Recherche? Fehlanzeige.

Chemnitzchemnitzchemnitz….

Hach. Das Thema treibt mich zurzeit auch heftig um.

  1. Ein Toter beim Stadtfest. Eine Woche später immernoch kein plausibler Grund für die Auseinandersetzung. Anfangs sollte er der hehre Retter einer Frau gewesen sein. Das wird bis jetzt polizeilich dementiert. Nur um den gefühligen Ausgangspunkt zu eliminieren? Ein Ersatzgrund wird nicht benannt. Worum könnte es sich sonst gehandelt haben? Die Volksphantasie wird angeregt und mit ihr der Zorn: Wenn die so peinlich schweigen – dann muss das einen Grund haben. Warum fragt die Presse nicht nach? Warum erklärt sich die Polizei nicht?
  2. Wenn eine Stadt von 230 000 Einwohnern nur wenige attraktive Plätze hat, auf denen man sich treffen kann, ohne Geld ausgeben zu müssen, um die Seele baumeln lassen zu können (Parks) und sich dort mehrere der 7000 Flüchtlinge einfinden, wirkt das schnell wie ein Heerlager. Dank Sprachbarriere bleibt die Kluft erhalten. Welche Strukturprobleme plagen das abgestürzte deutsche Manchester „Kamasta“ alias Chemnitz bis heute traditionell? Warum ist die intellektuelle Substanz hier – äh – anders als in Leipzig und Dresden bestückt? War es deshalb clever, 7000 Flüchtlinge hierher zu verfrachten?
  3. Wo kommt der Frust der geflüchteten Durchdreher her? Weshalb enden sie im Drogenmilieu und/oder Extremismus? Alles Gestörte? Einzelfälle? Müssen wir halt bissl Blutzoll einplanen in den nächsten Jahren?
  4. Warum mietet sich kein Journalist mal für 1 oder 2 Wochen in so einem Übergangsheim ein und erlebt den realen Irrsinn der Flüchtlingsbetreuung mit, um darüber zu berichten?
  5. Warum liest man nichts über das völlig überzogene Erwartungsbild hier ankommender Analphabeten (bzw. minimalalphabetisierter Flüchtlinge) und ihre hier erfolgende Erdung auf dem Boden undurchdringlicher bürokratischer Tatsachen?
  6. Warum steht nicht längst unsere völlig veraltete und undurchschaubare Ausländergesetzgebung am Pranger? Jener Wirrwarr aus Kontingentflüchtling, Flüchtling, Asylant, Migrant, Geduldeter…; mit Arbeitserlaubnis, ohne Arbeitserlaubnis, mit Residenzpflicht, aber unkontrolliert; zur Kontrolle der Personalien nach X. bestellt. 200 km weit weg vom Heim. Morgens um 9:00 Uhr. Pünktliches Erscheinen Pflicht! Ohne Auto, ohne Geld, ohne Übernachtungsmöglichkeit.
  7. Warum werden nicht spätestens seit 2015 Institute geschaffen, an denen Lehrer mit Lehrbefähigung für „Deutsch als Fremdsprache“ fest angestellt und gut bezahlt werden? Wer verhindert das?
  8. Warum werden die Flüchtlinge nicht nach mitgebrachten Schulabschlüssen sortiert, sondern kunterbunt in teilweise wirr organisierte Deutschkurse, gesteckt?
  9. Warum hat keine unverfängliche Organisation fix zu einer Trauerkundgebung aufgerufen?
  10. Wie unhaltbar waren die Belästigungen am Bahnhof bzw. im Park oder am „Nischl“ im letzten Jahr wirklich? Was ist FAKT und was ist GEFÜHLT?
  11. 6000 sollen es gewesen sein, die sich an jenem „von rechts“ organisierten Trauermarsch beteiligt haben. Alles Nazis? Alles Mitläufer hinter einer falschen Flagge bzw. hinter Parolen grölenden Dumpfbacken? Wenn man es sich richtig leicht machen will: Ja. Andererseits: Wohin mit dem Frust, wenn sich kein legales Ventil findet? Warum hat man aus PEGIDA nichts gelernt? Ermittelt wird wegen 10 Hitlergrüßen.
  12. Es gibt keine Berichte über überfüllte Krankenhäuser, oder Plünderer in zerstörten Rossmann-Filialen bzw Döner-Depots. Kein brennendes Auto nirgends. Alle Schaufensterscheiben ganz geblieben. Eine Platzwunde wird da bei youtube verbunden und ein älterer Mann mit geplatzter Augenbraue meldet sich bei der Polizei, weil er verarztet werden will. Hools kloppen sich mit Polizei, wie nach jedem Fussballspiel und im Straßenkaffee sitzt ein Unbeteiligter, der das filmt. Menschenjagd? Wieso gibt’s nirgends plausible Bilder?
  13. Selbst ein ARD-Brennpunkt musste neulich eingestehn, dass es mit Ferndiagnosen aus Redaktionsstuben in Hamburg und Berlin nicht getan ist.

Fazit: Fühle ich mich gut informiert? Nein.

(Dank an gkazakou für den link.)

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Genug gebüßt . . .

durch ein viel zu kurzes Leben

und viel zu wenig Lieder

die die Seele des Ostens atmen

und unsterblich wurden

 

Andreas Dresen hat gekämpft, um dieses Projekt zu stemmen

und nun isses da und es ist gelungen.

Soeben schwer begeistert aus dem Kino zurück, sage ich:

G U N D E R M A N N

 

A n s e h e n !

a californian princess

Riffmaster ist schuld. Er veröffentlichte das hier.

Neils Muse

the princess

Da kam es mir in den Sinn, mal an diese schöne alte Geschichte zu erinnern:

Ich war 18. Es war Sommer. (Ein Schelm, wer jetzt an Maffay denkt!) Da lief im Radio ein herrlich konkretes Interview mit einer, die ich nie zuvor gehört hatte. Sie fand auch im Fernsehen nicht statt. Bilder sah ich erst nach’89 von ihr, aber die Phantasie spielte mit: „Attraktiv, schlank, braun gebrannt und realy long hair“ erzählte Klaus Wellershaus oder Peter Urban im NDR2 und erschuf mit diesen spärlichen Informantionen vor meinem inneren Auge ein Bild – hart am Original, wie sich viele Jahre später endlich herausstellte.

Aber nu lasst Opa mal erzählen. Nich‘ vom Kriech, sondern von der Sehnsucht, von mehreren Sehnsüchten unterschiedlichster Leute. Vor vielen, vielen Jahren….Wie also geht die Geschichte vom kalifornischen Schneewittchen?

Ist das, was hier folgt, ein Märchen?

Ist es die Wahrheit?

Es ist eine Sage, die Legende von einer die auszog, den Erfolg zu finden…

 

In memoriam „Pocahontas“ (1952-1997)

Wenn du als 25jährige 1977 in Kalifornien dein Soloalbum aufnimmst und dir dafür Little Feat und die sonstige Session-Creme tagelang zur Verfügung stehen, dann musst du schon was Besonderes sein.

Allerdings fehlt Lowell George, der damals gerade mit Rickie Lee Jones, der Ex vom Tom Waits, im Nachbarstudio ist; dafür aber schauen bei dir noch Valerie Carter, Albert Lee und Klaus Voorman vorbei, was deiner Bedeutsamkeit zusätzlichen Zunder gibt.

Wenn sich dann noch zuträgt, dass da ein Song auf der Platte ist, bei dem der Leadgitarrist nicht genannt werden darf, weil er berühmt- und bei der Konkurrenzfirma unter Vertrag ist, verführt das zum Spekulationsmarathon und deine Wichtigkeit erlangt nahezu religiöse Ausmaße, aber:

Ausgerechnet Neil Young schenkt dir nun auch noch einen Song! Du machst daraus DEINE eigene Version (und die Single zur LP) und schneidest mit deinem Debut erfolgreicher ab als der edle Spender zeitgleich mit dem „Comes a time“ Album, welches eben diesen Song auch enthält – dann müssen alle Zweifler schweigen:

Nicolette Larson – du bist schon etwas sehr Besonderes!

Trotz allem kennt sie praktisch keiner.

2007 erschien überraschend die CD

„the lotta love concert – a Tribute to Nicolette Larson“.

Sie enthielt das Who is who des kalifornischen Musik-Adels der 70er, Jackson Browne, Crosby, Stills, Nash, Bonnie Rait, Joe Walsh usw. usf.

Nicolette Larson?

Die Backgroundlerche auf diversen Folkrock- und Countryalben?

Hat die Songs geschrieben?

War die jemals wichtig?

Ein Dutzend millionenschwerer Stars gibt einer verstorbenen Backgroundsängerin gleich eine ganze Kette von Tribute-Konzerten?

Das „Best of“ davon wird weltweit auf CD veröffentlicht?

Was ist das für ein Geheimnis um diese Frau?

Sie war eine attraktive –

(Quatsch) ganz hübsche –

(Blödsinn! Trau dich, Schreiberling!)

wirklich schöne junge Frau mit langem, seeeehr langem Haar

und verheiratet mit einem nobody, als sie mies bezahlte Backgroundsängerin für Commander Cody und Emmylou Harris wurde.

Mrs. Harris zeigte sich als erste verblüfft von dem musikalischen Talent dieses unbekannten Tausendschönchens. Jeder Song gelang im ersten Take, jeder Hinweis wurde prompt umgesetzt, mancher Spontaneinfall erwies sich als passende Bereicherung – so wurden aus den beiden Look-a-likes Freundinnen. Nur hatte eben die eine einen Plattenvertrag und die andere nicht.

Eines Tages anno 1976 saßen beide beim Kaffeeklatsch auf der Harris-Terrasse in Malibu, als das Telefon klingelte und der Nachbar anrief, er hätte da ein paar Songs fertig und bräuchte wiedermal die Stimme seiner Nachbarin für den Background…

Und ob die Nachbarin nicht noch eine zweite Fee wüsste, die mitträllern könnte.

Mrs. Harris gab zur Antwort: „Die Larson ist gerade hier, wir kommen gleich mal rüber.“

„Larson? Nicolette Larson?“, schallt es zurück, „du bist heut schon die Fünfte, die mir die Larson empfiehlt! Das muss was bedeuten!“

Nicolette

Pocahontas

Die beiden Frauen machten sich auf den Weg.

Als sie dem Nachbarn gegenüberstanden, riss der die Augen auf, der Blitz schlug ein und Emmylou Harris kam mit dem Vorstellungssatz „ Hi, this is Nic….“ nicht zuende, weil es aus ihm lallte: „You might be Pocahontas.“

„No way, Neil! I’m Nicolette.“

Der Rest ist Rockgeschichte:

Neil Young nahm mit beiden Frauen Songs auf, die auf „american stars’n’bars“ landeten.

Einer blieb übrig und wurde später auf „rust never sleeps“ verwendet.

Aber das war längst nicht alles: Das es knisterte, wenn Neil auf Pocahontas traf, konnte niemand übersehen, aber beide waren anderweitig verheiratet und beide Ehen blieben intakt. Ob nun er oder sie dafür zuständig waren, die Balance zuhalten – die Entscheidung überlasse ich dem Leser.

Es wird lediglich überliefert, dass Neil in jener Zeit aufblühte. Mehrfach fuhr er in die Pampa: nur er, sein Jeep, die Gitarre und sie – seine Muse, Pocahontas mit den langen Haaren und dem freundlichen Wesen.

Songs entstanden. Sie motivierte ihn zu Optimismus, holte ihn aus einer seiner vielen Depressionen, sang ihm fröhliche Varianten seiner Texte vor – daraufhin bestellte er sie auch wieder ins Studio und sie spielten „Comes a time“ ein. Aber von der Fröhlichkeit im Jeep ist auf der Platte relativ wenig übrig geblieben.

Lediglich „4 strong winds“ lässt die Beschwingtheit im Jeep noch ahnen.

Vor allem „lotta love“ sollte eigentlich ganz anders klingen, aber als die Bandmaschinen liefen, ließ Neil die Band in seiner gewohnten langsam müden Art spielen, sodass  Nicolette ihn hinterher zur Rede stellte: „Warum hast du es nicht flotter aufnehmen lassen?“

„Mach doch selber!“

„Gibst du mir den Song?“

„Nimm ihn.“

Es dauerte nicht mehr lange, dass auch der Chefetage von Warner Brothers zu Ohren kam, dass da irgendwie alle Musiker von so einem Schneewittchen-Virus befallen schienen und dass dieses Schneewittchen eigentlich Nicolette hieß.

Diese wiederum hing in den Tonstudios herum, kochte Kaffee und sang hier und da im Background mit: Graham Nash, Jackson Browne, Doobie Brothers… Sie schien die roten Köpfe ihrer Auftraggeber nicht zu registrieren, übersah auch den immer noch wortkargen Jackson Browne, der gerade Witwer geworden war, sich selbst die Schuld am Tod seiner Frau gab und der sie anstierte, dass es eine Art hatte.

Als er erfuhr, dass Warner der Larson einen Vertrag für ein Album gegeben hatten, wollte er es mit ihr einspielen – zu spät: Das machen schon Little Feat.

Als man nun so song by song vorbereitete, kam der Schaffensprozess bei „Can’t get away from you“ ins Stocken. Irgendwas klang daran nicht rund. Blackout bei den Beteiligten. Da erschien Eddie van Halen im Studio hatte einen spontanen Einfall – und so kam der Song schließlich mit van Halen Gitarre aufs Album. Im Booklet steht bis heute unter dem Posten Gitarre „guitar: ?“, da er nicht bei Warner unter Vertrag war.

Nicolette revanchierte sich später im Background der Van Halen LP „Women & Children first“.

Die LP „Nicolette“ erschien 1978, erreichte kurz Platz 8 des Billboard, stürzte zwar schnell wieder in die 20er Plätze hielt sich dort aber mehrere Wochen, vor allem wegen der gefälligen Version von „lotta love“. Neil Youngs Album verkümmerte seinerzeit in den 60er Plätzen und fuhr rätselhaft schlechte Kritiken ein, während es um Nicolette Larson zum Hype kam.

Album Nummer 2 wurde 8 Monate später nachgeschoben – „In the nick of time“.

Das Schnittmuster ist dasselbe: Bisschen Poprock a la „Rumours“ (Fleetwood Mac), bisschen Barjazz (kurze Zeit später von Sade erfolgreich aufgegriffen), und den „van-Halen-Kracher“ besorgt diesmal Ronnie Montrose.

Der schien allerdings immun gegen den Schneewittchen-Virus zu sein, denn er gniedelt lediglich uninspiriert auf dem Titelsong herum.

Für LP Zwo gab es herbe Kritiken und lediglich hintere Billboardplätze.

Ein Single Hit fehlt gänzlich.

die 3 guten

Was bleibt?

Die Musik ist vielseitig und trotzdem wie aus einem Guss. Die Gesangsleistung ist der Schwachpunkt. Es zeigt sich nun – nach dem Hype – dass zwar jeder Ton getroffen wird, aber in einem relativ austauschbaren Stimmumfang der in den prächtigen Arrangements unterzugehen droht. „Fertige Bänder inclusive Backgroundsängerin – fehlt nur noch ein Solist, der die Lieder leuchten lässt.“

Also alles fauler Zauber? Schlechte Sängerin?

Nein. Nur falsch beraten. Hör dir mal die „Luxury Liner“ von Emmylou Harris an, vor allem die Bonus-Tracks, die neuerdings die ursprüngliche LP verlängern: Da hörste, was Nicolette eigentlich kann!

Auch Sade Adu wäre in diesen opulenten Arrangements der zweiten LP untergegangen.

Emmylou Harris (mit ähnlicher Stimme) ist dergleichem immer aus dem Weg gegangen.

Frau Larson ist keine Bette Midler und keine Stevie Nicks. Sie hätte das Zeug zu einer ausgeschlafeneren Norah Jones gehabt. Auch als amerikanische Annie Haslam hätte man sie sich vorstellen können. Duette mit Alice Cooper oder Joe Cocker wären reizvoll gewesen.

Zum Höhepunkt auf der „nick of time“ wird auch tatsächlich ein Duett – mit Michael McDonald. Ausgerechnet der ist nun aber auch kein klassischer Shouter.

Die Verehrung unter den Rocktitanen bleibt ihr zwar erhalten, aber ab LP Nr. 3 beginnt der freie Fall. Immer poppiger, immer belangloser wird, was da erscheint.

Auch privat geht einiges schief: Scheidung, zweite Kurzzeitehe, ebenfalls geschieden, bis sie dann einen ihrer dauerhaftesten Studioverehrer erhört: 1990 heiratet sie Russ Kunkel, den meistbeschäftigten Drummer Kaliforniens, und hadert mit ihrem Schicksal, warum Linda Ronstadt und Emmylou Harris scheinbar alles gelingt, (beide haben kurz zuvor im Verein mit Dolly Parton gerade für „Trio“ den Country Grammy eingefahren) und ihr nicht.

Sie stürzt sich ins Mutterglück, kann aber nicht gründlich genug verdrängen und kämpft mit der Depression.

Da bringt sich 1992 Neil Young in Erinnerung. Er hat sich darauf besonnen, dass seine erfolgreichste Platte die „Harvest“ von 1972 war und die schönste Zeit einer Aufnahmesession überhaupt war die von „Comes a time“. Deshalb will er nun 20 Jahre nach „Harvest“ den „Harvest moon“ folgen lassen. Außerdem soll das Ganze hinterher wie eine Trilogie erscheinen.

Hatte Nicolette ihn einst aus dem Seelental geholt, so versucht er nun umgekehrt dasselbe.

„Harvest moon“ atmet den Geist von’76. Schon im Opener klingt die Erinnerung an die Ausfahrten von damals an und nebenbei ergibt sich für den nicht eingeweihten Hörer die Assoziationsmöglichkeit zum Kinoerlebnis „Grenzpunkt Null/Fluchtpunkt San Francisco“. In einer Szene macht der Gumball-Raser Kowalsky Halt in der Wüste bei einem Hippie – und dessen Freundin kommt auf einem Chopper daher gecruised: Lange Haare im Wind und – nackt.

Ein Karriereschub für Pocahontas wird „Harvest moon“ jedoch nicht.

Es folgen lediglich:

– ein TV-Auftritt im italienischen Fernsehen,

– eine Mutterliedplatte im Selbstverlag….

– und eine sich langsam aufstauende Krankheit.

Von Krebs war die Rede, von Anyrisma, von Tablettensucht – was auch immer; klar ist, dass es 1997 eine Kopf-Operation gab, die misslang.

Nicolette Larson starb 45jährig und hinterließ eine 7jährige Tochter sowie – typisch amerikanisch – eine horrende Arztrechnung, die leicht der Ruin der Restfamilie hätte sein können, aber wieder sprangen die Verehrer von einst ein.

Wer der Initiator der ersten Konzerte war, ist nicht überliefert, aber es gab 1997/98 gleich ein paar davon. 2006 kam dann der Gedanke auf, des bevorstehenden 10.Todestages wegen nun endlich doch eine CD daraus zu machen.

Die Plattenfirma war dann lediglich ein bisschen zu schnell mit der Veröffentlichung in Amerika. Aber bis sich nach Europa herumsprach, dass es die Tribute-CD gibt, war Silvester vorbei und 2007 tatsächlich da.

So blieb also erhalten, wie sich das anhört, wenn treue Verehrer trauern…

… und Freundinnen – wie Emmylou Harris und Bonnie Rait.

Aber einer, der die CD sicher heimlich gekauft hat, fehlt – – – NEIL YOUNG.Jackson Brownes Muse

 

Aretha Franklin

16. Auguste haben es in sich.

Elvis.

Aretha.

The King of Rock&Roll und the Queen of Soul haben nun den gleichen Todestag. Mystisch irgendwie.

Aretha. Ein schwieriges Kapitel in der Bludgeon-Biographie. Denn das war ja kein bekömmlicher Philly-Sound. Sie zählt zu den absoluten Säulenheiligen. Obwohl: Tina Turner war mir allzeit lieber. Aber auch erst, als sie den Ike und seine immergleiche Mugge los war.

Das erste Soulstück, das mir jemals gefiel, war „Baby, Baby, where did our love go“ von den Surpremes. Oldiessendungsaufnahme von ca. 1976. Früher war ich nun mal nicht dran. Das zweite Soulstück war dann Otis Redding – „Sitten on the dock oft he bay“; der posthume Geniestreich irgendeines Nachlassverwalters. Als ich dann später andere Reddingstücke hörte – naja…kam der Abtörneffekt.  Zur gleichen Zeit kamen die Bee Gees mit „Main course“ um die Ecke und Hall & Oates mit ihrer „Bigger then both of us“. Blue eyed Soul hieß das. Das hektische Gebläse des „echten Soul“ war hier deutlich zurückgefahren. Mehr Melodie. Mehr Finessen im Arrangement.

Im Radio gab es reichlich Grundsatzkommentare über echten Soul und Kommerz. Und man solle doch bitte der „echten schwarzen Musik“ den Vorzug geben. Viele plapperten das von Stund an nach. In eben jenen Sendungen, in denen diese wohlmeinenden Statements getätigt wurden, wurde rund um den Wortbeitrag tatsächlich was von Redding, Gladys Knight oder James Brown gespielt; aber dieselben Moderatoren spielten am Tag darauf schon lieber wieder Bee Gees und ihre damalige Lieblingsband Little Feat. Weit her war es also mit der reinen Lehre vom schwarzen Soul auch bei denen nicht.

Aretha kannte ich deswegen bis 1977 nur vom Hörensagen. Dann spielte der Berliner Rundfunk in „Duett“ verblüffenderweise in zwei aufeinanderfolgenden Wochen beide LP-Seiten der „Aretha live at Fillmore West“.

die erste

Ein schwerer Brocken.

Ich nahm das auf, weil mir der „große Name“ geläufig war, aber ich wunderte mich doch sehr über dieses hektische Getute und Geschrei. DAS ist die große Aretha? Ich wollte Zugang finden. Wollte mir das Schönhören! Aber sie klang in meinen Ohren eher wie Udos Mutter, wenn sie ihm die Leviten las. Lustig war das nie, Udo hatte heftiges Pech mit seinen Eltern und deshalb stets mein Mitleid. Er war gern bei uns, weil hier keiner auf ihn einhackte. Und jetzt hole ich mir dieses Keifen auf Englisch ins Zimmer? Mit musikalischer Untermalung einer Bachtrompete, die man eben noch unter einem Panzer hervorgezerrt zu haben schien. Immerhin trösteten die Schreipausen, wenn die Orgel zur Geltung kam. Ein Erweckungserlebnis war das nicht.

Stevie Wonder kam mit „Songs in the key of life“ heraus. „Village ghetto land“ und „Sir Duke“ machten Appetit auf mehr. Der Appetit wurde prompt wiederum durch „Duett“ bedient und fast das ganze Doppelalbum gespielt – aber da waren auch wieder so „Seltsam-Stücke“ dazwischen, die -oft überspult- bald wieder gelöscht wurden. Soul war schwierig und mit Ausnahme von Stevie Wonders Lyrics textlich auch eher unterirdisch. Heat Wave, Ohio Players, Rose Royce … Geh mir weg mit Jackson 5 & Co.

Und Aretha? Die hatte auf der Fillmore Platte wenigstens auf Seite 2 „Dr. Feelgood“ und das lange „Spirit in the Dark“ (Part2 mit Ray Charles) zu bieten, die klangen nach MEHR. Aber Aretha war ja keine Eintagsfliege, machte weiter Platten und sollte mir noch mehrfach begegnen – und steter Tropfen höhlt den Stein.

So kam es während der Armeezeit eines Tages zu einer zweiten Chance, Soul zu begreifen in Gestalt zweier Aretha-LPs, die ein Mitglied der Regimentsband angeschleppt hatte. Wir hörten uns eine Plattenseite an; wieder viel zuviel Gebläse und Geschrei; dann begann der Disput: Ergriffenheit der einen Hälfte der Band und humorige Frotzelei der anderen (und meinereiner).

„Da könnter ja als Band och mal K.N.Ö.Di.E.L. spielen.“ Und ich setzte noch nach: „Melnik! Trööt!“

Auch da flammte also noch keine Begeisterung auf.

Andererseits wenige Jährchen später: Studentenfete in baufälligem Leipziger Hinterhof. Zwei Gastgeber opfern gute Westplatten zwecks Verschleiß auf Freiluftplattenspieler, während sich die Runde alkoholisiert. Who, Zappa, Wings, Jon Anderson Solo… Ich war dort nur Gast am Rande. In meinen Kreisen, wurde derartiges Goldstaubvinyl niemals unter freiem Himmel und bei abnehmender Feinmotorik des DJs verheizt: Strictly Tonband! Bei jener Fete war das anders. Wir saßen in feuchtfröhlicher Runde. Plötzlich: Kleck! Was war’enn das? Alles guckt in Richtung Dachrinne über mir und dann auf meine Schulter: Taubendreck. Volltreffer. Kichern der anderen. Der halbe Rücken meiner blauen Windjacke plötzlich weiß. Ich lache folgerichtig nicht. Und direkt vom Plattenteller kommt:

„Live in the streets toni-hight! (hahahaaa hahahhaaa hahahaaaa)“ schienen mich die Bläser auch noch zu veräppeln. Dass das gerade gut zur Situation passt, fällt auch den anderen auf. Die Kommentare sind dementsprechend. Ich war aufgestanden, um mich in Richtung Badezimmer zu begeben: Kleck! Kam auch noch Nachschlag und „Äääääy!“, grölte Aretha wiederum passend. She took the word right out of my mouth, sozusagen. Und aus dem Kichern wird Gejohle.

die beste

Das Aha-Erlebnis

„Dich mögen die Biester besonders, scheints.“

„Die ham obendrein offm passenden Soundtrack gelauert! So is Le’m of dor Straße nu ma‘! Willste immer noch Punker sein?“

„Weeste Bescheid. Is‘ von Äreffa! Die dicke alde Nechorqueen vom Koffer da.“(Womit das Coverfoto der „Love all the hurt away“ gemeint war.)

„Wenne noch ne Weile sitzen bleibt und die die Haare treffen, siehde aus wie Johnny Wintor!“

„Da scheißn Daubm sich müde! Se fliechn lange schonn nich mehr.“

Ich ließ die Typen erstmal stehen und wusch die Windjacke. Als ich wiederkam, lief andere Musik. Aber dieses „Kleck“ und „Äjj!“ im Zusammenklang – das hatte was. Mein Humor kehrte zurück. DAS Fest vergisst du nicht so leicht wieder! Ich wollte die Platte haben.

Später am Abend, als die Musik eh keinen mehr interessierte, weil die anwesenden Philosophen tief in einer Plechanow/Bulgakow-Diskussion steckten; legte ich mir die 2. Seite der Aretha-Scheibe auf. Geil. Ich wollte die Platte wenigstens aufnehmen, aber mein Kontakt zum Besitzer war nicht gut genug und das Hoffest belehrte mich ganz automatisch, dass man DEM lieber keinen Bowie „für mal kurz“ im Gegenzug überlässt. Also war DARBEN angesagt.

Drei Jahre später brachte dann ein Flohmarkt die große Chance: Da hatte jemand keine Ahnung und verkaufte sie mir für 80.- Mark(Ost); knisterfrei, unbegrabbeltes Cover – fein. Dann brachten die beengten Wohnverhältnisse zweier jung verheirateter Berufseinsteiger mit sich, dass immer einer zu tun hatte, während der andere gerade eine Verschnaufpause genießen wollte und den anderen stört. Also kamen in jener Zeit ganz untypisch oft Kopfhörer zum Einsatz – und DAS Klangerlebnis flashte mich dann noch mal extra. Die „Love all the hurt away“ wurde meine erste und liebste von Aretha. In jenen Tagen hatte „sisters are doin‘ it for themselves“ heavy rotation.

die 3.

Typisches 80er Geplautze aber damals gut.

Mit den Eurhythmics konnte man mich normalerweise jagen. Das war diese Popplörre aus kastriertem New Wave und Bowies Papierkorbinhalt. Aber Aretha gab dem Song was, das ihn leben ließ. Die CD lief mir aber erst nach der Wende über den Weg. Da hatte ich dann auch die Chance die Bluesbrothers kennenzulernen und der „dreckige Schürzenauftritt“ im Imbiss dort schloss wieder den Kreis zu Udos Mutter. Aber diesmal mit dem Abstand der Jahre nicht mehr in nerviger, sondern unterhaltsamer Hinsicht im Sinne von „Weißt du noch?“ Schöner Film.

Gestern starb Aretha. Udos Mutter ging ihr 10 Jahre voraus.

Riders on the glow (4)

 „Man weiß am Ende aller Reisen doch immer wieder nur die Erde rund….“ (A.Heller)

Letzter Teil unseres Hitzetrips 2018. Weniger Text diesmal. Aber meine 3 Lieblingsfotomotive wollte ich noch verewigen. Es lebe der Rupertiwinkel, abseits der Pfade des Massentourismus. „Das kann auch ruhig so bleiben. Wenn uns der Tourismus erst entdeckt, wird’s schnell zu viel.“ (O-Ton unserer Pensionsvermieterin; weshalb ich in „Riders on the glow“ auch lieber mit allzu genauen Ortsangaben spare.)

  1. Eine Watzmann-Saga

„Gefolgt sans ihm tapfer, aber der Berg der wüll sei Opfer“ (W.Ambros)

Der Ö3 hatte in den späten 70ern eine Sendung, die hieß „Musik für mich“. Wie kommt jetzt der Ossi auf den Ö3? Der NDR 2 schaltete sich jede Freitagnacht zu später Stunde zu. Und immer, wenn bei „Rums“ auf HR 3 nichts los war, hörte ich freitags eben „Musik für mich“. Die Sendung war seltsam gestrickt. Eine kurios stimmige Mischung aus Schlagerkram, Chanson, Wiener Lied, Filmmusik bzw. Big Band Jazz und ab und an so Raritäten wie „Lauf Hase lauf“ gesungen von Wilfried; geschrieben jedoch von keinem geringeren als Georg dem Großen (Danzer). Auch Ambrosens „Hofer“ geriet so aufs Band. Charles Aznavours „Du lässt dich gehen“ ließ mich vor Lachen fast aus dem Bette falln, aber aufnehmen konnte man das nicht. Wenn das die Angebetete dermaleinst auf deinen Bändern findet – isse weg!

Hier war es auch, dass ich „das Lied vom Watzmann“ zum ersten- und für lange Zeit zum letzten Mal hörte. Die Aufnahme ging mir durch die Lappen. Die obengenannte Zeile blieb im Gedächtnis, denn:

Wiederholt irrte ich durch Antiquariate auf der Suche nach Schätzen aus „guter alter Zeit“ oder nach Büchern mit Titeln, wie sie im Gespräch zwischen den Älteren im Tonfall der Anerkennung mal gefallen waren. Und immer mal wieder lagen dann da auch so dicke Wälzer vom Deutschen Alpenverein oder von Sven Hedin Reisen anderswo in Gebirgen. Ihre Aufmachung verführte mich immer wieder zum Blättern und herumlesen, nie zum Kauf.

Da fehlten die Katastrophen, die Abenteuer, aber da waren auch diese kupferstichigen großen (manchmal ausklappbaren) Illustrationen. Die prägten sich ein.

„Hannibal“ wurde gelesen: Mit Elefanten über die Alpen! „Die Zeit der Sachsen-Kaiser“ verschlungen und die vergeblichen Italienzüge der Ottonen kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen: In Eisenrüstung über die Alpen. Beschlagene Pferde auf vereisten Pässen! Tortur pur!

Gebirgsromantik krallte mich. Wenn man DA durch war, dann konnte man erzählen! (Und der innerliche Grusel lacht dich aus.)

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Schicksalspanorama

Der Song vom „Berg“ gehörte zu einem Konzeptalbum, war zu erfahren, dass man „Rustical“ nannte. Was das sein soll, war nicht zu erfahren. Ein Zweitsong als Hörprobe erklang nicht. Also entstand in mir die übersteigerte Erwartung nach so etwas wie Achim Reichels „Regenballade“(n)-Werk mit textlich rotem Faden. Mystisch, düster, heldisch, dramatisch. Soundtrack zu antiquarischer Gebirgskriegslektüre. Hätte ich damals gleich erfahren, was für ein alberner Scheiß das Komplettwerk eigentlich ist, hätte sich a) das Watzmannzitat nicht eingeprägt und b) wäre ich nicht 2018 noch, ein Gedenk der Jahrzehntelangen Falschverehrung (und laut TomTom-Irreführung) einen aberwitzig steilen Einspurpfad nach Maria Gern gefahren, um anschließend die Marxenhöhe zu erklimmen, um endlich ein brauchbares selbstgeschossenes Foto vom Watzmann zu erbeuten. Rückzu fuhren wir auf wesentlich ungefährlicherem Hauptstrassen-Pfad wieder heim zur Pension. Ende gut, alles gut.

 

 

  1. Von Wichteln, Lustmolchen, Nachtengeln und Fledermäusen aus der Hölle

Es gibt in jeder Region der Welt Legendenorte, die die Volksphantasie beflügeln. Ob Restpreußen, Saaletal oder Berchdesgadener Land. Irgendeine Wahrheit aus alter Zeit wird halbvergessen und deshalb falsch ergänzt weitererzählt und manchmal bleibt ein realistischer Kern und ein andermal wirds ein Märchen. So zum Beispiel die Venezianer-Wichtel, die im Forst spuken, weil im späten Mittelalter wirklich Italiener angeworben wurden, weil man ihnen zutraute, dass sie „die Gabe“ haben. Sie sollten Mineralien und Erze finden. Also kraxelten so einige von ihnen in den Bergen herum, verunglückten, verschwanden spurlos und lebten als Wichtel fort.

 

Interessant auch, der Raubritter und Jungfrauenschreck, der einen 20 km langen Geheimgang in Schuss hielt, um hier in deutlicher Alibi-Entfernung von seinem Raubnest frische Beute für die Nächte daheim machen zu können. Sowohl die Unmoral des Landadels, als auch die immens übertriebenen Vorstellungen von Geheimgängen sind immerwiederkehrende Motive in Volkserzählungen: Fluchtgräben unter dem Dom zu Naumburg oder zu Merseburg, unter dem Amtshof von Wittstock, unter den Gleichenburgen in Thüringen – sie enden immer kilometerweitweg, aber niemand findet jene sagenumwobenen Enden.

 

Als ich (von Herrn und Frau Graugans geleitet) vor diesem Efeu-Spuk stand, war Meat Loaf zwar der erste Gedanke, aber zu Hause kam mir noch ein zweiter in den Sinn. Hier der Vergleich:

 

 

  1. Die Schmiedekunst vom Schäfergraben oder bury me down by the river

Und last not least: Da war 2015 oder 16 eines Tages ein Foto im Internet und dabei stand jene tragische Entstehungsgeschichte dieses Kreuzes aus den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts, die mich an mittelalterliche Sühnekreuze für Todsünden denken ließ. Die las sich so ergreifend, dass ich mir vornahm: Wann immer du mal in diese Gegend dort kommen solltest – DA musst du hin! Das Kreuz am Schäfergraben will ich selber gesehen und fotografiert haben. 2018 hat es geklappt.

 

Und außerdem drängte sich mir auf: Wer über derlei Erinnerungen schreiben MUSS und das dann auch noch KANN, der muss ein Seelenverwandter sein. Das hat auch geklappt. Die Geschichte zum Bild steht (hier) im Graugansblog. Sie verführt zu dramatischer Ausschmückung. Aber manchmal schmerzt Kürze mehr als ein langer Sermon. Meisterwerke soll man nicht remaken. Man würde nur scheitern.

Riders on the glow (3)

Wenn du heute zum Beispiel nach Seebruck fährst, weil du an den Chiemsee willst und weil du vielleicht gehört hast, dass man von da auf die Inseln übersetzen kann, auf deren einer ein unvollendet gebliebenes zweites Versailles steht: Herrenchiemsee genannt, dann erwartet dich zwar ein beeindruckend großes „Binnenmeer“ mit beneidenswert schattigem PKW-Parkplatz und Segeljachthafen; Häusern so adrett, wie eben dem Reißbrett eines histophilen Architekten entsprungen (falls es sowas gibt und die nicht in Gänze heute auf diesen Führerbunkerbaustil stehen aka Kanzleramt Berlin) aber was dich eben NICHT erwarte,t ist die Aura der Jahrhunderte.

Wie ein übergroßer leerer Bluescreen liegt die Wasserfläche vor dir, die Alpen als „blaue Berge“ fast ganz in Luft aufgelöst.

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Es ist heiß im Juli 2018. Extrem für deutsche Verhältnisse. So fällt es leicht, auf die Suche nach der (vermutlich überlaufenen) Anlegestelle für die Touri-Fähren zu verzichten. In Massen zur Insel, mit eventuell ins Rund gebrüllten Informationen zum „Keenig“ und seinen Tagträumen vom „Königreich der Künste und der Phantasie“ und wieder zurück, verschwitzt, dehydrierend, lauwarme Selter aus dem Auto puzzelnd oder tödlich lange Sekunden zählend, bis der Kellner irgendeiner Stampa ein großes Tonic oder eine Rhabarberschorle serviert… Nä!

 

Romantischer als auf den PALMIN-Bildern würden eventuelle Fotos eh nicht aussehen. Eher wie eine nachgestellte Revolution: Volksmassen vor dem Schloss. Und Abendrot ist 12:00 Uhr mittags ja auch nicht zu erwarten. Also beziehen wir ein lauschiges Plätzchen am Strand in Ortseingangsnähe, versuchen uns in Tierfotografie mangels anderer Objekte und die Gedanken gehen via Leseerinnerungen und TV- Eindrücken auf die Reise.

Felix Dahn wurde mein Literaturpapst als ich 12 war. Mit 23 wurde er vom Thron gestoßen, weil ich Spielhagen entdeckte. Aber Vizepapst darf er ruhig bleiben. Ich hatte zunächst die in der DDR viel gelesenen beiden Bände „Herniu und der blinde Asni“ und „Herniu und Armin“ von Ludwig Renn gelesen und war begeistert. Also packte mir Vater eines Abends einen unansehnlichen dicken Wälzer auf den Tisch. Roter Lederrücken, graue Deckel, 900 Seiten; keine Bilder, alte Schrift.

„Wenn dir Herniu gefallen hat, dann guck mal hier rein.“

„Ein Kampf um Rom“ beginnt gleich ganz düster mit einer Verschwörung von 4 Helden, die ihr Volk retten wollen, da sie wissen, dass der greise Überkönig Theoderich bald das Zeitliche wird segnen müssen und kein geeigneter Nachfolger zur Stelle ist, um die schwierige Lage der Ostgoten in Italien meistern zu können. Die Düsternis packt mich mit der Erinnerung an die Rom-Hefte des MOSAIKs, die ich noch nicht selbst besaß, aber kurz zuvor im Krankenhaus kennengelernt hatte, mit voller Wucht. Einer der vier ist der alte Waffenmeister Hildebrandt. Seine Namensvettern geistern ja reichlich durch andere germanische Heldensagen…. Ich las mich fest, verschlang das Buch und glaubte jedes Wort.

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Ohne Worte.

Felix Dahn war in München geboren und aufgewachsen. Seine Kindheit war schwierig, denn er war privilegiertes Künstlerkind von Hofschauspielern, die jedoch aus Hamburg an den Hof im Süden gelockt wurden und somit Protestanten waren. Im stockkatholischen Raum ein Makel gleich nach Aussatz. Der junge phantasievolle, lernbegierige Religionsbastard war quasi zum Einzelgängertum verdammt und erschuf sich im romantischen Garten der elterlichen Villa bereits seine Scheinwelten. Geschichtsprofessur war somit eine Frage der Zeit, verbunden mit der Flucht aus Bayern nach Königsberg. In der Hoffnung nun im Schoße der eigenen Glaubensgemeinschaft angesehener arbeiten zu können, musste er erleben, dass er mitnichten an einen Ort der Freigeisterei gelangt war. Königsberg ging zwar mit Immanuel-Kant-Ruf hausieren, jedoch war das das einzige progressive Aushängeschild der dortigen Universität. Und wer sich in Kants Bio oberflächlich auskennt, der weiß auch, dass Kants Karriere beinahe gar nicht zustande gekommen wäre, hätte es nicht jenen ketzerischen Friedrich II. gegeben, den Philosophen auf dem Thron, der den „Heiden Kant“ in Ehren an der Uni wiederbestallen ließ, als ihn die Alma Mater bereits zum hausierenden Wanderlehrer degradiert hatte. Es war ein Ort des geistigen Drills, nicht des freien Gedankenfluges. Dahn wechselte nach Breslau und blieb dort. Schlesien(katholisch) aber zum evangelischen Preußen gehörend, gleichzeitig aber wegen der österreichischen Tradition zuvor sich angenehm unpreußisch gebend, ließ ihn Ähnlichkeiten zu Bayern empfinden, nur mit dem Unterschied, nun der herrschenden Staatskonfession anzugehören.

Auch hatte er Bayern nicht im Hass verlassen, sondern aus karrieristischer Klugheit. Was ihm ermöglichte, nahezu alle Urlaube „daheim“ im Münchner Umland zu verbringen. Er war nun ein gestandener Mann, ein Herr Professor, in späteren Jahren sogar ein Mann mit Vergangenheit, da er Theresa von Droste-Hülshoff heiratete, was in deren Familie eine Mesalliance und somit ein Skandal war. Sein wachsender Ruf als Autor kittete jedoch diese Kluft auf schönste, da er künstlerisches Potential aber keinen Adel einbrachte, während sie wiederum aus dem Hause der berühmten Tante Anette stammend, von Geblüt aber ohne eigene literarische Talente war und nun immerhin bei einigen Spätwerken als Ko-Autorin firmieren durfte.

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Samtliche Werke Poetischen Inhalts (1905)

Seinen sogenannten „kleinen Romanen“ stellt er gern ein Kapitel voran, in dem er über eine Gegenwartswanderung berichtet, bei der er auf römische oder germanische Hinterlassenschaften stößt, also setzt er sich dem Zeitgeschmack des 19.Jahrhunderts entsprechend auf einer Waldlichtung nieder und grübelt über die Tonscherbe, die verstümmelte Marmorinschrift nach und schläft ein. Im Traum entrollt sich dann das Rätsel des Fundes: Um das Jahr 384 nach Christus, zu Zeiten des Kaisers Kannixus II. befand sich hier, wo heute hunderjährige Eichen und Buchen ihre Wipfel breiten eine römische Siedlung…

So auch in „Vom Chiemgau“, einer Erzählung über eine der letzten Awarenschlachten, die deren Vordringen nach Mitteleuropa beendete. Er liegt als junger Mann im Boot. (Tamara Danz Feeling stellt sich beim Leser ein – „Liegen wir im Boot“ Horst Krüger Band 1975) das Boot wiederum liegt im Schilf am Ufer gegenüber der See-Insel, die früher mal ein germanisches Heiligtum war. Später christlich überformt durch einen Klosterbau. Er beginnt zu grübeln, wie das wohl gewesen sein muss, als hier das Christentum noch jung und die Lage gefährlich war. Er greift ins flache Uferwasser und lässt die Hand am Grund hinundher irren, bis sie etwas greift, was sich nicht nach Kiesel anfühlt. Er bringt seinen Fund ans Tageslicht und hält ein eigenartig geformtes Stück Eisen in der Hand: Von ein paar Rostkrusten befreit entpuppt es sich als Awarenpferd-Hufeisen.

Es entwickelt sich nun eine packende Geschichte über unausgegorene Verhältnisse zwischen Heiden-und Christentum, zwischen Odalingen, die die Furchenzieher verachten, während wieder die freien Bauern die Arroganz der Odalinge zum Teufel wünschen. Thing-Eklat. Ein Bürgerkrieg steht kurz bevor, ein fanatisierter wandernder Mönch will den Heidenkult der Insel schänden, da kommen die Awaren…

  1. Heiß. Nirgends Schilf, von meinem Standort nicht einmal ne Insel. Nur Bluescreen für die Phantasie.

Der 12jährige von einst ist älter geworden. Mit 22 erwarb er günstig die „gesammelten Werke poetischen Inhalts“ seines literarischen Vizegottes und hielt sie seither in Ehren. Jedes Wort wird längst nicht mehr geglaubt. Das Figurenensemble sind pathetisch sprechende, schablonierteTypen, keine Charaktere. Manche Kampfhandlung ist ähnlich heldisch übertrieben geschildert, wie Nahkampfszenen bei „Rambo“ oder in Russenfilmen. Die Treue halte ich den Schmökern trotzdem. Sie erzeugen ein Bild der Völkerwanderungsepoche und des frühen Mittelalters, wie es trotz allen Kitsches eben doch gewesen sein könnte.

Die Awaren sind wie Hunnen zuvor und Mongolen später eine asiatische Reitervolkplage des frühen Mittelalters gewesen.

Auch wenn sich Hungaria heute lieber über die Hunnen definiert, weil König Etzel/Attila irgendwo in der Puszta seine „Hauptstadt“ gehabt haben soll, sind die heutigen Ungarn doch eher Nachkommen der Awaren, die sich mit Stämmen des Umlandes vermischend in der Gegend hinter dem Balaton hielten.

Und so musste ich doch in mich hineingrinsen, als wir am letzten Abend in einer Gaststätte landeten, wo uns Chefe und junge, sehr attraktive Kellnerin mit stark „uhngorischem Ohkzent“ ansprachen. Wenn das der Dahn wüsste: Nun sind die Awaren doch fast bis zum Chiemsee vorgedrungen. Wenn auch in Hot Pants!

 

Riders on the glow (2)

Eine ältere Dame lädt zum 66. Geburtstag ein. Woran denkst du dann?

Tosca kaufen, eine Halbzentnerpackung Schnapsbohnen oder Mon Cheri dazutun und ab dafür: An die Geburtstagstafel zu Buttercremé-Torte und Schlagobers, empfangen von einer kleinen Dicken mit Perlenkette und dupiertem, graumelierten Kurzhaarschnitt. Ihr verwöhnter Zwergpudel oder Chihuahua röchelt dich feindselig an, wenn du gratulierst, dann festsitzen im Café „Haubentaucher“ und den gesammelten Wartezimmerinformationen der letzten 10 Jahre lauschen. Nachdem die Enkel Gedichte aufgestammelt oder Flötenstücke vorgefiept haben, wird getanzt, von denen die noch können, zu „Du kannst nicht immer 17 sein“ und „Oh mein Papa“ und früher oder später, während der Tanzrunden ist dann der Moment günstig für den Absprung – „Muss morgen früh raus….“

Soweit, so bekannt. So war’s mal. Way back in den frühen 70ern. Als Großmutter noch lebte und ihre Rommé-Runde alter Witwen.

Omis von heute allerdings würden dich glatt zwingen, die Tosca-Flasche auf ex zu saufen, bevor du unter dem Dauerfeuer deiner mitgebrachten Schnapsbohnen von Hof gejagt wirst. Der Zug ist abgefahren.

Wenn nun die Graugans zu so einem Event einlädt, dann kannste das eben Beschriebene erst recht komplett vergessen.

Eine Rock-Disco war angesetzt, wie weiland in den 70ern! Ein Scheunen-Woodstock? Das geht doch nicht! „Die goldnen Zeiten san vorbei“(STS)! Melancholisch blättere ich von Zeit zu Zeit in EMP-Katalogen oder starre an Zeitungswänden auf Beilagen im Sonic Reducer, Classic Rock, Eclipsed um herauszufinden: Welche Band lässt derzeit das schönste Logo auf T-Shirts drucken? Wenn ich 30 wär,‘ würde ich das noch bestellen. Und das. Und das. Vorbei. Ich alter Zausel kann doch nicht Reklame laufen für Rocker, die meine Söhne sein könnten! Und ein Kiss-Logo über der Plautze fährt auch nur noch Mitleidsblicke ein in Zeiten von Assi-Rap und Jammerlappen-Pop. Und jetzt sollen ein Bündel alter Leute da auf der Graugansfete sich einen abpogen? Hä?

Ich geb’s zu, dass da eine gewisse Tosca-Melancholie in mir aufstieg.

Denn hiermit sei verraten: Der Bludgeon und das Tanzen, dass isso ein Zusammenhang, der sich erst nach einer gewissen Grundalkoholisierung ergibt und selbst dann sind die laienhaften Bemühungen des Delinquenten nicht unbedingt Formationstanz kompatibel, sondern gewissermaßen als Hybrid aus anarchistischem Ausdruckstanzballett Harald Schmidtscher Schule und sehr abstrakten Latin-Dance-Rudimenten anzusehen.

Oder einfacher formuliert: Er kanns halt nicht.

Aber „drücken is’nich‘!“ Sinnvollere Geschenkideen waren dank reichlicher Bloggertrefferinnerungen leicht gefunden. Also hin da und überraschen lassen. Und – was soll ich sagen – die gelang vollkommen. Familie Graugans hat ja auch monatelang zuvor gerackt und geräumt, um Platz zu schaffen, Transparente zu malen, Futterage heranzukarren…

Kein Tanzsaal dieser Welt kann das schaffen, was ein spärlich beleuchteter, uriger Heuboden mit „Antik-Scheunen-Flair“ in einem ehrwürdigen, oberbayrischen Bauernhaus im Verein mit einer reichlichen Schar gut gelaunter Gäste so zu Wege bringt. Witzige, sich selbst auf die Schippe nehmende Kurzansprachen der beiden Gastgeber und des DJs (aka Riffmaster), sowie eine Art Hemmschwellenbeseitigung per Kennlernrunde der entkrampfenden Art und dann begann die Parade all der alten Heuler von einst: Steppenwolf, Scott McKenzie, Sweet, Animals, Puhdys, AC/DC, Jethro Tulls Locomotive breathte auch mal wieder los … wie in alten Zeiten. (Oder sogar besser: ABBA & BoneyM freie Zone!)  Schuldisco-Flashback und fast alles tanzt auch sofort!

Klar „mit 66 Jahren…“ musste sein. Bei DEM Anlass – und DEM DJ! Und „Schuld war nur der Bossannova“ gabs auch, war ja’n Jugendhit der Jubilarin. Seit in den 90ern dieser wunderbare gleichnamige Film lief, der Muriel Braumeister, Jürgen Vogel und Benno Führmann auf einen Schlag bekannt machte, mag ich den Song schließlich auch.

Beim 5. oder 6. Song macht Riffmaster eine Ansage, die mir entgeht, daraufhin stürzen sich Graugans und irgendwer noch auf mich und zerren mich auf den Tanzteppich: „Das is‘ Dein Song! Los!“ Okay. Rockhaus. Da kann man nicht Neinsagen. Also bemühe ich mich eben im Sound mitzuzucken.

Bei der Umschau gewahre ich, dass auch einige der anderen männlichen Anwesenden ähnliche Rhythmosleptiker sind wie ich und eh alle „auseinander“ bevorzugen. Erleichterung!

Und es ging ab: Whole lotta love, Smoke on the water, california dreaming, all right now! Letzteres traf DERMAßEN zu!

Dann wurde „In a gadda da vida“ angesagt, die Langfassung! Und Tanzdefizitator Bludgy hält durch! Tanzend zum elendlangen Drum-Solo. Mit der eigenen Frau und sie mit ihm! (Das hätte mir vorher mal einer prophezeien soll’n!) Die Fläche leerte sich nicht spontan aber zügig. Übrig blieben 5e, von denen eindeutig Zeilentiger am besten abschnitt. Er hätte sich auch Gre(a)t Palucca nennen können.

Schließlich, so zu roundabout mitternächtlicher Stunde beim Verabschieden noch ein finaler Kurzdialog mit dem Geburtstagskind:

Graugans: „Hatsdor g’falln?“

Bludgy (strahlenden Blickes): „Wie hast du DAS geschafft? Wieso hat DAS funktioniert?!“

Beim Blick zurück auf die erhellte Heubodentüre in stockfinsterer Nacht kam mir ein Lied ein:

„Theres a light over at the Frankenstein Place, theres a li-hight also in my tired Fa-hace…“

Ich murmle es vor mich hin auf dem Weg zum Auto. Töchterlein und Hund warteten (abstinent geblieben) auf den Abtransport der Alten. Ich machte noch Nachtaufnahmen vom „Frankenstein Place“ und wurde prompt verhöhnt:

„Papa macht Nachtaufnahmen! Mit Handy. Ohne Blitz! Klick. (Klopps vor die Stirn) Oooorrrr! Dunkel!“

Sie sitzt schon hinterm Lenkrad und grinst. Ich falle auf den Beifahrersitz:

„Wennd ahmol noch so haam kummst! Sammar gschiedene Leit!… there’s a light…over at the…mhm hm hm“.

Von der Rückbank kommt noch eine Stimme: „Das war ein schönes Fest!“

Die Chauffeuse startet den Wagen und das TomTom guidet uns sicher zur Unterkunft.

Schee woars. Schee!

 

Riders on the glow (1)

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen…aber manchmal überwältigen ihn die Eindrücke auch derart, dass das Erzählen nicht gelingen will. Also splitten. Trennen, was nicht zusammenpassen will.

Teil 1:

Urlaubsreise. Idlewild south. Auf der Route 66 vertikal durch dreieinhalb Bundesländer. Weltflucht in die süddeutschen Black Hills. Du fährst am heißesten Tag seit Beginn der Wetteraufzeichnung los. Ein Rekord, der am nächsten Tag bereits überholt wird und am nächsten wieder… Klar sollte man das Auto stehen lassen, aber gebucht ist gebucht, und zwar bereits Anfang April!

Die Alternativen sind erbärmlich: Inland fliegen? Kerosin verplämpern helfen? ICE fahren? Irreparable Climateregulation Error? Näääää. Lieber Schwitz on the Sitz of your own Rolling Rockpalast! Obwohl die Sache mit der Mugge wieder so ein Ding war. Läuft Musik, hörste die Warnungen des TomTomFlüsterers gleich gar nicht mehr. Klar, kann den auch auf laut stellen. Spar dir den Hinweis. Längst geschehn. Auf Standarteinstellung (halblaut) hörn den eh nur Fledermäuse und „volle Pulle“ isses ungefähr vergleichbar mit den tonlosen Jane Birkin Keuchern aus „Je taime“:

„Wonnongplü…Nach 300 Metern fahren sie in den Kreisverkehr und nehmen Sie die 2. Ausfahrt ….schüppüpürp!“

Dazu das Rauschen der Klimaanlage: hhhhhhhhhhhhhhhhhhh.

Dann aber das: Du überholst einen Brummi mit Hänger; genauer einen Viehtransporter. Schlachtvieh. Klar. Die Anzeige meines Armaturenbrettes sagt 32,5 Grad. Wetten dass es auf dem Hänger da NOCH wärmer ist? In der Enge! Das Hirn explodiert geradezu. Blitzgedanken en masse. Vom Schweine-KZ zur Schlachtbank! Kadaverstern! Heinz Rudolf Kunze. Die Würde des Schweins ist unantastbar! Reinhard Mey. Schindlers Liste und jener gnädige Moment, als Wasserschläuche auf ein paar Häftlings-Wagons gerichtet werden, die in sengender Sonne auf Abtransport warten. Auf Raststätten gibt es keine Schläuche.

Für mich ist täglich Treblinka, Soweto und My Lai

Für mich ist täglich Golgatha und nie der Krieg vorbeiiiii!

Auf der ersten Anti-TTIP-Demo in Berlin 2015, die gleichzeitig eine für Agrar-Wende war, fuhr einer einen Transporter mit einem lebensgroßen Schweinemodell in so einer engen EU-Norm-Stallbox auf dem Dach spazieren. Aufschrift:

Sperrt die Wahren Schweine ein!

Vegetarier sollte man werden. Aber das wird nichts. Dafür schmecken all die Steaksorten und Bratwürste, Hackepeter und Sülzen zu gut. Aber früher wurde mal im kleinen Schlachthof nebenan geschlachtet. Heute Aufzucht in Brandenburg und Schlachtung in Franken. Normal. Neoliberal rationalisierte Grausamkeit, wo du hinschaust. In Bezug auf die Tiere und in Bezug auf die Balkanhilfskräfte, die sie für Dumpinglohn ausweiden müssen. Bilder eines ARD-Dokumentarfilms drängen sich auf, der auf Youtube neuerdings verschwunden ist. „Das Geschäft mit der Armut“ hieß er.… Agrarwende tut Not! Mehr denn je! Nun erodieren auch die Böden. Sperrt die wahren Schweine ein! Wo bleibt „Bayer-Years“, die Coverversion zu Neil Youngs „Monsanto-Years“? Müssten ja Rapper übernehmen, denn Rock ist tot. Leider. Und Protestsongs nützen auch nichts. Man weiß zuviel und macht zu wenig, damit sich was verändert in „einem Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“. Die „Schulz-Story“ les ich grade, die lässt dich die Scharlatanerie und Leere greifen und erinnert an all das hohle Jahrmarktgedöns vom „weiter so“. Denn solange alle Nachbarn ärmer dran sind, ist ja alles gut. Nicht wahr?

Radio an: „In der Özil Debatte schaltet sich nun…“ Radio aus.

Musik an, Ablenkung muss her, sonst wird das nichts mit der Urlaubsstimmung! Christie McVie und Lindsay Buckingham wie 2017; das „Rumourfeeling“ von 1977 stellt sich ein von den „Dreams“ zu Schulzeiten, dem „own way“, den man meinte zu gehen, aufrecht mit dem Kopf unterm Arm(Neubauten-Text 1981; genial für mental geerdete Typen nach der Fahne), den „Second hand news“ auf die man hereinfiel mangels eigener Lebenserfahrung. „Gypsy“ der man „was“. Long long gone. Far, far away. Takeste eben den long way home. Du Supertramp du!

„…No I don’t wanna bring you down…“

Musikalische Streicheleinheiten. Erinnerungen an all die Regenfahrten im Sommer 2017. Inzwischen 34,5 Grad laut Anzeige. Damals war mein innerer Ferienfilm der von Spielhagens thüringischer Lebensetappe. Dieses Jahr bietet sich Felix Dahn an. Aber davon später.

Wir erreichen die A8 von München nach Salzburg. Wir sind gewarnt worden, aber noch rollt der Verkehr.Kommen gut vorwärts. Tiefergelegt ist die Kiste gepäcktechnisch wie von selbst. Drei Personen, auf dem 4.Sitz der Kofferturm und im Kombihintern der Hütehund. Dorthin kommt, wie wir learning by doing merkten, die Klimaanlage nur dürftig. Aber Töchter sind mitunter schlau. So öffnete sie die Durchreicheklappe in der hinteren Rückenlehne, damit Durchzug vom Gebläse der Mittelkonsole zum Hund gelangt und da dieser ein kluger Collie ist, steckte er zeitweilig sein schlankes Haupt gleich ganz durch die Luke: Das sichert Frischluft und Streicheleinheit in Einem.

Doch nicht Lassie.Und überhaupt: Mit Collie reisen heißt an jeder Ecke gesagt zukriegen, dass das Lassie ist. Hätten wir für jedes „Lassie“ 2 Euro genommen, wäre der Urlaub dicke bezahlt gewesen. Fährste zu so Massenattraktionen wie André Hellers Kristallwelten – sogar in allen Sprachen.

„Schaust? Doa is dor Lassie!“

„Cute Doggie, isn’t it?! Is it Lassie?“

„Chalamam cham-sham Lassie!“

„Jeu mer si Lassie bon!“

„Can I take a picture?“

„Lassie! Özdal emrek Lassie ember.“

„Quin’quai’quonimonny Lassienassa!“

Nur die armen Russen begnügten sich mit „Krassiwaja sabaka.“ (Ohne Lassie Hinweis!)

Zu diesen Kristallwelten nach Wattens/Tirol musste ich schon deshalb mal, da in meiner Musicjunkie-Karriere ein großes Loch klafft: Nie war es mir vergönnt, einen der verehrten Austropop-Heroen live zu erleben. Die Heinis trauten sich ja nie über den Main! Heller hat seine Musikerlaufbahn längst beerdigt, Danzer und Hirsch sind in den Ewigen Jagdgründen, Ambros leider kurz davor und STS mittlerweile auch schon Geschichte. Da muss eben irgendeine Art von Kompensation her: Im Falle von Heller – wenigstens mal eine seiner Installationen sehen!

Aber dort: Hunde verboten! Parkplätze garantiert schattenlos; Besucher mit Hund können diese in „Besucherboxen“ zwischenparken. Und wie das Gejaul bestätigt, machen davon auch einige Gebrauch. Ausgeschlossen sowas! Einer muss sich also opfern und dem vierbeinigen Familienmitglied die Treue halten. Und da das Happening inzwischen den Namen „Swarovskis Kristallwelten“ trägt, ist auch schon klar wer.

Könnten eigentlich gleich ein Schild anbringen: Ladies World. Oder so. Hund und Herrchen finden dann ein angenehm zugiges Plätzchen mit Sitzbank am Rande des Tickettempels neben ebenfalls wartenden Russen; allerdings am Touristenauftriebtrail all der Busladungen, die hier pausenlos ankommen: Eine Fuhre Ungarn, eine Fuhre Inder, Arabia und Asia ebenfalls reichlich vertreten; „The Bus is leaving in 90 minutes! Listen please! Only 90 minutes!“ Was deutschsprachig ist, kommt verkniffenen Gesichts vom kochenden Parkplatzschotter der Wohnmobile und PKWs gegenüber.

Es dauert. Ich lese, beobachte, lese, biete dem Hund ein bissl Wasser an, lese wieder, registriere die Rückkehr der Begleiterinnen der wartenden Russen: Echauffiertes Gerede über „Magasinn“ und „bolsche“- und „plocho“-irgendwas. Also vermutlich Aufregung über die Preise im Abzocke-Shop der Swarovskis. Dann die Rückkehr meiner Madames und siehe: Nirgends eine Swarovski-Tüte! Dickes Lob! Der Bericht über die Preise ist auch hier das erste: Ein Glasperlenhandel wie einst in Afrika. Vollkommen überzogen. Dann aber auch die Begeisterung für die „Sinfonie des Lichts“ und all die gesehenen Einfälle in den Höhlen.

Nun ja; Heller von außen. Ich war hier. Aber Autobahn vermieden und die „Alpenstraße“ genommen: Nach jeder Biegung wurde es schöner. Bergwelten eben. Die DEFA-Indianerfilmerinnerungen stellen sich ein. Berge, wie sie Bashon sprengte, um die Dakota zu vernichten. Aber Gojko rächte sich. Als weitspähender Falke. Damals. Klar – irgendwo in Jugoslawien gedreht. 1968. Aber hier wieder auferstanden. Wenn man all die Parkplätze, Seilbahnen, Gewerbegebiete wegschneidet aus den Fotos – dann reitet Gojko wieder.

Oid wuan samma. Oid.

Tür aaauuuf!

Oder: Prora-Klaps 3

Fehlstart in den Sommer. Dürre in Ostelbien. Gelbe Savanne, wo eigentlich grüne Wiese sein sollte. Nur 3 Nächte Regen seit Ende April. Andererseits auch keine Zecken dies‘ Jahr. Aber die Gartenwasseruhr tickt und tickt, damit mein kleines bissl Sitzeckenumrandung grün bleibt.

Were you drifting
On a strange tide?
Collecting visions
From the other side?
Caught between day and night
You were stealing moments past hours
of your life
And balancing on
The edge of a knife

Bruderherz macht wiedermal Urlaub in Binz. Yeahr! Das Arbeitssuch-Nachwende-Schicksal hat eine große räumliche Distanz zwischen uns gepackt, aber seine mehrfachen Rügenurläube (und meine Kurzbesuche dort) sind eins jener spärlichen, aber notwendigen Bänder zum Wiedersehen.

Memories of once longer days
They keep on flooding back
The adventurous times when we
traveled life’s road
Though we were often blind
But with a lot more heart
And for each other
Taking the time…

…für immermalwieder einen Tag am Meer, auf den Spuren von Caspar David Friedrich und voller Spielhagen-Assoziationen. Der muss hier in seiner Jugend des Öfteren langgeritten sein um 1840. In Einsamkeit; nur dann und wann eine Siedlung der Ichthyophagen streifend und unbewusst Eindrücke sammelnd, für spätere Romane.

(Die Suche nach der Herschelmann-Handtaschenkulisse bei Sassnitz erwies sich 2018 leider als erfolglos. Da ist also noch etwas übrig für die nächsten Male.)

Und dann ist dort eben auch noch Prora. Üble MSR-29 Erinnerungen einerseits. Andererseits die Plattendeals, die mich zur begehrten Kontaktperson werden ließen.

On a wing and a prayer
A wounded bird in the hand
With the eyes of a child
Come to understand…

…behütet und abgeschirmt im EOS-Alltag, mit verblasenen Theorien vom „neuen Menschen“ vollgestopft und lediglich in jugendlicher Provokationslaune auf den Punk-Train gesprungen, verabreicht dir die Fahne den wirklichen Punk, der sich daraufhin verfestigt. Jenes fischköpfige Assigesocks vom Diensthalbjahr über mir und die 10ender der Ränge Feldwebel bis Fähnrich, sind heute tot; oder doch auf dem strikten Weg in die finale Leber-Zirrhose. Aber damals gaben sie dir „einen mit“, wie man so sagt: Intensivkurs in Sachen Menschenbild.

Alptraum-Eiländ hab ich knapp 20 Jahre gemieden. Seit’98 war ich nun doch 4x in Prora. Am Verfall dort gesundete die Erinnerung mehr und mehr. Aber ein Baustein fehlte bis 2014. Zuvor hatte ich lediglich Außenaufnahmen vom Koloss machen können. Untenrum war alles vernagelt und vermauert. Aber dann:

2014. Julisonne. Frühzeitig gestartet, werktags, auf völlig freier Autobahn – da legte ich zum allerersten Mal die soeben erschienene und überall verissene „Heaven and Earth“ von Yes ein. Ein Soundbastard aus YES- und Supertrampfeeling. Glücksgriff. Genau das Richtige für eine Fahrt in die Vergangenheit um 1980. Und die Glückssträhne hielt: Diesmal war eine Hintertür zur ehemaligen Küche des 3. Bataillons offen!

ICH WAR DRIN! Lost Place. Aber ich kannte mich aus. Küche-Treppe-Stabsflur-Treppenhaus 3. Bataillon. Scherben und Kabelreste, demolierte Sicherungskästen, Geister der Vergangenheit, das Treppenschachtgebrüll des Stabs-UvDs:

„UvD Achte! Schick ma GuvDy sofort zum Staber!“ „Tür auuuuf!“ „EKs, wo seid ihr!….“ „Schnauze im Glied!“ „Faulickdenn? Gleich fälltn Schuss!“ „UvD Neunte! Hauptfeldwebel zum OvD!“

Knirsch und knax unter den Sandalensohlen. Tour de force. Meine Bude der ersten 6 Monate. Vorletztes Zimmer links im Schlauch. Schlauch und Piste – die Bohnerflure. Scheißhaus 3. Zug. Völlig zertrümmert. Hätt‘ ich glatt mitmachen wollen, so oft, wie ich hier putzen musste. Die Waschräume noch erkennbar. Dann ein Stockwerk höher: Die 2 Mann-Bude für Schreiber und Uralfahrer; und – – – ein Erinnerungsfehler: Wo die Spießbude war, hab ich verdrängt/verwechselt und versehentlich wohl eine von den Capo-Unterkünften fotografiert. Egal. Alles ratzekahl leer. Im Zustand des Verfalls. Graffitis allenthalben. Das sinnvollste in der ehemaligen Waffenkammer meiner Ursprungskompanie: Idiotencrew!

Ich nehme mir eine gute halbe Stunde Zeit, auch für das angrenzende ehemalige „Ledigenwohnheim“ unverheirateteter Sackies und den Med-Punkt. Und anschließend schwebe ich geradezu über all den Restedreck wieder durch die Küche nach draußen. Happy und erlöst. Mein Gedärm sieht das genauso – und so scheiße ich beim Abmarsch am Kdl (Kontrolldurchlass = Kasernentor) noch in die Büsche – eine buchstäbliche Altlasten-Entleerung. Frei.

I will open the book
Raise the pen
Let it re-invent
My life again
Take me from where I am

As a freed bird
Flies from the hand
To ascend, to ascend

 

2018 fahre ich geradezu euphorisch hin. Mit dem fast gleichen Soundtrack wie 2014, weil der sich bewährt hat: Yes, Asia, dann NDW-Goodies:

Ich lebte hinter Gitterstäben, dann kam sie, ich begann zu leben; dein kleines bisschen Leben – wird grade abgepackt; nun bin ich raus, nun steh ich hier; wie in Sodom und Gomorrah, wie in Babel und bei Noah; ich möchte ein Eisbär sein; die Traurigen werden geschlachtet, die Welt wird froh, die Alten werden geschlachtet, die Welt wird jung;, wir sind die letzten von 110, wir warten, bis die Zeit vergeht; unser Mann aus Bückeburg teilt soeben mit, der Agent der Gegenseite heißt Joachim Witt; du wirst tanzen wie ein Kind im Wind und dahin kommen, wo wir alle schon so lange sind: Ins Labyrinth!

Düstersongs aus der Zeit des unmittelbaren DANACH. Damals Fugenkitt der Seele. Trotzdem unterstützen sie nun meinen Frohsinn: Überwunden!

2018 gibt’s nichts mehr zu bewältigen. Als ich „meinen Block“ wiedersehe, hat ihn die „Entkernung“ ereilt. Ein Baustellenradio hämmert gerade „I can’t get no satisfaction“. Nojaaaa. Ich schon. Das kommende Schicksal auch dieses Teils des Koloss‘ offenbart sich im Anblick der angrenzenden bereits verkauft und vermieteten Feriendomizile.

Ich steh davor und weiß nicht: Stahlbetonruine. 3km lang. Abriss zu kostspielig. Arme Insel. Du hattest keine Wahl. Den unfertigen KdF-Bau vollenden oder wieder „Links zwo drei vier – ein Lied!“

Were you catching
The last train to nowhere?
Playing out scenes
Of dark desert days?
Put it behind you now

Was wissen die, die hier nebenan zum Teil schon Balkonblumen gießen, von der Vorgeschichte? Wollen die überhaupt was wissen? In unseren geschichtsvergessenen Zeiten, in denen angeblich nichts mehr eine Rolle spielt, was früher war?

Die Wände sind zwar alle neu und die langen Flure verschwunden, aber Fußbodenbeton und Zimmerdecke könnten noch erzählen:

Ist das hier etwa DER Block, in dem die Russen 1945 nach der Bodenreform die enteigneten Gutsbesitzerfamilien Sachsens und Thüringens internierten vor dem Abtransport nach Workuta? Wieviel Selbstmordelend mag sich dann hier ereignet haben? Oder war es „nur“ ein Block voller Pommern-, Ost- und Westpreußenflüchtlinge? Wie lange hausten die hier? Wer wurde hier wo vergewaltigt? Wer wurde hier noch „abgeholt zur Klärung eines Sachverhalts“ auf Nimmerwiedersehen? Aus welchem Fenster sprangen hier die meisten? Heulten hier die Hinterbliebenen auf zur Zimmerdecke und verfluchten Hitler, Gott und Stalin?

Und dann die laaaaange NVA-Phase:

Wieviel Schikane hat sich hier abgespielt? Wieviel Urin besoffener EKs und wieviel Blut aufgeschnittener Pulsadern von Leidensgenossen musste hier von „Glatten“ aufgewischt werden? Ist von deinem Ferienwohnzimmer aus einer nach „Schwedt“ ab-gegangen? Wieviele Flüche stecken hier in jedem Quadratzentimeter Zimmerdecke?

Möchte man in diesem Gebäude wirklich seine Mußestunden verbringen? Möchte man davon ein Stück kaufen?

Call out those bleak shadows from your mind
And never again
Slip through the cracks

Ehemalige KZler zieht es in die Gedenkstätten zur Selbstvergewisserung diesen Scheiß überlebt zu haben; Wehrmachtsveteranen bereisen ihre alten Frontabschnitte, wo sie litten, wo sie schweigen lernten, wo sie nach den alten Holzkreuzen suchen, die sie nicht finden, unter denen die Kameraden liegen, weil da jetzt unter Umständen Wohnblocks stehen, die es 43/44 nicht gab. Vertriebene bereisen Schlesien oder das Sudetenland auf der Suche nach idyllischer Erinnerung, aber auch im Kampf mit den alten Gespenstern aus den Tagen und Wochen im Frühjahr’45. Stasihäftlinge führen durch die Knäste der Ehemaligen in Cottbus und Hohenschönhausen und erzählen ihr Schicksal immer und immer wieder. Anfangs detailliert und ergreifend; mit den Jahren routiniert und mit immer mehr Kontextfakten verlangweiligt.

Und ehemalige Wehrpflichtige (ost) besuchen heute eventuell das NVA-Museum in Prora und möchten auf die Schaukästen kotzen: Schöne heile Wehrpflichtwelt!

Weder das „(KdF-)Dokumentationszentrum“ noch das „NVA-Museum“ werden der Geschichte des Ortes gerecht.

Also letztlich: Wozu das Ganze. Ist doch vorbei. Da vorn ist ein Andenken-Shop. Lets buy?

Die Dummen werden geschlachtet! Die Welt wird klug! (Grauzone)

Nee, leider siehts momentan nicht danach aus.

 

(Alle englischen Zitate: „To ascent“ – YES/2014)

Cooper 2018

Alle 47 Jahre sollte man es mal wieder mit Cooper probieren. James Fenimore. Nicht Alice.

Was man zwischen 11 und 16 hört, dass prägt einen ein Leben lang, las ich neulich mal. Was man in dieser Zeit liest aber auch.

ansiedlerErst Jugendbuch, dann Reprint-Ausgaben-Testung mitte der 80er, und schließlich Arno Schmidt Elogen immer mal wieder sorgten dafür, dass ich ihn nicht als bloßen Teenie- Bespaßer sehen lernte. Was seine Werke allerdings vor einem Dachbodenschicksal nicht zu retten vermochte. Bis neulich. Da holte ich ihn wieder zurück ins Bücherregal. Ich beschloss, den Sommer 2018 darauf zu verwenden, wenigstens „Die Ansiedler“ und „Die Prärie“ nun zum zweiten Mal zu lesen.

Denn Nathaniel Bumppo ist dort alt und mir geht’s ähnlich. Er galt lange Zeit als einer der fähigsten Macher seiner Sparte und mir gings ähnlich. Nun gerät er mit einer Welt aneinander, die nicht mehr seine ist. Und mir geht’s ähnlich. Er flieht in die unbekannten Weiten hinter den Appalachen. Und mir geht’s —- nicht so. Im Grunde bin ich da schon. In den weiten Ebenen. Zwischen (allerdings schwarz-bunten) Büffelherden in Begleitung eines alten Hundes; allerdings ohne Knarre. Und der eigene Nachwuchs redet westdeutsch:

An Weihnachten, in 2012, die Mütze/Brille/Kette angezogen … ÄCHZ!

Natty im Block. Im Blog. Ach, was weiß ich!

Arno Schmidt weißt darauf hin, dass Cooper allweil mies übersetzt wurde, wobei manche Pointe verloren ging. Andererseits kenne ich die Reprint-Ausgabe der deutschen Erstausgabe des „Wildtöter“ von Anno Tobak aus der Mitte der 80er: Weiiiiitschweifig ist gar kein Ausdruck. Die hab ich nicht zu Ende geschafft. Und ob die jede englische Pointe berücksichtigt hat, wage ich zu bezweifeln.

Also glaube ich, mit der mit60er Variante der DDR nach wie vor gut bedient zu sein. Den Buchschmuck finde ich immer noch 1a; wie einst mit 11 im Krankenhaus, als ich prompt versuchte auch so zu malen wie der Illustrator und dadurch begann plastischere Effekte zu erzeugen.

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„Die Ansiedler“ sind Coopers Erstwerk dieser Tetralogie. Die entstand binnen 15 Jahren relativ durcheinander. Als zweites Werk entstand „Der letzte Mohikaner“. Dann „Die Prärie“. Dann wandte er sich für längere Zeit Seefahrtromanen und politischen Traktaten zu. Schließlich kamen als „Spätwerk“ noch „Pfadfinder“ und „Wildtöter“ heraus. Die letzten beiden empfand ich mit 11 als die spannendsten. Gefolgt von der „Prärie“, weil Natty Bumppo dort den Handlungsort der deutlich später spielenden „Söhne der großen Bärin“ erreicht. Es schien mir deshalb eine Verbindung zu geben zwischen Tokei-ihto (Welskopf-Henrich) und Chingachgook (Cooper). Quasi eine Stafetten- Stabübergabe.

„Die Ansiedler“ kamen mir damals recht ereignislos vor. Und so ist es geblieben. Die „Handlung“, wenn man so will, ist philosophischer Natur. Bumppo und Chingachgook sind alt und leben unter Weißen. Beim Jagen kommen sie in Konflikt mit neuen Gesetzen. Bumppo sieht nicht ein, dass er sich an Regeln halten soll, die späteren Datums sind als seine eigene Ankunft hier vor Ort. Wem verdanken diese Schwätzer denn, dass sie hier sein können, wenn nicht alten Scouts wie ihm? Was also soll es ihn jucken, was diese Nachzügler alles mitbringen oder aushecken. Auch „der alte Indian John“, wie Chingachgook jetzt heißt, kippelt zwischen der Rolle des getauften Letzten seiner Art und altem „Wilden“ hin und her. Im Reden. Nicht im Handeln. Um sie herum gibt es eine Handvoll Nebenfiguren. Entweder lieblos gestaltet oder durch die Übersetzung verstümmelt. Eigentlich alles nur naive Idioten. Gut, das würde erklären, warum der heutige Amerikaner tickt, wie er tickt, aber ich glaube, dass das eine oder andere intelligente Kerlchen doch auch dabei gewesen sein müsste.

Es entsteht ein Figuren-Ensemble, dass heute, beim Zweitlesen seltsamerweise an „Chlochemerle“ erinnert: Bigott, dümmlich, primitiv, empathielos, wenn es um barbarische englische Bräuche wie Truthahn schießen geht. Okay, das hat es wirklich gegeben, wie Hahnenkampf, Hundekampf usw. aber es fehlt so etwas wie eine Identifikationsfigur, da einfach alle einen mehr oder weniger heftigen Schaden haben.

Am ehesten bleibt dann doch Natty Bumppo übrig. In seiner autarken Lebensweise erinnert er mich heute an Willie Nelson; der in „Storyteller“ auf VH-1 ende der 90er einen genialen Auftritt gemeinsam mit Johnny Cash hatte. Nelson erzählte, warum er es ein Leben lang vermied Steuern zu zahlen und welche Konsequenzen es hatte:

The Government has done nothing for me. Not for one single day! Every thing I own I worked for. Why I should do something for those fucking Millionaires of the Government? So they came one day. They take away my house, my guitars, especially my money. Everything I own. I was blank as an Hobo.

Aber dann, wenige Tage später hatte er alles wieder, denn zur Versteigerung hatte die Farmers Union landesweit aufgerufen:

Farmers all over the country! The inventor of FARM AID needs you now!

In the middle of the 80s everyone was talkin‘ about the struggle for life in Africa. No one was talking about the crisis of our farmers. So I phoned some friends. Together we invented Farm AID. We saved a couple of families from ruin.

Nun kauften die Rednecks und Stoppelhopser coast to coast and border to border Nelsons Habseligkeiten auf und ließen sie dort, wo sie waren – bei ihm.

Bumppo wird in den „Ansiedlern“ öffentlich für einen Tag in den Block geschlossen. Wegen einer Lappalie. Richter Temple geht es um die „Gleichheit vor dem Gesetz“. Einem Gesetz, das später in die Gegend kam, als Natty Bumppo. Er ist noch nicht ganz 70. Kerngesund. Aber die Welt um ihn herum hat sich verändert. Nicht zu ihrem Vorteil, wie er findet. Er hat keinen Einfluss, daran etwas zu ändern. Nicht er und nicht Chingachgook regeln hier irgendetwas, sondern Richter Temple und sein dussliger Cousin, den der zum Sheriff ernennen ließ.

Chingachgook hat sich aufgegeben. Er beschließt auf Indianerart zu sterben, sich einen Punkt auszusuchen, auf den er sich zurückzieht, um auf den Tod zu warten. Indianer können das, wird oft erzählt: Sie verweigern Nahrungsaufnahme, versenken sich in sich selbst, starren auf einen Punkt, bis das Herz aufhört zu schlagen.

Festus Haggan (aus „Rauchende Colts“; ARD frühe 70er) findet so einen völlig apathischen alten Mann in einer Höhle und will ihn am Leben halten. Er nimmt ihn mit in die Stadt, wo der Indianer angefeindet wird und weiter reglos im Saloon in einer Ecke hockt. Am Vormittag ist niemand in der Kneipe, aber unter dem Thresen steht ein Kinderbett mit einem kranken Mädchen, das im Fieber fantasiert. Da niemand da ist, springt der Indianer auf, nimmt das Kind und taucht es draußen in die Pferdetränke. Kaltwasserschock zur Fiebersenkung. Er rettet das Mädchen, soll nun aber gehenkt werden, weil der Plebs der Meinung ist, er habe es töten wollen. Festus merkt, dass es SEIN Fehler war, ihn mit in die Stadt zu bringen. Er bewahrt ihn vor dem ehrlosen Gehenktwerden und bringt ihn zurück zu der Höhle, wo er ihn fand, damit der unterbrochene Sterbevorgang seinen Lauf nehmen kann.

Chingachgook ist in den „Ansiedlern“ auch soweit. Sucht sich seinen Platz und versenkt sich in sich. Ein Waldbrand kommt ihm in die Quere. Wildtöter versteht, dass Motivationsparolen nicht helfen würden. Damit sein Freund nicht bei noch lebendigem Leibe verbrennen muss, packt er ihn sich auf den Rücken und trägt ihn aus der Gefahrenzone. Bumppo = Festus.

Der Freund ist somit unversehrt gestorben. Der Hund ist alt. Die Gegend wird fremd und fremder Tag für Tag. Bumppo geht. Als Christ kann er keinen Selbstmord begehen. Er streunt ziellos los. Über die Appalachen – in „die Prärie“. Es ist ihm bewusst, dass er zwischen den Stühlen sitzt. Er will keinen Treck mit Weißen in die Jagdgründe neuer Stämme mehr führen. Aber solche Trecks kommen auch ohne sein Zutun. Jeden Tag aufs Neue. Er trifft auf sie, ob er will oder nicht. Und er wird auch mit 80 noch in ihre Händel hineingezogen. Vorübergehend kann man Strolche daran hindern, die Welt noch schlechter zu machen. Aber es sind Pyrrhus-Siege. Manitous Welt versinkt. Eine Vermittlung zwischen Kulturkreisen… (listen to Marillion „FEAR“.)

 

Manchmal bekommt man mit, wie sich ein Schalter in einem selbst umlegt. Ich glaube, ich werde alt – und es steckt allerhand Natty Bumppo in mir.