Morgen

„Alle“ reden über Rezo. Spar ich mir.

Hier ein Arschtritt mit Ansage:

 

Keine Atempause – Geschichte wird gemacht (Fehlfarben)

Spannend.

 

Querdenker IX

Die DDR erfand, als sie um 1981 herum nicht mehr weiterwusste, den Friedenskampf als Nachweis für Daseinsberechtigung, trotzdem im Inneren bereits alles zusammenbröckelte.

Warum habe ich dieser Tage ein weiteres Mal ein Deja vu?

Die EU betreibt Wahlkampf. Diesmal mit eigenartigen Wahlhelfern und sogar live in der Provinz. In ostdeutschen Gemeindesälen tauchen bisweilen Anzugträger aus Straßburg und/oder Brüssel auf. Adrett, manikürt, frisch gebügelt, parfümiert, sitzen sie dann auf Podien und gewähren nach narkotisierenden Einführungsmonologen dem Volke eine Fragestunde.

Sie können sich sicher sein, dass das provinzielle Bildungsbürgertum sehr devot die ein- oder andere Scheinfrage stellen wird, für die die bewährten Floskeln abgespult werden können. Wie immer wird sich dann irgendein als Ausnahme anwesender, frustrierter Nichtgewinner der Globalisierung wagen, den Phrasenkonsens mit einer derben Frage aufzubrechen; jedoch des Redens vor Publikum nicht trainiert und verblüfft über die eigene Courage, wird er es nicht bei der Frage belassen, sondern gleich weiterabspulen, was er alles dazu selber weiß. Und so wird es ein Leichtes sein für die Boss-Anzüge, die Schrecksekunde zu überwinden und mit dem Hinweis auf Verschwörungstheorien, böse Populisten und gar -ts-ts-ts- all diese Lügenpressevorwürfe den armen Mann in seinen Alltagsfrust zurückzuschicken:

„Der Binnenmarkt ist doch win-win für uns alle, nicht wahr? Oder kaufen Sie nicht bei Amazon?“

Alles will sich nach dem Aufrappler grade wieder zurücklehnen, um der Eröffnung des aufgebauten Schnittchen-Buffets entgegen zu dämmern, da erhebt sich noch einer und entpuppt sich als informierter Besucher:

– Was sagen sie zur Existenzvernichtung für Bauern, Fischer und Textilhersteller in Afrika durch EPA, das von der EU injiziert wurde, um all unsere unverkäuflichen Überschüsse dorthin profitabel entsorgen zu können?

– Warum wurde nicht vor der Krise über die Inhalte des Assoziierungsabkommens mit der Ukraine informiert?

– Wie erklären Sie die scheinheilige Informationspolitik der offiziellen Medien zu CETA und TTIP?

Auf dem Podium gehen die Augenlider und die Mundwinkel für ein-zwei Sekunden auf Halbmast, sofort aber kommt Strategiepunkt 2 zur Anwendung. Mit scheinheilig wohlwollendem Lächeln wendet man sich dem Sprecher zu, um gleich über ihn hinweg zu sehen und ins Publikum zu fragen:

„Danke für diese wichtigen Fragen. Wir sammeln erstmal weiter. Ich sehe da hinten noch eine Wortmeldung.“

Wie zu erwarten folgt Ungefährliches: Wann sorgt die EU für mehr Altenpfleger, oder mehr Rente, oder weniger Bürokratie….

Die in Aussicht gestellte Beantwortung entpuppt sich als die Wiederholung der Einleitungsmonologe, verbunden mit dem Hinweis, dass „wir uns doch alle einig sind, hier im Raum, dass der Frieden in Europa wichtig ist und ein Verdienst des erfolgreichen europäischen Vereinigungsprozesses sei und dass doch niemand mehr beim Reisen an Schlagbäumen aufgehalten werden möchte.“ Amen.

Ein Pflichttermin wurde abgehakt. Alle Beteiligten waren mit den Schnittchen zufrieden.

Augen auf beim „Vertrauen verschenken“ am 26. Mai!

„Würden Wahlen etwas ändern, würden sie verboten.“ (Kurt Tucholsky; berüchtigter Verschwörungstheoretiker der 20er Jahre)

Winnetou-Melodie

Wenn dich deine Eltern spüren lassen, dass du nicht geplant warst, dann nennt man das Schicksal. So lernt man für sich selber diesen immerwährenden Daueranschiss zu verkraften. Manchmal ereignen sich seltene Trostmomente. Den Eltern fällt auf, dass es mal an der Zeit sei, dir was zugutekommen zu lassen. Irgendwie müssen sie bemerkt haben, dass die Gleichaltrigen davonziehen; mehr vorweisen können als der eigene Sohn.

Im schönen Sommer 1976 komme ich zu Udo und der präsentiert mir mit tellergroßen Glücksaugen ein intaktes Smaragdtonbandgerät (früh60er Jahre Bauart; noch mit Röhren) mit 20 vollen Tonbändern. Sein schwächelndes, leierndes URAN-Tonbandgerät ist bereits entsorgt.

Die Anschaffung dünkte dem Vater vermutlich preiswert, da das Gerät gut 15 Jahre auf dem Buckel hatte und nicht mehr „die Welt“ gekostet haben kann. Aber es war groß wie ein Fernsehapparat und hatte 9,5er und 19er Geschwindigkeit. In unseren Augen also eine „Studio-Maschine“.

Zu den 20 Bändern gibt es kein Verzeichnis. Wir erstellen eins. Mehrere Tage hänge ich nun bei Udo ab, denn die Erkundung dieser archaischen Anschaffung macht Spaß, erweitert Horizonte, lässt über manche Klänge rätseln, wer das so in etwa sein könnte. Udo will anschließend, die interessantesten Funde mit Hilfe meines Gerätes auf einem Band, oder eventuell zweien vereinigen, um auf den anderen Platz zum Löschen zu haben.

Der Klang ist dumpf, aber bullig beeindruckend, also nicht im Sinne von „schlecht“ zu verstehen.

Zu den ersten Funden gehören „Death of a clown“ (Endlich! Als das im „Musikladen“ als Oldie gewann, hatten wir noch den Fernseher ohne Diodenbuchse!), dann Arthur Browns „Fire“ und „Jumping Jack Flash“(live) mit kurzer Ansage von Jagger: „We bring you now this one!“ Somit wissen wir nicht, wie der Song heißt. „Gas, gas, gas“ oder „Crossfire hurrican“? Dann folgen „Pretty Woman“ von Roy Orbison; (In dieser basslastigen Variante ein nie wieder erreichter Ohrenschmaus. Ich trauere diesem Klangerlebnis bis heute nach!), „Only you“ von den Platters; „Gimme that ding“ (Interpret unbekannt; später stellt sich heraus, dass das ein erster Gehversuch von Albert Hammond war), „My Dingeling“(live; Chuck Berry spät und versaut; für DEN Text reichen unsere Englischkenntnisse bereits!) und gleich zuvor oder hinterher auch „Je taime“ wonnomplüüüü – für 16jährige Musikarchäologen ein Volltreffer.

Schließlich noch „A hard days night“ als „dritte Neuvorstellung in dieser Woche“ aus irgendeiner vorsintflutlichen Hitparade. Die Moderatorenstimme kennen wir schon nicht mehr. Wir strahlen bereits beide um die Wette, aber dieses Fetzchen Zeitgeschichte kommt uns vor, als hätten wir eine neue Urmenschenart oder ne Nummer kleiner eben – das Bernsteinzimmer entdeckt! Uralter Beatlesscheiß als Neuvorstellung! Somit erleben auch die wieder ein Revival für die nächsten Monate! Ein paar Songs später folgt ein Instrumental, das wir in Zukunft hoch verehren werden, weil es niemand kennt, wir somit „DIE KENNER“ sind: „Psycho-Rock“.; der ebenfalls unbekannte Moderator sagt den Titel hinterher ab und nennt als Interpreten einen „Sir Henry“; was wir dankbar in die Liste übernehmen. Jahrzehnte später wird sich herausstellen, wie sehr er nuschelte, denn „Sir“ Henry war „Pierre“ Henry.

Höhepunkt aber ist eine ca. 3minütige Filmmusik, bei der ich sofort die Kanu-Fahrt von Gojko Mitic als Chingachgook vor Augen habe. Da auf den Bändern aber keinerlei Ostmusik vorkommt, muss auch das was aus dem Westen sein. Also ist es „die Winnetou-Melodie“ –  behaupte ich selbstsicher. Das MUSS was Indianisches sein! Kein Zweifel.

Knapp daneben. Wie sich Jahre später, bei Erscheinen der AMIGA-Quartett-Single, herausstellt, war es das Schatz-im-Silbersee-Thema.

Neulich starb 92jährig Martin Böttcher. Riffmaster erinnerte an ihn; den Mann, der den Soundtrack zum Karl May Schmökern schuf. Musik, die auch dann noch gefallen kann, wenn man melancholisch feststellt, dass die Filme, für die sie erschaffen wurde, reichlich Patina angesetzt haben und inzwischen schwer erträglich sind.

Leg ich heute Böttcher auf; die Winnetou-Soundtracks in Originalabmischung; ( VORSICHT! Neueinspielungen ohne Flair gilt es zu vermeiden!) fährt nicht mehr nur Gojko Kanu, sondern da sitzen auch regelmäßig zwei langhaarige Spackos mit roten Ohren unter den Mähnen vor einem alten Smaragd…

Seufz. Schee wars. Schee.

Die Ballade des Harfen-Webers

Frei nach dem Original: „The Ballad of a Harp-Weaver“ by Edna St.Vincent Millay; 1922

Spoken and recorded by Johnny Cash; 1960

Now Bonus-Track on the record „Ride this Train“ from the same year;

Deutsche Version: Bludgeon; 2019

 

Johnny Cash zum dritten:

Es mag verblüffen, wenn im Folgenden etwas Gereimtes zu lesen sein wird, was dem heutigen Leser als kitschig erscheinen mag.

Aber da war vor gut einem Jahr eine Doku über Iggy Pop auf -arte- zu sehen und der alte Iggy ließ die Film-Crew auch in sein jetziges Haus voller Stühle, Sessel und edel bezogener Sofakissen. Somit kam prompt auch die Frage:

„Wozu all die Stühle hier?“

Und die Antwort war:

„Ich sammle sie jetzt. In meiner Jugend hab ich sie vermisst.“

Schlagartig war mir bewusst, was ich früher einmal gehört hatte, dass er im Wohnwagen aufgewachsen war, da seine schlecht verdienenden Eltern sich nichts anderes leisten konnten.

Diese Beispiele bitterster Armut, die du immer wieder vor allem aus Amerika erzählt bekommst, erinnern dich ans europäische 19. Jahrhundert. Als es hier herum genauso elend lief wie heute immernoch in „Gods own Country“. Bald könnten diese Zustände zurückkehren. Unsere globalisierten Zeiten sind danach.

„Tarifvertrag“ ist als Begriff fast heute schon ein vergessener Archaismus. „Mindestlohn“ wird stets offiziell mit dieser Betonung verwendet, als handle es sich um ein unverdientes, überhöhtes, aber huldvoll gewährtes Almosen. Superreiche Oligarchen sind auf dem Vormarsch, nicht nur in Russland. Die Zahl der Boom-Verlierer wächst jedoch allzeit schneller.

DMAX-Sendungen a la „Fast&Loud“ und „Garage Rehab“ usw. lehren uns, dass es Spaß macht, unter Zeitdruck für einen „Burger“ pro Tag zu arbeiten. Ausbildung? Wird überschätzt! Gestern hast du zum ersten Mal einen Auspuff ausgebrannt, morgen baust du deinen ersten Chopper und übermorgen bist du Millionär! So läuft das heute! Sozialabgaben! Du ewig Gestriger! Du bist ja so 70er! Start up, man! Dilettanten an die Macht! In der Politik läuft es doch auch!

Kunst nützt nix. Ich weiß. Warum also hab ich mir die Mühe gemacht und diese alte Ami-Ballade ins Deutsche übertragen? Weil sie mich berührt hat. Wegen Iggy. Wegen Johnny. Wegen all denen die nach uns kommen und dann eventuell auch nur noch ganzjährig im Camper wohnen. Mindestlohn einerseits und 600 Euro (kalt) für eine Hundehütte in Berlin, das geht nun mal nicht auf. Klassenkampf reloaded? Ist leider nicht zu erwarten.

 

Und nun geht’s wirklich los:

Ich war kaum einen Meter,

da sprach sie sorgenvoll aus:

Der Winter kommt und

du wächst aus allem schnell raus.

 

Warme Kleidung musste dringend her

für uns alle beide doch die Not drückte schwer.

Wir besaßen fast nichts, hatten alles versetzt,

Mutter wirkte verhärmt schon, und abgehetzt.

 

Da war noch ihre Harfe aus der Glanzzeit von einst

Als sie jung und schön nicht mit Reizen gegeizt.

Die hätte auch längst zu Geld werden sollen.

Doch hatte sie bisher keiner haben wollen.

 

Für Schränke zu zahlen, war jeder bereit,

Doch ne Harfe oje, die stahl ja nur Zeit.

Und so hatten wir nichts als dieses alte Ding

das rumstand und störte und Spinnweben fing.

 

Der Herbst verrann und mit ihm das Licht

Der Winter kam, aber Auswege nicht.

Da trauten wir beide uns nicht mehr hinaus

Hier drin warn wir sicher, die Welt war ein Graus.

 

So waren wir ganz auf uns alleine gestellt

Draußen vorm Fenster, da feiert die Welt

Mit Vorfreude das Weihnachtsfest;

Die Geburt des Herrn Jesu, der keinen verlässt.

 

Früher feierten auch wir mit Vater so gut!

Nachts, wenn ich schlief, verließ Mutter der Mut.

Sprach sie von Vater, dann war sie froh

Dass der schon tot war, es sei wohl besser so.

 

Dann zerhackten wir die Stühle, nun Brennholz auch sie.

Der Winter da draußen war hart wie noch nie.

Nur ein allerletzter stand stumm an der Wand

wir hackten und rissen, er aber hielt stand.

 

Sie hieß mich immer länger im Bette zu bleiben

Wollt mit Geschichten und Liedern die Zeit mir vertreiben

All die Geschichten lebten im Traume dann fort

aus der Welt wurde so ein besserer Ort.

 

Eines Nachts tief im Schlafe, da träumte ich fest,

wie die Seele der Mutter ihren Körper verlässt

Dann schwebt sie sanft an mein Bettchen heran

Beugt sich nach unten und lächelt mich an.

 

Sie wirkte so jung, erholt und gesund

Ganz so wie früher und küsst mich auf den Mund.

Dann schwebt sie zur Harfe auf den Stuhl hinüber

und streichelt die Saiten, übt endlich wieder.

 

Die himmlischen Töne erfüllen den Raum

Und die Saiten, die webten, es war ja nur Traum.

Als das Musizieren ein Ende dann nahm

Lag da fertige Kleidung, ich probierte sie an.

 

Hose, Hemd, Mantel, Mütze sogar

Wie für einen Prinzen! Äußerst bizarr.

Ich jubelte laut, denn alles passte perfekt!

Wo war das alles nur bisher versteckt?

 

Als ich erwachte, wollt ich ihr berichten

von eben jenen Traumgesichten,

Da sah ich sie sitzen auf dem Stuhl an der Wand

in den Saiten der Harfe noch die eine Hand

 

Die andere hing an ihrer Hüfte herab

Ich ergriff sie, jedoch war sie leblos und schlapp

Sie lächelte tot, seltsam‘ Licht überm Haupt;

Der Frost hatte ihre letzten Kräfte geraubt.

 

Mit einem Schlage wurde mir klar,

Dass der Traum der Moment des Abschiedes war.

Sie hatte die Harfe wirklich gespielt

und sich zum letzten Mal frei und glücklich gefühlt.

 

Doch noch etwas anderes lag da im Raum

Da lagen die Kleider aus meinem Traum

Wie wundersame Wege das Schicksal auch geht

Sie passten – sogar in der Realität.

Ride this Train

Komm geh mit mir auf Reisen in dieses alte Legendenland. Wo die Orte komische Namen tragen, wie Ashgash, Sakamoe, und einst Leute in Tipis lebten, die den Bär und den Büffel jagten für Nahrung und für Hausung. Sie müssen sehr musikalisch gewesen sein, denn ihren Stämmen gaben sie Namen, die eine Melodie ergeben: Comanchen, Apachen, Delawaren, Cree, Pima, Oglala Dakota, Shawnee…

Die meisten von ihnen haben das Diesseits längst verlassen; wie lange es die anderen noch geben wird, weiß Gott. Aber selbst wenn sie alle hinüber sind, werden die Namen all der Ortschaften und Flüsse noch an sie erinnern.

Wir sollten ihnen dankbar sein, dass wir hier unser Glück suchen konnten, auch wenn die Hilfsmittel nicht die feinsten oder fairsten waren. Unsere Leute suchten das Glück mit ihren eigenen Mitteln, die sie mitbrachten von dort, wo sie herkamen.

Beginnen wir in Kentucky. In den Bergwerken da. Kohle suchen, Bergwerke gründen, angeheuert  werden und Kohle schippen, Kohle schippen – wurde Schicksal für viele junge Burschen dort.

Vater war ein Bergmann, er ernährte die Familie. Tag ein Tag aus fuhr er ein und kam müde zurück. Dreckig-grau und abgekämpft. Als ich 17 war, sah er mich an und sprach:

„Du bist nun alt genug. Groß und grade gewachsen.“

Er gab mir die Schaufel.

„Von jetzt an bist du dran.“

Ich hatte keine Lust. Aber was blieb mir übrig? Kohle schippen, Kohle schippen. Wie alle um mich herum.

Wenn dir dieses Schicksal zuwider ist, dann geh mit mir auf Reisen. Etwas besseres findet sich überall. Lass uns nach was umsehen in den Great Plains am Fuße der Black Hills. Vielleicht versteckt sich da das Glück. Es gibt viele Goldsucher, Strauchdiebe und Glücksritter da.

„Meine Mähre ist alt und nicht mehr viel wert. Mein Sattel dagegen ist unversehrt. Ich schone sie beide, mich treibt nichts mehr um. Reite langsam, ganz langsam, ziellos herum.  Muss mich nicht beeilen, das Ziel ist noch weit. Egal wann ich ankomm‘ ich hab ja Zeit.

Die Frau hamse mir erschossen, meine Töchter sind weg. Die eine in Denver, die andre – verreck…“

Wenn du seinem Lamento weiter lauschst, erfährst du noch, dass ihm so ziemlich alles egal geworden ist. Aber für den Tag des Sterbens hat er eine ausgefallene Idee: Man möge ihn in den Sattel setzen und festbinden. Das Pferd richte man nach Westen und gebe ihm einen Klaps. Es wird wie gewohnt lostrotten. Langsam ganz langsam. Aber es wird den Flecken Erde finden, wo sie beide hingehören. Das alte Pferd und er – der Slow Rider.

Nein, in den Plains ist es also auch nicht, was du suchst. Fahren wir eben nach Neuengland rauf. Dort wachsen die Bäume in den Himmel. Und die Menschen da sollen immer gut gelaunt sein.

Vater nahm mich mit in den Wald als ich 17 war. Sein Boss fragte mich, ob ich „Highclimber“ werden wolle. Ich hatte keine Ahnung, was das ist. Aber ich bekam eine Axt in einen Rucksack und lernte schnell. Immer die Bäume hoch und die Äste kappen, damit der Stamm später sauber fällt und nicht splittert. Tag ein, Tag aus. Viel zu wenig Pausen.

Versuchen wir es im Süden. Fahren wir nach Bogalusa/Louisiana hinunter. Da gibt es Gegenden, die sind so paradiesisch unberührt, wie am ersten Tag. Alligator und Schlange geben sich ein Stelldichein am Rande der Sümpfe, und die Mädels sind schwarzhaarige braune Schönheiten voller Kajun-Trotz.

Meine Dorraine traf ich auf dem See, dem Ponchartrain gegenüber von New Orleans. Wir ruderten wie zufällig an einander vorbei. Dann fasste ich mir eines Tages ein Herz und grüßte. Sie kicherte zurück. Wir alberten ein bisschen. Ich schenkte ihr so eine Schießbudenrose und sie steckte sie sich ans Kleid. Right upon the Heart, you know? Wir flachsten herum und knutschten schließlich von Boot zu Boot. Wären fast gekentert. War aber egal, denn nun wussten wir, dass wir uns lieben. Anderntags trafen wir uns wieder „reiiiin zufällig“ und alberten weiter. Ich fragte schließlich, ob sie mich für Geld heiraten würde – da schnappte sie ein. Sie ruderte los wie wild quer übern See und achtete nicht aufs Wetter. Ich ihr zuerst hinterher, aber die Wolkenwand hieß mich umkehren. Sauer war ich nun auch. Das Unwetter brach los, als ich das Ufer erreichte, aber was würde nun aus Dorraine werden? Würde sie das andere Ufer noch erreichen? Nach schlafloser Nacht ruderte ich am Morgen über die wieder beruhigte Wasserfläche – und ich fand – ihre Ruder. — und ein Weilchen später – die Schießbudenrose. Ich fischte sie aus dem Wasser. Sie ist das einzige, was blieb. Von ihr. Meiner Dorraine vom Ponchartrain.

Fahr mit mir nach Pine Ridge/Mississipi. Dort findest du immer Arbeit. Mies bezahlte zwar, aber Party am Samstag! Immer! Sieh dich vor, vor schlechtem Gras und leichten Mädchen. Die bringen Ärger. Ratzfatz hast du eine Kugel am Fuß und eine Schaufel in der Hand. Willkommen in der Chain-Gang. Nun schufte bis zum Umfallen für ein Verbrechen, an das du dich nicht einmal erinnern kannst.

Gibt es noch Wasser, Leroy? Gib mir noch Wasser!

No!

Ich bring die Norm nur mit Wasser, das ist nun einmal so!

Ich schufte hier alle Tage aber eines Tages komm ich heim.

Das wird der schönste der Tage und das wird in Memphis sein!

Ich geh nach Memphis! Nur Memphis!

Wenn du nun mit mir weiterfährst, zu irgendeiner dieser Landwirtschaftsmessen im Nirgendwo, dann triffst du immer auf Leute, die gut drauf sind, weil sie dem Alltag für diesmal ein Schnippchen schlugen. Endlich mal wieder unter Leuten! Der einsamen Ranch für einen Tag (oder zwei) entkommen.

Papa spannte die Pritsche an und nahm mich mit auf den Bock. Wir fuhren zur Messe und wie alle Kinder in meinem Alter nervte ich ihn: Isses noch weit? Wie weit denn noch? Sind wir bald da? Ich konnte es nicht erwarten, denn ich wusste, dass nach all den Meetings und Geschäften, am Abend dort immer Tanz war und Papa und ein paar andere bildeten die Band. Der alte Kaleb spielte Maultrommel, Joey Banjo und Papa die Dobro wie ein Gott! Wenn ich lang genug genervt hatte und Papa guter Laune war, drückte er mir die Zügel in die Hand, holte die Dobro unter dem Kutschbock hervor und sprach: Ich kann ja für heute Abend bissl Üben.

Yeah! Ich fühlte mich dermaßen groß auf diesen Fahrten zur Messe! Ich lenkte die Kutsche und Papa spielte Dobro wie ein Gott!

Zu einsam da? Weiter nach Diaz/Arkansas. Ins Baumwoll-Land. Die wächst hier echt gut. Baumwolle und Mais soweit das Auge reicht.

Papa hatte hier 1855 eine der größten Farmen und seine Sklaven waren gut erzogen. Arbeiteten ohne Aufseher. Papa war stolz auf seine Regel, die er ihnen eingeprügelt hatte: Bei Sonnenuntergang von den Feldern zurück sein und vor der Hütte sitzen. Er wusste, dass sie einen Heidenrespekt vor seiner Peitsche hatten, wenn sie nicht pünktlich waren. Eines abends aber fehlte der alte Moses. Dass er geflohen sein könnte, konnte sich niemand vorstellen. Also wurde ich losgeschickt um ihn zu suchen und zu bestrafen. Ich fand ihn am Feldrand. Ganz verträumt. Er sah der Sonne beim Versinken zu und lud mich ein, mich zu ihm zu setzen.

Ich fuhr ihn an: „Moses! Kennst du nicht die Sonnenuntergangsregel? Du weißt, was dich jetzt erwartet!“

Er aber wies wieder nur auf den Platz neben sich und sprach: “Jawoll, Boss Jack. Dunkel isses unser ganzes Leben lang. Und Prügel gibt es mal für dies und mal für das. Aber manchmal kommt ein Engel vorbei und schenkt dir einen Trost. Heute war einer bei mir. Ich schlief hier nach der Arbeit müde ein und da bekam ich diese Melodie.“ Er fing unvermittelt an zu singen und ich hörte an diesem Abend „Swing low sweet chariot!“ zum allerersten Mal. Dann sah er mich an und sprach: „Nun bin ich bereit für die Strafe.“ Aber der Moment da am Feldrand, das Lied, der Sonnenuntergang, diese Melodie – ich konnte ihn nicht schlagen.

„Gehen wir!“

Als ich später die Abendrunde zwischen den Hütten machte, hörte ich ihn singen. Aber er sang nicht „Swing low…“, er sang ein zweites neues Lied und es handelte von mir. Boss Jack war von nun an sein Held, der alte Sklaven nicht schlägt, sondern sie ganz sicher eines Tages frei lässt. Ich stand da draußen in der Nacht vor seiner Hütte, sah den Sonnenuntergang am Feldrand vor mir, und heulte.

Ein gefährliches Pflaster wie du siehst, also lass uns weiterfahren, rauf nach Idaho. Da waren wir noch nicht. Dort wohnt ein Haufen Iren, die von England rüber gespült wurden.

Wir hatten eine Kartoffelfarm bei Cork. Aber die Engländer machten uns das Leben unmöglich. Immer mehr Steuern, bis wir pleite waren. Die Familie bettelte eine Weile in Cork. Schließlich beschloss Vater die Überfahrt zu wagen. Die Eltern schufteten dann an der Ostküste, um die Überfahrt nachträglch bezahlen zu können und fürs Startkapital in Idaho. Hier leben viele von uns. Da hilft einer dem anderen. Aber keiner hat was zu verschenken. Jeder lebt hier von der Hand in den Mund. Abhängig vom Wetter, den Stürmen, den Bränden, den Indianern. Die gesamte Familie rackert auf der Farm und auf den Feldern. Von Jahr zu Jahr kommen wir besser klar. Geht aber nicht allen so. Der Tod ist immer mit am Tisch. Bevor du aber abkratzt, kommt noch Doc Brown vorbei und versucht dich mit seinen Wunderpillen zu heilen. Und manchmal schafft er es tatsächlich. Er hatte einen sehr guten Ruf. Er wusste viel. Und er sah nicht aufs Geld. Wenn du zu arm warst oder zu geizig, dann ritt er nach getaner Heilung einfach wieder weiter. Alle mochten ihn. Alle glaubten an seine Fähigkeiten. Dann starb er selber. Als sie ihn fanden und sein Haus durchsuchten, fanden sie ganze 50 Cent. Wie sollte nun Doc Brown unter die Erde gebracht werden? Wie ein Hobo – ohne alles? Ratlos standen sie an seiner Leiche. Da nahm einer den Hut von der Brust und hielt ihn dem Nachbarn hin. Der verstand und knüllte einen 5 Dollarschein hinein. Der Hut begann zu wandern. Er füllte sich wie von selbst. Jeder gab nun das, was er entbehren konnte – und am Ende des Tages reichte es für Sarg und Grabstein und Totenmesse – für ihren Doc Brown auf seiner letzten Fahrt.

Mit dieser Geschichte endete die Original LP „Ride this Train“ von Johnny Cash aus dem Jahre 1960.

booklet

Die 70th Birthday Edition der Platte hat noch 3 Songs mehr. Einer von den dreien passt wie ein missing track dazu: „Der Harfenweber“; aber das ist schon wieder eine Geschichte für sich.

 

PS: Wer hat nochmal gleich die Konzeptalben erfunden? Die Beatles 1967? Oder die Who(same time)? Small Faces? Beach Boys? Hahahahahahahahahah…. Vergiss es!

Johnny – the long gone Poet

Eines Abends in der zweiten Hälfte der 70er lief der Fernseher. Es war „Musikladen“-Tag. Das Diodenkabel war gesteckt. Das „Anett“ startklar. Der kleine Dakota nach Wachstumsschub und Skalpanpassung saß davor. Die Daumen auf den wichtigen Tasten. Aber wiedermal kam haufenweise Disco-Gülle. Erfahrungsgemäß musste aber irgendwann so ein rares Highlight kommen, das man nur hier zu sehen bekam. Und wenn es nur der „Beat-Club“-Oldie ist, der zu erwarten war.

Eine ganze Weile also – nichts. Plötzlich dieses Gesicht! Die Daumen gehen runter, die Tasten rasten ein und „Because you‘re mine, I’ll walk the line“ knurrt sich angenehm auf die Kassette. Der Typ sah aus wie Marshall Mat Dillon aus „Rauchende Colts“! Nur hatte er keine Knarren an der Seite, sondern eine Akustische vor dem Bauch, dann wie ein Jagdgewehr auf dem Rücken. Und diese Stimme! Dicht an C.W.McCall, dessen „Convoy“ vor gar nicht allzu langer Zeit eine Art Klassen-Hymne gewesen war.

Mr.CashDie Ehemalige rang sich Zeitchen später zur Veröffentlichung einer Amiga-Lizenz-LP durch. 1981. Mein Re-a-listment-Soundtrack als ich von der Asche kam. In der MHO hatte ich die Platte knapp verpasst, aber Snegows „Menschen wie Götter“ gekauft. Eigentlich hatte ich das lesen wollen, weil es mir schien, es könnte eine Symbiose aus historischem und utopischem Roman sein, aber dann gab ich beide Bände ungelesen hin für ihn – Johnny Cash.

Das Resi-Tuch noch um den Hals, die Tasche in die Ecke feuernd, stocknüchtern, weil ich den Entlassungstag genießen wollte, erreichte ich mein Kinderzimmer nach durchfahrener Nacht.

Plattenspielerdeckel hoch, Johnny’s Scheibe drauf, aufdrehen und sich selber fallen lassen. Like a „9 Pound Hammer“ sozusagen. Im Einschlafen seh ich noch Vaters Silhouette in der Tür, wie er wohl wieder „Leiser!“ einklagen wollte; aber heute sagt er nix. Sein Landser is „back from the barracks“.

„Call me (nüchtern) Ira Hayes, I will answer anymore, ‘cause the music drinkin‘ Indian is at home nomore at war.“ Sozusagen. Nie wieder Fischies! Nie wieder „faul ick denn?!“ Nie wieder „Tür aaaauuuufff!“

Nach ein paar Stunden Schlaf dann los zur Polizei, den Persi wiederholen. „Der liebe Resi“ will wieder zivil sein. Dort Typen wie ich, die dasselbe wollen und auch solche wie ich vor 18 Monaten, den Ausweis und die blaue Klappkarte zum Abgeben in der Hand. Deja vu. Dann zu Udo. Der ist arbeiten, also wieder heim … auf dem Plattenteller gewinnen diesmal Skorpio „Hey, hey jobarat! Hey! Heyhey!“ Ungarische Kriegstänze und das übliche „LEISERRR!“ von unten aus dem Erdgeschoss. Knallt mehr als Country. Der Überdruck aus Freude und unbefriedigter Rache musste erst raus! Aber das Cash-Cover steht aufrecht auf dem Stuhl daneben, gegenüber meiner Liege: Er sieht halt immer noch aus wie Mat Dillon! Und ne Knarre hat er bestimmt auch zu Hause, so als typischer Ami.

Bloß – so ein typischer Ami ist er gar nicht. Er hat allerhand übrig für Indianer. Das geht dort drüben nicht grade vielen Weißen so. Sein „Ira Hayes“ hatte es mir angetan.

 

Die Ballade von Ira Hayes – Peter LaFarge & Johnny Cash (Album „Bitter tears“; 1964)

dt. Version: Bludgeon

 

Lass mich die Geschichte erzählen

Von einem taffen jungen Mann

Der aber ein Indianer war

Und aus der man lernen kann.

 

Er stammt von den Pima-Indianern

Einem fleißigen stolzen Stamm

Der nicht nur saufen und streiten

Sondern auch arbeiten kann.

 

Sie pflügten Arizona Valley

Und bauten Melonen an

Bis man ihnen eines Tages

die Wasserrechte nahm

 

Nun blieben die Felder trocken

Dem Stamm erging es schlecht

Der weiße Mann sah ruhig zu

Er fühlte sich im Recht.

 

Als dann Weltkrieg Zwo begann

Trat Ira trotzdem an

In der Hoffnung auf Veteranenruhm

Der dem Stamm dann helfen kann.

 

Sie kämpften auf Südseeinseln

Gegen die gelbe Gefahr

Obwohl doch Ira der Pima

Auch kein Weißer war.

 

Sie erstürmten den Iwo Hügel

250 Mann

nach einem Tag des Sterbens

kamen 30 oben an.

 

Die Fahne der Freiheit flattert

nun über dem Ozean

das hat für Roosevelt & Truman

auch Ira Hayes getan.

 

Mit’nem Orden an der Brust

Kehrte er wieder heim

Die Kameraden achten ihn

das sollte nicht von Dauer sein.

 

Denn kaum von Bord gegangen

da änderte sich der Ton

wieder bloß ein „Redskin“

wie vor dem Kriege schon.

 

Ira lernte da drüben

Wie Recht aus Blut erblüht

Dass das zu Hause nicht so ist

Das schlug ihm aufs Gemüt.

 

So begann er das Saufen – hart!

Er kam auch oft in den Knast

Immer wenn er Reservationsverwaltern

Einen Tritt verpasst.

 

Da hatte er Zeit zum Grübeln,

bis er plötzlich verstand

warum der weiße Mann das Sagen hat

Im Indianerland.

 

Sie hatten ihn in die Army gelockt

Und Ruhm und Ehre versprochen

Aber sie hatten ihn wie einen Hund entlohnt

Sein Orden war der Knochen.

 

Jeden Morgen im Saloon

Da schüttet er in sich rein

Den Orden trägt er längst nicht mehr

Man lässt ihn lieber allein.

 

Nenn ihn Säufer Ira Hayes

Wenn er in seinen Whisky stiert

Heute lässt er sich’s gefallen

Früher hätt’ er dich skalpiert.

 

Nenn ihn Säufer Ira Hayes

Er antwortet nicht mehr

Denn die Bürde, die er trägt

Drückt seine Schultern schwer.

 

Im Reservat blieb das Wasser knapp.

Die Not blieb Jahrzehnte bestehen

Der Säufer Ira Hayes jedoch

Wurde plötzlich nicht mehr gesehen.

 

Sie fanden ihn eines Tages

Erschossen in die Wüste gekarrt

Nah an einer Wasserstelle

In der Hand noch das Purple Heart.

 

Zum Junge-Hunde-Kriegen

(Rammsteins neues Video)

Es ist zum Junge-Hunde-Kriegen!

Dieses Sprichwort ist ziemlich aus der Mode gekommen. Rammstein erinnern dieser Tage dran. (siehe Video „Deutschland“ Schlussbild der Band) Das Volk der Dichter und der Denker bewies medial mal wieder, dass es genau das nicht ist. Die Unfähigkeit, Kunst zu interpretieren, feierte anlässlich des „Deutschland-Videos“ fröhliche Urständ. Ach hättense doch einfach bloß die „Moorsoldaten“ gecovert! Lindemann wusste das im Voraus. Welche Reflexe musste füttern, damit es kracht? Hat bestens geklappt.

Rammstein gelten als Provokationsband, die mit den Propagandastilistiken der Systeme spielt wie sonst nur Laibach, ihre nicht erklärten Vorbilder.

„Deutschland“ schießt nun aber den Vogel ab. Einen besseren Abriss deutscher Geschichte in nur 10 Minuten und surreal-perfekten Anspielungen gibt’s nicht. Alles da! Bild und Ton an die jeweils richtige Stelle geschnitten.

Teutoburger Wald. Barbarentum. Kannibalistischer Einstieg. Nun ja: In Gedärm gefangener Römer zu lesen, um Siege vorauszusagen, das gilt bisher noch als erwiesen. Die Seherin im Video aber ist schwarz. Kommt aus dem Busch. Aber eben dem germanischen. Gelungener Hinweis auf „aller Anfang ist primitives Chaos.“

Wenig später: Schlemmende Mönche bei Kerzenschein. Auf dem Tisch die schwarze Germania, die ausgeweidet wird. Treffer: Kirche als Machtfaktor. Dicke Mönche, armes Deutschland, und später auch armes Afrika… Der missionarische Kulturbringer mit der Peitsche und dem Scheiterhaufen.

„Du hast viel geweint; im Geist getrennt, im Herz vereint….“ Treffer! 40 Jahre Mauerzeit, Westsozialisation, Ostsozialisation, aber im Herzen national verbunden geblieben, allen heutigen Nationalstaatsverächtern zum Trotz. Ohne Nationalstaat kein Sozialstaat. Wenn er weg ist, wirst du ihn vermissen.

„Sind schon so lang zusammen, dein Atem kalt, dein Herz in Flammen“ Treffer! 30 Jahre Wiedervereinigung, Wirtschaftserfolge für die kalte Tegernsee-Kamarilla, Wut für die abgeschlagene Provinz.

„Deutschland! Mein Herz in Flammen! Will dich lieben und verdammen!“ Treffer! „Es gibt 100 000 Gründe auf dieses Land stolz zu sein, warum fällt mir auf einmal kein einziger mehr ein?“ Kennste noch? Auf den ersten Blick die Triumpfe: Kulturelle Höchstleistungen, Tüftlergeist, zeitweilige Stärke – auf der anderen Seite Profit durch Verbrechen unverblümt und anschließend Profit durch galoppierende Scheinheiligkeit. Was erst in den Kolonien passierte, geschah später auch und schlimmer noch in den KZs und anschließend im Nadelstreifenzwirn – woanders…. Industrielandschaft plus Rammstein im Kapitalistenzwirn und Feuerkugel (brennende Ölquellen all überall dank Waffenexport und pfeif auf die Umwelt)

Überheblich           (Kaiserzeit, dargestellt durch eine schwarze Germania in Maria Stuart- Outfit a la Schiller; die Klassiker allzeit als Feigenblatt missbraucht)

Überlegen              (Industrie; Kohlekraftwerkeinblendung; Gewinner des Industrialisierungsrennens)

Übernehmen         (KZ-Häftling 1; ohne Schlinge; Machtübernahmeanspielung)

Übergeben             (also Kotzen: KZ-Häftling 2 mit Schlinge um den Hals)

Überraschen          (V1/V2- Raketenanspielung)

Überfallen              (SS-Offizier vor angetretenen Häftlingen, stellvertretend für die Besetzung Europas)

Perfekte Sequenz!

Deutschland, Deutschland über allen.  (Lindemann in zivil und Ketten, nach „Schlag in die Fresse“ also vom (Über-)Leben gezeichnet)

Deutschland, deine Liebe ist Fluch und Segen, meine Liebe kann ich dir nicht geben….

(Germania als Supermodell im Zeitenwandel: Zusammenschnitt Gardeuniform, SS-Uniform (mit Augenklappe links!), als Opfer von RAF-Terroristen mit Sprenggürtel heutiger Attentäter. Getrieben von hehren Idealen neuen Unsinn anrichtend. Der Stein der Weisen wird bis auf weiteres „verschollen bleiben“.

Die „Germania“ wirft junge Hunde. (Deutsche Schäferhunde? Nicht nur in Fachkreisen „überzüchtet krank (im Beckenbereich)“. Lendenlahm. Nunmehr Kuschelwauwis. Deutsche Bestie? Fehlanzeige!

 

Nach dem letzten Glas

Heyyyyyyyyy. Die beste Pladde kommt zum Schluss.

19 neue Kleinodien. Die Gitarren irgendwo zwischen dem verzerrten Müllmännerblues a la Tom Waits und den gut abgehangenen Zufalls-Licks eines J.J.Cale, wie schon auf dem Album zuvor; aber alles noch einen ordentlichen Schluck melancholischer. Die Stimme tonlos vor sich hin lamentierend. Zeile für Zeile sitzt! Ja; da ist er wieder.

Sieben Jahrzehnte hat’s gebraucht für dieses Tiefgang(doppel)album ohne Graupen!

Er liebäugelt mit „der letzten Kurve“. Die Gitarren sind gestimmt für den ersten Treff mit Hank Williams, da oben, wo alles geht, sagen sie. Den schwarz gefärbten Inhalten blieb er treu.

Außerdem hier und da bissl Dobro, bissl Geige, Dylan-Hurrican-Memorial-Sound!

„Die letzten Drinks, die sind getrunken, die Bühne, die ist leer, nichts geht hier – in diesem Lande – mehr…“

Jaaaaaaa. Meister der Andeutung. Zeitgeist-Erfasser. Da isser wieder.

Als ich einst loszog, war er da und vertonte mir die Orientierungkrise des beginnenden Twen, wie ansonsten nur Georg Danzer. Die eben erworbene Selbstsicherheit, die Down-Phasen, oder beides in einem, wie das eben nur zwischen 21 und 25 so geht, flirting with desaster…

„Sag mal Engel! Ist es da oben besser als hier? Oder nervt ihr euch gar noch schlimmer als wir?“

Die Fahne überlebt und ins Studentenwohnheim eingeritten mit „Interzone“ und „Neubauten“-Sound, mit den Raumteilern Renft von Kassette und Pankow auf der Bühne gefeiert. Die eigene Trinkfestigkeit bestaunt. Das Studium als Witz erkannt. Es ging verführerisch einfach. Alles, was die wollten, wussten wir schon. Von ein paar Organisationstricks für die spätere Arbeit einmal abgesehen. Ein paar sehr interessante Vorlesungen unter sehr vielen langweiligen, konnten genossen werden. Wenn’s leicht fällt, brauchts keine Kurskorrektur – für all jene, die nur im heute leben. So einer war ich nie. Deshalb kam er mir zupass.  Der sanfte Rebell. 4 Jahre Penne, 18 Monate Asche, 4 Jahre Studium – alle bisherigen Etappen waren von überschaubarer Dauer. Die, die dann kommt, ist ein Ozean aus abzudienender Zeit!

„Der Blues, der kam heimlich und holt uns heut ein. Wenn es so sein soll, dann soll es so sein!“

An Warnungen hat es zuvor nicht gefehlt. Du bist doch keiner von dieser Art. Du wirst nicht in diese Branche passen. Deine Denke ist nicht die von denen…

„Was soll ich noch sagen? Es geht mir gut?“

Eigentlich durchaus! Die perfekten Jahre 82/83 wollten genossen werden.

1984 deutete sich das fading out an und pünktlich zum Umbruch gab es wiederum Tonsignale von ihm:

„Sonne und Feuer! So lang Tabu! Wir küssen die Nacht nur ich und du!“

Abschied für die Zeit im Paradies Leipzig. Umschwung. Überdruss. Entfremdung. Verbannung.

„Ich war doch für euch nur der treue Husar. Heut leg ich mir andere Träume auf meinen Altar.“ (aus „Ragazzi di Strada“ 1984 von der „Tabu“)

Im Wohnheim wurde ein West-Sampler herumgeborgt, auf dem Satchmo den „treuen Husar“ sang. Manchmal geschehen Dinge parallel, als ob sie von oben geplant worden wären: Da wollte jemand, dass ich diesen Song verstehe.

Zeitchen verging. Mörderlich langes Zeitchen. Immermal wieder tauchte er im Radio auf und prompt umgab mich, wo immer ich gerade war, das Mobiliar des Studentenwohnheims, die enge Medi-Disco, der „Schwarze Jäger“, der „Jörgen Schmidtchen“…

Nicht nur er, der alte Wolf, wurd‘ langsam grau.

Sondern auch ich komm immer seltner aus dem Bau…

Die alten Knochen tun ihm weh. Statt Bourbon trinkt er Grünen Tee.

Das ist nun auch schon eine Weile her.

Nun, da „die letzten Kurven“ näher rücken, kommt er nochmal stärker denn je zurück.

Diesmal schlagen die Songzeilen NOCH präziser ins Hirn als einst beim treuen Husar:

aus der zeit gefallenÜber 50 musste ich werden, damit ich die Story von Bob Seger‘s„Mainstreet“ komplett verstehe. Ich scheine da was gemeinsam zu haben mit meinem musikalischen Begleiter, denn ihm gelang -erst jetzt- ein Antwortsong auf die dort beschriebene Situation. Zu spät, um noch Hit werden zu können. Unsere Epoche ist um. Rory, Johnny Winter und J.J.Cale sind tot, Johnny Cash und Bowie ebenfalls. Clapton und Collins fast. Lindenberg peinlich. Mey verstummt. Bob Seger macht noch Musik, ohne in Europa wahrgenommen zu werden.

Und seine angehimmelte Table-Dancerin von einst ist immer bei den falschen Typen gelandet, weil die beständigen zu schüchtern waren, sie anzusprechen. Während manch kleiner Held seinen ersten Schwarm ungeküsst nach Hause brachte, irgendwo da draußen, „down on mainstreet“. Lang, lang ist’s her.

„Nur wer hier zurückbleibt, ist allein. Der Rock&Roll ruft seine Kinder heim.“

Danke, Stefan!

Emanzipatorischer Monolog

Der 9. März ist für diesen Blog ein besonderes Datum. Heute vor 4 Jahren wurde er aus der Taufe gehoben. Dieses Jahr nun fällt er in eine besondere Zeit:

In den letzten Tagen hat sich da so einiges angestaut.

Darf man in Zeiten galoppierender Stutenbissigkeit, queerer Raserei, sowie gegenderter Humor- bzw. Fantasie-Inquisition im jungen 21. Jahrhundert, in dem die Demokratie sich plötzlich blitzgealtert gibt, eigentlich als „böser, alter, weißer Mann“ noch über blöde Weiber schreiben?

Okay, okay; ich lynch mich gleich selber. (Aber erst schreib ich das hier als Vermächtnis noch fertig.)

Der westdeutsche Feminismus bringt immer kuriosere Blüten hervor und findet sich gut.

Wir alten Säcke hier im Osten sind emanzipierte Frauen längst gewohnt. Hausfrauenschicksale rangieren für uns kurz vor Marsmensch. Die Ungleichbezahlung berufstätiger Frauen bedauern wir, auch weil wir es einst anders kannten! Deshalb sind uns all diese westdeutschen Nebenkriegsschauplatz-Verhedderungen, von erwünschter Quotenverbossung bei gleichzeitiger Akzeptanz mittelalterlichen Verschleierungsrollbacks geradezu lächerlich peinlich. Gut möglich, dass das bald nicht mehr nur Konvertitinnen betrifft.

Ich sammle schon mal Zuckertüten, falls der Adelaide-von-Möhrenfeld-Look wieder „in“ werden sollte.

Dann wäre da noch das „Thema Doppelname“:

Und hier kommt nun der Karneval ins Spiel. Der hatte es in diesem Jahr besonders schwer. Nicht Salafisten waren die Gefahr, sondern in erster Linie — emanzipatorischer Fanatismus aus dem Lager der anderen Hälfte der Bevölkerung. Beistand fanden sie bei (mehr oder weniger männlichen) no-name-Hinterbänklern der Parlamente, die die Chance wittern, trotz jahrelang praktizierter Fraktionsdisziplin, also Tarnkappenverhalten, EINMAL Schlagzeilen machen zu können mit — NICHTS.

Eigentlich bin ich bekennender Karneval-Muffel. Ich mag ihn nicht, seit meine Klassenlehrerin mich in der 11. Klasse für den Schul-11er-Rat vorschlug. An einer EOS, die ansonsten gern alles Mögliche verbot, sollte ich mithelfen, dass alle am 11.11. um 11.11 Uhr eine Polonaise durchs Schulhaus starten und „lustig“ sind…

„Helau, alaaf und abgelacht – wird immer wieder gerne auf Befehl gemacht!“ (Joachim Witt)

Da brauchste Galgen-Humor, du!

ABER: Dies‘ Jahr taten mir diese rheinländischen Karnevalisten plötzlich richtig leid:

  1. Steltergate! Allein schon der Begriff! In Zeiten, in denen es noch kritischen Journalismus gab, brachte Watergate zwei hochrangige Polit-Strolche zu Fall. Nun aber meint der neuere Begriff die „Abstrafung“ eines harmlosen Büttenwitzlers durch eine sich selbst entlarvende humorlose Rechthaberin. Die Presse jedoch springt ihr bei, um jene verlogene Emanzipationsdiskussion aufrecht erhalten zu helfen, die den Pöbel sich nu wieder zerfleischen lässt, während dahinter in überkommenen Wirtschaftsstrukturen alles beim Alten bleiben kann: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit kommt so keinen Schritt weiter.
  2. Der Toilettenwitz der Weltgeschichte: Frau AKK wagt sich ein Bonmot über Berlin und Sitzpinkler, worauf kurioserweise nicht diese selbst, sondern die Grünen und der Schwulen-und Lesbenverein getroffen aufjaulen, weil deren Fetisch, die dritte Toilettentür, im Gag involviert war. Ähnlich wie beim Steltergate schaltet die Presse sofort auf Sturm! Alle Volkserzieher und Prinzipienreiter treten an und liefern ein weiteres Glanzstück in Sachen ideological fanatism. Komisch, dass der Begriff von der „Links-grün-Versifftheit“ so sehr Karriere macht! Erstaunlicherweise geht die Sache diesmal nach hinten los. Frau AKK, die Kalaschnikow der CDU, knickt nicht wie erwartet ein, sondern schießt zurück – und trifft! „Verkrampftestes Volk der Welt“.Yepp! Gesundes Urteilsvermögen! What comes next?!

    der Baum der Zeit

    Der Zeitgeistbaum

  3. Die Kita-Verordnung von Hamburg-Ottensen. Da rebellierte der kleine Dakota in mir dann doch nochmal richtig heftig! Gott sei Dank wohn ich da nicht! Immerhin gab es diesmal sogar Presseschelte aus allen Lagern. Von links bis rechts. Beruhigt hat mich die Mitte.

Noch! Wer weiß, wie lange. Denn auch hier gilt: What comes next? Leider.

Derweil hat derartiges in Ostdeutschland (abgesehen von Berlin) gottlob NOCH keine Chance. Es gibt Momente, da freut man sich, weiter Ossi sein zu können und Hobby-Dakota: Der-mit-dem-Gojko-tanzt-aber-wie-der-Hanjo-heißt.

Also: What comes next?

Das 5. Jahr Toka-ihto-tales! Hough!