Grüße aus der Vergangenheit

Herbstblues. Melancholia.Melencolia I (B. 74; M., HOLL. 75) *engraving  *24 x 18.8 cm *1514

Neulich saß ich in der schönsten Stadt der Welt in meinem ehemaligen Kinderzimmer und starrte eine ganze Weile ins bunte Kastanienlaub auf der anderen Straßenseite. Der Denkomat sprang an. Wie von selbst:

„Vor unserm Hause da steht ein Baum…“(4PS)

Das ist schon fast das beste an der Wende gewesen: Knapp 10 Jahre lang war die Stadt zur „Modellstadt“ erklärt worden. Der westdeutsche Bürgermeister kannte die Fördertöpfe und so wurde ein Backlash der Spitzenklasse möglich. Große Teile der Altstadt konnten dem Verfall entgehen. Das Bürgergartenviertel konnte wieder auferstehen.

Meine Straße ist davon der Rand. Hier existierten seit den späten 30ern nur eine bebaute Straßenseite mit ordentlich gepflastertem Rundbogentrottoir, Bordsteinkante und – Feldweg. Auf der anderen Straßenseite nur 2 Häuser und Schrebergartenparzellen. Bis 1967. Da vollzog sich eine Masseneinweihung von 10 neuen Einfamilienhäusern, was auch zur Asphaltierung des Feldweges davor führte. Die alte Seite hatte in den 30ern auch Kastanien gepflanzt bekommen, die 1967 auf den 1.Klässler von der neuen Straßenseite wie monumentale Bäume wirkten. 1-2-3-4-Eckstein, alles muss versteckt sein. Deckung gebend in Dakotakriegen oder Partisanenkampf, je nach zuvor gesehenem Ferienprogramm. Leider gingen sie in der Folgezeit Stück für Stück ein. Bis sie zu Beginn der 80er alle verschwunden waren. Das Schicksal schien mir meine Erinnerungsfixpunkte rauben zu wollen.

„Wie ein Baum den man fällt – eine Ähre im Feld….“ Reinhard Mey einmal mehr.

Bei einem Besuch 1993 in der alten Heimat standen plötzlich wieder Kastaniensetzlinge (10-15 Jahre alt) in stützenden Dreibeingestellen auf der Altbau-Straßenseite. Als die Gestelle ein Jahr später beseitigt waren, sah es wieder so aus, wie 1967. Mein Collie markiert nun 30 Jahre später wieder Bäume, wie einst unser „Timpetu“, der Fox-Terrier mit den vielen Namen.

„Steig ich in meine Kinderzeit hinab (…) steigt auch ein Hund aus seinem Grab….“

Komme ich in die schönste Stadt der Welt, komme ich auch in eine andere Zeit. Obwohl das z.B. im klinisch restaurierten, aber -geschäftlich betrachtet- toten Stadtzentrum von Mal zu Mal schwerer fällt. Auf dem Markt ist mittlerweile jedes zweite Haus ein Restaurant.

Buchladen, Spielwarenladen, Eisenwarenladen (mit Modellbauzubehör), Kunstgewerbeladen, Weinhandlung – alles Vergangenheit.

Da war immer Kohlmann auf dem Markt. Die gesamten 40 Jahre der DDR-Zeiten hindurch. Und auch 15 Jahre danach noch unter anderem Namen. Buchladen mit Antiquariat. Heute ein Immobilienbüro. Kahle Auslagenfenster. Trist.

Dort befanden sich an der gesamten rechten Wand jene 4 Schränke, die Auskunft gaben über Zeiten, die vor der meinen lagen und die mich lehrten, dass jede Zeit ihre besondere Denkweise hat.

Wer weiß, ob nicht in 6 oder 7 Jahren ein alter bärtiger Mann das Maklerbüro betritt, sich der kahlen rechten Wand zuwendet und die „aldn Biechor vermissn duud“.mde

„Se ham woll nüschd mehr reinjekrichd?“

„Äh. Sie wünschen?“

„Hier habch ma Felix Dahn jekooft. Da warn Sie bestimmt noch nich jeborn.“

„Ach Sie meinen den Buchladen?“

„Na mir rädn doch nich vom Bäggor!“

„Den gibt’s nicht mehr.“

„Rede gehne Scheise Jungchen. Das war hier ümmor Buchladn. Nach meinor Bio-Prüfung damals siemsipptsch habch hier Sievers „Afrika“-Völkerkunde an Land jezochng. 1903. Halbleder. Dreißch Morg Ost.“

„Ich kann Ihn’n Haus verkoofm, aber keene Büchor.“

„Brauch’ch nich. Habbch schone. Wennse ma ne Gesamtausgabe Rückert reinkriechn, denkng Se an mich.“ Ohne eine Adresse zu hinterlassen verlässt der Weißbart den Laden.

Der verwirrte Alte fällt im Rentner-Nest N. an der S. nicht weiter auf. Die wenigen noch Firmen betreibenden Vertreter jüngerer Jahrgänge sind derlei demente Erscheinungen gewohnt und somit im Umgang mit ihnen trainiert.

Gottlob, noch ist es nicht soweit! Ich wechsle also aus der nahen Zukunft zurück in die ebenso nahe Vergangenheit des Ladens:

Lesehungrige, historisch interessierte Freaks konnten hier zahllos Beute machen. Bestseller vergangener Zeiten, (Wie oft hatte ich Frenssens „Jörn Uhl“ in der Hand, um es dann doch nicht zu kaufen?) und seltsame unbekannt gebliebene Hinterlassenschaften der Haushalte all der nun wegsterbenden, dagebliebenen Offizierstöchter und Kriegerwitwen beider Weltkriege in den Gründerzeitpalais am Bürgergarten: „Manitous Welt versinkt“, „Kifanga“, Jack Londons „Vor Adam“, Hesses „Gertrud“. Für mich Lesenuggets am laufenden Band.kleinIMG_20191117_005845.jpg

Bekauft hab ich mich selten, wird mir bewusst. Mein Auge streift vom Fenster weg über die Regale der beiden Bücherschränke, die einst meine Schätze bargen, inzwischen aber nur noch Dagelassenes bzw. Ausrangiertes von Vater und Bruder enthalten. Mein Blick bleibt an braunem Leinen hängen. Ein unscheinbares Bändchen mit verblichener Goldschrift. Tatsächlich! Er ist noch da! Der Bekauf des Jahres 1983. Das Buch hieß „Wanderer ins Nichts“. Es stammte aus dem Jahre 1920 und kostete mich 7.- M., wie noch im Innendeckel steht.

„In Berlin saß Freund Spartacus auf den Dächern und schoss mit Flinten, Pistolen und Maschinengewehren. Die revolutionsgeübten Berliner Bürger drückten sich eng an die Mauern der Häuser, von denen aus die exzessiven Volksbefreier ihre Politik lebhaft betrieben…“

Herrschende Lehrmeinung war das schon mal nicht. Was so effektvoll, lakonisch beginnt, schrie danach, gekauft zu werden. Ich hatte Harry Domelas „falschen Prinzen“ gelesen und hoffte auf Nachschlag.

Reinfall. Drei Seiten weiter ist Schluss mit Action. Es beginnt ein laaaanger Bericht eines lebensmüden Schnösels, der an seinem Reichtum leidet. Ich stellte das damals nach ca. 20 Seiten beiseite und vergas es bald.

36 Jahre später halte ich es nun wieder in der Hand. Blättere, stoße auf eine Stelle, in der die Münchner Künstlerszene beschrieben-, ihre weltfremde Dekadenz geohrfeigt wird. Inzwischen war ich selbst in Bayern. Wenn auch nicht in München. Was mich 1983 nicht hätte anheben können, interessiert nun doch ein wenig. Zumal der Ich-Erzähler mit dem „Automobil“ dorthin gelangte. Scheinbar von Berlin aus und noch ganz ohne Autobahn. Auf einer anderen Seite entrollt der Ich-Erzähler seinen Plan vom Freitod mit geöffneten Pulsadern in der Badewanne. Prompt fällt mir dazu Ambros ein, dessen „Heit drah i mi ham“ ich damals auch noch nicht kannte. Da scheinen inzwischen also Anknüpfungspunkte für Eigenes nachgewachsen zu sein. Ich packe den „Wanderer“ ein und beschließe, ihn nun doch lesen zu wollen. 36 Jahre später.

Und so kam es, dass aus dem Bekauf von einst meine ganz persönliche Lesesensation 2019 wurde!

Lotte

Sommer. Sonne. Klimawahn? Klimakatastrophe? Iran-Krieg-in-Sicht-Krise? Volksparteien-Agonie? Her mit dem Idyll! Tauch mit mir ab in „bessere Zeiten“, als Probleme noch lösbar waren:

Back to the summer of love! Und back to Frohburg!

Seit ich denken kann, steh ich auf altes Zeug. „Du Altertumsforscher“ nannte mich Vater frühzeitig. Bleisoldaten waren anziehender als Plaste-Indianer. Aber ihre Zahl wuchs nur langsam und als sie endlich für ein ansprechendes Schlachten-Diorama reichten, war ich in der 6. Klasse und die „Spielzeit“ nahezu abgelaufen.

Günter, der klügste unter den Sitzenbleibern meiner Klasse, hatte Lineoltiere, -indianer und -soldaten. Letztere mit Pickelhaube und Stahlhelm. Dazu rot-blaue Franzosenfiguren von 1870/71. Beneidenswert. Unverkäuflich! Er kannte sich mit sowas aus. Leider. Schade.

Das Schielen bescherte mir nicht nur ein Pflaster auf dem linken Brillenglas und eine Augen-OP, sondern auch zahlreiche Fahrten zum Augenarzt nach Leipzig, die einige Male in Lützen unterbrochen wurden: Gustav-Adolf-Gedenkstätte. Drei Kolossalgemälde: Der König betet vor der Schlacht; der König im Getümmel, die Auffindung der Leiche des Königs nach der Schlacht. Eine Ritsch-Ratsch-Knall-Kriegskassentruhe und schließlich ein Zinnsoldaten-Diorama im Schloss.

Von daher hatte Omas Bodenkammer ihren Magnetismus. Die Schräge, die Balken, der abgeplatzte Putz, der Mauerwerk freilegte, die Spinnweben, drei große schwarze Truhen – buchstäblich alles schrie hier: Schatzversteck!

Irgendwann hatte sie mich mal mit auf den Dachboden genommen zum Wäsche aufhängen. Die Wäscheklammern lagerten in eben jener Bodenkammer. Sie schloss auf. Ich stand in der Türe – und: „Wooooow!“

Truhen! Wie in Lützen!

„Oma? Wassn da drinne?“

„Alter Krempl von früher, als unse Viere noch klein waren.“

„Und in dem Schrank?“

„Das ist ein Spind. Gibt’s heute nur noch bei der Armee. Kannste ma sehn, was wir für arme Leute warn, nachm Kriege. Das war unser erster Kleiderschrank, als wir hier ankamen und keine Möbel hatten.“

„Und was is drin?“

„Nix. Guckok rein.“

Verschlossen war er nicht. Ein paar Lappen, ein Blechabzeichen zu Ehren des ersten 5-Jahr-Planes der DDR, ein paar Münzen „5000 Mark“ von 1923.

„Sind die echt?“

„Warnse mal.“

„Kannich dafür Eis kaufen?“

„Nein. Nicht mehr. Die gelten nicht mehr.“

„Krieg ich die?“

„Wozu denn?“

„Als Spielgeld. Schatzgeld.“

„Na, wenn de meinst!“

„Gucken wir mal in die Truhen?“

„Nein. Hab grade den Schlüssel nicht mit. Später mal.“

Später mal. Wann ist das? Nachher? Heute Abend? Morgen vor dem Frühstück? Eine Stunde kann endlos sein – für einen 7jährigen!

Am nächsten Tag zu Mittag hatte ich Oma weichgebettelt und sie mich erpresst:

„Wennde heute zu Mittag wirst schön geschlafen haben, gehmer nauf. Aber schlafen! Hörste! Ohne Gezeter!“

Ich biss mir auf die Zunge. Nach dem Essen ging ich also diesmal ohne Kampfdiskussion ins Schlafzimmer, legte mich ins Bett und starrte einmal mehr „Jesus im Kornfeld“ an.

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Oma ließ einfach nicht locker mit diesem Scheiß-Mittagsschlaf! Als nach schier endloser Zeitspanne die Schlafzimmertür ging, stellte ich mich schlafend, ließ mich wecken und fragte blitzschnell:

„Gehmer jetz? Aufn Boden?“

„Erst trinkmer noch Kaffee.“

„Oooooch. Will kein Kakao.“

„Ä Stickl Kuchen wirst scho essen. Musst doch groß und stark wern. Dirrrländer du!“

War nix zu machen. Oma verzögerte das Wiedersehen mit der Schatzkammer.

Dann war’s endlich soweit. Oma öffnete die Kammertür. Der Schlüssel war groß und alt. Der Kerkermeister von Ritter Runkel kam mir in den Sinn. Der hatte einen ganzen Ring solcher Unikümer am Gürtel hängen. Ich stürzte siegesgewiss hinein und kletterte auf die erste Truhe vor dem Kammerfensterchen um hinauszugucken.

„Ooooor! Ist das hoooooch!“

„Ja aber das Fenster bleibt zu! Hearst?“

„—-“

„Hear ogke! Sonst gehmor gleich wieder runter!“

„Ja“, und Augen verleiern. Oma war auch in der Wohnung unten von der fixen Idee besessen, ich würde prompt aus dem Fenster fallen, sobald ich nur einem zu nahekam.

Zwischen den Truhen stand – SIE: Eine Plüsch-Kuh auf 4 Rädern. Eine Achse zwischen den Voderbeinen, eine zwischen den Hinterbeinen. Der Rücken stark durchgebogen.

„Das is Lotte. Auf der is deine Tante Gisa geritten.“

„Könnwer die mit runter nehm?“ und eh irgendein Bedenken von erwachsener Seite kommen kann, setzte ich lieber gleich noch nach: „Die braucht Hilfe. Guck mal – der Rücken.“

„Ja. Der ist gebrochen. Vielleicht heilste den ja wieder, so als kleiner Tierarzt.“

Totsicher!

Ich hatte die Kuh bereits unterm Arm, da fiel mir beim Rundblick auf die 3 großen Truhen wieder Lützen ein.

„Oma?“

„Was ist denn noch?“

„Könnwerma in sone Schatztruhe gucken?“

„Da sind keine Schätze drin. Das sind Koffer. So reiste man früher.“

„Oma! Du willst mich veräppeln!“

„Wieso?“

„Wer solln die tragen? Opa ist zwar groß und dick, aber drei of eehmal krichd der ooch nich weg.“

„Musste er auch nicht. Früher gabs dafür Fuhrknechte und auf den Bahnhöfen Gepäckträger.“

Ich schüttelte allwissend den Kopf. Vermutlich redet Oma grade „wunderlich“ wie Großmutter manchmal.

 

 

Gepäckträger sind so Drahtvorrichtungen an Fahrrädern. Und bei Oma liegen nun die Bahnhöfe voller abmontierter Gepäckträger und das hilft Truhen in die Waggons zu wuchten? Das ist Quatsch! Aber nicht verärgern. Immerhin darf ich ja schon die Kuh retten.

Also diplomatisch:

„Aha. — Guckmer numa rein in so einen „Koffer“? Nur in einen! Ja? Bütttö!““

Oma guckte nun wieder ganz gewitzt und holte aus der Schürzentasche noch so einen Kerkerschlüssel, steckte ihn bei der am freiesten stehenden Truhe ins Schlüsselloch und schloss…

Ich wartete auf den Schließkrach, aber die Truhe ließ sich geräuschlos öffnen. War ja auch keine Kriegskasse, wie in Lützen. Schade. Deckel hoch: Lauter zusammengelegte Laken oder Tischdecken.

Oma wollte den Deckel gleich wieder zukippen, da hing ich schon drin und grub mit beiden Händen zwischen den Stapeln. Ich war drauf und dran, ausräumen zu wollen, um „der Sache auf den Grund zu gehen“, aber Oma befahl:

„Schluss! Das wirbelste mir nich ausnander! Da is nüschd dunter, glaubsok nur!“

Sie zog mich Fliegengewicht weg und rumms knallte der Deckel zu.

„Reicht für heute. Du musst die Kuh noch füttern.“

Stimmt.

Truhe und Kammer wurden verschlossen und ich kümmerte mich um Lotte.

Zu diesem Zweck eilte ich in den Garten, riss ein paar Grasbüschel mit Löwenzahn heraus und wollte die Kuh füttern.

„Halt mal!“ fing mich Oma im Flur ab.

„In die Küche! Das musste erschd putzen! Dreck frisstse nee!“

Mist! Stimmt och wüddor.

In der Küche wurde das Wurzelwerk samt eventueller Ameisen abgeschnitten und dann das Grüne neben dem Sofa auf die Dielen geschmissen, direkt vor Lottes Maul.

„Oma! Wir müssn in die Stadt. Knete kaufen.“

„Wieso’n das?“

„Na sie frisst ja. Da wirdse bald scheißn. Da muss ich’n Fladen basteln.“

„Hm. Brausde nee.“

„Darf ich Eierpampe nehm?“, aber ich korrigierte mich gleich selber: „Auf den saubern Dielen?“

„Von Tante Gisa is noch Löschpapier im Schreibtisch. Spring ok hie. Das is braun, das knüllmer und legns hinter sie.“

„Aber Kühe scheißn dunkelgrün.“

Das Gespräch machte richtig Spaß, denn wenn es um tierische Verdauung ging, dann durfte man ungestraft das „schlechte Wort mit Sch“ verwenden und man bekam keinen Klaps auf den Mund!

„Dann malste die Kacke halt noch an mit Tusche.“ Nun hatte sogar Oma „Kacke“ gesagt! Der Tag war Spitze!

„Okay.“

Ich suchte die Löschblätter. Knüllte sie. Glättete sie wieder. Wollte eigentlich schon Pinsel und Wasserglas holen, aber – dann kam mir der rettende Gedanke:

„Oma?!“

„Ja?“

„Ich mal die Kuhkacke nicht an.“

„Warum nicht?“

„Wenn Vati mich abholt, frag ich ihn, bei welcher Krankheit Kuhscheiße braun wird. Da gibt’s bestimmt eine. Da pansch ich jetz‘ nicht mit dem nassen Pinsel rum.“

„Ja, lieb von dir.“ (Siehste! So wurde mein Anfall von Ferienfaulheit noch gelobt.)

Ich untersuchte die Kuh. Schob man die beiden Radachsen aufeinander zu, machte sie einen Rundrücken; ließ man los, rollten die Räder wieder auseinander und Lotte wurde ein plüscherndes „U“. Nix zu machen. Ich hob ihren Schwanz. Da war eine Naht zuende und ein winziges Loch, in das mein Finger passte.

Nachgeburt entfernen – ließ sich mit ihr also auch spielen!

Sie war die Attraktion des Sommers 67.

Dann sollte es wieder nach Hause gehen. Vati kam, sah die Kuh und sprach:

„Notschlachten. Aber schnell.“

„Nööö!“ protestierte ich, „die will ich rettn!“

„Quatsch. Rückgrat durch. Die verreckt elende, wennde se nich lässt schlachtn.“

„Die nehmer mit nach Naumburg und die wird gesund!“ Visier runter, Bock fährt hoch!

„Das verstaubte Ding? Da ham jetzt 10 Jahre die Mäuse draufgepisst! Das kommt nich‘ in de Tüte und scho gar nich‘ ins Auto.“

Drama ante portas!

Oma schritt ein: „Lasse hier, ich pflegse für dich. Wennde wiederkommst, wirdser besser gehen.“

„Wirklich?“ Erwachsenen ist nicht zu trauen! Kaum bin ich weg, ist die Kuh entweder wieder in der Bodenkammer oder gar im Müll!

Aber Oma legte mir mitfühlend die eine Hand auf die Schulter und in der andern Hand hatte sie ca. 50 000 Mark in bar. Die Münzen!

„Hast ja noch DEN Schatz. DEN nimmste mit.“

Hach! Auf Oma war Verlass!

Wie sehr – das zeigte sich beim nächsten Besuch ein paar Wochen später.

Ich aus dem Auto raus, die Treppen hoch, Sturm klingeln

„Aufmachen! Tierpolizei!“  —- „Wo is‘ Lotte?“

Die stand neben dem Sofa. Frisches Grün vor dem Maul. Der „Stall“ war „frisch ausgemistet“, denn die Löschblattkacke war weg. Das beste aber war: Um alle 4 Beine hatte sie Paketstrippe, so dass die Räder nicht mehr soweit auseinander konnten. Der Rücken war grade. Lotte war GESUND!

Winnetou-Melodie

Wenn dich deine Eltern spüren lassen, dass du nicht geplant warst, dann nennt man das Schicksal. So lernt man für sich selber diesen immerwährenden Daueranschiss zu verkraften. Manchmal ereignen sich seltene Trostmomente. Den Eltern fällt auf, dass es mal an der Zeit sei, dir was zugutekommen zu lassen. Irgendwie müssen sie bemerkt haben, dass die Gleichaltrigen davonziehen; mehr vorweisen können als der eigene Sohn.

Im schönen Sommer 1976 komme ich zu Udo und der präsentiert mir mit tellergroßen Glücksaugen ein intaktes Smaragdtonbandgerät (früh60er Jahre Bauart; noch mit Röhren) mit 20 vollen Tonbändern. Sein schwächelndes, leierndes URAN-Tonbandgerät ist bereits entsorgt.

Die Anschaffung dünkte dem Vater vermutlich preiswert, da das Gerät gut 15 Jahre auf dem Buckel hatte und nicht mehr „die Welt“ gekostet haben kann. Aber es war groß wie ein Fernsehapparat und hatte 9,5er und 19er Geschwindigkeit. In unseren Augen also eine „Studio-Maschine“.

Zu den 20 Bändern gibt es kein Verzeichnis. Wir erstellen eins. Mehrere Tage hänge ich nun bei Udo ab, denn die Erkundung dieser archaischen Anschaffung macht Spaß, erweitert Horizonte, lässt über manche Klänge rätseln, wer das so in etwa sein könnte. Udo will anschließend, die interessantesten Funde mit Hilfe meines Gerätes auf einem Band, oder eventuell zweien vereinigen, um auf den anderen Platz zum Löschen zu haben.

Der Klang ist dumpf, aber bullig beeindruckend, also nicht im Sinne von „schlecht“ zu verstehen.

Zu den ersten Funden gehören „Death of a clown“ (Endlich! Als das im „Musikladen“ als Oldie gewann, hatten wir noch den Fernseher ohne Diodenbuchse!), dann Arthur Browns „Fire“ und „Jumping Jack Flash“(live) mit kurzer Ansage von Jagger: „We bring you now this one!“ Somit wissen wir nicht, wie der Song heißt. „Gas, gas, gas“ oder „Crossfire hurrican“? Dann folgen „Pretty Woman“ von Roy Orbison; (In dieser basslastigen Variante ein nie wieder erreichter Ohrenschmaus. Ich trauere diesem Klangerlebnis bis heute nach!), „Only you“ von den Platters; „Gimme that ding“ (Interpret unbekannt; später stellt sich heraus, dass das ein erster Gehversuch von Albert Hammond war), „My Dingeling“(live; Chuck Berry spät und versaut; für DEN Text reichen unsere Englischkenntnisse bereits!) und gleich zuvor oder hinterher auch „Je taime“ wonnomplüüüü – für 16jährige Musikarchäologen ein Volltreffer.

Schließlich noch „A hard days night“ als „dritte Neuvorstellung in dieser Woche“ aus irgendeiner vorsintflutlichen Hitparade. Die Moderatorenstimme kennen wir schon nicht mehr. Wir strahlen bereits beide um die Wette, aber dieses Fetzchen Zeitgeschichte kommt uns vor, als hätten wir eine neue Urmenschenart oder ne Nummer kleiner eben – das Bernsteinzimmer entdeckt! Uralter Beatlesscheiß als Neuvorstellung! Somit erleben auch die wieder ein Revival für die nächsten Monate! Ein paar Songs später folgt ein Instrumental, das wir in Zukunft hoch verehren werden, weil es niemand kennt, wir somit „DIE KENNER“ sind: „Psycho-Rock“.; der ebenfalls unbekannte Moderator sagt den Titel hinterher ab und nennt als Interpreten einen „Sir Henry“; was wir dankbar in die Liste übernehmen. Jahrzehnte später wird sich herausstellen, wie sehr er nuschelte, denn „Sir“ Henry war „Pierre“ Henry.

Höhepunkt aber ist eine ca. 3minütige Filmmusik, bei der ich sofort die Kanu-Fahrt von Gojko Mitic als Chingachgook vor Augen habe. Da auf den Bändern aber keinerlei Ostmusik vorkommt, muss auch das was aus dem Westen sein. Also ist es „die Winnetou-Melodie“ –  behaupte ich selbstsicher. Das MUSS was Indianisches sein! Kein Zweifel.

Knapp daneben. Wie sich Jahre später, bei Erscheinen der AMIGA-Quartett-Single, herausstellt, war es das Schatz-im-Silbersee-Thema.

Neulich starb 92jährig Martin Böttcher. Riffmaster erinnerte an ihn; den Mann, der den Soundtrack zum Karl May Schmökern schuf. Musik, die auch dann noch gefallen kann, wenn man melancholisch feststellt, dass die Filme, für die sie erschaffen wurde, reichlich Patina angesetzt haben und inzwischen schwer erträglich sind.

Leg ich heute Böttcher auf; die Winnetou-Soundtracks in Originalabmischung; ( VORSICHT! Neueinspielungen ohne Flair gilt es zu vermeiden!) fährt nicht mehr nur Gojko Kanu, sondern da sitzen auch regelmäßig zwei langhaarige Spackos mit roten Ohren unter den Mähnen vor einem alten Smaragd…

Seufz. Schee wars. Schee.

Wie woar Weihnachten?

Olda Moa, du bist scho hundert Joahr! Sags mir, wie des woar – wie woa Weihnachten?

Ja, wie war Weihnachten eigentlich? Bevor es mit strangulierten Weihnachtsmannatrappen an Hausfassaden in amerikanischem Lichteroverkill verkam?

Bild (9)Weihnachten – das war früher eine dunkle und anheimelnde Zeit. Kein „Jingle Bells“ Geplärr in den Läden. Echte Kerzen am Weihnachtsbaum. Das Christkind kam und brachte Geschenke, aber niemand hatte es je gesehn. Im Kindergarten redeten einige vom Weihnachtsmann. Das fand ich blöd. Die verwechselten da was mit Nikolaus! Auf der letzten Seite des „Struwwelpeter“ war das Christkind immerhin deutlich abgebildet! Irgendwann im Dezember war einen ganzen Tag lang das Wohnzimmer abgeschlossen. Die Wohnzimmertüre hatte so einen unverkennbaren Quietscher, wenn man sie bewegte, aber immer wenn ich den an diesem Tag hörte, kam ich zu spät in den Flur: Das Christkind war nie zu erwischen. Abends bimmelte dann so eine Art Kuhglocke – na eigentlich eher Kälbchenglöckchen – ganz hell. Jetzt durfte ich in den Flur und die Wohnzimmerklinke betätigen: Quieeetsch! Sie ging auf! Vorsichtig eintreten und Augen aufreißen!

Ein weihevoll geschmückter Baum! Riiiiiesig (für einen Steppke von knapp einem Meter Körpergröße)! Darunter wie jedes Jahr diese herrlich bunte Krippe aus Lineol-Figuren, mit der ich gar nicht (oder nur unter sehr strenger Aufsicht von Großmutter:

„Nur hier a‘m Tiisch! Und ne a’m Boden! Da tussts no‘ a’trampln!“)

spielen durfte und die mystischer Weise, bald nach Weihnachten auch wieder verschwand. Die behielt ihre Anziehungskraft auch später noch, als ich weder an Christkind noch an Weihnachtsmänner glaubte. So sehr, dass ich manches Jahr regelrecht zu den Geschenkpaketen geschubst weden musste: Da, wickel‘ doch erst mal die andern Sachen aus!

Ich wollte die Krippe und zwar für’s ganze Jahr! Die Königsfiguren hätten so gut zu den Indianern gepasst! Denen baute ich gern Paläste aus Holzklötzen (später PeBe-Steinen) und die hübsche Maria wurde von bösen Cowboys entführt, aber der schicke blonde Engel holte die Indianer zu Hilfe und verriet ihnen das Versteck… Ein Mist aber auch, dass kein Petrus mit Schwert dabei war! Der hatte da so einem „Bösen“ ein Ohr abgeschlagen, hatte Großmutter erzählt! Das war das ganz große Manko dieses Figuren-Ensembles: Unbewaffnet und einige kniend – die konnten sich bei Gefahr alle nicht selber helfen! Da hatten Chingachgook und Toka-ihto viel zu tun!

In der Zwischenzeit waren Umzug ins Eigenheim und die Einschulung passiert. Aus der letzten Kindergartengruppe waren nur der zapplige Andreas und der fiese dicke Bernd in meine Klasse geraten, da die andern alle Hortkinder wurden, wir aber nicht. Die fremde Mehrheit war sich einig, dass der Weihnachtsmann kommt und nicht das Christkind. Die kannten das gar nicht, zeigten mir’nen Vogel – und so vollzog auch ich den Glaubenswechsel schnell und eigentlich problemlos. Ohnehin war der nur noch für ein Jahr nötig, denn einer von den anderen Andreassen klärte uns in der 2.Klasse auf: „Alles Quatsch! Das sind die Eltern!“ Dann war DIESE Mystik hin.

Aber es gab auch gewisse kindliche Ängste auszuhalten: Nicht vor der Rute oder eventueller Unbeschenktheit – nein – vor dem Thomaner-Chor! Zu Weihnachten sang der ewig lange im Fernsehen. Und sang er nicht, dann wurde er per Vinyl-LP eingespielt. Jedesmal lobten dann die Erwachsenen „die geschulten Stimmen“ und das „Gott sei dank gepflegte Erscheinungsbild“ (Gemeint war die konstante Abwesenheit von männlichem Langhaar!) und ich wusste: Mutti hat bisweilen eigenartige Bekannte mit abstrusen Erziehungstipps! So war ich schon in jene Schwimmlagerfolterfalle nach der 2. Klasse geraten und so wäre auch möglich, dass ihr irgendwann irgend so eine Tante was vorflötet, vom „Vorsingen in Leipzig“ – schwups müsste ich Thomaner werden, im Internat leben und auf lange Zeit weiter so scheiße aussehen wie die; und auch diesen ganzen alten Kram plärren „Jauchzet! Frohlocket! Mist ist erschienen!“ Mir graute davor. Zwischen 11 und 13 war es am schlimmsten: Wann würde der Satz fallen:

„Na? Hättste nicht Lust, da auch mal zu stehen?“

Aber dazu kams nie. Vielleicht lags an der fast täglichen Akkordeon-Marter, die in meinen Erzeugern die Wahrnehmung reifen ließ: Also belesen isser – aber leider völlig unmusikalisch!

So blieb die Vorweihnachtszeit bis in die Wendejahre anheimelnd schön. Die Stadt war dezent geschmückt. Der Verfall wurde uns, die wir in ihm lebten, nicht bewusst. Wir waren mit leben beschäftigt. (Heute erschrecken wir manchmal, wenn wir Fotos von damals sehen). Das Leben floss gemächlicher und abgesicherter dahin. Nie war das so spürbar, wie im Dezember. Damals hatten eigentlich alle gute Laune, kauften Geschenke, stöberten in den Läden – die zu dieser Saison auch deutlich besser bestückt wurden als sonst; da muss es irgendwo Depots gegeben haben, die für die Leipziger Messen und die Vorweihnachtszeit der Umgebung Vorrat hielten. Die Eis-Diele in der Herrenstrasse wurde alljährlich für die 4 Adventswochen Spielzeugladen! Der 6. In der Stadt! (Heute: Ein einziger kleiner widerborstig Überlebender!)

Älter werdend vollzog sich der Schwerpunktwechsel von den Spielwaren-Läden zu „Kohlmann“, dem Buchladen auf dem Markt. DER wurde praktisch mein zweites Wohnzimmer. Links die Regale mit den Jugendbüchern. Davor die Tische mit der Erwachsenen-Literatur. Rechts die Tische mit den Bildbänden und dahinter – das Land Kanaan! Die antiquarischen Angebote! Vier Schränke! Magnetisch. Suchterzeugend! Ab ungefähr 14 war ich dort fast täglich. Ich sah sofort, welches Buch vom Vortag inzwischen verkauft worden war. Und kannte mich phasenweise besser aus als der Chef.

Er (halblaut zu sich selbst): „Ich hatte doch neulich 2 Bände Hauff hier eingestellt? Sind die noch da?“

Ich: „Da drüben. Zweiter Schrank. Zweites Regal.“

Er: „Öh. Ach da! Nicht zu fassen!“

Wenn ich nicht gerade Kassetten brauchte, blieb mein Taschengeld bei Kohlmann. „Der Zug der Cimbern“, „Die Derwisch-Trommel“, Brachvogels „Oberst von Steuben“, Walter von Molos „Fridericus“, Reinwaldts „Walter von der Vogelweise“ ….

Und auch der schien Waren zurückzuhalten für Weihnachten!

Zu Hause dann im Halbdunkel der Kinderzimmer-Mansarde diese alten Schmöker lesen, begleitet von Pink Floyd- oder Genesis-Chorälen. War kein Lesestoff zur Hand, wechselte auch der Sound. Um Weihnachten herum packten mich meistens die 50er: Vorwiegend Doo Wop Aufnahmen aus Werner Voss‘ Rock&Roll Museum: Dumpf und bullig wiedergegeben über ein altes Holzkastenradio, auf dessen Senderskale noch Städte verzeichnet waren wie Königsberg und Breslau. Das passte!

Da jede Adventszeit – mal mehr, mal weniger früh-  Oma und Opa aus Frohburg bei uns einzogen, und manchmal auf mein Betteln hin bis Februar blieben, ergab sich nach manchem Abendbrot das gemeinsame Abtauchen der Erwachsenen in Erinnerungen aus „guter alter Zeit zu Hause in der alten Heimat“, was sich hinterher bei „Red sails in the sunset“ , „Tellstar“ und „we‘ll always remember Buddy Holly“ hervorragend musikalisch verarbeiten ließ, denn sowohl die Erlebnisse all der anderen, als auch diese Wirtschaftswunderklänge waren ja „vor meiner Zeit“ gewesen.

Auf Tonleitern stieg ich in sie hinab: Bei diesen Klängen sah ich dann meinen blinden Opa jung, schlank und sehend aus der Schule kommen und den Bäckerlehrling darauf hinweisen, dass der gerade „Bäkerei“ ohne „c“ über das Schaufenster des Ladens pinseln wollte. „All I had to do is dream“. Ich sah meinen Vater mit und ohne HJ-Uniform die Bubi-Kutsche durch den Ort lenken, der heute diesen unaussprechlichen tschechischen Namen führt. Ich sah ihn mit verschwollenem Gesicht bei Zittau über die Grenze schleichen. „Running like a dog to the everglades“; Großmutter hinterher. „Still as the night, cold as the wind“. Ich sah den Keller mit den von den Russen zerschossenen Einweckgläsern und hörte sie feiern, „Tallahassee Lassie“, während ich von Mal zu Mal mehr begriff, wie jene Höllennacht im Mai’45 vermutlich abgelaufen war, über die jedes Jahr ein Detail mehr zum Vorschein kam: „thats when you learning the game“… Es gruselte auch im Nachhinein noch, aber zugleich ließ es mich die Geborgenheit der Mit70er intensiv empfinden. Zum Abstellen dieser untoten Geschichten reichte es ja, das Tonband zu wechseln: Neuzeitlichere Klänge „Carry on my wayward son!“ – und weg war der Spuk!

Mit kalten Füßen unter ABBA-Beschallung auf irgendwelchen Weihnachtsmärkten herumzustehen und sich Glühwein einfüllen zu lassen, bloß weil irgendwer das für „kuhl“ erklärt hatte, wurde nie „meins“.

Bis in die Wendezeit blieb es im Wesentlichen in diesem anheimelnden Rahmen: Alle schienen Zeit zu haben. Alle suchten und fanden Harmonie im Kreise der Ihren oder gut gelaunter Kollegen bei Weihnachtsfeiern der Betriebe. Die Weihnachtsferien allerdings waren unter Ulbricht moderater gelegen als unter Honecker. Zu Unterstufenzeiten begannen sie, wenn das 18. oder 19. Fensterchen im Adventskalender geöffnet wurde, anschließend war bis zur Bescherung noch reichlich Zeit zum Schlitten fahren und Fernsehgucken. In der Ära Honecker schlich der Ferienbeginn immer näher auf den 24. zu, bis er dort mitte der 80er auch ankam. Letzter Schul- bzw. Studientag 23. 12. – Sauerei!

Auch der siegreiche Klassenfeind beließ es in den 90ern dabei. Und legte noch einige böse Schippen drauf: Hatte man Ulbricht einst alle Jahre wieder unterstellt, dass er im nächsten Jahr „sicher“ das russische „Jolkafest“ übernehmen würde, was Weihnacht und Sylvester auf einen Tag zusammengeführt hätte, so war das eher jetzt eingetreten: Zwar blieben die Feiertage alle an ihrem Platz, aber der Jahresend-Stress mit Arbeit an den Wochenenden plus „Pflichtfeiern“, wie „Weihnachtssingen“ und unmotivierten „Teamfeiern“ mitten im Jahresend-Abrechnungswahn machten Vorfreudestimmung zunehmend unmöglich. Am 24. schmeißt man sich schließlich ein paar Geschenke zu, guckt sich um – und Weihnachten ist vorbei.

Die schleichende Übernahme der amerikanischen Hyperillumination ganzer Häuser lässt die Kluft zwischen schönem Schein und innerer Leere immer heftiger empfinden. Der Small Talk, den man so mitbekommt, tut ein Übriges: Wer alles, wie sehr, von den Besuchszwängen genervt ist, was gar nicht der Fall wäre, würde man sich gesellschaftlich etwas Zeit zur Besinnung und zum Abtouren zugestehen…

Hasse ich Weihnachten? Nein! Keinesfalls. Ich vermisse es!

„Pass auf , Burli! Weihnachten! Das woar das scheenste Fest im Joahr!

 

 

Das falsche Bild vom Dean

Letzte Woche wäre Dean Reed 80 geworden, wenn er sich 1987 nicht das Leben genommen hätte.

Der Brauseschenk erinnerte an ihn. Ich schließe mich nun an, aber ein bisschen anders.

Wer war Dean Reed?

„Früher hab ich Mist gekarrt, heut reitet mich Dean Reed.

Und jede Frau wird neidisch, wenn sie mich im Kino sieht.“

(aus „Ein Pferd wie du und ich“)

MTS, die ostdeutsche Spass-Combo, brachte 1976 auf ihrem Debutalbum auf den Punkt, was alle dachten: Dean Reed = Mist.

Denke ich an meinen pubertären Bekanntenkreis von damals zurück, so fällt mir niemand, aber auch absolut niemand ein, der Dean Reed gemocht hätte. Nicht mal die allerletzten Dödel aus der hintersten Ecke des Schulhofes, oder aus dem Dom-Viertel.

Beziehe ich die damaligen Erwachsenen jüngerer Jahrgänge ein, so muss ich sagen, dass – ähem – meine Mutter und meine Tante ihn attraktiv fanden. Was er sang oder redete war dabei naturgemäß Nebensache. „Talkin‘ bout Sex, Babe!“ Er war eine Art David Cassidy für weibliche ältere Jahrgänge in Osteuropa.

Dummerweise wollte er jedoch immer als Friedenskämpfer, zweiter Che Guevara oder sowas ernst genommen werden – und das ging gründlich schief. Liest du heute den Wikipedia-Eintrag zeichnet der durch Weglassung seiner tatsächlichen DDR-Resonanz ein vollkommen falsches Bild. Richtiger war das, was letzte Woche der MDR sendete „Ein Abend für Dean Reed“.

Besser noch war vor 10 Jahren, als Dean Reed 70 geworden wäre, der Dok-Film „Der rote Elvis“. Der kippte mein Bild von früher. Fast möchte ich mich für all die Häme von einst entschuldigen. Inzwischen bemitleide ich ihn.

„Oh say Da-da-da-da-da, Oh sing ja-ja-ja-ja-ja- oh sing yes-yes-yes-yes-yes….“ (für die internationale Solidarität, den Weltfrieden usw.) Damit lernte ich ihn via Ostfernsehen 1973 kennen. Weljugendfestival in Berlin. Ich war 13 und deshalb zu Hause in der Provinz und nicht in Ostberlin beim DDR-Woodstock. „Beatmusik“ war seit kurzem wieder erlaubt, wurde nun (zensiert)gefördert und „Unser Mann aus Colorado“ ist da auf einmal auf dem Alex. Er singt eben Zitiertes und  „Mamie Blue“ (oder irgend sowas ähnlich Zeitgeisttypisches) und schließlich „Immer lebe die Sonne“, was jeder Ossi dank Unterstufenmusikunterricht auswendig kann. Mit 11 in Klasse 5 in Russisch wurde es auch noch in Originalversion geträllert: „Busekda buseck Sonnze, buseggda buduja….“ Völlig falsch beraten, der Mann! Wenn du sowas vor 16-20jährigen schmetterst, bist du DURCH! Denn beim Älterwerden ging in der Regel als erstes diese verordnete Freundschaft zur Sowjetunion verloren. Man begann Propaganda von Realität zu trennen. Er sang da diesen vorpubertären Russen-Kram, was männliche Zufallshörer sofort vertrieb. Die Mädchen blieben – der Hormone wegen – noch ein Weilchen länger. Er sah ja nun auch wirklich (leider) gut aus!

Dean Reed war anfang der 60er von Colorado nach Lateinamerika gegangen, hatte den Kolonialismus der USA zu durchschauen begonnen und prominente Kontakte zu linken Argentiniern und Chilenen aufgebaut, bevor ihn die Junta Argentiniens ende der 60er rausschmiss und er konsequenterweise nach Moskau ging. Er war dort im rockmusikalischen Nirvana als kommunistischer Ami tatsächlich sowas wie ein „Roter Elvis“ und konnte Massenerfolge feiern – dann aber schlug das Schicksal böse zu: Auf einer Dok-Filmwoche in Leipzig als Ehrengast aus Moskau verliebte er sich in seine Dolmetscherin und entschied sich im kleineren Deutschland zu bleiben. In dem Glauben, es liefe hier alles so, wie in Moskau, reihte sich hier nun Fehlentscheidung an Fehlentscheidung:

Er stellte sich erst einmal gut mit der Bonzokratie, in an american way: Wer mit ihm 3 Sätze gewechselt hatte, war „friend of mine“ und wurde in darauffolgenden Gesprächen von ihm auch so erwähnt. Seine ersten „Freunde“ waren dem entsprechend Günter Jahn (damals Vorsitzender des Zentralrats der FDJ), Egon Krenz, Karl Eduard von Schnitzler … tja … und dann versuch mal noch ein Bein in die Tür zu kriegen, irgendwo in der gegängelten Künstlerszene.

In inflationären Interviews im „Augenzeugen“(Kinowochenschau), im Jugendfernsehen (Rund“ und „Jugend-Club“), im Radio („Hallo“ und „DT 64“) redete er in seeeeehr gebrochenem Deutsch oder gleich per Simultanübersetzer inhaltlich wie ein Musterschüler einer SED-Parteischule. „Sozialismus wird siegen!“ … „Alle guten Menschen kämpfen dafür!“ … „Reisefreiheit ist nicht so wichtig – keine Arbeitslosigkeit erdulden zu müssen ist wichtiger.“ Spätestens da winkte sein Publikum ab. Wer die Welt kannte, und Elend selbst gesehen hatte, wie Dean, der verstand ihn. Also niemand aus der DDR. 4 Jahre nach seinem Tod, sollten viele merken, dass sie da an der falschen Stelle abgewunken hatten.

Hinzu kam, dass er als amerikanischer Staatsbürger freien Zugang nach Westdeutschland hatte, zwecks Beschaffung von Gitarrensaiten oder Mikrophonen usw. Seine Musikerkollegen hatten diese Möglichkeit nicht. Zwar hatten sie über ihn als Zwischenhändler nun auch erleichterten Zugang zu westlicher Mangelware, jedoch war in Gesprächen ja weiterhin Vorsicht geboten, denn: Heute redet er mit dir und morgen mit Kulturfunktionären des Zentralrates oder des Zentralkommitees – Obacht!

Hinzu kam der Neid für all die behördliche Hilfe für alle seine Produkte: Werbung, Sendezeit, Studiotermine…

„Isch habe vülle Froinde in DDR und Sowfjettunion, aber auch in Chile und Argentina“, betonte er öffentlich immer wieder – aber die Hommagen nach der Wende zeigen das ernüchternde Ergebnis: Nicht ein DDR-Musiker der 70er oder 80er taucht da auf; nicht ein DEFA-Star will sich über ihn äußern! Was bleibt, ist ein alter Kulturfunktionär, der sich als „Hauptansprechpartner und Freund“ geriert und Gisela Steineckert, die ihre Meriten als Texterin einiger sehr guter Ostrocksongs hat, jedoch unter der Hand als gefürchtete Lektorin (sprich Zensorin) mit Sicherheit auch die leibhaftige Karrieregefahr für den ein oder anderen Künstlerkollegen darstellte. Besonders die Stern Combo Meissen ist äußerst schlecht auf sie zu sprechen.

eine von vielen

eine von vielen

Ob Schallplatte oder Film – eigentlich floppte alles, was er in der DDR unternahm: Die erste LP von ihm, eine Melodia-Lizenzplatte wurde in den 70ern von all den älteren Mädels noch gekauft, die späteren blieben liegen. Der Indianerfilm „Blutsbrüder“ 1975 wurde angepriesen wie ein DDR-Kinowunder. Zwei Superstars endlich vereint in einem Film! Gojko Mitic und Dean Reed! Ein Dreamteam – würde man heute sagen. Aber: Es war nur ein weiterer Propaganda-Gau. Der Film ist mies. Plakativ. Eine Art „Der mit dem Wolf tanzt“ für arme. Als ich Costners Meisterwerk anfang der 90er im Kino sah, fühlte ich mich mehrfach an Dean Reed erinnert. Meine Bilanz: Ja soooo kann die Thematik eines Squaw-Manns bei den Dakota wirken. Aber sowas braucht eben auch Zeit für die Charakterentwicklung. Costner brauchte fast 3 Stunden. Blutsbrüder drängt das Thema auf 90 Minuten und die abrupten Sprünge in der Handlung lassen den Plot nicht funktionieren. Brauseschenk war 1975 jünger. Ihm schien er gefallen zu haben. Ich war zuvor schon von „Tecumseh“ schwer enttäuscht und hatte mit „Ulzana“ meinen Indianerfilmabschied genommen. „Blutsbrüder“ tat ich mir Jahre später erst im Fernsehen an. Nee, ich war nicht mehr die Zielgruppe. Aber auch in jüngeren Jahren hätte ich automatisch immerzu erwartet, dass sich dieser US-Cavallery-Überläufer da, gleich nach dem Fahnenstange zerbrechen die Gitarre herzaubert und „buseckda busseg sonze“ trällert.

2008 in einer Veranstaltungsreihe „Kino für Kenner“ wurde nun „der rote Elvis“ aufgeführt, gesenkter Eintrittspreis, weil die Betreiber wohl meinten, da würde sowieso keiner kommen. Sie hatten aber sogar den Macher eingeladen, zwecks anschließender Fragestunde. Verblüffenderweise war der Laden rappelvoll. Und noch mehr verblüffte mich, was der Film alles zu Tage förderte.

sehenswert

Sehenswert!

Der ergreifendste Moment war eine Sequenz von einem Auftritt 1983 in Chile. Pinochet-Years. Jeder, der einen kritischen Ton sagt, könnte verhaftet und gefoltert werden. Todsünde vor allem ist es, „Venceremos!“, die Hymne der Unidad Popular zu singen. – Und Dean tut genau das! Es ist nur ein kleiner Club oder sowas. Aber als letztes Lied eines Konzertes nach spanischer Ansage (mit deutschen Untertiteln) „Singe ich jetzt noch was für euch“ Und als er los legt — hält die Kamera ins Publikum und voll auf das Mienenspiel der Zuhörer:

Schreck, Freude, Angst, Umherspähen(wo lauern die Schergen?!), tränende Augen, zweifelnde Blicke zur Kamera, leises Mitsingen ….

Für den ostdeutschen Kinogänger der pure Gänsehautmoment, verbunden mit der inneren Scham, weil sich die eigene Erinnerung einmischt: Chilesolidarität wurde uns bis zum Überdruss verabreicht. Was hamwer nich‘ an Papierrosen aus der „Jungen Welt“ schneiden müssen und für uns unlesbare spanische Vordruckpostkarten in der Schule unterschrieben, abgegeben, eingesammelt, in Postsäcke verschnürt; auf dass Pinochet Angst kriege vor der geballten Macht der jungen Generation der DDR und das Foltern beende! Wo mögen die gelandet sein? Kaum war in Vietnam Ruhe, gabs Altstoffsammlungen für Chile. Mai-Demos mit Chile-Transparenten. Kirschfestumzüge mit Mai-Transparenten, also nochmal Chile. Pflichtveranstaltung! Meistens Nieselwetter. Somit wurde aus „Venceremos“:

„Wenn es regnet, wenn es regnet, gehmor heeme tra-lalala! Wenn es regnet, wenn es regnet, is von uns balde kennor mehr da!“

Entschuldigung Dean!

 

ach quatsch

Finde den Fehler II

PS: Im Sommer 2017 meinte uns die ARD mit dem 3-Teiler „Honigfrauen“ beglücken zu müssen. Zwei westdeutsche Drehbuchautoren haben sich vorgestellt, wie junge Ossis 1987 im Ungarnurlaub drauf gewesen sein könnten. So stirbt dort ein Teenie beim Fluchtversuch, nachdem er zuvor sich mehrfach als Dean Reed Fan geoutet und Dean Reed Songs am Lagerfeuer gesungen hat. Finde den Fehler!

Joe Walsh’s sanfter Kumpel

Neulich tauchte bei der Kraulquappe ganz beiläufig die Formulierung vom Soundtrack des Lebens auf und schon hatte ich meine nächste Inspiration. Im Auto laufen gerade diverse erlesene 80er Klänge (Soundtrack des Lebens) und da darf bei Bludgeon einer nicht fehlen:

Der fast unbekannt gebliebene, sanfte Kumpel von Joe Walsh

bst

Es war 77/78 in der Turnhalle in der 11. Klasse. Unser Sportlehrer holte mit der A irgendeine Leistungskontrolle nach und die B hatte die Aufgabe, Judomäßig bissl Fallschule zu proben, als Bludgy mit Christian am Rand stand, um sich gegenseitig die Aufnahmen vom Abend zuvor herunterzubeten: Devo rauschfrei, weil guter Empfang war: Mongoloid (So’n Song wär heute auch nicht mehr denkbar), Jacko Homo (ooch nich‘ mehr), Satisfaction. Christian kontert mit Nick Lowe, den Residents und den Recillos. (Der kriegt den RIAS rein! Neid-Neid-Neid!) Sperber-Thomas gesellt sich dazu und lässt beiläufig fallen:

„Kennt ihr Dan Fogelberg? As the Raven flies?“ Seine Beute von HR 3.

davManchmal gibt es Zufälle, die gibt es einfach nicht. Ich las gerade Reinwaldts „Walter von der Vogelweide“; einen spannenden antiquarischen Roman, voller Burgenromantik und dank „Sängerkrieg auf der Wartburg“ auch voller Parallelen zur Gegenwart von 1978: Punks vs. Boring old Furts. Der Vogelweidrich als die abgerissene Rockstar-Variante (kurze Songs), die sich mit dem gediegenen Herrn Wolfram von Eschenbach (Parzival/Konzeptalbum/ also Progritter) messen muss.

Außerdem hatte ich dank „Gutem Kameraden“ herausgefunden, dass Vogelweidrichs Wiege wohl doch nicht in Südtirol, sondern im Sudetenland gesucht werden muss, weil es im Dreiländereck von Franken/Thüringen/Böhmen einen Edelhof dieses Namens gab. Das würde auch die Häufigkeit der Besuche auf der Wartburg und die finale Ansiedlung des arrivierten Barden bei Würzburg erklären. Südtirol ist für einen Fuß-Pilger einfach zu weit ab.

Nun kennt Sperber-Thomas einen Ami, der fast genauso heißt und obendrein mit seinem Song auch noch einen Barbarossa-Beitrag leistet, der da sprach:

„So gehe hin oh Zwerg, und sieh ob noch die Raben fliegen um den Berg!“

Also auf zu Tommy und aufnehmen. Die Beute besteht aus eben jenem Song und „There‘s no place in the world for a gambler“. Noch’n Vogelweide-Bezug, denn auch der konnte lange seinen Platz nicht finden.

Fogelberg-Musik ist weit ab von Punk zu verorten. Aber ’78! Das war auch die Zeit von „Year of the cat“, von „Bakerstreet“, von „a Spaceman came travelling“ und nicht zuletzt von Novalis „Wer Schmetterlinge lachen hört“. Letzteres hatten wir alle, dank meiner, auf Band. Unvollständig. 4 von 7 Minuten. Der Ausschnitt aus Gottschalks „Szene‘78“ eben, so wie er dort gelaufen war. Wir schafften es problemlos gleichzeitig Punk und Romantiker zu sein. Ich löschte ja schließlich auch die „Tormato“ nicht, bloß weil da irgendein punkiger Engländer mit Grundschulbildung herausrotzte, das wäre nix.

Schwerenöterisch im Whirlpool unserer feelings mit 17/18 fühlten wir uns – eben noch schüchtern und resignierend, morgen schon Eagle-mäßig on Top von  „one of these-one of these – one of these crazy ol‘ nights…“

„Time passages! Buy me a Ticket on last train home tonight.“ Und schwups sind wir im Jahr 1983; dem Jahr, in dem einige Kommilitoninnen Mutter wurden, andere bereits „Ja“-sagten und man selbst immerhin -stolz wie tausend Spanier- ‘nen Verlobungsring trug. Der Feten-Taumel der ersten beiden Studienjahre hatte sich totgelaufen. Die Luft war raus. 1984 würden wir nur noch vereinzelt im Wohnheim aufschlagen und unsere Diplom-Seminare absitzen. Der Soundtrack „unserer Jahre“, die NDW, starb ebenfalls aus. Ideal behaupteten, nie dazu gehört zu haben. Nualas wunderbares zweites Album „Energie“ floppte. Keks wurden verboten. Den Deutschland-Deutschland-hörst-du-mich-Markus hörte man noch kurze Zeit auf Englisch als TxT, dann nie wieder. DAF und Palais Schaumburg lösten sich auf…

Es schien allerhand untergehen zu wollen, kurz vor dem Orwelljahr.

Da geschah Fogelberg zum zweiten Mal: Gleich zwei Moderatoren des NDR lobpriesen tagelang ausführlich die Zeitgleichheit des Erscheinens von „Blue Mask“ und „Innocent age“. Lou Reed contra Dan Fogelberg. New Yorker-Westberliner Drogenstrichsurvival-Image gegen kalifornischen Einsiedler, für den Joe Walsh die Klinken putzte, damit die Welt von ihm erfahre. Beide annähernd gleichalt und nun am Scheitelpunkt in einen neuen Lebensabschnitt.

Während Onkel Lou noch mächtig an den Sielen reißt, die er sich doch eigentlich selbst per Eheschließung angelegt hat, reflektiert der weise, ruhige Dan anlässlich eines erlebten Klassentreffens seinen Werdegang und die Gefühlslawine bei Heimkehr nach jahrelanger Abwesenheit. Alles wird zu Songs gerinnen, wenn er wieder fährt:

– Erinnerungen an den Vater und dessen Musikalität; denn wer in einer Hobby-Band musiziert, verstößt den Sohn nicht, wenn er versucht, ein Musiker zu sein;

– an die 1. Liebe, die unglücklich verheiratet zu sein scheint,

– die Klassenkameraden, die pransen, wer nun den größeren Erfolg über die Jahre einfuhr,

– das alte Kinderzimmer und das Weben der Geister der Kinderzeit, die sich ganz hinten am Korridor verabschieden wollen….

Eine eigentlich tonlose Stimme. Austauschbar: Crosby, Nash, McGuinn oder Glenn Frey… Aber Texte aus der Meisterklasse: Dylan, Hunter, Lightfoot , Robertson… Ein Meilensteinalbum der 80er. Ganz im musikalischen Geist der 70er. Irgendwo zwischen Eagles und Chris de Burgh. Und ganz ohne Elektro-Drum-Kit! Zeitlos schön. Wie eben das „INNOCENT AGE“ auch gewesen war.

dav

Das Band mit den Rundfunkbruchstücken hörte ich damals schon durchsichtig. Ich ahnte, dass es so kommen würde. Dem momentanen Überdruss der Gesichter im Wohnheim würde die Sehnsucht nach Seminargruppentreffs folgen, kaum dass wir raus sind. Und genauso kams:

Nach all den Jahrn/ Same ol’lang syne

(Dan Fogelberg / dt.: Bludgeon)

(Der Song hats mir ganz besonders angetan. Ich hab mich nun schon zum zweiten Mal geplagt, ihn zu übersetzen. Hm. Besser als die erste Fassung, aber: Eine 3. Variante dermaleinst nicht ausgeschlossen.)

 

Ich sah sie wieder dort im Edeka

Zu Hause, Schneefall im Advent

Stieß sie von hinten bei den Kühltruhn an

Frag einfach, ob sie mich noch kennt.

 

S ging nicht sofort, wir waren älter nun

Gesicht gereift in all den Jahrn

Sie rätselt, dann erkennt sie und umarmte mich

Als wärn wir die, die wir mal waren.

 

Wir schoben ihren Wagen an die Kasse ran

Bezahlen, packen und dann raus

Dann standen wir am Parkplatz rum

Begafft, doch machten uns nichts draus.

 

Wir suchten nach nem Café; hatte alles zu

Nur an der Tanke vier „to go“

Dann saßen wir zusammen dort in ihrem Car

Und laberten drauf los, ganz einfach so.

 

Wir wollten diese Lücke fülln

Die nach dem Bruch da war

Doch keiner von uns beiden wusste wie

Das wurd uns leider klar.

 

Sie war liiert. Ihr Mann ist Architekt.

Der sehr durch Vornehmheit besticht

Dem sie zum Dank dafür das Tischlein deckt

Von Liebe sprach sie nicht.

 

Ich sagte, dass die Jahre freundlich warn

Sie sei so schön wie eh und je

Sie blieb ernst, ich spürte: Oh das passt jetzt nicht

Ich glaub, es tat ihr weh.

 

Meine Platten kennt sie aus den Läden hier

Doch keinen Song in all den Jahrn.

Ich lob wie immer halt das Publikum

Und fluch wie immer auf das Fahr’n

 

Wir tranken auf die Zeit von einst

Und tranken dann auch auf das „Nun“

Unsre Partner warn im Geist dabei

Drum blieben wir immun.

 

Wir küssten nicht, wir tranken nur den Kaffee aus

Dann schwiegen wir betreten, wie vor Jahrn

Doch fehlt der rote Kopf, die Gänsehaut

Sie wollte schließlich fahrn

 

Für nen Moment nur war ich wieder Teen

Doch wusste ich, ich muss jetzt gehen

Drum stieg ich aus und ließ sie wieder ziehn

Und blieb am Parkplatz stehn.

 

Der sah dann plötzlich wie mein Schulhof aus

Ich fühlte mich wie einst vor vielen Jahrn

Als ich sie schon mal gehen ließ

The way we were – so wie wir warn.

 

Ich sah mich wieder in dem Streit von einst

Und konnt’s wie damals nicht ertragen.

Der Schnee verwandelt sich in Regen – nun;

So stieg ich ein und startete den Wagen.

Everett Ruess

Originaltext: Dave Alvin

deutsche Version: Bludgeon

 

Bin geborn als Everett Ruess

Gelte für tot seit 60 Jahrn.

Die Kiste war bereits mit 20

Ziemlich deutlich schon verfahrn.

 

Ganz weit draußen in den Badlands

Kappt ich die Leine ziemlich bald

Tanz nicht mehr nach eurer Pfeife

Ob ihrs versteht, das lässt mich kalt.

 

Ich wuchs auf in Kalifornien

Liebte Familie, Hund und Haus

Floh aber immer in die Sierra

Hielts daheim nie zu lang aus

 

Die Leute tratschten: „Issn Wilder.

Das verwächst sich sicher bald.“

Doch ich tanz nicht nach eurer Pfeife

Ob ihrs versteht, das lässt mich kalt.

 

So zähmt ich Mustangs bei den Cowboys

Sang Ghostsongs bei den Navajo.

Lern den Schlangentanz der Hopi

Malte Bilder, wurde froh.

 

Verkaufte alle meine Bilder

Für nen äußerst kleinen Preis

Tanzte nie nach eurer Pfeife

Wurd vom Jüngling bald zum Greis.

 

Ja, ich hass‘ die engen Städte

mit Neonlicht & Assiflut

Und ich hasse auch die Kirchen

Wo man Gott nichts Gutes tut.

 

Denn Gott ist draußen in den Canyons

Grüßts Schlangennest im Pinien-Hain

Ich weiß, ihr werdet‘s nicht verstehen

Und das wird auch nie so sein.

 

Es heißt, ich wurde längst ermordet

Oder bin erfroren irgendwo

Zerfetzt, gefressen von nem Puma

Oder geflohn nach Mexico

 

Mein Grab, das werdet ihr nie finden

Ein Grab, das muss auch gar nicht sein

Ich tanzte nie nach eurer Pfeife

bleib auch im Tode nun allein.

 

Aber am Ende ist das müßig

Hast du dein Leben froh gelebt

Ich tanzte nie nach eurer Pfeife

Und scheiß drauf, ob ihr mir vergebt.

 

taken from the Album „Ashgrove“

Frohburger Apostel-Legende

  1. Begegnung

Als Jesus durch ein Kornfeld ging, umgeben von seinen Jüngern, sah ihm eine 15jährige dabei zu.

Wir schreiben das Unruhejahr 1953. Das Mädchen steht vor der Auslage des Buch- und Bilderladens Berthold in Frohburg, fühlt sich an ihre vorpubertäre Nonnenschwärmerei erinnert und beschließt, das Bild anlässlich der anstehenden Silberhochzeit der Eltern zu kaufen. Durch Altstoffsammeln haben sie und ihre Geschwister ein paar Mark im Sparschwein. Den Rest gibt der bereits studierende, große Bruder Karl dazu, der froh ist, sich keinen Kopf mehr machen zu müssen, was man schenken könnte.

Das Bild ist im spärlich möblierten Vertriebenen-Haushalt der Schillers, im 4. Jahr der Wiedersesshaftwerdung sowas wie ein erster Luxusgegenstand. Vom Glauben hat sich zwar die Familie komplett verabschiedet, jedoch ist ein religiöses Gemäldemotiv eben doch so etwas, wie ein gutbürgerliches Kulturpflaster auf die Wunden, die Flucht und Statusverlust schlugen. Es findet seinen Ehrenplatz über den Ehebetten, den es bis 1988 nicht verlässt.

Das Jahr ’53 sollte in einem weiteren Punkt ein relevantes Jahr für die Schillers werden. Just zur Silberhochzeit in kleinstem Kreis, zu Hause im Wohnzimmer, kam ein Gast. Der war nicht geplant. Die Kuchenstücke waren im 6 Personenhaushalt abgezählt, der „gute Bohnenkaffee“ teuer und deshalb knapp. Noch war Zuteilung auf Lebensmittelkarte angesagt. Wer mehr brauchte, zahlte bei der HO kräftig drauf. Aber der große Bruder Karl hatte da in Leipzig einfach einen Typen eingeladen, den er am Ring-Café angesprochen hatte:

„Bist du nich der Findeisen-Seff aus Gobel; vo dor Fleischerei?“

Tatsächlich! Er hatte jemanden aus „der alten Heimat“ wiedergefunden! Noch dazu jemanden, dessen Familie in geschäftlicher Beziehung mit der Tuchfabrik gestanden hatte, wodurch in der Kleinstadt damals auch familiär ein loser Kontakt entstanden war. Das erste Abtasten beim Gespräch im Ring-Café – bei jeweils einer in die Länge gezogenen Tasse Kaffee – ergab, dass beide keine Kommunisten geworden waren und durchaus Ähnliches studierten: Human- und Veterinärmedizin. Weiter machten beide keinen Hehl daraus, wie elend sich die derzeitige familiäre Lage gestaltete, wodurch bei „Karl dem Großen“ die Spontan-Idee entstand, „Seff den Kleinen“ einzuladen, ohne aber das Jubiläum der Eltern zu erwähnen:

„Kummok am Wochenende nach Frohburg.“

Dem Findeisen-Seff war das nun extrem peinlich, als er da ohne Vorwarnung und lediglich mit einer kleinen Pralinenschachtel als Mitbringsel in die Silberhochzeit einer Familie platzte, zu der man früher „zu Hause“ halb in Ehrfurcht, halb aus Neid aufgeschaut hatte. Aber diese traditionelle Kluft hatte die gewaltsame Angleichung der Verhältnisse in jüngster Vergangenheit wie weggeblasen.

Er wurde nett aufgenommen und so wiederholten sich die Besuche. Immer öfter. Die 15jährige wurde 21 und von ihm geheiratet. Nun war das Band fest geknüpft.

Bald darauf kam ein gewisser kleiner Dakota ins Spiel. Er kränkelte. Wenn die junge Familie, die es ins 70 km entfernte Naumburg verschlagen hatte, in Frohburg weilte, achtete die nunmehrige Oma peinlichst darauf, dass „das Kind seinen Mittagsschlaf einhält“. Sie war darin die Einzige in der Sippe. Zwar hatte die junge Mutter selber mehrfache Anläufe unternommen, dem Beispiel anschließend zu Hause folgen zu wollen, jedoch gelang es dem kleinen Quälgeist stets, jenes unsinnige Ansinnen innerhalb weniger Tage weg zu quengeln. Wenn er dort mittags aus dem Kindergarten kam, war Mutter meist noch arbeiten und Großmutter war das Thema Mittagsschlaf wurscht. Welcher 4-11jährige ist mittags müde?

2. Behaarung

So ergab es sich, dass ich in Frohburg mittags immer im Schlafzimmer der Großeltern im Kinderbett am Fußende der Ehebetten lag. Südseite. Kein Rollo. Und der Jesus im Kornfeld war der einzige Aufhänger für die hellwache Phantasie, die unumgängliche Stunde zischen 1 und 2 totzuschlagen.

dav

Wenn ich es recht bedenke, begann mich dieses Bild schon sehr früh zu fesseln. Mit 4 oder 5 Jahren.

Wer der vorne war, wusste ich, dass der neben ihm Petrus sein würde, ahnte ich und wie die andern heißen, konnte ich nicht wissen. Die sahen alle aus wie eine Räuberbande, die in Nachthemden spazieren gingen und verbotenerweise quer durch ein Kornfeld trampelten. Wenn man ihnen das nachmachte, dann gab es garantiert einen Rentner, der am Feldrand gerade Karnickelfutter sichelte und selbst große Jungs noch zwischen den Ähren anbrüllte:

„Obor raus da! Ihr Baggaluden! Wolltor woll nich unsor Broood zordrädn! Du da! Du bisstoch  Dischlorn Seiner! Das meldch in euror Schule! Ihr Nüschdnutze iohr!“

Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen! (Zu meiner Zeit schlich man solcher Art ertappt beschämt von dannen. Es war nicht alles schlecht.)

Aber die sahen nicht wie Kinder aus. Räuberbande passte besser. Nur wurde ja der Jesus immer als „ein Guter“ beschrieben, wenn von ihm gesprochen wurde. Also entstand Gedanke Nr. 2:

Meine damalige Lieblingsmärchenplatte war die Single mit den 4 Bremer Stadtmusikanten. Aber der Schluss ist einfach Mist für einen Tierarztsohn:

Vier alte Tiere ohne Betreuung in einem Wald im Räuberhaus!

Was wird, wenn die Speisekammer leer gefressen ist? Wer zieht dem Hund die Holzböcke raus? Wer ruft den „Duktor“ an, wenn dem Esel eine Futterrübe quer im Hals steckt?

Wenn nun aber die Räuber Tierfreunde wären und mit den 4en zusammenleben würden, dann — müssten sie so aussehen wie die Typen da im Kornfeld. Sicher sind die gerade auf dem Weg zur Waldhütte, um ihren Tieren zu helfen. Wenn ich groß bin, trage ich Vollbart und befreie Troll in Kösen aus’m Zoo. Udo darf Petrus sein. Und Connie? Problem. Dem Jesus fehlt‘n einfach Mädchen in der Bande. Aber – ach! Connie kämpft eh wie ein Junge. Die is‘ einer von den andern. Der dritte da hat keinen Bart. Passt.

Um 1967 herum muss es gewesen sein, dass wir wiedermal auf dem Weg nach Frohburg waren und Vater aufschrie:

„Gucke! Jetz‘ geht das och bei uns los!“

Er hatte im Vorbeifahren eine astreine Jesuserscheinung am Roßgarten ausgemacht. Mähne, Bierglas, mehrere Ketten um den Hals stand da einer, der ungefähr aussah wie der Typ von Mouth & McNeal später. Der erste Stadt-Beatle von Naumburg. Ich hatte ihn auch gesehen und war schwer beeindruckt.

„Ungewaschne Gammler. Frisch ausm Knast! So läufst du mir nich’rum! Das hätt’s früher nich‘ gegehm.“

Hm. Wird schwierig. Das war sofort klar. Und ungefähr ein Jahr später kam Luggie in unsere Klasse. Da saß das langhaarige Vorbild nur 3 Bänke weiter im selben Raum!

Dann begann der Geschichtsunterricht in der 5.Klasse. In Klasse 6 allerhand Wissenswertes über Chlodwigs freie Franken, deren Markenzeichen die schulterlangen Haare waren!

Und immer noch in Frohburg nach dem Mittagessen: „Ab ins Bett! Wir wolln ja nicht, dass de nochmal so lange ins Krankenhaus musst! Also schlaf. Das stärkt den Körper.“

Ach Quatsch. Die Zweifel am Erwachsenenwissen nahmen zu.

Dann liegste so da und guckst den Hippies da im Kornfeld zu und ganz neue Fragen entstehen, die du auch prompt dann und wann in den Frisur-Streit einstreust:

„Vati! Du als Hitlerjunge! Wolltest du nie freier Germane sein?“

„Doch! So hamwer uns doch gefühlt!“

„Wieso hattet ihr dann immer diesen Topfschnitt freiwillig? Die Franken trugen schulterlang. Die Goten sicher auch. Wate von Stürmen trug Mähne als er Gudrun rettete.“

„Ach du. Das spielt keene Rolle. Das war ne andre Zeit. Lange Haare kratzen im Nacken. Und ziepen unter der Gasmaske.“

Nicht überzeugend. Zweifel an Erwachsenem Wissen Teil 2.

Tage später neuer Vorstoß, im Beisein von Großmutter und Mutter:

„Ihr habt doch früher alle mal an Gott geglaubt. Und die langen Haare haben nicht gestört. Der war nicht verlaust und so. Wieso darf ich dann nicht rumlaufen wie er?“

Großmutter: „Weilde dusst keene Wunder vollbring.“

Autsch!

Mutter: „Du gehst zum Friseur und ab! Keine weitere Diskussion!“

Großmutter: „Geh oke. Bist ja immer fesch wieder gekomm.“

Wie ein junger Theo Lingen fühlte ich mich dann in einer Klasse aus lauter Netzers und Kinskys, mit einem Ecke als Albert Hammond Verschnitt dazwischen. Warum bloß merken die das nicht!

Erst der Auftritt der Klaus Renft Combo in „Wünsch dir was – mit Irmgard Düren“ wendeten das Blatt.

„Wenn die sogar ins Fernsehen dürfen….“, hieß es plötzlich. Uff. Endlich Mäcke! Ende 1973!

Frisuren kommen und gehen. Anfang 1978 kam der Punk und somit der grade noch EOS kompatible Igel. Ein Irokesenkamm wäre für die Schule und die Familie zuviel gewesen.

 

3. Bewahrung

Die Jahre gingen hin und die Stagnation wurde spürbar. Die große Phrase der Partei „Alles zum Wohl des Menschen!“ war zum zynischen Witz verkommen, für alles was fehlte. Ärgerliche Jahre der Staatsagonie 87/88.

Oma aber hatte sich urplötzlich entschlossen, zu reden, wie es Staatsbürgerkundelehrbuch und „Neues Deutschland“ vorsahen. Das war neu und seltsam. Stets war sie eine eher unpolitische Frau gewesen, die sich schnell an die modernen Hobbies und Spleene ihrer Kinder und Enkel gewöhnen konnte. Für die letzte Etappe schien sie nun auf Verlässlichkeit zu setzen: Ein Alles in Frage stellen, kam für sie nicht in Betracht. Vielleicht weil der 1945er Sturz aus bürgerlicher Saturiertheit in Heimatlosigkeit und bitterste Armut zu tief gewesen war. Nun hatten sich die Kinder nach oben gekämpft und wiederum schien sich ein böser Umbruch anzukündigen, dessen Auswirkungen nicht abzusehen waren: „Ihr wisst ja nicht, wie gut‘s euch geht!“

Ihre Kräfte schwanden. In Frohburg im 2. Stock hätte sie sich nicht mehr allein versorgen können. Pflegeheime verboten sich von selbst. Sie blieb in Naumburg im Kreise der Familie ihrer ältesten Tochter und starb wohlversorgt in meinem Kinderzimmer. Das wurde ja nicht mehr gebraucht, denn ich war inzwischen „da hinten bei den Sorben“ in Lohn und Brot.

Zu Hause wurden die Trauerfeierlichkeiten zu einem historischen Ereignis, denn hier sah ich alle 7 Cousins und Cousinen zum letzten Mal komplett vereint. Einige seitdem nicht wieder. Es ist, als hielten manche Menschen die Fäden eines Netzes – und wenn sie fallen, fällt auch das Netz auseinander. Niemand hebt die Enden auf. Da war kein Zerwürfnis, nicht die Spur eines Anlasses; und trotzdem: Es sollte wohl nicht mehr sein. Ein Familientag, anfang der 90er, sehr unvollständig besucht, blieb Eintagsfliege.

Diesmal aber war noch alles in Butter. Erinnerungs-Rallye aller Beteiligten, kaum dass die Beisetzung vorbei war: Rekapitulieren all der Ferien in Frohburg, der Kauf des Tischtennis-Sets, als ich 12 war und das deshalb entstandene Abendritual:

Tante Ursel: „Aber wisstor überhaupt, dass de Muddi mitm Bludgy als er 12 war jeden Abend Tischtennis gespielt hat, oam Esstisch im Wohnzimmer?“

Onkel Karl: „Unse Muttor nach’m Oberschenkelhalsbruch, spielt noch Tischtennis im Wohnzimmer?!“

Ich (triumphierend): „Bei Rock&Roll! Denn hinter ihr lief dabei im Radio der aktuelle Plattenteller oder Memory Hits!“

Onkel Achim: „Und mir durftn uns ne muxen, weng Hofmann unter uns. Der koam dauern nörgln, dass bei ihm de Lampe däte waggln. Laufend kloppte der mitm Besen von unten an de Decke.“

Onkel Karl: „Und dannoch Rock & Roll. De letzte Schelle vo dor Mutter hoabich gekriegt, als ich Bill Haley offm Kochtöppen getrommelt hab.“

Tante Ursel: „Aber nich‘ wegen dem Haley, sondern weilde ihrn Kochlöffel abgebrochen hast.“

Eine Kamelle nach der andern tauchte auf, wurde belächelt und verschwand, wie schließlich auch die Trauergäste in alle 4 Winde.

„Wir räumen nächste Woche Omas Wohnung leer. Kannst du noch was gebrauchen?“ fragte Mutter kurze Zeit später.

„Das Jesus-Bild ausm Schlafzimmer.“

Mutters erstaunt-erfreuter Blick war einmalig.

Der Satz war mir einfach so eingekommen. Ohne Plan. Ohne Gier. Ohne „erben wollen“. Direkt aus dem Unterbewusstsein. Erst als  das Bild  in meinem Verbannungsdomizil im Schlafzimmer an der Wand hing, kam die Erleuchtung: Irgendwas muss bleiben!

Es kam mit mir herum. Von der Bauern-Kate im Sorbenwald in den Plattenbau im hohen Norden und wieder ein Stück zurück ins ererbte Haus der Schwiegereltern. Hier hängt es immer noch im Schlafzimmer. Die Hippies im Kornfeld. Oid wuarn sammor. Inzwischen klappts auch dann und wann mal mit ‘nem Mittagsschlaf darunter.

(Gemälde: Jesus im Kornfeld; von Etienne Azambré)

When the Walzer gets the Blues…

Der CD-Lift sinkt in den Player. Quälende Sekunden des Einlesens dehnen sich zu Stunden, Vinyl ging früher schneller los.

Dann: Rhythmisches Ticken, sowas ähnliches wie Kastagnetten werden dazu gemischt und — STREICHER!

                   Cinematoscope – Breitwandsound

Bild (6)kopKreischweiberbackground deireckt from the Black Messiah Rebirthing Church und „grummel grummel“ mischt schließlich ER sich dazu: Barry. Der dicke schwarze Autoreifendieb, der dann -behind vergittert windows- sein Elvis-Erweckungserlebnis gehabt haben soll. Die Chronisten sind sich uneins, ob es „Its now or never“ oder „in the ghetto“ war. Jedenfalls soll er die Message auf sich bezogen haben, aus dem Knast gekommen sein – und von Stund an war er ein Topkomponist, Toparrangeur,  Toporchesterchef. …. Wie das so geht im Land der platten Klopse, weiß ich auch nicht.

Immer, wenn dieses „Philly-Gedöns“ läuft, entstehen filmische Collagen in meinem Kopf. Ganz gleich ob es deren Bestandteile wirklich gab, oder ob sie lediglich der eigenen Phantasie entspringen. Philly war „mein first cut“. Musikalisch betrachtet. Im Dauerdudel des Deutschlandfunks der frühen 70er lief fast nur Trost-Mugge für die „Generation Großdeutschland“. Bert Kaempfert, Freddy Quinn, Heino, Roberto Blancos „Puppenspieler“, Katja Epsteins „Wunder gibt es immer wieder“ usw. Ab und an aber verirrte sich George McCrae oder Barry White ins Sendekonzept. Bild (8)Aufhorcher! Papa wusch in der Einfahrt unterm Fenster den Mosquitsch, der DLF plärrt dazu und plötzlich kommen da diese Philly-Einsprengsel: Wolkenkratzer-Assoziation, Vorspannmusiken aus Kino und TV. Damals schon. Heute kommt noch mehr dazu:

Es war die Zeit der Vorabendserien, „Eddies Vater“, „Partridge Family“, „Elefantenboy“; des zunehmenden Aufbleiben dürfens, wenn Kojak kam – der begann erst um neun! Immer häufiger blieb der Kanalwahlknopf des Fernsehers (statt auf der 6) zwischen 9 und 10 (also Klassenfeindsender) Werbefernsehen für „Männer“: Heiiiiii-ßes Wasser! Stiiiiiiiiebl eltron. Die General-Putzfee tanzt sexy durchs Haus. Rumms kam die Faust mit der Uhr durch die Scheibe! Timex!

(Der Sohn vom Nachbarn probierts am Schuppenfenster mit seiner Ruhla-Uhr, kaum, dass er sie bekommen hat….klirr, kaputt and bloody fingers!)

Lass uns frischwärts gehen! Hey is’das ein Ding… Die Pyramide aus „Westbüchsen“, deren Getränke-Inhalt längst durchs Gedärm der Vorbesitzer zirkuliert war, wuchs auf dem Bücherschrank, auf dem das Spulentonband noch fehlte. Die Haare durften endlich wachsen…

Die Erinnerungslawine wächst von Jahr zu Jahr. Leg ich sowas heute auf, dannnnnn…

…kommt da ein Muscle Car um die Ecke geschwebt, hält vor einem Wolkenkratzer, irgendwo in Deutschland. Sagen wir Berlin. Es entsteigt – Kojak, schiebt sich den Lolli in den Mund und winkt mit dem Kopf dem 70er Jahre Mercedes hinter ihm. Der überholt darauf hin und fährt weiter. Im Abrollen erkenne ich, der ich im 20. Stock die Szenerie da unten überblicke, die Tränensäcke und Derricks Hundeblick zu mir herauf auf dem Beifahrersitz…

Ich ahne, Kojak will zu mir. Aber er kommt zu spät. Er wird unten von Polizisten aufgehalten. „Sie haben den Fall nicht mehr“.

philly b„Wer dann? Frankie Cannon? Rockfort?“

„Inspector Columbo. Is‘ bereits oben. Rufmordkommission L.A.“

„Ennnn-zückend, Baby. Warum hab ich mir dann den Weg gemacht?“

Kojak dreht bei, steigt wieder in den Wagen und entschwindet in seinem rollin‘ Flugzeugträger lautlos um die nächste Ecke, um die zuvor „Harry“ schon seinen „Stephan“ geschaukelt hat.

Ich wende mich vom Fenster weg meinem Gast zu, der wiederum mir den Rücken zuwendet und meinen CD Schrank inspiziert.

„Was wollen Sie nun eigentlich?“, erkundige ich mich noch freundlich nichts ahnend.

„Nichts-nichts. Nur eine Formsache. Sie wissen doch Hassmails, Shitstorm, Rufmord, wie das alles heute heißt…“

„Ja; is‘ mir bekannt. Ich hoffte bisher, mich zurückgehalten zu haben.“

„Nun. Ein paar Fragen hätte ich da. Darf ich anfangen?“

„Bitte.“, es klingt mauliger als ich wollte.

„Sie haben on the prog path geschrieben. In ihrem Blog. Richtig?“

„Ja.“

„In zwei anderen Texten outen sie sich als DDR-Möchtegern-Punk, richtig?“

„Richtig.“

„Sie mögen Ostrock und schreiben bisweilen so, als wäre ihr zweiter Vorname „Renft“; habe ich das richtig interpretiert?“

Ich nicke nur noch genervt. Nun will er schlichten:

„Ach wissen Sie Engerling! Die kenne sogar ich! Mein Schwager ist doch so ein großer Mitch Ryder Fan und Engerling sind bei dem …“

„Mr. Columbo! Sie rauben meine Zeit!“

„Entschuldigen Sie. Nun ich komme wieder zur Sache: Es ist ja schon komisch, dass sie, wenn sie, wie sie sagen YES mögen, auch Elvis-Fan sind. Hinzu kommt nun noch, das mit dem Punk. Aber, verzeihen Sie- “

„Jadoch.“ seufze ich genervt.

„Wenn ich in ihr CD Regal schaue, finde ich 8x YES; 8x Elvis; aber 5x Barry White und 12 verschiedene Philly-Sampler!“

Ich erröte nicht mehr. Die Zeiten sind vorbei.

„Den White hab ich seit Jahren; bei Elvis haben Sie sich übrigens verzählt, da stehen noch welche in zweiter Reihe; die Sampler stammen aus meiner Revivalphase vor 2 Jahren. Ich dachte mir, wenn ich all meinen Phasen ein Denkmal setze, dann darf die allererste nicht fehlen. Ist das ein Verbrechen?“Bild

Er hebt abwehrend die Hand: „Nichts Menschliches ist mir fremd Mr. Bludgeon. Wissen Sie, meine Frau stand ja auch immer auf dieses Phillyzeugs.“ Er pfeift kurz Van MyCoys „to the huzzle“ an.

Ich geh drauf ein, will mich sicherheitshalber einschleimen und imitiere Shirley & Company:

„Can’t stop me, Muck! Can’t stand that stop. My feet want to move, so: Get out my way…“ ich übernehme beide Stimmen, kreische also auch, wie jener Hippie da in der „Schaubude“ vom NDR ’75 und bemerke zu spät seine Kopfbewegung an die beiden Constables in meinem Rücken.

„Abführen. Das isser.“

Und zu mir gewandt: „Das tut mir leid Mr. Bludgeon. Lassen Sie sich überraschen, wie’s weiter geht.“

„Ja, aber was ist denn nun der Vorwurf?“ Ich tappe völlig im Dunkeln.

„Hochstapelei in Sachen Progrock, Irreführung der Leser in Sachen Punk; fortgesetztes Abbabashing, ebenso Puhdys, ebenso Karat, Krautrockbeschimpfung in Tateinheit mit zwangsneurotischer 68er Bekrittelung,“ er bricht ab, schaut mich fragend an: „Soll ich weiter machen?“

Ich breche innerlich zusammen. Die Handschellen klicken. Die beiden Gesetzeshüter bringen mich zum Fahrstuhl. Unten muss ich mit ihnen in so ein amerikanisches Polizeiauto steigen. Einer von ihnen setzt sich mit mir nach hinten. Der andere nimmt hinter dem Lenkrad Platz.Bild (5)

Mir wird komisch zumute. Wir sind immer noch in Deutschland. Aber amerikanische Ermittlungen? Ein verstorbener amerikanischer TV-Kommissar? Dieser Police-Car-Oldtimer! Dann sehe ich, wie der Fahrer statt zu starten eine Kassette in den Schlitz im Armaturenbrett schiebt.

„dommdidammdadi, domdidammdadie, ehe-i yeah-haer!“

Eben denk‘ ich noch: Das kenn ich!

Da singts auch schon mit näselnder Stimme los:

„Who can fly my heart like a bamboo kite
Make it twirl and gyrate just like a gyro delight…“
Als der Refrain kommt will ich gerade einstimmen, da grölen meine beiden Polizisten schon aus vollem Halse:

„Only you ca-han/ aha aha /only youhuhuhu-huuuu.“

Ich starre verblüfft von einem zum andern. Was hamm die genommen? Der neben mir schließt meine Handschellen auf. Dann verlassen beide den Wagen. Völlig verdattert sitz ich da. In einem leeren amerikanischen Police-Car der 70er auf der Rückbank. Vorn dudelt die Musi einen meiner Jugendhits nach dem andern. Strictly ‘75er Kram. Ich wage nicht, auszusteigen.

Da werden die beiden hinteren Türen links und rechts aufgerissen. Zwei wohlbeleibte, alte Afroamerikanerinnen mit riesigen Angela Davis Perücken plumpsen neben mir in die Polster, knallen die Türen zu und grinsen mich an.ladies kopp1

Die zur rechten nickt und grinst: „Gaynor; Gloria.“

Die zur linken nimmts als Stichwort sich ebenfalls vorzustellen: „Gwen McCrae“

„Ich…ich…verstehe nur Bahnhof….“

„Airport. Du vers-tehen Airport. Not Baaahnhoff.“ antwortet Gloria rechts.

„Flughejvän; saggd man auf doitsh. Where the big birds fly.“ ergänzt Gwen zur linken.

Aber noch fehlt der Fahrer.

Der kommt soeben. Columbo selbst; öffnet die Fahrertür, schmeißt etwas kantig verpacktes auf den Beifahrersitz, startet den Wagen und erklärt nach hinten, akzentfrei mit der Stimme seines Synchronsprechers:

„Entschuldigen Sie die Verspätung, Mr. Bludgeon. Ich musste noch die beiden Bilderrahmen kaufen.“

„Wofür sind die? Was haben die mit mir zu tun?“ die Lage bleibt unübersichtlich.

„Drive Inspector, drive! I explain the show.“ übernimmt Gwen das Wort, „Barry jr. is waiting!“

Die beiden Bilderrahmen sind für mich. Ich bekomme erklärt, dass ich großartige Leute treffen werde; sicher drüber schreiben wolle, wenn ich zurück bin; aber Zaphod und Ärmel würden dann wieder kommentieren, dass Philly angeblich Gülle sei. Ich soll mir die zu erwartenden Kommentare ausdrucken und zum Spaß ins Arbeitszimmer zwischen die Erinnerungsfotos hängen. „They roastin‘ you. Laugh it away!“ Befreit lache ich auf.

Nun seh‘ ich langsam durch: Ich bekomme eine Woche Ostküste spendiert; New York, Philadelphia und die Reste des TK-Studios in Miami; ich begebe mich an die Wurzeln des Phillysounds, werde die übriggebliebenen O‘Jays treffen, die Hinterbliebenen von Gamble & Huff, von Tom Moulton; die Nachfahren von Lou Rawls, mehrere Witwen von Teddy Pendergrass, zwei Veteraninnen der Three Degrees. Gwen McCrae beginnt, mich alle 5 Minuten zu umarmen: „My very first Fan in Germany! No one knows me here!“ wiederholt sie immer wieder.

ladiesAls es mir zuviel wird, singe ich „Let me be your rocking chair!“ Gloria kreischt auf und lacht los.

Gwen beendet prompt die Umarmung: „Boy! I could be your Mother, if you were black!“

Nun erröte ich, worauf sie wieder lacht, mir kameradschaftlich aufs Bein patscht und schnell relativiert: „This old lyrics are not ingenious ones. But the people, who loved it, were not all together Weinsteins. I’m sure!“

Wir geben uns „5“ und ich singe zur Wiedergutmachung kurz:“ I’ve got nothing to lose, but the Blues.“

Gwen wird besinnlich. „Yeah! Thats a good one. But it wasn’t a Single, and so it becomes a unknown Nugget.“ Sie wuschelt mir im Haar rum, wie Tanten es bei Neffen tun. „Good Boy. You know my songs.“

Als wir in Tegel ankommen, ist Gate 17 für uns reserviert. Wir werden anstandslos durchgewunken. Keine Kontrollen – nichts. Ein Charter-Jet wartet. Roter Teppich auf dem Rollfeld führt die Gangway hoch in die Boeing hinein, auf deren Außenhaut in großen Lettern gelesen werden kann: Barry White Airlines!

Ich bekomme schon Muskelkater in den Mundwinkeln vom Dauergrinsen. DIE alte Geschichte weiß ich sofort wieder! Der dicke Schwarze oben stellt sich als Barry White jr. vor. Er hatte per Zufall ein altes Englischschulbuch der DDR erworben (warum auch immer!), indem der pubertierende Vorbesitzer herumgemalt hatte. Damals anno’75. Da gab es eine Abbildung von Paul Robeson auf der Gangway einer Aeroflot-Maschine der UdSSR. Das Schülerlein hatte das „Aeroflot“ mit schwarzem Filzer getilgt und sauber „Barry -White-Airlines“ darüber geschrieben. Das Robesongesicht wurde mit einem Vollbart ergänzt. In Kopfhöhe des Paul R. alias nun Barry White prangte eine Sprechblase: „Hallo, my fans in GDR!“

Dieser Fund hatte ihn in die Spur gesetzt:

„Who is this guy! He likes my Dad! It must be a boy! Girls are not kidding this way!“

Die Suche dauerte. Schließlich hatten sie mich.Bild (2)

Inzwischen sitzen wir im Flieger. Gwen, Gloria, ich, Barry jr. und Columbo. Wir starten.

Im Hintergrund läuft das „Love theme“, das klingt, wie der bestellte Soundtrack für einen Rundflug um die Freiheitsstatue. Mir kommen noch „Theme from Shaft“; die Vorspann-Mugge zu „Einsatz in Manhattan“ und dieses Liedchen aus „Eddies Vater“ in den Sinn.

„You‘re the first european male Hetero, who likes Phillysound!“ erklärte Gloria verwundert, „you’re kind o’unicorn! Unbelievable!“

„Yes. I’m nearly dead. Please play – reach out I’ll be there – at my Funeral!“ rutscht mir raus. Bin eben kein Diplomat.

Aber sie lachen. Amerikanerinnen verstehen Zynismus, vermute ich.

„I guess – I will survive – is the better line for events like that.“ schiebt Gloria nach.

Ich schüttle den Kopf: „Godfather may sing: What am I gonna do with you?!

„Au!“ kreischt Barry jr. dazu passend kurz auf. Lachsalve in der Runde.

Wir fliegen zwar, aber ich komme nicht auf der anderen Seite des Atlantik an, denn plötzlich ist Stille im Raum. Die Ladies, das Flugzeug, der Breitwandsound haben sich verflüchtigt. Ich sitze nicht irgendwo in Berlin im 20.Stock  oder im Plüsch eines Millionär-Fliegers, sondern brav in der Provinz im Arbeitszimmer mit den großen Boxen. Finales leises Rattern im Player: CD aus. Tagtraum zu ende.

Und das alles bloß, weil ich mir wiedermal Ol’Barry‘s „Rhapsody in White“ in den Player geschoben habe. Seine Beste.