Good bye Rock&Roll Wahnfried!

Marvin is gone. 74 ist er geworden. Das ist okay. Die meisten hätten sowieso nicht erwartet, dass einer mit DER Gesundheit so lange macht. Marvin kennt keiner unter seinem normalen Namen: Marvin Lee Aday.

Und dem oft verprügelten, heftig gemobbten Loser würde heute auch keiner einen Nachruf schreiben, wenn er Truckdriver, oder Klempner geworden wäre.

Aber er wurde MEAT LOAF!

Der „Fleischklops“ – so schimpften sie ihn schon in der Schule. Aber er trichterte es ihnen ein: Aus der Beleidigung mache ich eine Kultmarke!

Er begab sich auf den DENNNOCH-TRIP! Mit Erfolg!

Schlangestehen werdet ihr Arschlöcher, um in meine Konzerte zu kommen! und wenn ihr mich reich genug gemacht habt, fahr ich im Cadillac zum Golfen! Und ihr geht arbeiten. Kiss Ass!

Jede Generation hat „ihr’s“. Ihr Fanal! Die Hymne, bei der alle Augen strahlen, auf die sich alle einigen können! Wer bot den Soundtrack MEINER Zeit in den späten 70ern?

Supertramp? Kiss? Die Pistols? Bakerstreet? Nightfever? Bohemian Rhapsody?

Unsere Vorgänger hatten da so Sachen wie „Satisfaction“, „Hey Joe“ oder die, die knapp vor uns waren und nur noch wenig Vorsprung hatten, feierten „Easy Livin‘“ und „Smoke on the Water“ ab. Wir schon auch, aber eben nur „nachgemacht“, weil es die „Großen“ so machten.

ml4Aber eines Tages. Im Jahre 1978. ARD-Musikladen. Wie immer um diese Zeit voller Disco-Müll. Es war die Zeit des 60er-Jahre-Oldie-Verschandelns: Blonde on Blonde, zwei Busenwunder, säuseln „Whole lotta love“, Gilla hampelt zu „We gotta get out of this place“, Stars on 45 leiern Beatles-Refrains durch die Disco-Moulinette. Nur Mist! – Und mitten drin – 5 Minuten Erdbeben:

Meat Loaf „You took the words right out of my mouth“. Danach war die Welt eine andere!

Paar Tage später Radio-Mitschnitt-Beute: Der Titelsong der LP in voller Länge, aber eben in Mono, deireckt from se Kofferheule aufgenommen: „Bat out of hell!“ Wie muss das erst in Stereo klingen!

Paar Tage später zwingt „Paradies by the dashboardlight“ zum Wörterbuchaufschlagen, was das ist – und sorgt für rote Ohren, nachdem sich der Text erschließt.

Aber der Schlachtruf schlechthin wird:

„All revved up and no place to go!“

Auf zig Schreibblockdeckeln verewigt.

Unüberhörbar: Der singt, wie’s is: Aufgedreht – aber orientierungslos! Summertime Blues für die späten 70er! Du bist 18, weißt nicht wo hin mit dir, bzw. woher du all das herankriegen sollst, was du glaubst, besitzen zu müssen! Lebensgier, Liebesgier, Besitzwunschträume, Berufswahldrama, Fahneschiss. Der Most in dir quirlt sich zum „angry young man“ zusammen. Dein Deutschlehrer versteigt sich alle 3 Wochen vor der Klasse zu dem Satz:

„Sie, als angehende Abiturienten, verfügen nun über den höchsten Grad an Allgemeinbildung. So schlau wie jetzt werden Sie nie wieder sein!“

Aber was nützts? Du stößt an tausend Wände, verhedderst dich im Marionettengestrüpp, an dem man dich fernlenken will – und nirgendwo’n Kattermesser! Oder ein Maschinengewehr!

Nun. Das mit dem Maschinengewehr – DER Mangel wurde bald behoben. Prora nahte – die Einberufung war absehbar und verschlimmerte die innere Befindlichkeit. Aber der Plattendealer dort – DER besaß die „Bat out of hell“! Spark in the dark! Nach der Fahne nahm ich sie auf.

mde

Meat Loaf bot die Power detonierender Panzer-Hallen, während sich der EK mit verrußter Uniform aus dem Qualm schält, leicht blutend und verdreckt über die Leiche seines Spießes steigt und die wartende Braut umarmt.

Hollywood-Happyend-Kuss. Kameraschwenk gen Himmel: Elvis grüßt grinsend von oben, weil es sich anhört, als sei sein Las Vegas Orchester auf Metal-Abwegen.

Meat Loaf ist tot. Sein letzter Hit ist 29 Jahre her.

Er bot Rockarien vom feinsten. Er war der Wahnfried des Rock&Roll!

Vergessen wir all die Murks-Alben während der Karrieretäler, die Nebenrollen in diversen Filmen, die meist mieser als seine Videos waren. Es bleiben drei Alben für die Ewigkeit:

Bat out of hell  — Deadringer —- Bat out of hell II.

Ich kann mich unmöglich auf EINEN Song festlegen.

Ist es „Bat out of hell“ mit all seiner Dramatik?

Die Dashboardlight-Mini-Oper?

Ist es die Wut von „All revved up“?   ML1

Oder die von „Peel out“?

„More than you deserve“?

„Objects in the rear view mirror“?

Oder sind‘s doch die wahrwerdenden Rock&Roll Dreams?

Es ist das Phänomen Meat Loaf als Ganzes!

Die Besessenheit. Die Power.

Songs from the Past. Ich hab ihn lange nicht gehört. Heute war der Tag, ihn aufzulegen.

… If life is just a highway, than the soul is just a car.

And objects in the rear view mirror may appear closer than they are…

Heute warst du mir wieder ganz nah. Alter Warrior! Und mit dir meine Jugend.

Mach‘s gut. Du rockst das da oben.

ML2

Die Mappe (2)

Noch ein Fund aus „alter Zeit“.

Und was tust du?

Wie der Hase läuft, ist dir ja bekannt

Und viel misszuversteh‘n ist da auch nicht.

Hinterrücks laufen die Mäuler heiß

Während man vor dir „nur aufrichtig“ spricht.

Also pass gut auf und schmier dich an

Denn es gibt auch für dich keine Frist

Oder was will so ein Mädchen wie duuuu tun

Wenn’s nicht einverstanden ist?

Man hat dich gar viel‘ Ideale gelehrt

Und fleißig, wie du bist,

hast du sie durchdacht und dabei gemerkt mit der Zeit

dass gar vieles nicht so ist.

Auf der Leitungsebene tränkt dir einer ein

Was von allem das Gegenteil ist

Aber was will ein Mädchen wie duuuu tun

Wenn’s nicht einverstanden ist?

Die Wut bohrt in dir, die Granaten sind scharf

Doch ist keiner da, der sie schmeißt.

Und deine Nachbarn fürchten dich:

„Das is‘ ne Irre, die zuviel weiß.“

Und manchmal brüllt dann dein Ehegespenst

Das sonst nur jammert und frisst.

Sag, was kann ein Mädchen wie duuuu tun

Wenn’s nicht einverstanden ist?

Und nun fragst du mich, ich war drauf gefasst

Und muss niedergeschlagen gesteh’n:

Auch meine Tipps beginnen nur mit

„Man könnte…“, „man müsste…“, „mal seh’n…“

Und so tröstet uns dann der Zimmermannsong

„Die Antwort, die kennt der Wind!“

Oder was können so Leute, wie wiiiiir tun

Die nicht einverstanden sind?

(Herbst 1988, Niederlausitz; ich hatte gerade die „Infidels“ von St. Bob an Land gezogen.)

Rod.

Er hat es wieder getan! Mit 77! In der Pandemie!

Nee, nich‘ scheidenlassen one more time, sondern Platte machen, halt CD, halt Datei … fuck the form.

„The Tears of Hercules“ – mehr oder weniger „soeben“ erschienen.

Ich hab sie seit Weihnachten, aber zunächst verstopfte noch anderes meinen Player in heavy rotation, so dass ich erst jetzt dazu komme, Old Rod zu feiern.

Meine Beziehung zu ihm ist eine anfallweise. Viel ließ ich über die Jahre aus. „Baaaaby Jane“ werde ich immer hassen! Aber Einiges gehört eingeschreint, weil ewigkeitstauglich. Das kann er eben – so alle Jubeljahre.

Als er 70 wurde, schenkte er sich selber die „another country“. Die würdigte ich ja seinerzeit hier.

Kaum sind 7 Jahre rum, kommt nun das nächste DING:

„The tears of Hercules“ bleibt zwar hinter „Another country“ und natürlich hinter meinem all time fav „spanner in the works“ ein Quäntchen zurück, aber es lohnt sich wiedereinmal richtig hinzuhören. The Grandfather of Mod-Rock erzählt von großen Zeiten!

Leider isser zum Drum-Programming zurück gekehrt, wie schon auf der „Time“, die mir deshalb nicht gefiel. Das passte damals nicht: Die Stimme des alten Storytellers auf diesem Faithless-Gedächtnissound. Aber sei es, dass man inzwischen gelernt hat, das beides zu harmonisieren oder dass ich gehör-technisch „nachgereift“ bin. Diesmal stört‘s mich nicht.

Es fängt beschaulich-melancholisch an und endet auch so. Dazwischen belebt sich die Spannungskurve zum Midtempo-Rocker „Kookooaramabama“, was soviel heißt, wie a-wop-baba-loop-bop-a-lop-bam-boom, nämlich: „Sex is good. Sex is nice. Sex will show you Paradies!“ Von wat ehm alte Männer so singen. Aber Obacht! Das ist nicht einfach nur ne Pimmelnummer! Er feiert hier DAS LEBEN in Form einer Aneinanderreihung einiger Rock&Roll-Highlights seiner Adoleszenz-Phase.

„Mancher tut‘s im Garten/mancher tut‘s im Keller/big balls of fire?/Psaw! Chuck Berry kann schneller!“

Eine arg gewitzte Nummer, bei der das Hinhören lohnt!

Aber nee-nee, es gibt schon auch andere Botschaften zu genießen: „I love to boogie“ zum Beispiel –  das ist nicht die gleichnamige T-Rex-Nummer, aber ein gelungener Memorial-Song auf Mark Bolan – 50 Jahre später. Wunderschön werden hier ein paar seiner Hits miteinander verwoben. Ja, „Oid wuorn sammer. Oid!“, like Ambros said. Auch wir Glam-Kids von einst.

„Never kissed a girl, coming from New York City, with a frog in her hands.“

Stimmt immernoch. Bin Gloria Gaynor nie begegnet.

Der Titelsong verrät, in ganz privater Vortragsweise, wie beinahe nur er das kann, dass auch er nicht jede Frau bekam, die er haben wollte.

In „Hold on“, dem Lied, was sich zum Choral entwickelt, macht er eine Verbeugung vor Sam Cook, und bedauert, dass dessen „a change is gonna come“ zwar eingetreten ist, jedoch nicht in der Art, wie erhofft. Und weil mehr Fragen offen bleiben, als beantwortet werden, bleibt letztlich weiterhin nur die Familie. Die Nische. Brüder und Schwestern, Väter und Mütter, haltet eure Kinder in der Nähe: „Hold on to what you got!“ Recht hat er!

Und im Schlusstrack „Touchline“ würdigt er seinen Vater, der sich sein arbeitsreiches, elendes Leben sonntags im Trenchcoat, im englischen Regen, im Stadion versüßte und der seinen Söhnen all die Heldengeschichten von den „Wundertoren“ erzählte, die vor deren Zeit geschossen wurden. Und wenn Old Rod seine Söhne auf eigenem Platz nun bolzen sieht, dann schaut er ab und an in die Wolken: Ob Dad sich da wohl auch gerade freut, dass die Enkel nach ihm kommen?

Yeahr. (Seufz)

Fußball war es bei mir nie. Aber die Sache mit den Wunderpferden. Karl May und Felix Dahn. Das wären so die Stafetten-Stäbe, die ich „hätte soll’n weitergehm“. Aber irgendwie hab ich‘s vergurkt.

Rock on Rod! One more time. Still love to boogie! (Hüstel: In my rocking chair.)

Keine Zeit für Arschlöcher

Klar: Zu spät – zu spät – zu spät….

Das Ereignis, um das es hier gehen soll, fand letzten Sonntag 20:15 Uhr auf ZDF statt.

Wenn ich schon hier reihenweise miese deutsche Filme verreiße, ganz einfach, weil der Branche einfach nichts mehr gelingt, wenn nicht Netflix als großer Geldgeber dahintersteht, so wollte ich doch DIE EINE Ausnahme von der Regel mal deutlich lobend erwähnen, die dann eben doch passierte.

Zuvor muss ein Outing sein:

Ich mag Horst Lichter!

Am Sonntag lief die Verfilmung seines Bestsellers „Keine Zeit für Arschlöcher“ – und diese Verfilmung muss man einfach als gelungen bezeichnen.

Horst Lichter wird medial hin und wieder bespöttelt. An „Bares für Rares“ wird reichlich herumgemäkelt. Thomas Gottschalk hat sich da wiederholt verständnislos geäußert, wie dieser Trödelquatsch so erfolgreich sein kann. Tja, er hat verlernt in den Spiegel zu gucken. Warum gönnt er andern nicht, was ihn selber ereilte?

Lichter hat eine beispiellose Biografie. Arm geboren und aufgewachsen, halbtotgeschuftet, bevor er 30 war, erlitt er mit 26 und 28 Schlaganfälle und dazwischen einen Herzinfarkt – alle Zeichen standen auf Untergang; da fing Restaurant Nr. 2 plötzlich doch an zu prosperieren, die extravagante Gestaltung des Biergartens mit den Mopeds in den Bäumen sprach sich rum; die Outfit-Macke des Betreibers ebenfalls – und so geriet er ins Fernsehen.

Ich habe „Lafer, Lichter, Lecker“ nie gesehen, aber Lichter live in Talkshows als unterhaltsam wahrgenommen. Dann kamen zu Weihnachten jene Motorradausflüge – Lichter & Jenke gemeinsam durch Norwegen – die waren richtig gut gedreht und dann kam „Bares für Rares“ – die spannendere Variante von „Kunst oder Krempel“, die der BR ursprünglich erfand.

„Keine Zeit für Arschlöcher“ erschien 2018.

Es enthält seine Reflexionen über seine Kindheit und sein kompliziertes Verhältnis zu Mutter und Verwandtschaft, durchgrübelt im letzten Lebensjahr seiner Mutter, deren Krebstod er am Krankenbett begleitete, was nun erst Mutter und Kind zusammenbrachte.

Lichter ist 1962 geboren, also meine Generation.

Sein Lebensweg stellt ein westdeutsches Jin zu meinem ostdeutschen Jang dar.

Siehste: So scheiße hätt‘ es dir gehen können, wenn es deine Eltern nicht in die Ostzone verschlagen hätte, damals 45/46; als alles verloren war, worauf sie hätten aufbauen können. Im Osten konnten auch Vertriebenenkinder studieren und zu den gut bezahlten Berufen vordringen. Sie mussten nicht ins Bergwerk. Im Westen wären sie ewig „unten“ geblieben und hätten all den Einheimischen bei der Wohlstandsmehrung zugesehen.

Der Film musste logischerweise kürzen, dramatisieren, was im Buch steht.

Leider geriet dabei unter die Räder zu erklären, weshalb die Mutter so war, wie sie im Film gezeigt wird: Sie heiratete einen netten Typen, von dem sie sich ihr Lebensglück versprach. Es stellte sich jedoch heraus, dass er der Einzige verlässliche Nichtsäufer aus einer Schrutz-Sippe war – und dieser Packen Schicksal war quasi seine Morgengabe, da er nie konsequent mit denen brach. Da wurde immer geholfen, wenn die sich wieder in Not manövriert hatten und so war immer Geld knapp, trotz Fleiß und Reihenhaushälfte.

Der Film zeigt den letzten Besuch bei der scheinbar gesunden Mutter, die nur nichts mehr isst. Dann erfolgt der Arztbesuch und die Diagnose, dass der Krebs schon weit fortgeschritten sei und dass OPs keinerlei Sinn mehr machen. Mutter Lichter solle doch „quality time“ leben, soweit es noch geht.

Dafür ist sie zu stur. „Was krank ist, muss raus!“ Sie begibt sich in den ausweglosen Kreislauf des OP-Marathons, der sie schnell elender und elender werden lässt. Horst macht TV-Pause, mietet erst ein Hotelzimmer, schließlich eine Zweitwohnung in Krankenhausnähe und sitzt Tag für Tag am Bett.

Der Film arbeite viel mit Rückblenden zum 9jährigen Horst und seinem missratenen Geburtstag zum Beispiel, oder zum überforderten ca. 20jährigen Familienvater in Ehe Nr.1, in der sein erstes Kind den plötzlichen Kindstod stirbt und der Kuckuck Kleber ansteht, was beides dann auch die Ehe scheitern lässt.

Ein kleinwenig missglückt wirken jene Motorradfahrsequenzen im Film, bei denen er grübelnd seine Erlebnisse „verdaut“. Sie wirken teilweise wie Fremdkörper hinein geschnitten in den Erzählstrang, weil anfangs nicht erklärt wird, wie im Teenie-Alter seine Fahrmacke entstand, die ihn ein Leben lang begleitete. Der Motor-Maniac, der einer Mopedtour mit den Kumpels sogar das intime Tête-à-Tête mit der Freundin opfert. Eine Schmunzel-Szene im Buch, die man im Film leider nicht verwendete.

Dafür seeeeehr gelungen: der versteckte Stolz der Mutter (brillant gespielt von Barbara Nüsse) auf den berühmten Sohn und schließlich der versöhnende Händedruck auf der Bettdecke mit der Transfusionskanüle im Handrücken.

Toll auch die emotionale Nachhilfe durch ihre Schwester, die dem 50jährigen erbosten Horsti erklären muss, warum seine Mutter nie Mutterliebe zeigte.

Diese Szene besonders ist deshalb so ein Highlight, weil sie den Zuschauer emotional packt und zugleich ein Zitat aus „Wunder von Bern“ ist. Denn Johanna Gastdorf, die Mutter jenes Balljungen dort, spielt hier die verständnisvolle jüngere Schwester der Lichter-Mutter. Im „Wunder von Bern“ erklärt sie ihrem 11jährigen Filmkind, warum Papa, der Spätheimkehrer, sich so roh verhält. Liebevoll und mit den richtigen Worten. Hier nun erklärt sie dem Schnauzbart-Lichter, wie sie früher ihre Schwester bedauert hat. Im selben Tonfall. Und den 9jährigen Horsti hat der Zuschauer dabei ja immerzu vor Augen. Großartig!

Auch stimmen die jeweiligen zeittypischen Zutaten. Ganz besonders perfekt bei jenem gestellten Kindergeburtstagsfoto 1971. Ich jedenfalls fand diesmal nichts zu mäkeln.

Wieviele missratene DDR-Filme wurden seit den 90ern in den Äther geballert: Stasi rauf und Mauerfall runter und immer ohne Verständnis für zeittypisches Lebensgefühl oder Mode im Osten. Nirgends fand ich mich wieder.

Aber jenes Geburtstagsfoto da vom Rhein: Genauso sah das aus, wenn Vaters abgehauene Klassenkameraden Fotos schickten!

Oder jene Portemonnaie-Vergesser-Szene: Der 9jährige wird mit dem Fahrrad losgeschickt, alleine die Schuhe vom Schuster zu holen. Ich ging seit „große Gruppe Kindergarten“ Milch holen. Das mute mal einem 9jährigen heute zu! Die finden sich kaum selber in die Schule! (Andererseits liegen ja auch die Läden mittlerweile nicht mehr fußläufig „um die Ecke“. Wir verlernen nicht nur Filmemachen, sondern auch Städtebau.)

Hach! Es war ne richtig gelungene Zeitkapsel, letzten Sonntag. Wessi-Regisseure und Drehbuchschreiberlinge schrieben über Wessi-Vergangenheit und alles stimmte. (Aber der nächste DDR-Murks wird kommen.)

Horst Lichter soll bei der privaten Premiere der Rohfassung geweint haben.

Er kann stolz drauf sein, dass auch dieses Puzzleteil seiner Projekte die Lichterkette nicht reißen ließ.

Schulnote: 2+, wegen der fehlenden Vorgeschichten des mütterlichen Elends und des Motorfimmels.

Die Mappe

Beim Zerreißen alter beruflicher Hinterlassenschaften fiel mir neulich ein längst vergessener blauer Hefter in die Hände. Meine Schreibversuche aus den 80ern. Manches davon geht heute noch.

Hier eine Kostprobe. Ein Gedicht – oder Songtext – für irgendwann einmal:

Traumland

 

Neulich kurz nach Mitternacht –

Ich schlief erschöpft und hatte einen Traum

Der war so wüst, doch bin ich nicht erwacht

Und konnt ihn nachher nicht verdaun

Ich kam in eine Trümmerhalle

Vier Meilen nach der Ewigkeit

Ich sah dort meine Helden, alle

Ohne Rücksicht auf die Zeit

Das Panorama welches bald

Meinen ganzen Traum erfüllt

Ward außerdem vom großen Meister

Mit Gruseltypen aufgefüllt

Die Frage ist: Wer ist der Meister? Tübke, Oehme oder Bosch?

Herr Walther satz uf ejnem Stejne, bei ihm Jagger und Ernst Mosch

Unsre einzige Tamara wäscht Johnny Rotten grad den Kopp

Hinter ihr raucht Gustav Mahler Zigaretten aus’m Shop.

Ein Stückchen weiter tanzt die Toyah mit Prince und Schöbel Ringelreihn.

Das sieht der Bowie und muss grinsen, stellt sich belustigt zu den drei’n.

Gojko und Mozart machen eben nen Gitarrenworkshop auf.

Lindenberg liest die Reklame. Im Gehen lallt er: „Pfeif ich drauf“.

Die „Incantations“ füll’n den Äther, jedoch der Beethoven schlägt zu.

Trifft exakt den Plattenteller – und augenblicklich ist dann Ruh.

Black Music wird nun angesagt, schnell entsteht ein Kreis.

Hinein tritt Roy und es erklingt prompt seine Schnulze „Ganz in Weiß“.

Doch dann bricht ein Gewitter los: „Wir sind die Kekse! Live on Stage!“

Und in der letzten Reihe grinsen Felix Dahn und Jimmy Page.

Die Nacht verfliegt, auf Ihren Schwingen

Hör ich vorm ersten Hahnenkräh’n

Lift noch die stille Stund‘ besingen –

Und bin gezwungen – aufzusteh’n.

(25.04.1986)

Inzwischen würde ich einige Namen auswechseln. Besonders der Mozart wirkt kurios. Mit dem hat ich nie viel am Hut. Dass der hier auftaucht, hat mit Falco zu tun. „Er war ein Punker und er lebte in der großen Stadt …“ Time goes by.

Heyse & Hesse – ein Leseabenteuer für reifere Jahrgänge

Stell dir vor, du liest eine Novelle deines momentanen Lieblingsautors und gleich danach eine von einem deiner ehemaligen Langzeitfavoriten. Und es kommt dir so vor, als sei letztere Teil 2 zum Vorgänger.

Kann das sein?

Kannten die sich?

Mochten die sich?

Oder wollte der eine die Idylle des anderen einfach weiterdenken?

Vermutlich nicht. Er wollte lediglich seine eigene Misere verarbeiten – und gibt so seinen Lesern die Chance zu vergleichen. Entweder unter der literarischen oder unter der persönlichen Brille.

Schon als ich seinerzeit Heyses „Gegen den Strom“ las, kam es mir so vor, als wäre ich auf die Urform des „Glasperlenspiels“ gestoßen.

Teil 1 also – Heyse mal wieder:

Heyse veröffentlichte 1893 die Novellensammlung „Aus den Vorbergen“, bestehend aus 4 lesenswerten Charakterstudien: Vroni – Marienkind – Xaverl – Dorfromantik, so die Titel, die den ahnungslosen Nachkriegsleser in die Flucht schlagen; muss er hier doch erbärmlichen Bayernkitsch von anno dunnemals vermuten. Mit 20 oder 30 wäre es auch mir so gegangen.

Heyse stiftete ein Leben lang gern Verwirrung mit seinen Titeln. Du kriegst praktisch nie, was der Titel zu versprechen scheint. „Gute Kameraden“ hat nichts mit Militär zu tun, „Die Eselin“ ist keine Tiergeschichte, „Das Glück von Rothenburg“ spielt nicht im Mittelalter und die „moralischen Unmöglichkeiten“ sind absolut kein Schweinkram!

Du setzt dich also immer wieder über die Titelgebung hinweg und lässt den gebotenen Erzählstoff auf dich wirken und er verfehlt dein Herz – nie. Inzwischen 15 Novellenbände in meinem Bücherschrank beweisen: Es ist Sucht geworden.

Kernstück des oben vorgestellten Quartetts ist „Marienkind“, die längste der vier Schicksalserzählungen. Als trainierten Heyseleser hat es mich nicht überrascht, dass ich zunächst mal wieder ein Naturalismus-Streitgespräch eines alten, wandernden Medizinalrathes mit seiner Zufallsbekanntschaft, einem talentierten jungen Maler, geboten bekam: Der Alte frotzelt den Jungen, weshalb er ein im Schmutz spielendes, zerlumptes Kind vor einer bröckligen Kate malt, ob er keinen Sinn „für das Schöne“ habe. Der Maler sieht es anders und bezieht im Wortgefecht die Stellung eines leicht depressiv wirkenden Naturalisten. Der Disput ist immerhin relativ versöhnlich angelegt.

Heyse ist 63, als er das schreibt. Angefeindet von den „jungen Wilden“ Münchens, die dem schonungslos ehrlichen Naturalismus frönen. Der Altvater ist für sie ein Schnulzier, ein talentloser Schreiberling, ein „boring old fart“ (wenn sie seinerzeit den Punk gekannt hätten); „Steinklopfer“ sind IN; „Venusse“ OUT. Das ewige leidige Generationsproblem. Das Getöse bleibt reziprok zur Bedeutung. Denn „die ersten werden die letzten sein“, wenn die Jahre ins Land gehen und beweisen, was besser altert, das Durchdachte oder das Herbeigeschriene.

Heyses Medizinalrath soll einem verwitweten Studienfreund helfen, der wiederum eine 17jährige Tochter hat, die ihm Kopfzerbrechen bereitet. Das Mädel wächst in einem katholischen Internat auf und möchte Nonne werden. Der Papa hält das für geisteskrank und hofft auf Aderlass und Wunderdrogen seitens seines Kumpels. Denn das Mädel ist hübsch und intelligent – und will sein Leben wegwerfen.

Der Doktor ist mit gutem Rat und medizinischen Überlegungen schnell am Ende, aber voller Lebenserfahrung. So empfiehlt er dem Vater schlitzohrig eine Schocktherapie für das Problemkind: Sie solle sich malen lassen, bevor sie im Kloster verschwindet, dann habe er als Vater wenigstens eine schöne Erinnerung an sie an der Wand hängen. (Und nebenbei hofft der gerissene Ratgeber, dass „die Natur ihren Weg findet“, wenn sich eine 17jährige Hübsche und ein 25jährigen Beau tagelang Stunde um Stunde gegenübersitzen – und niemand stört.) Und so kommts auch, nach mannigfaltigen Verwicklungen.

Wir erleben die Entstehung von drei Gemälden mit, während zwei Jahre vergehen. Das erste quasi aus „medizinischen Gründen“ legt die Spur, das zweite wird zur Kirchenprovokation und schließlich zeigt das dritte die frisch gebackene Gattin des Malers, schlafend nach dem Stillen, während ihr Kind im Körbchen kniet und die Mutter bewundert. Das Bild wird in die Pinakothek gehängt, weil der Maler „Verbindungen“ hat, als Schwiegersohn eines Regierungsrathes, der er nun ist. Aber es hängt in einem dunklen Winkel und wird von den Malerkollegen seiner Alterskohorte bewitzelt oder mit Kopfschütteln übergangen; denn es ist „voll der Rubens“, aber eben nicht Courbet!

Nun wollen wir jenem gemobbten Naturalismusrenegaten mal wünschen, dass die Rubensanspielung eine feindselige Übertreibung darstellt und die Konturen seiner Gemahlin doch eher im Schönheitsideal des späten 19. Jahrhunderts verortet sein mögen – aber mir hat Heyses Abwatschen unbefriedigender Umstände auch in dieser Novelle wieder sehr gefallen:

Er legt sich nicht nur mit seinen Lieblingsfeinden „von der neuen Richtung“ an, den Gangsta-Rappern seiner Zeit, sondern auch mit dem Katholizismus – der Staatsideologie im Bayern jener Jahre! Viel Feind – viel Ehr‘! Bei Heyse triumphiert die Biologie über klerikalen Naivitätsmissbrauch und die Harmoniesehnsucht über dogmatisch-destruktiven Naturalismus. „Durch Nacht zum Licht“ gewissermaßen, aber diesen Titel hielt ja Spielhagen schon besetzt.

Das Happy End lässt befriedigt aufseufzen, erinnert jedoch prompt an einen heute vergessenen Hit von Prinzip aus dem Jahre 1979:

„Im Fernsehn lief ein Film von Liebe und so

Und die beiden war’n jung und so unsagbar froh

Er liebt sie und sie liebt ihn

Und der Film ist zuend‘, als sie zum Standesamt ziehn

Wie’s weiterging, behielt man für sich

Und dann sah ich auf mich und dann sah ich auf dich

Nichts. Mehr. Was. Da. War.

Al. Les. War. Schon. Da. (Liebesfilm in Farbe; Text: Demmler)

Es war ’79 wie eine Warnung.

Und trotzdem sehnt man sich ewig nach der anderen ergänzenden Hälfte, die so schwer zu finden ist.

  1. Teil – Hesse’s Ehe-Absage-Roman:

Der pure Zufall wollte es, dass ich just nach der Marienkind-Lektüre beim Aufräumen Hesses „Roßhalde“ in die Finger bekam und die ersten Seiten überflog. Es zündete.

Ich las es und vergaß es einst mit 30 aus gutem Grund schnell wieder – nun aber war es die Verblüffung pur, wie perfekt „Roßhalde“ „Marienkind“ ergänzt.

Hesses alter ego Veraguth könnte 1:1 jener Maler der drei „Marienbilder“ sein. Nun gealtert und arriviert. Hochverehrt und auf Auktionen nachgefragt – aber die Ehe liegt in den allerletzten Zügen. Oder anders gesagt: Im Kloster-Stift abtrainierte Neugier auf das Leben rächt sich eben später in den Matronen-Jahren.

Besonders Künstler haben hinsichtlich der Partnerwahl ein noch viel größeres Problem als Otto Normalverbraucher. „Künstler kann man nicht werden. Künstler muss man sein.“ (Hesse) Denn sie sind von ihrem Werk besessen, kämpfen lange um Anerkennung und haben wenig Sinn für Familienleben und Verhältnispflege; vor allem dann nicht, wenn sich herausstellt, dass die Frau gar keinen Anteil nehmen will, am Titanenkampf ihres Galans mit seinen Einfällen. Desinteresse dem Werk gegenüber aber ist der Krebs der Künstler-Ehe. „Kampfgefährtinnen“ sind hard to find!

Veraguth sieht seine Frau nicht (mehr) als eine solche an. Er malt erfolgreich. Sie spielt Klavier für den Hausgebrauch und vierhändig mit dem großen Sohn. Aber Papa interessiert keine Musik und sie keine Malerei. Lediglich die Existenz des jüngeren Sohnes bindet sie noch aneinander.

Hesse beschreibt ein vergiftetes Idyll, denn Villa und Park sind schön gelegen; irgendwo in der Schweiz an einem See. Man besitzt Kutsche, Pferde, einen Salon mit Flügel. Es fehlt an nichts – außer an Verständnis von Partner zu Partner. Man geht reserviert „auf Eiern“, will Streit vermeiden, trifft sich nur zum Mittagsmahl. Der Maler träumt sich ein Fluchtidyll am Ende der Welt. Heyse hätte ihn nach Italien geschickt. Das hat im frühen 20. Jahrhundert seinen Reiz verloren. Hesse jagt seinen Schwerenöter deshalb nach Indien oder Indochina oder Sumatra … er legt sich nicht fest. Jedenfalls hat ein Jugendfreund dort irgendwo eine Farm. Es dauert lange – bis er aufbricht.

Wenn „einer nicht Schritt hält mit dem andern, weil er auf einen anderen Trommler hört“ (Reiner Bärensprung Band) …

…dann kommt die Scheidung. Der bürgerlich-moralische Bankrott.

Inzwischen ist das leichter, sagt man so. Scheidungen passieren alle Tage?

Die Kinder zahlen die Zeche.

„Ey, vertragt euch! Hab kein‘ Bock, wie Lara jedes Wochenende in‘ner andern Wohnung zu verbring‘!“

Manchmal hilft das.

Wenn man nicht Veraguth(=Hesse) heißt und nach Indien will.

Nanci

Ja, komische Schreibweise.

nanci 1Eine der schönsten CDs, die ich besitze, ist „Hearts in Mind“(2004) von Nanci Griffith. Nicht verwechseln mit der on/off Frau von Don Johnson. Die hieß Melanie Griffith.

Nanci G. lernte ich kennen über einen Tribute-Sampler für Waylon Jennings; so um 2010 herum. Nie zuvor gehört, aber seitdem nie wieder vergessen.

Nach dem Song auf dem Sampler sollte es mehr von DIESER Stimme sein! Aber beim Reinhören in diverse Proben zeigte sich, dass sie mehr im Folk als im Country zuhause war und da war mir die instrumentale Umrahmung zu mild. Zarte Stimme und allzu zarte Musik – blasser Eindruck. Das Finden einer geeigneten Nachschlagplatte wurde also schwieriger als gedacht.

Dann wurde es die „Hearts in Mind“. Ein Volltreffer. Ein melancholischer Songzyklus der Spitzenklasse. Genug Schlagzeug drunter, um nicht einzuschlafen. Wer Emmylou Harris sagt, sollte auch Nanci Griffith sagen. Texte allesamt von literarischer Qualität. Nicht alle Songs von ihr geschrieben, aber alle scheinen von ihr zu erzählen. Vielleicht hat sie es wie Tanya Tucker oder Reinhardt Lakomy gemacht: Erzähle deinen Textern dein Leben – die finden dann die passenden Verse.

Über die Sehnsucht nach einem „simple life“, vom Standpunkt einer geschiedenen, fünfzigjährigen Single-Frau, die gerade den Krebs besiegt hat und nun ihre Mutter pflegt; da kann man die Sehnsucht spüren – nach dem ganz großen späten Ding, das hoffentlich noch kommt!

Eventuell war es jene Reise – nach Vietnam! So viele Jahre nach dem großen Desaster,;wo man heute beim Essen erzählt bekommt, wie 1954 die Leichen den Saigon-River herabgespült wurden von diesem „distant war“ gegen die alte Kolonialmacht; und sie erzählt weiter, dass ihr Freund Michael 1968 genau da landete, und hinterher wiederum von Leichen im Saigon-River sprach. „Und alle diese Seelen schwimmen da nun, die französischen und die der Viet Minh und auch die all der american boys … Könnte man daraus nicht lernen – im 21. Jahrhundert?“ 2004 herausgekommen!

Sie spricht Irak und Afghanistan nicht an. Sie singt einfach 2004 über Vietnam-Eindrücke. Als Touristin in Ho Chi Min City, im Gedränge der Metropole, mit ihrem Begleiter, der ein Kumpel ist, ein Ami, im Rollstuhl… Großartiger geht’s nicht!

Dann singt sie über „Ted und Sylvia“, allem Anschein nach ihre Eltern, und die Art und Weise, wie sie sich trafen. Damals – in den frühen Fifties. Draußen war Korea-Krieg, aber drinnen trafen sich Ted und Sylvia. Zeittypisch erklingt Klarinettenmusik zu Easy Listening Jazz. Bert Kaempfert Style. Prompt ruft mir das die weit weniger melodischen Hinterlassenschaften Woody Allens und David Bowies auf eben diesem Instrument wach. Schnell verdrängen! Erinnerungen an Doowop-Goodies und alte „Magazin“-Reklamen sind allweil besser. Passen auch besser zum Sound.

Aber Vietnam lässt sie nicht los. Der Song „Ol’Hanoi“ steht „the heart of Indochine“ an Eindringlichkeit in nichts nach: Wo ist es hin, das altvertraute Bild einer Stadt voller Rikschas und Marktgeschrei? Verdrängt von Motorrädern. „In the words of Graham Greene, like the quiet American“ – sucht sie ebenfalls nun nach „sacred streets“ im lauten Hanoi von jetzt.

„Der stille Amerikaner“ stand im Bücherschrank meines Vaters. Ich las ihn und vergaß ihn. Mit mir hatte das nichts zu tun. Amerikanischen Lesern ist das näher.

Wer kennt den Roman heute noch? Graham Greene, der „Nestbeschmutzer“. Der Castro-Versteher. Der Duvallier-Ankläger. Der Vietcong-Sympathisant. Dem CIA war er ein Dorn im Auge. Trotzdem konnte er frei und berühmt alt werden. Musste sich nicht jahrelang in einer Botschaft verstecken. Eins seiner Bücher wurde mit Peter Ustinov erfolgreich verfilmt. Der Assange einer anderen Zeit! Danke Nanci!

Futsch ist alles Typische, was das alte Indochina einst ausmachte: die Fahrradmassen, die Lotus-Stoffe, die leisen Seitenstraßen. Sie findet nichts davon. Aber ringt sich durch zum Abschiednehmen von den alten Vorstellungen: „wer sucht sie noch – wie einst Graham Greene“?nanci 2

Der zweite Teil des Songzyklus ist sehr privat gehalten.

Banal wird’s aber nicht: Da wird die heimatliche Kleinstadt gelobt und abgewatscht in bester Randy Newman Manier. „I love this town – like an unmade bed…“; oder in „before“ an die unerfüllte Liebe gedacht, zu der es nie kam, obwohl es doch damals so geknistert hat. Dem aufmerksamen Ossi fällt dann sofort „Ein Mädchen wie du“ von Transit ein und die Gänsehaut ist garantiert! Song-Nugget reiht sich an Song-Nugget. Graupen gibt es keine. Der reinste Assoziationsrevolver!

Und schließlich die ruhige, aber umso eindringlicher wirkende Ballade von jenem blauen Planeten, der soviel Schönheiten zu bieten hat, aber nicht zur Ruhe kommt – weil er seit ewigen Zeiten ein „Big Blue Ball of War“ ist.

  1. Es schießt wieder – nahe der alten Region… träumen wir halt weiter.

„Wann wird man jej verstehjn…“

Im August las ich von ihrem Tod. Nachrufe über sie waren dünn gesät. Deshalb musste das hier in diesem Jahr noch was werden.

Nanci Griffith. (06.07.1953 – 13.08.2021)

Schlaf gut.

Kaiserspiel – im ZDF

Neeeee! Geschichtsverzerrung! Plump und laienhaft!

Unsere Selbstverzwergung geht weiter! Die letzte militärische Erfolgsphase der deutschen Geschichte, die Reichsgründung durch Bismarck 1871, dargestellt als „Glanzstück der Frauenemanzipation“!

Als französische oder polnische Produktion hätte mich das „Fernsehspiel“ grinsen lassen. Als deutsches Fernsehspiel ist es eine Schande.

Bismarck, ein blitzkriegender Prä-Hitler.

Moltke, ein unentschlossener Zauderer.

Nur die attraktive Kommunardin Lousie Michelle, Lehrerin des Volkes, Hungerrevolteuse, – hat immer Recht!

„Madame Rosa Luxembourg de Paris“

Wenn das Margot und Erich wüssten!

Leuuuuuuuute!

Mir vergrätzt es den Humor, wenn ich sehe, wie hier passend gemacht wird, was passen soll:

Bismarck, der Verhinderer deutsch-französischer Freundschaft?

Napoleon III. – der arme Überfallene?

Immerhin wird wenigstens noch zugegeben, dass letztlich Frankreich diesen Krieg vom Zaune brach.

Aber „Bismarck ließ uns keine Wahl“, wird der Witwe des tragischen Helden 1919 in den Mund gelegt. Eugenie Bonaparte und Luise von Baden, zwei hochadlige, von der Macht vertriebene Witwen, wurden als die Beurteilerinnen der Abläufe auserkoren. Geht’s noch blöder?

DAS sei die deutsche Perspektive?

Und eine attraktiv geschminkte, französische Kommunardin von Paris sei die französische?

Berta von Suttner rotiert im Grab!

Was an diesem Machwerk stimmte?

  1. Es gab diesen Krieg wirklich. Sedan wurde von Deutschland gewonnen und anschließend Paris belagert, weil Frankreich, trotzdem sein Staatsoberhaupt bei Sedan in Gefangenschaft geraten war, sich nicht ergab.
  2. Bismarck musste den deutschen Hochadel übertölpeln, und seinen Dienstherrn König Wilhelm zwingen, das Kaiserreich zu gründen, damit die alte Wunde von 1815 endlich heilen konnte. Schon damals hätte es zustande kommen sollen. Der absolutistisch gesinnte Hochadel begriff nicht, dass dieses Thema auf der Tagesordnung stand. Bismarck arbeitete hier gegen die überholten Interessen seiner Kaste.
  3. Ludwig II. lässt sich kaufen, dem König von Preußen die Kaiserwürde anzutragen.
  4. Die Kaiserproklamation findet im Spiegelsaal von Versailles statt. Tatsächlich ein verhängnisvoller Fehler.
  5. Elsaß-Lothringen wird von Frankreich an Deutschland abgetreten.
  6. Es gab eine Pariser Kommune für 72 Tage, aber eben nicht so, wie dargestellt.

Was fehlte?

  1. Die Erwähnung der tatsächlichen Ursachen und Anlässe, des Deutsch-Französischen Krieges: Kriegstreiberei Napoleons III. auf bereits vor dem Krieg angeschlagenem Thron; die spanische Thronquerele, die bereits erkämpften Siege über Dänemark und Österreich, letztlich die Emser Depesche, von der noch zu reden sein wird (siehe unten);
  2. die realistische Darstellung der Belagerung von Paris: Als die Kommune in Paris die Übergangsregierung weggeputscht hatte, kämpften französische Regierungstruppen gegen diese Seit an Seit mit den Deutschen. Franzosen schossen also auf Franzosen, nicht nur beiläufig versehentlich, wie uns ein Nebensatz der Louise Michelle glauben machen will.
  3. Napoleon III ist der eigentliche Kriegstreiber Europas jener Zeit gewesen, erfolglos zwar im Krimkrieg und in Mexico, aber erfolgreich gegen Österreich und Italien. Er stärkte die Einheitsbewegung Italiens, um ihm dann „als Dank“ seinen Westen zu rauben. Die Cote Azur, ein französisch-italienisches „Elsaß-Lothringen“.
  4. Der Fakt der überfälligen Reichseinigung: Das Volk träumte seit 1815 diesen romantischen Traum. Der Deutsche Bund war ungefähr so krisengeschüttelt und unbeliebt wie die Weimarer Republik. Umgeben von starken Nationalstaaten empfanden mehr und mehr Volksteile bei steigender Bildung, dank wachsender Schulpflicht, dass man in der Mitte Europas Entwicklung verschnarchte.

Was wurde verfälscht?

  1. Die realen Zustände zu Zeiten der Kommune in Paris: Unzufriedene enthemmte Volksmassen; die Erstürmung der Bäckereien: Hach was für ein nahezu gutmütiger Akt einer zimmerlaut argumentierenden Louise Michelle! Den Bäckern wurde ein wenig Brot enteignet. Eu-jeu-jeu! Mehr nicht? Nix da von „werden Weiber zu Hyänen“. Schiller ist vergessen. Die Kommune scheint ein ganz stiller Frauen-Putsch von klugen Vorstadtlehrerinnen gewesen zu sein, die aus nachvollziehbaren Gründen in einer belagerten Stadt keine Ratten essen wollten.
  2. Ludwig II.; so normaaaaal? Gar keine Kapricen? Nur ein wenig zu teure Baulust?
  3. Schließlich ist dauernd von einem Reichstag die Rede, der „sich (im Januar 1871! Sic!) ebenfalls eine Kaiserernennung“ wünscht. Den Reichstag gab es vor dem Reich? Wer hat den denn erfunden? (Ergänzung: Mag sein, dass ein „Norddeutscher Reichstag“ des Norddeutschen Bundes gemeint ist, aber wieviele spezielle Kenner dieses kurzlebigen Bündnisses sitzen da üblicherweise vor dem Fernseher?)
  4. Während Deutschland 1871 angeblich um seinen Sieg zittern muss, wird Frankreich für die Erfindung der Luftpost per Fesselballon gelobt! Keine Erwähnung der dt. Überlegenheit durch Fortschritt: Hinterlader-Karabiner, Stahlrohr-Kanonen, schnelle Truppenverlegung durch besseres Eisenbahnnetz im deutschen Hinterland; und besser organisierte militärische Organisation: Feldheer, Ersatzheer, Landwehr…

Was wurde verschwiegen?

Vor allem ein entscheidender Punkt:

Frankreich war zum Zeitpunkt seines „Losschlagens“ 1870 auf dem Höhepunkt einer Heeresreform, die Preußen 1862-63 hinter sich gebracht hatte. Also waren französische Truppen nur teilweise modern mit Karabinern ausgerüstet, aber gleichzeitig auch noch nicht mit der neuen Waffe geschult. Wie immer bei solch großen Umbrüchen hatte ein Teil der Truppe die neuen Gewehre, aber nicht ausreichend Munition. Pulvervorräte für die alten Vorderlader wären noch dagewesen, aber die alten Einschüsser waren bereist weg – und anderes Durcheinander mehr. Also: Ein politischer Hasardeur „Nappi 3“ lässt sich reizen und verkündet zur Unzeit „Rache für Sadowa!“ (So hieß die Schlacht von Königgrätz in Frankreich.) Er will also die österreichische Niederlage von Königgrätz rächen. Hä?

Vor DIESEM Hintergrund erklärt sich auch der Sinn der „Fälschung“ der Emser Depesche ganz anders: Bismarck sucht sich einen strategisch günstigen Zeitpunkt aus, für einen Krieg, der unvermeidbar war. Er führt nicht einen Krieg herbei, den es ohne diese Depesche nie gegeben hätte.Begegnung 1870

Was bleibt?

Übelst verzerrte Geschichte.

Immerhin: Am Schluss wird durch die beiden alten Fregatten, Luise und Eugenie, kurz angesprochen, dass Spiegelsaal Versailles 1871 – Spiegelsaal Versailles 1919 zur Folge hatte, dass jedoch „auch dieses Versailles“ wieder Revanchegelüste, diesmal auf deutscher Seite schüren wird.

Wie wahr, wie wahr!

Schnellschnitt: Panzer in Frankreich 1940, Hitler in Paris und – Adenauer und De Gaulle 1964 beim Beendigen der „Erbfeindschaft“.

Allein: Diese 2 Minuten am Schluss machen die 88 Minuten zuvor nicht wett.

Schulnote: 5+; immerhin waren die Kostüme und Kulissen schön.

Ein Hauch von Amerika

Viel ist schon geschrieben worden über diesen Film. Ich hab ihn nun auch gesehen. Hier also mein Senf zum Thema:

Ein schönes Filmmärchen in 6 Teilen a 45 Minuten; arrangiert um einen wahren Kern.

US-Rassismus in einer Pfälzer Garnison 1951-52 herum. Der Name Kaltenstein für den Ort -deucht mir- geschickt gewählt. Schön anzusehende Story von zwei deutschen Freundinnen aus sehr unterschiedlicher Familie, die eben das Leben entdecken.

Eine blonde, arme Goldmarie, die alles kann und deshalb auch einen schwarzen GI liebt, der es ehrlich meint und der nicht nur das schnelle Fraulein-Abenteuer will. Und eine rothaarige, spätpubertierende, „lebenshungrige“ Tochter des Bürgermeisters, die in einer Suffnacht von drei weißen GIs missbraucht wird, woran sich das gefährliche Unterfangen einer illegalen Abtreibung schließt, welches zu lebenslanger Unfruchtbarkeit führt.

Maries Vater, der alte Kastner, gibt den versoffenen, einfachen Bauern. Sein Vollbart in Verbindung mit der Seitenscheitelmähne ist gleich zu Beginn des Films das erste, was Verwunderung auslöst: Wie kommt dieser Typ „trottliger Iwanuschka“ als freier Bauer 1951 in die Pfalz? Da Marias Gretelfrisur entfernt an Frau Timoschenko erinnert, war sofort meine erste Assoziation da. Die klassischen Sowjet-Märchenfilme aus Professor-Flimmrich-Zeiten feierten ein Deja vu, made by ARD:

Wassilissa muss ihren braven Wanja finden, der erst durch einige Gefahren muss, bevor er sie kriegt, weil Väterchen Frost hilft, die Schufte zu bremsen. Nun ja – Wanja ist hier schwarz und heißt George Washington und Väterchen Frost heißt hier Colonel McCoy, aber auch er kann zaubern und macht Unmögliches wahr:

  1. Die pampig auftretende, zerlumpte Maria im ersten Teil, deren langhaariger Vater gerade US-Landvermesser auf seinem Acker verdroschen hat, erwählt er prompt aus Mitleid zur Haushaltshilfe für seine vornehme Frau, die somit mehr Zeit zum Saufen hat. Diese wiederum lässt Maria erstmal duschen und sich neu einkleiden, sodass aus der unscheinbaren Maria eine schöne Wassilissa werden kann.
  2. Der zweite Zauberstreich des großen weißen Wohltäters McCoy betrifft den Mariavater selbst: Wenn du US-Army-Angehörige verdrischt, dann wirst du hinterher gut bezahlter Baustellenleiter der US-Army. Papa Kastner erhält als Ausgleich für enteignetes Ackerland eben diesen Job.
  3. Zauberstreich endlich imTeil 6: McCoy und seine Frau können von Marie glücklich erpresst werden: Damit die McCoys nicht vor den McCarthy Ausschuss müssen. Weil Mrs. McCoy nachweisbare gute Kontakte in die Künstlerszene Ostberlins hat, müssen die McCoys den unter falschem Verdacht inhaftierten George Washington nicht nur laufen lassen, sondern in Colonels Dienstwagen auch noch zum Bahnhof bringen, damit er und Marie ihre Reise „ins Glück“ antreten können. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann feiern  sie noch heute bis an ihr Ende…

Nunja.

Es stimmt, dass das Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß in den USA der 40er und 50er Jahre mit Apartheid noch ganz gelinde und zutreffend beschrieben ist. Das schonungslos zu zeigen, ist 2021 nicht mehr neu. „Flucht in Ketten“ setzte da 1958 Maßstäbe und ähnliche Filme gibt es zuhauf.

Die verdienstvolle amerikanische TV-Serie „Roots“ wurde in den späten 70ern ein Straßenfeger in beiden Deutschlands: Sie leitete all die bis heute fortlebenden Verwerfungen historisch her und erweiterte somit Horizonte.

Letzteres tut „Ein Hauch von Amerika“ mMn nicht. Aber „Black lives matter“ is up to date!

Wie bereits gesagt, waren es schön anzusehende 6 Teile, die wenigstens nicht diese schnellen Schnitte hatten, die den ohnehin fragwürdigen Inhalten von „Unsere wunderbaren Jahre“ den Rest gaben.

Der Maria Kastner gelingt es, trotz dramaturgischer Überladenheit, immerhin nicht allzu emanzipert herumzupowern, wie das die jüngste der 3 Schwestern in den „Wunderbaren Jahren“ tat.

Aber pädagogisch überladen bleibt auch ihre „starke Frauen“-Rolle:

Sie muss sich rasant entwickeln, vom dummen Bauernmädchen zur do it yourself english sprechenden Haushilfe bei Colonels. Sie muss für ihren GI Porgy die weiße Bess sein. Sie muss sich von Mrs McCoy für Tschechow und abstrakte Malerei begeistern lassen. Sie muss begreifen, dass ihr in der Pfalz mit ihrem traumatisierten Heimkehrer (mit dem sie verlobt ist) nur ein elendes Hausmütterchenschicksal droht – und dass es deshalb besser ist, mit schwarzem GI nach Ostberlin zu gehen, um Grafikerin werden zu können. Ächz! Und Fahrrad fährt sie auch noch!

Immerhin kein Lastenfahrrad! Also ökologisches Prophetentum bleibt mithin ausgespart!

Ihr Porgy-Wanja-George hingegen bleibt als Figur im Film unterfordert. Das beste ist noch die Namenswahl: George Washington. Somit steht er als Schwarzer für das bessere Amerika und all die Werte, die da 1951 schon rund 200 Jahre in der Verfassung stehen, aber bis heute nicht vollständig Wirklichkeit geworden sind. Im Weiteren jedoch ist er beileibe kein Prä-Martin Luther King oder gar -Malcolm X. laut Drehbuch muss er immer nur brav gucken, Liebesbeteuerungen und Entschuldigungen stammeln und sich von einem weißen „Sardsch“ schikanieren lassen. Er verkörpert das mitleiderregende, arme Negerlein -Onkel Toms Hütte Style- par excellence.

Ich wartete regelrecht darauf, dass ihm im Dialog mit seinem weißen Schinder-Sergeant auch noch „Massa“ herausrutscht.

Somit spielen die Strolch-Figuren echter und besser als die zu eindimensionalen Bilderbuch-Helden George und Maria.

Einfach, weil da für sie mehr Freiraum ist, real sein zu dürfen – mal nett, mal biestig, mal schmierig angepasst.

Familie Strumm:

Vater Nachkriegsbürgermeister: Entnazifizierter Ortsgruppenführer und Arisierungsgewinner von einst, nun neuzeitlich gewendeter mauschelnder Geschäftsmann, der den Amerikanern Kasernen baut.

Mutter: Bigotte Musterkatholikin; passend zur Zeit, dauernd mit dem Pfarrer Kaffee trinkend.

Sohn Siegfried: starren Blickes soeben aus russischer Gefangenschaft zurück gekehrt; traumatisiert.

Erika: Das lebenshungrige Flittchen, wenn man es wohlwollend ausdrücken will.

Hinzu kommt noch die Standort-Hure Martha, die Erika in der Besserungsanstalt bei den Nonnen kennenlernt.

Aber so einiges fehlt eben, um aus den 6 Teilen das TV-Ereignis zu machen, das es sein will:

Vorallem fehlen – ALLE Zwischentöne.

Alle Weißen (außer Maria und ihrer Mutter) sind dumm oder falsch oder rassistisch, bzw. alles das auf einmal.

Alle Schwarzen sind – brave, arme Märtyrer.

Die beiden Familien Kastner und Strumm sind wie zwei Robinsonfamilien in Kaltenstein angelegt, da außer dem Pfarrer (für insgesamt 7 oder 8 Sätze in 6 Filmteilen) keine weitere Nebenfigur irgend eine Bedeutung erlangt und somit die Möglichkeit einräumt, dass der Ex-Bonze Strumm mal mit ein paar alten Kameraden Sprüche über „den Ami, den Tommi oder den Iwan“ klopfen könnte. Oder dass der traumatisierte Siegfried auf ebenfalls versehrte Klassenkameraden träfe, oder von alten Vorkriegsidolen schwärmt, um irgendwo wieder anknüpfen zu können. Stattdessen weiß der, als erwachsener Sohn, 1951 nicht einmal, dass seine Familie eine enteignete Juden-Villa bewohnt! Hat der erst Erinnerungen ab Einberufung?

Somit wird darauf verzichtet, ein reelles Bild der postfaschistischen Gesellschaft der Adenauerzeit zu erzeugen, wo Russen- und Bimbo-Witze umgehen, einschlägige Büttenreden gehalten werden, alte Liedfetzen im Suff erschallen oder gar ein paar Vertriebene (als Zwangseinweisung irgendwo im Ziegenstall untergebracht) gerade Lastenausgleich empfangen und beneidet werden.

Kaltenstein bleibt leblose Kulisse.

Was aber vor allem fehlt, ist der Aspekt der Besatzerkinder. Hier verschenkt das Drehbuch das meiste Potential.

Erika wird zwar geschwängert, aber a) von Weißen und b) wird das Ergebnis ja „weggemacht“.

Maria wird nicht schwanger, flieht also unbelastet mit „Wanja“-George ins Märchenland/Ost.

Wenigstens Martha hätte ein schwarzes Kind gebären- und Spießruten laufen müssen, wenn da ein bissel auch deutsche Nachkriegsbrisanz einbezogen worden wäre.

Hierin sehe ich die Hauptschwäche des Drehbuchs.

Fassbinders „Ehe der Maria Braun“ (1978) bleibt bis auf weiteres der bessere Film zum Thema „Chasing Frauleins“; und „Roots“ die bessere Serie zum Thema Rassismus.

Als Nachkriegsfilm besser als die „wunderbaren Jahre“, deshalb in Schulnoten eine glatte 3.

Die Leute aus dem Wald – Raabe mal wieder

Uff! Ich hab es durch. Genuss ist anders. 400 Seiten. Aber ich hielt aus. Es war eine Qual. Aber es war auch interessant. Ja phasenweise schön! Anheimelnd. Witzig! Öde Seitenschinderei. Spannende innere Monologe! Holprige Wendungen. Lustlos hingeschlampte Episoden. Herrliche Zitate! Wortspiele! Hochdramatische Ansätze, die sich in Nichts auflösen. Anschauliche Alltagsschilderungen im Mietshaus des Kleinbürgertums der 40er Jahre des 19.Jahrhunderts. Ein zu simpler, löchriger Handlungsfaden. Ein Erzähl-Chaos.

Der Plot taugt nix. Der Aphorismensteinbruch schon!

Meine Rezi hier wird auch einer. Ein Assoziationssteinbruch.

Bisher sagte ich stets: „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier ist das schlechteste Buch, das ich je gut fand.

Aber nu macht Old Raabe ihm den Platz streitig.

Der Portugal-„Nachtzug“ zeichnet sich aus durch einen absolut mies konzipierten Handlungsablauf. Zur Erinnerung: Ein alter gestandener Gymnasiallehrer in der Schweiz rettet einer jungen Selbstmörderin ebenda das Leben, holt sie vom Brückengeländer zurück, weshalb sie sich bedankt und ihm ihre Telefonnummer auf die Stirn schreibt… Daraufhin schmeißt er seinen Job hin; geht nicht mehr zum Dienst, sondern macht sich auf den Trip nach Lissabon. Tja. Nur hat jene Frau und jene Telefonnummer nun keinerlei Bedeutung mehr. Nochmal -tja. Und auch der Nachtzug selber ist nur für ein oder zwei Kapitel gut, denn die übrige Zeit recherchiert er in Lissabon herum, auf den Spuren eines Heftchens, das er beim Antiquar zuhause erstanden hatte. Dickes Zusatz-Tja! Eine seiner Schülerinnen hat Zugang zu seinem Konto und kann ihm Geld schicken – ach hör doch auf!

Da sind also so Sprünge; Schwerpunktverlagerungen; immer wieder glaubt man zu wissen, worum es geht – peng – neuer Aspekt. Immerwieder „och nö!“ Stellen, die einen aufgeben lassen wollen – aber immer wieder auch „Hui!“-Momente, wegen denen man dann doch dranbleibt.

All diese portugiesische Diktaturgrübelei des alten Lehrers hat dann doch jede Menge mit mir als Leser „mit DDR im Blut“ zu tun gehabt, auch wenn ich nun nicht DIESE Probleme hatte, wie dort geschildert. Aber das Buch tippte vieles an, was „noch nicht vergangen“ war.

Ein seltsamer „Genuss“.

Und Raabe?

Es ging mir hier genauso, die Lissabon-Erinnerung stellte sich immer wieder ein.

Der Plot ansich ist doof: Robert Wolf, mittelloser Förstersohn, hat Probleme, findet Helfer, die ihn vor Knast bewahren, weshalb er erst studieren kann und dann nach Kalifornien reist, um reich zu werden, damit er schließlich seine Traumfrau kriegt und sein Heimatdorf kaufen kann.

DAS also ist es nicht, was einen fesselt.

Raabe selbst, der das Seitenkonvolut 1863 für die Westermann-Monatshefte erschuf und es erst 1890 in Buchform erscheinen ließ, gab diesem Frühwerk mit auf den Weg, es sei

„ein Litteratur-Küken, dem die Eierschalen noch am Kopfe kleben“.

Stimmt.

Viel zu oft bricht er den Erzählstrang einfach ab, indem er Sätze passieren lässt, die anspruchsvolle Autoren vermeiden sollten:

„Lassen wir die beiden nun allein und begeben uns in die Kronenstrasse, wo zur selben Zeit…“

„Ein Jahr und ein halbes sind vergangen, seit die Leute dieses Buches uns zum ersten Male vor Augen traten…“

„Während dies geschieht entführt der Autor den geneigten Leser nun nach Hamburg, wo Robert inzwischen…“

„Was nun besprochen wird, tangiert uns nicht, wechseln wir also die Straßenseite ins Haus Nr.17, wo inzwischen…“

Holprige, schlampige Überleitungen so oder so ähnlich zuhauf.

Aber er schildert Alltagsleben in einer nicht genauer namhaft werdenden Hauptstadt im „ach so tollen Deutschen Bunde, in dem so gar nichts zum Besten steht“. Er schildert die Hausgemeinschaft der Mozartgasse Nr.17 mit allen ihren Macken, in all ihrer Dürftigkeit und zusätzlich ist in Hof und Haus „an Mäusen und Ratten kein Mangel“. Klartext eben.

Er ohrfeigt die Titelhuberei und Untertanenschleimigkeit, wenn er eine Abendgesellschaft bei Bankier Wienand beschreibt, in der eine „Exzellenz“ a.D. auftaucht, der man geflissentlich rückgratlos hinterher scharwenzelt.

„Und doch gibt es im Deutschen wohl keinen Titel, der unangenehmer berührte, als das abgeschmackte Wort „Exzellenz“! Es klebt ihm etwas Lächerliches und zugleich Unheimliches an. Ich weiß nicht, ist das Theater oder etwas anderes, „Kabale und Liebe“ oder unsere vorteffliche Diplomatie schuld daran? Selbst Wolfgang Goethes hohe Göttergestalt läuft komisch schillernd an, wenn man auf das Piedestal: Exzellenz! schreibt.“

Feinsinnig sarkastisch geohrfeigt in Arno Schmidt’schem Sinne!

Zeitlos auf dem Punkt. Warst du mal dabei, wenn ein Staatssekretär ein Kleinstadtrathaus „beehrt“? Musst du mal erleben! Alles kriecht, wie zu Kaisers Zeiten! Vor einem Zopfträger im Maßanzug, wie sich zeigt, ohne irgendeine Praxiserfahrung.  Nur Bludgy scheint mitzukriegen, dass diese Nase da nichts zu bieten hat, außer Schülersprecher an seinem West-Gymnasium gewesen zu sein; und der nun nach abgebrochenem PoWi-Studium Aufbauhilfe „in den neuen Ländern“ leistet. Ächz.

„Auch ein wohlgekleideter Dichter war zugehen… wurde aber von der Mehrheit der Herren mit mitleidiger Verachtung gemieden; nicht zuletzt, weil ihm kürzlich ein Preis nicht zuerkannt worden war, was zu beweisen schien, dass es sich bei ihm nicht um einen Shakespeare handelte“.

Eine Salon-Löwen-Watsche in Richtung Heyse, Freytag oder Spielhagen? Eventuell erst bei Bearbeitung für die Buchausgabe um 1890 ergänzt? Gleichzeitig auch die Entblößung der „intellektuellen“ Kreise, die nur goutieren, was zur „Exzellenz“ erhoben wurde.

Was haben wir noch:

Die sprechenden Namen sind zum Schreien: Herr von Poppen! (Denn der Adel hat „das Recht der ersten Nacht“, aber ansonsten keinerlei Aufgabe mehr.) Poppenhagen! (Gewissermaßen örtlich „eingehegtes/begrenztes Poppen“). Baronin Frau von Poppen; geborene von Zieger. Die Gouvernante Mademoiselle Schnubbe, der die Schicksale ihrer Schutzbefohlenen eben dieses sind. Polizei-Kommissar Tröster, der erstaunlich viel Mitgefühl für seine Elends-Deliquenten mitbringt. Gefängniswärter Greiffenberger, Schauspieler Julius Schminkert…

Nur Strittmatter (im 20. Jahrhundert) ahmt das ähnlich unverblümt nach: Operntenor Schreischlund; Parteisekretär Weißgott…

Manchmal ist das echte Leben dann noch härter drauf: Kammersänger Peter Schreier; Ostbeauftragter der Bundesregierung Wanderwitz; Pastor Eppelmann – ja, watt willste machen?

Fast alle Figuren des Romans haben Auftritte, in denen sie längere philosophische Betrachtungen zu ihrer Herkunft, zu ihrer Zeit abgeben. Das stoppt seitenlang die Handlung, erzeugt aber einige der besten Charaktere in Raabes Schaffen: Polizeischreiber Fiebiger, Sterngucker Ulex und die alte verstoßene Juliane von Poppen; drei Kindheitsgefährten, die sich ein Leben lang die Treue halten. Besonders letztere sticht heraus:

Eine alte, hinkende Adlige, die sich ihren guten Werken hingibt, auf den schlechten Ruf in ihrer Kaste pfeift, weil sie dafür die Achtung sovieler anderer erwirbt. Die von Poppen sterben einsam, bösartig verkracht mit der Welt. Niemand geht hinter ihrem Sarg.

„…du dagegen musst dir keine Sorgen machen, dass es dir genauso ergehen könnte. An deinem Grabe werden alle die stehen, die in ihrem Leben deine helfende Hand verspüren durften.“ (Fiebiger zu Juliane)

Kennst du sowas? So „alte Jungfern“, die der gute Geist (im Wortsinn) von Familien wurden, die sonst auseinanderzubrechen drohten? Die sich einbrachten mit Lebenserfahrung, Trost zur rechten Zeit, wenn’s Not tat auch mit einem reinigenden „Donnerwetter“, das man ihren leisen Stimmchen niemals zugetraut hätte? Vor deren 1,50m gebeugter Körpergröße Zweimetermänner stramm standen?!

Ich hätte da aus eigener Anschauung gleich vier zu bieten!

Darüber hinaus: Das Bild des schnellen Wandels im 19. Jahrhundert rundet sich.

Das Halseisen am Pfahl auf dem Gutshof; Ausdruck der Landgerichtsbarkeit des bösen alten Gotthilf von Poppen, findet seine drastische Erwähnung, ebenso das Kopfschütteln des menschenklugen Idealisten Fiebinger über den aufkommenden Schopenhauer.

Der geräuschlos fallende Schnee, der sein Leichentuch über all das arme-Schlucker- Elend decken will, wird beschrieben; aber auch, dass der aktive Fabrikschornstein ihn im Handumdrehen in eine dreckige Masse verwandelt, auf dem Giebel- und Dächermeer – über das der Sterngucker Ulex den Überblick hat.

Sah ich aus dem Fenster meiner Flöten- und Akkordeon-Lehrerin in der Altstadt, dann hatte ich diesen Spitzwegausblick auch. Auch die großen Fenster meiner POS gaben dieses Altstadtgiebelwirrwarrpanorama frei. Blumenkästen und Wäscheleinen vor Gaubenfenstern, rotes Bettzeug wie Stones-Zungen aus Wohnhöhlen bleckend; umringt von einen Wald windschiefer Fernsehantennen.

Amerika kann er nicht.

Die Kalifornienkapitel sind so langweilig wie bei Gerstäcker. Sein Roman „Gold“ erschien in den frühen 70ern in der Ehemaligen in der Jugendbuchreihe „Spannend erzählt“. Glatt gelogen. Mit Müh und Not kam ich mit 11 oder 12 Jahren bis Seite 70. Im Raabe-Nachwort ist vermerkt, dass er sehr wahrscheinlich DIESEN Gerstäcker aus dem Jahre 1854 zu Rate zog. Ebenso Dickens‘ „David Copperfield“ und Goethes „Wilhelm Meister“.

Raabes Amerika schwankt zwischen Realismus und Märchenland. Er hat sich von Gerstäcker die armselige Beschreibung der Zelt-und Bretterbudenstadt San Francisco „geborgt“, beschreibt das Völkergemisch und das Faustrecht, das zum Waffentragen zwingt; erfindet jedoch einen genialen Weltenbummler Hauptmann Faber, quasi bereits einen Prä-Shatterhand, als Begleitung für den unerfahrenen Robert Wolf hinzu und eine todkranke Verwandte, allein dahinsiechend in einem Blockhaus im Nirgendwo irgendeines Canons, wo Robert dann nur mit der Schaufel zu graben braucht, um prompt Nuggets zu finden.

Mir scheint zusätzlich, dass das Buch ein Anti-„Soll und Haben“ sein will. Robert Wolf kann als ein Anton Wohlfahrt gelesen werden, der mehr Ecken und Kanten hat, als sein reibungsloser Vorreiter.

Es ploppen beim Lesen also viele kleine „Blitzlichter“ auf.

Aber:

Die Lebendigen wandeln in Unruhe – der Tod schaut in das Buch.

Das ist eine seiner lapidaren Kapitelüberschriften. Er meint vermutlich wirklich nur DAS Buch hier, weil er in diesem Kapitel einen alten Sargtischler sterben lässt. Mir aber gab die Zeile so eine ganz eigentümliche Umdrehung:

Meine Kollegen, viele in meiner überalterten Branche nicht viel jünger als ich, „wandeln (weiter) in (der) Unruhe“ des Alltags. Ich „schaue ins Buch“ … Wie lange mag ich noch haben?

Falls du bis hierher durchgehalten hast:

Lesenswert ist dieser Raabesche Gedankensteinbruch auf alle Fälle!