Parabelritters Sternenklang

Woran merkst du, dass der Alterungsprozess nun unwiderruflich eingesetzt hat? Du hast endlich die Million auf dem Konto? Du bekommst eine fragwürdige Diagnose bei der Vorsorgeuntersuchung? Du magst plötzlich SUV’s „wegen dem hohen Einstieg“? Du beneidest den Wendler? – Nein – das ist es alles nicht. Ich sag dir, worüber du erschrecken solltest, wenn du zur Generation „Babyboomer“ gehörst: Du interessierst dich plötzlich für Wishbone Ash!

Alarmsignal! Die waren gitarrentechnisch zwar immer gut, hatten oft auch brauchbare Texte (wenigstens, was die 70er Jahre ihres Schaffens betraf), aber die hatten auch immer schon diesen Weicheiergesang, der aufkommende Begeisterung nie recht überkochen ließ.

„Wie issn deine Wishbone Ash Live Dates?“ fragte ich einst den Sperber-Thomas.

„Hm, naja, irgendwie wissense nich, ob se Eagles oder Led Zeppelin sein wolln.“

Ich borgte sie mir trotzdem. Wir schreiben das Jahr 1983. Rumsplautz-Zeiten; international Phil Collins Ära. Zu Hause Spliff und Mitteregger. Da klang fast alles von vor’75 antiquiert! Somit zündete der Doppeldecker der „Wunschknochenasche“ bei mir auch nicht so richtig. Ich kürzte die Angelegenheit auf 45 Minuten. Mehr Tonbandplatz wollte ich nicht opfern; und war’s zufrieden.

Bis auf eine Handvoll Songs der „Front Page News“ LP kannte ich zuvor nichts von denen. Weil nun aber „In the fire the king will come…“ und „Through down your sword“ diesen Historien-Touch hatten, bekamen sie diese „unter ferner liefen“ Chance. Aber die Botschaften hätten einen Cocker, einen Noddy Holder oder einen McCafferty am Mikro gebraucht! Naja.

Dann gingen die Jahre so drüber hin.

Mit nicht ganz 60 spürst du mehr und mehr, dass dir der Job zum Halse -äkmh- alles abverlangt. Dass du die CD auf dem Weg zur Arbeit wochenlang nicht mehr wechselst, weil du entweder gar keine Mugge mehr einschaltest, oder sie auf „Zahnarzt-Wartezimmer-Beschallungslevel“ leise laufen lässt und somit eh scheißegal ist, was läuft. An den Standort der Anlage im Arbeitszimmer kannst du dich kaum noch erinnern. Da naht endlich die Urlaubszeit und du zwingst dich zum Aufrappler: Ein Cut muss her! Irgendwas, was noch interessant genug ist, ergründet zu werden und die jüngste Vergangenheit verdrängen hilft.

Nun ist die derzeitige Musikszene ja eine echt eierlose Angelegenheit. Glaubst du jedenfalls. Was dir auf unvermeidbar langen Pflichtbustouren so im Dudelfunk geboten wird, gleicht akustischer Körperverletzung. Einen Überblick über spätabendliche Kennersendungen hast du längst nicht mehr. Internetradio? Zu kompliziert, die richtige Sendung a) zu finden und b) zum Laufen zu kriegen, ohne gleich wieder den halben Gombjudor ummodeln zu müssen. Also streife ich so durch Angebote diverser Online-Anbieter von mehr oder weniger bekannten Namen „meiner Zeit“ und lande bei – Wishbone ash. davDa gibt es plötzlich eine live-Geschichte von der „Front page news tour“ – „Glasgow 1977“! Peng! Und die hat „Front page news“, „Come in from the rain“ und „Good by Babe, hallo friend“ im Gepäck! Soundtechnisch sehr okay! Und um die Sache rund zu machen, und weil die „There’s the rub“ gerade nicht erhältlich ist, gibt’s die „No smoke without fire“ gleich mit dazu, weil unter den Live-Bonussen, der „Bad Weather Blues“ schon in den Hörproben gut losgeht. Als das alles ankommt, gefällt es und ich beschließe, den Sommer zur Wishbone-ash-Saison werden lassen zu wollen. Verblüffenderweise stört der Gesang gar nicht mehr so sehr wie früher. Aber:

„Da machst du einen Plan und bist ein großer Wicht. Dann machst du noch’n Plan – gehen tun beide nicht.“ (Brecht).

Es sollte anders kommen.

Der zweite Plan sah vor, eine bescheidene Kurzurlaubsfahrt nach Weimar zu unternehmen. Nicht wegen Goethe; nicht wegen Schiller und auch nicht wegen dem KZ, – sondern als quasi Relaxing-Tour für zwei abgekämpfte Werktätige, die sich bei hoffentlich schönem Wetter stressfrei von Café zu Café die Schillerstrasse hoch und runter arbeiten-, durch den Ilm-Park schlendern-, vielleicht ne ihnen unbekannte Burgruine sichten und durchstreifen wollten; und als Höhepunkt das „Blackmore’s Night“ Konzert von Merseburg noch mitnehmen. Töchterlein hütet dankeswerterweise Haus und Hund, der langsam in die Jahre kommt, wo diese Hitze-Marathon-Touren vermieden werden sollten.

btyRichie Blackmore ist nun nicht gerade eins meiner Idole gewesen, aber er gehört schon auch noch zu den „still standing Heroes“ der großen Zeit der Rock-Ära. Seine Entscheidung, vor Jahren den Selbstkopie-Bettel bei Deep Purple hinzuschmeißen, sich Wendler-mäßig familiär neu zu orientieren und mit Ehefrau Nr.4 dieses „Ougenweide 2.0“ Ding durchzuziehen hatte was und war auch eine. Candice Night ist stimmlich so dieses Mittelding aus Maddy Prior und Annie Haslam und äußerlich ne Stevie Nicks. Dass die Liaison schon 20 Jahre hält, erstaunt mich, als sie’s erzählt. Youtube hat reihenweise Livemitschnittschnipsel von Auftritten in Burghöfen – und da passte der von Merseburg wirklich sehr gut dazu.

Aber meine Laune nicht. Von Stressfreiheit war bis eine Minute vor Konzertbeginn nichts zu spüren. Diverse Kapriziösen trugen sich zu und mussten trotz innerem leerem Akku verdaut werden, so dass ich schließlich erschöpft am Rand auf so einer eisernen Kellerfensterabdeckung saß und mir die historische Kulisse und der „Weimarbackground“, von dem wir kamen, lediglich noch das Götz von Berlichingen Zitat eingab. Und zwar auf die ganze Welt bezogen! Das „Runterkommen“ dauert eben. Nicht umsonst schreiben sich Journalisten aller einschlägigen Onlineportale zu Saisonbeginn die Finger wund: „Warum uns die ersten Urlaubstage überfordern“. Diesmal war ich mit von der Partie.bty

Das Konzert selber war wohl ein gutes. Halbe Stunde zu spät begonnen, aber dann 120 Minuten gute Musik. Candice Night moderierte reichlich zwischen den Songs, hielt ihren alten Mann bei Laune, der manches Stück nicht – oder noch nicht spielen wollte… Richie eben. Manche Dinge ändern sich nie. Brennende Boxen schmiss er keine mehr ins Volk. Dazu hätte er aufstehen müssen. Und wenn wir in unserem Alter einmal sitzen – dann sitzen wir!

Nächster Tag – nächstes Problem: Da war noch ein anderes Konzert zu absolvieren!

Den Tipp dazu verdanke ich der Tatsache, dass ich seit einiger Zeit ganz gerne dem „Dunklen Parabelritter“ auf youtube ein Ohr leihe. Der erinnert mich so an – dies und das.

Und eben der plante nun überraschenderweise ein Rockfestival zu stemmen – in Weimar-Nähe.

Die Idee „Sternenklang-Festival“ war geboren, der Vorverkauf lief bereits einige Zeit und zu den Bands, die man als Anfänger nun mal so zu seinem ersten Event einlädt, gehörten – HAGGARD!

Wenn mich nun, da alle meine Helden tot oder doch vom Tode gezeichnet sind, noch irgendein Name zu einem Festival zieht, dann der!mde

Problem: Als Ex-Pogo-ist VOR-, und arrivierter Herumsteher SEIT der Wende, in diversen Hallen der Republik, wusste ich: Wenn die Guitarrrrr zuschlägt, dann gehen die Frauen! Und ziehen mehr oder weniger bramsigen Blickes ihre Kerle mit – ganz nach hinten oder gar gleich nach Hause. Ich war deshalb wohlweißlich eher allein „bei sowas“. Aber diesmal ging das nu nicht. HAGGARD genießen, ohne sich hinterher scheiden lassen zu müssen, erwies sich als Herausforderung. Zumal bei 35 Grad! Und mit immer noch leerem Akku auf beiden Seiten der Bludgy-Family.

Doch siehe – der HERR hatte ein Einsehen! Er ermöglichte ein Wunder!

Problemlose Anfahrt zur Niederburg bei Kranichfeld, stressloser Einlass und ebensolch stressfreier Erwerb einer dritten Karte für meinen „aus dem Westen zurückgekehrten“ Sohn, schattige Plätze im Burgbereich, Kennergespräche über Mittelalterkampftaktiken in Film und Realität, Cateringstände in ausreichender Zahl. Nirgends langes Anstehen. Die gute Laune aller übertrug sich bzw. stärkte die eigene.

Zu nachmittäglich früher Stunde krawallten gerade „Vogelfrey“ mit erstaunlich gut verstehbaren Texten. Die Technik-Crew also musste was draufhaben. bdrNach einer Akklimatisierungspause im Schatten, beim „Heerlager“ der Reenactment-Truppe, gehen die männlichen zwei Drittel der Family doch mal gucken und gewahren, dass die Freilichtbühnen-Sitze unbesitzbar sind. Die Latten fangen jeden Moment Feuer. Folge stundenlanger Bestrahlung nahe der 40 Grad. Rund hundert Leute drängen sich unter die Büsche am Rand. Wir finden auch noch einen Platz.

„Vogelfrey“ sind ne ganz unterhaltsame Entdeckung für mich. Eine Mischung aus „Subway to Sally“ und „Knorkator“ irgendwie. Hörenswert ihre Coverversion zu einem Text „eines Gedichtes eines großen Dichters des letzten Jahrhunderts, das da heißt: Was kostet der Fisch?!“ How much is the fish auf Latein und mit Tröte zu Heavy-Guitar und Brutalo-Barbie-Cello? Geil!

Im Anschluss machen wir ne weitere notwendige Getränkepause im Schatten. Alle Getränke zu 4 Euro. Die Bierwageninhaber fahren hinterher Rolls Royce! Ein bissl Essen – trotz des Tropentages – muss dann auch noch sein und irgendwie vergeht die Zeit bis um 19: 00 Uhr, leider immer noch im Hellen, die große Stunde schlagt: Haggard-Auftritt. Geschafft!

Bei den ersten Stücken knallt die Sonne noch immer auf die Ränge, dann endlich erreicht sie den Wipfel des großen Baumes hinter der Bühne, eines wahrlichen Jahrhundertriesen, dessen Wipfel uns im Weiteren vor ihren Strahlen schützt. Schlagartig werden auch die Handyfotos besser.

Haggard! Da dreh ich innerlich jedes Mal vor Begeisterung durch! Dieses Projekt! Es vereint meine Ritterburgen-, Historienschmökerleseexperience-, Saaletalerinnerungen-Prägung musikalisch auf dem Punkt! Nebenbei lernste auch noch so allerlei über Nostradamus, wenn du einmal bei denen am Haken hängst! So viele Leute! Die so lange durchhalten! 18 Mann im Studio; 10-12 bei Live-Gigs. Das kann sich irgendwie nicht lohnen, mit so wenig PR, wie bisher. Warum haben die kein Management, dass sie pusht?! Haggard um 19 Uhr im Hellen und Corvus Corax als Headliner 21 Uhr im Dunkeln. Verkehrte Welt. Was kann besser sein als Haggard? Wir fahren nach dem Auftritt bereits heim. Man soll den Bogen nicht überspannen – und nach Haggard kann nichts Besseres kommen!

Aber: Sie spielen hier 90 Minuten! Bei dem Massenangebot an Bands, wäre zu befürchten gesessen, dass ihr Auftritt kürzer ausfällt. 2006 beim Rockharz-Festival sah ich sie ebenfalls als Vorband unerheblicher Nachfolger und nur mit einem 45 Minuten-Gig! Headliner waren damals Saxon mit so einem AC/DC-für-Arme-Sound. Davon taten wir uns nur 3 oder 4 Songs an und gingen lieber schlafen vor der anstehenden Heimfahrt.

Zum ersten Mal live sah ich Haggard 2005 in Flensburg. Da musste man sich sogar ängstigen, ob die überhaupt auftreten, so wenig Leute waren da, als der Einlass begann. Es läpperte sich damals laaaaangsam im Laufe der Zeit auf vielleicht 120 oder 150 Leute. Und 10 Mann auf der Bühne + Road-Crew! Eintritt damals moderate 25 Euro. Das kann sich nicht rechnen!

Während ich so dasitz‘ und genieße, fällt mir auf, dass ich alle 3 Haggard-Gigs nu mit meinem Sohn absolviert habe. Und er musste in allen 3 Fällen nicht gezwungen werden! Hey, sagenhaftes Gefühl! Der innere Akku beginnt mit der Aufladung.

digRückfahrt nach Weimar ins Hotel. Der Sonntagmorgen ruft unsern Sohn in den Westen zurück. Wir, die beiden Alten schlendern von Café zu Café. Beim Abendbrot am Frauenplan, vor dem Goethehaus, dann noch ein Straßen-George-Benson, der den ganz sanften Blingggg hinbekommt.  Die Leute glotzen ein bisschen, als ich ihm einen 5 Euro-Schein in den Koffer werfe. Auch er sorgt dafür, dass der Akku lädt.

Wieder daheim sind Wishbone Ash vom Tisch, bzw. aus‘m Player. Haggard-Revival! Nahezu Übermut. Voll ist der Akku noch nicht wieder, aber der Ladevorgang läuft. Sommer 2019? Alles wird gut!

Dank Alex, dem dunklen Parabelritter.

Viel Erfolg mit dem Sternenklang-Festival 2020.

 

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Winnetou-Melodie

Wenn dich deine Eltern spüren lassen, dass du nicht geplant warst, dann nennt man das Schicksal. So lernt man für sich selber diesen immerwährenden Daueranschiss zu verkraften. Manchmal ereignen sich seltene Trostmomente. Den Eltern fällt auf, dass es mal an der Zeit sei, dir was zugutekommen zu lassen. Irgendwie müssen sie bemerkt haben, dass die Gleichaltrigen davonziehen; mehr vorweisen können als der eigene Sohn.

Im schönen Sommer 1976 komme ich zu Udo und der präsentiert mir mit tellergroßen Glücksaugen ein intaktes Smaragdtonbandgerät (früh60er Jahre Bauart; noch mit Röhren) mit 20 vollen Tonbändern. Sein schwächelndes, leierndes URAN-Tonbandgerät ist bereits entsorgt.

Die Anschaffung dünkte dem Vater vermutlich preiswert, da das Gerät gut 15 Jahre auf dem Buckel hatte und nicht mehr „die Welt“ gekostet haben kann. Aber es war groß wie ein Fernsehapparat und hatte 9,5er und 19er Geschwindigkeit. In unseren Augen also eine „Studio-Maschine“.

Zu den 20 Bändern gibt es kein Verzeichnis. Wir erstellen eins. Mehrere Tage hänge ich nun bei Udo ab, denn die Erkundung dieser archaischen Anschaffung macht Spaß, erweitert Horizonte, lässt über manche Klänge rätseln, wer das so in etwa sein könnte. Udo will anschließend, die interessantesten Funde mit Hilfe meines Gerätes auf einem Band, oder eventuell zweien vereinigen, um auf den anderen Platz zum Löschen zu haben.

Der Klang ist dumpf, aber bullig beeindruckend, also nicht im Sinne von „schlecht“ zu verstehen.

Zu den ersten Funden gehören „Death of a clown“ (Endlich! Als das im „Musikladen“ als Oldie gewann, hatten wir noch den Fernseher ohne Diodenbuchse!), dann Arthur Browns „Fire“ und „Jumping Jack Flash“(live) mit kurzer Ansage von Jagger: „We bring you now this one!“ Somit wissen wir nicht, wie der Song heißt. „Gas, gas, gas“ oder „Crossfire hurrican“? Dann folgen „Pretty Woman“ von Roy Orbison; (In dieser basslastigen Variante ein nie wieder erreichter Ohrenschmaus. Ich trauere diesem Klangerlebnis bis heute nach!), „Only you“ von den Platters; „Gimme that ding“ (Interpret unbekannt; später stellt sich heraus, dass das ein erster Gehversuch von Albert Hammond war), „My Dingeling“(live; Chuck Berry spät und versaut; für DEN Text reichen unsere Englischkenntnisse bereits!) und gleich zuvor oder hinterher auch „Je taime“ wonnomplüüüü – für 16jährige Musikarchäologen ein Volltreffer.

Schließlich noch „A hard days night“ als „dritte Neuvorstellung in dieser Woche“ aus irgendeiner vorsintflutlichen Hitparade. Die Moderatorenstimme kennen wir schon nicht mehr. Wir strahlen bereits beide um die Wette, aber dieses Fetzchen Zeitgeschichte kommt uns vor, als hätten wir eine neue Urmenschenart oder ne Nummer kleiner eben – das Bernsteinzimmer entdeckt! Uralter Beatlesscheiß als Neuvorstellung! Somit erleben auch die wieder ein Revival für die nächsten Monate! Ein paar Songs später folgt ein Instrumental, das wir in Zukunft hoch verehren werden, weil es niemand kennt, wir somit „DIE KENNER“ sind: „Psycho-Rock“.; der ebenfalls unbekannte Moderator sagt den Titel hinterher ab und nennt als Interpreten einen „Sir Henry“; was wir dankbar in die Liste übernehmen. Jahrzehnte später wird sich herausstellen, wie sehr er nuschelte, denn „Sir“ Henry war „Pierre“ Henry.

Höhepunkt aber ist eine ca. 3minütige Filmmusik, bei der ich sofort die Kanu-Fahrt von Gojko Mitic als Chingachgook vor Augen habe. Da auf den Bändern aber keinerlei Ostmusik vorkommt, muss auch das was aus dem Westen sein. Also ist es „die Winnetou-Melodie“ –  behaupte ich selbstsicher. Das MUSS was Indianisches sein! Kein Zweifel.

Knapp daneben. Wie sich Jahre später, bei Erscheinen der AMIGA-Quartett-Single, herausstellt, war es das Schatz-im-Silbersee-Thema.

Neulich starb 92jährig Martin Böttcher. Riffmaster erinnerte an ihn; den Mann, der den Soundtrack zum Karl May Schmökern schuf. Musik, die auch dann noch gefallen kann, wenn man melancholisch feststellt, dass die Filme, für die sie erschaffen wurde, reichlich Patina angesetzt haben und inzwischen schwer erträglich sind.

Leg ich heute Böttcher auf; die Winnetou-Soundtracks in Originalabmischung; ( VORSICHT! Neueinspielungen ohne Flair gilt es zu vermeiden!) fährt nicht mehr nur Gojko Kanu, sondern da sitzen auch regelmäßig zwei langhaarige Spackos mit roten Ohren unter den Mähnen vor einem alten Smaragd…

Seufz. Schee wars. Schee.

Die Ballade des Harfen-Webers

Frei nach dem Original: „The Ballad of a Harp-Weaver“ by Edna St.Vincent Millay; 1922

Spoken and recorded by Johnny Cash; 1960

Now Bonus-Track on the record „Ride this Train“ from the same year;

Deutsche Version: Bludgeon; 2019

 

Johnny Cash zum dritten:

Es mag verblüffen, wenn im Folgenden etwas Gereimtes zu lesen sein wird, was dem heutigen Leser als kitschig erscheinen mag.

Aber da war vor gut einem Jahr eine Doku über Iggy Pop auf -arte- zu sehen und der alte Iggy ließ die Film-Crew auch in sein jetziges Haus voller Stühle, Sessel und edel bezogener Sofakissen. Somit kam prompt auch die Frage:

„Wozu all die Stühle hier?“

Und die Antwort war:

„Ich sammle sie jetzt. In meiner Jugend hab ich sie vermisst.“

Schlagartig war mir bewusst, was ich früher einmal gehört hatte, dass er im Wohnwagen aufgewachsen war, da seine schlecht verdienenden Eltern sich nichts anderes leisten konnten.

Diese Beispiele bitterster Armut, die du immer wieder vor allem aus Amerika erzählt bekommst, erinnern dich ans europäische 19. Jahrhundert. Als es hier herum genauso elend lief wie heute immernoch in „Gods own Country“. Bald könnten diese Zustände zurückkehren. Unsere globalisierten Zeiten sind danach.

„Tarifvertrag“ ist als Begriff fast heute schon ein vergessener Archaismus. „Mindestlohn“ wird stets offiziell mit dieser Betonung verwendet, als handle es sich um ein unverdientes, überhöhtes, aber huldvoll gewährtes Almosen. Superreiche Oligarchen sind auf dem Vormarsch, nicht nur in Russland. Die Zahl der Boom-Verlierer wächst jedoch allzeit schneller.

DMAX-Sendungen a la „Fast&Loud“ und „Garage Rehab“ usw. lehren uns, dass es Spaß macht, unter Zeitdruck für einen „Burger“ pro Tag zu arbeiten. Ausbildung? Wird überschätzt! Gestern hast du zum ersten Mal einen Auspuff ausgebrannt, morgen baust du deinen ersten Chopper und übermorgen bist du Millionär! So läuft das heute! Sozialabgaben! Du ewig Gestriger! Du bist ja so 70er! Start up, man! Dilettanten an die Macht! In der Politik läuft es doch auch!

Kunst nützt nix. Ich weiß. Warum also hab ich mir die Mühe gemacht und diese alte Ami-Ballade ins Deutsche übertragen? Weil sie mich berührt hat. Wegen Iggy. Wegen Johnny. Wegen all denen die nach uns kommen und dann eventuell auch nur noch ganzjährig im Camper wohnen. Mindestlohn einerseits und 600 Euro (kalt) für eine Hundehütte in Berlin, das geht nun mal nicht auf. Klassenkampf reloaded? Ist leider nicht zu erwarten.

 

Und nun geht’s wirklich los:

Ich war kaum einen Meter,

da sprach sie sorgenvoll aus:

Der Winter kommt und

du wächst aus allem schnell raus.

 

Warme Kleidung musste dringend her

für uns alle beide doch die Not drückte schwer.

Wir besaßen fast nichts, hatten alles versetzt,

Mutter wirkte verhärmt schon, und abgehetzt.

 

Da war noch ihre Harfe aus der Glanzzeit von einst

Als sie jung und schön nicht mit Reizen gegeizt.

Die hätte auch längst zu Geld werden sollen.

Doch hatte sie bisher keiner haben wollen.

 

Für Schränke zu zahlen, war jeder bereit,

Doch ne Harfe oje, die stahl ja nur Zeit.

Und so hatten wir nichts als dieses alte Ding

das rumstand und störte und Spinnweben fing.

 

Der Herbst verrann und mit ihm das Licht

Der Winter kam, aber Auswege nicht.

Da trauten wir beide uns nicht mehr hinaus

Hier drin warn wir sicher, die Welt war ein Graus.

 

So waren wir ganz auf uns alleine gestellt

Draußen vorm Fenster, da feiert die Welt

Mit Vorfreude das Weihnachtsfest;

Die Geburt des Herrn Jesu, der keinen verlässt.

 

Früher feierten auch wir mit Vater so gut!

Nachts, wenn ich schlief, verließ Mutter der Mut.

Sprach sie von Vater, dann war sie froh

Dass der schon tot war, es sei wohl besser so.

 

Dann zerhackten wir die Stühle, nun Brennholz auch sie.

Der Winter da draußen war hart wie noch nie.

Nur ein allerletzter stand stumm an der Wand

wir hackten und rissen, er aber hielt stand.

 

Sie hieß mich immer länger im Bette zu bleiben

Wollt mit Geschichten und Liedern die Zeit mir vertreiben

All die Geschichten lebten im Traume dann fort

aus der Welt wurde so ein besserer Ort.

 

Eines Nachts tief im Schlafe, da träumte ich fest,

wie die Seele der Mutter ihren Körper verlässt

Dann schwebt sie sanft an mein Bettchen heran

Beugt sich nach unten und lächelt mich an.

 

Sie wirkte so jung, erholt und gesund

Ganz so wie früher und küsst mich auf den Mund.

Dann schwebt sie zur Harfe auf den Stuhl hinüber

und streichelt die Saiten, übt endlich wieder.

 

Die himmlischen Töne erfüllen den Raum

Und die Saiten, die webten, es war ja nur Traum.

Als das Musizieren ein Ende dann nahm

Lag da fertige Kleidung, ich probierte sie an.

 

Hose, Hemd, Mantel, Mütze sogar

Wie für einen Prinzen! Äußerst bizarr.

Ich jubelte laut, denn alles passte perfekt!

Wo war das alles nur bisher versteckt?

 

Als ich erwachte, wollt ich ihr berichten

von eben jenen Traumgesichten,

Da sah ich sie sitzen auf dem Stuhl an der Wand

in den Saiten der Harfe noch die eine Hand

 

Die andere hing an ihrer Hüfte herab

Ich ergriff sie, jedoch war sie leblos und schlapp

Sie lächelte tot, seltsam‘ Licht überm Haupt;

Der Frost hatte ihre letzten Kräfte geraubt.

 

Mit einem Schlage wurde mir klar,

Dass der Traum der Moment des Abschiedes war.

Sie hatte die Harfe wirklich gespielt

und sich zum letzten Mal frei und glücklich gefühlt.

 

Doch noch etwas anderes lag da im Raum

Da lagen die Kleider aus meinem Traum

Wie wundersame Wege das Schicksal auch geht

Sie passten – sogar in der Realität.

Ride this Train

Komm geh mit mir auf Reisen in dieses alte Legendenland. Wo die Orte komische Namen tragen, wie Ashgash, Sakamoe, und einst Leute in Tipis lebten, die den Bär und den Büffel jagten für Nahrung und für Hausung. Sie müssen sehr musikalisch gewesen sein, denn ihren Stämmen gaben sie Namen, die eine Melodie ergeben: Comanchen, Apachen, Delawaren, Cree, Pima, Oglala Dakota, Shawnee…

Die meisten von ihnen haben das Diesseits längst verlassen; wie lange es die anderen noch geben wird, weiß Gott. Aber selbst wenn sie alle hinüber sind, werden die Namen all der Ortschaften und Flüsse noch an sie erinnern.

Wir sollten ihnen dankbar sein, dass wir hier unser Glück suchen konnten, auch wenn die Hilfsmittel nicht die feinsten oder fairsten waren. Unsere Leute suchten das Glück mit ihren eigenen Mitteln, die sie mitbrachten von dort, wo sie herkamen.

Beginnen wir in Kentucky. In den Bergwerken da. Kohle suchen, Bergwerke gründen, angeheuert  werden und Kohle schippen, Kohle schippen – wurde Schicksal für viele junge Burschen dort.

Vater war ein Bergmann, er ernährte die Familie. Tag ein Tag aus fuhr er ein und kam müde zurück. Dreckig-grau und abgekämpft. Als ich 17 war, sah er mich an und sprach:

„Du bist nun alt genug. Groß und grade gewachsen.“

Er gab mir die Schaufel.

„Von jetzt an bist du dran.“

Ich hatte keine Lust. Aber was blieb mir übrig? Kohle schippen, Kohle schippen. Wie alle um mich herum.

Wenn dir dieses Schicksal zuwider ist, dann geh mit mir auf Reisen. Etwas besseres findet sich überall. Lass uns nach was umsehen in den Great Plains am Fuße der Black Hills. Vielleicht versteckt sich da das Glück. Es gibt viele Goldsucher, Strauchdiebe und Glücksritter da.

„Meine Mähre ist alt und nicht mehr viel wert. Mein Sattel dagegen ist unversehrt. Ich schone sie beide, mich treibt nichts mehr um. Reite langsam, ganz langsam, ziellos herum.  Muss mich nicht beeilen, das Ziel ist noch weit. Egal wann ich ankomm‘ ich hab ja Zeit.

Die Frau hamse mir erschossen, meine Töchter sind weg. Die eine in Denver, die andre – verreck…“

Wenn du seinem Lamento weiter lauschst, erfährst du noch, dass ihm so ziemlich alles egal geworden ist. Aber für den Tag des Sterbens hat er eine ausgefallene Idee: Man möge ihn in den Sattel setzen und festbinden. Das Pferd richte man nach Westen und gebe ihm einen Klaps. Es wird wie gewohnt lostrotten. Langsam ganz langsam. Aber es wird den Flecken Erde finden, wo sie beide hingehören. Das alte Pferd und er – der Slow Rider.

Nein, in den Plains ist es also auch nicht, was du suchst. Fahren wir eben nach Neuengland rauf. Dort wachsen die Bäume in den Himmel. Und die Menschen da sollen immer gut gelaunt sein.

Vater nahm mich mit in den Wald als ich 17 war. Sein Boss fragte mich, ob ich „Highclimber“ werden wolle. Ich hatte keine Ahnung, was das ist. Aber ich bekam eine Axt in einen Rucksack und lernte schnell. Immer die Bäume hoch und die Äste kappen, damit der Stamm später sauber fällt und nicht splittert. Tag ein, Tag aus. Viel zu wenig Pausen.

Versuchen wir es im Süden. Fahren wir nach Bogalusa/Louisiana hinunter. Da gibt es Gegenden, die sind so paradiesisch unberührt, wie am ersten Tag. Alligator und Schlange geben sich ein Stelldichein am Rande der Sümpfe, und die Mädels sind schwarzhaarige braune Schönheiten voller Kajun-Trotz.

Meine Dorraine traf ich auf dem See, dem Ponchartrain gegenüber von New Orleans. Wir ruderten wie zufällig an einander vorbei. Dann fasste ich mir eines Tages ein Herz und grüßte. Sie kicherte zurück. Wir alberten ein bisschen. Ich schenkte ihr so eine Schießbudenrose und sie steckte sie sich ans Kleid. Right upon the Heart, you know? Wir flachsten herum und knutschten schließlich von Boot zu Boot. Wären fast gekentert. War aber egal, denn nun wussten wir, dass wir uns lieben. Anderntags trafen wir uns wieder „reiiiin zufällig“ und alberten weiter. Ich fragte schließlich, ob sie mich für Geld heiraten würde – da schnappte sie ein. Sie ruderte los wie wild quer übern See und achtete nicht aufs Wetter. Ich ihr zuerst hinterher, aber die Wolkenwand hieß mich umkehren. Sauer war ich nun auch. Das Unwetter brach los, als ich das Ufer erreichte, aber was würde nun aus Dorraine werden? Würde sie das andere Ufer noch erreichen? Nach schlafloser Nacht ruderte ich am Morgen über die wieder beruhigte Wasserfläche – und ich fand – ihre Ruder. — und ein Weilchen später – die Schießbudenrose. Ich fischte sie aus dem Wasser. Sie ist das einzige, was blieb. Von ihr. Meiner Dorraine vom Ponchartrain.

Fahr mit mir nach Pine Ridge/Mississipi. Dort findest du immer Arbeit. Mies bezahlte zwar, aber Party am Samstag! Immer! Sieh dich vor, vor schlechtem Gras und leichten Mädchen. Die bringen Ärger. Ratzfatz hast du eine Kugel am Fuß und eine Schaufel in der Hand. Willkommen in der Chain-Gang. Nun schufte bis zum Umfallen für ein Verbrechen, an das du dich nicht einmal erinnern kannst.

Gibt es noch Wasser, Leroy? Gib mir noch Wasser!

No!

Ich bring die Norm nur mit Wasser, das ist nun einmal so!

Ich schufte hier alle Tage aber eines Tages komm ich heim.

Das wird der schönste der Tage und das wird in Memphis sein!

Ich geh nach Memphis! Nur Memphis!

Wenn du nun mit mir weiterfährst, zu irgendeiner dieser Landwirtschaftsmessen im Nirgendwo, dann triffst du immer auf Leute, die gut drauf sind, weil sie dem Alltag für diesmal ein Schnippchen schlugen. Endlich mal wieder unter Leuten! Der einsamen Ranch für einen Tag (oder zwei) entkommen.

Papa spannte die Pritsche an und nahm mich mit auf den Bock. Wir fuhren zur Messe und wie alle Kinder in meinem Alter nervte ich ihn: Isses noch weit? Wie weit denn noch? Sind wir bald da? Ich konnte es nicht erwarten, denn ich wusste, dass nach all den Meetings und Geschäften, am Abend dort immer Tanz war und Papa und ein paar andere bildeten die Band. Der alte Kaleb spielte Maultrommel, Joey Banjo und Papa die Dobro wie ein Gott! Wenn ich lang genug genervt hatte und Papa guter Laune war, drückte er mir die Zügel in die Hand, holte die Dobro unter dem Kutschbock hervor und sprach: Ich kann ja für heute Abend bissl Üben.

Yeah! Ich fühlte mich dermaßen groß auf diesen Fahrten zur Messe! Ich lenkte die Kutsche und Papa spielte Dobro wie ein Gott!

Zu einsam da? Weiter nach Diaz/Arkansas. Ins Baumwoll-Land. Die wächst hier echt gut. Baumwolle und Mais soweit das Auge reicht.

Papa hatte hier 1855 eine der größten Farmen und seine Sklaven waren gut erzogen. Arbeiteten ohne Aufseher. Papa war stolz auf seine Regel, die er ihnen eingeprügelt hatte: Bei Sonnenuntergang von den Feldern zurück sein und vor der Hütte sitzen. Er wusste, dass sie einen Heidenrespekt vor seiner Peitsche hatten, wenn sie nicht pünktlich waren. Eines abends aber fehlte der alte Moses. Dass er geflohen sein könnte, konnte sich niemand vorstellen. Also wurde ich losgeschickt um ihn zu suchen und zu bestrafen. Ich fand ihn am Feldrand. Ganz verträumt. Er sah der Sonne beim Versinken zu und lud mich ein, mich zu ihm zu setzen.

Ich fuhr ihn an: „Moses! Kennst du nicht die Sonnenuntergangsregel? Du weißt, was dich jetzt erwartet!“

Er aber wies wieder nur auf den Platz neben sich und sprach: “Jawoll, Boss Jack. Dunkel isses unser ganzes Leben lang. Und Prügel gibt es mal für dies und mal für das. Aber manchmal kommt ein Engel vorbei und schenkt dir einen Trost. Heute war einer bei mir. Ich schlief hier nach der Arbeit müde ein und da bekam ich diese Melodie.“ Er fing unvermittelt an zu singen und ich hörte an diesem Abend „Swing low sweet chariot!“ zum allerersten Mal. Dann sah er mich an und sprach: „Nun bin ich bereit für die Strafe.“ Aber der Moment da am Feldrand, das Lied, der Sonnenuntergang, diese Melodie – ich konnte ihn nicht schlagen.

„Gehen wir!“

Als ich später die Abendrunde zwischen den Hütten machte, hörte ich ihn singen. Aber er sang nicht „Swing low…“, er sang ein zweites neues Lied und es handelte von mir. Boss Jack war von nun an sein Held, der alte Sklaven nicht schlägt, sondern sie ganz sicher eines Tages frei lässt. Ich stand da draußen in der Nacht vor seiner Hütte, sah den Sonnenuntergang am Feldrand vor mir, und heulte.

Ein gefährliches Pflaster wie du siehst, also lass uns weiterfahren, rauf nach Idaho. Da waren wir noch nicht. Dort wohnt ein Haufen Iren, die von England rüber gespült wurden.

Wir hatten eine Kartoffelfarm bei Cork. Aber die Engländer machten uns das Leben unmöglich. Immer mehr Steuern, bis wir pleite waren. Die Familie bettelte eine Weile in Cork. Schließlich beschloss Vater die Überfahrt zu wagen. Die Eltern schufteten dann an der Ostküste, um die Überfahrt nachträglch bezahlen zu können und fürs Startkapital in Idaho. Hier leben viele von uns. Da hilft einer dem anderen. Aber keiner hat was zu verschenken. Jeder lebt hier von der Hand in den Mund. Abhängig vom Wetter, den Stürmen, den Bränden, den Indianern. Die gesamte Familie rackert auf der Farm und auf den Feldern. Von Jahr zu Jahr kommen wir besser klar. Geht aber nicht allen so. Der Tod ist immer mit am Tisch. Bevor du aber abkratzt, kommt noch Doc Brown vorbei und versucht dich mit seinen Wunderpillen zu heilen. Und manchmal schafft er es tatsächlich. Er hatte einen sehr guten Ruf. Er wusste viel. Und er sah nicht aufs Geld. Wenn du zu arm warst oder zu geizig, dann ritt er nach getaner Heilung einfach wieder weiter. Alle mochten ihn. Alle glaubten an seine Fähigkeiten. Dann starb er selber. Als sie ihn fanden und sein Haus durchsuchten, fanden sie ganze 50 Cent. Wie sollte nun Doc Brown unter die Erde gebracht werden? Wie ein Hobo – ohne alles? Ratlos standen sie an seiner Leiche. Da nahm einer den Hut von der Brust und hielt ihn dem Nachbarn hin. Der verstand und knüllte einen 5 Dollarschein hinein. Der Hut begann zu wandern. Er füllte sich wie von selbst. Jeder gab nun das, was er entbehren konnte – und am Ende des Tages reichte es für Sarg und Grabstein und Totenmesse – für ihren Doc Brown auf seiner letzten Fahrt.

Mit dieser Geschichte endete die Original LP „Ride this Train“ von Johnny Cash aus dem Jahre 1960.

booklet

Die 70th Birthday Edition der Platte hat noch 3 Songs mehr. Einer von den dreien passt wie ein missing track dazu: „Der Harfenweber“; aber das ist schon wieder eine Geschichte für sich.

 

PS: Wer hat nochmal gleich die Konzeptalben erfunden? Die Beatles 1967? Oder die Who(same time)? Small Faces? Beach Boys? Hahahahahahahahahah…. Vergiss es!

Johnny – the long gone Poet

Eines Abends in der zweiten Hälfte der 70er lief der Fernseher. Es war „Musikladen“-Tag. Das Diodenkabel war gesteckt. Das „Anett“ startklar. Der kleine Dakota nach Wachstumsschub und Skalpanpassung saß davor. Die Daumen auf den wichtigen Tasten. Aber wiedermal kam haufenweise Disco-Gülle. Erfahrungsgemäß musste aber irgendwann so ein rares Highlight kommen, das man nur hier zu sehen bekam. Und wenn es nur der „Beat-Club“-Oldie ist, der zu erwarten war.

Eine ganze Weile also – nichts. Plötzlich dieses Gesicht! Die Daumen gehen runter, die Tasten rasten ein und „Because you‘re mine, I’ll walk the line“ knurrt sich angenehm auf die Kassette. Der Typ sah aus wie Marshall Mat Dillon aus „Rauchende Colts“! Nur hatte er keine Knarren an der Seite, sondern eine Akustische vor dem Bauch, dann wie ein Jagdgewehr auf dem Rücken. Und diese Stimme! Dicht an C.W.McCall, dessen „Convoy“ vor gar nicht allzu langer Zeit eine Art Klassen-Hymne gewesen war.

Mr.CashDie Ehemalige rang sich Zeitchen später zur Veröffentlichung einer Amiga-Lizenz-LP durch. 1981. Mein Re-a-listment-Soundtrack als ich von der Asche kam. In der MHO hatte ich die Platte knapp verpasst, aber Snegows „Menschen wie Götter“ gekauft. Eigentlich hatte ich das lesen wollen, weil es mir schien, es könnte eine Symbiose aus historischem und utopischem Roman sein, aber dann gab ich beide Bände ungelesen hin für ihn – Johnny Cash.

Das Resi-Tuch noch um den Hals, die Tasche in die Ecke feuernd, stocknüchtern, weil ich den Entlassungstag genießen wollte, erreichte ich mein Kinderzimmer nach durchfahrener Nacht.

Plattenspielerdeckel hoch, Johnny’s Scheibe drauf, aufdrehen und sich selber fallen lassen. Like a „9 Pound Hammer“ sozusagen. Im Einschlafen seh ich noch Vaters Silhouette in der Tür, wie er wohl wieder „Leiser!“ einklagen wollte; aber heute sagt er nix. Sein Landser is „back from the barracks“.

„Call me (nüchtern) Ira Hayes, I will answer anymore, ‘cause the music drinkin‘ Indian is at home nomore at war.“ Sozusagen. Nie wieder Fischies! Nie wieder „faul ick denn?!“ Nie wieder „Tür aaaauuuufff!“

Nach ein paar Stunden Schlaf dann los zur Polizei, den Persi wiederholen. „Der liebe Resi“ will wieder zivil sein. Dort Typen wie ich, die dasselbe wollen und auch solche wie ich vor 18 Monaten, den Ausweis und die blaue Klappkarte zum Abgeben in der Hand. Deja vu. Dann zu Udo. Der ist arbeiten, also wieder heim … auf dem Plattenteller gewinnen diesmal Skorpio „Hey, hey jobarat! Hey! Heyhey!“ Ungarische Kriegstänze und das übliche „LEISERRR!“ von unten aus dem Erdgeschoss. Knallt mehr als Country. Der Überdruck aus Freude und unbefriedigter Rache musste erst raus! Aber das Cash-Cover steht aufrecht auf dem Stuhl daneben, gegenüber meiner Liege: Er sieht halt immer noch aus wie Mat Dillon! Und ne Knarre hat er bestimmt auch zu Hause, so als typischer Ami.

Bloß – so ein typischer Ami ist er gar nicht. Er hat allerhand übrig für Indianer. Das geht dort drüben nicht grade vielen Weißen so. Sein „Ira Hayes“ hatte es mir angetan.

 

Die Ballade von Ira Hayes – Peter LaFarge & Johnny Cash (Album „Bitter tears“; 1964)

dt. Version: Bludgeon

 

Lass mich die Geschichte erzählen

Von einem taffen jungen Mann

Der aber ein Indianer war

Und aus der man lernen kann.

 

Er stammt von den Pima-Indianern

Einem fleißigen stolzen Stamm

Der nicht nur saufen und streiten

Sondern auch arbeiten kann.

 

Sie pflügten Arizona Valley

Und bauten Melonen an

Bis man ihnen eines Tages

die Wasserrechte nahm

 

Nun blieben die Felder trocken

Dem Stamm erging es schlecht

Der weiße Mann sah ruhig zu

Er fühlte sich im Recht.

 

Als dann Weltkrieg Zwo begann

Trat Ira trotzdem an

In der Hoffnung auf Veteranenruhm

Der dem Stamm dann helfen kann.

 

Sie kämpften auf Südseeinseln

Gegen die gelbe Gefahr

Obwohl doch Ira der Pima

Auch kein Weißer war.

 

Sie erstürmten den Iwo Hügel

250 Mann

nach einem Tag des Sterbens

kamen 30 oben an.

 

Die Fahne der Freiheit flattert

nun über dem Ozean

das hat für Roosevelt & Truman

auch Ira Hayes getan.

 

Mit’nem Orden an der Brust

Kehrte er wieder heim

Die Kameraden achten ihn

das sollte nicht von Dauer sein.

 

Denn kaum von Bord gegangen

da änderte sich der Ton

wieder bloß ein „Redskin“

wie vor dem Kriege schon.

 

Ira lernte da drüben

Wie Recht aus Blut erblüht

Dass das zu Hause nicht so ist

Das schlug ihm aufs Gemüt.

 

So begann er das Saufen – hart!

Er kam auch oft in den Knast

Immer wenn er Reservationsverwaltern

Einen Tritt verpasst.

 

Da hatte er Zeit zum Grübeln,

bis er plötzlich verstand

warum der weiße Mann das Sagen hat

Im Indianerland.

 

Sie hatten ihn in die Army gelockt

Und Ruhm und Ehre versprochen

Aber sie hatten ihn wie einen Hund entlohnt

Sein Orden war der Knochen.

 

Jeden Morgen im Saloon

Da schüttet er in sich rein

Den Orden trägt er längst nicht mehr

Man lässt ihn lieber allein.

 

Nenn ihn Säufer Ira Hayes

Wenn er in seinen Whisky stiert

Heute lässt er sich’s gefallen

Früher hätt’ er dich skalpiert.

 

Nenn ihn Säufer Ira Hayes

Er antwortet nicht mehr

Denn die Bürde, die er trägt

Drückt seine Schultern schwer.

 

Im Reservat blieb das Wasser knapp.

Die Not blieb Jahrzehnte bestehen

Der Säufer Ira Hayes jedoch

Wurde plötzlich nicht mehr gesehen.

 

Sie fanden ihn eines Tages

Erschossen in die Wüste gekarrt

Nah an einer Wasserstelle

In der Hand noch das Purple Heart.

 

Zum Junge-Hunde-Kriegen

(Rammsteins neues Video)

Es ist zum Junge-Hunde-Kriegen!

Dieses Sprichwort ist ziemlich aus der Mode gekommen. Rammstein erinnern dieser Tage dran. (siehe Video „Deutschland“ Schlussbild der Band) Das Volk der Dichter und der Denker bewies medial mal wieder, dass es genau das nicht ist. Die Unfähigkeit, Kunst zu interpretieren, feierte anlässlich des „Deutschland-Videos“ fröhliche Urständ. Ach hättense doch einfach bloß die „Moorsoldaten“ gecovert! Lindemann wusste das im Voraus. Welche Reflexe musste füttern, damit es kracht? Hat bestens geklappt.

Rammstein gelten als Provokationsband, die mit den Propagandastilistiken der Systeme spielt wie sonst nur Laibach, ihre nicht erklärten Vorbilder.

„Deutschland“ schießt nun aber den Vogel ab. Einen besseren Abriss deutscher Geschichte in nur 10 Minuten und surreal-perfekten Anspielungen gibt’s nicht. Alles da! Bild und Ton an die jeweils richtige Stelle geschnitten.

Teutoburger Wald. Barbarentum. Kannibalistischer Einstieg. Nun ja: In Gedärm gefangener Römer zu lesen, um Siege vorauszusagen, das gilt bisher noch als erwiesen. Die Seherin im Video aber ist schwarz. Kommt aus dem Busch. Aber eben dem germanischen. Gelungener Hinweis auf „aller Anfang ist primitives Chaos.“

Wenig später: Schlemmende Mönche bei Kerzenschein. Auf dem Tisch die schwarze Germania, die ausgeweidet wird. Treffer: Kirche als Machtfaktor. Dicke Mönche, armes Deutschland, und später auch armes Afrika… Der missionarische Kulturbringer mit der Peitsche und dem Scheiterhaufen.

„Du hast viel geweint; im Geist getrennt, im Herz vereint….“ Treffer! 40 Jahre Mauerzeit, Westsozialisation, Ostsozialisation, aber im Herzen national verbunden geblieben, allen heutigen Nationalstaatsverächtern zum Trotz. Ohne Nationalstaat kein Sozialstaat. Wenn er weg ist, wirst du ihn vermissen.

„Sind schon so lang zusammen, dein Atem kalt, dein Herz in Flammen“ Treffer! 30 Jahre Wiedervereinigung, Wirtschaftserfolge für die kalte Tegernsee-Kamarilla, Wut für die abgeschlagene Provinz.

„Deutschland! Mein Herz in Flammen! Will dich lieben und verdammen!“ Treffer! „Es gibt 100 000 Gründe auf dieses Land stolz zu sein, warum fällt mir auf einmal kein einziger mehr ein?“ Kennste noch? Auf den ersten Blick die Triumpfe: Kulturelle Höchstleistungen, Tüftlergeist, zeitweilige Stärke – auf der anderen Seite Profit durch Verbrechen unverblümt und anschließend Profit durch galoppierende Scheinheiligkeit. Was erst in den Kolonien passierte, geschah später auch und schlimmer noch in den KZs und anschließend im Nadelstreifenzwirn – woanders…. Industrielandschaft plus Rammstein im Kapitalistenzwirn und Feuerkugel (brennende Ölquellen all überall dank Waffenexport und pfeif auf die Umwelt)

Überheblich           (Kaiserzeit, dargestellt durch eine schwarze Germania in Maria Stuart- Outfit a la Schiller; die Klassiker allzeit als Feigenblatt missbraucht)

Überlegen              (Industrie; Kohlekraftwerkeinblendung; Gewinner des Industrialisierungsrennens)

Übernehmen         (KZ-Häftling 1; ohne Schlinge; Machtübernahmeanspielung)

Übergeben             (also Kotzen: KZ-Häftling 2 mit Schlinge um den Hals)

Überraschen          (V1/V2- Raketenanspielung)

Überfallen              (SS-Offizier vor angetretenen Häftlingen, stellvertretend für die Besetzung Europas)

Perfekte Sequenz!

Deutschland, Deutschland über allen.  (Lindemann in zivil und Ketten, nach „Schlag in die Fresse“ also vom (Über-)Leben gezeichnet)

Deutschland, deine Liebe ist Fluch und Segen, meine Liebe kann ich dir nicht geben….

(Germania als Supermodell im Zeitenwandel: Zusammenschnitt Gardeuniform, SS-Uniform (mit Augenklappe links!), als Opfer von RAF-Terroristen mit Sprenggürtel heutiger Attentäter. Getrieben von hehren Idealen neuen Unsinn anrichtend. Der Stein der Weisen wird bis auf weiteres „verschollen bleiben“.

Die „Germania“ wirft junge Hunde. (Deutsche Schäferhunde? Nicht nur in Fachkreisen „überzüchtet krank (im Beckenbereich)“. Lendenlahm. Nunmehr Kuschelwauwis. Deutsche Bestie? Fehlanzeige!

 

Nach dem letzten Glas

Heyyyyyyyyy. Die beste Pladde kommt zum Schluss.

19 neue Kleinodien. Die Gitarren irgendwo zwischen dem verzerrten Müllmännerblues a la Tom Waits und den gut abgehangenen Zufalls-Licks eines J.J.Cale, wie schon auf dem Album zuvor; aber alles noch einen ordentlichen Schluck melancholischer. Die Stimme tonlos vor sich hin lamentierend. Zeile für Zeile sitzt! Ja; da ist er wieder.

Sieben Jahrzehnte hat’s gebraucht für dieses Tiefgang(doppel)album ohne Graupen!

Er liebäugelt mit „der letzten Kurve“. Die Gitarren sind gestimmt für den ersten Treff mit Hank Williams, da oben, wo alles geht, sagen sie. Den schwarz gefärbten Inhalten blieb er treu.

Außerdem hier und da bissl Dobro, bissl Geige, Dylan-Hurrican-Memorial-Sound!

„Die letzten Drinks, die sind getrunken, die Bühne, die ist leer, nichts geht hier – in diesem Lande – mehr…“

Jaaaaaaa. Meister der Andeutung. Zeitgeist-Erfasser. Da isser wieder.

Als ich einst loszog, war er da und vertonte mir die Orientierungkrise des beginnenden Twen, wie ansonsten nur Georg Danzer. Die eben erworbene Selbstsicherheit, die Down-Phasen, oder beides in einem, wie das eben nur zwischen 21 und 25 so geht, flirting with desaster…

„Sag mal Engel! Ist es da oben besser als hier? Oder nervt ihr euch gar noch schlimmer als wir?“

Die Fahne überlebt und ins Studentenwohnheim eingeritten mit „Interzone“ und „Neubauten“-Sound, mit den Raumteilern Renft von Kassette und Pankow auf der Bühne gefeiert. Die eigene Trinkfestigkeit bestaunt. Das Studium als Witz erkannt. Es ging verführerisch einfach. Alles, was die wollten, wussten wir schon. Von ein paar Organisationstricks für die spätere Arbeit einmal abgesehen. Ein paar sehr interessante Vorlesungen unter sehr vielen langweiligen, konnten genossen werden. Wenn’s leicht fällt, brauchts keine Kurskorrektur – für all jene, die nur im heute leben. So einer war ich nie. Deshalb kam er mir zupass.  Der sanfte Rebell. 4 Jahre Penne, 18 Monate Asche, 4 Jahre Studium – alle bisherigen Etappen waren von überschaubarer Dauer. Die, die dann kommt, ist ein Ozean aus abzudienender Zeit!

„Der Blues, der kam heimlich und holt uns heut ein. Wenn es so sein soll, dann soll es so sein!“

An Warnungen hat es zuvor nicht gefehlt. Du bist doch keiner von dieser Art. Du wirst nicht in diese Branche passen. Deine Denke ist nicht die von denen…

„Was soll ich noch sagen? Es geht mir gut?“

Eigentlich durchaus! Die perfekten Jahre 82/83 wollten genossen werden.

1984 deutete sich das fading out an und pünktlich zum Umbruch gab es wiederum Tonsignale von ihm:

„Sonne und Feuer! So lang Tabu! Wir küssen die Nacht nur ich und du!“

Abschied für die Zeit im Paradies Leipzig. Umschwung. Überdruss. Entfremdung. Verbannung.

„Ich war doch für euch nur der treue Husar. Heut leg ich mir andere Träume auf meinen Altar.“ (aus „Ragazzi di Strada“ 1984 von der „Tabu“)

Im Wohnheim wurde ein West-Sampler herumgeborgt, auf dem Satchmo den „treuen Husar“ sang. Manchmal geschehen Dinge parallel, als ob sie von oben geplant worden wären: Da wollte jemand, dass ich diesen Song verstehe.

Zeitchen verging. Mörderlich langes Zeitchen. Immermal wieder tauchte er im Radio auf und prompt umgab mich, wo immer ich gerade war, das Mobiliar des Studentenwohnheims, die enge Medi-Disco, der „Schwarze Jäger“, der „Jörgen Schmidtchen“…

Nicht nur er, der alte Wolf, wurd‘ langsam grau.

Sondern auch ich komm immer seltner aus dem Bau…

Die alten Knochen tun ihm weh. Statt Bourbon trinkt er Grünen Tee.

Das ist nun auch schon eine Weile her.

Nun, da „die letzten Kurven“ näher rücken, kommt er nochmal stärker denn je zurück.

Diesmal schlagen die Songzeilen NOCH präziser ins Hirn als einst beim treuen Husar:

aus der zeit gefallenÜber 50 musste ich werden, damit ich die Story von Bob Seger‘s„Mainstreet“ komplett verstehe. Ich scheine da was gemeinsam zu haben mit meinem musikalischen Begleiter, denn ihm gelang -erst jetzt- ein Antwortsong auf die dort beschriebene Situation. Zu spät, um noch Hit werden zu können. Unsere Epoche ist um. Rory, Johnny Winter und J.J.Cale sind tot, Johnny Cash und Bowie ebenfalls. Clapton und Collins fast. Lindenberg peinlich. Mey verstummt. Bob Seger macht noch Musik, ohne in Europa wahrgenommen zu werden.

Und seine angehimmelte Table-Dancerin von einst ist immer bei den falschen Typen gelandet, weil die beständigen zu schüchtern waren, sie anzusprechen. Während manch kleiner Held seinen ersten Schwarm ungeküsst nach Hause brachte, irgendwo da draußen, „down on mainstreet“. Lang, lang ist’s her.

„Nur wer hier zurückbleibt, ist allein. Der Rock&Roll ruft seine Kinder heim.“

Danke, Stefan!

Fehler im System V

oder: Die Prinzip-Saga

„Prinzip find ich aus Prinzip schon scheiße.“ Ich weiß nicht, wie oft ich mir diesen Satz schon erzählen lassen musste. Erfunden haben soll ihn, der Legende nach, Stefan Diestelmann, der große dicke Märchenonkel des ostdeutschen Blues.

Es gab faktisch niemanden, der sich dazu bekannte, Prinzip zu mögen. Sie schienen keine Fans zu haben. Aber das kennt man ja:

„Zu McDonald? Da geht man nicht hin!“

„Dallas? Denver Clan? Das guckt man nicht!“

Oder neuzeitlichere Verleugnungsvarianten:

„Bachelor gucken? – Iiiii!“

„Katzenberger? Geh mir weg!“

Warum machen die nur alle weiter, wenn’s doch niemanden interessiert?

Mit Prinzip war das genauso. Die gab es von 1973 bis zum Ende der Täterätätä. Die hatten 3 LPs, die keinen Staub ansetzten – aber:

„Du willst mich doch verarschen! Du? Du stehst of Brinzip? Echt jetz‘?“

Dank meines pubertären Alleinstellungsmerkmals („Bowie-Fan“ und „Jethro Tull Verächter“) war mir der Geschmack der Meute frühzeitig schon egal.

Christian und ich waren etwa gleichzeitig auf den „Feuerrock“ gestoßen. 1978 war das das härteste, was in der DDR zu kriegen war, als Single. B-Seite „Supernummer“. Oder andersrum. Texte doof, aber Gitarre – GEIL! Wie schon andernorts beschrieben: Looking for Punk – but Punk was rare!

Dann kam „Ende der Nachtschicht“ heraus und wir hatten eben diese im Leuna-Praktikum der 11. Klasse. Das passte wie Faust auf Auge! Die erste LP erschien, aber die kaufte nur Christian.

Zeitchen verging und wir wurden einberufen. Christian an die U-Schule Prora. Ich bekanntermaßen -dichte bei- ins „Regiment nebenan“. Er erlebte Prinzip live und schwärmte. Ein halbes Jahr später kamen sie auch in „mein Objekt“, ins dortige Mannschaftskino und rockten das Haus. Die damalige 4er Besetzung hatte noch keinen Solosänger. Rainer Kirchmann drückte hier noch die Tasten, bevor er zu Pankow wechselte und Jürgen Matkowitz war quasi Sänger und Gitarrist in Personalunion. Er schaffte das aber ansatzweise wie St.Rory im Rockpalast. Er bewegte sich also und verlieh der Show dementsprechenden Dampf; Funken sprangen über und ein paar hundert Wehrpflichtige in Uniform standen im Kinogestühl, erzeugten Dauerapplaus und grölten die Refrains: Booooorn tubiweiheild! Aber auf dem Weg in die Unterkünfte machtense alle wieder brav „Männchen“ vor jedem Sacki-Pickel, der ihnen entgegen kam. Bludgy inclusive. Klar, dass ich bei erster Gelegenheit ihre gerade erschienene 2. LP „der Steher“ kaufte und im Wechsel mit „Eat to the Beat“ von Blondie (aus’m Shop) durchsichtig spielte, wenn ich „auf Urlaub war“, was in der NVA bekanntermaßen selten genug geschah.

DER STEHER

Die Platte wurde in zweierlei Besetzung eingespielt, weil mittendrin der Kirchmann ging und Ralf Bummi Bursy, der ehemalige Regenbogen-Held der 950-Jahr-Feier, den Matkowitz von der Singerei befreite.

Sie enthält kurze knackige Stücke, die zumeist den immerwährenden Ärger mit dem anderen Geschlecht aufarbeiten; die Refrains allzeit mitgröl-kompatibel. Für die Glanzpunkte sorgen „Sonnensage“ und vor allem „Liebesfilm in Farbe“. Der hat diesen Stranglers-Bass und einen sehr guten Text; und haut mit seinem Arrangement ähnlich aus dem Repertoire der Band heraus wie „Golden Brown“ bei den Würgern. Die „Sonnensage“ ist fast schon Prog und somit der größte Kontrast zu den übrigen Abgehnummern. Da Kirchmann auf der A-Seite mit „Vorspiel“ und „Zwischenspiel“ zwei Instrumentals beigesteuert hat, bildet letzteres eine Art Intro für die „Sonnensage“ und steigert somit die pathetische Wirkung. Der Text allerdings schrammt hart an der Peinlichkeit vorbei.

Dann war da noch der „Presslufthammer Conny“. Klar „Presslufthammer B-B-B-Bernhard“ von Torfrock stand Pate, verlor aber seinen pointierten Inhalt gänzlich. Musikalisch gucken dafür The Jam oder gleich die Pistols aus jeder Ritze.

Der eigentliche Gag der Platte allerdings ist das letzte Stück der B-Seite: „Der Abschied des Musikanten“. Ein seltsamer Singsang. Mehr gesprochen als gesungen. Von einem Bandmitglied, das sonst nicht singt. An irgendetwas erinnerte mich dieser Song von Anfang an. Es musste irgendwo in der Rockgeschichte ein Vorbild geben, das mal im Radio gelaufen war! Aber ich kam nicht drauf. Viele Jahre nicht. Dann fiel die Mauer, die Zeit der Nachholkäufe begann. Eines Tages kam ich mit Kiss’ns „Destroyer“ heim, („Detroit Rock City“ ist ein MUSS!) legte sie auf und da – auch am Ende von Seite zwei: Beth! Gesungen vom Drummer. Haben es diese Burschen doch tatsächlich geschafft, noch mitten in der Mauerzeit, eine Kiss-Spur zu legen! Auf erlaubtem Vinyl von AMIGA! Die bösen Kiss! Noch heute beim Niederschreiben muss ich grinsen, wenn ich mir vorstelle, wie die Band mit todernsten Gesichtern all den alten Genehmigungsautoritäten ihr LP-Konzept vorlegte.

gods of thunder

gods of thunder

Während der Studienzeit erlebte ich sie:

  • Live at the Kindertheater (glaub ich) (’81)
  • Live at the „Jörgen Schmidtchen“ (82 oder 83)
  • Live at the Messehalle 2, heading „Pop-Messe‘82“
  • Live at the Messehalle 2 „Pop-Messe‘83“, Vorgruppe von OMEGA! (letztmalig in GDR!)

Die Bude immer voll, aber:

Prinzip? Nä! Die darf man doch nicht mögen!

Woher kam das?

DIE BANDGESCHICHTE

Prinzip waren ein live-Phänomen, intensiv rockend, pure Energie! Aber eben always eher Hardrock/Prä-Metal und dafür gab es lange keine feste Szene. Als in den 80ern dann eine entstanden war, galten sie den „Metalheads“ wegen ihrer Herkunft aus den frühen 70ern schon fast als „Staatsrocker“, denn die hatten ja LPs! Pfui! Sowas wurde ja nur durch Anbiederung möglich! Die fuhren dann nach eigener Auskunft eher auf Fomel 1 (die DDR-Iron Maiden), MCB (DDR-Motörhead), Hardholz oder MacBeth ab. Führten ihre von der Oma aus dem Westen mitgebrachten Stachelgürtel und Motorradjacken aber ebenso gerne zu Prinzip-Konzerten aus.

Matkowitz wollte rocken, auf Teufel komm raus. Jedes Mittel war ihm recht. Als Jungspund war er um 1971/72 herum eingesprungen, als ein gewisser Cäsar von Renft zur Armee musste. Als der wiederkam, musste Matko wieder weg, fand Unterschlupf bei der Uwe-Schikora-Combo, die sich aber urplötzlich zur Frank-Schöbel-Begleitband wandelte: Schlagerscheiß. Also Ausstieg auch da und in Triobesetzung „Prinzip“ gründen. Denn sie wollten rocken aus Prinzip. Wie wird man bekannt? Man muss ins Radio! Wie kommt man dahin? Man braucht einen oder mehrere Texte von diesen genehmigten Berufstextern, damit man keinen Ärger mit der Zensur bekommt: Her mit solchen Texten – aber die waren teuer. Also nahm man’s, wie’s kam. „7 Meter Seidenband“ und ähnliches Zeug. Das hatten Demmler und Co sicher nochmal aus dem Papierkorb gefischt, um es dieser jungen unbedarften Truppe da anzudrehen. Und so sollte es jahrelang bleiben.

Immerhin erlangte die Republik so Kenntnis davon, dass es dieses Trio gab – und wenn sonst nichts los ist auf dem „Pressefest“ oder im „Klubhaus“ – vielleicht kommen ja wenigstens Prinzip vorbei. Die spielen dann geil nach: Steppenwolf, Rainbow, AC/DC und ihren eigenen Kram…

Zum Ende der 70er wurden die Texte besser, nicht immer, aber immer öfter. „Feuerrock“ und „Supernummer“ sind lyrisch betrachtet noch zum Fremdschämen, aber „Ende der Nachtschicht“ greift schon echtes Alltagsleben treffend auf und passt zu „Paule Panke“ und ähnlichen zeitgleichen Erscheinungen. „Weit ist die Straße“ hat sogar eine Spur „Wolfsmond“ intus. Moped cruising von Giekau nach Boblas sozusagen. „Deutschlandtournee“.

Und ich kann bestätigen: Müde wirkten die nie! Was durchaus ein Phänomen ist, denn um die 200-250 Konzerte pro Jahr waren normal! Da könnte es schon passieren, dass einem das eigene Repertoire zum Halse raushängt! Aber manche Berufsmusiker haben eben Hornhaut auf den Trommelfellen. DDR-Bands fuhren die sogenannte „Rundbespielung“: Die einen im Uhrzeigersinn durch die „Rock&Roll-Höhlen“ der Bezirke und die anderen entgegengesetzt.

„This Land is your Land, this land is my land; from Iron-Mountains to Rugen-Island…“ (geklaut aus dem Film „Sonnenallee“)

DAS ERLEBNIS

Leipzig begann ’82 sich „Pop-Messen“, eigentliche „Rock Festivals“ zu leisten. Aber „Rock“ war ein verpönter Begriff des Klassenfeindes, deshalb musste der irreführende Name „Pop-Messe“ geboren werden.

  1. Act: Pankow
  2. Act: Prinzip;
  3. Act: Hansi-Biebl-Band.

Der eigentliche Headliner wäre also Biebl gewesen, jedoch arrogant-misantropisch wie immer, mit Auftrittsverzögerung und keinerlei Publikumskommunikation, brachte der nur sein Minimalpensum zu Gehör. Machte aber nichts, denn vorher geschah folgendes:

Pankow, damals Sensationstrupp mit „Paule Panke Programm“, eröffneten. Das Volk ging mit. Wir 3 hatten Vorlauf. Weil wir das Stück bereits kannten, konnten wir die Refrains immer ein Sekündchen früher anstimmen, bzw. gleich beim ersten „Pause-Pause! Paul trinkt seine Brause“ losgrölen. Gleich nach „Komm aus’m Arsch“ verkündeten sie: Wir verabschieden uns mit dem hier: Und es erklang noch „Komm Karlineken komm…“ Kaum war der Schlussakkord verhallt – und noch bevor irgendjemand die Chance gehabt hätte, „Zu-ga-be!“ anzustimmen – klangs „Wruuuuuummmmm!“ von der anderen Bühne —- Prinzip fingen schon mal einfach an, obwohl vor DER Bühne noch gar keiner stand! Also switschte der ganze Pankow-Publikums-Pulk rüber und – ab dafür. Welcher Song war’s? War’s „Easy livin‘“? Wars „Born to be wild“? Oder wars ihr eigener „Presslufthammer Conny“? Würde gut zu „Paule Panke“ passen – aber: Verdammt! Ich weiß es nicht mehr! Weil jeder nur ne Stunde ca. spielen sollte und um pünktlich 22:00 Uhr die Chose vorbei zu sein hatte, ließen Prinzip die Pausen zwischen den Stücken weg. Die Drängelei wurde immer enger; so eng, dass du nicht mehr fallen konntest und alles sprang im Takt. Wo waren meine Begleiter abgeblieben? Schräg hinter mir Jens. Die Masse drückt ihn mir an die Schulter, er brüllt mir ins Ohr: „Springst du noch selber?!“ „Nö!“ Wie eine Dampframme aus Knochen, Fleisch und Schweiß hob es uns an – what goes up must come down – und vor und zurück sowieso. Nach einer Stunde: „Tschüß Leipziiiiiig!“ Und plötzlich – Ruhe! Wie im Bunker vor Verdun. Trommelfeuer aus! Still! Geht’s auf der Pankow-Bühne gleich mit Biebl weiter?

— Nö. Umbaupause wie im Rockpalast. NOCH nicht fertig. Roadies checken und checken: „Eins-Zwo…(Klopf…klopf) …Eins-Zwo….“ Es dauert – und dauert. –

Die „Dampframme“ hat sich inzwischen aufgelöst. Die einen warten vor der Soundcheckbühne auf ihren Blues-Gott. Die andern brauchen Getränke oder machen sich schon auf den Heimweg.

Während Bernd geduldig unter den Blues-Jüngern wartet, hock ich weit hinten in der Halle auf so einer Art Bordsteinkante, abwechselnd das eine – dann das andere Ohr testend, bis Jens mit Bier zurückkehrt.

Ich: „Und?“

Er: „Abgefahrn! So enge war’s noch nie!“

Ich: „Gehst du noch vor zu Biebl?“

Er: „Den hörmer och von hier.“

Während zwei Hände voll Fleischerhemden noch eine gute halbe Biebl-Stunde feierten, genießen wir beide also unbedrängt unsern Plastebecher Sternburg und warten ab. Unser Oberblueser flippt noch vorne bei Biebl mit. Auf dem Heimweg ist der aber kein Thema, sondern die „Dampframme“ vor Bühne zwei.

Soviel zu Prinzip anfang der 80er: hot – wild – and dangerious!

 

Fehler im System IV

oder Pankow-Saga IV (Ende)

 

„Ich bin rumgerannt, einfach rumgerannt, zu viel rumgerannt und es ist doch nichts passiert!“

Die letzte Vorwende-LP von Pankow „Aufruhr in den Augen“ lag anfang 89 in den Läden. Ein Vierteljahr zuvor war mit „I.L.D.“ von Rockhaus, die letzte große Ostrocküberraschung, passiert. Niemand hatte ernsthaft mehr mit Rockhaus gerechnet. Die hatten 1983 ein typisches NDW-Debut erlaubt bekommen: „Bonbons und Schokolade“; das war Prima Klima oder UKW auf DDRisch. Dann wurden sie geschlossen zur NVA einberufen, aber bekamen zuvor 1984 schnelle-mache-fix ein zweites Album, nun mit Rap-Anleihen, bissl schielen nach Spandau Ballet und späten Stones genehmigt und verschwanden von der Bildfläche.

le choc

le choc

„I.L.D.“ war ein deftig-dreckiges „Die Zensur schläft“- Straßenköteralbum. Noch ahnte niemand den kommenden Hype um Guns’n’Roses, da waren Rockhaus was Outfit und Attitude betraf schon auf eben diesem Level!

„Betty ist eine schöne Frau. Dass nicht nur ich sie liebe, weiß ich ganz genau, und doch: Es geht in Ornung!“

„100 000 Weiber! Das macht Spaß!“

„Mit 12 hab ich im Stadtpark – Bänke angesägt! Habe Autos aufgebrochen und mich mit Bull’n angelegt. (…) Meine Eltern bangen um ihren hohen Job – was für ein Skandaaaaaal….“

„Bleib cool bleib cool! Und fall nicht vom Stuhl! Lehn dich zurück und genieß dein Glück!“

„Immer wieder bis du mich holst! Immer wieder bis du mich holst! Wir machen ein Geschäft mit deiner Seele!“

Gemessen daran war Pankows „Aufruhr in den Augen“ höchstens noch lauwarmer Durchschnitt.

Textlich hatten Silly Pankow längst entthront; nun ging auch noch das Stones-Flair auf Rockhaus über.

Pankows letzter Clou war die Tournee mit der Big Band der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland durch eben dieses. Naja, die östliche Hälfte. Anfang’89. Ausgerechnet jetzt! Im November zuvor war der „Sputnik“ verboten worden. Die „Alten Männer“ von Wandlitz ruderten auf Abstand vom ungeliebten Kreml-Mutterschiff. Sie ahnten den Sog bevorstehenden Untergangs. Ach, könnte man doch nur -in dieser peinlichen Gorbatschow-Zeit- jenen alten 50er Jahre-Spruch „Von der Sowjetunion lernen – heißt siegen lernen!“ vergessen machen! Auf ausgerechnet den berief sich nun plötzlich alles, was vor ’85 nicht ums Verrecken mit Russen hätte zu tun haben wollen!

Nun rissen sich alle um russische Veröffentlichungen. Die Nachfrage nach dem „Sputnik“ war explodiert, seit dort Artikel zu lesen waren, wie „Die Wahrheit über Katyn“ oder die „geheime Seite des Hitler-Stalin-Paktes“; lauter „verbotenes“ Wissen, das vor 1985 den Tatbestand der „Antisowjethetze“ erfüllt hätte. In Moskau war die Zensur im Schwinden. Ostberlin in Zugzwang geraten. Als gar die „Rolle Wilhelm Piecks bei den stalinistischen Säuberungen im Hotel Lux von 1937“ thematisiert wurde, war’s aus. Das nunmehrige Dissidentenblatt wurde „von der Liste zu importierender Zeitschriften gestrichen“. Ab da lief der Countdown: Noch 12 Monate bis zum Mauerfall! Heute weiß niemand mehr mit dem Namen Wilhelm Pieck etwas anzufangen.

aufruhr

aufruhr

Zehn Songs bieten Pankow auf „Aufruhr in den Augen“. Drei starke, zwei halbe und fünf verzichtbare.

Die Platte beginnt mit dem zuvor bereits gesendeten Titelsong: Der geht zwar stramm-, aber bemüht los. Man hatte sich vom Westen die Mode abgesehen, ob notwendig oder nicht, Promiunterstützung dazu zunehmen: Bläsersektion, Backing-Choir inclusive der damals zurecht sehr gelobten Ines Paulke, und Slide-Guitar by Heiner Witte von Engerling. Lockere Flockigkeit kommt so aber nicht zustande!

Der Aufruhr-Song geht als „gut“ in Ordnung, danach folgt die erste Graupe in Gestalt eines (Anti-)NVA-Songs namens „Einsam“; ein NVA-Soldat nimmt hier „fuck yourself“ ein bissl zu wörtlich…

Bloß gut, dass gleich darauf mit „Langeweile“ der beste Song des Albums folgt.

»Dasselbe Land zu lange gesehn‘ / dieselbe Sprache zu lange gehört.
zu lange gewartet, zu lange gehofft / zu lange die alten Männer verehrt.“

Wobei die „Alten Männer“ vom Silly-Texter Werner Karma erfunden wurden für deren LP „Liebeswalzer“:

„Die alten Männer tanzen nicht mehr, mit müden Augen sehen sie her…“

Mit „Straßenlärm“ und „Marilyn“ folgen dann sechs Minuten Unerheblichkeit. Der eine hätte von jeder anderen Truppe stammen können und Marilyn ist nur ein „Doris“-Aufguss von der LP zuvor, der dem dortigen Text nichts mehr draufsetzen kann

Mit „gib mir’n Zeichen“ wird die sich bereits breitmachende Enttäuschung wieder etwas aufgefangen: Zwar ist es ein weiterer Ermutigungssong, wie im Ostrock bereits zahlreich vertreten, man denke nur an „Ermutigung“ von Renft, „Halte durch“ von Karussell, „Raus aus der Spur“ und „Großer Träumer“ von Silly, aber immerhin ein guter.

Dumm nur, dass man die bessere Hälfte der Platte damit schon hinter sich hat. Die B-Seite geht mit „Ich bin ich“ ähnlich los wie die A-Seite mit „Aufruhr“; dann folgen wiederum zwei Aussetzer, bevor es mit „Ich bin bei dir“ leiser und textlich besser wird; das abschließende „wieder auf der Straße“ ist ein Rohrkrepierer: Angelehnt an den frühen Marius Müller Westernhagen und Keks, die 1985 verbotene erste offizielle Punk Band. Bei denen hieß es:

Im Kreiskulturhaus ist heut viehisch was los, da spielt seitm Jahr ne Band

Ansonsten läuft hier nur Konservenmusik und Disco-Publikum. Die sind ganz chic!

Wir lassen uns nicht schocken! Wir wolln rollen und rocken!

Zuschnäääälll kriegt man uns nicht klein!

Wir hauen weiter in die Vollen rrrrein!

 

Und nun bei Pankow deutlich müder:

Diese Rock&Roll Höhle heißt Kulturhaus (…)

Auf dem Plakat steht – keine Stars.
Doch fünf nach sieben geht im Saal das Licht aus.
Und das Kribbeln im Bauch heißt
jetzt geht `s los.

Nee, die Platte war kein großer Wurf. Rockt zwar gut ab, aber fünfmal weghören auf ner Pankow LP? Das hatte es zuvor nicht gegeben!

Ich sah die Band zum zehnten und letzten Mal live im Sommer’89; open air am Haus Auensee in Leipzig. Am Bass Ingo Giese, ehemals Rockhaus, der Ersatzmann für Resniczek, der nun bei Silly zupfte. Herzberg widmete „Ich bin bei dir“ all denen „die hier noch was verändern wollen; ansonsten verabschieden wir uns von immer mehr Freunden, die ihr Leben heute genießen wollen und nicht in tausend Jahr’n erst, wenn die bessern Zeiten losgeh’n; und die dann plötzlich woanders wohnen, wo man so schnell nicht hinkommt.“ Also eigentlich an Frank Hille.

Sie tourten, sie inizierten die Resolution der Unterhaltungskünstler, die den Gorby-Kurs einforderte, als erstes Blut geflossen war, weil der Staat anlässlich seines 40. Geburtstages meinte, noch einmal die alten Methoden „gegen Rowdys“ anwenden zu können. Flux unterschrieben von allem was Rang und Namen hatte auf den Ostrockbühnen des Ländchens. Rückzieher wie weiland bei der Biermann-Resolution von Manfred Krug 1976 gab es’89 keine mehr. Als letzte Nationalpreise der DDR vergeben wurden, schämten sich die Prämierten. Gerhard Schöne stiftete das Preisgeld den Opfern der Auseinandersetzungen des 7.Oktobers am Palast der Republik. Der Staat knickte ein. Der 4.November wurde möglich. Eine Massen-Demo der Unzufriedenen auf dem Alex. Von Wiedervereinigung war noch nicht die Rede. Fünf Tage noch…

Als die Mauer fiel verabschiedete sich Andre Herzberg in eine Solokarriere, die ihn vorübergehend untergehen ließ. Als zweiter ging Giese. Vielversprechend zu den Sisters of Mercy, dann nach Amerika. Aber auch er wurde kein Weltstar, sondern schließlich Bassist der Ulla Meinecke Band. Als dritter ging Kirchmann. Ehle fand jedes Mal Ersatz. Zwei LPs erschienen in Übergangsbesetzung. Weder gut noch schlecht. Die Konstante war die Keith Richard Guitar in Ehles Händen. Die Texte waren der Schwachpunkt. Bemüht oder banal, sie fanden den Stachel nicht mehr, gegen den es zu locken lohnt. Mit der Zensur war auch der Gegner abhandengekommen. Ausnahmen bestätigen die Regel, wie dieser seeeeehr gute Song von der CD „Viererpack“ beweist:

Und du wärst gar nicht da (klick it!)

Wie alle Ost-Bands mussten sie das lange Nachfrageloch der frühen 90er überstehen. Treulos entsorgten viele, viele Merkenichtse ihre Amiga-Vergangenheit in Kartons am Straßenrand:

„Von nun an nur noch Schdons un’Udooo!“

So das übliche Gossengeplärr. Kuriose und tragische Geschichten über Schlagerfuzzies und Rockstars mehrten sich via „Riverboat“ und „Super-Illu“: Keine Einkünfte, keine Tantiemennachzahlungen aus alten Amiga-Umsätzen, kein Airplay in den Ost-Sendern – da verzweifelte so mancher, während seine Frau eine Imbiss-Bude eröffnete, in der er mit aushalf; oder eine Strip-Schule, weil auch all die jungen arbeitslosen Näherinnen der Textilkombinate eine neue Existenz suchten. „Fensterputzer stürzt sich aus dem 10 Stock!“ Das der vormals Sänger in „Klock 8, achtern Strom“ gewesen ist, erfährt man erst weiter hinten im Artikel. Bimbo Rasym, der Stanley Clarke der DDR, verkaufte Autoputzmittel auf der Straße, als er den Puhdy-Job angeboten bekam. Dass der dafür viel zu gut ist, hört man auf der „Stundenschlag“ LP von Stern Meissen (1983). Aber vermutlich verdient er seither besser.

Bei Pankow zerfleischten sich derweil Herzberg und Ehle medial, weil Herzberg seine Stasi-Akte gelesen hatte… das heißt: Ehle schwieg; Herzberg lamentierte herum… dann Funkstille… jahrelang… dann Versöhnung. Denn wie zu erwarten war, musste Herzberg zugeben, dass Ehle zwar mit „der Firma“ über ihn gesprochen hatte, jedoch ohne ihn in die Pfanne zu haun. Es waren eher Rettungsaktionen a la „Der meint das nicht so. Der ist nur ungeduldig, der ist doch einer von uns!“

Es war zuvor schon ein offenes Geheimnis, dass jede Band, die ins NSW gelassen wurde, einen IM haben musste! Als das große Verblüffungsgesinge losging, so um 1992 herum, lösten die Puhdys das Problem am elegantesten: Sie gaben der Super-Illu ein Interview, indem zugegeben wurde, dass Peter Meyer derjenige war, der mit der Stasi sprach, dass aber alle intern davon wussten und ihm vertrauten, da sie anders nicht auf Westtournee gekommen wären. Also keine schmutzige Wäsche zu waschen — und aus. Da wünschte ich, Pankow wären die Puhdys!

So rauften sie sich Anfang der Nullerjahre erst wieder zusammen und versuchten es nochmal mit dem Plattenmachen in beinahe Originalbesetzung. Aber zunächst ohne allzu große Lust: „Nur aus Spaß“ klingt wie sie heißt. Unausgegoren. Nicht ernst gemeint.

Das bisher letzte Lebenszeichen „Neuer Tag in Pankow“ kommt deutlich besser rüber. Ein melancholischer Soundtrack zum Altwerden.

Ich wachte auf und war ein alter Mann!
und ich sah—- die Gefahr!
Ich war allein! Das war nicht neu!
Doch ich wusste von nun an wird’s für immer sein! Das war mir neu!

Fehler im System III

oder: Pankow-Saga III

Steh ich vorm Schreibtisch sagt da einer zu mia: Eure Pankow-Musik passt überhaupt nicht hier her! Muss es denn immer so was Böses sein? Fällt euch denn nich’mal was Netteres ein? (…)

Ich sag! Ich sag!

Babe, Babe! Sei bitte still; achte mal drauf, was ich dir sagen will:

Das Zauberwort heißt Rock&Roll! Vom Blablabla hab ich die Schnauze voll!“  (Pankow 1986)

Bäm!

Zeitlos. Ist es noch immer so – oder schon wieder?!

Vielleicht liegts am bevorstehenden 30. Jubiläum in diesem Herbst; vielleicht an der Vielzahl Deja vus, die mich heimsuchen, dass ich derzeit so bei Pankow hängen bleibe: Will the circle be unbroken? Ich spüre die gleiche Lethargie der Verhältnisse wie 86/87; möchte laufend auffahren: Das stimmt doch nicht! Und das auch nicht! Was schreiben die da? Was erzählen die da? In wessen Auftrag? … und sehe dann immer so (auf verständnisvoll geschaltete) Bonzengesichter, schräg über mir; spüre ihren Griff an meine Schulter und höre ihre freundliche Mahnung:

„Es ist schon so, wie Sie sagen. Aber lassen Sie mal. Darum kümmern sich berufenere Kader als Sie. Beschränken Sie sich auf Ihren Wirkungsbereich. Helfen Sie so der guten Sache zum Sieg. Wir haben doch seit 1949 so viel erreicht, oder?“

„Mein Wirkungsbereich? Ja aber auch da stinkts doch an allen Ecken zum Himmel! Zum Beispiel…“

Nun wird der väterliche Blick des Allesverstehers kälter, der Griff fester:

„So? Kollege! Da muss ich mich doch sehr wundern! Das will ich mal nicht gehört haben!“

Ich erwache. Stehe auf. Und geh zur Arbeit.

keine stars

keine stars

Zeitsprung: Mitte 1986 lag die dritte LP in den Läden. „Keine Stars“ verblüffte allein schon mit dem Coverfoto: Hille ist weg und dafür dieser „Jemand“ mit dem Schnäuzer. Dohanetz heißt der. Wo ist der Hille hin? 1986 fiel die Antwort nicht schwer: Im Westen! Wenn öffentlich vorab in keiner Radiosendung was zu solchen Umbesetzungsgeschichten gesagt wurde, dann konnte das nur heißen: Ausreiseantrag oder „Drühm jebliehm“ nach ner Tournee. Letzteres traf zu.

Pankow hatten zuvor ihre erste West-Tour genehmigt bekommen: Ehle und Hille waren schon als Mitglieder der Vroni-Fischer-Band im Westen gewesen, also bereits „bestätigte NSW-Reisekader“, aber die beiden „Jungspunde“ Kirchmann und Herzberg, die waren die nicht erprobten Westreisenden.

Seit die Puhdys im Klassenfeindgebiet anfingen „abzuräumen“, seit Karat diese Überraschungserfolgsserie einfuhren mit dem Maffay-Ansinnen die „7 Brücken“ zu covern und dann noch ner Goldenen Schallplatte für den „Blauen Planeten“ waren die Devisenbeschaffer auf den Trichter gekommen: Fahren lassen, 90% der Gagen abnehmen; lohnt sich für beide Seiten. Personalverluste mussten halt verschmerzt werden. Solange nicht komplette Bands „abhauten“, schienen die Schlagzeilen beherrschbar.

Und es erfasste wirklich alle:

Uwe Schikora, der Bandleader der Schöbel-Band war weg,

Vroni Fischer war weg,

Holger Biege war weg,

Neumi vom gleichnamigen Rockzirkus ebenfalls,

Regine Dobberschütz, die Stimme von „Solo Sunny“,

Biebl hatte man die Ausreise genehmigt.

Karussell hatten 2 Bandmitglieder per Westtournee verloren,

Ute Freudenberg & Elefant nur eins, und zwar die Ute selbst.

Es läpperte sich…. Aber den Oberen war es seltsam egal. Immer mehr Bands und Schlagerfuzzis bekamen die Erlaubnis zur musikalischen Devisenbeschaffung.

Vor Pankows Tour wurde der „Ensemble-Chef“ Ehle mit Sicherheit verwarnt, dass er jaaaa auf diesen unzuverlässig-provokanten Herzberg aufzupassen habe, dass der keine DDR-herabwürdigenden Ansagen macht und vor allem wieder mit nach Hause kommt. Und der andere da an den Tasten ist ein seltsam unbeschriebenes Blatt und „stille Wasser sind tief….“ und eventuell auch plötzlich weg, also Obacht auf die beiden! Beim Heimreisetreff am Tour-Bus in Westdeutschland nach individueller Einkaufstour waren beide zur Stelle, nur der „Reisekader Hille“ fehlte.

Der war zu seiner Mutter nach Westberlin gereist und hatte beschlossen zu bleiben. Die Band handhabte den Vorfall anders, als ihre Vorgänger. Sie überschritten gemeinsam die Aufenthaltsgenehmigung und reisten nach Westberlin, um ihren Trommler umzustimmen. Vergebens. Sie mussten ohne ihn heim. Ärger. Aussprachen. Sperre bis auf weiteres für weitere Touren ins NSW. Was sollte nun aus der halbfertigen Platte werden, die in ihrer Abwesenheit die Zensurinstanzen durchlaufen hatte. Keine Ahnung, ob die Schlagzeugparts neuaufgenommen werden mussten, oder ob dies nur behauptet wurde – Hilles Tantiemen-Anteile mussten ja irgendwie vermieden werden, andernfalls wären sie in „West“ nach „drüben“ zu überweisen gewesen.

Jedenfalls drang nichts von dieser Querele an die Öffentlichkeit, sondern wurde erst nachwendlich in Interviews enthüllt.

Das Flucht-Phänomen der DDR-Künstler, vor allem der Musiker, ist das, dass sie alle keine abwägenden Philosophen waren, die zur sachlichen Einschätzung ihrer Möglichkeiten im Westen in der Lage gewesen wären. Von Frank Hille kursiert heute das Bonmot im Netz: „DDR-Stars gehen im Osten auf und im Westen unter“. Man weiß nur nicht, wann er zu dieser Weisheit gelangte. Vor- oder nach seinem Absprung. Dass soviele gingen, zeigte den Grad an Verdruss über die Verhältnisse:

„Ja um die Texte gab es dauernd Gezanke“, geben zahlreiche Ostrocker ihre Erfahrungen heute preis, ohne näher auszuführen, um welche Stellen konkret es ging. Sie wissen keine mehr oder wollen sich nicht erinnern. Für sie war das ein lästiger Nebenkriegsschauplatz. Sie wollten rocken und „ran an die Mädchen“. Was die Berufslyriker ihren Sängern da in den Mund legten, war dem bandeigenen Basser oder Drummer sowas von wurschd, aber die Vorladungen aller, die bandinternen Palaver zum Thema „Text ändern oder Song weglassen“ blieben lästiger Alltag. Selbst bei Renft und Silly waren es immer nur 2 oder 3 von 6 Bandmitgliedern, die hinter der Botschaft standen.

Das war bei Pankow anders. Die Band machte am ehesten den Eindruck einer funktionierenden Familie, wie auch jener Überredungsversuch im Fall Hille bewies. Die LP überrascht mit einem Feuerwerk an Spitzen. Gut, Pankow eben. Da erwartet man kein Allerlei. Aber ihr Erstling „Kille kille“ klang damals zwar im Sound sehr extrabreit-westlich, textlich jedoch braver als die beiden Rockspektakel „Paule Panke“ und „Hans im Glück“. Nun wiederum Einzelsongs, von denen der Rundfunk zuvor nur „wetten du willst“ und „Isolde“ bekannt gemacht hatte. Für beide gab es auch eine Art von Video im Fernsehen, wobei besonders „Isolde“ durch so ein nachgemachtes „Stray Cats“ Feeling bestach: Nacht, Nebenstraße, Mülltonne, Ehle mit Gitarre auf dem Bordstein, Herzberg kommt vorbei ….

„Endlich ein Telefon das — funktioniert. Ich steckn Groschen rein, mal sehn, was passiert….“

Wie jeder weiß, der alt genug ist, sich an Telefonzellen zu erinnern: Meistens waren die Apparate kaputt. Im Osten musste man mindestens 20 Pfennig zum Starten einwerfen. Aber gang und gäbe war (bei jungen Leuten): Einen Groschen rein. Faustschlag von oben auf den Kasten. Überraschen lassen: Entweder die Verbindung gelingt oder der Eisenklunker rattert kurz auf und lässt unten Münzen rausfallen, die du oben wieder einfüllen kannst, um für lau zu telefonieren. Und nu singen die da diese bekannte kleinkriminelle Andeutung schon seit einiger Zeit im Rundfunk und Adlershof spendiert auch noch nächtliche Videokulisse!

„Wetten du willst“ ist dagegen eher unauffällig. „Ich fass dich auch da an, wenn du willst.“ Naja. Inge Pawelzik (light) sozusagen. In Sachen Sex kommt es auf der Platte mit „Doris“ wesentlich konkreter:

„Meine sollte blond sein und große Brüste haben und sollte mich trotzdem verstehn….“

„Doriiiis! Ich hatte es noch nie gemacht! Du hast es mir – beigebracht!“

Aber der eigentliche Wert der Platte erschließt sich durch die Dreifaltigkeit „Lied vom Anderssein“; „Nebel“ und „Trübsal“ – exakt das Twen-Lebensgefühl 25+; von all den jungen Besen, die im Berufsleben angekommen waren, kehren wollten, aber nicht gelassen wurden. Was haste dir nicht alles erzählen lassen über den gesetzmäßig siegenden Sozialismus – und nun? Haste geglaubt, die Welt hat ausgerechnet auf dich gewartet? Träumer du! Dich umgab lähmendes „weiter so“ – „das haben wir bisher so gemacht“ – „das bleibt so“… Und irgendwann machste halt mit. Ankunft im Leben.

„Die Jungen wollen fliegen und machen dabei Wind, da stören sie die Alten, die schon gelandet sind.“ (Ed Stuhler/Arno Schmidt 1988)

Gorbatschow-Reden im „Neuen Deutschland“ wurden gelesen, seziert, zur provokanten Argumentation genutzt … und verpufften.

„Wir blasen, wir blasen, aus Augen, Mund und Nasen – Trübsal.“

Her mit Konterbande! Egal woher! Wann würde jener lähmende Erkenntnisnebel sich endlich lichten?

„Wann gehst du endlich wäääg? Wann komm ich endlich wieder aus’m Dräääck!“

Die Platte war vor der Tour eingespielt worden. Nun, nach Maßreglung wegen des personellen Abgangs Hille, nicht nur nicht mit Veröffentlichungsverbot, sondern mit Gewährung all dieser unbiederen Aussagen sogar scheinbar noch belohnt zu werden, mag auf den ersten Blick seltsam erscheinen. Jedoch ist 1986 eben auch das erste Gorbatschow-Jahr rum. Der scheint durchzuhalten da in Moskau; tadelt „reaktionär erstarrte Kader der Partei“ und zwangspensioniert sie, um Platz zu schaffen für neue Leute im ZK. Dort wehte also bereits ein Wind der Veränderung. Wie lange würde da das „Alte Männer Gremium“ in Berlin noch verharren können? Wann und wie würden sie abtreten? Danach würden auch hier neue Wege ausprobiert werden und dann will man nicht als der letzte Stalinist gelten! DESHALB gab sich die Zensur zeitweilig (aber immer öfter), als ob sie schliefe. Man wollte beim hereindräuenden „Neuen Kurs“ eben Bönzchen bleiben oder im Ruhestand wenigstens nicht laufend lesen müssen, dass man nun zum Aushängeschild des Poststalinismus avanciert sei.

Die Dosis erlaubter Kunst-Fre(i)chheit wurde somit ständig erhöht, wenn auch die Übertragung in den Alltag weiterhin ausgebremst blieb:

„Hier sitzen die, die immer hier sind. Und meinen, dass er meistens spinnt. Er will anders sein! Will ganz anders sein!“

Call it stagnäjschn, Bäybä! Wir glaubten, die gleichen Platten zu hören, glaubten, die gleichen Bücher zu lesen. Glaubten, die gleiche Vision zu haben. Aber taten wir das wirklich? Schon der erste wirkliche Wahlkampf 1990 brachte an den Tag, wie vielfältig die politischen Vorlieben tatsächlich waren, wie unüberbrückbar plötzlich kleinste Nuancierungen zu Klüften wurden.

Noch aber wussten wir all das nicht. Noch war 1986. Am Horizont schien die Glasnostch-Sonne aufzugehen. Also wagten wir uns mal vor beim allmontäglichen Rotlichtnachmittag, bekamen eins drüber, hörten abends dann Pankow, Silly oder (wer hatte) Danzers „Traurig aber wahr“ und am nächsten Morgen stand man auf und ging zur Arbeit. Weitere 3 Jahre lang.

„Guck nich‘ so komisch! Ich bin doch kein Star!“(Pankow)

„Geh! Mein großer Träumer! Geh! Wenn du meinst, dass deine Sehnsucht dich wieder trägt.“ (Silly)

Das Silly-Pankow-Ping-Pong hielt uns auf Trab. Damals.

soundtrack eines untergangs

Untergangsgeräusche