Wege übers Land – mit Hanns von Zobeltitz

Der nächste „vergessene Autor“!

Hier geht es im Folgenden um Hanns von Zobeltitz. Und vor allem um sein Erfolgsbuch von einst: „Auf märkischer Erde“(1910). Und wie immer um mich – und wieso ich auf die Idee komme, sowas freiwillig zu lesen.

Schnitt.

  1. Wie Findeisen versuchte, sich einzurichten

Fährt ein Jetta über Land. Baujahr’84. Im Jahre 94. Speichenfelgen und Kofferraum. Der gab den Ausschlag. 91 beim Kauf. Nach Jahren des Trabifahrens; endlich Klappe auf, Zeug rein, Klappe zu. Los. Nicht Trabikofferraum mit Ersatzrad und Benzinkanister und dann zirkeln, zirkeln, zirkeln, damit junge Eheleute mit Kleinkind alles unterkriegen, was mitmuss.  – Eigentlich sollte es 1991 nun endlich irgendwas rundgelutschtes Westliches werden. Weg vom Massen-Car! Auf keinen Fall ein Golf! Dann kam ich mit dem eleganten, rollenden Ziegelstein nach Hause. Golf mit Kofferraum. So kann‘s gehen. So begann es, das Kleinschmelzen der West- Illusionen. So begann sie, die lange Reihe der West-Cars… Noch fuhr ich den ersten. Mitte der 90er. Im „Niemandsland von Preußen“. Unterwegs zum neuen Antiquariat. Irgendwo im Wald hinter Rippdichow. Über Ostpreußen wurde geschrieben und eine wahre Dok-Film-Schwemme erzeugt; im Laufe der Jahre. Über Schlesien gibt es immerhin die Heimwehbildbände im Weltbildkatalog.

bdr

Aber über die Mark? Speziell ihren Norden? Schonmal einen Prignitzroman gelesen? Oder einen, der in der- /um die Grafschaft Ruppin herum irgendeinen Wirbel macht?

Den Fahrer plagt Heimweh. Gerade hat er Plan A für das weitere Leben ad acta legen müssen. War also nichts mit jahrzehntelangem Glück und Sonnenschein im Saaletal! Hier oben waren die Flüsse schmaler, die Burgruinen spärlicher gesät. Beruflich war er recht beliebt. Auf Anhieb. Das war kurios. Aber andererseits blieb das Kontakteknüpfen schwierig. Immerhin – nu hatte er’n Haus zum Um-und Ausbau. Aber eben 300 km „zu weit oben“ auf der Karte. Der No-where-man…

Im Jetta läuft, wenn nicht gerade Reinhard Lakomy – Southern-Rock.

„Lord, I was born a ramblin‘ man
Tryin‘ to make a livin‘ and doin‘ the best I can…“

Der deutsche Osten nach 1989, das ist sowas wie der Grand Ol‘ South, der besiegte Teil des Landes; aus dem gerade viele wegwollen. Die Straßen hier oben werden schneller in Schuss gebracht als im Süden der Ehemaligen. Weiß der Teufel warum. Und Prärie drumherum ist allenthalben!

„So we had a great big Convoy, rockin‘ through the night…“

„Mensch hau ab! Meine Zeit is knapp. – – – Guck dir an! Der Idiot! Mensch, der fährt noch bei Rot!“

„In Brandenburg, in Brandenburg, ist wieder einer in die Allee gegurkt. Was soll man auch machen mit 17/18 in Brandenburg.“

dig

Ja, die Zeiten waren zum Pläne wegschmeißen. Des Fahrers Eltern hatte es ’45 von ihrer Scholle geweht. Tapfer, clever, mühevoll erschufen sie ein neues heimeliges Nest weitab von daheim in einer mythisch anmutenden Gegend zwischen lauter Burgruinen. Und ihr Großer, der das bewahren wollte, und der eh ganz von selbst mit so einem dynastischen Klaps und Hang zu „alten Zeiten“ geboren ward, wenn es die eigene Familie betraf – der saß nun da, wo noch nicht mal Pfeffer wächst, fest und kam nicht mehr weg.

Überall flogen Leute raus. Wer jetzt irgendwo innerhalb Ossi-Land irgendwo hinzieht, ist dort, wo er ankommt, immer der zuletzt Gekommene; also der erste der fliegt: Überstruktur!

„Ich brauche nur zweiorlai: Oarbeitslus un‘ Spoaß dabei!“,

war der genial zynische Kommentar von Vickie Vomitt, der damit einen Hit landete.

Adieu, du schöner Plan von der triumphalen Heimkehr ins Saaletal! Vielleicht in der Rente mal.

Wie also einrichten, da wo keiner freiwillig hinzieht, wenn er nicht von da stammt?! Ostelbien. Auf Dauer?!

Das kann dauern, bis die meinen Namen gefressen haben!

„Für wen soll das gescheh’n?“

„Findeisen“

„Wie?“

„Findeisen. In Bresekow.“

„Gut Herr Vieleisen. Viel Hoffnung mach ich ihnen aber nicht…“

„Findeisen.“

„Wie?“

„Ach schreim Se „Ehemals Vielecke in Bresekow“. Das war der Name meiner Frau.“

„Vielecke! Burghaaad Vielecke! Mit dem hab ich mal gesoffen. Das war ihr Schwiegervater?“

„Genau der.“

„Ja dann. Kommen wir nächste Woche zu – Vieleisen“
„Findeisen!“

“Naja, wir wissen dann schon. Bei Burghaaddn.“

(Watt wea eijentli jewes‘n, wenn ick Przschlewinsky jeheeßn hätte?)

Das gefiel mir schon nicht, und dann:

18 Gefechtsalarm

Ich hatte da so einschlägige Erfahrungen. Von damals. Prora. Dort hatte ich soviel Kontakt mit Typen, denen die Gefängnisse von Rüdersdorf und Cottbus quasi Zweitwohnung waren, dass mich sogar heute noch der ketzerische Gedanke umtreibt: Der „Unrechtsstaat“ locht bei Leibe nicht immer nur die Falschen ein.

„Du warst och schon im Knast?“

„Yo, klar. Eehn Jahr sechs Monate eijentli‘ , aba wejen jute Führung hamse mir eha jehn lassen, aba nu musst ick prompt wida 6 Monate in die Scheiße hia einfahrn. Ick hab noch watt jut bei die, wennet ma andasrum jeht. Det kannste glohm!“

„Weshalb warst’n drinne?“

„Polütüsch. Ick hab ehn vonne Pa’tei umjehaun. Hattick Ärja in Kneipe. Fängta Pippl an mia ßu belea‘n. Wollt ick nüsch. Rumms.“ Er deutet einen Faustschlag an. „Und wia umfällt, wah det da neue ABVer in ßiwiel. Konnt‘ ick doch nüsch ahn, sowat!“

So welcome to the North.

Klar gabs solche Typen auch im Saale-Tal. Aber da fielen se mir nicht so auf. Denn erstens klingt der Assi-Slang auf hallensisch lustiger. „Bass of meinor! S‘ klatschd glei!“ Und zweitens hatte ich im zivilen Umgang ein intaktes Umfeld normaler Leute um mich rum. Aber Prora, das war eben eine Welt für sich.

Es galt, sich also irgendwie zu gewöhnen. Und Bücher und Musik hatten mir schon über einige Krisen hinweggeholfen.

  1. Wie Findeisen den Zobeltitz fand

Da traf es sich, dass in der Zeitung stand, ein Westberliner Antiquar habe die Landschaft des Moloch-Umlandes für sich entdeckt und sei in die Ostprignitz gezogen, um dort als der Weise aus dem Wald in abgelegenen Dörfchen ein „Bücher-Café“ zu errichten.

Nichts wie hin!

Aber oweh. Mit dem „Weisen aus dem Walde“ wurde es nie wirklich was Dauerhaftes.

Ich weiß nicht, woran es lag, dass der sich nicht einmal an die eigenen Öffnungszeiten hielt, und man also nach doch einigen Kilometern Anfahrt stets vor verschlossener Türe stand.

Auch mit dem Kaffee-Ausschank haperte es mächtig, wenn sich denn mal die Ladentür doch öffnete.

Nach wenigen Jahren gab er auf und „floh“(?) nach Berlin zurück.

Immerhin geriet mir dort im Walde als erster Fang von nur 3 Käufen „Auf Märkischer Erde“ in die Finger. Hanns von Zobeltitz. Wie sich zeigen sollte, eine lohnende Entdeckung.

„Machste dich also ma‘ bekannt mit deiner neuen Wirkungsgechend; historischerseits; nöch?! Mitm Reden hamses hier ja nich so.“

„Lord, I was born a ramblin‘ man
Tryin‘ to make a livin‘ and doin‘ the best I can…“

Eben.

  1. Was Zobeltitz so wertvoll macht (I)

Es gab ja mehrere Zobeltitze mit mehr oder weniger Kurzzeit-Ruhm.

Hanns von Zobeltitz (1852 – 1918) war ein preußischer Schriftsteller. Sein Bruder Fedor v. Z. war seinerzeit berühmter, weil er mehr schrieb und sich weniger öffentlichkeitsscheu gab, was Interviews und Engagement-Beteiligung für diverse gute Zwecke betraf. Hanns war eher der Kauz. Der Zurückgezogene. Aber vermutlich kein typischer Schreiberling-Kotzbrocken wie Hesse oder Grass.

Eher eine „ehrliche Haut“, die warmherzig gewinnend über brandenburgisch/preußische Verhältnisse schreiben konnte. (Kritik an der Gesellschaft kommt in seinem Schaffen nie bitterböse, sondern immer mit bedauerndem Unterton vor.) Die eigenen Familiengeschichte ist sein Erzählfundament, wie das aufschlussreiche Erinnerungsbändchen „Im Knödelländchen“ verrät. Allzeit ist das zobeltitzsche Brandenburg lebendiger als Fontanes destilliertes Figurenensemble. Auf interessante Weise werden heute vergessene Alltagsgepflogenheiten in die Handlung eingeflochten, da dem Autor sehr bewusst ist, wie stark sich die Verhältnisse seit seiner Jugend in den 60ern des 19. Jhds wandeln. (Das geht seinem späten Boomer-Leser 1995 und 2022 exakt genauso!) Somit hält er viel fest von dem, was bald keiner mehr kennen wird. Bewahrendes Schreiben – sozusagen. Und so lüftet dir hier einer den Vorhang in alte Zeiten und bebildert dir dein bisher totes Faktenwissen über die Bismarckzeit und zu deinen Fragen bezüglich der Seltsamkeiten brandenburgischer Mentalität.

Schnitt.

  1. Was man in „Auf märkischer Erde“ erfährt

zobeltitz 0Der Roman spielt in der Neumark (heute Polen) und Berlin. Dem alten, gepflegten Berlin. Wo die Regimenter noch „auf den Kreuzberg“ ziehen – zum Exerzieren. Wo man im Kroll’schen Garten unter Lampions lustwandelt und knutscht; wo die Eisenbahnspekulanten in klassizistischen Palais wohnen. Zeitraum der Handlung sind die Jahre 1861-1866. Heeresreformkonflikt, Deutsch-Dänischer Krieg, Deutscher Krieg fließen gekonnt ins Geschehen daheim ein. Zobeltitz zeigt hier Fingerspitzengefühl; switscht zwischen naiv-ehrlicher Begeisterung, nassforschen Schwadroneuren und der Tatsache, dass auch auf Siegerseite schmerzhaft Opfer verkraftet werden müssen, meisterhaft hin und her. Das verdeutlicht glaubhaft die gesamte Bandbreite damaliger Denkweisen. Man meint hier, als Leser von heute, einen „halben Remarque“ läuten zu hören.

Vorgestellt werden drei Generationen Landadel.

  1. Den alten Rittmeister Hackentin auf Rohlbek; der Veteran von 1813, der der alten feudalen Zeit nachtrauert, auf die Demokraten schimpft und eisern spart. Aber der wirtschaftliche Untergang des Gutes ist absehbar. Obwohl die Herrschaft bereits lebt, wie die Landarbeiter: Brotsuppe und Stampfkartoffeln Tag ein Tag aus. Traditionsgemäß hält der Gutsherr gute Freundschaft zum gleichaltrigen Pastor von gleichfalls konservativem Geiste. Die Industrialisierung wird nicht verstanden. Beide alte Herren machen allabendlich ihre Gassi-Runde mit den Hunden durchs Dorf und beargwöhnen den Kantor, der sich doch tatsächlich unverbesserlich erfrecht, die liberale „Tribüne“ zu lesen.
  2. Seine beiden Söhne, Wilhelm und Friedrich, die bereits „Berufe“ haben. Der eine versucht sich als Eisenbahnspekulant und Strippenzieher, auf dass eine Bahn Berlin-Posen entstehen möge, die der Neumark Aufschwung bringt. Der andere dilettiert als Bürgermeister und Kreisrichter, sowie als liberaler Kandidat für das Abgeordnetenhaus, weshalb bei Rittmeisters nicht mehr von ihm gesprochen werden darf. Und –
  3. Gibt’s dann noch die beiden Enkel des Rittmeisters, die Söhne des „Eisenbahners“: Hanns und Thede. Im Grundschulalter. Die balgen sich stets und ständig um die Posttasche, die sie täglich an der Brücke vom Postillion „erbeuten“ und dem Großvater bringen.

In der Hauptsache jedoch geht es um Helene von Hackentin, die Schwester der beiden Rittmeister-Söhne; der „Spätling“ des Rittmeisters; die verehrte Teenie-Tante von Hanns und Thede. Sie bekommt die Empfehlung, ihr Gesangstalent ausbilden zu lassen, egal ob nur für den standesgemäßen Hausgebrauch oder doch mal für den ein oder anderen Konzertsaal; was für ein Fräulein „von“ zu der Zeit noch ein übles Pfui-pfui-pfui bedeutet, aber immerhin Einkommen ermöglicht haben würde. Die volljährigen Hackenthins pfeifen finanziell alle auf dem letzten Loch.

So kommt es im Buch zu jener Passage, in der Helene über ihre Familiengeschicke nachdenkt und erkennt, dass das „heiße Blut der Hackentins“ ein ausgewogenes Geschäftsgebaren bisher verhindert hat – und das hoffentlich Hanns und Thede einst mehr Glück haben werden, um „Mehrer statt Verzehrer von Vermögen“ sein zu können.

Helene von Hackentin hat nicht nur tolle philosophische Anwandlungen, sondern sie pubertiert auch ganz hervorragend. Für mich DER Clou dieses Romans. Das liest sich so heutig!

Auch ihre Musikbegeisterung, die freilich damals leider ganz ohne Rock & Roll auskommen musste, passt bestens. Wenn sie zum Auftritt vor Verwundeten z.B. ausgerechnet Uhlands „Frühlingsglaube“ auswählt und da 1866 im Spätsommer nun ach so passend „Nun muss sich alles, alles wenden!“ schmettert. Das ist das metaphorische Denken des Ossis 120 Jahre später, beim Hören von Renft-, Lift-, oder Silly-Songs!

Aber zusätzlich gibt es das ganze, zeitlos wirre, Hin-und-her-Gezicke des schönen Geschlechts:

„Nein, ich singe nicht!“ – Singt dann aber doch.

„Bin ich verliebt in ihn? Nein! Der ist nichts für mich!“ – Liebt Idol 1 aber doch. Wenn auch unglücklich.

„Ich sollte ihn lieben.“  – Liebt Nr.2  dann aber doch nicht.

Und schließlich beim dritten Mal: „Ich liebe dich auch! Ja, lass uns heiraten! – Nein, ich kann nicht! Gib mich frei! – Vergiss mich! Lass uns Freunde bleiben. Du musst in den Krieg? Du liebst mich? Ich weiß. Dann lass uns doch heiraten! (Aber eigentlich kann ich ihn nicht lieben, obwohl ich ihn lieben sollte. Er hätte es verdient …)

Das ist das leibhaftige Joan Armatrading Syndrom! Lies mal ihre Texte des „to the limit“ Albums!

  1. Was Zobeltitz so wertvoll macht (II)

Alles in allem ist Hanns von Zobeltitz ein empathischer, sehr warmherziger Realist. Also ein sehr gut lesbarer Autor.

Er erzählt dir die Verschnarchtheit des ländlichen Raumes in Preußen in „Heiden von Kummerow-Manier“. Es gibt Bauern und es gibt Gutsherren. Und beide Seiten brauchen eigentlich – kein Buch. Alles lebt „von der Hand in den Mund“. Der Wechsel nach Berlin gleicht dem in eine andere Galaxie.

Das hat seine Ursachen in dem hier:

(Schuld daran ist der große Kurfürst Friedrich Wilhelm. Der musste nach dem 30jährigen Krieg seine entvölkerte Mark wieder aufbauen. Er hatte sich von den Holländern die Akzise-Steuer (Mittelding aus Umsatz- und Mehrwertsteuer) abgeguckt und führte diese nun in seinen darniederliegenden Provinzen ein. Einige hatte der Krieg zwar verschont (Ostpreußen, Jülich und Berg; also die östlichsten und die westlichsten Flicken „seiner Lande“) aber die große Provinz Brandenburg war Wüstenei. Da die Akzise-Steuer umso höher ausfiel, je mehr Erfolg du hast – bremste sie den Ehrgeiz, viel Erfolg haben zu wollen. Die ostpreußischen (Bürger-)Stände probten gar den Aufstand und bekamen von der neu formierten Armee eins drüber. So kuschte man und verkniff sich das Investieren weitgehend. Die -allerdings sehr weise- Wirtschaftsförderung in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Preußen investierte in den Ruhrpott, Berlin und Oberschlesien. Die Städtchen dazwischen blieben ackerbäuerlich. Die Vielstaaterei des Mittelalters hatte einst den Aufstieg vieler deutscher Städte ermöglicht. Anderswo. Im Süden. Im Westen. An den Küsten. In Kernland Brandenburg blieb alles „Muh“ und „Mäh“. Bis 1945. In der Prignitz und Uckermark bis heute.)

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Das liest man so in Sachbüchern über die Hohenzollern oder Broschüren über „das neue Bundesland Brandenburg“, um es gleich wieder zu vergessen. Nach Zobeltitz-Lektüre hast du dafür Bilder im Kopf. Diese Selbstbeschränkung. Diese Hinnahme-Bereitschaft. Dieses treudoof Duldsame. „Ach lass mal. Das ist ja Politik.“ Dieses sich im Einklang mit den neuen Machthabern fühlen. Für alle diese Typen hast du anschließend auf Arbeit und im Wohnumfeld die aktuellen Entsprechungen.

Als der Jetta-Fahrer das Buch durchhatte, hatte er ein Feeling für die Gegend. Der erste gute Kumpel wurde – ein Pastor. Die paar Bücherwürmer der Gegend mussten sich einfach finden! Die Gespräche hatten was Rohlbek’sches: Genüsslich den Zeitgeist ohrfeigen. Allerdings fehlte mir das „von“ und ihm der Hund.

Da sich somit Zobeltitz als ein wichtiger Helfer erwiesen hatte, musste mehr von ihm ran: Vier Bände sind es seither geworden. Aufschlussreich der vierte Kauf: „Aus dem Knödelländchen“. Gemeint ist die Zobeltitz-Heimat auf der rechten Oder-Seite, das Gut seiner Vorfahren. Hier wird schlagartig klar, wie wenig verschlüsselt – ja beinahe 1:1 – die Hackentins eigentlich die Zobeltitze sind.

Hanns ist sogar ganz realiter Hanns geblieben, während Fedor zu Thede mutierte.

„Auf märkischer Erde“ sollte jedem Restpreußen, und solchen, die’s hier her verschlug, eine Bibel sein!

Schnitt.

  1. Nachspiel: Wie Zobeltitz im Alltag hilft

Eines schönen Tages wollte ein Kollege den Jetta-Fahrer wiedermal befrotzeln.

Wir waren uns beide unserer gelinden Bösartigkeit bewusst, die immer wieder einmal in kleinen Wortgefechten zu verblüffend anschaulichen Assoziationen führte. Sein BVB war schonwieder nicht Meister geworden, und bevor ich ihn nun diesbezüglich veräppeln konnte, suchte er ein bissel Frustabbau und kam mir zuvor:

„Da, wo du jed‘n Morgen herkommst, wohnen doch ooch nur 3 Spitzbu’m und ne Handvoll Skinheads, oder? Det Nest kricht demnächst s Stadtrecht ab-arkannt.“

„Yep.“

„Und? Nix? Keen Konter heute?“

„Wozu? Bin nich‘ von da. Bin so’ne Art Missionar unter Einjebornen. Ick arrangier mir mittä Kannibaln. Sollte vielleicht mit’n Pastor abends durch’n Ort flaniern und de letzten Kommunisten zähln.“

„Oops. So siehst du das?“

Genüsslich grinsend konnte ich ihn stehen lassen. DIE Runde ging an mich.

Zobeltitz macht‘s möglich.

„Lord, I was born a ramblin‘ man
Tryin‘ to make a livin‘ and doin‘ the best I can.

And when it’s time for leavin‘
I hope you’ll understand – that I was born a ramblin‘ man.

  1. watt inßwischn jeworn is

Na Lesalein? Hast ja durchjehalt’n. Wa’n langa Riem. Tschuldik mia für. Den Slang ha’ick nu droff.

Inßwischn hatt sich det allet n bisken beruhischd. Et jibbt hier Roger Dean Wälder. Lady Agnes, die Reinhard Mey besung‘ hat, steht hia rumm und rostet. Kahlbutz, den Stern Combo un Transit besung‘ hamm, is areischba‘!  Schloss Ganzer und Schloss Wustrau, die Fontane beschriem hat. Die Ruin‘ von Genshagen ebenso. Herr!von! RibbeckaufRibbeckimHavelland is och nüsch aussa Welt… Et läppad süsch. Et jeht. Hätte allet viel schlümma komm könn. Viel schlümma.

Nix für unjut! Brändenbörg.

10 Gedanken zu “Wege übers Land – mit Hanns von Zobeltitz

  1. Danke für den interessanten Text.
    Du schreibst: „Eher eine ,ehrliche Haut‘, die warmherzig gewinnend über brandenburgisch/preußische Verhältnisse schreiben konnte. (Kritik an der Gesellschaft kommt in seinem Schaffen nie bitterböse, sondern immer mit bedauerndem Unterton vor.)“
    Ähnliches erlebte ich bei der Lektüre der „Geschichten aus alter Zeit“ von Wilhelm Heinrich Riehl. Allerdings könnte ich meine Lektüreerlebnisse nicht so gut rüberbringen wie Du.

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  2. Ich hätte gerne mehr über die Hackentins erfahren. Stattdessen lese ich über Prora und das Saaletal. Statt über die misslungene Reichseinigung 1871 über die noch misslungenere Reichseinigung 1990.

    Ja, es war eine scheußliche Zeit. Und zu den Scheußlichkeiten dieser Zeit zählen die Geschichtsfälscher, die erzählten, dass die DDR so schlimm war wie die Nazizeit. Mit der Folge, dass die Kinder damals arbeitslos gewordener Väter und Mütter Springerstiefel anzogen und Nazis wurden.

    Das Gebiet der Ehemaligen wurde zum Experimentierfeld marktradikaler Ideologen. Dass diese allerdings „in Sachbüchern über die Hohenzollern oder Broschüren über das neue Bundesland Brandenburg“ so irre Lehren verbreiteten, dass die Mark Brandenburg so arm war, weil die Akzise „den Ehrgeiz bremste“, war mir neu. Und das bludgeon den Mist so unreflektiert wiedergibt, erschüttert mich.

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    • Der erste Absatz: Äppel und Birn‘.

      Ich hatte noch nie Bock, strengwissenschaftliche „kleine Diplomarbeiten“ in meinem Blog zu verfassen. Also: Falsche Erwartungshaltung deinerseits. Dass von mir – wenn überhaupt – nur sehr sanfte Bismarck-Kritik zu erwarten ist, sollte mittlerweile nach dreiunddrölfzig Disputen zwischen uns beiden zu diesem Thema auch nicht mehr verblüffen.

      Der zweite Absatz: Woher die Skins kamen und weshalb das in den 90ern so überschwappte – das ist ein garstige Thema. Man müsste hier nationale Gefühle, Nationalismus, Nationalsozialismus auseinanderklamüsern, die Punkrevolte und ihren Ableger des Oi-Punk hinzutun; den verordneten Antifaschismus in Überdosis ebenfalls – und hinterher wär’s allen Lesern eh zu hoch; und ein jeder pflegt seine eigene Sicht auf die Dinge. Also hab ich auch keinen Bock, dieses Fass aufzumachen.

      Der dritte Abschnitt: Tja. Issehmso.

      Tipp: Besorg dir doch das Buch. Es ist billig zu haben.

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  3. So wunderschön, wie Du die Geschichte im und um dieses Buch mit Deiner Geschichte verknüpfst und da ist diese Zärtlichkeit zur alten Heimat spürbar…
    Lieblingssatz: „Helene von Hackentin hat nicht nur tolle philosophische Anwandlungen, sondern sie pubertiert auch ganz hervorragend“.

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