On the Prog Path (14)

Es gibt Texte und Töne, die dich prägen. Es gibt auch Orte -; und Wege dahin, wo sie „passieren“. Manchmal ist es die Örtlichkeit, das Drumherum, das einem Erlebnis Dauer verleiht. Weil die Kulisse eventuell erhalten bleibt, während Töne bekanntlich flüchtig sind.

Dabei ist das folgende Erlebnis an sich (auch ganz ohne Beiwerk) schon ein Meilenstein gewesen und geblieben.

Wenn ich heute in die alte Heimat fahre, so verlasse ich fast am Ende der Tour die A9 und wähle statt der direkten Route ins Saaletal den Umweg über Osterfeld und verschiedene Dörfer. Als in den 90ern die alten Pfade des real nicht mehr existierenden Sozialismus zu Pisten geteert wurden, lernte ich ihn dank diverser Umleitungen kennen. Allerdings nicht gut genug, denn ich verfuhr mich hin und wieder. Einmal falsch abgebogen, dann kommst du über Schkölen nach N. im Saaletal. 18 km Umweg. Das passiert so alle 3 oder 4 Jahre einmal.

Immer, wenn ich durch Schkölen rolle, ist wieder 1978.

Schkölen kann an und für sich nicht mit allzu großen Sensationen aufwarten. Hier verbrannte sich in den 70ern kein Pfarrer, hier jagte die Stasi keine Biermannprotestler, hier nähte niemand einen Fluchtballon. Nichts störte die Ruhe dieser Sehrkleinstadt am späten Nachmittag des 27.04.1978, als eine TS 150 besetzt mit 2 jungen Männern in GST-Uniform in den Ort raste; Vollbremsung vor dem Rathaus, Helme runter, mit einer Hand den platt gedrückten frisch geschorenen Punk-Wuschel wieder aufrichten, Karre anschließen und – hinein in das altehrwürdige Stadtpalais!

Kurzer Schock am Plakat an der Tür: LIFT, 29.04.78 20:00Uhr (Rathaussaal), Eintritt: 8,75 M; Karten im Meldebüro und an der Abendkasse.

8,75 M!

Wieso nicht 3,65 M?

Egal. Der Vorverkauf hatte heute begonnen. Um 15.00 Uhr! Es war gerade 17.15 Uhr geworden! Eher ging nicht. Wegen der vormilitärischen Pflichtveranstaltung in N. zuvor. (Als EOSler kannste sowas nicht schwänzen, wenn du in einem Jahr ein Abitur haben willst!) Kein Schwein auf dem Platz oder auf dem Flur. Alles ausverkauft? Wieviele mögen hier in den Rathaussaal passen?

lift1LIFT waren seit einem halben Jahr Sensationsband. Es gab sie unter wechselnden Namen seit 1969, in wechselnder Besetzung; aber erst vor 6 Monaten war ihre Debut-LP erschienen. Eine astreine Überraschung: Abgesehen von zwei Songs war hier alles neu! Die Band hatte viele Wechsel durch; und so war eigentlich ein ziemlich zerhacktes Sammelsurium unterschiedlichster Stile zu befürchten gewesen – stattdessen klang hier nun alles wie aus einem Guss: Nach Artrock und nach sehr eigener Handschrift! Heubach und Scheffler, die beiden Keyboarder und Komponisten hatten mit einem Schlag die Stern Combo Meißen entthront. Würde diese neugefundene Größe auch live aufführbar sein? Oder würde es ein Rumpelkonzert dank unzureichender Technik? Welche Stücke würden sie zwischendurch covern? Spielen die am Ende was von YES? Stilistisch würde das passen!

LIFT live, in unserer Region und wir dabei – wenn’s klappt!

An einer Tür die Aufschrift: Meldebüro. Anklopfen. „Herein!“ Tür auf:

„Hamsienochkartn?!“

„Guten Tag erst mal“, grinsen uns zwei Gesichter entgegen.

„Äh. Tach. Natürlich. Äh. Liftkonzert. Alles weg?“

Das eine Gesicht ist männlich, das andere weiblich.

Das männliche Wesen hat so eine 08/15 Kinokartenrolle in der Hand: „Wieviele wollter?“

Wir rissen erstaunt die Augen auf. Das weibliche Wesen schob uns einen Raumplan hin: „Wo wollter sitzen?“

Christian und ich sahen uns an: Nich’, dass das wird, wie damals bei Kerth!

Zwei Karten bezahlt, zwei Strichelchen gemacht (am langen Tisch gleich hinter dem Mischpult) und Heimfahrt.

„Mit meinor Karre war‘mor Kardn holn, mit deinor Karre fahrmor zum Konzert.“

Einverstanden.

Drei Abende später kehrten also die beiden GSTler in Zivil auf einem S50 N zurück. Der Platz vor dem Rathaus: leer. Wo also hin mit einem unbewachten Moped, wenn es dunkel wird? Adieu Tachowelle. Mangelware gerade. Meine war vor 3 Wochen geklaut worden, worauf mich Udo kurz darauf mit der Nachricht überraschte:

„Abrobo Dacho?! Hier hab’ch ehne vonne Mokick. Das stand da so alleene indor Stadt rum. Da habch an dich jedacht.“

Solange mir keiner den Gasbowdenzug abmontiert, kommen wir wenigstens noch heim. Dem Lenkerschloß war auch nicht recht zu traun.

Rein ins Rathaus, der Saal war nicht zu verfehlen: Beide Türen offen und Soundcheck schon auf der Treppe zu hören – glasklarer Sound!

Im Saal: Schlimmer als bei Kerth: 10 Mann Publikum, 2 Kellnerinnen und ein Wirt am Tresen. Aber auch hier war noch Hoffnung auf Livekulisse, denn es fehlte auch hier noch eine gute halbe Stunde.

Und wirklich: s kamen immer wieder mal 2 oder 3 Mann hinzu. Während des Schlagzeugsolos hab ich dann gezählt: Es wurden 53 Leute. Der Saal war mit Tischen und Stühlen gut für ca. 200.

Das Konzert begann pünktlich: Licht aus; Applaus, Spotlight auf den Basser: „Hallo Schkölen! Wir beginnen mit einem ganz neuen Werk von uns selber. „Meeresfahrt“.“ lift2Und losging‘s mit Lightshow und Bombast! Und wenn ich Lightshow sage, dann meine ich das auch. Es gab nicht nur Buntlicht nach Zufallsprinzip, wie damals üblich, sondern Farbwechsel auf! den! Takt! Und da waren auch nicht nur die üblichen rot-grün-Wechsel, sondern auch weiß/blau; rot/blau usw.

Der Sound, das Licht, die dauernde Rotiererei der Musiker an den diversen Keyboardpulten…

Wir saßen wie gebannt. Die Meeresfahrt ist 15 Minuten lang und keine Sekunde langweilig! Anfang 1979 wird sie der 2.LP den Namen geben und der Sänger und der Bassmann, Pacholski und Zacher, werden nicht mehr am Leben sein… der schwer verletzte Heubach wird nach Genesung von jenem rockgeschichtlich so bedeutsamen Autounfall (Herbst’78) die Band verlassen und für Ute Freudenberg & Elefant „Wo das Meer beginnt“ komponieren. Die LIFT-Karriere wird sich nicht mehr erholen.

Ohne es zu ahnen, erlebten wir ein LIFT-Konzert in Bestbesetzung, zeitlich zwischen den beiden LPs, die wichtig waren und wichtig bleiben.

Sie spielten tatsächlich an dem Abend mehrfach Genesis und Yes-Stücke. Laut Ansage teilweise in Medleyform. Leider waren wir 1978 noch nicht firm genug, um deren Karrieren überblicken zu können. So hörten wir hier vieles zum ersten Mal; es überrollte mich völlig; ich merkte mir die Titel nicht. Auch die Wakeman-Solowerke wurden berücksichtigt. Von dessen  Soloschaffen kannten wir ebenfalls nur „Rundfunktrümmer“, so z.B. auch nur „Katherine Parr“ von den „Six Wifes…“. Immerhin wussten wir, dass dieses Konzeptalbum existiert.

Pacholski: „Heinrich VIII. hatte bekanntlich viele Frauen. Eine hieß…“(Name vergessen; eine von den anderen 5en jedenfalls); aber alle im Saal wussten, dass jetzt Wakeman kommt.

Man konnte regelrecht vergessen, dass man da im Rathaussaal von Schkölen saß. War’s nicht doch irgend so ein Paladium in Paris, Brüssel, London? („Genesis live in Pärris; Seconds out; soeben erschienen“, hatte der HR3 neulich verkündet.) Na gut, die „Atri“ und die „Vita-Cola“ erinnern dich dran, dass dem nicht so ist.

Mittendrin immer wieder auch ohne Ansage die eigenen Stücke – und es passte hervorragend zusammen, so auch der Aufhorcher schlechthin: LIFT spielten in dieser Besetzung auch die „Tagesreise“, die eigentlich der Horst-Krüger-Band zugerechnet wird, bei der sie 1975 auf LP erschien. Damals war Heubach dort für kurze Zeit der Keyboarder. Er hatte die Nummer von der 1973 verbotenen Bürkholz-Formation mitgebracht. Nun war er LIFTianer und somit war sein Referenzstück mitgewandert. Herrlich! Es passte hier auch sehr viel besser ins Gesamtschaffen.

 

Nach 90 Minuten sollte eigentlich Schluss sein, jedoch: „Zu-Ga-Be!Zu-Ga-Be!“ Da waren sich 53 Leute im Saal einig!

Die Band kommt nochmal auf die Bühne, spielt, geht. „Zu-Ga-Be! Zu-Ga-be!“

Die Band kommt wieder, spielt noch einen, geht wieder. Zu-Ga-Be!

Die Band kommt sofort zurück. Zacher(Bass) erklärt:

„Wir müssen doch den hohen Eintritt verdienen!(Applaus!) Ich muss aber was erklären! Wir nehmen immer für jede Karte 8,75 M und die Städte oder Dörfer, übernehmen davon 5,10 M. Warum das in Schkölen nicht passiert ist, wissen wir nicht. (Applaus) Wir spielen nun als wirklich letzte Nummer ein Stück von unserem Langzeitvorbild Stevie Wonder. „Living for the city“!“

(Applaus, leicht angesäuerter Blickwechsel zwischen Christian und mir, denn unsere Stevie Wonder Begeisterung war gerade vorbei) Dann legte Pacholski mit Mundi-Intro los (so fängt das bei Stevie Wonder schon mal nicht an), dann singt er a capella und dann kommt die leibhaftige Genesis-Sound-Wand. So hab ich noch keine Stevie Wonder Nummer gehört! Und leider ließ sich der Vorgang auch bis heute nicht wiederholen.

Ob davon noch Mischpult-/Tonbandmittschnitte irgendwo existieren mögen?

Der letzte Ton verklang. Final-Applaus. Allgemeiner Aufbruch. Wir beide schweigend. Jeder damit beschäftigt, das Gehörte und Gesehene zu verarbeiten. Dazu drängelte sich bei mir noch ein anderer Gedanke nach vorn: Was würde in der Zwischenzeit von meinem Moped noch übrig sein?

Der Rathausvorplatz, von ein paar Laternen beleuchtet, bietet ein romantisch mitternächtliches Idyll: illuminierte Leere mit Mokick. Von weitem sichtbar. Alles drangeblieben. Donnerwetter! Ich schließ es auf. Wir quetschen die Schädel in die Helme. Keiner hat bisher ein Wort gesagt. Vor dem Aufsteigen –

Christian: „Und? Was sachsde?“

Bludgeon: „Wir haben YES gesehen.“

Christian nickt: „Ost-YES.“

Noch 3- oder 4x bin ich danach gegen Abend an lauschige Plätzchen irgendwo am Rande des Buchholzes gefahren, hab den Blick im Sonnenuntergang über die Felder streifen lassen und im Kopf lief dazu „Abendstunde, stille Stunde“ und die Lichtshow von Schkölen …

(Es waren jene pathetischen Zeiten von dust in the wind, manchmal fällt der Regen eben lang, many too many, future times will stand and clearly see …)

Rund 40 Jahre und viele, viele Events später:

Den 29. April 1978 toppt keines der nachfolgenden Konzertereignisse.

„Die Musik der Jugendzeit begleitet uns doch ein Leben lang.“ (wird in Sabine Bodes Büchlein „Kriegsenkel“ eine 60jährige Pastorin zitiert, die zu „sympathy for the devil“ joggt. Recht hat se.)

 

On the Prog Path (13)

„Wenn du grooooß wirst, inner Kleinstadt, ja wenn du groooß wirst, inner Kleinstadt…“(Pannach/Renft) in den späten 70ern, da steppt nicht grad der Bär für heranwachsende, lebenshungrige Alleskönner. Konzerte? Fehlanzeige. „SET“ und „Leuna Zwo“ hießen zwei regionale Durchschnittskapellen, die ab und an mit ihrer Anwesenheit das pure Einerlei BoneyM- und ABBA- dudelnder „Schallplattenunterhalter“ aufbrachen, indem sie bissl CCR, Tull, Lindenberg und Beatles imitierten. Das Highlight von SET war dann zu fortgeschritten alkoholisierter Stunde mittels „iiiiiiisi liwinnnn“ niederknieende Mattenschwinger die Dielen vor der Bühne wischen zu lassen.

Leipzig, Halle, Jena waren etwa gleichweit entfernt und die dortigen Studentenaufkommen sorgten für ständiges Vorbeikommen der Großkopferten des rockmusikalischen Bereiches eben dort. Aber unmotorisierte Teenies aus der Provinz kamen da nicht hin, selbst wenn sie per Mundpropaganda rechtzeitig davon erfahren hätten. So lebten wir von SET und Leuna II und den Zufallsalmosen alle Jubel-Jahre mal, dass das „Haus des Volkes“, also eigentlich das „chrose Gino“, zum Jugendkonzert lud.

1977 war anders als die Jahre zuvor: AMIGA ging in plötzliche Offensive; 6 Bands bekamen eine LP-Chance, die „Rundbespielung“ der Republik war erfunden worden, also häuften sich Konzert-Chancen!

Und meine Saaletalstadt schickte sich an, 1978 eine 950-Jahr-Feier größten Ausmaßes geben zu wollen.

An Warnungen hat es sicher nicht gefehlt, Stadtfeste konnten wegen plötzlicher „Kundentreffen“(=Osthippies; „Ey Kunde!“) ausarten. Altenburg brachte irgendwann in den späten 70ern einen Tag lang Bürgerkrieg (Massenschlägerei von „Kunden“ mit der Polizei) hinter sich und auch eine IGA-Eröffnung in Erfurt lief in dieser Zeit völlig aus dem Ruder, so dass man sich denken kann, wie blank die Nerven der Stadtväter gelegen haben müssen: Traditionelles Kirschfest 1978 inclusive Stadtgründungsfestwoche, also Konzerte jeden zweiten Tag; und keinerlei Überblick, wie diese frequentiert werden würden!

Deshalb ergaben sich im Schuljahr77/78 plötzlich Konzertgelegenheiten in der Heimatregion. Test-Phase!

Rock&Roll!!!!! Make the „Chrose Gino“ to the CBGB‘s on Sale-River!

Äh, nee, naja in ä ostzonal way, you know?

Jürgen Kerth kam. Der Blueskönig aus Erfurt! Seine Debut-LP war zu dem Zeitpunkt gerade angekündigt, aber noch nicht erschienen. Die Großen aus der Patenklasse hatten uns vorgeschwärmt, dass der der Johnny Winter der DDR sei. Wer Johnny Winter war, wussten wir dank eines CBS-Samplers „Rockwork“, samt lehrreichem Booklet: „Schielender Albino, der die flüssigste Bluesgitarre spielt…“

Die „Golden olden Days of Rock&Roll“ waren uns also bekannt; … und von Kerth zwei Nummern aus dem Radio: „Geburtstag im Internat“ und „glücklich dazu“. Die mit Johnny Winter Sound in Zusammenhang zu bringen, gelang nur mit sehr viel Phantasie, aber DIE hatten wir!

Also hin da. Prog isses nich‘, aber live!

Wir waren zu viert, machten uns reichlich früh auf den Weg, denn mit Andrang war zu rechnen. Die Stadt hatte 8 POS’n, eine Berufsschule, eine Agrar-Ingenieurschule, eine Postfachschule und wenn alleine der männliche Teil der EOS anrückte, wär das Kino schon halb voll!

Es kam anders.

Ganz anders.

Wir vier löhnten die obligatorischen 3,65 M (Jeder!) und betraten den Kinosaal. Mitten im Gestühl ein Mischpult und 2 Roadies. Ansonsten verkleckerten sich zirka 30 Besucher in diesem 500er Raum.

Nun; es war noch eine Dreiviertelstunde Zeit. Und richtig! Der Saal füllte sich insgesamt mit beachtlichen 70 oder 80 Mann! Was war da schief gegangen? Der Mann galt als Kult?! Wenn‘s keine Renft mehr zu bestaunen gibt, dann sollte man Stern Combo Meißen, die Klosterbrüder und Kerth gesehen haben! Jedenfalls war das der Schmäh, der laufend rekapituliert wurde! Kerth kriegt in Naumburg das Kino nicht voll????????!!!!!

Und wer saß da eigentlich außer uns? Wo waren die Klassenkameraden?

Die Typen der Parallelklassen?

Der Patenklasse?

Auch all die „Kenner“ glänzten durch Abwesenheit!

Da kam aber schon ein Typ in Jeansklamotten auf die Bühne, griff sich die Gitarre und zupfte ein paar Töne, die sofort mit Applaus belohnt wurden. Verblüfft starrte er ins Publikum, schüttelte den Kopf und verließ die Bühne wieder. Sound-Check. Wir hatten den Roadie bejubelt. Peinlichkeitsgelächter. Es war ja allen so gegangen. Hardcoreblueser waren also keine da.

Nach einer Weile kam wieder einer auf die Bühne, diesmal mit’ner roten engen Windjacke, der sich dieselbe Gitarre griff, zwei oder drei Bluesakkorde anschlug, dann abbrach und ebenso staunend wie sein Vorgänger ins Publikum glotzte, weil nun niemand klatschte – deshalb riss er grinsend die Augen auf, steckte das Plektrum in den Mund, um die Hände für eine kurze Applauslehrvorführung frei zu haben: Patsch-Patsch!

Aaaaaah! DAS isser also!kerth cd

In den einsetzenden Applaus spielte er die erste Nummer hinein, alleine an der Gitarre, wie später nur noch Billy Bragg. Für die zweite Nummer kam dann der Rest der Band auf die Bühne und der Abend kam ins Rollen. Mit jedem Stück wuchs die Erkenntnis, dass die Legenden der älteren durchaus berechtigt waren: Das rockte, swingte, markierte auf bluesige Dampflok vom feinsten. Nur der Gesang – hach. Also’n Sänger isser nich. Bei den englischen Nummern sagte er den Text eher auf, bei den deutschen versuchte er hie und da mit so’nem Auf-und Abwärtsschlenker Gesang anzudeuten… gottlob waren gut 50% des Konzerts instrumental.

Ein beachtlicher Nebeneffekt war der Keyboarder: Das Ding sah aus, wie das Harmonium in der Auslage des Plattenladens, aber es klang wie eine alte fauchende Dorfkirchenorgel. Später entdeckte ich Jimmy Smith für mich. Root down! Was für ein Album! Der klingt wie der Tastenmann vom Kerth!

Und noch etwas war ostrocktypisch: Die Musiker hatten ihre Erfahrungen im Auf-und Ab der Kulturpolitik gemacht. Heute gelobt und morgen verboten, um übermorgen unter anderem Namen gleich wieder aufzuerstehen: Beweg dich bloß nicht auf der Bühne! Das wäre Aufstachelung zur allgemeinen Enthemmung, die als Rowdytum morgen in der Zeitung steht, weil volkseigenes Kinogestühl zu Bruch ging – oder so.

Auf der Bühne standen sie also stocksteif und spielten eine Nummer nach der anderen herunter; und wir saßen diszipliniert im Kinogestühl und zollten braven Applaus zwischen den Tracks, weil wir eben keine „Kunden“ waren. Ab der 5. Nummer ungefähr mischte sich unter das Händchenpatsch – auweia –  der eine oder andere enthemmte Pfiff! Nach einer Stunde, bei in etwa der drittletzten Nummer, wurde rhythmisch mitgeklatscht: Das Saaletal tobt!

Nein, die „Extase“ war es nicht, was mir diese Konzert-Erinnerung ins Hirn meißelte. Manchmal gehen diese „Gigs“ ihre eigenen ungeplanten Wege. Ich sollte das gleich beim ersten Mal erfahren.

Bei der 3. Nummer ungefähr kam links vom Boxenturm ein gut hörbares störendes Brummen. Der Bassist stand rechts und hörte es wohl als erster auf der Bühne. Also setzte er sich weiterspielend langsam in Bewegung auf die andere Seite. Stand dann mit dem Rücken zum Turm, trat nach hinten aus, gegen das Gehäuse und – schon war der Sound wieder klar. Zwischenapplaus! Grinsend ging er wieder auf seinen Platz.

Zwei oder drei Nummern später bückte sich der Bassmensch plötzlich hinter Kerth und steckt dessen Gitarrenkabel wieder in den Verstärker: Huch! Niemand war im Orgel-Bass-Schlagzeugkrawall aufgefallen, dass die ein paar Takte lang gefehlt hatte! Zwischenapplaus!

Schließlich, wieder ein paar Songs später muckerte die linke Turmseite erneut mit fitschelnd kratzenden Störgeräuschen. Bassmann wieder rüber, musste diesmal jedoch sein Spiel unterbrechen, bückt sich hinter die Box, zieht vermutlich einen Stecker oder rüttelt an einem Kabel: Die linke Box ist kurz tot, kehrt prompt mit sauberem Sound zurück. Bassmann erhebt sich, spielt sofort wieder mit und wandelt auf seinen Platz. Zwischenapplaus!

Ein Konzert der Pannen – professionell gemeistert. Herrlich!

Und wir am nächsten Tag die Kings on Schulhof:

„Ey! Kerth in der Stadt — und du? Wo warstn jestern Ahmd? „Portrait per Telefon“* gucken oder was?!“

„Ihr ward da woh‘?!“

„Na, was denkst du denn?!“

„Un‘? Wie wars?“

„Spitzenmäßig! Aber seine Anlage is‘ Schrott.“

Wir konnten gleich nach dem ersten Mal unsere eigene „Heldengeschichte“ erzählen.

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*Portrait per Telefon – abgesehen von der „Goldenen Note“ die mit Abstand langweiligste Unterhaltungssendung des DDR-Fernsehens, jedenfalls aus Perspektive eines 17jährigen.

On the Prog Path (12)

Seit dem 17. Lebensjahr bin ich Konzert-Pilger. Nein, keiner von den „Kunden“, die mit immergleicher Clique der immergleichen Band hinterher trampen um das immergleiche Programm zu hören und sich dabei volllaufen zu lassen… Naja, klingt eventuell einen Tick zu verächtlich, denn… eigentlich wär‘ ich schon phasenweise gern einer von denen gewesen. Aber immerhin hab ich alle gesehen, die man im Alten Osten gesehen haben sollte. Lediglich für Renft war ich zu spät dran.

Nach dem Mauerfall waren in den ersten Jahren zunächst die Aufholkäufe in Sachen Vinyl und/oder Silberling wichtiger. Als die dringendsten Fälle abgearbeitet waren, kam jedoch auch die Frage auf: Welche der alten Heroen lohnen sich noch im Konzert?

Das blödsinnig-deplatzierte „The Wall“ Spektakel von 1990 auf dem Potsdamer Platz, mit Roger Waters und allerhand unpassenden Trittbrettfahrern, verleidete einem spontan die angestaute Pink Floyd Neugier.

Deep Purple stellten damals professionelle Lustlosigkeit zur Schau, berichtete mein Langzeitkumpel Udo nach einem Konzert in Weißenfels; und selber bemerkte man all die herunter gedudelten 90er Live-Versionen ihrer Songkadaver auf Samplern und im Radio. Das schien sich gründlich erledigt zu haben! Dann stieg endlich dieser Blackmore aus und mit „Perpendicular“ rissen sie das Ruder gerade  herum, als sich auch wieder YES-News herumsprachen.

Zum Yes-Konzert? Mit 38? Deine Helden sind nu‘ um die 50!

All die altklugen Frotzeleien über alternde, Rollstuhl gebundene Rockstars aus Schulhofzeiten fielen mir schwer auf die Füße.

YES — jetzt noch? Die hatten sich vor 97/98 mit allerlei Wirrwarr um ihren guten Ruf gebracht. Die dümmste Entscheidung dürfte wohl jene Bandspaltung in Ost-YES(England bzw. US-Ostküste; Anderson, Bruford, Wakeman & Howe) und West-YES(Westküste; Squire, White und ein paar No-Names) gewesen sein. Die ersteren machten die bessere Musik, durften sich nach Gerichtsurteil aber nicht mehr YES nennen, während sich die anderen zwar YES nannten, aber wie Journey für Arme anhörten.

1997 war eben dieser Zustand nun vorbei. Wiedervereinigung in Altbesetzung (Anderson, Howe, Wakeman, Squire, White) nebst Verlautbarung, man habe wieder zu alter Lust gefunden und gedenke nun das neue Album „Open your eyes“ voller „knackig kurzer Stücke“ per World-Tour zu promoten. Hm. Dumm nur, dass es sich dabei um eins von zwei Alben handelte, die zeitgleich von unterschiedlichen Firmen herausgebracht wurden und das andere, das der Tour NICHT den Namen gab, war das eindeutig bessere. Ach was – haushoch überlegen sogar! Wieso also gehen die für die Graupe auf Tour? Das ließ nichts Gutes ahnen.

„Open your eyes“ war schon auf den ersten Hör in jeder Hinsicht ein Rohrkrepierer.

„Keys to Ascension 2“ dagegen zeigte auf Disc 1 herrliche 90er Liveaufnahmen alter Stücke und auf Disc 2 neue Studio-Tracks gemäß ganz alter Schule. „Keys to Ascension 1“ war vorher vermutlich ähnlich gut, aber komplett totgeschwiegen worden. Was also tun?

Ich war gewillt, mein musikalisches Mauerzeit-Manko aufzuholen. Pink Floyd zeigten mit „Pulse“, dass sie, auch ohne Waters, noch voll und ganz in der Lage waren, live ihre Erfolgs-LPs zu imitieren. Genesis verabschiedeten sich via „I can’t dance“ gerade als Kasper-Combo aus dem Geschäft, Gentle Giant gab‘s nicht mehr – aber YES? Was würde das werden, wenn man da im ICC hockt, die „neuen knackigen Tracks“ um die Ohren geprügelt bekommt und an all die Heldengeschichten denkt, die man in den 70ern so erzählt bekam bzw. auch selber gern weiterverbreitete?

„Open your eyes“ ertragen müssen und an „YESSONGS“ denken? Unvorstellbar!

Da kannste ooch zu Genesis pilgern und während all der albernen Spätwerknummern mit gewässerter Pupille und blutenden Ohren um die verpassten „Trespass“-  oder „…and then there were three…“-Zeiten trauern!

Ooch nee!

Oder doch?

Die Live-Stücke auf der „Keys to …“ sind gediegen! Ein paar von denen würden doch zu erwarten sein, nicht wahr?! Später einmal den Enkeln am Kamin erzählen können: Opa hat noch „the heart of the sunrise“ live erlebt.

Zicke-zacke-zicke-zacke- … zauder-zauder … Ach! Wenn’s schief geht, fluch ich Stereo mit Udo um die Wette! Er über Deep Purple und ich über YES! Ich fuhr hin. In die frisch wiedergewordene Hauptstadt, die sich gerade damit herumschlug, ob Erichs Lampenladen (Biermanns Palazzo Prozzi) nu weg soll oder nicht. Asbestnotwendigkeit oder Siegerjustiz? Sonst Wallfahrtsort Volkskammer für Altkader? Was soll’s.

Ich hatte mich mit einem Freund aus alten Tagen verabredet, der ebenfalls durch höhere Schicksalsmächte zum Exil-Saaletaler geworden war und in etwa meinen Musikgeschmack hatte.

Drum also nun Bekanntschaft mit dem ICC Westberlins – das ist der Palast der Republik in hässlich. Wieso wird DAS eigentlich nicht auch abgerissen? Moderne Architektur ist mir ja eh ein Graus, aber diese betönerne Mischung aus Hangar für Kampfstern Galaktica und überdimensioniertem Führerbunker toppt alles. Übrigens zur selben Zeit erbaut, wie im Osten der Palast – und ganz ohne Asbest? Wohl kaum!

Aber ich war ja nicht deswegen angereist; nun rein da, ins Gestühl gefläzt und – überraschen lassen.

YESYES taten genau das: 95% des Konzertes waren 70er Jahre Stuff. Gott sei Dank! Alles fein in „Keys…“ -Manier gespielt. Das Nostalgieren fiel leicht. Anderson moderierte gut gelaunt und verriet so ganz nebenbei, wie die „wonderous stories“ einst entstanden waren: Schuld an diesem Song sind – Schweizer Kuhglocken! Montereux-Aufenthalt ’77; während der Einspielung des „Going for the one“ Albums; eines Morgens in Hotelnähe Alm-Auftrieb von Kühen; und schon hatte Anderson seine Inspiration. Während nun besagtes musikalisches Kleinod erklingt, entsteht vor meinem inneren Auge einmal mehr das 3fach-Cover jener LP. Vorderfront der nackte Mensch vor Wolkenkratzern, die wie Gitterstäbe wirken. Innen jener einzelne Baum im Überschwemmungsgebiet. Grau in grau fotografiert. Diese Musik und diese Bebilderung! Der Mensch de-naturiert seine Umwelt und schafft sich seinen Käfig selbst. Awaken! Das war damals in den frühen 80ern gaaaaanz tief reingegangen, als ich die Platte bei ihrem Besitzer in einem schwarz bewohnten Abbruchhaus in Leipzig kennenlernte. Der Eindruck ist geblieben und sollte Folgen haben.

1999 kaufte ich einen Spiegelreflex-Fotoapparat. 2000 zu Ostern war mal wieder Flut im Rhinluch. Da bemerkte ich jene Weide im Wasser, die da oben seit gut 2 Jahren meine Visitenkarte ist. YES!

Das Konzert war großartig, aber irgendwann musste es ja mal sein: „The next song is a track from our new album. It’s called …“ (Vergessen!) Tapfer sein! Zähne zusammenbeißen! Ahhhh, es ging ja ganz schnell vorbei. Das ist der Vorteil bei „knackigen kurzen Stücken“, die irgendwie zu Intros mutieren, wenn gleich hinterher mit „close to the edge“ oder „heart of the sunrise“ getröstet wird.

Da sitzt du so und steigst den Zeitpfad rückwärts hinab in die Äonen, da du von der Asche erlöst einen Großteil der Studienzeit mit Konzert-Pilgerei, Plattenhandel und antiquarisch-literarischer Goldstaubsuche verbrachtest. „Sie sind die Kader von morgen, die den Sozialismus entwickeln werden und den Kommunismus noch erleben!“ hieß es in der EOS immer mal wieder, während wir zu Hause Punk hörten. Nun aber, angekommen in dem Alter, in dem unser „Kader-Sein“ in voller Blüte hätte stehen sollen, sitzen wir in einem Bau-Gau des Klassenfeindes, glücklich für den Moment, weil’s unsere musikalischen Götter noch draufhaben und eine Weile verdrängen helfen, was auch im anderen System wieder Scheiße ist…

Auf der Magnification-Tour ein paar Jahre später war ich wieder da. Wieder ICC. Anderer Begleiter. YES hatten aus dem eingetretenen Voll-Flop der „Open your eyes“ gelernt und bewarben die Tour mit dem Hinweis, dass sie erstmalig überhaupt „The Gates of Delirium“ von 1973 aufführen würden und dass sie ein ganzes Orchester dabeihätten. Letzteres war zu jener Zeit nun wieder sowas wie eine Seuche: Metallica, Doro Pesch, Kiss, YES, Stern Combo Meißen, Deep Purples „Concerto for Group and Orchestra (Neueinspielung)“ – irgendwie schworen Anfang der Nuller Jahre alle auf Streicherunterstützung. War gar nicht nötig, denn live hörte man jene Klassik-Sektion eh nicht. Man sah sie nur fleißig und vergeblich an ihren Instrumenten sägen – aber Bass und Schlagzeug reichten aus, um all ihre Töne ungeschehen zu machen.

Das Konzert selber war wiederum toll. Und gerade noch rechtzeitig. Bald darauf ging Anderson. Immer neue Hudeleien mit Firmen, mit Neueinstellungen, mit Veröffentlichungsterminen, wegen früher mal verworfener Stücke, die nun aber doch für wertvoll gehalten wurden – und abgesagten Konzerten zehrten den Ruf auf. 2016 starb Squire. Der Gründer. Künstlerisch längst beerbt von Glass Hammer – einer amerikanischen Band mit hörbaren YES-Wurzeln.

Der dürre 9.Klassler von 1976 aber, der damals über dieses dumpfe Zeug auf seinen beiden Kassetten staunte, und es sich erfolgreich „schön gehört“ hatte, der später die „Going for the one“ und die „Tormato“ abfeierte, als sie ihm endlich aufs Band gelangten, erwischte nach dem Mauerfall doch noch gerade so zwei Fetzchen von der laaaangen Schärpe der Rockgeschichte: YES live und in Form!

„Helden“

Dies ist die Geschichte von Manfred und dem Wolf. Ä, nee… vom Hilmar, vom Manne und vom Wölfchen… oooch nich….vom Ländchen und vom Sänger mit dem Händchen…hach, da fehlt dann der Manne wieder…

Ach, lest selbst!

Im holden Jahr’76 war’s, da sendete man „den Druskat“, ein televisionistisches Großereignis in 5 Teilen und kaum war der 5.Teil gelaufen und der Film noch in aller Munde, da trieb man einen aus dem Land, von dem sehr viele gar nicht wussten, dass es ihn gab. So auch ich. Obwohl „der Wolf“ und „der Druskat“ nichts miteinander zu tun haben, verbindet sie doch so allerhand. Hä?

Über den einen sprach man von nun an alle Jahre wieder und über den anderen nicht. Eigentlich wäre es vorher genau andersrum gekommen.

„Was verboten ist, das macht uns gerade scharf“(Biermann) – das galt auch für mich. Hinter derlei Geheimnisse will man doch prompt kommen! Aber im Falle Biermann blieb ich immun.

Zum einen kam ich mit dem Namen erst in Berührung, als er schon auf dem Weg nach Köln war, ein paar Tage vor dem Rausschmiss fragte mich mein Kumpel Christian, ob ich „diesen Biermann“ kenne. Ich verneinte und hörte prompt am Abend auf HR3 „Du, wenn deine Tochter mit dem geht…“ einen ersten Song; verbunden mit einem erstaunten Lob des Moderators an die DDR-Führung, dass diese nun so einen kritischen Geist endlich von jahrelangem Auftrittsverbot befreit und sogar in den Westen reisen lässt – zwecks Tournee! Dann wurden noch so drei-vier Heldengeschichten erzählt und in mir türmten sich Fragezeichen über Fragezeichen auf: Das passt doch alles nicht zusammen!

Und weil das Buhei nach’76 nicht aufhörte, wurden es immer mehr:

Der nimmt’ne Platte auf- in einer Wohnung, von der er wusste, dass sie verwanzt war „ach ich fühl mich so verbunden mit den ganzen Stasihunden…“ und kommt nicht in Haft? Die Platte erscheint beim Klassenfeind im Großkonzern und er kommt wieder nicht in Haft? Vorgeladen wird er schon, aber: Diese Termine überstehe er mit „unbeugsamem Witz“ und weil er „den Marxismus besser kennt, als seine Schergen“. Und davon lässt Stasi sich beeindrucken? “

Dat glaubse nur, wennste im Westn wohns…

Beim Sichten der alten Magazine stieß ich auf das hier (1962):

wolf

Warum Krug den Biermann mochte, wird einigermaßen klar, wenn man den kompletten Magazinartikel liest: Gerry Wolf, Manfred Krug, Wolf Biermann werden hier gepriesen als Angehörige  derselben Künstlerschublade: eine neue Art DDR-Chansonier-Gegenschlag gegen westliche Trends: Schlager goes Prolet-Kult via Arbeiterkampflied. (Naja.) Somit lernten die sich kennen, stammten ja alle 3e aus dem Westen, hatten nun Umgang mit den gleichen Lektoren, Textern, Arrangeuren — und DEFA-Zugang…

Stars waren dort jedoch nur die älteren beiden: Gerry Wolf ein bisschen und Krug ein bisschen sehr.

Der schien wahllos jede Rolle anzunehmen und glänzte von „Emilia Galotti“ bis „Mir nach, Kanaillen!“ in jedem Genre. Als Jungstar hatte er 1968 eine relativ wichtige Nebenrolle in einem der ersten „Fernsehromane“ der DDR ergattert: „Wege übers Land“. Dort spielt er einen Widerstandskämpfer im II.Weltkrieg und LPG-Vorsitzenden der ersten Stunde (in den frühen50ern), der der Hauptfigur, einer alleinerziehenden Bäuerin nach dem Krieg wieder auf die Beine hilft. Jene wird gespielt von Ursula Karusseit. Sie macht im Film einen Bewusstseinswandel durch, wie das so Brauch war im Osten vor’89. Von der stupiden Magd und Ehefrau eines ebenso stupiden Knechts, der Großbauer im besetzten Polen 1940 werden will zur Mutter zweier angenommener Kinder, deren Schicksale das bestialische Gesicht des NS-Rassenwahns anschaulich plausibel machen. Jedoch läuft das in diesem Film nicht gar so holzhämmerig ab wie sonst in Einteilern. In 5 Teilen kann man ja mehr gestalten. Und genau das war hier gelungen. Das Epos wurde alle Jahre wieder wiederholt. Also sind am Film-Ende die Karusseit und der Krug zwei Vertreter des „Neuen Menschenbildes“, aber KEIN Paar.

1975 wirft ein neuerliches Großereignis seine Schatten voraus: „Daniel Druskat“ wird gedreht. Es soll wiederum ein Mehrteiler werden, „auf dem Stand der neuen Zeit“. Es geht offiziell darum, den Wandel in der Landwirtschaft realistisch darzustellen: Von bäuerlichen Privatbetrieben zur LPG und industriellen Tierhaltung. Klingt nicht nach Reißer, wenn man das so liest. Die TV-Romane jedoch waren immer mehr als das: „Der Leutnant vom Schwanenkietz“ im Jahr zuvor war auch nicht lediglich ein Filmdenkmal für die Arbeit „unserer Abschnittsbevollmächtigten“, sondern eine brauchbare Darstellung des Assi-Problems in Ostberlin: Die Hauptstadtbevölkerung schwenkte eben nicht nur Fahnen und grüßte die Vertreter von Partei und Regierung auf der Tribüne, wenn es wiedermal Zeit war, sondern es gab auch jene Spezies, die soff, stahl, log und nicht auf Arbeit ging. Sozialistische Filmkunst bekam nach dem Kahlschlag von 1965 nun also langsam wieder Mut, etwas mehr Alltag zu zeigen, anstatt lediglich Stabü-Unterrichtsinhalte zu bebildern.

Deshalb war erwartbar, dass der „Druskat“ die kritische Sicht der Dinge noch zuspitzen könnte. Und er tat es tatsächlich: Der Film beginnt mit einer Stasi-Verhaftung! Heute ist das inflationäres Klischee. Und Mut gehört auch keiner mehr dazu, sowas zu drehen. 1976 im Ostfernsehen? Sensation! Verhaftet wird nicht etwa ein „negatives Subjekt“, sondern ein linientreuer, langjähriger LPG-Vorsitzender; eben jener Daniel Druskat, gespielt von Hilmar Thate. Seine fast erwachsene Tochter versteht die Welt nicht mehr und radelt los, die Bekannten ihrer Familie nach bisher unerzählten Bestandteilen der Familiengeschichte zu befragen. Erstaunt nimmt sie zur Kenntnis, dass ihr 300%er Vater ein Ritterkreuzträger sei. Dies wiederum erzählt Ihr Horst Stephan(Manfred Krug), der Rivale von der besser situierten Nachbar-LPG, dessen Vater wiederum früher der Ortsbauernführer gewesen ist, so dass sich eh alle Welt wunderte, wie das zuging, dass sein Sohn damals zwar als letzter in die LPG eintrat, aber gleich LPG-Vorsitzender werden konnte…

P druskatEs geht also im engeren Sinne um idealistische Träumer („Daniel in der Löwengrube“), die in Zwänge geraten, die sie scheitern lassen, und um Schlitzohren, die in jedem System mit dem „Arsch an die Wand“ kommen. Letzteres eine Paraderolle für Krug! Und eine fein versteckte Interpretationsmöglichkeit für Kenner: Der „Druskat“ ist die kritische Ergänzung der „Wege übers Land“; der Film in deutlicherer Variante als das Buch. Krug spielt nicht(mehr) den Linientreuen, sondern dessen Widersacher; ausgerechnet die Karusseit spielt seine Frau; eine verhärmte abgestumpfte bäuerliche Hausfrau an der Seite des „großen Machers“. Die Sozialistische Landwirtschaft wird bräsig. Die Teerung der Dorfstraße ist wichtig, die Einrichtung einer Badestelle im Naturschutzgebiet gegen geltendes Recht aber mit „allerhöchster Genehmigung“, nicht die Unterstützung der schwer ringenden Nachbar-LPG. Sozialistisches Miteinander hätte einst anders aussehen sollen. Privatwirtschaftliches Denken scheint unausrottbar. Am Ende kommt es zwar zum halbwegs glaubhaften Happyend, aber das ist gar nicht mehr wichtig oder interessant. Zuviel steckte in den gezeigten 5 Teilen, was Diskussionsstoff hätte werden können in Parteilehrjahren, Belegschaftsvollversammlungen, Weiterbildungsveranstaltungen aller Branchen… Ein Film im Sinne Gorbatschows…10 Jahre früher.

Kaum war der letzte Teil gesendet, geschah jenes Köln-Konzert mit prompter „Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR“. Krug initiierte eine Protestresolution, die von lauter Staatskünstlern der 1.Reihe unterschrieben wurde und sogar im „ND“ erschien. Aber schon wenige Tage später erschien auch der großangelegte Rückzieher der Mehrheit dieser Unterzeichner. Die wenigen, die standhaft blieben, gerieten unter nicht ausgesprochenes Berufsverbot. Sie sollten vergessen werden. Da sich darunter Krug, Thate, Angelika Domröse und Armin Müller-Stahl befanden, brachte sich die DDR schlagartig um gut 50% ihrer bisherigen Filmerfolge.

„Druskat“ wanderte von der Uraufführung somit gleich in den Giftschrank inclusive des Vorgängerwerkes „Wege übers Land“. Kulturpolitischer Unfug, wie so vieles in der ehemaligen Täterätätä.

In der Folgezeit gingen immer mehr Schauspieler, Musiker, Maler… Die gingen nicht wegen Biermann, sondern eher wegen der Schlussakte von Helsinki und der dort verbürgten „freien Wahl des Wohnortes“ bzw. wegen erlebter Gängelung und Nichtzustandekommen ihrer künstlerischen Verwirklichung. Ihrem zurückgelassenen Schaffen erging es wie dem „Druskat“… Es begann sich zu läppern. Die kulturelle Stagnation der DDR hatte begonnen.

Und „Druskat“ war das 1.Opfer.

Nach der Wende wird „Das Leben der Anderen“ dem kulturellen Notstand der (späten) 70er ein Denkmal setzen. Ulrich Plenzdorf, Heiner Müller, Franz Fühmann tauchen dort unter anderem Namen, aber wiedererkennbar, auf. Biermann nicht. Mir gefällt’s.

2001 erschien ein unscheinbares Büchlein eines glücklosen FDJ-Liedermachers der „Ehemaligen“. Reinhold Andert hatte anfang der 90er die Honeckers mehrfach besucht und war mit Interna belohnt worden, die seinem Buch zunächst niemand glauben wollte. „Nach dem Sturz“ wurde wüst verrissen.

Biermann als Freund aus Kindertagen der Margot Honecker (geb. Feist)?

Niemals! Die alte Eisenfresserin will doch bloß die Heldenlegende eines Unbeirrbaren zerstören! Der Rausschmiss sei kalkuliert und abgesprochen erfolgt? Unmöglich! Ganz und gar unmöglich!

2007 erschien Ed Stuhlers Margot Honecker Biografie und siehe da: Seriös erhärtet sich, was Andert bereits schrieb. Nun klammheimlich totgeschwiegen. Ohne Buhei unter den Teppich gefegt. Wer tut sich schon einen Margot-Wälzer an!

2016  Wölfchens eigenes Werk. Auch wenn er versucht die Drähte zwischen den Familien Feist(Halle) und Biermann(Hamburg) auf ein Minimum herunterzuspielen: All die komischen DDR-Mysterien des rätselhaft schnellen Aufstiegs eines mittellosen Teenies aus dem Westen über sofortigen Zugang zum raren DDR-Abitur; und über Brecht-Ensemble-Volontariat zum Dauerprovokateur ohne Einkommen und ohne Haft – waren nun erklärbar. Als geduldeter Hofnarr m.b.H. der eisernen Lady(Ost) riskierte er weit weniger, als mancher, der ihn lediglich zitierte oder für ihn Protestresolutionen unterschrieb.

Mich schützte mit 16 meine damals schon vorhandene Aversion gegen diesen penetranten Vortragsstil vieler Liedermacher. Nee-nee, Reinhard Mey; Reichel oder Danzer… die sangen wie die Kumpels von nebenan, wie nette große Brüder; Biermann sang nicht, er dozierte. Selbstherrlichkeit pur. Der Vortrag beschädigte die Inhalte.

Den „Druskat“ dagegen kann man sich heute noch ansehen. Der Giftschrank existiert bekanntlich nicht mehr.

As time goes by…

Neulich, beim Sichten des ersten Jahrgangs des Magazins 1954, erinnerte ich mich an eine ganz bestimmte Suchanzeige, die ich meinte, dort einst gelesen zu haben, aber ich fand sie nicht. Was ich stattdessen fand, waren diese hier. Und die Assoziationsmaschine ratterte los:

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Wehrpflicht gab es noch nicht. Also 2 Freiwillige. 20jährig. Da können die noch nicht lange dabei sein. Und da sie nach „gleichgesinnten“ Mädels suchen, lässt das auf „überzeugte Idealisten“ schließen.  Oder wurden sie erpresst, wegen einem Studienplatz nach „freiwilligen 2 Jahren“ an der Grenze? Vielleicht auch freiwillig für länger, die berüchtigten „25 Jahre“, weil aus Vertriebenenfamilie und somit „versorgt“? Jung. naiv und nett vielleicht — oder schon die Dumpfbacken, die dann ab 1955 als „Ausbilder“ die traditionellen Schleifermethoden exhumieren werden…?

Die sahen die Geschichte des realexistierenden Sozialismus vom anfang – ich vom Ende her:

Am Anfang hatte „die Partei, die Partei ja immer recht!“

Am Ende Sandow:

„Wir bauen auf! Und tapeziern nicht mit! Wir sind so stolz auf Kata! –Ri! –Na! Witt!“

Und die hier:

Wir lebten in der Bakschischrepublik und es gab keinen Sieg. (Herbst in Peking)

Er hier hatte bis‘54 auch den letzten Schuss nicht gehört:

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DIE Wortwahl ist bekannt. Dr. jur. und 40 Jahre. Auf Grund des Alters kann man annehmen, dass sein Dr.-Titel älter als 15 Jahre ist. Also auch älter als die DDR. Was mag das Thema seiner juristischen Promotion gewesen sein? Knapp vor- oder knapp nach 1945 geschrieben? Hat er mit dieser Annonce ein braves „hellblondes rassiges“ Opfer gefunden? Wie ging die Karriere weiter? Dageblieben oder abgehauen? Verspätet ausgereist? Oder angepasster Ordenssammler mit galligem Humor „fürs Private“. Verdienter Richter des Volkes? Mit Handschlag von Walter zum Tag der Republik? Ruhestand mit Datsche im Osten 25 Jahre später?

Oder Alterssitz auf Teneriffa dank Lastenausgleich und rechtzeitigem „Rübermachen“?

Dann sowas:

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Eine Ostberlinerin „aus der Lebensmittelbranche“. Ein früher Fall von Bauer sucht Frau; wollte wohl eher schachern als züchten, um mit guten Bilanzen und Meriten für die „Hauptstadtversorgung“ Argumente gegen den LPG-Eintritt zu haben. An die Mauer denkt ’54 noch keiner; da fallen Beziehungen in die anderen Sektoren nebenbei mit ab.

Szenenwechsel:

Diese beiden lösen mit ihren Annoncen gleich einen ganzen SMS-Roman aus. Das Alter. Das Kind. Die Laube bei der einen. Die relative Jugend bei der anderen. Der Zeitpunkt der Suche…

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Die haben ihr Kind jeweils mit 37 bzw. mit 28 bekommen. 1944 und 1942. Und dann? Vater gleich nach Fronturlaub und Zeugung verschollen; irgendwo, im Wirrwarr des Rückzuges? 10 Jahre gewartet; während die Familie schon trappelt: „Erklär ihn für tot! Verwarte nicht dein ganzes Leben!“ Nach 10 Jahren nun die Torschlusspaniksuche. Hatte sie Erfolg? Neues Glück? Oder Drama erst recht? Was, wenn der Kindsvater 1955 doch noch dabei war und dank Adenauer nun unerwartet vor der Tür stand? „Da bin ich – und wer ist er?“

Abgesehen von diesen beiden Fällen mit Kind fällt die generelle Häufung von verwitweten Mit40erinnen auf.

Für Kopfschüttelnde Erheiterung sorgt dann das Drumherum all der Eheanbahnungsinstitute:

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In anderen Heften wird von einem Eheanbahnungsinstitut um katholische junge Herren geworben. In der kirchenfeindlichen DDR. Beinahe massenweise suchen junge Männer, die „zur See fahren“ Briefkontakte zu „Mädels“;

„deine Heimat ist das Meer, deine Freunde sind die Sterne, zwischen Rio und Schanghai, zwischen Bali und Hawaii“

reicht ihnen dann doch nicht. Der Song kam auch eine Kleinigkeit später, passt als Soundtrack zum Lesen dieser Seiten aber wunderbar, umrandet von Bert Kaempfert Sound, Crew Cuts, Ames Brothers, Kingston Trio…

Und natürlich er hier. Die „Heulboje“.

Komisch, woran man mit den Jahren so hängen bleibt…

Zeitgeistpostille

Am 12. März wäre Werner Klemke 100 geworden. Wer das ist? Der Erfinder des Magazin-Katers, der Illustrator von Grimms Hausmärchen aus den 60ern und der Illustrator von “Hirsch Heinrich“ ,einem der ganz großen Bilderbucherfolge der DDR der 60er Jahre.007

Des Katers wegen gilt er als einer der ganz Großen der Zunft. Denn das Magazin war von Beginn an ein Selbstläufer an den Kiosken. Ein Abonnement konnte man bestenfalls erben. Pure Bücke-Ware. Sammlerobjekt. Quasi das MOSAIK der Erwachsenen.

Es erblickte das Licht der Welt zur selben Zeit wie Hannes Hegens 3 Kobolde: Während des NEUEN KURSES nach dem 17. Juni‘ 53; in jener liberalisierten Phase, in der Kollektivierer der Landwirtschaft zurückgepfiffen wurden, Parteiwerbung moderater wurde und Aktfotografie nicht automatisch als pfui-pfui-pfui galt. Französische Spielfilme fluteten das Zonenkino. Gerard Phillip wurde der Schwarm aller Studentinnen, Brigitte Bardot durfte man offiziell im Osten kennen. 006Elvis allerdings blieb „Heulboje des Kapitalismus“. Auch das Magazin hielt sich daran, ihn als eben diese zu präsentieren. Wohl wissend, dass die Leser die Bilder haben wollten und auf den Begleittext pfiffen.

Das Magazin erschien im handlichen Heftformat Din A 5 für 1.- Ostmark. Den Namen hatte es von einer Postille aus den 20ern. Den inhaltlichen Wundertüten-Charakter vom TIME-Magazin: Bissl Politik & Mode, bissl was aus aller Herren Länder, humoristische Gedichte, Karikaturen, Rezensionen zu diesem oder jenem Kulturereignis und Werbung wie in „guter alter Zeit“. Im Magazin zu blättern erzeugt Feierabendstimmung. Besonders für männliche Leser, denn ein bissl war‘s auch Playboy-Ersatz: 1-bis 2 Aktfotos plus 2 oder 3 sexy Faces…

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Es lag bei uns von Beginn an im Zeitungsständer. Bis 10 suchte ich die „Witzbilder“ beim Durchblättern; ab 11 etwa dann die -ähem- „anderen“. Der Lesestoff war eher unerheblich. Erst mit den Jahren ging mir auf, welche Zeitgeistkapsel das Heft eigentlich war.

Als Vater die Sammlung mitte der 90er per Papiertonne entsorgen wollte, griff ich zu und rettete die 50er, sowie einige wenige ausgesuchte 60er Hefte. In den 60ern verschwand schleichend der altbackene Stil der Werbe-Annoncen, die Mädels wurden mager. 005Jedoch nach der Elvisbeschimpfung war ein 4seitiges Loblied auf die Beatles 1964 z.B. ein Sensatiönchen. „Volkstümliche Sänger der Arbeiterstadt Liverpool“, „proletarische Volkskunst“… so-so. Aber 1965 zerlegten Westberliner Rowdys die Waldbühne beim Stones-Konzert und so kam das Kahlschlagsplenum der SED in Fahrt und brachte die poststalinistische Welt wieder in Ordnung: „… mit diesem Je-je-je und wie das alles heißt, ja – sollte man doch Schluss machen!“ Der alte Walter U. sehnte sich nach Aufmärschen von Jungkommunisten, die ergriffen das Lied von der Roten Fahne schmettern, wie zu seiner Zeit. Und er hatte leider auch die Macht, dies für ein paar Jahre zu erzwingen. „Beatverbot“ von 1965 bis 71.

Schikora

Die Honecker-Ära brach an und brachte im Magazin so dann und wann illustrativen Comic-Style, wenn es um Bands ging, relativ umfangreiche Berichte zu Krisenerscheinungen des Kapitalismus, wie zum Beispiel über das Massaker, welches die Manson-Family in Hollywood anrichtete oder aber gar nicht prüde Sexualberatung über die erogenen Zonen beiderlei Geschlechts. Siehste!

Die 70er zerfielen jedoch in die Aufbruchsstimmungsjahre am Anfang und die sich bereits anschleichende Stagnation der hinteren Hälfte. Der graue Alltag erreichte auch das Heft. Aus den 80ern bleibt nix Bewahrenswertes in Erinnerung. Deshalb erinnern wir uns hier lieber an die 50er:

Was blieb, war jener Kater als running Gag auf jedem Titelbild seit den späten 50ern.

Nun – er ist Kult. Mir gefiel diese Art der Illustration weder im Magazin noch im Kinderbuch. Sie spricht keinerlei Emotion an. Kalte Schemen. Brrrr. Die Titelseiten des ersten Jahrganges haben da mehr Atmosphäre.

The unknown Rick N.

Well, do you like nuggets from the past? Musikalische Artefakte, die zwar von Berühmtheiten stammen, jedoch aus diesem oder jenem Grund nicht das Licht der Öffentlichkeit erblickten, als noch Zeit war – bis die Schatzgräber von Bear Family Records kamen und sie hoben?

Die haben ja bekanntermaßen ein Faible für so 50er Stuf in schicken Kisten. Muss man mögen. Manchem Hörer ist das zu Adenauer. Mir nicht.

Zu einer der ersten intra-auralen Injektionen in Sachen chronischer Musiksucht gehörten bei mir neben dem „Schlager-Derby“, der Hitparade des Deutschlandfunks, auch Gerd Alzens „Memory Hits“ vom gleichen Sender. So ab 72/73 zogen die mich in ihren Bann. Der NDR wiederholte die Sendungen aufnahmerein, aber unregelmäßig, dann und wann auf UKW. Regelmäßiger kam dort das „Rock and Roll Museum“ von und mit Werner Voss. Sehr gute Schwerpunktsetzung. Niemals nur abgelatschte Hit-Nummern, sondern Raritäten mit Hintergrundinformationen; unterhaltsam und Musikhorizonte sprengend! Aber „Memomeister“ Gerd Alzen hatte die Nase vorn: All die Jingles, die eingängigen Doowop-Tränenzieher, beißende Gitarrenriffs und dazwischen verlässlich cool belehrend – diese sonore Moderatorenstimme -WOW! Dort lernte ich sie alle kennen und unterscheiden: Elvis, Buddy Holly, Eddie Cochran, Marty Robbins, Guy Mitchell … the merry Mr.Chuck Berry!… zwischen den Teddybears, Platters, Ronettes, … Grundwissen eben. Gäbe es bei der Bärenfamilie eine 10er Box Memory-Hits-Radio-Shows – ich würde zuschlagen! Oder eine 25teilige CD-Reihe mit allen „50er Flashbacks“ und der „Elvis-Presley-Story“? Her damit! Bisher leider Fehlanzeige. There’s a hole in the Catalogua!

„Many o‘ tears have to fall – but it’s all – in the game…“(Tommy Edwards)

Immerhin gibts stattdessen die Doowop-Reihe, die Marty Robbins Kisten, Elvis rauf und runter, die Nadelstich-Sampler mit den deutschen Peinlich-Covern usw., usf.

Ob ich die alle habe? Iiii-wooo, bin kein Komplettist. Wehret den Anfängen des Messitums! Es geht schneller, als man denkt!

Habe mir nun aber doch nach zweijähriger Zauderei ein DICKES DING geleistet; Weihnachten 2016. Also – eigentlich hab ich es mir schenken lassen, denn die Preise der Bärenfamilie, huijuijui! Die sind in Ordnung, wenn man bedenkt, welcher Aufwand da betrieben werden muss: In die Staaten fliegen, in Archiven der Plattenlabels und Rundfunkanstalten irgendwo im No-where-land von Wisconsin (oder so) wühlen, dortige Angestellte bestechen, die Funde nach Europa holen, aufbereiten lassen, die Fotorechte für dicke beigelegte Bildbände kaufen und schließlich irgendein Anwaltsbüro bei Laune halten, falls doch was schief geht und irgendein Nachfahre der gestorbenen ehemaligen Größe was zu mosern hat… Aber weh tut‘s eben doch im Portemonnaie, so 150 Euronen zu verjubeln für so’ne CD-7er-Kiste von ein- und demselben Ex-Star.

Die, die ich meine, enthält das Spätwerk von einem komplett Vergessenen der Rock&Roll-Ära: Rick Nelson, den sie in den 50ern Ricky nannten. Um‘75 herum lernte ich via „Memory Hits“(siehe oben)„poor little fool“ und „lonesome town“ kennen. „Hello, Mary Lou“ ist ja eher verzichtbar. Von seinen aktuelleren Comeback-Versuchen zu der Zeit ahnte ich damals nichts.

Auch wenn Prog-/Artrock bei mir zum Dauerbrenner wurde – dem Punkaufbruch war ich kurzzeitig ebenso verfallen; und dem begleitenden Rockabilly-Revival ala Pirates/ Stray Cats/ Nick Lowe gleichfalls nicht abgeneigt. Elvis lebt! You know?

Klapprig frisch schepperten die Darts einen ganz anderen „Daddy Cool“ durch den Äther als BoneyM, Ian Dury ver-Punk-te „Sweet Gene Vincent“, Blondie verhalfen einem alten früh-60er Teeny-Heuler namens „Denis“ wieder auf die Beine, Rocky Sharpe and the Replays gelang ein Remake von „Rama Lama ding dong“ und last, not least machte ein gewisser Shakin‘ Stevens mit- und ohne Flyin‘ Saucers von sich reden. Er wurde dann allerdings leider arg überstrapaziert; blieb aber der einzige, der Elvis’ens Drillbohrerbeine geerbt zu haben schien!

Das alles hub an in den späten 70ern und hielt bis Mitte der 80er vor. Es war frisch, frech, fröhlich, frei und irgendwie schien es überhaupt nicht kompliziert zu sein! Bis Töchterlein sich in den späten Nullerjahren damit quälte „Tequila“ von den Champs mit 10 Fingern auf dem Klavier hinzukriegen. Da sah ich die Notenmenge und erschrak – vor Ehrfurcht. Wow, wenn man sowas kann! Und sie kann das inzwischen auswendig! Nicht zu fassen! Ihr Erzeuger quälte einst 4 Jahre ein Akkordeon. Aber alles, was ihm dazu heute noch einfällt, ist ein Horst-Lichter-Zitat, der sich an seine eigene Klavier-Folter erinnerte: „Immer wenn ich übte, spürte ich die Sehnsucht des Instrumentes – wieder Baum sein zu dürfen“. Ich blieb also Passivhörer, der durch die Stile wandert:

„I am a wanderer … and going roundandroundandround!“ (Dion DiMuchi)

Wie das zu Rick Nelson passt?

Auf tragische Weise perfekt! Ich war da die letzten Tage auf einer Reise durch die Zeit. Dank ihm: The Californian Troubadour.

Geboren 1940. Gestorben 1985. 1970 war er also 30 – ein Alter in dem für viele heute das eigentliche (Berufs-)Leben erst anfängt. Nelson hatte da schon zwei hinter sich: Kinderstar einer TV-Seifenoper und Teenage-Idol des Highschool-Rock&Roll ab 1958. Elvis’ns brav gekämmter Fahne-Ersatz brillierte nebenbei  in „Rio Bravo“, einem A-Movie, als Westernheld – aber dann kamen die Beatles. Und Dylan. Und die Stones…

Die Rock&Roller waren weg vom Fenster. Die meisten dauerhaft. Manche wurden zum Revivalfall. Die Diskussionsgrundlage für nachwachsende Generationen: Wie lange kann man „sweet little 16“ oder „there’s a good rockin‘ tonight“ singen, ohne dass es peinlich wird?

Es gab da aber auch Veteranen der ersten Stunde, die versuchten es mit Weiterentwicklung. Rick Nelson war so einer.

Die Kiste umfasst die Jahre 1970-1982 und heißt treffend „last time around“. Sie enthält 7 CDs und einen sehr informativen Text-/Bildband.

Er legte erst mal das “y“ ab. Mit 30 ist man nun mal kein Rickilein mehr. Auch die Haare wuchsen und die Langfelljacke stand ihm top! Die erwachsen gewordenen Fans von einst verziehen ihm das nie, sahen‘s als Verrat. Unser Ricky – ein verlauster Hippie? In seinem Song „Garden-Party“ beschreibt er später diese Art Schlüsselerfahrung.

nelsonEr hörte sich durch all die neu entstehende Musik und klang auf seinen beiden ersten LPs im 70er Jahrzehnt wie Donovan in Byrds-Begleitung. Da war nichts vom alten Sound geblieben. Auf LP Nr.1 werden zwei Dylan-Nummern von der „blonde on blonde“ gut gecovert. „Honky Tonk Woman“ von den Stones hätte er lieber bleiben lassen sollen. Hier passt seine artig-zahme Stimme überhaupt nicht. Es klingt verdächtig nach David Cassidy. Selbstverfasstes gibt es auch und es kann sich hören lassen! Dabei fallen 1972 auf LP Nr.3 die letzten beiden Charterfolge ab: „Palace guard“ (Platz 65) und (oben schon erwähnt) „Garden Party“ (Platz 6). Die beiden Hits passen in die Schublade, in der auch „Catch the wind“, „where do you go to my lovely?“, „the games people play“ gefunden werden können. Friedvoll folkige Streicheleinheiten.

Der Rest erinnert mich stark an Poco bzw. an das Dylan-Cover „You angel you“ von den New Riders of the Purple Sage. Und das verblüfft. Bis man im Booklet erfährt, dass er mitten auf einer Tour von der Band verlassen wird, weil es Bezahlunstimmigkeiten gab. Zwei der ungetreuen Paradiesvögel seiner Stone Canyon Band helfen einer anderen noch relativ unbekannten Band abzuheben: The New Riders of the Purple Sage.

Der dritte Ungetreue ist ein gewisser Randy Meißner. Der schmeißt hin, weil ihm die Familie in den Ohren liegt, seriös zu werden und einen unmusikalischen Brotberuf zu wählen. Er versucht’s vorübergehend, erfährt jedoch davon, dass Linda Ronstadts Band gerade ohne Sanges-Elfe Musik zu machen versucht; also steigt er bei diesen Eagles ein – und bald wieder aus – um Landmaschinen zu verkaufen. Die Familie eben … was willste machen?

Abgesehen von Meißners Prä-Eagles-Phase, gibt’s für ein paar Proben, aber ohne Plattenverewigung auch ein Kurzgastspiel von Richie Hayward, der wenig später mit Little Feat Musikgeschichte schreiben wird. Ein anderer hielt‘s länger aus: Denny Sarokin, oder wie er sich selber nannte Denny Larden.

Er komponiert LP Nr.4 „windfall“ für Rick. Ein Doobie Brothers-Eagles-Gebräu. Sehr eingängig; gut durchhörbar – und besser als die ersten beiden LPs.

Sie hätte Beachtung verdient gehabt. Die Plattenfirma bewarb die LPs nur spärlich. Die powerte gerade um Elton John in Amerika zu etablieren und für die anlaufende Neil Diamond Karriere, deshalb lief Nelson fälschlicherweise unter „old school“ und blieb Promo mäßig links liegen. Ein paar (sehr bescheidene) Radio-Spots wurden von Bear Family gehoben und mit auf die CD gebannt. Sarokin komponierte auch einen Großteil der späteren Nummern, die erst durch Bear Family Records dem Vergessen entrissen wurden.

Also Flucht von MCA zu Epic. Al Kooper wird als Produzent herangeholt. Der soll’s richten. Dylan-und Blood Sweat & Tears Fame im Gepäck. Material für zwei LPs wird eingespielt – aber plötzlich wurde das Projekt gestoppt. Der (unverdiente) Totalflop der „Windfall“ LP schien die explodierenden Kosten nicht zu rechtfertigen. Der Etat war überschritten. Draußen wandelte sich gerade der Massengeschmack zu Disco und Punk. Die Firma bekam kalte Füße. Nelson wurden ein paar armselige Singles aus dem Al Kooper Session Pool gewährt, die gänzlich ohne Promotion niemandem auffielen.

Er kämpft sich aus dem Epic-Vertrag, was eine Weile dauert und heuert bei Capitol an. Die aber wollen nun erst recht wieder Rockabilly von ihm. Es ist 1980. In Europa sahnt dieser Shakin‘ Stevens ab. Siehe oben. Nelson, nun 40 und entnervt, akzeptiert, rafft sich auf und produziert 1981 eine knackig frisch klingende LP “Playing to win“. Aber er verliert erneut. Noch ein Flop. Auch diese Firma duldet ihn mehr als sie ihn fördert. Ein paar Singles kommen 1982 noch. Floppen. Das war‘s. 1983 und 84 geht er nicht mehr ins Studio. Die Langzeit-Ehe scheitert.

Gefrustet tourt er durch die Staaten. Immerhin hat er eine leidlich stabile Band im Rücken.  Jerry Lee Lewis verkauft ihm für 100 000 Dollar seinen altersschwachen Jet. Der Anfang vom Ende. Die Reparaturen verschlingen das Geld, das eigentlich durch nun unnötig gewordene Charter-Flüge und kostspielige Zwischenstopps in Hotels gespart werden sollte. Silvester 1985 stürzt er ab.

Wenn man sich heute durch diese Kiste hört, ist das eine Zeitreise par excellence.

Früh70er-Späthippie-Phase, Cassidy- und Osmonds-Schmacht, Westcoast-Folkrock-Development, eine Prise Cajon und schließlich wieder Rockabilly… the way we were…

Deja vu‘s der angenehmen Art. Empfehlenswert vielseitig.

Buchholz- Cowboys

Neil Young stochert im Äther nach Noten… und findet Melodie… schwerblütig… wohltuend das Trommelfell tretend…

Frontier-Town…home of the western hero…lang ist‘s her, dass hier einer was geworden ist….und dann kommt der Typ mit großem Geld, scheinbar aus ner andern Welt …

aber es klingt so genial verwahrlost rabiat…dass man nur eine Chance hat – zu glauben:

 shure enough: he was a western hero…

Neulich gab Graugans ihre wunderschöne Buchladenerinnerung preis, die mich zwingen zu wollen schien, ebenfalls eine Buchladenreminiszenz abzuliefern. Nach 3 misslungenen Ansätzen ließ ich es sein.

Die Geschichten suchen sich den Schreiber, wenn sie reif sind. (frei nach Mick Zwo im Graugansblog)

Meine wars wohl (noch) nicht.

Aber wie ist’s mit der hier:

Da steht dieser Graubart in der Kleinstadt vor dem Schaufenster des Trödlers und lernt die Auslage auswendig. Um ihn her die Fassaden, die Linden, die meisten der geparkten Autos – alles grau in grau getaucht. Hier hat die Modellstadt jedenfalls in den 90ern kein Geld versenkt. Die Konradi-Galerie wird ihrem Namen längst nicht mehr gerecht. Die Stuck-Lettern oben drüber künden lediglich von besseren Tagen. Einst hatte hier ein frisch verheirateter Tierarzt seinen sozialen Aufstieg dadurch gefeiert, dass er DAS Bild erwarb, was seither im Arbeitszimmer die eine der beiden fensterlosen Wände beherrscht. Pferde im Gewitter; von Alfred Roloff.

dsc02468-008blogbildDer Sohn an der Scheibe draußen, war da noch nicht einmal geboren. Aber immer, wenn er hier vorbei kommt, fällt ihm das Bild ein. In der alten Wohnung seiner ersten 7 Kindheitsjahre hing es im Wohnzimmer über der Couch. Auf der wiederum sieht er sich selber liegen. 5jährig. Bademantel. Frisch gebadet. Nach dem Sandmann. An der Seite von Mutti oder Großmutter, die vorlesen müssen: Von Suleika und Ritter Runkel. Und der Blick pendelt von der schönen Suleika und den häßlichen Comic-Pferden zu der Herde im Sturm da über ihm und den Wolken darüber, die wiederum Pferdeköpfe bilden… Er ist so lang, wie das Bild breit ist, aber voll heldenhaftem Tatendrang: Die Stimmen der Vorleserinnen künden von Comicritter-Heldentaten, aber im Kopf des Zuhörers ist er das selbst und Udo an seiner Seite, der zur Belohnung Vaters alten Bubi reiten darf, während er sich stolz in den Sattel des schwarzen Hengstes Bento schwingt, des unbezähmbaren; der sich nur freiwillig dem wahren Tierfreund unterwirft …also ihm…logisch… und auf geht’s in die Traumwelt…

Seltsam nur, dass er morgens immer in seinem Bett erwachte und nie unter dem Bild im Wohnzimmer.

Die Galerie Konradi wurde Möbelladen, Schuhgeschäft und Leerstandsruine. Dann zog der Trödler ein. Die Jahrzehnte sogen dem Betrachter draußen die Farbe aus dem Bart.

Vor der Auslage steht er jedes Mal, wenn er wieder in der Heimat ist. Die Abstände wurden mit den Jahren größer. Ungewollt. Es hat nicht sollen sein mit der Wurzelpflege am angestammten Ort.

Jedoch seit geraumer Zeit kommt es ihm so vor, als wüchse der Magnetismus der Gegend wieder.

Alte Büffelbullen kennen den Weg zur letzten Suhle.

Alte Elefanten wissen, wo ihr Friedhof ist – und machen sich rechtzeitig auf den Weg, wenn man „König Salomo‘s Diamanten“ Glauben schenkt.

Zu kitschig? Nö.

A oalda Huund lernt kaane neuen Tricks… (Danzer)

Er besinnt sich auf Bewährtes.

Der Trödler bietet alte Ansichtskarten feil. Richtig alte. Koloriert.

Eine davon ist die von dem Pavillon im Bürgergarten. Gleich hinter der Sommerbühne im Garten des gleichnamigen Restaurants und ursprünglich neben dem „Turnplatz“ der altdeutschen Jahn-Jünger, die den Meister noch selber kennen lernen konnten, da er im nahen Freyburg in Verbannung saß.

Welche Funktion der Pavillon ursprünglich gehabt haben mag, ist nicht überliefert. Er ist älter als der Turnplatz. Vielleicht gedacht für Adels-Soireen, nachdem sie sich im „englischen Park“ ringsum ergingen und dann der Stärkung bedurften. Die sommerlichen Wolkenbrüche des Saale-Tals sind legendär! Da verlegt man ein Picknick gar gern unter Dach und Fach. Die Gaststätte wenige Schritte hangabwärts gab‘s noch nicht. Sie entstand im Siegestaumel nach 1871, durchlief allerlei Stadien und steht heute in gutem Ruf. Freie Plätze sind rar. Vom Pavillon künden lediglich noch die Portalstufen, dass es ihn einst gab.

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Der Heimkehrer da draußen an der Schaufensterscheibe kannte ihn gut. Er sieht sich prompt in seinem Inneren: Eine Freitreppe und eine Balustrade als Rundgang an den oberen Fenstern entlang.

War’s mit den Eltern? Mit Großmutter allein? Oder mit der Kindergartengruppe? Jedenfalls gab‘s einige Male hier Gemäldeausstellungen, die man gezeigt bekam, ob man wollte oder nicht. Die Bilder prägten sich nicht ein. Keins davon glich Tante Hedis „röhrendem Hirsch“ oder Vaters „Gewitter-Pferden“. Aber er ging gerne mit „zum Pavillon“, denn der stand so malerisch in Buschanei, wie das leibhaftige Dornröschenschloss und er war schließlich der Ritter, der den unsichtbaren Bento am Halfter führt. Seltsam nur, dass man im Pavillon immer allein war und nie Eintritt bezahlen musste. Das war in Museen jedenfalls anders. Es gab keine Aufpasser, keinen Andenkenstand; lediglich einen Schlüssel, den man zuvor beim Kneiper gegenüber bekam.

Der Ruf des „Bürgergartens“ schwankte. Ausflugslokal, Kaschemme, Disco. Ältere Semester und kleine Jungs hatten Anfang der 70er keinen Grund mehr hinzugehen. Das angrenzende Waldstück, das Buchholz, behielt jedoch seine mystische Anziehungskraft. Der Aktionsradius wurde jedes Jahr erweitert. Die Freundschaften innerhalb der Klasse ebenfalls. Da trug es sich zu, dass ein buntgemischter Haufen 6.Klässler, so sechs-acht Mann stark, mit Colts und Blech-Knickern aus dem Wald trat und vor sich die Rückseite des Pavillons erblickte. Anschleichen! Fenster kontrollieren! Eindringen!

Als der Bau umrundet war, zeigte sich, dass sich das Abenteuer des Hineinkletterns erübrigte: Es gab keine Tür mehr. Ein Portalflügel lehnte wohl noch an der Wand oder lag auf der Erde. Die Cowboys entsicherten die Knarren und traten ein. Der vormalige Bento-Reiter, der sich dank ARD-Sonntagsnachmittagsprogramm momentan gerade für Wild Bill Hickok hielt, vermisste die hölzernen Innereien. Die Treppe war weg. Reste der Balustrade hingen als gesplitterte Balken in den Wänden. Wehende Tapetenreste mühten sich, die übelsten Stümpfe zu verdecken. „Iiiiiäh!“ Die Blicke flogen zu Andi und an ihm runter: Fast gleichzeitig bemerkten die Trapper die Bescherung: Die Fäkalien ihrer Vorgänger! Geknüllte Zeitungsfetzen und braune Haufen.

Der Westerntraum zerstob. Der Schmächtigste von unseren vielen Andreas’en, der eben noch Festus Haggan war, sprach aus, was alle dachten: „Hier hamde Russn jehaust.“ Die überwiegend kyrillischen Buchstaben an den Wänden schienen ihm Recht zu geben. Die Saaletal-Perle war seit Kaisers Zeiten Garnison und beherbergte zu jener Zeit gut 20 000 „Freunde“, zu denen keinerlei Kontakt bestand.

Der Nachmittag war rum. Geld für eine Brause draußen vorm „Bürgergarten“ hatte niemand. Also ging jeder seiner Wege.

Der Graubart betrat den Laden und fragte nach dem Preis der Karte.

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„1924. Die is echt jeloofen! 15 Euro.“

„Nö! Fünfe höchstens!“

„Sieben?“

„Näää. Dann lass ich’s.“

„Sammeln Sie?“

„Nö. Is mehr so ein Heimwehding. Wenn ich mal hier bin.“

„Das is dor Bawillchjong am Börchergordn jewäsn.“

„Ich wees. Ich war da noch drin.“

Er staunt: „Wie lange hatt‘n der jestand‘n? Ich bin nämlich nich von hier. Ich bin von A. driem  herjezong.“

„Örchendswann vor dor Neunhundertfuffzch-Joahrfeier, so um fünfnsiebzch unggefähr.“

„Gugge an. Naja, mach mor’s? Für Fünfe.“

Ich bezahle und stecke die Karte vorsichtig in die Innentasche meiner Jacke. In mir arbeitet‘s noch.

Es ist ein komisches Gefühl, sich nach so langer Zeit in einem Gebäude zu sehen, das nicht mehr steht.

Am liebsten würde ich es wieder auferstehen lassen. Aber ich bin kein Jauch(Portal Stadtschloss Potsdam), kein Güttler(Frauenkirche Dresden) und leider auch kein

Wild West Hero with big money in his hand…