Grüße aus der Vergangenheit 2

Friedrich Freksas „Wanderer ins Nichts“ erschien 1920 und muss, wie später noch Thema sein wird, Eindruck gemacht haben. In den unterschiedlichsten politischen Lagern jener aufgeregten Zeit:

– Abgewürgte Revolution, der die Massenbasis fehlte;

– Versailler Vertragsschock,

– Volksabstimmungen in den Grenzgebieten und Bürgerkrieg um Oberschlesien,

– Kapp-Putsch und Amnestie für die Putschisten von gerade eben, wenn sie bereit sind, die Rote Ruhr Armee zusammenzuschießen;

– langsam, aber spürbar Fahrt aufnehmende Inflation…

Schwer vorstellbar, dass im Jahr 1 nach Versailles irgendjemand an Bücherkauf dachte. Aber gut vorstellbar, dass das ein saisonaler Bestseller war. 1923 wird es in einer damals viel beachteten politische Rede mehrfach erwähnt. (Siehe unten)

  1. Der Rahmen der eigentlichen Handlung:mde

Ein ziviler Geschäftsreisender gerät im Januar 1919 während der Spartacuskämpfe in eine Personenkontrolle irgendeines Freicorps. Hier erkennt ihn ein Kriegskamerad wieder, der kurzdarauf schwer verletzt wird. Verblüfft erbt der Reisende ein paar Tage später einen Stapel Blätter mit einer Art Lebensbeichte des soeben verstorbenen Offiziers Robert Harring. Sie tragen die Überschrift „Wanderer ins Nichts“. Der Leser ist beeindruckt.

Ihm erscheint der Inhalt „als spiegle Harrings Leben die materielle Überfülle, die in ganz Deutschland vor dem Kriege herrschte und uns mit einer gewissen Gefühlskälte und Gemütsrohheit begabte. Wir waren das sachlichste Volk der Erde geworden, wir waren im Begriff alles zu versachlichen und rühmten uns dieser Eigenschaft. Der Krieg und die ihm entwachsene Revolution zeigten uns, dass über der Sachlichkeit Menschlichkeit stünde, Kämpfertum für Gedanken und Ideen.“

  1. Eine mögliche heutige Sicht:

Der Leser von heute kann hier wiedererkennen, was Thomas Mann bereits schrieb und  Victor Klemperer bald schreiben wird. Der erste Teil des Zitates gibt wieder, was auch der sterbende Hanno in den Buddenbrooks formuliert: „Das Leben ist eine Last, die man am besten schnell hinter sich bringt.“ Alle Triebe, alle Spaßfaktoren waren der Disziplin geopfert, als sündhafte Verfehlung gebrandmarkt; der bürgerliche Mensch auf dem besten Wege als dressierter Ochse am Mühlrad zu enden. Der Schluss des Zitates lässt deutlich werden, worin der Hauptschaden der Zeit bestand: Kein politisches Denken, nur ein diffuser Hang zu Aberglauben, idealisierter Romantik, dem Traum von Heldentum und Größe. Das ließ die rechte Flanke offen.(Klemperer „LTI“)

  1. Eine notwendige Kontextualisierung:

Heute ist man gewohnt, die Freicorps als Prä-Faschisten anzusehen. Aber so wurden sie 1920 nicht wahrgenommen. Sie waren Frontsoldaten und Freiwillige, die die putschenden Matrosen bekämpften. Letztere waren Liebknechts bzw. Radeks Leute und die wollten die Sowjetrepublik! Die Freicorps retten Deutschland vor dem russischen Chaos! Das war Mainstream.

Freksa drängelt sich mit dem Roman nicht zwischen Ernst Jünger (Stahlgewitter, 1920) und Remarque (Im Westen nichts Neues; 1929). Der Krieg ist nicht sein Thema. Er ist noch zu nah. Die Baltikum-Kämpfer sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal zuhause.

  1. Inhalt und Zweck

Er beschreibt stattdessen das sinnlose Dasein eines reichen Erben im letzten Vorkriegsjahr, der sich mit Selbstmordgedanken trägt, jedoch immer die eine oder andere Schwierigkeit ergrübelt, um doch noch ein Weilchen mit der Ausführung zu warten. Er stößt auf eine Lebenshilfeorganisation „Komfort“, die ihm alle lästigen Alltagsrisiken aus dem Weg räumen will, willigt ein – um zu merken, dass er nun schon gar nicht mehr lebt, sondern „gelebt wird“. Also legt er es auf ein Duell mit der Organisation an, was dazu führt, dass er sich den größten Teil des Buches über, auf einem Roadtrip von Kopenhagen zum Garda-See befindet. An seiner Seite Fanny, die Zofe seiner letzten Freundin, die einen Chauffeur kannte, der zeitlich ungebunden war. Auch sind ihm alle Rastpunkte recht, die Fanny vorschlägt.

Rast 1: Die Wesenburg im Harz

Rast1: LARP-Vorreiter 1914

Überall dort treffen sie auf wohlhabende Leute, die einen mehr oder weniger dekadenten Lebensstil probieren, wenigstens ein Wochenende lang. Harring ist immer der außenstehende Beobachter, ein exakt sezierender Analyst all der mangelhaften Versuche Niveau vorzutäuschen. Es bereitet ihm keine Probleme hinter all die potemkinschen Fassaden zu schauen. Und das Beste daran für Leser von heute: 99 Jahre später meinst du das alles wiederzuerkennen.

Der Zweck des Buches war Motivation: 1914 gab es keine Herausforderungen mehr. Wir waren erfolgsverwöhnt und müde. Jetzt, 1920, wo es drunter und drüber geht, können wir beim Aufräumen helfen. Wie oben erwähnt, geschieht dies hier literarisch jedoch nicht durch messerscharfe politische Urteilskraft, sondern mittels Unmut am allgemein-menschlichen Zustand und schnöseligem Nietzscheanertum. Monokel reinschieb und Welt verachten:

„Freilich, zum Lebensfanatismus gehört es, dass sich die Menschen wichtigmachen. Sie behaupten, es wäre gut, für den Nächsten zu sorgen. Es machte die Menschen besser, wenn sie es täten. So dachte und philosophierte ich damals. Ich sagte mir: Ich sehe das nicht ein. Die Menschheit ist im Laufe der Jahrhunderte nicht besser geworden und auch nicht schlechter. Die Menschen sind Troglodyten geblieben. Sie haben ihre Narrheiten behalten, sie haben die Grundgewohnheiten und Triebe bewahrt. Sie reden sich ein, dass sie im Fortschritt begriffen sind. Sie brüsten sich mit ihrer Kultur, rühmen ihre Zivilisation. Was haben sie aber erreicht? Ich lasse mich von „Komfort“ leben und fühle mich gelangweilt.“

Die Handlung endet mit dem Kriegsausbruch 1914. Die Kriegs-und Freicorpsjahre des Robert Harring werden in wenigen Zeilen zusammengefasst. Der sterbende Ich-Erzähler bedauert sein herannahendes Ende nun doch. Ausgerechnet in dem Augenblick, da er -„am Kriege gesundet“ – meinte, nun einen Sinn in seinem Leben gefunden zu haben, macht ihm eine Blutvergiftung einen finalen Strich durch alle Zukunftspläne.

Freksa greift hier einen weitverbreiteten Spruch Hindenburgs auf, der auf Feldpostkarten millionenfach verschickt wurde: „Der Krieg bekommt mir, wie eine Bäderkur.“ In Spa im Luxushotel der OHL mag das gelten, im Giftgasgrabenkampf sicher nicht. Und trotzdem kamen die wenigen Denker, die an derlei Zynismus Anstoß nahmen bei der Mehrheit nicht durch. Der „olle Hindenburg“ blieb Volksheld und die Sicht auf den Krieg mehrheitlich naiv.

  1. Freksas Erben

Aber: Wenn du jenen vergessenen Roman heute zur Hand nimmst und all die kritischen Betrachtungen des „Wanderers“ liest, ergeht es dir eventuell wie mir: Das kam mir so bekannt vor! Ein unklares, irgendwie umnebeltes Dauer Deja vue Feeling stellte sich ein und verfestigte sich, je weiter ich kam. Der ganze Krampf der Konventionen. Das luxuriöse Umherziehen um dem Leben neue Reize abzutrotzen. Die lächerlich kindischen Ausbruchsversuche erwachsener Protagonisten. Die ewig währende Ungerechtigkeit des Lebens. Der euphorische Moment des Ausbrechen Wollens und die Depression danach. Die vertane Zeit. Nabelschau und Selbstmitleid. Wer klagte gleich nochmal so ähnlich? Dann fällt plötzlich der Groschen, woher ich das kenne:

Haller! Hermann Hesse!

Ich las grade den Ur-Steppenwolf!

Hesse hat Freksa gelesen; gemerkt, dass da ein lesenswerter Hauptteil mit ein paar kleineren dramaturgischen Gebrechen vorliegt, dass die vaterländische Wandlung vom Todsucher zum Kriegshelden gar zu unglaubwürdig klingt, dass aber Freksa und er trotz unterschiedlicher politischer Oberflächenanmutung, der Gesellschaft gegenüber Brüder im Geiste sind.

Rast 2

Rast 2: Damas hinterm Mond

Harring und Haller sind reiche Schnösel, komplett orientierungslos, uneins mit sich selbst. Sie suchen das Leben nicht, aber das Leben findet sie. Sie hassen die bürgerlich-bigotte Betulichkeit und verdanken ihr eigentlich alles. Sie wollen revoltieren, aber in Bürgerpalais wohnen bleiben.

Misanthropen, wie du und ich. Zu intelligent, um all die Widersprüche, die sie umgeben, übersehen zu können und zu selbstkritisch, um darüber hinweg zu feiern.  In beiden Romanen kommt der Kick „von unten“ aus dem Bereich der Triebe, die im bürgerlichen Käfig verschämt verleugnet werden, die deshalb durch „Mädchen aus dem Volke“ an jene seriös Verklemmten herangetragen werden müssen. Hesses Kokainrauschbeschreibung ist heute Literaturgeschichte. Freksas hinteres Romandrittel wartet dagegen mit deutlich mehr Erotik auf. Wedekinds „Lulu“ Stummfilm wird kurz darauf die moralischen Grenzen noch weiter stecken, aber im Gegensatz zu diesem, meidet Freksa den Skandal. Er kritisiert das Verhalten „junger Herren“ der Vorkriegszeit gegenüber Zofen „in Stellung“ deutlich heftiger als Thomas Mann in „Felix Krull“, und lässt sogleich Fanny, die Reisebegleiterin, als selbstbewusste Frau „der neuen Zeit“ auftreten und nackt im Garda-See baden; wobei Robert Harring ungewollt zum Beobachter wird. Fast scheinen sie zueinander zu finden, aber –

Sie ist nicht etwa die böse Emanze, die Rollenbilder ins Chaos stürzt, sondern eine begehrenswerte Neuzeit-Melusine. Selbstbestimmt, sympathisch, optimistisch. Ein geheimnisvolles Pendant zum pessimistischen männlichen Widerpart. „Babylon-Berlin“-Assoziationen stellen sich ein.

Das Buch bietet dem erfahrenen Leser zahlreiche Real-Life-Parallelen: Eine davon liegt in dem interessanten Detail, dass Freksa selbst 1913 Millionenerbe wurde und in kürzester Zeit, vermutlich im Lebensstil des Robert Harring, alles durchbrachte, um kurz darauf als Kriegsfreiwilliger zu „erwachen“. Im Unterschied zu seinem Alter Ego im Roman, weiß Wikipedia lediglich von einer „kurzen Kriegsteilnahme“ des Autors. Die Werkschau verdeutlicht, dass er SEIN Thema nicht gefunden zu haben scheint. In viele Töpfe gesprungen und wieder herausgewunden. Vergessen.

Karl Radek, heute ebenfalls vergessen, galt um 1920 als DER Hoffnungsträger der KPD. Er nimmt in einer erhalten gebliebenen Rede 1923 mehrfach Bezug auf den Roman, weil er der Ansicht ist, dass, wer so scharf durchsieht wie Robert Harring, doch eigentlich den Weg in die KPD finden müsse.

Was hat Radek bewogen, ein Buch, dass auf den ersten 3 Seiten den Tod eines Freicorps-Leutnants betrauert, nicht einfach wegzulegen? Wer hat es ihm empfohlen? Und vor allem – wie?

Und dann ging mir noch ein Licht auf: Da gibt es noch einen. Fast noch ein Neuzeit-Promi. Angeblicher Erfinder der Pop-Literatur. Diese entstand 1995 mit Erscheinen des Romans „Faserland“ von – Christian Kracht. Ein junger reicher Schnösel reist von Sylt nach Zürich. Von Party zu Party. Er schaut den anderen beim Saufen, Koksen, Kotzen zu. Leere. Leere. Leere. 1914 wie 1995. Faserland. In Wohlstand zerfasernd. Wiedervereinigung hin oder her. Der Osten bleibt völlig neben allen Trassen, die man als alternder Popper so fährt. 1914 wie 1995. Edle Outfits machen dich zum Menschen. Edler Zwirn. Edle Fasern. 1914 wie 1995. Die Hülle machts. Der Inhalt ist egal.

Freksa-Hesse-Kracht. Ein sehr interessanter Dreiklang 2019.

 

Grüße aus der Vergangenheit

Herbstblues. Melancholia.Melencolia I (B. 74; M., HOLL. 75) *engraving  *24 x 18.8 cm *1514

Neulich saß ich in der schönsten Stadt der Welt in meinem ehemaligen Kinderzimmer und starrte eine ganze Weile ins bunte Kastanienlaub auf der anderen Straßenseite. Der Denkomat sprang an. Wie von selbst:

„Vor unserm Hause da steht ein Baum…“(4PS)

Das ist schon fast das beste an der Wende gewesen: Knapp 10 Jahre lang war die Stadt zur „Modellstadt“ erklärt worden. Der westdeutsche Bürgermeister kannte die Fördertöpfe und so wurde ein Backlash der Spitzenklasse möglich. Große Teile der Altstadt konnten dem Verfall entgehen. Das Bürgergartenviertel konnte wieder auferstehen.

Meine Straße ist davon der Rand. Hier existierten seit den späten 30ern nur eine bebaute Straßenseite mit ordentlich gepflastertem Rundbogentrottoir, Bordsteinkante und – Feldweg. Auf der anderen Straßenseite nur 2 Häuser und Schrebergartenparzellen. Bis 1967. Da vollzog sich eine Masseneinweihung von 10 neuen Einfamilienhäusern, was auch zur Asphaltierung des Feldweges davor führte. Die alte Seite hatte in den 30ern auch Kastanien gepflanzt bekommen, die 1967 auf den 1.Klässler von der neuen Straßenseite wie monumentale Bäume wirkten. 1-2-3-4-Eckstein, alles muss versteckt sein. Deckung gebend in Dakotakriegen oder Partisanenkampf, je nach zuvor gesehenem Ferienprogramm. Leider gingen sie in der Folgezeit Stück für Stück ein. Bis sie zu Beginn der 80er alle verschwunden waren. Das Schicksal schien mir meine Erinnerungsfixpunkte rauben zu wollen.

„Wie ein Baum den man fällt – eine Ähre im Feld….“ Reinhard Mey einmal mehr.

Bei einem Besuch 1993 in der alten Heimat standen plötzlich wieder Kastaniensetzlinge (10-15 Jahre alt) in stützenden Dreibeingestellen auf der Altbau-Straßenseite. Als die Gestelle ein Jahr später beseitigt waren, sah es wieder so aus, wie 1967. Mein Collie markiert nun 30 Jahre später wieder Bäume, wie einst unser „Timpetu“, der Fox-Terrier mit den vielen Namen.

„Steig ich in meine Kinderzeit hinab (…) steigt auch ein Hund aus seinem Grab….“

Komme ich in die schönste Stadt der Welt, komme ich auch in eine andere Zeit. Obwohl das z.B. im klinisch restaurierten, aber -geschäftlich betrachtet- toten Stadtzentrum von Mal zu Mal schwerer fällt. Auf dem Markt ist mittlerweile jedes zweite Haus ein Restaurant.

Buchladen, Spielwarenladen, Eisenwarenladen (mit Modellbauzubehör), Kunstgewerbeladen, Weinhandlung – alles Vergangenheit.

Da war immer Kohlmann auf dem Markt. Die gesamten 40 Jahre der DDR-Zeiten hindurch. Und auch 15 Jahre danach noch unter anderem Namen. Buchladen mit Antiquariat. Heute ein Immobilienbüro. Kahle Auslagenfenster. Trist.

Dort befanden sich an der gesamten rechten Wand jene 4 Schränke, die Auskunft gaben über Zeiten, die vor der meinen lagen und die mich lehrten, dass jede Zeit ihre besondere Denkweise hat.

Wer weiß, ob nicht in 6 oder 7 Jahren ein alter bärtiger Mann das Maklerbüro betritt, sich der kahlen rechten Wand zuwendet und die „aldn Biechor vermissn duud“.mde

„Se ham woll nüschd mehr reinjekrichd?“

„Äh. Sie wünschen?“

„Hier habch ma Felix Dahn jekooft. Da warn Sie bestimmt noch nich jeborn.“

„Ach Sie meinen den Buchladen?“

„Na mir rädn doch nich vom Bäggor!“

„Den gibt’s nicht mehr.“

„Rede gehne Scheise Jungchen. Das war hier ümmor Buchladn. Nach meinor Bio-Prüfung damals siemsipptsch habch hier Sievers „Afrika“-Völkerkunde an Land jezochng. 1903. Halbleder. Dreißch Morg Ost.“

„Ich kann Ihn’n Haus verkoofm, aber keene Büchor.“

„Brauch’ch nich. Habbch schone. Wennse ma ne Gesamtausgabe Rückert reinkriechn, denkng Se an mich.“ Ohne eine Adresse zu hinterlassen verlässt der Weißbart den Laden.

Der verwirrte Alte fällt im Rentner-Nest N. an der S. nicht weiter auf. Die wenigen noch Firmen betreibenden Vertreter jüngerer Jahrgänge sind derlei demente Erscheinungen gewohnt und somit im Umgang mit ihnen trainiert.

Gottlob, noch ist es nicht soweit! Ich wechsle also aus der nahen Zukunft zurück in die ebenso nahe Vergangenheit des Ladens:

Lesehungrige, historisch interessierte Freaks konnten hier zahllos Beute machen. Bestseller vergangener Zeiten, (Wie oft hatte ich Frenssens „Jörn Uhl“ in der Hand, um es dann doch nicht zu kaufen?) und seltsame unbekannt gebliebene Hinterlassenschaften der Haushalte all der nun wegsterbenden, dagebliebenen Offizierstöchter und Kriegerwitwen beider Weltkriege in den Gründerzeitpalais am Bürgergarten: „Manitous Welt versinkt“, „Kifanga“, Jack Londons „Vor Adam“, Hesses „Gertrud“. Für mich Lesenuggets am laufenden Band.kleinIMG_20191117_005845.jpg

Bekauft hab ich mich selten, wird mir bewusst. Mein Auge streift vom Fenster weg über die Regale der beiden Bücherschränke, die einst meine Schätze bargen, inzwischen aber nur noch Dagelassenes bzw. Ausrangiertes von Vater und Bruder enthalten. Mein Blick bleibt an braunem Leinen hängen. Ein unscheinbares Bändchen mit verblichener Goldschrift. Tatsächlich! Er ist noch da! Der Bekauf des Jahres 1983. Das Buch hieß „Wanderer ins Nichts“. Es stammte aus dem Jahre 1920 und kostete mich 7.- M., wie noch im Innendeckel steht.

„In Berlin saß Freund Spartacus auf den Dächern und schoss mit Flinten, Pistolen und Maschinengewehren. Die revolutionsgeübten Berliner Bürger drückten sich eng an die Mauern der Häuser, von denen aus die exzessiven Volksbefreier ihre Politik lebhaft betrieben…“

Herrschende Lehrmeinung war das schon mal nicht. Was so effektvoll, lakonisch beginnt, schrie danach, gekauft zu werden. Ich hatte Harry Domelas „falschen Prinzen“ gelesen und hoffte auf Nachschlag.

Reinfall. Drei Seiten weiter ist Schluss mit Action. Es beginnt ein laaaanger Bericht eines lebensmüden Schnösels, der an seinem Reichtum leidet. Ich stellte das damals nach ca. 20 Seiten beiseite und vergas es bald.

36 Jahre später halte ich es nun wieder in der Hand. Blättere, stoße auf eine Stelle, in der die Münchner Künstlerszene beschrieben-, ihre weltfremde Dekadenz geohrfeigt wird. Inzwischen war ich selbst in Bayern. Wenn auch nicht in München. Was mich 1983 nicht hätte anheben können, interessiert nun doch ein wenig. Zumal der Ich-Erzähler mit dem „Automobil“ dorthin gelangte. Scheinbar von Berlin aus und noch ganz ohne Autobahn. Auf einer anderen Seite entrollt der Ich-Erzähler seinen Plan vom Freitod mit geöffneten Pulsadern in der Badewanne. Prompt fällt mir dazu Ambros ein, dessen „Heit drah i mi ham“ ich damals auch noch nicht kannte. Da scheinen inzwischen also Anknüpfungspunkte für Eigenes nachgewachsen zu sein. Ich packe den „Wanderer“ ein und beschließe, ihn nun doch lesen zu wollen. 36 Jahre später.

Und so kam es, dass aus dem Bekauf von einst meine ganz persönliche Lesesensation 2019 wurde!

The Chinaski-Years

Gestern wieder all diese Bilder im Fernsehen…

Ich war 29, im selben Alter wie die, die da seit Sommer89 über die Bildschirme flimmerten, wenn sie Österreich erreicht hatten, wenn sie Botschaftszäune in Prag erklommen, wie sie auf Feldbetten in Auffanglagern und Turnhallen interviewt werden – kurz die die Bilder erzeugten, die heute die Ikonographie der Wende sind.

Schadenfroh sah ich dem Phänomen zu, wie da ein Staat seine Jugend verlor. Und gleichzeitig empfand ich absolute Fremdscham über all diese hypernaiven Antworten, die die Interviewten da in die Kameras bellten. Wie musste das auf Leute „drüben“ wirken, die unsere Stagnationserfahrungen nicht kannten – und auch gar nicht wissen wollten?

Innerlich war ich, wie alle um mich rum längst weg. Die dümmliche Indoktrination der Propaganda, die erlebte bürokratische Unbill der Stagnationsjahre, spätestens seit Gorbis Machtantrit, hatten ganze Arbeit geleistet. Der Staat hatte verkackt. Mit den stonewashed Vokuhilas hinter den Botschaftszäunen konnte ich mich dennoch nicht identifizieren. Ich wäre nie gegangen. Gründe hätten meine Frau und ich genug gehabt, bzw. erlebt. Aber wir waren beide Realisten und unterschätzten die Schwere eines Neustarts im unbekannten System nicht. So kam nun der Neustart zu uns.

1990 steckten wir – ohne es zunächst zu merken, zwischen Scylla und Charybdis.

Kommt die schnelle Einheit, dann brechen die maroden DDR-Betriebe zusammen und Massenarbeitslosigkeit muss die zwangsläufige Folge sein. SEDler sprachen das aus und wurden mit dem weitverbreiteten Bonmot jener Zeit „Haut ab, ihr roten Schweine!“ in die Schmollecke geschickt. Als es dann eintraf, waren die glühenden Antikommunisten von 90 plötzlich wieder Klassenkämpfer, die ein paar Erinnerungstrümmer aus dem Stabü-Unterricht exhumierten.

Wäre die Einheit nicht gekommen und wir hätten unter einem Staatschef aus den Reihen des Neuen Forums weiter gewurstelt, hätten wir bitter durchleiden müssen, was sich hinterher ebenfalls zeigte: Die hatten kein Alternativkonzept! Die wollten Reisefreiheit und ein Ende der Zensur. Wirtschaft war für diese Undergroundüberlebenskünstler des noch nicht renovierten Prenzelberges und der Akademie der Künste ein Fremdwort, wie für uns auch. Und die hätten schon gar nicht zaubern können, so dass per Fingerschnipp unsere Grundnahrungsmittel besser verpackt hätten mithalten können mit all den Westimporten, die plötzlich in den Kaufhallen standen.

1990 war das Jahr des Rausches. Alles schien zu gehen. Vorfreuden wurden noch nicht durch heraufziehende Existenzängste gebremst. Aufholkäufe. Langersehnte und eigentlich für unerfüllbar gehaltene Erwerbungen wurden überall getätigt. Was für Volkmar und mich die Schallplatten, waren für Udo urplötzlich Videorecorder und Actionfilme, für Sperber-Thommy Reisen und Christian war vorerst im Westen verschollen. Als ich im Freundeskreis meine ersten Westberlin-Käufe verkündete, reagierte Thomas mit der Frage: „Ton Steine Scherben – Wer war das nochmal?“ Ich war baff. Jahrelang hatten wir zusammengesteckt und bei Sabinchen Platten gekauft bzw. aufgenommen. Wir hatten dort die „Auswahl I“ und die „Scherben“ von TSS INHALIERT! Volkmar hatte die beiden ersten Rio-Alben besorgen können, die wir dann alle auf Band hatten; bis gestern hätte jeder von uns einstimmen können bei

„Wann? Wenn nicht jetzt! Wo – wenn nicht hier! Wie – wenn nicht durch deine Liebe! Wer – wenn nicht wir!“

„Auf dieser Insel ist nichts looooos! Hier wächst auf allen steinen Moooos! Hier sind die Zwerge riesengroooooß!“

Und nun fragt der glatt: Wer war das nochmal.

Ein entgeistertes „Hä?!“ war alles, was ich zustande brachte.

Die Episode hat sich bei mir eingebrannt. Sie war ein Schlüsselmoment: Stück für Stück drifteten wir von einander weg. Der intensive Freundschaftskontakt der 80er entglitt. Sporadische Besuche mit immer weniger Gesprächsstoff blieben übrig. Die neuen Hobbys meiner Kumpels interessierten mich nicht und mein Plattenwahn nervte sie.

Ich begann das zu vermissen. Es war nicht alles schlecht: In einer Mangelwirtschaft finden sich schneller Gleichgesinnte, die sich auf etwas, von dem – was da ist, besinnen. Tiefgründige Fachsimpelei ist somit leicht zu haben. Alle hören das Gleiche, lesen das Gleiche, sehen die gleichen Filme. In einer Überflussgesellschaft – schweigt zum Schluss jeder von etwas anderem, während er übers Wetter oder seine uninteressanten Urlaubsreisen small talkt.

So wurde Bukowski-Lesestoff Lebenselexir, passend zur Zeit: Die Chinaski-Years brachen an. Sie begannen in der Tegeler Bücherstube bei meinem zweiten Aufenthalt in Westberlin und endeten mit Bukowskis Tod und dem Erscheinen von „Ausgeträumt“ um‘ 95 herum.

Beim zweiten Trip fuhr ich allein. Vorweihnachtszeit’89. Per Bahn über Henningsdorf, Velten. Und weiter per Bus bis Tegel. Die Busbelegung entspannt und das Ding selber nicht mehr so voll, wie beim ersten Mal. Die Zöllner allerdings auch wieder mutiger: „Ihre Ausweise bitte!“

„Ey. Ick habmein ßuhause. Iha kennt mia doch!“

„Ausweis oder aussteigen.“

„Wattsollnditte! Jing doch bishea ohne!“

„Ich bitte Sie den Bus zu verlassen. Holn sie ihr Dokument. Dann könnse fahrn.“

„Wollta wieda wie früha?!“

„Sie steigen aus- eher geht’s hier nicht weiter!“

Im Bus anschwellendes Gemurmel. „Pfeif ab, Kunde! Wir wolln los! Steig endlich aus!“

„Ach ihr Zonies ihr!“ fluchte der Ausweislose und ging.

Ankunft in Tegel, schnurstracks bei „Wilson&Vogt“ vorbeischaun und Bensons „Living inside your love“ erbeuten, dann auf Buchladensuche gehen und mal testen, ob es im Westen wirklich alles gibt.

Retcliffe und Dwinger? Ich brauchte ein Weihnachtsgeschenk für Papa und hatte mir ein paar Autorennamen gemerkt, von denen er in der alten Heimat Bücher besaß. Ich hatte mir auch gemerkt, welches Buch auf seinem Nachttisch lag, als sie „zunn Schlusse wegmusstn“. Nur hatte er Jahre später dieselbe Story auch meinem jüngeren Bruder erzählt – aber mit einem ganz anderen Buch! Am besten also beide auftreiben: Dwinger und Retcliffe.

Es war ein nasskalter Tag. Sprühregen. Berlin doppelt so hässlich wie sonst. Ich betrat die Tegeler Bücherstube und fühlte mich sofort wohl. Ein kleiner beinahe kioskähnlicher Bau; voll gepfercht mit Büchern, sodass man sich kaum drehen konnte und zwei ältere Frauen mit so strahlenden, glatten Rentnergesichtern, belesen und durchgeistigt, hinterm Ladentisch.

„Kann ich helfen?“ (die eine).

„Ja, ich suche Sir John Retcliffe. Können Sie mir sagen, ob von dem nach 1945 was wieder aufgelegt wurde?“

Klapp. Die andere schlägt einen riesigen Katalog, Kirchenbibelformat, auf. „Wissen Sie einen Buchtitel?“

„Sewastopol.“

Die Suche beginnt.

„Vielleicht auch unter seinem richtigen Namen Götsche, Friedrich.“ Versuche ich zu helfen.

„Ja, ja, schaun sie sich mal derweil um. Wir suchen ihnen das raus.“ empfiehlt die Suchende, während die andere inzwischen Foliant zwei durchsieht.

Das braucht sie mir nicht zweimal sagen. Ich dreh mich weg und stehe vor dem Regal „B“.

Bahro, Rudolf; „Die Alternative“. Den hab ich damals (’77) in „Kennzeichen D“ gesehen. Dieser auf Anhieb sympathische, ruhig-freundliche ältliche Mann, der lauter vernünftige Ideen zu Reformen vortrug, gegen die man doch eigentlich nichts haben konnte – und der trotzdem dafür schwer büßen musste.

„Wir sangen für Bahro in Bonn und Paris; und nun sitzt er noch immer in dem Stasi-Verließ.“ (Pannach& Kunert)

Hm. Vorbei jetzt. Alles redet von der Einheit. Hat sich erledigt.

Bukowski, Wladimir. „Dieser stechende Schmerz der Freiheit“, auch das Kapitel schien nun vorbei. Ein inzwischen vergessener Dissident aus Moskau, der gegen Luis Corvalan ausgetauscht wurde. Ein Propaganda-Gau für die DDR, die behauptete, dieser Austausch sei eine Erfindung der Westmedien. Corvalan sei durch die Massen an Solidaritätskarten aus der DDR freigekämpft worden. Den Bukowski gäbe es gar nicht. Wir hatten ihn jedoch tags zuvor in der Tagesschau gesehen. 4 Tage später landete Corvalan in Moskau, Liveübertragung im DDR-Fernsehen. Simultanübersetzung seiner Dankesworte an Leonid Breschniew, dass er den Austausch ermöglicht habe. Alle Apparatschiks der DDR bis auf die Knochen blamiert. Seltenblöde Propagandaaktion, aber passend zu Renftverbot und Biermannrausschmiss.

Prägeerlebnisse von anno dunnemals.

Bukowski, Charles: „Das Liebesleben der Hyäne“ und 6 oder 8 weitere Taschenbücher.

Sabinchen hatte mir irgendwann mitte der 80er ein Westbuch in die Hand gedrückt.

„Lies mal. Das ist so einer wie Tom Waits.“

Gedichte. Deutsch. Freier Rhythmus. Irgendwie blöde. Die Inhalte zwischen nichts und gar nichts. Bis auf eins, in dem lauter Katastrophen aufgezählt werden – bis man umblättern muss –

„Doch eine keifende Frau im Treppenhaus ist mehr als ein erwachsner Mann verträgt.“

DIESE FULMINANTE LEBENSWEISHEIT prägt sich natürlich sofort ein.

Ich gab ihr damals das Buch unbeeindruckt zurück. Nun aber überlegte ich, weil da auch einige Short-Story-Bände standen: Wenn die Gedichte auch nix sind, vielleicht taugen die Stories was?! Ich dachte an Tom Waits, an Kerouac und an Algren, dessen „Mann mit dem goldenen Arm“ ich vor kurzem verschlungen hatte – und siehe da, das „Liebesleben der Hyäne“ schien ähnlich zu ….

„Hören Sie? Ihren Retcliffe oder Gotsche haben wir nicht gefunden. Tut uns leid. Vielleicht versuchen Sie es antiquarisch?“

„Danke. Ich nehm dann das hier.“

Ich seh, wie sich die Mienen der beiden Damen verändern.

Immernoch freundlich, aber schwer enttäuscht von mir, der ich doch ein Kenner alter Autoren zu sein schien, wagte die eine beim Eintüten doch die kopfschüttelnde Frage:

„Das soll’s sein?“

„Ja.“ grins ich etwas verschämt, wie ein Teenie beim Playboykauf.

Die Großen Drei

Die Großen Drei

Draußen im Nieselregen falte ich die Ränder der kleinen Tüte so zusammen, dass das Büchlein in meine Innentasche passt. Ich trau den Grenzern nicht, auch wenn die nu freundlicher sind als vor der Wende. Leibesvisitationen vielleicht nicht mehr. Aber Beschlagnahmungen aus Beuteln weiterhin nicht ausgeschlossen.

„Juchndfreund! Druckerzeugnisse! Das wissmor doch abor! Mauerfall hin oder her!“ und weg wäre ein West-10er!

Aber die Rückkehr läuft ab, wie beim ersten Mal. Keine Komplikationen.

The Works

The Works

Henry Chinaski ist schon eine Toppsau, so wie er schreibt. Harte Zustände – harte Sprache. Aber da ist eben auch ganz viel entlarvende Ehrlichkeit in Bezug auf die Existenzkämpfe kleiner Leute in einer Gesellschaft des schönen Scheins.  Lust auf mehr. „Das Liebesleben der Hyäne“ als Einstieg war für mich noch „american exotic“ pur; die anderen Story-Bände, die nach und nach Einzug hielten, illustrierten schon Schicksale, die sich um mich herum abspielten. Ich —  musste das nur lesen. Klassenkameraden von mir mussten das erleben. Ärmlich. Erbärmlich. In Deutschland.

 

30 Jahren her

„Wilson&Vogt“ hieß MEIN Kanaan 10 Tage nach dem Mauerfall. Ein kleiner, feiner Plattenladen in Berlin-Tegel, Nähe S-Bahnhof und Sparkasse oder Bank. Egal. Hauptsache auf, wegen dem Hunderter! Hätte sonst nur 40 DM besessen. Der Rest eines schwarz ertauschten Hunderters anno 1983! Es war mein erster Trip ins unbekannte Territorium der „Brüder&Schwestern“. 14 Tage nach dem 4.11.89, der soviel Hoffnung gebar, weil endlich die Masse sich zu erheben schien. Weil endlich der Perestroika-Turn vollzogen werden würde. All diese Rücktritte seit Oktober! Montags-Demos nun auch in allen Kleinstädten! DAS kriegen DIE nicht mehr gestoppt! Das kocht! Und die Rezepte kommen nicht vom Klassenfeind, also können sie nicht als Konterrevolution diffamiert werden. Selbst Markus Wolf gebärdete sich als Wendemacher mit Redebeitrag auf dem Alex und Memoirenschmöker im Buchladen…

Dass da die Mauer aufgegangen war, konnte noch niemand recht einordnen. Deshalb waren wir noch in etwa folgendermaßen drauf:

– Bleibt das so?

– Machen DIE bald wieder zu?

– Ein paar minderbemittelte Prolos krähen in Leipzig nach der Einheit!

– Krenz muss natürlich weg. Der Wolf im Schafspelz. Großmutter, warum hast du so große Zähne? Modrow muss an die Macht! Der wohnt im Plattenbau! Der hat den Kontakt zum Volk nicht ganz so verloren, wie das Altersheim von Wandlitz da!

– Oder eben gleich jüngere Leute, so wie Gysi, Brie, Gundermann…Gorbi-Kursler!

– Oder das Neue Forum! Aber die beharken sich gerade mit den anderen Bürgerrechtsvereinen. Schade um die Zeit. Da wuseln auch zuviele Traumtänzer unter den Machern rum.

– SDP? Das ist dummes Zeug. Das ist die Neuspaltung der Werktätigen in zweierlei Partei.

 

Der Ruf nach der Einheit war bereits da, aber noch begriffen wir nicht, dass es DAS gewesen war, was die Volksmassen WIRKLICH wollten.

Ich stand also noch völlig frei von kommenden Existenzängsten mit 140 DM im Portemonnaie und Kumpel Volkmar aus der alten Heimat an meiner Seite eines Samstags im November bei „Wilson&Vogt“ im Laden.

Lieber Leser aus dem Westen! Du, der du die vollen Läden ein Leben lang kennst, auch wenn du selbst dir eventuell auch nicht alles leisten konntest, was du hättest haben wollen – hattest du doch AUSWÄHLEN gelernt! Ich hatte für kommende Flohmärkte auch immer so eine „innere Checkliste“ im Kopf, wonach sich zu suchen lohnen würde – aber nun: In so einem Laden!

Error-Error! Was wolltichgleichnochmalschonimmer?????

Da war diese Aufstellerkiste: „DLPs zum Preis von einer!“

TonSteineScherben“Wenndie Nacht am tiefsten“gleichvorndran/danebenGeorgeBenson“Living inside your love“/soforthatteichbeideuntermArmaber/daneben warendieDeutschrockfächer/mit ReichelMeyKunzeMaurenbrecherMeineckeWesterhagen/ ZweiSchrittezumriesigen“JedePlattenur9,90Fach/ BlueÖysterCultFehlfarbenJaneKissHeartLouReedNeilYoungZeppelin… habenhabenhabenwill!….habe ich gesabbert? Gezittert? Keine Ahnung.

Erstmal die Fassung wiederfinden: TonSteineScherben, das Album hatte ich ähnlich kennengelernt, wie die Eloy (hier); genauso knisternd schrottig und natürlich auf KEINEM DDR-Flohmarkt auftreiben können. Die 80er aber waren Rio-Years. Seine Aufstands-und Entsagungshymnen passten ausgesprochen gut in die Zeit um’89.

Steig ein! Der Kampf geht weitaaaa!

Ich stellte fürs erste die Benson zurück, die kannte ich aus Prora. Eine Geschichte für sich. Auch die „Ewigkeit unterwegs“ vom Reichel trug ich 3 Runden durch den Laden, stellte sie wieder hin für „the career of the evil“ von Blue Öyster Cult, stellte die wieder hin für „Houses of the holy“, stellte die wieder hin für Reinhard Meys „20 Uhr“(MEIN PRÄGEALBUM!) Dummerweise für 23.95 DM, stellte es aber doch wieder hin, griff erneut zum billigeren Reichel und trabte schließlich mit TonSteineScherben (19.95) und der „Ewigkeit unterwegs“( 9.90) zur Kasse.

mde

Das Vinyl von damals hat nicht überlebt.

Mein Begleiter brachte die ganze Zeit am Lindenbergfach zu und rätselte, ob er als treuer, aber durchaus kritischer Langzeitfan die soeben erschienene „Bunte Republik Deutschland“ nehmen sollte oder doch die „Odyssee“, die er bereits auf Band hatte. Die neuere gewann. Das waren unsere ersten zweieinhalb Stunden in der Marktwirtschaft. Wir hatten uns hart kasteit, nicht alles ausgegeben. Wir schlenderten weiter. Umgeben von Ossis. Umgeben von zahlreichen „Wilson&Vogt“ Beuteln unter fremden Armen. Das Nachholkauffieber hatte nicht nur uns erfasst. Der Laden war rappelvoll gewesen und die Schlange an der Kasse zwar dank schneller Bedienung nur immer 5-6 Leute lang, aber konstant.  Die machten da den Umsatz ihres Lebens.

Wir hatten uns vorgenommen, kein Westgeld für Essen auszugeben, wenn der Hunger kommen sollte, fahren wir zurück.

„Gugge ma Muddi, hier gostn de Banahn zwee Morkvörzsch!“, rief es plötzlich vor uns. Fremdscham steigt auf. Schnell Straßenseite wechseln! Ich achte auf den Verkehr, beim Überqueren schau ich erst wieder nach Volkmar – der in eine Banane beißt! Aaaaargh!

„Nein! Nicht doch du auch noch!“

„Wirklich nur 2,40. Das musste jetzt einfach sein. Willste eehne?“

„Iiiih. Nee.“

Karstadt lockt.

Unten Buchabteilung: ob die Grenzer beim Zurückfahren noch Ernst machen mit „Keine Druckerzeugnisse!“ oder ob sich das auch erledigt hat?

Große Stephen-King -Pyramiden. Wer ist das? Daneben Perry Rhodan Berge. Irgendwas Utopisches. Kein Bedarf. Dritte Pyramide: Hohlbein „Hagen von Tronje“. Noch hatte ich jene STERN-Rezi nicht gelesen. Auch ihn ließ ich stehen. Dann stand ich eine halbe Ewigkeit an der Taschenbuchwand. Hach, das 2bändige Rocklexikon von Graves/Joos-Schmitz… aber teuer…. Schließlich stellten sich zwei Verkäuferinnen hinter mir auf, um einzuschreiten, wenn – aber ich blieb anständig. Stellte es wieder hin. Kasteiung die Zweite.

Platten-Etage 2.Stock (glaube ich).

Nochmal ein einstündiger Rundgang mit wechselnden Platten unterm Arm. EINE wollte ich mir dann doch noch gönnen. Aller guten Dinge sind dreie, entschuldige ich mich vor mir selber. Wieder trage ich allerlei durchs Karree, den Blick in die tiefer liegenden Regale gerichtet, denn dort lagen Pere Ubu New Model Army, Pixies, Philip Boa, die gerade auf DT64 im Parocktikum gepriesen wurden, bis ich relativ spät den Blick hebe und prompt vor einer Wand mit Reinhard Mey LPs stehe. Da: „20 Uhr“ – 17.90 DM. DAS nenn ich Schicksal!  Obendrein Sieger der Marktwirtschaft, weil fast 5 DM gespart! Schnäppchen!

mde

Wieder draußen schlendern wir zur Bushalte von heute früh zurück; vorbei an einem Zeitungswerbeaufsteller: die beiden Typen an dem Tischchen sehen uns natürlich den Ossi an und drücken jedem von uns einen „Nord-Kurier“ in die Hand.

„Kostet nüschd! Lest ma was Westliches.“ Volkmar haut seine in den nächsten Papierkorb. Ich nehme meine mit und bestelle zu Hause noch das 4wöchige kostenlose Probeabonnement. Lerne dann, dass für Tegel der Osten um sie rum, trotz dieser aufgeregten Zeit kein Thema ist. Praktisch nur Stadtteil-News ohne Wert für den Provinzler 100 km weit weg. Westmark für ein Abo hätte ich im Winter89/90 eh noch nicht gehabt.

Bei der Rückkehr werden wir völlig unkontrolliert durchgewunken. Keiner der Uniformierten will irgendwas sehen oder gar beschlagnahmen. Das macht Mut fürs nächste Mal:

Wenn DIE die Grenze oflassn, dann fährsde am 1. oder 2. Advent nochema: Vielleicht haben sich bis dahin die exorbitanten Umtauschkurse (1:10) beruhigt. Dann gehste och in Buchladen!

 

Fehler im System X

…die Barrikaden sind leergefegt…(T.Danz)

Silly-Saga (V; und Schluss)

 

1. Wendewirrwarr

Fast 5 Jahre zwischen „Februar“ und „Hurensöhne“

5 Jahre, die die Welt… in Taumel versetzten…; in Deutschland, in Russland, auf dem Balkan und am Persischen Golf.

Die frühen 90er sind in Ostelbien die Jahre, die viele als Befreiung, als Lebenshöhepunkt empfanden. Berufsmusiker der DDR jedoch nicht. Sie hatten allen Grund, in jener Zeit mit dem Schicksal zu hadern:

Im Herbst’89 sorgte abgesehen von den Leipziger Ereignissen vor allem ein Aufruf der Rockmusiker für Aufsehen, für Zivilcourage und somit für mehr politischen Druck:

Kritik am miesen Krisenmanagement nach der Grenzöffnung in Ungarn, Forderung nach Erneuerung durch Verjüngung der Machtzentrale Politbüro, her mit Glasnost und weg mit dem Demonstrationsverbot.

City, Silly, Pankow brüteten den aus und verlasen ihn vor ihren Konzerten.

Herolde – oder Zauberlehrlinge der Revolution? Zunächst ging noch alles in ihrem Sinne:

Die Stasi drohte mit Entzug der Spielerlaubnis.

Zahlreiche andere Musiker unterschrieben in wenigen Tagen. Schauspieler und Regisseure schlossen sich an.

Würde sich wiederholen, was 1976 mit den Unterzeichnern der Biermannresolution geschehen war?

Statt Einschüchterung und Mundtotmachung erlebte die staunende Republik den 04.11.1989!

Eine geschätzte halbe Million Leute sprach sich auf dem Alex selbst Mut zu…

5 Tage später war alles anders: Schabowski/Mauerfall/Begrüßungsgeld/… der bekannte Ablauf. (Goethe zum zweiten. „Wehe! Wehe! Beide Teile steh’n als Knechte völlig fertig in die Höhe!/Helft mir ach ihr hohen Mächte!“ Der aktivierte Menschenschwall schwappte nun in ungeplante Richtung und niemand konnte es abstellen.)

Deshalb Aufruf Nr.2 „Für unser Land“: Unter den Unterzeichnern nach wenigen Tagen fast die ganze DDR-Prominenz. Ein verzweifelter Versuch des Gegensteuerns, als „Wir sind das Volk!“ zu „Wir sind ein Volk!“ wurde. Das „Fenster, das (am 4.11.) in Deutschland aufgestoßen worden war“(Heym), flog krachend wieder zu und ging in Scherben. So dachte auch ich damals. Unterschrieben habe ich den Aufruf nicht. Die privilegierten prominenten Erstunterzeichner mussten sich vorwerfen lassen, selbst reisen gedurft- und Vorteile genossen zu haben, die sie der Masse nun ausreden wollten. Diese hatte eben erst Begrüßungsgeld geholt und die Auslagen Westberlins gesehen. Am 3 oder 4. Tag des Aufrufes unterschrieben Krenz und Schabowski – damit war die Aktion endgültig korrumpiert.

Somit waren die Fackelträger des Aufruhrs die Dummen. Die Revolution fraß ihre Kinder auch diesmal wieder. Zuerst und offensichtlich die Bürgerrechtler. Fernab von der Öffentlichkeit aber auch die Musiker. Für sie begann eine Durststrecke ohne Publikum, während alle anderen damit beschäftigt waren, Nachholkäufe zu tätigen, Anschluss an zeitgemäße Motorisierung zu finden, unbekannte Weltteile zu erschließen, gingen hochqualifizierte, diplomierten Berufsmusiker Klinkenputzen für die ganz-ganz miesen Jobs. Warum?

Auf den Straßen verrotteten die Trabis, dazwischen in Pappkartons Amiga-Platten aller Art.

Geschichtsloses Volk entsorgte seine Vergangenheit.

Konzertveranstalter, die Gastwirte der Kultkneipen, sagten Konzerttermine ab. Sie wussten, dass ihr Klientel jetzt anderswo beschäftigt war:

„Nie wieder Kremlrock! Von nun an nur noch Schdohns un’ Udo! Na gut … und Renft, falls die s’ch widdor zusamm’raufen sollten; sin’ja Helden.“renft-90

 

Es schien, als habe man statt der Folterknechte von Hohenschönhausen und Schwedt(Militärgefängnis) ausgerechnet die Musiker der Auslöschung preis gegeben.

Das Wasser stand ihnen bis zum Hals und darüber:

Schlagersänger, Popsternchen, Rockmusiker, – bisher im TV und auf den Live-Bühnen der Pressefeste der Republik zu Hause- fanden sich plötzlich wieder, als Kioskbetreiber oder sogar nur –aushilfe, als Anpreiser von Autoreinigungsmitteln auf Parkplätzen, als Fensterputzer…

…während zu Hause noch der DX7 oder die Gibson Les Paul vor sich hinstaubten, die man in den 80ern zu Schwarzmarktpreisen um die 20 000 Ostmark per Kredit (zusammengeborgt bei Freund und Feind) gekauft hatte; …. Die wollten alle noch ihr Geld!

Mancher wählte den Selbstmord, weil er diesen Absturz aus dem trügerisch privilegierten Künstlerhimmel nicht ertrug.

Andere gaben später zu, mit dem Gedanken durchaus umgegangen zu sein

(„Du hast jetzt einen von 3 Auftritten in diesem Jahr – du fährst 300km zum Veranstaltungsort – dort erwartet dich Halbplayback – allein auf der Bühne – wo früher eine Band hinter dir stand. Du bekommst 500 DM – bist 35 Jahre alt – kannst deine Familie nicht mehr ernähren … fahr da vorn vor den Brückenpfeiler… Tempo 130 dürfte reichen und Ruhe is’.“ Radiointerview mit? Rate mal! Wem traustes zu?)

Nichts hatte sie auf diese Situation vorbereitet. Sie waren die Paradiesvögel der Republik gewesen. Superinstrumentalisten ohne Ahnung vom geschäftlichen Prozedere. Denn erstens lebten sie ja in der Planwirtschaft und zweitens wurden sie durch die Konzert-und Gastspieldirektionen ferngesteuert.

Dann war da noch die Hoffnung, nun marktwirtschaftlich an Umsätzen für Plattenverkäufe beteiligt zu werden. Aber dazu gehört, dass man Platten eben auch verkauft:

Nachfrage nach Ostrock – null. 1990…1991…1992…1993

Was ist mit den Rechten an Songs auf alten Amigaplatten? Die müsste man doch zurückerhalten, um damit selber auf die Suche nach einem Vertrieb gehen zu können:

Nix da! Das Gesamtpaket Amiganachlass wurde mehrfach verhökert… immer der, der gerade verklagt werden sollte, besaß es schon nicht mehr.

Das hinterfotzigste Verhalten legten die Rundfunksender Ostdeutschlands an den Tag: Wenigstens Gema-Einkünfte für das eine oder andere gesendete Lied wären vorstellbar gewesen, Osthörer hätten gewiss nicht weggeschaltet, wenn ein Pankow-, Kerth- oder Lift-Song gelaufen wäre, obendrein hätte man die Ostidentität damit ein wenig streicheln können – aber die Sender waren nun in der Hand von West-Intendanten, und die wiesen an: Keine ehemals staatstragende Kommunistenpropaganda! Und das betraf einfach alle, die nicht abgehauen waren.

Musiker und Moderatoren kannten sich aus Vorwendejahren. Konnten da nicht wenigstens private Beziehungen helfen?

 „Kannst du uns in deiner Sendung nicht spielen?“

„Würde ich gerne! Aber die schmeißen mich raus, wenn ich das tue.“

Willkommen bei den freien Medien!

Klar, dass diese Art Erfahrung reihenweise die Troubadoure der „Revolution von gerade eben noch“ zurückverwies auf den „alten Meister“ PDS. Wenn überhaupt noch irgendwo musikalisch Geld verdient werden konnte, dann auf Pressefesten der „Jungen Welt“ oder Kundgebungen der Partei.

Und Silly?

Würden die den 5.Meilenstein in Folge erzeugen können?

Oder hatte auch hier die Identitätskrise zugeschlagen?

 

2. „Hurensöhne“ (Die Schwergeburt nach der Wende)

 

Von Jahr zu Jahr wurde erzählt, dass eine neue Platte in Arbeit sei. Von Jahr zu Jahr wurde aufgeschoben. Stattdessen erschienen die beiden Gundermann-Alben „Einsame Spitze“ und „der 7.Samurai“ mit freundlicher Unterstützung von Barton, Hassbecker, Junck und Resniczek. Sein Baggerfahrerimage, seine klar verständliche Sprache, sein Outfit in Fleischerhemd, Jeans und Jesuslatschen plus Resthaarzopf machten ihn zum Sprachrohr der Enttäuschten.einsame spitze

Und deren Zahl wuchs. Die Krise von 1994 stand vor der Tür. Die 5jährige Existenzgründerschonfrist lief ab. Die Pleitewelle der Existenzgründer von 1990/91 kam ins Rollen. Damit weitere Verunsicherung, ob es den eigenen Arbeitsplatz morgen noch geben würde. Das Heer der Verlierer nahm zu.

Unfähig zu Selbstkritik und ohne jedes Aufbaukonzept für den Osten prügelte die Politik lediglich auf die PDS ein und meinte, damit ein brauchbares Ventil für Ossifrust gefunden zu haben. Aber der Wind hatte sich gedreht. Die nassforschen Wendesprüche der Mehrheitsparteien zogen immer weniger. Eierwurf auf Kohl und Weizsäcker!

 

7ter Samurei„Unten in der Kanalisation, da üben schon wieder die Ratten Karate!“ (Gundermann)

Für die Konzerte stellte er eine eigene Band zusammen und gab ihr den damals provokanten Namen “Seilschaft“. Nebenbei half er nach wie vor bei Silly in der Textschmiede aus.

1993 stand dann das „Hurensöhne“-Album in den Läden und – – – enttäuschte.

Hassbecker bezeichnete es als das härteste Silly-Album. Kann man so sehen, wenn man schafft, die textliche Schwächelei zu verdrängen. Die Gitarrenparts klingen Steve Vai-, Satriani-like. Aber das Album hat keine Grundatmosphäre wie seine Vorgänger. Es ist eine ruppige Songsammlung.

Es gibt musikalische Perlen wie „bye, bye“ „Traumpaar“, „Hass(becker)“, „Neider“.

Besonders letztgenannter Track ist das Highlight der Platte. Da flackert die alte Meisterschaft auf!

Aber die Platte will zuviel belehren und zerfranst zwischenHurensöhne

Wiedervereinigungsschelte(Halloween) – klischeehaftem Antidrogensong (Rot wie Mohn) – Ökologischem Verantwortungsappell(Fliegender Fisch) – Kapitalismuskritik inclusive Selbstermutigung (Diebe, hinten vorn, Loch im Kopp, Kriminelle Energie) – Sehnsucht nach der nächsten Revolte(weit bis Nachhaus) und Schlagerschnulz(Hurensöhne, High Heels)

Teilweise sind die Texte von Tamara Danz selbst, wie auch schon auf der allerersten „Familie Silly“ LP. Tamara Danz kann schreiben. Besonders „Traumpaar“ und „bye, bye“ überzeugen.

Aber ihr passieren auch Texte wie „High heels“ und „Hurensöhne“. Wo soll Silly in Zukunft hin? Neben Bap und Stoppok oder neben Howard Carpendale und Rosenstolz?

Auch zwischen Auftreten und Aussage liegt nun eine Kluft.

Provokante Texte und exotisches Auftreten bildeten vor’89 eine perfekte Einheit.

In den nun angebrochenen Nachwendezeiten passen die neuen entsagungsvollen Inhalte erstaunlich schlecht zum durchgestylten Habitus: Die Band tritt auf wie das fleischgewordene Klischee von Megastars: wasserstoffgebleichte Mähnen, lange Mäntel, bling-bling an jedem unbedeckten Körperteil, dazu der Prunk der Instrumente – alles das scheint zu schreien:

Wir haben’s geschafft! Wir sind Millionäre!

Und dann singen sie „…seit ich nicht mehr mitlaufen will/brauch ich keine Schuhe mehr.“ Das kann bei Gundermann im Konzert funktionieren, weil es zu dem Typen passt. Und dort kommt so was in angemessenem Independent Schrammelrock herüber.

Aber die, die es hier aufführen, kleiden derartige Texte in Bombast und sehen eher aus wie Bülent Ceylan, wenn er die Millionärsgattin Anneliese spielt.

Und somit funktioniert’s halt nicht.

 

3. „Asyl im Paradies“ (Der 2. Versuch des Fußfassens)

 

ParadiesEin paar Jahre weiter, hat sich die Lage der Ostrocker allgemein verbessert. Vor allem die Sender im Süden der Ehemaligen haben eingelenkt. Radio Rockland in Sachsen-Anhalt sei Dank, die den Stein ins Rollen brachten…

1995 berappeln sich Silly erneut: Die „Paradies“ wird eingespielt. Nur ein paar letzte Mixe sind noch nötig, als Tamara zum Arzt geht… Krebs.

Im Frühjahr 1996 erscheint das Album. Eigentlich ist es deutlich besser als der Vorgänger.

Mit „Asyl im Paradies“, „wo bist du?“, „Instandbesetzt“, „Flut“ und „Vollmond“ enthält es 5 sehr gelungene Songs. Gänsehaut – wenn man bedenkt, wie es beim Aufnahmetermin bereits um die Sängerin gestanden haben muss. Erinnerungen an Freddy Mercurys Ende werden wach.

(Kompositorisch misslungen ist „Hut ab!“, schade um den Text. Skip. „Downtown“ käut thematisch wieder, was auf Bataillon d’amour schon besser abgehandelt wurde. Skip. Der Rest ist „ganz okayer Durchschnitt“.)

Wenn bloß der Song „Köter“ nicht wär‘. Ist das ein harmloses Liebesfrustabladeliedchen? Kann man so sehen. Aber: Als ich damals im Laden in die CD reinhörte, brach ich das Reinhören schon bei diesem Song ab und verzichtete auf die Anschaffung, denn:

Zeitgleich mit Tamaras Diagnose wurde die IM-Tätigkeit von Gundermann bekannt. Eine Doppelkatastrophe für das Silly-Gebäude. Aber die Art des Umgangs mit dem IM-Fakt ließ mich an Vernunft und Fairness zweifeln. Von Gundi war durch den Hype zuvor allerhand Biografisches bekannt. Er war ein verpeilter Idealist, ein notorischer Traumtänzer und Weltverbesserer und er erfüllte alle, einfach alle DDR-Klischees: Singender Baggerfahrer, davor Offiziersschüler, der geschasst wird, trotzdem in der Partei bleibt, ausgeschlossen und wieder aufgenommen wird … ein livehaftiger Gatt(Neutsch) oder Stanislaus Büdner(Strittmatter), ein Hannes Balla (aus „Spur der Steine“/Neutsch) – outfitmäßig „letzter Kunde“ – da fehlte bloß noch der IM. Er hatte Petzberichte geschrieben. Enttäuschte, eingeschnappte Kollegen aus der Tagebauzeit machten sich Luft; Schädigungen kamen jedoch keine ans Licht.

Die Petzerei lag Jahre zurück, dann erfolgte die lange Phase seiner couragierten Dichtkunst. (Ein anerkennenswerter Ausgleich früherer Verirrung, in meinen Augen.) Er rettete Sillys „Februar“-Projekt. Seine erfolgreichen ersten beiden Nachwende-CDs spülten harte Währung in die Silly-Kasse – und dann spucken sie ihm den Köter-Song vor die Füße?! Peinlich.

In jeder privilegierten Band musste einer mit der Stasi reden. Nach und nach wurden die Fälle bekannt. Nur bei Silly nicht. Tamara „konnte verblüffend gut“ mit dem Büttner von Amiga, bei dem andere Künstler auf Granit bissen, heißt es in Alexander Osangs „Tamara“-Biografie. Ist das schon die ganze Wahrheit? Sind Silly die einzige Band, die nie im Glashaus saß und deshalb mit Steinen werfen darf?

 

Zeit zur Klärung des Verhältnisses Gundi-Danz blieb nicht.

Am 22.06.1996 stirbt Tamara. Sie wurde 42 Jahre alt. Zwei Jahre später Gundi mit 43.

Silly hinterlassen zu diesem Zeitpunkt 5 Vorwendealben, 2 Nachwendealben.

Die Vorwendealben sind die stärkeren.

Soundtrack eines Jahrzehnts.

Zeitlose Zeitzeichen.

Historisch wertvoll.

 

Die Wiederbelebung der Band mit Anna Loos 2010 war mutig und wie sich zeigen sollte – falsch. Auf „Alles rot“ überzeugte wenigstens noch der Title-Track, der Rest – Karma hin oder her – hört sich an, wie der übrig gebliebene Ramsch, den seinerzeit eventuell schon Tamara verworfen haben könnte. Die Nachfolge-Platten fuhren Umsatzerfolge ein in der Unverbindlichkeitsliga eines Maffay oder der Puhdys.

Fehler im System IX

Silly-Saga (IV)

…und über uns taute das Eis…

1987 …1988 … 1989 Die Zeit der Finsternis. Des Aushaltens. Des nicht mehr von der Sowjetunion Lernens. Des Staunens über Gorbatschows Abrüstungsdurchbruch. Des „Laden“ Lesens. Des Kämpfens ums private Glück. Bürokratenschematismus kollidierte mit dem Wohl von immer mehr Menschen, das doch ursprünglich hätte Mittelpunkt sein sollen. Nun aber erlebst du, dass du um Familienzusammenführung sogar dann kämpfen musst, wenn alle Beteiligten innerhalb der „DeDeRetä!“ wohnen. Tröstend nur: Du bist nicht der einzige, der „im Strahl kotzt“.

Socialism, hypnotism, patriotism, materialism.
Fools making laws for the breaking of jaws
And the sound of the keys as they clink
But there’s no time to think.

Dylans „Street legal“ ging mir ins Netz und half weiter:

Sozialismus, Kommunismus, Materialismus, Bürokratismus

Sie nutzen Büros, wie andere Klos

Scheißen Phrasen und erklären dir:
Die Herrscher sind wir!

Sie heucheln Verständnis und fordern Bekenntnis

Und lachen dich aus, wenn du schreist:

Kein Platz für den Geist!

In den Institutionen, Kaderabteilungen, Kreisleitungen tat sich nichts. Sie waren am Ende mit ihrem Latein. Bemerkten, dass die Autoritäten schmolzen. Ahnten sie das Ende bereits? Sehnten sie es gar herbei, um aus ihrer eigenen Zwickmühlensituation herauszukommen?

„Ich denke, wie die, deren Begehren ich tagsüber höhnisch ablehne, um konsequenter Bonze zu bleiben. Die Gesetze sinnähmso!“

Die Zeit des Sehnens und des Ahnens. Es brodelte „von unten auf“. Das Phänomen der sprechenden Song- und LP-Titel nahm Überhand:

L'art de passage– eine Fusion-Jazz-Band namens L’Art de Passage veröffentlichte ihr instrumentales Debut – und es hieß: „Sehnsucht nach Veränderung“;

– ein ostdeutscher Leo Kottke namens Ralf Kothe nannte sein Debut „Regendurst“;kothe

– Pankow hatten den Titelsong ihrer nächsten Platte draußen, die da heißen sollte: „Aufruhr in den Augen“;

– Ines Paulke erregte Aufsehen mit „Hauch mir wieder Leben ein“;

– Frank Schöbel erzählte im Interview, dass ihm genehmigt worden war, Texte von Bernd Meinunger(BRD) für seine nächste Amiga-LP verwenden zu dürfen und sein Favorit auf dieser kommenden Platte wird sein, der Song „Wir brauchen keine Lügen mehr“;

 

Ein sterbender Staat komponierte sich seinen vielfältigen Beerdigungssoundtrack.

Aber von Silly vorerst kein Lebenszeichen.

Wie ein perfekt getimter Witz mutet es deshalb an, dass ein anderer altgedienter Berufsmusiker der DDR, Wolfgang Ziegler, zu dieser Zeit seinen größten Erfolg einfahren konnte mit dem Pop-Song: „Verdammt! Und dann stehst du im Regen! Und niemand hält dir den Schirm!“ Papperlapapp. Ist ja nur ein Song über ein angedrohtes Beziehungsende zwischen Mann und Frau … aber wir waren ja interpretieren gewohnt … also auch zwischen Staat und Volk … oder bald schon zwischen Künstler und seinen Fans?

schöneEine Instanz in Sachen Glaubwürdigkeit war zu jener Zeit der Liedermacher Gerhard Schöne. Er veröffentlichte ein Doppelalbum „Du hast es nur noch nicht probiert“ und meinte mit dem Titelsong, man solle doch den Convoy der Staatskarossen anhalten und den „alten Männern“ in diesen Autos die eigenen Tipps zum Besserregieren erzählen. Naiv? Oder war die Zeit dafür inzwischen reif?

„mit dem Gesicht zum Volke, nicht mit den Füßen in’ner Wolke“

Zupackender sang Gerhard Gundermann seine Debut-LP „Männer, Frauen und Maschinen“ ein, u. a. mit dem Song „Scheißspiel“.

„Das is’n Scheißspiel! Du und ich wir zwei, wir machen nich’mehr mit dabei!“gundi 1

Nun hatte die Bonzokratie endlich mal einen singenden Baggerfahrer gefunden, wie das ihre Kulturdoktrin seit den 50ern herbeteten, und dann sang der sowas!

Und eben DER sollte für Silly wichtig werden.

Zuvor aber schepperte es im Bandgefüge heftig. Das Besetzungskarussell drohte zur Zentrifuge zu werden, die die Band zerstört: 1987 tourten mit großem Erfolg ein Allstarprojekt unter dem Namen „Gitarreros“ durch die Republik: Dort lernte Tamara Danz Uwe Haßbecker, den Gitarristen von Stern Meißen, kennen.

Konsequenz: Wechsel des Lebensabschnittsgefährten. Silly hatte nun 2 Gitarren.

  1. Die Liaison Barton/Danz war Geschichte;
  2. Thomas Fritzsching (git) musste dem Neuen der Chefin die Soli überlassen und in den Hintergrund weichen, falls er überhaupt bleiben wolle. Er wollte, denn er war der eigentliche Silly-Gründer.
  3. Mathias Schramm (bg) bekam sein Alkoholproblem nicht in den Griff und wurde durch Jäckie Reznicek ersetzt, der wiederum von Pankow abgeworben wurde…

Hauptgefahr jedoch war, dass Ex-Lover Barton(keyb) nun die Band verlässt und damit das „Unternehmens Silly“ ohne den gewohnten musikalischen Kopf dasteht und sich in stilistische Abenteuer stürzt, von denen keiner sagen konnte, wie sie ausgehen würden.

Er blieb. Die Erfolgsgeschichte konnte weitergehen.

Zweites Halbjahr 1988 sollte eine neue Platte eingespielt werden.

DT64 gab preis, dass diesmal die komplette Produktion im Preußen Tonstudio in Westberlin stattfinden sollte. Westniveau! Was damals verschwiegen wurde:

Die Ariola trug die Kosten. Versprach sich also Gewinn. Die DDR musste lediglich „ihren“ Künstlern den Aufenthalt beim Klassenfeind gewähren und könnte von den eingespielten Devisen profitieren. Warum sollte nicht klappen, was sich bei Puhdys und Karat längst eingespielt hatte?

Eines Abends im Februar 1989 saß ich ganz weit hinten in der Absolventenverbannung an der polnischen Grenze und hörte Jugendradio DT64: Zunächst Uraufführung des Songs „Verlorne Kinder“. Und wie so oft bei neuen Silly-Songs stand ich  vor der Frage: DIESE Platte soll es in ein paar Tagen ganz normal im Plattenladen geben??????

Dann Tamara-Interview:

„Eure neue Platte heißt Februar. Warum? Weil Sie im Februar erscheint?“

„Nee. Weil der Februar der letzte Wintermonat ist!“

Was für eine Antwort in dieser mit Sehnsüchten überladenen Zeit!

(Ja, dieser ewige Winter musste nun bald ein Ende haben. Es musste etwas geschehen. Was genau – wusste niemand. Probleme gab es zuhauf. Eingebildete und tatsächliche. Typische DDR-Alltagsprobleme auch, über die man heute nur den Kopf schütteln würde. Desgleichen die Ideen zur Abhilfe. Wahre Illusions-Olympiaden beim abendlichen Delikat-Wein im Freundeskreis. Mehr und mehr Uneinigkeit über den wünschenswertesten Kurs. Einig war man sich bald nur noch in der Unzufriedenheit gegenüber „den alten Männern“. Die Leipziger Montagsdemos wandelten sich gerade vom „wir wollen raus!“ der Ausreiseantragsteller zum „wir bleiben hier!“ der Reformwilligen… „Wir sind das Volk!“ ließ noch auf sich warten, aber – JA! der politische Frühling dämmerte herauf…)

Dann kam zur Sprache, dass nur noch 2 Texte von Karma sein werden, man sei künstlerisch nicht mehr auf einen Nenner gekommen; (Die also auch nicht!) nach dem Bruch habe die Band herumgehangen mit ner halbfertigen Platte, der die Botschaften fehlten. Dann wollte Rio Reiser einspringen – aber was der abgeliefert habe, hat Tamara nicht gefallen und dann – dann verkündete sie die Sensation des Abends: Bis auf die beiden Karma-Ausnahmen stammen alle Texte von Gundermann!

Noch musste man sich gedulden, man erfuhr an jenem Abend nichts über die Inhalte.

Es gab die Platte dann wirklich. Es stand auch kein Stasi-Scherge an der Ladentür und registrierte die Käufer. Die Zensur hatte sich verflüchtigt oder wollte sich „für später“ Pluspunkte schaffen. Der Zeitpunkt, an dem ALLE schon IMMER Widerstandskämpfer gewesen sein wollten, rückte näher.

Die Platte startet mit einer beispiellosen Ohrfeige in Richtung Staatsdoktrin: „Es geht ein Gespenst in der Mitropa um…“

Einst war es in Europa umgegangen – so wie es Marx als Einstieg ins „Kommunistische Manifest“ 1847 formulierte. Ein Zitat das jeder gelernte DDR-Bürger singen konnte, so oft, wie er damit behelligt wurde.

Nun war dafür nur noch die „Mitropa“ übrig. Das schäbigste, was man sich an DDR-Gastronomie vorstellen konnte, die Bahnhofskneipen. Hier versoffen die Angehörigen der herrschenden Klasse ihre Löhne. Aber selbst hier unten ging nun wieder dieses Gespenst um und beseelte sogar diese Chlochards mit Gorby-Hoffnungen. „Es blühen die scheintoten Bäume“. Wenn selbst die Säufer der Mitropa anfangen die Russen zu loben – geht da noch was?

Dann gleich die nächste Sensation: „Der Wohnblock liegt im Park, wie ein böses Tier/wo sie zu Hause sind – wo sie zu Hause sind …die hellen Fenster locken, mit so gelbem Licht/sie aber wissen/diese Fenster wärmen nicht! … die verlornen Kinder von Berlin …“

– Adieu kitschiges Klischee von der heilen Welt der Hausgemeinschaften in den Plattenbausiedlungen.

– Adieu erfolgreiche sozialistische Erziehung – auch du konntest Jugendverwahrlosung nicht stoppen.

Nächster Song: „Alle gegen einen“. Man bekommt einen Stierkampf beschrieben vor johlender Masse. DDR typisch? Hä?

Aber ja doch! Der Stier ist der einzelne, der mit dem Kopf durch die Wand will. Der sich trotz Natur gegebener Körperkraft aufs Rote Tuch lenken lässt, so dass die Kraft vergeudet wird; der Torero piesackt mit den Speeren (= mit den dogmatischen Fragen und Phrasen in den Kampfdiskussionen der Parteilehrjahre) – und der Meute ist eigentlich scheißegal, wer von beiden drauf geht. Hauptsache Blut fließt. Sie schließt sich dem Sieger an, so oder so.

– Adieu progressiver Kollektivgeist!

– Adieu sozialistische Persönlichkeit!

SOS: …immer noch brennt bis früh um 4e in der Heizerkajüte Licht/immer noch haben wir den Schlüssel zu der Waffenkammer nicht!… Im Februar 1989! Auf Jugendradio DT64 gespielt! Die Mauer stand noch! Selbst Ungarn war noch dicht!

Gar nicht mehr nötig, darauf hinzuweisen, dass mit dem Licht in der Heizerkajüte Bezug genommen wird, auf ein berühmtes Propagandagedicht der 50er Jahre: „Im Kreml brennt noch Licht“(Stalin schläft noch nicht) Eben, eben. Poststalinismus ist auch Stalinismus. Denn sag bloß nichts Negatives über Erich! Die Vorfreude auf die Waffenkammerschlüssel tat’s auch.

Aber damit nicht genug. Die A-Seite hat NOCH EINE Sensation in petto: „Über ihr taute das Eis“: Eine Selbstmordbeschreibung! Ein Tabubruch mit bisherigen Vorschriften über optimistische Unterhaltungskunst. Die Tatsache, dass es sich um ein weibliches Opfer handelt und dies einer der beiden Karma-Texte ist, verführt aber zusätzlich zu folgender Assoziation:

Aus der „wilden Mathilde“ (Mont Klamott) wurde „so’ne kleine Frau“ (Liebeswalzer), die von ihren vernachlässigten (oder abgehauenen) Kindern im Stich gelassen (Bataillon d’amour) nun den Schlussstrich zieht. Aber selbst hier entsteht kein Depri-Feeling, sondern sachte keimt ein Hoffnungsschimmer, denn „über iiiiiihr taute das Eis……“

Der andere Karma-Text „Alles wird besser(aber nichts wird gut)“ blieb ebenfalls zu recht auf der Platte, denn er nimmt seherisch vorweg, was kommen wird: Wer zuviel will, wird gar nichts kriegen, sondern arbeitslos in einem „Neuen Deutschland“ erwachen.

Der Traumteufel: spricht in 3 Strophen 3 drängende ungelöste Probleme an:

– drohender Atomkrieg aus abstrakten, sich verselbständigenden Gründen,

– Raubbau an der Erde aus nichtigen Gründen „für die Leuchtreklamen der Stadt“

– Waldsterben

aber „da weckt mich der Mann aus dem Radio/er küsst mich und kocht mir ein Ei/der Traumteufel flüstert adios mon amour/ und lässt mich FÜR HEUT NOCHMAL frei.“

Die Platte deprimiert nicht. Sie belebt. Die „Februar“ wirkt wie das rettungsverheißende Hornsignal der in Kürze erscheinenden Kavallerie, die die in Bedrängnis geratenen Träumer von der besseren Welt heraushauen wird.

Landekreuz, Männer wollen Frauen, Paradiesvögel sind im Grunde Liebeslieder – allerdings mit sehr schönen unkaputtbaren Metaphern. Ein Silly-Novum.

Landekreuz übrigens kann man als Antwortsong zu einem Track auf Gundermanns Debut-Platte verstehen: Dort gibt es ein „Trauriges Lied vom sonst immer lachenden Flugzeug“ (Wo soll ich hin, wenn mein Tank leer ist…) und Tamara antwortet nun: „wenn dein Tank wieder leer ist, dreh ab und rufe mich!“ Und beide zusammen sind thematisch „Großer Träumer(reloaded)“ sozusagen.

Der Sound der Platte ist den Vorgängern ähnlich und doch anders. Die technokratische Keyboardunterkühltheit ist geblieben. Aber da ist nun, wo der Haßbecker dabei ist, auch viel mehr Gitarre zu hören als früher.

Das Covergemälde zeigt die Band tief gefroren in einer Art Kühlhalle. Im Hintergrund ist die Tür geöffnet. Warmluft dringt ein. Die Rückkehr der Farben steht bevor.

der LETZTE Wintermonat

der LETZTE Wintermonat

Diese Platte war Sensation, ist Sensation, bleibt Sensation.

Schlussstein einer einzigartigen Karriere. Aktuell geblieben in all ihrer Vielfalt.

Die Meute will Helden siegen oder fallen sehn…

Traumteufels Probleme sind weiterhin ungelöst…

Die verlornen Kinder haben sich rasant vermehrt…

Also – „Alles wird besser, aber nichts wird gut.“

Was willste da noch schreiben?

Die Platte erschien. Kommunalwahlen. Fälschung offensichtlich. Ungarn plante ein Grenzfest für den Sommer … wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten.

Fehler im System VIII

In memoriam Pawel Kortschagin

(Silly-Saga III)

Die nächste Silly-LP: Würde der Hattrick gelingen? Aller guten Dinge sinder dreie? Aber was hat das diesmal alles zu bedeuten?

Bataillon d’amour? Wofür steht das?

Manhattan Transfer: Chanson d’amour – ra-tata-tata….

Waggershausen: Wir sind’n klarer Fall von touché d’amour…

Sind das die richtigen Assoziationen?

 

So oder so ähnlich muss es vielen gegangen sein, die diese Platte erwarben. Damals.1987.

dav

Es handelt sich um das erfolgreichste und missverstandenste Silly-Album.

Zugegeben: Schwierig, ein zweites Stagnationsalbum zu erschaffen, wenn sich doch seit dem letzten Album die Zustände nicht verändert haben.

„Der alte Fritz von Preußen reitet auf der Stelle los.“, Stillstand galt noch immer.

Der Umgang mit Silly in den öffentlichen Medien trieb jedoch neue Blüten: Ostsender und Zeitschriften gaben preis, dass ein gewisser Micky Meuser (BRD) mit Hand angelegt hat, das Album zu mischen, ja dass zumindest die Bänder zeitweilig in Berlin(West) im Preußen-Tonstudio zur Kur gewesen sind. Reichten unsere Amiga- oder die Rundfunkstudios nicht mehr? Pankow und City hatten fast zeitgleich ernstzunehmende Konkurrenzplatten ohne Weststudio hinbekommen. Was wie „Weltniveau erreicht“ klingen sollte, ging bei mir jedenfalls nach hinten los. Wer so viel erlaubt bekommt, musste Zugeständnisse machen, oder?

Und was bitte soll dieses „kein geringerer als…“ Jim Rakete schoss die Coverfotos. Woher sollte man den denn als Ossi kennen dürfen? Vom Nina-Hagen-Band-Cover etwa oder von Interzone? Ach so, nee, da gab es ja noch Nena und Spliff. Na herzlichen Glückwunsch, toi-toi-toi…

Damit schien die Band nun absolut arriviert.

Als das Album erschien, mochte ich es nicht.

  1. fehlten mir die sofort ersichtlichen Sensationen, die die beiden Vorgänger auszeichneten.
  2. Pankow mit der LP „Keine Stars“ und City mit „Casablanca“ verdrängten die „Bataillon d’amour“ schnell und dauerhaft von meinem Plattenteller.
  3. begann via Jugendradio DT64 der DDR eigene Underground bekannt zu werden: die Skeptiker, WK13, die anderen, Sandow … viel böser und unverblümter als die „Staatsrocker“,

aber am schwerwiegendsten schien

  1. Plötzlich mochten ALLE Silly; jeder Depp schwärmte von der „Bataillon d’amour“; die LP fand sich in Wohnzimmer-Schrankwänden zwischen Karel Gott und Frank Schöbel! – Ja, jetzt wo der Westen Interesse zeigte – da wurde die Silly-Platte im Osten für viele so etwas wie Ersatz-Mugge für unerreichbare Modern Talking!

 

Anna Loos bekennt heute in so ziemlich jedem Interview, dass sie damals 15jährig ihre erste Silly-LP kaufte und seither Fan war. Was mag sie damals aus den Texten herausgelesen haben? 15jährig, weiblich, blond?

 

Bataillon d’amour: Knutschen im nächtlichen Treppenhaus;

Josef und Maria: grabschen in der Bar,

Schlohweißer Tag: Ödnis nach der Liebesnacht;

EKG:  der überaus notwendige Song zur Reihenuntersuchung?

So vielleicht?

Die B-Seite machte gleich vollends einen zusammengeschusterten Eindruck:

Der Panther im Sprung rockt ja noch ganz gut los, aber sonst?

Mitten auf der Seite heißt ein Song „PS“, müsste der nicht ans Ende, wie es sich gehört?

Welche Funktion hat die abschließende Instrumentalversion des Titelstücks außer Zeit zu schinden?

Inzwischen jedoch fiel die Frucht der Erkenntnis:

Heute sage ich: Die Bataillon d’amour ist vielleicht sogar die böseste, nihilistischste Platte unter den Karma-Alben, denn:

Wie oben bereits erläutert gab es jene Delikat-Ex & Intershop-Haltung, die auswucherte, bei denen, die es sich leisten konnten und zu so einer Art „Möchtegern-Wessi-Haltung“ am Abendbrottisch führte: „Ist das hier Zonenwurst oder ist die aus dem richtigen Deutschland?“

Bei denen, die sich die überteuerten Waren nicht oder nicht regelmäßig leisten konnten, wuchs ebenfalls der Frust auf den angeblich andauernden „Sieg des Sozialismus“, der inzwischen auch in Mecklenburg gern sächsisch ausgesprochen wurde: Der Sozialismus siecht und siecht…

„Zone, Scheißosten, im Westen wär’das nicht passiert“ – war alltäglicher Tonfall.

Inzwischen kannte auch so ziemlich jede Familie jemanden, der Ausreiseantrag gestellt hatte.

Die Funktionäre wurden zunehmend kleinlauter, lobten Gorby, um in der Masse noch einigermaßen Anklang finden zu können, zuckten aber mutlos mit den Schultern, wenn man sie fragte, wo denn der Reformkurs bliebe…

Klammheimlich verschwand ein Standartwerk der Pflichtliteratur aus dem Unterricht:

Nikolaj Ostrowskis „Wie der Stahl gehärtet wurde“ mit dem Haupthelden Pawel Kortschagin.

Jener Kortschagin wurde jahrzehntelang den 8.Klässlern als Musterbeispiel des „neuen Menschen“ angepriesen, der in den Revolutionswirren kämpft und leidet, an den schwierigsten und armseligsten Baustellen des Sozialismus schuftet, Hungerjahre und Typhus erträgt und als blinder Invalide im Krankenbett mittels einer Gitterschablone, die er ertasten kann, noch sein erfülltet Leben schildert. Das ganze gab’s auch als Film.

Warum nicht mehr in den späten 80ern?

An der allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeit hielt man doch fest bis’89?!

Zweifel an der Machbarkeit hatte es vereinzelt schon vorher gegeben:

„feiern den Sieg der Revolution/die Amputierten auf der Station/…draußen spazieren sie lang/die neue Menschin – der neue Mensch/der sieht aus – wie er war!/außen und unterm Haar: WIE ER WAAAAAR!“ (Demmler/Renft; Nach der Schlacht; 1974)

Silly widmen diesem Thema die gesamte LP!

Wo sind alle Ideale von besserer Gesellschaft, Humanismus, Fairness hin?

Warum wuchern Egoismus und Frust so ungebremst aus?

WAS IST NOCH REFORMIERBAR?

Bataillon d’amour: Das ist KEIN Liebeslied! Das ist ein Euphemismus für den Front-(Stadt)-Puff! Du kommst mitternächtlicherweile nach Hause und siehst die kleine Tochter der Mitmieter da herumknutschen, „…sie ist kaum 13 Jahr und hat schon Nacht im Haar…“, also Untergang vorgegeben, Verwahrlosungsansatz, zu früh zum Freiwild geworden. Wer mag die Mutter sein? Die mit den schlaffen Titten, die selber laufend auf der Walz ist und die auf der „Liebeswalzer“ als „so ne kleine Frau“ besungen wurde? Also übt hier der Nachwuchs der „wilden Mathilde“ von der „Mont Klamott“?

Josef &Maria: Alter geiler Bock macht aufgedonnerte Mieze an der Bar an und blitzt ab; Normalzustand in den Tages- und Hotelbars in Berlin Mitte oder in Leipzig während der Messe …einsamer Geschäftsreisender sucht…. Abenteuerlustige Studentin machts für…

Nee, nicht für jenen dummen Josef. Der darf höchstens später das „unbefleckt Empfangene“ aufpäppeln… so einen lässt man erst ganz zum Schluss ran. Noch wartet man auf den „Panther im Sprung“.

Schlohweißer Tag: Auch kein Liebeslied „schau dich doch an/ das schleckt und schleckt sich die Pfunde ran“; alles ist zu leerem Ritual verkommen, nichts geht mehr…

EKG: apropos nichts geht mehr: wozu zu den Reihenuntersuchungen gehen, wenn bei immer mehr festgestellten Defekten nicht mehr geholfen werden kann (medizinischen Fortschritt gibt es keinen mehr – Dialyseplätze? Spendernieren? MRT-Geräte? Herz-Lungen-Maschinen…)

Ärztliche Hinweise auf maßvolleres Leben? Wofür denn? Für noch mehr schlohweiße Tage?

Dein Cabaret ist tot: Ein Cäbäräy wie im Liza Minelli Film? Kurz vor dem bösen Ende? Oder ein Kabarett? Was ist gemeint? Wessen Veranstaltungen sind mittlerweile so sinnentleert, dass man „keine Büttel mehr schicken muss, die das Gestühl zerschlagen? Wem wurde da der letzte Clown vom Zirkus abgeworben?“ Der neu eingeweihte Friedrichstadtpalast mit seinen protzig schönen kostspieligen, aber altmodischen Revuen könnte passen. Oder der Kessel Buntes, der in den 70ern noch gepfefferte Kabaretteinlagen kannte. Anfangs die 3 Dialektiker, dann nur ab und an eine Gastmoderation mit Pfiff, sorgte ein Vorfall Anfang der 80er für dauerhafte Kesselentschärfung: O.F. Weidling als Moderator in der Live-Übertragung noch vorhanden, wurde aus der Sendungswiederholung herausgeschnitten, weil er Missstände gar zu deutlich vor geladenen Funktionären der 1. Reihe angesprochen hatte. Was blieb, war eine Nummern-Revue („Aber lass mich trotzdem rein“) ohne Nachfrageproblem. Und die Gitarre weint herzzerreißend fein am Schluss und macht das Lied zum besten Song der Platte.

Panther im Sprung: Der Tanz auf dem Vulkan in der nächsten Umdrehung: Vorhin noch ist „Joseph“ abgeblitzt, aber nun hat’s einer geschafft „sie“ rumzukriegen. Sah er gut aus oder hatte er nur die besseren Mitbringsel dabei? „…und sein Drink ist pink/wie mein Haarshampoo/ und es schäumt auch soooo!“ War’s am Ende nur die alkoholische Vorbereitung, die den Tagesschein-Wessi im One-Night-Stand zum Stoß kommen ließ?

Ballhaus-Ballett: Gleich der Nachschlag zum angeblichen Weltniveau: „…hinter Blazern aus englischem Tuch/pulst das Wellfleisch satter Erwartung/vor dem kommenden Gottesfluch“ einmal mehr Devisen zahlende Gäste auf der Suche nach Beute fürs Bett. Dazwischen tanzt „black&white new wave noblesse“ die Schickie-Mickie-Szene der Hauptstadt, Messerformschnitt, Schulterpolster, Strohhut oder Schiebermütze, schmaler Schlips – die sich aufgewertet fühlt zwischen all den weltgewandten Besuchern, denen man mal später für 5 Mark(West) ein Taxi ordern darf.

„..and fashons its! Putten on the Ritz!“ Tacos One-Hit-Wonder klingt im Mittelteil kurz an.

Dann das Post Scriptum: Was muss da an Auseinandersetzungen zu Hause abgelaufen sein, wenn Tamara in dem kurzen stillen Liedchen Mutter und Vater um Verständnis bittet, sie sei doch kein abtrünniges Familienmitglied, sondern „bin wie du geworden…. Bin zu jung um schwach zu sein/ zu blind um aufzugeben.“

Vielleicht hörte sich die Vorgeschichte von PS ja so an:

„Kind! Wie du rumläufst! Wie du redest! Aus dir spricht der Klassenfeind! Warum machst du mit deiner Mischpoke unsere Sache so herunter?“

„Papa! Wir bringen in unseren Songs die Wahrheit ans Licht, die nicht in der Zeitung steht. Wir hoffen noch auf Reform! Du hast auch Parteistrafen hingenommen, statt zu kuschen, ich bin wie du.“

PS….Schlusswort….aber auch: Pferdestärke

Danach folgt „jeder“: DIE Abgehnummer der Platte („jeder ist wie jeder ist“) Fazit: Also macht halt jeder, was er will. Ein Schrei nach Freiheit? Ich halte mich da eher an Tamaras Gesangsstil bei diesem Song: So scheiße kann Individualismus klingen! Denn wenn jeder das macht, was er will, dann kommt das raus, was die vorangestellten Songs beschreiben.

Kleinen Mannes Sonnenschein ist ficken und besoffen sein.

Adieu Pawel Kortschagin. Hast umsonst geschossen und gebuddelt.

Willkommen im Etappen-Puff Ostberlin, wo sich die Frontkämpfer der Marktwirtschaft und die des nicht mehr wahrnehmbaren Klassenkampfes, all ihre Alltagstraumata abrammeln können, denn da wartet immer irgendwo eine Mit20igerin auf ne neue Westjeans oder’n 6er Pack 8×4 – oder am Ende gar auf einen Platz im Kofferraum.

….wortlose Reprise des Bataillon d’amour-Themas … das Treppenhaus ist leer…und aus.

(Nachtrag zu den Coverfotos: Jim Rakete scheint mir hier sehr clever Parallelen gesetzt zu haben: Da ist zum einen jener bedenkenswerte Rote Strich (oder die rote Linie, die es NICHT zu überschreiten gilt?) Das Tamara-Portrait in Gänze auf der Frontseite erinnert an Heiner Pudelkos Portrait auf dem Interzone-Debut und damit an eine weitere seeeehr böse (west)berliner Platte, die Rückseite erzeugt in der Kontrastierung Untergangsstimmung – Götterdämmerung.)

 

Fehler im System VII

Ein Liebeswalzer in den Kohlegruben der Stagnation

1984: Die neue Silly-LP „Auf unbefahr’nen Gleisen“ und eine gleichnamige Tour waren angekündigt. Plakate hingen bereits – blaugrau, in seltsamer Wasserleichenoptik.

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Eine Tour nach einer LP zu benennen war ein weiteres Zeichen für heimliche Verwestlichung. Die Dauertourneen der Ostrockbands hatten bisher keine Namen.

„Die Ferne“ lief im Radio und gab einen Vorgeschmack auf das Album, was die Hoffnung auf ein weiteres großes Werk nährte. „Die Ferne ist wo ich nicht bin/ ich geh und geh und /komm nicht hin…“ Erklärung überflüssig. Nur Verwunderung, wie das die Zensur hatte passieren können. Warum durften Silly scheinbar alles?

Andere Bands bekamen für weniger brisante Ideen Schwierigkeiten und gaben genervt auf:

 

– Hansi Biebl stellte Ausreiseantrag nach 2 erfolgreichen LPs und im Streit um eine Dritte,

– Hans-Jürgen Neumann (ehemaliger Karat-Sänger) hatte mit Neumis Rockzirkus absolut unpolitische Showerfolge feiern können und gab nach der 1.LP ebenfalls per Ausreiseantragstellung auf,

– die Hardrock Band „Magdeburg“(ehemals „Klosterbrüder“, was zwar nicht englisch aber zu „religiös“ war und deshalb zur Umbenennungsnötigung führte) hatte die Dauergängelei satt und stellte einen kollektiven Ausreiseantrag,

– Karussell fuhren zu sechst auf Westtournee und kamen nur zu viert zurück,

– Ute Freudenberg und Elefant „vergaßen“ ihre Sängerin in Hamburg,

– Bayern 3 meldete, dass ein neuer Songwriter namens Holger Biege für seine 1. LP (im Westen) einen Kritikerpreis erhält – der war vorher mit 2 sehr erfolgreichen LPs der Elton John(Ost) und hatte mit seinem Wunsch nach Genehmigung eines Doppelalbums bei Amiga auf Granit gebissen. Nun war der also auch fort.

 

Und Silly eilen von Rekord zu Rekord?

Sollten sie Aushängeschild einer problembewussten, „modernen“ DDR sein?

Seht her, wir lassen auch was zu! Glasnost brauchen wir nicht!

Jedenfalls wurden für sie Vinyl- und Pappe-Ressourcen reserviert, die andere nicht bekamen.

 

Was damals niemand erfuhr: Der Schallplattenindustrie fehlte Vinyl, die Lektorate mussten Ablehnungsgründe für LP-Konzepte erfinden.

Eine Wirtschaftsrevision 1981 in der Sowjetunion hatte an den Tag gebracht, wie es um die tatsächliche Wirtschaftlage der Supermacht stand. Jahrzehntelange Schönfärberei war aufgeflogen. Verzweifelter Rettungsversuch: Den Bruderländern wurde der Ölhahn halb zugedreht. Sie fuhren von nun an auf Verschleiß.

Weniger Öl bedeutete mehr Kohlebergbau: Die Niederlausitz und die Gegend um Espenhain, südöstlich von Leipzig zahlten den Preis: Abraumhalden, Dauersmog, Asthma, Hautekzeme.

Die traditionellen Chemiestandorte Leuna und Wolfen verrotteten bei laufendem Betrieb.

Noch aber winkten Honecker & Co von den Ehrentribünen, so als sei alles in Ordnung.

 

Ein Witz aus jener Zeit: Was bedeutet SED?

Das ist das Wirtschaftskonzept der DDR: Shop, Exquisit, Delikat.

 

Intershops, in denen man für Westwährung Westwaren bekam,

Exquisit-Boutiquen, wo man zu kräftigen Aufpreisen, aber in Ostwährung Klamotten kaufen konnte die (fast) westlich aussahen,

Delikatläden – wo es ebenfalls für kräftigen Aufpreis Westfressalien und –spirituosen gab.

 

Damit griff die DDR den Geldmengenüberschuss trotz zunehmender Versorgungslücken ab und Otto Durchschnitt hatte die Chance, sich ein bisschen Westglanz in die schwammige Altbauhütte oder in den zugigen Plattenbau zu holen.

Die verbliebenen Ostrocker lieferten den Soundtrack zum Sambalita-Trunk für die, die nicht 120 Ostmark pro Westplatte opfern wollten oder konnten. Westlich beeinflusste Musik, sehr stylische Outfits – das boten auch Puhdys und Karat. Spandexhosen und Haarspray hatten ihren Weg über die Mauer gefunden. Diese Bands blieben jedoch brav und bieder. Musik aus dem HO-Regal sozusagen, wie die preiswerten Weinsorten Rosenthaler Kadarka, Cabernet und Bärenblut. Silly hatten den textlichen Pfeffer zu bieten, sie waren Mugge aus dem Delikat. Gewissermaßen der Cotnari oder Murfatlar.

Das Orwelljahr ging hin. Der Nachfolger des „Mont Klamott“ ließ auf sich warten. 1984 erschien er nicht.

Die Platte, die 1985 dann in den Läden stand, hatte ein ganz anderes Coverfoto, als das bereits an Litfaßsäulen und in Bahnhofshallen klebende. (Lediglich die nekrophil ausgeblichene Färbung war geblieben.) Und sie hieß auch nicht „Auf unbefahr’nen Gleisen“, sondern irgendwie einfallslos „Liebeswalzer“. Das hört sich nicht gerade nach Sensation an. Immerhin – „die Ferne“ war tatsächlich drauf.

Track 1 blieb mir lange ein unverständlicher Brocken. „Psycho“. Irgendwie absichtsvoll auffällig in Anführungszeichen, wie Bowies „Heroes“. Klar kennt man Hitchcocks Film. Am Schluss wird auch auf ihn verwiesen. Aber das ständig wiederholte „Tausend Augen“ , „tausend Männer, die zu Kreuze kriechen“ – macht irgendwie keinen Sinn im Zusammenhang mit jenem Mutterleichenkonservator, denn der war ja immer allein.

Berliner Frühling. Anfangs auch kein Bringer. Eben eine Momentaufnahme aus dem Großstadtleben.

„Gullies werden leer gemacht vom Geröll der Winterschlacht.“ Augenzwinkern auf den immer noch martialischen Frontberichterstatter-Ton der Zeitungen trotz zu meldender Nichtigkeiten: Erntekapitäne, Ernteschlacht, Kapitäne der Streufahrzeuge, Kommandeur der Winterdienstflottilie, Helden der Arbeit usw. Das fiel einem ja schon gar nicht mehr auf.

Am Schluss die Zeile: „Und der Alte Fritz von Preußen reitet auf der Stelle los.“ Schon besser. Wohin? Auf der Stelle! Stillstand überall. Statt Weiterentwicklung Entstaubung von bis eben verfemten historischen Persönlichkeiten: Friedrich der Große, Martin Luther, Karl May…

Dann die Ferne; wunderbar klar in der Aussage: festgetackert in der größten DDR der Welt lugst du in die Ferne „mit deinem Doppelglas“. Kann ein Fernglas sein. Muss aber nicht. TV-Bildröhren hatten ebenfalls zweierlei Glaswände.

Dann die alten Männer.(…tanzen nicht mehr, mit müden Augen sehen sie her…) Karma prägt hier den Ausdruck für Politbüro, der volkstümlich werden sollte. Man kann den Song auch ganz harmlos auffassen, als geschmäcklerischen Generationskonflikt. Pankow werden ihn anfang’89 in ihrem Song „Langeweile“ drastischer wieder verwenden: „…zu lange die alten Männer verehrt“.

„Am Sonntag latschen wir zu zweit/die grünen Trampelpfade breit…“; was sich liest und anhört, wie ein verspäteter NDW Song, bringt am Schluss der ehemaligen A-Seite die ärmliche Alternative zum Vorschein, die dir bleibt, mit dem Stillstand klarzukommen. Das Idyll in der Nische.

Die Band 1985

Die Band 1985

Seite 2 kommt mächtig sexuell aufgeladen daher.

Liebeswalzer: „Ich bin so schwer von der Liebe/ich lass nie mehr von der Liebe…“ ist jetzt noch keine Sensation an sich. Wenn du aber das Video dazu siehst, mit der von hinten angeleuchteten Tamara, so ganz allein im Grau und an das Heroes-Video von David Bowie denkst…. Weiste Bescheid, Schätzelein! Und erinnerst dich vielleicht an „Schüsse reißen die Luft, doch wir küssen als ob nichts geschieht.“

Nester der Nacht! Tamara wieder ganz Marktweib „Deine kosmetische Kanüle dringt mir zwischen die Gefühle“ und als ob das nicht schon reicht geradezu überschnappend „…und holt mich heim-heim-heim in unser Reich!“ Ä-hm. Woher stammt nun dieser Wortschatz? Der Song heißt Nester der Nacht! Sensäjschänälll!

So’ne kleine Frau „… hat schon Kinder dreie und immer noch kein Glück….vom Zigaretten holen kam kaum ein Kerl zurück …“ Aber Kopf hoch. Frustriert sein gibt’s nicht. Weiterprobieren. Die wilde Mathilde von einst musste lernen, Konsequenzen zu tragen.

Das Thema wird im Titelsong der nächsten Platte und in „verlorne Kinder“ auf der „Februar“ noch zugespitzt. Zufall?

Abschließend aber kommt dann DER Sillysong überhaupt: Der große Träumer.

Man muss der Zensur richtig dankbar sein, denn ursprünglich hätte die Nummer einen ganz anderen Text haben sollen(siehe unten), weil aber geändert werden musste, kam hier keine schnelle Notlösung, sondern ein treffendes Zeitzeichen für die Stagnationsepoche heraus:

Der strauchelnde Weltverbesserer, der naive Berufseinsteiger, der ungeduldig die Perestroika Herbeisehnende – frisch gemaßregelt, wiedermal nicht zum Zuge gekommen mit gut gemeinten Vernunftargumenten – findet Trost in den Armen von Freundin oder Frau und tankt neue Kraft:

„Na du großer Träumer….hat dich die Meute wieder geschafft?…Wen hat dein lautes Lächeln gestört?… Machs an mir…ich verdau’s…solange ich weiß, für wen ich es mach. Geh! Großer Träumer geh!…wenn du meinst, dass deine Sehnsucht dich wieder trägt.“

Hier nun ist es an der Zeit vom Sound der Platte zu sprechen.

Hab ich die „Mont Klamott“ schon gelobt, ist aber auf diesem Nachfolgewerk absolut beeindruckend, wie viel Steigerungspotential da noch war. Einerseits ist vermutlich das Equipment ganz entscheidend aufgestockt worden. Die Arrangements strotzen nur so von eingebauten Geräuschgimmicks: „Gullies werden leer gemacht…“(Blubb-blatsch); oder dieser Hanclapeffekt, den manche Musiker so stupide einsetzen, dass es sich anhört als würde der Sänger rhythmisch geohrfeigt, der hier nur zum Einsatz kommt, wo die Textohrfeige bemerkt werden soll: Watsch! Haste das mitgekriegt?

Andererseits hat sich eine weitere Umbesetzung ergeben: Michael Schafmeier ist „gegangen worden“. Wohl eher nicht so sehr deswegen, weil er ein schlechter Trommler gewesen wäre, sondern, weil er unglücklicherweise der Sänger des „letzten Kunden“ war und die nun ernsthafte Band, den Rest des alten Geikel-Images loswerden wollte. Für ihn war Herbert Junck gekommen, Trommler der Hansi Biebl Bluesband und seit kurzem ohne Job wegen… (siehe oben). Junck gehört neben Hille, Behm, und ein paar anderen zu den Superdrummern des Ostens und wird auf der Plattenhülle ganz zutreffend nicht mit dem Kürzel (dr), sondern (perc) benannt. Er zeigt, wie phantasievoll vielfältig man ein typisches 80er Jahre Rumms-Drum-Kit einsetzen kann. Man hört der Platte an, wie viel Liebe zum Detail allein ins Arrangement der Drumsounds eingeflossen ist. Ich kann mir vorstellen, wie Barton und Junck noch im Studio zusammengehockt haben, wenn alle anderen schon feiern gingen, um hier noch ein bisschen Tambourineffekt zusätzlich draufzuspielen, dort lieber wieder ein bisschen den Rumms reduzieren, hinter jenen Vers dafür noch’nen einzelnen Extrawumm, eine Strophe weiter doch nicht so strait durchkloppen, sondern „Break!“ und absichtlich verschleppen – damit die Chose wirken kann.

Viel Arbeit, die fast umsonst gewesen wäre, denn wer die Bonustracks der heutigen CD-Ausgabe zur Kenntnis nimmt, kann ermessen, das 1984 doch noch ein Silly-Verbot gedroht haben muss: Die „unbefahr’nen Gleise“ waren fertig eingespielt, sollten nun zur Endabnahme vor der Pressungserlaubnis und da war der Teufel los:

Track 1: hieß 1984 nicht Psycho und hatte keinen Hitchcockhinweis, sondern „Tausend Augen“ und Verse wie „tausend Augen hinter der Tapete….tausend Augen seh’n in meinen Pass…“, das war der Renftschen Ottoballade ebenbürtig – das ging ja gar nicht!

Einmal misstrauisch geworden ging auch Track 2 nicht: Unglücklicherweise der angekündigte Titelsong. Aber den Kontrollgewaltigen erschien die Metapher der unbefahr’nen Gleise nun als Hinweis auf die verunkrauteten Schienen im Todesstreifen zwischen den Mauern.

Danach die Ferne, naja, die war ja nun schon im Rundfunk gelaufen, die alten Männer, der Sonntagsong, der Liebeswalzer schienen nach dem gefährlichen Einstieg harmlos… aber dann wieder:

Track 9 „Nur ein Lied“ (wo meine Lieder leiden…leide auch ich…)! Das klang zu deutlich nach Bettina Wegner „Wenn meine Lieder nicht mehr stimmen“ und das war auch ein Anti-Zensursong. Karma zum Rapport! Silly vor der Auflösung….

Aber noch so eine Renftlegende wollte man nicht erzeugen. Außerdem hatte man schon genug Rockprominenz auf der Ausreisewarteliste. Seit 1975 hatten auch die Funktionäre dazu gelernt: Schnellstens neue Texte für die 3 Songs her! Und dann raus mit der Platte und loben, loben, loben – je mehr Lob sie kriegt, umso weniger subversive Wirkung wird sie haben. Also „Platte des Jahres“ und ähnliche Preise her, damit alles wieder stimmt!

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Die „Liebeswalzer(zwischen unbefahrenen Gleisen)“ ist mir heute die liebste von Silly. Inclusive der ehemals verbotenen Stücke passt sie nach wie vor in die Zeit:

– die verblasste Covergestaltung als Ausdruck der Agonie,

– das Outfit der Musiker als oberflächliche Westtünche über den Unzulänglichkeiten des Ostens,

– der Sound, der dir die wortgewaltigen Wahrheiten um die Ohren prügelt

– und schließlich die Texte unverschliessen aktuell.

Assoziationsmöglichkeiten endlos – zumal in Ostdeutschland.

Fehler im System VI

Vorbemerkung

Was bleibt im 30. Jahr des Zusammenkommens? In diesen Tagen melden sich die 80er Erinnerungen wieder heftiger. Was ging einmal und geht nicht mehr? Was hat einst gefallen und ist verblasst? Was konnte seine Bedeutung bewahren?

Iggy Pop mag keine „fuckin‘ guitars“ mehr hören, las ich jüngst. Er steht nun auf Trompete. Bowie ist tot. Wären heute noch Alben wie „Lust for life“ und „Diamond Dogs“ möglich? Was würde heute Revolverheld oder Silbermond widerfahren, wenn sie „Militürk“ (Fehlfarben) bzw. „Kebab-Träume“(DAF) covern würden? Oder erst den 1983 schon leicht umstrittenen „Mussolini“?

Ich stehe am Fenster und merke, dass mir die Wandlungen der Zeiten nicht (mehr) gefallen. Ist das das Alter oder ist das wirklich alles Blödsinn, was mich so nervt? Eine rein rhetorische Frage. Ach, das soll ja hier kein weiterer Querdenker-Text werden. Ich hab … (Schnipp-schnapp; Schere im Kopf) Back to the roots! Let’s rock your teeth out!

Neustart! Probieren wir’s mal so:

Irgendwann einmal wird es heißen

 

– Max Giesinger, Schwiegermuttis Liebling, landet mit seinem neuen, Testosteron geschwängerten Album „Eierberg“ wegen Genderwahn-Kritik auf dem Index.

– Tim Bendzkos Ausflug in Fusion-Jazz-Gefilde „pissy peasy melody“ bringt ihm 5 Grammys in den USA.

– Tokio Hotel sahnen mit ihrem Black Metal Album „The Cow leeds Ruckuzz“ weltweit ab.

 

Wären das Schlagzeilen? Ist so etwas vorstellbar? Vom Wattebausch-Pop zu Relevanz?

Die ostdeutsche Band Silly hat so etwas Ähnliches fertiggebracht. Damals 1983. Long, long gone. Als die eigentliche Silly-Saga begann abzuheben. Und die geht so:

Ihre LP „Mont Klamott“ war die Kulturbombe einer sträflich unterschätzten Band.

Warum die so einschlagen konnte, hat damit zu tun, dass die Truppe bis eben noch „Familie Silly“ hieß und eine recht funkige, textlich aber unauffällige, erste LP draußen hatte.

Die Band existierte seit 1978, gegründet von Thomas Fritsching, Matthias Schramm und Tamara Danz, die zuvor Backgroundsängerin in der Horst Krüger Band war, dort aber die Krüger-Ehe crashte und ein neues Betätigungsfeld suchte. Dann sah sie Mothers Finest im Rockpalast und wurde daraufhin zur weißen Joyce Kennedy bei „the silly family“ – der anfangs nicht so ernst gemeinten „Ergänzung“ zu Mutters Besten.

Wegen der üblichen Einstufungsprozeduren musste man sich „Entenglischen“ und erfand für die Interviews die Geschichte von Tamaras Katze Silly, nach der man sich benannt haben will: Familie Silly – Katzenfamilie; klopsdoofe Geschichte, aber passabel um die geballten Autoritäten der Einstufungskommissionen vorzuführen.

Die LP „Tanzt keiner Boogie?“ stammt von 1981, kam 1982 in die Läden und verbrachte dort ein Schattendasein, bis das Radio den „letzten Kunden“ darauf entdeckte und rauf und runter spielte. Nun hatte die Band den Hit des Jahres. Für viele Ignoranten waren Silly damit so etwas wie die ostdeutschen Gebrüder Blattschuss geworden: Ein Sufflied. Witzig – solange es neu war. Kein Grund sich näher mit der Band zu befassen; zumal die Platte zugegebenermaßen nach dem blödesten Songtext benannt worden war: „Tanzt keiner Boogie?“ Er beschreibt die Disco-Situation aus dem Blickwinkel einer Tanzmaus-Emanze, die der Männerwelt das Nichttänzertum in steifen Versen vorwirft. Kein Hit für Kerle. Für die Chris Norman Sklavinnen aber musikalisch zu anspruchsvoll.

 

Die Texte sind auch die Crux dieses in der DDR einmalig gebliebenen Funkrockexperiments. Viele Köche verderben den Brei:

Jan Witte, Ingeborg Branoner, Demmler, Karma – das who is who der genehmigten Rockdichter und dazwischen mit zwei beachtlichen Schreibversuchen Tamara Danz selber. Alles in allem: zu viele Handschriften – Feuer, Wasser, Wind…

 

  1. Tanzt keiner Boogie? (Kurt Demmler)
  2. Irgendwann stinkt jeden mal was an (Tamara Danz)
  3. danach kräht kein Hahn mehr (Jan Witte)
  4. Blue Jeans (Kurt Demmler)
  5. Gut Nacht Amigo (Ingeborg Branoner)
  6. Angst in der Nacht (Jan Witte)
  7. Pack deine Sachen (Tamara Danz)
  8. er letzte Kunde (Werner Karma)
  9. Menschenland (Werner Karma)

 

Die schwächsten beiden Texte lieferte erstaunlicherweise Kurt Demmler. Der schien keine Lust gehabt zu haben, oder er hat die Band unterschätzt. Tamara Danz ist mit ihren Botschaften deutlich näher am Zeitgeist.

Mit „Gut Nacht Amigo“ steuerte Ingeborg Branoner einen schönen Rockballadentext bei, der idiotischerweise immer als Schlager diffamiert wurde, weil die Band mit diesem Song das Schlagerfestival „Bratislawska Lyra“ im damals noch ungeteilten Bruderland gewann.

„Danach kräht kein Hahn mehr“ (ein absolut gelungener Edel-Reggae) und die leicht angeproggte „Angst in der Nacht“ gehen auf das Konto von Jan Witte.

Bleiben noch Karmas Textideen zu „der letzte Kunde“ und „Menschenland“

Besonders letzteres fiel deutlich aus dem Rahmen: „Warum bin ich nur so allein in diesem Menschenland“. Das ist keine Melancholie mehr. Das ist die Depression. Die Wirkung entsteht durch ein beeindruckend cleveres Arrangement. Schüchtern zaghafter Beginn, langsames Aufrappeln, eigenartig müdes Aufbäumen, Implodieren (Resignation) …

„Menschenland“ ist auch weit weg von Funkrock, lässt im Nachhinein schon ahnen, was musikalisch folgen sollte. Vermutlich ist es bereits eine Ritchie Barton Komposition. Rüdiger Barton wird auf dem Cover noch als „Gast“ aufgeführt.

Er wird als festes Bandmitglied der Mastermind der Nachfolgeplatten.

„Alles zum Wohl des Menschen“ war seit 1971 DIE große Leitphrase der Partei.

Da war mal Aufbruchstimmung 1971-75, aber inzwischen war die Aufbruchsfloskel zur Lieblingsausrede der Funktionäre geworden: Das wird schon noch; Geduld, Geduld.

Das Menschenland DDR funktionierte zunehmend schlechter.

Der Text thematisiert diese Schattenseite, die Einsamkeit der Reformwilligen, die nicht zu verwirklichenden Träume, die fehlenden „neuen Menschen“, ahnt das Scheitern der Massenbeglückung praktisch schon voraus.

Karma ist diplomierter Philosoph. Kritischer Jungkommunist aus dem Dunstkreis von „Karls Enkeln“, damals ein bestaunter Singe-und Kabarett-Club, aus dem auch Eckard Wenzel (Singer/Songwriter) und Stefan Mensching(Dichter) hervorgingen. „Menschenland“ kann auch als resignierte leise Fortsetzung zu Renftens „Nach der Schlacht“ gesehen werden. Letzteres anno 1974 damals noch von Demmler getextet und von Monster Schoppe in die Welt gebrüllt.

1982 und der Großteil 1983 gingen ins Land und draußen tobte die NDW. Die offizielle DDR schien zunächst wieder einmal einen Trend verschlafen zu wollen. Von den etablierten Bands sprangen lediglich die Puhdys auf den fahrenden Zug der Spaßfraktion und erschufen mit „Jahreszeiten“ sowie „Tivi-Show“ zwei Nonsensliedchen der Marke „Pogo in Togo“ oder „Prima Klima“.

 

Die Klubhäuser der Provinz zeigten ein anderes Bild:

– Brigitte Stefan und Meridian tingelten durch die Lande als (Ost-)Ideal,

– Marion Sprawe und Juckreiz verdächtig nah an Nina Hagen und Public Image Ltd.

– aus einer unbedarften Jugendtanz-Combo „Keks“ wurde eine astreine Punkband mit dem späteren Knorkator-Klampfer Sebastian (Basti, Buzz Dee) Baur,

– Veronika Fischer war(ohne Band) „abgehauen“ und diese Band wurde zu Pankow, weil sie André Herzberg von der Gaukler Rockbühne abwarben.

 

Im Sommer 1983 erscheint ein gezähmtes LP-Debut von Pankow, zeitgleich mit der Keks-LP.

Keks wurden kurz danach verboten. Pankows hochgelobtes Rockspektakel war nun doch im Giftschrank gelandet und schnelle-mache-fix lieferten sie deshalb einen Reigen witzig spritziger Songs. Das große Ding in Sachen konkreteres Songwriting ließ auf sich warten.

mde

back where it all began

Und da war was in Arbeit: Artikel in der Presse über eine Umbesetzung bei Silly, eine Namensänderung (Wegfall des „Familien“- Begriffs, Wohngemeinschaft Barton/Danz, Fotos der Band vor Studiomischpulten hielten die Band, die nicht mehr „Familie“ sein wollte im Gespräch. Aber was wurde den „letzten Kunden“ zugetraut?

Dann pumpte der Grundrhythmus des „Mont Klamott“ erstmalig im Radio:

 

„…lass sie ruh’n die Väter dieser Stadt! Die sind so tot seit Deutschlands Himmelfahrt! Die Mütter dieser Stadt ham den Berg zusamm’gekarrt!“

 

„Deutschland“ in einem erlaubten DDR-Rocksong!

„Väter dieser Stadt“(Ostberlin) – selbst wenn man nicht auf Politbüro-Greise kommt, sondern nur gemäßigt an Stadtverordnete denkt: Parteibonzen sind allemal gemeint und die kommen hier nicht gut weg!

„Mütter dieser Stadt“ – Trümmerfrauen, zum Parteiklischee geronnen, wie singende Baggerfahrer und schreibende Maurer tauchen hier absolut unpropagandistisch auf, erhalten quasi ihre Ehre entideologisiert zurück.

(Tolles Video! Klicken!)

Konnte man glauben, dass es diesen Song demnächst auf Platte geben würde?

Wenige Tage später hatte ich sie und legte sie im Studentenwohnheim auf.

Sie beginnt mit dem Titelsong und den kannten wir ja bereits.

Es folgte „Heiße Würstchen“, die Graupe auf der Platte.

 

(Vermutlich hätte hier „Dicke Luft“ hingehört. Ein Song über Smog in Berlin. Westberlin hatte gerade den ersten (und einzigen) Smogalarm ausgerufen. Umweltverschmutzung in der DDR? Gab’s nicht! Basta! Das Lied musste weg; schnell ersetzt werden – und ist auf den Nachwende-CDs nun Bonus-Track.)

 

Singense halt über Currywurst. Gabs ja damals auch gerade ‘ne bekannte Westvorlage für.

Meine beiden Raumteiler, Hirschbeutelblueser alle beide, machten sich’n Bier auf, stellten achselzuckend fest, dass sich das ganz schön zackig nach Ideal anhört, textlich aber nix ist.

Kleines Aufhorchen am Schluss. „Das ist fatal./Fatal fatal./Das ist IDEAL fatal./Total egal.”

Na ja. Tamara deutet abschließend noch einen operettenhaften Nina Hagen Sanges-Schlenker an. Das war’s.

Dann aber kam’s dicke:

Hörsensationen am Fließband. Wir drei vergaßen das Bier in unseren Händen, waren praktisch nur noch OHR und schafften zwischendurch gerade mal „hohoho!“ „stark!“ „gibt’s doch nicht!“ „Und das bei uns!“ loszuwerden.

 

Die wilde Mathilde (ist 30 Männer alt/und immer noch im Bilde/und noch kein bisschen kalt!“, fegte aus den Boxen. „….wenn die dich mal betrügt! Verzeih es ihr milde! Du hast halt nicht genügt!“ Gaaaanz nah an Nina Hagens „unbeschreiblich weiblich“ oder „Pank“!

 

Danach die Gräfin: …wohnt in einem heruntergewirtschafteten Altbau der Kommunalen Wohnungsverwaltung(KWV) und hat schon mal bessere Zeiten gesehen; Tamara vergleicht sich mit ihr und stellt fest, dass die belächelte Alte mehr Durchhaltevermögen bewiesen hat, als man selbst und empfiehlt sie praktisch als Vorbild. Eine alte Adlige! Noch mitten im Sozialismus!

 

„….die (alte Gräfin) ist so grau wie ihr verschoss‘nes Haus/die KWV macht keine Unterschiede/und meiner Gräfin macht das nichts mehr aus.“

 

Ein Lied für die Menschen: Ist sozusagen „Menschenland“(Teil2); eine Ermutigungsballade, die das Schicksal hatte, beim alljährlichen Rock für den Frieden Festival bereits 1982 zur Abschlusshymne erwählt zu werden. Der Text enthielt damals noch 2 Zeilen mehr, die nicht auf Platte durften. In einer der mittleren Strophen hieß es ursprünglich:

 

„Ein Lied für die Menschen/das durch Mauern geht/ein Lied für die Solidarität!“

 

Die großen weisen Aufpasser hörten „Mauer“-Anspielung und „Solidarnosc“ im Subtext und Karma musste ändern.

Platte umdrehen und ab dafür! „Raus aus der Spur“: zupackend, unbequeme Denkanstöße aufzählend „so manchen Traum muss ich nun zieh’n/ nur weil ich nicht gekämpft hab für ihn….“ Und „wie den nur- wie denn nur- raus aus der Spur….“; aufbrechen, Neuland gewinnen, nicht anpassen, das Kreuz durchdrücken, den aufrechten Gang trainieren!

Weiter geht’s im Reigen der Brenzlichkeiten:

„Unterm Asphalt – liegen die Toten … glücklose Boten….“

 

– warum nicht auf’nem Friedhof? Wen will man unter Asphalt vergessen machen? Unter den Teppich kehren? Sind’s die vertuschten Unbequemen? Wen – außer Biermann, denn der lebt ja noch – gäbe es denn da? Der Song motiviert zum Suchen.

 

 „die Handvoll Jahre, die ich leb/sind zu schade, dass ich sie vergeb! Ich trau meinen Augen und nehm’ euch beim Wort und wehre mich eh mir die Hand verdorrt!“

 

Wer soll da beim Wort genommen werden? Gegen wen muss man sich hinter der Mauer noch wehren, wenn man doch beschützt wird von allen Seiten? Sag bloß, es gibt Anzeichen von Willkür im Freistaat der Werktätigen! Für mich nicht nur der beste Song der Platte, sondern einer der besten Silly-Songs überhaupt.

Dann die „Puppe Otto“: … hängt an ihren Drähten in ihrer Puppenbar; Fernsteuerung, Marionettenverhalten, Scheinwelten erzeugen in tausenden Pflichtveranstaltungen; wer hat da nicht mit gemacht? Hinterher im richtigen Alltag wurde wie immer zynische Selbstrettung versucht.

 

(Weshalb musste die Puppe eigentlich Otto heißen? Wegen der Ottoballade von Renft?)

 

Abendstunden: „…wenn die Trommelstöcke ruhn/und wenn unsre großen Meister/ etwas ganz privates tun…“ genießt man den Feierabend. Kraft schöpfen für die nächsten Tage der 1983 bereits spürbaren Stagnation.

Damit verklingt die Platte in harmonischem Wohlklang. „Abendstunden“ ist ein deutsch-deutscher Bruder von Spliffs „heut Nacht“ mit etwas dichterem Arrangement.

Der nächste Tag sah meine beiden Mitbewohner im Plattenladen. Die „Mont Klamott“ kaufen, bevor sie verboten wird. Wurde sie aber nicht. Sondern „Platte des Jahres 1983“. Sie war in aller Munde. Und die Wirkung hielt an. Jede weitere Silly LP bis zur Wende wurde als künstlerisches Großereignis herbeigesehnt. Gerüchte gingen voraus, was diesmal wieder herausgestrichen sein soll…

Der Sound der Platte ist fett. Ein in sich geschlossenes Gesamtkunstwerk. Die Kompositionen sind nicht über die Jahre zusammengestückelt worden, sondern Karma hat ein Bündel Texte abgeliefert und Barton und Schramm haben sie musikalisch ummantelt. Mothers finest Funkrockeinflüsse tendieren gegen Null. Es ist ein 80er Jahre Keyboardalbum. Im Stil der damals angesagten NUALA im Westen. Gott sei Dank verzichtete man auf den gefürchteten Schlagzeugsound der Zeit.

Tamara singt anders als auf der „Tanzt keiner Boogie?“

Vielseitiger, anpassungsfähiger irgendwie: Selbst beherrscht im Titelsong, flippig herum zickend in „Heiße Würstchen“, in der „wilden Mathilde“ ganz kreischendes Marktweib, mystisch beschwörend im „Asphaltsong“ und in den „Abendstunden“ versucht sie sich als tröstende Fee, aber da wären noch Reserven. Zerbrechliche Elfe ist nicht das, was einem bei Tamara Danz zuerst einfallen würde.

1974 war mit der 2.LP von Renft zum letzten Mal etwas subversiv Provokantes im DDR-Rock an die Öffentlichkeit gelangt. Zwischen 1974 und 1983 waren von guten Bands durchaus gute Platten veröffentlicht worden, aber weltabgewandt, romantisch. „Mont Klamott“ war ein Fanal. Motivierend. Silly waren nun so etwas, wie die Renft der 80er Jahre und lieferten bis zur Wende noch 3 weitere starke Alben ab.

Der Soundtrack der Wende…

…war für mich nicht „Als ich fortging“, „Wind of change“ und „Freiiiii-heit, ist das einzige, was fehlt“.

Das fast vergessene Jubiläum naht. Seit 30 Jahrn nu simmor Wesdn! Da denkch ochema zurück:

Der erste Song stammte von einer 1989 seit gut 5 Jahren künstlerisch toten Band: Karussell. Und einer der überflüssigsten LPs der Ostrockgeschichte „Café Anonym“. Und war bereits 1987 „Hit des Jahres“, wer immer auch die DDR-Hitparaden fälschte.

Der zweite Song stammt von einer Band, die sich durch die internationalen Hardrockeinflüsse klaute und ab und an mal einen Treffer landete: „In Trance“…“Is there anybody there?“ … „Still loving you“ Aber sonst? „Ibrahim! Rock you like a Hurrican!“ Ist das heute eigentlich noch pc? Also die brauchte ich eigentlich auch noch nie wirklich heftig.

Schwieriger liegt der „Fall Marius“. Hach, hatte der mal eine Kodderschnauze! „Loch in meiner Tasche“, „von drüben“, „Zurück auf die Straße“, „Berlin du alter Junkie“, „Hey tanz mit mir!“… aber dann reimte er irgendwann Natascha auf Flascha und wurde sowas wie ein Ruhrpott-Maffay. In der Wende gefiel er mir grade noch, aber kurz darauf schmierte er ab – um nie mehr wahrgenommen zu werden.

Nein, meine Wendehymnen sind andere. Hier ein paar Schnipsel. Rate mit! Wieviele (er-)kennst du noch?

Bandsalat 87/91

„Alright friends, now you’ve seen the heavy Groups! Now you will see Morning-Maniac-Music.  Believe me, yeah. It’s a new dawn. Morning people! When the truth is gone…./Wir machen ein Geschäft mit deiner Seele/mit Jumping Jack and Lucy Sky, im Dschungel an der Hochbahnbrücke war Rudi auch noch mit dabei/Here I am again on my own, travel down the road I only Know!/kiss via satellite!/aber fliegen hab ich nicht gelernt, davon bin ich weit entfernt/satt zu essen und’n Ausweis in der Tasche, der was gilt/Schweigen und Parolen, laut schrein und verstohlen schwach sein und Wille in Bewegung und dann absolute Stillestillestille/Taking the long road/What about you?/Aber das ist ja ein Ziegelstein?!/Halber Meeeensch! Geh weiter! In jede Richtung!/ Nicolo Ceaucescu is my name, the world of power is my game/noch 3 Schritte, da ist die Tür, dann hätt‘ ich alles – wirklich alles endlich hinter mir!/ the mercy seat is waiting and I think my head is burning/Komm! Du großer Träumer, komm-ruh dich aus!/ Steh ich vor’m Schreibtisch, sagt da einer zu mia: Wir bauen auf und tapeziern nicht mit, wir sind so stolz auf Katarina Witt!/Der Götzendiener pisst sich ein, es könnte alles falsch gewesen sein!/Ohhhh life! Is bigger! Far from me now! Losin‘ my religion/Gott hat sich erschossen, ein Dachgeschoß wird ausgebaut/ Der Steuermann betrunken und keiner weiß, wo der Käpten is‘ und wie der Notruf heißt: war’s nicht SDI oder CIA, save our money oder  Ju-Es-Äy?!/ Footsteps on the dance floor remind me baby of you, Teardrops in my eyes, next time I’ll be true, /Wiiiiiir sind die Wunderkiiiiinder…wir werden auch viel schneller als andre Kinder alt/anybody drink before the war?!/Das Grab im Mo-ho-ho-hor! Vergessen, vorbei!/You’re a twist in my sobriaty/ So don’t worry, be happy!/ Isch brauche nur zweierlei, orbaitslus un‘ Spoaß dobei!/Warum denn immer wieder mit Kanonen auf Spatzen? Das Blut spritzt rot; im Präsidium kreisen die Geier liberal und lachen sich tot!/Leben! Leben heißt Leben! Wenn wir alle die Kraft spüren…/Noch fliegt die schwarze Galeere weit über die Meere und durch die Zeit/Schönen Gruß vom Schnitter!