Am Puls der Zeit…

Wir werden älter. Die Deja vues nehmen zu.

I changed my hairstyle, so many times now,
I don’t know what I look like! (Talking Heads)

Der Tag der Einheit droht! So kurz nach der Wahl, dem „Tag an dem alles anders wurde“, posaunen sie in alle Richtungen. Ein lautes Lied – hilft kleinen Kindern im dunklen Wald. Wir altgewordenen Kinder sind am Ende mit unserem Latein. Die Altparteien versuchen, wie schlechte Eltern, zu erziehen ohne ihre Fürsorgeaufgaben wahrzunehmen. Resultat: Kind hört nicht mehr. Kriegt ja eh nur Schimpfe.

This ain’t no party, this ain’t no Disco, this ain’t no foolin‘ around….

Ach herein und heraus auf der angeblichen Insel der Glückseligkeit! Kübelweise Jauche über die blöden Ossies und dieses medial überwiegend als unterirdisch wahrgenommene Wahlergebnis! (Das Sachsenproblem/der hysterische Ost-Mann/ Fremdenhass, wo keine Fremden sind/…) Keine Feierlaune nirgends in den Medien. Raaaaatlosigkeit! Selbstgerechte Nabelschau der Qualitätsmedien: Bei uns alles richtig! So rechtschaffen! So tolerant! Aber bei DENEN! Hu! Jetzt kommt nicht mehr der Russe. Den zähmt ja jetzt der Altkanzler! Jetzt kommt der böse Ossi! Aber er kommt so kurios anders! Nicht etwa mit roter Fahne und Enteignungsphantasien – sondern braun – ach so braun – wie der Kakao, durch den man ihn (medial) ständig zieht. Auf den ersten Blick jedenfalls.

How I become clairvoyant… (Robbie Robertson)

Und nun erst recht! „Nein, erzählen Sie doch mal? Warum AfD? Geht es Deutschland nicht so gut, wie nie zuvor? Geht es ihnen nicht besser, als zu Ostzeiten? Schlafen sie unter der Brücke?“ Die neue alte Hybris! “Undankbar! Stasi oder Nazi!“ Wiedererkennbar das Muster: „Was jammerst du herum. Ist es hier nicht besser als in Syrien! Na also!“ Die Vereinfacher sind los. Diesmal ohne Blauhemd. Die Wählermehrheit muss beruhigt werden. Damit alles bleiben kann, wie‘s ist. Im Westen glauben sieh‘s noch: Deutschland geht es guuuut! Nie ging es uns besser! Und die, die es nicht glauben, bleiben dort überwiegend weiterhin zu Hause, wenn Wahl ist.

Und diese Xenophobie da drüben! Haben die das immer noch nicht gelernt! Wir dagegen! Also ich grüße meinen Gemüsehändler immer freundlich! Und unsere Putze, die haben wir schon soooo lange! Die ist auch von irgendwo da unten. Also die ist so zuverlässig! Da ist noch nie was weggekommen! Nein, also wir sind definitiv weltoffen!

Aber halt. Stimmt das denn so?

(Remember Eppendorf! Auch wohlhabende Hanseaten fürchten Asylantenheime in ihrer Nähe noch nach 70 Jahren Demokratie!)

Papperlapapp! Kein Vergleich mit Sachsen! Biedenkopf-County is now AfD-Land. Hier gab’s die meisten Prozente und deshalb nun auch die mei- äh – ganze 7 Abgeordnete. Und die sind noch nicht mal alle im Osten geboren. Jedoch weil bei der Sitzverteilung absolute Zahlen und nicht etwa %-te entscheidend sind, ziehen alleine aus NRW 17 „Rheinische Frohnaturen“ in Blau-Rot in den Bundestag ein. Der Laschet freute sich in den Tagesthemen über seine AfD-freie Zone Wahlkreis Münster und ließ fröhlich den Schwanz mit dem Hund wackeln, um dezent unter den Tisch fallen zu lassen, dass eine Mio Stimmen von rund sechsen aus Ruhrpottanien stammt!

Sein Fürstentum stellt somit die größte Landesgruppe der Partei! Bayern auf Platz 2 mit 14 Mann!

Insgesamt stehen 65 Westabgeordnete nur 21 Ostabgeordneten gegenüber. (Berlin läuft bei mir unter „Westen“)

Die zu erwartenden provokanten Reden werden also ein vorrangig westdeutscher Spaß werden!

Übrigens fällt auch auf, dass gefühlt jeder zweite AfD-Abgeordnete Volljurist ist. Wassn da los? Rechtsstaat, hallo! Alles Nazis? Altersmäßig haben die ihre Abschlüsse alle deutlich NACH ‘68 an westdeutschen Unis erworben! Ist das nur so ein Schill-Syndrom oder stimmt eventuell wirklich was nicht, wie die bereits wieder vergessene Jugendrichterin Kirsten Heisig ungehört beschrieb?

White man turns the corner, finds himself within a different world
Ghetto kid grabs his shoulder, throws him up against the wall
He says ‚would you respect me if I didn’t have this gun
‚Cause without it, I don’t get it, and that’s why I carry one‘ (Phil Collins)

Die unter den Teppich gekehrten Probleme beginnen sich zu rächen.

Auch nicht unwichtig: Das Konzept ist westdeutsch-sich elitär dünkend, das Stimmvieh ostdeutsch-prekär, hat nichts zu verlieren und erlebt, dass es immer noch schlechter geht, durch neue Nachbarn, Wohngruppen von Analphabeten aus Übersee, die alle „Doktor“ werden wollen, aber die Mülltrennung nicht kapieren und nachts Ramadan feiern. Und wieso haben die Handys und Sprachkurse und Fahrdienste, für die Wege zu den Ämtern… Es ist ein altes Lied, wie Sozialneid entsteht. Und es ist ebenso eine ewige Binse, dass Begüterte sich länger eine luxuriöse Toleranz leisten, solange das Problem die eigene Türschwelle noch nicht erreicht hat. Remember Eppendorf. Remember Trumpwahl. Remember Brexit. Remember „White Mansions“ Album 1978:

they call me white trash ‚cause my hair hangs long

my ragged pants got no buttons on

my teeth are black and my shoulders sag

but I fly – the Confederate flag

Klappt leider immer.

Woher kommt die AfD?

Uni Hamburg: Lucke & Co ersinnen ein FDP-Hardcore-Programm und gründen einen Professoren-Club;

  • versehen mit 1 Mio € von Hans-Olaf Henkel, wie er in der ZEIT zum Besten gab; aber das war nicht der einzige Finanzier. Flächendeckend wird Deutschland blaurot mit Flyern und Luftballons geflutet. Eine normale neue Partei? Nitschewo!
  • Die währungswirtschaftliche Professorentruppe, Schmalspurspezialisten, keine Historiker, suchen nach Wegen, wie kann man das sozialstaatlose Rollback vor Bismarck so verpacken, dass es wahlkompatibel wird?
  • Hilfe naht:  von vor sich hin greinenden-, vom Schwarzgeldskandal düpierten, Altkonservativen der CDU mit guten Kontakten zu getarnten Geldquellen diverser Stiftungen, ausgestattet mit dem Know how heroischer Volkslenkung; überfahren von der Abschaffung der Wehrpflicht und dem Atomausstieg saßen sie in der Dregger-Koch-Hohmann-CDU in Hessen (dem CSUisiertesten Landesverband) und suchten nach neuen Wegen, sich an Kohls Mädchen für den kalten Putsch und das traditionslose Ungemach zu rächen.
  • Von Hessen ist es nicht weit zu Prof. Meuthen nach Ba-Wü und Weikersheim.

Nix mit Osten bis hier. Zu naiv. Keine Kader.

„Wir kamen mit Freuden auf eure Seite!

Ihr machtet den Deal!

Wir machten Pleite!“ (City/Ostrock)

Nur larmoyantes Gesinge. Siehste. Protestwählerpotential in Wartestellung.

Ach ja, die Petry! Die stammt aus Lauchhammer (DDR), ist aber als Teenie mit Eltern in den Westen ausgereist – nach NRW – und hat dort Abi gemacht, einen Pastor geheiratet, der mit ihr wieder in den Osten ging. Shit happens. Scheidung. Rückkehr (Teilzeit) nach NRW.

Pretzell logic. Steely Dan.

Auf über 700 Sitze kommt der neue Bundestag. In den 90ern reichten 530 Sitze. Bessere Politik haben wir seither nicht bekommen. Die Hofschranzen mehren sich in allen Stagnationsphasen. Siehe Hofhaltung Ludwigs XVI. und Wilhelms II. Eine Rettungsmaßnahme für Hinterbänkler anderer Parteien? Man wollte vermutlich nicht nochmal solche Bilder sehen, wie jene aus den dramatischen Tagen der FDP 2013. Offiziell alles Überhangs- und Ausgleichmandate. Jaja.

Und was hat der Osten nun beigetragen? Rund 3 Mio Wähler-Stimmen AfD. Nun. Die haben zuvor alle anderen Parteien durch. Warum sollte man ewig zwischen Parteien hin und her wählen, die nichts für einen tun? Die dachten sich, dass es an der Zeit ist, sich bei der CDU mal für die blühenden Landschaften zu bedanken, die ihnen in den 90ern die Arbeitsplätze- und heute somit zahlreiche Rentenpunkte kosteten oder bei der SPD für Hartz IV, Leiharbeitslegalisierung und Rentenniveauabsenkung.

Überhaupt – SPD? Laut DDR-Schulwissen eine Opportunisten-Bande. Laut eigener Anschauung: Schröder, Clement, Müntefering, Steinmeier, Steinbrück, Gabriel – schlimmer. Die waren mal Arbeiterpartei! Und dann der Schulz! 20 Jahre Straßburg abgesessen. Profil? Fehlanzeige.  Die Nahles bringt erst noch schnell eine klammheimliche Rentenbeitragserhöhung für untere Schichten durch und gibt einen Tag später als „rote Andrea“ die kämpferische „Auf die Fresse!“- Parole aus.

Remember Helmut Schmidt, der sich Raketen wünschte und Hans Jochen Vogel, der sie verhindern wollte. Ergebnis damals waren die GRÜNEN, die heute nicht mehr wiederzuerkennen sind.

They got lasers that zap, they got cures for the clap

You can see your insides on tv

They got all kinds of pills for all kinds of ills

But they ain’t found a cure yet for me

Out on the streets where the cigarettes meet

Abandon hope all who live here

There ain’t no medicine for the state I’m in

And I gotta get myself outta here… (Ian Hunter)

So kam es zur Watsche vom 24. September. Ein verdienter Denkzettel. Ein notwendiger Weckruf. Mahnung an nicht gemachte Hausaufgaben. Die CDU-Ministerpräsidenten der Ostländer hörten ihn. Ihr Wählerpotential ist überschaubar. Sie gleichen Schiffbrüchigen im Rettungsring. Ihre Westkollegen wollen es weiterhin nicht wahrhaben. Sie fühlen sich noch sicher auf Kommandobrücken von Luxuslinern. Dass die richtigen Schlüsse gezogen werden, ist somit unwahrscheinlich.

„Ich wüsste nicht, was ich hätte anders machen sollen.“ (Merkel)

„Rechts von der CDU klafft eine Lücke…“ (Tillich, Hasseloff, Seehofer)

Mit Labern, egal in welcher Tonlage, wird es nicht getan sein.

Bürgerversicherung, Rentenerhöhung, … eigentlich bräuchten wir auch dringend ein Konzept zum schnellstmöglichen Stopp der kolonialistisch laufenden Globalisierung mit neuen Verwerfungen für Jahrhunderte!

Zu kompliziert. Da traut sich keiner ran. Ein paar Phrasen tuns auch. Die Think Tanks brüten schon in dieser Billigrichtung.

Die Arroganz der Macht und die Servilität der Leitmedien verhindern den Neuanfang.

Wir kennen das noch von 88/89 her…

„Wir bauen auf und tapeziern nicht mit. Wir sind so stolz auf Katharina Witt…“(Sandow)

Aber nach LINKS geträumt wird nicht mehr. Das Thema ist durch. Die LINKE analysiert die sozialen Verwerfungen besser und ist der einzige Trupp mit umfassender sozialer Agenda! Stimmt. Sie klagen die Konzerne an. Weisen auf die verbrecherischen Konsequenzen der Globalisierung hin. Aber:

Es ist kein Phänomen, dass Rechts stärker verlockt, da es Stärke verspricht, während Links mit komplizierten Konzepten überfordert und mit Mitleidsgesten das Loser-Empfinden der eigenen Zielgruppe zwar tröstet aber nicht aufrichtet.

„Wir lebten in der Bakschisch-Republik und es gab keinen Sieeeeg! Der Götzendiener pisst sich ein: Es könnte alles falsch gewesen seiiiiiin!“ (Herbst in Peking)

Außerdem: Ein Blick nach Thüringen oder Brandenburg heute zeigt: Nützt nischt.

Warten wir Jamaika ab. Danach dürften auch die Grünen so hinüber sein, wie jetzt die SPD. Die Wohlstandsschere klafft 2021 noch mehr als heute. Die Medien singen immernoch das Hosianna-uns geht’s-doch-guuuuuut-Lied und die AfD knackt die 20% Marge.

Wer weiß. Vielleicht auch nicht. Auf massenbewegungsmäßig verschnarchte 70er folgten engagierte frühe 80er:

„die Schachfijure hoabes Denke jeleeernt, die spring jetz ejfach vom Brett…“(Bap)

Manchmal erwacht Vernunft für’nen Moment aus’m Koma. Und die so oft vergewaltigte Toleranz schminkt sich erneut und macht sich wieder hübsch und wirkt wieder anziehend.

Deshalb gehört das letzte Wort City:

Weil die Erde eine Kugel ist, was man leicht beweisen kann,

kommt, wer immer straff nach Westen marschiert, im Osten wieder an!

Man kann ja nie wissen.

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Querdenker VIII

Neulich hatte ich einen Traum…

….ich war Japaner, wachte im Kimono auf, war allem Anschein nach im Fernsehsessel tiiiiief eingeschlafen: Aber zuvor doch eigentlich in Deutschland, im gewohnten Wohnzimmer, im Bademantel!

Ungläubig wandte sich mein Blick also vom Kimono über Reisschüsselchen auf dem Tisch in Richtung Bildschirm. Karen Miosga moderierte die Tagesthemen. Mit geschminkten Schlitzaugen und Geisha-Outfit! Und da: 6 oder 8 Manager der Automobilindustrie werden in einer Art Pressekonferenz gezeigt, wie sie sich zerknirscht verneigen und abtreten. Die Miosga erklärt, dass dies am Nachmittag aufgezeichnet wurde. Anschließend seien diese Manager in ihre Konzernzentralen gefahren worden und haben pflichtschuldigst so gehandelt, wie man es von Männern mit Ehrgefühl zu Zeiten des Dieselskandals erwarten könne: Sie seien aus dem jeweils obersten Geschoss gesprungen. Ihr konfisziertes Vermögen werde sozialen Zwecken zugeführt…

Huch!

Ich schreckte hoch und erwachte. Der Traum gab mir zu denken. Träume sind Schäume des Unterbewusstseins. Ich hatte wohl in letzter Zeit zu viel Wahldebakelberichterstattung konsumiert. Das konterminiert das Gehirn. Und dann träumt man sich eben – davon.

Inzwischen schaute ich wieder mit klarem Blick die Nachrichten und da war er wieder, wie in den letzten Tagen so oft: Der zurzeit bestaussehendste Politiker des Staates, dessen Smartness viele Frauen wuschig macht und ein paar sehr weiblich empfindende Gay-Boys probably ebenfalls …

Vermutlich werden die ihn wählen. Wer so aussieht, soll sich zeigen! Nicht auszudenken, wenn diesmal seiner Partei wieder ein halbes Prozent an Fünfen fehlt! Noch einmal 4 Jahre mit all den enterotisierten, grauen Laiendarstellern – puh!

Vermutlich werden diese Wähler dieselben sein, die seine Partei 2013 abservierten. Damals galt die Truppe als – neeeeeein, nicht etwa als Zahnarztpartei oder militante Porschistenbande; als Rollkommando contra Sozialstaat oder Tegernsee-Sekte – nein! Das alles war es nicht, weshalb man sie per Liveübertragung und Dauerschleife, Krokodilstränen vergießend, all die toughen Büros räumen sah und weshalb die Untergrundverbindungen zu den neutralen Medien geschmiert bleiben mussten, damit 4 Jahre lang über jeden Furz (pardon) berichtet wird, der da irgendwo auf dem Müllhaufen der Geschichte gelassen wird, als wäre man noch relevant.

Der eigentliche Grund war: Ein gelalltes misslungenes Kompliment, auf schwäbisch!(sic!), 2012 adressiert an eine komplett humorlose Journalistin; in dem ein Dirndl eine gewisse Rolle spielte — Diese Dame formulierte einen empörten Aufschrei; mit immerhin einjähriger Verspätung; aber wahltaktisch durchschlagend, denn  –  damit war die Katze aus dem Sack: Frauenfeindlich! Der ganze Trupp!

Vier Jahre später kommen die mit derselben alten 19.Jahrhundertsoße „Dem Tüchtigen gehört die Stunde!“ und „Leistung muss sich wieder lohnen!“ wieder an! Vorne dran aber nicht mehr dieser ewige Klassensprecher mit Migrationshintergrund und auch nicht der lallende alte Schwabe, sondern eben jenes fesch unrasierte Kerlchen mit dem Nussknackergesicht und der Bachelor-Figur:

„Hat er eine Rose für mich?“

hauchen die Damenherzen und die der femininen Gay-Boys. Die drehen an der Haarsträhne und schmelzen dahin. Und viele, viele brave, fleißige Politlegastheniker jubeln: „Fleiß? Das hab ich verstanden! Das sag ich ooch ümma! Die sinn’richtich!“ Aber niemand sagt ihnen:

„Du hast keine Firma! Du bist nicht gemeint!“

Sie alle fordern somit Streicheleinheiten für Kapitalseigner ein; sie sorgen dafür, dass die 6 oder 8 Herren vom Anfang da oben nicht springen müssen, sondern auch morgen noch nassforsch arrogant aus der Tagesschau in mein Wohnzimmer grinsen!

Für den zu vernachlässigenden Rest der abhängig beschäftigten Menschheit fordern sie Verlängerung der Lebensarbeitszeit! Die Rentenkasse muss voll! Aber nicht durch Beiträge der Manager!

„Nimm dir ein Beispiel an denen, du faule Sau! Die überschreiten freiwillig jede Altersgrenze!“

Dementsprechend auch:  Eigenverantwortung in Sachen Rente!

(Die du aufzehren musst, bevor du ins HARTZ IV Loch fällst! Die du gar nicht erbringen kannst, wenn du Mindestlohn hast, Leiharbeiter bist oder wenn dich als Familienvater 1000 € Mietlast plagen!)

Und die stehen zurzeit bei 10% Wahlprognose? Waruuuum??!! Weil der Chef sexy is‘?!

Weil sie Wahlplakate haben, so weiß auf weiß, in George-Michael-CD-Cover-Optik? DER ist tot! Geschichte! Und da gehört die Truppe auch hin! Mit ihren Ratschlägen von gestern für die Probleme von morgen.

Anderen Parteien werden Populismus oder Fake-News vorgeworfen! Da wird die Stasi-oder die Hanf-Keule geschwungen, damit die nicht zu groß werden – und hier? Das sind Hardcore-Realos? Fairness-Apostel? Oder was!

Bedrohliche 10 % für den dienstältesten Roßtäuscherverein Deutschlands, nur weil der Chef ….. aaaaaaach!

„Taschenspieler tauschen geschickt Freiheiten gegen Plunder. Was sie heute nicht halten, wird morgen nicht mal mehr versprochen.“ (André Heller)

Verliebt, verhoben, vergessen, verehrt…

Man könnte Wikipedia anklicken und sich über Georg II. von Sachsen-Meiningen informieren. Man erführe auch die Namen seiner 3 Ehefrauen. Jede von ihnen hat wiederum eine eigene Schlagwortseite. Es wäre alles da. Aber: Wer macht das schon? Georg II.? Und dann noch nicht mal der King des UK? Wozu?

Im Sommer 2017 saß ich im Buchladen von Meiningen und wartete auf eine Regenpause draußen. In jenem Sommer konnte sowas dauern! Der Bildband, den ich in dieser Zeit (quer)las, enthielt all die obengenannten Informationen. Und er verschwieg, dass Friedrich Spielhagen einer der häufigsten Besucher des Hofes jenes Kleinstaatregenten war.

Wen juckt’s?

Mich!

Spielhagen ist mein literarischer Hausgott. Die Fakten zu den drei Ehen entrollten mir den Tatsachen-Hintergrund zu einem seiner Romane: Allzeit voran! (1872)

2017 ist obendrein das Diana-Jahr: 20 Jahre Tunneltod! Da kommt einem in der Georg-Biografie viel bekannt vor. 100 Jahre Unterschied. Mehr als der Übergang von der Kutsche zum Auto? Mesalliancen können immer noch Thema werden. Und was bedeutet „morganatische“ Ehe; bzw. „Ehe zur linken Hand“?

Ich wurde somit auf die Spur gesetzt: Der tatsächliche Georg von Wettin, Herzog von Sachsen-Meiningen, wurde steinalt, starb 1914, war intelligent, diplomierter Historiker, eher propreußisch und liberal gesinnt und er war 3x verheiratet. Zum ersten Mal (mit Charlotte v. Hohenzollern) sehr glücklich, doch Kindbettfieber kennt kein arm und reich; die vierte Geburt beendet die Ehe Nr.1.

Die zweite Ehe (mit Feodora von Hohenlohe-Langenburg) verläuft sehr unglücklich, da Ehefrau Nr.2 zwar jung und hübsch, aber borniert und künstlerisch völlig desinteressiert war, weshalb der Herzog einsehen muss, hier nichts mehr „umprägen“ zu können und mehr und mehr allein ins Theater ging. Gerüchte entstehen. Das Gemunkel wird Tatsache. Frau Nr.2 frustriert‘s. Sie erkrankt, hat keine Widerstandskraft (mehr) und stirbt 36jährig; erlöst somit beide Ehepartner aus einem fast feindseligem Verhältnis.

Georg ist 46 und heiratet das letzte Mal; „nur“ morganatisch; eine Bürgerliche; sein Langzeitverhältnis; eine Schauspielerin. Ellen Franz. Sie ist im gleichen Alter wie seine zweite Frau, weniger attraktiv, jedoch intellektuell ansprechbar wie seine erste. Das Verhältnis begann 4 Jahre vor dem Tod von Ehefrau Nr. 2. Die Attraktivere verliert. Eine deutliche Windsor-Parallele. Deren Wurzeln liegen „nebenan“ im Gothaischen.

Spielhagen schrieb seinen Roman als Liebesroman, Arztroman, Politikum. In der Nebenfigur des Apothekers der Residenz wird er obendrein passagenweise zur Klamotte. Wieder einmal hat er Stoff für ein Großwerk, ein gesellschaftliches Komplettpanorama wie in den „Problematischen Naturen“ und in „Hammer und Amboss“ zuvor. Er nimmt sich jedoch diesmal nicht die Zeit, es auszukleiden. Auf nur 300 Seiten zusammengedrängt kann der Stoff nicht richtig leuchten. „Allzeit voran!“ wird kein Erfolgsbuch, ist aber lesenswert, weil es, so ganz nebenbei und vollkommen untypisch für die Zeit, NICHT in Hurrapatriotismus verfällt. Der geneigte Leser erfährt hier, wie die Stimmung außerhalb Preußens im Sommer 1870, am Vorabend des Deutsch-Französischen Krieges, im Volk und an den Höfen tatsächlich gewesen sein könnte.

Es geht um einen jungen Landarzt, um eine noch jüngere (aber volljährige) Malerin, die die morganatisch angetraute zweite Frau eines schon sehr alten Fürsten eines thüringischen Kleinstaates ist und um eben diesen 70jährigen Fürsten selber. Da diese Ehen zweiter Klasse, oder „zur linken Hand“, eigentlich seriöse Öffentlichkeit für standesunübliche Verbindungen ermöglichen sollten, jedoch Mesalliancen blieben und Rufschädigung bedeuteten, waren sie extrem selten. Der einzige Thüringer Regent des späten 19.Jhds., auf den sowas zutraf, war Georg II. Im Hochadel war sein außereheliches Verhältnis mit Ellen Franz mal süffisant, mal bösartig kommentiert worden. Von einer baldigen „Ehrlichmachung“ der Liaison nach dem Tod von Ehefrau Nr.2 wurde geunkt, als das Ereignis dann jedoch real wurde, war der Skandal perfekt und die Kontaktabbrüche zahlreich. Nichts desto trotz standen Georg noch 42 Jahre glücklicher Partnerschaft bevor.

Die Veröffentlichung des Buches und die Bekanntmachung der „Konkubinenheirat“ fallen zeitlich zusammen. Im 70jährigen Romanfürsten wird allzu leicht der 46jährige Meininger Regent erkannt, der charakterlich und altersmäßig jedoch eher Georgs Vater zum Vorbild hat. Dieser hatte sich 1866 für die falsche Seite entschieden und wurde anschließend auf Bismarcks Betreiben zur Abdankung genötigt, um seinem pro-preußischen Sohn die Regentschaft zu überlassen. Spielhagen nimmt diese Episode der Familiengeschichte der Meininger Wettiner stark abgeändert auf und fügt sie einen Krieg später ein. Auch hat sein Romanregent keinen Nachkommen, weshalb im Roman gleich ein preußischer Neffe auf den Thüringer Thron folgt, während der real Abgedankte wenigstens die Gnade erfährt, seinen Sohn als Nachfolger einsetzen zu dürfen.

„Lass es weiterhin wie Souveränität aussehen!“, mag sich Bismarck gedacht haben.

Eine Würde von Preußens Gnaden, denn die „Thüringischen Staaten“ hingen wirtschaftlich schon lange vor den 3 Kriegen am Geldhahn Berlins.

Preußen vergoldete seit ca. 1845 den „Thüringer Zaunkönigen“ ihr Dasein für das Gewähren der Erlaubnis, Schienen in die Rheinprovinz legen zu dürfen. Wirtschaftlich stand die Region, weil Massentourismus noch fehlte, ansonsten da wie Mecklenburg. Hinterwäldlerisch die Industrialisierung verschlafend, fristeten Spielzeugschnitzer, Nagelschmiede, Holzfäller, Köhler und Weber ihr kärgliches Dasein. Das damalige Elend – ein Segen für die Gegenwart, wenn man so 2017 durch intakte Natur rollt, die es andernfalls nicht mehr geben würde. Die Fehler von gestern sind die Erfolge von morgen. An den Thüringer Geschicken ablesbar.

Der Fürst des Romans ist nur 2x verheiratet. Spielhagen kürzt 3 Ehen auf zwei, indem er die letzten beiden Frauenbilder zusammenzieht: die unerfüllte Ehe und die Schönheit von Feodora, sowie die künstlerischen Interessen von Ellen Franz werden eins. Georg macht im wirklichen Leben seine dritte Ehefrau zu seiner Chefberaterin in Sachen Kultur, baut gemeinsam mit ihr einen prominenten Freundeskreis der Dichter und Komponisten auf. Beide gemeinsam reisen viel, holen sich Ideen aus ihren Urlaubsorten und reformieren das Meininger Theater zu Weltruhm. Bayreuth ist schon berühmt. Meiningen zieht nach. DIE Pilgerstätten der Kulturenthusiasten der Zeit. Außerdem wird nach ihren Vorstellungen der bis heute erhaltene romantische Park der Residenz angelegt. Sie harmonieren perfekt. Georg hat in Ellen eine „zweite Charlotte“ gefunden.

Ganz anders im Buch: Die junge Künstlerin malt in einem Gartenpavillon. Sie hat keinerlei Einfluss in irgendeiner Richtung und auch keine Ambitionen, diese Situation zu ändern. Eine malende Feodora, allerdings bürgerlicher Herkunft. Auch ehelich ist dem alten Herzog mit ihr kein Glück beschieden.

Spielhagen legt die Liaison tragisch an: Er lässt es während eines Kuraufenthaltes knistern; intellektuelle Gespräche zwischen beiden sind möglich. Beide atmen auf, glauben auf einen Gleichgesinnten gestoßen zu sein. Gekonnt wird das Thema “Altersgeilheit“ umschifft. Beim Herzog ist es eine Art Erlöserwahn, der ihn zur Ehe verleitet. Die arme mittellose Schönheit soll es gut haben und sich verwirklichen können. SIE sieht in ihm den alten, lieben, hilfsbereiten Mann und die Hoffnungslosigkeit ihrer mittellosen Lage. Sie entsagt wissentlich einem erfüllten Liebesleben. Das „Ja-Wort“ ist ihre Art von Resignation. Die Kommunikation erstirbt. Sie leben nebeneinander her. Die Domestiken verachten sie, da sie dem Vergleich mit der verstorbenen Herzogin nicht standhalten kann. Sie zieht sich in den Mal-Pavillon zurück.

Feodora gab im wirklichen Leben lieber die barmherzige Landesmutter, um dem Schlosspersonal zu entgehen; durch die Elendsquartiere der Dorfbevölkerung reisend und sich somit auch den finalen Scharlach zuziehend. Hat sie den Tod gesucht? Soweit geht die Malerin im Roman nicht. Jedoch trennt sie sich letztlich von ihrem Gönner und löst so das „unnatürliche Band zwischen Jugend und Greis“ um ihr Leben selbst zu gestalten…

Das Buch erscheint 1872 und stellt die Verhältnisse an den Thüringer Höfen – trotz aller Abänderung – gut erkennbar bloß. Aber: Spielhagen verkehrt weiterhin in Meiningen und wohnt während dieser Aufenthalte in Gästezimmern des Schlosses. Kein Anzeichen von Ungnade seitens des skandalträchtigen Herrscherpaares. Stattdessen jene Belohnungsanfrage und ihre Beantwortung; sowie das große Vergessen, das über alle Beteiligten, das Reich, das damals gerade entstand und den Roman inzwischen hinweg gegangen ist.

12 kopiemeiningen

Copyrights diesmal alle by Bludgeon selber.

Im Land der Ahnen…

….2017 stark verregnet, stößt der Blick des Reisenden doch auf die eine oder andere kleine Sensation: Die gottlob – trotz Holzklau und Kaminwahn – immer noch vollständig bewaldeten Berghänge des Rennsteigs und auch des sonstigen Thüringer Waldes dampfen nach überreicher Wolkenschüttung morgens heftig in den raren Regenpausen.

„Und ewig singen die Wälder“ vom vegetativen Überlebenskampf, dem Trockenheit genauso schadet, wie nasser Überfluss, der den Wurzeln den Halt zu rauben droht.  Rauchschwaden, Wolkenschatten, relative Finsternis; ganz ohne Feuer – „Into the mystic“; Van Morrisson liegt nahe. Oder die wunderbare „Wildhoney“ von Tiamat mit all ihren Sumpflandgeräuschen und tiefen Growls zu akustischer Gitarre und Kriegstanzrhythmus der Hobbits & Orks. Beides leider im Auto nicht vorrätig. Auch Haggard und Douglas Spotted Eagle glänzen durch Abwesenheit. Mist!

Das Thema Soundtrack-Auswahl hatte ich schon mal besser im Griff! Aber so geht das schon die ganze Zeit in diesem Jahr. Kaum stellt Töchterlein fest: „Das sieht hier aus wie Kanada!“ fehlen mir prompt auch noch Bachmann Turner Overdrive! Wir hören also, während rund 2000 km Fahrleistung anfallen, so kreuz und quer durch diesen Gustav-Freytag-County und das angrenzende Söderistan, Kompromiss-Mugge; wie immer, wenn Frau und Tochter an Bord sind: „Private best of 70s“ (Mainstream; immerhin unter Auslassung all der musikalischen Disco-Ölpest jenes Jahrzehnts) Al Stewart, Bob Seger, ELO, Fleetwood Mac; verpassen uns von letzteren auch eine Überdosis, da zusätzlich die neue „Lindsay Buckingham und Christie McVie“ mit von der Partie ist und klingt, als wären’s die missing Pieces der „Rumour-Sessions“. Eigentlich seeehr schön, aber eben nicht 3x am Tag.

Es war in diesem Jahr eine Blitzentscheidung. Es wurde ein „Behelfsurlaub“ der schönen Bilder. Für Auslandsbuchungen zu spät dran blieb nur die Alternative: Urlaub in Deutschland oder gleich ganz zu Hause bleiben. So versuchte ich wenigstens noch zwei Fliegen mit einer Klappe zu erwischen: Irgendwohin, wo’s schön ist (mal nicht die Ostsee) und wo’s eventuell die Möglichkeit gibt, per Tagesausflügen Regionen des „unbekannten Westens“ kennenzulernen.

Irgendwie ist dieses „Adenauerland“ eben doch eine Art von Ausland geblieben.

Also: Meiningen. Thüringen ist schön und Franken ist nicht weit. Plan erfüllt.

Dachte ich. Nach erfolgter Buchung im Melchiormäßigen „Schlundhaus“ der Stadt. Sehr schönes Renaissance-Ambiente innen wie außen. Sehr nettes Personal.

Jedoch kam es anders als gedacht, was zum einen dem Wetter des Sommers 2017 und zum andern der hypersensiblen Ossi-Seele geschuldet sein mag. Die Nebensache wurde zur Hauptsache. Die Exkursionen nach Söderanien hinterließen nur blasse Eindrücke. Die Ausflüge im Land der Dichterfürsten führten stattdessen zu einigen Aha-Momenten.

Die Entscheidung für Meiningen war keine Kopfgeburt. Eher so aus dem Bauch mit Torschlusspanik: Bloß keinen reinen Brandenburg-Urlaub mehr verwarten müssen!

Üblicherweise bekommt der Hund in solchen Reisezeiten Tierpension zu Hause und Herrchen ein bisschen schlechtes Gewissen.  In diesem Jahr jedoch erlebte er passend 14 Tage vor Abreise mit stolzen 8 Jahren auf dem Buckel seine erste Beißerei; und die gleich mit so einem Kampfhund-Köterproll-Mix und — unterlag. Die offene Schulter musste fachgerecht verarztet und beobachtet werden. Deshalb verbot sich Tierpension von selbst. Er musste mit. Man gut, dass es mit England nicht geklappt hat! Er erlebte also eine reichliche Woche Rudelnähe rund um die Uhr, aber draußen überwiegend an der Leine. Leinenzwang all over. Schwarze Tüte immer „am Mann“ bzw. „an der Frau“ wandelten wir nach Ankunft zunächst leidlich beschirmt und einigermaßen ziellos durch den Ort. Mit Collie im Stadtbild, wo auch immer, setzt es reichlich Komplimente:

„Guck mal! Ein Löwe!“ von Seiten kleinerer Fans.

„Guck mal Lassie!“ von den Älteren.

Komischerweise verweist nach wie vor niemand auf BESSY?! Die Comics waren doch so erfolgreich in unseren Jahrgängen!

Weib, Kind und Hund entschlossen sich alsbald zwecks Trocknung die Unterkunft aufzusuchen, während wir gerade in der Nähe des Buchladens standen. Also betrat ich den auch und wusste wiederum nicht, wonach sich zu suchen noch lohnen würde. Thriller – nein danke, Krimis – brrrrr, Memoiren von Menschen mit Jahrhundertbiografie a la Sigmar G. und Phillip L.? Die armen Bäume! Die Band-Bio der Ärzte?

Ich wusste nicht, wohin mit mir – und draußen schifft‘s. Da fiel mein Blick auf einen Charakterkopf mit ernster Miene. Ein wahrer Adlerblick fixierte mich. Intelligente Augen, weißer Weihnachtsmannbart und Halbglatze. Sein Blick traf mich von der Titelseite eines Bildbandes: Georg II. Und als ich den aufschlug, traf mich wie ein Schlag die freudige Erinnerung: Meiningen! Georg II.!

„… möge uns der Herr Poet doch baldigst eine Idee zukommen lassen, mit welchem Orden, welcher Gnade wir ihm unsere Wertschätzung erzeigen könnten.“

Und SPIELHAGENs knappe Antwort war: „Wenn Durchlaucht mein geneigter Leser bleiben wollen, so ist mir dies Ehre genug.“

Ich hatte das völlig vergessen! Jetzt war mit einem Schlag mein Ferienfilm geboren: Die Thüringischen Zaunkönige des späten 19.Jahrhunderts im Bemühen mit Sachsen Weimar- Eisenach gleichzuziehen und Kulturhochburg werden zu wollen, locken die schreibende Prominenz in ihre Paläste. Die dynastischen Privatissime, die hier in verrauchten Herrenzimmern verraten wurden, der Eindruck der Landschaft, „die hier in Thüringen, wie auch der Menschenschlag, das Höchstmaß der Ausgeglichenheit erreichte“ (Felix Dahn), flossen ein, in einst viel gelesene Werke, die Ruf und Reichtum schufen – und heute leider vergessen sind.

Thüringen hatte nach hehrer Bedeutsamkeit als Grenzmark im frühen Mittelalter des 10. und 11.Jahrhunderts eine lange Phase politischen Niederganges ereilt. Die ernestinischen Wettiner, also das sächsische Königshaus der Reformation, vererbten nicht qua Erstgeburt, sondern qua Erbteilung. Jedes am Leben bleibende Brüderlein „der Familie“ musste so mit einer Stadt und ein paar Dörfern bedacht werden. Thüringen, das alte eigentliche Westsachsen, wurde geradezu atomisiert. Da dank Luther und Friedrich dem Weisen bereits säkularisiert worden war, gab es auch später für Napoleon in diesem Gelände keine unabhängigen Bistümer aufzulösen. Für ihn war das Durchgangsland, das er beließ, wie er es vorfand. Ebenso Metternich auf dem Wiener Kongress 1815 bei der Erfindung des Deutschen Bundes. Nirgends war deshalb Zersplitterung nach den Befreiungskriegen größer als hier: Im grünen Herzen Deutschlands.

Goethe lebte noch. In seinem Lichte strahlte Sachsen Weimar-Eisenach. Der Musen-Hort. Die Fürstenwitwe und vormundschaftliche Regentin Anna Amalie, eine hochgebildete Russin, zwangsverheiratet, aber durch frühe Witwenschaft befreit, hatte 50 Jahre zuvor für intellektuellen Zulauf im Ländle gesorgt und gründete die nach ihr benannte Bibliothek in einem Bauwerk, das ihr von jeher ein Dorn im Auge war: Bereits im 16.Jahrhundert hatte einer der Weimarer Regenten das Lustschloss zur Auslebung seiner Triebe direkt vor das Stadtschloss, also gewissermaßen vor die Schlafzimmerfenster seiner Zwangsangetrauten bauen lassen. Seine Nachfolger übernahmen mit der Macht auch jene pikante Servicelokation, um sie in besagter Weise zu nutzen. Anna Amalie, verwitwet aber noch nicht 30, hob die Bedeutung des Bauwerkes, nach dem ach so plötzlichen Ableben ihres Gatten, at hoc von der Unterleibsdienstleistungshalle zum Studienort des Kopfes.

Sprach man in jenen Tagen von Thüringen, meinte man Weimar. Die anderen Zaunkönige mussten sich was einfallen lassen: Der zweiterfolgreichste Zwergstaat in Sachen Prestige-Hebung wurde Sachsen Coburg-Gotha, das „Adelsgestüt Europas“ (laut Bismarck) durch – ähem – blaublütigen Jungs-und Mädchenhandel. Für den Bedarf eines jeden Königshauses war ein heiratsfähiger Fürstensproß/eine Komtessè vorrätig (Elite-Partner.de – ohne Internet) 1914 gab es keinen Thron in Europa, auf dem nicht ein coburg-gothaischer Abkömmling saß. Über jenes Puzzleteil sind Windsor/Battenbergs, Habsburg, Romanows und Hohenzollern verwandt und verschwägert; der I.Weltkrieg ein Familienzwist.

Hinzukommt, dass das Herrscherhaus in Gotha 1853 einem prominenten politischen Flüchtling Quartier bot, der kurz nach Aufnahme hier vollends zum Bestsellerautor und Dichterfürsten der Nachgoethejahre avancierte: Gustav Freytag.

Aus Preußen als zu liberal entfernt, alsbald aber auch dort wieder gewertschätzt und begnadigt, ja später mit dem Pour le Mérite versehen, sorgte er als Journalist, Dramatiker und Buchautor für dauerhaftes Aufsehen. Er war schon 1848 für die kleindeutsche Lösung eingetreten (ein Reich ohne Österreich) und erlebte in den Folgejahren den Wandel seines Minderheitenstandpunktes zur Mehrheitsmeinung. In Siebleben bei Gotha ließ er sich nieder und verfasste hier seine beiden Dauerbrenner „Soll und Haben“(1855) und „Die Ahnen“(ab 1872), jene mal 4-, mal 6- mal 8bändige Familiensaga, die aus germanischer Vorzeit bis hinauf in die Tage der 48er Revolution reicht. Letzteres Kapitel in mancher „gekürzten und von Weitschweifigkeiten bereinigten“ Auflage der 20er und 30er Jahre gern unterschlagen.

Spielhagen wiederum verkehrte des Öfteren im Schlosse derer von Sachsen-Meiningen, Freytag deshalb nicht.

In Ermanglung von Antiquariaten und Musikläden zog ich es vor, mental im späten 19.Jahrhundert zu verweilen, statt Kneipen, Rossmann-Filialen, Schöller-Eis-Fahnen oder Taschen vertickende Inder zu zählen.

Spielhagen und Freytag wurden meine Scouts, wenn ich nicht gerade mit engsten Parkhauskurven in Bamberg rang, auf dem Markt von Coburg mit der übelsten Blümchen-Kaffeeplörre der Marke „letzte Lagerhallenfegung“ konfrontiert wurde oder kopfschüttelnd die inflationäre Richard Wagner Verhohnepiplung in der Fußgängerzone von Bayreuth ertrug: Alle gefühlten 5 Meter stand dort vor jedem dritten Laden ein ca. 1m großer Gartenzwerg-Richie mit erhobenen Händen in Dirigenten- oder Bettelpose eines bockigen Kleinkindes „Mama t‘agen!“, ganz wie man will. Wagner goes Tele-Tubbie. Mal Schlumpf blau, mal Popel grün, mal Wut rot – scheußlicher Endzeiteinfall einer sich überlebt habenden Kultur.

Gottlob gab‘s ja noch die Wälder, die Berge, die weiten Straßen und den Sound eines ganz anderen Jahrzehnts: Der schon erwähnte 70er Mix und die Wiederauferstehung von Ingo, Ingraban und ihren Nachfahren befreiten aus dem nivellierten Heute; schon lange bevor wir per Zufall den tatsächlichen Gustav-Freytag-Wanderweg fanden.

„Time Passages! Buy me a ticket on last train home tonight…“

Und als auf abendlicher Fahrt Töchterlein neben mir, die zwischen den Scheibenwischerintervallen all die tollen Fotos schoss, am Radio drehte, um Papas Musikarchiv zu entkommen, erklang da plötzlich

„…. these towns all look the same, and we remember that why we ca-hame…“

und wie aus einem Munde schrien Mutter und Vater: „Lass mal!“ Überstimmt. Wir „Ahnen“ waren David Guetta, Ed Sheeran, Rihanna & Co wiedermal entkommen. „Oh want you staaaaaaaay – just a little bit longer! Oh please please stay! Say you will. SAAAAAHY youhu will!“ Aber weder Immo, Helgi noch irgendeine Walküre hatten „Bock“, dergleichen zu tun. Sie schickten einen letzten gespenstischen Lichtergruß und blieben im Land der Sagen und Legenden, als unser Eisenpferd schließlich den Pfad gen Norden einschlug. Kein Urlaub hält ewig.

Copyright aller Fotos: Bludgeons Daughter; Illustrationen aus „Germania“(1905); „Realienbuch“ (1912) und „Der Gute Kamerad“ Bd.26 (1912)

ELVIS lebt!

1972 oder 73. Sechste oder siebente Klasse. Mathe-Vertretungsstunde im Musikraum. Herr L. scheint den Raum nicht zu finden und kommt zu spät. Luggy, der musikalische Pastorensohn, ein Jahr zurückgestellt und deshalb „überaltert“ in unserer Klasse, frühreif und durch zwei ältere Hippie-Brüder „verdorben“, mit äußerlich entfernter Ähnlichkeit zu Robert Plant, den wir wiederum noch nicht kennen, entert den Flügel und gibt Rock&Roll vom feinsten: Fantasie-englisches Zeug plus deutschsprachigem „Scheißhausrock“, als Herr L. endlich den Raum gefunden hat und in der Tür steht. Luggy bricht ab, beißt die Zähne zusammen, zieht die Mundwinkel breit und schleicht geduckt zum Platz. Herr L. handhabt die Situation moderat mit kurzem „ts-ts-ts- da bin ich ja gerade noch rechtzeitig gekommen…“ und beginnt mit dem Unterricht. Am Ende ist er 5 Minuten zu früh fertig und sagt doch tatsächlich: „Luggy komm, spiel noch eehn.“ Und zeigt auf den Flügel.

Die Stunde begann mit „wammpampaady und ä kauntydschejl, nizzle inde dizzle inde name of fail““ und sie endete auch so. Den Scheißhausrock traut er sich in Lehrerbeisein nicht ein 2.Mal. Das ist auch nicht nötig. Der Text saß vermutlich bei allen sofort. Nicht nur bei mir. Vier Jahre Flötenunterricht liegen hinter mir und nun, im zweiten Jahr meiner Akkordeon-Qual, saß ich betroffen und geplättet in meiner Bank. Nichts! Aber auch gaaaar nichts hatte mich zuvor so dermaßen umgehauen, wie Luggy am Klavier. Und der benutzte beide Hände! Und es klang! Laut, heiß, fetzte wie nur was – hätte eeeeewig weitergehen sollen – aber da klingelte es. Luggy brach ab, alles tobte zur Pause, scheinbar war nur ich in Trance…

Auf dem Hof noch ein paar Komplimente an den frisch geouteten Pianoman:

„Ey Luggy! Saaach deim Vahdor, er soll dor ne chrößre Ohrmbanduhr schbendiern! Sonnst wärd das nüscht mit dor Alvin Stardust Garrjehre!“

„Luggy dor Dasdnfiggor! Echt ehy! Geil. Gannsd bei Slade einsteichn.“

„Gwadsche keehne Scheihse! Die brauchn kehne Dasdn. Ä Gilbord O’Sallivan würddä.“

Ich hielt mich raus. Mir hatte es die Sprache verschlagen. Dem bringen die Brüder ratzfatz bei, mit 10 Fingern zu spielen und ich mühe mich seit zwei Jahren bei meiner alten Akkordeonlehrerin ebenfalls beidhändig aber erfolglos an Hits der Marke „Bauernmarsch“ oder „Vuchelbeerbaaahm“ ab…

Nunja, das mit dem Abmühen ist relativ. Die Musikauswahl und das uncoole Instrument kotzten mich dermaßen an, dass ich mich eher vor dem Üben drückte und bald schon die offizielle wöchentliche Unterrichtsstunde durch einen mehr oder weniger langen Toilettengang verkürzte. Und so stand eben Luggy im Licht – und Bludgy nicht.

In der 8. Klasse bekamen wir unseren Geschichtslehrer auch in Deutsch und das fand zum mindesten ich sehr gut, weil er mein Lieblingslehrer war. Jung, witzig, konsequent und undiplomatisch gradlinig.
Der gab eine lehrplangetreue Aufgabe auf:

Bis nächste Woche; Hausaufsatz, Thema „Mein Vorbild“, nehmt jemanden, denohr leiden gönnd und schreibt mindestens anderthalb Seiten. Klar!“

Angela meldet sich. Herr M.: „Wassn noch?“

„Kann ich da auch mein Papa nehm?“

Kmmmmm, Vogelzeigen, Kichern, unterdrücktes Gelächter. Eine Geste von Herrn M. genügt.

„Glar. Geht alles. Abor keene Viechor! Nich dassor mir mit Cheeta oder Lassie gommd! Verarschn gann ich mich allehne.“

Ecke singt: „Ich wär so gern ein Huhn. Ich hätt nich viel zu tun…“

Herr M.: „Na dem Ideal bisste schon verdächdsch nahe gegomm.“

Bernd: „Ohr Ecke! Zeich‘m jetze bloß nich deine Eier!“

So schrieben wir also drauflos und gaben pünktlich nach einer Woche ab, außer Kalle, Impfe und Ecke, die – vergeblichen Aufwand sparend – die 5 lieber gleich akzeptierten.

Eine weitere Woche später bekamen wir die Aufsätze bewertet zurück. Ohne Kommentare, einfach so. Die Vorgängerinnen von Herrn M. hatten den – oder die besten immer vorlesen lassen. Also meldete sich Andreas und wies Herrn M. auf diesen Brauch hin.

Die Antwort war: „So? Naja. Wir hatten 6 oder 7 Einsen. Das dauert zu lange. Wer will denn?“

Andreas: „Kann nicht Luggy vorlesen? Der hat über Elvis geschriehm.“

Herr M. „Der hadde doch bloß ne 2, aber von mir aus.“

Gesagt getan. Wir bekamen so einen typischen BRAVO-Schwärmtext vorgelesen: „Wenn Elvis zur Gitarre greift, vergess ich alles um mich her…“

Weiß der Teufel, wo er diesen Schwulst herhatte. Eventuell war seine ältere Schwester die Ghostautorin. Mich plagte beim Zuhören vor allem der Gedanke, dass ich scheinbar der einzige war, der wiedermal nicht wusste, was alle zu wissen schienen: Wer war dieser Elvis?

Also zuhause nach gefragt:

„Vati, kennst du Elvis Presley?“

„Die Heulboje des Kapitalismus? Klar. Das isso ein vernegerter weißer Ami, der so tut, als ob er singen kann.“

Ach klar. Ich hätte die Antwort ahnen können, wenn es um modernere Musik ging. Bekam ich doch bei Fernsehauftritten von Bands aller Art und väterlicher Anwesenheit stets die Kommentare über „Hottentottenmusik“, „ungewaschene Hälse“ und „die sollten was essen, dann hörnse off zu schrein“ gleich mitgeliefert. Aber es kam diesmal noch ein unvermuteter Nachsatz:

„Als ich Mutti kennen lernte, war der im Westen irre berühmt und deshalb hier verboten, wie nur was. Da hamm die den aufm Tanzboden zu später Stunde manchmal doch gespielt und dann ging die Post ab: Hey Barbariba, yesyesyes-no… und so weiter.“

Verboten! Und dieser gesangliche Ansatz „Hey Barbariba“ ließ prompt Bilder von Luggy am Flügel auferstehen. Der musste was sein!

Der Song an sich war, wie sich später herausstellen sollte, eine Fehlinformation: Hey Barbariba hat Elvis nie gesungen. Aber der Zeitraum stimmte und Rock&Roll der 50er Jahre klang so schön alt, nach Bodenkammerfundmusike, nach Holzkastenradio, Frohburger Mansardenwohnung und Omas Schnittchen … es wurde eine Liebe fürs Leben.

Ich hörte seit jener Vertretungsstunde im Musikraum begeistert „Memory-Hits“ vom Deutschlandfunk, hatte aber bisher die Namen einfach vorbeirauschen lassen. Nun begann ich HINzuhören: Wann kommt mal was von Elvis…

Der musikalische Horizont wuchs. Luggy kannte noch Buddy Holly, der mit einem Flugzeug abgestürzt war. Den Akt stellte ich mir nicht als profanen Schlechtwetter-Crash vor, sondern als schief gegangenen Showeffekt: Buddy Holly an den Steuerknüppeln eines Stuka‘s, der in Richtung Bühne sturzflugt und die Kurve nicht kriegt. Detonation und Feuershow statt Rockkonzert. Buddy Holly ist tot, es lebe Buddy Holly! Alice Coopers Bühnenpräsenz lieferte die Denkvorlage (gemixt mit antiquarischem Lesestoff) Little Richard und Jerry Lee Lewis kannte er noch. Bald schon überholte ich ihn:

Doowop fetzt mehr als Rockebilly!

Hä?

Platters, Moonglows, Franky Lymon and the Teenagers… Die Rubettes beklaun die gerade.

Ich war zum Auskenner geworden. Die Fan-tümer wechselten, wie die Hemden.

Im Frühjahr 1977 lief im Radio eine selten schöne Nummer namens „Moody Blue“. Die Anmoderation verriet: „Hier mal wieder was vom King…“ Huch? Den gibt’s ja auch noch?!

Ein paar Wochen später waren große Ferien. Nächtelange Beutezüge im Nachtprogramm der Radiosender. Es wurde August. Dann kam der 16. …

„Way down, such a lovely place, way down I am tired of waste…“

„Der 42jährige King of Rock&Roll wurde heute morgen tot in seinem Badezimmer gefunden…“

„There will be peace in the valley for me-he-he-he … someday.“

Jetzt war someday ran.

Die Sender überschlugen sich. HR3 reagierte mit einer komletten Rums-Sendung: Karriereüberblick. Nachruf. Hier erst erfuhr ich von seiner Filmmisere, vom Comeback Special, von der Las Vegas Phase. Hier erbeutete ich „in the ghetto“ und „Suspicious minds“. All time fav‘s (neben anderen Nummern auch).DSC03973elvis

Die ARD ließ sich nicht lumpen und sendete kurz hintereinander erst „Alloha from Hawaii via sattelite“von‘73 und dann das 67er „NBC Comeback Special“. Und wir hatten gerade den früh60er Fernseher entsorgt und nun einen mit Diodenbuchse! Elvis live – und länger!

NDR2 sendete 10 Teile „Let me be your Teddybaer“, eine Elvisbiografie in Wort und Musik von Wolf Rüdiger Sommer; und die „Memory Hits“ die 20teilige „Elvis Presley Story“. Wer damals etwas über Elvis wissen wollte – der erfuhr es. Udo und ich wurden Elvis-Junkies.

Ein Jahr verging: Udo hatte begonnen zu rauchen. Nicht wie alle – Karo und alte Juwel, sondern Zigarre. Am 16. August saßen wir beide im Biergarten der Schönburg unter der Linde. Udo legte nicht wie gewohnt Zigarrenpackung und Feuerzeug neben sein Bierglas, sondern eine Schachtel „Memphis“- Zigaretten (für damals 7.- M die teuersten Glimmstengel im Osten). Vom Nebentisch kommt ein neidischer Kommentar.

„Guggse dir an die Hüppor! Keeh eichnes Jeld verdien, obor Memphis roochng!“

Udo, der Lehrlingsgeld bezieht, nimmds gemütlich: „Ruuuhich Meestor, mir ham August! Vorsjoahr um die Zeit is dor Ging gestorm, deshalb muss das jetze ma‘ sein! Wollnse eehne?“ und hält die Schachtel rüber.

Der Wirt bringt gerade Nachschub und hörts.

„Jungs, ihr seid richtich. Was wolltor trinkng.“

Wir sind stilecht drauf: „Kreuz des Südens“. Er bringt den damals beliebten Aprikosen-Rum-Verschnitt und setzt sich ungefragt zu uns: „Elvis-Fans? Alle beide?“

Wir schwärmen ihm ein bisschen die Ohren voll, dann packt er aus:

„Ich komme ja nich‘ von hier. Ich bin von drühm hierher gezong. Von Hessen.“

„Warum denn das?“, staunen wir ihn an.

„Ach, frachd misch nisch. Lange Geschichde. Eigentlich gings mir drühm gut. Ich war Zivilbeschäftischde‘ bei de Army in Friedberg. Gelernde‘ Friseur. Meister a! Ich hab de Elvis de Hoar‘ g‘schnitten. Meh’molls!“

Wir glaubten eine Jesuserscheinung vor uns zu haben!

Er genoss den Eindruck seiner Flunkerei und belohnte uns noch mit dem Turmschlüssel.

„Wolltor hoch? Gebbsch nüch jedn, gell. Nur weil ihrs seid.“

Dann standen wir oben, genossen das Panorama.

Udo: „Gloobst du ihm die Geschichte mit Elvis?“

Ich: „Nö, aber’s fetzt.“

In letzter Zeit trieb ich mich wieder viel auf Burgruinen herum. Sommerwetter. Ausflugslokale, umgeben von halbweggeklauten Mauern.

Und wieder ist es August. Der denkwürdige 16. von Memphis ist nun 40 Jahre her.

DSC03974elvisDer „Rolling stone“ feiert ihn mit einer Elvis-Titel-Story und einer beiliegenden Vinyl-Single. Sie enthält auf der B-Seite „Blue Moon“. Damit nicht genug! Im Artikel wird endlich auch einmal gewürdigt, was für eine unerhörte und sträflich unbeachtete Nummer das ist. Ein Must Have!

Elvis immortalis est.

Treffpunkt German’scha

Blogger-Tour II. Diesmal in noch kleinerem Rahmen als beim ersten Mal, weil Riffmaster überraschend ausfiel. Einziger Gast deshalb: Graugans. Die Mutter des Feinsinns trifft auf den garstigen Kommentator. Kann das gut gehen? Stoßen Blogger livehaftig aufeinander, kennen sie sich im besten Falle bereits jahrelang virtuell. Es braucht also nur Sekunden, um den wirklichen Schreiber mit dessen virtueller Gestalt in Einklang zu bringen und nach 3 Sätzen Small-Talk versteht man sich – auf’s Komma (oder man reist wieder ab). Die Graugans blieb. Und Bludgeon wollte auch nicht weg.

DSC03427burgenlandTreff: Germania und weiter Himmel/Landgraf Ludwigs Edelacker/ Danzer I./ der Kaffee schmeckt – auf der Rudelsburg nicht/Chiemsee und Neuschwanstein /Kinnich oder Kinni/koksender Ambros/ Schmidtbauers Gäste auf Bayern TV/ klampfender Cornelius/auf ‘nem tollen vergessenen Album von Hubert Kah/ Buchholzcowboys im Prießnitz-Sound/ Maismonokultur kills Panorama/ Vogelwiese mit Totalschadensmeldung/ Ratsherrenpils und Wandelkonzert/St. Wakeman Cathedral/ hie Hildebrandt – hie Ladegast/ Dr. Albert Schweitzer grüßt aus Lambarene/dialektisches Training bei Ratsherren-Pils/das hallesche Singen und die bayrische Verneinung…

Treff: Mohren-Kaffee/ Danzer II./Ian Hunter Cover Dom Entree/ Franz von Assisi Treppe/ ich war was ihr seid – ihr werdet, was ich bin/ Uta oder der Bamberger Reiter /ein Kunstschmiedekreuz am Bächlein daheim und Schach spielende Meerkatzen im Namen der Rose /Gleenes Gino/Nietzsche/ Kindergärten im alten Osten/Semmelknödel oder Kartoffelklöß‘? Lektion1 /Dorf 1 und Dorf 2/die Schönburg und der Frosch-Hof ohne Pferde/ 2 Cheyenne auf dem Highway/ von Luftschlössern, die zerbrochen sind/ hie Patina – hie Kaputtrenovierung/ bei den Pavilliontreppen/ Standort Parkbank/ Russen im Wald/ Gorby Sticker Zeiten/ Meyweckerwader/ Welterklärungsversuche auf west-und ostdeutsch, endend in Gelächter/Flucht vor ner Wolke/ Börchergordn von drinne/ Portemonnaies, die nicht aus der Tasche wollen/ zahl du morgen, wenn der Kaffee nicht schmeckt/ seitlich am Knast vorbei…gut Nacht.

 

Treff: Knast/Danzer III./ …in Scheibs kanns a ganz g‘miedlich sein/ auch auf der Rudelsburg/ Kaiserdenkmale bei Kaiserwetter/Brauchtum/wer’s braucht/ Flaggen auf Türmen/ Rudelsburger Kaffeeboykott/ grüner Tunnel ins Himmelreich/ wo man Vögel einsperrt und Kaffee auch nicht schmeckt/ Semmelknödel oder Kartoffelklöß‘ Lektion2/ afterglow bergrunter/ cinemashow bergrauf/ Schkölens verschwundener Rathaussaal/ auf Schliemanns Spuren/ Trojaburg/ Labyrinth ohne Minotaurus/ aber‘s Lamb liechd noch am Broadway rum/ Börchergordn one more time/ über EINkommen und ENTkommen/ schreiben und bleiben/ Ouzo schmeckt(nicht) aber der Kaffee/ Einparken vor Ost-Kulisse/Stacheldraht all over/ Knast/ hier darfs nicht enden/ back to school/ Goldener Hahn in Ruinenstatus, Kleine Bühne, Salztorschule/ 1632 noch Gasthof zum Scheffel/ damals berühmte Gäste/ Ecki verkürzte 1975:

Gennsde Gustav Adolf den Schwedenging? Der hoad bei uns im Chemieraum jeschloafm!

Verabschiedung an der Germania …

DSC03423burgenland

… auf bald, liebe Graugans.

 

Bludgeon

Die Frischluftdusche der 70er

„Couldt be wrong-a, couldt be right …“ PIL sind so eine Combo, die immer mal wieder die Schwelle zum Ernstgenommen werden streift, einen Diamanten kackt und dann wieder nur Durchfall produziert. (Falls dich die Sprache stört, es geht um PUNK, Maaaan!)

By the Way! Üba Punk schreim, da is Pennälersprache Pflicht. Denglish rules! BRAVO-Deutsch. Thats the Gag on the Sack, you know?

„Rise“ ist so ein Diamant im PIL-Schaffen. 1986/87 ein Tröster für alle Punk-Sympathisanten der ersten Stunde, die nach der „Asche“ und Studium im Berufsleben ankamen, um festzustellen: Oh Mann! Und dafür hab ich diese vielen Aufsätze über den „Sinn des Lebens“ schreiben müssen? „ANGER is an Energy! The written word is a lie!“ (You see it like it is, Johnny!)

  1. Flucht ins BLONDIE-Idyll (mal wieder!) mit „In the sun“, einem dieser flüssigen Abgeh-Hopler der Frühphase; kennengelernt aber erst Mitte der 80er und deshalb fälschlicherweise für ein Spätwerk gehalten, zeitgleich war damals jenes schwache „the tide is high“ und „french kissin‘ in the USA“ draußen. „In the sun“ stammt jedoch bereits vom Debut 1976, das ich erst nach der Wende kennenlernen konnte.
  2. dann endlich ein unverzichtbarer Hinweis auf DAS BLONDIE-ALBUM: „Parallel lines“, jedoch nicht „Heart of glass“ oder „Sunday girl“ tragen bei mir das Krönchen, sondern „Will anything happen?“. Welch programmatische Frage, wenn sie dir im Sommer 1980 im Spieß-Ural via Ostrundfunk gestellt wird, abfahrbereit nach Gefechtsalarm, zur Bahnverladung zwecks anschließender Raketensicherstellung bei Lübtheen. Und zeitgleich auch: was für ein schöner Gruß von zu Hause, denn die LP war die letzte, die ich vor der „Aschezeit“ komplett aufgenommen hatte. Das Band kam in jener Zeit gar nicht wieder runter vom Jupiter auf dem Bücherschrank: Vorderseite „Parallel lines“ und Rückseite „Give‘em enough rope“ von Clash. Irgendwie war ich ja momentan gerade „Tooo-mmy Gun….“

4, THE JAM(du-diii-da-dodo-dupmdupmdupm) natürlich mit „in the City“; und der1978 überfälligen Aufforderung zum Gespräch „about the young ideas“, die dir andere Leute permanent zu fears umdeuten, indem sie dich an die Kette legen. Du bist automatisch der junge Hund, der zur Leitmelodie den Kopf schleudert (Pogovorstufe) um das Halsband abzuschütteln… „a wonna sayyyyy! A wonna tell ya!“… aber es findet sich ja eh keiner, der zuhören würde …

Deshalb kommt nun die 5 – die düstere Gewitterwolke, die den zerstörerischen Ausbruch bringt: „Rights! Now! Hahahah… Oi yem thi antikreista, oi yem thi anarkeista…“ natürlich die PISTOLS mit dem Fanal der Zeit. „Anarchy for the UK“. Colkney Inglish rules! Ohne Colkney wär‘ der Punk nur halb so schön! „You get the best? I use the rrrrrest!“ bringen sie in ihrem Parolensalat auf den Punkt, was Punk überhaupt erst möglich werden ließ: Empirezusammenbruch, Bildungsmisere, Jugendarbeitslosigkeit in Inglääänd; miese Jobs und no future – no future als Kammerjäger, Promozettelverteiler und Aquarienputzer in the Pet Shop per Minimumwage! Times were krank, thats why the Punk. Im Osten aus anderen Gründen.

Song Nr.6 is comin‘ deireckt, (if you know, what I mean) from the  formerly famous TV-Show „Szene‘78“: Hier sind die STRANGLERS mit „nice and sleazy! Does it, does it, does it ev’ry time!“  (‘nuff said).

Number seväääääään: Hit me with your rhythmstick! Masterpiece auf 3:44 Minuten. Listen to the Sax-Solo in the middle (dok-dok-dok-doooook-dokdok) welcome on the farm! Get it together with the lyrics and smiiiiiiiile! IAN DURY überhaupt entwickelte sich dank seines musikalischen Masterminds CHAS JANKEL zur anspruchsvollen grauen Eminenz des Punk. Kaum war der Jankel ausgestiegen, gings auch mit Dury bergab. Jankel verschwand ebenfalls in der Versenkung. Drum: Never change a winning team!

  1. „Into the valley“ von den SKIDS lässt an spätpubertäre Moped-Raserei denken, the road is yours! Das zumindest sollte auch im Osten gegangen sein, denkt man. — Aber der Song ist nur aus ironischen Gründen auf der Liste: Have you ever been riding a Mokick S 50 N? You don’t come out of the Knick! Bergrunter ging ja noch – aber bergauf? Schafftses oder fängt se an zu husten … die Karre. Und oben warten TS-Christian und Sperber-Tommy auf den abgestiegenen, schiebenden Esfuffzich-Bludgy… „got my Moto’cyclejackett but I’m walking all the ti-ime“ (Clash; aber ihren Song „This is England“ gab es ja 78/79 noch nicht)
  2. THE JAM zum Zweiten: „Going Underground“, yeah so war’s: Wir hielten uns dafür. Wir waren anno’78 nur 3 bis 4, die Punk mochten; die Bands kannten, die keiner kannte; die der Lyrics-Conterbande wegen rasante Fortschritte in Sachen Englisch-Wortschatz machten; die schon wieder kurze Haare trugen, kaum dass Langhaar Mainstream wurde, was in der DDR ja länger brauchte als im Westen. Aber wenn der Kreistierarzt oder die verhassten Chemie- und Bio-Lehrer (Ende40/Angang50) beginnendes Grauhaar übers halbe Ohr sprießen lassen, dann isses Zeit für —- IGEL!
  3. XTC „Generals and Majors“ von 1980, „sehnen sich nach Krieg“; schade, dass ich DEN Song erst nach der Wende kennen lernte! Bei Westernhagen lässt sich auf seiner 85er LP „Lausige Zeiten“ der Song „Tanz mit mir“ mit tollen Lyrics finden: „Für jeden echten General ist jeder Friede Frust“: DER HAT XTC GEHÖRT! Aber im XTC-Original wird zusätzlich musikalisch geohrfeigt mit dieser herrlichen Marschmusikpersiflage. Zapfenstreiiiiiich!
  4. Nochmal die SEX PISTOLS mit „Holidays in the sun-a“, was eigentlich nochmal Jams „in the city“ Riffing ist; John Lydon gibt’s inzwischen zu, aber bei Jam findet sich eben nicht die für Ossis geniale Zeile: „Now I gatta reason nau ei gatta riesn to be weird! The Berlin Wall!“
  5. IAN DURY again: Fussball ismirjawurscht, aber gegen schiefe Massenchöre bin ich machtlos: Listen to the refrain of „Fu-ckin‘ Ayda“!
  6. JOY DIVISION next! „Atmosphere“. Ihr bester Track. 1988/98 hatte ich mein erstes Punkrevival. Wie man heute weiß, war die Stagnation der DDR auf dem Höhepunkt. Niemand wusste, wie lange es noch geht. Jeder redete beim Maracujasaufen von erlebten Unzulänglichkeiten und behördlichen Zumutungen. Und von Gorbatschow dem Hoffnungsträger! Da entdeckte ich das „Parockticum“ auf DT64 Jugendradio für mich und Lutz Schramm spielte dort außer immer besserwerdendem Ost-Punk (vielleicht demnächst mal ein Thema hier) Joy Division, Pixies und Nick Cave rauf und runter. Eigentlich gehören Joy Division ja auch in die Phase um 1980 herum, aber: „Don’t walk away – in silence“ schien 1988 zu sagen: „Hau nicht einfach bloß ab!“ Passend in depressiver Stimmlage vorgetragen und gerichtet an all die Ausreiseantragsteller um einen rum. Sehr feines Stück.
  7. TALKING HEADS „I zimbra!“ von der „Fear of music“;
  8. TALKING HEADS „Live during wartimes“ vom selben Album; für mich ein siamesischer Zwilling, da ich beide Songs einst so zusammenhängend aus dem Radio erbeutete. Rätselhaft und mitreißend. Umso enttäuschender – als ich dann die Patte hatte – war der Rest. Waren Pistols, Scham 69 oder Dead Kennedys zu schabloniert für LPs waren diese irgendwie zu – äh, tja, verschroben triffts am ehesten. Auf jeder Platte ein oder zwei geniale Momente, der Rest fällt unter — Geräusch.
  9. muss nach all dem Gezucke was Beruhigendes her: TANYA TUCKERs Ausbruchsalbum „TNT“ muss herhalten mit einer gänzlich unpunkigen, unrockigen Besänftigungsballade mit der Story von zwei Freunden, die sich nach Jahren der Gemeinsamkeiten aus den Augen verlieren, „like the river and the wind“. Sehr guter Text, voller schöner Bilder und perfekt angemessenes Streicherarrangement. Dass ich dieses Album hier wieder (wie bereits in Playlistrausch) erwähne, mag zu spät geborene verblüffen, jedoch andere Tracks von dieser Scheibe wurden Ende der 70er gern zwischen Blondie-Nummern, Patti Smith Hymnen und Siouxie and the Banshees gestreut. Sie passte scharf rockend ausgesprochen gut dazu.
  10. Der erzieherische Abschluss diesmal: Thema Schul-Amok: „the siliconchip inside her head is switched to overload…“ BOOMTOWN RATS. At their Gipfel. „I don’t like Mondays“. Vor dem Abstieg. Und dem Abschied. Vom Punk.
  11. Nach soviel musikalischer Aggression zum Abschluss noch ein Wohlfühl-Schmankerl: SNIFF’N‘ THE TEARS mit „driver seat“. Das ist doch kein Punk! Richtig. Aber es ist das vielleicht schönste One-Hit-Wonder jener Tage. Es hätte auch noch the Knack mit „My Sherona“ gegeben, aber das wurde äthermäßig derart zu Tode geritten, vor allem während meiner NVA Grundausbildung im Ostrundfunk, dass es für mich ein „verbrannter“ Song ist. „Driver seat“ blieb dieses Schicksal erspart. Es hat diesen Dire Straits Touch. „Lady writer on the TV“ klingt so ähnlich und die Dire Straits hatten sich in ihren Anfängen mal zum Hope&Anchor Festival verlaufen; das Doppelalbum wiederum verlief sich zu Mauerzeiten ins Saaletal zu Bludgeon aufs Band: The Pleasers, the Pirates, X-ray-Specks, Wayne County and the electric Chairs und eben auch die Dire Straits… Und deshalb passen die weggeschnieften Tränen als Zugabe eben doch ganz gut als Abgesang auf meine Rückschau auf Times, die damals einfach nicht tschajndschen wollten. So schien es.

Im Nachhinein war’s immer besser – als es je war.

Lets get the punk out…

Well: „I am no vulture – this is my culture“ auch wenn ich das bald 30 Jahre nicht mehr wahrhaben wollte. Aber erst Rückbesinnung auf Pere Ubu anlässlich der G20 Riots und dann heftiges Nachdenken über die Veränderung des sogenannten Undergrounds brachten es an den Tag:

Auch du hast mal eine Zeit gekannt, da wolltest du nicht ums Verrecken Mainstream sein.

Soll’n die andern doch sich an Manfred Manns Earthband delektier‘n, Toto als Supergroup einreden lassen, ELO für den Gipfel der Popkultur halten, oder eben gleich via ABBA ihren Hirntod erklären – pah!

„a donewanna be like – a dontwonnabelike -a don’t want to be like – youw!“ (Dröhnstadtratten „Looking after Nr.1“) Ab-ge-fahrn!

Adoleszenz war angesagt! Mögen Uriah Heep auch noch so mitleiderregend „free me“ lamentieren: Blitzkrieg Bop! Da geht’s lang! So meinten immerhin Christian, Udo und ich.

Natürlich war das Quatsch. Deshalb schämte ich mich ein paar Jahre später auch, wenn all die zu spät geborenen Punks meinten, das wäre was. Hab ich auch mal geglaubt. Als es neu war. Als es noch nicht in diesen aberwitzigen Kinderkrieg zwischen „Linken“ und „Rechten“ mündete. Im Gegenteil: Die Punkwelle der ersten Stunde 1977 in „good ol’ England“ wirbelte das alles erfrischend oberflächlich durcheinander.

God save the Queen/the fascist regime! (Sex Pistols)

Damit ließ sich der Phrasenwald des Kalten Krieges roden und weglachen! Und Freiheit einfordern:

Freedom is given! Speak how you feel? Oi got no Freedom! How do you feel! (Sham69)

Jedenfalls, wenn du Pennäler im Osten warst. Der Westen hatte das wiedermal nicht nötig: Texte dort –  wurscht. Wie immer. Outfit is‘ alles. Siehe Mittermeiers derzeitiges Soloprogramm. Egal.

Inzwischen ist der Generationsunterschied groß genug geworden. Kids von heute kennen keine Clash oder Stranglers mehr. Die rennen zu Kollegah und 187 Strassengäng ins Konzert, geben sich dem Gangsta Rap hin und glauben phasenweise selber welche zu sein. Whats up digga? Hat sein Gutes. Musikalisch kommen wir uns nicht mehr ins Gehege. Man kann sich wieder auf den Sound seiner eigenen Zeit besinnen, ohne dass dir den einer mit so Toten Hosen und Grunge verwurstet.

Also her mit einer Playlist der Gemütlichkeit! Aber selbstverfreilich nicht mit irgendeiner Compilation von MC Amazon oder so, sondern compiläjted by mirselba! Ab geht’s:

  1. One drop in all of this ocean/Not gotta be causing commotion/One drop not follow the motion/Not drop no proper emotion …. – PIL von 2012 als Einstieg: Reifes Alterswerk von John Lydon & Co, dem Hassprediger von anno Tobak: Pistols und so! This Voice rules!
  2. Sham 69 – with their big one: If the kids are united! Ab durch die Mitte! Herrlicher Aufreger 1978: Sham 69 traten erst bei Rock against rascism auf und anschließend bei Konzertveranstaltungen der National Front: Uns doch wurscht! Hauptsache Kohle! Dem Erfolg tat‘s keinen Abbruch. Wenn das Beispiel Schule gemacht hätte, wär der ganze Lagerbildungsquark gar nicht erst entstanden. Stell dir ma‘ vor, die Youngsters, die da immerfort nur ihren Pinkelberg ansprayen, hätten sich vereint mit gegen Hartz IV oder TTIP gestämmt! Nicht auszudenken!
  3. XTC – Science friction around my fiiiiin—gers… Auftritt in „Scene‘78“ (Thomas Gotschalks heute vergessenem TV-Einstieg); bahnbrechend weil ewig Geheimtipp geblieben: Respectable street! (sozusagen), vom Keyboarder stammt der Tipp mit den langen Mänteln!

4. Boomtown Rats – Looking after Nr.1(siehe oben) Punkiger als die Pistols und die Clash zusammen, ein gutes Jahr vor „Don’t like Mondays“ und kurz bevor sie kauzig wurden.

  1. „Halou-hallo-hallau-hallo …. The public ima-hage!“ Johnny Rottens erste Wandlung. Public Image Limited! Jah Wobble on the bass! 5 Jahre vor dem zu Tode gerittenen „Nichtliebeslied“.
  2. Die Stranglers mit ihrem herrlich vieldeutigen „Hanging arround“; schon mal mit dem Text befasst? Ich seh’s als Weckruf für eine Generation passiver Junkie-Kids: Nicht einfach abnabeln und untergehn! Nicht nur die eine Schiene bedienen um auf ihr zu versacken… Ostvariante: Nicht nur brav 2x in der Woche in die Disco watscheln und glauben, das sei „Niveauvolle Freizeitgestaltung“, weil der DJ pflichtgemäß mit so einer albernen Partygageinlage für „Stimmung“ sorgt. Suche dir selber deinen Weg! Feed your Head – nicht nur mit Alkohol!
  3. The Clash – police and thiefs; 6 Minuten; zu lang und zu elegisch für einen Punksong? Quatsch. It works! Ungeduld, Unentschlossenheit, Aufbruchstimmung, sowas dauert halt!
  4. „Ruggid-ruggid ju-es-ay!“… Suicide; der Selbstmord; eine Entdeckung aus dem CBGB’s; die ersten genialen Dilettanten; ohne sie keine Einstürzenden Neubauten, keine The The, keine Depeche Mode. 4 Minuten Gewitterschwühle, die sich nicht entlädt.

Deshalb müssen 9. zwingend Pere Ubu ran und für eben diese Entladung sorgen; Final Solution!

  1. Wir bleiben im testosterongeschwängerten Bereich, holen aber die erste Fee dazu: Debbie Harry, die Marlene Dietrich des Punk. Die Band hieß Blondie, nicht etwa die Dame. Rifle Range. Schusswechsel. Wer hat als „angry young man“ mit 17/18 keine schwarze Liste?
  2. beruhigen wir die Lage etwas. Reggae sei der Punk der Schwarzen, erklärte einst Johnny Rotten via BBC-Interview, weshalb folgerichtig Ska und Dub früher oder später alle langlebigeren Punkbands ereilte. Hier nehmen wir Peter Tosh hinein (und dass Mick Jagger mitträllert in Kauf): Walk and don’t look back.

Die 12. passt dann wie die Faust aufs Auge, denn während die beiden älteren Herren gerade die Zukunft beschworen, feiern nun die Jungspunde der Ramones 1980 einen 20 Jahre alten Phil Spector Girlgroupheuler ab: Baby I love you; bester Song ihrer Rock&Roll Highschoolphase.

Wer sich so herzerwärmend outet, der wird prompt erhört: Rachel Sweet bekommt die Nr. 13, die immer schon für Pech stand: reihenweise versandeten gute Nummern von ihr – wie z.B. diese hier: Stay awhile, let me fun you… Aber gerne doch!

  1. Laura Allan – So fine; hatten wir schon im Beitrag „Playlistrausch“, muss aber hier nochmal ran. Chaosweiber a la x-ray-specks oder the slits waren nie mein Fall. Mädels sollten sich ihr Feen-tum bewahren um hinterher Frau zu sein und nicht – Marktweib.

Dann passt nämlich 15. der hier ins Konzept: Reasons to be cheerful (part3) vom einzig wahren Kellerkind from Landäääään: Ian Dury. Gott sei seiner Seele gnädig!

And in the end comes der erzieherische Beitrag: Rotz mir nicht in den Bus. Steve Gibbons packt die Schülermugger von anno Greifenstein in den Schulbus und dreift away… no spitting on the bus!

G20 HH

Der Größenwahn einiger weniger führte – wie so oft – zur Schädigung von vielen anderen.

Die Elbphilharmonie ist fertig. Sie war teurer als geplant. Sie soll sich rentieren. Promis her! Wer hat die G20 nach Hamburg gelockt? Drinnen gibt es „Freude, schöner Götterfunken“ und draußen brennt die Luft!

Beethoven rotiert im Grab. Er war kein Ranwanzer an die Mächtigen.

Schiller hätte passenderes zur Lage auf Lager gehabt. Die letzten Strophen seiner „Glocke“ von 1799 zum Beispiel:

 

Freiheit und Gleichheit! hört man schallen,
Der ruhige Bürger greift zur Wehr,
Die Straßen füllen sich, die Hallen,
Und Würgerbanden ziehn umher,
Da werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz,
Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
Zerreißen sie des Feindes Herz.
Nichts Heiliges ist mehr, es lösen
Sich alle Bande frommer Scheu,
Der Gute räumt den Platz dem Bösen,
Und alle Laster walten frei.
Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn,
Jedoch der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn.
Weh denen, die dem Ewigblinden
Des Lichtes Himmelsfackel leihn!
Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden
Und äschert Städt und Länder ein.

Seine Mahnung an die Macht, den Bogen nicht zu überspannen.

Auch 1799 dominierte europaweit noch der schöne Schein des bereits stark heruntergewirtschafteten damaligen Gesellschaftssystems: des Absolutismus. Die Elbphilharmonie hieß damals Brandenburger Tor.  Ein Protzbau ohne Notwendigkeit. Aber schön, wenn alt genug geworden. Auch 1799 dominierte der Schock über die Auswüchse überforderter Weltverbesserei. Der damalige „schwarze Block“ – Robespierres Jakobiner-Club – war kurz zuvor zwar an die Macht gelangt, jedoch furios gescheitert. Heraus kam schließlich ein Amok laufendes französisches Kaiserreich. Im Schnellverfahren durchlief Europa damals in rund 15 Jahren, was es seither in endlosen „long versions“ 200 Jahre lang wiederholt. Dem Volk wird ein Almosen hingeworfen, damit es bereit ist, gegen das jeweils angesagte Feindbild zu marschieren. Meistens ist es Russland als dauerhafteste Spaßbremse der Maximalprofiteure: Napoleon, I.Weltkrieg, II. Weltkrieg, Kalter Krieg, Putin…

„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ … „Volksgemeinschaft“… „Alles zum Wohl des Volkes!“

Doch in Wahrheit bleibt alles immer ganz anders als es scheint. Der Mensch als Summe seiner Defizite.

„…denn man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht…“(Brecht)

Gestern waren sie zu sehen. Die vereinten Loser der Grobalsierung. Italienische, englische, skandinavische Rowdys waren angereist, um unsere kleinen Westentaschenmessiasse zu unterstützen. Seit an Seit marschierten sie mit den Floskeln von vorgestern auf den Lippen, die -1989 grandios gescheitert-  auch übermorgen nur neuen Murks erzeugen würden. Woher sollen sie es auch wissen? In erodierenden Bildungssystemen unverdient mit viel zu hohen Bildungsabschlüssen beschenkte Wohlstandsverwahrloste und hirnlose Hools. Anarchisten und Trotzkisten. Die Angepissten der Wohlstandsgesellschaft, der zunehmend die Überzeugungskraft abhandenkommt.

Die Auswüchse verstellen den Blick.

Den Blick auf Zehntausende friedliche Protestierer, kluge Protestideen wie jene herrliche Zombi-Parade; den Blick auf den obrigkeitlich gewollten und nun leider auch nötigen „Law and Order Effekt“ im Hinblick auf kommende Wahlen; den Blick auf die brillanten Geschäftsbilanzen der kommenden Monate: Boom für Glaser, Boom für Autohäuser, Boom für Tiefbaufirmen, Steigerungschancen für die Prämien der Versicherer, abnehmende Toleranz gegenüber Randgruppen.

Es muss halt auch ab und an mal was kaputtgehen, damit Gründe für Wiederaufbau entstehen. Wirtschaftswunder, deutscher Fleiß und so, you know?

Der Wirtschaftsbilanz Hamburgs sind nun schwarze Zahlen sicher. Die Stadt bleibt einziges Einzahler-Bundesland Norddeutschlands in den Länderfinanzausgleich. … Olaf Scholz singt in ein paar Tagen: „I like the sound of breaking glass“ und gewinnt weiterhin Wahlen.

Die einen fackeln Kleinwagen ab und schießen Erinnerungsfotos von sich beim Rossmannplündern. Vermutlich sind sie demnächst dumm genug, diese dann bei Facebook hochzuladen und sich überführen zu lassen.

 „Hurra, die Szene bekommt Märtyra! Der Kampf geht weitaaaa!“

Gegen wehrlose Wände, Kleinwagen und Schaufensterscheiben von – – – Drogerien?! Sind sie schon so verblödet, dass sie dort tatsächlich Drogen vermuten? Vorstellbar wär’s.

Und drinnen im Lichte der Elbphilharmonie?

Die da die Vernünftigen spielen, die Klimaretter und Fluchtursachenbekämpfer, betonen das Festhalten an der Freiheit der Märkte. Gegen Protektionismus! Afrika wurde bereits final zum „Freihandel veranlasst“. Gegen „ungerechte Handelsbeziehungen“ will man zukünftig auch sein, fragt sich nur, wie man „ungerecht“ definiert.

Ja, die „hocheffiziente Wirtschaft“ bleibt gut aufgestellt, darf weiter in alle Richtungen dealen und schmieren, Sanktionen unterlaufen, Rohstoffquellen plündern, mit Abgasnormen bescheißen. Fluchtursache sind ja „die Schlepperbanden“.

Der schwarze Block vor- und der geschniegelte in der Elbphilharmonie, sie gleichen sich aufs Haar:

Die Unverschämtheit und Verantwortungslosigkeit gegenüber dem Hab und Gut anderer(Völker) ist die gleiche. Nur auf unterschiedlichen Niveaus ausgelebt. Sie gleichen sich auch in der angestaubten Fantasielosigkeit ihrer Parolen:

Ob sie im Plüsch der Luxushotels nun:

„Die Wertegemeinschaft schützen!“ (Welche Werte? Wessen Werte? Wer wird geopfert?)

Oder auf der Straße die Arbeitsergebnisse anderer (fleißigerer) Leute vernichten:

„Hoch! Die! Internationale! Solidarität!“

(Ick gloobe et is wieda ersta Mai in Ostbalin! Wosn olle Erich abjebliem? Gebrüda Grimm for President! Ei bilief in tapfret Schneidalein, er soll unsa Führa sein!)

 

Abspann:

„… dass der Mensch Gewissen hoat, das ihm nie das Falsche rat‘; dass er aber drüber loacht und erst recht das Falsche macht – traurig aber wahr.“ (Danzer)