Der Doktor und der Knackwurstmann

Der Doktor und das liebe Vieh (DDR-Version)

Zum 90. Geburtstag meines Vaters

Zurück in die 70er, als der „Dukter“ über Land fuhr und Geschichten erlebte, die das Leben schrieb. Damals – im alten Osten.

Inspiration war „Krambambuli“ von Frau von Ebner-Eschenbach, eine todtraurige Hundegeschichte, an die neulich Frau Arabella erinnerte.

Daraufhin fiel mir eine Herrchen-Wechsel-Geschichte ein, die mir mein Vater einst erzählte.

Lesehilfen:

Bevor es losgeht, sei noch erklärt, dass ich im Folgenden die auftretenden Personen so sprechen lasse, wie man im Saaletal nunmal spricht. Es handelt sich um Hallenser Sächsisch. Es werden Redewendungen auftauchen, die nach heutigem Ermessen Probleme mit der sogenannten „Political Correctness“ bekämen, wären sie nicht 1975 gesprochen worden. Aber wie will man über jene Zeit sonst berichten, wenn man alle Schärfen wegfiltert? Was für ein verlogenes Bild entstünde dann?

– ein „Zett Dee“ ist ein ZT 300, ein populärer Traktor der DDR;

– eine Trophy (sprich Drohvieh) ist eine ES 250, ein populäres Motorrad der 60er und 70er Jahre

– die „Großern“ ist die Kleintierärztin Frau Dr. Große, zu der man mit Hunden, Katzen, Wellensittichen usw. ging; damit wurden die Dorftierärzte staatlicher Gemeinschaftspraxen überhaupt nicht belästigt, die waren nur fürs Nutzvieh zuständig;

– alle Namen der Personen und Dörfer sind von mir nicht mehr exakt erinnerbar und deshalb frei erfunden; eventuelle Ähnlichkeiten mit heute Lebenden purer Zufall;

 

Und nun geht es los:

  1.  In der Kneipe

Der alte Schlüter (54) aus Schkola gilt ein bissel als Sonderling in der Gegend. Besitzt einen eigenen ZT und eine Trophy mit Seitenwagen, fährt aber weiteste Strecken mit dem Fahrrad. Eigentlich wohnt er gar nicht richtig im Dorf, sondern in Schkola-Ausbau; ein Kolonisteneinsprengsel in die Landschaft. Drei Vierseithöfe, ein fester Feldweg als Zufahrt, Weltende. Bis vor kurzem Wasserpumpe auf dem Hof und Plumsklo neben der Scheune. Die LPG hat auf Betreiben der anderen beiden Höfe sich erweichen lassen, die nötigen Erdarbeiten durchzuziehen, um die drei Weitentrückten ans Trinkwassernetz anzuschließen. Bedingung war Eigenleistung-Subbotnik (unentgeltliche Schaufelei) und Anschlusskostenbeteiligung in DDRisch symbolisch niedriger Form. Zähne knirschend hat Günter Schlüter mitgemacht, die Anschlusskosten bezahlt, ein sehr kleines enges Bad ins Wohnhaus einbauen lassen. Die Frau und die erwachsenen Kinder machten‘s möglich, waren gegen ihn. Hatten ihm verboten, dagegen zu sein. Fluchend (und mit Enterbung der ganzen Sippe drohend) hatte er unterschrieben. Schlüter eben. Sein Großvater war genauso.

Wir schreiben das Jahr 1975. Sommer. Saaletal. In Prisdorf, dem Nachbarort von Schkola ist die Kneipe gut besucht. Zum Feierabend trifft sich noch traditionell alles, was sowieso den ganzen Tag auf der LPG zusammengesperrt ist und wertet den Tag aus. Heute sitzen zufällig auch Förster und Tierarzt mit drin.

In der Mitte der Gaststube am großen runden Tisch führt der alte Ohlich das große Wort.  Kann alles, weiß alles – Münchhausen 2.0.

Er will sich jetzt einen Kaukasen anschaffen. Die großen russischen Hütehunde, halbe Bären, gelten als gefährlich, kommen aber unglücklicherweise grade in Mode. ER wird den schon zähmen! Wäre nicht der erste Russe, den er zähmt! Wie man halt so redet beim Bier.

Der deutlich jüngere Tierarzt fährt ihm in die Parade:

„Biste ahler Grotzkotz! Du weest nich, was de dir da offlädst! Die Kaukasen leben halb wild in den Schluchten dahinten, keene Angst vor gar nüschd. Erst wird dir der Welpe dein großes Maul stopfen und dann sperrsten weg oder verschenkstn an irgend ehn Assi. Der versautn dann komplett, dann beißte zu und wird eingeschläfert. Putze ma deine Fenster in dei’m Stalle! Deine Schweine ham ja Dunkelhaft! Schaff dir was Normales an. Schäferhund, Boxer. Mehr packste nich‘!“

Ja, der Dukter redet Klartext. Das mag nicht jeder. Aber weglaufen is’nicht! Die staatlichen Tierarztpraxen sind aufgeteilt. Da muss man beiderseits nehmen, was man kriegt.

Der alte Trinks sitzt dabei und bremst nun ebenfalls, in versöhnlicherem Tonfall:

„Sei vorsichtch. Ich hawwe doch Vorsjahr mir den Rottweiler aus Gumbach andrehn lassen. Das reicht schone! Das Mistvieh is so falsch! Den lass‘ch nich mehr aus‘m Zwinger. Hat bei Schrubski‘n Jürgen schon’s eichne Frauchn jebissn. Desdorwächen wollten Schrubski loswerrn.“

„Und du warst so blöde und hastn jenomm!“, jubelt Gärtner, Traktorist und Vater vieler Kinder, los.

„Ach Gärty! Ich dachde, isse junges Vieh, ehe‘ vorpräächd is‘, nimmst‘n. S jing och de erschde Zeit. Nachts frei offn Hof. Tachsübbor in Zwingor. Off ehmal krichde seine 5 Minuten, wiechn am Morjen wüddor in Zwinger tun will. Ich fassn ans Halsband – zack hadde mich am Arme, das Misstück. Ich de Schaufel jenomm und jibb ihm! Seit däm tude janz untorwürfig, un wenn de Zwingertüre zu is, spielte wilde Sau und springt gächns Gittor! Als wie wenne mich fressen wollte.“

„Zeiche ma de Narbe vom Biss!“, die Sensationslust der Zuhörer ist erwacht.

„Na nää! Bis ofs Blut hadde nich jebissn, obor s Zahnprofil hattch gomblett im Undorarm.“

Am Nebentisch sitzt nur ein einzelner Gast, der in sein Bier stiert und ebenfalls zuhört. Es ist der alte Schlüter auf der Heimfahrt von der Kreisstadt. Der Tag war heiß. Kurz vor zuhause wollte er sich ein Feierabendbierchen gönnen. „Also die Beißhemmung hat er noch“, denkt er sich.

klein21RottiTrinks genießt die Aufmerksamkeit; berichtet, dass das Hundeproblem in der Folge wuchs. Aber auch er ist so ein Held wie Ohlich, der immer alles im Griff hat. „Die Töle“ gebärdete sich unberechenbar, die eigene Frau fürchtete die „Bestie“ nun und nahm dem Mann das Versprechen ab, den Hund nicht mehr aus dem Zwinger zu lassen, er könnte sonst die Enkel fressen. Deshalb bekäme der nun sein Futter in den Käfig und ab und an kratze Trinks mit der Schaufel durch die Gitterstäbe etwas Kot vom Betonfußboden, wobei sich der Hund regelmäßig in den Schaufelstil verbeißt.

„Und da willst du ä Kaukasn ins Dorf hol‘n, wo schon ä Rottweiler ausreichn duhd, um Probleme zu hann!“, wendete er sich wieder an Ohlich. „Wenn der dann och im Kefich endn tut, frisste nutzlos noch vülle mehr wie meinor!“ Die andern nicken.

„Das is doch gomblett vorn Oarsch. Wie lange willstn das noch dorchziehn?“

„Nächsde Woche lass‘ch de Großern komm. Die solln einschläforn. Der nutzd mich nüschd, so wiä jetz‘ is.“

„Würschde die Großern bezahln! Sach Mecki’n Bescheid. Der gommd mitor Wumme vorbei; und juud is!“ Gärtner fühlte sich clever.

Förster „Mecki“ protestiert sofort: „Im Wohnjebied wörd nich jeschossn! Das gomd vorn Kadi und dann bin‘ch de Wumme los!“

„Mussde doch nich an de chrose Glocke häng!“ Gärtner gibt so schnell nicht auf, wenn ihn die Cleverness seiner 7 Klassen übermannt.

„Orschlöcher jibds üwwor all! Und wennde im Suff das chroße Sabbln kriechn duhst? Vorschde he ma!“

Da mischt sich plötzlich der alte Schlüter vom Nebentisch ein.

„Wie alt issn der Hund?“

„Ungefähr 3e.“

„Un wielange hasdn nur im Zwinger?“

„Drei Monate wärrns jetze sein.“

„Wenne nüschd kost, hol ich‘n dir weg.“

„Wie willst’n das packn? Der kennt dich nich! Der frisst dich! Und dann bin ICH dran, wenn‘s of mein Hof bassiern duhd!“

Schlüter lässt sich nicht abbringen. Er hält Trinks die Hand hin:

„Schlag ein! Kostenlose Abholung durch mich? Wanne hasdn ma Zeit?“

„Glei Morchn. Dann wäre weg.“

Händedruck. Abgemacht.

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  1. Trinks‘ Trauma

Als der Tierarzt 8 Wochen später zu Trinksens Ferkel kastrieren fährt, ist der Zwinger in der Hofmitte leer. Alte Hundescheiße liegt aber noch drin.

„Na, hat wohl geklappt, was dir der Schlüter versprochen hat?“

„Dukter!“, Trinks kommt ganz dicht und legt dem Tierarzt den Arm um die Schulter. Dann raunt er, damit es niemand Unberufenes hört: „Damals, in dor Rittorzeit hättnse den vorbrannt! Der is nich koscher, der alte Geizkragen! Hättich’s nich mit eichnen Och‘ng jesäähn! – “ er bricht ab und starrt den Dukter grooooß an!

„Wie haddenn den geholt? Mittn Viehwaa’ng am Zett Dee? Oder glei mit dor Trophy?“ grinst der unbeeindruckt.

Trinks bleibt ernst und schüttelt den Kopf. Der Blick wirkt immer noch verstört. Er starrt am Dukter vorbei ins Leere.

Wie zu sich selbst antwortet er mit erneutem Kopfschütteln verschwörerisch leise und todernst: „Mit‘s Fahrrad.“

„Is nich wahr!“

„Doch!“ Trinks ahnt, dass ihm das keiner glaubt, aber er muss es mal los werden:

„Der kam und kloppt ans Tor. Der Hund glei SCHGANDAL hinter de Gitter! Ich raus zu ihm, sehe nüscht. Kee Jefährt; nur ihn un sei Fahrrad. Ich: Haste nich was vorjessn? Oder hasde dirs andorrs üborleechd? Er: Wieso? Hawwe alles dabei. —

Ne Hundeleine hadde um Hals häng und ä Lädorhalsband in dor Aktentasche am Lenkor. Und enne Brotbüchse. Dann grinste mich an und sachd: Jehe man nei bei deine Alte und haltse drinne. Gannst ja hintor dor Jardine guckn. Ich wär ne Stunde brauchn.

Ich mache das, wiä schbrichd; und gugge naus – da sehe ichn sitzen vorm Zwinger. Off dor Erde, wie so a jungschor Gammlor! Schneidorsitz. Brotbüchse. Der Hund – Radau. Er sitzt und frisst de erschde Bemme und greift in de Tasche und schmeißt a Sticke Worschd in Zwingor. Dann sprichde mit das Vieh: „Gosde ma! Is leckor. Wennde de Schnauze hältsd, jibbs Nachschlag.“ Der Köter hat den Happen runter und bellt und knurrt und macht und duhd, drähds‘ch im Kreise und springt Scheinangriffe! S nächste Sticke Worschd. Und: „Gomm, rääche dich ab, meinor.“ Schlüter frisst Bemme Nummor Zwo. klein22RottiOff ehmal setzt sich der Köter und guckt blöde durch die Stäbe. Und Schlüter wüddor: „Na siehste. Jehd doch.“

Steht off, machd den Zwinger off. Halsband um. Noch ä Stück Worschd aus dor Hemdndasche! Leine dran und dann tippeln die beede zum Rad als wäre das normohl?!“

„Und dann?“

„Ja -nüschd! Fort. Ich dachte noch: Würstema morchen in de LDZ guckn, obs Tote jaab im Kreis. Wennenn der Köter vons Rad reißen duhd; obor nüschd. Die müssn heile anjekomm sein; heeme.“

„Von dor Bestie zum Rad-Hund in 5 Minuten? Spinne mich nich voll?!“

„Ehrlich Dukter! Na – 5 Minuten warns ja ooch nich. Ne jute halwe Stunde hadde jebrauchd. Dann war juud.“

Der Dukter steht draußen am Dienst-Moskwitsch. Was er gerade gehört hat, will ihm nicht einleuchten. Auch er kennt nur die Methode, Hunde durch Prügel zu erziehn, „wenn’s sein muss.“ Zu unwahrscheinlich! Er beschließt einen Umweg zu fahren und nach dem Schlüter-Hof zu sehen.

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  1. Der Knackworschdmann erzählt

10 Minuten später steigt er vor dessen Tor aus dem Auto, klopft und reißt aus Gewohnheit die kleine Eingangstür im großen Tor auf. Neben dem Misthaufen, im ansonsten sauberen Hof, springt ein Rottweiler auf, bellt und beginnt, sich auf der Stelle im Kreis zu drehen. Zeitgewinn für den Dukter, lieber wieder ein, zwei Schritte rückwärts einzulegen.

Zwei Kindergarten-Steppkes mit Dreirad und Roller unweit vom Hund krähen begeistert: „Achtung! Raudi schimpft!“

Nun hat der Hund sich besonnen, dass er nicht in einem Käfig sitzt und läuft böse knurrend an –

Aber Schlüter steht schon in der Tür zur Wohnküche und ruft ein scharfes „Bleib!“ Der Hund steht wie eine „1“ und guckt zum Herrchen. „Das is dor Dukter! Den lässte rein!“ erklärt ihm Herrchen bestimmt, aber im Tonfall weniger scharf. Der Hund trabt nun gelassen in Richtung Gast.

„Lass‘en schnüffeln!“, ist nun der Dukter gemeint. „Gomm ruhig her.“ Und zum Hund: „Wennde den ärchern duhst, kastrierde dich! Also hüte deine Eier. Bis‘ lieb jetze.“ Ein-zwei gutmütige Klapse auf die Rotti-Schultern; der Hund ist entlassen. Er wählt sich eine neue Ecke im Hof und legt sich diesmal neben die Sandkiste.

Einer der Steppkes verkündet das Offensichtliche: „Nu isse wüddor lieb!“

„Ja, abor du nich!“ tadelt Schlüter Senior das Kind. „Ich hab jesaachd, ihr sollt de Förmchen nich übern janzn Hof vorteiln! Rabauken! Da fahr ich nachher mitn Zett Dee drüwwor! Sammelt das Zeuch ein! Das hat Jeld jekostet!“

Der eine bückt sich sofort, der andere grinst erst und hat noch einen Spruch auf Lager: „Dor Hund is ruhich – nu schümpt dei Opa!“

Der deutet aus der Ferne das Ausholen zur Ohrfeige an, zuckt dann mit den Schultern und meint resigniert zum Dukter: „Kingor ehm! Was willsde da machen. Warn mir frühor nur ooch so?“

„Uns hamse die Hammelbeene langgezong bei’n Pimpfen.“, erinnert sich der Dukter.

„So alt sinn die beede nich. Sinnerschd 5e. Warum bistn vorbeijekomm. Meine Viecher sinn wohlauf?!“

„Wechn dem Rotti-Wunder. Ich komme grade von Trinks.“

„Ach so!“, strahlt Schlüter nun beruhigt. Keine veterinäramtlichen Zumutungen a la neuer Pflichtimpfungen oder so! Keine Kosten. Nur bissl Quasseln!

„Martha! Mache Gaffee. Dor Dukter is da, wechn Raudi‘n!“

Die Frau kommt erstmal staunen. „Der Hund hattdoch jarnüschd?“

„Weitorbildung.“ verkündet Schlüter stolz. „Dor Dukter will was lern. Stimmts?“

„Schieß los!“

„Wo solchn anfang. Was hatt‘n Trinks orzähld?“ beide setzen sich auf die Holzbank neben der Küchentür.

Der Dukter berichtet. Dann kommt der Kaffee. Martha Schlüter stellt das Tablett zwischen die beiden. Sie rückt einen alten Stuhl mit leicht kaputtem Flechtwerk und früher mal chicen Drechselwülsten zurecht und setzt sich dazu.

Schlüter beginnt:

„Ich kam dahin wie abgesprochen. Leine, Halsband, Stullenpaket. Lewworworschdbrote.“

„Und Knackworschd in de Hosentaschen, in dor Jacke, in dor Hemddasche – üwworall! Fettflecke!“, empört sich Frau Martha.

„Na ich musste doch juud riechn! Hunde sinn wie Weibor! Unberechnbar, obor mor krichd se rum!“ Er knufft ihr den Oberarm.

Halb sauer, halb belustigt stichelt nun sie: „DU mussts ja wissen!“

„Ich hocke mich vor denn Käfich und mei zukünftcher Gumpel mach Schgandal! Aaaabor – die könn denkng, Duktor! Die Viecher! Gloobs nur! Een Stick Worschd. Er bleibt sauer. Noch ä Stück Worschd. Immernoch. Bissl warten. Süßholz raspeln. Noch ä Stück. Er macht Pausen beim Bellen. Hältn Kopp schief. Ich sitze unbeeindruckt. Kee Angstschweiß. Keene Hektik. Kee Ärcher meinorseids; beiße in de nächste Bemme – plötzlich setzte sich hin, in seine eichne Scheiße. Ne Wahl hatte ja nich in dem Gäfich. Wemmor dich da nei sperrn däte, würdste ooch zum Tier! Stimmts, Dukter?“

Der Dukter bestätigt: „Ich hab’n heute gesehen. Die Scheiße liecht immernoch drinne.“

„Sooviel Respekt hatte vor Raudi’n“, lacht der Alte, „dassä sich nichema an die Kacke traut, wenn dor Köter schon lange übern Berch is.“

„Weiter. Wie seitorn nach Hause jekomm?“

„Na per Peedes. Ich mit‘s Rad und dor Hund zu Fuß an dor Leine. Ich musste ja ooch erschtema‘ seh‘n. Aber olles juud. Heeme habchn mir beguckt. Jestunken hattor wie ne Düte Russen. Duschen mittn Schlauche wollte nich. Hattor jeknurrt. Habch ehn Daach jewartet.“

„Also wenn ich Ihn nicht da so liegen sähe – das klingt mir alles zu harmlos! Ging gar nüschd schief?“

„Doch. Drei Tote gabs.“ gibt nun Schlüter zu.

„Ach!“ stöhnt Frau Martha auf und winkt ab, weil sie sich erinnert, aber ihren Mann erzählen lassen will.

„Nächsten Taach geht sie Gänse füttern im Jartn hinten und macht die Düre nicht zu. Der Hund erkundet das neue Terrain, der Ganter jehd off ihn los und Raudi‘n packt dor Blutrausch. Ganter tot. Die erschte Jans so am Flüchel erwischd und die zweete im Maul un am Schütteln, die andorn GAAK-GAAK! Die Frau ooch!“

„Ich hawwe jeschriiien!“ wirft Martha ein „wie am Spieß!“

„Die wäre balde de nächste Jans jewäsn.“ nickt er. „Ich hin-“

„-und hasdn vormöbelt?!“ kombiniert der Dukter.

„Ach Quatsch! Das kennde doch! Das haddn doch so vorboochn. Weibor schlächd mor ja och keene mehr. Nich‘ wahr? (Knuff an den Oberarm der Frau) Das machd die bösartch! Ich hawe mich droffjeschmissn von hinten, dasse einjeknickt is und jewürcht habchn mit beede Hände und of hündisch ins Ohr jeröchelt. (Er imitiert die Laute, an der Sandkiste erhebt sich der Hund, bleibt aber stehen und guckt irritiert rüber) So jepackt am Halse und hinundher. Ä paarma‘ und zur Sicherheit noch „Arschloch!“ anjefaucht. Da dachte sich: Ups, das war ä Fählor! Dor Knackworschdmann is sauer!“

„Ins Ohr jebissn hastn, das habbich jesään! Der hat jejault off ehmal. Und dann haste Alberts von nä’m an den toten Gänsorich vorkooft.“, mischt sich Martha Schlüter ein.

„Schadensminimierung.“ Schlüter grinst. „Und die Gans, die‘e bloß am Flüchel hatte, die hab ich musst selbor gilln.“

„Hattmor Jänsebratn die janze Woche. Jing uns nie so juud, wie wenn dor Hofhund Amok leeft.“ ergänzt Martha.

„Wo lernt morn sowas? N Hund beißen?“ Der Dukter nimmts als Witz. Aber Schlüter bleibt ernst.

„Das wolltch nich orzähln! Die Weibor wüddor! (Strafender Blick zu Martha) Im Griech. Da machsde noch janz annere Dinger, wenns ans Lähm jehd. Mei Hundewissn habbch obor äher aus Jefangenschaft. Bei Smolensk. Gottlob in ehn von die kleen Laa’cher da.“

Jetzt wirkt er versonnen. Schaut geradeaus an Frau und Gast vorbei auf den Hund.

„Ich hawwe Smolensk gabutjeschossn und wüdder heile jemachd, sozusachn. Die vörzscher Jahre warn scheise, darüwwer rädmer nich. Anfang de Fuffzscher wurde de Vorpflechung bessor. Und der Iwan sparte Offpasser. Die hatten am Zaun kaum noch Posten, abor scharfe Hunde lofen. Doppelzaun wie im KZ, aber kee Strom. Hunde darzwischen. Da habch dann mitn Gaschabrei und Drockenbrod am Zaune jesessen n Abend und je’essen und vor mir die Köter – Rabatz. Knackworschd hatch natürlich keene. Obor so Sticke Brot in’n Gascha jetunkt und hinjeschmissn. Habs. Weiterkläff. Nochema. Haps. Ruhe. Hinjesetzt und Kopp schief jehalten. Huch, denk ich. Da jehd was. Und dann schon balde habch die Hand durch jestreckt und gestreichelt.“

„Und die Russen?“

„Naja.“ Er schweigt. „Typisch für die, ehm.“ Wieder schweigen. „Erst staunen. Lachen. Beifall. Du Arrrtist? Zirrrrkuuuus?“ Schultergloppen. Sto Gramm anjeboten. Am nächsten Taach kame mittn Jelendewachn. Peng. Peng. Hadde die Hunde erschossen und zwee neue jebrachd.“ Schweigen.

„Die neuen hatch nach ä paar Wochen soweit, dasse Pfötchen jähm, durchn Zaun.“ Er sieht sie wieder vor sich und wer weiß, was alles noch.

Dann setzt er fort. „Dreinfuffzsch bin ich heeme jekomm. Haben Hof übernomm. LPG’60 wie alle. Hofhund hadch immer gostenlos. Ich hawwe ümmer „Vorbrecher“ übbornomm. — Svenni!“ ruft er dann in die Sandkiste, „zeiche ma’n Dukter Kunst mit Raudi‘n!“

Svenni und das Nachbarskind kapiern nicht gleich, was das soll, so abrupt aus dem Spiel gerissen, aber dann erheben sich beide vom Burgenbau aus der Sandkiste. Svenni rennt quer übern Hof zur Hundehütte und ruft „Raudiiiiiiiii!“ dann verschwindet er in der Hütte, der Hund hinterher. Eine Sekunde später gucken beide Kopf an Kopf aus der Hütte. Applaus von der Kaffeebank. Der Hund nimmts als Ansporn und rennt zu einem platten Ball. Aber die Vorführung ist vorbei. Svenni ist wieder in Richtung Sandkiste unterwegs. Der Hund lässt enttäuscht den Ball fallen, schnuppert hier und da und legt sich wieder hin.

klein25Rotti

„Der will partout nich in de Hütte. Nur wenn Svenni vorjeht. De blanke Tollwut! Stimmts Dukter?“

Der schüttelt nur ratlos den Kopf.

„Und die Kleen? Die Enkel? Wieso klappt das?“

„Weil die vornümpftich sinn und dor Hund ooch. Zwee Dache habch de Kingor nich ofm Hof jelassen. Musstense im Jartn hinten spieln. Der Hund sollte sein Terrain kenn’lern. Zur Ruhe komm, kapiern, dass da kee Käfich is. Das hat leider nich‘ janz jeklappt. Wechen dem Käfichklaps beim Trinks hatte den Drehrumbum weg. Wenn ehnor gombt, -haste ja jesähn-  brauchte ne Weile, bisse jradeaus leeft. Den beedn habch das Hundeschicksal als Jutenachdjeschichte orzählt. Nach 3 Daache habch’n dann die Wänste vorjestellt. Schnuppern lassen. Ich hawwe die vorher Knackworschdbrote zu essen jejähm, damit se riechen wie iche. Sein Jeruch der Befreiung. Dann mussten se mir aufsagen, dasse nich‘ hinrenn‘, wennor fressn duhd. Und dass es n Hund is und kee Ferd! Die solln jaaanich offm reiten wolln! Enkel is nur der ehne, Svenni. Der Freche von Vor’nz, der mittor Brille, Raiki, schläft bloß zurzeit hier. Die Eldorn sinn of Urloob. Das is Albertn seinor. Nachgömmling. Der hatte noch nich jenuch von seinor Muddi, da musste se nochema ran mit dreinvörzsch.“

„Gündor!“, empört sich Martha.

„Na is doch so! Wenne zwee Feffi in Turm hat, wirde spitz wie Lumpi!“

„Was solln jetze dor Herr Doktor denkng!“

„Jarnüschd. Der kennd sich aus. Hawwichrecht?“

„Und wie hasten damals sauber jekrichd?“ lenkt der Doktor wieder aufs Hundethema zurück.

„Glei nach der Schümpe weechen die Jänse. Da ware bedröppelt, da habch das schlechte Jewissn ausjenutzt; habchn am Halsband jesackt und hinlechen lassen, mich dornäm jesetzt und Marthan jesacht: Hol’en Schlauch unds Schambuh. Du, der hatte schon Jeschwüre am Arsch. War ich bei dor Großern. Die kam raus hierher und hatten untersuchd. Vormutlich hatte der Wunden von der Prüchel und dann is da die Scheiße nei und de Fliechn. Mor siehds noch an den kahlen Stellen bei dor Schwanzwurzel ä bissl, obors verheilt. Ich kreems ümmer, bevor ich mittn Angeln jehe. Dann läufte und leckt sich nich.“

„Erzähle mal das vom erschtn Ma‘!“ erinnert Martha.

klein23Rotti„Ach ja! Pass of Dukter, is lustich! Ich an dor Saale. Angel raus. Hund liecht beim Eimor. Schuborts Willi sitzt betont 10 Mätor Abstand. Der hatte Schiss vor meim neuen Gumbl. Plötzlich beißt was, ich hols rein – ä richtig fettor Garpfm dranne an dor Strippe. Wie ich denn so ausn Wasser reiße – haut der Hund ab! Bleibt oben offm Hange stehn und guckt, wo ich bleiwe. Willi lacht los: „Deine Gampfmaschine hat Angst vor de Fische!“ krähde mich an! „Odor dude sich ekeln, was du alles frisst?!“ Hadde mich blamiert, dor Raudi. Obor – der gannde ja nüscht. War ja normal. Er blieb erst oben offm Hange liechn und guckt in Richtung Eimor und wiech mich setze, game vorsichtch an und schnuppert am Eimer. Dotal vornümpftcher Hund! Und so eener nu in so a Drecksverließ bei‘n Trinks!“

„Ja, Hundeelend ofm Land. Zwinger oder Kette. Gassi geht hier doch keene Sau!“ konstatiert der Dukter trocken.

„Ich schonn. Naja, ooch nich ümmer. Musse ehm ab und an ma ofm Hof scheißn. Danach schnappte ein und seechd mir an Zett Dee. Als wie: „Du hast was vorjassn, Gnackworschdmann!“ Ich schaufels dann aufm Mist. Wenne lern däte, glei offm Mist sei Jeschäft zu machen, wärs einfachor. Abor das schaff och ich nich. Nich wahr, Raudi?!“ Der Hund erhebt sich wieder und kommt zur Kaffeerunde schnuppern.

Besonders vorsichtig kontrolliert er den Dukter vom Gummistiefel bis zum Ellenbogen. Dann lässt er ab und legt sich demonstrativ vor die Kaffeerunde.

„Wenn de s nächste Ma gommst, kennde dich.“

„Wie heißter?“

„Na Schrubski hattn Ronny getooft! Trinks hat das so übornomm. Warumdn nich glei Enrigo! N Hund – so ä Modename!“

Der Doktor feixt: „Och nich‘ schlecht. Enrico, Madelaine, Melanie, Göran! Jeder denkt, glei kommt ne halbe Schulklasse, stattdessen wetzt ä Rudel Rottweiler übern Hof!“

Aber Schlüter bleibt im Text: „Ich hawwe nu Raudi draus jemacht, wächn dem Anlaut. Habs och drühm an de Hütte so jeschriem.“

„Lesen kanne och schon?“ stichelt der Doktor weiter.

Der Witz kommt besser an: „Naaaa, gut Ding will Weile hamm. Wenndes nächste Ma‘ gomst, lieste dir de LDZ vor. Versprochen.“

„Ihr Spinnschweine.“ Frau Martha erhebt sich und räumt das Tablett ins Haus.

klein24RottifoxDer Doktor verabschiedet sich, geht zum Auto. Nimmt Platz neben seinem Terrier und guckt den alten Begleiter versonnen an:

 

„Na, Tiger von Eschnapur? Der da drinne hätte dir mehr beibringen könn‘ als ich.“ Er tätschelt ihm die Schulter, während der Hund die Rottweilergerüche zur Kenntnis nimmt. „Na, verzeih halt. Beim nächsten Hund wird alles anders.“

Er startet den Moskwitsch und fährt heim.

Am Tor steht Schlüter und schaut ihm nach, neben ihm Raudi mit Blick zum Herrchen: „Gehmor angeln?“

 Anmerkung (sicherheitshalber): Rottweiler sind KEINE Kuscheltiere. Wenn du das RICHTIG gelesen hast, merkst du: Sie stehen nicht auf Waldorferziehung. Sie handeln KEINE Kompromisse aus. Sie brauchen klare Strukturen.

 

  Text: © bludgeon

Bilder: © bludgeons daughter

Beatles oder Stones? Eine Lossagung.

 

„Hot stu-uff! Hot stu-huff! Can’t get enough!“ „Can’t get enough!“

Ja, die Elefanten der Rockgeschichte. Legendäre Alben. Hits en masse. Eine lange Girlande Promis aller Jahrzehnte bekennt sich als Fan seit Jahrzehnten… oder behauptet solches wenigstens, wenn der Eindruck obsiegt, es würde im Publikum Punkte bringen.

Mir geht’s da anders.

Hier füllen CDs noch immer die Regale. Sturheit des Alters. Alte Süchtlinge wollen nicht nur Playlisten klicken. Rockhistoriker wie ich wollen nach wie vor wissen, wer bei Track 3 der 4. Gitarrist links hinten im Mix ist und welcher Roadie den Musikern da die Styvessand anraucht und in den Mundwinkel klemmt!

Hier stehen 8x Yes, 7x Heart, 4x Allmans; gefühlte 20 Elvisse, 12x Benson usw. usf.

Stones? Eine.

Beatles? Keine.

Solozeug der „Fab Four“? Nix.

Jagger-/bzw. Richards Solo? Jeh mia weg du!

Für die gebrutzelten Autosampler wurde der eine oder andere Song aus dem Ex-Beatle-Soloschaffen bezahltermaßen in Amazonien erworben, aber Ganzwerke der Elefanten? Not needed.

Aller guten Dinge sinder Dreie: „You“ (Harrison); „Band on the run“(McCartney) und „stand by me“(Lennons Ben E.King Reminiszenz) – reicht.

Wie kommt diese Missachtung? Es war ein langer, langer Weg:

1974 ereignete sich eine Jugendstunde der besonderen Art in der Fritz-Weineck-Schule in Naumburg: Sonst eher dröge Betriebsbesichtigungen der Umgebung, war diese – eine Disco in der Aula. Die erste für uns 14jährige! Mann, war’n wir groß, ey! Während dieser stellte sich heraus, dass Luggy dank seiner großen Brüder abspielbare Single-Postkarten aus Polen besaß mit Suzi Quatro-, T.Rex- und Sweet-Songs. Und Klaus besaß eine Beatles-LP. Die borgte ich ein halbes Jahr später aus, um sie (mit Mikrophon) vom Mono-Plattenspieler der Eltern aufzunehmen. „A Collection of Beatles-Oldies“. Die war von amigaAmiga! Ne Ostplatte mit Beatleszeug! Sowas hats gegeben! Und „Yellow Submarine“ war drauf! Der wichtigste Beatlessong überhaupt – in einer gutbürgerlich gebliebenen Kleinstadt im Sozialismus. Erstens sah alle Welt Westfernsehen und somit „Sesamstraße“, in der zu jener Zeit Groby &Co „In dem grün-gelben U-Boot leben wir! U-Boot leben wir! U-Boot leben wir!“ zum besten gaben und wo „Graf Luckner“ als Vorabendserie lief. Wo zweitens Leseratten wie ich wie Tellkamps Alter-Ego im „Turm“ an Kriegsliteratur alter Zeiten gerieten:

Alle meine Kampfflüge; alle meine Feindfahrten, U 9 greift an!, die Schlacht am Skagerak; Seeteufel, der Weltkrieg, …

Hatte eben allerhand überlebt auf den Dachböden der Klassenkameraden.

Ausgleichend ergänzt durch „Im Westen nichts Neues“. „Der schwarze Obelisk“. „Der Weg zurück“. Kästners „Fabian“. Neuere Kriegsliteratur a la Pleviers „Stalingrad“, Nolls „Werner Holt“ oder Grümmers „Irrfahrt“ kam hinzu.

Dann kommst du aus der Schule, hörst erstmal die „Hits nach der Schule“ auf HR2 oder „Musik für junge Leute“ auf NDR 2, versuchst dabei Hausaufgaben hinzukriegen und musikalische Beute zu machen, was endet wie immer: Physikbuch lernt Fliegen, der Hefter voller loser Knüllseiten wird in die Tasche gestopft – „schreib ich morgen in der Pause von Christian ab“ – Russisch-/Bio-/Englisch-Hefter liegt aufgeschlagen neben dem Recorder. Manches prägt sich wirklich ein! Russische Partizipien allerdings nie! Ende der Sendung. Schluss mit Hausaufgaben! Wenn kein Stadtgang zum Plattenladen anstand, weil Warenannahme war,- lesen: Und nun mit dem U-Boot-Sound (In the Time, when I was born….)der Beatles passend zum Lesestoff „Yesterday, all Getrappel seems so far away….“ ließ sich das gut an!

Mit den Jahren kamen dann so Sachen wie „A day in the life“ (the british Army had just won the war), Bee Gees „Odessa“ (the british ship get lost without a sign…) „Universal Soldier“ von Donovan, „Vietnam“ von Jimmy Cliff und auch „the last farewell“  hinzu.klein2Buch (Whittakers damaliges One-Hit-Wonder, bevor ihn die westdeutsche Schlagermoulinette zum Omi-Barden degradierte.) Mystisch anheimelnde Gänsehautmomente. Das Schulenglisch reicht noch nicht zum Komplettverstehen. Also geheimst du dir hinein, was du grade brauchst, „Snakes(she) came in through the bathroom window“ während du grade im unentdeckten Afrika unterwegs bist, in British-Indien oder auf Samoa, weil du dir privat die Kolonialgeschichte draufschaffst und „Zwischen Kap und Kilimandscharo“ (Reprint alter Reiseberichte), „Die Löwen kommen“ (neu),die-löwen-kommen „Kifanga“ (alt) und „Nena Sahib“ (sehr alt) liest. Das Thema wurde auch zu Ostzeiten schulisch recht stiefmütterlich behandelt; immerhin nicht ganz weggelassen, wie heutzutage, aber da stand bei Udo im Wohnzimmer noch der herrliche, alte Kolonien-Globus und die Alten erzählen, wenn man sie auf jene Zeiten bringt, dass Lettow-Vorbecks Frau aus dem Saaletal stammt… Viele Tabus. Viel „verbotenes“ Wissen zu heben. Viel Stoff um das eigene Abwägen zu schulen und nicht jede Phrase nachzuplappern. Aber auch Training, um nicht vom verordneten- ins verbotene Extrem zu fallen.

Der Beatlesbestand auf den Kassetten (später Tonbandspulen) wuchs parallel zum Bücherschrankinhalt. Die eine oder andere überspielte LP kam auch dazu. Die komplette „Help“ spielte einst der NDR. Den „Sgt. Pepper“ lieh ein Kumpel vom Kumpel ganz in der Nähe und wir nahmen bei mir auf. Die „Tippdisco“ auf „Stimme der DDR“ sendete wöchentlich einen Beatles-Oldie der Woche“… Es läpperte sich und wurde zunehmend totgedudelt. Wie oft am Tag erträgst du auf Klassenfahrt „Hey Jude lala lalalalaaaaa“ oder „all you need is love“? Irgendwann in der Nacht fliegt der erste Schuh in Richtung Recorderbesitzer!

Die Hits der Anfangsjahre hatten sich noch gründlicher erledigt. „Yeah,yeah,yeah“ und „Day Tripper“ (harharhar; Pubertät!) lockten keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. „Obladi-oblada-mein-Gespuhsi!“ richteten zig Strandkapellen an diversen Urlaubsorten zugrunde. Zugegeben „Helter-Skelter“ und „Birthday“ gingen 1969/70 relativ rumplig ab. Aber bereits da rockten Frijid Pink sie mit ihrer genialen „House of the rising sun“ -Version in Grund und Boden. Als Kenner älteren Semesters in der 11. und 12. Klasse gings uns eher noch um den „Walrus“, “Come together“, und „Baby you’ve got to hide your love away“. Songs, die sich nicht so abnutzten. Aber Punk war „on“! Und die Pistols hatten gerade den Steve Matlock gefeuert, weil „er die Beatles mochte!“ Das sagt ja wohl alles! Damals.

Was die Ex-Beatles Solo so boten, war – durchwachsen.

McCartney wurde im Radio mit und ohne Wings abgefeiert als der Lordsiegelbewahrer der Pilzkopfmania; rockelte aber eher ohne Biss die Erfolgsroad abwärts bis zum bitteren Ende von „Ebony and ivory“ und „saysaysay“. Dann doch lieber „Rumours“! Fleetwood Mac hatten immerhin diese Elfe zu bieten. Stevie Nicks in ihren besten Jahren!

Der Ostrundfunk spielte irgendwann einmal das „Imagine“-Album vom Lennon ganz. Ich nahms auf – um festzustellen: Imagine, Jelous Guy und How did you sleep – okay. Macht ne knappe Viertelstunde. Aber der Rest? Brauchte man also auch nicht. Bandplatz war knapp und Taschengeld endlich.

Ein Exemplar der „Shaved Fish“ machte im Bekanntenkreis die Runde, lange bevor sie auf AMIGA erschien. Ich hatte die auch auf Band. Da waren keine Graupen drauf. Aber sie lief sich ebenfalls schnell tot und wurde aus Platzgründen gelöscht. Das Amiga-Vinyl später kaufte ich zwar, aber es liegt mehr oder weniger ungespielt heute noch in der LP-Box bei den anderen Lizenzschätzen von einst. Wer braucht Lennon, wenn er Hunter, Browne, Bowie, Young und bissl Dylan zur Auswahl hat?

Ne George Harrison LP am Stück hältste nich‘ durch. Und vom Ringo gabs halt den unvermeidlichen Fotografen.

amiga1Als 1980 die Kurzfassung des „Blauen (Best of) Albums“ der großen Vier als Amiga-Lizenz-LP erschien, wollte die keiner der Plattenhaie mehr, weil alle längst das vollständige Doppel-Album auf Band hatten oder eh eher in Richtung Zappa unterwegs waren. Die wurde also für 30 oder 40 Mark an ältliche Familienväter(mitte 30) verkauft, die ihre Musiklaufbahn bereits beerdigt hatten, aber die Handvoll Jugendhits gerne in die Schrankwand stellten. Quer hinter den Plattenspieler, auf dessen Deckel Mutti ein Spitzendeckchen drapiert hatte, auf dem wiederum eine Obstschale warnte: Wehe du frisst einen von den Äppeln hier! Dann ist das Zimmer ruiniert! Das mussso! Zum Schönaussehen!

Ich habe Männer in derlei Haushalten immer bedauert. Wo der Plattenspieler so verbaut ist, da hast du keine Chance mehr! Deine Laufbahn ist Geschichte. Zahl den Lada ab, streich den Gartenzaun und fahr die Blagen zum Kindergeburtstag! Mit 35 ist die Rente ja auch nicht mehr allzuweit.

Mit den Stones verhielt es sich ein bisschen anders. Platten waren in den 70ern praktisch nicht zu kriegen. Airplay war sogar im Westradio dürftig. Lediglich dieses fürchterliche „Miss you“ wurde rauf und runter gedudelt. Eines Tages machte HR3 eine Sonderwunschsendung für Hörer aus der DDR, in der ein paar Stonesnummern älteren Schlages gespielt wurden; und als die Hessische Hitparade 1977 Sommerpause machte, lief eines Donnerstags so eine Sendezeitfüllsendung „Beatles gegen Stones“ eine Stunde lang. Die hatten wir hinterher alle auf Band.

Eines Tages, ganz am Ende der 70er verblüffte Radio DDR 2 mit einer neuen Sendereihe in unregelmäßigen Abständen: Das besondere Album. Ich las das zufällig in der FF-Dabei und Thema der ersten Sendung war „Bettlers Festmahl“. Von wem stand nicht da, aber das war für Musicjunkies auch nicht nötig. „Beggars Banquet“! Das muss eine Stonessendung sein! War’s auch. 1978 oder 79 ein Dammbruch! Punk machts möglich! Die Bonzen hatten das Gruseln gelernt, verhängten das PUNK-Verbotsedikt über den Ostrundfunk, erlaubten im Gegenzug nun aber doch „die Stones kennen zu dürfen“ und dosiert (vorwiegend die Schnulzen) zu senden. Gegen „Blitzkrieg Bop“ und „now I got a reason to be wired: The Berlin-Wall!“ war das bissl Waldbühnenschredderei von ’65 Pillepalle. Jagger wurde zum Martin Luther des Rocks. Vom bösen „Ablenker vom Klassenkampf“ im Auftrag des Kapitals zum „Kritiker der Konsumgesellschaft“ in nullkommanichts. Satisfaction guarranteed! Devo verarschten die grade.

Dann kam die NVA…. Abgeschnitten vom weiteren Verlauf der Rockgeschichte ereilte mich ein Brief. Muttern schrieb, dass sie Udo in mein Zimmer gelassen hatte, da er bei ihnen geklingelt habe, mit nem Plattenbeutel unterm Arm.

stonesReklame0006„Ich mussema an Blatschies Jubiddor! Ich hawwe hier de Schdons jeborchd. Die wille bestimmt ooch. Ich hab fürn schonne Band jekooft. Kannich ma rein in sei Zimmor? Ich glau ja nüschd. So lange, wie mir uns genn!“

Der gute Freund denkt eben mit! Keine Kopie von Band zu Band, wenn ich mal auf Urlaub bin, sondern Direktaufnahme von Vinyl mit meinem eigenen Gerät, damit nicht irgendwelche Dumpfheiten hinterher den Genuss verleiden. So kam ich also ein weiteres Mal auf Urlaub, bezahlte ihm das Band und hatte eine 1a Aufnahme der „Love you live“ zu genießen – und die haben Udo und ich SEEEEHR gefeiert!

Wendezeit. Nachholkäufe. Im WOM stehen und die Orientierung verlieren! Ein Independent-Ocean abzugrasen! Raritätenfahndung. Woher bekomme ich Accapulco Gold? Pere Ubu? Kiev Stingl?

Wer denkt da an Beatles oder Stones?

Eines Tages, ende der 90er im WOM am Ku-Damm. Ich war da wiedermal aufgeschlagen, um Kraft zu tanken. Begebe mich mit 10-12 CDs zum Reinhörpult, da liegt da ein Stapel „Black&Blue“ im Sonderangebot zum Wegschmeißpreis. Ich erinnere mich spontan an eine lustig negative NDR-Konzertkritik von damals zu einem Katastrophen-Gig in Kiel, wo das Pfund Koks nicht bereitstand und die Band deshalb nicht spielen wollte.

„also rasen erstmal 2 Limousinen der Konzertveranstalter ins Kieler Rotlichtviertel um die Naturalienabgabe aufzutreiben, während die Tontechniker die „Black&Blue“ auf Band umschneiden, weil Keith verkündet hatte, er könne auf Grund der heutigen Lage sowieso nur playbacken. Und der Konzertbeginn zog sich und zog sich….“

Ich grinse rückschau-selig in mich hinein und greife zu. Die „Black and Blue“ galt seinerzeit als elend. Die Stones als „nicht in Form“. Laborierten da mit Jeff Beck und Ron Wood an was „Neuem“ und das kam damals gar nicht gut an. Lediglich „Crazy Mama“ hatte noch etwas mit alten Duftmarken zu tun. Das „hot stuff“/“Fingerprint file“- Zeugs vorneweg dagegen – das war seinerzeit nix.

Jetzt aber, in den späten 90ern bin ich schockbegeistert. Die Ohren an Benson und Clarke Fusion-geschult, empfinde ich die Platte nun als absolut „underrated“! Ich kauf sie also und stell sie zu Hause zu den anderen ins Regal. In die Southernrockabteilung. Da schien das am ehesten hinzupassen. Da steht sie nun seit 22 Jahren ungefähr. Sie ist vllt 5x gelaufen.

Beatles und Stones – das ist für mich heute irgendwie wie Puhdys hörenmüssen.

So Allerweltsdarling-Mugge eben.

Außer „Black&Blue“ dann und wann.

Heute.

„You’re just a memori-i-ie…use to mean so much to me …..“

Fehler im System XII

Renft und ich (I)

In Zeiten von Spotify und Playlist-Hamsterei ist das, was ich hier mache, so notwendig wie ein Schuss ins Knie. Das ist mir klar. Die gut 50 Jahre der kulturgeschichtlich-philosophischen Relevanz von Rockmusik ist dahin. Ging zuvor den Malern so; und den Theatern. Bald müssen Rock-Konzerte staatlich subventioniert werden, als Akt der Altenpflege. Wart‘ mal ab!

Im Alle-Augenblicke-Blog neulich hat jemand auf einen schönen Jugenderinnerungspost „Vaters Schuhe“ kommentiert:

„Wir klammern uns an diese alten Erinnerungen, weil unser Prozess des Loslassens begonnen hat.“

„Vaters Schuhe“ dort, Renft-Erinnerungen hier, Jahrmarkt-Episode im Ärmelblog –Old Mens Spring.

Nichts bleibt, wie es war. Der deutsche Schlager kehrt zurück. Helene wird demnächst Kanzlerin, wenn’s Rezo nicht wird. Die Geistlosen wetteifern mit den Eierlosen, wer mehr Gangsta ist, bevor sie konvertieren. Der Rest hält Giesinger und Weiss für Songpoeten. Alle Lichter gehen aus.

Da erzähl‘ ich mir als Akt der Selbstvergewisserung mal meine eigene Renftgeschichte herunter. Ein Selbstgespräch also.Vielleicht merkt aber jemand da draußen, dass es ihm mit Star X oder Y ähnlich erging: Etwas zu spät drauf gekommen, dass das was Wichtiges ist, was der/die so gemacht haben.

1. Der 12jährige

Es begann irgendwann 1972/73 mit „Wünsch dir was“ am Sonntagnachmittag. Irmgard Düren sendete dort „Cäsars Blues (Wie ein Krokodil auf der Regenwiese)“ zweimal in kurzem Zeitabstand. Sie hatte zuvor oder später mal auch Scirocco mit „Sagen meine Tanten“ und die Puhdys mit „Chile! Zerreiß die Ketten! Wirf sie ab!“ im Gepäck. Aber bei Renft hatten fast alle Vollbart und längere Mähnen als die Konkurrenz! Und der eine da – war sogar Brillenträger! Am-Montag-Gedenkkonzert-fuer-Peter-Caesar-Glaeser-in-Leipzig_reference_2_1 (2)

„Brillengeier!“ war eine oft zu schluckende „Hänselei“ der Zeit damals und für die Rache fehlte die Kraft.

Deshalb brachte der Anblick des bebrillten Cäsar da, den 13jährigen Piefke vor der Mattscheibe natürlich in eine völlig neue Umlaufbahn. Zeitgleich wurde den Eltern bewusst, dass diese Mode nun keine Eintagsfliege mehr war – und so war die lausige Fasson-Schnitt-Zeit endlich beerdigt! Renft sei Dank – zum ersten! Wenn ich heute all diese ungedienten Jahrgänge mit ihren „Under-Cuts“ herumrennen seh: Sie wissen nicht, was sie tun! Koppelbreite überm Ohr frei? Gratuliere! Himmler hätte seine Freude dran! (Ironie aus!)

2. Der 15jährige

Zeitchen später, Herbst 1975:  ZDF „Kennzeichen D“ macht publik: Die DDR verbietet ihre erfolgreichste Rock-Band! Da war ich 15. Mit 15 weiß man alles, kann man alles und hasst die Welt; na gut – außer Kerstin und Heidi – aber die wissen nichts davon.

Also war ich bis dahin noch der Meinung, dank meiner angesammelten umfangreichen Lebenserfahrung, dass Ostrock nichts taugen würde. Das sind alles „bestellte Nummern“, Soli-Beat-Gesänge usw. Es ging ja nicht nur mir so. Wir 9.Klässler und die zwei Jahre ältere Patenklasse hörten West-und Ostsender, immer auf der Jagd nach Beute. Aber selbst in der „Notenbude“ oder der „Beatkiste“ auf „Stimme der DDR“ lauerten wir auf die West-Songs. Der eine oder andere von den 11.klässlern lobte Illes und Omega, oder erzählte Heldengeschichten nach, wie den Auftritt der Klosterbrüder mit Sarg, den es vermutlich nie gegeben hat, denn in Keßlers Memoiren findet sich dazu nichts. Aber sowas war noch die Ausnahme. Die Ost-Titel im Radio wurden genutzt, wie Werbepausen heute, für den Toilettengang oder den vorbeugenden Run auf die Küche zu Mutti: „Bitte jetzt kein Brot schneiden! Ich nehme oben auf!“ (Die Brotschneidemaschine war nicht entstört!)

Hätte mich um 74 oder 75 jemand gefragt: „Welche Ostrocktitel kennst du denn?“, hätte ich nur ein paar Zufallskuriositäten nennen können: „Krokodil Theophil lebte damals noch am Nil“, „Du Kathrin! Tochter Courage! Du Mädchen! Ein Kind mit Mu-hut!“, „Uuuuuu-nser Sommär gett zu Ä-händäääää und der Cherbbst kommt auch ßuruck“, „Geh zu ihr und lass deinen Drachen steigen!“ Das war doch alles weniger als nix!

Wo war da das Aufbegehren von „Baaaanging man“, die Wut von „Teenage rampage“, die Romantik von „Far,far away“ oder gar die abgebrühte Arroganz von „Fame“?

Nun aber dieses Verbot! Und dann da die Beweise! Die Sendung spielte sie in voller Länge. Zum ersten Mal erklang die „Otto-Ballade“ – 1975 – im West-TV voll ausgespielt mit Untertiteln, damit auch ja niemandem die Botschaft entgeht:

„…nach dem Tüten kleben/wollt er nicht mehr leben/er fuhr nach Wittenberge rauf!

Und ging in die Elbe/die Stelle war dieselbe/Vielleicht taucht er in Hamburg wieder auf!

Hol mich nach Norden, Hol mich nach Norden!

Hol mich oder ich flieh!“

Vermutlich stand mir tatsächlich der Mund offen! Sowas singen die? Wow! Un-fass-bar!

Aber auch klar, dass die damit hier nicht durchkamen. Warum machen die sowas? Das ist doch 3 Nummern zu dicke! Die sind doch soviel älter als ich! Da müssen die doch wissen, was geht! Die sind doch erwachsen! Wieso laufen die ins Messer? Mit 15 blickst du da nicht durch. Und so entsteht der gelebte Widerspruch: „Das ist irre!“ Aber auch: „Das sind Helden!“

1975Noch am selben Tag war ich in der Stadt, weil ich wusste, dass die 2.LP von Renft noch im Plattenladen herumlag. Ich kannte mich dort bereits aus. Denn erstens war der klein, die Auswahl mager, aber ich hatte dort immerhin schon mal ne „Donny Osmond“-Kassette gekauft. Heimlich. Die Osmonds mögen – als Kerl?! Von denen ging nur ein Song durch die Geschmackskontrolle der Allgemeinheit: „Crazy Horses“! Und der war da nichtmal drauf!

Ich also schnur strax zum Amiga-Regal: Horst-Krüger-Septett; (allein der Name schon abschreckend!), No to Go, (was immer das is‘; vermutlich ne Polentruppe, so „schüchtzschi pod wüschczli“), Frank Schöbel, Hauf und Henkler, Peter Albert (da lohnt sich nicht mal Spott!) – hier: Renft!

Ich las die Titel, aber die sagten mir nichts; oder eben genau das falsche:

„Ich bau euch ein Lied“; liest sich schon wie Singeclub.

Renft 74„Nach der Schlacht“; bestimmt so’n „Befreiungs-Opus“; 30 Jahre Kriegsende wurden ja gerade mit propagandistischer Überdosis begangen;

„Als ich wie ein Vogel war“; ein vertontes Lesebuchgedicht?

„Gelbe Straßenbahnballade“, ach hör auf! Fetzt alles nicht!

Auf’ner erlaubten Platte haben die, wie alle andern auch, doch nur harmloses Zeug singen dürfen! Im ZDF hatten sie ja zum Besten gegeben, dass da „ganz oft“ der Pannach was geschrieben hatte und dann musste Demmler kommen und die Sache entschärfen.

Nee, die 16,10 M sparste dir. Was „Otto-Balladen“-Ähnliches ist hier nicht zu erwarten.

Die Platte lag noch so manche Woche. Die Sendung schienen nicht viele gesehen zu haben. Sogar in Leipzig, dem Ort des Geschehens, lag sie noch Monate lang in der „Blechbüchse“ und im „Alten Warenhaus“ aus. Und da gabs massenweise Studenten!

„Deutsche Sprache ist keine Rocksprache!“ war damals so ein Spruch, der wohl nicht nur auf unserem Schulhof Dogma war.

Auch die Pausengespräche mit der Patenklasse ergaben nichts, was Lust auf den Kauf gemacht hätte.  Es wurden lediglich ein paar Konzert-Kuriositäten erzählt, so in der Preislage:

„Als die neulich im chrosn Gino gespielt ham, musste dor Drummer solange ä Solo kloppn, bis die annern ausm „Jakobs-Tor“ gächnübor vom Saufm zurück warn.“

Nun ja. Kaufentscheidungsfördernd war das nicht. Mir wurde nur bewusst, dass ich die Plakate für das Konzert in der Stadt hatte hängen sehn. Heute weiß ich, dass es das vorletzte vor dem Verbot gewesen sein muss. Danach spielten sie noch in Zeitz. Danach fuhren sie nach Leipzig heim zum Vorspiel, auf dem das Verbot geschah.

Eine historische Stunde verpasst. Es war knapp.

3. Der 17jährige

Kaum waren die Renft-LPs verschwunden, begann ich eben doch auf Ostrockplatten zu hiepern. Die Stern Combo Meißen hatte live und im Radio einen Siegeslauf zur Supergroup hingelegt, der die Erwartungen an ihr Debut-Album in die Höhe trieb. Wann würden die Bonzen denen eine LP erlauben? „Der Kampf um den Südpol“ war die Übernummer der Zeit, die die Vorfreude auf das erste Live-Album der DDR schürte. Da das Album jedoch nicht zum angekündigten Zeitpunkt erschien, waren dann eben doch „Die großen Erfolge“ der Puhdys und die „Idorablö/Timerobber“ von Omega die ersten Ostrockscheiben, die sich auf dem Familienplattenteller drehten. Dann kamen Bayon und Lift heraus. Letztere DIE Überraschung schlechthin! Die stießen in meinem Freundeskreis die Stern Combo vom Thron!  Zumal deren Live-Album dann die Erwartungen nur so la-la erfüllte. Dann Kerth-Konzert und wenig später LP Kauf auch seiner Platte.:

„Aufgebahrt auf des Hotels Leinentuch liege ich und warte auf den Schlafvollzug….“

Yeahr!

Schlafvollzug/Strafvollzug. Botschaft erkannt! Denn wir hörten hin! Wir fanden Konterbande auch in Texten anderer Bands. Es entstand sogar eine Art von Wettbewerb auf langen Klassenfahrt-Zugreisen: Was ließ sich wie gegen den Strich bürsten! Ostrock hatte sich durchgesetzt. Der Spruch von der „nichtseienden Rocksprache“ wurde nie wieder gehört. Renft sei Dank – zum Zweiten!

Und 1978 in der Jugendherberge Dessau lag sie dann: die „Renft“ von’74! Verknistert und verknastert. Sie rotierte während unseres 3tägigen Aufenthaltes dort very heavy.

„Irgendwann will jedermann raus aus seiner Haut! Irgendwann denkt er dann, wenn auch nicht laut!“

Das war eben doch durch die Zensur gerutscht! Und nicht nur mir ging es so:

„Hättch die doch bloß jekooft! Damals! Die lag noch rum nach der ZDF-Sendung! Hättch doch nur!“

©Bludgeon

The opera, the opera…

Da sind nun 2019 Peter Schreier und Theo Adam im selben Jahr von uns gegangen. Riffmaster berichtete bereits. Zwei Giganten des alten Klassik-Kulturbetriebes. Devisenbringer für 30 von 40 Jahren DDR. Wohlgelitten in Salzburg und Bayreuth. Musikhelden meiner Eltern. Und ich lausche in mich hinein – nichts.

Was Riffmaster hinter „wurde ich nie so recht warm“ versteckt, ist vermutlich so ähnlich wie bei mir gewesen:

Der Kick, klassischen Gesang irgendwann einmal zu mögen, kam nie und dass er nach dem 60.Geburtstag noch kommt, ist wohl eher unwahrscheinlich. Instrumentaler Klassik kann ich – Schmalspurwörschn – noch das eine oder andere abgewinnen. Sobald aber einer dieser Herren oder eine jener Damen die Bühne betritt, um zum unvermeidlichen Koloraturen-Krietsch anzusetzen, ist es bei mir aus. Dieses überkandidelte, gekünstelte Silbenzerren wölbt mir die Fußnägel. Es klappte nicht beim Liederabend im Rathaussaal : „Ohain Fiischlein schwoamm im Toichä“; nicht beim „Rosenkavalier“ und auch nicht bei „Tristan und Isolde“. Für den Besuch letzterer Mammutveranstaltung, zu der mich ein Kommilitone 1983 überredet hatte, der gerade sein Klassik-Gen-Erweckungserlebnis gehabt haben muss, hatte ich sogar das Libretto gelesen, um zu wissen, worum es geht, während diverse Notengebirge abgeritten werden: dreieinhalb Stunden, Sitzmuskellähmung, Belcantinnitus horrendix und zu allem Übel – Regieeinfall der besonderen Sorte – Isolde bleibt am Ende stehen! Stirbt nicht! Neuinszenierung! Frauenpower! Ächz.

Jahrzehnte später geriet ich an jene Metalhybriden, wo man Sopranistinnen an the Leathermen mit den tiefergelegten Gitarren ausliefert und zur Steigerung noch den ein oder anderen Höllenfürsten gegen die Gefahr des Humpenzersingens angrunzen lässt. Da stellte ich fest: It works! In the gathering, within Temptation, Nightwish … leider wurde es mitte der Nullerjahre dann arg inflationär. Und besser als klassische Sopranistinnen sind dann eh solch klarstimmige Folkfeen auf der Flucht vor dem Metalgewitter: The third and the Mortal „Tears layed in earth“; bis heute unerreicht! Vielleicht liegt es an dieser „Die Schöne und das Biest“ Kombination; vielleicht auch daran, dass hier die Protagonisten auch annähernd so aussehen, wie man sich so eine Fee und so ein Teufelchen nun mal vorstellt. Wir leben in visuellen Zeiten. Allerdings bereits seit den 50s, seit es Fernseher gibt – und da war es von jeher ein Unding, Schreier und Adam, der Erscheinung nach zwei dicklich-gemütliche Beitragskassierer von der Kreisleitung, irgendwelches Heldenzeugs zersingen zu lassen. Ansatzweise ja maskiert; aber ich hatte dank meiner Eltern, gefühlt alle Adam/Schreier Eterna LPs irgendwann mal in der Hand oder neben dem Plattenspieler stehen sehen: Diese Masken! Diese erkennbar falschen Bärte! Diese auf „böse“ gemalten Augenbrauen über den Pausbäckchen! Und schließlich noch diese sinnfreien Texte, gegen die mir nicht nur einmal „Papa uh maumau, Papa u maumau! The bird is a word“ wie „Faust III“ vorkam! Es war schlicht nicht zum Aushalten.

„O-o-o! So schön und froh! Du Postillion von Longschümoh!“ (in nahezu jeder Wunschsendung der 70er, die alle Altersgruppen bedienen wollte)

„De-här Vogelfänger bin ich ja, … äh?….heißa bei Regen und Wind!“ Ächz und abwink! Welche arme Sau, die von sowas wie Vogelhandel leben muss, trällert dann eine solch „klassisch geschulte Arie“? Ich musste an die Stadt-Assis in der Mitropa oder am Ross-Garten denken: Wie das wohl wirken würde, wenn zwischen deren Gelalle plötzlich jemand dergestalt über seinem Bierglas losschmettern würde: „Ach ich haaaaaaabsie ja nur auf die Schultärrrr geküsst!“ Wetten dass, noch bevor „aberr den Schlag mit dem Fächärrr verzeih ich ihrrrr nicht“ folgen kann, sein Saufkumpan sich prosaisch einschalten würde: „Hädst se ehm glei jefickt!“

Dergestalt waren auch die Gags, die meinen allerersten Opernbesuch anlässlich einer Jugendstunde vor meiner Jugendweihe unvergesslich werden ließen. Die Oper, die es traf, war der Schreifritz – äh – Freischütz. Der Musiklehrer hatte sich Mühe gegeben. Er hatte uns 14jährigen Pubi-Tieren die Handlung verklickert und Tonbeispiele angespielt; dann wurden wir eines Sonntags per Bus nach Leipzig ins Opernhaus gekarrt und harrten dort adrett beschlipst bzw. berockt und dekolletiert (da wo es die Natur bereits zuließ) des Kommenden: Die Sache ging los und zog sich hin. Martin zückte sein Reise-Schach und wir begannen, die Zeit zu füllen – bis die Försterstochter auftrat. Ab da lief die Veranstaltung etwas aus dem Ruder. Die DDR verfügte nicht nur über Schreier und Adam, sondern über allerhand Stimmwunder männlicher und weiblicher Art, aber scheinbar über keinen Nachwuchs; bzw. wer einmal eine Sopranistinnen-Stelle ergattert hatte, der besetzte die dann bis zur Rente. Die Förstertochter, erkennbar anhand der Hörproben vom Tag zuvor in der Schule, war eine Art bezopfter Bud Spencer ohne Bart und gab in einer nachmittäglichen Schulveranstaltung vor angehenden Jugendweihlingen natürlich allerhand her:

„Ey gucke! Das soll de Förschderdochtor sein!“

„Keeh Wunder, dass die kennor will!“

„Doch, der Trällorhans da vorne willse doch!“

„Nää, siehste doch! Deswächen singde ja so lange, der will ooch nich droff off die Muddi!“

„Das isdoch nich de Dochter, ey! Das is de Muttor!“

„Noa! Berndn seine. Beule, deine Muddor singt!“

„Halde Schnauze! Meine Muddor had keene Zöppe!“

„Hähä, oborn Umfang jibbde zu!“

Unsere Klassenlehrerin hatte sich von weiter hinten herangepirscht und zischte nun dazwischen:

„Ecke! Bernd! Andreas! Das ist reif für’n Tadel! Bludgeon, Martin! Ich seh wohl nicht richtig! (Das Schach wurde uns entrissen.) Ebenfalls! Und jetzt benehmt euch!“

Verstummt saßen wir und saßen…und saßen. Martin und ich bald Kopf an Kopf schlafend, und – Peng! Rumms! – aufschreckend, als die „Freikugeln“ gegossen wurden. Special Effekts eben.

„Or! McKennas Gold is Dreck dagechen!“ versuchte es Ecke nochmal mit ner ironischen Erheiterung. Aber niemand wagte eine Reaktion.

(Angemerkt werden muss hier noch, dass sich der eben geschilderte Vorfall 70er Style abspielte. Also eigentlich so leise, dass die Bühnendarbietung nicht gestört wurde, die Pointen leise bekichert, nicht laut begrölt wurden, wie das wohl heute in ähnlicher Situation die „Unnorm“ wäre.)

Was blieb? Nichts. Ein Tadel auf der Zensurenkarteikarte, die wir monatlich unterschreiben lassen mussten.

„The opera, die opera“ war ein Persiflagen-Hit anno‘75, den wir alle sehr mochten; die „Bohemian Rhapsody“ und „Somebody to love“ waren okay, aber sich deshalb jetzt einen kompletten Verdi antun? Oder gar Mozarts höfisches Gehoppel? Nö! Wir lauschten lieber Sängern, die wie Kerle aussahen und auch so klangen; die sich keine Faschingsbärte ankleben mussten, weil ihnen selber einer wuchs – und die wenn doch rasiert – aber so eine kantige Fresse hatten, dass man ihnen das Testosteron immerhin ansah. We ain’t seen nothing yet.

The times, they are a changing. Aren’t they?

Inzwischen schon. „Tosca“ 2018 (wieder Leipzig, wieder Opernhaus, jetzt mit Teleprompter zum Text mitlesen) hab ich wesentlich besser vertragen. Aber in den Player schafft es dergleichen weiterhin nicht.

PS: Zugabe

The house that built me

Manchmal braucht es eine reife Stimme, damit ein Text kickt. Von Miranda Lambert wäre mir der Song nicht aufgefallen, aber dann kam Tanya Tucker, die 2019 ein weitgehend autobiographisches Album veröffentlichte.

So listen, if you need a Johnny Cash american recording master in a female way.

And read the german translation, in a male version by Bludgeon. (Who else?)

Now called:

Lepsiusstr. 3

 

Ich weiß, sie sagten mir, du kannst da nicht mehr hin

Es zog mich an, ich kann gar nichts dafür

Frag mich bitte nicht nochmal nach einem Sinn

Stand eben dort zum letzten Mal vor „meiner Tür“.

 

Das Geländer ziern da immer noch die Schrammen

vom Dakota mit dem KindertomahawkklDa1

Mutter kam und schiss mich gleich zusammen

Den Gedanken nehm ich lächelnd mit ins Grab.

 

Und oben auf dem Boden links die Kammer

Die war unsre, vollgestellt mit alten Kram

Dort fand ich Kuscheltiere, in den Augen dieser Jammer

Dass ich zum Retter wurd und sie mit runternahm.

waldi 2

Waldi

 

Drei Stunden Fahrt ein Pendeln zwischen Zeiten

Es trieb mich her, die Suche nach dem Sinn

Meine Füße trugen mich in diese Straße

Zu dem Haus, indem ich wurde, der ich bin.

 

Ich dachte, wenn ich herfahr und hier klingle

Dann könnte manche alte Wunde in mir heiln

Will mich nur umschaun, will nichts haben, nur erinnern

Bitte lassen Sie mich kurz herein

 

Darf ich? Ich versprech, ich komm nie wieder.

Möcht mich ein letztes Mal im Flur im Spiegel sehn

Nach all den Auf-und-Abs wie einst endlich dort wieder

als Toka-ihto in Lederhosen stehn.

 

Ich wett, dass Sie am Ende gar nicht wissen

Wer im Garten unterm Brombeerbusch dort liegt

Da ist das Grab von Utz, dem Stubenterrier

Der wurde 16; für immer unbesiegt!

 

Das Eigenheim, das war dann‘67 fertig

Gebaut vom Vater Bier für Bier und Stein für Stein

Die Kindheit faded out, ich ward erwachsen

Und zog weit fort, es sollte wohl nicht sein.

 

Man geht weg, und stellt sich dann dem AlltagMagazin0035

Du kleechst drauf los und zweifelst oft am Sinn

Und so bleibt die immergleiche Frage:

Wann bin ich bloß geworden, der ich bin?

 

Drei Stunden Fahrt, ein Pendeln zwischen Zeiten

Es trieb mich her, hier zogs mich wieder hin

Meine Füße trugen mich in diese Straße

Zu dem Haus, indem ich wurde, der ich bin.

 

Denn Frau und Kind und Haus in fremder Gegend

Ein höchst labiles Glück für den, der nächtens flucht

Weil er traumwandelnd wiedermal erwachte,

als er nach Kerben einer alten Treppe sucht.

 

Mönsch Uwe!

Ach Mensch Uwe!

Vier Sendetermine für 2020 geplatzt. Vier Folgen „Steimles Welt“ wären mir wichtiger gewesen, als deine Volksaufklärung in Sachen Medien.

Die eehn wissens e, wie’s is‘. Und die andern gloohms och nich, wenndes tust dausnd mal wüddorholn! Die indressierd nur Daadord. Und die sinn zufriedn, wennema „Heeßor Sommor“ wüddor lofm duhd.

Hoffmorsch Beste, dass sich tutt ä Medschum findn, das dahier deine Sendung weidor neue Folchn krichd.

Deechtmeiorn seine Witze hammse och nur im Ruhrpott vorschdandn.

Und Qualdingorn bei de Bayern.

Du bist unsre Schdümme, das weesde!

Das müssn die drühm nich vorstehn.

Ich jäbe dirn Gaffee aus, falls mor uns ma sähn.

Grüße aus der Vergangenheit

Herbstblues. Melancholia.Melencolia I (B. 74; M., HOLL. 75) *engraving  *24 x 18.8 cm *1514

Neulich saß ich in der schönsten Stadt der Welt in meinem ehemaligen Kinderzimmer und starrte eine ganze Weile ins bunte Kastanienlaub auf der anderen Straßenseite. Der Denkomat sprang an. Wie von selbst:

„Vor unserm Hause da steht ein Baum…“(4PS)

Das ist schon fast das beste an der Wende gewesen: Knapp 10 Jahre lang war die Stadt zur „Modellstadt“ erklärt worden. Der westdeutsche Bürgermeister kannte die Fördertöpfe und so wurde ein Backlash der Spitzenklasse möglich. Große Teile der Altstadt konnten dem Verfall entgehen. Das Bürgergartenviertel konnte wieder auferstehen.

Meine Straße ist davon der Rand. Hier existierten seit den späten 30ern nur eine bebaute Straßenseite mit ordentlich gepflastertem Rundbogentrottoir, Bordsteinkante und – Feldweg. Auf der anderen Straßenseite nur 2 Häuser und Schrebergartenparzellen. Bis 1967. Da vollzog sich eine Masseneinweihung von 10 neuen Einfamilienhäusern, was auch zur Asphaltierung des Feldweges davor führte. Die alte Seite hatte in den 30ern auch Kastanien gepflanzt bekommen, die 1967 auf den 1.Klässler von der neuen Straßenseite wie monumentale Bäume wirkten. 1-2-3-4-Eckstein, alles muss versteckt sein. Deckung gebend in Dakotakriegen oder Partisanenkampf, je nach zuvor gesehenem Ferienprogramm. Leider gingen sie in der Folgezeit Stück für Stück ein. Bis sie zu Beginn der 80er alle verschwunden waren. Das Schicksal schien mir meine Erinnerungsfixpunkte rauben zu wollen.

„Wie ein Baum den man fällt – eine Ähre im Feld….“ Reinhard Mey einmal mehr.

Bei einem Besuch 1993 in der alten Heimat standen plötzlich wieder Kastaniensetzlinge (10-15 Jahre alt) in stützenden Dreibeingestellen auf der Altbau-Straßenseite. Als die Gestelle ein Jahr später beseitigt waren, sah es wieder so aus, wie 1967. Mein Collie markiert nun 30 Jahre später wieder Bäume, wie einst unser „Timpetu“, der Fox-Terrier mit den vielen Namen.

„Steig ich in meine Kinderzeit hinab (…) steigt auch ein Hund aus seinem Grab….“

Komme ich in die schönste Stadt der Welt, komme ich auch in eine andere Zeit. Obwohl das z.B. im klinisch restaurierten, aber -geschäftlich betrachtet- toten Stadtzentrum von Mal zu Mal schwerer fällt. Auf dem Markt ist mittlerweile jedes zweite Haus ein Restaurant.

Buchladen, Spielwarenladen, Eisenwarenladen (mit Modellbauzubehör), Kunstgewerbeladen, Weinhandlung – alles Vergangenheit.

Da war immer Kohlmann auf dem Markt. Die gesamten 40 Jahre der DDR-Zeiten hindurch. Und auch 15 Jahre danach noch unter anderem Namen. Buchladen mit Antiquariat. Heute ein Immobilienbüro. Kahle Auslagenfenster. Trist.

Dort befanden sich an der gesamten rechten Wand jene 4 Schränke, die Auskunft gaben über Zeiten, die vor der meinen lagen und die mich lehrten, dass jede Zeit ihre besondere Denkweise hat.

Wer weiß, ob nicht in 6 oder 7 Jahren ein alter bärtiger Mann das Maklerbüro betritt, sich der kahlen rechten Wand zuwendet und die „aldn Biechor vermissn duud“.mde

„Se ham woll nüschd mehr reinjekrichd?“

„Äh. Sie wünschen?“

„Hier habch ma Felix Dahn jekooft. Da warn Sie bestimmt noch nich jeborn.“

„Ach Sie meinen den Buchladen?“

„Na mir rädn doch nich vom Bäggor!“

„Den gibt’s nicht mehr.“

„Rede gehne Scheise Jungchen. Das war hier ümmor Buchladn. Nach meinor Bio-Prüfung damals siemsipptsch habch hier Sievers „Afrika“-Völkerkunde an Land jezochng. 1903. Halbleder. Dreißch Morg Ost.“

„Ich kann Ihn’n Haus verkoofm, aber keene Büchor.“

„Brauch’ch nich. Habbch schone. Wennse ma ne Gesamtausgabe Rückert reinkriechn, denkng Se an mich.“ Ohne eine Adresse zu hinterlassen verlässt der Weißbart den Laden.

Der verwirrte Alte fällt im Rentner-Nest N. an der S. nicht weiter auf. Die wenigen noch Firmen betreibenden Vertreter jüngerer Jahrgänge sind derlei demente Erscheinungen gewohnt und somit im Umgang mit ihnen trainiert.

Gottlob, noch ist es nicht soweit! Ich wechsle also aus der nahen Zukunft zurück in die ebenso nahe Vergangenheit des Ladens:

Lesehungrige, historisch interessierte Freaks konnten hier zahllos Beute machen. Bestseller vergangener Zeiten, (Wie oft hatte ich Frenssens „Jörn Uhl“ in der Hand, um es dann doch nicht zu kaufen?) und seltsame unbekannt gebliebene Hinterlassenschaften der Haushalte all der nun wegsterbenden, dagebliebenen Offizierstöchter und Kriegerwitwen beider Weltkriege in den Gründerzeitpalais am Bürgergarten: „Manitous Welt versinkt“, „Kifanga“, Jack Londons „Vor Adam“, Hesses „Gertrud“. Für mich Lesenuggets am laufenden Band.kleinIMG_20191117_005845.jpg

Bekauft hab ich mich selten, wird mir bewusst. Mein Auge streift vom Fenster weg über die Regale der beiden Bücherschränke, die einst meine Schätze bargen, inzwischen aber nur noch Dagelassenes bzw. Ausrangiertes von Vater und Bruder enthalten. Mein Blick bleibt an braunem Leinen hängen. Ein unscheinbares Bändchen mit verblichener Goldschrift. Tatsächlich! Er ist noch da! Der Bekauf des Jahres 1983. Das Buch hieß „Wanderer ins Nichts“. Es stammte aus dem Jahre 1920 und kostete mich 7.- M., wie noch im Innendeckel steht.

„In Berlin saß Freund Spartacus auf den Dächern und schoss mit Flinten, Pistolen und Maschinengewehren. Die revolutionsgeübten Berliner Bürger drückten sich eng an die Mauern der Häuser, von denen aus die exzessiven Volksbefreier ihre Politik lebhaft betrieben…“

Herrschende Lehrmeinung war das schon mal nicht. Was so effektvoll, lakonisch beginnt, schrie danach, gekauft zu werden. Ich hatte Harry Domelas „falschen Prinzen“ gelesen und hoffte auf Nachschlag.

Reinfall. Drei Seiten weiter ist Schluss mit Action. Es beginnt ein laaaanger Bericht eines lebensmüden Schnösels, der an seinem Reichtum leidet. Ich stellte das damals nach ca. 20 Seiten beiseite und vergas es bald.

36 Jahre später halte ich es nun wieder in der Hand. Blättere, stoße auf eine Stelle, in der die Münchner Künstlerszene beschrieben-, ihre weltfremde Dekadenz geohrfeigt wird. Inzwischen war ich selbst in Bayern. Wenn auch nicht in München. Was mich 1983 nicht hätte anheben können, interessiert nun doch ein wenig. Zumal der Ich-Erzähler mit dem „Automobil“ dorthin gelangte. Scheinbar von Berlin aus und noch ganz ohne Autobahn. Auf einer anderen Seite entrollt der Ich-Erzähler seinen Plan vom Freitod mit geöffneten Pulsadern in der Badewanne. Prompt fällt mir dazu Ambros ein, dessen „Heit drah i mi ham“ ich damals auch noch nicht kannte. Da scheinen inzwischen also Anknüpfungspunkte für Eigenes nachgewachsen zu sein. Ich packe den „Wanderer“ ein und beschließe, ihn nun doch lesen zu wollen. 36 Jahre später.

Und so kam es, dass aus dem Bekauf von einst meine ganz persönliche Lesesensation 2019 wurde!

Lotte

Sommer. Sonne. Klimawahn? Klimakatastrophe? Iran-Krieg-in-Sicht-Krise? Volksparteien-Agonie? Her mit dem Idyll! Tauch mit mir ab in „bessere Zeiten“, als Probleme noch lösbar waren:

Back to the summer of love! Und back to Frohburg!

Seit ich denken kann, steh ich auf altes Zeug. „Du Altertumsforscher“ nannte mich Vater frühzeitig. Bleisoldaten waren anziehender als Plaste-Indianer. Aber ihre Zahl wuchs nur langsam und als sie endlich für ein ansprechendes Schlachten-Diorama reichten, war ich in der 6. Klasse und die „Spielzeit“ nahezu abgelaufen.

Günter, der klügste unter den Sitzenbleibern meiner Klasse, hatte Lineoltiere, -indianer und -soldaten. Letztere mit Pickelhaube und Stahlhelm. Dazu rot-blaue Franzosenfiguren von 1870/71. Beneidenswert. Unverkäuflich! Er kannte sich mit sowas aus. Leider. Schade.

Das Schielen bescherte mir nicht nur ein Pflaster auf dem linken Brillenglas und eine Augen-OP, sondern auch zahlreiche Fahrten zum Augenarzt nach Leipzig, die einige Male in Lützen unterbrochen wurden: Gustav-Adolf-Gedenkstätte. Drei Kolossalgemälde: Der König betet vor der Schlacht; der König im Getümmel, die Auffindung der Leiche des Königs nach der Schlacht. Eine Ritsch-Ratsch-Knall-Kriegskassentruhe und schließlich ein Zinnsoldaten-Diorama im Schloss.

Von daher hatte Omas Bodenkammer ihren Magnetismus. Die Schräge, die Balken, der abgeplatzte Putz, der Mauerwerk freilegte, die Spinnweben, drei große schwarze Truhen – buchstäblich alles schrie hier: Schatzversteck!

Irgendwann hatte sie mich mal mit auf den Dachboden genommen zum Wäsche aufhängen. Die Wäscheklammern lagerten in eben jener Bodenkammer. Sie schloss auf. Ich stand in der Türe – und: „Wooooow!“

Truhen! Wie in Lützen!

„Oma? Wassn da drinne?“

„Alter Krempl von früher, als unse Viere noch klein waren.“

„Und in dem Schrank?“

„Das ist ein Spind. Gibt’s heute nur noch bei der Armee. Kannste ma sehn, was wir für arme Leute warn, nachm Kriege. Das war unser erster Kleiderschrank, als wir hier ankamen und keine Möbel hatten.“

„Und was is drin?“

„Nix. Guckok rein.“

Verschlossen war er nicht. Ein paar Lappen, ein Blechabzeichen zu Ehren des ersten 5-Jahr-Planes der DDR, ein paar Münzen „5000 Mark“ von 1923.

„Sind die echt?“

„Warnse mal.“

„Kannich dafür Eis kaufen?“

„Nein. Nicht mehr. Die gelten nicht mehr.“

„Krieg ich die?“

„Wozu denn?“

„Als Spielgeld. Schatzgeld.“

„Na, wenn de meinst!“

„Gucken wir mal in die Truhen?“

„Nein. Hab grade den Schlüssel nicht mit. Später mal.“

Später mal. Wann ist das? Nachher? Heute Abend? Morgen vor dem Frühstück? Eine Stunde kann endlos sein – für einen 7jährigen!

Am nächsten Tag zu Mittag hatte ich Oma weichgebettelt und sie mich erpresst:

„Wennde heute zu Mittag wirst schön geschlafen haben, gehmer nauf. Aber schlafen! Hörste! Ohne Gezeter!“

Ich biss mir auf die Zunge. Nach dem Essen ging ich also diesmal ohne Kampfdiskussion ins Schlafzimmer, legte mich ins Bett und starrte einmal mehr „Jesus im Kornfeld“ an.

dav

Oma ließ einfach nicht locker mit diesem Scheiß-Mittagsschlaf! Als nach schier endloser Zeitspanne die Schlafzimmertür ging, stellte ich mich schlafend, ließ mich wecken und fragte blitzschnell:

„Gehmer jetz? Aufn Boden?“

„Erst trinkmer noch Kaffee.“

„Oooooch. Will kein Kakao.“

„Ä Stickl Kuchen wirst scho essen. Musst doch groß und stark wern. Dirrrländer du!“

War nix zu machen. Oma verzögerte das Wiedersehen mit der Schatzkammer.

Dann war’s endlich soweit. Oma öffnete die Kammertür. Der Schlüssel war groß und alt. Der Kerkermeister von Ritter Runkel kam mir in den Sinn. Der hatte einen ganzen Ring solcher Unikümer am Gürtel hängen. Ich stürzte siegesgewiss hinein und kletterte auf die erste Truhe vor dem Kammerfensterchen um hinauszugucken.

„Ooooor! Ist das hoooooch!“

„Ja aber das Fenster bleibt zu! Hearst?“

„—-“

„Hear ogke! Sonst gehmor gleich wieder runter!“

„Ja“, und Augen verleiern. Oma war auch in der Wohnung unten von der fixen Idee besessen, ich würde prompt aus dem Fenster fallen, sobald ich nur einem zu nahekam.

Zwischen den Truhen stand – SIE: Eine Plüsch-Kuh auf 4 Rädern. Eine Achse zwischen den Voderbeinen, eine zwischen den Hinterbeinen. Der Rücken stark durchgebogen.

„Das is Lotte. Auf der is deine Tante Gisa geritten.“

„Könnwer die mit runter nehm?“ und eh irgendein Bedenken von erwachsener Seite kommen kann, setzte ich lieber gleich noch nach: „Die braucht Hilfe. Guck mal – der Rücken.“

„Ja. Der ist gebrochen. Vielleicht heilste den ja wieder, so als kleiner Tierarzt.“

Totsicher!

Ich hatte die Kuh bereits unterm Arm, da fiel mir beim Rundblick auf die 3 großen Truhen wieder Lützen ein.

„Oma?“

„Was ist denn noch?“

„Könnwerma in sone Schatztruhe gucken?“

„Da sind keine Schätze drin. Das sind Koffer. So reiste man früher.“

„Oma! Du willst mich veräppeln!“

„Wieso?“

„Wer solln die tragen? Opa ist zwar groß und dick, aber drei of eehmal krichd der ooch nich weg.“

„Musste er auch nicht. Früher gabs dafür Fuhrknechte und auf den Bahnhöfen Gepäckträger.“

Ich schüttelte allwissend den Kopf. Vermutlich redet Oma grade „wunderlich“ wie Großmutter manchmal.

 

 

Gepäckträger sind so Drahtvorrichtungen an Fahrrädern. Und bei Oma liegen nun die Bahnhöfe voller abmontierter Gepäckträger und das hilft Truhen in die Waggons zu wuchten? Das ist Quatsch! Aber nicht verärgern. Immerhin darf ich ja schon die Kuh retten.

Also diplomatisch:

„Aha. — Guckmer numa rein in so einen „Koffer“? Nur in einen! Ja? Bütttö!““

Oma guckte nun wieder ganz gewitzt und holte aus der Schürzentasche noch so einen Kerkerschlüssel, steckte ihn bei der am freiesten stehenden Truhe ins Schlüsselloch und schloss…

Ich wartete auf den Schließkrach, aber die Truhe ließ sich geräuschlos öffnen. War ja auch keine Kriegskasse, wie in Lützen. Schade. Deckel hoch: Lauter zusammengelegte Laken oder Tischdecken.

Oma wollte den Deckel gleich wieder zukippen, da hing ich schon drin und grub mit beiden Händen zwischen den Stapeln. Ich war drauf und dran, ausräumen zu wollen, um „der Sache auf den Grund zu gehen“, aber Oma befahl:

„Schluss! Das wirbelste mir nich ausnander! Da is nüschd dunter, glaubsok nur!“

Sie zog mich Fliegengewicht weg und rumms knallte der Deckel zu.

„Reicht für heute. Du musst die Kuh noch füttern.“

Stimmt.

Truhe und Kammer wurden verschlossen und ich kümmerte mich um Lotte.

Zu diesem Zweck eilte ich in den Garten, riss ein paar Grasbüschel mit Löwenzahn heraus und wollte die Kuh füttern.

„Halt mal!“ fing mich Oma im Flur ab.

„In die Küche! Das musste erschd putzen! Dreck frisstse nee!“

Mist! Stimmt och wüddor.

In der Küche wurde das Wurzelwerk samt eventueller Ameisen abgeschnitten und dann das Grüne neben dem Sofa auf die Dielen geschmissen, direkt vor Lottes Maul.

„Oma! Wir müssn in die Stadt. Knete kaufen.“

„Wieso’n das?“

„Na sie frisst ja. Da wirdse bald scheißn. Da muss ich’n Fladen basteln.“

„Hm. Brausde nee.“

„Darf ich Eierpampe nehm?“, aber ich korrigierte mich gleich selber: „Auf den saubern Dielen?“

„Von Tante Gisa is noch Löschpapier im Schreibtisch. Spring ok hie. Das is braun, das knüllmer und legns hinter sie.“

„Aber Kühe scheißn dunkelgrün.“

Das Gespräch machte richtig Spaß, denn wenn es um tierische Verdauung ging, dann durfte man ungestraft das „schlechte Wort mit Sch“ verwenden und man bekam keinen Klaps auf den Mund!

„Dann malste die Kacke halt noch an mit Tusche.“ Nun hatte sogar Oma „Kacke“ gesagt! Der Tag war Spitze!

„Okay.“

Ich suchte die Löschblätter. Knüllte sie. Glättete sie wieder. Wollte eigentlich schon Pinsel und Wasserglas holen, aber – dann kam mir der rettende Gedanke:

„Oma?!“

„Ja?“

„Ich mal die Kuhkacke nicht an.“

„Warum nicht?“

„Wenn Vati mich abholt, frag ich ihn, bei welcher Krankheit Kuhscheiße braun wird. Da gibt’s bestimmt eine. Da pansch ich jetz‘ nicht mit dem nassen Pinsel rum.“

„Ja, lieb von dir.“ (Siehste! So wurde mein Anfall von Ferienfaulheit noch gelobt.)

Ich untersuchte die Kuh. Schob man die beiden Radachsen aufeinander zu, machte sie einen Rundrücken; ließ man los, rollten die Räder wieder auseinander und Lotte wurde ein plüscherndes „U“. Nix zu machen. Ich hob ihren Schwanz. Da war eine Naht zuende und ein winziges Loch, in das mein Finger passte.

Nachgeburt entfernen – ließ sich mit ihr also auch spielen!

Sie war die Attraktion des Sommers 67.

Dann sollte es wieder nach Hause gehen. Vati kam, sah die Kuh und sprach:

„Notschlachten. Aber schnell.“

„Nööö!“ protestierte ich, „die will ich rettn!“

„Quatsch. Rückgrat durch. Die verreckt elende, wennde se nich lässt schlachtn.“

„Die nehmer mit nach Naumburg und die wird gesund!“ Visier runter, Bock fährt hoch!

„Das verstaubte Ding? Da ham jetzt 10 Jahre die Mäuse draufgepisst! Das kommt nich‘ in de Tüte und scho gar nich‘ ins Auto.“

Drama ante portas!

Oma schritt ein: „Lasse hier, ich pflegse für dich. Wennde wiederkommst, wirdser besser gehen.“

„Wirklich?“ Erwachsenen ist nicht zu trauen! Kaum bin ich weg, ist die Kuh entweder wieder in der Bodenkammer oder gar im Müll!

Aber Oma legte mir mitfühlend die eine Hand auf die Schulter und in der andern Hand hatte sie ca. 50 000 Mark in bar. Die Münzen!

„Hast ja noch DEN Schatz. DEN nimmste mit.“

Hach! Auf Oma war Verlass!

Wie sehr – das zeigte sich beim nächsten Besuch ein paar Wochen später.

Ich aus dem Auto raus, die Treppen hoch, Sturm klingeln

„Aufmachen! Tierpolizei!“  —- „Wo is‘ Lotte?“

Die stand neben dem Sofa. Frisches Grün vor dem Maul. Der „Stall“ war „frisch ausgemistet“, denn die Löschblattkacke war weg. Das beste aber war: Um alle 4 Beine hatte sie Paketstrippe, so dass die Räder nicht mehr soweit auseinander konnten. Der Rücken war grade. Lotte war GESUND!

Winnetou-Melodie

Wenn dich deine Eltern spüren lassen, dass du nicht geplant warst, dann nennt man das Schicksal. So lernt man für sich selber diesen immerwährenden Daueranschiss zu verkraften. Manchmal ereignen sich seltene Trostmomente. Den Eltern fällt auf, dass es mal an der Zeit sei, dir was zugutekommen zu lassen. Irgendwie müssen sie bemerkt haben, dass die Gleichaltrigen davonziehen; mehr vorweisen können als der eigene Sohn.

Im schönen Sommer 1976 komme ich zu Udo und der präsentiert mir mit tellergroßen Glücksaugen ein intaktes Smaragdtonbandgerät (früh60er Jahre Bauart; noch mit Röhren) mit 20 vollen Tonbändern. Sein schwächelndes, leierndes URAN-Tonbandgerät ist bereits entsorgt.

Die Anschaffung dünkte dem Vater vermutlich preiswert, da das Gerät gut 15 Jahre auf dem Buckel hatte und nicht mehr „die Welt“ gekostet haben kann. Aber es war groß wie ein Fernsehapparat und hatte 9,5er und 19er Geschwindigkeit. In unseren Augen also eine „Studio-Maschine“.

Zu den 20 Bändern gibt es kein Verzeichnis. Wir erstellen eins. Mehrere Tage hänge ich nun bei Udo ab, denn die Erkundung dieser archaischen Anschaffung macht Spaß, erweitert Horizonte, lässt über manche Klänge rätseln, wer das so in etwa sein könnte. Udo will anschließend, die interessantesten Funde mit Hilfe meines Gerätes auf einem Band, oder eventuell zweien vereinigen, um auf den anderen Platz zum Löschen zu haben.

Der Klang ist dumpf, aber bullig beeindruckend, also nicht im Sinne von „schlecht“ zu verstehen.

Zu den ersten Funden gehören „Death of a clown“ (Endlich! Als das im „Musikladen“ als Oldie gewann, hatten wir noch den Fernseher ohne Diodenbuchse!), dann Arthur Browns „Fire“ und „Jumping Jack Flash“(live) mit kurzer Ansage von Jagger: „We bring you now this one!“ Somit wissen wir nicht, wie der Song heißt. „Gas, gas, gas“ oder „Crossfire hurrican“? Dann folgen „Pretty Woman“ von Roy Orbison; (In dieser basslastigen Variante ein nie wieder erreichter Ohrenschmaus. Ich trauere diesem Klangerlebnis bis heute nach!), „Only you“ von den Platters; „Gimme that ding“ (Interpret unbekannt; später stellt sich heraus, dass das ein erster Gehversuch von Albert Hammond war), „My Dingeling“(live; Chuck Berry spät und versaut; für DEN Text reichen unsere Englischkenntnisse bereits!) und gleich zuvor oder hinterher auch „Je taime“ wonnomplüüüü – für 16jährige Musikarchäologen ein Volltreffer.

Schließlich noch „A hard days night“ als „dritte Neuvorstellung in dieser Woche“ aus irgendeiner vorsintflutlichen Hitparade. Die Moderatorenstimme kennen wir schon nicht mehr. Wir strahlen bereits beide um die Wette, aber dieses Fetzchen Zeitgeschichte kommt uns vor, als hätten wir eine neue Urmenschenart oder ne Nummer kleiner eben – das Bernsteinzimmer entdeckt! Uralter Beatlesscheiß als Neuvorstellung! Somit erleben auch die wieder ein Revival für die nächsten Monate! Ein paar Songs später folgt ein Instrumental, das wir in Zukunft hoch verehren werden, weil es niemand kennt, wir somit „DIE KENNER“ sind: „Psycho-Rock“.; der ebenfalls unbekannte Moderator sagt den Titel hinterher ab und nennt als Interpreten einen „Sir Henry“; was wir dankbar in die Liste übernehmen. Jahrzehnte später wird sich herausstellen, wie sehr er nuschelte, denn „Sir“ Henry war „Pierre“ Henry.

Höhepunkt aber ist eine ca. 3minütige Filmmusik, bei der ich sofort die Kanu-Fahrt von Gojko Mitic als Chingachgook vor Augen habe. Da auf den Bändern aber keinerlei Ostmusik vorkommt, muss auch das was aus dem Westen sein. Also ist es „die Winnetou-Melodie“ –  behaupte ich selbstsicher. Das MUSS was Indianisches sein! Kein Zweifel.

Knapp daneben. Wie sich Jahre später, bei Erscheinen der AMIGA-Quartett-Single, herausstellt, war es das Schatz-im-Silbersee-Thema.

Neulich starb 92jährig Martin Böttcher. Riffmaster erinnerte an ihn; den Mann, der den Soundtrack zum Karl May Schmökern schuf. Musik, die auch dann noch gefallen kann, wenn man melancholisch feststellt, dass die Filme, für die sie erschaffen wurde, reichlich Patina angesetzt haben und inzwischen schwer erträglich sind.

Leg ich heute Böttcher auf; die Winnetou-Soundtracks in Originalabmischung; ( VORSICHT! Neueinspielungen ohne Flair gilt es zu vermeiden!) fährt nicht mehr nur Gojko Kanu, sondern da sitzen auch regelmäßig zwei langhaarige Spackos mit roten Ohren unter den Mähnen vor einem alten Smaragd…

Seufz. Schee wars. Schee.

Wie woar Weihnachten?

Olda Moa, du bist scho hundert Joahr! Sags mir, wie des woar – wie woa Weihnachten?

Ja, wie war Weihnachten eigentlich? Bevor es mit strangulierten Weihnachtsmannatrappen an Hausfassaden in amerikanischem Lichteroverkill verkam?

Bild (9)Weihnachten – das war früher eine dunkle und anheimelnde Zeit. Kein „Jingle Bells“ Geplärr in den Läden. Echte Kerzen am Weihnachtsbaum. Das Christkind kam und brachte Geschenke, aber niemand hatte es je gesehn. Im Kindergarten redeten einige vom Weihnachtsmann. Das fand ich blöd. Die verwechselten da was mit Nikolaus! Auf der letzten Seite des „Struwwelpeter“ war das Christkind immerhin deutlich abgebildet! Irgendwann im Dezember war einen ganzen Tag lang das Wohnzimmer abgeschlossen. Die Wohnzimmertüre hatte so einen unverkennbaren Quietscher, wenn man sie bewegte, aber immer wenn ich den an diesem Tag hörte, kam ich zu spät in den Flur: Das Christkind war nie zu erwischen. Abends bimmelte dann so eine Art Kuhglocke – na eigentlich eher Kälbchenglöckchen – ganz hell. Jetzt durfte ich in den Flur und die Wohnzimmerklinke betätigen: Quieeetsch! Sie ging auf! Vorsichtig eintreten und Augen aufreißen!

Ein weihevoll geschmückter Baum! Riiiiiesig (für einen Steppke von knapp einem Meter Körpergröße)! Darunter wie jedes Jahr diese herrlich bunte Krippe aus Lineol-Figuren, mit der ich gar nicht (oder nur unter sehr strenger Aufsicht von Großmutter:

„Nur hier a‘m Tiisch! Und ne a’m Boden! Da tussts no‘ a’trampln!“)

spielen durfte und die mystischer Weise, bald nach Weihnachten auch wieder verschwand. Die behielt ihre Anziehungskraft auch später noch, als ich weder an Christkind noch an Weihnachtsmänner glaubte. So sehr, dass ich manches Jahr regelrecht zu den Geschenkpaketen geschubst weden musste: Da, wickel‘ doch erst mal die andern Sachen aus!

Ich wollte die Krippe und zwar für’s ganze Jahr! Die Königsfiguren hätten so gut zu den Indianern gepasst! Denen baute ich gern Paläste aus Holzklötzen (später PeBe-Steinen) und die hübsche Maria wurde von bösen Cowboys entführt, aber der schicke blonde Engel holte die Indianer zu Hilfe und verriet ihnen das Versteck… Ein Mist aber auch, dass kein Petrus mit Schwert dabei war! Der hatte da so einem „Bösen“ ein Ohr abgeschlagen, hatte Großmutter erzählt! Das war das ganz große Manko dieses Figuren-Ensembles: Unbewaffnet und einige kniend – die konnten sich bei Gefahr alle nicht selber helfen! Da hatten Chingachgook und Toka-ihto viel zu tun!

In der Zwischenzeit waren Umzug ins Eigenheim und die Einschulung passiert. Aus der letzten Kindergartengruppe waren nur der zapplige Andreas und der fiese dicke Bernd in meine Klasse geraten, da die andern alle Hortkinder wurden, wir aber nicht. Die fremde Mehrheit war sich einig, dass der Weihnachtsmann kommt und nicht das Christkind. Die kannten das gar nicht, zeigten mir’nen Vogel – und so vollzog auch ich den Glaubenswechsel schnell und eigentlich problemlos. Ohnehin war der nur noch für ein Jahr nötig, denn einer von den anderen Andreassen klärte uns in der 2.Klasse auf: „Alles Quatsch! Das sind die Eltern!“ Dann war DIESE Mystik hin.

Aber es gab auch gewisse kindliche Ängste auszuhalten: Nicht vor der Rute oder eventueller Unbeschenktheit – nein – vor dem Thomaner-Chor! Zu Weihnachten sang der ewig lange im Fernsehen. Und sang er nicht, dann wurde er per Vinyl-LP eingespielt. Jedesmal lobten dann die Erwachsenen „die geschulten Stimmen“ und das „Gott sei dank gepflegte Erscheinungsbild“ (Gemeint war die konstante Abwesenheit von männlichem Langhaar!) und ich wusste: Mutti hat bisweilen eigenartige Bekannte mit abstrusen Erziehungstipps! So war ich schon in jene Schwimmlagerfolterfalle nach der 2. Klasse geraten und so wäre auch möglich, dass ihr irgendwann irgend so eine Tante was vorflötet, vom „Vorsingen in Leipzig“ – schwups müsste ich Thomaner werden, im Internat leben und auf lange Zeit weiter so scheiße aussehen wie die; und auch diesen ganzen alten Kram plärren „Jauchzet! Frohlocket! Mist ist erschienen!“ Mir graute davor. Zwischen 11 und 13 war es am schlimmsten: Wann würde der Satz fallen:

„Na? Hättste nicht Lust, da auch mal zu stehen?“

Aber dazu kams nie. Vielleicht lags an der fast täglichen Akkordeon-Marter, die in meinen Erzeugern die Wahrnehmung reifen ließ: Also belesen isser – aber leider völlig unmusikalisch!

So blieb die Vorweihnachtszeit bis in die Wendejahre anheimelnd schön. Die Stadt war dezent geschmückt. Der Verfall wurde uns, die wir in ihm lebten, nicht bewusst. Wir waren mit leben beschäftigt. (Heute erschrecken wir manchmal, wenn wir Fotos von damals sehen). Das Leben floss gemächlicher und abgesicherter dahin. Nie war das so spürbar, wie im Dezember. Damals hatten eigentlich alle gute Laune, kauften Geschenke, stöberten in den Läden – die zu dieser Saison auch deutlich besser bestückt wurden als sonst; da muss es irgendwo Depots gegeben haben, die für die Leipziger Messen und die Vorweihnachtszeit der Umgebung Vorrat hielten. Die Eis-Diele in der Herrenstrasse wurde alljährlich für die 4 Adventswochen Spielzeugladen! Der 6. In der Stadt! (Heute: Ein einziger kleiner widerborstig Überlebender!)

Älter werdend vollzog sich der Schwerpunktwechsel von den Spielwaren-Läden zu „Kohlmann“, dem Buchladen auf dem Markt. DER wurde praktisch mein zweites Wohnzimmer. Links die Regale mit den Jugendbüchern. Davor die Tische mit der Erwachsenen-Literatur. Rechts die Tische mit den Bildbänden und dahinter – das Land Kanaan! Die antiquarischen Angebote! Vier Schränke! Magnetisch. Suchterzeugend! Ab ungefähr 14 war ich dort fast täglich. Ich sah sofort, welches Buch vom Vortag inzwischen verkauft worden war. Und kannte mich phasenweise besser aus als der Chef.

Er (halblaut zu sich selbst): „Ich hatte doch neulich 2 Bände Hauff hier eingestellt? Sind die noch da?“

Ich: „Da drüben. Zweiter Schrank. Zweites Regal.“

Er: „Öh. Ach da! Nicht zu fassen!“

Wenn ich nicht gerade Kassetten brauchte, blieb mein Taschengeld bei Kohlmann. „Der Zug der Cimbern“, „Die Derwisch-Trommel“, Brachvogels „Oberst von Steuben“, Walter von Molos „Fridericus“, Reinwaldts „Walter von der Vogelweise“ ….

Und auch der schien Waren zurückzuhalten für Weihnachten!

Zu Hause dann im Halbdunkel der Kinderzimmer-Mansarde diese alten Schmöker lesen, begleitet von Pink Floyd- oder Genesis-Chorälen. War kein Lesestoff zur Hand, wechselte auch der Sound. Um Weihnachten herum packten mich meistens die 50er: Vorwiegend Doo Wop Aufnahmen aus Werner Voss‘ Rock&Roll Museum: Dumpf und bullig wiedergegeben über ein altes Holzkastenradio, auf dessen Senderskale noch Städte verzeichnet waren wie Königsberg und Breslau. Das passte!

Da jede Adventszeit – mal mehr, mal weniger früh-  Oma und Opa aus Frohburg bei uns einzogen, und manchmal auf mein Betteln hin bis Februar blieben, ergab sich nach manchem Abendbrot das gemeinsame Abtauchen der Erwachsenen in Erinnerungen aus „guter alter Zeit zu Hause in der alten Heimat“, was sich hinterher bei „Red sails in the sunset“ , „Tellstar“ und „we‘ll always remember Buddy Holly“ hervorragend musikalisch verarbeiten ließ, denn sowohl die Erlebnisse all der anderen, als auch diese Wirtschaftswunderklänge waren ja „vor meiner Zeit“ gewesen.

Auf Tonleitern stieg ich in sie hinab: Bei diesen Klängen sah ich dann meinen blinden Opa jung, schlank und sehend aus der Schule kommen und den Bäckerlehrling darauf hinweisen, dass der gerade „Bäkerei“ ohne „c“ über das Schaufenster des Ladens pinseln wollte. „All I had to do is dream“. Ich sah meinen Vater mit und ohne HJ-Uniform die Bubi-Kutsche durch den Ort lenken, der heute diesen unaussprechlichen tschechischen Namen führt. Ich sah ihn mit verschwollenem Gesicht bei Zittau über die Grenze schleichen. „Running like a dog to the everglades“; Großmutter hinterher. „Still as the night, cold as the wind“. Ich sah den Keller mit den von den Russen zerschossenen Einweckgläsern und hörte sie feiern, „Tallahassee Lassie“, während ich von Mal zu Mal mehr begriff, wie jene Höllennacht im Mai’45 vermutlich abgelaufen war, über die jedes Jahr ein Detail mehr zum Vorschein kam: „thats when you learning the game“… Es gruselte auch im Nachhinein noch, aber zugleich ließ es mich die Geborgenheit der Mit70er intensiv empfinden. Zum Abstellen dieser untoten Geschichten reichte es ja, das Tonband zu wechseln: Neuzeitlichere Klänge „Carry on my wayward son!“ – und weg war der Spuk!

Mit kalten Füßen unter ABBA-Beschallung auf irgendwelchen Weihnachtsmärkten herumzustehen und sich Glühwein einfüllen zu lassen, bloß weil irgendwer das für „kuhl“ erklärt hatte, wurde nie „meins“.

Bis in die Wendezeit blieb es im Wesentlichen in diesem anheimelnden Rahmen: Alle schienen Zeit zu haben. Alle suchten und fanden Harmonie im Kreise der Ihren oder gut gelaunter Kollegen bei Weihnachtsfeiern der Betriebe. Die Weihnachtsferien allerdings waren unter Ulbricht moderater gelegen als unter Honecker. Zu Unterstufenzeiten begannen sie, wenn das 18. oder 19. Fensterchen im Adventskalender geöffnet wurde, anschließend war bis zur Bescherung noch reichlich Zeit zum Schlitten fahren und Fernsehgucken. In der Ära Honecker schlich der Ferienbeginn immer näher auf den 24. zu, bis er dort mitte der 80er auch ankam. Letzter Schul- bzw. Studientag 23. 12. – Sauerei!

Auch der siegreiche Klassenfeind beließ es in den 90ern dabei. Und legte noch einige böse Schippen drauf: Hatte man Ulbricht einst alle Jahre wieder unterstellt, dass er im nächsten Jahr „sicher“ das russische „Jolkafest“ übernehmen würde, was Weihnacht und Sylvester auf einen Tag zusammengeführt hätte, so war das eher jetzt eingetreten: Zwar blieben die Feiertage alle an ihrem Platz, aber der Jahresend-Stress mit Arbeit an den Wochenenden plus „Pflichtfeiern“, wie „Weihnachtssingen“ und unmotivierten „Teamfeiern“ mitten im Jahresend-Abrechnungswahn machten Vorfreudestimmung zunehmend unmöglich. Am 24. schmeißt man sich schließlich ein paar Geschenke zu, guckt sich um – und Weihnachten ist vorbei.

Die schleichende Übernahme der amerikanischen Hyperillumination ganzer Häuser lässt die Kluft zwischen schönem Schein und innerer Leere immer heftiger empfinden. Der Small Talk, den man so mitbekommt, tut ein Übriges: Wer alles, wie sehr, von den Besuchszwängen genervt ist, was gar nicht der Fall wäre, würde man sich gesellschaftlich etwas Zeit zur Besinnung und zum Abtouren zugestehen…

Hasse ich Weihnachten? Nein! Keinesfalls. Ich vermisse es!

„Pass auf , Burli! Weihnachten! Das woar das scheenste Fest im Joahr!