depeche Mode…

Wut…Frust …Selbstmitleid – als Kurzhörspiel. Und gleich hinterher gibt’s die genölte Aufforderung „Humor me!“ Ja, das versuch mal. Das ist so der typische Ubu Sarkasmus. I like it!

Die Platte, die ich hier schonmal gepriesen habe, ist die 2002er CD „ST Arkansas“. Meiner Meinung nach die geschlossenste und neben „Cloudland“ (1988) am leichtesten konsumierbare seines Schaffens. Worum es IHM mit den Songs geht, kann ich nur raten, worum es MIR geht, wenn ich die Platte höre, hat ganz viel mit dem wunderbaren Film „Nebraska“ zu tun.  Ich sah 2004 zuerst den Film und kaufte wenige Tage später dieses Ubu-Album – und warum sich das so perfekt ergänzt, das ist mal später einen eigenen Post wert. Nur soviel: Von Song zu Song steigst du hier tiefer in die Frage ein: Was macht ein erfülltes Leben aus? Immer seine Pflicht zu tun? Ist Chancen verstreichen lassen tapfer – oder doof? Soll man sich aufopfern – um schließlich in den Arsch getreten zu werden? Sollte man selber treten?

Die Platte beginnt im alten Pere Ubu Stil krawallig und verschreckt somit sicher den ein oder anderen Interessenten. Ab Track Zwo wird sie episch. Musikalisch gefällig, weil die Texte genug Sprengstoff intus haben. Eine Platte, die mitwächst, mit deiner Lebenserfahrung.

Soweit meine 10 Lieblinge. Knapp die 10er-Gruppe verfehlt haben die Pixies, die Replacements und die Walkabouts. Auch die Friends of Dean Martinez will ich noch lobend erwähnen. Waren sowas wie die Ventures für die 90er. Sie alle hatten ihre gute Zeit ein oder zwei CDs lang, bevor die Selbstplagiate kamen. Ihre Musik klingt noch ansprechend, aber erzeugt heute bei mir keine Bilder mehr. Es ist, als sei der Zauber verflogen, der sie einst umgab.

Andere wiederum, wie z.B. Henry Rollins, Helmet, Bongwater bräuchte ich heute gar nicht mehr.

Nachdenken über einen seltsamen ZEIT-Artikel

Peter Tauber ist Hesse, Ex-Offizier der BW und Ex-Generalsekretär der CDU (unter Merkel gewesen)

Der Hesse Tauber weiß nicht, dass sein Landesverband traditionell der konservativste (manche sagen „reaktionärste“) abgesehen von Straußns CSU war. Viele der alten Eisenbeißer kamen aus Hessen: Dregger, Hohmann, Koch, Gauland…

Der Ex-Offizier Tauber kennt nicht die zweifelhafte Praxis der Kasernennamensverleihung aus der Adenauerzeit und der „umstrittenen“ Traditionskabinette dort vor Ort (Mölders, Manstein, Rommel, …)

Der Ex-Generalsekretär Tauber kennt nicht die Werdegänge einiger Vorgänger, vor allem Biedenkopfs und Geislers.

So jedenfalls mein Eindruck nach dem ich heute „Wir bleiben Mitte!“ las.

Sein Essay (Zeit-Online, 4.10.2021) über den anstehenden Wandel der CDU bietet allerhand Wunderliches.

Er enthält Aussagen wie:

  1. Wenn die Union die starke Kraft der bürgerlichen Mitte bleiben will, dann braucht sie diese Ehrlichkeit mit sich selbst.

Stimmt, aber dann:

  1. Die Debatte, man müsse die Union nach rechts verschieben, war falsch. (…) Denn nur die politische Linke in Deutschland kann ein Interesse daran haben, wenn die CDU die politische Mitte preisgibt. Der Ruf, die CDU müsse Wähler am rechten Rand des demokratischen Spektrums binden, ist also vergiftet.

Nein. Im Gegenteil. Diese Auffassung ist das bisherige Erfolgsrezept der Vor-Merkel-CDU gewesen.

Früher gab es da mal eine clevere Aufteilung von Gesinnung: Konservativ – reaktionär- faschistoid.

Konservative Kräfte mit Angst vor allzu abrupter Veränderung sind immer Mehrheit gewesen. Dieser Konservativismus wandelt sich auf dem rechten Rand ins Reaktionäre. Möchte also nicht nur „konservieren“ sondern das Rad ein Stück zurückdrehen, weil frühere Verhältnisse irgendwann und in diffuser Verklärung mal als besser angesehen werden. Und DAHINTER erst kommen die Faschisten/Nationalsozialisten als rabiater Rest. Vor Merkel waren die Reaktionären der rechte Flügel der CDU. Der rabiate Rest blieb allein und splitterte sich auf in NPD, DVU, Wehrsportgruppen usw.

Somit blieb diesem rechten Rand nicht viel. Reaktionäre Anwälte, Richter, Studienräte, Polizisten waren in die CDU eingebunden, denn niemand strafte sie für ihre Reden. Bei Abstimmungen unterlagen sie meist rein demokratisch und akzeptierten das. Manchmal fuhren sie auch Erfolge ein, wie beispielsweise beim Thema §218, oder der Erschwerung der Wehrdienstverweigerung.

Rückblende: Die Deutschnationale Volkspartei (DNVP)der Weimarer Zeit war reaktionär; sie konnte mit der NSDAP überhaupt nicht. Sie sah sich als Elite und den Hitlertrupp als Plebs. Zur Harzburger Front kam es 1931 auf dem Papier zwar trotzdem, aber siehe Hugenbergs Unmut über Hitlers erste Koaltionsregierung am 30.Januar 1933, deren Teil er mürrisch wurde – sind dokumentierte Fakten, die zeigen, dass es normalerweise ein tiefes Mistrauen zwischen gebildeten Reaktionären und eher instinktgesteuerten „Haudraufs“ gibt. Die Angst des Bürgers vor dem Assi, auf dem Schulhof wie im Parlament. Hat aber jener Plebs erst die Macht errungen und zeigt er weiterhin Härte, so kann er sich plötzlich vor zu Kreuze kriechenden Schnellbekehrten nicht retten. Peinliche Selbstauflösung aller bürgerlichen Parteien nach dem Ermächtigungsgesetz.

Adenauers CDU, hervorgegangen aus der Zentrumspartei, zog nun nach 45 alles an, was sich durch Engagement von mehr oder weniger großer Mitläuferschuld reinwaschen wollte. Das waren nicht so sehr die dumpfen SA-Schläger, sondern der bürokratisch erfahrene Mittelbau des NS-Staates. Also akademisch gebildete Kader. Globke, Filbinger, Kiesinger, Oberländer, Gehlen, … die Politik sah demnach aus: Schlussstrichdiskussion über NS-Verbrechen; Reaktivierung von Wehrmachtsveteranen für die Bundeswehr… Verbreitung des Märchens von der im Kriege „saubergebliebenen“ Wehrmacht… Vergabe seltsamer Namen an Kasernen… sie recyclten die Goebbels-Idee der letzten Kriegsphase, die „Warnung vor der Roten Flut“ …

Kurz: Die CDU ist Adenauers „braunes Wasser“ gewesen, mit dem er das Land wusch.

„Man wirft mir vor, ich wüsche mit braunem Wasser. Ja, aber wenn ich doch kein anderes habe!“ (Adenauer)

  1. Bei den Wählerinnen und Wählern der AfD ist für die CDU nichts zu holen. Versuche wie in Thüringen mit Hans-Georg Maaßen als Kandidaten sind gescheitert. Und zwar kläglich.

Quatsch. Nur eine Volksfront aus SPD, Grünen und in letzter Minute auch Linken führte zur Bündelung „strategischer“ Wählerstimmen für den SPD-Kandidaten. Ohne all diese Propagandatrommeln, bei normalem Wahlvorgang, wäre sicher ein anderes Ergebnis entstanden.

Bei der AfD befindet sich der gesamte verprellte rechte Wähler-Flügel der alten CDU.

  1. Seit ihrer Gründung war die CDU die Partei der deutschen Einheit und der europäischen Einigung. Beides waren Visionen, politische Ziele. Heute sind sie Wirklichkeit.

Und weil die heute Wirklichkeit ist, verschweigen wir mal klammheimlich, dass im Herbst ’89 eigentlich auch in der CDU niemand mehr an eine WV gedacht hat. Lediglich Kohl hielt daran fest. War es seine Prägung in den Nachkriegsjahren? Oder die Biografie seiner Frau? Sein 10 Punkteplan überraschte die eigene Partei im Winter 89 wie später der merkelsche Schlag gegen die Kernkraftnutzung. Die Paladine waren geschockt und mundtot.

Zuvor war der 17. Juni immer weniger gefeiert worden. Der Kommunistenfresser Strauß bereicherte sich 1983 lieber an der Provision für jenen Milliardenkredit an Honeckers angeblich gar nicht existierenden Zonen-Staat. Biedenkopf und Geisler wollten modernisieren und „neue Themen setzen“ – wurden allerdings von Kohl seinerzeit kaltgestellt. Dass Biedenkopf dann König von Sachsen wurde, ist ein Paradebeispiel politischer – na – nennen wir es Flexibilität.

  1. Viele Mitglieder wissen wenig über das historische Werden der Union und ihren Gründungsimpuls als Sammlungsbewegung und Kraft des Neuen. Die CDU war in einer so zerrissenen Gesellschaft, wie es die deutsche nach dem Krieg war, 1945 ein Versprechen und etwas Unerhörtes. Die CDU war die Partei der ausgestreckten Hand und nicht der geballten Faust.

Und weil so viele tatsächlich nichts wissen, über die Werdegänge in den ersten 20 Nachkriegsjahren, da lassen wir das mal so aussehen, als wäre Adenauers „ausgestreckte Hand“ so eine Art ständiger Kirchentag gewesen: Alle haben sich lieb und grenzen sich „mit äußerster Trennschärfe“ nach rechts ab. Beate Klarsfeld lacht sich tot.

  1. Was bedeutet das programmatisch? Die Idee eines verpflichtenden Gesellschaftsjahres für alle in der jungen Generation ist Ausdruck dieses bürgerlichen Staatsverständnisses, das Verantwortung und einen praktischen Patriotismus zur Grundlage einer freien Gesellschaft macht. Darauf kann die CDU sich besinnen oder daran wieder anknüpfen.

Praktischer Patriotismus entsteht also durch ein soziales Pflichtjahr. Superidee. Ironie sollte man kennzeichnen! Wer Patriotismus will, muss Gründe schaffen, weshalb man patriotisch sein soll. Worauf darf man noch stolz sein? Ist nicht alles von früher – NS, Rassismus, Holocaust? Das liegt im Argen! Die Wurzeln demokratischer Tradition werden nirgends gründlich vermittelt. Geh auf die Straße und frage die Leute, wer Erzberger, Blum, Haecker, Müntzer war! Wo kommt die Regenbogenfahne eigentlich her und wofür stand sie ursprünglich? Warum waren die Befreiungskriege eben nicht der präfaschistoide Alptraum, der deutsch-französische Freundschaft verhinderte, sondern eine durchaus demokratische Volkserhebung?!

Weiß sowas heute jemand? Ach wozu denn! …

(In Berlin Kreuzberg will man dieser Tage gerade alle Namen dieser Heldenzeit von den Straßenschildern tilgen. Yorck-, Blücher-, Tauentzien-…; weg damit! Klar, Kreuzberg; die brauchen orientalische Namenspatrone nun.)

  1. An der Parteibasis sind die Diskussionen ähnlich: Wenn Stadtverbände erklären, sie würden das Plakat mit dem Kanzlerkandidaten nicht aufhängen, dann haben die Funktionäre vor Ort ja leider genug schlechte Vorbilder in Land und Bund. Ihr Verhalten ist falsch und auf Dauer tödlich.

Nö. Wenn sie keine Ausreden haben, warum nun gerade DER mit dem wenigsten feedback an der Basis Kandidat wurde, und warum nur der Vorstand gefragt wurde, und was der Vorstand eigentlich von Demokratie und Dienst am Wähler hält…dann ist das richtig, die Reizfigur aus der Schusslinie zu nehmen. Einer, der vor der Flut, alle Katastrophenhilfen abschafft, dann drei Wochen die Bundeswehr helfen lässt, sie aber baldigst wieder abberuft – und der dann beim Ortstermin blöde Witze reißt – während die Toten noch nicht einmal unter der Erde sind, der ist nicht mehr vermittelbar!

  1. Die Erneuerung der Partei kann nicht aus dem Konrad-Adenauer-Haus kommen. Sie muss in den Kommunen beginnen. Dazu müssen gesellschaftliche Gruppen anders eingebunden und angesprochen werden. Die Ressourcen der Partei und ihres Umfeldes müssen darauf ausgerichtet werden. Die ehrenamtlichen Mitglieder haben auch den Anspruch, mehr Gehör zu finden.

Soso. Also Basisdemokratie? Keine Anweisungen von oben? Ein frommer Wunsch. Wie stehen die Chancen, korrupte Abgeordnete loszuwerden? (Rezo-Video 3) lehrt, dass der Verbonzung nun jahrzehntelang Tür und Tor offenstanden – und dass es an „jungen Wilden“ fehlt, die per Parteirevolte daran etwas ändern könnten.

  1. Es hilft nichts, wenn die Parteibasis über die Funktionäre schimpft, wenn die Funktionäre die Schuld beim Vorsitzenden suchen und der Vorsitzende sich über mangelnden Rückhalt beklagt.

Sagen wir es konkreter: Die SPD-Regierung hat unter Schröder ihr Wählerklientel verraten und eine lupenreine FDP/CDU-Politik gefahren. Merkel hat die CDU sozialdemokratisiert bzw. (leicht) begrünt. So entstand Verwirrung und massive Enttäuschung hüben wie drüben in allen Lagern.

Also wäre der Laden dringend aufzuräumen, indem wieder jeder Verein das tut, wozu er irgendwann einmal gegründet wurde und somit wären auch die klassischen Wählerschichten zurückholbar.

Aber auch das wird frommer Wunsch bleiben. Ich weiß. Früher verschwanden bei Wahlen unterlegene CDU-Potentaten schnell in der zweiten Reihe. Selbst diese Form der Selbstreinigung gibt es heute nicht mehr.

Der Zeitpunkt des Aufhörens

Da war einmal ein Lehrer in mittleren Jahren, knapp über 40, der kam mit seinem Fan-Club, einer 12. Klasse, aus der Aula zurück in den Klassenraum. So eben hatte das Abi-Programm der 13. Klassen stattgefunden, wie alle Jahre.

Üblich war, dass die 13er den 10.-11.-12. Klassen alljährlich ca. 80-90 Minuten lang kabarettistisch den Schulalltag präsentieren. Also schlüpfen ausgesuchte Parodie-Talente des Abschlussjahrgangs in die Rollen von Frau A. und Herrn B. und ziehen diese anhand wiedererkennbarer Besonderheiten -zum Jubel aller- abschließend durch den Kakao.

Nun kamen also nach und nach alle Schüler wieder in den Raum gedröppelt, mehr oder weniger aufgekratzt, die eine oder andere Pointe wiederholend, kichernd, und auf das Klingelzeichen für die Hofpause wartend.

Herr B. lehnte wie gewohnt mit einer Arschbacke am Lehrertisch und wartete ebenfalls.

Alles strahlte um ihn her und Ringo krähte: „Und? Wie fanden Sie’s?“

Sie wussten sich eins mit Herrn B. Wie gesagt: Fan-Club. Sie hatten alle seine Pointen bisher verstanden und er ihre.

Auf die Frage trat gespannte Ruhe ein – in die Herr B knurrte: „Arschlos.“

Verblüffung pur.

Herr B.: „Die 13er haben keinen Schneid. Seit Jahren fürchten hier alle Herrn P. und Herrn T. Und? Wo waren Witze über die? Statt dessen machen die Frau M. runter. Die harmloseste im Kollegium! Die hat hier noch nie jemandem was getan. Widerlich.“

Schweigen im Walde.

Die dämliche Melanie will wie immer auch ne Meinung haben: „Ja, aber…“

Ihr Banknachbar bremst sie: „Halts Maul. Er hat recht.“

Die kluge Dörte am Fenster mit Blick in die Klasse: „Boing. Treffer, versenkt.“

Es klingelt. Der Raum leert sich.

Beim Abi-Ball nähert sich der Herr B.- Parodist vom Abi-Programm dem Original und fragt:

„Ihnen hat unser Programm nicht gefallen?“

„Yep.“

„…hat sich rumgesprochen.“

„Gut so. Schämt euch. Frau M. hats schwer genug.“

Ein Jahr später waren im Abiprogramm auch Herr P. und Herr T. Mode. Frau M. wurde diesmal übergangen. Beim Verlassen der Aula trifft der grinsende Herr B. an der Treppe auf die ebenso strahlende Dörte.

Sie: „Und? Zufrieden?“

Er: „Top!“

Daran musste ich denken, als ich gestern im Riffmaster-Blog den Text von „Dr. Brand“ , einem späten Reinhard Mey Song, las.

Guckst du hier, (ganz runter scrollen, am Ende des Beitrags).

Es traf mich unvorbereitet. Mein Idol wankt. Reinhard Mey hat von „…heiße Caspar“ bis „Narrenschiff“ ein Schaffen hingelegt, das Heinz Rudolf Kunze , Grölemeyer, Lindenberg i tutti quanti auf die Plätze – bzw. gaaaaanz weit nach hinten verweist. Deren Schaffen ist ihm gegenüber besseres Wort-Scrabbel!

Und dann kommt der mit sowas!

Der hat immer Maß gehalten, der konnte Lachen und Weinen erzeugen!

Und dann das!

Der Meister, der einst „Bevor ich mit den Wölfen heule“ schrieb, outet sich nun auf den letzten Metern als Mitläufer in der Meute, bei dümmlichsten Provokationen gegenüber dem vermutlich gutmütigsten Lehrer seiner Schule. Das alte Spiel: Früh übt sich der Welpen-Mob, dort wo es ungefährlich scheint.

Die späteren 68er in den 50s, wie die Pimpfe eine Generation früher, die ihre Inspiration aus der „Feuerzangenbowle“ hatten, die wiederum die Kaiserzeit auf dem Kieker hatte.

„Wenn alles schläft und einer spricht, dann nennt man das (Dr. Brands) Unterricht.“ Der Spruch stammt vermutlich aus der Antike. Er hat so einen Baaaaaaaart! Er ist auch in Meys Schulzeit nicht mehr originell.

Dann bekommt der Song aber die Wendung in’s KZ.

Und prompt erscheint mir die Frage: Tut ihm seine pubertierende Schülerblödheit nur leid, weil er erfährt, dass er da unbekannterweise einen KZ-Überlebenden vor sich hatte?

Sind die Blödheiten klüger, wenn der gutmütige Kauz ein Wehrmachtssoldat gewesen wäre? Kickt dann wieder die Ausrede: War’n ja alle Nazis! Also können wir die alten Kamellen einfach weiter lustig finden!

(Und was wäre dann mit Böll? Mit Borchert? Mit Lorentzen?)

Die plakativste und somit übelste Zeile im Song ist:

„Die Würde aber unberührt…“.

Wie soll‘en das gegangen sein? Als Schwuler im KZ?!

Wo hat er denn DIE DDR-Singeclub-Phrase her?

Die Würde ist schon futsch, wenn sie dir den Schädel rasieren; wenn sie dich zwingen, die Hose runterzulassen, bevor du ausgepeitscht wirst; wenn du aus Frauenmangel von kräftigeren Häftlingen „rangenommen“ wirst; wenn du dich das erste Mal überwindest, einem Mithäftling Brot zu klauen – weil du überleben willst, während er nun verhungert; wenn du vor den Wachmannschaften buckelst, auf allen vieren „deine Mütze holst“!

Und dann kommst du raus und „davon“ – und an einem westberliner Gymnasium unter; willst dir eine neue Würde erschaffen, lebst aber gefährlich, als schwuler Lehrer enttarnt zu werden, (dazu fehlt mindestens eine ganze Strophe!) – in den Adenauerjahren – und diese Rotzgören tränken es dir ein… zum zweiten Mal im Leben.

Und zwischen den Zeilen der ersten Strophe schwingt da immer noch mit: Aber schön war sie doch, die Schulzeit voller „Feixen“ und „Faxen“ als „Creme de la Creme…“ Ach diese peinlich vertruxte Altherrensehnsucht nach „Rabaukentum“, wenn doch nur ein paar beleidigende Gääähnwitze zu vermelden sind.

„Ich bin mit meinem Latein am Ende“,

heißt es kurz vor Schluss.  Ja, die Zeile stimmt.

Aber dieser lateinisch angehängten Bitte um Vergebung fehlt der Rührungsfaktor, den Mey in so vielen anderen Songs immer hinbekam: Caspar, Würde des Schweins, Alter Bär ist tot, Schade – dass du gehen musst…

Die Floskeln zu dürr und unangenehm selbstgefällig: Seht – ich büße!

Irgendwann versiegt bei jedem die Schaffenskraft; man wird sein eigener Schatten.

Ich kann all diese Alt-Stars nicht verstehen, die das doch auch merken müssten und immer weiter machen, und ihr Lebenswerk beschädigen.

Ein Jahr vor seinem Tod schoben sie hier bei uns in der Nähe den alten, hinfälligen Johnny Winter auf die Bühne, legten ihm die eingestöpselte Gitarre auf den Schoß und los gings. Im Sitzen und mit altersschwachen Stimmbändern…

Phil Collins macht das grade nach…

Meat Loaf’s letzte Platte …. stimmlich am Ende. Und Songs schreiben konnte er ja noch nie – ohne Jim Steinman.

Und Reinhard Mey kommt die Wortgewalt abhanden.

„20 Uhr“ … „Menschenjunges“ ….. „keine ruhige Minute“ …. „Alles geht!“…. „Leuchtfeuer“… „Flaschenpost“ … Alben für die Ewigkeit.

„Mr. Lee“ gehört nicht dazu, denn auf der befindet sich „Dr. Brand“.

Überzählig – the descent

Bob Mould „the descent“ 2012

Dt. Version: Bludgeon 2021

Das herrliche Video treibt mich gute 2 Jahre um. Hab mir die CD erst jetzt zugelegt. Weil sie jetzt in die Zeit passt. In MEINE Zeit.

Er hats gewusst

2002. Er hats gewusst.

Gibt so Umwälzungen privater Natur, die lassen plötzlich die Weltpolitik klein und hässlich „behind“.

Nix zu Kabul, da kann man eh nur Scholl-Latour nacherzählen und selbst dessen Bestseller haben nichts verhindern können.

Dann die Wahl von neulich. Halt – die war ja erst gestern!

„Steht ein Veganer in der Fleischerei, hat Hunger, aber nur totes Fleisch um sich…“

ja, plötzlich lässt sich sowas ganz kurz abhandeln.

Good Old Bob zerhämmerte mir mit „Workbook“ und „Black sheets of rain“ damals in den ganz frühen 90ern upcoming Nachwendeblues in den ersten „westdeutschen“ Dienstjahren – und nu verschönert er mir den Schluss mit diesem Hammeralbum „Silverage“. Da schließt sich ein Kreis – aufs feinste. Blow it away, Bob!

Ich lief einst los so blöd naiv für ein bissel Traum und Wunder

Anfangs warn noch Blum‘ im Haar, das würde ich heut nicht mehr woll‘n

Das Leben gab mir manche rein, jedoch ich ging nicht unter

Volksaufklärer gabs zu hauf, nur fehlte Lust Tribut zu zollen.

Ich/ glaub/te dir /dein „ach das wird schon“ damals nicht die Bohne

Jedoch sahst du, dein Gift, das wirkt‘ allmählich

Du/ bist/ nun/ auf/ und davon – und ich bin überzählig

Phrasen kamen pünktlich rein
mussten nur verkündet wer’n
ich schlug Haken Tag und Nacht
konnt‘ mich ja nicht mal beschwern

Ich/ glau/ bte/ dir/dein „das wird schon“ nichteinmal

Doch du kamst an – und das war für mich normal

du kannst es sehn in meinen Au‘ng
interpretier mein‘ grauen Bart
ich denke schon, man sieht mir an

der Marathon war ziemlich hart.

Hier/ kommt/der/Sinn, – den ich dir um die Ohren hau:

Du/ weißt/ge-/ nau – was ich mir zu sagen trau:

Meine Spanne is nu um, ich sitze hier in Ruhe rum

Hab manchen Götzen angepisst, werd‘ deshalb nicht sehr vermisst

Ich bin weg und das Salär wird schmählich

Pfeif drauf, ich bin halt überzählig.

Zeit ist um, sind andre dran, auf meine Sicht kommts nicht mehr an!

Nee, darauf kommt’s nu nich‘ mehr aaaaaannnnn!

Ich gewöhne mich allmählich –

Gottlob bin ich nu überzähliiiiiiiiiiiig.

Der Pflichtfilm zum 60. Jahrestag

August’61. Mauerbau. 60 Jahre her.

Ja, da musste der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk mal wieder Wahrnehmung des Erziehungsauftrages beweisen. Wie immer bei Ossi-Themen wurde es eine übellaunig abgedrehte Schnellschnell-Klischee-Parade. Sparsamer Aufwand, schneller Dreh und schnelle Schnitte, senden, abhaken. Eventuell jedes Jahr anfang August wiederholen.

„3einhalb Stunden“

„Es fährt ein Zug nach nirgendwo“… am 13. August 1961. Und die Passagiere dieses Interzonenzuges von München nach Ostberlin haben dreieinhalb Stunden Zeit zu überlegen, ob sie spätestens in Bamberg aussteigen, um „ihre Träume leben zu können“. Im Adenauerland. In den USA von Küste zu Küste reisend. Oder auf dem Eifelturm. Oder weiterfahren, um schmählich im Osten zu verenden!

Du musst wissen: Alle Ossis träumten permanent von Flucht und von Amerika! Für Wessis gilt das als erwiesen.

Der Abspann des Filmes sorgt für den eigentlichen Lacher: Historische Beratung: „Max Musterfrau“.

Ich will den armen Mann nicht bloßstellen, schaut selber nach, wenn euch der richtige Name interessiert. Vielleicht hat er ja richtig beraten, aber man hat der Crew das Budget gekürzt, sodass zeittypische Kledage eben nur für ein Drittel der Akteure gereicht hat. Vielleicht aber ist er einer dieser jungen Leute, die mittels massiver Nachteilsausgleiche ein Abi herbeigeschenkt bekamen und die nicht bestandenen Testate im Studium machte dann die Zeter- und Mordio schreiende Helikopter-Mutter auf den Fluren der Sektionsleitung wett, während die eingeschüchterten Profs hinter ihren Schreibtischen in Deckung gingen. Kein Aufsehen! Wegloben! Ab zum Fernsehen!

Welche Bären kriegen wir hier nun aufgebunden:

Da gibt es eine junge Lokführerin in der DDR, über die ein Dok-Film gedreht werden soll. Aber die junge Dame verhält sich wie die von D-MAX hergebeamte abgespeckte ARD-Version der Checker-Lina abzüglich ihrer Tatoos, wie sie da in Männerunterhemd und Latzhose an der Lok schraubt.

Dann gibt es einen Flugzeugkonstrukteur, der mit Frau und zwei Kindern in München den Zug besteigt. Beide Kinder annähernd gleich alt. So zwischen 11 und 13. Die Tochter Papas Liebling, technisch interessiert und schlauer als der Vater, weil sie spontan ein Transistorradio reparieren kann, welches dann prompt Willy Brandts Mauerbauprotest sendet. Sie nervt zuvor die Leute auf dem Bahnsteig mit einem großen Flugzeugmodell, mit dem sie herumfliegt und immer so „beinahe“ aneckt, während der fasst gleichalte Bruder brav neben Mutti hertrabt.

Also das kann ich aus meiner 60er Jahre Kindheit bestätigen: Was haben wir Jungs gelangweilt und ideenlos in der Sandkiste herumgesessen, bis die spielmachenden gleichaltrigen Kumpelinen kamen und uns via Sandkuchen backen und Gummi-Hopse einen interessanten Tag bescherten! Und später hat mir meine Sandkastengefährtin Conny mit meinem Stabilbaukasten etwas vorgeschraubt und ich habs nachgebaut.

Glaubste nich‘? War bei dir genau andersrum?

Na siehste!

Ironie aus!

Der lustlose Bockie der Familie übrigens hat kurz vor Schluss dann seinen großen Auftritt, als Vater im Westen bleiben will, weil er ein Jobangebot in München bekam. Mutter aber will den verdienstvollen Opa im Osten nicht alleinlassen. Tochter heult und will schon aufs Pilotinwerden verzichten, da kommt Kleinpubi altväterlich kraft seiner 13 Jahre Lebenserfahrung aus dem Muspott und spricht: „Du bleibst mit Papa im Westen und wirst Pilotin. Ich geh mit Mama zurück nach Berlin. Und im Urlaub treffen wir uns in Prag.“ Gesagt getan. Alle zufrieden.

So easy kann das Leben sein!

Dazu dann noch eine Ostberliner Band im Zug (sic! Warum auch immer!), die prima 90er Jahre Existenzialisten-Pop klampft, (Warum nicht gleich Punks mit Iro?) aber seltsamerweise niemanden nervt. Alt und jung kriegen feuchte Augen. Niemand tönt etwas von „Hottentottenmusike“ und „Vernegerung“. Eben alles typisch 1961. Kmmh! Abwink.

Muss ich noch mehr sagen?

Es gibt ein paar Sporenelemente „neuer“ Akzente. Aber die musst du mit der Lupe suchen, wie in Gegenwartsfilmen der DEFA in den 70ern:

Die Frau des Konstrukteurs verteidigt ihren Vater und die Ideale der DDR ohne Schaum vor dem Mund und gar nicht doof wirkend. (Geradezu revolutionär anders!) Aber sie spricht nicht wie eine Mutter, die die Familie zusammen halten will, mittels alltäglicher Argumente; sondern sie doziert die anderthalb Seiten, die der Cornelsenverlag 10.Klässlern beim Thema DDR halt so zugesteht.

Die 4 Leute jener Combo, die kein einziges Mal so genannt wird, sind dagegen unerträglich holzschnitterne Klischeeträger, dass es einen graust. Und vor allem die Dame in gänzlich falschem Outfit!

Immerhin ist hier ein Lob für die DDR versteckt, nur leider ungenügend recherchiert.

Drummer und Basser sind ein schwules Paar. Der Wessi-Historiker hat nu irgendwo gelesen, dass die DDR 1961 keinen §175 mehr hatte, also lässt er das Paar sich gerade so geben und offen reden, wie das heute möglich ist: Was für ein Irrtum! Wie sah es mit der Schwulenakzeptanz in der DDR aus? Der DEFA-Film „Coming out“ von 1989 verrät es! Nix da von regenbogenbuntem Herumgewusel!

Dann fällt ein Satz über die rückständige Schwulengesetzgebung im Westen. Hui! Ein Minuspunkt für den „goldenen“ Westen! Hört, hört! Aber das schwule Musikerpaar entscheidet sich dann doch für genau den, wegen dem Eifelturm und Miles Davis. (Frag mich nich‘!)

„Dreieinhalb Stunden“ reiht sich ein in jenen unsäglichen Reigen aus „Honigfrauen“, „Unsere besten Jahre“, „Ballonflucht“… Klischeefernsehen at it‘s schlimmst.

Weil sich Wessis halt ihr Ossibild so angelesen haben -in IHREN Quellen- und ohne mit ihnen zu reden.

Es lebe das GEZ-Qualitätsfernsehen, das völlig verlernt hat, in seinen vielen, vielen C-Filmen zu Themen der jüngeren Geschichte, zeittypische Atmosphären zu erschaffen.

Filme wie „Gundermann“ und „Wunder von Bern“ beweisen, dass da eigentlich mehr gehen würde, wenn man nur wollte.

Uns’re Besten (Epilog)

So Opa. Wunschgemäß der dritte Törn.

Yep. Am besten du sabbelst nicht dazwischen, ich laber‘ das herunter, dann sind wir schneller fertig.

Hm. Wie du meinst.

Nich einschnappen. Ich muss bloß zuviel Kontext erklärn, sonst verstehen ja alle die, für die das Thema Neuland is‘ Bahnhof. „Was für ein kurioses Zeuch?! Und das findet der gut?!“ Das will ich vermeiden.

MEISTERWERKE  –  Die  die  Wende  möglich  machte

So nu simmer nach 1990 angekommen. Da dachte ich, dass ein paar kulturpolit-Schäden der Vorwendezeit ausgebessert werden würden. Im Interregnum 1990, als die DDR bereits im Hospiz lag, erschienen tatsächlich schnell mal vorher nicht für Klassenstandpunkt kompatibel befundene Alben: Eine Debut-LP von Sandow, eine von den Skeptikern und die 1982 fertig produzierte, aber in letzter Sekunde doch noch verbotene „Paule Panke“ von Pankow.

Gundermann, Keimzeit und Rammstein machten Karriere.

Mich freute es und ich glaubte, das würde so weitergehen. Aber –

Es wurde viel vertan:

Wie wär’s, mal die 74er Renft-LP unzensiert herauszubringen?

Oder auf der Debutplatte die ungekürzte 10 Minutenversion von „Zwischen Liebe und Zorn“ zu ergänzen?

Verboten wurden Renft 1975 anlässlich der Präsentation ihrer 3. LP, die dann niemals erschien, warum erschien die seither nicht?

Warum erschienen zwei lustlos zusammengehauene Renftsampler mit akustisch katastrophalem Demokram ohne Nachbearbeitung? Die Texte wären es wert gewesen!

Wo blieben LPs von Bürkholz-Formation, Zwei Wege, Simpel-Song (Frühwerk), FoJa’s „Kerouac-Projekt“, Tramperhymnen von Löwenzahn, Wandersmann, Wind-Sand-und Sterne, und-und-und?

Leerzeichen all over. Dies alles geschah nicht.

Wie wir alle wissen, die es damals erlebt haben, war das Ossivolk in Bezug auf die Ostbands ein treuloses: Gute 5 Jahre nach der Wende spielten die ehemaligen Paradiesvögel vor leeren Rängen. Erst ab ca 1995 schlug die Stimmung wieder um. Nun wurde doch dem ein oder anderen Deppen bewusst, dass er da SEINE EIGENE Geschichte verdrängt, wenn er meint, Pankow, Rockhaus, Stern Combo vergessen zu können.

Außerdem war mal vor einiger Zeit ein interessanter Essay im Netz zu lesen, der Klartext beschrieb, wie sehr der Ostdeutsche Rundfunk unter West-Kuratel gestellt war und außer Puhdys, Karat und Ute Freudenberg kategorisch gar nichts von den alten Ostbands spielen durfte. Wegen ehemaliger „Systemnähe“. Das entschieden durchweg Westintendanten. Welcome in Neil Youngs free world!

Der meinte das auch zynisch! Das ist KEIN Jubelsong!

Aber Radio Rockland und Dieter Birr sei Dank, dass es nicht so blieb. Der Privatsender Radio Rockland (Sachsen Anhalt) gründete sich in den 90ern und lud Dieter Birr als Promi ein, zwei Stunden lang eine Sendung zu gestalten. Der kam und spielte alle seine Kollegen. Also quasi „Verbotenes Zeug“. Und dann ertrank der Sender in Zuschriften: Mehr davon! MEHR DAVON!

Buschfunk, Löwenzahn, Sehzehnzehn, und endlich auch die BMG, bei der der Löwenanteil des Amiga-Erbes nach mehrfachem Herumgeschleudere gelandet war, ließen nun CDs pressen. Buschfunk förderte auch Bands, die vor 89 chancenlos waren, Platten machen zu dürfen. Sechzehnzehn veröffentlichte vorallem vergessenes Frühwerk etablierter Bands aus Hallo-Sampler-Tagen. Die BMG begann alte Band-LPs auf CD herauszubringen, schmiss den Markt aber vor allem mit einer Flut stümperhafter Kompilationen a la „Das (angeblich) Beste aus der DDR“ zu.

Viele der Sampler und Themenreihen taugen leider nichts, weil man hier (westdeutsch übersetzt) allzuoft Max Giesinger mit den Scorpions und Doldinger zusammen warf. Aber die eine oder andere Perle ließ sich finden, so „right out of the dirt“.

Hier nu meine 5 Favoriten. Nuggets from the Past.

Platz 5:

4 PS4 PS „Blues für ein Mädchen“; da merkste schon die bescheuerte Namensgebung der Macher!

4 PS „Alle Zweigroschenlieder“ oder „Die Nachtigall-Sessions“ oder „Das Erbe der Märchenfee“ wären Titel gewesen, die ebenfalls auf ihre Hits Bezug nehmen und intelligenter geklungen hätten.

Egal. Es is‘ne gute CD, die die Nuggets des einen Jahres 4 PS Existenz enthält, die AMIGA vor der Wende keine LP wert waren. Eine der vielen Blödheiten damals. 4 PS – das war die Franz-Bartsch-Band, die die Vroni Fischer begleitete. Die hatten sich nach der 2. LP mit ihrer Frontfrau überworfen und traten nun ohne sie auf. Die Fischer brachte zeitgleich ihre 3. LP mit lauter Newcomern heraus und ließ sich ihre Songs von Thomas Natschinski schreiben. Bartsch erntete viel Lob, das „Zweigroschenlied“ viele Preise, die anderen Songs viel Airplay und gute Mittelfeldplätze in den „Wertungssendungen“.

Obendrein wurden die seltenen 4 PS Konzerte sehr in den Himmel gelobt, für lange Improvisationen in Fusion-Manier. Wo bleiben Live-Mitschnitte von sowas?

4 PS, das sei die Supergruppe der DDR, so eine Art Toto, weil die Musiker allein oder zusammen auf allen möglichen Schlagerplatten aushalfen. Sie seien die Lokomitiv GT der DDR, weil alle 4 gleichrangig nebeneinander stünden.

Ihre Texte kreuzbrav, ohne Widerhaken, (mancher knapp am Fremdschämen vorbei) aber die Musik eben schöööööööön!

Nach einem knappen Jahr – Aussöhnung mit Vroni. Die 4. LP „Goldene Brücken“ entstand 1979. Ein Longtrack unter dem Namen 4 PS wurde parallel noch veröffentlicht, „Träume wie Segel“ 1980, dann war wegen Westflucht – Finis. Aus der nicht abgehauenen Rest-Band wurde Pankow mit eigener Erfolgsgeschichte.

Platz 4

das debutStern Combo Meißen (1995). Das eigentliche Debut. Ein Konzertmitschnitt von 1976. Abgesehen von Silly’s „Zwischen unbefahrenen Gleisen“ der einzige Fall des nachträglichen Veröffentlichens einer ehemals „verbotenen“ Platte. Die Band war mit ihrem Debut (der ersten live-Platte der DDR) angekündigt gewesen für 1977. Man wartete vergebens. Dann erschien 1978 etwas, was zwar live war, aber ihren großen Hit „Finlandia“ nicht enthielt. Medial waren sie für dieses Werk schon reichlich gepriesen worden, aber dann war Biermann vor. Die Adaption enthielt einen gesungenen 4 Zeiler am Schluss, in dem das Wörtchen „frei“ vorkam. Und Anfang 77 lief immernoch das Biermann-Beben in der Ehemaligen. Und wenn man so ein Wort verbietet, dann denken die Leute auch gleich nicht mehr dran … Kommt dir das 2021 bekannt vor? 1995 erschien nun das richtige Konzert von damals mit „Finlandia“, mit „Wenn ich träume“, mit der Adaption der „Rhapsody in blue“ … Damit hat die Band eine „48“, die sie betraf, ausgeräumt. Ein herrlicher Livemitschnitt. Eine Band auf ihrem Zenit.

Platz 3

LackyReinhard Lakomy „Das Beste“. Eine zeitlang auch unter dem Namen „Die Immerwiederlieder“. (Aber eventuell war letzteres auch eine Neueinspielung.)

Mitte der 70er Jahre hatte Lakomy ein eigenes Ensemble mit Band und Kreischweibern. Er war also sowas wie der Les Humphreys, Reinhard Mey und (stimmtechnisch) Joe Cocker der Ehemaligen. Außerdem war er ein stures Unikum. Ein gestandener Jazzpianist, der sich seine Sporen bei Klaus Lenz verdient hatte, und ein einfallsreicher Arrangeur, was all die musikalischen Widerhaken betraf, die viele seiner Lieder auszeichneten. In den 80ern wurde er dann noch der Edgar Froese oder Klaus Schulze der DDR, indem er gesanglich verstummte, aber interessante elektronische Musik erzeugte. Um die geht’s hier aber nicht.

Zu Ensemble-Zeiten hatte er viele Erfolge, denn er war mit Fred Gertz eine Symbiose eingegangen, die fast Züge einer Therapie gehabt haben muss: Er beichtete bei Gertz sein Leben und Gertz machte daraus Songtexte. Ergebnis: Alles kam so echt rüber, wie selbst geschrieben.

Aber er machte daraus leider Scheiß-LPs, weil er auf allen dreien „die Lütte“ singen ließ. Angelika Mann war eine von den 3 Backgroundlerchen und, wie es heißt, die Janis Joplin des Ostens. Was sie aber auf den LPs da singen musste, das waren – extrem weit weg von Janis – immer die Graupen der Platte. Ihr Ruf passte überhaupt nicht zu diesem üblen Schlagerkram. Somit war keine LP-Seite genießbar. Auch gab es unter Lackys eigenen Liedern Billigware, die es zurecht nicht auf die großen Erfolge geschafft haben.

Zwar hatte es 1978 bereits eine LP „Die großen Erfolge“ bei Amiga gegeben, aber diese hier bietet eine deutlich bessere, ergänzte Zusammenstellung der wirklich erhaltenswerten, brauchbaren Teile. Mehr als die braucht man aus jener Phase nicht. Der hier nicht enthaltene Rest kann nur enttäuschen.

Platz 2

die KultsongsRenft. „Zwischen Liebe und Zorn“(1995). Irgendwer, vermutlich nicht die immer zankende Band selber, brachte es fertig, die brisanten Songs und ein paar Hits auf eine CD zu kompilieren, die somit auch komplett durchhörbar ist. Obwohl: Von „Sonne wie ein Clown“ gibt es hier eine Liveversion von 1975, die zwar eine brisante Ansage einschließt, aber ziemlich unausgereift, rumplig klingt. Die Pannach&Kunert Version der ersten West-LP ist deutlich schöner.

Aber: Hier gibt es Liebe und Zorn, Ottoballade, Glaubensfragen – und – jene wunderschöne Helpless-Coverversion mit deutschen Text, die man bisher höchstens aus dem Renftfilm „Saitensprünge“ kennen konnte, und wer hat den schon gesehen?! Wie sich später erst zeigen sollte, gab es noch weiteres Material, aber der Inhaber, vermutlich Klaus, hatte immer noch nicht begriffen, wie man das hätte vermarkten können.

Platz 1

wind sand und sterneEin großer Unbekannter: Stefan Gerlach un Waaggefährten – Wind Sand und Sterne (1995);

Die Kunden- und Tramperszene der Ehemaligen, die Vogtland-Blueser kannten und kennen ihn. Eine Aarzgebirg-Institution. Der Neil Yong der „Südstaaten“. Gerlach tourte mit seiner Truppe „Wind Sand und Sterne“, wie mindestens ein Dutzend andere Bands zwischen Dresden und Wasungen/Thüringen hin und her, vorwiegend im Raum Ebersbrunn – Zwickau. Ohne je im Radio gewesen zu sein, ohne „Einstufung“, deshalb ohne Platte. Es heißt, er habe zu Ostzeiten hochdeutsch gesungen. Nach der Wende dachte er sich in Erinnerung an Anton Günther, den Erzgebirg-Barden der 20er und 30er Jahre: „Was Bap können, gannich a!“ und vererzgebirgte seine alten Lieder genauso, wie seine neuen.

Ein Zufallsfund beim großen Anbieterkraken: Eine Nachwende-Debut-LP; dank Löwenzahn-Label möglich geworden. Die Stimme im ersten Moment gewöhnungsbedürftig, aber das ist die vom Onkel Neil ja auch. Hörenswert! Die hausgemachten Byrds- bzw. Neil Young-Klänge und diese Volltreffer ins Lebensgefühl meiner Generation. Gänsehaut.

Wenn du Ossi bist: Mix was aus den Fünfen und du kriegst Heimatgefühle par excellence.

Wir alten Säcke meinen die Heimat – nicht den Staat!

Es is okay su in sanner Spur.

Uns’re Besten (II)

Na, da biste ja wieder. Komm rinn. Konnste Furore machen mit Opawissen?

Eher nicht. Musikgeschichte scheint megaout zu sein. Und Osteuropa ist eh nicht L.A.

Kann ich mir denken. Ist mir oft genug genauso gegangen. Du wolltest senden, ich wollte hier und da in Gesprächen mal was anbringen, aber – plötzlich biste der Inka, der Pizarro die Knotenschrift erklären will.

Schönes Bild. Aber wieso „der“ Inka? DIE heißt doch Bause! – Scherz! — Reg dich nicht auf! Mich interessiert so alter Kram ja.

Kunststück. Kommst ja nach mir. Das ist Natur.

Wollen wir loslegen?

Eine Frage noch: Ich hab ein bissel ausprobiert und zugehört und begreifen wollen – aber diese Sillynummer da von den Gleisen – Ich raff‘s nicht, wie man da auf deinen Todesstreifen und so kommen soll! Die Zeilen sind doch bloß harmlose Zoologie, so scheint mir.

Naja, das ist eben die hohe Schule des Conterbande Findens, wiedes nur in der Diktatur erlernst. Das mit den Schienen im Todesstreifen hat Tamara Danz im Interview nach der Wende erzählt, da wäre ich als Provinzler auch nicht drauf gekommen, aber: Es geht eindeutig um Schienen, die irgendwo herumliegen und verunkrauten. Kröten und Bodenbrüter haben dort ihre Ruhe, weil sie nicht genutzt werden: Da liegt näher, das als Bild für sozialistische Reformideen zu nehmen, die schon erdacht wurden, aber nicht verwendet werden (dürfen). Bahro zum Beispiel und seine „Alternative“ von 1975, die ihn nach Bautzen brachte. Oder all die gemaßregelten Autoren und Künstler. 1979 schmissen se gleich 9 Mann aus dem Schriftstellerverband, wegen „Abweichlertums“. Und das war 1984 eben erst 5 Jahre her. Wie gesagt: Viele glaubten damals an die Reformierbarkeit, wenn bloß die alten Holzköpfe abgesägt würden. Interessant ist auch, welchen Text Werner Karma dafür ersetzt hat: „Berliner Frühling“ ….. „Gullis werden leer gemacht, vom Geröll der Winterschlacht“ …. Stillstand. So war es 1950 und so war es 1984 und so wird es 1999 immernoch sein. Und immernoch die klassenkämpferische Übertreibung der Arbeit als „Schlacht“. Wo sich gar nichts tut, da ist dann eben das Wetter der Feind. Nur „der Alte Fritz von Preußen reitet auf der Stelle los“. Nichts bewegt sich. Stagnation. Eigentlich hat er die Aussage zugespitzt und die großen alten Inquisitoren waren es trotzdem zufrieden, da er sich ja „änderungswillig“ und „einsichtsvoll“ gezeigt hat.

Geil. Intelligentes Bonzenverarsching irgendwie.

Genau. Fangen wir jetzt an? Ich hab meine Liste für die Plätze 6 bis 10 nochmal überarbeitet.

Okay. Einverstanden.

PERFEKTE  ALBEN  DER  MAUERJAHRE    PLATZ  6-10

Also Platz 6: Nochmal Ungarn: Skorpio. Die haben mit „Kelj fel!“ ein absolut perfektes Album hingelegt. Mit dem Vorgänger „Ünnepnap“ eigentlich auch schon, aber nach nochmaligem leichten Stilwandel, lagen sie mit der „Kelj fel!“ gaaaanz weit vorne. Der Chef von denen ist der ehemalige Bassist von Lokomotiv GT, und wenn Basser Chefs sind, dann kommt der auch zur Geltung. Also Bass, Orgel, Bach-Trompete (vermutlich aus dem Synthesizer) aber macht nichts. Wäre ich Radiomoderator, würde ich mir aus dieser LP die Jingles basteln. „Durschd el migreb durschd elmigreb maaaar! Durschd! Oh! Durschd! Oh! Durschd! Durschd Elmaaaaaarr!“ So geh ich immer zum Kühlschrank. Seit Jahrzehnten!

mde

Onkel E. hat schon gefragt, ob du mir schon „Kelj fel!“ aufs Auge gedrückt hättest und dabei die Augen verleiert.

Klar. Kann ich mir denken. Unfreiwilliger Soundtrack seiner Grundschulzeit. Er spielt in seinem Zimmer mit irgendeinem seiner Kumpels und während seine Indianer zur Schlacht reiten, dröhnts durch die Zwischentür: „Kelj fel! … Wahuwahu ember! Manna-nana-mana-ma!“

Platz 7?

Nochmal Ungarn. Die grade erwähnten Lokomotiv GT. Kenne von denen 5 Alben, 3 perfekte, ein gutes und ein langweiliges. Aber eigentlich ist das die vielseitigste Ungarnband der 70er und 80er gewesen. Gabor Presser hat mit Kobor in den 60ern Omega gegründet. Aber schon nach der ersten Beatlesmäßigen LP war Zank, weil die Band straighter und härter werden wollte, aber Presser eher so der experimentellere Bursche war. Also gründete er Lokomotiv GT als Progband um 70 herum. Omega kamen erst mit LP Nr.7 im Prog an.Loksi

Die interessanteste LGT-Platte ist die 81er „Loksi“, die hab ich seit‘ 82. In Vinyl ein Doppelalbum, aber kurz wie Zappa seine. So passt alles im CD-Zeitalter auf eine Scheibe. Und die hab ich in den Nullerjahren ergattern können. 4 Plattenseiten, 4 Stile, aber alles trotzdem aus einem Guss. Alle 4 Bandmitglieder gleichrangige Künstler, aber auch hier will ich mal, wie bei SBB neulich die Aufmerksamkeit auf den Drummer lenken: kein Tschak-Bumm-Tschak-Bumm, sondern so: „Heute bissel Ginger (Baker) “, weilchen später: „Oder doch‘ne Prise John Hiseman?“; „Ach mach’mer mal den Billy Cobham dazu!“ DER kann alles!

Erste Seite hypnotisch psychedelisch: Ich bin die ersten Male immer eingeschlafen! Nicht aus Langerweile, sondern, weil da irgendwie melodisches Valium enthalten sein muss. Das ist richtig schöen Musik für’s Schlaflabor! Die 2. Plattenseite enthält dann die Popsongs des Albums für’s Radio, die haben aber alle so ihre Widerhaken. Hab dabei früher immer so bissel an die guten Songs der Talking Heads denken müssen. 3.Seite war die rauhere, rockigere, aber auch die kürzeste, deshalb haben die da am Schluss schon so einen hymnisch pathetischen Song angehängt, der klingt, wie die ganze 4. Seite. Wenn nun alles auf einer CD hintereinander abläuft, musst du das Valium der ersten 3 Songs überstehen – und dann entrollt sich ein Stil-Fest, der Extraklasse. Und die bombastische Schlusssequenz ist länger, weil du zwischen Seite 3 und 4 ja nu nicht mehr aufstehen musst, um die Platte umzudrehen. Die ist all die Jahre richtig schön geblieben!

Okay. Noch mehr Ungarn?

Langweilig? Was man zwischen 15 und 25 kennenlernt, das wird man nicht los! Das kommt immer wieder. In Wellen! Wo simmer?

Platz 8 müsste kommen.

Okay.

Engerling „So oder so“, Frühjahr 1989. Herrliches Tiefsinnalbum. Auf CD ne Rarität. Zwar in der Gesamtwerkiste enthalten, aber einzeln nicht zu kriegen. Hab also auch nur das Vinyl von damals. Die hab ich gleichzeitig mit Pankows „Aufruhr in den Augen“ gekauft, aber wesentlich häufiger gespielt, weil die „Aufruhr…“ dann doch eher enttäuschte. Pankows LPs haben den Langzeitatem dann doch nicht. Das wirkte alles live 10x besser! Deshalb machen Engerling das Rennen: Kein Skipkandidat nirgends, aber vor allem mit „die 48“ ein wirklich genialer Ohrfeigentrack für die Kulturpolitik der Zeit damals:

Ein alter Mann sucht in einer Straße die Hausnummer 48, die es nicht zu geben scheint. Aber die 49 auf der andern Seite ist da. Die DDR sorgte selbst immer wieder für Lücken in ihrer Kulturgeschichte, weil es da Kunstwerke gab, die gepriesen wurden und wenig später waren sie „verboten“, also eher totgeschwiegen. Keiner sollte mehr davon sprechen, dass es da mal erfolgreiche Filme von Manne Krug gab, oder Bücher von Stefan Heym, oder DIE große Konkurrenzband zu den Puhdys – RENFT! Lauter „48en“. Selbst wenn alle andern Songs Gülle wären, würde ich diese LP DESHALB verehren! Und Wolfgang Bodag textet auch noch selbst! Da hatten keine Demmler, Karma, Steineckert ihre Pfoten drin! Nix Einheitstexter oder so.

Engerling sind heute die stets und ständige Begleitband von Mitch Ryder, wenn er in Deutschland ist. Egal. Top Album „So oder so“, wie der Name schon sagt. Including „die 48“ und „Narkoseblues“!

Engerling sind’ne Bluesband?

Eigentlich ja. Aber sie wurden immer rockiger. Mit diesem DDR-Blues-Revival, das in den 80ern propagandistisch hochgejazzt wurde, hab ich sonst nix am Hut. Die meisten Bluesbands waren mir zu langweilig. Du-du-du-dupmdupmdup…

„Als ich erwachte, diesen Morgen – hat mir einer meinen Hund erschossen. Ja als ich erwachte diesen Morgen hat mir einer meinen Hund erschossen! Ja da hab ich mir gleich – den nächsten Gin eingegossen…“ Abwink.

Das is‘ wie so’n Pawlowscher Reflex der Allgemeinheit: Wennste mitredn will’s, musste so tun, als ob de of Blues stehn duhsd! … (Abwink.)

Wenn zu viele dasselbe sagen, bin ich immer schon weg. Lass mich blues in Ruhe.

Platz 9?

City „Casablanca“ 1987. Wer die hört und die unerhörten Provokationen nicht mitbekommt, die diese Platte hat, dem ist nicht zu helfen.

„Im halben Land mit der geteilten Stadt ist man halt zufrieden mit dem was man hat.“ Bring so einen Satz durch die Zensur!

Die hatten in den 70ern nur „am Fenster“ und einen Haufen Stuss. Niemand unter den Musicjunkies nahm die ernst. In den 80ern ging ein Ruck durch die Band. Plötzlich hatten die so New Wave Einflüsse und (Klar-)Texte, die weder von Demmler noch von Karma waren. Die „Casablanca“ ist in Gänze ein Dissidentenfest! Sie gefiel mir seinerzeit besser als die zeitgleich erschienene „Bataillon d’amour“ von Silly. „Pefferminzhimmel“ ist die Text-Idee von „Life on Mars“ von Bowie in gänzlich anderer Musik! An der Platte kann man sich einen Wolf entdecken!

Okay, Platz 10?

Der ist aus der Rubrik: Records we love, from Bands we hate! Es gibt ja manchmal so lebenslange Abneigungen gegen jemanden, der dämliche Interviews gibt, oder mit Fremdschämnummern seine  eigenen -eigentlich im Ansatz guten- Platten versaut usw. Und sowas hab ich auch in meiner Liste.

Ich muss ein bissel ausholen. Ich war 1980 Spießschreiber in einer Kompanie des MSR 29 und versuchte meine 18 Monate da irgendwie abzubüßen ohne Amok und/oder Suizid und vor allem ohne Schwedt*! Da konntest du aus purer Willkür deiner alkoholisierten Vorgesetzten einfach so hinkommen, ohne selber was Ernsthaftes auf dem Kerbholz zu haben. Heikle Scheiße!

Sollte ich dermaleinst in Demenz verfallen und in allerdümmlichster Ostalgie verenden wollen, dann ruf nur: Prora! Das reicht! Das rückt die DDR-Erinnerungen wieder grade!

Und da steh ich im Frühsommer morgens alleine in der Spießbude. Mein Staber sitzt gerade beim Kompanie-Chef Ausnüchterungskaffee saufen. Ich hab mein Morgenpensum hinter mir: Essenstärke melden, tägliche Stärkemeldung auch, gucke also aus’m Spießbudenfenster über den Farnstreifen des Außenrevieres auf die Ostsee, Sonne scheint, Spießradio plärrt Ostseewelle Rostock. Da kommt dieses Lied. …geh auf goldnen Brücken hoch über der Staaaaadt….

Ich war im obersten Stockwerk des Klotzes, die Sonne schien, ich war Zwischenhund, ungefähr 7 Monate rum, gut eingearbeitet durch meinen Vorgänger, ich wusste wie der Hase läuft, ich musste nicht mehr vom fahrenden SPW springen, oder unter Gasmaske herumrennen… kein asozialer Capo konnte mich mehr über die Sturmbahn schleifen, denn ich war der Herr über die Paketausgabe und die Urlaubsgesuche … da hätte schnell mal was verschwinden können! Ich fühlte mich für den Moment einigermaßen sicher. Und dieser Song da unterstrich dieses Gefühl: Guten Tag, gute Nacht, was hast du heut gemacht und vollbraaaaacht….

Aber das war – eben leider Vroni Fischer. Und die mochte ich nun mal nicht. Da war so was „von oben Gewolltes“ an ihrem Erfolg. Die hatte ganz erbärmliche Stücke im Radio laufen, aber haufenweise Preise! „Klavier im Fluss“, „Schüchtermann“ „Sie saßen auf dem Standesamt und sollten sagen ihr Ja/ja verdammt“usw. … aber überall hieß es, dass das die Rocklady Nr. 1 sei! (Kunststück, wenn man nur eine fördert.)

Fischer-Band

Klar, gabs da auch mal sowas wie „Weihnacht(wieder zuhaus)“ oder die „Schneeflocke“, aber der Müll überwog. Bis auf LP Nr. 4 eben. „Goldenen Brücken“. Da sind diese Schlager-Diva-Kapricen nicht zu spüren. Das ist eben ohne wenn und aber eine hervorragende LP ohne Skipkandidaten. Es ist so ein privater Wohlfühl-Songzyklus mit Intro und Outro und ein bissel Nachdenklichkeit: „Niemals mehr zurück“ ist den beiden toten Kollegen von Lift gewidmet. „Kinder des Sonntags“ kritisiert ganz zaghaft ein wenig die sonntägliche Kinderdressur, im kratzigen Outfit zwischen Mama und Papa eingezwängt spazierengehn zu müssen, naja. Sie hatte Franz Bartsch in der Band. Der komponierte für jedermann; für viele Schlagerfuzzies und für seine (leider) kurzlebige Band 4 PS. Musikalisch hatte der es voll drauf. Textlich wollten weder er noch sie irgendwo anecken. Witzigerweise hauten beide kurz nach der LP in den Westen ab. Die Platte hat außer dem Goldenen Brücken Moment in der Spießbude auch noch „Insel im Norden“ zu bieten. Urlaubsfeeling – um sich die Insel durch die NVA-Erfahrungen nicht vermachen zu lassen. Aber das dauerte. Nachdem ich Ende der 90er meinen Frieden mit Rügen gemacht hab, kaufte ich sogar die CD nach und siehe, die kam seither OFT zum Einsatz.

Ende. 10 Stück sind durch. Und wo waren jetzt Renft?

Die sind ne Göttertruppe, aber ihre beiden Amiga-Alben von vor der Wende sind in meinen Ohren keine perfekten Alben. „Hinten an der Tür“ und „Witz“ braucht man doch eher nicht mehr. Und auf der zweiten LP waren die „Weggefährten“ schon immer ein Top-Skip-Kandidat und das „Wiegenlied“ an falscher Stelle, dank Zensur, hat eben auch auf Seite 1 Schaden gemacht. Lass noch einen Nachtrag machen. „Uns’re Besten – nach der Wende“, da kämen dann auch Renft ganz gut unter.

* Schwedt = allseits gefürchtetes Militärgefängnis;

Uns’re Besten (I)

So, werden wir mal wieder musikalisch.

In letzter Zeit hab ich so Youtube-DJs gelauscht, die ihre Lieblingsplatten vorstellen – oder auch mal ihre 10 LPs, die sie nie wieder hören wollen – usw.

Da steckt manch interessantes Detail drin. Aber es fällt auf, dass es nie um Texte geht:

„Album XY, great stuff! The faster tracks real heavy, and the Ballads not boring! Love it to death!“

Deutsche Vertreter fehlen bisher.

Ich hab mir mal überlegt, wen ich aus meiner Ossi-Vergangenheit abfeiern würde, wegen eines PERFECT ALBUMS, das wert wäre, doch noch entdeckt zu werden, weil man es immernoch von vorn bis hinten durchhören kann, ohne zu skippen. Is‘ wie’ne Inventur im Kopp.

Selbstgespräch mit (nicht vorhandenem) Enkel in „the Land called fantasy“:

„Opa, warum hast du alle die CDs und Platten noch?“

Ach weißt du: Früher haben die Opas Orden, Packtaschen und Lineolsoldaten aufbewahrt, weil sie den Krieg erlebt haben; und ich bewahre die ganze Musik regalweise auf, weil ich in der Zeit jung war, als Musik der große Leitkult für Youngsters war. Damals im Kalten Krieg. Die große Zeit des Rock& Roll! Analogzeiten. Ohne das ganze Bildschirmgedöns von heute. Keine Playstation, „Zocken“ meinte damals noch Kartenspielen, kein Netflix… Nur ganz wenige Leute hatten ein Telefon, so wie das, was oben auf dem Boden noch in der Spielkiste ist, mit dem ihr früher hier immer gespielt habt. Weißte noch: „Hallo? Frau Puppendoktor Pille? Mein Teddy hat toxischen Scharlach…“

Als der Opa jung war, da stand die Mauer noch. Und weil es kaum Konzerte von Rockbands gab und die berühmten Superstars eh nicht in die „Dschie-Die-Ahr“ kamen, musste eben was anderes her.

supi-0105

Und da ging der Opa damals gerne in die Wenzelskirche zum Orgelkonzert. Die Frau Greulich war die Organistin und die spielte da lauter klassische Orgelwerke, Bach, Buxtehude, Reger, all that stuff … aber euer junger Opa damals, der träumte sich die Deep-Purple-Gitarre dazu oder die YES-Musik ringsrum. Kennste ja, womit Opa die Oma heute noch nervt. Das war so Fantasy-Sound, bei dem du das Einhorn durch das Buchholz jagen siehst oder bei dem dein zahmer Bär deinen Feinden die Knochen bricht. Und wenn die dann alle tot sind, dann fühlst du dich, wie „in the heart of the sunrise“… Aber auf die CDs musste Opa noch lange warten. Also machte er sich auf die Suche nach etwas, das so ähnlich klang:

Und dann entdeckte Opa eine Band aus Polen, die hießen SBB, (Seek, Break, Built = suchen, abreißen, neubauen) und die machten eine Musik, die dem ziemlich gut entsprach. Große Mellotroneinsätze, wenig Gesang, aber pathetisch aufgeladen, leidend, erhebend, befreiend!

SBBDas war schon was! Manchmal legte ich die Platte auf und hörte nur auf das Schlagzeug! Das klang so interessant! Wie Ritters Schwertstreiche im Kampf um die Rudelsburg!

Die Platte bestand nur aus 3 Tracks, wie bei YES die „close to the edge“, da war also Zeit Melodiebögen zu entwickeln und die eigene Phantasie auf die Reise zu schicken. Die hört Opa heute noch gerne.

„Immernoch als alter Muss-Preuße und Heimwehritter von der Rudelsburg?“

Hm. Auch. Aber mit der Zeit kam noch was hinzu, was einen mit den Jahren eben so einholt. Die Vinylausgabe hatte unter den polnischen Namen der Tracks englische Übersetzungen. Einer der Songs hieß „From whose blood, my blood?“ – also die große Abstammungsfrage: Wer waren meine Vorfahren? Und ein anderer „Memory grows into stone“. Mich hat das von jugendauf interessiert – vielen geht das nicht so. Die vegetieren einfach so dahin „born-drink-fuck-die“(The Godfathers – kenn heute auch keine Sau mehr) – aber wir in unserer Sippe haben ja nu eine wirklich bewegte Geschichte. Seit 4 Generationen fängt jede irgendwoanders von vorne an! Nix mit Wurzeln schlagen und gießen! Und diese Polen holen dir da nu deine sudetendeutschen „Erinnerungen“ hoch, die du gar nicht hättest, hättest du nicht so oft dabeigesessen, wenn Eltern und Großeltern ihre Erinnerungsralley gestartet haben, von einem Land „vor unserer Zeit“.  Wenn dir nicht Großmutter zu jedem ihrer Fotos, zwei Alben lang, eine Geschichte gewusst hätte. SBB kommen aus dem Raum Kattowitz, Oberschlesien. Da lebte bis 1918 ein Völkergemisch aus Polen, Deutschen, Juden, Tschechen, Slowaken. Skrzek ist der Chef der Band. Und Josef Skrzek ist eher ein böhmischer oder gar kroatischer Name, kein polnischer. Und dann in oder bei Kattowitz wohnen – eventuell in einem Haus, in dem vorher Deutsche lebten … wie fühlt man sich da, wenn jeder Nagel in der Wand an die Vorbesitzer erinnert?

Der Film „Wege übers Land“ zeigte, wie Deutsche 1939 polnische Bauern vertrieben und sich deren Höfe unter den Nagel rissen. Da stand manchmal das letzte Essen der Vorbesitzer noch auf dem Tisch. Die Karusseit, eine der ganz großen Ost-Schauspielerinnen, spielt eine brandenburgische Magd, die mit ihrem Mann auf diese Art zu einem Hof kommt, aber die das Unrecht empfindet und nun beginnt, nachzudenken und sich zu entwickeln.

Sechs Jahre später nahmen die befreiten Völker Rache, indem sie es genauso machten. Wie mögen sich die Tschechen fühlen, die sich Großmutters Fleischerei ausgesucht haben? Denkt die neue Miteigentümerin dann wie die Karusseit? 1998 hat‘s mich per Zufall mal in die Ecke verschlagen.  Hinter der Wursttheke die weißen Fliesen mit der schwarzen Bordüre, das sind immer noch die von 1937, die Großmutter ausgewählt hat. … And‘res Thema. Die Platte heißt „Pamiec“, ich weiß bis heute nicht, was die singen; im Russischen heißt Pamjatnik Denkmal; also wird das im Polnischen sowas ähnliches sein. Nachdenken! Gedenken. Denk mal! Von SBB könnte ich dir 8 oder 9 perfekte Alben nennen, aber die „Pamiec“ hat eben doch die Nase vorn.

„Okay, also ein polnisches Album auf Platz 1 der Alltime Ostrock Bestenliste. Nächster Trupp. Nächste Platte.“

OmegaPlatz 2 in Opas Wertschätzung: Omega aus Ungarn! Die sahen aus wie Rockstars! Und die machten Musik, wie Rockstars! Unsere Combos in den 70ern wirkten ja eher, wie der Begriff „Unterhaltungsmusiker“ schon ahnen lässt: Aufgedunsen, leerer Blick, kitschig missratene Showklamotten, wie sie auch die Jongleure vom Zirkus hätten tragen können. Das Hemd unterhalb des Doppelkinns spannt über der Plauze, dass die Knopfleiste platzt…  Die Ungarn wirkten drahtiger, westlicher. Kobor imitierte in Outfit und Gehabe den Robert Plant, der Gitarrist wirkte wie Paul Rodgers zu Free-Zeiten und Laszlo Benkö, der Tastenmann, ließ seine dünnen, glatten Haare zeitweilig bis zum Arsch wachsen, als wäre er der Wakeman! Sie sangen ungarisch, was keine slawische Sprache ist. Da fiel das ganze gewöhnungsbedürftige „Schisczly-Wyschzly“ weg. Die haben viele Ös und Äs oder Es, die sie wie Ä sprechen, das klingt dann so ähnlich wie englisch – bildeten wir uns damals ein. Und die Band machte in Opas Jugend auch diesen Orgel-Mellotron-Sound, der später Progrock genannt wurde und der sehr klassisch klang; besonders auf der Omega „8“. Csillangok utjan. Im Westen erschien die mit englischen Gesang und hieß dort „Skyrover“, aber der Gesang hatte so einen elend störenden ungarischen Akzent – so fetzte die Platte nicht. Ich hatte sie gottlob aus der Ungarn-Information; das war so ein spezieller Laden, indem man nur Ungarn-Waren kaufen konnte, und da war das automatisch die ungarische Version.

Die Platte fängt mit einem Beethovenzitat an und geht über in so ein auf Spinett gespieltem Stück von Laszlo Benkö, bevor die übrige Band einsetzt. Dann kommt der pathetische Titelsong gefolgt von „Lena“, eine russische Troika-Schlittenfahrt in Tönen usw. usw. Allerfeinst in sich geschlossenes Werk. Auf der B-Seite bissel rockiger, aber trotzdem in derselben Handschrift komponiert, sodass alles zusammenpasst. 1980 kam dann das Doppelalbum „live at Kissstadion“ heraus. Da haben die Mikros über das Publikum gehängt und die Massenchöre eingefangen! Von der ersten bis zur vierten Plattenseite! Das war so geil, dass ich mir nichts sehnlicher gewünscht hab, als so ein Konzert mal zu erleben. 1983 war es dann soweit. Euer Opa hat die Band live in Leipzig gesehen! Mit fast genau dem Zeug von 79/80! Und die Halle mystischerweise plötzlich voller Ungarn, die die Texte mitsangen! Und mittendrin ich mit meinen Studienkumpels. Ach, da könnte ich jetzt erzählen! Danach traten die in der DDR nie wieder auf und nach dem Mauerfall mussteste nach Ungarn fahren, um die zu sehen. Da hatten die als Special Guest die Scorpions dabei, aber da waren die nicht mehr so gut. Ab den 80ern haben die so 08/15 Hardrock gemacht, Asia-Whitesnake-Style. Aber’83 da war ja die „Az Arc“ gerade erst erschienen. Die erste von den miesen. Später gab es in England die Band Marillion, die schufen mit „Misplaced childhood“ auch ein ziemlich perfektes Album. Auf der A-Seite gelang ihnen das ähnlich wie Omega auf der „8“ hier. Allerdings haben die sich für die B-Seite irgendwie nicht mehr soviel Mühe gegeben. Die fällt dann doch bissel ab. Da sind denen Omega deutlich über!

Auf Platz 3 komme ich dann mal zu einer ersten deutschen Band: Bayon.

„Sag mal! Schon 3 Nennungen und immernoch nicht Renft oder Silly?“

bayon-77Wart’s ab. Kommt ja noch. Also Bayon: Eigentlich ein internationales Ensemble: Zwei Deutsche, zwei Kambodschaner, ein Kubaner. Musikstudenten aus Weimar. Die bekamen 1977 überraschend eine LP erlaubt, obwohl sie im Radio kaum stattfanden. Und die LP überraschte dann alle: Weltmusik der sehr melodiösen Art. Kammermusikalischer Progrock oder von mir aus auch Rockjazz a la Mahavishnu Orchestra, aber nicht ganz so anstrengend wie die, wenn die teilweise allzu free drauflos gejammt haben. Die mischten Bach mit kambodschanischer Folklore und herauskamen Ohrwürmer, die du einen halben Tag lang vor dir her pfeifst.

Die Band hat auch‘ne krasse Geschichte: Die DDR tönte immer von „proletarischem Internationalismus“. Aber eigentlich wollte sie im eigenen Land dann doch eher keine Vermischung der Völker.  Also musste als erster der Kubaner zurück in die Heimat, als sein Studium beendet war. Banderfolg? Hierbleiben und weitermachen? Wurscht für Bürokraten: Ihr Visum ist abgelaufen!

Die beiden Kambodschaner stammten aus Musikerfamilien der Hofkapelle von Prinz Sihanouk, der dann als König Kambodscha eine zeitlang sowjetfreundlich regierte. Dann kamen die Roten Khmer an die Macht. Die konnte anfangs keiner einschätzen. Der Violinist Sam Ey Neou kehrte heim – und ist seitdem „verschollen“; er wird einer der vielen Toten sein, die die Khmer auf dem Gewissen haben. Das waren letztlich Massenmörder, die einen Bauernstaat erzeugen wollten: alle, die intelligent aussahen oder auch nur eine Brille trugen, wurden umgebracht. Na und da kam der nu aus der DDR zurück und zeigte sein Musiker-Diplom…

Aber hier auf der DDR-LP ist er noch zu hören. Sein Vermächtnis. Somit ist er also doch nicht ganz spurlos verschwunden. Eine tolle Platte. Als die Mauer gefallen war, wollte die niemand auf CD herausbringen. Gibt nur Stückwerk auf CD. Sehr, sehr schade drum.

lift2Auf der 4 kommen wir zu „Meeresfahrt“ von Lift. Die hat Opa in Schkölen live gesehen! Ein Konzert für 53 Zuschauer. Absolut berauschend! Sowas gibt es heute nicht mehr. Eure Tablets und I-Phones und der ganze Krempel blinkern euch seit eurer Kindheit zu – da kann ich euch gar nicht mehr klarmachen, wie das war: Meine erste Light-Show! Wie die da rhythmisch die Strahlen zerhackt haben! Wie wir bis zur Pause nicht sagen konnten, ob das ein weißer, ein blauer, ein pinker Jeansanzug ist, was der Sänger da anhat. Und die konnten richtig was! Ihre eigenen Stücke und die Sachen von Genesis und Yes, die sie auch spielten, passten völlig zusammen! Die eröffneten das Konzert gleich mit dem langen neuen Klopper „Meeresfahrt“! 17 Minuten Flackerlicht und DIESE Töne! Damals war die LP hier noch gar nicht erschienen! Da hab ich zu Hause dann ihre erste Platte rauf und runter gespielt und auf diese zweite warten müssen. Peng! Autounfall! Zwei Musiker tot. Einer verletzt und dauerhaft weg aus der Band! Die DDR hatte sich oft so blöde, wenn es um Kultur ging: Stoppen die jetzt das Album – aus Pietätsgründen? Oder bringen sie es doch noch raus – als Vermächtnisalbum? Gottseidank geschah letzteres. Ach war das herrlich, als ich es hatte und das erste Mal auflegte! Da geht nichts drüber: Schkölen forever! Franz Bartsch von der Vroni-Fischer-Band hat 1980 versucht, ebenfalls eine Meeresfahrt zu vertonen. „Träume wie Segel“ heißt die Nummer. Die ist schön. Aber nur 7 Minuten lang – und kam zu spät. Stern Combo Meissen und Karat hatten um die Zeit dann ebenfalls so maritime 6-7-Minüter, aber die wurden LIFT auch nicht gefährlich. Das war eben DIE perfekte Rocksuite und hinten dran noch diese elegische „Sommernacht“, wie ein perfekter Strandkuschelmoment am Darß! Mehr geht nicht! Hätte Kunstpreise kriegen müssen. Hat sie aber nicht. Naja. Vorbei. Gone with the wind. Opa hört sie noch.

„Okay. Platz 5. Nu aber deine Renft?!“

miniatur2Geduld. Erst kommen jetzt Silly: Auf Platz 5. Geschmäcker wandeln sich halt mit den Jahren. Die Band Silly war in den 80ern das größte Rockereignis in der „Ehemaligen“. Die sorgten sieben Jahre lang mit 4 LPs hintereinander für absolutes Aufsehen. Soviel DDR-Kritik hatte sonst kein DDR-Künstler veröffentlichen dürfen. Warum DIE das durften, ist bis heute einigermaßen ungeklärt. Aber es geschah eben. Aber einmal wurde es auch für sie gefährlich: Bei der zweiten LP von dem kritischen Vierer. Die Platte sollte eingestampft werden, denn mit 3 Texten waren sie zu weit gegangen. Aber irgendein guter Geist zog die Notbremse:

„Wenn ihr schnellstens 3 neue Texte auf die 3 Kompositionen singt, dann darf die Platte doch noch erscheinen.“

Sie war 1984 angekündigt worden als „zwischen unbefahr’nen Gleisen“, da das aber einer der drei „bösen“ Titel war, hieß sie nun 1985 „Liebeswalzer“. In Berlin gab es in den Mauerjahren so tote Gleise, auf denen nichts mehr fuhr. Die lagen im Todesstreifen zwischen den beiden Mauern, zwischen denen nur Grenzer patrouillieren durften. Und U-Bahnstationen gab es, an denen kein Zug mehr hielt, weil da die Westberliner U-Bahn von West nach West unter einem Stückchen Ostberlin durchfuhr. Und daran erinnert dieser Song. Nach der Wende erschienen beide Versionen der Platte unter zweierlei Namen, jeweils mit den 3 Auswechselsongs als Bonustracks.

„Und ihr habt als junge Leute über so was geredet? Oder nur, wenn ihr sicher wart, dass kein Spitzel von der Stasi dabei war? Oder wie? Oder habt ihr das nur beschwiegen?“

I wo! Stasi war im Alltag gar kein Thema. Das kam erst mit der Wende hoch. Wir haben nicht ständig Ballons genäht, Tunnel gegraben oder im PKW-Kofferraum Probe gelegen. Die Filme von heute verzerren das viel zu einseitig. Es hat uns viel angekotzt. Ein Paradies war das damals nicht. Aber wir haben gelebt, geplappert und uns relativ wenig einen Kopf gemacht, wer da nu was hört oder aufschreibt. Wir haben auch nicht pausenlos von Flucht geträumt, sondern eher vom DDR verändern. Wir waren ja in sie hineingeboren, also konnten wir uns auch nicht vorstellen, dass es die irgendwann mal nicht mehr gibt.

So Schluss jetzt. Is‘ lang geworden. Opa trinkt nu noch’n Gute-Nacht-Gläschen. Hab mir ja grade’nen Wolf gequatscht.

Die nächsten 5e kömmer machen, wennde s nächste Mal kommst.

RAABE lesen! (5)

Das Beste kommt wie immer zum Schluss:

„Im Siegeskranze“(1866)

Ein Titel, der in die Irre führt und eine Novelle, in der plötzlich auch formal-stilistisch alles stimmt. Plötzlich kann er fabulieren und Charaktere entwickeln! Gefühle werden beschrieben, Gleichnisse – so treffend, wie nur was – verwendet, Wut, Wahnsinn und Erlösung in kräftige Bilder gepackt – wer hat das geschrieben? Raabe? Realy?!

Hätte mir die Geschichte – blind date mäßig – jemand vorgelegt: „Rate, von wem die is‘!“ Ich hätte auf Storm getippt! Historischer Stoff und ergreifend? Kann nur Storm sein!

Bevor ich auf den Inhalt zu sprechen komme, ist wegen Ostsozialisation und Westsozialisation der Leser hier folgende Klarstellung wichtig: Wir müssen über Nationalismus reden, der in Ost und West „anders“ unterrichtet wurde, jedenfalls seit den 80er Jahren ungefähr. Die Novelle spielt 1813 im „Königreich Westfalen“, dieser kurzlebigen Napoleonschöpfung. Es war die Zeit, in der das deutsche Nationalbewusstsein entstand, die Hoffnung auf ein einiges, starkes Reich, das nie wieder Spielball ausländischer Mächte wird. Das Thema ist zu Zeiten einer „Europäischen Einigung“ und einer „Deutsch-Französischen Freundschaft“ irgendwie immer „eingedampfter“ unterrichtet worden.

(Wer kennt heute noch Andreas Hofer? Turnvater Jahn? Den Freiherrn von Schill? „Is der nich noch abundan in Fernseh? Der war doch mal Richter oder so? Jetze machta mit Desiree Nick rum.“ Schmerz lass nach!)

Nationalismus, entgegen heutiger Sonntagsreden, war keine schlechte Idee, sondern ermöglichte die notwendige Bündelung der Kräfte gegen einen sonst übermächtigen Feind, der die Kleinstaaten aussog.

Mein Geschichtslehrer hat das anno’75 in der 8. Klasse bei der Behandlung des Napoleonthemas in folgende Worte gefasst:

„…damals lernten die Hessen, Sachsen, Thüringer, Preußen usw. dass sie eben nicht nur das sind, sondern alle zusammen Deutsche, die unter derselben Knute litten. Da entstand Nationalismus. Das war damals was Fortschrittliches!“

Aus der Klasse irgendein Blödmann:

„Or! Gommor da jetze zu de Nazis?“

Herr M. erhob sich von seinem Stuhl, ging zur Tafel und schrieb an:

Nationalismus 

Nationalsozialismus.

Dann wechselte er zu roter Kreide und machte hinter den oberen Begriff so ein Lehrerhäkchen für „richtig“ und hinter den anderen Begriff ein f für „falsch“

Und sprach:

„Nationalismus ist: Nationalbewusstsein, Nationalmannschaft, Nationales Kulturerbe, Nationalgalerie usw.

NationalSOZIALISMUS ist: Hitler, Faschisten, Weltkrieg, LeichenLeichenLeichen und die ganze Scheiße.

IMMER auseinanderhalten! Klar?!“

Sein Zeigefinger ging nach oben.

Er strich den unteren Begriff durch und ließ beide die Stunde über an der Tafel stehen.

Und zu dem Epochenmoulinetter gewannt:

„Hitler kam hundert Jahre später! Oder siehste, dass Nabolchon örchenswo ä Stahlhelm offhat und Bandsor fährd?!“

Einiges Kichern.

„Indschanor mit Gallaschnigoff, das wär’s jewäsn.“ kräht Bernd.

Aber Herr M. winkt nur ab und Ruhe is‘.

Raabe lebte in einer Zeit, in der man automatisch in den Einheitsgedanken hineinwuchs. Intelligente Menschen Raabe 5yempfanden die tiefe Schmach des Deutschen Bundes, dieses Staatenbundgebildes, das weder Fleisch noch Fisch war. Fürsten hatten immer noch das Sagen, als gäbe es den Absolutismus noch. Sie verbrämten ihr altes Schmarotzertum zwar mit der einen oder anderen „Landesverfassung“ mit ein paar eingeschränkten Grundrechten, aber es war überall zu spüren, dass die Ungleichzeitigkeit der Entwicklung schier unaushaltbar wurde.

Nur mit Mühe konnte Preußen durchsetzen, dass sich alle Bundesländer auf die gleiche Schienenbreite einigen konnten. Hannover wollte erst gar keine und dann eine selbstbestimmte Breite. Bayern hielt kurioserweise am längsten durch mit Schienenverweigerung, obwohl doch zwischen Nürnberg und Fürth die ersten 3 km überhaupt lagen!

Raabe 5xDie Zwergstaaten mit ihrer mittelalterlichen Einzelfertigung von Nägeln, Textilien, Werkzeugen aller Art verelendeten Zusehens. England überschwemmte den Markt mit Billigprodukten in besserer Qualität. Preußen hielt zunächst per Produktpiraterie einigermaßen mit, und gelangte bald auf die Überholspur; den meisten anderen Fürsten war das Weltgeschehen und die Lage ihrer Völker wumpe!

Also schrieb anlässlich „50 Jahre Waterloo“ Raabe eine Novelle über enttäuschte Hoffnungen, aus den Tagen, als eine Vision aufkeimte, die sich 1815 und 1848 nicht erfüllte. Jetzt in den 60ern feierte niemand das Waterloo-Jubiläum, niemand wagte an dem Tabu zu rütteln, dass es keine Blücher-, Körner-, Jahn-Denkmale gab. Das Volk sollte weiterschnarchen, nicht an seine großen Momente denken, aber in Preußen tat sich was:

Der Deutsch-Dänische Krieg 1864 hatte die Schmach von Olmütz abgewaschen. Das Jahr 1866 war gekennzeichnet von preußisch-österreichischen Querelen, ein weiterer Krieg lag in der Luft und bricht zwischen Niederschrift und Veröffentlichung dieser Novelle auch aus:

Man kann sie lesen als zu spät kommende Mahnung:

Wie lange noch soll dieses Gezeter Deutsche gegen Deutsche angehen?! Wollt ihr wirklich einen Krieg, indem Deutsche auf Deutsche schießen? Mäßigt euch! Schmeißt euch endlich friedlich zusammen und ernennt einen Chef!

(Die Novelle gab es in der DDR als Neuauflage nie!)

Man kann sie lesen als Aufruf:

Klärt das endlich! Kämpft für das Vermächtnis Körners, Schills und Jahns und meiner Ludowike hier in diesem Stück!

Und drittens mag es auch die grummelnd-resignierte Variante der Auslegung geben:

Her mit der Einigung! Kleindeutsch – ohne Österreich! Soll’n die Habsburger selig werden mit ihrem Balkanpotpourri! Die Zerstückelung des Reiches hat es jahrhundertelang geschwächt. Scheißegal, wer es nun eint! Verpreußung? Macht auch nichts. Idioten gibt’s bei denen wie in Braunschweig oder Bayern. Die wird man nicht los. Siehe die Kollaborateure hier in meiner Novelle! Sowas wird es immer geben. Umfaller, Anschwärzer, Charakterlumpen. Schillers Hofschreiber Wurm heckt wie eine Ratte an allen Höfen! Das geht eh nicht weg!

Die Novelle trägt den Titel „Im Siegeskranze“ zurecht – aber er ist zynisch gemeint.

Hier wird kein Reiterheld bekränzt, kein König empfangen.

Mit Siegesgrünzeug an den Hüten feiern die, die gar nicht gekämpft haben, schließlich an einer Leiche, der als einziger in dieser Runde ein solcher gebührt hätte. Feine, böse Pointe!

Der Plot beinhaltet 3 Katastrophen, die so heftig sind, dass der Tod der Hauptfigur tatsächlich nur als Erlösung verstanden werden kann. Die Ich-Erzählerin schließt zwar ab mit einem versöhnlerischen „Alles wird gut!“ oder „Das Leben geht weiter!“, aber das scheint mir in Bezug auf DIESEN Inhalt eher eine Art optimistisches Schwänzchen, damit der vorangestellte Rest überhaupt erscheinen kann!

  1. Unglücklich gestiftete Ehen; das ist 1866 keine Rarität, also muss man sich was einfallen lassen, wie man dieses Dauerbrennerthema, das Heyse und Spielhagen schon zur Genüge strapazieren noch steigern kann. Und Raabe kommt hier auf einen Einfall, der in ganz unaufdringlicher Form sich ganz widerlich anschleicht, dem Leser ein kurzes, arges Frauenschicksal vor Augen führt, das elender nicht sein kann; aber die Tochter, die in dieser Grässlichkeit entstand und das Schicksal ihrer Mutter hier erzählt, kann nicht anders abschließen als mit diesem lapidaren Achselzucken: Ja, so kam halt ich auf die Welt. Damals 1801. Und der Leser überlegt prompt, ob er ähnliche Fälle kennt. Ja, er kennt sie. Sie sind wohl seltener geworden, aber nicht ausgestorben.
  2. Sie berichtet weiter, wie ihre viel ältere Stiefschwester nun ihre Ersatzmutter und Braut eines Kavallerie-Leutnants wurde. 1813. Königreich Westfalen. Regiert von Napoleons Bruder. Also in französischen Diensten. Obwohl Preußen und Mecklenburg gemeinsam mit den Russen bereits Jagd auf die geschwächten Bedrücker machen, da Napoleons Russlandabenteuer von1812 so bilderbuchhaft schief gegangen war.

Die Story bekommt hier Sophie-Scholl-Momente:

Der Leutnant und ein Kollege, sowie dessen Bruder und Ludowike beraten heimlich, wie sie es anstellen könnten, in dem bevorstehenden Kampf auf der richtigen Seite zu stehen. Das Desertieren wird diskutiert. Und schließlich auch – Tat. Allerdings geht sie schief. Die Fahnenflüchtigen werden gefangen eingebracht in ihre Heimatstadt, in der alle bereits die befreienden Preußen erwarten, die Faust in der Tasche ballen, gegen die „Franzosenknechte“, die dienstbeflissen funktionieren – aber keiner traut sich, das aufrührerische Wort zu erheben, den Sturm auf die Büttel zu starten. Und so entstehen noch 5 Minuten vor Schluss der Franzosenzeit Opfer gefangen von den eigenen Leuten.Raabe 5a

Die beiden werden ins weit entfernte Kassel überstellt und dort hingerichtet, am Tag, als die Preußen ihre Heimatstadt befrei’n.

3. Katastrophe folgt: Ludowike erfährt die Nachricht und bricht anders zusammen als erwartet. Kein Heulkrampf, kein Jammern – sondern strahlendes Lächeln, Kleinmädchengetue – Wahnsinn. Ihr Geist verwirrt sich irreparabel.

Raabe schildert die Varianten mit Geisteskranken umzugehen ungeschönt. Anstalt oder zu Hause behalten? Pest oder Typhus! Schauderhaftes Unwissen und fehlende Medikamentenkenntnis ermöglichen sadistischen Brachialkuren fröhliche Urständ.

In der DDR lasen viele den Bestseller „Flucht in die Wolken“, Leidensgeschichte und Selbstmord einer schizophrenen jungen Frau, deren Mutter Journalistin war. Waren die Methoden der 70er Jahre Psychatrie schon äußerst fragwürdig – hier bei Raabe kriegst du die Vorstufe. Inzwischen weiß man allerhand über die Hölderlinbehandlung: Ludowike hier hat das schlimmere Schicksal!

Ludowike hält ein knappes Jahr unter üblen „Betreuungsvarianten“ zuhause durch. Dann folgt eine von Raabe geschickt kombinierte Todesszene voller Symbolik…

Eine bitterböse Geschichte mit soziologisch zutreffendem Tiefgang findet ein Ende in Würde.

Nehmt und lest!

Raabe 5fEine Sache ging mir erst Tage später auf: Warum dreht Ludowike in dieser Art durch? Warum spielt sie nicht die erwartbare heulende Witwe ohne Trauschein?

Zuvor war vom Zaudern der Leutnants gesprochen worden. Sie ringen sich zur Tat durch – weil Ludowike die Mechthild Grosse gab? Weil sie wie diese einen Helden heiraten wollte! Einen Kerl! Nun reißt sie ihre Schuld in den Abgrund! Sie hat seine Zweifel zerstreut! Sie hat ihren Bräutigam auf dem Gewissen! – Sie verdrängt, flieht in ihre Kinderzeit, „als die Welt noch in Ordnung war“.

„Püppi, Püppi schlaf. Dein Vater ist ein Graf. Deine Mutter ein Marienkind, ….“

Fazit: Ein absolut perfektes Ding!

Ich muss meine Novellen-Hitlist neu sortieren!

RAABE lesen! (4)

„Else von der Tanne“(1865)

„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“

Else von der Tanne ist Novelle Nr.2 aus jenem Reichskronebüchlein, das mir 1975 ins Netz ging.

Gelesen habe ich sie damals nicht. Mag am Titel gelegen haben.

„Theo von Tanne“ war ein unter Schülern gefürchteter Name.

Aber in der 8. Klasse hatten wir ja noch kein Effi-Trauma. Da muss es andere Gründe gegeben haben. Eventuell las ich seinerzeit die erste Seite an: Ein Dorfprediger schreibt…. „Oach! Lass’n schreiben.“

Somit datiert mein Erstkontakt mit diesem Inhalt auf 2021 und da fiel mir beim Lesen schon so einiges auf und ein.

Der Plot ist diesmal ein gar nicht komplizierter: Baue eine Idylle auf und zerstöre sie gründlich!

(Leg dir Haggard auf, wenn du sie liest.)

Im „Elend“ (die Talsenke heißt wirklich so) am Harz bekommen wir ein mehrfach geplündertes Restdorf vorgestellt; durch den Pastor der über einer Neujahrspredigt grübelt, die es dies‘ Jahr in sich haben soll, denn er will seiner „Herde“ die Leviten lesen!

Er ist das letzte Oberhaupt, das da geblieben ist, bei ihnen, als die Welt über Deutschland unterging. Von Rügen über Brandenburg-Thüringen-Franken- Pfalz zog sich ein breiter Korridor des Todes, in dem 30 Jahre lang mehrfach hin und her gezogen-geplündert und gemordet wurde.else 4

Pfarrer und Dorf wurden bereits dreimal Opfer derartiger Überfälle, als eines Tages ein bewaffneter bärtiger Hüne mit 4 Hunden, Eselkarren und kleinem Mädchen auftauchte und sich oberhalb des Ortes an der großen Tanne im Wald ein Lager bereitete.

Er redete mit niemandem und begehrte nichts. Also staunte man nur und ließ ihn machen.

Eines Tages kam er allein herunter in den Ort, setzte sich Pfeife rauchend vor’s Pfarrhaus und wartete bis der Hausherr erschien. In perfektem Latein bat der Fremde um Unterstützung. Somit gab er Bildung zu erkennen und vergrößerte den Abstand zu den gaffenden Bauern. Eine Freude für den Pastor, in Zukunft einen Ansprechpartner seines Niveaus zu haben. Der Fremde bat, ihm zu helfen, ein festes Hüttchen zu errichten, oben am Wald für den Winter. Der Pfarrer möge doch die Bauern veranlassen, tätig zu werden.

Die Hütte entstand. Aber die Bauern sahen nun auch eine Menge rätselhaftes Zeug vom Eselskarren in die Hütte wandern, dessen Zweck sie sich nicht erklären konnten.

Die Gerätschaften, die Bücher, die abweisende Abgeschiedenheit, und dazu der seltsame Magnetismus, der auf den Pfarrer wirkte, da er fast täglich bei dem Fremden verkehrte…

„Unser Pfarrer ist verhext!“

Die Fremde wurde zur Gefahr erklärt.

Er war eigentlich nur ein gebildeter Domschullehrer, der 1631 das Magdeburgmassaker überlebt hatte, als Tilly nach einjähriger Belagerung sein Heer eine Woche plündern ließ. Der wortkarge traumatisierte Davongekommene wollte nie wieder in Ortschaften leben, die das Räubervolk ja regelmäßig anzogen – und richtig! – bei der vierten Brandschatzung des Dorfes blieb das Haus an der Tanne im Wald unentdeckt.

else 1Die Jahre gingen hin in einer Art Burgfrieden zwischen Dorf und Tannenhütte. Das kleine Mädchen wurde eine hübsche Jungfrau, die wie ihr Vater eher mit den Bäumen und Tieren sprach, denn mit der Dorfbevölkerung.

„Seht die Hexe!“ murmelte das Dorf immer lauter.

Aber noch fürchteten sie die Muskete des Vaters.

Raabe gab Else, der Tochter,  im letzten Drittel ein Reh an die Seite, was an „Brüderchen und Schwesterchen“ erinnert. Wald. Geruhsame Einsamkeit. Baldige Errettung in Aussicht stellend… Aber der Autor bleibt in der Dramenschiene.else 3

Eines schönen Tages geschah die Katastrophe: Die Sonderlinge von der Tanne besuchten einen Gottesdienst – was böse Folgen hatte. Verletzt liegt Else von nun an in der Hütte.

Das Jahr vergeht, es wird Winter. Die Wochen bis zum Jahresende fliegen dahin – man munkelt von Frieden, unterschrieben da irgendwo in Osnabrück. Der Pfarrer will in seiner Neujahrspredigt auf diese Hoffnung eingehen, aber auch Abrechnen mit seiner abergläubigen Gemeinde. Er ist hinundher gerissen zwischen Hass auf diese stupiden, brutalen Lumpen, die seinen Freunden soviel angetan hatten, und Verständnis dafür, dass bei diesen Umständen, wie sie in Deutschland nun einmal die Überlebenden prägten, nichts anderes erwartet werden kann.

Da erscheint im tiefsten Schneegestöber die alte Dorf-Irre und prophezeit den baldigen Tod der Else – er möge eilen, wegen der Sakramente!

Er eilt. Und nocheinmal ereignen sich seltsame Dinge in jener Sturmnacht am Ende des 30jährigen Krieges im Harz…die Neujahrspredigt fällt aus… die Gemeinde wird am Neujahrstag ihren Prediger suchen gehen…

Nehmt und lest.

Die Geschichte hat 3 Gesichter.

  1. Sie ist düster und spannend erzählt. Das führt den jugendlichen Leser eventuell auf die Abenteuerschiene: Wird Elses Vater rechtzeitig schießen? Greift der Pfarrer auch noch zur Waffe? Kommt ein dritter Retter? Wer bestraft die Täter?

Eventuell steigt er selbst in den Plot ein, als imaginärer Retter der Fee aus dem Walde…

  1. Dem historisch interessierten Leser mag es heute unter Umständen so scheinen, als gäbe es geschichtlich nichts als das Thema NS und Holocaust. Die Regale „Geschichte“ in den noch rudimentär vorhandenen Buchläden sind oft arg monothematisch bestückt. Gerät er dann an Raabes „Else“ merkt er eventuell: So singulär wie jene katastrophale Fehlentwicklung des 20. Jahrhunderts scheint, ist sie gar nicht! Raabes Pfarrer bringt Ursache und Folge von stupider, grausamer Enthemmung zusammen. Die Fehlprägungen des Kriegserlebnisses, des Elends Erduldens im Verein mit jenem Bildungsmanko der Zeit ergeben eben diese Folgen.

Und wer I.Weltkrieg, Kohlrübenwinter und Spanische Grippe zusammenbringt mit Versailler Vertrag und Inflation‘23 in der „ach so tollen“ Weimarer Republik, der findet zurück auf einen Erkenntnispfad, der früher mal gewusst wurde: „Schlangenei“ (Ingmar Bergmann)  und „Spinnennetz“(Bernhard Wicki): Hitler fand ein vorgeprägtes Volk vor, vom Erlöserwahn befallen, Volksgemeinschaft vermissend, freiwillig in der Herde sich aufgebend, mitmordend, weil man ja siegte, solange man siegte.

Es ist dieselbe Struktur der „Volksseele“, die Raabe 1865 treffend veranschaulicht, und die eben nicht mit dem Westfälischen Frieden verschwand, sondern ab 1933 real dieselben geistigen Abläufe zeigt.

Erst bestaunt man den Fremden – dann baut man ihm eine Hütte – Kontakt fehlt, kennen lernt man sich nicht – dann belauert man sich – dann vernichtet man ihn (eine Zeit lang) – und hinterher will die Kirche eine Bußpredigt halten, die nicht zustande kommt…

  1. Der nicht historisch interessierte Leser wiederum ist trotzdem in der Lage, hier zu erkennen, welch Problem es darstellt, für eine gebildete Minderheit in einer ungebildeten Mehrheit zu bestehen. Ein bissel Smalltalk mag ja gehen, aber…

Die Dummheit ist immer in der Mehrheit und zahlst du ihr ihre Frotzelei mit gleicher Münze zurück, dann solltest du auch Arnold Schwarzeneggers Arme haben, um deinen Argumenten Nachdruck verleihen zu können.

„Sie haldn mich wohl für blöde?!“ baut sich der dicke Maurer vor mir auf, der mir gerade erklärt hat, wie er MEINE Arbeit machen würde.

„Äh – ja klar?!“ (denke ich wenigstens tapfer, mangels Muskelmasse und Muskete).

Ich treffe hin und wieder meinen Hausarzt im 15 km entfernten Ort bei edeka. Wir nicken kurz und jeder schiebt woanders hin. Ich bin aus demselben Grund da, wie er.

Wir hätten edeka und Lidl vor Ort. Aber da droht eben plauzig-blöde Ansprache – vom Plebs.

Raabe lesen – hilft!

Sein Pfarrer hat meine Sympathie.