Im tanglerine Stream von Tangerine Dream

(oder auch: Prora-Klaps 2)

Prolog:

Eigentlich sollte es im Folgenden um Tangerine Dream und meinen Bezug zur Elektronik-Mugge gehen, ich wollte auch über Klaus Schulze und Reinhard Lakomy schreiben, aber ich kam vom Wege ab, weil sich da ganz etwas anderes Bahn brach.  „Sometimes the song writes you“(Guy Clark) Das Folgende schrieb sich selbst.

Die Namen sind geändert, die Zustände sind wahr.

Es schien mir abschließend geboten, diese Vorbemerkung einzuflechten:

Ich kam zur Armee mit blauäugigen Idealen von Kameradschaft. Ich erlebte sie im Rahmen meines Diensthalbjahres durchaus. Aber ich wurde nach 18 Monaten entlassen mit einem tiefsitzenden Vorurteil gegenüber “Fischies“, denn diese hatten es mir „Sachsensau“ eingetrichtert. Aber heute ist alles wieder gut.

Im Zeitalter der „Häschtecks“: # ich liebe euch alle # liebe love&understanding #ich bremse auch für Mecklenburger #heile-heile Gänschen # even Meckis feel the hurt # Hoch! die! interregionale! Solidarität!…

Und nun geht’s los:

Welche Assoziationen kommen dir, wenn du Band-Namen hörst wie Nazareth, Renft, Pink Floyd oder (setz ein, was du willst)? Wann hörtest du sie zum ersten Mal? Von wem wurden sie empfohlen? Wann entstand der bleibende Eindruck? Oder blieb vielleicht gar keiner?

Manche Antworten hierauf sind sicher unerheblich. Aber manchmal klemmen da so Schlüsselerlebnisse dran, die du nie wieder aus dem Kopf kriegst. Und die einen sind wunder-wunderschön und die anderen – – – äh – – – prägend.

In der 11. Klasse, kurz vor der Sturmflut des Punk kam in meinem Bekanntenkreis die Lust an elektronischer Musik auf. Befeuert wurde sie durch die positiven Erfahrungen, die wir dank Radioaufnahmen von „One of these days“(Pink Floyd), „Frank Herbert“(Klaus Schulze), Kraftwerks „Transeuropaexpress“ und mehr und mehr Liebe zu SBB-LPs aus der „Polen-Information Leipzig“ machten.

Dann, Zeitchen später, die Bänder voller Clash, Boomtown Rats, No Horizon, Pere ubu, Sex Pistols, sendete der Berliner Rundfunk in seiner Sendung „Duett – Musik für den Rekorder“ eine halbe Stunde Tangerine Dream. Es handelte sich um die zusammengekürzte LP „Cyclone“. Die wird von Liebhabern heutzutage eher nicht gemocht. „Bend cold sidewalk“ und „Madrigal Meridian“ hörten sich gut weg, hinterließen über viele Monate einen positiven, aber keinen bleibenden Eindruck. Dann kam die Fahne. Die Band wird in Ostberlin erwartet, wir aber werden nicht dabei sein:

Grundausbildung und EK-Bewegung (Landser-Slang-Erklärungen siehe am Ende), zwei Schocks in einem; für jemanden mit schwacher Lunge und jahrelanger Sportbefreiung; Exzesse, deren Folgen mit Glück an einem selber vorbeigingen:

Eines Morgens Mitte Dezember‘79: „Kompanie Gefechtsalarm!“

Statt Frühsport und dem üblichen morgendlichen „Verpissen“ nun also wiedermal Raustreten in voller Montur. Der deutsche Landser schleppt sich tot. Stahlhelm, Klappspaten, Gasmaskentasche Feldflasche, Bajonett, Magazintasche, Tragegestell mit „Jumbo“ (dem Ganzkörperkondom für den Atomkrieg) – Waffenempfang. 2 leere Magazine in die Magazintasche, das dritte in die Waffe, die verlängerte Kalaschnikow mit dem 2-Bein vorn am Lauf (genannt LMG) und damit noch nicht Plunder genug: LMG-Schützen haben unseligerweise zusätzlich auch noch eine bleierne Makarow-Pistole in die Innentasche des Drillichs zu schieben und mit Kordelstrippe am Knopfloch zu befestigen. Eh der Klimbim an dir verteilt ist, bist du schon das erste Mal fertig. Die Kompanie steht keuchend angetreten auf der Stellfläche vor der Treppe und erlebt den Batailloner, verbrauchter Endvierziger, grauhaarig, Bärenfotze (Sorry; aber die Militärpelzmütze hieß nun mal so), Pferdedecke (Langer Mantel), der zum frühen Morgen wütend vor uns hinundher tigert, dann abrupt stehen bleibt um die Meldung des Kompanie-Chefs entgegenzunehmen:

„Genosse Major! Kompanie XY gefechtsbereit!“

Die Hände auf dem Rücken, bellt er uns an:

„Gefechtsbereit! Dass ich nicht lache! Ihr kapierts nicht! Ich schleif euch das ein! Bedankt euch bei euerm 2. Zug! Erneut haben wir einen Vorfall, der sich so nicht gehört. Beinahe wäre ein Soldat des 1. Diensthalbjahres in eurem Sauhaufen heute Nacht zu Tode gekommen! Soldat Kriegoleid! Vortreten! Hiermit befördere ich Soldat Kriegoleid vorzeitig zum Gefreiten, weil er schlimmeres verhindert hat.“

„Ich diene der Deutschen Demokratischen Republik!“ antwortet der sichtlich überraschte Zwischenhund vorschriftsmäßig und ziemlich zerknirscht, weil er die Folgen dieser Gunst sofort weiß.

„Soldat Marquardt liegt zur Stunde im Med-Punkt. Und mich interessiert es einen Scheißdreck! (Pause) Ob nun hier die EKs oder die Zwischenhunde versoffener sind! (Pause) Das ist bekanntlich nicht das erste Mal im 3. Bataillon, dass jemand versucht sich umzubringen, weil er schikaniert wurde! Aber es wird das letzte Mal sein:

Kompaniiiie!!! Sti‘‘‘‘stan‘‘‘!

Hiermit bestrafe ich den 2. Zug mit einer Boddenrunde in vollständiger Gefechtsausrüstung. Antreten im Lichthof – sofort!“

Uff. Ich bin – 3. Zug.

„Die andern! Dienst nach Dienstplan. Rühren! Leutnant Schwiegert! Übernehmen Sie!“

Von diesem kam prompt: „Ko-Trupp stie‘‘stan‘‘! Zur Waffenabgabe wegtreten!“, (während der Bataillonskommandeur sich auf den Lichthof begibt um den 2. Zug in Empfang zu nehmen und ein zweites Mal zusammenzuscheißen). Dann 1. Zug, dann 3. Zug zurück zur Waffenkammer, dann Abmarsch des 2. Zuges zum Härtetest „außer der Reihe“, Gewaltmarsch um den gesamten Jasmunder Bodden; vermutliche Dauer: fast der ganze Tag. Kein Frühstück; unterwegs 2 oder 3 Zigarettenpausen, durchgeschwitzte Rückkehr, Waffen putzen; das Abendbrot als erste Mahlzeit, miese Stimmung: Hass auf den frisch gebackenen Gefreiten Kriegoleid, den Petzer, das „Treibhaus“ (dem die Gefreiten-Balken auf den Schulterstücken nun gute 5 Monate zu früh gesprossen sind). Also wird er von nun an mit dem 1.Diensthalbjahr mit raustreten müssen, wenn es Dampf-Druck-Reviere (DDR) gibt: Stuben-und Revierreinigen unter schikanöser „Kontrolle“ seines eigenen Diensthalbjahres. Der fromme Wunsch des Batailloners blieb unerfüllt. Gegen die Quälerei der Diensthalbjahre untereinander war kein Kraut gewachsen. Nach 17:00 Uhr hielt sich in der Regel kein „Sacki“ mehr im Kompaniebereich auf, wenn nicht Wachdienst oder Nachtschießen bevorstand.

Herauszukriegen war, dass Marquardt mehrere Nächte lang kaum zum Schlafen gekommen war, weil er als „Glatter“ sogenannten „Betrieb“ bekommen hatte, immer wieder geweckt wurde, um den skatspielenden EKs und Zwischenhunden Kaffee zu kochen, oder eine „Spindkontrolle“ über sich ergehen zu lassen u. ähnliches mehr. Laut war es nie geworden, denn das betreffende Zimmer lag gegenüber von meinem und ich hatte absolut nichts mitbekommen. Irgendwann war M. so erschöpft und verzweifelt, dass er sich die Pulsadern aufschnitt. Kriegoleid hatte das Bett unter ihm und deshalb gerade noch rechtzeitig mitbekommen, was passiert war…

Und da hockst du nun in diesem primitiven Verbrecherhaufen als kleines unsportliches Abiturientlein, bekommst Menschenkenntnis im Schockverfahren verabreicht und fragst dich: Wie sollst du noch über ein Jahr lang diese Scheiße hier überstehen? Wann hast DU die Marquart-Karte?

Ende Januar 1980 war gerademal ein Vierteljahr herum, als es eines Abends nach Dienstschluss, nach der allabendlichen Bohner- und Scheißhausputz-Schikane und dem Abendbrot ausnahmsweise mal zu einem erfreulichen Ereignis kam: Von irgendwoher kamen diese TÖNE – wurden lauter – und plötzlich brüllte der Gefreite Röver(der sympatischste der EKs, ein Hippie aus der Lausitz, verständnisvoll auch gegenüber uns Glatten) mit unverwechselbarer Stimme: „Tür auuuuuf!“

Inzwischen gut dressiert springe ich vom Lese-Schemel auf und stehe mit 1 an der offenen Stubentür: „Los! Moachdog oalle STIMME an! Volle Pulle! Konzert!“ Wie befohlen – so geschehen: STIMME der DDR übertrug als Sonderkonzert den „DT64-Gig“ von Tangerine Dream im Palast der Republik. Da jede Stube mindestens ein Radio hatte und tatsächlich alle mitmachten, ging man die nächste gute halbe Stunde praktisch über die „Piste“(den langen Flur) in einem kosmischen Soundtunnel zum Scheißhaus oder in die Nachbarstuben auf Besuch und schrie sich an:

Klingt geil!!

Was?!

Klingt geiiiil!

Jaaa!!

Ab und an wurde der Genuss unterbrochen: Strom weg! Schlagartige Stille im Dunkeln. Wie immer flogen Türen auf und sofort ergab sich das Gebrüll: „Ufos raus! Ihr glatten Schweine!“ Die Glatten waren stets fürs Kaffee machen zuständig. Dafür gab es statt Tauchsiedern verbotene Ufos: Schnellkochvorrichtungen aus 2 Rasierklingen und ein bisschen Draht, der in die Steckdose „präzisiert“ werden musste. Geschah dies in mehr als 3 Stuben gleichzeitig, war der Strom weg. Der UvD stürzte an den Sicherungskasten, während alles „Ufos raus!“ brüllt und da diesem archaisch vorgetragenen Wunsch meist sofort entsprochen wurde, kehrt der Strom nach wenigen Sekunden zurück – und mit ihm der Sound.

Die EKs waren zum großen Teil musikbegeisterte „Kunden“; Hippies aus dem Süden der Republik, die Mehrzahl von ihnen vorbestraft wegen Rangeleien mit der Polizei anlässlich irgendwelcher Kundentreffen bei Konzerten oder wegen „asozialem Lebenswandel“, weil sie es verschmäht hatten, regelmäßig auf Arbeit zu erscheinen, wenn in der Nacht zuvor irgendwo ein Happening gewesen war. Vorbestrafte, Sonderschüler und Unsportliche landeten nun mal in Eggesin oder in Prora.

Die Zwischenhunde waren „Noadlichte´“, ost-elbisch strunzdumme Landeier. Die wenigsten von denen hatten die 10 Klassen geschafft, Knasterfahrung auch hier, aber nicht wegen polizeilich bedingter Kulturschlägereien, sondern wegen Einbruch, Fahren im Suff, oder Erntefestprügel. Die dachten von einem „Köhm“ zum nächsten, versuchten so militärisch desinteressiert aufzutreten, wie ihre EK-Vorbilder aus dem Süden, aber man spürte ihren heimlichen Stolz auf Uniform, Schützenschnur und das kleine bisschen Allmacht als „GUvD“ für 24 Stunden oder im Rudel, wenn es darum ging „Sing mei Sachse sing“ zu grölen, während wir „Sachsensauen“ vom 1. Diensthalbjahr bohnern mussten. Das Lied war dummerweise gerade „Hit“ und lief deshalb gefühlte duzendmal am Tag auf allen Ostsendern. Ich hasse es bis heute. Ich nahm mir im Stillen vor, in Zukunft jedem Mecklenburger mit allen 4 Gliedmaßen gleichzeitig in die Fresse zu springen, wenn er versucht, seiner Meinung nach Sächsisch zu singen: „Sing mein Sachsä sing! Es istn Eichending und och n grroußees Glääck umenn Zaubahr der Musäääg.“ Rums! Zahn raus! Pawlowscher Reflex.

Wir Glatten aus Thüringen und dem Großraum Halle mussten uns nun 6 Monate von einem unbeschreiblichen Gesocks alles Mögliche bieten lassen, nur mit dem Trost, dass nach dieser Zeit, die nächsten Glatten kommen würden, während die Fischies ihrerseits dann EK’s wurden, weil deren Vorgänger sich in die Freiheit verabschieden. Ossis mögen keine Ausländer? Ossis mochten sich untereinander schon nicht!

Die Tangerine Dream Klänge schufen eine Zeit-Oase, wirkten wie ein Gruß von zu Hause, erinnerten an die „Cyclone“-Aufnahme, an Stern Combo, an SBB. Ich genoss den Abend in Schlappen, Winterdiensthose, die breiten Hosenträger überm wochenlang durchgeschwitzten grünen Einheitspullover am braunen Plaste-Pott voller Fruchtsirup, (denn wenn du Cola kauftest, soffen die dir die EKs weg)…

…runde 400 Tage später, als ich endlich auch entlassen war, frisch erlöst die herbeigesehnten Segnungen genoss, Westplattenbesitzer geworden zu sein und mir jemand die AMIGA-LP (mit dem Foto von der Orange unter Kopfhörern) auflegte, da merkte ich, wie sich die Perspektive drehte: Zivil, zu Hause und im Sessel fand ich das schlagartig nicht mehr schön. 1980Nun tanzen die ANDEREN Bilder um mich herum Ringelrein, gegen die ich wieder genauso wehrlos war, wie gegen die realen Situationen, in denen sie zuvor  entstanden waren: von der „Piste“ und vom „Schlauch“(den Bohner-Fluren), vom Scheißhaus 3. Zug und den Fäkalien der Fischköppe, die nicht spülten, weil ja der Glatte eh gleich „Revier“ hat; von Kriegoleit und Marquardt, der nicht etwa ausgemustert wurde, sondern „wiederhergestellt“ worden war und brav seine 540 Tage abdiente, wie wir alle; vom Rostocker- und vom Bützower Ober-Assi (ach hätt’ich doch zwei Schüsse frei!); vom Wechsel auf den Schreiber-Posten in die andere Kompanie, vom Spieß in Keilhose und bekotztem Unterhemd, wie ich ihn mitten in der Nacht-  vom ebenfalls besoffenen Kompanie-Chef geweckt -, zusammen mit dem Uralfahrer aus seinem Schreibtischstuhl hochwuchtete und über die Piste schleifte, um ihn aufs UvD-Bereitschaftsbett zu knallen. Laufen konnt’er ja nicht mehr. Die hatten zu viert, mit zwei Feldwebeln in die anstehende Übung hineingefeiert, indem sie die beschlagnahmten Spirituosen der Landser-Pakete niedermachten. Dann warf ich den bekotzten Papierkorb durchs Fenster der Spießbude ins Außenrevier, holte die schwarzen Gummihandschuhe aus der Gasmaskentasche und wischte den daneben gegangenen Rest auf. Die Handschuhe gehörten eigentlich zum „Jumbo“, dem atomaren Vollschutz, fanden aber reichlichen Gebrauch im 1. Diensthalbjahr, wenn der EK aus dem Ausgang kam und einfach in die Stube pisste, oder ein Mecki beim Scheißen die Schüssel nicht traf…

Zu Hause will ich das Verdrängen. Was anfangs kaum gelingt. Ich verzichte auf die Platte.

Obwohl gerade jener Spießleichentransport noch eine Pointe hatte:

Andern Tags nämlich begann die „Waffenbrüderschaft 80“, das große See-Landemanöver; natürlich mit Gefechtsalarm. Als wir diesmal bereit zum Abmarsch standen, staunten wir nicht schlecht: KC und Spieß hatten um Mitternacht praktisch eine „alkoholische TGL“ (Teilweise Gesichtslähmung); um 6 Uhr morgens standen sie in tadelloser Anzugsordnung, allerdings windschief und leichenblass, vor uns. Das Reden überließen sie dem Politnik, Leutnant Glaubrich, der in der Nacht zuvor nicht mit von der Partie gewesen war:

„Wir! Die Kommunisten der Einheit Kriepsch! Verpflichten uns zu bestmöglichen Leistungen bei der bevorstehenden Herausforderung…rhabarber-rhabarber…“

Da vernehme ich neben mir im schönsten Schweriner Mecki-Deutsch:

„Ach! (Pause) SO sehn Kommunisten aus, du? Hassu die diä so vOrgestellt? Schreibee´? DIE solln wir uns zum Vorbild nehm? (Pause) Findssas guhut? Du? (Pause) Oder nich‘?“

Der unnachahmliche Humor des Uralfahrers. Um ihn herum kicherts.

Nekrolog:1986

Erst vor kurzem stolperte ich in einem Blog über den langvergessenen Namen Tangerine Dream. Irgendwie angefixt machte ich mich auf die Suche und hörte auf youtube die komplette „Pergamon“-LP durch. So heißt der Ostberliner Auftritt von 1980 seit 1986 als Westpressung. Schöne Musik eigentlich. Aber während sie lief, ging im Kopf der alte Alb von ehedem wieder los:

Tür auuuuf! …. EKs, wo seid ihr! ….Das Bett bleibt leer, der hier liegen müsste, sitzt in Schwedt… Schreibä! Zum Spieß, sofoad! …. Und ich warte praktisch darauf, dass wieder der Strom ausfällt … Ufos raaaus! … dass sich mein Naumburg-Kaffee-Pott in der Hand -hassunichgesehjn- in einen braunen Plastebecher verwandelt…

Schüttelfrost. Rache-Halluzinationen. Gewaltfantasien.

Ich hielt bis zum Ende der Platte durch. Aber es war seit 1981 das erste- und sicherlich auch das letzte Mal in diesem Leben. Tangerine Dream? No-Go.

 

Slang-Führer:

  • EK-Bewegung = Knasthierarchie, Tretmühle: 1. Diensthalbjahr muss leiden, 2.Diensthalbjahr muss/darf das erste schinden; 3. Diensthalbjahr hat nach Dienstschluss (17 Uhr) Ruhe, weil es sich auf die Entlassung vorbereitet
  • Batailloner = Bataillonskommandeur;
  • Sti‘‘stan‘‘ = still gestanden!
  • Sacki = Tagesack; Offizier (hat noch mehr Tage abzudienen als ein Glatter)
  • UvD = Unteroffizier vom Dienst; auch Brüll-Affe genannt; 24 Std. „Tür auuuf!“ brüllen und Befehle aller Art ausrufen
  • GUvD = Gehilfe des Unteroffiziers vom Dienst
  • Glatter = Soldat im 1. Diensthalbjahr, seine Schulterstücke haben noch keinen Knick.
  • Zwischenhund = 2. Diensthalbjahr, Schulterstücke längs gefaltet bilden die Tagerinne, damit die Restzeit schneller ablaufen kann; er schindet die Glatten, damit der EK seine Ruhe hat;
  • EK = Entlassungskandidat, meistens Gefreiter, drittes und letztes Diensthalbjahr; kann sich vor Wach-und Küchendiensten drücken und „seinen Stuben-Glatten“ dafür schicken;  dass dieser dann Doppelschichten hat, spielt keine Rolle
  • Schreiber – einige wenige Soldaten hatten das Glück „Spießschreiber“ zu werden; sie gingen demzufolge seltener mit „raus“ auf den Acker, weil sie die Arbeit des Spießes erledigten; das hatte seine Vorteile, wenn man einen dankbaren gutmütig-doofen Spieß hatte. Es gab aber auch Typen, wie meinen, die dem Schreiber (aus dumpf empfundenem Minderwertigkeitskomplex heraus) Bildung und alkoholische Zurückhaltung im Ausgang übelnahmen. Und dann war Schreibersein auch nicht so lustig.
  • Uralfahrer – war der andere Sonderposten: Der Spieß-Ural, war ein Gepäck-LKW schwerer russischer Bauart, auf dem die Sturmgepäcke der Kompanie ins Gelände gefahren wurden. Der Uralfahrer wartete den Lkw tagein-tagaus; Schreiber und Uralfahrer teilten sich eine 2 Mannstube.
  • Boddenrunde = Rügen hat zahlreiche Flachwasserbereiche; der Jasmunder Bodden ist der größte; die Boddenrunde kam pro Halbjahr ein oder zweimal vor, weil der Alkoholmissbrauch nicht in den Griff zu kriegen war;
  • Alkoholbesitz/-konsum in NVA Kasernen – war durch den „Befehl 30/74“ verboten; praktisch aber nicht durchsetzbar; schon gar nicht in einem Regiment, wie dem MSR 29, in das vorwiegend alles das einberufen wurde, was man anderswo nicht haben wollte: Vorbestrafte, Asoziale, Schulversager, Hilfsarbeiter, angehende Künstler, Dreiviertelausgemusterte. Die Saufgelage mittels eingeschmuggeltem 90%igem Primasprit (verdünnt in Limonade) führten u. U. zu schweren Schikanen von einzelnen Glatten, weshalb es ab und an auch mal drastische Bestrafungen seitens der Offiziere gab – eben: Boddenrunde oder Arrest.
14a Zustimmung

gefunden in „meiner“ ehemaligen Waffenkammer; Prora 2014

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Bilanz 2017

Habicks nich jeahnt? „Vülle neue Bescheuertheiten“ haa’ick ma jewünscht ende 16 — und? Ha’ick jekrichtd. Siehsde. Of Dummheit is Valass.

Ehn Tach nach mein Text von anno 16 fuhr diese frisch einjewanderte Fachkraft mit multiple Identitäten mang de Glühweinpilger am Ku-Damm. De Behörden wussten eijendlich allet üba den, kam hintaher raus. Da hammwa nu aba watt von! Na wenigstens hammse det zujejehm, dat da allahand wrong jejang is. Im Falle von det NSU-Spektakel in München kommt et zu nichma dette. Die Rätsel bleim alle offen: Der eehne da ballert sichn Dum-Dum-Patrönsche in Kopp un läd hintahea noch durch? Wer soll det gloohm? Denne all die seltsame Ableberei von Belastungszeujen; V-Mann am Tatort, aba ohne Gedächtnis usw… Of DIE Urteilsbemessung binick jespannt.

Prost erschdma! Da Vorstand säuft. Andas kamma sich an all den Driss aus die letztn 12 Monate ja nich a-inahn!

Dresdna-Rede von olle Höcke anfang des Jahres. Peng. Die Schreibalinge tippn sich Hornhaut an de Finga und niemand juckts. Warum? Vülleischd liechd et ja an det falsche ßitad?

„Mahnmal der Schande“ hatta jesachd, Sie! Mahnmal der Schande! Issedt nich fu’chdba‘?

Momendema! Watt issn Holocaust sonst? Da wehsde doch janüsch, worüba de dir uffrejen solls‘! Det is so blöde ßitierd, det ick konstatiere: Mitn Antifaschismus steht et och nich mehr ßum bestn.

„Ich fordere eine Wende der Erinnerungskultur um 180 Grad!“

Det kam nur eehn Satz späta! Dette wär’s jewesen! Aba den Satz ham sich die meisten der jefühlten Reschdschaffenhaidsapostl jespahd. Laach an de Jradzahl vamudlüsch. Mathe. Da wannse nich juhd drin. Desdawejen sinnse lieba Journalisten jeworn. Fachabitua, vamut ick. Wennde weehs, wie det heutßutache zusammjebastelt wüad; Ehrenrunden en gros und Nachteilsausgleich, denn weesde och, watt inßwischn so anne Henri-Nannen-Schule ankommd.

Da Resd von die schwea vamittelbahrn Gümnasialvasehrtn kann ja Dschendern, Sie! Det issja det alla Feinsde. Die Kunst, wie ma aus 0,78% von de Leute ehne Mehrheid machd. Ick glob, ick sollte da offspring, of den ßug! Ab nächsdet Jah‘ heeß ich Bladschixx. Denne jeh ick ooch ümma of det dritte Klo. Det is Freiheit!

De Geschlechtamisere war ja aba sowieso det Thema schlechthin: Weinstein! Hollywood hat ne Besetzungscouch! Wow! Vablüffung pur! Det da nu son paa‘ Möchtegern-Mansons in de Grube fahrn, wennet Vorbild vascheidet, is okay. Weg mit Schadn. Aba Amerika wär ja nich Amerika, wennses nich in nemm Heucheltsunami versenkn täten.  Watt würd nu draus? Ick fürschd mir vor det neue Prüderie-Rollbäck. Ick seh et komm. Det Ding jeht jenauso inne Hose, wie die Politicäl Correctness. Juhd jemeind, aba bloß halb durchdachd. Weinstein-Skandal in Tateinheid mit Mattels Kopftuch-Barbie als Zeichen von „individuelle Frauenfreiheit“. Demnächsd Hidschab füa alle, weil det Umsatz bringd, Sie! N Pappmdeckel offm Kopp und Blümchenschdors drüba wickeln. Süüüß. Jibbt imma paa‘ die det weltoffm finden. Männa mutieren ßu Nörds, lassen sich Fleischtunnel in de Ohrn puhlen, als wie wennse sich ihr Essn selba schießen mits Blasrohr örjenswo in Papua-Neuguinea, daßu Wikingerbärte, Himmlerhaarschnitt und Latte macchiato! Nischd passt mehr zusamm! … Ick schweig ja schon! Und denne die Frauen dazu demnächsd Haarzeijevabot freiwilli‘! Voll schick. Beede wischn an ihre Handys rum und sehn sich nüsch mehr an. Hören könnse sich ooch nüsch mehr, denn inne Ohren hammse die weißn Stecka und n janzn Tach det Jewinsel von – äh. Na! Wie heeßta! – CDU-Tauber mit Basecap und Brille?! – Ick habs gleich! Forster Mark! Richti‘! Und all die andan Jammalappm… Vo’bei mit „cat scrach fever!“ und „Paradiese by the dashboard light“. Nisch mehr meine ßeid!

Ick komm ja noch vonne Stiebl Eltron Werbung ausse 70a her:

„Heiiiii-ßes Wasser! Stiiiiiiebl eltron!“

Oda

„sexy-mini-pop-op-Cola, allet is in Afri-Kola!“

Det war präjend! Ick will ßurück in det joldne ßeit-Alta, wo et hieß

„Wenn Raubkatzen schnurren, sind Match-Makers im Spiel!“

Un denne der hübsche Kopfkissnzawühla da nehm de Schok’lade of dem Foto! Junge Frauen sollten weiterhin aussehn wie Ann Wilson 1976, Debbie Harry 1980 oder Kim Wilde 1985 – und nisch wie Annette von Droste Hülshoff in de 1830a! Die Jefaaah is im Anmarsch!  Dröpchn füa Dröpchn!

Simma glei abschließend bei det Schluss-Phänomen: Populismusjefährdung von unse schöne Demokratie: Wahlajebniß 17. Der Knalla! Nu issja allet am Jauln! Außa die AfD. Siemens hatte prompt n Wahljeschenk füa kommende Neuwahln in petto. Machen die Görlitz dicht, ey! Mittenmang im Boom! Det musste erstma vadaun. Jrade ham die Brüda von de Schreibarei anjefang, sich zu a-innan, det der Osten an allalei ßu kaun hat, besondas det Zonenrandjebiet zu Polen zu – und prompt sachd sich Siemens: Det jehd noch bessa! Bude dicht. 900 Jobs weg. Frohet Fest!

Manch eena sieht schon 1932 wieda ante portas. Nun ja. Det hinkt. Janz vakeehrd isses aba och nüsch. Mitte Jeschichde hamses nüsch mehr so ßu Wesdzeitn, sach isch ümma. 1932 hatma Krise, keene Wehrpflischd, aba auch keen Rüstungsboom und die einzischen Reichswehrfuzzies uff Auslandseinsatz, warn die „Herren Ausbilda“ inne Frunse-Akademie bei Stalin, wejen dem Rapallo-Vatrag. Wennde dette nu vagleichn tuhst, denne stellt süsch raus: Krise hammwa keene, Wehapflüschd hammwa keene, Rüstungsboom hamwa aba trotzdem, Rüstungsexporte nüsch zu knapp, jenehmüschd von — Sigmar & Co. Der Höcke is noch jahnisch dran! Würde nu ehne „Valance des Weita so“ die Welt vabessan? Aneuan süsch da paa alte demokratische Kräfte noch? Hamm die det Personal füa?

Landwürgschaftsminista Schmidt und sein Kaspagrinsen nach de Glyphosatpleite: „So issa halt der Schmidt!“ Schon vajessn? Wär ick Kanzla, hättick prompt jesachd: Ja, so issa halt und nu ab mit dir zum Nockherberg, da kannste dir in ßukunft selba doubln. Dein Nachfolja würd … Also Rausschmiss sofoad! Achtkanti‘! Der kann nichma det kleine 1×1 der Konsenseinhaltung! Wieso is der noch da?

Ick weeß och ümma nisch, ob ick grinsn oda losflenn‘ soll, wenn in det Willy Brandt Haus örjendswelche Valautbarung jemacht wärrn. Kamera of det Männeken aus Würselen und hinta ihm so ne Hausfraunrieje (Glei fang se an zu schwanken und ßu sing: oh happy dayyyy!) und det graue Willy Brandt Monsta mit die steinane Handbewejung, die mehr als andeuted:

Det wüad nüschd!

Da wiad det intellektuelle Unvamöjen der Erben greifba‘! Schwa‘za Humor. Mir koomt jrade die Galle… Det wahs füa jetze. Konjetz.

N schönet Neuet, Jemeinde.

Dadrauf, det ßwee achzenn noch bescheuata würd als ßwee siebzenn, valass ick mir voll!

Juppp.

(Sorry füa det untadrückte Pröstaschnnn.)

Chamisso reloaded

… aus aktuellem Anlass:

 

Einst schlich der Abgeordnete Klaus

Eines Nachts von Haus zu Haus

Da hörte er im Landkreis Köthen

Ein Mütterlein gar einsam beten:

 

„Gib unsrer Kanzlerin, oh HERR

Noch leidige 4 Jahre mehr-

Denn Not lehrt beten!“

 

Verblüfft betrat er ihr Gemach

Spendiert ‘nen Kuli ihr und sprach:

Mir scheint hier Nachhilfe von Nöten!

Erklär mir: Wie lehrt Not denn beten?

 

Die Alte sah ihn mürrisch an

Sah‘s Zeichen am Revers sodann

Und fauchte leis, doch giftig sehr:

„Ihr bleibt doch dran und holt euch mehr!

 

Als Dick-Helmut einst regierte

Honig um das Maul uns schmierte

Fielen viele darauf rein

Ihre Betriebe gingen ein

 

Ich wünschte ihm den schnellen Tod

Doch kam der nicht, drum wählt ich rot

Drauf kam der Gerhard dann mit Stolz

Doch war der aus demselben Holz.

 

Als Hartz und Leiharbeit dann kamen

Da rief ich rauf in Gottes Namen

Den Dieb zu strafen, der da holte

Was Volksvermögen seien sollte

 

Das Schicksal schickte wieder Wahlen

Nun sollt er‘s mit der Macht bezahlen

Drauf kam dann sie, die Ungeschönte,

Die vom „Dienst für Deutschland“ tönte.

 

Sie siegt‘ zum ersten und zum zweiten

Daran gibts gar nichts zu bestreiten

Doch weshalb? So ist es immer:

Die andern wären nur noch schlimmer!

 

Stell dir den Spahn als Kanzler vor

Oder den Schulz (mit viel Humor!)

So kannst selbst du es doch verstehn

Es muss noch 4 Jahr‘ weitergehn!

 

Die Kutsch‘ sie rast in dunkle Nacht

Die Kutscherin zu Fall gebracht?

Die Stallknechte ham unterdessen

Noch nie auf einem Bock gesessen!

 

Mich grauset schlimm – mein „Weiter so!“

Doch seh ich Ausweg nirgendwo.

Weit und breit kein echter Mann –

Also lasst die Raute dran!

 

Trotz Pflegenot im ganzen Land

Rentenloch und Krankenstand

All das will ich getrost verzeihen

Schlimmer wär’s, käm‘ von der Leyen!

 

Die nächste Frau, du weißt es ja,

Männer sind halt keine da!

Da schauderts Klaus, denn er begreift

Was nun so ist herangereift.

 

Er stürzt dann draußen und im Schnee

Übern Plakat der AfD

Nun bricht es aus ihm selber raus:

Halte noch 4 Jahre aus!

 

Dann liegt er da im Streusalz-Kot

Und weiß nun: Beten lehrt die Not!

 

inspired by Adalbert von Chamisso

Mattotaupa fährt heim

You go your way, I go mine…

Wiedermal on the road. Alleine. Nächtens. A9. Stau frei, aber gut besucht. Altmännerdriving. Tempomat bei 105. Da die Halsschlagader Berlins jedoch eine einzige Baustelle ist, grenzt das schon an Raserei. Ich muss laufend auf 80 dimmen. Die Music rettet‘s one more time. Der Soundtrack stimmt. Dunkelheit. Scheibenwischer. 2017 unentbehrlich! Inzwischen gar nicht mehr so nervig wie früher. Gemütvolle Klangdiamanten umschmeicheln das Trommelfell. Mal roh, mal fein ziseliert. Sie verführen zum Grübeln. Sogar derart, dass ich mir einen Ruck geben muss: Bin ich Arthur Millers Handlungsreisender, der im Alter irgendwann nicht mehr weiß, in welcher Sorte Auto er sitzt und den Highway per 40 m/h blockiert? Dustin Hofmanns Paraderolle. „Tod eines Handlungsreisenden“! Da hupt‘s auch schon. Brummis überholen mich. Back to real life! Das ist hier kein 30er Jahre Buick und auch kein Trabi, du Träumer! Du hast nach der letzten Baustelle nicht wieder aufgetourt! Der Denkomat im Kopp läuft eh volle Pulle! Kurzer Sprint auf 140, vorbei an den Brummis, dann Tempo einrasten lassen bei 110 und die Grübelei kann weitergehen.

Es ist die zweite Tour zurück aus der alten Heimat innerhalb von 4 Wochen. Die Kontakte nehmen wieder zu. Klassentreffen war eine Woche vor der Wahl. Vierzig Jahre Klasse 10! Wie sich das anhört! (Alter Sack, du!)

Und dann hab ich diesmal Freunde from the north überreden können, sich das Saaletal anzugucken. Quasi Bloggertreffen Part 3 ohne Blogger. Fremdenführer one more time. Novum diesmal: Ehepaar mit 6.Klässlerin. Also Programmanpassung nötig!

Treffpunkt war wie immer die „unbezahlte Parke“ am Knast. Erster Eindruck Stacheldraht? Kann das gut gehen? Klar. Er spart gern. Sie stammt aus Ostberlin. Da ist das gewohnte Atmosphäre. Und die Kleine ist neugierig; gottlob noch nicht in der laaaangen Lustlosphase der Pubertät.

Erster Tag: Natürlich die Afterglow-Burgentour; diesmal mit einem Schwenk nach Eckartsberga: Geisterhaus. Passt zu Halloween, diesem aufgepfropften Amibrauchtum, und entpuppt sich als erlebenswerte Attraktion. Sehr einfallsreich und wirklich gruslig erfüllt der alte DDR-Bau in Nachwende-Umwidmung voll die Erwartungen. Vor 89 fand hier alljährlich das ZV-Lager für Studentinnen aus Halle und Leipzig statt. Zivilverteidigungspflichtlehrgang; Pflicht für alle Mädchen in den Semesterferien nach dem 1. Studienjahr. (Die männliche Hälfte der Studentenschaft musste in Seligenstädt nochmal 5 Wochen Soldat spielen.) Die holde Weiblichkeit im GST-Drillich kostümiert tankte hier mitunter gruslige Schikane-Erlebnisse seitens diverser Doktoranten, die unpassender weise meinten, einen auf Feldwebel machen zu müssen. Im Nachhinein eine von vielen Lächerlichkeiten der Täterätätä.

„Lichtblitz!“ (=Atomschlag) Volle Deckung hinter umgestürzten Schulbänken, Aktentaschen oder extra ausgehängten Zimmertüren…. Gone with the wind.

Heute tasteste dich an sehr spärlich beleuchteten Totenköpfen vorbei, läufst im Stockfinsteren durch etwas Ekliges, was dein Gesicht streift und dann beim Nachgreifen gar nicht eklig ist: Dünne Eisenstrippchen, massenhaft und andere Tests für den persönlichen Toleranzbereich mehr. Einmal Geisterhaus immer Geisterhaus.

davDie Sommerrodelbahn hat glücklicherweise auch noch auf; Märchenlandpanorama inclusive.

Die Eckartsburg-Besichtigung glaubte ich einleiten zu müssen mit dem Satz: „Gleich kommen wir zur Unansehnlichsten der hiesigen Burgen.“ Und erschrecke, als wir die letzte Burgbergbiegung nehmen: Wow! Irgendwer muss hier sattsam nicht nur Bausubstanz gerettet-, sondern längst Verlorenes wiederaufgebaut haben! Sapperlot! Ich hätte vorher recherchieren soll‘n! Mein letzter Besuch hier ist 45 Jahre her! Ich rudere also zurück und fotografiere selber begeistert mit.

Anschließend ist noch Zeit für Rückfahrt im Hellen, Bürgergarten und Innenstadt bevor es dunkelt und Tagesresümee im Ratskeller.

Tag 2: Reformationstag. Der Dom ist vormittags wegen Gottesdienst zu. Also switschen wir zur Rundbegehung, schlendern zur Wenzelskirche, wo es das letzte Mittagskonzert 2017 gibt, und fahren zur Schönburg Mittagessen. Dort liegen Flyer aus:

Heute Abend INDIANERkonzert! Direkt auf der Burg! Herrlich.

Indianer gab es hier zuletzt 1964! Aus Plaste! Wenn wir sie mitbrachten. In den Kindergarten!

Aber leider muss mein Besuch morgen wieder arbeiten und vorher diese 300km schaffen. Er will deshalb rechtzeitig zurück…. Nach dem Essen Dombesichtigung.assisi Es dunkelt bereits. Einkehr ins Dom-Cafe´. Rückkehr zum Knast, wo das Auto der Gäste steht. Ein weiteres Mal hab ich dem Saaletal ein paar Besucher zuführen können, denen der Trip gefiel.

Das Wetter war entgegen den Vorhersagen prächtig für einen 31. Oktober. Als der seltene Anblick einer weiteren brandenburgischen Autonummer in Naumburg im Dunkel der Nacht entschwunden war, gab ich mir einen Ruck und fuhr wieder zur Schönburg. Das Saaletal ist für mich längst zum Indianerland der Erinnerungen mutiert. Nun will ich bei Original-Wildwestklängen gemütlich, wenn auch allein, nostalgieren. Vielleicht lern ich einen zweiten Douglas Spotted Eagle kennen! Das wär’s! Der Typ, der zu erwarten ist, gehört zum Stamm der Menominee. Nie gehört. Aber er hat Songs gegen diese Pipeline da, die ein Dakotaheiligtum gefährdet. Also gehört er zumindest in den Dunstkreis „meines“ Stammes, der neuzeitlich berichtigt Lakota heißt.

(Die Bilder zeigen die Eckartsburg. Die Schönburg gibts hier)

Das Konzert ist mit 30 Leuten schlecht besucht. Der Menominee wird begleitet von seinem Sohn als Perkussionisten.

„Der mit dem schwarzen Wolf geht“, heißt zwar auf indianisch wirklich so, sieht aber eher aus wie Carlos Santana mit Schiebermütze verkehrt rum und Oberlippenbärtchen. Leider spielt er nicht so. Es ist eine Krux, die ich bei Indianerbands (Redbone, Little Wolf Band u.a.) schon mehrfach erlebt habe: Es geht mir einmal mehr wie mit westdeutschem Krautrock der 70er. Da ist immer mal ein allzu kurzer schöner Moment, aber viel Gegniedel und Gehudel, das nicht richtig rockt und auch nicht richtig melodiös die Tränen zieht. Dabei hat er kurz vor Schluss doch „Thats alright Mama“ und ein ca. 10minütiges Chuck-Berry-Gedächtnis-Medley in petto! Geht doch! Andererseits, wenn er zu einer seiner Flöten greift – reicht ein Ton! Und schon siehst du den Adler über dem Death-Valley kreisen! Oder über Büffelherden im Grasland. Herrlich. Da klappt es immer mit dem Flow! Warum nicht on Guitar?

Er moderiert freundlich. Er verdient sich sein Geld schwer. Er spielt fast 3 Stunden! Leider mehr Gitarre als Flöte. Er verabschiedet anschließend sein Publikum mit Handschlag und signiert CDs. Obwohl mich seine Musik nicht fliegen ließ ins Traumland der Plaste-Indianer, war es immerhin ein Event auf der Burg für mich – nach 50 Jahren! (Alter Sack Part 2!) Ich gehe zufrieden den Burgberg hinab, genieße das malerisch beleuchtete Dorf bei angenehm trockenem, windstillen Wetter. Das Auto steht am Dorfeingang. Mehrere Ortsfremde sind zur Burg hinaufgefahren und kämpfen nun auf dem Rückweg mit der abschüssigen 180 Gradkurve unten an der Auffahrt. Sie behindern sich gegenseitig. Schadenfroh nehme ich die Treppe und habe eine stressfreie Heimfahrt ins Elternhaus.matto-taupa

Am Abend darauf fahre auch ich gen Norden. Das Programm meiner neuerlichen Nachtfahrt bestreiten: Van Morrison, Ian Hunter, Atlanta Rhythm Section, Nazareth.

Letztere eröffnen das Nachtprogramm mit den ersten drei Tracks von „Snakes and Ladders“. Ein vielfach missachtetes Album. Mein zweitliebstes von ihnen! „We are animals!“ passt zum gerade gehabten Lesestoff: „Vor Sonnenaufgang“ von Hauptmann! Die Verwahrlosung der Verhältnisse in Oberschlesien im Kohleboom des späten 19. Jahrhunderts. Das passt zur Entsolidarisierung seit der Wende in der „galoppin‘ Globalisäjschn“ wie Arsch auf Eimer. Deshalb mischen sich die Gedanken da auf der finsteren A9 mit den Eindrücken des Klassentreffens von vor 4 Wochen. Ich kenne seitdem die Rentenbilanzen einiger Klassenkameraden von einst. Die 90er, die bösen 90er! Arbeitsplatzverlust und Umschulungsmoulinette der kolonialen Art: PC-Kurse mit Pappendeckeltastatur, weil gar keine Computer da waren; Floristenausbildung um des lieben Friedens willen, damit die Statistik des Arbeitsamtes „stimmt“ usw. Nun kommt der Tag des Aussteigens in spürbare Nähe. Plötzlich hören sich Beträge zwischen 600 und 800 Euro immer bedrohlicher an. Aber es war kein Abend des reinen Frusterzählens: Sondern es gab reichlich „Weeste noch?“

Inzwischen sind 4 Songs von Ian Hunter durch. Der letzte war „Man overboard“ mit der Zeile „Ship’s goin‘ down on the wrong side of town“, was mich wegholt vom Schicksal anderer hin zum eigenen. S Häusel steht im falschen Eck von Deutschland.

Van Morrison setzt fort. Enlightenment. Hier nun wieder packt mich die Zeile „still I‘m souverreign, thats my problem“. Jedenfalls verstand ich sie jahrelang so. In Wirklichkeit singt er aber „suffering“ statt „souverreign“. Irgendwie trifft beides nicht mehr zu. Trotzdem gefällt mir der Song. „Enlightenment don’t know, what it means“. Ich winke mit ihm ab.

„So into you … it was voodoo nothin‘ else…“ Die Herren in den weißen Anzügen aus „Szene77“ legen mir mit dezentem Laid-back-Sound nahe, die Dinge wieder sonniger zu sehen. „I am captured by your styyyyyle…“ Nachtgedanken der angenehmen Art: Der Reigen der „Kayleighs“, der „Irene Wilde“s, der „Entschuldige i kenn‘ di!“- Fälle beginnt. Ausgerechnet Bernd hatte auf dem Heimweg vom Klassentreffen das Thema angeschnitten:

„Weeste noch? Wir damals bei euch da ohm in Nachbars-Garten? Die Fetenzeit! Gesoffen und geliebt. Ralle wurde s erschde Ma‘ Bappa. Wassn aus der Freundin von Carrie gewordn? Weest du da was? Is die verheirat? Hat die Kinder?“

Ich wusste nichts. Konnte mich nicht mal an eine Freundin der Gastgeberin erinnern. Aber er hatte dieses Thema angeschnitten und prompt gingen mir meine eigenen Sehnsuchtsfälle von einst durch den Kopf. „You shot me down“ von Nazareth hält die Stimmung. Genesis „Afterglow“ folgt und  katapultiert mich innerlich 150 km zurück in den grünen Tunnel. Song und Gegend nunmehr auf ewig eins! Gefolgt von Meeresrauschen und Nazareth einmal mehr: „Helpless“. Eigentlich Neil Young. Klar. Aber McCafferty und seine Burschen haben es im kleinen Finger: das Talent, wenn es ums Covern geht. Ich nehme mir zum hundertsten Mal vor, eine „Private Best of“ zusammenzustückeln mit all den Hits von denen, die keine waren.

Plötzlich hupt‘s. Brummis ziehen vorbei. Ach du Scheiße! Keine Geschwindigkeitsbegrenzung mehr und ich bin noch bei 80! Mal kurz Peddl on the Mettl. Dann wieder gemütliche 110 und „Shenandoah“ von Van the Man lässt mich wieder abtauchen, in Erinnerungen versinken. Sehnsuchtsorte von einst: Shenandoah „on the wide Missouri“, „Oh Missouri! Bring mir den — Liebsten zurück“ (Gojko-Zeiten), Tanglewood, Santa Fe‘, Black Hills, gleenes Gino, chroßes Gino…Game over, … neulich Wiedersehen mit all den Nasen, „den Helden von früher, die heut (keineswegs) Beamte sind“; dazu die alte Aula, mit dem kolossalen Stadtbild, dessen Mittelteil von Ecke stammt.

AG Kunst. 1976. Gemeinschaftswerk. Die andern durften Vorder-und Hintergrund ausmalen. Wenigstens das blieb von ihm übrig. Luggie am Klavier. Links auf der Bühne. Wie anno‘74; zur „Jugendstunde“, die unsre erste Disco wurde. Dank Luggies Band, die unserer unausstehlichen Klassenlehrerin zu wild und zu westlich war. Nur den „Scheißhausrock“ spielt er nicht mehr. Es ist ihm sichtlich peinlich, als ich ihn darauf anspreche und Thomas prompt den Text rezitiert.

Ich grinse in die Nacht und dreh ein bisschen lauter:

‚Tis seven years
Since last I saw you
Away you rolling river
‚Tis seven years
Since last I saw you
Away, I’m bound away
‚Cross the wide Missouri…………

„Über den Missouri“ heißt auch der letzte Band der „Söhne der Großen Bärin“. Toka-ihto wurde ich keiner. Mein Sohn hätte das Zeug dazu. Also bin ich Mattotaupa, der fern seines Stammes leben musste und dem Alkohol zum Opfer fiel. Hm. Da fallen mir diverse Becherovka aus jüngerer Vergangenheit ein. Man kann ja nie wissen…

Mattotaupa fährt erstmal nachhause.

Am Puls der Zeit…

Wir werden älter. Die Deja vues nehmen zu.

I changed my hairstyle, so many times now,
I don’t know what I look like! (Talking Heads)

Der Tag der Einheit droht! So kurz nach der Wahl, dem „Tag an dem alles anders wurde“, posaunen sie in alle Richtungen. Ein lautes Lied – hilft kleinen Kindern im dunklen Wald. Wir altgewordenen Kinder sind am Ende mit unserem Latein. Die Altparteien versuchen, wie schlechte Eltern, zu erziehen ohne ihre Fürsorgeaufgaben wahrzunehmen. Resultat: Kind hört nicht mehr. Kriegt ja eh nur Schimpfe.

This ain’t no party, this ain’t no Disco, this ain’t no foolin‘ around….

Ach herein und heraus auf der angeblichen Insel der Glückseligkeit! Kübelweise Jauche über die blöden Ossies und dieses medial überwiegend als unterirdisch wahrgenommene Wahlergebnis! (Das Sachsenproblem/der hysterische Ost-Mann/ Fremdenhass, wo keine Fremden sind/…) Keine Feierlaune nirgends in den Medien. Raaaaatlosigkeit! Selbstgerechte Nabelschau der Qualitätsmedien: Bei uns alles richtig! So rechtschaffen! So tolerant! Aber bei DENEN! Hu! Jetzt kommt nicht mehr der Russe. Den zähmt ja jetzt der Altkanzler! Jetzt kommt der böse Ossi! Aber er kommt so kurios anders! Nicht etwa mit roter Fahne und Enteignungsphantasien – sondern braun – ach so braun – wie der Kakao, durch den man ihn (medial) ständig zieht. Auf den ersten Blick jedenfalls.

How I become clairvoyant… (Robbie Robertson)

Und nun erst recht! „Nein, erzählen Sie doch mal? Warum AfD? Geht es Deutschland nicht so gut, wie nie zuvor? Geht es ihnen nicht besser, als zu Ostzeiten? Schlafen sie unter der Brücke?“ Die neue alte Hybris! “Undankbar! Stasi oder Nazi!“ Wiedererkennbar das Muster: „Was jammerst du herum. Ist es hier nicht besser als in Syrien! Na also!“ Die Vereinfacher sind los. Diesmal ohne Blauhemd. Die Wählermehrheit muss beruhigt werden. Damit alles bleiben kann, wie‘s ist. Im Westen glauben sieh‘s noch: Deutschland geht es guuuut! Nie ging es uns besser! Und die, die es nicht glauben, bleiben dort überwiegend weiterhin zu Hause, wenn Wahl ist.

Und diese Xenophobie da drüben! Haben die das immer noch nicht gelernt! Wir dagegen! Also ich grüße meinen Gemüsehändler immer freundlich! Und unsere Putze, die haben wir schon soooo lange! Die ist auch von irgendwo da unten. Also die ist so zuverlässig! Da ist noch nie was weggekommen! Nein, also wir sind definitiv weltoffen!

Aber halt. Stimmt das denn so?

(Remember Eppendorf! Auch wohlhabende Hanseaten fürchten Asylantenheime in ihrer Nähe noch nach 70 Jahren Demokratie!)

Papperlapapp! Kein Vergleich mit Sachsen! Biedenkopf-County is now AfD-Land. Hier gab’s die meisten Prozente und deshalb nun auch die mei- äh – ganze 7 Abgeordnete. Und die sind noch nicht mal alle im Osten geboren. Jedoch weil bei der Sitzverteilung absolute Zahlen und nicht etwa %-te entscheidend sind, ziehen alleine aus NRW 17 „Rheinische Frohnaturen“ in Blau-Rot in den Bundestag ein. Der Laschet freute sich in den Tagesthemen über seine AfD-freie Zone Wahlkreis Münster und ließ fröhlich den Schwanz mit dem Hund wackeln, um dezent unter den Tisch fallen zu lassen, dass eine Mio Stimmen von rund sechsen aus Ruhrpottanien stammt!

Sein Fürstentum stellt somit die größte Landesgruppe der Partei! Bayern auf Platz 2 mit 14 Mann!

Insgesamt stehen 65 Westabgeordnete nur 21 Ostabgeordneten gegenüber. (Berlin läuft bei mir unter „Westen“)

Die zu erwartenden provokanten Reden werden also ein vorrangig westdeutscher Spaß werden!

Übrigens fällt auch auf, dass gefühlt jeder zweite AfD-Abgeordnete Volljurist ist. Wassn da los? Rechtsstaat, hallo! Alles Nazis? Altersmäßig haben die ihre Abschlüsse alle deutlich NACH ‘68 an westdeutschen Unis erworben! Ist das nur so ein Schill-Syndrom oder stimmt eventuell wirklich was nicht, wie die bereits wieder vergessene Jugendrichterin Kirsten Heisig ungehört beschrieb?

White man turns the corner, finds himself within a different world
Ghetto kid grabs his shoulder, throws him up against the wall
He says ‚would you respect me if I didn’t have this gun
‚Cause without it, I don’t get it, and that’s why I carry one‘ (Phil Collins)

Die unter den Teppich gekehrten Probleme beginnen sich zu rächen.

Auch nicht unwichtig: Das Konzept ist westdeutsch-sich elitär dünkend, das Stimmvieh ostdeutsch-prekär, hat nichts zu verlieren und erlebt, dass es immer noch schlechter geht, durch neue Nachbarn, Wohngruppen von Analphabeten aus Übersee, die alle „Doktor“ werden wollen, aber die Mülltrennung nicht kapieren und nachts Ramadan feiern. Und wieso haben die Handys und Sprachkurse und Fahrdienste, für die Wege zu den Ämtern… Es ist ein altes Lied, wie Sozialneid entsteht. Und es ist ebenso eine ewige Binse, dass Begüterte sich länger eine luxuriöse Toleranz leisten, solange das Problem die eigene Türschwelle noch nicht erreicht hat. Remember Eppendorf. Remember Trumpwahl. Remember Brexit. Remember „White Mansions“ Album 1978:

they call me white trash ‚cause my hair hangs long

my ragged pants got no buttons on

my teeth are black and my shoulders sag

but I fly – the Confederate flag

Klappt leider immer.

Woher kommt die AfD?

Uni Hamburg: Lucke & Co ersinnen ein FDP-Hardcore-Programm und gründen einen Professoren-Club;

  • versehen mit 1 Mio € von Hans-Olaf Henkel, wie er in der ZEIT zum Besten gab; aber das war nicht der einzige Finanzier. Flächendeckend wird Deutschland blaurot mit Flyern und Luftballons geflutet. Eine normale neue Partei? Nitschewo!
  • Die währungswirtschaftliche Professorentruppe, Schmalspurspezialisten, keine Historiker, suchen nach Wegen, wie kann man das sozialstaatlose Rollback vor Bismarck so verpacken, dass es wahlkompatibel wird?
  • Hilfe naht:  von vor sich hin greinenden-, vom Schwarzgeldskandal düpierten, Altkonservativen der CDU mit guten Kontakten zu getarnten Geldquellen diverser Stiftungen, ausgestattet mit dem Know how heroischer Volkslenkung; überfahren von der Abschaffung der Wehrpflicht und dem Atomausstieg saßen sie in der Dregger-Koch-Hohmann-CDU in Hessen (dem CSUisiertesten Landesverband) und suchten nach neuen Wegen, sich an Kohls Mädchen für den kalten Putsch und das traditionslose Ungemach zu rächen.
  • Von Hessen ist es nicht weit zu Prof. Meuthen nach Ba-Wü und Weikersheim.

Nix mit Osten bis hier. Zu naiv. Keine Kader.

„Wir kamen mit Freuden auf eure Seite!

Ihr machtet den Deal!

Wir machten Pleite!“ (City/Ostrock)

Nur larmoyantes Gesinge. Siehste. Protestwählerpotential in Wartestellung.

Ach ja, die Petry! Die stammt aus Lauchhammer (DDR), ist aber als Teenie mit Eltern in den Westen ausgereist – nach NRW – und hat dort Abi gemacht, einen Pastor geheiratet, der mit ihr wieder in den Osten ging. Shit happens. Scheidung. Rückkehr (Teilzeit) nach NRW.

Pretzell logic. Steely Dan.

Auf über 700 Sitze kommt der neue Bundestag. In den 90ern reichten 530 Sitze. Bessere Politik haben wir seither nicht bekommen. Die Hofschranzen mehren sich in allen Stagnationsphasen. Siehe Hofhaltung Ludwigs XVI. und Wilhelms II. Eine Rettungsmaßnahme für Hinterbänkler anderer Parteien? Man wollte vermutlich nicht nochmal solche Bilder sehen, wie jene aus den dramatischen Tagen der FDP 2013. Offiziell alles Überhangs- und Ausgleichmandate. Jaja.

Und was hat der Osten nun beigetragen? Rund 3 Mio Wähler-Stimmen AfD. Nun. Die haben zuvor alle anderen Parteien durch. Warum sollte man ewig zwischen Parteien hin und her wählen, die nichts für einen tun? Die dachten sich, dass es an der Zeit ist, sich bei der CDU mal für die blühenden Landschaften zu bedanken, die ihnen in den 90ern die Arbeitsplätze- und heute somit zahlreiche Rentenpunkte kosteten oder bei der SPD für Hartz IV, Leiharbeitslegalisierung und Rentenniveauabsenkung.

Überhaupt – SPD? Laut DDR-Schulwissen eine Opportunisten-Bande. Laut eigener Anschauung: Schröder, Clement, Müntefering, Steinmeier, Steinbrück, Gabriel – schlimmer. Die waren mal Arbeiterpartei! Und dann der Schulz! 20 Jahre Straßburg abgesessen. Profil? Fehlanzeige.  Die Nahles bringt erst noch schnell eine klammheimliche Rentenbeitragserhöhung für untere Schichten durch und gibt einen Tag später als „rote Andrea“ die kämpferische „Auf die Fresse!“- Parole aus.

Remember Helmut Schmidt, der sich Raketen wünschte und Hans Jochen Vogel, der sie verhindern wollte. Ergebnis damals waren die GRÜNEN, die heute nicht mehr wiederzuerkennen sind.

They got lasers that zap, they got cures for the clap

You can see your insides on tv

They got all kinds of pills for all kinds of ills

But they ain’t found a cure yet for me

Out on the streets where the cigarettes meet

Abandon hope all who live here

There ain’t no medicine for the state I’m in

And I gotta get myself outta here… (Ian Hunter)

So kam es zur Watsche vom 24. September. Ein verdienter Denkzettel. Ein notwendiger Weckruf. Mahnung an nicht gemachte Hausaufgaben. Die CDU-Ministerpräsidenten der Ostländer hörten ihn. Ihr Wählerpotential ist überschaubar. Sie gleichen Schiffbrüchigen im Rettungsring. Ihre Westkollegen wollen es weiterhin nicht wahrhaben. Sie fühlen sich noch sicher auf Kommandobrücken von Luxuslinern. Dass die richtigen Schlüsse gezogen werden, ist somit unwahrscheinlich.

„Ich wüsste nicht, was ich hätte anders machen sollen.“ (Merkel)

„Rechts von der CDU klafft eine Lücke…“ (Tillich, Hasseloff, Seehofer)

Mit Labern, egal in welcher Tonlage, wird es nicht getan sein.

Bürgerversicherung, Rentenerhöhung, … eigentlich bräuchten wir auch dringend ein Konzept zum schnellstmöglichen Stopp der kolonialistisch laufenden Globalisierung mit neuen Verwerfungen für Jahrhunderte!

Zu kompliziert. Da traut sich keiner ran. Ein paar Phrasen tuns auch. Die Think Tanks brüten schon in dieser Billigrichtung.

Die Arroganz der Macht und die Servilität der Leitmedien verhindern den Neuanfang.

Wir kennen das noch von 88/89 her…

„Wir bauen auf und tapeziern nicht mit. Wir sind so stolz auf Katharina Witt…“(Sandow)

Aber nach LINKS geträumt wird nicht mehr. Das Thema ist durch. Die LINKE analysiert die sozialen Verwerfungen besser und ist der einzige Trupp mit umfassender sozialer Agenda! Stimmt. Sie klagen die Konzerne an. Weisen auf die verbrecherischen Konsequenzen der Globalisierung hin. Aber:

Es ist kein Phänomen, dass Rechts stärker verlockt, da es Stärke verspricht, während Links mit komplizierten Konzepten überfordert und mit Mitleidsgesten das Loser-Empfinden der eigenen Zielgruppe zwar tröstet aber nicht aufrichtet.

„Wir lebten in der Bakschisch-Republik und es gab keinen Sieeeeg! Der Götzendiener pisst sich ein: Es könnte alles falsch gewesen seiiiiiin!“ (Herbst in Peking)

Außerdem: Ein Blick nach Thüringen oder Brandenburg heute zeigt: Nützt nischt.

Warten wir Jamaika ab. Danach dürften auch die Grünen so hinüber sein, wie jetzt die SPD. Die Wohlstandsschere klafft 2021 noch mehr als heute. Die Medien singen immernoch das Hosianna-uns geht’s-doch-guuuuuut-Lied und die AfD knackt die 20% Marge.

Wer weiß. Vielleicht auch nicht. Auf massenbewegungsmäßig verschnarchte 70er folgten engagierte frühe 80er:

„die Schachfijure hoabes Denke jeleeernt, die spring jetz ejfach vom Brett…“(Bap)

Manchmal erwacht Vernunft für’nen Moment aus’m Koma. Und die so oft vergewaltigte Toleranz schminkt sich erneut und macht sich wieder hübsch und wirkt wieder anziehend.

Deshalb gehört das letzte Wort City:

Weil die Erde eine Kugel ist, was man leicht beweisen kann,

kommt, wer immer straff nach Westen marschiert, im Osten wieder an!

Man kann ja nie wissen.

Querdenker VIII

Neulich hatte ich einen Traum…

….ich war Japaner, wachte im Kimono auf, war allem Anschein nach im Fernsehsessel tiiiiief eingeschlafen: Aber zuvor doch eigentlich in Deutschland, im gewohnten Wohnzimmer, im Bademantel!

Ungläubig wandte sich mein Blick also vom Kimono über Reisschüsselchen auf dem Tisch in Richtung Bildschirm. Karen Miosga moderierte die Tagesthemen. Mit geschminkten Schlitzaugen und Geisha-Outfit! Und da: 6 oder 8 Manager der Automobilindustrie werden in einer Art Pressekonferenz gezeigt, wie sie sich zerknirscht verneigen und abtreten. Die Miosga erklärt, dass dies am Nachmittag aufgezeichnet wurde. Anschließend seien diese Manager in ihre Konzernzentralen gefahren worden und haben pflichtschuldigst so gehandelt, wie man es von Männern mit Ehrgefühl zu Zeiten des Dieselskandals erwarten könne: Sie seien aus dem jeweils obersten Geschoss gesprungen. Ihr konfisziertes Vermögen werde sozialen Zwecken zugeführt…

Huch!

Ich schreckte hoch und erwachte. Der Traum gab mir zu denken. Träume sind Schäume des Unterbewusstseins. Ich hatte wohl in letzter Zeit zu viel Wahldebakelberichterstattung konsumiert. Das konterminiert das Gehirn. Und dann träumt man sich eben – davon.

Inzwischen schaute ich wieder mit klarem Blick die Nachrichten und da war er wieder, wie in den letzten Tagen so oft: Der zurzeit bestaussehendste Politiker des Staates, dessen Smartness viele Frauen wuschig macht und ein paar sehr weiblich empfindende Gay-Boys probably ebenfalls …

Vermutlich werden die ihn wählen. Wer so aussieht, soll sich zeigen! Nicht auszudenken, wenn diesmal seiner Partei wieder ein halbes Prozent an Fünfen fehlt! Noch einmal 4 Jahre mit all den enterotisierten, grauen Laiendarstellern – puh!

Vermutlich werden diese Wähler dieselben sein, die seine Partei 2013 abservierten. Damals galt die Truppe als – neeeeeein, nicht etwa als Zahnarztpartei oder militante Porschistenbande; als Rollkommando contra Sozialstaat oder Tegernsee-Sekte – nein! Das alles war es nicht, weshalb man sie per Liveübertragung und Dauerschleife, Krokodilstränen vergießend, all die toughen Büros räumen sah und weshalb die Untergrundverbindungen zu den neutralen Medien geschmiert bleiben mussten, damit 4 Jahre lang über jeden Furz (pardon) berichtet wird, der da irgendwo auf dem Müllhaufen der Geschichte gelassen wird, als wäre man noch relevant.

Der eigentliche Grund war: Ein gelalltes misslungenes Kompliment, auf schwäbisch!(sic!), 2012 adressiert an eine komplett humorlose Journalistin; in dem ein Dirndl eine gewisse Rolle spielte — Diese Dame formulierte einen empörten Aufschrei; mit immerhin einjähriger Verspätung; aber wahltaktisch durchschlagend, denn  –  damit war die Katze aus dem Sack: Frauenfeindlich! Der ganze Trupp!

Vier Jahre später kommen die mit derselben alten 19.Jahrhundertsoße „Dem Tüchtigen gehört die Stunde!“ und „Leistung muss sich wieder lohnen!“ wieder an! Vorne dran aber nicht mehr dieser ewige Klassensprecher mit Migrationshintergrund und auch nicht der lallende alte Schwabe, sondern eben jenes fesch unrasierte Kerlchen mit dem Nussknackergesicht und der Bachelor-Figur:

„Hat er eine Rose für mich?“

hauchen die Damenherzen und die der femininen Gay-Boys. Die drehen an der Haarsträhne und schmelzen dahin. Und viele, viele brave, fleißige Politlegastheniker jubeln: „Fleiß? Das hab ich verstanden! Das sag ich ooch ümma! Die sinn’richtich!“ Aber niemand sagt ihnen:

„Du hast keine Firma! Du bist nicht gemeint!“

Sie alle fordern somit Streicheleinheiten für Kapitalseigner ein; sie sorgen dafür, dass die 6 oder 8 Herren vom Anfang da oben nicht springen müssen, sondern auch morgen noch nassforsch arrogant aus der Tagesschau in mein Wohnzimmer grinsen!

Für den zu vernachlässigenden Rest der abhängig beschäftigten Menschheit fordern sie Verlängerung der Lebensarbeitszeit! Die Rentenkasse muss voll! Aber nicht durch Beiträge der Manager!

„Nimm dir ein Beispiel an denen, du faule Sau! Die überschreiten freiwillig jede Altersgrenze!“

Dementsprechend auch:  Eigenverantwortung in Sachen Rente!

(Die du aufzehren musst, bevor du ins HARTZ IV Loch fällst! Die du gar nicht erbringen kannst, wenn du Mindestlohn hast, Leiharbeiter bist oder wenn dich als Familienvater 1000 € Mietlast plagen!)

Und die stehen zurzeit bei 10% Wahlprognose? Waruuuum??!! Weil der Chef sexy is‘?!

Weil sie Wahlplakate haben, so weiß auf weiß, in George-Michael-CD-Cover-Optik? DER ist tot! Geschichte! Und da gehört die Truppe auch hin! Mit ihren Ratschlägen von gestern für die Probleme von morgen.

Anderen Parteien werden Populismus oder Fake-News vorgeworfen! Da wird die Stasi-oder die Hanf-Keule geschwungen, damit die nicht zu groß werden – und hier? Das sind Hardcore-Realos? Fairness-Apostel? Oder was!

Bedrohliche 10 % für den dienstältesten Roßtäuscherverein Deutschlands, nur weil der Chef ….. aaaaaaach!

„Taschenspieler tauschen geschickt Freiheiten gegen Plunder. Was sie heute nicht halten, wird morgen nicht mal mehr versprochen.“ (André Heller)

Verliebt, verhoben, vergessen, verehrt…

Man könnte Wikipedia anklicken und sich über Georg II. von Sachsen-Meiningen informieren. Man erführe auch die Namen seiner 3 Ehefrauen. Jede von ihnen hat wiederum eine eigene Schlagwortseite. Es wäre alles da. Aber: Wer macht das schon? Georg II.? Und dann noch nicht mal der King des UK? Wozu?

Im Sommer 2017 saß ich im Buchladen von Meiningen und wartete auf eine Regenpause draußen. In jenem Sommer konnte sowas dauern! Der Bildband, den ich in dieser Zeit (quer)las, enthielt all die obengenannten Informationen. Und er verschwieg, dass Friedrich Spielhagen einer der häufigsten Besucher des Hofes jenes Kleinstaatregenten war.

Wen juckt’s?

Mich!

Spielhagen ist mein literarischer Hausgott. Die Fakten zu den drei Ehen entrollten mir den Tatsachen-Hintergrund zu einem seiner Romane: Allzeit voran! (1872)

2017 ist obendrein das Diana-Jahr: 20 Jahre Tunneltod! Da kommt einem in der Georg-Biografie viel bekannt vor. 100 Jahre Unterschied. Mehr als der Übergang von der Kutsche zum Auto? Mesalliancen können immer noch Thema werden. Und was bedeutet „morganatische“ Ehe; bzw. „Ehe zur linken Hand“?

Ich wurde somit auf die Spur gesetzt: Der tatsächliche Georg von Wettin, Herzog von Sachsen-Meiningen, wurde steinalt, starb 1914, war intelligent, diplomierter Historiker, eher propreußisch und liberal gesinnt und er war 3x verheiratet. Zum ersten Mal (mit Charlotte v. Hohenzollern) sehr glücklich, doch Kindbettfieber kennt kein arm und reich; die vierte Geburt beendet die Ehe Nr.1.

Die zweite Ehe (mit Feodora von Hohenlohe-Langenburg) verläuft sehr unglücklich, da Ehefrau Nr.2 zwar jung und hübsch, aber borniert und künstlerisch völlig desinteressiert war, weshalb der Herzog einsehen muss, hier nichts mehr „umprägen“ zu können und mehr und mehr allein ins Theater ging. Gerüchte entstehen. Das Gemunkel wird Tatsache. Frau Nr.2 frustriert‘s. Sie erkrankt, hat keine Widerstandskraft (mehr) und stirbt 36jährig; erlöst somit beide Ehepartner aus einem fast feindseligem Verhältnis.

Georg ist 46 und heiratet das letzte Mal; „nur“ morganatisch; eine Bürgerliche; sein Langzeitverhältnis; eine Schauspielerin. Ellen Franz. Sie ist im gleichen Alter wie seine zweite Frau, weniger attraktiv, jedoch intellektuell ansprechbar wie seine erste. Das Verhältnis begann 4 Jahre vor dem Tod von Ehefrau Nr. 2. Die Attraktivere verliert. Eine deutliche Windsor-Parallele. Deren Wurzeln liegen „nebenan“ im Gothaischen.

Spielhagen schrieb seinen Roman als Liebesroman, Arztroman, Politikum. In der Nebenfigur des Apothekers der Residenz wird er obendrein passagenweise zur Klamotte. Wieder einmal hat er Stoff für ein Großwerk, ein gesellschaftliches Komplettpanorama wie in den „Problematischen Naturen“ und in „Hammer und Amboss“ zuvor. Er nimmt sich jedoch diesmal nicht die Zeit, es auszukleiden. Auf nur 300 Seiten zusammengedrängt kann der Stoff nicht richtig leuchten. „Allzeit voran!“ wird kein Erfolgsbuch, ist aber lesenswert, weil es, so ganz nebenbei und vollkommen untypisch für die Zeit, NICHT in Hurrapatriotismus verfällt. Der geneigte Leser erfährt hier, wie die Stimmung außerhalb Preußens im Sommer 1870, am Vorabend des Deutsch-Französischen Krieges, im Volk und an den Höfen tatsächlich gewesen sein könnte.

Es geht um einen jungen Landarzt, um eine noch jüngere (aber volljährige) Malerin, die die morganatisch angetraute zweite Frau eines schon sehr alten Fürsten eines thüringischen Kleinstaates ist und um eben diesen 70jährigen Fürsten selber. Da diese Ehen zweiter Klasse, oder „zur linken Hand“, eigentlich seriöse Öffentlichkeit für standesunübliche Verbindungen ermöglichen sollten, jedoch Mesalliancen blieben und Rufschädigung bedeuteten, waren sie extrem selten. Der einzige Thüringer Regent des späten 19.Jhds., auf den sowas zutraf, war Georg II. Im Hochadel war sein außereheliches Verhältnis mit Ellen Franz mal süffisant, mal bösartig kommentiert worden. Von einer baldigen „Ehrlichmachung“ der Liaison nach dem Tod von Ehefrau Nr.2 wurde geunkt, als das Ereignis dann jedoch real wurde, war der Skandal perfekt und die Kontaktabbrüche zahlreich. Nichts desto trotz standen Georg noch 42 Jahre glücklicher Partnerschaft bevor.

Die Veröffentlichung des Buches und die Bekanntmachung der „Konkubinenheirat“ fallen zeitlich zusammen. Im 70jährigen Romanfürsten wird allzu leicht der 46jährige Meininger Regent erkannt, der charakterlich und altersmäßig jedoch eher Georgs Vater zum Vorbild hat. Dieser hatte sich 1866 für die falsche Seite entschieden und wurde anschließend auf Bismarcks Betreiben zur Abdankung genötigt, um seinem pro-preußischen Sohn die Regentschaft zu überlassen. Spielhagen nimmt diese Episode der Familiengeschichte der Meininger Wettiner stark abgeändert auf und fügt sie einen Krieg später ein. Auch hat sein Romanregent keinen Nachkommen, weshalb im Roman gleich ein preußischer Neffe auf den Thüringer Thron folgt, während der real Abgedankte wenigstens die Gnade erfährt, seinen Sohn als Nachfolger einsetzen zu dürfen.

„Lass es weiterhin wie Souveränität aussehen!“, mag sich Bismarck gedacht haben.

Eine Würde von Preußens Gnaden, denn die „Thüringischen Staaten“ hingen wirtschaftlich schon lange vor den 3 Kriegen am Geldhahn Berlins.

Preußen vergoldete seit ca. 1845 den „Thüringer Zaunkönigen“ ihr Dasein für das Gewähren der Erlaubnis, Schienen in die Rheinprovinz legen zu dürfen. Wirtschaftlich stand die Region, weil Massentourismus noch fehlte, ansonsten da wie Mecklenburg. Hinterwäldlerisch die Industrialisierung verschlafend, fristeten Spielzeugschnitzer, Nagelschmiede, Holzfäller, Köhler und Weber ihr kärgliches Dasein. Das damalige Elend – ein Segen für die Gegenwart, wenn man so 2017 durch intakte Natur rollt, die es andernfalls nicht mehr geben würde. Die Fehler von gestern sind die Erfolge von morgen. An den Thüringer Geschicken ablesbar.

Der Fürst des Romans ist nur 2x verheiratet. Spielhagen kürzt 3 Ehen auf zwei, indem er die letzten beiden Frauenbilder zusammenzieht: die unerfüllte Ehe und die Schönheit von Feodora, sowie die künstlerischen Interessen von Ellen Franz werden eins. Georg macht im wirklichen Leben seine dritte Ehefrau zu seiner Chefberaterin in Sachen Kultur, baut gemeinsam mit ihr einen prominenten Freundeskreis der Dichter und Komponisten auf. Beide gemeinsam reisen viel, holen sich Ideen aus ihren Urlaubsorten und reformieren das Meininger Theater zu Weltruhm. Bayreuth ist schon berühmt. Meiningen zieht nach. DIE Pilgerstätten der Kulturenthusiasten der Zeit. Außerdem wird nach ihren Vorstellungen der bis heute erhaltene romantische Park der Residenz angelegt. Sie harmonieren perfekt. Georg hat in Ellen eine „zweite Charlotte“ gefunden.

Ganz anders im Buch: Die junge Künstlerin malt in einem Gartenpavillon. Sie hat keinerlei Einfluss in irgendeiner Richtung und auch keine Ambitionen, diese Situation zu ändern. Eine malende Feodora, allerdings bürgerlicher Herkunft. Auch ehelich ist dem alten Herzog mit ihr kein Glück beschieden.

Spielhagen legt die Liaison tragisch an: Er lässt es während eines Kuraufenthaltes knistern; intellektuelle Gespräche zwischen beiden sind möglich. Beide atmen auf, glauben auf einen Gleichgesinnten gestoßen zu sein. Gekonnt wird das Thema “Altersgeilheit“ umschifft. Beim Herzog ist es eine Art Erlöserwahn, der ihn zur Ehe verleitet. Die arme mittellose Schönheit soll es gut haben und sich verwirklichen können. SIE sieht in ihm den alten, lieben, hilfsbereiten Mann und die Hoffnungslosigkeit ihrer mittellosen Lage. Sie entsagt wissentlich einem erfüllten Liebesleben. Das „Ja-Wort“ ist ihre Art von Resignation. Die Kommunikation erstirbt. Sie leben nebeneinander her. Die Domestiken verachten sie, da sie dem Vergleich mit der verstorbenen Herzogin nicht standhalten kann. Sie zieht sich in den Mal-Pavillon zurück.

Feodora gab im wirklichen Leben lieber die barmherzige Landesmutter, um dem Schlosspersonal zu entgehen; durch die Elendsquartiere der Dorfbevölkerung reisend und sich somit auch den finalen Scharlach zuziehend. Hat sie den Tod gesucht? Soweit geht die Malerin im Roman nicht. Jedoch trennt sie sich letztlich von ihrem Gönner und löst so das „unnatürliche Band zwischen Jugend und Greis“ um ihr Leben selbst zu gestalten…

Das Buch erscheint 1872 und stellt die Verhältnisse an den Thüringer Höfen – trotz aller Abänderung – gut erkennbar bloß. Aber: Spielhagen verkehrt weiterhin in Meiningen und wohnt während dieser Aufenthalte in Gästezimmern des Schlosses. Kein Anzeichen von Ungnade seitens des skandalträchtigen Herrscherpaares. Stattdessen jene Belohnungsanfrage und ihre Beantwortung; sowie das große Vergessen, das über alle Beteiligten, das Reich, das damals gerade entstand und den Roman inzwischen hinweg gegangen ist.

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Copyrights diesmal alle by Bludgeon selber.

Im Land der Ahnen…

….2017 stark verregnet, stößt der Blick des Reisenden doch auf die eine oder andere kleine Sensation: Die gottlob – trotz Holzklau und Kaminwahn – immer noch vollständig bewaldeten Berghänge des Rennsteigs und auch des sonstigen Thüringer Waldes dampfen nach überreicher Wolkenschüttung morgens heftig in den raren Regenpausen.

„Und ewig singen die Wälder“ vom vegetativen Überlebenskampf, dem Trockenheit genauso schadet, wie nasser Überfluss, der den Wurzeln den Halt zu rauben droht.  Rauchschwaden, Wolkenschatten, relative Finsternis; ganz ohne Feuer – „Into the mystic“; Van Morrisson liegt nahe. Oder die wunderbare „Wildhoney“ von Tiamat mit all ihren Sumpflandgeräuschen und tiefen Growls zu akustischer Gitarre und Kriegstanzrhythmus der Hobbits & Orks. Beides leider im Auto nicht vorrätig. Auch Haggard und Douglas Spotted Eagle glänzen durch Abwesenheit. Mist!

Das Thema Soundtrack-Auswahl hatte ich schon mal besser im Griff! Aber so geht das schon die ganze Zeit in diesem Jahr. Kaum stellt Töchterlein fest: „Das sieht hier aus wie Kanada!“ fehlen mir prompt auch noch Bachmann Turner Overdrive! Wir hören also, während rund 2000 km Fahrleistung anfallen, so kreuz und quer durch diesen Gustav-Freytag-County und das angrenzende Söderistan, Kompromiss-Mugge; wie immer, wenn Frau und Tochter an Bord sind: „Private best of 70s“ (Mainstream; immerhin unter Auslassung all der musikalischen Disco-Ölpest jenes Jahrzehnts) Al Stewart, Bob Seger, ELO, Fleetwood Mac; verpassen uns von letzteren auch eine Überdosis, da zusätzlich die neue „Lindsay Buckingham und Christie McVie“ mit von der Partie ist und klingt, als wären’s die missing Pieces der „Rumour-Sessions“. Eigentlich seeehr schön, aber eben nicht 3x am Tag.

Es war in diesem Jahr eine Blitzentscheidung. Es wurde ein „Behelfsurlaub“ der schönen Bilder. Für Auslandsbuchungen zu spät dran blieb nur die Alternative: Urlaub in Deutschland oder gleich ganz zu Hause bleiben. So versuchte ich wenigstens noch zwei Fliegen mit einer Klappe zu erwischen: Irgendwohin, wo’s schön ist (mal nicht die Ostsee) und wo’s eventuell die Möglichkeit gibt, per Tagesausflügen Regionen des „unbekannten Westens“ kennenzulernen.

Irgendwie ist dieses „Adenauerland“ eben doch eine Art von Ausland geblieben.

Also: Meiningen. Thüringen ist schön und Franken ist nicht weit. Plan erfüllt.

Dachte ich. Nach erfolgter Buchung im Melchiormäßigen „Schlundhaus“ der Stadt. Sehr schönes Renaissance-Ambiente innen wie außen. Sehr nettes Personal.

Jedoch kam es anders als gedacht, was zum einen dem Wetter des Sommers 2017 und zum andern der hypersensiblen Ossi-Seele geschuldet sein mag. Die Nebensache wurde zur Hauptsache. Die Exkursionen nach Söderanien hinterließen nur blasse Eindrücke. Die Ausflüge im Land der Dichterfürsten führten stattdessen zu einigen Aha-Momenten.

Die Entscheidung für Meiningen war keine Kopfgeburt. Eher so aus dem Bauch mit Torschlusspanik: Bloß keinen reinen Brandenburg-Urlaub mehr verwarten müssen!

Üblicherweise bekommt der Hund in solchen Reisezeiten Tierpension zu Hause und Herrchen ein bisschen schlechtes Gewissen.  In diesem Jahr jedoch erlebte er passend 14 Tage vor Abreise mit stolzen 8 Jahren auf dem Buckel seine erste Beißerei; und die gleich mit so einem Kampfhund-Köterproll-Mix und — unterlag. Die offene Schulter musste fachgerecht verarztet und beobachtet werden. Deshalb verbot sich Tierpension von selbst. Er musste mit. Man gut, dass es mit England nicht geklappt hat! Er erlebte also eine reichliche Woche Rudelnähe rund um die Uhr, aber draußen überwiegend an der Leine. Leinenzwang all over. Schwarze Tüte immer „am Mann“ bzw. „an der Frau“ wandelten wir nach Ankunft zunächst leidlich beschirmt und einigermaßen ziellos durch den Ort. Mit Collie im Stadtbild, wo auch immer, setzt es reichlich Komplimente:

„Guck mal! Ein Löwe!“ von Seiten kleinerer Fans.

„Guck mal Lassie!“ von den Älteren.

Komischerweise verweist nach wie vor niemand auf BESSY?! Die Comics waren doch so erfolgreich in unseren Jahrgängen!

Weib, Kind und Hund entschlossen sich alsbald zwecks Trocknung die Unterkunft aufzusuchen, während wir gerade in der Nähe des Buchladens standen. Also betrat ich den auch und wusste wiederum nicht, wonach sich zu suchen noch lohnen würde. Thriller – nein danke, Krimis – brrrrr, Memoiren von Menschen mit Jahrhundertbiografie a la Sigmar G. und Phillip L.? Die armen Bäume! Die Band-Bio der Ärzte?

Ich wusste nicht, wohin mit mir – und draußen schifft‘s. Da fiel mein Blick auf einen Charakterkopf mit ernster Miene. Ein wahrer Adlerblick fixierte mich. Intelligente Augen, weißer Weihnachtsmannbart und Halbglatze. Sein Blick traf mich von der Titelseite eines Bildbandes: Georg II. Und als ich den aufschlug, traf mich wie ein Schlag die freudige Erinnerung: Meiningen! Georg II.!

„… möge uns der Herr Poet doch baldigst eine Idee zukommen lassen, mit welchem Orden, welcher Gnade wir ihm unsere Wertschätzung erzeigen könnten.“

Und SPIELHAGENs knappe Antwort war: „Wenn Durchlaucht mein geneigter Leser bleiben wollen, so ist mir dies Ehre genug.“

Ich hatte das völlig vergessen! Jetzt war mit einem Schlag mein Ferienfilm geboren: Die Thüringischen Zaunkönige des späten 19.Jahrhunderts im Bemühen mit Sachsen Weimar- Eisenach gleichzuziehen und Kulturhochburg werden zu wollen, locken die schreibende Prominenz in ihre Paläste. Die dynastischen Privatissime, die hier in verrauchten Herrenzimmern verraten wurden, der Eindruck der Landschaft, „die hier in Thüringen, wie auch der Menschenschlag, das Höchstmaß der Ausgeglichenheit erreichte“ (Felix Dahn), flossen ein, in einst viel gelesene Werke, die Ruf und Reichtum schufen – und heute leider vergessen sind.

Thüringen hatte nach hehrer Bedeutsamkeit als Grenzmark im frühen Mittelalter des 10. und 11.Jahrhunderts eine lange Phase politischen Niederganges ereilt. Die ernestinischen Wettiner, also das sächsische Königshaus der Reformation, vererbten nicht qua Erstgeburt, sondern qua Erbteilung. Jedes am Leben bleibende Brüderlein „der Familie“ musste so mit einer Stadt und ein paar Dörfern bedacht werden. Thüringen, das alte eigentliche Westsachsen, wurde geradezu atomisiert. Da dank Luther und Friedrich dem Weisen bereits säkularisiert worden war, gab es auch später für Napoleon in diesem Gelände keine unabhängigen Bistümer aufzulösen. Für ihn war das Durchgangsland, das er beließ, wie er es vorfand. Ebenso Metternich auf dem Wiener Kongress 1815 bei der Erfindung des Deutschen Bundes. Nirgends war deshalb Zersplitterung nach den Befreiungskriegen größer als hier: Im grünen Herzen Deutschlands.

Goethe lebte noch. In seinem Lichte strahlte Sachsen Weimar-Eisenach. Der Musen-Hort. Die Fürstenwitwe und vormundschaftliche Regentin Anna Amalie, eine hochgebildete Russin, zwangsverheiratet, aber durch frühe Witwenschaft befreit, hatte 50 Jahre zuvor für intellektuellen Zulauf im Ländle gesorgt und gründete die nach ihr benannte Bibliothek in einem Bauwerk, das ihr von jeher ein Dorn im Auge war: Bereits im 16.Jahrhundert hatte einer der Weimarer Regenten das Lustschloss zur Auslebung seiner Triebe direkt vor das Stadtschloss, also gewissermaßen vor die Schlafzimmerfenster seiner Zwangsangetrauten bauen lassen. Seine Nachfolger übernahmen mit der Macht auch jene pikante Servicelokation, um sie in besagter Weise zu nutzen. Anna Amalie, verwitwet aber noch nicht 30, hob die Bedeutung des Bauwerkes, nach dem ach so plötzlichen Ableben ihres Gatten, at hoc von der Unterleibsdienstleistungshalle zum Studienort des Kopfes.

Sprach man in jenen Tagen von Thüringen, meinte man Weimar. Die anderen Zaunkönige mussten sich was einfallen lassen: Der zweiterfolgreichste Zwergstaat in Sachen Prestige-Hebung wurde Sachsen Coburg-Gotha, das „Adelsgestüt Europas“ (laut Bismarck) durch – ähem – blaublütigen Jungs-und Mädchenhandel. Für den Bedarf eines jeden Königshauses war ein heiratsfähiger Fürstensproß/eine Komtessè vorrätig (Elite-Partner.de – ohne Internet) 1914 gab es keinen Thron in Europa, auf dem nicht ein coburg-gothaischer Abkömmling saß. Über jenes Puzzleteil sind Windsor/Battenbergs, Habsburg, Romanows und Hohenzollern verwandt und verschwägert; der I.Weltkrieg ein Familienzwist.

Hinzukommt, dass das Herrscherhaus in Gotha 1853 einem prominenten politischen Flüchtling Quartier bot, der kurz nach Aufnahme hier vollends zum Bestsellerautor und Dichterfürsten der Nachgoethejahre avancierte: Gustav Freytag.

Aus Preußen als zu liberal entfernt, alsbald aber auch dort wieder gewertschätzt und begnadigt, ja später mit dem Pour le Mérite versehen, sorgte er als Journalist, Dramatiker und Buchautor für dauerhaftes Aufsehen. Er war schon 1848 für die kleindeutsche Lösung eingetreten (ein Reich ohne Österreich) und erlebte in den Folgejahren den Wandel seines Minderheitenstandpunktes zur Mehrheitsmeinung. In Siebleben bei Gotha ließ er sich nieder und verfasste hier seine beiden Dauerbrenner „Soll und Haben“(1855) und „Die Ahnen“(ab 1872), jene mal 4-, mal 6- mal 8bändige Familiensaga, die aus germanischer Vorzeit bis hinauf in die Tage der 48er Revolution reicht. Letzteres Kapitel in mancher „gekürzten und von Weitschweifigkeiten bereinigten“ Auflage der 20er und 30er Jahre gern unterschlagen.

Spielhagen wiederum verkehrte des Öfteren im Schlosse derer von Sachsen-Meiningen, Freytag deshalb nicht.

In Ermanglung von Antiquariaten und Musikläden zog ich es vor, mental im späten 19.Jahrhundert zu verweilen, statt Kneipen, Rossmann-Filialen, Schöller-Eis-Fahnen oder Taschen vertickende Inder zu zählen.

Spielhagen und Freytag wurden meine Scouts, wenn ich nicht gerade mit engsten Parkhauskurven in Bamberg rang, auf dem Markt von Coburg mit der übelsten Blümchen-Kaffeeplörre der Marke „letzte Lagerhallenfegung“ konfrontiert wurde oder kopfschüttelnd die inflationäre Richard Wagner Verhohnepiplung in der Fußgängerzone von Bayreuth ertrug: Alle gefühlten 5 Meter stand dort vor jedem dritten Laden ein ca. 1m großer Gartenzwerg-Richie mit erhobenen Händen in Dirigenten- oder Bettelpose eines bockigen Kleinkindes „Mama t‘agen!“, ganz wie man will. Wagner goes Tele-Tubbie. Mal Schlumpf blau, mal Popel grün, mal Wut rot – scheußlicher Endzeiteinfall einer sich überlebt habenden Kultur.

Gottlob gab‘s ja noch die Wälder, die Berge, die weiten Straßen und den Sound eines ganz anderen Jahrzehnts: Der schon erwähnte 70er Mix und die Wiederauferstehung von Ingo, Ingraban und ihren Nachfahren befreiten aus dem nivellierten Heute; schon lange bevor wir per Zufall den tatsächlichen Gustav-Freytag-Wanderweg fanden.

„Time Passages! Buy me a ticket on last train home tonight…“

Und als auf abendlicher Fahrt Töchterlein neben mir, die zwischen den Scheibenwischerintervallen all die tollen Fotos schoss, am Radio drehte, um Papas Musikarchiv zu entkommen, erklang da plötzlich

„…. these towns all look the same, and we remember that why we ca-hame…“

und wie aus einem Munde schrien Mutter und Vater: „Lass mal!“ Überstimmt. Wir „Ahnen“ waren David Guetta, Ed Sheeran, Rihanna & Co wiedermal entkommen. „Oh want you staaaaaaaay – just a little bit longer! Oh please please stay! Say you will. SAAAAAHY youhu will!“ Aber weder Immo, Helgi noch irgendeine Walküre hatten „Bock“, dergleichen zu tun. Sie schickten einen letzten gespenstischen Lichtergruß und blieben im Land der Sagen und Legenden, als unser Eisenpferd schließlich den Pfad gen Norden einschlug. Kein Urlaub hält ewig.

Copyright aller Fotos: Bludgeons Daughter; Illustrationen aus „Germania“(1905); „Realienbuch“ (1912) und „Der Gute Kamerad“ Bd.26 (1912)

ELVIS lebt!

1972 oder 73. Sechste oder siebente Klasse. Mathe-Vertretungsstunde im Musikraum. Herr L. scheint den Raum nicht zu finden und kommt zu spät. Luggy, der musikalische Pastorensohn, ein Jahr zurückgestellt und deshalb „überaltert“ in unserer Klasse, frühreif und durch zwei ältere Hippie-Brüder „verdorben“, mit äußerlich entfernter Ähnlichkeit zu Robert Plant, den wir wiederum noch nicht kennen, entert den Flügel und gibt Rock&Roll vom feinsten: Fantasie-englisches Zeug plus deutschsprachigem „Scheißhausrock“, als Herr L. endlich den Raum gefunden hat und in der Tür steht. Luggy bricht ab, beißt die Zähne zusammen, zieht die Mundwinkel breit und schleicht geduckt zum Platz. Herr L. handhabt die Situation moderat mit kurzem „ts-ts-ts- da bin ich ja gerade noch rechtzeitig gekommen…“ und beginnt mit dem Unterricht. Am Ende ist er 5 Minuten zu früh fertig und sagt doch tatsächlich: „Luggy komm, spiel noch eehn.“ Und zeigt auf den Flügel.

Die Stunde begann mit „wammpampaady und ä kauntydschejl, nizzle inde dizzle inde name of fail““ und sie endete auch so. Den Scheißhausrock traut er sich in Lehrerbeisein nicht ein 2.Mal. Das ist auch nicht nötig. Der Text saß vermutlich bei allen sofort. Nicht nur bei mir. Vier Jahre Flötenunterricht liegen hinter mir und nun, im zweiten Jahr meiner Akkordeon-Qual, saß ich betroffen und geplättet in meiner Bank. Nichts! Aber auch gaaaar nichts hatte mich zuvor so dermaßen umgehauen, wie Luggy am Klavier. Und der benutzte beide Hände! Und es klang! Laut, heiß, fetzte wie nur was – hätte eeeeewig weitergehen sollen – aber da klingelte es. Luggy brach ab, alles tobte zur Pause, scheinbar war nur ich in Trance…

Auf dem Hof noch ein paar Komplimente an den frisch geouteten Pianoman:

„Ey Luggy! Saaach deim Vahdor, er soll dor ne chrößre Ohrmbanduhr schbendiern! Sonnst wärd das nüscht mit dor Alvin Stardust Garrjehre!“

„Luggy dor Dasdnfiggor! Echt ehy! Geil. Gannsd bei Slade einsteichn.“

„Gwadsche keehne Scheihse! Die brauchn kehne Dasdn. Ä Gilbord O’Sallivan würddä.“

Ich hielt mich raus. Mir hatte es die Sprache verschlagen. Dem bringen die Brüder ratzfatz bei, mit 10 Fingern zu spielen und ich mühe mich seit zwei Jahren bei meiner alten Akkordeonlehrerin ebenfalls beidhändig aber erfolglos an Hits der Marke „Bauernmarsch“ oder „Vuchelbeerbaaahm“ ab…

Nunja, das mit dem Abmühen ist relativ. Die Musikauswahl und das uncoole Instrument kotzten mich dermaßen an, dass ich mich eher vor dem Üben drückte und bald schon die offizielle wöchentliche Unterrichtsstunde durch einen mehr oder weniger langen Toilettengang verkürzte. Und so stand eben Luggy im Licht – und Bludgy nicht.

In der 8. Klasse bekamen wir unseren Geschichtslehrer auch in Deutsch und das fand zum mindesten ich sehr gut, weil er mein Lieblingslehrer war. Jung, witzig, konsequent und undiplomatisch gradlinig.
Der gab eine lehrplangetreue Aufgabe auf:

Bis nächste Woche; Hausaufsatz, Thema „Mein Vorbild“, nehmt jemanden, denohr leiden gönnd und schreibt mindestens anderthalb Seiten. Klar!“

Angela meldet sich. Herr M.: „Wassn noch?“

„Kann ich da auch mein Papa nehm?“

Kmmmmm, Vogelzeigen, Kichern, unterdrücktes Gelächter. Eine Geste von Herrn M. genügt.

„Glar. Geht alles. Abor keene Viechor! Nich dassor mir mit Cheeta oder Lassie gommd! Verarschn gann ich mich allehne.“

Ecke singt: „Ich wär so gern ein Huhn. Ich hätt nich viel zu tun…“

Herr M.: „Na dem Ideal bisste schon verdächdsch nahe gegomm.“

Bernd: „Ohr Ecke! Zeich‘m jetze bloß nich deine Eier!“

So schrieben wir also drauflos und gaben pünktlich nach einer Woche ab, außer Kalle, Impfe und Ecke, die – vergeblichen Aufwand sparend – die 5 lieber gleich akzeptierten.

Eine weitere Woche später bekamen wir die Aufsätze bewertet zurück. Ohne Kommentare, einfach so. Die Vorgängerinnen von Herrn M. hatten den – oder die besten immer vorlesen lassen. Also meldete sich Andreas und wies Herrn M. auf diesen Brauch hin.

Die Antwort war: „So? Naja. Wir hatten 6 oder 7 Einsen. Das dauert zu lange. Wer will denn?“

Andreas: „Kann nicht Luggy vorlesen? Der hat über Elvis geschriehm.“

Herr M. „Der hadde doch bloß ne 2, aber von mir aus.“

Gesagt getan. Wir bekamen so einen typischen BRAVO-Schwärmtext vorgelesen: „Wenn Elvis zur Gitarre greift, vergess ich alles um mich her…“

Weiß der Teufel, wo er diesen Schwulst herhatte. Eventuell war seine ältere Schwester die Ghostautorin. Mich plagte beim Zuhören vor allem der Gedanke, dass ich scheinbar der einzige war, der wiedermal nicht wusste, was alle zu wissen schienen: Wer war dieser Elvis?

Also zuhause nach gefragt:

„Vati, kennst du Elvis Presley?“

„Die Heulboje des Kapitalismus? Klar. Das isso ein vernegerter weißer Ami, der so tut, als ob er singen kann.“

Ach klar. Ich hätte die Antwort ahnen können, wenn es um modernere Musik ging. Bekam ich doch bei Fernsehauftritten von Bands aller Art und väterlicher Anwesenheit stets die Kommentare über „Hottentottenmusik“, „ungewaschene Hälse“ und „die sollten was essen, dann hörnse off zu schrein“ gleich mitgeliefert. Aber es kam diesmal noch ein unvermuteter Nachsatz:

„Als ich Mutti kennen lernte, war der im Westen irre berühmt und deshalb hier verboten, wie nur was. Da hamm die den aufm Tanzboden zu später Stunde manchmal doch gespielt und dann ging die Post ab: Hey Barbariba, yesyesyes-no… und so weiter.“

Verboten! Und dieser gesangliche Ansatz „Hey Barbariba“ ließ prompt Bilder von Luggy am Flügel auferstehen. Der musste was sein!

Der Song an sich war, wie sich später herausstellen sollte, eine Fehlinformation: Hey Barbariba hat Elvis nie gesungen. Aber der Zeitraum stimmte und Rock&Roll der 50er Jahre klang so schön alt, nach Bodenkammerfundmusike, nach Holzkastenradio, Frohburger Mansardenwohnung und Omas Schnittchen … es wurde eine Liebe fürs Leben.

Ich hörte seit jener Vertretungsstunde im Musikraum begeistert „Memory-Hits“ vom Deutschlandfunk, hatte aber bisher die Namen einfach vorbeirauschen lassen. Nun begann ich HINzuhören: Wann kommt mal was von Elvis…

Der musikalische Horizont wuchs. Luggy kannte noch Buddy Holly, der mit einem Flugzeug abgestürzt war. Den Akt stellte ich mir nicht als profanen Schlechtwetter-Crash vor, sondern als schief gegangenen Showeffekt: Buddy Holly an den Steuerknüppeln eines Stuka‘s, der in Richtung Bühne sturzflugt und die Kurve nicht kriegt. Detonation und Feuershow statt Rockkonzert. Buddy Holly ist tot, es lebe Buddy Holly! Alice Coopers Bühnenpräsenz lieferte die Denkvorlage (gemixt mit antiquarischem Lesestoff) Little Richard und Jerry Lee Lewis kannte er noch. Bald schon überholte ich ihn:

Doowop fetzt mehr als Rockebilly!

Hä?

Platters, Moonglows, Franky Lymon and the Teenagers… Die Rubettes beklaun die gerade.

Ich war zum Auskenner geworden. Die Fan-tümer wechselten, wie die Hemden.

Im Frühjahr 1977 lief im Radio eine selten schöne Nummer namens „Moody Blue“. Die Anmoderation verriet: „Hier mal wieder was vom King…“ Huch? Den gibt’s ja auch noch?!

Ein paar Wochen später waren große Ferien. Nächtelange Beutezüge im Nachtprogramm der Radiosender. Es wurde August. Dann kam der 16. …

„Way down, such a lovely place, way down I am tired of waste…“

„Der 42jährige King of Rock&Roll wurde heute morgen tot in seinem Badezimmer gefunden…“

„There will be peace in the valley for me-he-he-he … someday.“

Jetzt war someday ran.

Die Sender überschlugen sich. HR3 reagierte mit einer komletten Rums-Sendung: Karriereüberblick. Nachruf. Hier erst erfuhr ich von seiner Filmmisere, vom Comeback Special, von der Las Vegas Phase. Hier erbeutete ich „in the ghetto“ und „Suspicious minds“. All time fav‘s (neben anderen Nummern auch).DSC03973elvis

Die ARD ließ sich nicht lumpen und sendete kurz hintereinander erst „Alloha from Hawaii via sattelite“von‘73 und dann das 67er „NBC Comeback Special“. Und wir hatten gerade den früh60er Fernseher entsorgt und nun einen mit Diodenbuchse! Elvis live – und länger!

NDR2 sendete 10 Teile „Let me be your Teddybaer“, eine Elvisbiografie in Wort und Musik von Wolf Rüdiger Sommer; und die „Memory Hits“ die 20teilige „Elvis Presley Story“. Wer damals etwas über Elvis wissen wollte – der erfuhr es. Udo und ich wurden Elvis-Junkies.

Ein Jahr verging: Udo hatte begonnen zu rauchen. Nicht wie alle – Karo und alte Juwel, sondern Zigarre. Am 16. August saßen wir beide im Biergarten der Schönburg unter der Linde. Udo legte nicht wie gewohnt Zigarrenpackung und Feuerzeug neben sein Bierglas, sondern eine Schachtel „Memphis“- Zigaretten (für damals 7.- M die teuersten Glimmstengel im Osten). Vom Nebentisch kommt ein neidischer Kommentar.

„Guggse dir an die Hüppor! Keeh eichnes Jeld verdien, obor Memphis roochng!“

Udo, der Lehrlingsgeld bezieht, nimmds gemütlich: „Ruuuhich Meestor, mir ham August! Vorsjoahr um die Zeit is dor Ging gestorm, deshalb muss das jetze ma‘ sein! Wollnse eehne?“ und hält die Schachtel rüber.

Der Wirt bringt gerade Nachschub und hörts.

„Jungs, ihr seid richtich. Was wolltor trinkng.“

Wir sind stilecht drauf: „Kreuz des Südens“. Er bringt den damals beliebten Aprikosen-Rum-Verschnitt und setzt sich ungefragt zu uns: „Elvis-Fans? Alle beide?“

Wir schwärmen ihm ein bisschen die Ohren voll, dann packt er aus:

„Ich komme ja nich‘ von hier. Ich bin von drühm hierher gezong. Von Hessen.“

„Warum denn das?“, staunen wir ihn an.

„Ach, frachd misch nisch. Lange Geschichde. Eigentlich gings mir drühm gut. Ich war Zivilbeschäftischde‘ bei de Army in Friedberg. Gelernde‘ Friseur. Meister a! Ich hab de Elvis de Hoar‘ g‘schnitten. Meh’molls!“

Wir glaubten eine Jesuserscheinung vor uns zu haben!

Er genoss den Eindruck seiner Flunkerei und belohnte uns noch mit dem Turmschlüssel.

„Wolltor hoch? Gebbsch nüch jedn, gell. Nur weil ihrs seid.“

Dann standen wir oben, genossen das Panorama.

Udo: „Gloobst du ihm die Geschichte mit Elvis?“

Ich: „Nö, aber’s fetzt.“

In letzter Zeit trieb ich mich wieder viel auf Burgruinen herum. Sommerwetter. Ausflugslokale, umgeben von halbweggeklauten Mauern.

Und wieder ist es August. Der denkwürdige 16. von Memphis ist nun 40 Jahre her.

DSC03974elvisDer „Rolling stone“ feiert ihn mit einer Elvis-Titel-Story und einer beiliegenden Vinyl-Single. Sie enthält auf der B-Seite „Blue Moon“. Damit nicht genug! Im Artikel wird endlich auch einmal gewürdigt, was für eine unerhörte und sträflich unbeachtete Nummer das ist. Ein Must Have!

Elvis immortalis est.