Gillans Voice

Früher, als der Skalp noch dicht war und Farbe hatte, da galten 5 Jahre alte Songs, bzw. – Platten schon als Oldie. Dieser Tage entdeckte ich mir selbst eine 7 Jahre alte CD aufs Neue. Eine aus dem Spätwerk einer historisch relevanten Band. Seither haben diese alten Herren nur eine weitere veröffentlicht. Also ist die vorletzte ja ein aktueller Oldie.

„Now what“ (2013) von Deep Purple war das erste Album ohne John Lord. Ich kaufte es sofort bei Erscheinen, weil: Ich damals krank und zuhause per Zufall mal ins Frühstücksfernsehen hineingezapped bin und den Gillan dasitzen sah. Er erzählte den üblichen Promo-Kram, den man routiniert so von sich gibt:

„Wir hatten wieder Bock. Es lief im Studio wie in alten Zeiten. Die Ideen sprudelten nur so….“

Mit 70, Baby! Ich hatte die Band gerade völlig vergessen.

Bild (16)

Und dann schwenkte die Kamera herum, auf ein Bündel alter Resthaarträger mit Instrumenten vor der Plautze; DEEP PURPLE im Morgenmagazin. Gillan komplettierte das Bild und per Halb- oder Dreiviertelplayback erklang eine Kurzfassung von: All time in the world.

Da hatten sie mich nach langer Zeit mal wieder am Haken.

All time in the world. Alle Zeit der Welt, hat man als alter Sack, der nichts mehr beweisen muss. Mit Glück gelingt dann ein ausgeruhtes Alterswerk. Die großen Pfeiler der Rockgeschichte stehen quasi auf Stahlbetonfundamenten unkaputtbar: Smoke in time, Speedking from Tokyo fools anyone’s daughter black nights in April… so ungefähr. Pflicht erfüllt. Nun nur noch Kür.

Und da ist dann diese Stimme! Eigentlich hörst du deine Immerwiederlieder rauf und runter. Vorwiegend den Sound der Klassenfeten 70er Style; und an jeden Song hefteten sich Erinnerungen. Aber dann und wann kommt der Punkt der Übersättigung: Nein, nicht schon wieder George McCrae „Rock your baby“! Nicht schon wieder Angelface, one way wind, itchiquoo park, Caroline, jelous mind, old days! Hunter? Aufsparen für besondere Tage! Neulich war es auch mal wieder soweit; und dann greifst du ins Regal und erwischt Deep Purple. Eine von 4en. Die „Now what“ (Du ahnst es, Leserlein) „Och nö!“ denk ich noch, da leg‘ ich sie aber schon ein – die Klänge greifen sofort!

Und spätestens, wenn Gillan singt, umarmen mich die 70er eben doch wieder. Und ganz andere Erinnerungen kommen hoch. Es fühlt sich an, wie die Rückkehr eines alten, sehr entfernt wohnenden Kumpels, der nie anruft, jetzt aber doch auftaucht. Du hast einige seiner Eigenheiten vergessen, aber mit einem Wimpernschlag, einem seiner Einhüstler ist alles wieder da: Ein innerer Film startet, der lange nicht gelaufen ist; den du vergessen hast – und der dir nun wieder einfällt. Du findest es wieder schön und staunst über dich selbst, dass es immernoch so ist. Längst sind all die alten Geschmackstiraden obsolet, aber: War’s nicht schön? Das einfallsreiche Lästern?

Deep Purple. Tja. Fantum war es nie. Dafür stand zuviel Störendes im Weg. Es war bei uns nicht anders, als bei unseren Vorgängern. Die Großen sollen in den 60ern ihren Grabenkampf gehabt haben: Beatles oder Stones. Zeitchen später (als Ostrock entstand, anfang der 70er) Renft oder Puhdys. Und bei uns Kleineren dann mitte der 70er eben: Floyd oder Purple. Artrock oder Hardrock. Eine Frage der Religion. Legendenstoff und — Bockmist.

Aus meiner eigenen mit70er Erfahrung leite ich ab: Es wird auch zuvor so krass nie gewesen sein, wie hinterher immer erzählt wird. Klar feierten wir Pink Floyd, the Nice, Omega, SBB, gierten nach Genesis und Yes, verlachten Heeps und Purples Dampframmenstil als Schlosserjacken-Mugge und nahmen sie trotzdem auf. Nicht alles, aber nach dem Nuggets-Prinzip die Highlights, um Bandkapazität für Besseres zu sparen. Aber wir hatten immer beides: Art und Hard. Folk und Pop. Nur wer sich mit Abba erwischen ließ war DRAN! Da ergaben sich dann Running Gags en masse.

Gomm her, mei Dschigididorich!

An Child in time kommt man ja als Artrockfreund eh nicht vorbei, zumal, wenn man es per Live-Version kennen lernt. Die Studiofassung stürzt mit ihrem verpfuschten Schluss ja leider völlig ab!

Und dann erst „April“! (die Frühphase! Schatzgräberinstinkt!)

„Rat Bat Blue“ überzeugt mit dieser halben Bach-Kantate im Mittelteil.

„Smoke on the water“ mit seinem Intro und dem Text.

„Fools“ kocht die Spannung hoch – und ab.

….

Aber dann wieder: rammel-rammel Fireball, space trucking, strange kind of woman…  Was wurde dieser ruckelnde „Highwaystar“ gepriesen! Ach! Irgendwie soll es da ums Rasen gehen. Bloß – der Song rast eben nicht. Er rumpelt. „Born to be wild“ oder „Roll on down the highway“ und „Baaaand on the run“ – DAS sind die klassisch flüssigen on the road Nummern! Da siehst du die Allee vorbeiziehen. Die beide Kastraten-Abgeher von Canned Heat eventuell auch noch: „Goin‘up the country“ und „on the road again“ – yeahr! Aber „Highwaystar“?

„Nogloar doch nur! Da hörste richtch, wie Gillan hochschaldn duht: Ama Hei!Way!Star! 3 Gänge in Sekundn! Fetzt dodal!“

„Nee. Er singds ja selwer. Ar!mer! Hei!Way!Star! Gillan fährd mei Es Fuffzch. Der schalded zwar, oboar s gommd nüschd. Blackmore grummel, grummel. Lord eene Fehlzündung nach dor andorn. Kee Dreif, die Schoose!“

„Oach geh Bing Floid hörn. Die Bennormugge!“

Oder hast du schonmal diesen jämmerlichen „Stormbringer“ durchgehalten, das Lüftchen, das sich als verzagter Furz erweist? Für so manchen 120.-Markkäufer war das Album ein Griff ins Klo.

„The house of the blue light“ und „the battle rages on“ werden heute vermutlich nicht einmal mehr von der Band selbst verteidigt.

Als ich 1975 ernsthaft einstieg in die Musiksucht, war es für Deep Purple gerade zum ersten Mal aus. Die DDR brachte eine Lizenzplatte unter die Ladentische. Best of. Und gemeinerweise unter jedem Titel (from the Album soundso); den Schlosserjacken troppte der Zahn. Mir nicht. Als sie 83 wieder einstiegen, war für mich Hardrock eh ein NoGo. Völlig neben der Spur. In den 90ern, als ich Sampler kaufte, wegen einzelner One-Hit-Wonder-Jugendhits, waren da manchmal weiter hinten Deep Purple Füllsel mit drauf. 70er Werke in 90er Liveversionen: Grottenschlecht gespielt, nicht abgestimmt aufeinander, nur schnell heruntergeknüppelt, als ob der Blackmore schneller Feierabend haben wollte… dann ereignete sich noch der Gau von Weissenfels: Deep Purple endlich live im Osten! Udo war da und fluchte hinterher: „Das hadch mor sparn solln! So eine lustlose Scheise had dä Welt noch nichjesähn! Ey, da sinnja de Buhdys bessor!“ Das Kapitel schien erledigt. Den Blackmore -Ausstieg und die Gründung von Blackmores Night bekam ich noch mit. Über die DP-Reste machte ich mir keine Gedanken.

Dann 1996 eines Tages im Autoradio die Ankündigung der „Purpenticular“; verbunden mit einem Donnerschlag: „Steve Morse scheint nun neuer Stammgitarrist bei Deep Purple werden zu wollen. Seine Handschrift ist deutlich zu hören.“ Steve Morse! Der Gitarrenhexer von Kansas und den Dixie Dregs! Deren „What if“ hatte mich begeistert! Ein Gitarrenfeuerwerk der vertrackten – hooooch interessanten Art! Ja, wenn DER dabei ist… ! Und dann spielten die 2 Tracks hintereinander und – wow! – schon damals gelang diese Mixtur aus antiquierter Fauche-Orgel und Gillan-Voice plus ultra vertrackter Gitarrenarbeit der Amorphis-Opeth-Liga. Genauso muss es sich für Ex-Junkies anfühlen, wenn sie rückfällig werden.

Die „Purpendicular“ musste also dringend her und enttäuschte nicht. Und als Gillan nun 2013 erzählt hatte, dass die Neue „Now What“ heißen würde, da war die Brücke zu „What if“ im Kopf sofort dermaßen gebaut, dass ich bis heute beide Plattentitel durcheinanderbringe „What if“, „So what“, „Now what“, „What else“….  Her damit! WTF! Herrrrlich!

...what else?

…what else?

Die alten Rumpf-Pörpler hatten sich in die Liegestühle geschmissen und Airey und Morse das Komponieren überlassen. Für die Banderkennung würde eh Gillans Stimme reichen, auch wenn die Xylophon und Triangel spielen. Stimmt. Sogar, als er mal kurz bei Black Sabbath aushalf, klangen die plötzlich purplig. So probierten die beiden da gutgelaunt herum, paarten Supertramp mit Kansas, drehten das ganze dann durch den Hall-und-Echo-Wolf und zitierten den Rest schließlich heran: „Los rumpel hier mal ein bisschen Rhythmus drunter.“

Heraus kam so ein 70er-Stil-Hybrid:

Alan Parsons remembers Edgar Allan Poe and goes Yes, aber Anderson flieht und deshalb singt Gillan, weshalb alles nach Deep Purple klingt, während van Halen den Howe verscheucht und sich mit Wakeman duelliert. 

So in etwa hört sich das Werk an. Alles andere als gebrechliches Gewinsel! Von 60-70jährigen Herren! Ansporn. Arschtritt. Fuck the Blues! Raus in die Prärie. Vitamin D her! Zuversicht! Die Gruft kann warten! Thanx for that, Ian!

Regine

Gleich zu Jahresbeginn eine unverhoffte Lesesensation:

Es ist ein belletristisch sträflich vernachlässigter Zeitraum in der deutschen Geschichte – die Zeit nach dem Sieg über Napoleon. Es ist auch eine literarisch sträflich vernachlässigte Gegend, in der das zu Reflektierende spielt: Ostpreußen. So lange es deutsch war, niemandem mehr als 2 Zeitungsartikelseiten wert und nach dem es verloren ging, Schauplatz melancholischer Rückschau: Legendenland.

Sudermanns „Katzensteg“ 1890 landete also einen Volltreffer.

sudermannDer unbekannte deutsche Osten, den damals niemand freiwillig bereiste, was heutigen NRWlern oder Pfälzern bekannt vorkommen dürfte, in all seiner Dürftigkeit 1814 kurz nach den preußischen Reformen von 1809, als der Absolutismus als abgeschafft galt, obwohl er es bei weitem noch nicht war. Wie weiterleben auf den Gütern?

„Die Heiden von Kummerow“ fallen dir eventuell ein. Ehm Welks pommersches Kaiserzeit-Idyll, in dem Krischan Klammbüdel, dem verpönten Kuhhirten und Kinder-Idol endlich zu seinem lange vorenthaltenem Recht verholfen wird. Oder „Das weiße Band“, der garstige brandenburgische Gegenentwurf, der die Wurzeln kommender Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts sucht und findet, in den Erziehungsmethoden um 1913 und den moralischen Verfehlungen einer prüde hyperdomestizierten Zeit.

Sudermann ist eher in Nähe des Letzteren zu verorten. “Der Katzensteg“ heute gelesen, wirkt wie ein heftiger Western in Ostpreußen. Er erinnert automatisch an die oft schon erfolgreichen Versuche bayrischer Filmemacher, gleichartiges in die Alpen zu verlegen: Mal geht es traurig aus, da der zugereiste „Sherriff“ stirbt; mal Happyend, weil er die „Dorfindianerin“, die verstoßene, verfemte Säufertochter, die sich zuvor mehrfach als duldsamer Engel entpuppt hat, heiratet.

„Der Katzensteg“ packt dich! Er zielt auf die ganz großen Gefühle in dir. Er ist von überschaubarer Kürze, beginnt furios packend mit der Schilderung heimkehrender preußischer Truppen, nachdem „der Korse“ seinen ersten Verbannungsort Elba zugewiesen bekam und niemand ahnte, wie schnell sein Comebackversuch erfolgen würde. Waterloo steht also noch aus. Die Schilderung widmet sich der Armee erstaunlich realistisch: Vorn reiten die Freiwilligenverbände, die auf eigenem Pferd, mit eigener Bewaffnung zu Felde zogen (fröhlich und sauber) – dahinter marschieren die Regimenter, verlaust, verdreckt, wirre Haarsträhnen und verschmutzte Verbände unter den Tschackos, verklebte Bärte, irre Blicke – verwildert, vertiert; ahnen lassend, dass es schwierig werden könnte, dieses Veteranenklientel, wieder unter die Knute des friedlichen Alltags zu ducken.

Mit von der Partie Leutnant Baumgart, den seine Truppe geradezu hündisch verehrt. Ja sogar ein blutsbrüderschaftsähnlicher Treueschwur soll geschlossen worden sein, obwohl der Herr Leutnant aus seiner Vergangenheit ein großes Geheimnis macht.  Natürlich dreht sich das Buch im Weiteren um eben jenes Geheimnis.

Der Name Baumgart ist falsch. Denn der eigentliche Name ist durch Untaten des Vaters besudelt, deren schlimmste ein Landesverrat ist: Er verriet den Franzosen 1807 den Katzensteg, um einen größeren Trupp versprengter Preußen einkesseln und niedermachen zu können. Die sächsisch-polnische Großmutter stellte in ihm einst die Weichen sich polnisch zu fühlen, seinen Sohn Boleslav zu nennen und mit Napoleon an einer Wiederauferstehung des polnischen Staates zu arbeiten.

Die Schandtat kommt kurz nach der Vollführung heraus und der Ruf des alteingesessenen Geschlechtes „derer von Schranden“ ist „für alle Zeit“ im Eimer. Sohn Boleslav ist zarter besaitet, ein Generationskonflikt in der Art Friedrichs des Großen und dessen Erzeugers wird angedeutet. Er legt den Namen ab, erinnert sich an den heimatlichen Gutspark und wählt sein Pseudonym, den sprechenden Namen „Baumgart“; kämpft für die gute Sache des Vaterlandes ohne Fehl und Tadel, um die Schande des Vaters abzuwaschen und kehrt heim, als das Vaterhaus von den Bauern des Dorfes bereits niedergebrannt wurde und der Vater, vom Schlag getroffen, starb. Dem Verräter und Leuteschinder sollte das christliche Begräbnis verwehrt bleiben, was Baumgart nicht hinnehmen will. Zwar sieht auch er die Schande, entschuldigt diese nicht, ist sich aber auch seines Standes bewusst und will dem Vater zur letzten Ruhe in der Familiengruft verhelfen.

Der Heimkehrer ist ganz auf sich alleingestellt, die einzige Verbündete ist – sie. Regine. Die verfemte Tochter des versoffenen Sargtischlers, die als Hure des toten Gutsherrn gilt, obwohl sie mehr missbrauchte Magd denn Luderweib gewesen war, bei ihm aushielt bis zum Schluss, obwohl sie auch von ihm schlecht behandelt wurde, aber eben nicht weiß, wohin.

Besonders an Regines Schicksal zeigt sich: Sudermann hat einen sehr guten Stoff – leider nur geheftet, nicht genäht.

Seine Handlung hat 3 Höhepunkte: Den Kampf um das Begräbnis des Vaters, die Gerichtsverhandlung um die denunzierte angebliche Fahnenflucht Boleslavs und ein wahrlich ergreifendes Begräbnis am Ende. Diese 3 Episoden gelingen derart, dass du hinterher geplättet mit den Eindrücken ringst. Zumal, wenn du es wie ich machst und dir beim Lesen passende Hintergrundmusik erlaubst.

Hier liefen Chris de Burghs „Moonfleet“, van Morrisons „Enlightenment“ und am Schluss Rod Stewarts „Stranger in town“ A-Seite; die besinnlichen, ergreifenden Nummern. „The killing of Georgie“, you know?

Sudermann schwächelt in der Darstellung der Übergänge von einem Höhepunkt zum nächsten. Die Beschreibung des Baumgart‘schen Lebenswandels als Ausgestoßener im halbzerstörten Gartenhaus des Gutshofes ohne Einkommen einen Sommer und Winter lang misslingt und nimmt Fahrt aus der Handlung; enthält andererseits nichtsdestotrotz aber das eine oder andere tiefgründig empfundene Detail. Er weiß nicht, wie er sich der treuen Regine gegenüber geben soll, als Herr oder Freund; kann sich ebensowenig erklären, ob es Dankbarkeit oder Begehren ist, was ihn umtreibt… Toll die Zusammenfassung eines gehabten Gespräches, indem Regine befragt wurde, an welche gemeinsamen Kindheitserlebnisse „damals im Gutspark oder im Dorf“ sie sich noch erinnert. Und wie alle ausgegrenzt aufgewachsenen Prügelzofen gibt sie in verklärter Form lauter kleine Scheußlichkeiten als „schöne Jugend“ wieder, die sie von ihm einst erduldete, weil er ja der Juncker war. Sein Selbstbild kommt ins Schwanken, da er erfolgreich längst verdrängt hatte, dass auch in ihm jene kindliche Bestie schlummerte, die dank glücklicherer Umstände nie zu voller Blüte reifte, wie bei seinem Vater. Und der Leser von heute sitzt plötzlich mit ebenso schlechtem Gewissen vor dem Buch: Weißt du noch? Damals, als du mit den Wölfen heultest, weil es so einfacher war, selber in Ruhe gelassen zu werden? „Der von euch werfe den ersten Stein, der frei von Schuld…“ Und es gibt IMMER genügend selbstgerechte Arschlöcher, die es tun.

So auch im Buch: Die Volksvertreter im Ensemble sind jene ungebildeten, selbstsüchtigen Vollklopse, die ein absolutistisches System, ein pervertierter Feudalismus, nunmal erzeugt. „Sie wuchsen auf wie das Vieh, denn der Lehrer, den der Alte eingestellt hatte, inspizierte während der Schulstunden die Schänken.“ Schulpflicht in Preußen 1814; da galt noch, dass jedes Landeskind in einem Zeitraum von 8 Jahren, 3 Jahre schulische Einflussnahme nachweisen können sollte. Wann diese im Alter zwischen 6 und 14 geschah, entschieden die Eltern. Lesen und Schreiben, Rechnen können bis 100 und Beten tat Not. König, Gutsherr und Pastor sind zu verehren! Und so sah es in den Köpfen dann auch aus: Instinktive Bauernschläue und ein bissl Grundschuldressur – reicht, um über die Runden zu kommen. Den eigenen Horizont knapp über dem des Hofhundes. Mit heutigem humanistischem Hintergrund mag einem das böse und schemenhaft aufstoßen, als Unzulänglichkeit des Schreibers, der doch aber genau daher stammt: Aus ostpreußischer Provinz. Sohn eines Vaters, der als eingewanderter Bauer, Bierbrauer holländischer Herkunft (und sicher auch Schankwirt) die Eingeborenen abkochte, ganz so, wie der Wirt im Buch. Und dann seh ich sie wieder auf ihren Hockern hocken, damals 1980 in Prora, den in die Kaserne geschmuggelten Bohnekamp gurgeln, den in Wofalor-Plaste-Flaschen verdorbenen Schnaps trotzdem saufen „weils dreht“. Mit glasigem Blick und glänzender Unterlippe, über die der Geifer suppt, irgendeinen geistigen Dünnschiss lallen… und dann weiß ich einfach: Was Sudermann da schreibt ist wahr. Hier überwinterten, selbst zu DDR-Zeiten noch, kaum getarnte Analphabeten. Ostelbien hatte Äooooonen lang keinerlei Bedarf an Intellekt. Exemplarisch der lebenskluge, verkommene Pastor in Schranden, der zwischen den Lagern laviert, um nicht selbst als Werkzeug des Gutsherren unter die Räder der Zeit zu kommen…

Regine entpuppt sich als der einzige entwicklungsfähige Charakter, der jedoch IN DIESEM UMFELD keine Chance hat, etwas zu bessern, oder auch nur sich selbst zu retten.

Regine

…ist gerettet!

 

Leider beschert ihr Sudermann auch unrealistische Beigaben: Die allseits verstoßene, für die alle Welt nur Schläge und Steine übrig hat, ist zugleich sehr hübsch und züchtig; vom alten Gutsherren scheinbar oft missbraucht, aber ohne Kind; sodass der Aschenputteleffekt erklären helfen soll, weshalb sich Boleslav langsam aber sicher in sie verliebt. Der Sherriff und die Dorfindianerin. Das Schnittmuster ist durchschaubar. Sudermann kriegt die Kurve knapp am Kitsch vorbei und hoch dramatisch. Anzengrubers Meineidbauer kommt dir in den Sinn. Am Ende läuten weder Hochzeits- noch Totenglocken, —

aber der Mond bescheint das Antlitz einer Toten im Bettzeug im offenen Grab, bevor es Boleslav zuschaufelt, ohne dass ihr ein zynischer Altarschwafler seine heuchlerischen Phrasen nachrufen kann.

Ein vergessenes Kleinod, das dir Zeitgeist und Denkungsart von 1814 und 1890 vermittelt. Lesenswert.

 

PS: Mein Dank geht an den Vielleser, der mir das Buch ursprünglich als „Mist“ empfahl. 🙂

The opera, the opera…

Da sind nun 2019 Peter Schreier und Theo Adam im selben Jahr von uns gegangen. Riffmaster berichtete bereits. Zwei Giganten des alten Klassik-Kulturbetriebes. Devisenbringer für 30 von 40 Jahren DDR. Wohlgelitten in Salzburg und Bayreuth. Musikhelden meiner Eltern. Und ich lausche in mich hinein – nichts.

Was Riffmaster hinter „wurde ich nie so recht warm“ versteckt, ist vermutlich so ähnlich wie bei mir gewesen:

Der Kick, klassischen Gesang irgendwann einmal zu mögen, kam nie und dass er nach dem 60.Geburtstag noch kommt, ist wohl eher unwahrscheinlich. Instrumentaler Klassik kann ich – Schmalspurwörschn – noch das eine oder andere abgewinnen. Sobald aber einer dieser Herren oder eine jener Damen die Bühne betritt, um zum unvermeidlichen Koloraturen-Krietsch anzusetzen, ist es bei mir aus. Dieses überkandidelte, gekünstelte Silbenzerren wölbt mir die Fußnägel. Es klappte nicht beim Liederabend im Rathaussaal : „Ohain Fiischlein schwoamm im Toichä“; nicht beim „Rosenkavalier“ und auch nicht bei „Tristan und Isolde“. Für den Besuch letzterer Mammutveranstaltung, zu der mich ein Kommilitone 1983 überredet hatte, der gerade sein Klassik-Gen-Erweckungserlebnis gehabt haben muss, hatte ich sogar das Libretto gelesen, um zu wissen, worum es geht, während diverse Notengebirge abgeritten werden: dreieinhalb Stunden, Sitzmuskellähmung, Belcantinnitus horrendix und zu allem Übel – Regieeinfall der besonderen Sorte – Isolde bleibt am Ende stehen! Stirbt nicht! Neuinszenierung! Frauenpower! Ächz.

Jahrzehnte später geriet ich an jene Metalhybriden, wo man Sopranistinnen an the Leathermen mit den tiefergelegten Gitarren ausliefert und zur Steigerung noch den ein oder anderen Höllenfürsten gegen die Gefahr des Humpenzersingens angrunzen lässt. Da stellte ich fest: It works! In the gathering, within Temptation, Nightwish … leider wurde es mitte der Nullerjahre dann arg inflationär. Und besser als klassische Sopranistinnen sind dann eh solch klarstimmige Folkfeen auf der Flucht vor dem Metalgewitter: The third and the Mortal „Tears layed in earth“; bis heute unerreicht! Vielleicht liegt es an dieser „Die Schöne und das Biest“ Kombination; vielleicht auch daran, dass hier die Protagonisten auch annähernd so aussehen, wie man sich so eine Fee und so ein Teufelchen nun mal vorstellt. Wir leben in visuellen Zeiten. Allerdings bereits seit den 50s, seit es Fernseher gibt – und da war es von jeher ein Unding, Schreier und Adam, der Erscheinung nach zwei dicklich-gemütliche Beitragskassierer von der Kreisleitung, irgendwelches Heldenzeugs zersingen zu lassen. Ansatzweise ja maskiert; aber ich hatte dank meiner Eltern, gefühlt alle Adam/Schreier Eterna LPs irgendwann mal in der Hand oder neben dem Plattenspieler stehen sehen: Diese Masken! Diese erkennbar falschen Bärte! Diese auf „böse“ gemalten Augenbrauen über den Pausbäckchen! Und schließlich noch diese sinnfreien Texte, gegen die mir nicht nur einmal „Papa uh maumau, Papa u maumau! The bird is a word“ wie „Faust III“ vorkam! Es war schlicht nicht zum Aushalten.

„O-o-o! So schön und froh! Du Postillion von Longschümoh!“ (in nahezu jeder Wunschsendung der 70er, die alle Altersgruppen bedienen wollte)

„De-här Vogelfänger bin ich ja, … äh?….heißa bei Regen und Wind!“ Ächz und abwink! Welche arme Sau, die von sowas wie Vogelhandel leben muss, trällert dann eine solch „klassisch geschulte Arie“? Ich musste an die Stadt-Assis in der Mitropa oder am Ross-Garten denken: Wie das wohl wirken würde, wenn zwischen deren Gelalle plötzlich jemand dergestalt über seinem Bierglas losschmettern würde: „Ach ich haaaaaaabsie ja nur auf die Schultärrrr geküsst!“ Wetten dass, noch bevor „aberr den Schlag mit dem Fächärrr verzeih ich ihrrrr nicht“ folgen kann, sein Saufkumpan sich prosaisch einschalten würde: „Hädst se ehm glei jefickt!“

Dergestalt waren auch die Gags, die meinen allerersten Opernbesuch anlässlich einer Jugendstunde vor meiner Jugendweihe unvergesslich werden ließen. Die Oper, die es traf, war der Schreifritz – äh – Freischütz. Der Musiklehrer hatte sich Mühe gegeben. Er hatte uns 14jährigen Pubi-Tieren die Handlung verklickert und Tonbeispiele angespielt; dann wurden wir eines Sonntags per Bus nach Leipzig ins Opernhaus gekarrt und harrten dort adrett beschlipst bzw. berockt und dekolletiert (da wo es die Natur bereits zuließ) des Kommenden: Die Sache ging los und zog sich hin. Martin zückte sein Reise-Schach und wir begannen, die Zeit zu füllen – bis die Försterstochter auftrat. Ab da lief die Veranstaltung etwas aus dem Ruder. Die DDR verfügte nicht nur über Schreier und Adam, sondern über allerhand Stimmwunder männlicher und weiblicher Art, aber scheinbar über keinen Nachwuchs; bzw. wer einmal eine Sopranistinnen-Stelle ergattert hatte, der besetzte die dann bis zur Rente. Die Förstertochter, erkennbar anhand der Hörproben vom Tag zuvor in der Schule, war eine Art bezopfter Bud Spencer ohne Bart und gab in einer nachmittäglichen Schulveranstaltung vor angehenden Jugendweihlingen natürlich allerhand her:

„Ey gucke! Das soll de Förschderdochtor sein!“

„Keeh Wunder, dass die kennor will!“

„Doch, der Trällorhans da vorne willse doch!“

„Nää, siehste doch! Deswächen singde ja so lange, der will ooch nich droff off die Muddi!“

„Das isdoch nich de Dochter, ey! Das is de Muttor!“

„Noa! Berndn seine. Beule, deine Muddor singt!“

„Halde Schnauze! Meine Muddor had keene Zöppe!“

„Hähä, oborn Umfang jibbde zu!“

Unsere Klassenlehrerin hatte sich von weiter hinten herangepirscht und zischte nun dazwischen:

„Ecke! Bernd! Andreas! Das ist reif für’n Tadel! Bludgeon, Martin! Ich seh wohl nicht richtig! (Das Schach wurde uns entrissen.) Ebenfalls! Und jetzt benehmt euch!“

Verstummt saßen wir und saßen…und saßen. Martin und ich bald Kopf an Kopf schlafend, und – Peng! Rumms! – aufschreckend, als die „Freikugeln“ gegossen wurden. Special Effekts eben.

„Or! McKennas Gold is Dreck dagechen!“ versuchte es Ecke nochmal mit ner ironischen Erheiterung. Aber niemand wagte eine Reaktion.

(Angemerkt werden muss hier noch, dass sich der eben geschilderte Vorfall 70er Style abspielte. Also eigentlich so leise, dass die Bühnendarbietung nicht gestört wurde, die Pointen leise bekichert, nicht laut begrölt wurden, wie das wohl heute in ähnlicher Situation die „Unnorm“ wäre.)

Was blieb? Nichts. Ein Tadel auf der Zensurenkarteikarte, die wir monatlich unterschreiben lassen mussten.

„The opera, die opera“ war ein Persiflagen-Hit anno‘75, den wir alle sehr mochten; die „Bohemian Rhapsody“ und „Somebody to love“ waren okay, aber sich deshalb jetzt einen kompletten Verdi antun? Oder gar Mozarts höfisches Gehoppel? Nö! Wir lauschten lieber Sängern, die wie Kerle aussahen und auch so klangen; die sich keine Faschingsbärte ankleben mussten, weil ihnen selber einer wuchs – und die wenn doch rasiert – aber so eine kantige Fresse hatten, dass man ihnen das Testosteron immerhin ansah. We ain’t seen nothing yet.

The times, they are a changing. Aren’t they?

Inzwischen schon. „Tosca“ 2018 (wieder Leipzig, wieder Opernhaus, jetzt mit Teleprompter zum Text mitlesen) hab ich wesentlich besser vertragen. Aber in den Player schafft es dergleichen weiterhin nicht.

PS: Zugabe

The house that built me

Manchmal braucht es eine reife Stimme, damit ein Text kickt. Von Miranda Lambert wäre mir der Song nicht aufgefallen, aber dann kam Tanya Tucker, die 2019 ein weitgehend autobiographisches Album veröffentlichte.

So listen, if you need a Johnny Cash american recording master in a female way.

And read the german translation, in a male version by Bludgeon. (Who else?)

Now called:

Lepsiusstr. 3

 

Ich weiß, sie sagten mir, du kannst da nicht mehr hin

Es zog mich an, ich kann gar nichts dafür

Frag mich bitte nicht nochmal nach einem Sinn

Stand eben dort zum letzten Mal vor „meiner Tür“.

 

Das Geländer ziern da immer noch die Schrammen

vom Dakota mit dem KindertomahawkklDa1

Mutter kam und schiss mich gleich zusammen

Den Gedanken nehm ich lächelnd mit ins Grab.

 

Und oben auf dem Boden links die Kammer

Die war unsre, vollgestellt mit alten Kram

Dort fand ich Kuscheltiere, in den Augen dieser Jammer

Dass ich zum Retter wurd und sie mit runternahm.

waldi 2

Waldi

 

Drei Stunden Fahrt ein Pendeln zwischen Zeiten

Es trieb mich her, die Suche nach dem Sinn

Meine Füße trugen mich in diese Straße

Zu dem Haus, indem ich wurde, der ich bin.

 

Ich dachte, wenn ich herfahr und hier klingle

Dann könnte manche alte Wunde in mir heiln

Will mich nur umschaun, will nichts haben, nur erinnern

Bitte lassen Sie mich kurz herein

 

Darf ich? Ich versprech, ich komm nie wieder.

Möcht mich ein letztes Mal im Flur im Spiegel sehn

Nach all den Auf-und-Abs wie einst endlich dort wieder

als Toka-ihto in Lederhosen stehn.

 

Ich wett, dass Sie am Ende gar nicht wissen

Wer im Garten unterm Brombeerbusch dort liegt

Da ist das Grab von Utz, dem Stubenterrier

Der wurde 16; für immer unbesiegt!

 

Das Eigenheim, das war dann‘67 fertig

Gebaut vom Vater Bier für Bier und Stein für Stein

Die Kindheit faded out, ich ward erwachsen

Und zog weit fort, es sollte wohl nicht sein.

 

Man geht weg, und stellt sich dann dem AlltagMagazin0035

Du kleechst drauf los und zweifelst oft am Sinn

Und so bleibt die immergleiche Frage:

Wann bin ich bloß geworden, der ich bin?

 

Drei Stunden Fahrt, ein Pendeln zwischen Zeiten

Es trieb mich her, hier zogs mich wieder hin

Meine Füße trugen mich in diese Straße

Zu dem Haus, indem ich wurde, der ich bin.

 

Denn Frau und Kind und Haus in fremder Gegend

Ein höchst labiles Glück für den, der nächtens flucht

Weil er traumwandelnd wiedermal erwachte,

als er nach Kerben einer alten Treppe sucht.

 

Bilanz 2019

Prost Jemeinde. Issmawieda soweit. ßweeneunznn varöcheld die Tache. Watt bleibt? Nennwa det Foljende ma „Granteleien eines alten Mannes“. Denn ma ehrlich: ßweeneunznn hat doch alle Awahtungen übatroffm!

Meghan of Sussex (die jewesne Markle) is Mudda! So, det wa schonn det schöne. Fertisch!

Brexit un Trump. Trump un Brexit. Un Trexit un Brump…impeach yourself…bis de kotzt! Plus: Groko aus/doch nicht/Nikolaus vülleisch/nee/bald/demnächst/wahscheinli nie!…die pure Kaffesatzlesarei, do! Ennnndlos! Für jeden A‘tikel jibbtn Bienchen, scheints. Bloß nich üba watt Witchtisched schreim.  Brauchste als Schreibaling nischmehr raus ausse Bude. Bissl Fingasaugng reicht. Rest is guhgeln. Lei(d)tartikel aus nüschd. Sterm aba Bäume für!

Det waahs schon fast. Aba da waah noch watt: Rezo! Det Kerlchn mitte blaue Tolle. Okay, in dem Alta wa ick vaheiratet und balde Papa. Det Männeken is balde 30 und wirkt wie die Hälfte. (Jillt och füa det redebejabte Monchichi vonne SPD. Kommick speta druff ßurricke!) Aba ejal. Heute influencen die immanoch aus Kindazimma; meist Dünnschiss — und det deutsche Handwerk sucht händeringend – abba nee, lieba „start appen“ se sich ehn inne Konsole. Erfolg uff ßeit. Det is och so ne Folje von det „Magst du, magst du“ Ahziahtum und latürnich vonne Lohnpolitik, die wiedarum von de Polnkonkurrenz abhängt. Womit wa beim Binn’nmaakt sinn.

Europa, ju noh? Wah ja Wahlkampf tis jier. Rezo – Peng! Eehn Video und – sooo nackt wah da Kaisa noch nie! Det Kerlchen wah DER Bringa! Und seine Kollejen – alle Achtung für die Rückendeckung! Da jing nüschd von die üblischn Holzhämma. ßum Nazi konntn se‘n nüsch erklärn. ßum Vaschwörungstheorienvabreita ooch nüsch. Da waah schnell ende Jelende. Hättick mir och fürn Steimle jewünschd, so‘ne Kollejen-Soli.

Det Waahltheata spottete aba och …  – ach die Wertejemeinschaft! Und der Spitznkandidat, den keena kannte! Weeste den Nam noch? Un plötzlisch kam da Uschi Rabbit ausm Hut! Die stand uff keem Zettl! Und die Afolje! Ick sach nua EPA. Kiek dir an, welche Ahfolje Schorn-Klot so einjefahn hat.

(Optimismus is det Ahjebnis von Infomatschonsmangel! Lehmsafahrunk!)

Is ja nu weg der Bursche. Der jroße Europäa. Ha’ick selba so im „Palament“ jelesn. Dacht ick mia: Wie wa det noch ma mit Luxemburg-Leaks? Hatte olle Schorni-Klorni nich ne Karriere voher? Erst die EU bescheißn, als Chef eines Zwergstaates mit Steuavo’teile füa Großkonzerne und Million’erbm und denne den jroßen EU-Macka jehm? Der Untasuchungsausschuss hat nüschd ahmittelt. Kunststück. Orjanisiat von Martin Schulz. Musste nüsch weita ahklärn. Flinten-Uschi passt jetze daßu wie Faust uff Ooche. Wer de meestn Untasuchungsausschüsse im Jefolje hat, wüad Kommischänner! Steckt ja schon im Woad: Komisch. Berataprobleme mang de Bundesweha. De Schredda sinn schon heeß jeloofm wie weiland bei olle Mielke neununachzi‘. Worauf wettma, dette die da och nüschd finn? Wo die Dame jetze so schöne Redn halten tut! Üba Wertejemeinschafd. Merkste? Da schließ sich’n Kreis. EU. Könn sich nichma of die Faabe von Scheiße einjenn, jeschweige denn of die Abschaffung der Somma-ßeit!

Und sonst so? Da jesammte Gazettn-Mehnstriem jaulte det janze Jah‘: Valeumna, Valeumna allenthalbm! Unse schöne Demokratie! Wo kommt det janze Jemaule bloß her?!

Na von sowas, wie ditte: Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 unabdingbar! Das sind die 100 reichsten Deutschen. Ein Drittel der Firmen unterlaufen den Mindestlohn. Die Vollbeschäftigung rückt näher- die Armut aber auch. Mietnproblem. Lehramangel. Keene ßeit füa Familie – aba Glückatlas zeichd: Alle happy!

Kla fühlste dia va’ahschd – uff die unjeschickte Tua!

Ick denk mia so: Et wa n langa langa Weeech, vonne Willy-Republik mit Bahr und Schmidt und Blüm, Biedenkopp und Geisla — bis ßu dette, watt jetz is. Aba wühdste det als Steijarung beßeichnen?

Kiek dia det Debakl vonne erste Reihe an: Fo‘maat habm – is andas! Keene Leute-keene Leute! Und ditte weltweit!

Klima wollnse retten und dem Vasandhandel tun se nüschd. Imma mea Schrottmühln fahn Pakete aus. Da intressiat keene Plakette nich. Aba dich Pendlalein hammse sofoad am A’sch! Freuma schon of mein erstes Tesla-Dingens. Wüad denne Nacht füa Nacht im Hof anne Steckdose häng. EMB lachd sisch dood! Ick maloche dann bloß noch füa de Stromreschnunk.

Aba jed noch weita: CO2 Steua endlüsch — und höher als ßunächsd jedachd! Die Jrün feiann. Und allet schreit juchhu! Jaaaa! Notwendüsch! Jedenfalls die Medjen. Ha’ick‘98 och jedacht. Ökosteua hieß der Fake damals, der die Tankstellnpechta anne polnische Jrenze eingehn ließ. Schröda, Fischa und Trittin wollten jenau dette, watt Gretalein heute och will. Damals holten de Autobosse den SUV-Boom nach Europa und beschissen -straflos- mitte Abjaswerte. Ergo: Flop!  Trittin sein Flaschnfand ließ de Vapackungsindustrie umswitschen: Wenja Trinkbüchsen – wettjemachd mit mehr Kaffee-Pads und neuadings – Achtung, Marktlücke jeschlossen! – Waschmittel-Pads! Ergo: Flop ßwo! Ick saache dia: Allet wüad bessa!

Rejenwald brennt, in Brasilien und in Afrika, Syrien brennt, Australien brennt, Müllexpoate boomen – aba: Hoffnung naht!

Weil: BEI EDEKA SINN DE JURKEN NÜSCH MEA EINJESCHWEIIISSSST! Et jeht voran. Ick sollte endlüsch Optimist werrn.

Grundrente! Kommt in Bewejung nune det Ding. Aba wie?

Warum kamma Milljardn ahfindn, wennet um Banken, Rüstung, Maut-Debakel, Digitalpakt jeht und denne bei de Rente —-näääääää! Allet wüade ßusammbreschn, wemmas machen tätn, wie de Hollända: 1100 Grundrente füa alle!

Und denn noch droff je nach Dienstjah’n! Jehd nüsch. Müssta vaschdehn! Vawitwete ßahnaazdjattinnen wüaden denne ja och abkassian! Ey, leck ma die Bolln, ey! Lieba ahfindn se watt inne bewehate Form: Volla Rentnanspruch bei sounsovülle Jahre Ahbeit in Sonn‘schein (nachweisplüchti) und Rejenaufschläge füa Nichtschwümma (nachweißpflichti) jeteilt duach Ehejahre minus jehabbte Abtreibung. Rest is Selbstabsicharung bei Mindeslohnahbeit. Lindna und Meutn nenn sowatt denne Freiheid und Eijenva‘antwoatunk! Jute Nacht, ey. Komisch, det sovülle jetze komüsche Patein wähln!

Wa’ja ßu sehn bei die Ossi-Wahln. Det polütische Jeschäft is mittlaweile so runta, det Deutschland am meistn ehn Sportlehra füachtet, der aus NRW üba Hessn nach Thüringen duachjereichd wurde. Wenn Spoadlehra als intellektuelle Jefar jelten – also det saachd doch allet! Und son karrierejeila ZDFla beweißt det ooch noch. Stellta so plumpe Frang, dett olle Björni ehm Intafju abbrichd und wie de kamming King dasteht. Wah det ne Sternstunde des investigativm Journalismus? Sehn so unse bestn Enthülla aus? Von de Nannen-Schule kommd der aba nich, oda? Jute Nacht, do! Kontergan – Watergate – Lockheed – Starfighter – Affäre. Strauß – Flick – Barschelaffäre. So muss dette. Lang-lang is’her!

Jab och Abjänge dies Jahr: Wagenknecht-Rückzug, schade drum; Realitätssinn der Linken nu perdü, Gabriel-Hinschmiss, war aba och ßeit; Nahles-Flucht: Die tutma fast scho bisken leid. Als linke Jusotante jestahtet, dermaln unta Lafontaine und nu sovülle Krötn jeschluckt aus Einsücht inne Notwendüschkeetn, det die janze Lurchmatsche ebm wieda raus musste. Die jing nach de EU-Wahln zum Kotzen heeme, und blieb aleichtat glei da. Quasi Rezo-zialisieat! Wah‘n Ding, die Promi-Valuste! Und denne noch die Watsche füa den Arrogantnik von Hamburg bei det SPD-Planspiel: Finde Chefs, wenn keena mea will! Wa’n Bringa. Kiekda an, watt da nu is!

Nüschma2% vonne Piepl sin’inne Pa’tei, las ick jüngst. Schockierend dünne die Basis. Und alt! Alle so wie icke und drüba! Und drunta dann so Kaje‘an wie Kuban, Ziemiak und Kühnert. Ewige Schülasprecha mit Lehrbuchwissn und bissl pawlowsche Nachplapparei von „Helden“ wie Merz. Also jetze der Kühnert ja nich, der hat in seine Truppe ja nich ma mehr sowatt! Der könnte noch watt wern, wenna Mitstreita fände. Vanetzung, ju noh? Aba det Wagenknechtschicksal ism wah’scheinlüscha. Brennt aus unta Pappnasn.

Also Youngstuzz! Raffd eusch auf und tretet irjenswo in. Nur dette hilfd. Sonst vawalltet uns balde Amazon per Aljorhythmus: Schnauze haltn und Umsatz machen, sonst Bootcamp!

Kiekda um: Greise und Komika rangeln um die Macht. Weltweit. Alle Lehan sin‘ vajessn. Lichtjestaltn lange her. Reset? Watt willste machen?

Kennste noch det Schulbild „Engels im Elendsviertel von Manchester“? Ick trenier schon ma meine Mala-Talente „Küna’t im Elendsviertel von Berlinalabad“. Künadd latürnich als Greis, weil bisken dauat et schonn noch. Vülleisch werick ja berühmd. Jalgnghumor.

ßwee’ßwansüsch is nocking. Und eehns is sichha: Bessa wödds nich. Prost.

 

I do the Rock!

Weihnachtsstimmung is eh keine drin. Also: Lets greif ins CD-Regal, blind date.

Was erwisch ich?

Ganz vorn ist der Stapel mit den unverzichtbaren Jugendhits.

T.RexT.Rex „The very best of“. Ja. Irgendeine von denen gehört in jedes Music-Junkie-Arsenal. Für mich war’s die, weil sie auch „Teenage dream“ auf der Liste hatte. Der Song galt seinerzeit als Marc Bolan Solonummer. Ich hab ihn damit in „Disco“ gesehen, als er neu war. Initialzündung für den 13jährigen vor der Glotze. Die schönste Männermähne ever! Dann der arrogante Auftritt, so chic scheinschwul und die Welt verachtend. Wirkte überhaupt nicht albern und punktete sogar gegen Slade, die zwar Götter waren, aber mit „Good bye T’Jane“ einen irgendwie zu kasprigen Auftritt hingelegt hatten. Und außerdem: Endlich erlebte ich mal den Typen, den die schöne Iris bereits auf ihrem T-Shirt durch die Schule getragen hatte!

Der erste Stapel vorn mit all den heiligen Liedern der Anfangsjahre verträgt auch noch ne zweite Ziehung: „ANGEL – an Anthology“. Oh yeahr! Eine meiner Raritäten. Eine gute Band, die es irgendwie ende der 70er im Punkunwetter nicht mehr geschafft hat, als AOR-Band erfolgreich zu werden. Da half auch Entdecker Gene Simmonds nichts. Ihr „Wintersong“ blieb ihr süchtig-nach-mehr machender Radio-Hit und dann war Schweigen im Walde. Drei oder 4 LPs soll es da gegeben haben, aber nicht mehr nach der Wende auftreibbar. Da entdeckte ich den Mailorderversand MALIBU aus Hamburg (Er ruhe in Frieden!) und DIE hatten immerhin diese Anthology in ihrem Heftchen. Treffer! 20 Tracks; 15 gute/sehr gute Nummern. Eine, „Don‘t walk away Renee“, erkannte ich später auf’ner Billy Bragg Platte wieder. Sachen gibt’s! Bragg zitiert Angel!

dav

Next Griff. Die Prog-Abteilung schließt sich an: Frumpy – auch „Best of“: Hm die musste sein, wegen „How the Gypsy was born“, und „Use your illusion“(Live) ist auch drauf. Die beiden Stücke für die Ewigkeit. Westdeutscher Krautrock hatte es uns Ossis ja sonst nicht so angetan. Mit LPs aus der Sparte war jeder von uns Platten-Haien mal reingefallen, aber Frumpy gehörten da schon noch zu den besseren Truppen. Wenn auch sonst nicht viel hängen geblieben ist von ihnen: Der geborne Gypsy ist schon ein in Stein gemeißelter Fixpunkt der Rockgeschichte.

Dann kommt das lange Stückchen Neil Young im Regal als Übergang zur Southern Rock Abteilung: Soso, die „Freedom“ von Onkel Neil isses geworden. Ja, die wurde zu Wendezeiten gefeiert. Das war mir allerdings entgangen; gab zuviel anderes. Mit bissl Verspätung, während der Loblieder auf „Ragged glory“ und „Weld“ gefiel mir im Laden beim Reinhören die „Freedom“ dann besser. Mit „Rocking in the free world“ enthält sie ja DEN missverstandensten Song der Rockgeschichte. By the way: Wurde der wegen Mauerfall eigentlich nur in Deutschland so verquer als „Hossianna Marktwirtschaft“ interpretiert, weil es hier für gewöhnlich nur zum Refrainverständnis reicht – oder auch im Mutterland der platten Klopse? Von Old Neil kam in den Nachwendejahren noch so allerhand dazu. Meine Raumteiler von einst im Studium würden sich wundern, wieviel Neil der Punk von einst da heute in seinem Regal stehen hat. (Und obendrein schwärmt der nu auch noch von der „Chrome dreams II“ und dem dazugehörigen Konzert in Leipzig damals! Nicht zu fassen, wie Times so changen können!)

Nochmal dicht danebengreifen. Wird’s die „Chrome dreams“? Nö. „Resolution“ von 38 Special. Auch was Feines. Enthält „Deja voodoo“mit dem geilsten Gitarren-Intro ever! Hab ich eigentlich nur der Komplettierung wegen gekauft, weil ich durch das herrliche erste Brüder-Paar-Album der Van Zandt Brothers Feuer gefangen hatte. Den einen kennt man als Sänger bei Lynyrds, aber der andere war mir zuvor nicht untergekommen. Die Resolution gefiel auf Anhieb. Allerdings enttäuschten dann weitere Hörproben anderer 38 Special Alben, sowie auch das zweite Album der Van Zandts.

Das Heavy Türmchen steht an. Was aus der Mitte ziehen: Mekong Delta „Classics“. Oh ja! Lange nicht gehört, aber immer noch verehrt. Hätt ich auch in die Progabteilung stellen können. Ein Zufallsfund damals um 2000 herum. Eine mysteriöse Band, über die seinerzeit nicht allzuviel bekannt war. Sollen aber Deutsche sein. Normalerweise so aus dem Thrash-/Speed-Bereich mit dazugehörigem Gekeife, aber hier auf der geht es 100% instrumental zu. Es ist die Heavy-Version der „Bilder einer Ausstellung“. Es donnert und flitzfingert gewaltig – und entstaubt die klassische Vorlage nach ELP und Tomita zum 3.Mal ohne überflüssig zu sein.

Da greif ich auch noch mal zu und als zweites Heavy Werk wird’s diesmal Axel Rudi Pell „Black Wood Pyramid“. Ja, wow, die sollte ich mal wieder auflegen. Verpasst dir ein paar Stromstöße, wenn du dich down fühlst. Momentan gerade richtig. Kann mich noch erinnern, dass ich da früher immer die ersten drei Tracks ausgelassen habe; die wird in der Mitte erst schön. Ein Bastard aus Rainbows „Gates of Babylon“-Bombast und der Van Halen 1, die muss auch noch irgendwo in dem Türmchen stecken. An A. R. Pell gefällt mir zusätzlich, dass es da einer geschafft hat, sich mit eigentlich ungeeignetem Namen einen guten Ruf zu erspielen.

Ach, komm: Der Heavy-Stapel kommt eh so selten zum Einsatz, da nimmste noch ne Dritte zur Selbstmotivation, es mal wieder mit den lauten Tönen zu versuchen: „No more tears“ Ozzy Osbourne. Hell yeah! Guter Griff diesmal. Er is‘ kein Genie. Er hat jede Menge Scheiße gebaut,- ich sage nur: davCecil Rhodes Unfalltod! – er hat sich völlig deppert (aber unterhaltsam) an MTV verkauft – aber ich mag ihn irgendwie. Ich habe nur eine „Best of“ von Black Sabbath und diese hier. Und die ist’ne Gute! Und das liegt an einem ganz speziellen Song: Ich habe Gott sei Dank kein Problem mit meinen Eltern. Aber wenn du jahrzehntelang miterlebst, wie da einer um mütterliche Anerkennung ringt und abblitzt – wegen nix! Nur weil er eben „passiert“ ist! – dann kriegt dich „Mama I’m coming home!“ immer und immer wieder!

Cut! Szenenwechsel: Hinter den Testosteron-Bomben kommt die Abteilung der Damen: Sophie B. Hawkins. „Tongues and tails“ Hm. Anfang der 90er war sie sowas wie eine weitere Rocklady auf dem Sprung, neben Tanita Tikaram, Tracy Chapmann, Sinead O’Connor. „Damn, I wish I was your lover“ hieß das Video. Dylans „I want you“ bekommt auch ne ordentliche Portion Erotik gesponsert. mdeDer Rest geht so. Hab mich seinerzeit sogar verführen lassen, die nachfolgende „Whaler“ zu kaufen, die dann aber dermaßen nach Madonna klang, dass akute Ohren-Krätze drohte. Gottlob konnte man die damals per Marketplace eines bösen Monopolisten entsorgen und noch bissl Anschaffungspreisgeld retten. Das Debut hab ich trotzdem behalten. Aber nicht mehr angehört.

Das geht besser: Die zweite der Damen ist — Unsere Nina! Sag ich doch. Nina Hagen blieb ich über die Jahre irgendwie verbunden, egal auf welcher spinnerten Ebene sie sich gerade befand: Ich kaufte keines ihrer Machwerke, da die alle irgendwie vergurkte Zusammenstellungen waren. Ein Highlightsong hier und da – im Murks ertränkt; bis zu diesem Dreierpack: „In my world“ – der das Beste aus der Nachwendezeit enthält. Die Kompilatoren leisteten hier ganze Arbeit und berücksichtigten auch verlorene Nuggets von diversen Tribute-LPs für Mr. oder Mrs. Nobody, wohin auch immer Ninotschka ihr Talent verschleudert haben mochte. Das 3er Kästchen gabs mal zum Preis von einer. Eine reichhaltige Fundgrube zum Selber-Kompilieren für’s Auto. Highlights sind hier zum Beispiel das unkaputtbare„Hold me“von 89, deireckt from se Mauerfall-Time. mdeEigentlich wollte ich mir damals die LP schon vom Begrüßungsgeld kaufen, aber dann entdeckte ich gerade noch rechtzeitig, dass sie auf der Platte auch einen Biermanntext verarbeitet hatte. Dem Vogel keine Tantiemen aus meiner Tasche! Ich ließ es bleiben. Dann das witzige „Zwischen Erfurt und Gera“! Herrlich wie sie hier auf thüringisch singt und das der Typ in dem Song auch noch Christian heißen muss, wie mein Banknachbar zu Penne-Zeiten, der ebenfalls zeitweilig „im Westen verschwand“! Jedesmal, wenn DER läuft, treibt es mir ein breites Grinsen ins Face. Lindenbergs„Rock’n’Roller“ als astreiner Nina-Punk zeigt, welches Potential Herr L. da einst beim Vortrag mit angezogener Handbremse verschenkte! Herrlich! Und dazwischen dann gecovertes Uraltliedgut wie z.B. der Gretchen-Monolog aus „Faust I“ auf de la Soul Dance Groove oder Zarah Leanders „Der Wind hat mir ein Lied erzählt“ – Yeahr; gegenüber dem „Zarah/Wunder“ vom anfang der 80er eine reife Steigerung! „I’m your own personal Jesus“ tröstet dann die alte Wirtin mit der abgewrackten Stimme ihre Barflies; Rammsteins „Seemann“wird vorgetragen in der Art eines Lale-Andersen-Zombies, während Apocalyptica an ihren Celli sägen;  und-und-und… Feines Teil.

Vielleicht hat ja jetzt jemand eine Idee für ein SOS-Geschenk in letzter Minute bekommen.

Frohes Fest.

mde

Mönsch Uwe!

Ach Mensch Uwe!

Vier Sendetermine für 2020 geplatzt. Vier Folgen „Steimles Welt“ wären mir wichtiger gewesen, als deine Volksaufklärung in Sachen Medien.

Die eehn wissens e, wie’s is‘. Und die andern gloohms och nich, wenndes tust dausnd mal wüddorholn! Die indressierd nur Daadord. Und die sinn zufriedn, wennema „Heeßor Sommor“ wüddor lofm duhd.

Hoffmorsch Beste, dass sich tutt ä Medschum findn, das dahier deine Sendung weidor neue Folchn krichd.

Deechtmeiorn seine Witze hammse och nur im Ruhrpott vorschdandn.

Und Qualdingorn bei de Bayern.

Du bist unsre Schdümme, das weesde!

Das müssn die drühm nich vorstehn.

Ich jäbe dirn Gaffee aus, falls mor uns ma sähn.

Grüße aus der Vergangenheit 2

Friedrich Freksas „Wanderer ins Nichts“ erschien 1920 und muss, wie später noch Thema sein wird, Eindruck gemacht haben. In den unterschiedlichsten politischen Lagern jener aufgeregten Zeit:

– Abgewürgte Revolution, der die Massenbasis fehlte;

– Versailler Vertragsschock,

– Volksabstimmungen in den Grenzgebieten und Bürgerkrieg um Oberschlesien,

– Kapp-Putsch und Amnestie für die Putschisten von gerade eben, wenn sie bereit sind, die Rote Ruhr Armee zusammenzuschießen;

– langsam, aber spürbar Fahrt aufnehmende Inflation…

Schwer vorstellbar, dass im Jahr 1 nach Versailles irgendjemand an Bücherkauf dachte. Aber gut vorstellbar, dass das ein saisonaler Bestseller war. 1923 wird es in einer damals viel beachteten politische Rede mehrfach erwähnt. (Siehe unten)

  1. Der Rahmen der eigentlichen Handlung:mde

Ein ziviler Geschäftsreisender gerät im Januar 1919 während der Spartacuskämpfe in eine Personenkontrolle irgendeines Freicorps. Hier erkennt ihn ein Kriegskamerad wieder, der kurzdarauf schwer verletzt wird. Verblüfft erbt der Reisende ein paar Tage später einen Stapel Blätter mit einer Art Lebensbeichte des soeben verstorbenen Offiziers Robert Harring. Sie tragen die Überschrift „Wanderer ins Nichts“. Der Leser ist beeindruckt.

Ihm erscheint der Inhalt „als spiegle Harrings Leben die materielle Überfülle, die in ganz Deutschland vor dem Kriege herrschte und uns mit einer gewissen Gefühlskälte und Gemütsrohheit begabte. Wir waren das sachlichste Volk der Erde geworden, wir waren im Begriff alles zu versachlichen und rühmten uns dieser Eigenschaft. Der Krieg und die ihm entwachsene Revolution zeigten uns, dass über der Sachlichkeit Menschlichkeit stünde, Kämpfertum für Gedanken und Ideen.“

  1. Eine mögliche heutige Sicht:

Der Leser von heute kann hier wiedererkennen, was Thomas Mann bereits schrieb und  Victor Klemperer bald schreiben wird. Der erste Teil des Zitates gibt wieder, was auch der sterbende Hanno in den Buddenbrooks formuliert: „Das Leben ist eine Last, die man am besten schnell hinter sich bringt.“ Alle Triebe, alle Spaßfaktoren waren der Disziplin geopfert, als sündhafte Verfehlung gebrandmarkt; der bürgerliche Mensch auf dem besten Wege als dressierter Ochse am Mühlrad zu enden. Der Schluss des Zitates lässt deutlich werden, worin der Hauptschaden der Zeit bestand: Kein politisches Denken, nur ein diffuser Hang zu Aberglauben, idealisierter Romantik, dem Traum von Heldentum und Größe. Das ließ die rechte Flanke offen.(Klemperer „LTI“)

  1. Eine notwendige Kontextualisierung:

Heute ist man gewohnt, die Freicorps als Prä-Faschisten anzusehen. Aber so wurden sie 1920 nicht wahrgenommen. Sie waren Frontsoldaten und Freiwillige, die die putschenden Matrosen bekämpften. Letztere waren Liebknechts bzw. Radeks Leute und die wollten die Sowjetrepublik! Die Freicorps retten Deutschland vor dem russischen Chaos! Das war Mainstream.

Freksa drängelt sich mit dem Roman nicht zwischen Ernst Jünger (Stahlgewitter, 1920) und Remarque (Im Westen nichts Neues; 1929). Der Krieg ist nicht sein Thema. Er ist noch zu nah. Die Baltikum-Kämpfer sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal zuhause.

  1. Inhalt und Zweck

Er beschreibt stattdessen das sinnlose Dasein eines reichen Erben im letzten Vorkriegsjahr, der sich mit Selbstmordgedanken trägt, jedoch immer die eine oder andere Schwierigkeit ergrübelt, um doch noch ein Weilchen mit der Ausführung zu warten. Er stößt auf eine Lebenshilfeorganisation „Komfort“, die ihm alle lästigen Alltagsrisiken aus dem Weg räumen will, willigt ein – um zu merken, dass er nun schon gar nicht mehr lebt, sondern „gelebt wird“. Also legt er es auf ein Duell mit der Organisation an, was dazu führt, dass er sich den größten Teil des Buches über, auf einem Roadtrip von Kopenhagen zum Garda-See befindet. An seiner Seite Fanny, die Zofe seiner letzten Freundin, die einen Chauffeur kannte, der zeitlich ungebunden war. Auch sind ihm alle Rastpunkte recht, die Fanny vorschlägt.

Rast 1: Die Wesenburg im Harz

Rast1: LARP-Vorreiter 1914

Überall dort treffen sie auf wohlhabende Leute, die einen mehr oder weniger dekadenten Lebensstil probieren, wenigstens ein Wochenende lang. Harring ist immer der außenstehende Beobachter, ein exakt sezierender Analyst all der mangelhaften Versuche Niveau vorzutäuschen. Es bereitet ihm keine Probleme hinter all die potemkinschen Fassaden zu schauen. Und das Beste daran für Leser von heute: 99 Jahre später meinst du das alles wiederzuerkennen.

Der Zweck des Buches war Motivation: 1914 gab es keine Herausforderungen mehr. Wir waren erfolgsverwöhnt und müde. Jetzt, 1920, wo es drunter und drüber geht, können wir beim Aufräumen helfen. Wie oben erwähnt, geschieht dies hier literarisch jedoch nicht durch messerscharfe politische Urteilskraft, sondern mittels Unmut am allgemein-menschlichen Zustand und schnöseligem Nietzscheanertum. Monokel reinschieb und Welt verachten:

„Freilich, zum Lebensfanatismus gehört es, dass sich die Menschen wichtigmachen. Sie behaupten, es wäre gut, für den Nächsten zu sorgen. Es machte die Menschen besser, wenn sie es täten. So dachte und philosophierte ich damals. Ich sagte mir: Ich sehe das nicht ein. Die Menschheit ist im Laufe der Jahrhunderte nicht besser geworden und auch nicht schlechter. Die Menschen sind Troglodyten geblieben. Sie haben ihre Narrheiten behalten, sie haben die Grundgewohnheiten und Triebe bewahrt. Sie reden sich ein, dass sie im Fortschritt begriffen sind. Sie brüsten sich mit ihrer Kultur, rühmen ihre Zivilisation. Was haben sie aber erreicht? Ich lasse mich von „Komfort“ leben und fühle mich gelangweilt.“

Die Handlung endet mit dem Kriegsausbruch 1914. Die Kriegs-und Freicorpsjahre des Robert Harring werden in wenigen Zeilen zusammengefasst. Der sterbende Ich-Erzähler bedauert sein herannahendes Ende nun doch. Ausgerechnet in dem Augenblick, da er -„am Kriege gesundet“ – meinte, nun einen Sinn in seinem Leben gefunden zu haben, macht ihm eine Blutvergiftung einen finalen Strich durch alle Zukunftspläne.

Freksa greift hier einen weitverbreiteten Spruch Hindenburgs auf, der auf Feldpostkarten millionenfach verschickt wurde: „Der Krieg bekommt mir, wie eine Bäderkur.“ In Spa im Luxushotel der OHL mag das gelten, im Giftgasgrabenkampf sicher nicht. Und trotzdem kamen die wenigen Denker, die an derlei Zynismus Anstoß nahmen bei der Mehrheit nicht durch. Der „olle Hindenburg“ blieb Volksheld und die Sicht auf den Krieg mehrheitlich naiv.

  1. Freksas Erben

Aber: Wenn du jenen vergessenen Roman heute zur Hand nimmst und all die kritischen Betrachtungen des „Wanderers“ liest, ergeht es dir eventuell wie mir: Das kam mir so bekannt vor! Ein unklares, irgendwie umnebeltes Dauer Deja vue Feeling stellte sich ein und verfestigte sich, je weiter ich kam. Der ganze Krampf der Konventionen. Das luxuriöse Umherziehen um dem Leben neue Reize abzutrotzen. Die lächerlich kindischen Ausbruchsversuche erwachsener Protagonisten. Die ewig währende Ungerechtigkeit des Lebens. Der euphorische Moment des Ausbrechen Wollens und die Depression danach. Die vertane Zeit. Nabelschau und Selbstmitleid. Wer klagte gleich nochmal so ähnlich? Dann fällt plötzlich der Groschen, woher ich das kenne:

Haller! Hermann Hesse!

Ich las grade den Ur-Steppenwolf!

Hesse hat Freksa gelesen; gemerkt, dass da ein lesenswerter Hauptteil mit ein paar kleineren dramaturgischen Gebrechen vorliegt, dass die vaterländische Wandlung vom Todsucher zum Kriegshelden gar zu unglaubwürdig klingt, dass aber Freksa und er trotz unterschiedlicher politischer Oberflächenanmutung, der Gesellschaft gegenüber Brüder im Geiste sind.

Rast 2

Rast 2: Damas hinterm Mond

Harring und Haller sind reiche Schnösel, komplett orientierungslos, uneins mit sich selbst. Sie suchen das Leben nicht, aber das Leben findet sie. Sie hassen die bürgerlich-bigotte Betulichkeit und verdanken ihr eigentlich alles. Sie wollen revoltieren, aber in Bürgerpalais wohnen bleiben.

Misanthropen, wie du und ich. Zu intelligent, um all die Widersprüche, die sie umgeben, übersehen zu können und zu selbstkritisch, um darüber hinweg zu feiern.  In beiden Romanen kommt der Kick „von unten“ aus dem Bereich der Triebe, die im bürgerlichen Käfig verschämt verleugnet werden, die deshalb durch „Mädchen aus dem Volke“ an jene seriös Verklemmten herangetragen werden müssen. Hesses Kokainrauschbeschreibung ist heute Literaturgeschichte. Freksas hinteres Romandrittel wartet dagegen mit deutlich mehr Erotik auf. Wedekinds „Lulu“ Stummfilm wird kurz darauf die moralischen Grenzen noch weiter stecken, aber im Gegensatz zu diesem, meidet Freksa den Skandal. Er kritisiert das Verhalten „junger Herren“ der Vorkriegszeit gegenüber Zofen „in Stellung“ deutlich heftiger als Thomas Mann in „Felix Krull“, und lässt sogleich Fanny, die Reisebegleiterin, als selbstbewusste Frau „der neuen Zeit“ auftreten und nackt im Garda-See baden; wobei Robert Harring ungewollt zum Beobachter wird. Fast scheinen sie zueinander zu finden, aber –

Sie ist nicht etwa die böse Emanze, die Rollenbilder ins Chaos stürzt, sondern eine begehrenswerte Neuzeit-Melusine. Selbstbestimmt, sympathisch, optimistisch. Ein geheimnisvolles Pendant zum pessimistischen männlichen Widerpart. „Babylon-Berlin“-Assoziationen stellen sich ein.

Das Buch bietet dem erfahrenen Leser zahlreiche Real-Life-Parallelen: Eine davon liegt in dem interessanten Detail, dass Freksa selbst 1913 Millionenerbe wurde und in kürzester Zeit, vermutlich im Lebensstil des Robert Harring, alles durchbrachte, um kurz darauf als Kriegsfreiwilliger zu „erwachen“. Im Unterschied zu seinem Alter Ego im Roman, weiß Wikipedia lediglich von einer „kurzen Kriegsteilnahme“ des Autors. Die Werkschau verdeutlicht, dass er SEIN Thema nicht gefunden zu haben scheint. In viele Töpfe gesprungen und wieder herausgewunden. Vergessen.

Karl Radek, heute ebenfalls vergessen, galt um 1920 als DER Hoffnungsträger der KPD. Er nimmt in einer erhalten gebliebenen Rede 1923 mehrfach Bezug auf den Roman, weil er der Ansicht ist, dass, wer so scharf durchsieht wie Robert Harring, doch eigentlich den Weg in die KPD finden müsse.

Was hat Radek bewogen, ein Buch, dass auf den ersten 3 Seiten den Tod eines Freicorps-Leutnants betrauert, nicht einfach wegzulegen? Wer hat es ihm empfohlen? Und vor allem – wie?

Und dann ging mir noch ein Licht auf: Da gibt es noch einen. Fast noch ein Neuzeit-Promi. Angeblicher Erfinder der Pop-Literatur. Diese entstand 1995 mit Erscheinen des Romans „Faserland“ von – Christian Kracht. Ein junger reicher Schnösel reist von Sylt nach Zürich. Von Party zu Party. Er schaut den anderen beim Saufen, Koksen, Kotzen zu. Leere. Leere. Leere. 1914 wie 1995. Faserland. In Wohlstand zerfasernd. Wiedervereinigung hin oder her. Der Osten bleibt völlig neben allen Trassen, die man als alternder Popper so fährt. 1914 wie 1995. Edle Outfits machen dich zum Menschen. Edler Zwirn. Edle Fasern. 1914 wie 1995. Die Hülle machts. Der Inhalt ist egal.

Freksa-Hesse-Kracht. Ein sehr interessanter Dreiklang 2019.

 

Grüße aus der Vergangenheit

Herbstblues. Melancholia.Melencolia I (B. 74; M., HOLL. 75) *engraving  *24 x 18.8 cm *1514

Neulich saß ich in der schönsten Stadt der Welt in meinem ehemaligen Kinderzimmer und starrte eine ganze Weile ins bunte Kastanienlaub auf der anderen Straßenseite. Der Denkomat sprang an. Wie von selbst:

„Vor unserm Hause da steht ein Baum…“(4PS)

Das ist schon fast das beste an der Wende gewesen: Knapp 10 Jahre lang war die Stadt zur „Modellstadt“ erklärt worden. Der westdeutsche Bürgermeister kannte die Fördertöpfe und so wurde ein Backlash der Spitzenklasse möglich. Große Teile der Altstadt konnten dem Verfall entgehen. Das Bürgergartenviertel konnte wieder auferstehen.

Meine Straße ist davon der Rand. Hier existierten seit den späten 30ern nur eine bebaute Straßenseite mit ordentlich gepflastertem Rundbogentrottoir, Bordsteinkante und – Feldweg. Auf der anderen Straßenseite nur 2 Häuser und Schrebergartenparzellen. Bis 1967. Da vollzog sich eine Masseneinweihung von 10 neuen Einfamilienhäusern, was auch zur Asphaltierung des Feldweges davor führte. Die alte Seite hatte in den 30ern auch Kastanien gepflanzt bekommen, die 1967 auf den 1.Klässler von der neuen Straßenseite wie monumentale Bäume wirkten. 1-2-3-4-Eckstein, alles muss versteckt sein. Deckung gebend in Dakotakriegen oder Partisanenkampf, je nach zuvor gesehenem Ferienprogramm. Leider gingen sie in der Folgezeit Stück für Stück ein. Bis sie zu Beginn der 80er alle verschwunden waren. Das Schicksal schien mir meine Erinnerungsfixpunkte rauben zu wollen.

„Wie ein Baum den man fällt – eine Ähre im Feld….“ Reinhard Mey einmal mehr.

Bei einem Besuch 1993 in der alten Heimat standen plötzlich wieder Kastaniensetzlinge (10-15 Jahre alt) in stützenden Dreibeingestellen auf der Altbau-Straßenseite. Als die Gestelle ein Jahr später beseitigt waren, sah es wieder so aus, wie 1967. Mein Collie markiert nun 30 Jahre später wieder Bäume, wie einst unser „Timpetu“, der Fox-Terrier mit den vielen Namen.

„Steig ich in meine Kinderzeit hinab (…) steigt auch ein Hund aus seinem Grab….“

Komme ich in die schönste Stadt der Welt, komme ich auch in eine andere Zeit. Obwohl das z.B. im klinisch restaurierten, aber -geschäftlich betrachtet- toten Stadtzentrum von Mal zu Mal schwerer fällt. Auf dem Markt ist mittlerweile jedes zweite Haus ein Restaurant.

Buchladen, Spielwarenladen, Eisenwarenladen (mit Modellbauzubehör), Kunstgewerbeladen, Weinhandlung – alles Vergangenheit.

Da war immer Kohlmann auf dem Markt. Die gesamten 40 Jahre der DDR-Zeiten hindurch. Und auch 15 Jahre danach noch unter anderem Namen. Buchladen mit Antiquariat. Heute ein Immobilienbüro. Kahle Auslagenfenster. Trist.

Dort befanden sich an der gesamten rechten Wand jene 4 Schränke, die Auskunft gaben über Zeiten, die vor der meinen lagen und die mich lehrten, dass jede Zeit ihre besondere Denkweise hat.

Wer weiß, ob nicht in 6 oder 7 Jahren ein alter bärtiger Mann das Maklerbüro betritt, sich der kahlen rechten Wand zuwendet und die „aldn Biechor vermissn duud“.mde

„Se ham woll nüschd mehr reinjekrichd?“

„Äh. Sie wünschen?“

„Hier habch ma Felix Dahn jekooft. Da warn Sie bestimmt noch nich jeborn.“

„Ach Sie meinen den Buchladen?“

„Na mir rädn doch nich vom Bäggor!“

„Den gibt’s nicht mehr.“

„Rede gehne Scheise Jungchen. Das war hier ümmor Buchladn. Nach meinor Bio-Prüfung damals siemsipptsch habch hier Sievers „Afrika“-Völkerkunde an Land jezochng. 1903. Halbleder. Dreißch Morg Ost.“

„Ich kann Ihn’n Haus verkoofm, aber keene Büchor.“

„Brauch’ch nich. Habbch schone. Wennse ma ne Gesamtausgabe Rückert reinkriechn, denkng Se an mich.“ Ohne eine Adresse zu hinterlassen verlässt der Weißbart den Laden.

Der verwirrte Alte fällt im Rentner-Nest N. an der S. nicht weiter auf. Die wenigen noch Firmen betreibenden Vertreter jüngerer Jahrgänge sind derlei demente Erscheinungen gewohnt und somit im Umgang mit ihnen trainiert.

Gottlob, noch ist es nicht soweit! Ich wechsle also aus der nahen Zukunft zurück in die ebenso nahe Vergangenheit des Ladens:

Lesehungrige, historisch interessierte Freaks konnten hier zahllos Beute machen. Bestseller vergangener Zeiten, (Wie oft hatte ich Frenssens „Jörn Uhl“ in der Hand, um es dann doch nicht zu kaufen?) und seltsame unbekannt gebliebene Hinterlassenschaften der Haushalte all der nun wegsterbenden, dagebliebenen Offizierstöchter und Kriegerwitwen beider Weltkriege in den Gründerzeitpalais am Bürgergarten: „Manitous Welt versinkt“, „Kifanga“, Jack Londons „Vor Adam“, Hesses „Gertrud“. Für mich Lesenuggets am laufenden Band.kleinIMG_20191117_005845.jpg

Bekauft hab ich mich selten, wird mir bewusst. Mein Auge streift vom Fenster weg über die Regale der beiden Bücherschränke, die einst meine Schätze bargen, inzwischen aber nur noch Dagelassenes bzw. Ausrangiertes von Vater und Bruder enthalten. Mein Blick bleibt an braunem Leinen hängen. Ein unscheinbares Bändchen mit verblichener Goldschrift. Tatsächlich! Er ist noch da! Der Bekauf des Jahres 1983. Das Buch hieß „Wanderer ins Nichts“. Es stammte aus dem Jahre 1920 und kostete mich 7.- M., wie noch im Innendeckel steht.

„In Berlin saß Freund Spartacus auf den Dächern und schoss mit Flinten, Pistolen und Maschinengewehren. Die revolutionsgeübten Berliner Bürger drückten sich eng an die Mauern der Häuser, von denen aus die exzessiven Volksbefreier ihre Politik lebhaft betrieben…“

Herrschende Lehrmeinung war das schon mal nicht. Was so effektvoll, lakonisch beginnt, schrie danach, gekauft zu werden. Ich hatte Harry Domelas „falschen Prinzen“ gelesen und hoffte auf Nachschlag.

Reinfall. Drei Seiten weiter ist Schluss mit Action. Es beginnt ein laaaanger Bericht eines lebensmüden Schnösels, der an seinem Reichtum leidet. Ich stellte das damals nach ca. 20 Seiten beiseite und vergas es bald.

36 Jahre später halte ich es nun wieder in der Hand. Blättere, stoße auf eine Stelle, in der die Münchner Künstlerszene beschrieben-, ihre weltfremde Dekadenz geohrfeigt wird. Inzwischen war ich selbst in Bayern. Wenn auch nicht in München. Was mich 1983 nicht hätte anheben können, interessiert nun doch ein wenig. Zumal der Ich-Erzähler mit dem „Automobil“ dorthin gelangte. Scheinbar von Berlin aus und noch ganz ohne Autobahn. Auf einer anderen Seite entrollt der Ich-Erzähler seinen Plan vom Freitod mit geöffneten Pulsadern in der Badewanne. Prompt fällt mir dazu Ambros ein, dessen „Heit drah i mi ham“ ich damals auch noch nicht kannte. Da scheinen inzwischen also Anknüpfungspunkte für Eigenes nachgewachsen zu sein. Ich packe den „Wanderer“ ein und beschließe, ihn nun doch lesen zu wollen. 36 Jahre später.

Und so kam es, dass aus dem Bekauf von einst meine ganz persönliche Lesesensation 2019 wurde!

The Chinaski-Years

Gestern wieder all diese Bilder im Fernsehen…

Ich war 29, im selben Alter wie die, die da seit Sommer89 über die Bildschirme flimmerten, wenn sie Österreich erreicht hatten, wenn sie Botschaftszäune in Prag erklommen, wie sie auf Feldbetten in Auffanglagern und Turnhallen interviewt werden – kurz die die Bilder erzeugten, die heute die Ikonographie der Wende sind.

Schadenfroh sah ich dem Phänomen zu, wie da ein Staat seine Jugend verlor. Und gleichzeitig empfand ich absolute Fremdscham über all diese hypernaiven Antworten, die die Interviewten da in die Kameras bellten. Wie musste das auf Leute „drüben“ wirken, die unsere Stagnationserfahrungen nicht kannten – und auch gar nicht wissen wollten?

Innerlich war ich, wie alle um mich rum längst weg. Die dümmliche Indoktrination der Propaganda, die erlebte bürokratische Unbill der Stagnationsjahre, spätestens seit Gorbis Machtantrit, hatten ganze Arbeit geleistet. Der Staat hatte verkackt. Mit den stonewashed Vokuhilas hinter den Botschaftszäunen konnte ich mich dennoch nicht identifizieren. Ich wäre nie gegangen. Gründe hätten meine Frau und ich genug gehabt, bzw. erlebt. Aber wir waren beide Realisten und unterschätzten die Schwere eines Neustarts im unbekannten System nicht. So kam nun der Neustart zu uns.

1990 steckten wir – ohne es zunächst zu merken, zwischen Scylla und Charybdis.

Kommt die schnelle Einheit, dann brechen die maroden DDR-Betriebe zusammen und Massenarbeitslosigkeit muss die zwangsläufige Folge sein. SEDler sprachen das aus und wurden mit dem weitverbreiteten Bonmot jener Zeit „Haut ab, ihr roten Schweine!“ in die Schmollecke geschickt. Als es dann eintraf, waren die glühenden Antikommunisten von 90 plötzlich wieder Klassenkämpfer, die ein paar Erinnerungstrümmer aus dem Stabü-Unterricht exhumierten.

Wäre die Einheit nicht gekommen und wir hätten unter einem Staatschef aus den Reihen des Neuen Forums weiter gewurstelt, hätten wir bitter durchleiden müssen, was sich hinterher ebenfalls zeigte: Die hatten kein Alternativkonzept! Die wollten Reisefreiheit und ein Ende der Zensur. Wirtschaft war für diese Undergroundüberlebenskünstler des noch nicht renovierten Prenzelberges und der Akademie der Künste ein Fremdwort, wie für uns auch. Und die hätten schon gar nicht zaubern können, so dass per Fingerschnipp unsere Grundnahrungsmittel besser verpackt hätten mithalten können mit all den Westimporten, die plötzlich in den Kaufhallen standen.

1990 war das Jahr des Rausches. Alles schien zu gehen. Vorfreuden wurden noch nicht durch heraufziehende Existenzängste gebremst. Aufholkäufe. Langersehnte und eigentlich für unerfüllbar gehaltene Erwerbungen wurden überall getätigt. Was für Volkmar und mich die Schallplatten, waren für Udo urplötzlich Videorecorder und Actionfilme, für Sperber-Thommy Reisen und Christian war vorerst im Westen verschollen. Als ich im Freundeskreis meine ersten Westberlin-Käufe verkündete, reagierte Thomas mit der Frage: „Ton Steine Scherben – Wer war das nochmal?“ Ich war baff. Jahrelang hatten wir zusammengesteckt und bei Sabinchen Platten gekauft bzw. aufgenommen. Wir hatten dort die „Auswahl I“ und die „Scherben“ von TSS INHALIERT! Volkmar hatte die beiden ersten Rio-Alben besorgen können, die wir dann alle auf Band hatten; bis gestern hätte jeder von uns einstimmen können bei

„Wann? Wenn nicht jetzt! Wo – wenn nicht hier! Wie – wenn nicht durch deine Liebe! Wer – wenn nicht wir!“

„Auf dieser Insel ist nichts looooos! Hier wächst auf allen steinen Moooos! Hier sind die Zwerge riesengroooooß!“

Und nun fragt der glatt: Wer war das nochmal.

Ein entgeistertes „Hä?!“ war alles, was ich zustande brachte.

Die Episode hat sich bei mir eingebrannt. Sie war ein Schlüsselmoment: Stück für Stück drifteten wir von einander weg. Der intensive Freundschaftskontakt der 80er entglitt. Sporadische Besuche mit immer weniger Gesprächsstoff blieben übrig. Die neuen Hobbys meiner Kumpels interessierten mich nicht und mein Plattenwahn nervte sie.

Ich begann das zu vermissen. Es war nicht alles schlecht: In einer Mangelwirtschaft finden sich schneller Gleichgesinnte, die sich auf etwas, von dem – was da ist, besinnen. Tiefgründige Fachsimpelei ist somit leicht zu haben. Alle hören das Gleiche, lesen das Gleiche, sehen die gleichen Filme. In einer Überflussgesellschaft – schweigt zum Schluss jeder von etwas anderem, während er übers Wetter oder seine uninteressanten Urlaubsreisen small talkt.

So wurde Bukowski-Lesestoff Lebenselexir, passend zur Zeit: Die Chinaski-Years brachen an. Sie begannen in der Tegeler Bücherstube bei meinem zweiten Aufenthalt in Westberlin und endeten mit Bukowskis Tod und dem Erscheinen von „Ausgeträumt“ um‘ 95 herum.

Beim zweiten Trip fuhr ich allein. Vorweihnachtszeit’89. Per Bahn über Henningsdorf, Velten. Und weiter per Bus bis Tegel. Die Busbelegung entspannt und das Ding selber nicht mehr so voll, wie beim ersten Mal. Die Zöllner allerdings auch wieder mutiger: „Ihre Ausweise bitte!“

„Ey. Ick habmein ßuhause. Iha kennt mia doch!“

„Ausweis oder aussteigen.“

„Wattsollnditte! Jing doch bishea ohne!“

„Ich bitte Sie den Bus zu verlassen. Holn sie ihr Dokument. Dann könnse fahrn.“

„Wollta wieda wie früha?!“

„Sie steigen aus- eher geht’s hier nicht weiter!“

Im Bus anschwellendes Gemurmel. „Pfeif ab, Kunde! Wir wolln los! Steig endlich aus!“

„Ach ihr Zonies ihr!“ fluchte der Ausweislose und ging.

Ankunft in Tegel, schnurstracks bei „Wilson&Vogt“ vorbeischaun und Bensons „Living inside your love“ erbeuten, dann auf Buchladensuche gehen und mal testen, ob es im Westen wirklich alles gibt.

Retcliffe und Dwinger? Ich brauchte ein Weihnachtsgeschenk für Papa und hatte mir ein paar Autorennamen gemerkt, von denen er in der alten Heimat Bücher besaß. Ich hatte mir auch gemerkt, welches Buch auf seinem Nachttisch lag, als sie „zunn Schlusse wegmusstn“. Nur hatte er Jahre später dieselbe Story auch meinem jüngeren Bruder erzählt – aber mit einem ganz anderen Buch! Am besten also beide auftreiben: Dwinger und Retcliffe.

Es war ein nasskalter Tag. Sprühregen. Berlin doppelt so hässlich wie sonst. Ich betrat die Tegeler Bücherstube und fühlte mich sofort wohl. Ein kleiner beinahe kioskähnlicher Bau; voll gepfercht mit Büchern, sodass man sich kaum drehen konnte und zwei ältere Frauen mit so strahlenden, glatten Rentnergesichtern, belesen und durchgeistigt, hinterm Ladentisch.

„Kann ich helfen?“ (die eine).

„Ja, ich suche Sir John Retcliffe. Können Sie mir sagen, ob von dem nach 1945 was wieder aufgelegt wurde?“

Klapp. Die andere schlägt einen riesigen Katalog, Kirchenbibelformat, auf. „Wissen Sie einen Buchtitel?“

„Sewastopol.“

Die Suche beginnt.

„Vielleicht auch unter seinem richtigen Namen Götsche, Friedrich.“ Versuche ich zu helfen.

„Ja, ja, schaun sie sich mal derweil um. Wir suchen ihnen das raus.“ empfiehlt die Suchende, während die andere inzwischen Foliant zwei durchsieht.

Das braucht sie mir nicht zweimal sagen. Ich dreh mich weg und stehe vor dem Regal „B“.

Bahro, Rudolf; „Die Alternative“. Den hab ich damals (’77) in „Kennzeichen D“ gesehen. Dieser auf Anhieb sympathische, ruhig-freundliche ältliche Mann, der lauter vernünftige Ideen zu Reformen vortrug, gegen die man doch eigentlich nichts haben konnte – und der trotzdem dafür schwer büßen musste.

„Wir sangen für Bahro in Bonn und Paris; und nun sitzt er noch immer in dem Stasi-Verließ.“ (Pannach& Kunert)

Hm. Vorbei jetzt. Alles redet von der Einheit. Hat sich erledigt.

Bukowski, Wladimir. „Dieser stechende Schmerz der Freiheit“, auch das Kapitel schien nun vorbei. Ein inzwischen vergessener Dissident aus Moskau, der gegen Luis Corvalan ausgetauscht wurde. Ein Propaganda-Gau für die DDR, die behauptete, dieser Austausch sei eine Erfindung der Westmedien. Corvalan sei durch die Massen an Solidaritätskarten aus der DDR freigekämpft worden. Den Bukowski gäbe es gar nicht. Wir hatten ihn jedoch tags zuvor in der Tagesschau gesehen. 4 Tage später landete Corvalan in Moskau, Liveübertragung im DDR-Fernsehen. Simultanübersetzung seiner Dankesworte an Leonid Breschniew, dass er den Austausch ermöglicht habe. Alle Apparatschiks der DDR bis auf die Knochen blamiert. Seltenblöde Propagandaaktion, aber passend zu Renftverbot und Biermannrausschmiss.

Prägeerlebnisse von anno dunnemals.

Bukowski, Charles: „Das Liebesleben der Hyäne“ und 6 oder 8 weitere Taschenbücher.

Sabinchen hatte mir irgendwann mitte der 80er ein Westbuch in die Hand gedrückt.

„Lies mal. Das ist so einer wie Tom Waits.“

Gedichte. Deutsch. Freier Rhythmus. Irgendwie blöde. Die Inhalte zwischen nichts und gar nichts. Bis auf eins, in dem lauter Katastrophen aufgezählt werden – bis man umblättern muss –

„Doch eine keifende Frau im Treppenhaus ist mehr als ein erwachsner Mann verträgt.“

DIESE FULMINANTE LEBENSWEISHEIT prägt sich natürlich sofort ein.

Ich gab ihr damals das Buch unbeeindruckt zurück. Nun aber überlegte ich, weil da auch einige Short-Story-Bände standen: Wenn die Gedichte auch nix sind, vielleicht taugen die Stories was?! Ich dachte an Tom Waits, an Kerouac und an Algren, dessen „Mann mit dem goldenen Arm“ ich vor kurzem verschlungen hatte – und siehe da, das „Liebesleben der Hyäne“ schien ähnlich zu ….

„Hören Sie? Ihren Retcliffe oder Gotsche haben wir nicht gefunden. Tut uns leid. Vielleicht versuchen Sie es antiquarisch?“

„Danke. Ich nehm dann das hier.“

Ich seh, wie sich die Mienen der beiden Damen verändern.

Immernoch freundlich, aber schwer enttäuscht von mir, der ich doch ein Kenner alter Autoren zu sein schien, wagte die eine beim Eintüten doch die kopfschüttelnde Frage:

„Das soll’s sein?“

„Ja.“ grins ich etwas verschämt, wie ein Teenie beim Playboykauf.

Die Großen Drei

Die Großen Drei

Draußen im Nieselregen falte ich die Ränder der kleinen Tüte so zusammen, dass das Büchlein in meine Innentasche passt. Ich trau den Grenzern nicht, auch wenn die nu freundlicher sind als vor der Wende. Leibesvisitationen vielleicht nicht mehr. Aber Beschlagnahmungen aus Beuteln weiterhin nicht ausgeschlossen.

„Juchndfreund! Druckerzeugnisse! Das wissmor doch abor! Mauerfall hin oder her!“ und weg wäre ein West-10er!

Aber die Rückkehr läuft ab, wie beim ersten Mal. Keine Komplikationen.

The Works

The Works

Henry Chinaski ist schon eine Toppsau, so wie er schreibt. Harte Zustände – harte Sprache. Aber da ist eben auch ganz viel entlarvende Ehrlichkeit in Bezug auf die Existenzkämpfe kleiner Leute in einer Gesellschaft des schönen Scheins.  Lust auf mehr. „Das Liebesleben der Hyäne“ als Einstieg war für mich noch „american exotic“ pur; die anderen Story-Bände, die nach und nach Einzug hielten, illustrierten schon Schicksale, die sich um mich herum abspielten. Ich —  musste das nur lesen. Klassenkameraden von mir mussten das erleben. Ärmlich. Erbärmlich. In Deutschland.