Neues vom „Wanderer“

Yeah Baby!! Et jibbdt noch gudd njuhs aus Amerika! Klick ma. Dett jeht! Würkli‘!

Nun ja. Der Protagonis, um dens hia glei jeht, ist allerdings noch älter als die Politclowns an ihre Intellekt-Rollatoren, die da jrade Wahlkampf faken. Steht eben schlimm um die, die nach uns komm‘n, watt willste machen?

Aber sowatt kommt von sowatt:

Wenn ehna sein Idol trifft und det lebt noch – und der jüngere kann Songs schreim und saachd dem Alten: Mach ma so hier – denne fludschdet ebm mittema!

Olle Poahli, der Ex-Gumbl vom Garfankl, schrieb früa ma „America“ und sein Idol hörte sich de Lauscha wund, „wenn der mir mag, denne muss ick den ooch mö’ng!“  und schrieb „here in America (Song for Sam Cooke)“ und merkte denne, meine „Kleene-Jungs-Stimme“ passt nich so alleene. Muss Olle Poahli mit ran! „Lass Duetten, Alta!“

Und schon hattense ehn Mörda-Hamma-Song!

Aba eehn Song is kee Album. Da fehlt wat. Olle Dion hatte pah be-swing-te RhythmBlues&Boogie Numman im Jepäck und Poahli die Idee mit sein Telefonbook, in dems von Promis nua so wimmeln tut.

„Rufma ma Jeff Beck und Van Morrison und so Pippl ehm an. N Boss un’seine Olle ooch!“

dion2020

Dion 2020!

Dion denk no‘: „Dea va’aaschd mia doch!“, aba olle Poahli hat of laut jestellt:

„Kannste next week? Studio Soundso?“

„Klaaro! Füan Wandara, mach ick det!“ wa Tenor bei die alle!

17 Promis of 14 Songs. Und eehne Frische, sach ick dia!

Da kann die deutsche Giesinger-Bendzko-Winsel-Gang nua müde vonne Therapeuten-Couch winken, wenn olle Dion mit Samantha Fish voabai skejten tut. Mit 81! Also Samantha niche, die is‘ 31; rock it, Babe!

Voll gut!

Grüße aus der Vergangenheit 3

In jungen Jahren nervte es ein wenig, wenn ich in antiquarisch gekauften Büchern Unterstreichungen fand. Bücherschänder! Eigentlich wollte man doch eher einen unversehrten Schatz heben! Mittlerweile kann es interessant sein, „was“ angestrichen wurde und „weshalb“.

davDieser Tage las ich wieder so ein Exemplar; 125 Jahre alt, toll erhalten; keinerlei „Verschandelungen“ in den ersten beiden Dritteln; aber dann, in der vorletzten Novelle hatte sich ein Vorbesitzer mit dem Bleistift geradezu ausgetobt.

In der Novelle „Der verlorene Sohn“ von (na, wem wohl?) geht es um ein missratenes Bürgersöhnchen um 1650 in Bern, das ausbricht, um letztendlich nach mancherlei Station als verkommener Landsknecht zu enden. Außerdem spielen dessen besser geratene jüngere Schwester und ihr Zukünftiger entscheidende Rollen. Die Mutter der beiden, die wohlhabende Ratsherren-Witwe Amthor (Welch ein Zufall dieser Tage!), hat ein schweres Päckchen Schicksal zu tragen, wie sich zeigen sollte.

Bereits der erste Konfliktansatz ist unterstrichen worden:

Das älteste Kind, (…) ein kluger aber sehr eigenwilliger Bursch, hätte wohl eher einer männlichen Zucht bedurft, als der zärtlichen, all zu nachgiebigen Pflege der Mutter, die diesen Sohn als das Abbild des zu früh ihr entrissenen Gatten vergötterte…“

Das wirft die Assoziationsmaschine an: Wie korrespondierte der Inhalt mit der Lebenswelt des mittlerweile ebenfalls historischen Unterstreichers?

Warum bekamen Zitate wie

mde

oder

dav

ihre Unterstreichungen?

Es könnte so gewesen sein:

——-

30621358471 (2)Herbst 1919. Auf dem Gut derer von Levetzow in der Neumark sitzt die Hausherrin im spärlich beleuchteten Herrenzimmer, das immernoch so heißt, obwohl ihr Mann schon vor dem Kriege , pünktlich nach damaliger Lebenserwartungsrechnung mit 55 Jahren zu den ewigen Heerschaaren abberufen wurde. Es war Arbeitszimmer und Bibliothek in einem. Das Tagwerk lag hinter ihr. Alle Buchführung, Anweisungen an den Verwalter, Versorgung der beiden Armenhäuser des Dorfes, Einkaufslisten für die Kaltmamsell waren erledigt. Nun kam die Schummerstunde und ihr gruselte so allein in dem großen Kasten. Um das Gut stand es nicht zum Besten. Die Ernte war mäßig, die Getreidepreise elend. Die Inflation der Kriegsjahre wollte nicht enden, im Gegenteil, sie schien sich noch zu beschleunigen. Einige der Bauernsöhne waren aus dem großen Kriege zurück, viele davon mit Gebrechen und obendrein in den Gräben der Ost- und der Westfront geradezu verwildert. Ein gefährlicher Hang zur Unbotmäßigkeit war kaum noch ignorierbar. Mildtätigkeit um Not zu lindern und Rebellionsgelüste zu bremsen, war dringend geboten, aber die vielen Tausender Kriegsanleihe fehlten spürbar in der Kasse. Wann hört das auf? Wie lange noch würde sie über die Runden kommen?

davSilvester 1900 hatte alles so strahlend begonnen! Das neue Jahrhundert! Der Ball! Ihre Verlobung! Wie es sich gehört mit 18! Sie wurde erwählt! Standesgemäß! Der Bräutigam, streng genommen ein entfernter Schwippschwager, Witwer, 40 Jahre alt, kinderlos, war ihr sehr recht gewesen. Er wirkte jünger, konnte privat erfrischend albern sein und seine Offizierskameraden parodieren, dass sie beim Lachen jede Korsettstange einzeln spürte. Auch das erste Kind, der ersehnte Stammhalter, kam pünktlich ein dreiviertel Jahr nach der Hochzeit. Das zweite Kind allerdings starb 6 Monate nach der Geburt. Der Stammhalter blieb der einzige Nachkomme. November 1900 geboren. Traditionell erzogen für die „schimmernde Wehr“. Er hätte drumrum kommen können um das große Töten. Im Frühjahr’18 lag der Krieg in den letzten Zügen. Im Osten schien er gewonnen. Friedensgerüchte auch für den Westen gingen mal wieder um. Doch ihr Arno meldete sich noch freiwillig. Ostfront. Mitten hinein in den Revolutionswirrwarr dort. Erst schrieb er davon, zu spät gekommen zu sein, es sei nichts mehr los, man plane die Verlegung nach Frankreich, dann doch noch Gefechte; seltsame Briefe mit Schilderungen von Soldatenverbrüderungen und Desertionen, glücklich überstandene kleine Geplänkel. Plötzlich der Schock: Gefangenschaft. Die schien zunächst noch recht nobel zu sein. Er und zwei seiner Offiziere säßen als „Gäste“ an der Tafel ihrer zaristischen Überwinder, die sie nun aber kurioserweise als Verbündete gegen die „Rote Revolution“ sähen und ihnen ehrenhalber die Säbel gelassen hätten. Dann – schweigen. Seit fast einem Jahr keine Post.

In all dem Zwist nach dem Brest-Litowsker Frieden schien sich niemand um das Schicksal der Kriegsgefangenen in russischer Hand zu scheren! Dann die überraschende Kapitulation, die Revolution, der Wirrwarrkampf ums Baltikum. Es schießt dort noch immer! Der Junge wird 19! Wenn er noch am Leben ist. Vergessen von der Welt – aber nicht von seiner Mutter, die ihr Gewissen plagt. Kein Tag – an dem sie nicht an ihn denkt. Zur abendlichen Ablenkung versucht sie zu lesen. Heyse-Idyllen sollten es sein! Den hat sie als Verlobte gemocht. Aber Heyses „Auswahl fürs Haus“ (Band 2) ist ein Missgriff. Sie stößt auf Stellen wie:

„Wenn Sie Söhne haben, die anderswo ebenfalls auf ein mitfühlendes Herz angewiesen sind, bitte ich Sie – retten sie mich! Man ist hinter mir her!“

oder

„Der Stadtwebel sah sie durchdringend an und wagte schließlich die Frage: „Frau Amthor! Auf Ehre und Gewissen, haben Sie eine Ahnung, wo sich  ihr Sohn zurzeit verbirgt?“

und gar

dav

Wie unter Zwang erhob sie sich aus dem bequemen Fauteuil, begab sich zum Schreibtisch, holte sich dort den kleinen Bleistiftstummel, kehrte zum Sessel zurück und las das Schicksal jener Witwe in der Schweiz  in dieser Nacht durch. Sie hatte das zum ersten Mal vor 20 Jahren gelesen. Im Brautstand und noch völlig ahnungslos. Nichts war geblieben. Sie las das Buch wie neu: Wie das passte! Abschnitt für Abschnitt bezog sie auf sich und strich fast jeden zweiten an. Bei manchem Satz musste sie innehalten. Eine Erleichterung war diese Lektüre nicht.  Eher eine Folter ihres Gemütes, ein Zwirbeln ihrer Schuldgefühle. Wie war es möglich geworden, dass ihr kluger, vielseitig talentierter Sohn beim Anblick all der heimgekehrten Kriegskrüppel im Dorf und in der Kreisstadt seine Kriegsbegeisterung nicht verlor? Warum hatte sie ihn nicht veranlasst, auf den Gestellungsbefehl zu warten? Warum die Anmeldung zum Notabitur erlaubt? Warum war mancher dieser Tagelöhner-Tölpel unversehrt zurückgekehrt, der ihr jetzt das Leben schwer machte, vor ihr den Hut zog, aber hinter ihr ausspuckte – nicht aber ihr Sohn? Strafe? Wofür? Wo war ihr Sohn?

Als sie die letzten Seiten liest, die das Ende jener tapferen, gescheiterten Mutter enthalten, kommen die Tränen. Tröstend. Für den Moment erlösend. Sie stellt das Büchlein wieder zwischen Band 1 und 3 an seinen Platz. Einst ein Verlobungsgeschenk. Vorn drin noch ihr Mädchenname. Als sie ihn eintrug, dachte sie noch voller Vorfreude „nicht mehr lange“! Es würde alles gut werden als Gräfin Levetzow. Sie sah ein Jahrhundert des Glücks anbrechen – und keinen großen Krieg kommen.

Der Leser da im Garten, im Jahre 2020, erinnert sich an jenen toten Dragonervon der Erinnerungstafel im Borkenkäferwald. An Remarque, Dwinger, Zobeltitz, Kempowski, Lorentzen, Böll und Strittmatter – und die Bilder im „Guten Kameraden“. Er hat das Buch nun ebenfalls durch. Betroffen von den Eindrücken der letzten Seiten schlägt er es zu; dann vorn wieder auf: Die Erstbesitzerin hat ihren Namen hinterlassen.

dav

Außerdem klebt im Innendeckel so ein Jugendstil-exlibris-Holzschnitt, der bestimmt erst in den 20ern eingeklebt wurde: Carl Wilhelm Meyer.

davDas Internet kennt eine heute noch existente Firma dieses Namens. Damals aufstrebend? Kriegsgewinnler, die die Bibliothek eines bankrotten Gutes aufkauften? Oder handelte es sich nur um einige wenige Bände aus irgendeinem Antiquariat? Eventuell auch nur eine zufällige Namensgleichheit. Ein aufstrebender Bürgersohn, der später wieder herabkam und seine Buchbestände zur Leihbücherei degradierte? Es gibt da diesen irreführenden Stempel hinten im Buch. Die Bestände waren durchnummeriert. dav

Die Assoziationsmaschine springt noch einmal an:

Dem Gut erging es wie so vielen. Die Pleite kam 1923. Das Veräußern beweglicher Habe: Die Prunk- und Jagdwaffen des weiland Hausherren, die Bibliotheksbestände, das Mobiliar. Schließlich die Versteigerung. Die Nachbargüter erwerben die Flächen, ein Stummfilm-Star das Haus.

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Die Bibliothek geriet nach Berlin. Die 3 Bände standen im Hause Meyer gepflegt und einträchtig weiterhin nebeneinander, soweit sie nicht einzeln erwählt und verliehen wurden. Anderthalb Jahrzehnte. Eines Tages brachte die junge Kriegerwitwe Ursula B. den Band 1 zurück und lieh sich den Band 2, dann kam eine dieser Bombennächte. Sie hatte den Band noch in der Manteltasche als sie im Keller saß. Die Bücherei allerdings erhielt einen Treffer und ging in Rauch auf. Ursula B. floh kurz darauf aufs Dorf zu Verwandten. Irgendwo im Barnim/Brandenburg. Dort fielen keine Bomben. Was hat sie dort erlebt, erdulden müssen? Wie lange mag sie gelebt haben? Wann haben ihre Enkel den spärlichen Bücherbestand der Großmutter dem Online-Antiquariat überlassen?

Bludgeon sitzt im Garten. Er sieht das Gutshaus vor sich. Die junge Verlobte, die noch errötet, weil man ihr den „schlimmen“ Heyse schenkt. Die immernoch attraktive Mit40erin, erste Krähenfüße an den Augenwinkeln, wie sie da im Sessel sitzt, sich um das Schicksal des Sohnes grämt und Sätze unterstreicht. Ihre Blicke gehen immer wieder zum Fenster hinaus in die dunkle Nacht: davArno? Wo bist du? — Dann die Kriegerwitwe im zerbombten Berlin, die mit Kinderwagen und zu Fuß versucht, das Dorf an der Oder zu erreichen. Vorbei an Panzerwracks und Leichen. Sich vor feiernden Russen in Wäldern versteckend oder im Straßengraben totstellend. Und wie sie die Kate der Verwandten endlich erreicht, verdreckt und müde; eine Dachkammer überlassen bekommt, endlich das Kind windeln kann und dann den Heyse auf die umgedrehte Kartoffel-Molle legt, die ihr als Nachttisch dient.

Oder war doch alles ganz anders?

Wenn Bücher sprechen könnten…

 

Heyse-Hitlist

Zwischenbilanz nach 5 gelesenen Novellenbänden unterschiedlichster Ausgaben:

Von ca 40 Novellen, die ich nun kenne, sind das die Hits:

Ich habe mal alle 10 mit bissl Rockgeschichte unterlegt, die mir zum jeweiligen Novelleninhalt zu passen schien. The romantc way, you know? Einfach anklicken.

Und: Nein, es ist kein Tippfehler – es gibt zwei 1. Plätze und deshalb keinen zweiten.

 

10 Greatest Hits;

a private best of – (Compiled by Bludgeon)

 

  1. Ein Idealist; 1902

(Sex und Malerei, ein letzter Idealist oder ein prophezeiter Balthus?)

  1. Das Bild der Mutter; 1858

(Heidi Klum und Tom Kaulitz? Emmanuel & Brigitte Macron? Das wäre damals anders ausgegangen.)

  1. Unheilbar; 1862

(Wenn die Welt zu schön ist, um sie zu verlassen… oder „eine schrecklich nette Familie“)

  1. Das Glück von Rothenburg; 1881

(Der Spatz in der Hand oder doch die Taube auf dem Dach? II)

  1. Die Dichterin von Carcassonne; 1880

(Der Spatz in der Hand oder doch die Taube? I, Angelo Branduardi und Stephan Eicher lassen grüßen!)

  1. Im Grafenschloss; 1861

(Der Grobian mit Herz oder „Kein Mut – kein Mädchen“! Wovon künden all die großen leeren Räume?)

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  1. Siechentrost; 1883

(Der erste Hippie oder the power of sound)

  1. Der letzte Centaur; 1870

(Wohin mit den Anschauungen von gestern? Ist Neues immer besser?)

  1. Moralische Unmöglichkeiten; 1901

(Adel im Untergang oder „Pack dein Glück mit beiden Händen, forme es, überlass das nicht anderen!“)

  1. Himmlische und irdische Liebe; 1885

(Behind the scenes: Heyses, Storms, Dahns Frauenproblem(e) oder „Das wäre dein Preis gewesen!“)

 

Nicht berücksichtigt: „Gegen den Strom“. Der Vorläufer des „Glasperlenspiels“. Das Werk heb ich mir auf, bis ich weitere Heyse-Romane kenne. Würde ich es heute einbeziehen, hätte ich 3 erste Plätze; zuviel Drängelei ganz vorn.

Geschriebene Klänge

So kanns gehen.

Heyses Novellenband „Originale“ von 1908 ist ein literarisches Konzeptalbum.

6 Tracks:

– ein Idealist (1902)

– einer von hunderten (1894)

– moralische Unmöglichkeiten (1901)

– das Steinchen im Schuh (1896)

– der Blinde von Dausenau (1898)

– das Rätsel des Lebens (1896)

 

Vielleicht erinnerst du dich an „Wish you were here“ , „Misplaced childhood“ oder „Love over Gold“, so Platten eben, wo jeder Song für sich steht, aber doch EINE Geschichte erzählt wird. Der rote Faden entsteht im Kopf des Hörers/Lesers – die Gänsehaut kommt und geht und kommt wieder, denn jeder packt SEINE Geschichte dazu.

Heyse hat für alle Fälle – die passende Novelle.

  • Warum finden sich so selten die richtigen Partner, die es dann eben doch ein Leben lang miteinander aushalten?
  • Auch in der Liebe/Ehe gilt: Der Spatz zuhause ist besser als die Taube auf dem Rennplatz, Hofball, Gutshof nebenan.
  • Warum freien wir nicht jene, die perfekt passen würden, aber zu offensichtlich ihre Zuneigung zeigen?
  • Wer passt zu wem? Gleich zu gleich? Oder doch lieber: Gegensätze ziehen sich an?
  • Wen bekommt man als Schwiegersippe draufgepackt? Hält man das aus?
  • Sind die äußeren Verhältnisse Schuld am Scheitern so vieler aussichtsreicher (vor allem künstlerischer) Talente – oder diese selbst, weil sie nicht wagen, über ihren Schatten zu springen?
  • Ist die Ausgangsidee für eine Komposition, ein Gemälde, einen Roman gut genug für eine künstlerische Laufbahn?
  • Reichts zum Künstler oder nur zum Dilettanten?

Heyses „Tracks“ des „Originale-Albums“  sind zu unterschiedlichen Zeiten entstanden, hier nicht chronologisch gereiht, aber mit Geist kompiliert.

Wir starten mit dem „Idealisten“, einem alten Maler ohne allzuviel Erfolg, der sich da gleich zu Beginn ein Ding leistet, das eine Sensation darstellt. Der Leser von 2020 glaubt seinen Augen nicht zu trauen: Das Thema? Zu DIESER Zeit? Es handelt sich um ein packendes Alltagserlebnis erotischer Natur. Aber wir sind hier bei Heyse, nicht bei Bukowski oder Henry Miller. Verflixt, vertrackt, aber letztlich geradeso die Kurve kriegend. Nabokov kommt dir beim Lesen eventuell in den Sinn. Vorausgesetzt du kennst dessen Hauptwerk überhaupt. Mehr sei nicht verraten.

„Einer von Hunderten“ ist der nächste ältliche Kauz, diesmal Philosoph mit Dackel, der intelligent und ärmlich sein Dasein fristet und vor allem in Ruhe gelassen werden möchte. Aber auch das klappt nicht, denn in typischer Kaffeehaus-Manier ereilt ihn „sowas ähnliches wie Liebe“ und die Sache spitzt sich sehr melancholisch zu. Das Ende fällt dramatischer aus, als in „Track 1“, der Leser wird jedoch getröstet entlassen.

Dann der Höhepunkt des Buches. Der Longtrack. „Moralische Unmöglichkeiten“. Literarischer Progrock, ein Allerweltsstart, der sich entwickelt, von Zeile zu Zeile immer vertrackter und interessanter wird; der dich hineinzieht in den Strudel der Assoziationen. Heyse ist gebürtiger Berliner und die meiste Zeit seines langen Lebens Wahl-Münchener. Die dramatischste Novelle seines Universums spielt – auf einem Landgut in Brandenburg. Ostelbien wie es darbt und leidet. Heyse erklärt, warum er „von da weg ist“, wenn man so will. Sechs Schicksale gehobener Schichten der Zeit, verwoben wie im von mir gerühmten Meisterwerk „Himmlische und irdische Liebe“ – aber: Die „moralische Unmöglichkeit“ macht diesem bisherigen Glanzlicht allerheftigst Konkurrenz. Ist im Gutshaus schon kein Licht, so bleibt für die Kätner draußen im Dorf gleich gar nichts übrig. Das Drumherum der Dörfler und der beiden Pastorengenerationen sind das Salz in der Suppe. Idyll, wo bist du?

In den Nullerjahren hab ich 3 mal Urlaub im Gutshaus machen wollen, in Mecklenburg. Es wurden 3 Aufenthalte, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Es war nur 1x schön. Du erfährst so einiges über die Kälte dieses vergangenen Glanzes, der auch damals schon allweil ein knapper war, der nach Potemkinschen Prinzipien mit Parkett und Gobelins den Schwamm in den Wänden vergessen machen wollte. Und auch über die Neuzeitsorgen, die so ein Haus heute beschert. Wir waren zuvor einige in Frage kommende Locations abgefahren und griffen dann trotzdem 2x ins Klo.

Einmal begrüßte uns die Hausherrin eines solchen renovierten Kastens. Eine „Frau von X.“, um die 70, die ihr Leben in Niedersachsen verwartet zu haben schien und nun den elterlichen Besitz in den 90ern wiedererlangt hatte.

„WIR wollten hierher zurück um Wiederaufbau zu leisten. Das war ja hier unter den Kommunisten alles verkommen und heruntergewirtschaftet. Aber wir haben hier gute Leute. Und wenn das jemand in die Hand nimmt, dann arbeiten die auch gut. So hat sich manches vom alten Ensemble hier auch wieder herausputzen lassen. Die Scheune und die Stallungen allerdings nicht. Die mussten wir abreißen. WIR wohnen jetzt im Verwalterhaus da drüben. Mein Vaterhaus hier dient nun dem Fremdenverkehr. Deshalb mussten wir da investieren und mehrere Bäder einbauen. Hier gastieren dann nun Leute wie „Sie“. Sie können hier das ehemalige Herrenzimmer und die Kinderstube (jetzt als Bad) buchen. Oder die Mägdestube und die Kutscherkammer. Oder den Salon, den wir für das Bad etwas verkleinert haben. Gegessen wird abends warm. Tagsüber werden Sie ja fort sein. Ich koche selbst. Nach Gutsherrenart versteht sich.“

Sprachs und stand vor uns; alt, kalt und hoch aufgerichtet. Schlank, weißhaarig, die lange Uhrkette um den Hals ersetzte das Lorgnon – oder die Trillerpfeife – Deja-vu! Die Dame wirkte, als sei Frau von Turnberg, mein Sportlehreralptraum der 3.Klasse, wieder auferstanden. Wir dankten damals höflich und buchten dort – nicht!

Die „Frau Mama“ in Heyses Novelle entspricht diesem Herrinnen-Typus aufs Haar. Was muss alles passieren, damit man so wird? Diese aufrechtstehende Arroganz aus Haut und Knochen, plus stählern-unbeweglichem Dupet!

Diese Novelle zieht dich rein, berauscht, bekümmert, lässt die „Heiden von Kummerow“ aufblitzen und „das weiße Band“ – dann das hochdramatische Crescendo: Das Ende allen Übels, aber nicht das Ende aller Leiden. Dann das Deja-vu auf den letzten Seiten: Der Schluss kam mir so bekannt vor! Kann es sein, dass das mal in den 70ern im West-TV lief? Die ARD hatte ja mal ne Phase wo Courths-Mahler und Ury sehr ansprechend zu Fernsehfilmen wurden, erinnere mich auch an einen Mehrteiler der ergreifenden Sorte. Könnte es sein, dass man da auch ein paar Heyses mit untergemixt hat? Internetrecherche war erfolglos.

Nach diesem allgewaltigen Rausch der Sinne muss sich das herumgeschleuderte Gerechtigkeitsgefühl erstmal beruhigen. „Das Steinchen im Schuh“ bietet wieder einen Kauz der am Leben scheiternden Sorte. Die Handlung ist hier vorhersehbar banal. Ihre Nachvollziehbarkeit scheint jedoch auf einer wahren (sehr ähnlich abgelaufenen) Begebenheit zu beruhen. Im „letzten Zentaur“ sitzt derselbe Typ schweigend und unscheinbar mit am Tisch, als Genelli anhebt, seinen Tagtraum zum besten zu geben. Nach heutigem Ermessen weiß man: Ein Autist, der sich selbst nicht versteht und auch nicht verstanden wird; doch diese Diagnose lag zu Heyses Zeiten ja noch in der Zukunft.

„Der Blinde von Dausenau“ enthält interessanterweise eine umfassende Kritik an den damals für alle Gebrechen verordneten Bäder-Kuren der Zeit und geht mit Bad Ems hart ins Gericht. Die Handlung dreht sich eher um die Tochter jenes Blinden. Wieder ein Mädchenschicksal jener Jahre. Wieder eine Ehe, die nicht zustande kommt. Jedoch ist ihr Vater Kauz genug, um dieser Novelle in diesem Band der seltsamen Vögel Daseinsberechtigung zu verschaffen.

Beide Stories sind nur „Nachklänge“ nach dem Großwerk. Zum Abschluss geht die Spannungskurve wieder nach oben:

Der Schlussakkord des Buches „Das Rätsel des Lebens“ greift die Ausgangslage des „Idealisten“ vom Anfang wieder auf, allerdings ist der zentrale Kauz hier kein Maler ohne Erfolg, sondern ein ebensolcher Komponist. Auch hier geht es um eine mehr als seltsame Beziehung zu einem jungen Mädchen, das schließlich erbt – jedoch löst sich das Rätsel der Beziehung hier deutlich anders auf.

Heyse feiert hier 6x melancholische, tapfere, kluge Einzelgänger. Underdogs. Gestrandete Talente. Es bleibt die Frage: Warum trauen sich soviele gute Leute so wenig zu? Warum finden sie so wenig Unterstützung? Wann wird DAS mal anders? Es sind Novellen aus den 1890ern. Mit „über 60“ geschrieben. Vorstufen zu „Gegen den Strom“, dem Alterswerk von 1907.

Leg dir Oldfield auf. Eins von den langen Frühwerken.„Ohhhh-she-maaaa, faaaa-su-laaaa.“ Und lies! Die Lyriks besorgt Heyse.

Pfingst-Echo’20

Pfingsten 2020. Nachklang. Das Land in der Corona-Reststarre. Aus Thüringen drohen nächste unüberlegte Schritte. Im geschützten Raum des menschenleeren Brandenburger Buschs ließ es sich unbeschwert ausfahren. Nichtüberlaufener Wald und Seenregionen vorhanden. Die Seele konnte baumeln.

Hier kommt dir keiner zu dicht!

Wie schrieb Herr Spengler neulich in NOTAT 37 so treffend:

Du bist, was du liest.

Ich möchte erweitern:

Du bist, was du liest und was du hörst.

Denn ich bin nicht nur süchtig nach dem nächsten Buch, sondern auch nach der nächsten Musik, bzw. nach der nächsten Wiederholung einer alten Hörerfahrung, die ja wieder neue bringen kann.

sdrUnd so kommen mir solche verordneten Kontaktenthaltsamkeiten – wie zur Zeit – gut zupass.

Ich fahre/radle/wandre – also bin ich. Unterwegs in Parallelwelten.

Die Umgebung verknüpft sich mit der Innenwelt.

Äußere Reize provozieren innere Auseinandersetzung.

So wurde ein anfangs idyllisches Waldstück, irgendwo in der ehemaligen Grafschaft Ruppin, die Fontane (sogar durchaus lesbar) beschrieb, nach ein paar Schritten zur Wüstenei. Das sonderbare daran: Der Weg als Schicksalsscheide. Auf der einen Seite all die Baumstümpfe und Astskelette und auf der anderen Seite Farn-Idyll und Dickicht.

Links das Schlachtfeld von Verdun und rechts Wald, wie ihn die Romanfiguren Freytags, Heyses, Spielhagens so oft zu durchwandern haben.

Geradezu – immer die nächste Wegbiegung; und das Geheimnis dahinter: Was kommt?

Ein Hünengrab? Eine Gutshausruine? Ein röhrender Hirsch? Oder doch nur wieder -WEG?

Farn, Farn, Farn – keine Autobahn…

Der Kraftwerk-Schneider starb vor kurzem. Deshalb hör ich wieder Bowie. Kannst du folgen? Son of the silent age?

Die Rückkehr des Saurier-Krautes verblüfft. Noch in den 70ern war es massenhaft in allen Wäldern anzutreffen, dann rar wie Edelweiß – und nun? Auf einmal wieder da! Wie die Wölfe und die Adler! Als wolle Fauna und Flora mit mir schrein: Halt! Zurück!

Aber in welche Zeit eigentlich? Es gab nie wirklich Gute.

 

Vollends beamt mich zwei Kurven weiter eine Hinweistafel zurück in alte Zeiten.

Da war dieses ramponierte Rondell mit Sitzbank und Erklärtafel, von 3 oder 4 Restbäumchen und ein bissl Wildwuchs umgrenzt. Am Ende von „Verdun“, dort wo die Baumleichen exakt gestapelt darauf warten, Laminat zu werden. Muss früher mal ein Rastplatzidyll am Reitweg gewesen sein.

Man erfährt beim Lesen, dass hier ein Vater seinen Sohn betrauerte, dessen Grab unerreichbar war.

Da Vater und Sohn von Adel waren, blieb das Mahnmal nicht erhalten, als die „Neue Zeit“ verkündet wurde und ein junger Staat „Junkerherrschaft“ per Bodenreform beendete. Über deren Notwendigkeit kann durchaus gestritten werden, zumal man wenige Jahre später alle Kleinfelder wieder zu großen zusammentackerte. Was aber damals genauso blödsinnig war, wie heute – ist jene bräsig-blöde Bilderstürmerei neuer Generation, die ihre eigene Dumpfbackigkeit schützen will vor Information und Denkanregung aus älterer Zeit.dav

Wie sagte einst ein sowjetischer Zonenkommandant als ein wildgewordener Tischler, kraft seiner Wassersuppe, beschlossen hatte, das Kyffhäuserdenkmal sprengen lassen zu wollen:

„Nitschewo! Das neue Deutschland muss lernen, mit seinen Denkmälern zu leben!“

Dies kleine Ding hier im Wald brauchte zur Beseitigung kein Dynamit, mithin keine Anfrage an “die Freunde“ und somit kam es abhanden, wie sovieles andere auch, was nach 1990 wieder auferstand.

Die kargen Zeilen der Stele, die nun auf jener ärmlichen Hinweistafel von 2009 wieder zugänglich gemacht wurden, geben mehr her, als dasteht. Für den, der’s wissen will:

dav

Ein Garde-Dragoner war er. Jener Tote von 21 Jahren! In Pinsk, damals Ostpolen, heute Weißrussland. Kavallerist im I.Weltkrieg. Die eine Hand am Zügel, die andere führt die Pike/Lanze; im 20.Jahrhundert ! Bei der Formationsattacke gegen Maxim-MGs und Mauserpistolen! So ein Ding hast du auch am Gürtel hängen, einen mehrschüssigen Karabiner im Gewehrschuh, aber keine Hand mehr frei. Super-Strategie!

Pinsk im Februar 1916. Waren da größere Kämpfe? Pinsk ging ab Juni’16 als Schlachtfeld in die Geschichte ein, da war seine Zeit aber schon rum. War es also ein schicksalhafter Patrouille-Ritt, der ihn auf eine Kosakenabteilung treffen ließ? Deren Kavallerie-Speer war standartmäßig 30 cm länger! Also geflohen? Verfolgt worden? Eingeholt – und das erste, was der Verfolger mit seiner Lanze erreichen kann, ist der verlängerte Rücken des nach vorn gebeugt fliehenden Reiters. Ein Stoß durch Nieren, Darm und Magen stoppte die Hatz? Deshalb die Verwundung, von der das Hinweisschild erzählt?

Dann Sturz aus dem Sattel; mit den Wunden in den Dreck? Wieder aufgehoben, quer über den Sattel geworfen, und im Hoppelgalopp hinter die feindlichen Linien? Kann er dort überhaupt noch lebend angekommen sein?

Wie gingen feindliche Lazarette mit Kriegsgefangenen um? Wie lange hielt der arme Kerl da noch durch? Wo mag das Massengrab gewesen sein, in dem er verschwand?

Und daheim: Hat der entfernt und in Sicherheit lebende Vater so detailreich mitgelitten? Hatte er die Phantasie dazu? Oder war er so ein typischer Preuße, wie sie immer beschrieben wurden. In roboterhafter Pflichterfüllung erstarrt? Nassforsch am Herrenabend vom „im Felde gebliebenen Stammhalter“ schwadronierend? Die Zeiten waren danach.

sedan

1870

Oder ist das alles falsch. Saß er mit der postalischen „ Verlautbarung vom Heldentod“ in der Hand ganz stumm und wie erschlagen im ehemaligen Kinderzimmer des Sohnes? Unter den Postern aus dem „Guten Kameraden“ von all den edlen Kavalleristen und den Siegen von 1870?

Der Sohn wurde 21. Das war ich auch mal. Ich kam damals aus „meinem Krieg“, der bekanntlich kein richtiger war, körperlich unversehrt nach Hause. Auf mich warteten die 4 besten Jahre meines Lebens. Studium genannt. Mit all diesen Abenteuern, die junge Leute nun mal haben wollen. Für ihn war es vorbei bevor er lebte. Hatte er zuvor wenigstens schon mal ein Rendevouz mit dem anderen Geschlecht? Oder musste er ungeküsst ins Feld?!

Armer Geisterreiter! Du warst bei der Garde, hoch zu Ross; ich war beim Schrutz zu Fuß. Du sehr wahrscheinlich freiwillig. Ich nicht. Aber ich hatte mehr vom Leben. Armer Kamerad. Für dich waren es die falschen Zeiten.

Pinsk

1916

 

„Vier Jahre Mord! Und dann ein schön Geläute!

Ihr geht vorbei und denkt: Die schlafen fest!

Vier Jahre Mord und ein paar Kränze heute!

Verlasst euch nie auf Gott – und seine Leute!

Verdammt! Wenn ihr das je vergesst!“

(aus „Stimmen aus dem Massengrab“  von Erich Kästner)

Der Boxer

Neulich kam so’n Tipp von irgendwoher:

Ach, ich hab grad wiedermal den „Boxer“ gehört. Ist das ein schöner Song!

Kannst den mal auf deutsch machen?

Da hab ich zum erstenmal den Text gelesen. Und siehe da: Der Funke sprang über.

 

THE BOXER /Simon and Garfunkel

(dt. Version Bludgeon)

 

Ich bin ein simpler Kunde

Meine Story is schnell rum

Ich hab vergeudet, was ich hatte

Und es lief halt manches dumm

All die Lügen und die Witze

Die man gerne mehrmals hört

Haben mir mein Ziel genommen

Doch ich hab mich nie beschwert

 

Ich hörte, was ich hören wollte

fragte niemals nach dem Rest

So kam es, wie es kommen sollte

Eben Scheiße – no request!

 

Und so gings weiter dann:

 

Als ich von zu Hause fort bin

Eigentlich noch immer Kind

Hab ich nicht lange überlegt

War wie Kinder eben sind

Mir wurde Angst und Bange

In den Nächten so allein

Auf Bahnhofsbänken so auf Trebe

Doch wie kann das anders sein?

 

Und was wird noch draus –

 

Die Sprittis und die Penner

Die halfen mir ein Stück

Doch ich wollte etwas werden

Und auf keinen Fall zurück!

Also suchte ich nach Arbeit

Aber niemand nahm mich an

Nur die Huren in der Löhr*

Und so wurde ich zum Mann

 

nee, ich geb nich‘ damit an, auf keinen Fall –

 

Ich versetzte meine Winterkluft

denn ich war bald völlig down

für ein Ticket nach zu Hause

wär ich bloß nie abgehaun

 

doch die Heimfahrt wäre peinlich nun –

 

In seiner Ecke steht ein Boxer

Er ist reichlich schon lädiert

Beide Augen zugeschwolln

Er bekommt was draufgeschmiert

Er weiß, dass er verlieren wird

Er hält die Prügel aus.

Noch drei Runden bis zur 12ten

Denn dann wär der Kampf erst aus.

 

Und dann wär es daaas….

 

Mit jedem Schlag, den er kassiert

Prügelts Schicksal in ihn rein:

Da hast du‘s nun

Du dummer Hund!

Sieh: Du schaffst es nicht allein!

 

Also komm doch wieder heim, und dann isses es das…

 

Lie la lei lie la leileileileilei….

 

(Löhr = der Messe-Huren-Strich zu Ostzeiten in Leipzig, bekannt durch den Underground-Hit „Löhrstrasse“ von Folkländers Bierfiedlern ca. 1987)

©Bludgeon

Weil SUZI heut Geburtstag hat…

She wasn’t my Idol,

but sie war immer there.

Und’s gibt‘ne Platte von ihr,

die ich immernoch hör!

Umständlicher Einstieg: Wenn ich mir vorstelle, ich hätte 1982/83 Westbesuch gehabt, der mir diese Platte mitgebracht hätte: Ich wär’ vor Scham gestorben oder hätte nach mühsam geheucheltem sehr knappem „Danke“ das Unikum ungehört in die Papptüte mit den Angeboten für den nächsten Flohmarkt verschwinden lassen. Mauer hin/Mauer her – auch damals hätte ich durchschaut, dass die Verwandtschaft ihre eigenen Bekäufe rationell in den Osten entsorgt. „Wenn schon Mindestumtausch, hamm’wer wenigstens für die Mitbringsel nix bezahlt.“

Anfang der 80er! Da waren die gestandenen Namen der 70er Hitparaden via Punk-Kulturschock mega-out! New Wave war angesagt. Die Mädels fönten an der Blauspülung, die Männer an der Dauerwelle und wer anders sein wollte, lechzte nach böswillig Aufsässigem a la Interzone und Ideal oder gab sich lila bewindelt friedensbewegt: Wir wollen leeeeeben!

Sweet-Smokie-Glitter-Suzi-Cassidy ….? They all were “slade” by Clash, Blondie and the Police sozusagen.

“Danach kräht kein Hahn meh-her!”, sang damals eine gewisse „Familie Silly“ im Osten, aus der in den nächsten Jahren eine gaaaaanz große Nummer werden sollte….

2020 nun liegen die Dinge anders.

Altersweise geworden, weiß ich es bis heute zu schätzen, dass es da jenes Rockzirkus-Forum gab, in dem unter anderem auch so manche Glitterrockperle vorgestellt wurde, die man seinerzeit gar nicht auf dem Schirm hatte. (Grüße an Mellow und Remo, falls sie das hier lesen). Da wurde auch an eher unbekanntere Suzi-Scheiben gemahnt und somit angefixt, stöberte ich also auch selber los und entdeckte die vermutlich vergessenste Scheibe von ihr – mit Gewinn! Sie läuft gerade wieder einmal.

Vom 82er Kontext befreit – das reine Vergnügen, ohne Scheiß!

Nun zur Sache:

Suzi ging es 1982 schlecht: 1979 endet der Vertrag mit RAK, 1980 floppt das Album „Rock hard“ und lässt den Folgevertrag platzen, schwanger, Entbindung, kein Plattenvertrag…4 Jahre ohne Hit…Die Erfolgsserie down!

Das Foto im Booklet zeigt einen geradezu erschütternden Gesichtsausdruck.

Der Abstieg von Top of the Pops zum Tankstelleneröffnungsact bereits in Gang gekommen. Am Ende ist sie auch eine von denen, die mit ihren Erfolgen andere reich machte, selber aber immer knapp an der Insolvenz vorbeisegelte?

Sie braucht ein Studio zum Weiterkämpfen und stößt auf einen hilfsbereiten Chris Andrews. Ja, genau der! „I’m her yesterday man!“ Dessen Erfolge waren auch schon eine Weile her, aber der war nicht so ein verarmter yesterday-Promi, sondern besaß ein Studio und hatte die Ohren noch am Puls der Zeit:

Er half:suzi70

– als Studiobetreiber,

– als Songschreiber der halben Platte,

– und schließlich noch als Keyboarder.

Die andere Hälfte der Songs stammt von Suzis Ehemann und Gitarristen Len Tuckey.

Sowohl er als auch Andrews sind von dem Spleen befallen, alte 70er Jahre Hitschablonen gemeinsam mit neuem New Wave-Songwriting auf dieser Platte unterbringen zu wollen und so entsteht das, was dieser Flop-LP 40 Jahre später ihren historischen Reiz verleiht:

Heart of stone (klick)

Die ehemalige A-Seite könnte von 1978 stammen, denn gleich 3 Nummern klingen überdeutlich nach „stumblin’ in“ oder „if you can’t give me love“ bzw. „make me smile“, jenem von Smokie zu Tode gerittenen Schrammel-two-step, mit dem man sein Baby sanft über den Tanzboden schleudern kann, damit sie anschließend „mit raus“ kommt.

Cheap shot (klick)

Die B-Seite dagegen verrät vielfältige New-Romantic-Anleihen und somit die minimalistische Art des Songwritings, die einem die 80er so verleidete.

Für den „Candyman“ scheint „Fade to grey“ Pate gestanden zu haben. Ich glaube mich auch zu erinnern, dass der Song 2-oder 3mal beim NDR zu Airplay-Ehren kam. Aber die New Wave Szene war reich an eigenen weiblichen Ikonen. Gegen Debbie Harry, Rachel Sweet oder Kim Wilde hatte die Glam-Rock-Veteranin keine Chance.

„Remote control“ könnte man der Human Ligue in die Schuhe schieben, wäre da nicht die Refrainzeile, die auf die gleiche Art durch den Vocoder gehäxelt wurde wie das berühmte Vorbild: „Fade to grey“ zum 2.!

„Fantasy in Stereo“ erinnert in den Strophenenden an Marshal Hains One-Hit-Wonder: “dancing in the city, every time you want to…“

“Transparent” ist Blondies „atomic“ angereichert mit dem Hintergrundblubber aus „Heart of glas“ bubobobobobobbbbbb……

Das Schlagzeugintro von „Oh Baby“ schließlich ist „My Sherona“ (light) und verweist somit sanft wieder zurück in die 70er, wie auch die Grundmelodie des Songs, während das Arrangement mit Trommeln und Bass aus der Retorte einmal mehr an Visage & Co denken lässt.

Fazit: Obwohl- oder gerade weil ich den gesamten Synthie-Pop-Sound der 80er für die finale Musikprostitution hielt, gefällt mir dieses Suzi-Quatro-Spätwerk. Man braucht den originalen Mist nicht zu bemühen und kann sich mit Hilfe dieser CD trotzdem in die Zeit der harten Feten zurückbeamen:

– Renft-Rezitationen im Vollsuff,

– Tanzversuche nach Lockerungsgetränken (ich rate dir –Sternburg Bier; Rosenthaler Kadarka, Grünes Eis/Grünes Eis, Rosendalor Katarrh(kahhhh), Bernburg Stier…) daher der Name „Flashdance“!

– prä-komatöse Kopulationsversuche….

…the candyman can…. ! You know?

Yeeeeehs! (Wie Stefan Remmler zu sagen pflegte.)

Happy Birthday, alte Sirene!           Nett gemeint!         (Ehrlich!)

Als Heyse gegen den Strom schwamm

München; Himmelfahrt 1907, Villa Heyse, sommerliches Wetter.

„Da sitzt du nun, du Alt-Star. Du Säulenheiliger. Wo sind deine Jünger abgeblieben?“

Der alte Heyse sitzt allein am Tisch; im großen Salon seiner Villa; und spricht mit seinem Spiegelbild.

„Wo wernse sein. Beim Hauptmann. Auf Hiddensee. Viel Spaß bei den Ichtyopagen. Pah!

Hauptmann. Nomen est omen. „Kurz und knapp! Jawoll! Zack-Zack!“ Die Karawane zieht weiter. Ins neue Timbuktu. Und das is‘ nu ne Insel. Von wo es nicht mehr weiter geht.“

Er nimmt einen Schluck.

„Burgunder vor Zehne. Weit ist es gekommen mit dir, alter Freund. Burgunder am Vormittag.

kleinheyse3Ach was. Ich sauf mich in Stimmung. Ich will das heute fertig haben. Noch zwei Kapitel. Oder vielleicht drei. Es muss schnell Schluss werden. Ich will das vom Tisch haben.

Mein letzter Roman sollte es werden. Und mindestens doppelt so dick.“

Er hebt den dünnen Stapel Blätter an und fächert ihn durch.

„Gestern hab ich gezählt. Um die 200 Seiten werden es dann wohl nur. Hab auch Novellen geschrieben, die so lang waren. Was ist Novelle, was Roman. Kann Theo wieder ne Theorie draus machen. Pah! War mir immer wurschd! Hatte mal ne „Falkentheorie“ am Start, hahahah. Mancher arme Germanistenwicht predigt die heute noch vom Katheder.

Ich hatte großes vor mit dem Ding. Gestern noch mal den Anfang gelesen. Die Rittbergern ist mir gelungen. Tolle Frau geworden. Vielleicht die beste meiner Weibergestalten.“

Ein Blick streift die lebensgroßen Abbildungen seiner beiden Ehefrauen im Brautstand links und rechts vom Spiegel.

„Sie ist so, wie ihr nie wart!“

dav

Er gießt noch mal nach.

„Wär ich glücklicher verheiratet gewesen, müsst ich tolle Frauen nicht erfinden. Dann hätt‘ ich eine gehabt!“

Er wendet sich wieder dem Manuskript zu:

„Solche Frau! So eine Frau!“, lass ich den Doktor hier seufzen. Sie macht ihn fertig. Er bekommt die Standpauke – und betet sie an. Sie – voll im Brast, merkts nicht. Die Stelle ist auch gelungen, find ich.

Ist das hier meine Marienbader Elegie? Naja 70 war ich nicht, als ich mein 18jähriges zweites Huhn riss. Aber ist mir Ehe Nr.2 nun bekommen oder nicht. Wo isse überhaupt grade, meine Madam?“

Er trinkt.

„Als Backfisch hat se mich angeschwärmt und ich hab mich in ihrer Jugend gesonnt, aber – naja:

„Sie haben sich in ihre mädchenhafte, anhimmelnde Naivität verguckt, in der man sie belassen hatte. Und sie haben ihren Teil dazu beigetragen, dass das auch in der Ehe noch so bleiben sollte. Dann plötzlich haben Sie von einem halben Kinde eine Entscheidung erwartet, die eine reife Frau, zwischen Mann und Vater gestellt, hätte treffen können, mit der Juliane aber überfordert war.“

Stimmt schon so. Das ist der beste Ausspruch meiner Rittbergern überhaupt! Ich war so voller Elan am Anfang, als ich das schrieb. Da steckt soviel drin! Ich fühlte mich da neulich noch einmal wie mit 30. Aber dann hab ich nicht widerstanden und wieder diesen Dreck über mich gelesen: Mann ohne Einfälle! Überschätzt! Blender! — Aaaaaaach, das bremst dich einfach aus!“

Er nimmt einen großen Schluck. Das Glas ist leer. Er gießt nach. Das Glas wird nur halbvoll, nun ist die Karaffe leer.

„Zenzi!“ Er müsste aufstehen, um an der Gesindeklingelschnur ziehen zu können, da brüllt er lieber. „Zenzi!“

Gotlind, die hier im Haus nur Zenzi heißt, weil der Meister meint, Gesinde müsse so heißen, ihr eigentlicher Name passe nicht für eine Magd, erscheint und lässt auf ihrem Gesicht deutlich ihre Unlust stehen.

„Zenzi, sei so gut und bring mir noch eine.“, wedelt er mit der leeren Karaffe. „Ich werde mich heute früh besaufen, weil ich schreiben muss. Ich werde also gegen Mittag hinüber sein und mich aufs Kanapee schmeißen. Sag der Marie in der Küche, eine kleine Brotzeit gegen 3 Uhr wird reichen. Und leg mir noch ein Aspirin auf den Beistelltisch am Kanapee.“

Zenzis Blick hellt sich auf. Ein ruhiger Feiertag für das Gesinde also. Nach den Räuschen schläft der Alte lange. Die Brotzeit wird eher Abendbrot sein. Der Tag ist rum, ohne Arbeit. Fein!

Sie geht und bringt die zweite große Karaffe Wein. Er hat sich schon wieder tief in seine eigene Welt begeben und nimmt ihr herein und heraus gar nicht wahr.

„Quatsch. Ich bin ja wohl ne andere Hausnummer als der Geheimrat von Weimar war. Aber man sollte nicht mit Mitte 40 sowas Junges frei‘n. Die ist dann Mitte 30 und ausgereift, wenn du selbst schon hinüber bist. Dieses Herumreisen müssen, dieser Einkaufswahn! All diese sinnlosen Kosten!

Aber dem sind sie in den Arsch gekrochen bis zum bitteren Ende. Wie hat der das gemacht? Und dann Fürstengruft! Staatsbegräbnis!

Wenn ich hinüber bin, wird kein Hahn mehr krähn nach mir. Da geht’s mir wie dem Friedrich in Berlin. Der arrogante Hund! Antwortete nicht mal auf meine Einladungen.“

Wieder ein Schluck.

„Ach schon gut. Ich hörte, er soll elend krank sein inzwischen und halb blind. Da reist man nicht mehr. Nee, arrogant biste nich‘ mehr alter Freund dort droben. Spielhagen und Heyse – auf uns! – die beiden Diogenesse in ihren Fässern!“

heyse2 (3)Er trinkt das Glas aus, blickt sich um. Schaut auf das leere Glas in seiner Hand, spürt die Wärme des Alkohols nun langsam in seinen Adern und lächelt befriedigt:

„Naja, schickeres Fass irgendwie.“ Er grinst in den Spiegel, fährt sich durch die noch immer dichte Künstlermähne, stellt das leere Glas ab, greift zum Füllfederhalter, schraubt die Kappe andächtig ab,  und beginnt zu schreiben.

——

„Gegen den Strom“ kam 1907 auf den Buchmarkt und blieb unbeachtet. Der 77jährige Heyse verkaufte sich immernoch ganz gut, fand aber in den Gazetten nicht mehr statt. Den Spartenblättern der neueren Literatur diente er allenfalls als Feindbild, gegen das strikt anzuschreiben sei.

„Gegen den Strom“ hätte Beachtung verdient gehabt. Es ist eine Art Generalabrechnung mit der Gesellschaft und der Zeit. In salonfähig zumutbarer Form. Und es ist sicher auch das Inspirationsbuch für ein weit berühmter gewordenes anderes Werk: Hermann Hesses „Glasperlenspiel“. Ebenfalls eine Generalabrechnung eines aus der Zeit Gefallenen ein paar Jahrzehnte später.

Heyses Buch zerfällt in eine gute erste Hälfte, voller realistischer Schilderungen zeittypischer Schieflagen in der besseren Gesellschaft und im piefigen Kleinbürgertum – und einen schwachen, nahezu kommunistisch anmutenden Schluss.

Beim Lesen heute erlebst du ein Feuerwerk der Assoziationen. Vorausgesetzt du kennst Kleinstadtleben und ein paar Referenzwerke.

„Gegen den Strom“ heißt der Band. Heyse kannte Bob Seger nicht. „Against the wind“! Seinen Weg gehen, merken, dass man nicht weit kommt, aber stolz bleiben! Das ist auch das Problem des Buches. Heyse ist der Seger von 1907. Aber es geht bei ihm nicht nur um „zwei Geflippte, die durch nichts zu bremsen sind“, sondern wie sich bald zeigt, gleich um acht Personen.

heyse3Sechs intelligente Männer, ohne eigenes Verschulden, von der tumben Meute aus der Spur gebracht, bilden eine Art Bruderschaft abgeschieden in einem ehemaligen Klosterbau auf dem Nonnberg gegenüber der völlig verschnarchten Kleinstadt Windheim.

Und dann wären da noch zwei attraktive Damen, von denen sich die eine als beeindruckende Powerfrau erweisen wird.

davIch lese „1907“ auf dem Vorblatt und den Einleitungssatz: „Es war in den 90er Jahren…“ des 19. Jahrhunderts und ich schalte auf Gründerzeitmodus; da ziehen mich die ersten paar Heyse-Seiten auch schon in die Spielhagen-Welt zu Edith und Eleonore, zu Melitta, Hermine und Paula:

Windheim; Kleinstadtbahnhof, eine attraktive Frau entsteigt einem Zug. Der Gepäckträger bekommt einen Wink, den geflochtenen schweren Koffer auf das Dach des Omnibusses des Hotels zu hieven. Alle Anwesenden platzen sofort vor Neugier: Was will SO EINE hier in unserm Kaff? Auf dem Koffer steht H.v.R. also irgendwas Adliges!

Helene von Rittberg. Heyses Melitta von Berkow. Spielhagen erschuf sie in seinem Debut. Heyse quasi als sehr gelungenen Schlussakkord!

Ohne, dass es erwähnt werden muss, siehst du sie vor dir: Knapp 30jährig; weißes langes Kleid, schlank, aber nicht dürr; die Taille lässt die Korsettierung ahnen, Hochsteckfrisur und Wagenrad-Hut mit Feder. Sie bezieht ein Zimmer im „Blauen Engel“ – und nun musst du erstmal Marlene Dietrich verdrängen, dieses Leichen-Face mit den Mephisto-Augenbrauen vom Gründgens.

Jene schönere Helene, ist in geheimer Mission ihrer jüngeren Freundin Juliane von Greiner hier, um deren Ehe zu kitten. Ein komplizierter Fall. Untreue ist nicht das Problem, sondern Heyse greift ein heißes Eisen seiner Zeit auf:

Duelle sind verboten! Aber wenn du als Offizier einem ausweichst, feuert dich der Ehrenrat des Offizierskorps deines Standortes aus der Armee!

Selbst wenn der Herausforderer von zweifelhafter Ehre ist und einen vermutlich verdrehten Sachverhalt als Grund für den Schusswechsel präsentiert! Er hätte trotzdem den ersten Schuss in der Auseinandersetzung und käme mit Glück durch, während der ehrenvolle Kriegsveteran von 1870/71 als Herausgeforderter einen sinnlosen Tod stirbt und eine schöne Witwe für den Strolch hinterlässt. Der Kriegsheld steht beschämt als Feigling da, der spielsüchtige Trunkenbold triumphiert. Verkehrte Welt!

Wenn dann noch eine ungünstige Schwieger-Sippe des Helden hinzukommt, die nun im Mann des eigenen Kindes einen Feigling sieht, muss die Frau entscheiden, zu wem sie steht: Ehemann oder Vater? Wer hat recht mit seiner Sicht der Dinge? War das Duellabsagen Feigheit oder Vernunft? Juliane von Greiner entscheidet sich auf Druck des Vaters gegen ihren Mann. Der verzweifelt daraufhin, flieht und verdrängt; lebt sich ein, in die Rolle eines Witwers. Fünf Jahre vergehen, da taucht Helene in seinem Exil auf, um alte Wunden aufzureißen, wie er meint; – um die Ehe doch noch zu kitten, wie seine Frau Juliane hofft. Der böse Schwiegervater ist inzwischen tot.

Helene findet Herrn von Greiner, informiert ihn, versucht seine starren Moralvorstellungen zu  erschüttern – und blitzt ab.  Die Ansichten der Zeit, die sich Greiner und Helene im Disput an den Kopf werfen, lassen aufhorchen. Heyses Standpunkt ist hier ein durchaus moderner! Helene eine intelligente, emanzipierte Frau, die nie um Verständnis bettelt, die die Initiative behält, aber die besiegten Männer trotzdem gut aussehen lässt. Die personifizierte Vernunft. Von Rittberg – die, die die Hürden überspringt. Von Greiner – ist für eine letztlich auch positive Figur ein suboptimaler Name. Es sei denn, der „Heuler“ soll seine Rolle in der ersten Hälfte des Buches unterstreichen.

Aber neben Greiner sind da noch die anderen 5 in ähnlicher Lage.

Der Mediziner, der Mathematik-Professor, der Kaplan, der Politiker, der Maler – allesamt Träger schwerer Schicksalsschläge. Ergo: Die Vernunft sitzt auf dem Berg und wird nicht gebraucht. Hey Atlantis! (Donovan/Danzer)

Unten im Tal lebt die kleingeistige Meute in altem Schlendrian dahin, versäumt wichtige Reparaturen am Deich. Der hält schon noch!  Und sieht die Katastrophe nicht kommen. Erst als sich der Wolkenbruch ergießt, die Straßen überflutet sind, kommen beide Seiten zusammen. In der Stunde der Not ist handelnde Intelligenz von Nöten! (Witt 1)

Hesse als notorischer Gegen-den-Strom-Schwimmer wird dieses Buch gekannt und gefeiert haben. Sein Glasperlenspieler-Ghetto drängt sich in der Erinnerung des Lesers von heute nach vorn. ER lässt seinen Elite-Renegaten dort ersaufen. Bei Heyse überleben dessen Vorbilder: Hauptmann Greiner und Dr. Carus.

heyse2 (2)Die Fabel ist bei Heyse (und später auch bei Hesse) in eine sehr elitäre Welt entrückt, so dass nicht gefragt werden muss: Wovon leben die da eigentlich auf ihren Elite-Bergen? Die 6 treiben eigenartige Hobby-Studien, die kein Geld einbringen – und auch die Glasperlenspieler kennen keinen Broterwerb. Der profane Existenzkampf des Alltags, der den Massenmensch in seinen Reflexen hinundher treibt, interessierte Heyse nur am Rande. Er will seine Ansichten in Disputen unterbringen und er tut dies in durchaus ansprechenden Situationen.

Die Vielfalt der angesprochenen Problemkreise verblüfft:

Ehren-Kodex, Sterbehilfe, immer noch vorhandene Judenfeindlichkeit der dumpfen Masse, unversöhnliche Grabenkämpfe der Kunstkritik, oppositionelle Gedanken in den „Grenzboten“ unterbringen ;Fraktionszwänge und Sinnlos-Diskussionen im Reichstag, Rolle der Frau als beschäftigungslose Anmut, nur als Witwe unabhängig, in Zeiten heraufdämmernder Emanzipation…

Heyse schlägt hier 2 Fliegen mit einer Klappe: Einerseits kotzt er sich frei über den Unverstand der Welt, in herrlich tiefsinnigen Dialogen zwischen Helene und den Misanthropen. Aber zugleich sind das ja kulturvolle, sympathische Seelen, die sich nichts für lange übelnehmen. Und so erschafft sich hier andererseits der erfolgsverwöhnte, immer gastfreundliche, und nun vereinsamte, alte Heyse seine finale Tischgesellschaft in der Phantasie.

SOLCHE Leute hätte er gern um sich!

SO und nicht anders müsste man miteinander umgehen, wenn wirklich die Vernunft gesiegt hätte, wie immer behauptet wird!

Das dem nicht so ist, merkt der Leser selbst.

Ein reinigendes Gewitter löst die Katastrophe aus, die eigentlich keine richtige ist. Sie wird auch nicht dramatisch ausgewälzt, sondern nur notdürftig skizziert. Mittel zum Zweck, um alles zum Guten drehen zu können. Das Ende kann als Kitsch betrachtet werden. Heyse ist das wurscht. Realist wollte er nie sein! Das war ihm zu karg, zu revolutionär, zu unromantisch. Deshalb bricht über Windheim nach der Flut eine Art utopischer Kommunismus herein, in dem alle Widersprüche enden.

Da wird es Verrisse gehagelt haben, oder völlige Ignoranz. Das muss er gewusst haben! Er hatte mit 77 schließlich reichlich Lebenserfahrung.

Nach dem Setzen des letzten Punktes am Ende des Schreibvorgangs ist es noch nicht 12. Die Karaffe ist noch halbvoll. Er gießt sich nocheinmal ein. Die Schreibraserei hat sich verflüchtigt. Er ist unzufrieden mit sich. Er weiß, dass der Schluss kein guter ist. Er säuft ihn sich schön:

„Sie werden’s nicht raffen, diese Schmierfinken von heute! Sie werden sich an meinem zu simplen Konfliktverlauf hochziehen.“

Er verstellt die Stimme und schreit sein Spiegelbild an:

 „So ist das Leben nicht! Fehlen bloß wieder Zentauren, die die Damen retten! Das Geschreibsel eines verlöschenden Talents!“

Er trinkt aus und winkt mit dem leeren Glas ab, dann füllt er nach. Da schlägt der große Regulator 12. Bong! Pingping. Bong! Pingping…

„Und sie werden‘s halt wieder nicht begreifen, dass man ein bissl Kitsch als Gleitmittel braucht, um die Leser nicht zu verschrecken. Sie sollen das Rührstück ruhig schmachtend genießen. Aber wenn sie sich den Carus oder den Greiner zum Vorbild nehmen, dann müssen sie auch denken und handeln wie die — und nicht nur wie dressierte Hunde, dieses räsonierende Offizierscasino da in Potsdam nachäffen! – Grandios Hoheit! Grandios! Meine Verehrung! – Dann fangen sie an zu überlegen: Wer sitzt eigentlich bei uns auf dem Nonnberg sinnlos rum und muss auf seine große Stunde warten, weil irgendwelche Dumpfbacken ihre Posten nicht räumen?

…kann ja nich‘ alle ersaufen lassen! ….müsst ich Thomas Mann heißen! Uäh! Buddenbrooks. Scheißfamilie.“

Er schaut angewidert ins Weinglas. Das Lächeln kehrt zurück:

„…kannst nichts dafür, guter Tropfen!“

Er erhebt sich und taumelt zum Kanapee hinüber, lässt sich dort fallen, wirft sich die Sofadecke über und lallt noch ein abschließendes:

„Findet die Guten, ihr Arschgeigen!“

Dann schläft er zufrieden ein.

©Bludgeon

Fehler im System XXII

Renft und ich (VIII)

oder

Was noch zu sagen wär

Kommen wir nun zur letzten Strophe des „Liedes, das sich nun enden will“. Da zogen 7 aus, den Staat das Fürchten zu lehren und selber werden sie ebenfalls manches Mal vom Gruseln geplagt worden sein, bei dem, was ihnen widerfuhr. Aber sie blieben DIE Freigeister des Ostrocks.

1. Der Abgesang:

Nach „als ob nichts gewesen wär“ ruhte der Schaffenswille wieder für mehrere Jahre. Oder es fehlte am nötigen Kleingeld, um in Vorkasse gehen zu können, für eine neue Produktion. Crowdfounding wurde nie versucht.

1998 wurde 40 Jahre Renft gefeiert. Sowas wie Klaus’ns Dienstjubiläum. Es traten an: die neue Klaus Renft Combo, die dahinsiechende Truppe „Monsters Renft“ und Cäsar und die Spieler. Für einige Besucher der langersehnte Anblick aller 6 Vertreter der klassischen Skandalbesetzung zu fortgeschrittener Stunde auf einer Bühne. (Gerulf fehlte bereits; war schon in Chemo.)  Andere bekamen mit, wie hässlich das Verhältnis untereinander zu diesem Zeitpunkt war. Wohl knapp vor neuerlichen Gläserwürfen. Der DVD-Livemitschnitt des Konzertes ist jedenfalls nicht das Highlight, das es hätte sein können. Es geschah im „Anker“ in Leipzig. Nach seinem Tod 2006 wurde das Straßenstück davor offiziell zur „Renft-Straße“. Eigentlich hätte es die komplette Schuhmannstrasse sein sollen. Eigentlich ein anständiger Einfall, den berühmtesten Sohn der Stadt nicht gar so sang-und klanglos zu beerdigen, aber die Kürze der Renftstrasse zeigt auch das Vertruxte, die halbgare „Entschlossenheit“ der Entscheider. „Manche Dinge ändern sich nie.“

klausrenft

Klaus

Kuno erlitt mehrere Hörstürze. Andere Quellen schieben es auf extremen Tinnitus, dass er 2005 das Handtuch warf, aber immerhin am Leben blieb. Pjotr starb im gleichen Jahr. Schwups war Monster wieder da. Rauchte das Kalumet mit den „Verrätern“ von ’98 und es begann eine Phase stabilen Tourens.

Mit Monster, Delle, Basskran Marcus und Heinz schien es sich gerade einzuspielen – da ereignete sich jene Nachtfahrt 2007. Heimfahrt von‘ner Mugge, irgendwo in Sachsen. Sekundenschlaf des Fahrers, ein sich überschlagender Tourbus. Alle verletzt – Heinz tot.

2. Renft goes on – the Pitti-Years

Die Stehaufqualitäten der Band sind allein schon legendär: Ein halbes oder dreiviertel Jahr später touren Monster, Delle und der Basskran-Marcus mit Gisbert Piatkowski an der Gitarre. The Pitti-Years beginnen. Sein Weg durch die ostdeutsche Rockgeschichte wäre ein Roman für sich. Jedenfalls beginnen mit ihm die interessanten Zeiten musikalischer Zitate.

Ich sah die Band in dieser Besetzung zum ersten Mal bei einem Doppelkonzert mit Stern Combo Meissen in Kühlungsborn 2008. Die Meissener ihrerseits hatten gerade ebenfalls großen Bandinternen Knaatsch und Band-Doppelung hinter sich; sollten als erste spielen und hatten irgendwelche Technikprobleme mit der von Berluc vor Ort geborgten Anlage. Alles verzögerte sich. Dann spielen sie endlich doch – aber so, wie mir mein Kumpel Udo einst jenen denkwürdig miesen Deep Purple Auftritt von Weissenfels beschrieb: Lustlos wurden eine handvoll Hits heruntergeschrubbt. Besonders Vivaldis „Frühling“ kam hierbei erbärmlich unter die Räder: Mal sehn ob wir den 12Minüter auch in 5einhalb Minuten schaffen! Zuspät angefangen, aber das Repertoire nicht kürzen wollen, wissend, dass 22:00 Uhr Schluss sein muss, wegen Ruhestörung im See-Bad, bescherten sie damit Renft ein Problem: Nur ne knappe Stunde noch, wenn ihr sofort und ohne Sound-Check losballert!

Wut ist ein verlässlicher Begleiter! Die folgende Stunde machte den bisherigen lausigen Konzertabend wett. Schlechtgelaunte Meissener sind ein Trauerspiel. Ein wütender Monster on Stage – eine Freude. Und Technikprobleme gab es für sie auch keine!

„Wir legen los! Mit’n Applaus müsster euch bissl beeilen. Wir machen keene Pausen!“(Monster)

Und so wars: Volle Pulle durch. Sie spielten 60 Minuten. (Aber keine beschleunigten Rammelversionen wie STERN zuvor!) Pitti streut in fast jeden Renftsong ein gutpassendes Gitarrenzitat von Led Zeppelin, van Halen und schließlich taucht sogar das Thema von „Race with the devil“  in „Nach der Schlacht“ auf. Sozusagen 2 „Osthits in einem“, denn die Gun-LP hatte ja im Osten fast jeder, während die im Westen kaum einer kennt. Kurz vor 22:00 Uhr wurden sie gemahnt, aufzuhören, sonst bekäme der Veranstalter Ärger. Monster ließ es das Publikum wissen. Und in die Pfiffe und das Buh fiel seine Ansage für das letzte Lied:

„Ruhestörung! Sperrstunde! Konzertverbote! Manche Dinge ändern sich nie!“ Joooohl!  Pitti spielt ein Intro und Monster startet als Rausschmeißer ach so passend:

„Als ich wie ein Vogel war! Der am Abend sang! Riefen alle Leute nur- “ und die braven Kurgäste und die Handvoll nachpilgernde Hardcore-Fans stimmen lachend ein: „Sonnenuntergang!“

DIE Stunde hat sich gelohnt!

2010 erscheint „Renft goes on“, live in der Besetzung von Kühlungsborn. Klar. Die musste auch noch sein. Ganz okay. Kein Meilenstein-Album. Musikalisch besser als die „live 1990“. Leider wird der Verbots-Vers zu Beginn nicht mehr verwendet. Monster röhrt (noch sehr gut bei Stimme) auch seine Jugendhits „Come together“ und „Born to be wild“, Pitti zitiert in die Impro-Parts mit der Gitarre ein paar Überraschungen hinein. Geht gut durch.

Schwachpunkt: Hintendran gibt es einen viertelstündigen Konzertauszug von einem Auftritt im Kosovo vor Bundeswehrsoldaten, wodurch eine eigentlich verzichtbare Version von „Sunshine of your love“ und „Ich und der Rock“ zum zweiten Mal  auf der CD gelandet sind – und „Sonne wie ein Clown“ fehlt! Ein letzter zänkischer Arschtritt in Richtung Pannach+Kunert? Keine Tantiemen für die Besserwisser?! Ich habe die Monsterbesetzung 3x live gesehen. Jedesmal war „Sonne wie ein Clown“ dabei. In meinen Ohren eine vielsagende Abwesenheit auf der Platte! Schade drum.

Die Band war von 2007-2019 stabil. Dann starb Marcus der Basskran. Pitti hat viele Nebenjobs als Gitarrenlehrer, als Sessionmusiker bei zahlreichen anderen Projekten, bei Engerling…

Anfang 2020, noch vor Corona, gab Delle bekannt, dass er aussteigt. Differenzen innerhalb der Band, heißt es. So so. Ähem, die nun noch aus wem alles besteht? So steht Monster mal wieder allein auf weiter Flur. Last Man Standing. 75 Jahre alt. Allein – und voller Pläne…

3. Was übrig bleibt

Die Puhdys stanzten Plattitüden, brachten sie auf Platte unter die Leute, blieben ungefährdet und wurden reich. Music for the masses. Die Vermarktung hatten sie besser begriffen.

Die Memoiren von Maschine Birr stellen eine überflüssige Sammlung alter, sattsam bekannter Interviewaussagen dar. „1969 haben Fans aus Gardelegen ans Fernsehen geschrieben….“

Und dann lies mal „Nach der Schlacht“ von Delle Kriese!

Von den 7 Samurai des Ostens kann jeder eine Biografie vorlegen, die nach Verfilmung schreit!

Ich hätte es den Renftlern gegönnt, dass sie da ankommen, wo heute Rammstein sind. War nicht drin. On the road verschlissen zum kleinen Preis.

Was wird bleiben?

Die Renftler lebten so, wie viele von uns gerne hätten leben wollen, damals in den 70ern. Seit Jahrzehnten sonnen sich viele da draußen, Träger biederer Brotberufskarrieren gleich mir, in ihrem Licht. Vor der Renft- oder Cäsar&Spieler-Bühne bist du immer auch selber ein klein wenig Renftler!

Sie waren unser Ventil und wurden unsere Legende.

Sie eckten an, machten Fehler und bezahlten den Rock&Roll mit dem Leben. Idole eben.

Vielleicht haben sich Gerulf, Klaus, Pjotr, Heinz, Cäsar, Marcus und die noch lebenden Kuno, Jochen und Monster in finsteren Gemütslagen gefragt: Was hab ich erreicht?

Die Antwort ist einfach: Renft goes on! Eure Songs sind in der Großhirnrinde all der Boomerjahrgänge im Osten einzementiert! Eure Platten und CDs drehen sich weiter, solange es noch Plattenteller und CD-Player gibt. (Und alte Knacker wie mich, die sich Spotify verweigern!)

Da sind mehr als eine Handvoll große Nummern entstanden, dank Cäsar und Demmler auch in den Anfangstagen von Karussell noch, die inzwischen Volkslieder sind. Viele Songzitate leben als Sprichwörter fort – bis die Jahrgänge 1963/64 ausgestorben sein werden.

„Arbeitszeit schreit die Sirene!“, wenn morgens das Handy piept, oder die Hähne krähn.

„Mama! Du meine Mama!“ Es war grad wieder Muttertag.

„Irgendwann will jedermann raus aus seiner Haut, irgendwann denkt er dann – wenn auch nicht laut.“, eine systemunabhängige Weisheit.

„Ach – könnt ich dir ne Sonne baun!“, der ständige Seufzer über das Ausbleiben des besseren Menschenbildes.

„…und der Kopf hat immer frei dabei!“, nicht nur an den Fließbändern dieser Erde.

„Manchmal fällt auf uns ein Frost…“

„Stoß auf die Tür aus Stahl! …“

„Mein Regen wurde krank und auch mein Wetter!“

„Fenster zu! Draußen schwirr‘n Gerüchte!“

„Es war mal eine Zeit – in der das Gold nichts wog. In der man nicht einmal für Ruhm und Ehre log.“

(Nein, die Mauer muss nicht wieder hoch. Aber unsere Jugend fand nicht in Bautzen II statt, sondern war schön!)

„Die Zeit kämmt mir das Haar mit Zangen.“

„Hol mich oder ich flieh!“

Usw. Usf.

„Nu geh ich ohne Gruß – das war mein Bluuuuuuues!“

klein100_1682

Leipzig 2006

The End.

©Bludgeon

 

Fehler im System XXI

Renft und ich (VII)

oder

Als ob nichts gewesen wär…

Es war einmal ein Tour-Bus anno’96, der stand hinter der Location in der gerade ein Konzert zu Ende war. Die Band steigt ein; zwei alkoholisierte Mitglieder kabbeln sich schon in der Kneipe und draußen weiter. Der eine hat, wie in guten alten Ostzeiten üblich, das noch nicht ausgetrunkene, derbe Wirtshausglas einfach „weggefunden“, noch in der Hand. Als ihm reicht, was ihm der andere da so alles an den Kopf wirft, wirft er auch. Das Glas verfehlt den Adressaten und trifft den Kopf eines anderen Bandmitgliedes. Die Folgen für den unfreiwilligen „Glasfänger“: Platzwunde. Säuernis über die Alki-Eskapaden der beiden grauen Band-Eminenzen. Genäht werden müssen. Zum Anwalt traben. Verklagung. Über alles weitere schwiegen die Medien.

Die Folgen für den unrechtmäßigen „Glaseigentümer“: Rausschmiss aus der Band.

Die Folgen für die Fans der Band: Renft von Renft gefeuert!

Klingt wie ein Witz.

Renft auf Tour, aber ohne den Namensgeber, der schmollend nach Auswegen sucht.

Und sein rettender Engel wird: Cäsar.

„Kommste mit of Tour. Der große Schmott isses zwar nich‘, aber stehste erst ma nich so ganz ohne da.“

Cäsar & die Spieler sind 1997 also mit „Special Guest“ auf Tour und präsentieren einen, „der in einem verschwundenen Land mal eine bekannte Band gegründet hat, die dann auch verschwand“.

Nebenbei versucht Cäsar im Streit mit der Renft-Band zu vermitteln, was misslingt. Noch im selben Jahr die nächste öffentliche Sensationsmeldung:

Es gibt wieder eine „Klaus-Renft-Combo“! Noch unfertig. Und weiterhin existiert eine Band, die „Renft“ heißt und nun ein Namensproblem hat. Bald schon heißt sie „Monsters Renft“.

Klaus’ns Buch erscheint und gipfelt in dem Resümee:

„Zwei Bands sind manchmal weniger als eine.“

Wie wahr.

Interessante Gerüchte machen die Runde, wer dieser Renft-Combo angehören würde. Das Beste darunter war: Alle klassischen Mitglieder außer Monster. Also 5 von 6. Dafür Gerulf Pannach nun als fester Bestandteil.

Dann kam Ernüchterung 1: Gerulf tot! Er starb fast zeitgleich mit Rudolf Bahro und Jürgen Fuchs, dem Schriftsteller: Alle 3 am selben Krebs; alle drei 1977 in Stasi-Haft, in Einrichtungen, in denen im „Foto-Raum“, wo für die „Verbrecherkartei“ geknipst wurde, Röntgenapparate hinter Vorhängen gefunden wurde. Sind missliebige Dissidenten-Promis also „verstrahlt“ worden? Ein heißer und bis heute nicht aufgeklärter weiterer Legendenbaustein.

Ernüchterung Nr.2: Cäsar bleibt doch bei seinen Spielern.

Ernüchterung Nr.3: Jochen Hohl fehlt ebenfalls, ohne dass verlautbart wird, weshalb.

Die Band besteht schließlich aus wieder nur drei Alt-Kadern: Klaus, Kuno und Pjotr.

Hinzu kommt der graumelierte „Basskran“ von Reform: Marcus Schloussen. Zwei Meter vier und das Instrument meist waagrecht vor dem Bauch. Der Name passt.

Aber Klaus’ns neue Renft-Combo erschreckt die Welt geradezu mit einer Neuigkeit, an die die Fans schon nicht mehr glaubten:nft

Es wird 1999 ein neues Album geben. Sein passend programmatischer Name „Als ob nichts gewesen wär!“ Der Titelsong ein genial sich wandelnder Rumpler, als ob man bei der „Straßenbahnballade“ beginnen wolle, dann aber doch eher im „Downtown-Train“ landet.

Bäm!

CD gekauft. Gehört. Und zunächst – mittelmäßig begeistert.

Dem Album ist einerseits anzuhören, dass es beinahe so ein Murks hätte werden können, wie die Pannach+Kunert Veröffentlichungen. Da ist schon die eine oder andere Nummer verzichtbar. (Vor allem die Liebeslieder klingen so – naja, abgebrüht. Man ist eben aus dem gewissen Alter raus. Scheidungsversehrte Wölfe suchen willige Reste.)

Beim Einspielen des neuen Materials in Klaus‘ Schlafzimmer helfen Detlef „Delle“ Kriese (früher Passion und Cäsars Rockband) und Heinz Prüfer (früher Express und Reggae Play). Beide formal noch bei Monsters Renft, nach Erscheinen der CD aber doch fest übergewechselt. Die Verdoppelung der Band war somit durch Migration erledigt.

Auf der anderen Seite hatte das Album aber auch eine unüberhörbar starke Seite:

Alte Renft-Stärken: Mehrere Sänger; Alltagskritisches („Wenn du groß wirst“, „U-Bahn“; „Ernst Lustig“) und Rebel-Legenden-Pflege („Hacker-Rag“; „Blues in Rot“); und dazwischen diese angenehm melancholischen „Ermutigungs-Songs“:

Der „Frost, der hart macht“ got a little Babe, and they named it „Es war da eine Zeit“! Absolut geil! Klaus am Mikro. Der kann nicht singen, monierten Kuno und ein paar Rezensenten in der Presse. Wann hätte im Rock je jemanden interessiert, ob der Sänger ein hohes C schafft? Pah!

Christa Wolf schrieb „Kindheitsmuster“ für die Generation meiner Eltern. Sie feierten das Buch. Kurt Demmler schrieb „Es war da eine Zeit“für meine Generation. Ich feiere das Lied. (Wenn du verstehst, was ich meine.)

Und was einmal klappt, das klappt auch zweimal – und deshalb gibt es in ähnlicher Art noch „Ist das etwa nichts“. Kuno hat Klaus hier zu seinem ganz persönlichen Denkmal verholfen. Der brave, stets loyale Kumpel, der sich für seine Streithähne nicht nur anno‘75 prügeln ließ:

„Schmeißen Sie den Kunert(= Kuno) und den Schoppe(= Monster) aus der Band und wir versprechen ihnen, dass wir Sie weiter unterstützen. Brechen Sie den Kontakt zu diesem Pannach endlich ab und der 3. LP steht nichts mehr im Wege.“ (KGD Leipzig)

„Ich arbeite doch nicht gegen meine Leute.“ (Klaus)

„Klaus Jentzsch, genannt Renft, ist als Ensemble-Leiter einer Tanzformation untragbar. Sein Alkoholkonsum zeugt vom Stand seiner Verwahrlosung. Daher Spielerlaubnisentzug auf Lebenszeit.“

(Beurteilung Stasi-Akte; sinngemäß wiedergegeben; siehe Klaus‘Memoiren „Zwischen Liebe und Zorn“ von 1997)

Er wollte doch eigentlich immer – nur spielen. Ein Leben für den Rock&Roll:

„Hör mal, wie mein Kumpel Saxophon bläst! Ist das etwa nichts?“

Es ist ein deutsches Tom-Waits-Album. Die Coverfotos sprechen eine eindeutige Sprache. Streetcredibility unzweifelhaft.

Es ist eins von diesen Alben, die mitwachsen, wenn die Jahre verstreichen und Situationen eintreten, die die Songs illustrieren.

Das liegt auch an einem Konzertbesuch meinerseits:

Neustrelitz, Stadttheater, Januar oder Februar 2000, glaub ich.

Zunächst nur Kuno on Stage:

„Meine sehr verehrten Damen und Herren! Freunde der Nacht! Ich begrüße Sie zum heutigen Konzert der Klaus-Renft-Combo!“

Applaus.

„Die Gruppe Renft. Optisch leider ein trauriger Fall.“

kleinre

Pjotr, Klaus & Kuno

Zustimmendes Gelächter.

„Deshalb haben wir beschlossen, einzeln die Bühne zu betreten, damit Sie sich an den Anblick gewöhnen können.“

Applaus und Gelächter.

Dann greift er in die Tasten; oder hatte er für die Eröffnungsnummer die Gitarre um?

Er ist noch immer allein auf der Bühne. Zwei-drei Töne und:

„Ich bau euch ein Liiiiied! Aus grauen Pflastersteinen…“

Und die anwesenden, ca. 200 Althippies, Sparkassenangestellten, Baumarktverkäufer, Trunkenbolde, Lehrer und Pastoren erreichen den ersten Applausspitzenwert des Abends. Die Legende lebt!

Das neue Album wird reichlich vorgestellt, aber auch von den alten Hymnen ist fast alles da, vor allem natürlich auch „Sonne wie ein Clown“.

Eine herrliche, sternklare, kalte Winternacht.

Mein heiligs Blechle draußen vor der Tür bringt mich warm und wohlbehalten wieder heim. Untypischerweise bleibt die Musik im Auto aus. Das Hirn ist beschäftigt. Erfüllt vom Soundtrack des Lebens:

„Und blast ihr in den Sand euren Atem aus, werden Wellen draus, es war da eine Zeit, zwischen Liebe und Zorn, träumt ich meinen Apfeltraum in Moll, als ob nichts gewesen wä-här!, Kinder, ich bin nicht der Sandmann, der ist von kürzerem Haar, sag ich der schönsten von den Küchenfraun; Frühling, Sommer, Herbst und Winter, mancher lacht schon gar nicht mehr. Lachend aber sind wir Kinder! Als ob nichts gewesen wär!“

©Bludgeon