Nach dem letzten Glas

Heyyyyyyyyy. Die beste Pladde kommt zum Schluss.

19 neue Kleinodien. Die Gitarren irgendwo zwischen dem verzerrten Müllmännerblues a la Tom Waits und den gut abgehangenen Zufalls-Licks eines J.J.Cale, wie schon auf dem Album zuvor; aber alles noch einen ordentlichen Schluck melancholischer. Die Stimme tonlos vor sich hin lamentierend. Zeile für Zeile sitzt! Ja; da ist er wieder.

Sieben Jahrzehnte hat’s gebraucht für dieses Tiefgang(doppel)album ohne Graupen!

Er liebäugelt mit „der letzten Kurve“. Die Gitarren sind gestimmt für den ersten Treff mit Hank Williams, da oben, wo alles geht, sagen sie. Den schwarz gefärbten Inhalten blieb er treu.

Außerdem hier und da bissl Dobro, bissl Geige, Dylan-Hurrican-Memorial-Sound!

„Die letzten Drinks, die sind getrunken, die Bühne, die ist leer, nichts geht hier – in diesem Lande – mehr…“

Jaaaaaaa. Meister der Andeutung. Zeitgeist-Erfasser. Da isser wieder.

Als ich einst loszog, war er da und vertonte mir die Orientierungkrise des beginnenden Twen, wie ansonsten nur Georg Danzer. Die eben erworbene Selbstsicherheit, die Down-Phasen, oder beides in einem, wie das eben nur zwischen 21 und 25 so geht, flirting with desaster…

„Sag mal Engel! Ist es da oben besser als hier? Oder nervt ihr euch gar noch schlimmer als wir?“

Die Fahne überlebt und ins Studentenwohnheim eingeritten mit „Interzone“ und „Neubauten“-Sound, mit den Raumteilern Renft von Kassette und Pankow auf der Bühne gefeiert. Die eigene Trinkfestigkeit bestaunt. Das Studium als Witz erkannt. Es ging verführerisch einfach. Alles, was die wollten, wussten wir schon. Von ein paar Organisationstricks für die spätere Arbeit einmal abgesehen. Ein paar sehr interessante Vorlesungen unter sehr vielen langweiligen, konnten genossen werden. Wenn’s leicht fällt, brauchts keine Kurskorrektur – für all jene, die nur im heute leben. So einer war ich nie. Deshalb kam er mir zupass.  Der sanfte Rebell. 4 Jahre Penne, 18 Monate Asche, 4 Jahre Studium – alle bisherigen Etappen waren von überschaubarer Dauer. Die, die dann kommt, ist ein Ozean aus abzudienender Zeit!

„Der Blues, der kam heimlich und holt uns heut ein. Wenn es so sein soll, dann soll es so sein!“

An Warnungen hat es zuvor nicht gefehlt. Du bist doch keiner von dieser Art. Du wirst nicht in diese Branche passen. Deine Denke ist nicht die von denen…

„Was soll ich noch sagen? Es geht mir gut?“

Eigentlich durchaus! Die perfekten Jahre 82/83 wollten genossen werden.

1984 deutete sich das fading out an und pünktlich zum Umbruch gab es wiederum Tonsignale von ihm:

„Sonne und Feuer! So lang Tabu! Wir küssen die Nacht nur ich und du!“

Abschied für die Zeit im Paradies Leipzig. Umschwung. Überdruss. Entfremdung. Verbannung.

„Ich war doch für euch nur der treue Husar. Heut leg ich mir andere Träume auf meinen Altar.“ (aus „Ragazzi di Strada“ 1984 von der „Tabu“)

Im Wohnheim wurde ein West-Sampler herumgeborgt, auf dem Satchmo den „treuen Husar“ sang. Manchmal geschehen Dinge parallel, als ob sie von oben geplant worden wären: Da wollte jemand, dass ich diesen Song verstehe.

Zeitchen verging. Mörderlich langes Zeitchen. Immermal wieder tauchte er im Radio auf und prompt umgab mich, wo immer ich gerade war, das Mobiliar des Studentenwohnheims, die enge Medi-Disco, der „Schwarze Jäger“, der „Jörgen Schmidtchen“…

Nicht nur er, der alte Wolf, wurd‘ langsam grau.

Sondern auch ich komm immer seltner aus dem Bau…

Die alten Knochen tun ihm weh. Statt Bourbon trinkt er Grünen Tee.

Das ist nun auch schon eine Weile her.

Nun, da „die letzten Kurven“ näher rücken, kommt er nochmal stärker denn je zurück.

Diesmal schlagen die Songzeilen NOCH präziser ins Hirn als einst beim treuen Husar:

aus der zeit gefallenÜber 50 musste ich werden, damit ich die Story von Bob Seger‘s„Mainstreet“ komplett verstehe. Ich scheine da was gemeinsam zu haben mit meinem musikalischen Begleiter, denn ihm gelang -erst jetzt- ein Antwortsong auf die dort beschriebene Situation. Zu spät, um noch Hit werden zu können. Unsere Epoche ist um. Rory, Johnny Winter und J.J.Cale sind tot, Johnny Cash und Bowie ebenfalls. Clapton und Collins fast. Lindenberg peinlich. Mey verstummt. Bob Seger macht noch Musik, ohne in Europa wahrgenommen zu werden.

Und seine angehimmelte Table-Dancerin von einst ist immer bei den falschen Typen gelandet, weil die beständigen zu schüchtern waren, sie anzusprechen. Während manch kleiner Held seinen ersten Schwarm ungeküsst nach Hause brachte, irgendwo da draußen, „down on mainstreet“. Lang, lang ist’s her.

„Nur wer hier zurückbleibt, ist allein. Der Rock&Roll ruft seine Kinder heim.“

Danke, Stefan!

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Emanzipatorischer Monolog

Der 9. März ist für diesen Blog ein besonderes Datum. Heute vor 4 Jahren wurde er aus der Taufe gehoben. Dieses Jahr nun fällt er in eine besondere Zeit:

In den letzten Tagen hat sich da so einiges angestaut.

Darf man in Zeiten galoppierender Stutenbissigkeit, queerer Raserei, sowie gegenderter Humor- bzw. Fantasie-Inquisition im jungen 21. Jahrhundert, in dem die Demokratie sich plötzlich blitzgealtert gibt, eigentlich als „böser, alter, weißer Mann“ noch über blöde Weiber schreiben?

Okay, okay; ich lynch mich gleich selber. (Aber erst schreib ich das hier als Vermächtnis noch fertig.)

Der westdeutsche Feminismus bringt immer kuriosere Blüten hervor und findet sich gut.

Wir alten Säcke hier im Osten sind emanzipierte Frauen längst gewohnt. Hausfrauenschicksale rangieren für uns kurz vor Marsmensch. Die Ungleichbezahlung berufstätiger Frauen bedauern wir, auch weil wir es einst anders kannten! Deshalb sind uns all diese westdeutschen Nebenkriegsschauplatz-Verhedderungen, von erwünschter Quotenverbossung bei gleichzeitiger Akzeptanz mittelalterlichen Verschleierungsrollbacks geradezu lächerlich peinlich. Gut möglich, dass das bald nicht mehr nur Konvertitinnen betrifft.

Ich sammle schon mal Zuckertüten, falls der Adelaide-von-Möhrenfeld-Look wieder „in“ werden sollte.

Dann wäre da noch das „Thema Doppelname“:

Und hier kommt nun der Karneval ins Spiel. Der hatte es in diesem Jahr besonders schwer. Nicht Salafisten waren die Gefahr, sondern in erster Linie — emanzipatorischer Fanatismus aus dem Lager der anderen Hälfte der Bevölkerung. Beistand fanden sie bei (mehr oder weniger männlichen) no-name-Hinterbänklern der Parlamente, die die Chance wittern, trotz jahrelang praktizierter Fraktionsdisziplin, also Tarnkappenverhalten, EINMAL Schlagzeilen machen zu können mit — NICHTS.

Eigentlich bin ich bekennender Karneval-Muffel. Ich mag ihn nicht, seit meine Klassenlehrerin mich in der 11. Klasse für den Schul-11er-Rat vorschlug. An einer EOS, die ansonsten gern alles Mögliche verbot, sollte ich mithelfen, dass alle am 11.11. um 11.11 Uhr eine Polonaise durchs Schulhaus starten und „lustig“ sind…

„Helau, alaaf und abgelacht – wird immer wieder gerne auf Befehl gemacht!“ (Joachim Witt)

Da brauchste Galgen-Humor, du!

ABER: Dies‘ Jahr taten mir diese rheinländischen Karnevalisten plötzlich richtig leid:

  1. Steltergate! Allein schon der Begriff! In Zeiten, in denen es noch kritischen Journalismus gab, brachte Watergate zwei hochrangige Polit-Strolche zu Fall. Nun aber meint der neuere Begriff die „Abstrafung“ eines harmlosen Büttenwitzlers durch eine sich selbst entlarvende humorlose Rechthaberin. Die Presse jedoch springt ihr bei, um jene verlogene Emanzipationsdiskussion aufrecht erhalten zu helfen, die den Pöbel sich nu wieder zerfleischen lässt, während dahinter in überkommenen Wirtschaftsstrukturen alles beim Alten bleiben kann: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit kommt so keinen Schritt weiter.
  2. Der Toilettenwitz der Weltgeschichte: Frau AKK wagt sich ein Bonmot über Berlin und Sitzpinkler, worauf kurioserweise nicht diese selbst, sondern die Grünen und der Schwulen-und Lesbenverein getroffen aufjaulen, weil deren Fetisch, die dritte Toilettentür, im Gag involviert war. Ähnlich wie beim Steltergate schaltet die Presse sofort auf Sturm! Alle Volkserzieher und Prinzipienreiter treten an und liefern ein weiteres Glanzstück in Sachen ideological fanatism. Komisch, dass der Begriff von der „Links-grün-Versifftheit“ so sehr Karriere macht! Erstaunlicherweise geht die Sache diesmal nach hinten los. Frau AKK, die Kalaschnikow der CDU, knickt nicht wie erwartet ein, sondern schießt zurück – und trifft! „Verkrampftestes Volk der Welt“.Yepp! Gesundes Urteilsvermögen! What comes next?!

    der Baum der Zeit

    Der Zeitgeistbaum

  3. Die Kita-Verordnung von Hamburg-Ottensen. Da rebellierte der kleine Dakota in mir dann doch nochmal richtig heftig! Gott sei Dank wohn ich da nicht! Immerhin gab es diesmal sogar Presseschelte aus allen Lagern. Von links bis rechts. Beruhigt hat mich die Mitte.

Noch! Wer weiß, wie lange. Denn auch hier gilt: What comes next? Leider.

Derweil hat derartiges in Ostdeutschland (abgesehen von Berlin) gottlob NOCH keine Chance. Es gibt Momente, da freut man sich, weiter Ossi sein zu können und Hobby-Dakota: Der-mit-dem-Gojko-tanzt-aber-wie-der-Hanjo-heißt.

Also: What comes next?

Das 5. Jahr Toka-ihto-tales! Hough!

Fehler im System V

oder: Die Prinzip-Saga

„Prinzip find ich aus Prinzip schon scheiße.“ Ich weiß nicht, wie oft ich mir diesen Satz schon erzählen lassen musste. Erfunden haben soll ihn, der Legende nach, Stefan Diestelmann, der große dicke Märchenonkel des ostdeutschen Blues.

Es gab faktisch niemanden, der sich dazu bekannte, Prinzip zu mögen. Sie schienen keine Fans zu haben. Aber das kennt man ja:

„Zu McDonald? Da geht man nicht hin!“

„Dallas? Denver Clan? Das guckt man nicht!“

Oder neuzeitlichere Verleugnungsvarianten:

„Bachelor gucken? – Iiiii!“

„Katzenberger? Geh mir weg!“

Warum machen die nur alle weiter, wenn’s doch niemanden interessiert?

Mit Prinzip war das genauso. Die gab es von 1973 bis zum Ende der Täterätätä. Die hatten 3 LPs, die keinen Staub ansetzten – aber:

„Du willst mich doch verarschen! Du? Du stehst of Brinzip? Echt jetz‘?“

Dank meines pubertären Alleinstellungsmerkmals („Bowie-Fan“ und „Jethro Tull Verächter“) war mir der Geschmack der Meute frühzeitig schon egal.

Christian und ich waren etwa gleichzeitig auf den „Feuerrock“ gestoßen. 1978 war das das härteste, was in der DDR zu kriegen war, als Single. B-Seite „Supernummer“. Oder andersrum. Texte doof, aber Gitarre – GEIL! Wie schon andernorts beschrieben: Looking for Punk – but Punk was rare!

Dann kam „Ende der Nachtschicht“ heraus und wir hatten eben diese im Leuna-Praktikum der 11. Klasse. Das passte wie Faust auf Auge! Die erste LP erschien, aber die kaufte nur Christian.

Zeitchen verging und wir wurden einberufen. Christian an die U-Schule Prora. Ich bekanntermaßen -dichte bei- ins „Regiment nebenan“. Er erlebte Prinzip live und schwärmte. Ein halbes Jahr später kamen sie auch in „mein Objekt“, ins dortige Mannschaftskino und rockten das Haus. Die damalige 4er Besetzung hatte noch keinen Solosänger. Rainer Kirchmann drückte hier noch die Tasten, bevor er zu Pankow wechselte und Jürgen Matkowitz war quasi Sänger und Gitarrist in Personalunion. Er schaffte das aber ansatzweise wie St.Rory im Rockpalast. Er bewegte sich also und verlieh der Show dementsprechenden Dampf; Funken sprangen über und ein paar hundert Wehrpflichtige in Uniform standen im Kinogestühl, erzeugten Dauerapplaus und grölten die Refrains: Booooorn tubiweiheild! Aber auf dem Weg in die Unterkünfte machtense alle wieder brav „Männchen“ vor jedem Sacki-Pickel, der ihnen entgegen kam. Bludgy inclusive. Klar, dass ich bei erster Gelegenheit ihre gerade erschienene 2. LP „der Steher“ kaufte und im Wechsel mit „Eat to the Beat“ von Blondie (aus’m Shop) durchsichtig spielte, wenn ich „auf Urlaub war“, was in der NVA bekanntermaßen selten genug geschah.

DER STEHER

Die Platte wurde in zweierlei Besetzung eingespielt, weil mittendrin der Kirchmann ging und Ralf Bummi Bursy, der ehemalige Regenbogen-Held der 950-Jahr-Feier, den Matkowitz von der Singerei befreite.

Sie enthält kurze knackige Stücke, die zumeist den immerwährenden Ärger mit dem anderen Geschlecht aufarbeiten; die Refrains allzeit mitgröl-kompatibel. Für die Glanzpunkte sorgen „Sonnensage“ und vor allem „Liebesfilm in Farbe“. Der hat diesen Stranglers-Bass und einen sehr guten Text; und haut mit seinem Arrangement ähnlich aus dem Repertoire der Band heraus wie „Golden Brown“ bei den Würgern. Die „Sonnensage“ ist fast schon Prog und somit der größte Kontrast zu den übrigen Abgehnummern. Da Kirchmann auf der A-Seite mit „Vorspiel“ und „Zwischenspiel“ zwei Instrumentals beigesteuert hat, bildet letzteres eine Art Intro für die „Sonnensage“ und steigert somit die pathetische Wirkung. Der Text allerdings schrammt hart an der Peinlichkeit vorbei.

Dann war da noch der „Presslufthammer Conny“. Klar „Presslufthammer B-B-B-Bernhard“ von Torfrock stand Pate, verlor aber seinen pointierten Inhalt gänzlich. Musikalisch gucken dafür The Jam oder gleich die Pistols aus jeder Ritze.

Der eigentliche Gag der Platte allerdings ist das letzte Stück der B-Seite: „Der Abschied des Musikanten“. Ein seltsamer Singsang. Mehr gesprochen als gesungen. Von einem Bandmitglied, das sonst nicht singt. An irgendetwas erinnerte mich dieser Song von Anfang an. Es musste irgendwo in der Rockgeschichte ein Vorbild geben, das mal im Radio gelaufen war! Aber ich kam nicht drauf. Viele Jahre nicht. Dann fiel die Mauer, die Zeit der Nachholkäufe begann. Eines Tages kam ich mit Kiss’ns „Destroyer“ heim, („Detroit Rock City“ ist ein MUSS!) legte sie auf und da – auch am Ende von Seite zwei: Beth! Gesungen vom Drummer. Haben es diese Burschen doch tatsächlich geschafft, noch mitten in der Mauerzeit, eine Kiss-Spur zu legen! Auf erlaubtem Vinyl von AMIGA! Die bösen Kiss! Noch heute beim Niederschreiben muss ich grinsen, wenn ich mir vorstelle, wie die Band mit todernsten Gesichtern all den alten Genehmigungsautoritäten ihr LP-Konzept vorlegte.

gods of thunder

gods of thunder

Während der Studienzeit erlebte ich sie:

  • Live at the Kindertheater (glaub ich) (’81)
  • Live at the „Jörgen Schmidtchen“ (82 oder 83)
  • Live at the Messehalle 2, heading „Pop-Messe‘82“
  • Live at the Messehalle 2 „Pop-Messe‘83“, Vorgruppe von OMEGA! (letztmalig in GDR!)

Die Bude immer voll, aber:

Prinzip? Nä! Die darf man doch nicht mögen!

Woher kam das?

DIE BANDGESCHICHTE

Prinzip waren ein live-Phänomen, intensiv rockend, pure Energie! Aber eben always eher Hardrock/Prä-Metal und dafür gab es lange keine feste Szene. Als in den 80ern dann eine entstanden war, galten sie den „Metalheads“ wegen ihrer Herkunft aus den frühen 70ern schon fast als „Staatsrocker“, denn die hatten ja LPs! Pfui! Sowas wurde ja nur durch Anbiederung möglich! Die fuhren dann nach eigener Auskunft eher auf Fomel 1 (die DDR-Iron Maiden), MCB (DDR-Motörhead), Hardholz oder MacBeth ab. Führten ihre von der Oma aus dem Westen mitgebrachten Stachelgürtel und Motorradjacken aber ebenso gerne zu Prinzip-Konzerten aus.

Matkowitz wollte rocken, auf Teufel komm raus. Jedes Mittel war ihm recht. Als Jungspund war er um 1971/72 herum eingesprungen, als ein gewisser Cäsar von Renft zur Armee musste. Als der wiederkam, musste Matko wieder weg, fand Unterschlupf bei der Uwe-Schikora-Combo, die sich aber urplötzlich zur Frank-Schöbel-Begleitband wandelte: Schlagerscheiß. Also Ausstieg auch da und in Triobesetzung „Prinzip“ gründen. Denn sie wollten rocken aus Prinzip. Wie wird man bekannt? Man muss ins Radio! Wie kommt man dahin? Man braucht einen oder mehrere Texte von diesen genehmigten Berufstextern, damit man keinen Ärger mit der Zensur bekommt: Her mit solchen Texten – aber die waren teuer. Also nahm man’s, wie’s kam. „7 Meter Seidenband“ und ähnliches Zeug. Das hatten Demmler und Co sicher nochmal aus dem Papierkorb gefischt, um es dieser jungen unbedarften Truppe da anzudrehen. Und so sollte es jahrelang bleiben.

Immerhin erlangte die Republik so Kenntnis davon, dass es dieses Trio gab – und wenn sonst nichts los ist auf dem „Pressefest“ oder im „Klubhaus“ – vielleicht kommen ja wenigstens Prinzip vorbei. Die spielen dann geil nach: Steppenwolf, Rainbow, AC/DC und ihren eigenen Kram…

Zum Ende der 70er wurden die Texte besser, nicht immer, aber immer öfter. „Feuerrock“ und „Supernummer“ sind lyrisch betrachtet noch zum Fremdschämen, aber „Ende der Nachtschicht“ greift schon echtes Alltagsleben treffend auf und passt zu „Paule Panke“ und ähnlichen zeitgleichen Erscheinungen. „Weit ist die Straße“ hat sogar eine Spur „Wolfsmond“ intus. Moped cruising von Giekau nach Boblas sozusagen. „Deutschlandtournee“.

Und ich kann bestätigen: Müde wirkten die nie! Was durchaus ein Phänomen ist, denn um die 200-250 Konzerte pro Jahr waren normal! Da könnte es schon passieren, dass einem das eigene Repertoire zum Halse raushängt! Aber manche Berufsmusiker haben eben Hornhaut auf den Trommelfellen. DDR-Bands fuhren die sogenannte „Rundbespielung“: Die einen im Uhrzeigersinn durch die „Rock&Roll-Höhlen“ der Bezirke und die anderen entgegengesetzt.

„This Land is your Land, this land is my land; from Iron-Mountains to Rugen-Island…“ (geklaut aus dem Film „Sonnenallee“)

DAS ERLEBNIS

Leipzig begann ’82 sich „Pop-Messen“, eigentliche „Rock Festivals“ zu leisten. Aber „Rock“ war ein verpönter Begriff des Klassenfeindes, deshalb musste der irreführende Name „Pop-Messe“ geboren werden.

  1. Act: Pankow
  2. Act: Prinzip;
  3. Act: Hansi-Biebl-Band.

Der eigentliche Headliner wäre also Biebl gewesen, jedoch arrogant-misantropisch wie immer, mit Auftrittsverzögerung und keinerlei Publikumskommunikation, brachte der nur sein Minimalpensum zu Gehör. Machte aber nichts, denn vorher geschah folgendes:

Pankow, damals Sensationstrupp mit „Paule Panke Programm“, eröffneten. Das Volk ging mit. Wir 3 hatten Vorlauf. Weil wir das Stück bereits kannten, konnten wir die Refrains immer ein Sekündchen früher anstimmen, bzw. gleich beim ersten „Pause-Pause! Paul trinkt seine Brause“ losgrölen. Gleich nach „Komm aus’m Arsch“ verkündeten sie: Wir verabschieden uns mit dem hier: Und es erklang noch „Komm Karlineken komm…“ Kaum war der Schlussakkord verhallt – und noch bevor irgendjemand die Chance gehabt hätte, „Zu-ga-be!“ anzustimmen – klangs „Wruuuuuummmmm!“ von der anderen Bühne —- Prinzip fingen schon mal einfach an, obwohl vor DER Bühne noch gar keiner stand! Also switschte der ganze Pankow-Publikums-Pulk rüber und – ab dafür. Welcher Song war’s? War’s „Easy livin‘“? Wars „Born to be wild“? Oder wars ihr eigener „Presslufthammer Conny“? Würde gut zu „Paule Panke“ passen – aber: Verdammt! Ich weiß es nicht mehr! Weil jeder nur ne Stunde ca. spielen sollte und um pünktlich 22:00 Uhr die Chose vorbei zu sein hatte, ließen Prinzip die Pausen zwischen den Stücken weg. Die Drängelei wurde immer enger; so eng, dass du nicht mehr fallen konntest und alles sprang im Takt. Wo waren meine Begleiter abgeblieben? Schräg hinter mir Jens. Die Masse drückt ihn mir an die Schulter, er brüllt mir ins Ohr: „Springst du noch selber?!“ „Nö!“ Wie eine Dampframme aus Knochen, Fleisch und Schweiß hob es uns an – what goes up must come down – und vor und zurück sowieso. Nach einer Stunde: „Tschüß Leipziiiiiig!“ Und plötzlich – Ruhe! Wie im Bunker vor Verdun. Trommelfeuer aus! Still! Geht’s auf der Pankow-Bühne gleich mit Biebl weiter?

— Nö. Umbaupause wie im Rockpalast. NOCH nicht fertig. Roadies checken und checken: „Eins-Zwo…(Klopf…klopf) …Eins-Zwo….“ Es dauert – und dauert. –

Die „Dampframme“ hat sich inzwischen aufgelöst. Die einen warten vor der Soundcheckbühne auf ihren Blues-Gott. Die andern brauchen Getränke oder machen sich schon auf den Heimweg.

Während Bernd geduldig unter den Blues-Jüngern wartet, hock ich weit hinten in der Halle auf so einer Art Bordsteinkante, abwechselnd das eine – dann das andere Ohr testend, bis Jens mit Bier zurückkehrt.

Ich: „Und?“

Er: „Abgefahrn! So enge war’s noch nie!“

Ich: „Gehst du noch vor zu Biebl?“

Er: „Den hörmer och von hier.“

Während zwei Hände voll Fleischerhemden noch eine gute halbe Biebl-Stunde feierten, genießen wir beide also unbedrängt unsern Plastebecher Sternburg und warten ab. Unser Oberblueser flippt noch vorne bei Biebl mit. Auf dem Heimweg ist der aber kein Thema, sondern die „Dampframme“ vor Bühne zwei.

Soviel zu Prinzip anfang der 80er: hot – wild – and dangerious!

 

Fehler im System IV

oder Pankow-Saga IV (Ende)

 

„Ich bin rumgerannt, einfach rumgerannt, zu viel rumgerannt und es ist doch nichts passiert!“

Die letzte Vorwende-LP von Pankow „Aufruhr in den Augen“ lag anfang 89 in den Läden. Ein Vierteljahr zuvor war mit „I.L.D.“ von Rockhaus, die letzte große Ostrocküberraschung, passiert. Niemand hatte ernsthaft mehr mit Rockhaus gerechnet. Die hatten 1983 ein typisches NDW-Debut erlaubt bekommen: „Bonbons und Schokolade“; das war Prima Klima oder UKW auf DDRisch. Dann wurden sie geschlossen zur NVA einberufen, aber bekamen zuvor 1984 schnelle-mache-fix ein zweites Album, nun mit Rap-Anleihen, bissl schielen nach Spandau Ballet und späten Stones genehmigt und verschwanden von der Bildfläche.

le choc

le choc

„I.L.D.“ war ein deftig-dreckiges „Die Zensur schläft“- Straßenköteralbum. Noch ahnte niemand den kommenden Hype um Guns’n’Roses, da waren Rockhaus was Outfit und Attitude betraf schon auf eben diesem Level!

„Betty ist eine schöne Frau. Dass nicht nur ich sie liebe, weiß ich ganz genau, und doch: Es geht in Ornung!“

„100 000 Weiber! Das macht Spaß!“

„Mit 12 hab ich im Stadtpark – Bänke angesägt! Habe Autos aufgebrochen und mich mit Bull’n angelegt. (…) Meine Eltern bangen um ihren hohen Job – was für ein Skandaaaaaal….“

„Bleib cool bleib cool! Und fall nicht vom Stuhl! Lehn dich zurück und genieß dein Glück!“

„Immer wieder bis du mich holst! Immer wieder bis du mich holst! Wir machen ein Geschäft mit deiner Seele!“

Gemessen daran war Pankows „Aufruhr in den Augen“ höchstens noch lauwarmer Durchschnitt.

Textlich hatten Silly Pankow längst entthront; nun ging auch noch das Stones-Flair auf Rockhaus über.

Pankows letzter Clou war die Tournee mit der Big Band der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland durch eben dieses. Naja, die östliche Hälfte. Anfang’89. Ausgerechnet jetzt! Im November zuvor war der „Sputnik“ verboten worden. Die „Alten Männer“ von Wandlitz ruderten auf Abstand vom ungeliebten Kreml-Mutterschiff. Sie ahnten den Sog bevorstehenden Untergangs. Ach, könnte man doch nur -in dieser peinlichen Gorbatschow-Zeit- jenen alten 50er Jahre-Spruch „Von der Sowjetunion lernen – heißt siegen lernen!“ vergessen machen! Auf ausgerechnet den berief sich nun plötzlich alles, was vor ’85 nicht ums Verrecken mit Russen hätte zu tun haben wollen!

Nun rissen sich alle um russische Veröffentlichungen. Die Nachfrage nach dem „Sputnik“ war explodiert, seit dort Artikel zu lesen waren, wie „Die Wahrheit über Katyn“ oder die „geheime Seite des Hitler-Stalin-Paktes“; lauter „verbotenes“ Wissen, das vor 1985 den Tatbestand der „Antisowjethetze“ erfüllt hätte. In Moskau war die Zensur im Schwinden. Ostberlin in Zugzwang geraten. Als gar die „Rolle Wilhelm Piecks bei den stalinistischen Säuberungen im Hotel Lux von 1937“ thematisiert wurde, war’s aus. Das nunmehrige Dissidentenblatt wurde „von der Liste zu importierender Zeitschriften gestrichen“. Ab da lief der Countdown: Noch 12 Monate bis zum Mauerfall! Heute weiß niemand mehr mit dem Namen Wilhelm Pieck etwas anzufangen.

aufruhr

aufruhr

Zehn Songs bieten Pankow auf „Aufruhr in den Augen“. Drei starke, zwei halbe und fünf verzichtbare.

Die Platte beginnt mit dem zuvor bereits gesendeten Titelsong: Der geht zwar stramm-, aber bemüht los. Man hatte sich vom Westen die Mode abgesehen, ob notwendig oder nicht, Promiunterstützung dazu zunehmen: Bläsersektion, Backing-Choir inclusive der damals zurecht sehr gelobten Ines Paulke, und Slide-Guitar by Heiner Witte von Engerling. Lockere Flockigkeit kommt so aber nicht zustande!

Der Aufruhr-Song geht als „gut“ in Ordnung, danach folgt die erste Graupe in Gestalt eines (Anti-)NVA-Songs namens „Einsam“; ein NVA-Soldat nimmt hier „fuck yourself“ ein bissl zu wörtlich…

Bloß gut, dass gleich darauf mit „Langeweile“ der beste Song des Albums folgt.

»Dasselbe Land zu lange gesehn‘ / dieselbe Sprache zu lange gehört.
zu lange gewartet, zu lange gehofft / zu lange die alten Männer verehrt.“

Wobei die „Alten Männer“ vom Silly-Texter Werner Karma erfunden wurden für deren LP „Liebeswalzer“:

„Die alten Männer tanzen nicht mehr, mit müden Augen sehen sie her…“

Mit „Straßenlärm“ und „Marilyn“ folgen dann sechs Minuten Unerheblichkeit. Der eine hätte von jeder anderen Truppe stammen können und Marilyn ist nur ein „Doris“-Aufguss von der LP zuvor, der dem dortigen Text nichts mehr draufsetzen kann

Mit „gib mir’n Zeichen“ wird die sich bereits breitmachende Enttäuschung wieder etwas aufgefangen: Zwar ist es ein weiterer Ermutigungssong, wie im Ostrock bereits zahlreich vertreten, man denke nur an „Ermutigung“ von Renft, „Halte durch“ von Karussell, „Raus aus der Spur“ und „Großer Träumer“ von Silly, aber immerhin ein guter.

Dumm nur, dass man die bessere Hälfte der Platte damit schon hinter sich hat. Die B-Seite geht mit „Ich bin ich“ ähnlich los wie die A-Seite mit „Aufruhr“; dann folgen wiederum zwei Aussetzer, bevor es mit „Ich bin bei dir“ leiser und textlich besser wird; das abschließende „wieder auf der Straße“ ist ein Rohrkrepierer: Angelehnt an den frühen Marius Müller Westernhagen und Keks, die 1985 verbotene erste offizielle Punk Band. Bei denen hieß es:

Im Kreiskulturhaus ist heut viehisch was los, da spielt seitm Jahr ne Band

Ansonsten läuft hier nur Konservenmusik und Disco-Publikum. Die sind ganz chic!

Wir lassen uns nicht schocken! Wir wolln rollen und rocken!

Zuschnäääälll kriegt man uns nicht klein!

Wir hauen weiter in die Vollen rrrrein!

 

Und nun bei Pankow deutlich müder:

Diese Rock&Roll Höhle heißt Kulturhaus (…)

Auf dem Plakat steht – keine Stars.
Doch fünf nach sieben geht im Saal das Licht aus.
Und das Kribbeln im Bauch heißt
jetzt geht `s los.

Nee, die Platte war kein großer Wurf. Rockt zwar gut ab, aber fünfmal weghören auf ner Pankow LP? Das hatte es zuvor nicht gegeben!

Ich sah die Band zum zehnten und letzten Mal live im Sommer’89; open air am Haus Auensee in Leipzig. Am Bass Ingo Giese, ehemals Rockhaus, der Ersatzmann für Resniczek, der nun bei Silly zupfte. Herzberg widmete „Ich bin bei dir“ all denen „die hier noch was verändern wollen; ansonsten verabschieden wir uns von immer mehr Freunden, die ihr Leben heute genießen wollen und nicht in tausend Jahr’n erst, wenn die bessern Zeiten losgeh’n; und die dann plötzlich woanders wohnen, wo man so schnell nicht hinkommt.“ Also eigentlich an Frank Hille.

Sie tourten, sie inizierten die Resolution der Unterhaltungskünstler, die den Gorby-Kurs einforderte, als erstes Blut geflossen war, weil der Staat anlässlich seines 40. Geburtstages meinte, noch einmal die alten Methoden „gegen Rowdys“ anwenden zu können. Flux unterschrieben von allem was Rang und Namen hatte auf den Ostrockbühnen des Ländchens. Rückzieher wie weiland bei der Biermann-Resolution von Manfred Krug 1976 gab es’89 keine mehr. Als letzte Nationalpreise der DDR vergeben wurden, schämten sich die Prämierten. Gerhard Schöne stiftete das Preisgeld den Opfern der Auseinandersetzungen des 7.Oktobers am Palast der Republik. Der Staat knickte ein. Der 4.November wurde möglich. Eine Massen-Demo der Unzufriedenen auf dem Alex. Von Wiedervereinigung war noch nicht die Rede. Fünf Tage noch…

Als die Mauer fiel verabschiedete sich Andre Herzberg in eine Solokarriere, die ihn vorübergehend untergehen ließ. Als zweiter ging Giese. Vielversprechend zu den Sisters of Mercy, dann nach Amerika. Aber auch er wurde kein Weltstar, sondern schließlich Bassist der Ulla Meinecke Band. Als dritter ging Kirchmann. Ehle fand jedes Mal Ersatz. Zwei LPs erschienen in Übergangsbesetzung. Weder gut noch schlecht. Die Konstante war die Keith Richard Guitar in Ehles Händen. Die Texte waren der Schwachpunkt. Bemüht oder banal, sie fanden den Stachel nicht mehr, gegen den es zu locken lohnt. Mit der Zensur war auch der Gegner abhandengekommen. Ausnahmen bestätigen die Regel, wie dieser seeeeehr gute Song von der CD „Viererpack“ beweist:

Und du wärst gar nicht da (klick it!)

Wie alle Ost-Bands mussten sie das lange Nachfrageloch der frühen 90er überstehen. Treulos entsorgten viele, viele Merkenichtse ihre Amiga-Vergangenheit in Kartons am Straßenrand:

„Von nun an nur noch Schdons un’Udooo!“

So das übliche Gossengeplärr. Kuriose und tragische Geschichten über Schlagerfuzzies und Rockstars mehrten sich via „Riverboat“ und „Super-Illu“: Keine Einkünfte, keine Tantiemennachzahlungen aus alten Amiga-Umsätzen, kein Airplay in den Ost-Sendern – da verzweifelte so mancher, während seine Frau eine Imbiss-Bude eröffnete, in der er mit aushalf; oder eine Strip-Schule, weil auch all die jungen arbeitslosen Näherinnen der Textilkombinate eine neue Existenz suchten. „Fensterputzer stürzt sich aus dem 10 Stock!“ Das der vormals Sänger in „Klock 8, achtern Strom“ gewesen ist, erfährt man erst weiter hinten im Artikel. Bimbo Rasym, der Stanley Clarke der DDR, verkaufte Autoputzmittel auf der Straße, als er den Puhdy-Job angeboten bekam. Dass der dafür viel zu gut ist, hört man auf der „Stundenschlag“ LP von Stern Meissen (1983). Aber vermutlich verdient er seither besser.

Bei Pankow zerfleischten sich derweil Herzberg und Ehle medial, weil Herzberg seine Stasi-Akte gelesen hatte… das heißt: Ehle schwieg; Herzberg lamentierte herum… dann Funkstille… jahrelang… dann Versöhnung. Denn wie zu erwarten war, musste Herzberg zugeben, dass Ehle zwar mit „der Firma“ über ihn gesprochen hatte, jedoch ohne ihn in die Pfanne zu haun. Es waren eher Rettungsaktionen a la „Der meint das nicht so. Der ist nur ungeduldig, der ist doch einer von uns!“

Es war zuvor schon ein offenes Geheimnis, dass jede Band, die ins NSW gelassen wurde, einen IM haben musste! Als das große Verblüffungsgesinge losging, so um 1992 herum, lösten die Puhdys das Problem am elegantesten: Sie gaben der Super-Illu ein Interview, indem zugegeben wurde, dass Peter Meyer derjenige war, der mit der Stasi sprach, dass aber alle intern davon wussten und ihm vertrauten, da sie anders nicht auf Westtournee gekommen wären. Also keine schmutzige Wäsche zu waschen — und aus. Da wünschte ich, Pankow wären die Puhdys!

So rauften sie sich Anfang der Nullerjahre erst wieder zusammen und versuchten es nochmal mit dem Plattenmachen in beinahe Originalbesetzung. Aber zunächst ohne allzu große Lust: „Nur aus Spaß“ klingt wie sie heißt. Unausgegoren. Nicht ernst gemeint.

Das bisher letzte Lebenszeichen „Neuer Tag in Pankow“ kommt deutlich besser rüber. Ein melancholischer Soundtrack zum Altwerden.

Ich wachte auf und war ein alter Mann!
und ich sah—- die Gefahr!
Ich war allein! Das war nicht neu!
Doch ich wusste von nun an wird’s für immer sein! Das war mir neu!

Fehler im System III

oder: Pankow-Saga III

Steh ich vorm Schreibtisch sagt da einer zu mia: Eure Pankow-Musik passt überhaupt nicht hier her! Muss es denn immer so was Böses sein? Fällt euch denn nich’mal was Netteres ein? (…)

Ich sag! Ich sag!

Babe, Babe! Sei bitte still; achte mal drauf, was ich dir sagen will:

Das Zauberwort heißt Rock&Roll! Vom Blablabla hab ich die Schnauze voll!“  (Pankow 1986)

Bäm!

Zeitlos. Ist es noch immer so – oder schon wieder?!

Vielleicht liegts am bevorstehenden 30. Jubiläum in diesem Herbst; vielleicht an der Vielzahl Deja vus, die mich heimsuchen, dass ich derzeit so bei Pankow hängen bleibe: Will the circle be unbroken? Ich spüre die gleiche Lethargie der Verhältnisse wie 86/87; möchte laufend auffahren: Das stimmt doch nicht! Und das auch nicht! Was schreiben die da? Was erzählen die da? In wessen Auftrag? … und sehe dann immer so (auf verständnisvoll geschaltete) Bonzengesichter, schräg über mir; spüre ihren Griff an meine Schulter und höre ihre freundliche Mahnung:

„Es ist schon so, wie Sie sagen. Aber lassen Sie mal. Darum kümmern sich berufenere Kader als Sie. Beschränken Sie sich auf Ihren Wirkungsbereich. Helfen Sie so der guten Sache zum Sieg. Wir haben doch seit 1949 so viel erreicht, oder?“

„Mein Wirkungsbereich? Ja aber auch da stinkts doch an allen Ecken zum Himmel! Zum Beispiel…“

Nun wird der väterliche Blick des Allesverstehers kälter, der Griff fester:

„So? Kollege! Da muss ich mich doch sehr wundern! Das will ich mal nicht gehört haben!“

Ich erwache. Stehe auf. Und geh zur Arbeit.

keine stars

keine stars

Zeitsprung: Mitte 1986 lag die dritte LP in den Läden. „Keine Stars“ verblüffte allein schon mit dem Coverfoto: Hille ist weg und dafür dieser „Jemand“ mit dem Schnäuzer. Dohanetz heißt der. Wo ist der Hille hin? 1986 fiel die Antwort nicht schwer: Im Westen! Wenn öffentlich vorab in keiner Radiosendung was zu solchen Umbesetzungsgeschichten gesagt wurde, dann konnte das nur heißen: Ausreiseantrag oder „Drühm jebliehm“ nach ner Tournee. Letzteres traf zu.

Pankow hatten zuvor ihre erste West-Tour genehmigt bekommen: Ehle und Hille waren schon als Mitglieder der Vroni-Fischer-Band im Westen gewesen, also bereits „bestätigte NSW-Reisekader“, aber die beiden „Jungspunde“ Kirchmann und Herzberg, die waren die nicht erprobten Westreisenden.

Seit die Puhdys im Klassenfeindgebiet anfingen „abzuräumen“, seit Karat diese Überraschungserfolgsserie einfuhren mit dem Maffay-Ansinnen die „7 Brücken“ zu covern und dann noch ner Goldenen Schallplatte für den „Blauen Planeten“ waren die Devisenbeschaffer auf den Trichter gekommen: Fahren lassen, 90% der Gagen abnehmen; lohnt sich für beide Seiten. Personalverluste mussten halt verschmerzt werden. Solange nicht komplette Bands „abhauten“, schienen die Schlagzeilen beherrschbar.

Und es erfasste wirklich alle:

Uwe Schikora, der Bandleader der Schöbel-Band war weg,

Vroni Fischer war weg,

Holger Biege war weg,

Neumi vom gleichnamigen Rockzirkus ebenfalls,

Regine Dobberschütz, die Stimme von „Solo Sunny“,

Biebl hatte man die Ausreise genehmigt.

Karussell hatten 2 Bandmitglieder per Westtournee verloren,

Ute Freudenberg & Elefant nur eins, und zwar die Ute selbst.

Es läpperte sich…. Aber den Oberen war es seltsam egal. Immer mehr Bands und Schlagerfuzzis bekamen die Erlaubnis zur musikalischen Devisenbeschaffung.

Vor Pankows Tour wurde der „Ensemble-Chef“ Ehle mit Sicherheit verwarnt, dass er jaaaa auf diesen unzuverlässig-provokanten Herzberg aufzupassen habe, dass der keine DDR-herabwürdigenden Ansagen macht und vor allem wieder mit nach Hause kommt. Und der andere da an den Tasten ist ein seltsam unbeschriebenes Blatt und „stille Wasser sind tief….“ und eventuell auch plötzlich weg, also Obacht auf die beiden! Beim Heimreisetreff am Tour-Bus in Westdeutschland nach individueller Einkaufstour waren beide zur Stelle, nur der „Reisekader Hille“ fehlte.

Der war zu seiner Mutter nach Westberlin gereist und hatte beschlossen zu bleiben. Die Band handhabte den Vorfall anders, als ihre Vorgänger. Sie überschritten gemeinsam die Aufenthaltsgenehmigung und reisten nach Westberlin, um ihren Trommler umzustimmen. Vergebens. Sie mussten ohne ihn heim. Ärger. Aussprachen. Sperre bis auf weiteres für weitere Touren ins NSW. Was sollte nun aus der halbfertigen Platte werden, die in ihrer Abwesenheit die Zensurinstanzen durchlaufen hatte. Keine Ahnung, ob die Schlagzeugparts neuaufgenommen werden mussten, oder ob dies nur behauptet wurde – Hilles Tantiemen-Anteile mussten ja irgendwie vermieden werden, andernfalls wären sie in „West“ nach „drüben“ zu überweisen gewesen.

Jedenfalls drang nichts von dieser Querele an die Öffentlichkeit, sondern wurde erst nachwendlich in Interviews enthüllt.

Das Flucht-Phänomen der DDR-Künstler, vor allem der Musiker, ist das, dass sie alle keine abwägenden Philosophen waren, die zur sachlichen Einschätzung ihrer Möglichkeiten im Westen in der Lage gewesen wären. Von Frank Hille kursiert heute das Bonmot im Netz: „DDR-Stars gehen im Osten auf und im Westen unter“. Man weiß nur nicht, wann er zu dieser Weisheit gelangte. Vor- oder nach seinem Absprung. Dass soviele gingen, zeigte den Grad an Verdruss über die Verhältnisse:

„Ja um die Texte gab es dauernd Gezanke“, geben zahlreiche Ostrocker ihre Erfahrungen heute preis, ohne näher auszuführen, um welche Stellen konkret es ging. Sie wissen keine mehr oder wollen sich nicht erinnern. Für sie war das ein lästiger Nebenkriegsschauplatz. Sie wollten rocken und „ran an die Mädchen“. Was die Berufslyriker ihren Sängern da in den Mund legten, war dem bandeigenen Basser oder Drummer sowas von wurschd, aber die Vorladungen aller, die bandinternen Palaver zum Thema „Text ändern oder Song weglassen“ blieben lästiger Alltag. Selbst bei Renft und Silly waren es immer nur 2 oder 3 von 6 Bandmitgliedern, die hinter der Botschaft standen.

Das war bei Pankow anders. Die Band machte am ehesten den Eindruck einer funktionierenden Familie, wie auch jener Überredungsversuch im Fall Hille bewies. Die LP überrascht mit einem Feuerwerk an Spitzen. Gut, Pankow eben. Da erwartet man kein Allerlei. Aber ihr Erstling „Kille kille“ klang damals zwar im Sound sehr extrabreit-westlich, textlich jedoch braver als die beiden Rockspektakel „Paule Panke“ und „Hans im Glück“. Nun wiederum Einzelsongs, von denen der Rundfunk zuvor nur „wetten du willst“ und „Isolde“ bekannt gemacht hatte. Für beide gab es auch eine Art von Video im Fernsehen, wobei besonders „Isolde“ durch so ein nachgemachtes „Stray Cats“ Feeling bestach: Nacht, Nebenstraße, Mülltonne, Ehle mit Gitarre auf dem Bordstein, Herzberg kommt vorbei ….

„Endlich ein Telefon das — funktioniert. Ich steckn Groschen rein, mal sehn, was passiert….“

Wie jeder weiß, der alt genug ist, sich an Telefonzellen zu erinnern: Meistens waren die Apparate kaputt. Im Osten musste man mindestens 20 Pfennig zum Starten einwerfen. Aber gang und gäbe war (bei jungen Leuten): Einen Groschen rein. Faustschlag von oben auf den Kasten. Überraschen lassen: Entweder die Verbindung gelingt oder der Eisenklunker rattert kurz auf und lässt unten Münzen rausfallen, die du oben wieder einfüllen kannst, um für lau zu telefonieren. Und nu singen die da diese bekannte kleinkriminelle Andeutung schon seit einiger Zeit im Rundfunk und Adlershof spendiert auch noch nächtliche Videokulisse!

„Wetten du willst“ ist dagegen eher unauffällig. „Ich fass dich auch da an, wenn du willst.“ Naja. Inge Pawelzik (light) sozusagen. In Sachen Sex kommt es auf der Platte mit „Doris“ wesentlich konkreter:

„Meine sollte blond sein und große Brüste haben und sollte mich trotzdem verstehn….“

„Doriiiis! Ich hatte es noch nie gemacht! Du hast es mir – beigebracht!“

Aber der eigentliche Wert der Platte erschließt sich durch die Dreifaltigkeit „Lied vom Anderssein“; „Nebel“ und „Trübsal“ – exakt das Twen-Lebensgefühl 25+; von all den jungen Besen, die im Berufsleben angekommen waren, kehren wollten, aber nicht gelassen wurden. Was haste dir nicht alles erzählen lassen über den gesetzmäßig siegenden Sozialismus – und nun? Haste geglaubt, die Welt hat ausgerechnet auf dich gewartet? Träumer du! Dich umgab lähmendes „weiter so“ – „das haben wir bisher so gemacht“ – „das bleibt so“… Und irgendwann machste halt mit. Ankunft im Leben.

„Die Jungen wollen fliegen und machen dabei Wind, da stören sie die Alten, die schon gelandet sind.“ (Ed Stuhler/Arno Schmidt 1988)

Gorbatschow-Reden im „Neuen Deutschland“ wurden gelesen, seziert, zur provokanten Argumentation genutzt … und verpufften.

„Wir blasen, wir blasen, aus Augen, Mund und Nasen – Trübsal.“

Her mit Konterbande! Egal woher! Wann würde jener lähmende Erkenntnisnebel sich endlich lichten?

„Wann gehst du endlich wäääg? Wann komm ich endlich wieder aus’m Dräääck!“

Die Platte war vor der Tour eingespielt worden. Nun, nach Maßreglung wegen des personellen Abgangs Hille, nicht nur nicht mit Veröffentlichungsverbot, sondern mit Gewährung all dieser unbiederen Aussagen sogar scheinbar noch belohnt zu werden, mag auf den ersten Blick seltsam erscheinen. Jedoch ist 1986 eben auch das erste Gorbatschow-Jahr rum. Der scheint durchzuhalten da in Moskau; tadelt „reaktionär erstarrte Kader der Partei“ und zwangspensioniert sie, um Platz zu schaffen für neue Leute im ZK. Dort wehte also bereits ein Wind der Veränderung. Wie lange würde da das „Alte Männer Gremium“ in Berlin noch verharren können? Wann und wie würden sie abtreten? Danach würden auch hier neue Wege ausprobiert werden und dann will man nicht als der letzte Stalinist gelten! DESHALB gab sich die Zensur zeitweilig (aber immer öfter), als ob sie schliefe. Man wollte beim hereindräuenden „Neuen Kurs“ eben Bönzchen bleiben oder im Ruhestand wenigstens nicht laufend lesen müssen, dass man nun zum Aushängeschild des Poststalinismus avanciert sei.

Die Dosis erlaubter Kunst-Fre(i)chheit wurde somit ständig erhöht, wenn auch die Übertragung in den Alltag weiterhin ausgebremst blieb:

„Hier sitzen die, die immer hier sind. Und meinen, dass er meistens spinnt. Er will anders sein! Will ganz anders sein!“

Call it stagnäjschn, Bäybä! Wir glaubten, die gleichen Platten zu hören, glaubten, die gleichen Bücher zu lesen. Glaubten, die gleiche Vision zu haben. Aber taten wir das wirklich? Schon der erste wirkliche Wahlkampf 1990 brachte an den Tag, wie vielfältig die politischen Vorlieben tatsächlich waren, wie unüberbrückbar plötzlich kleinste Nuancierungen zu Klüften wurden.

Noch aber wussten wir all das nicht. Noch war 1986. Am Horizont schien die Glasnostch-Sonne aufzugehen. Also wagten wir uns mal vor beim allmontäglichen Rotlichtnachmittag, bekamen eins drüber, hörten abends dann Pankow, Silly oder (wer hatte) Danzers „Traurig aber wahr“ und am nächsten Morgen stand man auf und ging zur Arbeit. Weitere 3 Jahre lang.

„Guck nich‘ so komisch! Ich bin doch kein Star!“(Pankow)

„Geh! Mein großer Träumer! Geh! Wenn du meinst, dass deine Sehnsucht dich wieder trägt.“ (Silly)

Das Silly-Pankow-Ping-Pong hielt uns auf Trab. Damals.

soundtrack eines untergangs

Untergangsgeräusche

Fehler im System II

oder: Pankow-Saga II

Pankow waren in den 80ern eine Bank für Provokation und gute Musik. Ein paar zu spät Geborene, die erst in den 80ern anfingen, sahen das anders: Für die waren Pankow schon sowas wie Puhdys oder Karat, weil sie nur noch die Independent-Bands gelten ließen: Feeling B & Co. – Ignoranten! Never talked about Milchbarts.

Zeitchen zurück: Ich hatte 4x „Paule Panke“ live gesehn, da stand das 5.Mal bevor: Live at the BaHu Leipzig! – sozusagen. Bauhochschule. Keine Punk-Hochburg. Ich bekam den Tipp, dass dort was sein sollte und fand mich hin, alleine diesmal, im annähernden Elvis Costello Outfit der Zeit: Hindenburgbürste, Sakko des Hochzeitsanzuges meines Vaters (1958); Uhrkette im Parteiabzeichen-Knopfloch; Lenin-Pionierabzeichen, 950 Jahre-Nbg-Medaille; lange Lederhose, Turnschuhe – und ich kam unter die „Gestrigen“: 08/15 Kunden-Outfit: Jeans, Hemd, Vokuhila oder Günter-Netzer-Gedächtnisscheitel. Aber Großstadt sei Dank. Null Aufsehen.

davdie besten 3

die besten 3

Pankow hatten inzwischen (muss annähernd Frühjahr‘83 gewesen sein; noch immer war keine Platte erschienen) einen Merchandising-Stand mit Aufklebern von sich und Mona Lise; somit erfuhr ich von der ersten Mädchenband der DDDDR.

Die Frau vom Basser (Liese Resniczek) war dort die Chefin. Naja, später stellte sich heraus, die hatten zwar ‘ne hübsche Antje an der Gitarre, aber textlich/musikalisch war das — Schwamm drüber, honey.

Ich deckte mich mit Pankow-Aufklebern ein und ärgerte mich, dass die immer noch nicht auf den Trichter gekommen waren, Sticker (sagten wir damals; meinten aber Badges) machen zu lassen.

Dann setzte ich mich im dunklen Saal irgendwo hin und der Typ neben mir sah mich meine Einkäufe ins Portemonnaie verstauen:

„Du bist woll Fan von dänn?“

„Jou!“

„Un? Spiel‘n die nur Scheise?“

„Warum bisdn dann hier?“

„Weil sonst nüschd is.“

Oh! So sahen diese DDR-Dauer-Blueser das also. Das kann ja was werden!

„Wart‘s halt ab.“ prophezeite ich mutig drauf los. Und seit diesem Abend halte ich mich für a kind of Moses und ließ mir einen Vollbart stehen, denn:

Die Band spielte gegen einen Saal voll Skepsis an und drehte die Stimmung innerhalb der ersten halben Stunde um 180 Grad.

Spätestens bei „Sitz!Ung!“ johlte und applaudierte alles und bei „Komm ausm Arsch“ erhoben sich die ersten für jenen historischen Alki-Mitklatsch-Boogie-Pogo. Ich vermutete nun gleich das Ende – wie bisher; aber der Abend hatte noch eine Überraschung! Als erste Zugabe spielten sie nicht Honky Tonk Woman, sondern gleich alle Songs der nun bald in den Läden liegenden ersten LP: See(h)nsucht, Gabi, Ilsebilse, Stadtpark, ich bin lieb… Ich weiß nicht, wieviele jener zukünftigen Betonplattendompteure da wussten, was ich wusste:

„Ich bin lieb“ wurde anlässlich von „Rock für den Frieden“ im Palast der Republik uraufgeführt. Die Kulturoberen wünschten sich zur Unterstützung der Friedenspolitik ihres Generalsekretärs und Staatslenkers Erich I. von ihren Protegés ein Friedenslied pro Band, was einem Befehl gleichkam. Gegen Frieden hat niemand was, aber gegen Staatsnähe schon. Die Bands und Berufstexter saßen in der Zwickmühle und erschufen mehrheitlich platt Peinliches. Pankow jedoch brachten eben diese gesungene Befehlserfüllung des typischen Mitläufers – und André der Freche, sang sie in NVA-Uniform, der die Hoheitsabzeichen fehlten. Welche Art von Army war also gemeint? GENIAL!

Beim Gehen fragte ich meinen Nebenmann grinsend:

„Na? Voll Scheiße?“

Er strahlte völlig euphorisiert zurück: „Hattest recht! Affengeil!“

Es war ein Konzerthighlight. Eine selbstsichere Band dreht eine Saal-Atmosphäre zu ihren Gunsten – sowas erlebt man nicht oft. Und Erlebnisse wie diese sind es, die dann LPs in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen:

„Pankow sind eine Live-Band, die nebenbei auch Platten macht und Silly sind eine Studioband, die nebenher auch Konzerte geben muss“.

So fasste es mal jemand ende der 80er in der „Melodie und Rhythmus“ zusammen. Dem schließe ich mich an.

eine fehlt

eine fehlt

Dass „Kille kille Pankow“ 1983 als gute LP empfunden wurde, hat mit den eigenen Live-Erlebnissen und den NDW-Hörgewohnheiten der Zeit zu tun. Heute hör ich die eher nicht mehr. Auch „Hans im Glück“, ihr zweites Rockspektakel, kam auf der Bühne fast noch perfekter rüber als „Paule Panke“, durfte auch als LP rechtzeitig erscheinen, ja musste sogar erkämpft werden, wie die letzte Strophe des letzten Tracks andeutet, aber auf dem Plattenteller wirkte das irgendwie steif.

Kult

diese hier

Erst „Keine Stars“ von 1986 (Including „Anders sein“ und „Zauberwort“) geriet zeitloser und wurde mein Plattenfavorit von ihnen. Die „Aufruhr in den Augen“ erschien anfang 1989. Sie ist okay. Textlich aber zuwenig originell, um gegen Sillys „Februar“ (including „SOS“) oder  Engerlings „So oder so“ (including „die 48“) punkten zu können, die zeitgleich erschienen.

Und dann waren da ja noch die „anderen“ Bands und ihre gewagten Messages: Immortality , born in the GDR, stille Invasion, gelbe Worte, pogo im VPKA, …

Musikalisch war das meiste zwar zwischen Westberliner Zatopek (So scheiße können Bläser klingen) und besoffenen Madness angesiedelt. Sie hatten fast alle so ein Faible für durchgeknalltes Saxophon; jedoch:

Lass das Hirn dir amputieren

Leg es ein in Wodka pur

Ballast nur wir balancieren

Auf straff gespannter dünner Schnur

Auf den Straßen geht ein Mann

Der alles weiß und alles kann

Schreibt gelbe Worte an die Tür

Und liegt am Abend neben dir….  (aus „gelbe worte“/die anderen; 1988)

 

Textlich war das schon eine andere Hausnummer. Aber Pankow öffneten die Tür:

Trinkerheilanstalt (aus „Hans im Glück“; Rockspektakel 1984)

Hans Negativ (ebenda; 1984)

Schutzschild-Mugge

I was born and raised on (Saale)-River,

I see it all, like it was yesterday…“ („Steel River“/Chris Rea)

Der INF Vertrag ist down. Der Kalte Krieg kehrt zurück.  Schröder will ein Comeback für Gabriel und pullert die Nahles an. Der „Einbrecher“ (Wortspiel) schreit „Haltet den Dieb!“ Trump hat ein Medien-Echo wie weiland Reagan. Putin gibt den klügeren Breschniew. Und Friedensbewegung fällt aus… …doch nicht alles gleich wie 81/82!

Die jetzige Deutsch-Pop-Winselei als neue NDW verkaufen zu wollen, erübrigt sich. Revolverheld sind nicht Interzone. Giesinger kein Mitteregger und „uns Helene“ ist keine Nina. Aber: Keine Atempause, Geschichte wird (trotzdem) gemacht… Kohl ist tot, kein Freispiel drin!

Das Deja Vu kommt diesmal als Mixtur aus frühen und späten 80ern gleichzeitig. Vertreter aller Parteien „entdecken gerade den Ossi“. Sie verhalten sich wie weiland Krenz & Genossen im Angesicht des Zorns: Recht geben, laufen lassen, aber nichts ändern! Sogar die arrogante ZEIT „trainiert“ Verständnis.

Sowas hier find’ste allerdings weiterhin nur in obskuren Blättern. Schwamm drüber, honey!

Die Karusseit ist tot. Nach Krug, Thate, Hoppe der 4. große Name der DEFA im Jenseits. Der Cast von „Wege übers Land“ und „Daniel Druskat“ dort fast schon wiedervereint. Ein Zeitgeist früherer Prägung löst sich auf. Armin Müller-Stahl hält sich noch zäh im Diesseits. Und natürlich die Domröse und die Waller. Und dann? Auch in dieser Branche sind erfolgreiche Ossis Auslaufmodell.

All summer long we were happy we were one
We didn’t think of an ending to our play
All summer long nights of wine, days of song
It couldn’t last, our aging sun had to go
I will always remember you (Chris Rea)

Dieser Tage geriet mir mal wieder die „Shamrock Diaries“ zwischen die Finger. Ursprünglich Stagnationsmugge der 80er. Und plötzlich schien für eine Plattenlänge alles wieder hinzuhauen. Es ist Februar 2019. Draußen schneit es ein wenig. Kein wirklicher Winter hier herum, aber es reicht, um (Sound&Vision)  im Kopf die Bilder vom Februar ’88 oder ‘89 wieder heraufzuholen:

Winterferien in einem müden Land. Bald wird es hinweggerafft. Aber das konnten wir nicht wissen. Wir saßen in der „Kanzlei“ in der schönsten Stadt der Welt. Eine soeben eröffnete Kellerbar unter dem Gerichtsgebäude und gleich neben dem „Delikat“. Schummrige Wohlfühlatmosphäre; vermutlich in der ehemaligen Folterkammer der alten „Stadtfreiheit“. Katakomben-Style. Die Gefühlslage ein Mittelding aus Politfrust, Stolz, weil der Einstieg in die Praxis nun geschafft war und Größenwahn, weil:

Wer kann uns -?!

Sabinchen(23) hatte was zu feiern. Ihr Ausreiseantrag war nach 5jähriger Wartezeit nun „durch“! Sie war beim Packen und letzte Westplatten verscherbeln, um von Kopf bis Fuß in „Exquisit“ gekleidet endlich ihrem Lover da im Ruhrpott in die Arme fallen zu können. Er war seit 5 Jahren „drühm“ bei seinem Vater und hatte sie reichlich mit Vinyl versorgt. Romeo und Julia zuzeiten der „deutschen Frage“.

Nun aber standen ihre Zeichen auf Vorfreude pur. Sie strahlte in die Runde ihrer Unterstützer und Plattenstammkunden. Bei dem einen hatte sie Obdach gefunden, als ihre Eltern sie wegen des Antragstellens verstießen, der andere war ein Klassenkamerad und Freund ihres Mannes in spé; die beiden übrigen hatten ihr soeben wiedermal Westvinyl abgekauft. Das romantische Kellergewölbe der Bar wurde dezent mit der „on the beach“ von Chris Rea berieselt, was bei ihr prompt für Assoziationen sorgte:

„Danke nochmal für eure Hilfe in der langen Zeit. Aber dass kenor meine Chris Rea Platten will, schmerzt örchendswie.“

„Nö, danke.“ Kopfschütteln ringsum.

„Da wärrn nochema zwee Paar Schuhe ausm Ex dringewesen. Abor die werch nu woll Volkmar sooo dalassn, wennse keenor will.“

„Offnehm ging ja noch, wemmor’s’ch was zusamm’stellt. Abor 4 LPs von dähm brauchd wörklich keenor.“, musste Bludgy zum wiederholten Mal klugscheißen, obwohl er sich immerhin eine „Private best of-“ zusammengerippt hatte.

Die andern nickten. Und auch Bernd wiederholte sich: „Haste eehne, haste alle. Der klingt soooo gleiiiiich!“

Wir ordern noch eine Runde Gin Tonic, das Gesöff der Zeit, und politisieren ein bisschen herum. Wann kommt nu‘ Glasnostch? Sabinchen meint: Nie! Wir andern zucken die Schultern und hoffen weiter. Ein paar Zeitzeichen gibt es ja: Die Silly-LPs, die so herrlich unzensiert wirken. Das „Parocktikum“ auf Jugendradio DT64 mit all den frechen neuen Bands: Big Savod and the deep Manko, Sandow, Expander des Fortschritts, die Art… Strittmatters „Laden“ (Band 1 und 2), der mit all seinen Nebensatzseitenhieben noch den „Wundertäter“ toppt … die spürbare Lethargie des Machtapparates, der sich kaum noch aus der Deckung traut; last not least die zunehmende Courage vieler Kollegen in den Rotlichtbestrahlungen(Sitzungen) in unseren Einrichtungen und Betrieben. Und Gorbi grinst vom Sticker am Revers.

Wendegesänge

LiedGut

„Wir können bis an unsre Grenzen gehen. Hast du schon mal drüber hinweg geseh’n?“ (Sandow)

Schnitt. 1991. Letzter Tag des Jahres. Inzwischen gehen wir bis an die Grenzen und drüber hinaus. Volkmar und ich fahren unsere ersten Westautos. Das macht Feten-Hopping zwischen mehreren Ortschaften möglich. Seine Neuigkeit ist: Sabinchen ist zurück, mit Mann und Schwiegereltern, die die Firma hierher verlegt haben, weil ja hier nun DAS WIRTSCHAFTSWUNDER ZWO erwartet wird. Er weiß auch, wo sie feiern. Wir treffen sie somit mehr oder weniger „zufällig“ in einer Dorfgaststätte, reichlich angetüdert und den „Westinvestor“ herauskehrend. Peinlich für alle, außer für sie selbst. Ex-Ossis, die aber deutlich früher „raus sind“, spielen hier Großkotze pur. „Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“ Sabinchen tritt noch am normalsten auf. Bludgy und Frau entscheiden sich für schnellen Aufbruch. Man sah sich nie wieder.

All summer long nights of wine, days of song
It couldn’t last, our aging sun had to go
I will always remember you… (Chris Rea)

Die Chris Rea Zusammenstellung auf dem Tonband hatte da bereits wider Erwarten ein recht nachhaltiges Eigenleben entwickelt. Im Sorbenwald zündeten zunächst „Texas“ und „Candle“ als Heimweh-Melodaien. Du sitzt im bürokratischen Alltagseinerlei in ostdeutsch Sibirien und träumst dich entweder zurück ins Saaletal, nach Plauen zur Abwicklung weiterer Platten-Deals oder gleich in jenes märchenhafte Gojko Mitic Amerika… wo die DEFA-Dakota-Schönheit auf dich wartet: Burn a candle, a candle for you… Später dann schien der Sound jenes Couragefeeling vom verabschiedungsumtrunk in der „Kanzlei“ konserviert zu haben. Bist du „down“ und hörst den Rea gehts dir hinterher besser! Kein Wunder also, dass nach Mauerfall und CD-Playeranschaffung Mitte der 90er dann die „Watersign“ von irgendeinem Grabbeltisch abgegriffen wurde. Die Tonbänder (Typ 130) fingen bereits an zu quietschen, was das Ende dieser Abteilung Tonarchiv rasant beschleunigte. Nun fehlten jedoch die Nuggets von den anderen LPs, vor allem „Steel River“, „Josephine“ und „All summer long“… aber Zeitchen verging, bis auch die „Shamrock Diaries“ noch Einzug hielt.

Als es soweit war, lief es beruflich gerade eher schwierig; da wiederholte sich, was mit dem Tonband zuvor schon an der Neiße geschehen war: Reas lakonisch vorgetragene Miniaturen wirkten tröstend, heilend, belebend. Die Englischkenntnisse hatten sich rasant erweitert und das gewachsene Textverständnis konnte nun retten, was das unvermeidbare 80er Jahre Schlagzeug teilweise verhunzt. Überwiegend jedoch ergänzen sich die melancholischen Botschaften in ebensolcher Musik. Songs – wie Schutzschilder; vor den Zumutungen von außen. Chris Rea wäre mir, gefragt nach Favoriten, im Leben nicht eingefallen. Wichtig ist er durchaus. Erst in der Not zeigt sich, was rettet. Aber niemand „liebt“ die Medizin, der er zu Dank verpflichtet ist.

Sometimes I feel just like a hired gun
I feel just like a hired gun
Always on the run…

I dream of comfort and friendship long
But I can’t trust you or anyone
The scars still hurt me and I don’t let them heal
Each one’s a lesson, each one’s a shield (Chris Rea)

 

Nick Cave schrieb neulich (hier) über den Unterschied von „favorite Songs“ und „hiding songs“, die dir überleben helfen. William erlaubte mir, die Idee zu verwenden. In meinem Fall handelt es sich nicht um einzelne „hiding songs“, sondern um ganze „hiding records“.

Second try in english

Best wishes to everybody for 2019!

Again in english, because its a funny kind of training. I’m useing online-dictionary now. But choosing right words is sometimes a problem:

When you find a good record – is it a discovery or a detection? Or is it „woorshd“, how germans say for „there is no difference.“?

To much 70s stuff in my last post? So for this one:

Several Species of Bludgy-Favorites –

from the period after the wallfall.

  1. We start in the early 90s: NEW MODEL ARMYFirst I was on the hunt for all my greats, that I couldn’t buy in the time before 1989. But not only 70s or 80s records were filling my music-closet. „Impurity“ from the NEW MODEL ARMY came out 1990 and were under my first aquirements too. In Vinyl. Later on also in CD-Version, because it’s a very good record. I startet buying CD around 1994. Justin Sullivan (the mastermind) is an unremovable Idealist. A fighter for equality. A political Poet. A Peter Garrett (Midnight Oil) from England.
  2. Hüsker Dü were down around 1990, so Bob Mould starts his Solo-Career. MOULDI’ve got a very long Fan-Phase to his Music. His first Album „Workbook“ is his best, I think. Melodic, jazzified (a little), mostly acoustic, a silent surprise from the Pope of Sonic Sounds. But after a while he founded a new Bandproject: Sugar and the very strong debut was „Copperblue“, including the wonderful „If I can‘t change your mind“. Hey man, he don’t must change my mind as well, because he got me on the hook for years.
  3. Pere Ubu is a band, founded in the 70s; but I like some of their late Albums more than the early stuff. I love the band from their beginning: 30 seconds over Tokyo, final solution, sentimental journey. My favorit West-Radiostation played these 3 tracks 1978 – so I want a record! But „Cold War Times“: you couldn’t get Punk-Records in East-Germany in legal ways. So I had to wait untill the 90s. PERE UBUFirst the early Material was not on CD, so I bought the currently releases „Pennsylvania“, „Ray Gun Suitcase“ and „world in collision“. Good records. Years later at last „the modern dance“ came in my shop; the CD-Version. I thought I had the best together, but: 2002 happend the birth of „St Arkansas“! Speak it like „‘s’ain’t our cancer“; Soundtrack of midlife crisis, when you reached your 42th birthday, and you see how boring life is in the eternal 9 to 5 job. Everywhere is party, except on your place. This Masterpiece shut it all down. If I lose one day all of my music (God bless me from that!) – the „St Arkansas“ is a MUST-HAVE! I had to buy it again. I’m to old for spotify!
  4. In 1999 the Nuclear Blast Lable produced an Compilation of new trends in Heavy Metal: „The beauty of darkness“; Metal developed at this time quickly in many interesting directions. Before that I was absolutly no metal-head. Iron Maiden, Motörhead, Metallica, Kreator … amorphisI knew the names, but I saved my money and my ears from that. Now with this Compilation in my hands I noticed Amorphis with their big one „Elegy“! Epic concept album about an old finish saga. Including „My kantele“. Therion with „Mega therion“ an inspiring Sound-Bastard of Deathmetal and Classic. I had to search for the full Albums and I‘ve got them!
  5. The real Masterpiece of new unorthodox metal seems to be „Wildhoney“ from Tiamat. It sounds like a better soundtrack to „Lord of the rings“ than the official one. TIAMATYou hear sounds from the swamps, voices of Elfs, Orcs growling, Golum singing, mostly acoustic guitars, but hypnotizing slow heavy wardance-drumming. Gorgeous!
  6. One of my best detections are Haggard! Haggard came from Bavaria. 4 Deathmetal-Dudes with 13 companiens with classical instruments. haggardThey made two very good concept-albums about Nostradamus. And thou shall must … the seer“(1999) and „Awaking the centuries“(2000). MUST-HAVES! Both! I’ve seen the Band two times live. It works on stage too! (The following Albums are not my cup of tea, my kind of beer, anymore.)
  7. Opeth is a band from Sweden, who skipped the metalhorizon wider and wider with their releases. Many good albums till „Heritage“! The Peak of Art was „Watershed“. In words and music perfect. OPETHA complicated story about a dude, who lost his grandpa and discovers after the funeral, that his grandpa had a dark secret in his biography. He reads some old letters from grandpa to grandma, from their younger days. Now the grandson stands on the watershed: If he banned his grandpa out of his memories, he is an ungratful Dude, who learned once so much from this forefather; but if he stays grateful, his remorse says: Shame on you! You are loving a killer! Opeth using between brutal Deathmetalchords excerpts from the famous Argus-Album by Wishbone Ash („I hate to be a warrior“ and „throw down your sword“). I see this album somewhere among the grandmasters like „Electric Ladyland“ by Hendrix, „Quadrophenia“ by the Who, „Tales from topographic ocean“ by Yes and „dark side oft he moon“ by Pink Floyd, it’s a rockhistorical milestone.

So far my taste of detections from the years after the reunification of Germany.

 

 

Christmas greetings to Australia

What the fuck is this now? Bludgeon goes english?

The Answer is: Yes. For a little while. There’s a guy in Australia. He has his own Music-Blog. A very fine one. I was sending some replays, and he invited me to write about my own classic albums:

What are my favorites of all time?

He wrote, that he tries to read my Blog as well – with google-translator. I know, the Problem is: When I write in accents, the translator is telling crap.

So I want to enjoy the brave William from Australia with this one:

My Favorites – Experience of a music-junkie

First I must declare to all of the other readers around (hope, there are some of them), that I use my eastgerman schoolenglish. Expended with some phrases from reading CD-booklets and talkexperience with people from Ireland, where every couple has its own accent. Enjoy the typically german mistakes, I don’t find.

1. Favorites of all time? I start with BOWIE, I think. Bowie85As a longtime Fan of his music, there is no other option. But wich Album should I choose? Hunky Dory – „Heroes“ – Scary Monsters – or the offically lausy tonight-album? Its Christmas. I’m in a melancholy mood: So I decide: Tonight! The reason why I love it, is: When it came out, I bought it in the Intershop and I played it round and round in a time of professionally beginning. Germans call that Phase: Praxis-Shock. Bowie wasn’t on top anymore at that time, but music and lyrics, as far I understand them, got some couraging effects to me.

2. The other longtime fellowship connects me with IAN HUNTER. From that summerday in 1976, when I was listening to „once bitten twice shy“ for the first time till today, for me – he is the real Bob Dylan, if you know, what I mean. St.IanA very good poet, with more whrat in his lines than Bob. All American Alien Boy – Shrunken Heads – Man Overboard; on these 3 Albums are my 3 favorite songs. Today I decide to All American Alien Boy, because there is „You nearly did me in“ on it. The best arranged Rocksong ever been written. Queen and the girls of Joe Cockers backing group are yelling in the background. Unforgettable! Bowie discovered Ian Hunter once while he was the singer of Mott the Hoople, and Bowies guitarrist Mick Ronson became best buddie of Ian for a lifetime, till Mick was dying by cancer in the 90s. On the rare „Artful Dodger“ Album is a track „Michael Picasso“, a Memorialsong to Mick Ronson, because he was a Painter and Art-Collector too.

3. I stay in the „Bowie-Family“ for a while: Also LOU REED was involved in that Androgyne Shock Thing in the early 70s. „Walk on the wild side“ is a good song, but the record is only average to me. In the late 70s they played „streethassle“ on the radio, another masterpiece of Lou, but the other songs on the record – same as it ever was. But: Then came 1983! „Blue mask“ reached Germany! Slap in the face! Lyrics and music unite in a absolutly perfect way: steel-concrete-bass-guitar to the amok-murder-nightmare-poem on the titletrack – mindblowing! His most perfect record! All the other songs are telling bout his midlifecrisis, where he was trying to forget his gay side, (he was scared about this first Informations bout getting Aids if you stay gay at that time) so he married a woman and finds out: It don’t works, but it must… sitting on deadend street of his biography…

4. Everytime I write about „blue mask“, I must write next about „the innocent age“; DAN FOGELBERG came out at the same time, and with the same theme: Midlife crisis; but in a softer way then Lou. Two egg twins musically seen. Fogelberg was doing an double album with lots of very good songs. I’ve heared them a million times, and can’t get enough: „Ghosts“ is my favorite; than came „Same ol‘ lang syne“, „Lion‘s share“ „the leader of the band“ …

5. Stay awhile in California: The next name is Jakob Braune, better known as JACKSON BROWNE, born in Westgermany, raised in California; one more 1. class poet; „The Pretender“ Album is the best, because there is the „You bride baby blues“ on it. „If you can see me, show me the hole in your gardenwall and pull me through.“ It‘s the song I miss on the „innocent age“ Album. Return to childhooddays; forget that dayly anger – once upon a time you had no problems: Back in the garden! Browne wrote about a melancholy loveaffair. At that time his wife was dying by overdose. So JB feels guilty because as a junkie himself he teached her using drugs.

6.More Rock! THE ALLMAN BROTHERS BAND! Many good records! My favorite is „Where it all began“; no boring bluesparts in the middle: Most of the songs written by Warren Haynes, the magician on the 2.Guitar; its the father & son thing: allmansEvery father dreams, that his son comes after him, doin‘ the things like he once used to do and shared his experiences, but it never comes that way. And the other Thing is: I’m a Wannabe-Allman-Band-Member; I don’t play any instrument, but: everytime I see the Rockpalast-DVD „Dickey Betts and the great southern“ or everytime I listen to one of the 8 or 10 CDs I own, I wanna be as cool as they. Probably I die trying. (Same thing with Lynyrd skynyrd … or this Brother-Project of the van Zant Dudes: „Brother to Brother“; ass kickin‘ cool Album; but I see I lose the path now.)

7. More Rock one more time! Cooking with fire! Heart-/Hardrock from Seattle! Ann & Nancy Wilson founded the female Version of Led Zeppelin -HEART- in the middle of the 70s. Don’t be afraid ’bout that cheesy Name. heart 78The Music matters! When I saw them performing „Magicman“ on TV in 1976; I fell in love with Ann Wilson, a real beauty at this time; the beauty faded over the years,  the impressions from the music are staying on. My favorite record ist „Dog & Butterfly“, because it was the first of eight (right now) I could buy. Before the Wall in Berlin came down. The record starts with a live-explosion-track „Cooking with fire“, (maybe it’s the best kind to start a record) than the following tracks are good rocking studiotracks, the titletrack is a long smooth acoustic ballad, and in the end on the B-Side is „mistral wind“ waiting for you; a 7 minute bombast killer in the kind of „stairway to heaven“.heart

8. Let‘s Prog! YES forever!YES Best, most interesting Band to me for all time! Today I choose „Keys to ascension II“ as a favorite, because its a double Album of both worlds. On the first record you got perfect mastered live-versions of the legendary 70s Material, and on the second record you listen to perfect newer songs from the 90s (in the 80s the Band was down), when Yes re-united and reached old qualitylevel  (sadly only for a short period). Klick here for video.

 

9. German Prog sung in english language: ELOYs Masterpiece „Ocean“, a legendary westgerman Album, down criticized all over in the media but highly loved by the fans of the Band. I’m not a total Eloy Fan, but I love that Album as well. Its a conceptalbum about the downfall of Atlantis. Sung in english with heavy german accent. But: Who cares? Only Musicjournalists! Not me!

10. German Prog sung in german language: lift2In 1977 LIFT (from Eastgermany) created a sound between Genesis and Yes and wrote their own tracks on a high quality level. Two very good records came out 1978 and 1979. Then unfortunatly a heavy car crash destroyed the carrier of the Band. Two members dead. They replayced them, but the new Band never reached the peak of „Meeresfahrt“ (Oceancruise) in 1978 again. Six months before the crash I saw them in concert and it was the most importent concert-event ever to me. Here I’ve seen the first perfekt lightshow. Here I’ve heared Genesis- and Yes-Tracks live and professionell played. It was before the wallfall; „Cold War Times“; none of the famous Groups of the West want to play on the Eastside of the Wall. So East-Rock-Bands had to fill this cultural hole. And some of them had done it very well! The audience was very small, only 53 persons, in a room with space for 300 but very kind to the Band: „We want more/we want more/ we want more!“; at the end of the concert, and the Band came back 3 times… the closingtrack was „living for the city“ (the old Stevie Wonder Hit) , but totaly new arranged in a way like Genesis used to do that song … Great Evening! When ever I play one of these two CDs now I sat back in the Rathaussaal in Schkölen 1978.

For now I close my rumplecummer door.

To be continued if you want it. I’m waiting for comments. Merry Christmas.

Vorbei.

7 zeitg (2)Weihnacht ’41. Das zweite Weihnachten ohne Vater. Das erste ohne großen Bruder. Der Vater starb 51jährig überraschend im Jahr zuvor. Zivil, an Herzinfarkt. Der Bruder, 20jährig, steht auf „Deutschlands Wacht“ irgendwo vor Moskau. Er hat bereits im Herbst ein paar Frontausgaben Karl May für den Kleinen geschickt. Passenderweise ist „Zobeljäger und Kosak“ dabei. Seit 3 Wochen schon wieder keine Feldpost.

Die Bescherung ist gelaufen. Der 11jährige ist zufrieden mit den Geschenken. Weil Großvater ihm ein „wie echt aussehendes“ Spielzeuggewehr geschenkt hat, setzt er seinen Stahlhelm auf und will das „Fest des Friedens“ prompt umfunktionieren, da greift die Mutter hart zu:

„Haltog inne! Jetz tummer erschd betn fürn Toni, dassor heil wiederkommt! Und dann wird g’essn. Heute schisste nee!“7 zeitg (3)

Maulend gehorcht der Wildfang und setzt den Helm wieder ab.

Nach dem Essen blättert der Kleine in den neuen Büchern. Großvater raucht das Wohnzimmer blau und liest erst Zeitung, dann schaut er zur stickenden Schwiegertochter: War ne gute Wahl seine Sohnes damals; nach’m erschd Kriege. Hatte sich in der schweren Zeit 19/20 die Mitgift vom geizigen Bruder ertrotzt, später den Neubau der Fleischerei vorangetrieben, die Gaststube dazugenommen, Mittagstisch-Abonnenten gewonnen, zwei Söhne geboren, war Witwe geworden und hatte nun als Chefin den Laden immernoch voll im Griff, den er einst ärmlich gegründet hatte. Sie hattamol a Lob verdient:1 alte post

„Grübblock nee asu Annl! Er würd scho‘ wiederkomm! Denkok 14-18: Drei Söhne hattich im Felde und alle dreie kamse hemm. Toni kommt auch hemm. Und dann wirda heiraten grad wie a du domols.“

Sie wischt sich mit dem Handrücken über die Augen.

„Ei Gottes Ohr! Aber heerok auf darvo‘! Mir hamm kee Glicke mit unser Lahms-Uhr. Immer wüdder Krieg!“

– – – –

Szenenwechsel. Ostfront.

Vier Tage vorher:

Ein vom Schneesturm blankgewehtes Plateau soweit das Auge reicht. Kein Baum, kein Hügel. Irgendwo zwischen Rschew und Moskau.

„Leutnant Siebert! Batterie – 4 km südlich. Da muss ne Mulde sein. Stellung beziehen, eh der Iwan sich dort verschanzt.“

„Wir hatten Sturm. Die werd sein zugeweht.“

„Papperlapapp. Marsch!“

„Findeisen! Grumlow! Pfitzer! Rohrbeck! Rechtsschwenk Marsch! 4 km. Muni 1, Muni 2 hinterher. Sobald die Mären tunn versacken, sammer doa!“

6 Gespanne scheren aus der Kolonne aus. 4 Panzerabwehrkanonen und 2 Munitions-Wagen suchen eine Mulde im Nichts. Die Kanonen 4spännig, die Muni-Wagen mit nur 2 Pferden jeweils; gezogen also von 20 Schimären, die seit Tagen von abgekauten Strohdächern lebten. Um das Personal der Batterie steht es nicht besser: 20 Grad minus. Unterkühlt. Hustend. Kette rauchend. Bekleidet, wie fast alle im Winter 41, mit dem, was man dem Feinde abnahm. Denn die „Pferdedecken“ (Schimpfwort für die langen Wehrmachtsmäntel, durch deren Knopfleiste der Wind pfiff) waren mehr und mehr gegen Wattejacken toter Russen ausgetauscht worden. Die Einschusslöcher notdürftig gestopft.

Es dämmert. Die 4 km müssen längst vorbei sein, aber da ist keine Mulde. Plötzlich Motorengeräusch am Himmel.

„Unse? Oder Bolschewiken?“

Taktaktaktaktak….beginnt schon der Beschuss.

Der Befehl „Absitzen! Volle Deckung!“ kommt zu spät und geht in einer Detonation unter. Die Jagdmaschinen müssen einen der Munitionswagen erwischt haben. Seine Einzelteile und abgerissene Pferdegliedmaßen treffen die Soldaten der anderen Gespanne.

Die Flieger kommen zurück. Ziehen Einschussspuren durch den Schnee. Hier und da liegt einer auf dem Rücken und schießt mit der MPi nach oben, trifft aber keine wichtigen Teile der Angreifer. Dritter Anflug. Sie schießen nun gezielt auf die letzten stehenden Pferde, die nicht weg können, an der Kanone zerren, sich aufbäumen, jenen durch Mark und Bein gehenden Todesschrei von sich geben, der nichts mit einem normalen Wiehern zu tun hat, getroffen einbrechen, sich wieder aufrichten, wieder zusammen fallen, zuckend verenden.

Vierter Anflug. Treffer zweiter Muni-Wagen: Rummmms! Nocheinmal regnet es Holz, Hufeisen und Fleischfetzen.

Einen 5. Anflug gibt es nicht. Die Flieger verschwinden.

Anton Findeisen saß auf der letzten Kanone vor dem Muni-Wagen, der als erster detonierte. Der Luftdruck hob die Pak an und schleuderte die Besatzung in die Gegend. Toni flog und bekam einen Schlag unterhalb der rechten Hüfte. Irgendetwas ratschte an ihm vorbei und spritzte sein Blut in den Schnee. Er landete ca. 3 Meter vom Gespann hart auf Eis. Klaus Briese war von der Protze ins Gespann geschleudert worden. Die um sich schlagenden, getroffen Tiere strampelten und trafen ihn mehrfach. Er kam nicht frei und schrie. Toni hörte es nicht. Das Gehör hatte sich mit der Detonation verabschiedet, aber er sah ihn ringen. Mechanisch griff er ans Koppel, bastelte die Pistolentasche auf, zog die 08 und erschoss das zappelnde Pferd, hinter dem immer wieder Klaus‘ Gesicht aufgetaucht war mit 3 Schüssen. Dann sank er zurück.

Ihm wurde bewusst, dass er die Schüsse nicht gehört hatte.  Was hatte er noch abbekommen? Aufstehen gelang auch nicht. Er lag auf dem Rücken. Rechts fehlte ein Stück Hose. Blut – das schon gefror. Also die Schlagader kann es nicht sein. Das linke Bein sah unverletzt aus. Er winkelte es an, um aufzustehen. Ahhhhhhu! Irgendwas war mit dem Fuß! Vermutlich das Gelenk gebrochen. Der Stiefel noch heil. Scheiße verfluchte! Immerhin funktionieren beide Kniee. Er stemmte sich auf die Ellbogen und sah sich um: Das Mondlicht erlaubte klare Nachtsicht: Die Konturen der Kanonen, die dunklen Haufen der Pferdekadaver, über das Schneefeld verteilt die Kameraden. Keiner rührte sich.6 zeitg

„Grumlow?!“

„Briese?! Klaus! Klaus altes Haus?!“

Ach ja, er hörte ja nichts mehr. Wenn da nu irgendwo einer lag und antwortete…

„Zappelt mal! Ich hör nix mehr!“

Nichts.

Er sank zurück. Scheiiiiße. Nun liegste hier herum. Nicht einschlafen! Dann erfrierste! Die wern uns doch suchn komm! Unse?! Hoffentlich nich‘ der Iwan! Wo liegt die Pistole? Drei Schuss fehlen. Reicht noch für mich selber. Oder ob‘s vielleicht gar nicht so schlimm wird ei russ‘scher Gefangenschaft? Aber nee. Die schleppm doch kenn verletztn Feind vom Platze! Die erschloang mich; so malade, wie ich bin.

Der Wundschock lässt nach, der Oberschenkel schmerzt. Die Kräfte schwinden.

Er muss geschlafen haben. Oder war das Bewusstsein weg? Er will die Knie bewegen. Es geht schon bedeutend schlechter. Die Zehen funktionieren überhaupt nicht. Die Arme sind dank der dicken Wattejacke kein Problem. Motorengeräusch. Geräusch? Er kann wieder hören! Links extremer Tinnitus zwar, aber er sieht die beiden Kübelwagen nicht nur kommen, sondern er hört sie auch. Die Wagen halten. Die Motoren bleiben an, könnten sonst einfrieren. Vier Schatten springen ab, leuchten mit blauer Signallampenfunzel von Haufen zu Haufen.

„Da sinnse. Ha’ick doch jesaachd.“

„Alles hinübor. Hat der Iwan schön Schlachtefest jehaltn.“

Einer versuchts mit geflüstertem Rufen: „Auf! Marschmarsch!?!“

Dann etwas lauter: „Hey Kam’raden! Keene Lust mehr offm Endsieg?!“

„Schulz, du bis’bekloppt.“

„Schnauze jetz. Schulz und Giese! Ihr macht Fleisch klar. Hier liegt jetz ja genug Schaschlyk rum.“

„Schinski und ick sammeln die Soldbücher ein.“

„Uscha kiek ma: Dort drüben der Haufen lebt noch.“

2 Signallampen leuchten blau in die angegebene Richtung. Die vier sehen Findeisens Arm winken.

Einer begibt sich zu ihm, zwei zu den Pferdekadavern, der Vierte beugt sich über die erste Leiche und durchsucht die Wattejacke nach dem Soldbuch und der „Hundemarke“.

Der sich Toni zuwendet, stellt sich als Unterscharführer Klinglbiel vor, beauftragt ne verschollene Panzerabwehr-Batterie des Heeres zu suchen, da keine Funkverbindung mehr besteht.

„Und wen haben wir hier?“

„Unteroffizier Findeisen; 3.Pak-Batterie; Ari-Re’ment 54.“

„Wo hats dich erwischt?“ Er leuchtet den Körper entlang. „Ah, seh schon. Düchtche Fleischwunde. Heimatschuss vermutlich. Kannste die Füße noch bewejen?“

Toni versucht den Kopf zu schütteln.

„Schinski! Zu mir!“

„Ick eile.“ kommt die laxe Antwort.

„Wir legen ihn hinten in meinen Wagen. Fass an.“

Schinski greift die Fußgelenke.

„Aaaaah!“

„Jelobt sei, watt hart macht, Kolleje!“, aber er lässt los, stellt sich zwischen Tonis Beine und greift etwas weiter oben zu.

Da fällt Findeisen noch was ein: „Klaus! Klaus Briese zwischen den Pferden. Viertes Gespann.  Obergefreiter Briese.“, kann er noch lallen.

„Kieken wir nach.“

Schinski kommt nach einer Weile zurück. „Willste sein Soldbuch? Dein Briese is hinüber.“

Der Fußraum im Fond der beiden Kübelwagen ist mit gefrorenen Pferdeteilen voll.

Findeisen liegt auf der Rückbank und rutscht auf der holprig schnellen Fahrt immerwieder auf die Fleischteile. Er verliert das Bewusstsein und erwacht erst im Lazarett.

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Lazarett im Bereitstellungsgelände

„Na, Sie wachn ja doch noch auf. Starke Unterkühlung. Pneumonie; wie alle, die wir aufsammeln. Trotzdem Tisch fertig machen. Die Füße müssen gemacht werden.“

Dann schwinden Tonis Sinne wieder.

Als er erwacht sind beide Unterschenkel dick verbunden. Die Oberschenkelwunde ebenfalls. Das rechte Bein ist hochgelegt. Er fühlt nichts. Die Betäubung wirkt noch nach. Aber er hat 1936 oder 37, kurz vor dem Anschluss, im Kino „Im Westen nichts Neues“ gesehen. Und diese berühmte Lazarettszene im Kopf: Er wartet auf den Phantomschmerz: Die Beine sind noch dran, aber was ist mit den Füßen? Bewegen kann er sie nicht. Den Inhalt der dicken Verbandsklumpen an den Beinenden kann er nicht beurteilen. Beide Klumpen sind von ähnlicher Größe! Was bedeutet das? Beide ab?

Dann kommt er – der Schmerz. Schleicht sich langsam an. Die Füße puckern. Die Oberschenkelwunde scheint gar nicht ins Gewicht zu fallen. Aber die Füße! Beide!

Er muss sich bemerkbar machen: „Sani!“ …. „Sani!“

Der kommt nach einer ganzen Weile erst. Hat alle Hände voll zu tun.

„Issn? Willste trinken?“

„Ja, darf ich denn? Haste Schmerzmittel? Die Füße.“

„Hast Glück jehabt. Die sind noch dran. Fußnägel brauchste aber keene mehr schneidn.“

Findeisen erschrickt. „Klumpfüße?“

„Keene Panik. Is Mode jetz. Echte Deutsche brauchn keene Zeh’n. Lofm viele inzwischen so rum.“

„Aber es wird scheiße aussehen. So kriegt man doch keene Frau mehr ab!“

„Hähä. Denk an den Bock von Babelsberg. Der hat die geilsten Weiber im Bett.“, der Sani zückt eine Tablette. „Is fast wie Morphium. Hilft bloß nich. Du giltst als leichter Fall. Wirst mitm nächsten Zug zurückverlegt, nach Grodno oder Kaunas. Genesungsurlaub wartet, Junge! Fei‘re deinen Heimatschuss. Das tröstet doch, oder?!“

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März’42. Bahnhof Reichenberg.

4 zeitgTonis Heimkehr: Unterarmkrücke in der einen, Fluppe in der andern Hand, in weiten ausgelatschten Halbschuhen und in viel zu großer Uniform. Sein kleiner Bruder ist enttäuscht. Er hatte einen Kriegshelden erwartet:

„Keene Stübbl? Keene Bügelfalte? Der Bannführer würde dich rundmachen.“, konstatiert der 11jährige vorlaut.

Toni guckt ihn mit halbgeschlossen Lidern an: „Wie der Führer mich anzieht, so lauf ich rimm.“

Jetzt entdeckt der Kleine aber die Banderole am Knopfloch: „Hey! Du hast das EK II! Was hastn dafür tun müssen?“ Er spannt die Ohren auf in Erwartung von Heldentaten a la „Ein Mann gegen 14 Panzer!“

„Mir de Fieße erfriern lassen ei Russland und meiner Batterie beim Verrecken zusehn.“

Die Enttäuschung ist dem Kleinen anzusehn.

Die Mutter hatte sich bisher zurückgehalten. Auch sie musste erst den Anblick ihres Lieblingssohnes verkraften. Der hoch aufgeschossene 18jährige, der an die U-Schule einberufen war, kam hier nun zurück als klapperdürres krummes Männchen. Tränen schossen in ihre Augenwinkel.

5 zeitgEr umarmte sie, so gut das halt geht mit Krücke in der einen und Kippe in der andern Hand.

„Und Zähne haste och kenne mi?“, war ihr erster Satz.

Er ließ sie los und grinste nun beide Abholer an: „Na ich bin woll für alle ne Enttäuschung? Skorbut. In Grodno. Vierteljahr. Fast nüschd zu fressen.“

„Na da gemmoer glei morgen zu Doktor Völz für ne Protese.“, stellte sie sich resolut zusammenreißend klar. „So a junger Lakl kann doch ne so rimlaufm.“

—-

Abends dann Familienrunde mit Großvater:  Toni zieht Schuh und Strümpfe aus, legt die leichten Verbände ab: Großvater und Bruder gucken interessiert zu; Mutter guckt als erste weg: Links fehlt die Hälfte des Vorderfusses; das Fußgelenk war mehrfach gebrochen und ist fast steif; rechts ist die große Zehe übrig geblieben, die anderen haben nicht mal Stümpfe hinterlassen. Er gilt vorerst für ausgemustert.  Kann nach 3 Wochen Rekonvaleszenz sein Veterinärstudium aufnehmen. Nach den schweren Verlusten von Stalingrad jedoch wird er ende 1943 „nachgemustert“ und zu den Besatzungstruppen in Frankreich abkommandiert.

Der Nachkrieg

Rückzug bis Flensburg. Die letzte entwaffnete Truppe. Englische Kriegsgefangenschaft bis 1947; wiederfinden der Familie in Weißenfels 1948, seine 3 Semester Studium und die Dienstzeit als fleichbeschauender Tierarzt im Hafen von San Malo werden ihm in der SBZ als Berufserfahrung angerechnet; er darf als Landtierarzt praktizieren, bekommt erst ein Dienstfahrrad, dann eine RT 125 für die Dienstgeschäfte, aber auch die Auflage, das Studium parallel zu vollenden. Sein kleiner Bruder studiert inzwischen dasselbe.

Toni Findeisen heiratet und wird 1958 Vater. Sein Sohn Edgar, zwei Jahre vor Cousin Anselm in N. geboren, wird dessen Vorbild in Sachen Frisur, Musikgeschmack und Westplattengier.

Als Edgar 18 ist und Berufsausbildung mit Abitur macht, soll er für 25 Jahre oder wenigstens 3 Jahre NVA „geworben“ werden. Er ist GST-Mitglied und bester LKW-Fahrer in der vormilitärischen Ausbildung; Kreismeister im Schwimmen und Mathe-Olympiaden-Gewinner. Er will aber nur die 18 Pflichtmonate über sich ergehen lassen. Mehrfache „persönliche Gespräche“ im Beisein von Wehrkreiskommando-Vertretern und Schulleitung führen zu keinem Ergebnis.

Schließlich reicht es Vater Toni und er begleitet seinen Sohn zum Direktor, als es wiedermal soweit ist.

„Ja, Herr Findeisen. Schön, dass sie mitgekommen sind. Ihr Sohn erkennt die Vorteile nicht, die es hätte, wenn er 3 Jahre Unteroffizierslaufbahn einschlagen würde. 600.- M monatlich. Und bei der Armee braucht man ja kein Geld. Da hätte er einen schönen Sockel für’s Studentenleben. Seine Leistungen dementsprechend stehen ja außer Frage.“

„Ja, ich war seinerzeit auch so blöde, Unteroffizier sein zu wollen. Das Geld hat auch damals gelockt. Und was hatsmer gebracht?“ Er schlüpft fix mit dem kurzen linken Fuß aus dem Halbschuh und legt den bestrumpften Stumpf für 2-3 Sekunden auf den Schreibtisch. „Mein Andenken an meinen Freundschaftsbesuch in der Sowjetunion 1941.“

Betretenes Schweigen auf der anderen Schreibtischseite. Edgar grinst.

Er wurde nie wieder vorgeladen.

(Nachbemerkung: Bevor hier jemand beanstandet, dass die 54er eventuell keine bespannte Artillerie-Einheit waren, oder nicht im Osten verwendet wurden: Dies ist die Geschichte meines Onkels, wie ich sie mir aus unzähligen erzählten Bruchstücken zusammengeklaubt habe; nachfragen geht aus biologischen Gründen nicht mehr; die Namen und Nummerierungen der Einheiten sind von mir frei erfunden. Die Hauptfabel stimmt. Das Bild- und Annoncenmaterial ist antiquarischen Ursprungs bzw. einer weihnachtlichen Sondernummer „Zeitungszeugen“ (Nachdrucke mit – seriösen! – Expertenkommentaren) aus dem Jahre 2012 entnommen. Wer diesen Text als Kriegsverherrlichung absichtlich missdeuten will – ist doof!)