Krischan der Große

Zum Tode Ralf Wolters (1926-2022)

Erinnerst du dich noch an den Sommer’69? Nicht in Amerika! Woodstock und so. Sondern hier in Deutschland! Genauer: Ost-Deutschland. Wie alt warst du da? Ich war 9 und jener Sommer hatte es bös‘ in sich:

  1. Schwimmlager, weil Mutti es so wollte. Eine Vollpleite für das unsportliche Sensibelchen, das ich damals war.
  2. Das Wetter war mies. Carrell klagte „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“. Niemand wurde diesmal „braun auf Borkum und auf Sylt“ – und auch nicht auf Usedom, wohin es die Bludgeon Family damals für 14 Tage verschlug.
  3. Die Sommerfilmtage bescherten das vierte Jahr in Folge den neuen Indianerfilm. Nur diesmal war das „Weiße Wölfe“ – und diesmal siegte Gojko als Dakota nicht. Er wurde sogar ganz dramatisch und feige erschossen, als ihm die Munition ausgegangen war. Kinderkatastrophe: Scheißfilm. Das stand fest.
  4. Drohte in den Sommerferien noch die Turnbergkatastrophe herein: Die Schule plante den Lehrereinsatz und bescherte dem kleinen Bludgy als Sportlehrerin ausgerechnet die Schinderin vom Schwimmlager in ihrem letzten Dienstjahr, Frau von Turnberg, für immerhin 3 gefürchtete Sportstunden pro Woche.
  5. Im Mosaik endete in diesem Sommer die Ritter Runkel Serie und die Amerika-Abenteuer begannen äußerst langweilig unten in Louisiana mit einem Schiffsrennen der Mississippi-Dampfer der Kapitäne Baxter und Joker. Kein Indianer nirgends! Und auch keine Chance auf Saloon-Schlägerei. Nur Gelaber.

Sommer 1969 war also Scheiße am Rollen!

Wie gut, dass mich da irgendwann die Eltern oder die Großmutter ins Kino lockten – in einen Film mit dem seltsamen Namen „Die Heiden von Kummerow“. Krischan 1Der spielte in der Kaiserzeit irgendwo im Norden an der Küste. Mit 9 hatte ich keinerlei Ahnung, was „Heiden“ sind und den Brauch der „Heidentaufe“, den die Jungs da im Film zelebrieren, indem sie mit im arschkalten Wasser stehen, verstand ich auch nicht; aber den Konflikt zwischen armen Kuhhirten und bösem Tierquäler Düker, dem reichen Müller des Ortes, den verstand ich umso besser.

Auch die Freundschaft zwischen Martin Grambauer und Johannes Bärensprung ging mir nahe, denn auch ich hatte so einen Hang zu interessanten Sitzenbleibern in der Klasse, was Mutti die Sorgenfalten auf die Stirn trieb. Irgendwie wollte ihr mein „Umgang“ mit Günter, Klaus und später Ecke nicht recht gefallen.

„Die gehen nach der 8.Klasse Fluchten mauern. Du willst hoffentlich was werden!“

Schon. Aber: Die fetzten, aber das verstand Mutti nicht.

Und im Film verstehen auch die Mütter nicht, warum alle Dorfkinder den abgerissenen Kuhhirten mögen, der jedes Frühjahr ins Dorf kommt und jeden Herbst wieder verschwindet. Keiner weiß, wohin.

Der Kuhhirte ist Krischan Klammbüdel. Er wird gespielt von Ralf Wolter.

Wären wir Wessi-Kinder, hätten wir gesagt: Sam Hawkins spielt hier den Krischan.

Aber die Karl May Filme kannten wir im Osten 1969 allenfalls vom West-Quartett, wenn überhaupt.

Paul Dahlke als Pastor Breithaupt und Theo Lingen als Superindendent Sanftleben kannten wir aus den Ufa-Komödien, die montags abends liefen.

In den „Heiden von Kummerow“ spielten sie ganz ähnliche Charaktere: Ins Idyllische gewendete Autoritäten. Nebendarsteller irgendwie. Für die Action sorgten andere.

Es war der erste gesamtdeutsch abgedrehte Film nach 1945 und er wurde im Osten im Kino gut besucht. Ich sah ihn dort in meiner Unterstufenzeit mindestens 5mal – und die Reihen waren immer gut gefüllt. Dann kam er alle Jahre wieder im Fernsehen – und ich vermute mal, ich hab ihn dann jedes Mal gesehen, bis ich 13 oder 14 war.

Das war irgendwie Gesetz:

„Nimm dir für Sonnabendnachmittag nischd vor! Da kommen die „Heiden von Kummerow“!“

Der Film stammt von 1967. Ob der bereits ’68 im Ostkino lief, weiß ich nicht. Mir isso, als ob ich ihn ’69 kurz vor- oder kurz nach unserem Urlaub in Bansin/Usedom gesehen habe. Und weil ich zu der Zeit noch ordentlich Ostsee-Flair im mentalen Gepäck hatte, ging mir der Film nahe.

Ich hatte selbst, wie Krischan abend für abend im Dorfkrug 14 Tage lang dasselbe Abendbrot gegessen, weil der Wirt „nur Bockwuast odä S-piegeleieé“ im Angebot hatte: Also regelmäßig 3 Spiegeleier und ne Limo. Der Tisch hatte ebenfalls keine Tischdecke. Immerhin gab es Bierdeckel zum Pyramidenbau. DIE hatte Krischan nicht, bei seinen ärmlichen Abendbroten in der Kummerower Kneipe, abseits am „Henkerstisch“.

Bauernkäuze kannte ich durch das Mitfahren mit Vater „auf Praxis“; bösartige Müller Düker gabs bei mir ganz in der Nähe: z.B. Udos Großvater.

Martin Grambauers Vater, der immer Spitzen gegen die Autorität des Pastors warf, war ganz klar mein eigener Vater, der fleißig gegen einige Lehrer meiner Schule frotzelte:

„Hab dein‘n Direx jetroffm, indor Stadt. Hackedicht warä. Hat die janze Breite von dor Salzstraße jebrauchd.“

Oder:

„Frau von Turnberg? Adel verpflichtet. Da is‘ Inzucht im Spiele. Mach dir ma‘ nich‘ ins Hemd vor der ahlen BDM-Hexe.“

Mutter stoppte zwar meist recht schnell. Aber übrig blieb die Erkenntnis: Erwachsene achten sich durchaus nicht automatisch immer. Ein wohltuender Gedanke. Was BdM war, bekam ich zwar nicht erklärt, aber „Hexe“ war ja deutlich genug.

Und: Martin Grambauer und Johannes Bärensprung – das waren auch zugleich Tom Sawyer und Huck Finn (Deutsche Reichsvariante); der Drehbuchschreiber hatte es voll draufgehabt: Die Kinderdarsteller waren die Haupthelden, die einen Krimi erleben, der für die Erwachsenen nur Alltag ist. Aber auf die Erwachsenen kam es gar nicht so sehr an.

Heute hat das eine ganz eigenartige zweite Message bekommen: Gesamtdeutsch verfilmt hieß: Alle Erwachsenenrollen wurden westdeutsch besetzt. Die Kinder stammten alle von der Insel Rügen. Sie wurden mit Filzstiften bezahlt. Und sie spielten erstaunlich echt und unverkrampft. DEFA-Kinderfilme hatten es oft an sich, dass die Kinderdarsteller „Sprecherkinder“ waren; also „geschult“ ihre Texte aufsagten, was allzu oft steif rüberkam. In den „Heiden von Kummerow“ war das nicht der Fall. Sogar der Fischie-Dialekt kommt durch.

Die Bevormunder also „von drüben“, das „noch zu erziehende Fußvolk“ von hier; aber es lebt eben auch anarchisch unter all den Anweisungen drunter weg, pfeift drauf. Wie man Pfeifen schnitzt, zeigt ihnen Krischan. Der Paria ist der Held! Als er durch Müller Düker in Schwierigkeiten gerät, helfen ihm die Kinder und der „aufsässige“ alte Grambauer, der eh was gegen „die da oben“ hat.

Krischan ist eigentlich auch eine Erwachsenen-Rolle.Und Ralf Wolter ist auch Wessi.  Aber zu den Bevormundern gehört er nicht. Er ist ein altgewordenes Kind. Er verkehrt mit den „Lütten“ von Mann zu Mann. Sie versorgen ihn mit ihren Pausenbroten und verdanken ihm manche Weisheit aus seiner „Seefahrerzeit“. Sie verhelfen ihm am Ende des Films zu seinem Recht, um das er so viele Jahre von den „Großen“ betrogen worden war.

krischan3Krischan Klammbüdel war ein Held meiner Kindheit. Und es half sehr dabei, dass wir seine trottelige Sam Hawkins Rolle nicht kannten.

Nach dem Filmerlebnis las ich auch Ehm Welks Romanvorlage.

Die beiden Hörspielschallplatten „Die Heiden v. K.“ und „Die Gerechten v. K.“ konnte ich auswendig.

Vor ein paar Tagen starb Krischan der Hirte (alias Ralf Wolter) 96jährig und relativ vergessen von der Welt; immerhin erwähnten sie ihn aber noch in der Tagesschau, als Sam Hawkins und in allerlei Nebenrollen – bloß nicht als Krischan Klammbüdel!

Sauerei! Seine beste Rolle! Der Film wirkt heute noch!

Das musste ich reparieren!

Hallo Ralf! Einmal Krischan – immer Krischan!

So wie Dieter Mann für mich auf ewig der Gatt war und Gojko der Dakotahäuptling,

so gehörst du in die „Heiden von Kummerow“!

Basta!

Schlaf gut, Krischan!

Fjuhschn (III)

Manchmal genügt ein kleiner Funke.

Autopict ist schuld.

Sein kleiner Kommentar unter „Fjuhschn (I)“ hat das Folgende bewirkt.

Die Grübelmaschine sprang an. Warum wurde ich ein Fusionist und er nicht?

I. Vorbemerkungen:

Fusion – das ist ein freies Spiel der Talente. Einer in der Band legt los mit irgendeiner melodiösen Eingebung und die andern steigen drauf ein: Bedienen; bis sie selber dran sind mit dieser oder jener Solo-Chance. So entsteht ein harmonisches Geben und Nehmen, das sich ungeplant aufbaut zu Bombast oder Raserei, die sich erschöpft, und beruhigt ausklingt oder kakophon zusammenbricht.

Strophe – Refrain -Strophe? Braucht man nicht, wenn’s fließt.

Musik als Vehikel für’s Denken. Fürs Halluzinieren. Für’s Träumen von Anschaffungen, die man sich eh nie leisten wird. Aber für 40 Minuten LP-Länge hat man all diese Dinge besessen, ist man im Chevy  Bel Air durch die Felder gefahren. In a land called Fantasy.

Autopict kommentierte unter Teil 1, dass ihn Fusion kalt lässt. Eigentlich mag der lauter gutes Zeug. Prog vor allem. Warum war’s bei mir anders? Lag‘s an meiner „Praxiserfahrung“ mit „Kinder-Fusion“ früher? Hat Autopict auch welche? Das ließ mich weitergrübeln:

In den Fusion-Sog zu geraten hat nicht nur mit Philly-Geigen zu tun, die ich bei Benson wiederfand, wie ich im ersten Teil schrieb. Die Wurzeln dieser Sucht sind älter:

II. Erlebnisse:

Meine ersten 7 Lebensjahre wohnten wir im Mietshaus. Unter uns die Hausmeisterfamilie. Deren Sohn war 3 Jahre älter und übte nach der Schule Klarinette. Sein Zimmer lag unter meinem. Ich kämpfte oben dann und wann im Bett mit dem Mittagsschlaf. (Gottlob kam Muttern diese Anwandlung nur alle paar Wochen für 3 oder 4 Tage ein und konnte alsbaldigst weggequengelt werden.) Und dann lag ich da also hellwach herum und unter mir dudelte es. Das klang schön. (Wie Mutter später erzählen konnte, hatte er soviel Talent, dass eines Tages sogar ein Angebot eines großen Tanz-und Unterhaltungsorchesters hereinflatterte.) So ritt ich zu diesen Soundtracks mit Ritter Runkel und Suleika in Richtung Orient, befreite Dornröschen von IHREM elend langen Mittagsschlaf, spielte mit dem Bären von Schneeweißchen und Rosenrot usw.

Das muss der Ursprung gewesen sein, diese „Innervisions“ zu kriegen, sobald Musik ertönt, die die Ohren streichelt.

„So, du kannst aufstehen. Komm Kakao trinken, ‘s gibt auch Marmorkuchen.“

„Eeeeendlich! Ich hab wieder nich‘ geschlafen! Gott sei Dank hat Norbert geübt. Da war’s nicht so langweilig.“

„Wenn du Schulkind bist, willst du dann auch ein Instrument lernen?“ Mutti schmiedete das Eisen, solange es heiß war.

„Ja!“

„Aber nicht gleich Klarinette. Am Anfang lernen alle Kinder immer erst Blockflöte.“

„Okay. Und wenn ich großer Junge bin, such ich mir ein richtiges Instrument aus.“

Erwachsene versprechen in so einem Moment alles. Und es kommt dann ganz anders.

Nach 4 Jahren Flöte war die Lust zum Instrumente lernen tot. Die nette alte Rentnerin, die unverheiratet mit zwei Schwestern zusammenwohnte und mit dem Stundengeben, die kärglichen drei Renten aufbesserte, verstand es nicht, ihre junge Kundschaft „abzuholen“, indem zeitgemäßes Material verwendet worden wäre. Nach „Hänschen klein“ und „Horch was kommt von draußen rein“ folgten dann „Hits“ der Marke „Dat du min leevsten büst“, „Vuchelbeerbaam“ und „Bauernmarsch“.

Letzterer war noch das Beste, weil sich da an Thomas Müntzer denken ließ. Schlacht von Frankenhausen! Eine frühe Form des Blut-und Eiter-Core – auf der Blockflöte.

„Muss es denn immer so alter Kram sein?“, wagte ich irgendwann zu maulen.

„Das ist kein >>alter Kram<<, das sind deutsche Volkslieder. Die müssen wir bewahren. Was wir nicht bewahren, stiehlt uns der Russe.“, sprach die gutmütige alte Oma da. Für einen 8 oder 9jährigen, der noch an den guten Lenin glaubt, wegen all der Bilder in der „Frösi“, ein ziemlich seltsamer Gedanke. „Die Krause-Schwestern ham mit dem Iwan durch, was uns ham de Tschechen angetan.“, erklärte Vater, ohne was zu erklär’n. So war das immer: Das Kind versteht ja noch nicht -. Ja, was denn eigentlich? Mir war das wurschd. Wie kann man jemandem ein Volkslied klauen? Das wird so was sein, was Mutti als „wunderlich“ bezeichnet, wenn Großmutter einen unverständlichen Bolzen heraushaut. Andererseits hatte das DDR-Fernsehen neulich das Alexandrow-Ensemble gezeigt, wie da ein Sowjet-Offizier zwischen „Durchs Gebirge durch die Steppe zog“ und „Kalinka“ das „Heidenröslein“ sang. Hm. Aber deswegen ist doch das Lied für uns nicht weg?

fusion 3bTrotzdem hatte ich bald heraus, Frau Krause in Gespräche zu locken; das verkürzte die Zeit des ungeliebten Musizierens. Sie konnte supergut erzählen! Warum guckte der Beethoven über dem Klavier so schlecht gelaunt? Wer is‘n das auf der Büste da und warum hat der sich so einen bescheuerten Bart zurechtrasiert? Daraus wurde meine Bekanntschaft mit Richard Wagner und mein Grundlagenwissen über Bartmode im Wandel der Zeiten. Aber meine Liebe zur Musik blieb eher dank Radio erhalten.

„How!Do!you!do! Na-na…“, „Am Taaaaaaag, als Conny Kramer starb….“, „Kuhhhhh-nigunde, hier kommt dein Troubadur!“

Ende 4. Klasse dann die Qual der Wahl. Ich wollte aufhören mit den wöchentlichen Gängen zu Frau Krause, aber Mutti sah das anders.

„Nun geht es doch erst richtig los. Entweder ein anderes Instrument bei Frau Krause oder wir wechseln halt noch den Musiklehrer. Aber ein Instrument lernste noch!“

Man hat mit 10 keine Lust auf Lehrerwechsel. An noch einen weisungsberechtigten Erwachsenen gewöhnen müssen? Nä! War ja schon beim Klassenlehrerwechsel ein Reinfall. Und dann noch die Sportlehrerkatastrophe in der 3. Klasse mit Frau von Turnberg!

Es kam also zur „Friss Vogel oder stirb – Wahl“: Akkordeon lernen und bei Frau Krause bleiben.

Ich erwies mich als zu ungeschickt und zu unmotiviert zum Üben. Beidhändig wollte es einfach nichts werden. Eines Tages rutschte mir das Instrument vom Schoß, klatschte auf den Fußboden – und alle Bass-Tasten waren ins Gehäuse gedrückt. Hurra! Kaputt! Laaaange Spielpause wegen Reparatur in Aussicht! Planwirtschaft.  „Teile hammernich!“ Das kann dauern!

Mutter: „Wir fahren am Sonntag nach Frohburg zu Oma. Da steht noch das Akkordeon von Tante G.“

So stürzen Hoffnungen ins Bodenlose.

In Klasse 7 erlöste mich die Pubertät. Meine schulischen Leistungen tendierten plötzlich in Richtung 3, das Halbjahreszeugnis wurde somit zur Vorwarnung: So wird das nichts mit der EOS in Klasse 9!

„Wenn ich verspreche, mich zu verbessern, kann ich dann zum Schuljahresende wenigstens mit diesem Scheißakkordeon aufhören?“

„Ja.“ Kurz und schmerzlos. Manchmal ist die Zeit einfach reif für Erlösungsmomente.

Frei! Zum ersten Mal im Leben eine richtige Last abgeworfen.

III. Entwicklungen:

Die Übungszeiten in jenen 7 Jahren jedoch hatte ich zweckentfremdet, um mir unbewusst „meinen Fusion“ beizubringen. Wenn ich denn schon zum Üben gedrängelt wurde, fantasierte ich lieber auf den Instrumenten, statt den „Zieh Schimmel zieh“ auf Noten zu üben. Mit sehr unterschiedlichem Erfolg. Einen meiner Onkel hatte es vorübergehend in die Mongolei verschlagen. Der brachte eines Tages eine Hirtenflöte mit, die hatte ein paar Löcher zu wenig (damals wusste man ja nix von Pentatonik!) und die klang – indianisch! Motivationsschub! Vor allem deshalb, weil zu jener Zeit gerade ein Indio mit „El Condor Paza“ in der „Aktuellen Schaubude“ aufgetreten war. Die Nummer war zuvor schon durch Simon and Garfunkel zu Ehren und reichlich Airplay gekommen und deshalb hatte sie eh jeder im Ohr. Und ich bekam das auf der Hirtenflöte hin! Ohne Noten. Ich hielt mich prompt für so’ne Art Flöten-Hendrix!

Auf dem Akkordeon fantasierte ich nur einhändig. Ich wollte ja gern Luggis Rock and Roll nahekommen, aber das ging gänzlich schief. Es gelangen nur langsamere Melodaien. Namenlose Eingebungen. Aber zeitweilig doch auch recht ergreifend.

Ich glaube heute, dass gar nicht viel gefehlt hat, das beidhändige Spiel zu begreifen. Es war vermutlich wirklich nur die fehlende Lust dranzubleiben aufgrund des ungeeigneten Übungsmaterials.

Geblieben ist Melodienseligkeit. Die Frickelei im Prog ertrage ich dosiert durchaus, sie ist sogar das Salz in der Suppe, sie wird mir aber schnell zuviel. Yes’ns „Relayer“-Album hasse ich. Ich brauche den kräftigen Schuss Romantik, den „Going for the one“ und „Close to the edge“ Gott sei Dank haben.

Wenn es im Fusion zu „frei“ wird, dann klingt es schnell herzlos. Kalte Akrobatik. Keine Musik mehr.

Der Klampfmeister da kann fix greifen – aber: Was hab ICH davon?

„Birds of fire“ und die Shakti-Sachen von McLaughlin – abwink. Auch die viel gepriesene „Friday Night in San Francisco“ hob mich nicht besonders an.

Sogar von Metheny gibt es ein fürchterliches Album; im Quartett eingespielt, „Song X“ oder so ähnlich. Das ist sein „Relayer“-Moment. Absolut scheußlich.

IV. Was also lässt sich feiern?

Apropos „Friday night in San Francisco“. Ein Kommilitone Anno 1982, der einen richtig guten Musikgeschmack hatte und toll Musik erklären konnte, brachte die Neuigkeit mit, dass demnächst auf Amiga eben jenes Album erscheinen würde und dass das ein Großereignis sei. Falls er diese Lizenzplatte nicht bekäme, ließe er sich exen, würde Briefträger oder Friedhofsgärtner und beschlösse sein Leben als bald mit dem Fluch: „Es gab die „Friday night“ in dor Zone und ich habse nich gekrichd!“ Das weckt Neugier, wenn man anfang 20 ist. Ich bekam das Album. Er nicht. Ich überließ es ihm nach einmal anhören, rettete also seinen Lebensmut. Und er meinte das ernst, denn er gab mir dafür das Debut von Asia. Eine Westplatte für eine Amiga – ohne Zuzahlung! Er ließ sich 90 Mark entgehen! Die muss ihm wirklich wichtig gewesen sein.

Ein zweiter Musikguru aus meinem damaligen Bekanntenkreis, der selber bis heute eine Band betreibt und davon leben kann, maulte über die Friday-Platte: „Naja drei virtuose Klampfer halt. Paco und Al di Meola sind Könner. Aber der Mahavishnu-Kunde wird wie immer überschätzt. Wenn Se statt dessen Larry Coryell genommen hätten, dann wär das ne ganz andere Messe geworden.“

Und wieder war ein Name gefallen, der mich weiterbrachte:

fusion 3In den 90ern fand eine Weltausstellung in Barcelona statt. Aus diesem Anlass wurde vorübergehend das Fernsehprogramm geflutet mit Super-Musik-Events. Gitarren-Festival drei Nächte lang. 3sat übertrug. Das „Friday Night Phänomen“ warf immernoch weite Schatten – und so hatten auch die Spanier die Idee, Paco de Lucia mit zwei weiteren Könnern zusammenzubringen und klampfen zu lassen. Aus diesem Anlass ersetzte tatsächlich Larry Coryell einen der beiden anderen Freitags-Heroen und siehe da. Ich war 10 Jahre älter und der simple NDW-Kontext von damals war auch weg: Mir gefiel das plötzlich.

Kurz darauf stand ich im Laden vor Coryells „Live from Bahia“(1992) und kaufte sie ungehört. Treffer.

Und einer der Tracks heißt auch noch „Gabriela’s Song“. Da gabs mal in den 90ern fast zeitgleich den gleichnamigen Film mit Sonia Braga und dem alten Marcello Mastroianni. Ähem. Männer wissen, wovon ich spreche. Von 1983 bereits sollte der sein. Auf dem neuen Rod Stewart Album (2022) gibt’s ebenfalls einen „Gabriella“-Song. Mit unmissverständlichen Lyrics. Auch ihm kamen da also alte Zeiten zurück. Wir gucken halt alle das Gleiche.

Und per Fusion…

„…träum ich, dann seh ich
viel tiefer als sonst.
Wenn ich träum dann geh ich
wohin du nie kommst.“ (Demmler/Stern Combo Meissen)

Der Hungerpastor (1)

„Menschheit, du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu.“ (Ch. Bukowski)

Mir leuchtete diese Maxime bereits während meiner Armeezeit ein, ohne sie formuliert zu haben. Aber die Welt von Prora war um 1980 nunmal voller Assis. Gelesen hab ich sie erst nach der Wende. Aber heute ist sie aktueller denn je. Und obendrein liest sie sich wie ein Credo zu Raabes Schaffen. Der wiederum für mich eine Art von Prä-Schmidt ist. (Gemeint ist Arno Schmidt; der Prophet von Bargfeld). Merke: Alles hängt mit allem zusammen.

Jedes Ding hat seine Entsprechung in alter und zukünftiger Zeit.

Und gute alte Bücher beweisen dir das zeitweilig derart, dass es dir den Atem verschlägt: „Wow! Damals schon?!“

Raabes lesbarster Roman – „Der Hungerpastor“ von 1864 verführt in einem fort zur Rückschau. Guck an! Kenn‘ ich! Ging mir auch so – hundert Jahre später! Watsch! Der traut sich was! Hat ihm keine Freunde gemacht. Kenn’ich! Bin in ähnlichen Fettnäpfen zu Hause gewesen – usw. usf.

„Ich habe alle Begeisterung, so der Mensch fühlen kann, in meinem Herzen gefühlt; ich habe auch allen Menschenjammer gesehen und in mir gespürt. Nun fahren mir die Erinnerungen immerdar zwischen die Buchstaben und Zeilen …(und)… schütteln die Gedanken durcheinander.“

Resümiert der alte Waterloo-Feldprediger als greiser Dorfpfarrer in Grunzenow/Hinterpommern am Ende seines Lebens und am Ende des Romans.

Ja, so ist es. Prompt stehst du wieder im hohen, langen Flur der Altbauwohnung und die Geister der Kinderzeit sind alle wieder da. „Down the edge of korridors into the gates of time“… Wie Dan Fogelberg singt und Raabe schreibt – das gehört zusammen! Silently the past come stealin‘.

Dir wird bewusst, was es heißt, Boomer zu sein, dessen Kindheit in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts fiel – und wieviel 19. Jahrhundert da noch zu erleben war!

Raabe lässt das erste Romandrittel zwischen 1820 und 1830 spielen – und auch das kenne ich: Diesen Hang zu knapp verpassten Zeiten. Raabe ist 1830 geboren und malt (sich) die zwanziger aus. Ich bin 1960 geboren und bin stets gefährdet all dem 50er Jahre Kitsch zu verfallen. Ein herbeierzähltes Idyll aus Petticoates und Doowop, trotz Walter U. und GULAG.

Er beschreibt den Werdegang von zwei Spielgefährten: Hans Unwirrsch und Moses Freudenstein.

Die sprechenden Namen sind anders gemeint, als es auf den ersten Blick scheint. Dazu mehr in „Hungerpastor (3)“.

Unwirrsch ist ein Schuster-Sohn, der einen anderen Weg geht, als alle seine Vorfahren. Aber zunächst erlebt er eine Kindheit in kleinstädtischer Handwerkerarmut vorindustrieller Zeit.

Die Schusterwerkstätten seines Vaters und seines Onkels werden derart lebendig beschrieben, dass es mich prompt an „unseren Schuster“ in Naumburg erinnerte, auf dessen ebenfalls lichtlose Werkstatt mit den seltsamen Gerüchen in all der Enge der Regale das alles auch passt. Der alte knurrige Mann mit der Lederschürze, wortkarg und mit den Gedanken eh immer woanders, der mit Kreide eine Nummer auf die Sohlen der kaputten Botten schrieb und diese dann mit Stift von hinter dem Ohr auf ein Kärtchen übertrug und irgendwas knurrte, was wie „Freitagmittag“ klang.

Und es war auch eine Schuster-Tochter, der ich in der 3. oder 4. Klasse jenes Skatkartenspiel abkaupelte, dass bis heute in meinem Schreibtisch überlebt hat – und nach dem die ganze Schublade riecht: Diese Werkstattmischung aus Schweinsleder, Lederfett und Schuh-Creme.

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Frau und Tochter weigerten sich stante pede mit diesen Karten Mau-Mau, Krieg, Schafskopf oder Kanaster zu spielen, wegen: „Iiiiiiiiiiiih! Die doch nicht!“

Ich alter Bewahrer aber schätze sie, weil: Unter-Ober-König hier Beine haben und die Dame im Ensemble fehlt! Mit 9 Jahren war mir, als hätt‘ ich einen Schatz geborgen, wie Hans Unwirrsch, als er die Hinterlassenschaften seine verstorbenen Vaters sichten darf.

Vater Unwirrsch hatte eine Glaskugel über der Kerze hängen, bei deren Licht er so auch in der Dämmerung noch arbeiten kann und schließlich auch spät abends noch grübelt; denn jene frühe Disco-Kugel reflektiert das Kerzenlicht und wirft Schatten an die Wände, während der arme Mann sein Schicksal bedauert, nicht genug Geld übrig zu haben für Bücher, die seinen Hunger nach Wissen stillen könnten.

Gebrochenes Licht, wandelnde Schatten, Farbenspiele. Wer kennt sie noch, diese Trostpreise der Los-Bude, diesen Taschengeld-Dieb im Papierwarenladen: Kaleidoscop. Halb Fernrohr, halb Zauberstab. Du guckst unten rein und siehst lauter bunten Flitter…. „Magic!“

Und wieviel buntverglaste Fenster die alte Stadt hatte! Auch die elendste Hinterhof-Laube hatte Buntglas-Oberlichter aus Kaisers Zeiten! Butzenscheiben in allen Altstadt-Restaurants und in den Kneipen der Burg-Ruinen! Nach der Wende wurde zwar der sozialistische Verfall gestoppt, viele Fassaden feierten Wiederauferstehung – jedoch all das Buntglas war futsch. Flair, das zumindest ICH vermisse!

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Die Stadt hatte auch in den 60ern neben den Schustern noch die vielen Tante-Emma-Läden. Mir musste später keiner erklären, warum die so hießen, denn ein jeder wurde von so’ner ältlichen griesgrämigen Krieger-Witwe geführt: Missmutig rappelte sie sich im Hintergrund vom Häkeln auf, wenn die Ladenbimmel störende Kundschaft anzeigte. Das Warenangebot kurios zusammengestückelt: Sammeltassen, kleine Porzellan-Figuren, Touristenkitsch in Form von Abziehbildern mit Burgruine oder gebogenen Wanderstockbeschlägen. Manchmal stand ein einsamer Indianer oder ein Matchbox-Auto zwischen all dem Nippes. Der Grund des Besuches!

Sie fristeten ihr Rentnerinnen-Dasein mit diesem Zubrot zur spärlichen Witwenrente, fern von allen HO- oder Konsumgenossenschaftszwängen. Einer nach dem anderen verschwand durch Ableben der Eigentümerin.

Die verschnörkelten Schaufenstereinfassungen blieben und verrieten mit der Zeit und wenn der Holzwurm fleißig war, dass sie eben nicht aus Marmor oder Granit gemeißelt waren. Schnödes Holz. Und immer mehr Abblätterungseffekte mit fortschreitender „entwickelter sozialistischer Gesellschaft“. Ein gelungener Luxus-Fake aus alter Zeit.

Diese Witwen fielen mir immer dann ein, wenn Raabe beschreibt, wie in der Kröppelgasse stets das Haus voll ist, wenn einer stirbt. Alle Nachbarinnen sind zugegen, die halberblindete Hebamme ist die Totenwäscherin, die andern organisieren den Leichenkuchen, gaffen, beschnacken den Vorgang und den Sarg, vergleichen die diversen Variationen des Ablebens der letzten Zeit, bejammern die Hinterbliebenen.

Und so geht das in einem fort.

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Führ/Speck „Naumburg a.d.S. Die Stadt auf historischen Fotografien“

Die Kröppelgasse im Buch könnte die Engelgasse oder die Paul-Heese-Straße von Naumburg sein. Das Identifizieren wird von Seite zu Seite leichter.

Hansens Oheim Grünebaum in all seiner Schrulligkeit könnte (zusätzlich zu tatsächlichen Schustern) auch Udos Opa sein. Solche Käuze kommen heute nicht mehr vor. Die sonderten einen Spruch nach dem andern ab; laberten Dittsche-mäßig den ganzen Tag lang den buntesten Unsinn mit realem Kern, dass es dich von Zeit zu Zeit vor Lachen zerfetzte.

Beispiel: Udos Opa weiland 1966 oder 67 in der Bäckerschlange, als einziger alter Mann unter lauter „Weibern“ und mir als Ohrenzeugen:

(Eine Kundin hielt den Laden auf, weil sie -typisch weiblich- erst nicht wusste, was sie nehmen will und schließlich noch Familiengeschichte abspulte. Plötzlich grölts in unmissverständlichem Bariton:)

„Is‘ dor Bäggor schonn dohd, oder geht’s da vorne nochäma weitor! Ich stehe hier doch nich‘ bis de Tätowierten andor Macht sinn!“

Lachende Zustimmung des „Warte-Kollektivs“ und fluchtartige Entfernung jener Tratsche aus dem Laden.

Das Neustadt des Hans Unwirrsch hat ein Gymnasium und ist drei Tage Fußmarsch von der nächsten Universität weg: Also Naumburg und Jena, da von bewaldeten Bergen die Rede ist, die beide umgeben.

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„Man studiert in Halle oder Jena“ – legt Raabe selbst irgendwo im Buch die Spur.

Es entrollt sich ein unterhaltsamer Entwicklungsroman, mit Witz erzählt, gesellschaftliche Missstände abwatschend – und(und das ist wichtig zu erwähnen, bei Raabes gefürchteter Berg-und Tal-Schreibe) – der von A bis Z die Spannung hält!

Es ist ein Werk, das viel aufgreift, was vorher war und das anderen zum Wegweiser wurde, die später kamen; wie noch zu erzählen sein wird. (Siehe Teil 2 demnächst.)

Und es ist ein Werk, das im Verruf steht, ein „Meisterwerk des Antisemitismus“ zu sein. Ein Vorwurf, der sich nicht in einem Satz bestätigen oder abstreiten lässt, wenn man sachlich bleiben will. Deshalb dazu ein Extra-Post im dritten Teil.

Wiedersehen mit Jules

1. Vorüberlegungen:

Ja, ich weiß: Peking und Putin! Die wären gegenwärtig die heißeren Themen! Aber – das lässt sich locker steigern – dies’Jahr – Katar steht noch aus: Die Weihnachts-WM. Ma kieken, ob Neuer und die Binde wieder… aber vielleicht lassen es ja die vereinten europäischen Schlafwandler wieder knallen, wie 1914. Dann hat sich das! Und wenn nicht, dann muss im Frühjahr wieder die Ukraine den ESC gewinnen. Kenn werja! Von 2015 her.

Sie merken: So weita schreim – dat wüad nüschd!

Schnippschnapp Gedanken ab – Schere im Kopp. Zu Ostzeiten hab ich och kehm Lehra aßählt, dette Renft doch eijentli Rescht ham und Harry Thürk Scheiße über Solschenizyn schreibm tut.

Eh ich mich also auf politisches Glatteis begebe, schreib ich lieber -solange es noch geht- über weitere Leseabenteuer. Kopf in den Sand, Augen zu und durch! Wenn’s Krieg gibt, holen sie mich erst ganz zum Schluss, wenn’se wiedermal ein letztes Aufgebot zusammenstellen. Also bis auf Weiteres bin ich raus!

2. Götter von einst:

Ich finde dieser Tage: Man sollte es mal gemacht haben: Ein Buch wiederlesen, das einem die Kindheit versüßt hat. Herausfinden, was das damals war, ob es 50 Jahre später auch noch irgendwie kickt – oder ob sich alles erledigt hat.

Der Zufall half und spielte mir Jule Vernes „Mathias Sandorf“ in die Hände. Das war mit 11/12/oder 13 Jahren der erste Verne, den ich -DURCH!- las.

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Zuvor hatte ich „20 000 Meilen unter dem Meer“ im Kino gesehen – und bin anschließend high nach Hause getaumelt. Umwerfend fand ich den Film!

Eine ganze Weile später erging es mir mit der „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ ähnlich. Aber, da ich etwas älter als 11 war, ging ich die Verarbeitung des Kinoeindruckes schon etwas abgeklärter an.

Zwischen diesen beiden Kino-Highlights hatte ich „In 80 Tagen um die Welt“ lesen wollen, jedoch das Taschenbüchlein wegen übergroßer Langweiligkeit nach wenigen Seiten in die Ecke gefeuert. Weiß auch nicht, wieso gerade DAS Ding so derart die Zeiten überdauert hat. Der Verne hat doch nun wirklich besseres zu bieten!

Die andere Leseerfahrung waren „Die Kinder des Kapitän Grant“ – das war ein sehr spannender dicker 800 Seiten-Wälzer. Dachte ich. Aber auf Seite 536 ungefähr geht ihm die Luft aus. Ich hatte umfänglich schon ähnliche Klopper hinter mir – und diese auch durchgekriegt. Aber beim Grant „schläft nach hinten zu die Handlung ein“. So mein Resümee als 11jähriger.

Dann kamen der „Sandorf“ und der „Kapitän von 15 Jahren“. Und die beiden begeisterten endlich auch als Buch!

Im Bezug auf den „Sandorf“, den ich -wie oben erwähnt- irgendwann zwischen 11 und 13 las, machte ich mit ca 16 Jahren dann auch noch meine erste literarische Sensationssentdeckung, von der noch zu reden sein wird.

3. Eindruck von damals:

Aber zunächst mal muss ein bissel Schwärmen sein: Warum konnte der „Sandorf“ zünden?

Es geht um einen Freiheitskämpfer, der verraten wird, zum Tode verurteilt fliehen kann, für Tod gehalten nach 15 Jahren schwer reich zurückkehrt, um an den Verrätern Rache zu nehmen und eine glückliche Ehe zu stiften. Dabei helfen ihm überdurchschnittliche Kenntnisse, die ihn Schiffe und Waffen erfinden ließen, die sonst niemand hat und zwei originelle Typen, die mal Gaukler waren, jedoch nun unter seinem Befehl stehen und zu Gerechtigkeitshelfern werden. Ein kleiner, dünner kluger Pescade und der große, kräftige, gutmütige Trottel Matifou. Dies zunächst erinnert Kinder der 60er und frühen 70er Jahre unweigerlich an den Mantel- und Degen-Film „Ritter von Pardelanne“ und seine beiden Gauklerhelfer, die mit ihm die schöne Violetta vor dem Galgen bewahren. Auch hier der große tumbe Eisenkettenzerreißer und der kleine hibbelige Clown. (Ich sage nur „Angstlocke“!)verne3

Zwischen 11 und 13 bist du im Superhelden-Stadium. Heldengeschichten müssen her! Wohin das führt, wenn du in jener wichtigen Lebensphase unterversorgt bleibst, kannst du heute ermessen, wenn du das Radio andrehst und all den Jammer-Pop erduldest. Wie von selbst ergibt sich die Frage: Wer findet SOWAS gut? – – – Hättest du in deiner Kindheit rechtzeitig Toka-ihto, Nemo, Trapper Geierschnabel, Robin Hood und Markgraf Gero kennengelernt, dann würdest du als Twen nicht bei Giesinger und Forster enden!

Sandorf ist nicht nur der Typ, der alles weiß und alles kann; er besitzt auch noch eine eigene Insel vor der tripolitanischen Küste (heute Libyen), die er leer einem Scheich abkaufen konnte und auf der er mit rund 2000 Seelen (Fans und deren Familien) lebt, die alle auf ihn hören, seine Schiffe lenken, in internationalen Häfen über ihre Insel schweigen usw. Also genau das Mittelding aus Geheimbund und glücklichem Kolonisator, von dem im späten 19.Jh.  eben so geträumt wird, wenn man die Bürokratie und Benimm-Korsetts des eigenen Landes so richtig satthatte. Und als gelangweiltem Pubi der frühen 70er geht es einem eben ähnlich, wie den Lesern des „Guten Kameraden“ vor 1914: Da draußen is’ne Welt zu entdecken, aber dich schicken se in den Pioniernachmittag, Kochlöffel anziehen als Frauentagsgeschenk – für Mutti.

verne2Und sich an überlegenen Feinden rächen, den Wunsch hat man doch seit dem Kindergarten und dem Kampf um die Schippe!

Typen, vor denen man lieber ausriss, bevor man die zu erwartende Dresche bekam, die wollte man auch liebend gern in den brodelnden Ätna schmeißen (wie im „Sandorf“), oder von Troll dem Bären zerfetzen lassen (eigenes Wunschdenken)! Da war nix mit Versöhnungsgelaber, Streitschlichtern und so Weicheierei!

Dem eigenen Gerechtigkeitsgefühl kam gutgeschriebene Kolportage doch seit Generationen sehr zu pass. Jules Verne Romane gab es anfallweise inflationär in der Ehemaligen. Die deutschen Schreiberlinge nie offiziell; höchstens mal per Zufall als Annonce-Verkauf oder in den 80ern in Flohmarktkisten: Robert Kraft, Sir John Retcliffe, Max Felde, …

Na, und Karl May war eh ein Sonderfall: Kult und gesucht wie Goldstaub!verne5

4. Eindruck von heute:

Also her mit dem Verne! Er war so ein Schreiberling-Bowie. Von dem hieß es auch immer, er habe Trends gesetzt. Vernes Buchideen seien die Raumschiffe, die U-Boote, Heilmethoden der Gegenwart entsprungen. Ohne Jules Verne kein Juri Gagarin; so der Schnack zu meiner Zeit.

Aber das ist falsch. Verne greift alte Menschheitssehnsüchte auf, bekommt kuriose erste Versuche von diesem und jenem mit, packt sie in seine Bücher, beschreibt sie „populärwissenschaftlich“ im Sinne von „Knabenzeitungen“ wie dem „Guten Kameraden“ oder dem „Neuen Universum“ und sahnt ab.

Über U-Bootbau denkt bereits Leonardo da Vinci nach. Sowohl im amerikanischen Bürgerkrieg 1860, als auch im Deutsch-Dänischen Krieg 1864 werden erste Prototypen versenkt; nur erfährt man das eben erst aus dem MOSAIK von Hannes Hegen. Der Laie weiß nur: U-Boot? I.Weltkrieg! Jules Verne lebte vorher – also großer Vorausahner!

Bowie- der erste Androgyne im Showgeschäft? Horch mal bei den New York Dolls rein und recherchiere, wann die IN waren! Oder guck auf die Outfits von Little Richard schon in den 50s! Bowie sprang nur immer wieder auf Wellen, die ohne ihn entstanden waren. Aber er sprang zu einem frühen Zeitpunkt drauf – und siehe: Er war der erfolgreiche Igel „Auch hier!“, während sich die Hasen totliefen.

Liest du nun 2022 einen Verne im „zarten Alter von 62“, dann fallen dir so Dinge auf, die überliest eine Pubi-Leseratte im Abenteuerrausch natürlich: Der Plot ist löchrig.

verne4Mathias Sandorf, ein schwerreicher Bergwerksbesitzer aus Siebenbürgen, will ein freies Ungarn! Los von Österreich! Er gründet eine äußerst gefährliche 3-Mann-Verschwörung. Warum der Sandorf Österreich-Ungarn so hasst, ist unwichtig, muss nicht erfunden werden. Als Franzose (Verne) hasst man die Mittelmächte automatisch. Da fällt dann auch nicht auf, dass ein reicher Sandorf aus Siebenbürgen, doch eher ein Siebenbürger-Sachse ist, also zum deutschen Volksteil gehören müsste. Dem müsste eine Unabhängigkeitsbewegung Ungarns doch ein Dorn im Auge sein! Verne hätte seinen Helden lieber „Istvan Szegedy“ oder so ähnlich nennen müssen. Ähnlich schief geht es mit der Benennung des Hauptschuftes Silas Toronthal! Der ist gebürtiger Dalmatiner! Also ein Hund? Er stammt aus Dalmatien, schön und gut. Aber dann ist er Dalmatier! Und die wiederum würden sich eh entscheiden, ob sie Kroaten oder Serben sein wollen. Er ist Bankier und Lump durch und durch. Der Familienname endet auf -thal. Hm. Was will uns Verne da mitteilen?

Damit die Rache des Sandorf so richtig aufgehen kann, gibt es Wundermaschinen, wie die „Elektrik“-Boote. Das sind rasend schnelle Halb-U-Boote, von denen fast nichts aus dem Wasser guckt und die durch übergroße Dynamos angetrieben werden, die den Strom herstellen. 12jährigen Lesern reicht das. Aber wer treibt nu die Dynamos an? Wer radelt sich da im Schiffsinneren einen weg? Das bleibt unerklärt.

Sarcany (ein verwahrloster Libyer) und Toronthal sind die Hauptschufte. Vor allem Sarcany ist so ein Vertreter, den der Autor in ganz Europa herumschickt, damit er fast überall zugleich Unglück anrichten kann. Heute Istrien, morgen Sizilien, übermorgen Siebenbürgen oder gar Marokko – ein Blitzreisender ganz ohne Flugzeug. Bei Karl May, Robert Kraft und Retcliffe gibt’s das auch: Schuhputzer aus Istanbul schafft es zu Fuß innerhalb von 1 oder 2 Wochen um das ganze Schwarze Meer, damit er an allen Schauplätzen des Krim-Krieges dabei sein kann.

Toronthal, Sarcany und den dritten im Bunde, einen verwahrlosten Spanier Carpena plagt anfallweise immermal wieder so ein Gewissensrest, dass sie damals so hehre Lichtgestalten der österreichischen Polizei verrieten. Das wiederum verblüfft: Denn ihre Tat war schließlich staatserhaltend und wurde von diesem generös entlohnt!

Auch weshalb Toronthal so willenlos dem Sarcany nach Monaco folgt, um grundlos spielsüchtig zu werden, ist nicht erklärbar. Sarcany, der Wüsten-Mephisto, kann nicht nur Ex-Bankiers spielsüchtig machen, sondern auch arabische Seeräuberbanden aufhetzen, Sandorfs Inselstaat zu überfallen, obwohl sich dessen Wunderwaffen in der Region bereits herumgesprochen haben.

Also die Logik ist kein gern gesehener Gast in dieser Erzählung.

Aber da ist nochwas:

Ein Verschwörer, der beteiligt ist, eine bestehende Unrechts-Regierung zu bekämpfen, verraten wird, Familie und Existenz verliert, aber märchenhaft reich zurückkehren kann, um Rache zu nehmen – und der eine schöne Orientalin im Schlepptau hat, die eine wichtige Opferrolle mit Happyend-Garantie spielen muss…

verne6Das klingt so bekannt, auch wenn man den Sandorf nie gelesen hat! Bleibt noch der Clou ansich: Ich las den Sandorf mit 11 oder 12. Mit 14 stieß ich auf der Suche nach Lesestoff in den Bücherbeständen meines Vaters auf einen Meter unvollständige Dumas‘ Gesamtausgabe und begann mich durchzuarbeiten. Mit 15 oder 16 war ich dann beim „Grafen von Monte Christo“ angekommen.

Edmond Dantès ist der Ur-Mathias. Nur ohne Schnellboote. Ich hatte ein Plagiat entdeckt! Jule Verne als der George Harrison der Abenteuerliteratur! (Seine „my sweet Lord“ Geschichte machte fast zeitgleich Schlagzeilen.)

Und andersrum haben sich die Macher von Hannes Hegens MOSAIK einst vom Sandorf inspirieren lassen, als sie am Schluss der Amerika-Serie den Digedags eine Art Matifou an die Seite stellten.

Fazit: War nicht umsonst. Hat mal wieder Spaß gemacht!

John Tanner – der weiße Indianer

Da war dieses Buch. Braun in Braun. Denn das Papier der Seiten nahm im Laufe der Jahre die Farbe des lehmbraunen Schutzumschlages an. 1983 erschienen und gekauft. Paul-List-Verlag Leipzig. Es war die Zeit der Stagnation. Da war das Papier, das die Ehemalige für Druckerzeugnisse verwendete eben auch schon „hinüber“.

Es ist ein Indianerbuch. Aber es erschien viel zu spät, um kleine Dakota zwischen Elbe und Oder zu begeistern, oder viel zu früh, damit es altgewordene Möchtegern-Dakota ebenda erreicht, wenn diese Zeit haben und ihre kindlichen Indianererinnerungen wiedererwecken.

So wurde es ungelesen in die zweite Reihe gestellt. Schließlich auf den Dachboden verbannt. Neulich wollte ich es fast aussortieren. Aber ich überflog die ersten Seiten – und – nun MUSS es bleiben!

Es ist kein Indianerbuch im herkömmlichen Sinne. Aber es ist das „Wurzelwerk“ von „Blauvogel“, „Den Söhnen der großen Bärin“ und „Winnetou“, wie aufzuzeigen sein wird.

John Tanner „30 Jahre unter Indianern“, aufgeschrieben nach seinen mündlichen Berichten von Dr. Edwin James. Erstveröffentlicht 1830 in New York. Deutsche Auflagen unregelmäßig seit 1835.

1. Die Andersartigkeit des Inhalts

Der direkt betroffene, weiße Ojibwa John Tanner schildert die Indianerwelt 1789-1820, wie sie sich so nirgends sonst finden lässt, authentisch „von innen“.

Er berichtete im Krieger-Stil. Gefühle haben da keinen Platz. Er lebte ein Nomadenleben im Tipi und ständig auf der Jagd nach Fleisch. Mal herrscht Überfluss, mal Hungersnot – aber immerwieder findet sich dann doch noch im letzten Moment ein erlegbares Tier oder ein vorbeiziehender befreundeter Stamm, der noch Pemikan abgeben kann.

Selbstlose Solidarität zwischen befreundeten „Zeltgruppen“ unterschiedlicher Stämme kommt also vor. Grundlose Feindschaft mit den Sioux(Dakota) jedoch auch. Wiederholt rotten sich die Ojibwa zusammen, um ein Dakota-Dorf zu überfallen. Jedesmal scheitert das Unternehmen jedoch vor Erreichen des Ziels. Denn man vermutet es zwar irgendwo da draußen in der Prärie, kennt aber die genaue Lage nicht. Der Marsch zieht sich in die Länge. Versorgungsproblem, steigende Unlust, Massen-Desertation. Der Häuptling wird jedesmal nur für diesen einen Kriegszug akzeptiert und mit steigendem Hunger sinkt diese Akzeptanz dann immer auf den Nullpunkt. Alles verkrümelt sich wieder zurück zu den Zelten der Familie und geht in Kleingruppen jagen. Tanner zieht mit seiner Indianerfamilie meist allein oder mit nur 2 oder 3 Zelten anderer Familien herum.

indianer3 (3)Fleisch, Fleisch, Fleisch machen! Endlos werden Jagderfolge aufgezählt. Dabei wird deutlich mit welcher Verschwendung gejagt wurde: Wenn Gelegenheit ist, wird getötet. Mehr als man braucht oder verarbeiten kann. Weise Häuptlingssprüche zur Schonung der Natur sucht der Leser vergebens. Generell wird die Kreatur lediglich nach ihrem Nährwert betrachtet. Ist ein Waldstück leergeschossen, wird weitergezogen.

Einen weiten Raum nehmen die Suff-Ausschreitungen der Krieger untereinander ein. Jedes Jahr im Frühjahr ziehen sie mit ihrer Pelzbeute vom Herbst und Winter zur Handelsstation, wo sie eigentlich Mehl, Munition, Pferde eintauschen wollen, aber dem Schnaps nicht widerstehen können. Minimale Mengen reichen zur Volltrunkenheit, in der sie sich die Felle billig abschwatzen lassen und dann in alkoholisiertem Größenwahn übereinander herfallen. Arm wie die Kirchenmäuse betteln sie hinterher ausgenüchtert bei den Händlern um „Kredit“, um doch noch zu Mehl und Munition zu kommen. Ein nicht enden wollendes Trauerspiel. Keiner von ihnen lernt daraus für den nächsten Frühling. Vom „Edlen Wilden“, der Kopfgeburt europäischer Schriftsteller, bleibt nicht viel übrig.

2. Die Weiterverwendung des Stoffes

Tanner wird im Alter von 9 Jahren 1789 von den Ojibwa entführt. Ein Krieger hat seinen Sohn verloren, die Frau überwindet den Schmerz nicht, also kommt er auf die Idee, ihr Ersatz zu schaffen. Da er jedoch nicht an die Sprachbarriere denkt, ist die Freude der Indianerfamilie über den weißen Fang schnell dahin. Der kleine John durchleidet Hundezeiten, bis eine angesehene Häuptlingin einer anderen Zeltgruppe vorbeikommt, das Elend bemerkt und den kleinen, inzwischen Zehnjährigen seiner Zwangsstiefsippe abkauft. Hier wird er besser behandelt, bekommt regelmäßiger von der Nahrung ab und macht Fortschritte. Schließlich bekommt er ein Gewehr, geht auf die Jagd, bricht in einer Schneewehe ein und bemerkt, dass er auf dem Kopf eines schlafenden Bären steht. Er erschießt ihn und rettet somit seine Familie vor dem gerade drohenden Verhungern.

Peng! Das kommt dir bekannt vor? Dann bist du Ossi und hast in Kindertagen „Blauvogel“ gelesen. In der DDR ein ewiger Bestseller von 1950 bis mindestens 1975. Danach flachte die Indianerbegeisterung in der nachwachsenden Generation spürbar ab.

dav

Anna Jürgen hatte sich an einer Art Preisausschreiben zur Schaffung einer neuen sozialistischen Kinder- und Jugendliteratur beteiligt und gewonnen.

Sie muss unzweifelhaft Tanners Buch gekannt haben. (Ihr Mann wird bei Wikipedia als „Indianerforscher“ vorgestellt.) Sie peppt den Inhalt der ersten 30-40 Seiten daraus gefühlig auf, wechselt den Indianerstamm aus, macht aus John einen George und aus den Ojibwa werden Irokesen. Zusätzlich dramatisiert sie die Begegnungen mit den Weißen, die bei ihr keine verlässlichen Pelzhändler, sondern Skalpjäger sind – und lässt das Buch damit enden, dass der ca. 16jährige George zu seiner weißen Familie zwar zurückkehrt, jedoch dort nicht mehr klarkommt, sich zu sehr als Exot fühlt und deshalb lieber wieder zu den Irokesen zurückkehrt.

indianerDer wirkliche Blauvogel alias John Tanner dagegen beschreibt, wie ihm das Jägerleben zunehmend gefällt, wie er kontinuierlich Kontakt mit weißen Pelzhändlern hat, jedoch keinerlei Lust verspürt, wieder wie ein Weißer zu leben. Er hat nun Weib und Kinder und sein erster Stiefvater hatte sich bei einem späten Wiedersehen damit gebrüstet, die ganze Tannersippe inzwischen getötet zu haben. Eine Lüge, wie sich herausstellen wird. Erst als die Geschwister seiner Frau an einer Seuche sterben und die Schwiegermutter dies auf einen bösen Zauber des ungeliebten hellhäutigen Schwiegersohnes zurückführt, hat der nun ca. 40jährige die Nase voll von ständigen Komplotten, da ihm die Schwiegereltern nach dem Leben trachten. Auch seine Frau schwankt in ihrer Einstellung ihm gegenüber. Er verstößt sie und kehrt zu den Weißen zurück. Allerdings will er seine Kinder mitnehmen, was zu Verwicklungen führt. Die Kinder sind sich uneins. Ein älterer Sohn bleibt bei den Ojibwa. Die Tochter im Teen-Alter will mit Vater zu den Weißen.

Dieser Aspekt des freiwilligen Folgens in die Welt der Weißen ist eine deutliche Parallele zu Toka-ihtos Jugend (Söhne der großen Bärin, Band 1 „Harka“; Liselotte Welskopf-Henrich), mit vertauschten Geschlechtern. Harka, der spätere Toka-ihto, folgt freiwillig seinem Vater in die Verbannung, die letztlich zu den Weißen führt. Schwester Uinonah bleibt bei der Großmutter.

Fehlt noch der Hinweis auf Karl May. Tanner erwähnt viele Ojibwa-Namen von Kriegern, die eine Weile mit ihm ziehen, oder denen er sich anschließt. Darunter ein Wa-ned-taw. Zufall?

3. Das Nachwort

Der interessanteste Teil des Buches ist das Nachwort jenes Dr. Edwin James, der da ungeplant zum Tanner-Biografen wurde.

Es ist ein gelungener Rundumschlag gegen alles, was da so an Indianerpolitik seitens des weißen Mannes versucht wurde: Lauter einander widersprechende Ansätze von Integration und Ausrottung. Besonders gründlich widmet er sich jenen Internaten, die 1830 herum gerade entstehen, in die ausgewählte Indianer- und Halbblutkinder gesteckt wurden, um „ein bisschen was von“ Religion, Geschichte, Algebra und Landvermessung beigebracht zu kriegen. James fragt: Was nützt es ihnen, wenn sie später zurückkehren in die Wildnis, unter ihre Altersgenossen, die inzwischen jagen und kämpfen gelernt haben? Wer schneidet dann besser ab?

Seit 2021 ist das Thema in Kanada wieder aktuell, weil man auf die Kindermassengräber gestoßen war, die in den Gärten der ehemaligen Internate von den „Erfolgen“ jener Einrichtungen künden.

Darüber hinaus erstellt Dr. James eine Art Psychogramm von seinem Sensationsbekannten:

tannerWie wurde der doppelte Kulturkreiswechsel verkraftet?

Er hat da in Detroit einen Weißen vor sich, in nun wieder europäischem Outfit, mit nun wieder kurzgeschnittenen Haaren. Einen toughen End40er mit unstetem Indianerblick, der ständig rotiert, um rechtzeitig Gefahr zu erkennen. Im Gespräch und bei Nachfragen reagiert er bisweilen aufbrausend impulsiv. Zurechtweisungen nimmt er als Kampfansage. Ständig meint er, sich rächen zu müssen – denn „ein Mann, der Unbill duldet, verliert sein Ansehen, wird Gespött.“

Als Bekanntschaften umgibt er sich unter Weißen also eher mit zweifelhaften Personen, weshalb ihm nahegelegt wird, doch lieber wieder an die Grenze zu gehen, „weil er da besser hinpasst“.

Automatisch drängen sich die Migrationsprobleme von heute auf: Integration von Massen von „Naturkindern“ fortgeschrittenen Alters, ohne Bildung und mit hochfliegenden Träumen! Was, wenn sie merken, dass sie auf diversen Praktikumsplätzen ausgenutzt und schlecht bezahlt-, aber niemals in diesem Leben – Arzt oder IT-Manager werden? Oder wenn „Bayern-München“ niemals anruft? Sie sind keine Ojibwa. Aber das Problem ist das gleiche: Die mitgebrachte Prägung wird unterschätzt – bzw. totgeschwiegen. Die Politik möchte weiterträumen lassen. Endlich soll einmal ein Vielvölkerstaat gelingen, obwohl alle Vorgänger-Beispiele mehr als kläglich scheiterten.

Wie Tanner sich entschied, bleibt offen. Wie unsere derzeitige Lage endet – auch.

Der Pflichtfilm zum 60. Jahrestag

August’61. Mauerbau. 60 Jahre her.

Ja, da musste der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk mal wieder Wahrnehmung des Erziehungsauftrages beweisen. Wie immer bei Ossi-Themen wurde es eine übellaunig abgedrehte Schnellschnell-Klischee-Parade. Sparsamer Aufwand, schneller Dreh und schnelle Schnitte, senden, abhaken. Eventuell jedes Jahr anfang August wiederholen.

„3einhalb Stunden“

„Es fährt ein Zug nach nirgendwo“… am 13. August 1961. Und die Passagiere dieses Interzonenzuges von München nach Ostberlin haben dreieinhalb Stunden Zeit zu überlegen, ob sie spätestens in Bamberg aussteigen, um „ihre Träume leben zu können“. Im Adenauerland. In den USA von Küste zu Küste reisend. Oder auf dem Eifelturm. Oder weiterfahren, um schmählich im Osten zu verenden!

Du musst wissen: Alle Ossis träumten permanent von Flucht und von Amerika! Für Wessis gilt das als erwiesen.

Der Abspann des Filmes sorgt für den eigentlichen Lacher: Historische Beratung: „Max Musterfrau“.

Ich will den armen Mann nicht bloßstellen, schaut selber nach, wenn euch der richtige Name interessiert. Vielleicht hat er ja richtig beraten, aber man hat der Crew das Budget gekürzt, sodass zeittypische Kledage eben nur für ein Drittel der Akteure gereicht hat. Vielleicht aber ist er einer dieser jungen Leute, die mittels massiver Nachteilsausgleiche ein Abi herbeigeschenkt bekamen und die nicht bestandenen Testate im Studium machte dann die Zeter- und Mordio schreiende Helikopter-Mutter auf den Fluren der Sektionsleitung wett, während die eingeschüchterten Profs hinter ihren Schreibtischen in Deckung gingen. Kein Aufsehen! Wegloben! Ab zum Fernsehen!

Welche Bären kriegen wir hier nun aufgebunden:

Da gibt es eine junge Lokführerin in der DDR, über die ein Dok-Film gedreht werden soll. Aber die junge Dame verhält sich wie die von D-MAX hergebeamte abgespeckte ARD-Version der Checker-Lina abzüglich ihrer Tatoos, wie sie da in Männerunterhemd und Latzhose an der Lok schraubt.

Dann gibt es einen Flugzeugkonstrukteur, der mit Frau und zwei Kindern in München den Zug besteigt. Beide Kinder annähernd gleich alt. So zwischen 11 und 13. Die Tochter Papas Liebling, technisch interessiert und schlauer als der Vater, weil sie spontan ein Transistorradio reparieren kann, welches dann prompt Willy Brandts Mauerbauprotest sendet. Sie nervt zuvor die Leute auf dem Bahnsteig mit einem großen Flugzeugmodell, mit dem sie herumfliegt und immer so „beinahe“ aneckt, während der fasst gleichalte Bruder brav neben Mutti hertrabt.

Also das kann ich aus meiner 60er Jahre Kindheit bestätigen: Was haben wir Jungs gelangweilt und ideenlos in der Sandkiste herumgesessen, bis die spielmachenden gleichaltrigen Kumpelinen kamen und uns via Sandkuchen backen und Gummi-Hopse einen interessanten Tag bescherten! Und später hat mir meine Sandkastengefährtin Conny mit meinem Stabilbaukasten etwas vorgeschraubt und ich habs nachgebaut.

Glaubste nich‘? War bei dir genau andersrum?

Na siehste!

Ironie aus!

Der lustlose Bockie der Familie übrigens hat kurz vor Schluss dann seinen großen Auftritt, als Vater im Westen bleiben will, weil er ein Jobangebot in München bekam. Mutter aber will den verdienstvollen Opa im Osten nicht alleinlassen. Tochter heult und will schon aufs Pilotinwerden verzichten, da kommt Kleinpubi altväterlich kraft seiner 13 Jahre Lebenserfahrung aus dem Muspott und spricht: „Du bleibst mit Papa im Westen und wirst Pilotin. Ich geh mit Mama zurück nach Berlin. Und im Urlaub treffen wir uns in Prag.“ Gesagt getan. Alle zufrieden.

So easy kann das Leben sein!

Dazu dann noch eine Ostberliner Band im Zug (sic! Warum auch immer!), die prima 90er Jahre Existenzialisten-Pop klampft, (Warum nicht gleich Punks mit Iro?) aber seltsamerweise niemanden nervt. Alt und jung kriegen feuchte Augen. Niemand tönt etwas von „Hottentottenmusike“ und „Vernegerung“. Eben alles typisch 1961. Kmmh! Abwink.

Muss ich noch mehr sagen?

Es gibt ein paar Sporenelemente „neuer“ Akzente. Aber die musst du mit der Lupe suchen, wie in Gegenwartsfilmen der DEFA in den 70ern:

Die Frau des Konstrukteurs verteidigt ihren Vater und die Ideale der DDR ohne Schaum vor dem Mund und gar nicht doof wirkend. (Geradezu revolutionär anders!) Aber sie spricht nicht wie eine Mutter, die die Familie zusammen halten will, mittels alltäglicher Argumente; sondern sie doziert die anderthalb Seiten, die der Cornelsenverlag 10.Klässlern beim Thema DDR halt so zugesteht.

Die 4 Leute jener Combo, die kein einziges Mal so genannt wird, sind dagegen unerträglich holzschnitterne Klischeeträger, dass es einen graust. Und vor allem die Dame in gänzlich falschem Outfit!

Immerhin ist hier ein Lob für die DDR versteckt, nur leider ungenügend recherchiert.

Drummer und Basser sind ein schwules Paar. Der Wessi-Historiker hat nu irgendwo gelesen, dass die DDR 1961 keinen §175 mehr hatte, also lässt er das Paar sich gerade so geben und offen reden, wie das heute möglich ist: Was für ein Irrtum! Wie sah es mit der Schwulenakzeptanz in der DDR aus? Der DEFA-Film „Coming out“ von 1989 verrät es! Nix da von regenbogenbuntem Herumgewusel!

Dann fällt ein Satz über die rückständige Schwulengesetzgebung im Westen. Hui! Ein Minuspunkt für den „goldenen“ Westen! Hört, hört! Aber das schwule Musikerpaar entscheidet sich dann doch für genau den, wegen dem Eifelturm und Miles Davis. (Frag mich nich‘!)

„Dreieinhalb Stunden“ reiht sich ein in jenen unsäglichen Reigen aus „Honigfrauen“, „Unsere besten Jahre“, „Ballonflucht“… Klischeefernsehen at it‘s schlimmst.

Weil sich Wessis halt ihr Ossibild so angelesen haben -in IHREN Quellen- und ohne mit ihnen zu reden.

Es lebe das GEZ-Qualitätsfernsehen, das völlig verlernt hat, in seinen vielen, vielen C-Filmen zu Themen der jüngeren Geschichte, zeittypische Atmosphären zu erschaffen.

Filme wie „Gundermann“ und „Wunder von Bern“ beweisen, dass da eigentlich mehr gehen würde, wenn man nur wollte.

MOSAIK Tiefenforschung 1

Stell dir vor, du schlägst einen alten Band von Westermann’s Monatsheften auf und stößt auf diese Überschrift:

mde

Als Ossi-Boomer springt dich das regelrecht an, denn Bogumil – das war der Chef der Teufelsbrüder im MOSAIK von Hannes Hegen.Bild (26)

Draußen ist Frühling, du legst dir ne selbstgebrutzelte „Best of Bee Gees“ auf, und während „August October“ erschallt, gleitest du in die 60er zurück, bist wieder klein; Großmutter, Oma oder Mutti lesen Ritter Runkel vor – und du selber träumst dich hinein, wie das wäre, wenn du Janos wärst und so eine Suleika hättest – und natürlich eine eigene Burg! Mindestens! „A Man for all seasons“ eben.

„I.O.I.O“  – du liest weiter und entdeckst einen schönen und spannenden Gesellschaftsroman aus der Zeit des frisch okkupierten Bosnien-Herzegowina durch Österreich, wie da eine Kamarilla aus Offizieren, Geschäftsleuten und Regierungsbeamten sich ihren Tag gestalten, zwischen Tennisplatz und Operettenabenden im Salon eines jungen, verschrobenen, ungarischen Grafen.

Gute alte Zeiiiiit… auch ein englischer Lord ist dabei…„if I’m goin‘ back to Massachusetts… something’s tellin‘ me, I must go home…“

Aber da schwingt eben auch noch was anderes mit:

Der Roman beginnt mit einer spannenden Verfolgungsjagt, einer abendlichen Entführung. Die Entführer entkommen an einem Waldrand voller Glühwürmchen. Was in der Dunkelheit geisterhaft wirkt und die Verfolger auf die falsche Fährte lockt. Die Entführte ist eine schöne Serbin, die von ihrem ungarischen Liebhaber herübergeholt wurde, über die Grenze ins Österreichische. „I can see nobody! My eyes can only look at you..you..you!“ Sie ist völlig damit einverstanden. Die Heirat erfolgt prompt. Eine Messalliance. Aber die junge Dame beeindruckt die Gesellschaft im Handumdrehn. Pfeif auf die politischen Verwicklungen, weil ein österreichisch-ungarischer Regierungsbeamter nun Mädchenräuber ist und ein Staatssekretär aus dem Kriegsministerium ihm zur Seite stand, bei jener Nacht- und Nebel-Aktion. „Saved by the Bell.“ Es ging ja alles gut.

Da ist der Sumpf mit den Irrlichtern – Heft 99; nun verlegt nach Italien, wo die Digedags und Ritter Runkel bei ein paar Untergrundkämpfern des Mittelalters unterkommen und eine Spur ihres verschollenen Gefährten Digedag im Alten Rom wiederfinden.Bild (28)

Da ist die hübsche Sultanstochter Suleika, deren Vorbild jene Serbin gewesen sein muss, denn auch sie liebt einen Ungarn, der allerdings kein aristokratisches Inzestprodukt voller Macken ist, sondern ein Kämpfer, ein Titan des Mittelalters, der seine Angebetete auch nicht aus dem Elternhaus entführt, sondern davor bewahren muss, byzantinische Kaiserin werden zu müssen. „Heeeeere we are! In a room full of strangers! Standing in the dark!“ Dabei helfen ungewollt die trottelig-bösen Teufelsbrüder. Bogumil und seine Leute.Bild (25)

Ursprünglich eine verrufene, gefürchtete, gejagte Ketzersekte auf dem Balkan, die im Roman als dekadentes Spiel wiederbelebt wird, während sie im MOSAIK zur Piratenbande herabsank.

Und dann schlägst du den einen Westermann-Wälzer zu und den anderen auf, um noch einmal die Novelle von der Totenmaske nachzulesen. Adolf Stern, ein vergessener Vielschreiber in den Westermann Bänden erschuf sie 1893.

Sie spielt im späten 15. Jahrhundert. Byzanz ist bereits futsch, aber ein paar venezianische Inselkönige „herrschen“ noch auf griechischen Inseln, bis es den Türken beliebt, auch diese zu kassieren.

Immer wieder besucht der eine oder andere Auslandsvenezianer das eigentliche Venedig, um um Geld oder Unterstützung zu bitten, was nie in ausreichendem Maße geschieht. Die Macht auch dieser Territorialmacht ist im Schwinden. Ein junger Bildhauer lernt die Tochter eines solchen Zwergenkönigs kennen, verliebt sich, weiß, dass das nicht geht und lässt sie deshalb ziehen.

Zeitchen später wird er auf die Insel seiner Angebeteten geladen und erfährt dort ein bevorstehendes Trauerspiel. Damit die Insel noch ein paar Jahre unabhängig bleiben kann, muss sie den Sultan heiraten. Als ihre feierliche Abholung erfolgen soll, gibt ihr Vater ein großes Fest. „Lamplights keep on burning, while my heart for you is jerning…“ Seine Tochter will nicht in einem Harem lebendig begraben sein, sie beugt sich von der Palastbalustrade und stürzt sich in den Tod. „Bury me down by the river!“ Man findet sie am Ufer, bahrt sie auf im Palast. Der junge Bildhauer nimmt ihr Profil für eine Totenmaske ab, bevor er heimreist. Dort erzählt er einem befreundeten Baumeister die ganze Tragödie. „I just gotta get a message to you…“

totenmaske

Die Örtlichkeiten auf der Insel erinnern an die Palastanlage von Kaiser Andronikos in den Heften 112-120. Suleika soll ebenfalls zwangsverheiratet werden, allerdings in entgegengesetzter Richtung, als Sultanstochter nach Konstantinopel, und denkt ebenfalls daran, sich ins Meer zu stürzen, wenn es ihrem Janos nicht gelingen sollte, sie zu retten. „Run to me, where ever I’m with you…“

Andronikos Reich wird dargestellt, wie jene venezianischen Rest-Inseln von Adolf Stern beschrieben werden: Er regiert desaströs, reitet seine Spleene, hat nur noch ein morsches Kriegsschiff, die Genuesen blockieren seinen Hafen, die Insel Lesbos verweigert den Tribut, der Feldzug dorthin mit einer Art „letztem Aufgebot“ schlecht ausgebildeter „Soldaten“ schlägt gänzlich fehl; da soll es dann eben auch eine politische Hochzeit retten – und nachdem Suleika entkam, wird es dann eben Irene von Tessalonien. Eine attraktive, rothaarige Furie. „Every christian lionhearted man will show you!“

Ich habe Hannes Hegens Inspirationsquell gefunden!

„Boogie! Boogie child!“

ende

Against all odds

Weihnachtsvorphase mal wieder. Früher war das mal schön.

„Sag, was hat mir diese Welt verfitzt, als ich dann erwachsen war?“ (Karussell „Entweder oder“ 1977)

Jahresendstress, Druck an allen Fronten, dazu die Verpflichtung, ne Stunde abzuzwacken, für’nen Kaffee am Adventskranz. Ächz! Und mit jedem Jahr wird’s schlimmer, weil die Haut dünner wird. Oh du Fröhliche!

Die „Immerwiederlieder“ retten’s einmal mehr – „Haaaalt dich! An deiner Liebe fest!“ und die stabilste war immer die zur Musik!

One-two-three-four!

Hier kommt eine Playlist from heaven. Ostrock pur. Keine Experimente mehr!

Garantiert Puhdy- und Karat-freie Zone!

Rausch-Sound heim von der ungeliebten Kleeche bzw. auch was für die A9 in Richtung Heiiiimaaaat!

1. Skorpio, „Ünnepnap“, 1976; ein Bastard aus Santana und Deep Purple, Kenner könnten auch die Band Titanic ins Feld führen; melodisch, rhythmisch, virtuos, krasse Stereotrennung der Instrumente – kein Wort verstehbar, weil ungoooorisch gesungen; aber Tiefenwurzler in der Großhirnrinde – von damals eben.

2. Renft „Es war da eine Zeit“(in der das Gold nichts wog; in der man nicht einmal für Ruhm und Ehre log.) Ja – muss man nicht mehr viel erklären; Spätwerk von 1999; untypischerweise Klaus am Micro; und die Metastasen rollen bereits auf den Stimmbändern – ein klassischer Tom Waits Gurgler. Tragisch, weil bald darauf Schluss war – aber schön!

3. Gerulf Pannach „Sonne wie ein Clown“; die finale Fassung (auf youtube nicht vorhanden) von seiner einzigen Solo-LP „York 17“ (1996) ebenfalls ganz kurz vor dem Ableben; aber DIESER SONG überstand schon einmal widrigste Verhältnisse. Mehr Kult geht nicht. Ostrocksampler ohne „Sonne wie ein Clown“ sind eine Frechheit – ihr Stümper von BMG!

4. Jürgen Kerth „Schwarze Perle“, ein feines Instrumental, das auf die 4. LP gehört hätte, wenn es nach der 3. noch eine gegeben hätte. Man sagt, weil er dort als Titelstück eine 17minütige Ode an die große Glocke des Erfurter Doms „Gloriosa“ platziert hatte, gabs nach 1983 bei Amiga keine Chance mehr. Wichtiger für mich: Schwarze Perlen kenne ich nur – eine; aus dem MOSAIK; deshalb geistern mir die Ritter Runkel Erinnerungen durchs Hirn, solange der Song läuft.

5. Stern Combo Meißen „Gib mir, was du geben kannst“, von ihrer besten (79er) LP „Der weite Weg“; super Stereoeffekte vor allem beim Synthesizer-Duell in der Mitte und ein WUNDERBARER Text; würde jeder Germanisten-Doktorand heute für durchgewunken: summa cum laude; getextet vom Percussionisten und Stern-Urgestein Norbert Jäger.

6. Stern Combo nochmal von derselben LP „Was bleibt“; ähnlich dem Vorgänger, nicht ganz so genial, aber um den Text zuvor noch nachhallen zu lassen, durchaus passend;

7. Omega „Ezüst eso“ (sprich „Edschüßt eschö“); ein elegisches Highlight ihrer „Gammapolis“-Zeiten ’78; Spacerock hieß es; erinnert bissl an Barclay James Harvest – aber Omega, das waren die Ost-Genesis! Giganten, die für ihre spät70er LPs in die Dierks-Studios reisen durften. Eine soll’n se auch in München abgemischt haben. Wurschd. Herrlich jedenfalls, solange sie ungarisch singen. Die englischen Varianten dieser Platten, sind zum Abgewöhnen. Aber ich war live dabei in der Messehalle Leipzig, bei ihrem letzten Auftritt in der Ehemaligen anno’83 – bis YES’99 an Bombast nicht zu übertreffen!

Omega Gammapolis

Omega „Gammapolis“ Innenhülle

8. Silly „Großer Träumer“; von der „Liebeswalzer“-Stagnationszeitplatte; weil man anders Omega nicht toppen kann. Auch so ein uneinholbarer Text: Ewig aktuell, melancholisch zuerst und dann aufrüttelnd! „Geh! Mein großer Träumer! Geh, wenn deine Sehnsucht dich wieder trägt! (…) Geh! Damit am Ende sich wenig bewegt!“ Cheers, all den Verstummten in dieser eindimensionalen Zeit! Erich hat uns wieder. Er is jetz‘ weiblich.

9. Renft, one more time; nochmal Klaus beim Textaufsagen „Ist das etwa nichts?“, das Lied zur Zeit, in der die Träume kleiner werden, und die Träumer seltener.

10. Panta rhei „Blues“, der gleichzeitig ein Choral ist; hätte auf jede frühe Chicago- oder Colosseum LP gepasst. Der Text liefert allerfeinste Bilder für eine absterbende Beziehung und es singt eine damals noch nicht so Preisverwöhnte Veronika Fischer. Später war’s oft hart am Schlager, aber hör mal, wie sie hier bei 3:30 „Hände“ herausfaucht! „Ist das etwa nichts?“ möchte man Klaus im Song zuvor zitieren!

11. Was nun folgt könnte verblüffen; aber nicht die, die hier Stammleser sind: Frank Schöbel „Tokei-ihto“ (1977), da war der Gojko-Rummel im Abklingen, deshalb wurde das kein Hit; für Frankie-Boy aber ein hinhörenswerter Text, der 1973 anlässlich der Wounded Knee Besetzung durch Dakota-AIM-Bürgerrechtler sicher positiver aufgefallen wäre. Auf‘ ner Kinderplatte verramscht.

12. Rundfunk-Orchester Berlin „Die Söhne der großen Bärin“(Suite nr.1; OST 1966); perfekte Kopplung mit Schöbel zuvor und Lakomy danach;

13. Reinhard Lakomy „Damals als ich 13 war“, ergänzend zur Indianermacke ein treffender Fred Gertz Text mit all den anderen Sorgen, die die Pubertät so mit sich bringt. Das gleene und das chroße Gino zieht vorbei; das nächtelange Lesen, die von der Nachttischlampe angesengte Gardine; das Lauschen auf die Geräusche im Wohnzimmer: Schießts? Gucken die einen Western? Lohnt sichs zu nerven, ob man mitgucken darf? …

14. Stern Meißen „In derselben Bahn“; 1982; das „Combo“ fehlte schon im Namen, aber noch war die Musik gut: „Es waren 2 Königskinder, aber die Bahn war immer zu voll“ – kennste; wenn de groß wirst und dich nich‘ traust…

15. Rockhaus „Träne“; von der „Positiv“ lange nach der Wende; dich nach vorn peitschend, wenn die Kräfte schwinden; der Text naja, ähnlich verkorxte Liebesgeschichte wie in ihrem I.L.D.-Hit Jahre zuvor; aber da ist dieses Video! Ein Song, der für mich vor allem deshalb lebt! Ja SOOOO SPIELT MAN ALS KIND! Fuck Lego!

16. Wind Sand und Sterne „In meiner Spur“; ohne Jahresangabe, weil in den 70ern irgendwann entstanden, in den 90ern erst auf Platte; Mundart-Rock, die Band war Erzgebirg-Kult, wie einige andere Folkrocker auch; alle irgendwie nahe an Neil Young und nie bei einer Einstufung; deshalb auch nie auf Platte – aber immer Bude voll around Plauen und Zwickau auf den Dörfern. Die Stimme ist gewöhnungsbedürftig, aber die melancholische Rückschau der ganzen Platte zieht dich rein.

17. Skorpio; „Kelj fel joember!“; nachfolge LP der „Ünnepnap“; noch melodischer; hart treibend; nach dem 3.Mal grölst du die Windschutzscheibe an, dein innerer Ungar meldet sich irgendwie: Keyfell! Majuwaju ember! Mama mama-mama-ma! Soll laut englischer Übersetzung soviel wie „Wake up man!“ heißen, was nicht zum nächsten Song passt, der Orgel wegen aber doch:

18. Lift als krönender Abschluss „Abendstunde, stille Stunde“ – und wie immer, wenn ein Fetzchen Lift erklingt, sitz ich in Schkölen im Ratskeller-Saal. Is’halt so. Da geht nichts drüber.

Und dann sind die 78 Minuten Spielzeit rum; du kommst irgendwo an – und machst halt weiter…

„20 Uhr“ revisited

Zum Folgenden gibt es HIER ganz am Anfang des Blogs eine Art Vorgeschichte.

„Und das Fest, das wir endlos wähnten, hat doch wie alles seinen Schluss. Und keine Worte und keine Tränen! Alles kommt, wie’s wohl kommen muss.“ (R. Mey)

Die Eltern werden alt. Ich auch. Aber sie haben Vorsprung! Die Heimfahrten mehren sich. Sie sind keine Besuche im alten Stil, sondern notwendig. Die Eltern brauchen Hilfe und die Söhne sind weit weg. Wurzelpflege war nicht möglich. Sie wurde einst „beruflich“ gekappt, aber ein paar Nottriebe -alle Jahre wieder- bilden sich doch an der jungen Rinde. Sie reichen nicht, den Stamm in neuer oder alter Erde wieder Kraft gewinnen zu lassen, aber sie sind da – das ist nicht viel, aber besser als nichts.

Also fahr und lauf ich durch die alten Straßen, mache Einkäufe; und alte Liedfetzen stellen sich ein.

„Bin wieder hier. Hier im Revier. War nie wirklich weg. Hab mich bloß versteckt.“

Westernhagen. Auch so ein abgestürzter Hero früher Tage. Sein Biss hat nicht gereicht für sein langes Leben. Heute ist er irgend so ein Schnösel vom Rand. Bei Reinhard ist das anders. Ob du da die alten oder die neueren Sachen hörst: Da findet sich immer was. So geht Altern in Würde!

Nach den Einkäufen und dem reichlichen abgefüttert Werden bei Muttern dreh ich meinen Melancholia-Turn zur Verdauung und im Gedenken an all die gehabten oder unvollendet gebliebenen Geschichten von einst:

Bürgergartenviertel – Katzenbuckel – Agrar-Ingenieurschule – Waldschlosswiese – Eibenweg -Pavilliontreppe – Bürgergarten. Heute mal auf den Rosengarten verzichtet, denn duster wird’s.

Ein „Herbstgewitter über Dä-hä-chern…“, die im Saaletal legendär sind, scheint zu drohen. Ein Gewitter wird es schließlich doch nicht, sondern nur ein Wolkenbruch.

Und so steh ich wieder in meinem alten Kinderzimmer, als es draußen schüttet. Wassermassen rinnen zu Tal, die Straße hinab. Gurgeln und schwurbeln über die Teerflicken der Fahrbahn vor dem Haus. Die war 1967 neu, als wir einzogen. Seither hat der Asphalt viel erlebt und bietet eine schrundige, stachlige Kraterlandschaft, aufgehackt und zugeschmiert, abgesackt und aufgefüllt. Symbol der steckengebliebenen Stadt-Errettung zu Beginn der 90er. Viel war da möglich. Aber leider nicht genug. Die Kastanien sind wieder da. Die Häuser sind in Schuss. Die Straße ist enger geworden. Zugeparkt. Früher reichten die Einfahrten der wenigen Autobesitzer.

Und hier drinnen? Wieviele Indianerschlachten haben diese Wände erlebt? Die komplette Rockgeschichte verklang hier in den Fugen. Die alte Deckenlampe, im 60er Jahre Design, ehemals weiß-braun ist nun altersgelbbraun. Auf dem Bücherschrank fehlt der Jupiter. Ebenso die beiden großen Elvis-Poster, die ihm Flügel zu sein schienen. Der Musik-Altar der 70er.

„Würd ich heute nochmal losziehn, blieb’ mein Beutebeutel leer

Es gibt keinen Plattenladen, keine Lineol- und Bleisoldaten

und keine Plastindianer mehr.

Es gibt keine Maikäfer mehr.“

Jaja, geklaut bei Reinhard Meys „20 Uhr“-Album. Eingemeißelte Erinnerung. Damals ’75. Das erste West-Vinyl der ganzen Klasse! Mario war der glückliche Besitzer und ich erster Nutznießer. Erst die Mikrophonaufnahme von den noch unversehrten Platten, 1978 dann nochmal die Bandaufnahme via Diodenkabel zum Jupiter, aber nun inclusive einiger Kratzerknisterei und Rillensprüngen, denn auch Marios Platte hatte inzwischen einiges durchgemacht.

prägealbumDamals nicht bewusst, aber heute unumstößlich feststehend, war das der Moment des Erwachens: Ich wollte ursprünglich nur die Blödelsongs aufnehmen. Aber wir unterbrachen die anfängliche Stückelei! Denn da war soviel mehr! Und alles so anders als erwartet! Mario hatte vorgewarnt, dass nicht alle Songs zum Lachen sein würden; einiges sei mehr so wie „Über den Wolken“, das gerade Hit gewesen war. Wenn auch nicht gerade in unserer Klasse. Schlagerkram war das für uns 15jährige Ignoranten.

Nun aber hockten wir vor der Truhe. Er das Mikro vor den Lautsprecher haltend, ich den Recorder auf dem Schoß und Reinhard sang:

„Rechnet nicht mit mir, beim Fahnen schwenken. Ganz gleich welcher Farbe sie auch sei’n; ich bin noch im Stand allein zu denken und verkneif mir das Parolen schrein.“

Ich reiß die Augen auf und starre Mario an, der grinst stumm zurück und nickt. Als er die Platte wechselt, muss ich einen Kommentar loswerden:

„Ist das stark!“

„Nich‘ wahr?!“

„Pioniernachmittage, Fahnenappell, Mai-Demo…“

Wir mussten uns nicht gegenseitig erzählen, wie wir die 14tägigen Pioniernachmittage fanden und dazwischen diese Zirkel unter der blauen Fahne zur Vorbereitung auf den Übertritt in die FDJ. Diese staatliche Erfindung zur Verhinderung von Langeweile durch endloses Gebastel und staatsbürgerkundliche Zusatzbeschallung. Das Gegenteil war der Fall: Diese Nachmittage waren der Gipfel der Langenweile! Mario und ich gehörten zum phantasievollen Flügel der Klasse, denen mehr einfiel als Gebolze auf dem Kirchplatz. Unsere Freizeit füllte sich wie von selbst und ohne Gammelei!

Wer hätte sich ‘89 träumen lassen, dass der Scheiß als Ganztagsschulkonzept schlimmer als zuvor zurückkehren würde?

„Das is‘ kee Schloagorscheiß!“, stellt er klar, „bevor ich mit den Wölfen heule und Achtel Lorbeerblatt sind die besten.“

Ich muss es erstmal glauben, aber mich treffen zusätzlich noch „der alte Bär ist tot“ und „Aus meinem Tagebuch“ ins Mark.

Dieser Ausbruch „Ich will hier raus, ich hab genug“, der schien auf meine Krankenhausaufenthalte genauso zu passen („Wir spielen Karten seit heut früh…“), wie auf jene Schwimmlagerpein anno’69, und einen „alten (Freund) Frank“ hatte ich schließlich auch. Ich sang den Refrain grinsend meinen diversen Banknachbarn in Physik- und Chemiestunden vor. In der Politschulung der NVA. In öden Vorlesungen; allmontäglichen Sitzungen… Ich wurde an ihn erinnert in Prora, in der Niederlausitz, im finalen Norden, im Hamsterrad der Jahre…

„dann blieb ich an der Sperre stehn; mein Mut hat weiter nicht gereicht.“

Was für ein perfekter Schluss!

Der da auf der Platte hatte Worte gefunden, die mir fehlten – für MEINE Zustände!

Der animierte zum „Anders sein“, wie das später hieß!

Ich bin aus jenem Holze geschnitzt/bevor ich mit den Wölfen heule/Achtel Lorbeerblatt/Tagebuch

Die volle Dissidentenpackung für die sozialistische Schule! Wenn das unsere allseits gefürchtete und verhasste Klassenlehrerin zu hören bekäme! Dann wär‘s aus mit der Zulassung zur EOS im nächsten Schuljahr! Nun hieß es dichthalten, bis der Schritt getan war!

Ich war nach den rund 90 Minuten des  Albums mindestens ein Jahr reifer!

Das war ein Lichtstrahl aus einer neuen Welt. Da war plötzlich Klarheit – perfekt formuliert!

Von nun an wiederholte sich, in eben jenem Kinderzimmer, auf dessen Dach gerade das sprichwörtliche „Herbstgewitter über Dächern“ niederging, die Seltsamkeit, dass da bisweilen all die Punks der ersten Stunde den Aufstand simulierten oder Johnny Rotten die pure Anarchie verkündete, aber plötzlich dieser biedere Rathaussaal-Applaus ertönte und dann sang da einer zur einfachen Klampfe Sachen wie:

„Dem einen ist meine Nase zu weit links im Gesicht; zu weit rechts erscheint sie dem andern und das gefiele ihm nicht…“

Inzwischen kommt die Zeit des Gauklers an ihr Ende. Der Individualitätsschrei wies einen Weg, bei dem mich inzwischen auch manchmal Zweifel beschleichen, ob das so richtig war. Denn dieses Selberdenken bringt dich zwar weiter – aber wohin?

„Its lonely at the top.“

War ich da je?

Mit den Jahren ging mir auf, dass es Freund Reinhard wohl ähnlich ging. Die oft besungene „Freunde-Schar“, die ihm die Meinung stärken- und später trinkfest beerben sollte – sind das nicht eher herbeigesehnte imaginäre Begleiter eines einsam Brütenden gewesen?

Der nette Talkshow-Gast von einst wandelte sich mehr und mehr zum resignierten Grantler.

Wie ich.

Der Doktor und der Knackwurstmann

Der Doktor und das liebe Vieh (DDR-Version)

Zum 90. Geburtstag meines Vaters

Zurück in die 70er, als der „Dukter“ über Land fuhr und Geschichten erlebte, die das Leben schrieb. Damals – im alten Osten.

Inspiration war „Krambambuli“ von Frau von Ebner-Eschenbach, eine todtraurige Hundegeschichte, an die neulich Frau Arabella erinnerte.

Daraufhin fiel mir eine Herrchen-Wechsel-Geschichte ein, die mir mein Vater einst erzählte.

Lesehilfen:

Bevor es losgeht, sei noch erklärt, dass ich im Folgenden die auftretenden Personen so sprechen lasse, wie man im Saaletal nunmal spricht. Es handelt sich um Hallenser Sächsisch. Es werden Redewendungen auftauchen, die nach heutigem Ermessen Probleme mit der sogenannten „Political Correctness“ bekämen, wären sie nicht 1975 gesprochen worden. Aber wie will man über jene Zeit sonst berichten, wenn man alle Schärfen wegfiltert? Was für ein verlogenes Bild entstünde dann?

– ein „Zett Dee“ ist ein ZT 300, ein populärer Traktor der DDR;

– eine Trophy (sprich Drohvieh) ist eine ES 250, ein populäres Motorrad der 60er und 70er Jahre

– die „Großern“ ist die Kleintierärztin Frau Dr. Große, zu der man mit Hunden, Katzen, Wellensittichen usw. ging; damit wurden die Dorftierärzte staatlicher Gemeinschaftspraxen überhaupt nicht belästigt, die waren nur fürs Nutzvieh zuständig;

– alle Namen der Personen und Dörfer sind von mir nicht mehr exakt erinnerbar und deshalb frei erfunden; eventuelle Ähnlichkeiten mit heute Lebenden purer Zufall;

 

Und nun geht es los:

  1.  In der Kneipe

Der alte Schlüter (54) aus Schkola gilt ein bissel als Sonderling in der Gegend. Besitzt einen eigenen ZT und eine Trophy mit Seitenwagen, fährt aber weiteste Strecken mit dem Fahrrad. Eigentlich wohnt er gar nicht richtig im Dorf, sondern in Schkola-Ausbau; ein Kolonisteneinsprengsel in die Landschaft. Drei Vierseithöfe, ein fester Feldweg als Zufahrt, Weltende. Bis vor kurzem Wasserpumpe auf dem Hof und Plumsklo neben der Scheune. Die LPG hat auf Betreiben der anderen beiden Höfe sich erweichen lassen, die nötigen Erdarbeiten durchzuziehen, um die drei Weitentrückten ans Trinkwassernetz anzuschließen. Bedingung war Eigenleistung-Subbotnik (unentgeltliche Schaufelei) und Anschlusskostenbeteiligung in DDRisch symbolisch niedriger Form. Zähne knirschend hat Günter Schlüter mitgemacht, die Anschlusskosten bezahlt, ein sehr kleines enges Bad ins Wohnhaus einbauen lassen. Die Frau und die erwachsenen Kinder machten‘s möglich, waren gegen ihn. Hatten ihm verboten, dagegen zu sein. Fluchend (und mit Enterbung der ganzen Sippe drohend) hatte er unterschrieben. Schlüter eben. Sein Großvater war genauso.

Wir schreiben das Jahr 1975. Sommer. Saaletal. In Prisdorf, dem Nachbarort von Schkola ist die Kneipe gut besucht. Zum Feierabend trifft sich noch traditionell alles, was sowieso den ganzen Tag auf der LPG zusammengesperrt ist und wertet den Tag aus. Heute sitzen zufällig auch Förster und Tierarzt mit drin.

In der Mitte der Gaststube am großen runden Tisch führt der alte Ohlich das große Wort.  Kann alles, weiß alles – Münchhausen 2.0.

Er will sich jetzt einen Kaukasen anschaffen. Die großen russischen Hütehunde, halbe Bären, gelten als gefährlich, kommen aber unglücklicherweise grade in Mode. ER wird den schon zähmen! Wäre nicht der erste Russe, den er zähmt! Wie man halt so redet beim Bier.

Der deutlich jüngere Tierarzt fährt ihm in die Parade:

„Biste ahler Grotzkotz! Du weest nich, was de dir da offlädst! Die Kaukasen leben halb wild in den Schluchten dahinten, keene Angst vor gar nüschd. Erst wird dir der Welpe dein großes Maul stopfen und dann sperrsten weg oder verschenkstn an irgend ehn Assi. Der versautn dann komplett, dann beißte zu und wird eingeschläfert. Putze ma deine Fenster in dei’m Stalle! Deine Schweine ham ja Dunkelhaft! Schaff dir was Normales an. Schäferhund, Boxer. Mehr packste nich‘!“

Ja, der Dukter redet Klartext. Das mag nicht jeder. Aber weglaufen is’nicht! Die staatlichen Tierarztpraxen sind aufgeteilt. Da muss man beiderseits nehmen, was man kriegt.

Der alte Trinks sitzt dabei und bremst nun ebenfalls, in versöhnlicherem Tonfall:

„Sei vorsichtch. Ich hawwe doch Vorsjahr mir den Rottweiler aus Gumbach andrehn lassen. Das reicht schone! Das Mistvieh is so falsch! Den lass‘ch nich mehr aus‘m Zwinger. Hat bei Schrubski‘n Jürgen schon’s eichne Frauchn jebissn. Desdorwächen wollten Schrubski loswerrn.“

„Und du warst so blöde und hastn jenomm!“, jubelt Gärtner, Traktorist und Vater vieler Kinder, los.

„Ach Gärty! Ich dachde, isse junges Vieh, ehe‘ vorpräächd is‘, nimmst‘n. S jing och de erschde Zeit. Nachts frei offn Hof. Tachsübbor in Zwingor. Off ehmal krichde seine 5 Minuten, wiechn am Morjen wüddor in Zwinger tun will. Ich fassn ans Halsband – zack hadde mich am Arme, das Misstück. Ich de Schaufel jenomm und jibb ihm! Seit däm tude janz untorwürfig, un wenn de Zwingertüre zu is, spielte wilde Sau und springt gächns Gittor! Als wie wenne mich fressen wollte.“

„Zeiche ma de Narbe vom Biss!“, die Sensationslust der Zuhörer ist erwacht.

„Na nää! Bis ofs Blut hadde nich jebissn, obor s Zahnprofil hattch gomblett im Undorarm.“

Am Nebentisch sitzt nur ein einzelner Gast, der in sein Bier stiert und ebenfalls zuhört. Es ist der alte Schlüter auf der Heimfahrt von der Kreisstadt. Der Tag war heiß. Kurz vor zuhause wollte er sich ein Feierabendbierchen gönnen. „Also die Beißhemmung hat er noch“, denkt er sich.

klein21RottiTrinks genießt die Aufmerksamkeit; berichtet, dass das Hundeproblem in der Folge wuchs. Aber auch er ist so ein Held wie Ohlich, der immer alles im Griff hat. „Die Töle“ gebärdete sich unberechenbar, die eigene Frau fürchtete die „Bestie“ nun und nahm dem Mann das Versprechen ab, den Hund nicht mehr aus dem Zwinger zu lassen, er könnte sonst die Enkel fressen. Deshalb bekäme der nun sein Futter in den Käfig und ab und an kratze Trinks mit der Schaufel durch die Gitterstäbe etwas Kot vom Betonfußboden, wobei sich der Hund regelmäßig in den Schaufelstil verbeißt.

„Und da willst du ä Kaukasn ins Dorf hol‘n, wo schon ä Rottweiler ausreichn duhd, um Probleme zu hann!“, wendete er sich wieder an Ohlich. „Wenn der dann och im Kefich endn tut, frisste nutzlos noch vülle mehr wie meinor!“ Die andern nicken.

„Das is doch gomblett vorn Oarsch. Wie lange willstn das noch dorchziehn?“

„Nächsde Woche lass‘ch de Großern komm. Die solln einschläforn. Der nutzd mich nüschd, so wiä jetz‘ is.“

„Würschde die Großern bezahln! Sach Mecki’n Bescheid. Der gommd mitor Wumme vorbei; und juud is!“ Gärtner fühlte sich clever.

Förster „Mecki“ protestiert sofort: „Im Wohnjebied wörd nich jeschossn! Das gomd vorn Kadi und dann bin‘ch de Wumme los!“

„Mussde doch nich an de chrose Glocke häng!“ Gärtner gibt so schnell nicht auf, wenn ihn die Cleverness seiner 7 Klassen übermannt.

„Orschlöcher jibds üwwor all! Und wennde im Suff das chroße Sabbln kriechn duhst? Vorschde he ma!“

Da mischt sich plötzlich der alte Schlüter vom Nebentisch ein.

„Wie alt issn der Hund?“

„Ungefähr 3e.“

„Un wielange hasdn nur im Zwinger?“

„Drei Monate wärrns jetze sein.“

„Wenne nüschd kost, hol ich‘n dir weg.“

„Wie willst’n das packn? Der kennt dich nich! Der frisst dich! Und dann bin ICH dran, wenn‘s of mein Hof bassiern duhd!“

Schlüter lässt sich nicht abbringen. Er hält Trinks die Hand hin:

„Schlag ein! Kostenlose Abholung durch mich? Wanne hasdn ma Zeit?“

„Glei Morchn. Dann wäre weg.“

Händedruck. Abgemacht.

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  1. Trinks‘ Trauma

Als der Tierarzt 8 Wochen später zu Trinksens Ferkel kastrieren fährt, ist der Zwinger in der Hofmitte leer. Alte Hundescheiße liegt aber noch drin.

„Na, hat wohl geklappt, was dir der Schlüter versprochen hat?“

„Dukter!“, Trinks kommt ganz dicht und legt dem Tierarzt den Arm um die Schulter. Dann raunt er, damit es niemand Unberufenes hört: „Damals, in dor Rittorzeit hättnse den vorbrannt! Der is nich koscher, der alte Geizkragen! Hättich’s nich mit eichnen Och‘ng jesäähn! – “ er bricht ab und starrt den Dukter grooooß an!

„Wie haddenn den geholt? Mittn Viehwaa’ng am Zett Dee? Oder glei mit dor Trophy?“ grinst der unbeeindruckt.

Trinks bleibt ernst und schüttelt den Kopf. Der Blick wirkt immer noch verstört. Er starrt am Dukter vorbei ins Leere.

Wie zu sich selbst antwortet er mit erneutem Kopfschütteln verschwörerisch leise und todernst: „Mit‘s Fahrrad.“

„Is nich wahr!“

„Doch!“ Trinks ahnt, dass ihm das keiner glaubt, aber er muss es mal los werden:

„Der kam und kloppt ans Tor. Der Hund glei SCHGANDAL hinter de Gitter! Ich raus zu ihm, sehe nüscht. Kee Jefährt; nur ihn un sei Fahrrad. Ich: Haste nich was vorjessn? Oder hasde dirs andorrs üborleechd? Er: Wieso? Hawwe alles dabei. —

Ne Hundeleine hadde um Hals häng und ä Lädorhalsband in dor Aktentasche am Lenkor. Und enne Brotbüchse. Dann grinste mich an und sachd: Jehe man nei bei deine Alte und haltse drinne. Gannst ja hintor dor Jardine guckn. Ich wär ne Stunde brauchn.

Ich mache das, wiä schbrichd; und gugge naus – da sehe ichn sitzen vorm Zwinger. Off dor Erde, wie so a jungschor Gammlor! Schneidorsitz. Brotbüchse. Der Hund – Radau. Er sitzt und frisst de erschde Bemme und greift in de Tasche und schmeißt a Sticke Worschd in Zwingor. Dann sprichde mit das Vieh: „Gosde ma! Is leckor. Wennde de Schnauze hältsd, jibbs Nachschlag.“ Der Köter hat den Happen runter und bellt und knurrt und macht und duhd, drähds‘ch im Kreise und springt Scheinangriffe! S nächste Sticke Worschd. Und: „Gomm, rääche dich ab, meinor.“ Schlüter frisst Bemme Nummor Zwo. klein22RottiOff ehmal setzt sich der Köter und guckt blöde durch die Stäbe. Und Schlüter wüddor: „Na siehste. Jehd doch.“

Steht off, machd den Zwinger off. Halsband um. Noch ä Stück Worschd aus dor Hemdndasche! Leine dran und dann tippeln die beede zum Rad als wäre das normohl?!“

„Und dann?“

„Ja -nüschd! Fort. Ich dachte noch: Würstema morchen in de LDZ guckn, obs Tote jaab im Kreis. Wennenn der Köter vons Rad reißen duhd; obor nüschd. Die müssn heile anjekomm sein; heeme.“

„Von dor Bestie zum Rad-Hund in 5 Minuten? Spinne mich nich voll?!“

„Ehrlich Dukter! Na – 5 Minuten warns ja ooch nich. Ne jute halwe Stunde hadde jebrauchd. Dann war juud.“

Der Dukter steht draußen am Dienst-Moskwitsch. Was er gerade gehört hat, will ihm nicht einleuchten. Auch er kennt nur die Methode, Hunde durch Prügel zu erziehn, „wenn’s sein muss.“ Zu unwahrscheinlich! Er beschließt einen Umweg zu fahren und nach dem Schlüter-Hof zu sehen.

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  1. Der Knackworschdmann erzählt

10 Minuten später steigt er vor dessen Tor aus dem Auto, klopft und reißt aus Gewohnheit die kleine Eingangstür im großen Tor auf. Neben dem Misthaufen, im ansonsten sauberen Hof, springt ein Rottweiler auf, bellt und beginnt, sich auf der Stelle im Kreis zu drehen. Zeitgewinn für den Dukter, lieber wieder ein, zwei Schritte rückwärts einzulegen.

Zwei Kindergarten-Steppkes mit Dreirad und Roller unweit vom Hund krähen begeistert: „Achtung! Raudi schimpft!“

Nun hat der Hund sich besonnen, dass er nicht in einem Käfig sitzt und läuft böse knurrend an –

Aber Schlüter steht schon in der Tür zur Wohnküche und ruft ein scharfes „Bleib!“ Der Hund steht wie eine „1“ und guckt zum Herrchen. „Das is dor Dukter! Den lässte rein!“ erklärt ihm Herrchen bestimmt, aber im Tonfall weniger scharf. Der Hund trabt nun gelassen in Richtung Gast.

„Lass‘en schnüffeln!“, ist nun der Dukter gemeint. „Gomm ruhig her.“ Und zum Hund: „Wennde den ärchern duhst, kastrierde dich! Also hüte deine Eier. Bis‘ lieb jetze.“ Ein-zwei gutmütige Klapse auf die Rotti-Schultern; der Hund ist entlassen. Er wählt sich eine neue Ecke im Hof und legt sich diesmal neben die Sandkiste.

Einer der Steppkes verkündet das Offensichtliche: „Nu isse wüddor lieb!“

„Ja, abor du nich!“ tadelt Schlüter Senior das Kind. „Ich hab jesaachd, ihr sollt de Förmchen nich übern janzn Hof vorteiln! Rabauken! Da fahr ich nachher mitn Zett Dee drüwwor! Sammelt das Zeuch ein! Das hat Jeld jekostet!“

Der eine bückt sich sofort, der andere grinst erst und hat noch einen Spruch auf Lager: „Dor Hund is ruhich – nu schümpt dei Opa!“

Der deutet aus der Ferne das Ausholen zur Ohrfeige an, zuckt dann mit den Schultern und meint resigniert zum Dukter: „Kingor ehm! Was willsde da machen. Warn mir frühor nur ooch so?“

„Uns hamse die Hammelbeene langgezong bei’n Pimpfen.“, erinnert sich der Dukter.

„So alt sinn die beede nich. Sinnerschd 5e. Warum bistn vorbeijekomm. Meine Viecher sinn wohlauf?!“

„Wechn dem Rotti-Wunder. Ich komme grade von Trinks.“

„Ach so!“, strahlt Schlüter nun beruhigt. Keine veterinäramtlichen Zumutungen a la neuer Pflichtimpfungen oder so! Keine Kosten. Nur bissl Quasseln!

„Martha! Mache Gaffee. Dor Dukter is da, wechn Raudi‘n!“

Die Frau kommt erstmal staunen. „Der Hund hattdoch jarnüschd?“

„Weitorbildung.“ verkündet Schlüter stolz. „Dor Dukter will was lern. Stimmts?“

„Schieß los!“

„Wo solchn anfang. Was hatt‘n Trinks orzähld?“ beide setzen sich auf die Holzbank neben der Küchentür.

Der Dukter berichtet. Dann kommt der Kaffee. Martha Schlüter stellt das Tablett zwischen die beiden. Sie rückt einen alten Stuhl mit leicht kaputtem Flechtwerk und früher mal chicen Drechselwülsten zurecht und setzt sich dazu.

Schlüter beginnt:

„Ich kam dahin wie abgesprochen. Leine, Halsband, Stullenpaket. Lewworworschdbrote.“

„Und Knackworschd in de Hosentaschen, in dor Jacke, in dor Hemddasche – üwworall! Fettflecke!“, empört sich Frau Martha.

„Na ich musste doch juud riechn! Hunde sinn wie Weibor! Unberechnbar, obor mor krichd se rum!“ Er knufft ihr den Oberarm.

Halb sauer, halb belustigt stichelt nun sie: „DU mussts ja wissen!“

„Ich hocke mich vor denn Käfich und mei zukünftcher Gumpel mach Schgandal! Aaaabor – die könn denkng, Duktor! Die Viecher! Gloobs nur! Een Stick Worschd. Er bleibt sauer. Noch ä Stück Worschd. Immernoch. Bissl warten. Süßholz raspeln. Noch ä Stück. Er macht Pausen beim Bellen. Hältn Kopp schief. Ich sitze unbeeindruckt. Kee Angstschweiß. Keene Hektik. Kee Ärcher meinorseids; beiße in de nächste Bemme – plötzlich setzte sich hin, in seine eichne Scheiße. Ne Wahl hatte ja nich in dem Gäfich. Wemmor dich da nei sperrn däte, würdste ooch zum Tier! Stimmts, Dukter?“

Der Dukter bestätigt: „Ich hab’n heute gesehen. Die Scheiße liecht immernoch drinne.“

„Sooviel Respekt hatte vor Raudi’n“, lacht der Alte, „dassä sich nichema an die Kacke traut, wenn dor Köter schon lange übern Berch is.“

„Weiter. Wie seitorn nach Hause jekomm?“

„Na per Peedes. Ich mit‘s Rad und dor Hund zu Fuß an dor Leine. Ich musste ja ooch erschtema‘ seh‘n. Aber olles juud. Heeme habchn mir beguckt. Jestunken hattor wie ne Düte Russen. Duschen mittn Schlauche wollte nich. Hattor jeknurrt. Habch ehn Daach jewartet.“

„Also wenn ich Ihn nicht da so liegen sähe – das klingt mir alles zu harmlos! Ging gar nüschd schief?“

„Doch. Drei Tote gabs.“ gibt nun Schlüter zu.

„Ach!“ stöhnt Frau Martha auf und winkt ab, weil sie sich erinnert, aber ihren Mann erzählen lassen will.

„Nächsten Taach geht sie Gänse füttern im Jartn hinten und macht die Düre nicht zu. Der Hund erkundet das neue Terrain, der Ganter jehd off ihn los und Raudi‘n packt dor Blutrausch. Ganter tot. Die erschte Jans so am Flüchel erwischd und die zweete im Maul un am Schütteln, die andorn GAAK-GAAK! Die Frau ooch!“

„Ich hawwe jeschriiien!“ wirft Martha ein „wie am Spieß!“

„Die wäre balde de nächste Jans jewäsn.“ nickt er. „Ich hin-“

„-und hasdn vormöbelt?!“ kombiniert der Dukter.

„Ach Quatsch! Das kennde doch! Das haddn doch so vorboochn. Weibor schlächd mor ja och keene mehr. Nich‘ wahr? (Knuff an den Oberarm der Frau) Das machd die bösartch! Ich hawe mich droffjeschmissn von hinten, dasse einjeknickt is und jewürcht habchn mit beede Hände und of hündisch ins Ohr jeröchelt. (Er imitiert die Laute, an der Sandkiste erhebt sich der Hund, bleibt aber stehen und guckt irritiert rüber) So jepackt am Halse und hinundher. Ä paarma‘ und zur Sicherheit noch „Arschloch!“ anjefaucht. Da dachte sich: Ups, das war ä Fählor! Dor Knackworschdmann is sauer!“

„Ins Ohr jebissn hastn, das habbich jesään! Der hat jejault off ehmal. Und dann haste Alberts von nä’m an den toten Gänsorich vorkooft.“, mischt sich Martha Schlüter ein.

„Schadensminimierung.“ Schlüter grinst. „Und die Gans, die‘e bloß am Flüchel hatte, die hab ich musst selbor gilln.“

„Hattmor Jänsebratn die janze Woche. Jing uns nie so juud, wie wenn dor Hofhund Amok leeft.“ ergänzt Martha.

„Wo lernt morn sowas? N Hund beißen?“ Der Dukter nimmts als Witz. Aber Schlüter bleibt ernst.

„Das wolltch nich orzähln! Die Weibor wüddor! (Strafender Blick zu Martha) Im Griech. Da machsde noch janz annere Dinger, wenns ans Lähm jehd. Mei Hundewissn habbch obor äher aus Jefangenschaft. Bei Smolensk. Gottlob in ehn von die kleen Laa’cher da.“

Jetzt wirkt er versonnen. Schaut geradeaus an Frau und Gast vorbei auf den Hund.

„Ich hawwe Smolensk gabutjeschossn und wüdder heile jemachd, sozusachn. Die vörzscher Jahre warn scheise, darüwwer rädmer nich. Anfang de Fuffzscher wurde de Vorpflechung bessor. Und der Iwan sparte Offpasser. Die hatten am Zaun kaum noch Posten, abor scharfe Hunde lofen. Doppelzaun wie im KZ, aber kee Strom. Hunde darzwischen. Da habch dann mitn Gaschabrei und Drockenbrod am Zaune jesessen n Abend und je’essen und vor mir die Köter – Rabatz. Knackworschd hatch natürlich keene. Obor so Sticke Brot in’n Gascha jetunkt und hinjeschmissn. Habs. Weiterkläff. Nochema. Haps. Ruhe. Hinjesetzt und Kopp schief jehalten. Huch, denk ich. Da jehd was. Und dann schon balde habch die Hand durch jestreckt und gestreichelt.“

„Und die Russen?“

„Naja.“ Er schweigt. „Typisch für die, ehm.“ Wieder schweigen. „Erst staunen. Lachen. Beifall. Du Arrrtist? Zirrrrkuuuus?“ Schultergloppen. Sto Gramm anjeboten. Am nächsten Taach kame mittn Jelendewachn. Peng. Peng. Hadde die Hunde erschossen und zwee neue jebrachd.“ Schweigen.

„Die neuen hatch nach ä paar Wochen soweit, dasse Pfötchen jähm, durchn Zaun.“ Er sieht sie wieder vor sich und wer weiß, was alles noch.

Dann setzt er fort. „Dreinfuffzsch bin ich heeme jekomm. Haben Hof übernomm. LPG’60 wie alle. Hofhund hadch immer gostenlos. Ich hawwe ümmer „Vorbrecher“ übbornomm. — Svenni!“ ruft er dann in die Sandkiste, „zeiche ma’n Dukter Kunst mit Raudi‘n!“

Svenni und das Nachbarskind kapiern nicht gleich, was das soll, so abrupt aus dem Spiel gerissen, aber dann erheben sich beide vom Burgenbau aus der Sandkiste. Svenni rennt quer übern Hof zur Hundehütte und ruft „Raudiiiiiiiii!“ dann verschwindet er in der Hütte, der Hund hinterher. Eine Sekunde später gucken beide Kopf an Kopf aus der Hütte. Applaus von der Kaffeebank. Der Hund nimmts als Ansporn und rennt zu einem platten Ball. Aber die Vorführung ist vorbei. Svenni ist wieder in Richtung Sandkiste unterwegs. Der Hund lässt enttäuscht den Ball fallen, schnuppert hier und da und legt sich wieder hin.

klein25Rotti

„Der will partout nich in de Hütte. Nur wenn Svenni vorjeht. De blanke Tollwut! Stimmts Dukter?“

Der schüttelt nur ratlos den Kopf.

„Und die Kleen? Die Enkel? Wieso klappt das?“

„Weil die vornümpftich sinn und dor Hund ooch. Zwee Dache habch de Kingor nich ofm Hof jelassen. Musstense im Jartn hinten spieln. Der Hund sollte sein Terrain kenn’lern. Zur Ruhe komm, kapiern, dass da kee Käfich is. Das hat leider nich‘ janz jeklappt. Wechen dem Käfichklaps beim Trinks hatte den Drehrumbum weg. Wenn ehnor gombt, -haste ja jesähn-  brauchte ne Weile, bisse jradeaus leeft. Den beedn habch das Hundeschicksal als Jutenachdjeschichte orzählt. Nach 3 Daache habch’n dann die Wänste vorjestellt. Schnuppern lassen. Ich hawwe die vorher Knackworschdbrote zu essen jejähm, damit se riechen wie iche. Sein Jeruch der Befreiung. Dann mussten se mir aufsagen, dasse nich‘ hinrenn‘, wennor fressn duhd. Und dass es n Hund is und kee Ferd! Die solln jaaanich offm reiten wolln! Enkel is nur der ehne, Svenni. Der Freche von Vor’nz, der mittor Brille, Raiki, schläft bloß zurzeit hier. Die Eldorn sinn of Urloob. Das is Albertn seinor. Nachgömmling. Der hatte noch nich jenuch von seinor Muddi, da musste se nochema ran mit dreinvörzsch.“

„Gündor!“, empört sich Martha.

„Na is doch so! Wenne zwee Feffi in Turm hat, wirde spitz wie Lumpi!“

„Was solln jetze dor Herr Doktor denkng!“

„Jarnüschd. Der kennd sich aus. Hawwichrecht?“

„Und wie hasten damals sauber jekrichd?“ lenkt der Doktor wieder aufs Hundethema zurück.

„Glei nach der Schümpe weechen die Jänse. Da ware bedröppelt, da habch das schlechte Jewissn ausjenutzt; habchn am Halsband jesackt und hinlechen lassen, mich dornäm jesetzt und Marthan jesacht: Hol’en Schlauch unds Schambuh. Du, der hatte schon Jeschwüre am Arsch. War ich bei dor Großern. Die kam raus hierher und hatten untersuchd. Vormutlich hatte der Wunden von der Prüchel und dann is da die Scheiße nei und de Fliechn. Mor siehds noch an den kahlen Stellen bei dor Schwanzwurzel ä bissl, obors verheilt. Ich kreems ümmer, bevor ich mittn Angeln jehe. Dann läufte und leckt sich nich.“

„Erzähle mal das vom erschtn Ma‘!“ erinnert Martha.

klein23Rotti„Ach ja! Pass of Dukter, is lustich! Ich an dor Saale. Angel raus. Hund liecht beim Eimor. Schuborts Willi sitzt betont 10 Mätor Abstand. Der hatte Schiss vor meim neuen Gumbl. Plötzlich beißt was, ich hols rein – ä richtig fettor Garpfm dranne an dor Strippe. Wie ich denn so ausn Wasser reiße – haut der Hund ab! Bleibt oben offm Hange stehn und guckt, wo ich bleiwe. Willi lacht los: „Deine Gampfmaschine hat Angst vor de Fische!“ krähde mich an! „Odor dude sich ekeln, was du alles frisst?!“ Hadde mich blamiert, dor Raudi. Obor – der gannde ja nüscht. War ja normal. Er blieb erst oben offm Hange liechn und guckt in Richtung Eimor und wiech mich setze, game vorsichtch an und schnuppert am Eimer. Dotal vornümpftcher Hund! Und so eener nu in so a Drecksverließ bei‘n Trinks!“

„Ja, Hundeelend ofm Land. Zwinger oder Kette. Gassi geht hier doch keene Sau!“ konstatiert der Dukter trocken.

„Ich schonn. Naja, ooch nich ümmer. Musse ehm ab und an ma ofm Hof scheißn. Danach schnappte ein und seechd mir an Zett Dee. Als wie: „Du hast was vorjassn, Gnackworschdmann!“ Ich schaufels dann aufm Mist. Wenne lern däte, glei offm Mist sei Jeschäft zu machen, wärs einfachor. Abor das schaff och ich nich. Nich wahr, Raudi?!“ Der Hund erhebt sich wieder und kommt zur Kaffeerunde schnuppern.

Besonders vorsichtig kontrolliert er den Dukter vom Gummistiefel bis zum Ellenbogen. Dann lässt er ab und legt sich demonstrativ vor die Kaffeerunde.

„Wenn de s nächste Ma gommst, kennde dich.“

„Wie heißter?“

„Na Schrubski hattn Ronny getooft! Trinks hat das so übornomm. Warumdn nich glei Enrigo! N Hund – so ä Modename!“

Der Doktor feixt: „Och nich‘ schlecht. Enrico, Madelaine, Melanie, Göran! Jeder denkt, glei kommt ne halbe Schulklasse, stattdessen wetzt ä Rudel Rottweiler übern Hof!“

Aber Schlüter bleibt im Text: „Ich hawwe nu Raudi draus jemacht, wächn dem Anlaut. Habs och drühm an de Hütte so jeschriem.“

„Lesen kanne och schon?“ stichelt der Doktor weiter.

Der Witz kommt besser an: „Naaaa, gut Ding will Weile hamm. Wenndes nächste Ma‘ gomst, lieste dir de LDZ vor. Versprochen.“

„Ihr Spinnschweine.“ Frau Martha erhebt sich und räumt das Tablett ins Haus.

klein24RottifoxDer Doktor verabschiedet sich, geht zum Auto. Nimmt Platz neben seinem Terrier und guckt den alten Begleiter versonnen an:

 

„Na, Tiger von Eschnapur? Der da drinne hätte dir mehr beibringen könn‘ als ich.“ Er tätschelt ihm die Schulter, während der Hund die Rottweilergerüche zur Kenntnis nimmt. „Na, verzeih halt. Beim nächsten Hund wird alles anders.“

Er startet den Moskwitsch und fährt heim.

Am Tor steht Schlüter und schaut ihm nach, neben ihm Raudi mit Blick zum Herrchen: „Gehmor angeln?“

 Anmerkung (sicherheitshalber): Rottweiler sind KEINE Kuscheltiere. Wenn du das RICHTIG gelesen hast, merkst du: Sie stehen nicht auf Waldorferziehung. Sie handeln KEINE Kompromisse aus. Sie brauchen klare Strukturen.

 

  Text: © bludgeon

Bilder: © bludgeons daughter