Gunters Ankunft

Neulich waren schwere Unwetter über Deutschland. Vermutlich, weil ER mit dem Truck im Jenseits ankam und gemäß seines späten Lebensmottos „nie wieder wart ich so lang“ an der Himmelstür aufs Bremsen verzichtete.

Hey Boss…

…so sprachen sie sich in Western- und Ganovenfilmen an. Humphrey Bogart-Sprech. 1973/74 gab es noch keine Verenglischung.

Im normalen Leben waren Chefs noch „Chef “ oder eben „Herr Soundso“.

Kleine Dakotas lernten damals (mitten im Pubertätswirbel der 7. Klasse) allerhand mehr oder weniger Wissenswertes über Ausbeutung und Arbeiterkampflieder. Weshalb auch zur Sprache kam, ob jener Schlagersänger da „drühm“ nicht ein modernes Arbeiterkampflied geschrieben hätte. Sie erfuhren darauf hin, dass das keins sei, da der Ausblick auf die Revolution fehlen würde.

„Hey Boss, ich brauch mehr Geld“ sei nichts anderes als Bettelei.

Wir sangen‘s trotzdem. Bei uns kickte die herrlich despektierliche Anrede „Hey Boss“. Andere Anleihen bei der Siegersprache sollten folgen und den Alltag erobern:

„War gesdorn beim Doc. Hior is dor Grangngschein.“

Er fuhr den „30 Tonner Diesel“ und die „Intercitylinie Nr. 4“ machte ungefähr zur selben Zeit auch allerhand aus ihm, aber keinen Star auf Dauer.

Zunächst aber schon, denn wir besaßen mehrheitlich noch keine Tonbandgeräte, wussten, dass es mal einen Jimi Hendrix gegeben haben muss, aber kannten von dem keinen Ton; feierten Slade und Sweet, aber verstanden keinen Vers – da war der derbe Gunter schon ein hilfreiches Testosteronmahnmal, dass zitierfähig die coole Richtung vorgab.

Kurze Zeit später hatten wir dann Bandmaschinen, lange Mähnen, breite Gürtel und ebensolche Uhrarmbänder. Die Englischkenntnisse machten Fortschritte. Es reichte zum phonetisch exakten Mitgrölen der Slade-Refrains – und Gunter verschwand „unter (seiner) Decke“ und als Hilfstexter für Juliane Werding, der er mit jenem plumpen Emanzensong nach „Conny Kramer“ und „Kindern des Regenbogens“ ihren Anschmacht-Göttinnen-Status gleich mit ruinierte. Nun war sie nichts weiter als eine plauzige Deern, die auch gar nicht mehr so feenhaft aussah, als sie mit jenem Schenkelklopferstomp in der „Aktuellen Schaubude“ auftrat. Gunter war DURCH.

Und dann das:

seine Beste

 

3 Typen meines Alters sprachen 2009 den abgewrackten Dauer-Tourer auf einer Raststätte an der A3 eines Morgens an, gaben sich zu erkennen, dass er der Held ihrer frühen Musiklaufbahn gewesen sei und sie hätten da so eine Idee, deshalb solle er doch mal in ihrem Studio vorbeischauen. Das tat er – und machte dort seine verdammt beste Platte!

Plötzlich war er wieder wer. Texte von aller erster Güte, die diesmal mehrheitlich nicht von ihm selbst sind, Arrangements, die weeeeiiiit weg vom bisherigen DumpfbackenKanntrie verortet werden können, sehr kluge Auswahl der Covervorlagen, BossHoss als Duettpartner (damals noch nicht als Castingshowjuroren verschlissen!), das Vorbild der american recordings von Altvater Cash keine Sekunde verleugnend – sondern stimmig ins Deutsche transferiert. Das Feuilleton jubelte. Er stand kurz vor dem Abheben –

zu German Recordings Nr. 2-4 hat es leider nicht gereicht.

Der Lemmy Kilmister des deutschen Schlagers is gone. An seinen Nachruf dachte er vorsorglich selbst:

Das kalte Herz…

Das kann doch nicht sein, dass unter Bloggern niemand einen Nachruf auf den „Vater der Einheit“ zustande kriegt? Bloß – mir will’s auch nicht gelingen. Heucheln will ich nicht, da werden dieser Tage bereits alle Rekorde gebrochen. Anklagen kann ich nicht, denn – wenn‘s auch schwerfällt, es zu gesteh’n – ich verdanke ihm die Rettung vor reformerischen Abenteuern durch weltfremdes Wende-Personal in einer bestehenbleibenden DDR. „Angekommen“ bin ich jedoch auch wieder nicht…

Sie merken schon – es wird kompliziert:

Sein Wähler war ich nie. Aber das behaupteten ja schon alle – da war er noch an der Macht.

In jener alles verändernden Novemberwoche war mir der 4. November wichtiger als der 9. – und damals stand ich mit dieser Meinung NICHT allein. Das Verschwinden der DDR konnten wir Mauerjahrgänge uns nicht vorstellen, das Verändern schon. Erst im Nachhinein zeigte sich, dass diese Utopie in endlos glückloses Gewurstel geführt hätte. Schau in die ehemaligen Brudervolkstaaten heute! Kohls Weg brachte Zuckerbrot und Peitsche: D-Mark und Arbeitslosigkeit. Und die Dödel, die vorher immer herumgenöhlt hatten „Wer orbeidn will, findet ooch welche!“ und „Nur mit Gohl geht’s uns wouhl!“ saßen plötzlich als erste auf den Wartebänken schnell wuchernder Arbeitsämter und trösteten sich mit Vicky Vomit „Ich brauche nur zweiorlei! Orbeidslous und Spaß dobej!“

Das mit dem Wirtschaftswunder Ost war dann wohl nichts.

Straßen und Dächer wurden trotzdem schnell schick. Die Firmengründerei boomte und brach in etwa genauso schnell wieder ein wie 1871-73. Nach dem Ende der Existenzgründer-Schonfrist kam das große Jammern der Pleitiers: Und somit die Rückbesinnung auf den Ost-Blues. Gestern noch Möchtegern-Undornämor, heute Sitzplatz zwischen deinen Ex-VEB-Kollegen, die die Pleitemach-Erfahrung ausgelassen hatten, im Arbeitsamt.

Wenn aber „dulden“ und „machen“ gleichermaßen nichts bringt – dann wird’s über kurz oder lang gefährlich, auch für die, die bisher noch nicht Bekanntschaft mit dem Wartegestühl der inzwischen „umgelabelten“ Arbeitsagenturen machen mussten.

Eierwurf! Halle (an der Saale). Bar jeder Einsicht: Rote-Socken-Kampagne der CDU und – nun erst recht – traumhafte Wahlergebnisse für die PDS im Osten.

Im Übrigen: Keine Lust auf Parteienpartizipation im Ost-Volk. Das politische Bewusstsein ähnelt immer noch dem großen Abwinken in der noch jungen Adenauerbundesrepublik in den frühen 50ern. Nur mit dem Unterschied, dass diese fehlende Mitgliedsbereitschaft heute nicht mehr nur unpolitische Untertanenrestgesinnung ist, sondern vorausschauende Selbstrettung:

Was soll ich mir den Arsch breit sitzen in Gremien, die eh nichts bewirken.

Jeder schleppt seine Bevormundungserlebnisse aus den 90ern mit sich herum. Jeder andere. Aber jeder hat welche. Inzwischen ist viel geschrieben worden, auch über die Fehler der Einheit. Aber inzwischen sind wir eben auch kein Leseland mehr.

Der Name Kohl stand für all das nassforsche CDU-Gequatsche und Abgewatscht-werden in den 90ern.

Schäuble, Rühe, Waigel und wie diese Sym-Paten alle hießen – da war man froh, dass die wenigstens im Westen wohnen blieben und nur ihre Staatssekretäre schickten.

Dumm nur, dass die Gegenseite letztlich auch nur einen hannöverschen Blender hatte.

Der Lernpozess im Nachgang ließ erstaunen: Während Blüm-Geißler-Kohl in den 80ern noch sozialdemokratische Familienpolitik betrieben, gebärdete sich der Genosse der Bosse wie der wiederauferstandene Marinelli aus Lessings „Emilia Galotti“: Allzeit bereit, seinen Auftraggebern die Hindernisse aus dem Weg zu schaffen.

Ich begann Wahlentscheidungen zu bereuen und Blüm zu vermissen.

Kohl? Nicht.

Aber zwei Bilder werden bleiben. Das eine ist jene geniale Bildkomposition vom alten Kohl im Rollstuhl vor dem offenen Brandenburger Tor. Die Sonne steht TIEF! Die Schatten sind LANG. Vom Tor und vom „Vater der Einheit“. Der wird demnächst  zukünftigen Geschlechtern als der „Maueröffner“ gepriesen werden. Erinnern wir uns an Bismarck: Erst unrühmlicher und herbeigesehnter Abgang – dann Glorifizierung posthum.

Das andere ist jenes Terrassen-Foto vom Wolfgangsee (ca .‘74) Familie Kohl im Urlaub:

 „Kohl war die personifizierte überdurchschnittliche Durchschnittlichkeit.“

schreibt seine englische Biografin Patricia Clough dieser Tage in der ZEIT und öffnet mir damit eine Tür zum Verständnis, weshalb mich DIESES Foto all die Jahre, wann immer es veröffentlicht wurde – kriegte. Ich kenne es schon lange. Sehr lange. (Christian hatte einen Stapel alte STERN-, Quick- und SPIEGEL-Zeitschriften):

2 Söhne mit vorpubertärem „etwas länger“- Haarschnitt; der ältere in Lederhose MIT GÜRTEL! Das war damals wichtig! NICHT mit diesen Seppl-Hosenträgern! Sie lächeln mit den Eltern in Urlaubslaune um die Wette. Fotos, wie sie jeder kennt – aus seinem eigenen Fotoalbum. Walter und Peter Kohl sehen aus wie Bludgy und sein zwei Jahre älterer Cousin damals. Beide Väter haben jedoch keinerlei Ähnlichkeit mit dem hier noch mittelalten Helmut Kohl. Wohl aber kenn ich Väter, die so aussahen und die sich ähnlich poltrig gaben. Ich hätt‘ nicht tauschen wollen. Mutter Hannelore – ihre Lebenstragödie ist heute bekannt. Heute empfinde ich Mitleid. (Und Hochachtung vor Walter Kohl wegen seiner Autobiografie, mit der er hier auf Lesereise war.) Früher war sie das nicht. Vor ihrem eingemeißelten Lächeln grauste mir. Ich hatte Lehrerinnen mit diesem Gesicht!

Vater und Mutter passten also nicht – aber beiden Jungs fühlte ich mich eigenartig verbunden. Sie waren Teil eines Fotos, das den Alltag schönte, wie das alle Urlaubsfotos tun. Ihre Eltern präsentierten sie, wie das viele Eltern tun. Sie hatten unscheinbare Karrieren vor sich, die sie im Alltag verschwinden lassen würden. Aber: Sie sahen damals aus, wie du und ich, wie der deutsche Durchschnitts-Teenie eben aussah, der lieber der 5. „Mann“ von Slade oder einer von den Cartwrights gewesen wäre, dabei war man nur – „das dritte Kind“ – vom Kohl?

 

Wir 78er (III)

Die kleine Regenbogen-Revolte bekam 2 oder 3 Tage später eine Fortsetzung. Am Abend vor dem sonntäglichen Festumzug, bei dem wir 11.Klässler ausersehen waren in historischen Uniformen die preußische Besetzung Naumburgs zu mimen, sollte es ein Doppelkonzert geben: Auf dem Marktplatz spielen City (zur Ablenkung der Massen), denn auf der Regenbogenbühne am Rummel spielten zeitgleich „Karussell“. City hatten gerade ihren Überhit „Am Fenster“ und eine erste LP draußen. In den 70ern waren sie ein klassisches One-Hit-Wonder, denn der Rest ihres damaligen Schaffens war für mitdenkende Musicjunkies schwer erträglich. Gut wurden die erst in den 80ern. Aber die würden wegen ihres Hits sicher Massen ziehen. Dann bricht auf dem Rummel nicht die Revolution aus, wenn – die Renft-Erben auftreten.

Lebe nicht hinter Glas

Lebe die Welt macht Spass

Lebe und lass dich sehn

Im Geschehn.

Es hatte sich per Ost-und Westradio herumgesprochen, dass es die Ex-Renftler Peter „Cäsar“ Gläser (git) und Jochen Hohl(dr) in eine neue Band geschafft hatten. Somit war die Renftgitarre wieder da! Pannach und Kunert saßen im Knast. Klaus Renft war bereits im Westen. Monster und Pjotr waren wieder „normal berufstätig“…

Die ersten musikalischen Erzeugnisse der neuen Band klangen überdeutlich nach Verbotsverarbeitung, wie oben der zitierte Song „Lebe“ ,der es wohl deshalb auch später nicht auf die erste LP schaffte.

Das zweite Ding war „Autostop“. Eine Kunden/Tramper-Hymne. Spießerkritik in der Tradition von „Zwischen Liebe und Zorn“ und „Trug sie Jeans“, vorausgesetzt, man kannte sich im nun verbotenen Erbe aus.

Jedoch der unglaublichste Knaller war:

Ehrlich will ich bleiben

Ehrlich will ich sein

Lieder will ich schreiben

So wie ich sie mein

Lügenmale stehen keinem zu Gesicht

Mir nicht, dir nicht,ihm nicht, ihr nicht – UNS niiiiiicht!

Der Song war kurz vor dem Auftritt im Saaletal in der Tippdisco auf Stimme der DDR vorgestellt worden. Die Sendung hörten alle Musikabhängigen in meinem Umfeld, weil sie mit Neuvorstellungen und Wunschecke begann, einen (West-)Oldie der Woche spielte, einen Beatles-Oldie und dann erst die „Wertungssendung“ mit lauter Osttiteln, die man sich sparen konnte, denn das Sammelsurium, was sich dort ergab, klang in seiner Mischung so elend wie all die heutigen Ostrocksampler. Die Sendung kam freitagsabends und Samstag war damals noch Schule.

Stefan empfängt mich grinsend: „Gestern Tipp-Disco jehört?“

Ich wusste gleich, was er meinte: „Or, ich dachte mein Schwein pfeift. Brechn se glei’die Sendung ab?“

„Ich wunder’mich ooch, wie das durch de Zensur gerutscht is‘.“

„Nächste Woche doch ma die „Wertung“ durchhalten, obs sich blazierd hat oder obs glei wüddor untorn Debbich is.“

„Wenn die so weidor machen, machnses nich‘ lange.“

„Ob dies ma zu ner LP bring?“

„Schon dor Bandname steht für verordneten Stillstand!“

Nun also: Samstagabend, Vogelwiese –

Hier sind Karussell aus Leipziiiiiig!

Im Gegensatz zu Regenbogen wirkten die Herren wie alte Männer: Mähnen, Bierbäuche, Bewegungslosigkeit; bis auf einen blonden Kurzhaarigen, der irgendwie keine richtige Funktion zu haben schien, der stakste mit Tamburin von einem Mikro zum anderen und sang die Chorusse mit, gab ansonsten jedoch nur ein-zwei Blödelkommentare von sich und forderte zum „say yeahr!“ auf.

Der Raum vor der Bühne: Zugewachsene Kuttenträger, ca 200; reichlich spürbare „Vorglüheffekte“ machten sich bemerkbar. Mitten in diesem Kundentreffen wir 2 Punkerlein mit kurzem Haar, die momentan gerade die Macke hatten: Wir flippen nicht, wir klatschen wenig, wir sind still begeistert. Reinhard Mey hatte kurz zuvor in einem TV-Interview zum Besten gegeben, dass sich ein Journalist auf den einzigen Nichtmitklatscher gestürzt haben soll, weil er Negativmeinung sammeln wollte – und siehe, jene graue Eminenz da in der ersten Reihe erwies sich als BEGEISTERT!

Mit diesem Plan im Kopf sollte man jedoch nicht auf ein Konzert der Erben Renfts gehen, wie sich zeigen sollte.

Sie begannen mit eigenen Songs und internationalem Kram, wie ihn damals viele spielten: Davy’s on the road again….gääääähn; die Earthband hatte ich langsam richtig satt…Heart of gold…okay…Carryon/find the coast of freedom…hat ein Geschmäckle, wenn es ein gerade erst wieder erlaubter Musiker singt! Dann ohne alle Vorwarnung „Mama! Du meine Mama!“ Der Jubel des Publikums brach erste Hemmschwellen: „Reeeeeeenft! Das is Reeeeeenft!“

Renftns „Mama“ ist an und für sich nicht gerade ihr umwerfendster Song, jedoch wenn Cäsar zu der Zeile kommt „und Vater kommt nie wieder, nie wieder , nie wii-hi-deeeeeer“ – wer denkt da nicht an Klaus, der schon weg war. Der Entdecker-Papa, der seine Mitstreiter allesamt aus dem Nichts gezogen hatte, bevor sie dann in andere Bands wechselten: Hans-Jürgen Beyer, Michael Heubach, Jürgen Matkowitz und eben Cäsar…

Ab „Mama“ forderte das Publikum nun: „Cä!Sars!Blues! Cä!Sars! Blues!“ Dem Wunsch wurde nicht entsprochen.

Bass-Solo. Die einzige Truppe, die sowas tat. Langggggg— aber geil. Dann kommt der Drummer wieder auf die Bühne – zu zweit wird’s eine viertelstündige Session. Da Claus Winter am Bass so aussieht, wie der eine von zwei Drummern bei Dickey Betts im Rockpalast gibt es Assoziationen zuhauf. Die Kunden versuchen phasenweise mitzuklatschen; zwei-drei singen Cäsars Blues an, da die Meister auf der Bühne dies ja nicht zu tun gedenken, Flachmänner kreisen, Biergläser gehen zu Boden…die Band kommt nach und nach wieder auf die Bühne. Cäsar hat wie immer die Gitarre gleich unterm Hals hängen und markiert ein paar Handgriffe, als wollte er sie stimmen.

„Cä!Sars!Blues! Cä!Sars! Blues!“

Er grinst ins Publikum

„Cä!Sars!Blues! Cä!Sars! Blues!“

Er greift in die Brusttasche seiner Jeansjacke, aus der die Mundi lugt.

Publikumsorkan: Jaaaaaaaaa!

In dem Moment singt der Kurzhaarige am anderen Mikro an:

„Auf der Wiese haben wir gelegen! Und wir haben Glas gekaut…“

Gelächter, Buh-Rufe, „Falsche Wiese, du Spast!“ Auf Vroni Fischer Gesänge ist hier keiner scharf.

Cäsar bremst den Tumult durch ein kurzes „Na,na!“ Die Mundi erreicht die Lippen und der Veitstanz bricht los: John Mayalls „The breeze“, hektisch, deutscher Text, Arme nach vorn, Kopf runter, beim Klatschen den Rhythmus finden und flink von einem Bein aufs andere treten, so als wäre gerade kein Klo in der Nähe. Was solls, zu unseren Füßen hat sich inzwischen eh Bierschlamm gebildet.

„Wie ein Krokodil auf der Regenwiese….“ Die richtige Wiese war gefunden.

Die kennen auch wir Renftanfänger. Unvorstellbare Rempelei. Der pure Pogo, denn jeder Kunde beanspruchte für die ausgestreckten Arme ja nun einen Quadratmeter, der nicht da ist. Da war das nix mit stoischer Reinhard Mey Konzertbesucherpose: Klaps von hinten, Stoß von vorn; plötzlich waren wir allen im Weg! Mal fängt mich Udo, „Pagge dich nich in de Brühe!“ mal Christian,“Abtauchn is nich!“, dann geht’s ihnen selber so; schließlich zappeln wir alle mit. Überall am Boden diese dickglasigen Volksfestbierhumpen, die nicht kaputtgehen, dich aber zum Stolpern bringen, weil du sie im Gedränge nicht siehst und eh gebannt in Richtung Bühne starrst.

Die letzte Liedzeile „… ging ich ohne Gruuuuuss, dahas wa-harr – mein Bluuuuuuuues!“ Frenetischer Jubel. Nicht mehr steigerbar? Cäsar selbst klatscht sofort zwei-dreimal hinein ins Chaos und singt an:

„Unsre LPG hat hundert Gänse…“

Mehr ist nicht nötig. Die Masse greift lachend auf: „und ein Gänselieschen das ist meins!“ Besoffene Fischerchöre on the run – oder so ähnlich!

Cäsar: „Jeden Morgen ziehn sie auf die Wiese!“ (Hand ans Ohr)

Die Masse folgt „hundert Gänse und die Hunderteins“

Das nächste Volkslied. Sozialismusverarsche, wegen der Pointe am Schluss; komplett als Frage-Antwort-Spiel. Inzwischen stehen die FDJ-Kreisleitungsbonzen wieder am Zelteingang rechts neben der Bühne und observieren. Einer von ihnen ist ein frisch geschasster Lehrer unserer Schule. Der kennt uns. Sein Abgang geschah unter mysteriösen Gerüchten, nun steht er da und sieht der halben 11b beim Flippen zu. Heikel, heikel. Aber egal. Sollers doch melden:

„Kader von morgen unter Hippies von gestern.“ Punk ist, wenn man trotzdem lacht!

Es wurde ein Renft-Fest. Drei Jahre nach dem Verbot. Dem Gänselieschen folgten noch weitere Evergreens der „glorreichen Sieben der DDR“ und mitten drin Karussells „Welt im Sand“. Ein Dissidentenfest. Glotzt nur, ihr da rechts am Zelt!

Links hinter mir hatte ein Kunde seinen Kumpel auf die Schultern genommen und der schrie laufend „Reeenft! Leute! Das is alles von Reeenft!“ „Is juud meinor! Brichdor nich de Löffel da ohm!“ Wollte ihn jemand hinter mir besänftigen.

Er ließ sich nicht beirren. Cäsar hatte gerade den „Wandersmann“ angestimmt, da brüllts links hinter mir wieder: „Von der ersten LP, A-Seite!“ von nun an kamen zu jedem Song die LP-Angaben von ihm.

Er musste es unbedingt loswerden. Dann fiel ihm auch noch ein, dass er da was in der Tasche hatte: Die beiden hatten sich neben mich gedrängelt und er hatte inzwischen einen relativ kleinen roten Lappen entknüllt und wie ein Transparent über den Kopf gehalten: RENFT stand da mit blauem Filzer mehr gekliert als geschrieben zu lesen. Er schwankte immer bedrohlicher. Die Stimme von hinten war wieder zu hören:

„Ey Gunde! Nimm den Vochl rundor, bevore sich leechd!“ Aber jener seltsame Suffi-Zentaur hielt durch!

Dann folgte „Ehrlich will ich bleiben“, der damals neueste Song von Karussell. Kunden hören kein Ostradio. Das war nun zu spüren. Die kannten den nicht und horchten nun mächtig auf, als ihnen sehr gut verstehbar der Text des neuen Liedes um die Ohren flog.

„Ohohohoho! Horch hin ey!“

„Die machen voll so weitor!“

„Das is ooch von Renft!“

„Spinne nichrum! Cäsor hods graahde erklärd!“

Dann kam der würdige Abschluss des Unerhörten. Das Besänftigen der Meute:

„Wer die Rose, wer die Rose ehrt

Der ehrt heutzutage auch den Dorn

Der zur Rose mit dazugehört…“

Die erste Übernummer, die von Renft‘71 ins Radio kam, und die auch Hit des Jahres wurde.

Harmonischer als beim Gänselieschen sang noch einmal alles mit:

„Ein!Mal!Wirft sie ihn aaaaab!

Einmal wirft sie ihn aaaaab!

Das wird sein, wenn’s sein wird

und Mensch ehrt den Me-henschennnn.“

Die Feierlichkeit ging durch Mark und Bein. So gesungen hatte es den Anschein –  DIES – sei die eigentliche Nationalhymne des Ostens!

Jubel, Zugabeklatschen, — vergeblich. 22:00 Uhr. Im Unterschied zu Regenbogen hielten sich die Siegelbewahrer des Andersseins an die Spielregeln.

Befreudentränt standen wir zwischen den Bier- Lachen, als sich das Publikum verlief. Adrenalin in jeder Pore. Das war voll Renft! Und niemand war eingeschritten! Das konnt‘es doch nicht geben! Aber wir hatten es erlebt!

Schnitt.

Neulich bei Udo im Garten. Das Gespräch kommt auf alte Zeiten:

Er: „…und Renft! Hammor oalläs jesähn, damals of dor neunhunnordfuffzschjoahrfeior!“

Ich: „Hä? Da warn die schon 3 Jahre verboten! Das warn Karussell!“

Er: „Nojaaaa, nach soviel Joahrn gann schonnema was vorrudschn. Brosd!“

Wir 78er (II)

Der 2.Juni 1967 – nun mehr 50 Jahre her – war, aus den Augen eines damals 7jährigen betrachtet, einfach ein Sommertag am Ende der Kindergartenzeit, kurz vor der Einschulung und – im Falle des kleinen Dakota – auch noch kurz vor dem Umzug aus der Mietwohnung ins Eigenheim. Letzteres Gott sei Dank knapp einen Kilometer weg von der alten Wohnung, sodass Udo und Connie erreichbar blieben.

Beim Durchblättern der NBI oder der Für Dich, wie immer auf der Suche nach Witzbildern, deren Sprüche dem kleinen Dakota dann vorgelesen werden sollten, taucht immer wieder dieses Foto auf:

Eine schöne Frau, die einfach so dahockt und nicht zum Fotoapparat schaut und die auch noch in der LDZ abgebildet wird. Vor ihr liegt einer auf dem Rücken und scheint sich schlafend zu stellen.

„Wer issn das?“, frage er also einen der beiden Erziehungsberechtigten, der gerade greifbar war.

„Das isso einer wie Philipp Müller. Den hat die Polizei drühm erschossen.“

Philipp Müller sagte einem Siebenjährigen damals natürlich auch nichts, aber die LPG am Ortsausgang hieß so. Der war dem Dakota aber auch wurscht. Er meinte die Frau!

Irgendwas geht vermutlich bei kleinen Möchtegern-Indianern in der Akzeleration gewaltig schief, denn Geschlechterbewusstsein soll doch eigentlich erst ab der Pubertät eine Rolle spielen – und die beginnt nun mal nicht mit 7! Aber die schönen Beine seiner 25jährigen Tante waren ihm seit geraumer Zeit aufgefallen und deren Gesicht und Frisur ähnelte der Frau auf dem Bild stark.

Da jedoch über SIE nun nichts zu erfahren war, ging die Fragerei auf IHN über.

„Was hattn der gemacht?“

„Der hat die Polizei geärgert und die hat halt geschossen.“

Restzweifel blieben, denn der Mann da schien zu lächeln, weshalb der Dakota eher an so ein Rollenspiel geglaubt hatte: Schneewittchen verkehrt rum. Sie spielt eine von den Zwerginnen. Denn die Begeisterung für das Aussehen seiner Tante rührte ebenfalls von einer Märcheninszenierung her. Beim Schatzsuchen in Omas Wohnung hatte er ein altes Foto gefunden: Seine Tante mit 16 als Julia in einer Shakespeare-Schulaufführung.

„Dürfen diedn das?“

„Klar. Issja Polizei. Die solln ja für Ordnung sorgen.“

Beim Dakota kollidiert das jetzt gewaltig mit den Volkspolizisten vom Knast, die die Kindergartengruppe am Tag der Volkspolizei so nett mit Keksen bewirtet hatten. Seine Miene verfinsterte sich zu einem einzigen Fragezeichen. Vati erkannte Klärungsbedarf.

„Issja ooch drühm passiert. Die schießen schneller wie hier.“

Uff. Na dann – schien alles gut.

„Drühm“ – das is‘ Kassel, da wo es Kaba (mit Micky Maus Reklame) und eiserne Zündplättchen-Colts gibt.

11 Uhr 15 bin ich da!

Wumba-Wu aus Afrika…

…Kaba, der Plantagen-Trank!

Alle rufen: Gott sei Dank!

(Walt Disney; Kaba-Reklame-Streifen, DinA 5, doppelseitig, direkt aus der Packung)

Irgendwo weit weg also. Da fahren alle Rentner hin, wenn sie rüstig sind und bringen diese Dinge dann mit – vorausgesetzt sie bleiben nicht für immer da.  Alle, die er kannte, hatten Verwandte in Kassel. Die halbe Stadt dort musste aus Saaletalern bestehen, die „nachm Kriege abjehaun“ waren. Erst neulich hatte sich eine der alten Omas aus Großmutters Rommé-Kränzchen „für immer“ nach Kassel verabschiedet.

„Hamm wir ooch Verwandte in Kassel?“

„Wie kommst’n da drauf? Nee, in Wiesbaden.“

Schade. Man konnte aber auch mit gar nichts mithalten!

„Is’das ooch drühm?“

„Ja“.

Das Thema 2. Juni war somit erschöpfend geklärt. So schien es…

Mit 11 oder 12 begann am Wochenende das Abendsaufbleibendürfen. Kessel Buntes, Rudi Carrell Show, Einer wird gewinnen…. Komödienstadel oder Ohnsorg-Theater gucken.

Inzwischen war das Foto von 1967 immer mal wieder in den Zeitungen gewesen und der älter werdende Dakota hatte erfahren, dass das nicht Philipp Müller war, der da lag, sondern Benno Ohnesorg. Somit war es für ihn Normalität, das Heidi Kabel der Laden da im Fernsehen gehörte, denn der Theater-Erbe war ja bekanntlich seinerzeit von der Polizei erschossen worden.

Die 68er waren in seiner Altersgruppe als solche kein Thema. Das war ein ganz komisches Westthema, was im Osten – ob alt, ob jung – niemand so recht verstand. Irgendwie wollten die den Faschismus rückwirkend bekämpfen, so schien es. Und dann noch dieses Gerede von antiautoritärer Erziehung! Da „wollten die Brötchen den Bäcker stürzen“!

Der erwachsene Dakota hat inzwischen diesbezüglich, nicht zuletzt durch diesen hervorragenden Beitrag im Ärmel-Blog, dazu gelernt. Viele, viele Zeitgenossen, die man nicht beruflich auf diese Materie stieß, jedoch nicht; und so bleibt es vermutlich bis in alle Ewigkeit DAS Thema der Ost-West-Dissonanzen der Kinder des Kalten Krieges.

Der Osten hatte ein eigenes 68. Proteste gegen den Einmarsch in die CSSR. Jedoch war dieses Phänomen eine pure Randgruppegeschichte in einigen Universitätsstädten gewesen; medial im Osten totgeschwiegen und im Westen (wegen der eigenen Aufregungen dort) weitestgehend übersehen. Außerdem fehlte es an Ikonen: Hier spielte kein Puhdy die Nationalhymne kombiniert mit Bombergeräuschen, Chris Doerk und Frank Schöbel veranstalteten kein Bed-In im Leipziger Astoria-Hotel und Arndt Bause hatte für Andreas Holm „7x Morgenrot, 7x Abendrot“ ganz und gar ohne Drogenbotschaft gereimt… blau blieb die Nacht.

Der Westen dagegen hatte für seine Studentenunruhen einen geilen Soundtrack entstehen lassen: Hendrix, Burdon, Who, Stones, Scott McKenzie, Donovan, … – das volle Programm. Das wanderte Mitte der70er alles via Oldiessendung auf die Kassetten der Nachgeborenen, als schöne Schwärmereien ohne politischen Bezug. Vergangenheit. Days of Pearley Spencer irgendwie.

A tenement, a dirty street
Walked and worn by shoeless feet
Inside it’s long and so complete
Watched by a shivering sun…

Die gefühlige Ergänzung zum Glam-Rock der Mit70er.

Die eigene Bewusstseinserweiterung musste von selber kommen und sie musste mit dem „heute“ zu tun haben. „Woodstock“ war 1975 schon gestern.

Regenbogen hatten zur 950-Jahrfeier ein Fenster aufgestoßen: 2 Stunden Konzert; davon nur 3 eigene Titel, also 10 Minuten Spielzeit; dann 30 Minuten Stones-Medley (die 1978 offiziell noch immer niemand kennen durfte, wegen Waldbühne’65); und dieses Medley NACH 22:00 Uhr! In Anwesenheit der FDJ-Kreisleitung des Saaletals! So sieht Revolte aus! Jedenfalls im Osten. Drei Jahre nach dem Renft-Verbot.

Wir 78er (I)

Saaletal 1978: Lange Schatten warf es – das Stadtjubiläum. Es gibt für Saaletaler meiner Generation nur eine Zeitrechnung: Vor-oder nach der Neunhunnerdfufftschjoahrfeior! Die Einberufung im Jahr darauf kappte zusätzlich die alte Epoche und die neue fand vorwiegend anderswo statt.

Warum hatte diese Stadt nur das EINeMAL diesen Mut, im Sommer soviel gute Musik in so kurzer Zeit in ihre Mauern zu holen? Zusätzlich zu einer erstmaligen Peter-Pauls-Messe mit Bier aus dem Jungfernbrunnen und ersten Flohmarktansätzen; das Kirschfest, welches in den Jahren zuvor zu einer Art zweiter Mai-Demo im Juni mit Politphrasentransparenten verkommen war, wurde wieder ein laaaaanger Umzug in historischen Klamotten. Und das Eintrittsproblem für die diversen Veranstaltungen wurde genial gelöst: Entweder zu zahlst die obligatorischen 3,65 M bei jedem Event oder du kaufst einmal für 8,60 M eine Art Messingorden in der Größe eines Parteiabzeichens, heftest ihn dir ans Reviers und kommst in den besagten 14 Tagen überall für lau rein.

Nach meiner privaten Stern-Combo-Entsagung kam Kerth zum 2. Mal, diesmal in den Ratskeller-Saal, der kleiner als das „Chrose Gino“ war. Ein kluger Schritt, der jedoch auch nicht half. In den Saal passten keine 500, aber ca. 200 auf die vorhandenen Stühle. Wieder waren wir aber nur knappe 100. Diesmal konnte er sich doch nicht verkneifen, zu fragen: „Wo habtern eure Kumpels gelassn?“ Irgendjemand rettete die Situation: „Die wissen nich‘was juhtis! Bisd ehm kee Buhdy!“

Gelächter, schmerzhaftes Augenverleihern auf der Bühne und ab ging die swingende Bluessafari inclusive „Helmut“, „Tanz der Alligatoren“, „YoYo(Instrumentalversion)“ und-und-und-…

Am Ende noch eine Verabschiedung der besonderen Art:

„Tschüß Naumborch, bis zur Tausendjoahrfeier!“

Er meinte das ernst. Er ward nicht mehr gesehen hier, wo die Türen nicht eingedrückt wurden, wenn er kam. Da blieb er lieber in den Gefilden des Vogtlandes und Südthüringens, von ein paar Pflichtterminen in Ostberlin und an der Ostsee zur Urlauberbeschallung abgesehen.

Ein paar Tage später: „Nachmittagskonzert“ von Rengering aus Halle. Keiner kannte die, und keiner hatte eine Ahnung, welcher Musikschock da auf angry young men lauert, wenn sie ahnungslos ein „Nachmittagskonzert“ auf der Bühne am Rande des Rummels aufsuchen. Auf den Bänken davor verteilten sich schon seltsame Altersgruppen, Kindergarten und Tannenzweig, also Enkel und Rentner. Kaum Vertreter der „Rockerjahre“. Taghell, also keine Lightshow zu erwarten. Aber vielleicht reißen die ja trotzdem was und die Rentner fliehen…

Das Konzert begann mit irgendwas durchschnittlich Erwartbarem. Ging so… Dann Steigerung zu „Radar Love“; okay, das spielten damals fast alle, aber die hier bekamen das hin; gerade wollten wir gefallen dran finden, als der Nachfolgesong erklang: „Schnee-Schnee-Schneee-Schuh-Walzer tanzen wir….“ Hä? Zielgruppenbedienung, weil immer noch ein paar Rentner nicht geflohen waren? Buhen hatte keinen Zweck, unterhaltsame Kundenzusammenrottung war keine eingetreten, wir zogen uns in Richtung Schießbude und Bratwurststand zurück und hörten im Gehen noch „Uh la Paloma blanca“. Das also war nur unter Ulk zu verbuchen gewesen. Wie würde es weitergehen? Würden sich die 8,60 M noch amortisieren?

Paar Tage später: „Regenbogen“ aus Berlin! Hey, wenn man sich 1978 „Regenbogen“ nennt, was spielt man dann wohl? Das Risiko des Schneeschuhwalzers war da doch gebannt, oder?! Hin da, zu viert. Paar Klassenkameraden tauchten auf, Parallelklasse auch vertreten – und Kunden-Kunden-Kunden… Die Bühne allerdings war versetzt worden, in den abgesperrten Rummelbereich hinein, der Vorplatz war nun kleiner und Bänke waren keine mehr da. Im Halbrund herum die Buden und außenrum die gefakte Stadtmauer aus Bauzäunen mit bemaltem Leinwandüberwurf zwecks Einlasskontrolle.

„Hallo Naumbuuuuuuuuurg! Wir sind Regenbogen aus Berrliiiiiin!“

Drums, Gitarre und „Long live Rock and Roll!“ Yoahhhh, Erwartungen schon erfüllt! Aber was hatten die für einen klaren Sound! Die Anlage musste noch besser gewesen sein, als die von Lift in Schkölen! Basser und Gitarrist sahen aus wie die kleinen Brüder von Keith Richard und Bill Wyman. So ausgemergelte TBC-Gesichter jedenfalls. Der Sänger eher Pausbackig, aber – yeah! Die erste Band, die sich auf der Bühne bewegte! Und wie! Der Gitarrist machte den Gallagher(remember Rockpalast), der Sänger schleifte das Mikro am Ständer über die Bühne, trat ins Publikum, schleuderte den Ständer Freddy Mercury mäßig, der Tastenmann war der leibhaftige Wotan Wahnwitz, ließ die Hände sturzflugen, warf den Kopf zurück, schleuderte die Matte, imitierte aber auch die Jerry Lee Lewis Akrobatik – arbeitete also mit vollem Körpereinsatz …. Der unauffälligste war kurioserweise der Mann an den Trommeln. Aber die waren – L.A.U.T!

Vor der Bühne ging die Luzie ab. Neben der Bühne war ein großes Festzelt, aus dem heraus traten bald einige Gesichter der FDJ-Kreisleitung und überblickten besorgt und zunehmend böse den neuzeitlichen Veitstanz: Born to be wild, Place in Line, Davis on the road again, 3 eigene Titel auf Deutsch, dann wieder Deep Purple, Rainbow, Queen „we will rock you“ und die Ansage:

 „In den nächsten 10 Minuten erklärn wir euch!…“

Irgendjemand brüllte „Led Zeppelin!“

„…wie der Zigeuner geboren wurde!!!!!“

Orgeleinsatz Wotan Wahnwitz und im Laufe des Stückes dann seine völlige Flippernummer … Frumpy at it‘s best! Scheinbar hatten die Roadies auch noch mal am Regler geschoben – und die Band bekam das hin! Auf den I-Punkt!

Vor der Bühne alle happy. Begeisterung in jeder Pupille! Es war inzwischen kurz vor 22:00 Uhr. Zeit Schluss zu machen. Die Band trat ab. Das Publikum blieb. Zu-Ga-Be! Zu-Ga-Be! Eine gefühlte Viertelstunde lang. Im Festzelt nebenan wurde anscheinend hektisch verhandelt. Dann kam die Band zurück.

„Zugabe!“ wandelte sich sofort in den Sprech-Chor

„Led! Zepp!Ä!Lin!Led!Zepp!Ä!Lin!“

„Okay! Wir spieln nochein‘!“

„Led! Zepp!Ä!Lin!Led!Zepp!Ä!Lin!“

„Wir spieln ein Medley von…“

„Led! Zepp!Ä!Lin!Led!Zepp!Ä!Lin!“

„…einer Band die viele Hits hatte…“

„Led! Zepp!Ä!Lin!Led!Zepp!Ä!Lin!“

„und die wir heute noch gar nicht gespielt haben….“

„Led! Zepp!Ä!Lin!Led!Zepp!Ä!Lin!“

„…ein Medley von…“

„Led! Zepp!Ä!Lin!Led!Zepp!Ä!Lin!“

„…den Rolling Stones!!!!!“ Guitarrrrrr!

„Jaaaaaaaaaaaaaaa!!!!!!!!!!!!!!!!!!!“

Das Medley dauerte eine satte halbe Stunde, 22:00 Uhr wurde gnadenlos überschritten, die FDJniks mit verschränkten Armen, kotzten innerlich vermutlich gerade über ihre momentane Machtlosigkeit, und lauerten, wie wohl die Band diesen Orkan da vor der Bühne wieder zum Stoppen bringt! Aber Regenbogen schienen kampferprobt: Zum Ende hin wurden die Songs ruhiger „Tears go by“ oder „Heart of stone“ und symbolisch stichelnd „Tei-heihei-heim is on my side“ Sie beruhigten die Meute also geschickt, die sich danach friedlich auflöste und schnatternd-schwärmend nach Hause ging. Beim Abmarsch kam man auch noch erstaunlich perfekt organisiert an einem Stand vorbei, der Regenbogen-Poster feilbot.

Eigentlich schien diese Truppe doch alles richtigzumachen! Aber es wurde nichts aus ihr. Ein paar Monate später kam eine an diesem Konzert gemessene erbärmliche erste und einzige Rundfunkproduktion in den Äther und bald darauf konnte man die Wyman-und Richards-Doppelgänger als Mitglieder von Berluc im Fernsehen wiedersehen. Der Sänger machte eine ganz eigene Karriere – zunächst noch ganz als harter Showman – bei PRINZIP und schließlich als seltsam erfolgreiches Teen-Idol-Abziehbild der späten DDR: Bummi Bursy.

Irgendwann in den 80ern sah ich ihn mit dem Karat-Gitarristen im Fernsehen – lahm und sitzend – sein „Eh die Liebe stirbt“ performen. Da zerdrückte ich symbolisch eine Träne im Knopfloch, denn im Hinterkopf hatte ich den Micro-Ständer-Schwinger von der Neunhunnerdfuffschjoahrfeior….

 „So he took some earth and put it in a form,

and the oven was right hot enough

so the gipsy was born!“

On the Prog Path (15)

Wenn deine Adoleszenz-Phase in der zweiten Hälfte der 70er lag, dann gehörst du zu dieser Generation der Zwischendinger, die zum 68er zu jung und für den Punk eigentlich schon zu alt gewesen sind.

„Im Moment kein Trend, es wird reichlich gepennt.“(Lindenberg)

Nun ja. Punk war in England’77 groß, schwappte’78 auf den Kontinent und somit auch in die größte DDR der Welt, wenigstens ein bisschen. Christian, Udo und ich feierten ihn und wurden dadurch zu musikalischen Exoten. Relevant wurde er hier erst in den 80ern in schön-böser, politisierter Art und Weise; aber da war man ja nun leider schon berufstätig, da fräst man sich keinen Iro mehr aufs Haupt.

An Punk-Bands eigener Prägung war 78 noch nicht zu denken. Auch das Westradio versorgte nur äußerst spärlich. Also wurde zusätzlich gefeiert, was da war: Der Dino-Nachlass (Rainbow und Whitesnake, Dickey Betts & the Great Southern, uhu-hihu-huhuhu Stones an gefährlichen Disco-Gestaden mit ganz klein bisschen „rispectäbouhl!“ Punkättitjuhd; außerdem westlich des Harzes der Prog der absteigenden Phase und im Osten der, der zeitlich verspäteten aufsteigenden Phase: LIFT hatten ihren Stil eben erst gefunden und die Stern Combo Meissen war dem ihren zwar schon länger treu, hatte aber eben erst ihr vinylnes Debut erlaubt bekommen.

SCM78Die Meißener waren nach Renft die eigentliche große Nummer: Quadrophonie! Lange Adaptionen klassischer Werke, darunter echt klingende Emerson Lake &Palmer Duplikate, und seit neuestem auch 7Minüter mit besseren Texten als zuvor: Kampf um den Südpol, Licht in das Dunkel, Mütter gehn fort ohne Laut…

Richtige Verehrung erfuhren sie für ein Stück namens „Finlandia“. Eine Sibelius-Adaption mit einem kurzen Demmler-Text, gesungen von Reinhard Fißler. Dafür fuhren sie allumfassendes Lob ein, da es sich um eine Eigenbearbeitung handelte, nicht um eine ELP Nachahmung. Als die LP erschien, fehlte ausgerechnet DIESES hochgelobte Stück, was zu allerhand Spekulationen Anlass gab: Die Platte kam anfang’78 stark verspätet heraus, war ganz ordentlich, aber gegen den Erstling von LIFT konnte sie in DER Form nichts mehr reißen. Das erste Live-Album der DDR sollte es sein – und war es auch; aber die Livekulisse erwies sich als äußerst dürftiges Leerrillen-Füllsel. Was war da los? Eine wirkliche Berichterstattung gab es nicht. Die Bands gaben damals keine Interviews und wenn doch, dann klangen die Antworten entweder wie dreifach überprüfte, gestanzte Regierungssprecher-Floskeln voller Nichtigkeiten oder aber einfach nur blöde.

Im Frühsommer’78 hieß es nun plötzlich:

Stern Combo kommt nach N.!

Eröffnung der langen Reihe von Höhepunkten der 950-Jahr-Feier! Die Stadt traute sich!

Natürlich wollten wir da alle hin und Christian und Udo waren auch tatsächlich da, aber Bludgeon – musste Babysitten. Die Eltern, die eh keine Nachtschwärmer waren, hatten ausgerechnet an diesem Samstagabend eine seltene Einladung irgendwohin und da ist man eben der verständnisvolle „Große“, der den „Kleinen“ bewacht, während im „Haus des Volkes“ der „Kampf um den Südpol“ läuft und vermutlich auch schon das kommende Großwerk „Weißes Gold“ wenigstens in Teilen aufgeführt wird. Es war Samstagabend. Auf ARD liefen die „Himmlischen Töchter“, der Klimbim-Ausklang. „Los, wir gucken Fernsehen bis zum Abwinken. Darfst aufbleiben.“

Sonntag kam Udo vorbei und brachte ein A1 großes Poster mit: „Hab an dich gedacht, du arme Sau.“

Ich hefte es an die Kinderzimmertür, während er losschwärmt:

Droggn-Nnäbl, die volle Hütte! S halwe Gonzerd hasde nüscht jesähn, bis der Gwalm naus war! Aber der Sound! Gwadro, volle Ganne! Wennde hindn reingommst ins Gino lings un‘ rechts schone Dörme aus lauter Boxen. Vorne dasselwe…. Awwer die hamm wüddor rei’gelassen wie beim Gindor-Gino. Mir musstn stehn, an dor Seide. Wie de Schbroddn in dor Büchse! Ohm der Rang ooch voll. Und eine Lautstärke! Hast du hier ohm wirklich nüscht jehört? Einglich hättste hier im Wohnzimmer mitsing gönn’müssen. Meine Ohrn ey! Beim Offstehn warch noch taub. Had sei Gutes! Heute früh beim Frühstück habbch nischt jehört vom Gezeter meinor Muddor. Inzwischn gomm de Lähmsgeistor grade wüddor.

„Hamse „Weißes Gold“ gespielt?“

Noa! Komplett. Ä langes Ding! Wer weeß, wann das of Bladde gommt. Gampf um Südbohl hadnse och.

„Finlandia?“

Wees’ch nich. Anjesacht hamse ja fast nüscht. Awwer die Leute hädsde sehn müssen! Voll das Gundn-Treffen: Matten, Bärte, Jeans, die ausänandorfalln … Habch mor jedoachd: Orchendswo is ä Assi-Depot egsblodiert, un’de Üborlämdn sin nu alle in Naumborch. Oabor sovülle Bolezei of ehn Haufm habch och noch nich jesähn. Alsmor raus gahm, nachn Gonzert: De Grochlitzor Strasse: Volle Ganne Tony-Waachen unde Ello. Plane zu. Oboar’s war alles riläxt. Keh Dumuld.

Montagfrüh auf dem Schulhof dann das volle Ausmaß der Katastrophe: In DEM Konzert waren sie nun wirklich alle: Die Kenner und die Möchte-gerns, die Nulpen und die Streber … nur der arme Bludgeon hatte mit seinem Brüderlein fern gesehen…

Ein gutes Jahr später sah er die Stern Combo endlich live. Auf Rügen. Kein Gedränge. Keine Rauch-Show. Keine 4 Quadrotürme mehr. Sie spielten nicht mehr das „Weiße Gold“, sondern bereits „die Reise zum Mittelpunkt des Menschen“ und auf der befand sich in den 40 Minuten sicher ein Großteil der Zuhörer – brav im Kinogestühl des „Standortes“ – in Uniform.

On the Prog Path (14)

Es gibt Texte und Töne, die dich prägen. Es gibt auch Orte -; und Wege dahin, wo sie „passieren“. Manchmal ist es die Örtlichkeit, das Drumherum, das einem Erlebnis Dauer verleiht. Weil die Kulisse eventuell erhalten bleibt, während Töne bekanntlich flüchtig sind.

Dabei ist das folgende Erlebnis an sich (auch ganz ohne Beiwerk) schon ein Meilenstein gewesen und geblieben.

Wenn ich heute in die alte Heimat fahre, so verlasse ich fast am Ende der Tour die A9 und wähle statt der direkten Route ins Saaletal den Umweg über Osterfeld und verschiedene Dörfer. Als in den 90ern die alten Pfade des real nicht mehr existierenden Sozialismus zu Pisten geteert wurden, lernte ich ihn dank diverser Umleitungen kennen. Allerdings nicht gut genug, denn ich verfuhr mich hin und wieder. Einmal falsch abgebogen, dann kommst du über Schkölen nach N. im Saaletal. 18 km Umweg. Das passiert so alle 3 oder 4 Jahre einmal.

Immer, wenn ich durch Schkölen rolle, ist wieder 1978.

Schkölen kann an und für sich nicht mit allzu großen Sensationen aufwarten. Hier verbrannte sich in den 70ern kein Pfarrer, hier jagte die Stasi keine Biermannprotestler, hier nähte niemand einen Fluchtballon. Nichts störte die Ruhe dieser Sehrkleinstadt am späten Nachmittag des 27.04.1978, als eine TS 150 besetzt mit 2 jungen Männern in GST-Uniform in den Ort raste; Vollbremsung vor dem Rathaus, Helme runter, mit einer Hand den platt gedrückten frisch geschorenen Punk-Wuschel wieder aufrichten, Karre anschließen und – hinein in das altehrwürdige Stadtpalais!

Kurzer Schock am Plakat an der Tür: LIFT, 29.04.78 20:00Uhr (Rathaussaal), Eintritt: 8,75 M; Karten im Meldebüro und an der Abendkasse.

8,75 M!

Wieso nicht 3,65 M?

Egal. Der Vorverkauf hatte heute begonnen. Um 15.00 Uhr! Es war gerade 17.15 Uhr geworden! Eher ging nicht. Wegen der vormilitärischen Pflichtveranstaltung in N. zuvor. (Als EOSler kannste sowas nicht schwänzen, wenn du in einem Jahr ein Abitur haben willst!) Kein Schwein auf dem Platz oder auf dem Flur. Alles ausverkauft? Wieviele mögen hier in den Rathaussaal passen?

lift1LIFT waren seit einem halben Jahr Sensationsband. Es gab sie unter wechselnden Namen seit 1969, in wechselnder Besetzung; aber erst vor 6 Monaten war ihre Debut-LP erschienen. Eine astreine Überraschung: Abgesehen von zwei Songs war hier alles neu! Die Band hatte viele Wechsel durch; und so war eigentlich ein ziemlich zerhacktes Sammelsurium unterschiedlichster Stile zu befürchten gewesen – stattdessen klang hier nun alles wie aus einem Guss: Nach Artrock und nach sehr eigener Handschrift! Heubach und Scheffler, die beiden Keyboarder und Komponisten hatten mit einem Schlag die Stern Combo Meißen entthront. Würde diese neugefundene Größe auch live aufführbar sein? Oder würde es ein Rumpelkonzert dank unzureichender Technik? Welche Stücke würden sie zwischendurch covern? Spielen die am Ende was von YES? Stilistisch würde das passen!

LIFT live, in unserer Region und wir dabei – wenn’s klappt!

An einer Tür die Aufschrift: Meldebüro. Anklopfen. „Herein!“ Tür auf:

„Hamsienochkartn?!“

„Guten Tag erst mal“, grinsen uns zwei Gesichter entgegen.

„Äh. Tach. Natürlich. Äh. Liftkonzert. Alles weg?“

Das eine Gesicht ist männlich, das andere weiblich.

Das männliche Wesen hat so eine 08/15 Kinokartenrolle in der Hand: „Wieviele wollter?“

Wir rissen erstaunt die Augen auf. Das weibliche Wesen schob uns einen Raumplan hin: „Wo wollter sitzen?“

Christian und ich sahen uns an: Nich’, dass das wird, wie damals bei Kerth!

Zwei Karten bezahlt, zwei Strichelchen gemacht (am langen Tisch gleich hinter dem Mischpult) und Heimfahrt.

„Mit meinor Karre war‘mor Kardn holn, mit deinor Karre fahrmor zum Konzert.“

Einverstanden.

Drei Abende später kehrten also die beiden GSTler in Zivil auf einem S50 N zurück. Der Platz vor dem Rathaus: leer. Wo also hin mit einem unbewachten Moped, wenn es dunkel wird? Adieu Tachowelle. Mangelware gerade. Meine war vor 3 Wochen geklaut worden, worauf mich Udo kurz darauf mit der Nachricht überraschte:

„Abrobo Dacho?! Hier hab’ch ehne vonne Mokick. Das stand da so alleene indor Stadt rum. Da habch an dich jedacht.“

Solange mir keiner den Gasbowdenzug abmontiert, kommen wir wenigstens noch heim. Dem Lenkerschloß war auch nicht recht zu traun.

Rein ins Rathaus, der Saal war nicht zu verfehlen: Beide Türen offen und Soundcheck schon auf der Treppe zu hören – glasklarer Sound!

Im Saal: Schlimmer als bei Kerth: 10 Mann Publikum, 2 Kellnerinnen und ein Wirt am Tresen. Aber auch hier war noch Hoffnung auf Livekulisse, denn es fehlte auch hier noch eine gute halbe Stunde.

Und wirklich: s kamen immer wieder mal 2 oder 3 Mann hinzu. Während des Schlagzeugsolos hab ich dann gezählt: Es wurden 53 Leute. Der Saal war mit Tischen und Stühlen gut für ca. 200.

Das Konzert begann pünktlich: Licht aus; Applaus, Spotlight auf den Basser: „Hallo Schkölen! Wir beginnen mit einem ganz neuen Werk von uns selber. „Meeresfahrt“.“ lift2Und losging‘s mit Lightshow und Bombast! Und wenn ich Lightshow sage, dann meine ich das auch. Es gab nicht nur Buntlicht nach Zufallsprinzip, wie damals üblich, sondern Farbwechsel auf! den! Takt! Und da waren auch nicht nur die üblichen rot-grün-Wechsel, sondern auch weiß/blau; rot/blau usw.

Der Sound, das Licht, die dauernde Rotiererei der Musiker an den diversen Keyboardpulten…

Wir saßen wie gebannt. Die Meeresfahrt ist 15 Minuten lang und keine Sekunde langweilig! Anfang 1979 wird sie der 2.LP den Namen geben und der Sänger und der Bassmann, Pacholski und Zacher, werden nicht mehr am Leben sein… der schwer verletzte Heubach wird nach Genesung von jenem rockgeschichtlich so bedeutsamen Autounfall (Herbst’78) die Band verlassen und für Ute Freudenberg & Elefant „Wo das Meer beginnt“ komponieren. Die LIFT-Karriere wird sich nicht mehr erholen.

Ohne es zu ahnen, erlebten wir ein LIFT-Konzert in Bestbesetzung, zeitlich zwischen den beiden LPs, die wichtig waren und wichtig bleiben.

Sie spielten tatsächlich an dem Abend mehrfach Genesis und Yes-Stücke. Laut Ansage teilweise in Medleyform. Leider waren wir 1978 noch nicht firm genug, um deren Karrieren überblicken zu können. So hörten wir hier vieles zum ersten Mal; es überrollte mich völlig; ich merkte mir die Titel nicht. Auch die Wakeman-Solowerke wurden berücksichtigt. Von dessen  Soloschaffen kannten wir ebenfalls nur „Rundfunktrümmer“, so z.B. auch nur „Katherine Parr“ von den „Six Wifes…“. Immerhin wussten wir, dass dieses Konzeptalbum existiert.

Pacholski: „Heinrich VIII. hatte bekanntlich viele Frauen. Eine hieß…“(Name vergessen; eine von den anderen 5en jedenfalls); aber alle im Saal wussten, dass jetzt Wakeman kommt.

Man konnte regelrecht vergessen, dass man da im Rathaussaal von Schkölen saß. War’s nicht doch irgend so ein Paladium in Paris, Brüssel, London? („Genesis live in Pärris; Seconds out; soeben erschienen“, hatte der HR3 neulich verkündet.) Na gut, die „Atri“ und die „Vita-Cola“ erinnern dich dran, dass dem nicht so ist.

Mittendrin immer wieder auch ohne Ansage die eigenen Stücke – und es passte hervorragend zusammen, so auch der Aufhorcher schlechthin: LIFT spielten in dieser Besetzung auch die „Tagesreise“, die eigentlich der Horst-Krüger-Band zugerechnet wird, bei der sie 1975 auf LP erschien. Damals war Heubach dort für kurze Zeit der Keyboarder. Er hatte die Nummer von der 1973 verbotenen Bürkholz-Formation mitgebracht. Nun war er LIFTianer und somit war sein Referenzstück mitgewandert. Herrlich! Es passte hier auch sehr viel besser ins Gesamtschaffen.

 

Nach 90 Minuten sollte eigentlich Schluss sein, jedoch: „Zu-Ga-Be!Zu-Ga-Be!“ Da waren sich 53 Leute im Saal einig!

Die Band kommt nochmal auf die Bühne, spielt, geht. „Zu-Ga-Be! Zu-Ga-be!“

Die Band kommt wieder, spielt noch einen, geht wieder. Zu-Ga-Be!

Die Band kommt sofort zurück. Zacher(Bass) erklärt:

„Wir müssen doch den hohen Eintritt verdienen!(Applaus!) Ich muss aber was erklären! Wir nehmen immer für jede Karte 8,75 M und die Städte oder Dörfer, übernehmen davon 5,10 M. Warum das in Schkölen nicht passiert ist, wissen wir nicht. (Applaus) Wir spielen nun als wirklich letzte Nummer ein Stück von unserem Langzeitvorbild Stevie Wonder. „Living for the city“!“

(Applaus, leicht angesäuerter Blickwechsel zwischen Christian und mir, denn unsere Stevie Wonder Begeisterung war gerade vorbei) Dann legte Pacholski mit Mundi-Intro los (so fängt das bei Stevie Wonder schon mal nicht an), dann singt er a capella und dann kommt die leibhaftige Genesis-Sound-Wand. So hab ich noch keine Stevie Wonder Nummer gehört! Und leider ließ sich der Vorgang auch bis heute nicht wiederholen.

Ob davon noch Mischpult-/Tonbandmittschnitte irgendwo existieren mögen?

Der letzte Ton verklang. Final-Applaus. Allgemeiner Aufbruch. Wir beide schweigend. Jeder damit beschäftigt, das Gehörte und Gesehene zu verarbeiten. Dazu drängelte sich bei mir noch ein anderer Gedanke nach vorn: Was würde in der Zwischenzeit von meinem Moped noch übrig sein?

Der Rathausvorplatz, von ein paar Laternen beleuchtet, bietet ein romantisch mitternächtliches Idyll: illuminierte Leere mit Mokick. Von weitem sichtbar. Alles drangeblieben. Donnerwetter! Ich schließ es auf. Wir quetschen die Schädel in die Helme. Keiner hat bisher ein Wort gesagt. Vor dem Aufsteigen –

Christian: „Und? Was sachsde?“

Bludgeon: „Wir haben YES gesehen.“

Christian nickt: „Ost-YES.“

Noch 3- oder 4x bin ich danach gegen Abend an lauschige Plätzchen irgendwo am Rande des Buchholzes gefahren, hab den Blick im Sonnenuntergang über die Felder streifen lassen und im Kopf lief dazu „Abendstunde, stille Stunde“ und die Lichtshow von Schkölen …

(Es waren jene pathetischen Zeiten von dust in the wind, manchmal fällt der Regen eben lang, many too many, future times will stand and clearly see …)

Rund 40 Jahre und viele, viele Events später:

Den 29. April 1978 toppt keines der nachfolgenden Konzertereignisse.

„Die Musik der Jugendzeit begleitet uns doch ein Leben lang.“ (wird in Sabine Bodes Büchlein „Kriegsenkel“ eine 60jährige Pastorin zitiert, die zu „sympathy for the devil“ joggt. Recht hat se.)

 

On the Prog Path (13)

„Wenn du grooooß wirst, inner Kleinstadt, ja wenn du groooß wirst, inner Kleinstadt…“(Pannach/Renft) in den späten 70ern, da steppt nicht grad der Bär für heranwachsende, lebenshungrige Alleskönner. Konzerte? Fehlanzeige. „SET“ und „Leuna Zwo“ hießen zwei regionale Durchschnittskapellen, die ab und an mit ihrer Anwesenheit das pure Einerlei BoneyM- und ABBA- dudelnder „Schallplattenunterhalter“ aufbrachen, indem sie bissl CCR, Tull, Lindenberg und Beatles imitierten. Das Highlight von SET war dann zu fortgeschritten alkoholisierter Stunde mittels „iiiiiiisi liwinnnn“ niederknieende Mattenschwinger die Dielen vor der Bühne wischen zu lassen.

Leipzig, Halle, Jena waren etwa gleichweit entfernt und die dortigen Studentenaufkommen sorgten für ständiges Vorbeikommen der Großkopferten des rockmusikalischen Bereiches eben dort. Aber unmotorisierte Teenies aus der Provinz kamen da nicht hin, selbst wenn sie per Mundpropaganda rechtzeitig davon erfahren hätten. So lebten wir von SET und Leuna II und den Zufallsalmosen alle Jubel-Jahre mal, dass das „Haus des Volkes“, also eigentlich das „chrose Gino“, zum Jugendkonzert lud.

1977 war anders als die Jahre zuvor: AMIGA ging in plötzliche Offensive; 6 Bands bekamen eine LP-Chance, die „Rundbespielung“ der Republik war erfunden worden, also häuften sich Konzert-Chancen!

Und meine Saaletalstadt schickte sich an, 1978 eine 950-Jahr-Feier größten Ausmaßes geben zu wollen.

An Warnungen hat es sicher nicht gefehlt, Stadtfeste konnten wegen plötzlicher „Kundentreffen“(=Osthippies; „Ey Kunde!“) ausarten. Altenburg brachte irgendwann in den späten 70ern einen Tag lang Bürgerkrieg (Massenschlägerei von „Kunden“ mit der Polizei) hinter sich und auch eine IGA-Eröffnung in Erfurt lief in dieser Zeit völlig aus dem Ruder, so dass man sich denken kann, wie blank die Nerven der Stadtväter gelegen haben müssen: Traditionelles Kirschfest 1978 inclusive Stadtgründungsfestwoche, also Konzerte jeden zweiten Tag; und keinerlei Überblick, wie diese frequentiert werden würden!

Deshalb ergaben sich im Schuljahr77/78 plötzlich Konzertgelegenheiten in der Heimatregion. Test-Phase!

Rock&Roll!!!!! Make the „Chrose Gino“ to the CBGB‘s on Sale-River!

Äh, nee, naja in ä ostzonal way, you know?

Jürgen Kerth kam. Der Blueskönig aus Erfurt! Seine Debut-LP war zu dem Zeitpunkt gerade angekündigt, aber noch nicht erschienen. Die Großen aus der Patenklasse hatten uns vorgeschwärmt, dass der der Johnny Winter der DDR sei. Wer Johnny Winter war, wussten wir dank eines CBS-Samplers „Rockwork“, samt lehrreichem Booklet: „Schielender Albino, der die flüssigste Bluesgitarre spielt…“

Die „Golden olden Days of Rock&Roll“ waren uns also bekannt; … und von Kerth zwei Nummern aus dem Radio: „Geburtstag im Internat“ und „glücklich dazu“. Die mit Johnny Winter Sound in Zusammenhang zu bringen, gelang nur mit sehr viel Phantasie, aber DIE hatten wir!

Also hin da. Prog isses nich‘, aber live!

Wir waren zu viert, machten uns reichlich früh auf den Weg, denn mit Andrang war zu rechnen. Die Stadt hatte 8 POS’n, eine Berufsschule, eine Agrar-Ingenieurschule, eine Postfachschule und wenn alleine der männliche Teil der EOS anrückte, wär das Kino schon halb voll!

Es kam anders.

Ganz anders.

Wir vier löhnten die obligatorischen 3,65 M (Jeder!) und betraten den Kinosaal. Mitten im Gestühl ein Mischpult und 2 Roadies. Ansonsten verkleckerten sich zirka 30 Besucher in diesem 500er Raum.

Nun; es war noch eine Dreiviertelstunde Zeit. Und richtig! Der Saal füllte sich insgesamt mit beachtlichen 70 oder 80 Mann! Was war da schief gegangen? Der Mann galt als Kult?! Wenn‘s keine Renft mehr zu bestaunen gibt, dann sollte man Stern Combo Meißen, die Klosterbrüder und Kerth gesehen haben! Jedenfalls war das der Schmäh, der laufend rekapituliert wurde! Kerth kriegt in Naumburg das Kino nicht voll????????!!!!!

Und wer saß da eigentlich außer uns? Wo waren die Klassenkameraden?

Die Typen der Parallelklassen?

Der Patenklasse?

Auch all die „Kenner“ glänzten durch Abwesenheit!

Da kam aber schon ein Typ in Jeansklamotten auf die Bühne, griff sich die Gitarre und zupfte ein paar Töne, die sofort mit Applaus belohnt wurden. Verblüfft starrte er ins Publikum, schüttelte den Kopf und verließ die Bühne wieder. Sound-Check. Wir hatten den Roadie bejubelt. Peinlichkeitsgelächter. Es war ja allen so gegangen. Hardcoreblueser waren also keine da.

Nach einer Weile kam wieder einer auf die Bühne, diesmal mit’ner roten engen Windjacke, der sich dieselbe Gitarre griff, zwei oder drei Bluesakkorde anschlug, dann abbrach und ebenso staunend wie sein Vorgänger ins Publikum glotzte, weil nun niemand klatschte – deshalb riss er grinsend die Augen auf, steckte das Plektrum in den Mund, um die Hände für eine kurze Applauslehrvorführung frei zu haben: Patsch-Patsch!

Aaaaaah! DAS isser also!kerth cd

In den einsetzenden Applaus spielte er die erste Nummer hinein, alleine an der Gitarre, wie später nur noch Billy Bragg. Für die zweite Nummer kam dann der Rest der Band auf die Bühne und der Abend kam ins Rollen. Mit jedem Stück wuchs die Erkenntnis, dass die Legenden der älteren durchaus berechtigt waren: Das rockte, swingte, markierte auf bluesige Dampflok vom feinsten. Nur der Gesang – hach. Also’n Sänger isser nich. Bei den englischen Nummern sagte er den Text eher auf, bei den deutschen versuchte er hie und da mit so’nem Auf-und Abwärtsschlenker Gesang anzudeuten… gottlob waren gut 50% des Konzerts instrumental.

Ein beachtlicher Nebeneffekt war der Keyboarder: Das Ding sah aus, wie das Harmonium in der Auslage des Plattenladens, aber es klang wie eine alte fauchende Dorfkirchenorgel. Später entdeckte ich Jimmy Smith für mich. Root down! Was für ein Album! Der klingt wie der Tastenmann vom Kerth!

Und noch etwas war ostrocktypisch: Die Musiker hatten ihre Erfahrungen im Auf-und Ab der Kulturpolitik gemacht. Heute gelobt und morgen verboten, um übermorgen unter anderem Namen gleich wieder aufzuerstehen: Beweg dich bloß nicht auf der Bühne! Das wäre Aufstachelung zur allgemeinen Enthemmung, die als Rowdytum morgen in der Zeitung steht, weil volkseigenes Kinogestühl zu Bruch ging – oder so.

Auf der Bühne standen sie also stocksteif und spielten eine Nummer nach der anderen herunter; und wir saßen diszipliniert im Kinogestühl und zollten braven Applaus zwischen den Tracks, weil wir eben keine „Kunden“ waren. Ab der 5. Nummer ungefähr mischte sich unter das Händchenpatsch – auweia –  der eine oder andere enthemmte Pfiff! Nach einer Stunde, bei in etwa der drittletzten Nummer, wurde rhythmisch mitgeklatscht: Das Saaletal tobt!

Nein, die „Extase“ war es nicht, was mir diese Konzert-Erinnerung ins Hirn meißelte. Manchmal gehen diese „Gigs“ ihre eigenen ungeplanten Wege. Ich sollte das gleich beim ersten Mal erfahren.

Bei der 3. Nummer ungefähr kam links vom Boxenturm ein gut hörbares störendes Brummen. Der Bassist stand rechts und hörte es wohl als erster auf der Bühne. Also setzte er sich weiterspielend langsam in Bewegung auf die andere Seite. Stand dann mit dem Rücken zum Turm, trat nach hinten aus, gegen das Gehäuse und – schon war der Sound wieder klar. Zwischenapplaus! Grinsend ging er wieder auf seinen Platz.

Zwei oder drei Nummern später bückte sich der Bassmensch plötzlich hinter Kerth und steckt dessen Gitarrenkabel wieder in den Verstärker: Huch! Niemand war im Orgel-Bass-Schlagzeugkrawall aufgefallen, dass die ein paar Takte lang gefehlt hatte! Zwischenapplaus!

Schließlich, wieder ein paar Songs später muckerte die linke Turmseite erneut mit fitschelnd kratzenden Störgeräuschen. Bassmann wieder rüber, musste diesmal jedoch sein Spiel unterbrechen, bückt sich hinter die Box, zieht vermutlich einen Stecker oder rüttelt an einem Kabel: Die linke Box ist kurz tot, kehrt prompt mit sauberem Sound zurück. Bassmann erhebt sich, spielt sofort wieder mit und wandelt auf seinen Platz. Zwischenapplaus!

Ein Konzert der Pannen – professionell gemeistert. Herrlich!

Und wir am nächsten Tag die Kings on Schulhof:

„Ey! Kerth in der Stadt — und du? Wo warstn jestern Ahmd? „Portrait per Telefon“* gucken oder was?!“

„Ihr ward da woh‘?!“

„Na, was denkst du denn?!“

„Un‘? Wie wars?“

„Spitzenmäßig! Aber seine Anlage is‘ Schrott.“

Wir konnten gleich nach dem ersten Mal unsere eigene „Heldengeschichte“ erzählen.

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*Portrait per Telefon – abgesehen von der „Goldenen Note“ die mit Abstand langweiligste Unterhaltungssendung des DDR-Fernsehens, jedenfalls aus Perspektive eines 17jährigen.

On the Prog Path (12)

Seit dem 17. Lebensjahr bin ich Konzert-Pilger. Nein, keiner von den „Kunden“, die mit immergleicher Clique der immergleichen Band hinterher trampen um das immergleiche Programm zu hören und sich dabei volllaufen zu lassen… Naja, klingt eventuell einen Tick zu verächtlich, denn… eigentlich wär‘ ich schon phasenweise gern einer von denen gewesen. Aber immerhin hab ich alle gesehen, die man im Alten Osten gesehen haben sollte. Lediglich für Renft war ich zu spät dran.

Nach dem Mauerfall waren in den ersten Jahren zunächst die Aufholkäufe in Sachen Vinyl und/oder Silberling wichtiger. Als die dringendsten Fälle abgearbeitet waren, kam jedoch auch die Frage auf: Welche der alten Heroen lohnen sich noch im Konzert?

Das blödsinnig-deplatzierte „The Wall“ Spektakel von 1990 auf dem Potsdamer Platz, mit Roger Waters und allerhand unpassenden Trittbrettfahrern, verleidete einem spontan die angestaute Pink Floyd Neugier.

Deep Purple stellten damals professionelle Lustlosigkeit zur Schau, berichtete mein Langzeitkumpel Udo nach einem Konzert in Weißenfels; und selber bemerkte man all die herunter gedudelten 90er Live-Versionen ihrer Songkadaver auf Samplern und im Radio. Das schien sich gründlich erledigt zu haben! Dann stieg endlich dieser Blackmore aus und mit „Perpendicular“ rissen sie das Ruder gerade  herum, als sich auch wieder YES-News herumsprachen.

Zum Yes-Konzert? Mit 38? Deine Helden sind nu‘ um die 50!

All die altklugen Frotzeleien über alternde, Rollstuhl gebundene Rockstars aus Schulhofzeiten fielen mir schwer auf die Füße.

YES — jetzt noch? Die hatten sich vor 97/98 mit allerlei Wirrwarr um ihren guten Ruf gebracht. Die dümmste Entscheidung dürfte wohl jene Bandspaltung in Ost-YES(England bzw. US-Ostküste; Anderson, Bruford, Wakeman & Howe) und West-YES(Westküste; Squire, White und ein paar No-Names) gewesen sein. Die ersteren machten die bessere Musik, durften sich nach Gerichtsurteil aber nicht mehr YES nennen, während sich die anderen zwar YES nannten, aber wie Journey für Arme anhörten.

1997 war eben dieser Zustand nun vorbei. Wiedervereinigung in Altbesetzung (Anderson, Howe, Wakeman, Squire, White) nebst Verlautbarung, man habe wieder zu alter Lust gefunden und gedenke nun das neue Album „Open your eyes“ voller „knackig kurzer Stücke“ per World-Tour zu promoten. Hm. Dumm nur, dass es sich dabei um eins von zwei Alben handelte, die zeitgleich von unterschiedlichen Firmen herausgebracht wurden und das andere, das der Tour NICHT den Namen gab, war das eindeutig bessere. Ach was – haushoch überlegen sogar! Wieso also gehen die für die Graupe auf Tour? Das ließ nichts Gutes ahnen.

„Open your eyes“ war schon auf den ersten Hör in jeder Hinsicht ein Rohrkrepierer.

„Keys to Ascension 2“ dagegen zeigte auf Disc 1 herrliche 90er Liveaufnahmen alter Stücke und auf Disc 2 neue Studio-Tracks gemäß ganz alter Schule. „Keys to Ascension 1“ war vorher vermutlich ähnlich gut, aber komplett totgeschwiegen worden. Was also tun?

Ich war gewillt, mein musikalisches Mauerzeit-Manko aufzuholen. Pink Floyd zeigten mit „Pulse“, dass sie, auch ohne Waters, noch voll und ganz in der Lage waren, live ihre Erfolgs-LPs zu imitieren. Genesis verabschiedeten sich via „I can’t dance“ gerade als Kasper-Combo aus dem Geschäft, Gentle Giant gab‘s nicht mehr – aber YES? Was würde das werden, wenn man da im ICC hockt, die „neuen knackigen Tracks“ um die Ohren geprügelt bekommt und an all die Heldengeschichten denkt, die man in den 70ern so erzählt bekam bzw. auch selber gern weiterverbreitete?

„Open your eyes“ ertragen müssen und an „YESSONGS“ denken? Unvorstellbar!

Da kannste ooch zu Genesis pilgern und während all der albernen Spätwerknummern mit gewässerter Pupille und blutenden Ohren um die verpassten „Trespass“-  oder „…and then there were three…“-Zeiten trauern!

Ooch nee!

Oder doch?

Die Live-Stücke auf der „Keys to …“ sind gediegen! Ein paar von denen würden doch zu erwarten sein, nicht wahr?! Später einmal den Enkeln am Kamin erzählen können: Opa hat noch „the heart of the sunrise“ live erlebt.

Zicke-zacke-zicke-zacke- … zauder-zauder … Ach! Wenn’s schief geht, fluch ich Stereo mit Udo um die Wette! Er über Deep Purple und ich über YES! Ich fuhr hin. In die frisch wiedergewordene Hauptstadt, die sich gerade damit herumschlug, ob Erichs Lampenladen (Biermanns Palazzo Prozzi) nu weg soll oder nicht. Asbestnotwendigkeit oder Siegerjustiz? Sonst Wallfahrtsort Volkskammer für Altkader? Was soll’s.

Ich hatte mich mit einem Freund aus alten Tagen verabredet, der ebenfalls durch höhere Schicksalsmächte zum Exil-Saaletaler geworden war und in etwa meinen Musikgeschmack hatte.

Drum also nun Bekanntschaft mit dem ICC Westberlins – das ist der Palast der Republik in hässlich. Wieso wird DAS eigentlich nicht auch abgerissen? Moderne Architektur ist mir ja eh ein Graus, aber diese betönerne Mischung aus Hangar für Kampfstern Galaktica und überdimensioniertem Führerbunker toppt alles. Übrigens zur selben Zeit erbaut, wie im Osten der Palast – und ganz ohne Asbest? Wohl kaum!

Aber ich war ja nicht deswegen angereist; nun rein da, ins Gestühl gefläzt und – überraschen lassen.

YESYES taten genau das: 95% des Konzertes waren 70er Jahre Stuff. Gott sei Dank! Alles fein in „Keys…“ -Manier gespielt. Das Nostalgieren fiel leicht. Anderson moderierte gut gelaunt und verriet so ganz nebenbei, wie die „wonderous stories“ einst entstanden waren: Schuld an diesem Song sind – Schweizer Kuhglocken! Montereux-Aufenthalt ’77; während der Einspielung des „Going for the one“ Albums; eines Morgens in Hotelnähe Alm-Auftrieb von Kühen; und schon hatte Anderson seine Inspiration. Während nun besagtes musikalisches Kleinod erklingt, entsteht vor meinem inneren Auge einmal mehr das 3fach-Cover jener LP. Vorderfront der nackte Mensch vor Wolkenkratzern, die wie Gitterstäbe wirken. Innen jener einzelne Baum im Überschwemmungsgebiet. Grau in grau fotografiert. Diese Musik und diese Bebilderung! Der Mensch de-naturiert seine Umwelt und schafft sich seinen Käfig selbst. Awaken! Das war damals in den frühen 80ern gaaaaanz tief reingegangen, als ich die Platte bei ihrem Besitzer in einem schwarz bewohnten Abbruchhaus in Leipzig kennenlernte. Der Eindruck ist geblieben und sollte Folgen haben.

1999 kaufte ich einen Spiegelreflex-Fotoapparat. 2000 zu Ostern war mal wieder Flut im Rhinluch. Da bemerkte ich jene Weide im Wasser, die da oben seit gut 2 Jahren meine Visitenkarte ist. YES!

Das Konzert war großartig, aber irgendwann musste es ja mal sein: „The next song is a track from our new album. It’s called …“ (Vergessen!) Tapfer sein! Zähne zusammenbeißen! Ahhhh, es ging ja ganz schnell vorbei. Das ist der Vorteil bei „knackigen kurzen Stücken“, die irgendwie zu Intros mutieren, wenn gleich hinterher mit „close to the edge“ oder „heart of the sunrise“ getröstet wird.

Da sitzt du so und steigst den Zeitpfad rückwärts hinab in die Äonen, da du von der Asche erlöst einen Großteil der Studienzeit mit Konzert-Pilgerei, Plattenhandel und antiquarisch-literarischer Goldstaubsuche verbrachtest. „Sie sind die Kader von morgen, die den Sozialismus entwickeln werden und den Kommunismus noch erleben!“ hieß es in der EOS immer mal wieder, während wir zu Hause Punk hörten. Nun aber, angekommen in dem Alter, in dem unser „Kader-Sein“ in voller Blüte hätte stehen sollen, sitzen wir in einem Bau-Gau des Klassenfeindes, glücklich für den Moment, weil’s unsere musikalischen Götter noch draufhaben und eine Weile verdrängen helfen, was auch im anderen System wieder Scheiße ist…

Auf der Magnification-Tour ein paar Jahre später war ich wieder da. Wieder ICC. Anderer Begleiter. YES hatten aus dem eingetretenen Voll-Flop der „Open your eyes“ gelernt und bewarben die Tour mit dem Hinweis, dass sie erstmalig überhaupt „The Gates of Delirium“ von 1973 aufführen würden und dass sie ein ganzes Orchester dabeihätten. Letzteres war zu jener Zeit nun wieder sowas wie eine Seuche: Metallica, Doro Pesch, Kiss, YES, Stern Combo Meißen, Deep Purples „Concerto for Group and Orchestra (Neueinspielung)“ – irgendwie schworen Anfang der Nuller Jahre alle auf Streicherunterstützung. War gar nicht nötig, denn live hörte man jene Klassik-Sektion eh nicht. Man sah sie nur fleißig und vergeblich an ihren Instrumenten sägen – aber Bass und Schlagzeug reichten aus, um all ihre Töne ungeschehen zu machen.

Das Konzert selber war wiederum toll. Und gerade noch rechtzeitig. Bald darauf ging Anderson. Immer neue Hudeleien mit Firmen, mit Neueinstellungen, mit Veröffentlichungsterminen, wegen früher mal verworfener Stücke, die nun aber doch für wertvoll gehalten wurden – und abgesagten Konzerten zehrten den Ruf auf. 2016 starb Squire. Der Gründer. Künstlerisch längst beerbt von Glass Hammer – einer amerikanischen Band mit hörbaren YES-Wurzeln.

Der dürre 9.Klassler von 1976 aber, der damals über dieses dumpfe Zeug auf seinen beiden Kassetten staunte, und es sich erfolgreich „schön gehört“ hatte, der später die „Going for the one“ und die „Tormato“ abfeierte, als sie ihm endlich aufs Band gelangten, erwischte nach dem Mauerfall doch noch gerade so zwei Fetzchen von der laaaangen Schärpe der Rockgeschichte: YES live und in Form!