Prägendes Vinyl

Pete Pardo vom Sea of Tranquility hatte mal wieder ne Mordsidee: Back to Highschool. Welche Platten machten DICH zwischen 16 und 19 an? Wer oder was prägte deinen Geschmack?

Also in meinem Fall in den EOS-Jahren 1975-79.

Nun: Wäre ich ein Wessi gewesen, hätte ich dieselben Pferde im Stall wie meine Altersgenossen in Hamburg und Bochum. Aber so?

Ohne Westbeziehungen, ohne D-Mark für den „Shop“, mit nur sehr spärlichen Zufallskontakten, zwecks Aufnahme einer Aufnahme von einer Aufnahme, die von einer Westplatte stammt? Da war es halt nichts mit YES, Genesis, Supertramp auf Vinyl.

Was gaben die Saaletal-Plattenläden her?

Im Alter ist einem nichts mehr peinlich. Also sei eingestanden:

Mein erster Plattenkauf in Sachen „Rockdröhnung“, waren1976 „Die großen Erfolge“ der Puhdys.

Die besaß ich bis Prora 1980, dann verhökerte ich sie schmerzfrei mit einigen anderen „erledigten“ Ostzeitkäufen, weil ja nun meine vinylnen Westzeiten anbrachen. Guckst du hier.

Aber das soll nicht heißen, dass ich Ostrock insgesamt abschwor. Keines Falls! Nur die Puhdys waren eben sowas von Kremlrock geworden, dass ihre Platten eher peinlich wurden, als z.B. die von Karat; die wurden es später auch.

1976 war für Amiga so ein Durchbruchsjahr, in dem viel an Rockplatten erlaubt worden war, und in dem MEINE Altersgruppe langsam Live-Erfahrungen in Konzerten bekam, wer „geil abgeht“ und wer nur „steif zupft“.

LIFT wurden überraschend zur Supergroup. Ihre Debut-LP war um Längen besser, als die um ein halbes Jahr zu spät erschienene Debut-Platte der Stern Combo Meissen. Eigentlich wären die die Artrock-Überflieger der DäDäRä gewesen, aber ihr Live-Album entpuppte sich ohne ihren Erstlings-Hit „Finlandia“(Adaption) als kastrierter Konzert-Torso.

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Lifts Erste enthielt verblüffenderweise kein Sammelsurium alter Rundfunkproduktionen, sondern mit Ausnahme von „Wasser und Wein“ lauter neues Material – und die hatten gerade erst ihren Stil gefunden, der sie passend zwischen YES und Genesis setzte.

Konzert in Schkölen. Hier schon beschrieben.

Dann LP Nr. 2; im gleichen Stil, als zwei Band-Mitglieder bereits tot waren; danach war es mit den „guten LIFT“ bereits wieder vorbei. Aber die zwei LPs gehören zu den „heiligen Platten“.

Renft können hier in dieser Liste 1975-79 nicht auftauchen, weil ich an ihre 73er und die 74er LP erst 1981 per Tonbandmitschnitt herankam.

Stern Combo Meissen fehlen ebenfalls, weil sie in jener Zeit wie gesagt nur ihr Debut wie oben beschrieben und „Weisses Gold“, ihr erstes Großwerk, vorweisen konnten. MICH hat das eher enttäuscht, auch wenn es alle Welt um mich her feierte. Ich besaß die LPs, aber legte sie nur selten auf. Aber Stern Combo kriegte mich live absolut! 1980; 1981 und 1983(knapp vor der Aufnahme von IC als Sänger); als Platte aber brachte es mMn erst ihre dritte – „der weite Weg“ – so richtig. Aber die fällt mit ihrem Erscheinungsdatum Ende’79 bereits in die Armeezeit.

bayon-77Das Debut von Bayon war ein Highlight. So filigran spielte im Osten niemand sonst. Zu den Nachwende-Kulturverbrechen gehört der Umstand, dass ihr Debut nie bei „Original Amiga Masters“ auf CD wiederveröffentlicht wurde. Es war die einzige wirklich internationale Band, die Weltmusik verartrockte, in absolut genießbarer Form! Gleichzeitig klangen sie so romantisch, dass sie irgendwie Santana, Benson und Renaissance gleichzeitig abdeckten, ohne stilistische Brüche.

Um diese Zeit brach auch das „Blues-Fieber“ der DDR aus. Das heißt: So wird es heute gern kolportiert. Der Blueswahn ist älter. Er stammt bereits aus den 60ern und ist eher der Tatsache geschuldet, dass jeder, der Stones auf einer Ostbühne spielt, Bandverbot riskierte.

Also weichste aus – auf „Mannish Boy“ und „Midnight Rambler“ in angeblichen Muddy Waters Versionen. Die Aufpasser merkten es nicht – und die wirklichen Muddy Waters Nummern oder John Lee Hookers „Boom boom boom“ konnten nahtlos angehängt werden.

1976 erschienen mit den Debuts von „Jürgen Kerth“(Erfurt) und „Engerling-Blues-Band“(Berlin) nun zwei der großen Kunden-Heroen. („Kunde“= Osthippie; „Ey Kunde!“). Die waren schon vor Erscheinen KULT. Egal, was drauf war. Ich hatte dann beide. Aber siehe oben: 1980 nicht mehr.

Die Blueserei ging mir ähnlich auf den Wecker, wie dieser unerklärliche Jethro Tull Dauerhype. Wie kommt das eigentlich zustande, dass DIESER Stil und jene Band von „der Meute“ auserkoren werden, angeblich „dauergeil“ zu sein? Spätestens, wenn sich die Typen von der FDJ-Kreisleitung kurz vor dem „FDJ-Studienjahr“ mittwochs nachmittags outen, sie würden ja so auf „Bluuuuuuhs“ stehen – isses dann aus. Also weg mit Kerth und Engerling und Stefan Diestelmann und Hansi Biebl.

Hm. Aber Jürgen Kerth war auch mein erstes richtiges Live-Konzert gewesen. Die Kerthplatte verschleudert zu haben, bereute ich bald. Nach der Wende zog er per CD wieder bei mir ein. Und auf jeder Ostrockbrutzelung fürs Auto darf heute Kerth nicht fehlen!

Auch die Engerlinge wurden mit den Jahren eigentlich immer besser. Heute verehre ich ihre „So oder so“ von 1989 und die „Egoland“ von 1990 – also muss aus jenen 70er Zeiten DOCH ein Keim übriggeblieben sein. Wie vertrockneter Rasen, der viel-viel später von alleine wieder grünt.

Wir hatten in der 9. und 10. Klasse einen sehr guten Musiklehrer. Der musste mit uns natürlich den ganzen verbindlichen Lehrplanschrott abarbeiten. Aber er variierte Arbeiterkampflieder und Volkslieder am Klavier gerne mal durch:

  • Die Fassung kennt ihr…
  • Hätten das die Beatles geschrieben, klänge es so…
  • Die Chinesen spielen das so…
  • Die Neger in Amerika würden daraus Blues machen, das klänge dann so…
  • Oder einen Ragtime…

Da blieb man selbstverfreilich wach!

Diesem Lehrer verdanke ich zwei entscheidende Kicks, die den musikalischen Horizont erweiterten:

  1. Schülerkonzerte im „chroßen Gino-Saal“ waren immer Kamikazeunternehmen für das aufsichtsführende Lehrpersonal, weil Klassik gegeben wurde, die Sache eine „erscheinen Pflicht!“ Veranstaltung war, die pubertierende Hörermehrheit aber auf Rock&Roll stand und mehr oder weniger undiszipliniert kommentierte, wenn die Sopranistin eher an Babajaga erinnerte und somit jeglichen Debbie-Harry-Sex vermissen ließ.

In der 10. Klasse wurden wir auf die Veranstaltung jedoch vorbereitet, wie sonst nie:

„Ihr werdet die 9. Sinfonie von Dvorak hören. Die heißt AUS DER NEUEN WELT. Was ist gemeint?“ Schweigen. Schulterzucken. „Amerika! Dvorak reiste damals von Küste zu Küste! Er beginnt mit Wolkenkratzersound: New York. Dann kommt er in die Prärie und fährt mit den Indianern Kanu; dann wirds langsam und anstrengend, er muss die Rocky Mountains hoch und schließlich Kalifornien und wieder Große Städte, Straßenverkehr, Gedränge.“ (Dazu Klangbeispiele von Platte – und alles hat gestimmt.)

Ich saß also im Konzert und sah sie alle vor mir: Chingachgook, Toka-ihto, Wahtawa, Red Fox; vorndran Kojak in seinem rollenden Flugzeugträger und hintendran Columbo.

Dvorak2

Diesmal war mir das Muss-Konzert viel zu kurz!

Nächster Gang: Plattenladen und die Verkäuferin schocken:

mde

„Ham Sie die 9. vom Dworschak?“

„Soll’s n Geschenk sein?“

„Nö für mich.“

Der Gesichtsausdruck der ehemaligen Fischverkäuferin mir gegenüber schwankte interessanterweise zwischen „Ein perverser Irrer?!“ und „Ach du armes Früchtchen.“

Aber sie hatte die Platte eh nicht.

Erst in Leipzig, ein paar Wochen später, wurde ich fündig:

Arturo Toscanini dirigiert das NBC Symphony Orchestra New York. Was will man mehr?

  1. Der zweite Kick war seine Einführung in den Jazz: Benny Goodman Swing von Platte. Die helfende Erläuterung: „Hört mal nur auf das Orchester: Die spielen immer dieselbe kurze Melodie und Goodman steht vorn und bläst sein Solo, greift die Melodie auf, ändert sie ab, spielt sie wieder exakt, reiht sich ein….verschwindet…die Trompete ist dran, die machts wie er… Und jetzt mal Duke Ellington. Da ist das so ähnlich, aber es geht ein bissel mehr „ab“, wenn ihr euch beim Hören bissel Mühe gebt.“

Das war so anders als dieses Satchmo Gedudel im Fernsehen, das ich bis dahin für die einzige Art von Jazz hielt. Dixieland – Fluchtreflexe ahoi! Bis heute!

Also ging ich in den Plattenladen und durchstöberte die Ladenhüterreihe mit den schwarzen Covern und dem orangenen großen J in der Ecke. Lester Bangs, Ben Webster, Jimmy Smith, Ella Fitzgerald, – da: Quincy Jones! DEN Namen hatte ich irgendwo mal aufgeschnappt. Der Essay auf der Rückseite des Covers verriet, dass er hier mit Orchester spielt. Das war der Duke Ellington Kick aus der Schule. Ich ließ mir die Platte auflegen. Gleich die erste Nummer entschied den Kauf „Coming home Baby“. DAS geht! Das kann man hören! Zu Hause entpuppte sich die LP als Volltreffer. „cast your fate to the wind“, „Desafinado“, … alles bestens. Nummern, die mir in Fassungen von Carlos Jobim und George Benson alle später wiederbegegneten. Ich hielt mich plötzlich für jazztauglich. Ben Webster Trio, Oscar Peterson, Jimmy Smith zogen ein in meinen Plattenschrank, kurz bevor der Punk losbrach.

Besonders auf der Amiga-Smith-LP fiel zum ersten Mal auf, wie scheiße das sein kann, wenn ein Entscheider zwischen 10 tollen Westalben sitzt und nun überlegt:

„Welche bring ich nun als Lizenzplatte in die Läden? Ich darf nur eine! … Ich werde was zusammenstückeln.“

Und dann sitzt das Käuferlein vor dieser Bruchstücksammlung und mault: So wie das erste Stück hätte es weitergehen sollen! Oder die Nummer in der Mitte der B-Seite – hach! Wie muss sich davon die ganze LP anhören? Wie sie „drühm“ heißt, steht sogar im Begleittext. Der Zahn tropft – aber: Die Mauer! Die Mauer!

War das eine Messe, als ich dann in den Nullern die „Root down!“ an Land zog! In reparierter ergänzter Form auch noch – also nix mehr „interruped live record“!

  1. Das dritte Schlüsselerlebnis im Zusammenhang mit Musikunterricht Klasse 10 wurde dann jedoch mein Bekauf mit der Amiga „Mahavishnu Orchestra“. Die galten vom Hören-Sagen als der Gipfel anspruchsvoller Rockmusik. Ich glaubte ja inzwischen Jazz-Ohren zu haben. Und nun lag da eine LP im Laden. Auf dem Lizenzplatten Hocker hinter dem Ladentisch. Also: Zuschlagen, nicht reinhören. Die ist bald weg! Wird schon!

Falsch. Wie im Falle von Jimmy Smith war hier gestückelt worden. Jedes der 5 Alben der klassischen Besetzung hat aber einen anderen Flow. Und bei denen ist es eh mehr Saitenakrobatik als Melodie! Und so wurde dieser Tonsalat völlig ungenießbar. 16,10 M für die Tonne! Praktisch ungespielt lag die von ca 1978 bis 1980 bei mir rum. Dann: Siehe oben, ging sie den Weg der Puhdys und der Engerlinge über den Jordan. – Zeitchen verging. 1988 lernte ich die „Adventures in Radioland“ dank Rundfunkmitschnitt kennen und lieben. Und um 2000 herum waren alle Nachholkäufe, soweit erreichbar, durch. Also besann ich mich auf Beutefahrt ins Westberliner WOM mal wieder auf Mahavishnu. Es gab nur die „Emerald beyond“, aber die erwies sich nun ebenfalls als gut durchhörbar. Mit der „Birds of fire“ etwas später wurde ich nicht warm. War wohl doch nichts mit den „Jazz-Ohren“. Bissel Fusion. Bissel Easy Listening früh 60er Orchesterdudel, thats all.

mde

Ein Wandertag der 9. Klasse verschlug uns zunächst nach Leipzig und führte zur Entdeckung des polnischen Kultur-und Informationszentrums. Das hatte vinylne Folgen. Weil es uns The Gun und The Nice LPs eintrug. Siehe hier. Für mich erwies sich die NICE als die wichtigere. Sie enthielt „America“, jene herrliche Bernstein Adaption. Das lag damals genau in meiner Geschmacksrichtung. Die Adaptionen von Exception , electra und Focus hatten mich am Haken. Mein Orgelkonzert-Faible entstand wegen Rick Wakemans „Journey to the centre of the earth“. Pathos! Pathos! Pathos! Help me through the night of fehling Selbstbewusstsein in der Pubertät!

Dauerhafter prägte mich „die Poleninformation“ durch die Entdeckung von SBB, DER Super-Group des Ostblocks. Die SBB III, IV, V rangieren heute gleichauf mit YES und Genesis. In den Nullern leistete ich mir die 22 CD-Kiste mit den 5 Alben, ca 12 Konzerten aus allen Schaffensphasen und ein bissel Bonusklimbim. DAS MUSSTE SEIN! Die laufen heute noch. Wenn auch eigentlich nur 5 oder 6 davon. Aber DER Totalüberblick hat mich tierisch interessiert und war kein Reinfall.

Dann auf nach Berlin. Nächste Klassentour. Dort in der Nähe des Palastes der Republik war das „Ungarische Kultur-und Informationszentrum“. Da wir das „Polnisches KIZ“ nun kannten, waren wir gespannt auf die ungarische Variante dieses Geschäftskonzeptes. Aber oweh!

Da lagen Hermann Hesse- und Karl May Bücher in ungarischer Sprache. Somit war der Autorenname das einzige für uns lesbare. Westlizenz-Vinyl überhaupt keins.

Aber: LPs von ungarischen Bands in Hochglanz-Optik, wie Westplatten. Omegas „Timerobber“ hatte kurz zuvor Furore gemacht, war aber nicht vorrätig. Von Omega nur ihr 1968er Debutalbum „Red star“, ungarisch gesungen.

Von Locomotiv GT ein Album mit Dreifach-Hülle. „Everybody does his own thing“. Sehenswert. Und von Skorpio zwei solche Glitzercover „Ünnepnap“ und „Kelj fel!“

Da für Trips nach Berlin immer die ganze Sippe Geld mitgab: Guck mal, ob‘s dies gibt! Guck mal, ob de das kriegst! Konnte ich alle vier (nach kurzem Reinhörcheck) kaufen. Was elterliches erzieherisches Donnerwetter und wochenlangen Taschengeldentzug nach sich zog.

mde

Aus der Locomotiv GT- und Skorpio-Erfahrung wurde eine Liebe für’s Leben. Die alte Omegaplatte ging 1980 ebenfalls in den Pool: Weg damit. Klang wie die frühen Kinks auf Ungarisch. Das war bei weitem nicht ihre Spacerock/Prog-Phase. Kurz vor der Einberufung ergatterte ich die Omega VIII und IX, also für westdeutsche Kenner die „Skyrover“ und die „Gammapolis“, aber die wurden erst richtig in den spärlichen Kompanie-Urläuben konsumiert. Deshalb ist das dann schon jenseits der EOS-Zeit anzusiedeln.

Eine Klassenfahrt nach Dessau in der 11. Klasse ließ uns Music-Junkies das Horst-Krüger-Septett entdecken. Die Jugendherberge besaß u.a. eine Krüger-Single, die wie Chicago mit deutschen Frauengesang von Silvia Kottas klang. „Sag nie…“ – Huch!

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Die Truppe hatten wir bisher geflissentlich missachtet! Wie geil kann die Mugge von jemandem sein, wenn er sich diesen Opa-jazzigen Namen „Septett“ verpasst? Da wär‘ ja das verdammte „Combo“-Anhängsel fetziger gewesen! Band durfte man ja in den frühen 70ern in der Zone nicht heißen. Bänd war englisch. Und Englisch war Kapitalistensprache. So der Schnack aus Ulbrichts Tagen, der erst Mitte des Jahrzehntes beiseite geräumt wurde.

Peter wusste, dass es daheim im Plattenladen noch alte Krüger LPs geben sollte. Sogar runtergesetzt auf 8.-M.

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Er hatte recht. Die LP „Geh durch die Stadt“ von 1972 lag noch verkramt unter anderen Unverkäuflichen 6 oder 8mal herum. Vier von uns kauften vier davon. Prompt versuchte es der Filialleiter mit Marktwirtschaft und stellte die verbliebenen 3 oder 4 wieder sichtbar ins Regal auf Augenhöhe. Aber mehr als wir vier kamen nicht vorbei. Der Krüger-Boom war schon wieder „durch“.

Hört man die „Geh durch die Stadt“ heute, ist sie ein einziges Kuriosum. So richtige „optimistische Liedkunst des Sozialismus“. Man muss titanisch die Texte verdrängen, um die musikalischen Sporenelemente von Chicago und den Bee Gees der „Lonely Days Phase“ herauszuhören.

Die Platte könnte in absehbarer Zeit Sammlerrarität sein. Deshalb hab ich sie noch. Sie knistert auch nicht!

Wer ihr als Wessi gerecht werden möchte, sollte zur Einstimmung erstmal eine von Witthüser Westrupp hören, um sich an den Blödsinn aus eigenen Landen zu erinnern, bevor er diese hier verlacht.

Wenn ich es mir recht überlege, wäre sie mal einen Extra-Post wert. Platten wie diese lehrten uns, auch auf obskuren Alben die ein oder zwei Perlen zu finden, die da durchaus versteckt sein konnten. Der Titelsong und „die Allee“ gehen durchaus ganz gut durch. (Rockmusiker in den frühen 70ern zu sein, hieß, sich textlich diesen zwanghaften Optimismus aufdrücken zu lassen. Das war der Preis, auf Vinyl verewigt zu werden. In der Mitte des Jahrzehnts umgingen die Texter das geschickt mit sehr vielseitig interpretierbaren Allgemeinplätzen, die bald als „Weltall-Erde-Mensch“ Rock bewitzelt wurden. So hieß das Jugendweih-Buch für die 14jährigen. Eine Sozialismus-Bibel über den Wandel der Zeiten, die niemand las, aber alle Teenies feierten die prächtigen Saurier-Abbildungen darin.) — Schließlich stieß ich in einem Plattenladen in Markranstädt dann noch auf jene sagenumwobene Horst-Krüger-Band LP von 1975, auf der sich die Urfassung der „Tagesreise“ befand. Ein absoluter Ostrock-Klassiker; von Michael Heubach 1973 für die Bürkholz-Formation komponiert.

mde

In den 80ern wurde die Horst-Krüger-Band-Platte noch kultiger, weil sie in Bild und Ton festhält, wo sich Tamara Danz vor Silly herumgetrieben hat.

Wenn ich es mir recht überlege, machte der Mangel erfinderisch und schärfte die Sinne, für verborgene Klangschätze. Das bewahrte mich vor der 08/15 Werdung.

Gleis 1 blieb zwar immer die Westradio-Beute, aber das Ostvinyl setzte keinen Staub an und werkelte so reichlich mit an der Geschmacksentwicklung. Amen.

Es war nicht alles schlecht!

Inmitten all der Grabesruh‘

Früher war’s mal ein melancholischer Countrypop-Song.

2015 wurde er dramatischer intoniert. Es passte in die Zeit.

Wie kann man das toppen? Vielleicht mal ins Deutsche übertragen?

Ich hab’s versucht.

The Sound of silence

Original: Simon and Garfunkel

Coverversion: Disturbed (Wunderbares Video)

Dt.: Bludgeon

Gibt ja derzeit so allerhand Branchen, Berufsgruppen und Gründe, die die alte Hippie-Hymne aktuell halten.

Hallo Nachtlicht, guter Freund

Hab grad erneut von dir geträumt

Deine Vision herein mir weht

Bei Tageslicht jedoch dann stets vergeht

Und das Weltbild einst in meinen Kopf gepflanzt, schreit und tanzt,

Doch Grabesruh im Lande

Durch diesen Traum geh ich allein,

ich könnte kotzen, möchte schrein

doch stell ich nur den Mantelkragen auf

nehm alle Lasten dann erneut in kauf

plötzlich Neon-Licht, das blendet mir den Blick

schnell zurück

bleibt doch die Grabesruh im Lande

Und in dem nackten Licht, ich sah

10 000 Mann warn plötzlich da

Lauter Menschen ohne Zeitungen

Lauter Menschen ohne Meinungen

Schreiben Songs, deren Verse niemand hört

Und keiner stört

Die dumpfe Grabesruh im Lande

„Ihr Opfer steht passiv und steif

Derweil der Krebs hier um sich greift!

Hört mir zu, ich sag euch nun

Was ansteht oder wollt ihr ruhn!“

Doch meine Worte verhallen alle ungehört

Niemand stört

die Grabesruh im Lande

Und die Leute neigen‘s Haupt

Für jede Warnung stramm ertaubt

Und ihr Neon-Gott der strahlt allein

Ich aber schleich mich wieder heim

Und der Mond sagt:

„Die Ideale, du? Das sind doch Sprüche für die U-Bahnwand.“

Ich verstand:

Deshalb die Grabesruh im Lande.

15 Alben – 5 geachtete Geächtete

Bisweilen gab es unter Studenten unserer Jahrgänge den Wettbewerb: Wer findet die grauslichste Musik schön? Wer ist also intelligenter als der Rest, weil er „kompliziertere Strukturen goutiert“. (Feuilleton-Schwatz)

Den einen trieb es in den Krautrock, den andern zu Miles Davis und wieder andere trainierten sich die Oper an. Also – die richtige Klassik. Ich hab das alles versucht, sogar die genialen Dilettanten gemocht, im Postrock gewildert, mir „intellektuell“ den Blues erklären lassen – und am Ende hörste doch wieder Doowop, Las Vegas Elvis und „Rumours“.

Ich übertreibe. Aber die Tendenz stimmt.

Deine Ohren wissen selbst, was ihnen guttut.

Spaß macht allerdings, andere Leute ab und an zu verblüffen, weil man sich zu „entsetzlichen Werken“ oder Bands bekennt, nachdem man zunächst Gleichklang auf gehobener Ebene hergestellt hat:

„Waaaaas? Dein Ernst? So’n Mist findest du gut? Warum bloß?“

Dann erst gibt es die wirklich guten Gespräche, weil dann auch andere sich aus ihrer Deckung trauen.

„Ja, wenn du DAS zugibst, dann beichte ich dir auch, dass ich immer noch die „Marleen“ LP von der Rosenberg suche, Vinyl, und dafür sogar richtig Geld bezahlen würde, wenn ich rankäme.“

Schauen wir also im Folgenden mal in die „Schmuddel-Ecke“. Was genießt Bludgeon so an Musik, was Musikjournalisten und Pseudokennern so richtig die Fußnägel wellt:

Platz 5

Der Miles Davis Fail „Tutu“ von 1987.

„Huuuuu! Der Meister auf dem Weg in den Pop!“ – „Wer rettet jetzt das Angedenken an Bitches Brew? An Cooljazz? An Rockjazz?“ – „Die andere Heroen aus der Ecke hauen ja auch alle ein Mistalbum nach dem andern raus!“ – „Mit diesem Album manifestiert sich: Das ist das Ende des Jazz!“ Und so weiter und so fort.

Ich bin ein Kind des Glamrock. Mit fast 18 erwischte mich der Punk noch – will sagen: Ich hasse Bläser! Vor allem Blechbläser! – Das Saxophon in „Bakerstreet“ oder in „Urgent“ geht gerade noch in Ordnung. Ich bin ja ein tolerantes Kerlchen. Eine Handvoll Chicago-Tracks und der eine oder andere Blood Sweat and Tears Song – von mir aus. Aber mehr darfs nicht sein! Trompeten und Posaunen nerven wie Hölle!

Und dann steh ich anfang 1988 in meinem Niederlausitz-Dorf-Plattenladen und kaufe „Tutu“!

Der Stapel lag da so. Unbeachtet zwischen Ladenhütern von Reform, Uschi Brüning und Horst-Krüger-Septett. Ich nahm die mit. Könnte eventuell später doch noch vertauscht werden. War ja ne Lizenzplatte.

Zu dem Zeitpunkt kannte ich den Titeltrack. Der hatte so ein Edgar-Wallace-Film-Feeling irgendwie:

Rumms: Blick auf die Skyline von London – diedummdummdiedeldummm schwebt die Kamera in eine enge Gasse – Rumms: Leiche Nr.1…diedummdummdiedeldum, ja, wer war’s denn bloß? … usw.

Und auf der LP geht das so weiter. 8 Stücke. Ein Flow. Das letzte heißt „Full Nelson“.

Da gibt es 1987 so einen angesagten Typen, der Prince Nelson heißt und die Welt gerade mit „Sign of times“ verblüfft hat. Und Jugendradio DT64, der mit Abstand beste Sender der Ehemaligen, brachte es an den Tag, dass da der schwarze Rock Star Nr.1 den schwarzen Jazz Star Nr.1 verehrt hat und ihm diese Komposition überließ. Jazz Star Nr.1 nahms als Herausforderung in dieser Art eine ganze LP zu fabrizieren. Rumms! Und er revanchierte sich und schickte Rock Star Nr. 1 auch ein paar Töne. Der erschuf daraufhin „Lovesexy“ – unter Zuhilfenahme der gestopften Davis-Trompete. Fantastische Symbiose in beiden Fällen!

Aber der Moderatorenspott war ihm seinerzeit sicher:

„Miles Davis im quietschbunten Prince-Kosmos! Ob der alte Mann inzwischen auch Spagat übt? Weiß man nicht!“

„Das ist eine Jazzplatte für Leute, die keinen Jazz mögen.“

Yepp. Für mich. – – – Is‘ voll aufgegangen die Rechnung.

(Naja. Understatement: Bissel Bigband Easy Listening Jazz und Fusion darf es schon sein, ab und an. Hab dann so Jazz-Tage, wo ich nur sowas höre.)

Was die schreibenden Aburteiler außer Acht ließen: Die Platte lockt Leute wie mich an! Was hat denn der sonst so gemacht?

Ich lernte 1987 „Bitches Brew“ kennen – und lieben. Für ne Weile. Lange hielt es nicht. Auf dem Dorf findest du da auch schwerlich Gesprächspartner.

Ich lernte, dass das ganze Mahavishnu Orchestra bei ihm spielte. Selbst Benson tauchte da‘69 mal auf! Was für eine beeindruckende Hexenküche. – Leider viel Trompete dabei.

Es blieb bei der „Tutu“. Aber die musste als CD später auch noch sein. Und während ich das hier schreibe, läuft sie bereits zum dritten Mal wieder – repeat-repeat-repeat…

Miles!

Davis!

Nächster Fall:

Ganz ähnlich Miles D. war sein Ex-Kollege aus alten „Bitches brew“-Tagen 1987 drauf.

Die Band von damals hatte ohne ihn weiter gemacht und viel Ruhm eingefahren: Das gepriesene, „musikalische Erleuchtung bringende“ Mahavishnu Orchestra! Es schob die Grenzen zwischen Rock und Jazz erfolgreich immer weiter. 1975 dann die Trennung. Drei von 5 machten erfolgreich Solokarriere, einer von ihnen -John Mahavishnu-, der sich nun wieder bieder John McLaughlin nannte.

John McLaughlin & the Mahavishnu Orchestra „Adventures in Radioland“ heißt die Platte, die da nun anno’87 auf dem Markt erschien und die gleich doppelt als Etikettenschwindel angesehen wurde.

  1. Außer McLaughlin ist keiner der alten Orchestra-Veteranen dabei;
  2. Die Musik klingt nicht mehr so wie vor’75, weil unter anderem die Geige fehlt und zu allem Übel ein zeittypisches electric-drum-kit zum Einsatz kommt.

Nun war das alte Mahavishnu Orchestra ein ganz besonderer Fall der Rockjazz Geschichte. Was für die einen der tonale Olymp frickeligen Improvisierens war, hörte sich für die andern an wie Katzen quälen.

Es war also nie jedermanns Sache, was unter dem Namen Mahavishnu da so in Rille gepresst worden war – und das war es 1987 eben auch nicht. Insofern stimmte die Namensgebung schon!

Auf DT Jugendradio gab es ein Sendeformat „Das besondere Album“. Dort wurde alle 14 Tage donnerstags nachts eine Westplatte der gehobenen Güteklasse gesendet und vor jeder LP Seite wurden die Titel und Hintergrundinformationen zur Platte gegeben.

Z.B. Joni Mitchell „Hejira“, Pat Metheny „First circle“, Lou Reed „New York“ und eben auch das Mahavishnu Orchestra „A.i.Radioland“.

Damals erzählte der Moderator sinngemäß das Folgende:

„Geliebt wird die Platte von der Jazz-Kritik nicht. Mir gefällt sie. Hier wird durchaus gelungen mit Zeiteinflüssen von heute gespielt. Die Titel sind…“

Und dann hieß auch noch einer der Tracks „the wall will fall“!

Nicht, dass ich das 1988 geglaubt hätte, aber dass die Musikredaktion frotzelte und mal wieder Zensur unterlief, war bereits Mode geworden und sorgte erfolgreich für Senderbindung.

Spontan grinsend drückte ich „Aufnahme“ und es entrollte sich ein Sound, der irgendwie Phil Collins und Depeche Mode minus Dave Gahan(weil niemand singt) dabei zeigt, wie man Doldingers „Das Boot“ Soundtrack und „Jan Hammers „Miami Vice Theme“ verrühren kann.

In Wirklichkeit hämmern hier Danny Gottlieb on drum, Jonas Hellborg on bass, Mitchell Forman on keyboards herum. Und der alte John McL. hält sich im Gegensatz zu früher erstaunlich zurück. Bill Evans kommt für einen Track noch mit dem Saxophon vorbei. Das war’s.

Ich liebe diese ungewöhnlichen Klänge, die nicht nerven und nicht langweilen. Eine Platte auf der man immerwieder eine neue Soundfinesse entdecken kann, die man nicht überkriegt.

Jimi Hendrix hätte vermutlich ähnlich gespielt, wenn er die 80er erlebt hätte.

Fall 3:

Da war diese Band, die es ewig gab, die es immer knapp verpasste, zu den ganz Großen aufzuschließen, deren LPs immer Moderatorenlob einfuhren, deren Gitarren-Soli-Verzahnung von vielen Berufsgitarristen für „unspielbar“ gehalten wurden, die trotzdem melodiös zu Werke gingen, die kluge Texte boten … von denen du aber nie jemals irgendwo einen Fan getroffen hast.

Die Rede ist von – Wishbone ash.

Und die Rede ist zudem von ihrem ersten richtigen Flop-Album, das zunächst zwar gelobhudelt wurde, wie alle Vorgänger, nachdem es aber noch mehr in den Verkaufszahlen einbrach als diese, bald schon als Beispielplatte genannt wurde, wenn die Punk-Behauptung von den „langweiligen alten Fürzen“ bewiesen werden sollte: „Front page news“.

Wishbone Ash waren über den großen Teich gegangen und zusätzlich noch ganz durch, durch das „gelobte Land“ nach Kalifornien und hatten dort ein Album eingespielt, das sich anhörte wie „the missing piece“ zwischen Fleetwood Mac „Rumours“ und Doobie Brothers „takin‘ it to the street“.

Damals spielte „Duett“ auf Berliner Rundfunk eine halbe Stunde einen LP-Querschnitt daraus, der mir auf Band geriet, zwischen einen ebensolchen von Bob Marleys „Babylon by Bus“ und Supertramps „Breakfest in America“ – die letzte Etappe des Penne-Soundtracks vor der Asche-Zeit (Manche nannten es „Ehrendienst“; Zynismus aus.) Funeral Anthems of a Youth. Take the long way home! – Who killed Bambi? – Like a Bat out of hell I’ll be gone-gone-gone…

Supertramp wurden derart abgedudelt, dass ich sie heute nicht mehr brauche. Vom Reggae bin ich auch weg. Was blieb, sind die Songs der „Front Page News“. Die CD, von mir ab 1993 gesucht, war so rar, dass es Jahre dauerte, sie zu ergattern.

Die Band schien alles wiederaufzulegen und zu remastern, nur DIE nicht! Die Entzugserscheinungen nahmen zu. Da war es dann noch ein letztes Mal, dieses Gänsehaut-Gefühl, als ich die CD endlich hatte und einlegte und das bekannte Intro erscholl, das mich irgendwie immer auf „Ringelrei’n“ bringt:

You made me feel good
After all this time,
Welcomed me home
With my name in lights,
Took me by the hand,
Shook away my fear,
Brought back the memory
Of those earlier years.

Yeaaaaaahr. Alles wird gut!

Da drehen sich dann wieder die Jupiter-Spulen im Geiste oben auf dem Bücherschrank und links und rechts hängen die beiden gleichgroßen Elvis-Poster wie Altarflügel. Das Physikbuch fliegt von Wand zu Wand, weil die Hausaufgaben schon wieder nicht aufgehen… damals DAS ELEND … heute HERRLICHE ERRINNERUNG!

Fall 2

Es gibt in Musikzeitschriften ab und an diese „Polls“. Beste Progrockalben aller Zeiten; Einkaufszettel zu Band X (Was muss/kann/darf ins Regal – und was nicht…)

Und wenn es um Yes geht, dann glaubt man zu wissen, was als „übelster Ausschuss“ unweigerlich abgewatscht werden wird. – Verblüfft war ich in den 90ern, bei Erstkontakt mit derlei Bringer vs. Nieten-Album-Listing, dass die „Tales from Topographic Ocean“ bestenfalls als „durchwachsen“ oder „umstritten“ oder gleich als „Lusche“ der Frühphase abqualifiziert wurde.

„…hat Längen…“, „wäre als LP ganz gut gewesen, als Doppelalbum ist das nichts…“, „Andersons Größenwahn erschuf das jämmerliche Tales-Doppelalbum…“, „…keine Gruppendynamik, nur Gedudel…“, „Wakeman weiß auch nicht, was die Botschaft ist“  usw.

Ich hatte es gerade (1994 herum) erworben, das Yes-Sehnsuchtsalbum des Ostens; weil ich es seit Mauerzeiten mochte – und zwar sehr! – Und nun dieser Quatsch im „Eclipsed“, in der „Rock“ oder in der „Good Times“ und das gefühlt alle 2 Jahre wieder.

Der Osten hatte viele Artrock-Fans. Wer eine Oma hatte, die in den Westen fuhr, der ließ sich Artrock(heute: Prog) Alben mitbringen. Nur gab es da das Problem, dass Rentner zwar reisen durften, aber ohne Devisen. Sie mussten sich „drühm“ also von der Verwandtschaft aushalten lassen bzw. von den 100.-DM Begrüßungsgeld das Plattengeld für den oder die Enkel abzwacken. Und da ja jeder in der Ostfamilie einen mehr oder weniger kleinen Wunsch hatte, wurde es eng. Und das bescherte mitunter falsche Mitbringsel. Denn für Oma war das immer nur „eine Schallplatte von diesen englischen Gammlern wünscht er sich“. Wunschzettel hin oder her.

Nichts desto trotz: Yes-, Genesis-, Floyd-LPs waren nach und nach einigermaßen reichlich in die Ehemalige gelangt, die Doppelalben fehlten – aus dem obigen Grund.

So kannten alle Proggies in meinem Umfeld also fast alles von Yes, bloß die „Tales“ nicht.

Als ich in der Niederlausitz saß, abgeschnitten von meinen Leipziger- und Naumburger Bezugsquellen und nur zweimal im Jahr nach Plauen kam, zwecks Musikdrogennachschub vom Flohmarkt dort, da trug es sich zu, dass mir als Kontakt ein Pärchen beschert wurde, welches ebenfalls Westvinyl besaß, dessen Großteil sich aber in zweifelhaftem Zustand befand. Die besaßen ein knisterndes, aber abspielbares Exemplar der „Tales“. Checkpott! Und sie besaßen Albert Hammonds LP von der „Free electric Band“ in besserem Zustand als die „Tales“.

Wenn du auf Entzug bist und der nächste Plauen-Termin ist noch weit, dann nimmst du alles, was du kriegen kannst, um es aufzunehmen: Hammond hatte ich bis dahin unter „unerheblich“ verbucht. Nun saß ich mit den geborgten Alben zu Hause, nahm die „Tales“ auf, kapierte die Texte nicht, las also derweil die Hammond Texte – und war bas erstaunt. Der tucke-tucke-train-Albert hat’s ja richtig drauf! „Smokey Factory Blues“! Hammer für unzufriedene Werktätige des Stagnationszeitalters! Genau auf die 12! Und vor allem „Rebecca“! Was für eine herrliche Darstellung eben gehabter erstmaliger Klassentreffen mit all den Scheidungserlebnissen der anderen und Seltsamwandlungen vom Punk zum Spießer. Vom Aschenputtel zum Star oder andersrum. Also musste auch davon eine Aufnahme ins Archiv!

Seither wenn die „Tales“ laufen, tritt der pawlowsche Reflex ein: Give it all up for music in a free electric Band! Irgendwie wurde Hammond der 6 Mann von Yes.

Und wenn das mal nicht der Fall ist, dann hakt sich die Songzeile vom „zerstörten Lied“ fest:

„What happened to this song – we once knew so well!“ = „Wer hat mein Lied so zerstört?“ Daliah Lavi. Das erzeugt die früh70er Wochenend-Nestwärme von daheim. „Schaubude“ gucken dürfen, „willst du mit mir gejn, Wind und Sterne verstehn“; „Butterfly, my Butterfly“; „How do you do, nana“ Carell, Ohnsorg-Theater… die Eltern teilen die Schokolade zu…vielleicht schaff‘ ich mit bissel betteln, aufbleiben zu dürfen, ob nach dem „Wort zum Sonntag“ noch ein Western kommt, oder „Godzilla“…

Die „Tales“ sind zu lang, zu hohl, zu sonstwas? Blödsinn! Keine Minute! Ein Sound-Angebot, das mit der eigenen Phantasie zu füllen ist! Wer keine hat, der kann nur pseudoakademisch mäkeln.

Bleibt noch die Nummer 1:

And the winner is – Philly-Sound!

Was gaaaaar nich‘ geht ist all die Philly-Gülle, die Vorstufe des Discomülls!

Unerhebliche Fließbandmugge von Gamble & Huff gecastete Typen. Hast du einen Song – hast du alle. Die LPs dieser Eintagsfliegen bestehen aus einem Hit und lauter schnell hingeschluderten Graupen. Nenne mir ein zweites brauchbares Lied von Shirley & Company, von Jigsaw, von George McCrae!

Jaja. Und doch liebe ich diesen Philly (Doppeldecker-)Sampler, den ich mal billig an der Tanke erstand.

Dirty ol’man, let’s clean up the ghetto, shaft, rock the boat, the hustle, everybody gonna disco stomp, … alles eingespielt mit großem Orchester, nix Billig-Samples! – Ich hab den fürs Auto umgestaltet und Claptons „swing low sweet chariot“ und „in for a penny“, „thanx for the Mem’ry“ von Slade sowie Bowie’s „Fame“ drunter gemixt; so klang „Musik nach der Schule“ auf HR2 und NDR2 wayback then, when Erich kisses Leonid.

…a Slade-Song a day keeps the doctor away…

In diesem Sinne:

Only the strong survive!

Chears!

15 Alben – 5 Verrisse

Musikalische Denkmäler anpinkeln, die in den eigenen Ohren einfach nicht zünden, macht richtig Spaß.

Natürlich mag im Folgenden manche Kritik überzogen sein, aber: Die folgenden 5e gefallen mir nu wirklich nicht(mehr) – und das hat Gründe.

Sea of tranquility hatte mal eine Sendung:

Bands that everone seems to love, but i don’t get it!

Die hat mir besonders gefallen, weil in all dem Promo-Gedöns der Jahrzehnte, dass „Band XY (angeblich) wieder ein epochales Meisterwerk veröffentlicht hat“, die anderen Stimmen, die das nicht so sehen, viel zu wenig auffielen. Und nun, im gereiften Alter, bist du eben auch bereit, über manche Begeisterung von einst den Kopf zu schütteln: Warum hab ich das mit 17 oder 25 gemocht? Wie naiv muss ich damals gewesen sein?

So. Welche 5e kriegen jetzt im Folgenden Dresche?

Fall Nr. 1:

„Deep Purple in Rock“

Entsetzlich. Ich bekam die kurz vor der Wende zum Aufnehmen geborgt – und verzichtete nach dem ersten Reinhören. Die Platte klang auffallend scheußlich „dünn“ im Sound. Auf die Entstehungszeit kann man das nicht schieben, denn ich hatte Hendrix, Who, Sabbath auf Band, die sich bedeutend kräftiger anhörten. Vorallem bei den Orgeleinsetzen hörte man auf der andern Box so eine Art Kratz-Echo oder Mitfitscheln, als wär’s nicht sauber ausgesteuert.purple

Ob inzwischen irgendwelche Remasterings daran was verbessert haben, weiß ich nicht. Mich hat das Werk nicht weiter interessiert, weil zusätzlich noch ein zweiter Schwachpunkt ins Ohr stach:

Wenn du „Child in time“ auf „Live in Japan“ kennengelernt hast, dann ist die Studiofassung nur noch – ÄCHZ! Was issn das für ein Schluss? Ist das deren Ernst? Dieses Abbrechen nach dem zweiten Schrei-Intervall, um dann wie einen Fremdkörper aus einem andern Song dieses Crescendo anzupappen. Da ist völlig der Flow futsch.

Und wenn dir „Child in time“ schon nicht gefällt, dann hat die Platte NICHTS, was sonst noch gehen würde. Kein memorabler Track nirgends.

Einer heißt „Halleluja“. Prompt denkst du an was Bedeutungsschwangeres a la Leonard Cohen, umrahmt von Bach-Fugen-Zitaten, die der Lord ja gekonnt hätte. Und was kriegste stattdessen: Nach dem ersten 3maligen Halleluja-Geleier wartest du unweigerlich auf die Les-Humphrey-Singers: Gleich kommt „Joshua fights the battle of Jericho-Jericho-Jericho“. (Jahre später kam mir dann noch die andere Assoziation ein, weil ich den Text verstand: Was singen die da? Einen Gildo Horn Text? Piep-piep-piep, wir ham uns alle lieb?! Halleluja!

„Speedking“, naja. Für Pubertierende mit „Fahr-Riemen“ ganz hübsch. Wenn dein Freizeitverhalten sich darin erschöpft mit dem Moped Stadtrunden zu schrubben, fühlst du dich eventuell verstanden. Aber in DIE Liga gehörte ich nie.

„In Rock“? In Garbadge!

Nebenbei eingestanden: Ich besitze 3 Deep Purple CDs, deren Kauf ich nicht bereue. Eine 4. wurde mir mal gebrannt spendiert. Also ich weiß durch aus, von denen was zu schätzen, aber die „In Rock“? Das ist der Vorläufer der auch ganz graußlichen „Stormbringer“.

Magst du weiterlesen? (Grins.)

Fall 2

Jethro Tull „Thick as a brick“

Hach, war das ein Hype damals’75. Ich war 15, als ich mit „Part 2“ in Berührung kam. So war das eben im Osten: Irgendwer hatte in einer Radiosendung eine halbe LP erwischt, in der Woche zuvor oder danach aber den anderen Teil verpasst – und trotzdem wurde nun das halbe Ding herumgereicht und kopiert und kopiert und kopiert.

tull1Eines Tages wollte nun ein Kumpel mit Hilfe meines Gerätes von geborgter Kassette jenen Part 2 auf seinem Gerät auf seine Kassette fabrizieren. Gesagt – getan. Wir starteten die Aufnahme – und dann ging das Gedudel los.

Ich kannte ein paar ihrer Radiohits. Die „Locomotive“ natürlich usw. Nun also die Übernummer, das Longwerk. Faust III. Finale Weisheiten in Rock garniert. Die Story des „Großwerkes“ war im Ost- und Westrundfunk oft genug erzählt worden. Wir hatten also bissel Hintergrundwissen – aber das erwies sich hier als störend. Es verhinderte, dass während des Hörens die eigene Phantasie andere Bilder produzierte als jene dürftige Zeitungsgeschichte. Hätte das Werk „On the Coast of Ireland“ -oder so- geheißen und statt Text so Oldfield-mäßig nur „Oooo-She-maaaa“ Vocalisen gehabt, wär’s musikalisch wahrscheinlich gegangen.

Aber die Story um jene Prämierung eines anspruchsvollen Gedichtes, das sich als Geschreibsel eines Grundschülers entpuppt, hatte nichts, was 15jährige besonders anhebt.

„Wie lange geht’n das?“

„17 Minuten.“

„Ach du lieber Gott! Fick dir ne Brück…“

Wir alberten noch ein bisschen weiter, denn spannend war das nicht, was da lief.

Christian wollte die Nummer unbedingt. Ich verzichtete.

Als Student hörte ich die Platte wieder. Bei einem andern Freund. Angespielt. Der hatte viele gute Yes-Platten. Also Abbruch.

„Mach was andres. Schade um die Zeit.“

Es mag sein, dass ich dem Werk Unrecht tue. Es mag hineinspielen, dass Mitte der 70er JEDER DEPP intus hatte: „Du musst nur Tull loben, dann darfste bei den Kennern mitreden.“ Das war mir zuviel Masse. Diese Tullerei ging mir auf den S… -enkel!

Deshalb brauchte ich nichts von denen.

Die „Stormwatch“ hatte ich mal gefühlte 3 Wochen auf Band. Aufgenommen und danach – na – vielleicht einmal angehört, aber sofort wieder gelöscht, als besseres reinkam. Und besser war ja fast alles. Mal abgesehen von BoneyM und Modern Talking. Ich kann einfach nicht mit Tull!

tull2Eventuell leg ich mir jetzt im Alter doch noch die „Heavy Horses“ zu. Die Idee dahinter gefällt mir sehr. Schade, dass es Tull sind, die auf sie kamen. Es gibt beim „Doktor und dem lieben Vieh“ eine Episode, wo Herriot zu so einem kranken Pferde-Elefanten gerufen wird und Helen mitnimmt, weil sie den Bauern aus Jugendzeiten kennt. Das Pferd ist das letzte seiner Art in der Region. Meinem Vater erging es ähnlich ende der 60er. Und ich fuhr mit auf Praxis.

Und der Anderson wollte die Gattung vor dem Aussterben bewahren. Was für eine sympathische Idee!

Aber niemand kaufte ihm Fohlen ab. Ein Trauerspiel. Die treuen, zuverlässigen Kumpels von einst…

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„Thick as a brick“ leitet nahtlos über zu weiteren Konzeptwerken, mit denen sich Bands musikalisch verhoben, trotzdem aber gefeiert wurden.

Platz 3 und 4

stammen von derselben Band, können hier also in einem Abwasch erledigt werden.

Es handelt sich um The Who.

Ihre Idee zur ersten „Rock-Oper“ vom mehrfach behinderten Tommy fand ich von Beginn an so überdreht, dass mich schon das kranke Konzept abstieß. Das wurde ja fleißig herumerzählt, bevor man Gelegenheit hatte, mit der Musik in Kontakt zu kommen.

„Kennste „Tommy“ von WHO? Geile Rockoper! Da geht’s umme Krüppel der blind is und reich wird…“

So in der Preislage.who1

„Pinball wizzard“ hatte ich zuvor schon in Elton John Version auf Kassette, weil um 75 herum der „Tommy-Film“ im Westen heftig beworben wurde. Am Ende des Filmausschnitts in „Kennen sie Kino“(ARD) zerdepperten die Who ihre Instrumente – das fühlte sich geil an – so lernte ich sie kennen. Die diffuse Wut der wilden Jahre muss raus!

Als ich die LP mal geborgt bekam, gefielen mir „I’m free“ und eben der „Pinball wizzard“. Das war‘s.

Das Markenzeichen der Who ist ihre rüde Ruppigkeit. Soweit ich ihr Schaffen kenne, waren die konsequenter als Motörhead: Sie kamen all die Jahre ganz ohne Balladen aus.

Ihre Songs sind eigentlich Testosteronüberschussverwertung auf wüsten Riffs und genialischem Schlagzeuggeballer, verbunden mit ironisch süßlichen Kinderlied-Refrains dazwischen, ab und an.

No Fee-a-lin‘! Aber das brachten dann doch erst die Pistols auf den Punkt.

Prima Mugge für angry young men, die sich ihrer drohenden Verspießerung bewusst werden:

„And the old Boss – is like the new boss – won’t get fooled again!“

Ich liebe die Who. Aber nicht ihre „Opern“.

„Quadrophenia“ nahm ich auf, ohne die Story zu kennen. Von Song zu Song auf der Hülle mitgelesen entschlüsselte sie sich auch nicht. Das hörte sich zunächst ganz beeindruckend an. Es fehlten aber so Hooks. Man lässt das über sich ergehen, wartend auf Höhepunkte, die nicht eintreten. Eigene Bilder vom nichtvollzogenen Amoklauf in Prora entstehen im Kopf. Nix – woran man täglich erinnert werden will.who2

Also löschte ich das Band, nicht so schnell wie die „Stormwatch“ – aber eben doch.

Dann kam Jahre später die Verfilmung ins Fernsehen. (Mit Sting.) Nun verstand ich die Story und fand sie gut. Finde ich heute noch! Aber es führte nicht dazu, mir die Musik wieder ins Haus zu holen. Wann würde ich die auflegen?

Ich feiere dann und wann die „Face Dances“, die ist mir die liebste. Und die hab ich in Edinburgh gekauft! Was für ein Urlaub! „The Who’s next“ ist toll. Der Rockpalastauftritt war’s auch. Die frühen Hits gab’s mal auf Amiga-Lizenz. Die hab ich buchstäblich durchsichtig gespielt. Deshalb sind sie mir heute zu abgelatscht. Aber irgendwie möchte doch jeder, der die Veranlagung leider nicht hat, mal ein Roger Daltrey sein, um seinem ihn ständig bevormundenden Widerpart eins in die Fresse zu hauen, wie das zwischen Daltrey und Townshend mehrfach passiert sein soll.

Freeeeee – me!

Und dem deutschen Fernsehen nehm ich schwer übel, dass sie für diese Rotzsendung „The Masked singer“ die „Who are you“ prostituierten! Wo läuft das? VoX? Pro7? RTL? Schämt euch!

(Wenn die wenigstens richtige Promis in den Kostümen hätten! Aber demnächst stecken die noch irgendeinen Kameramann vom „Frauentausch“ in ein Teddybärkostüm – und hinterher wird der als KULT gefeiert! Ich fliehe ja stets in’s andere Zimmer, aber höre durch die Tür trotzdem 43x „Who! Who! Who are you…“ – Die CD kann weg!)

Fall 5

Die völlig überschätzten Police.

Ich gestehe: Ich habe mich 1985 im Intershop mit der „Synchronicity“ schwer bekauft.

Und das, obwohl ich die Truppe immer nur so am Rande akzeptabel fand. Aber in diesem Fall ging ich dem Massenhype eben doch auf den Leim.police

1977 oder 78 sagte eines Tages Thomas Gottschalk in seiner Fernsehsendung „Scene‘77“ (oder eben’78) Eine Band an mit den Worten:

„Und hier die Cream des New Wave – The Police!“

Dann weißt du sofort: Super-Group! Muss wichtig sein!

Aber dann klapperten die ihren „So lonely“-Ska herunter und in derselben Sendung noch „Can’t stand losing you“. Kamera immer auf dem Drummer – das wirkte virtuos.

Von Stund an laberte alle Welt um mich herum The Police groß.

Thomas Gottschalk hatte in eben jenen Sendungen zuvor schon allerhand andere Geheimtipp-Nummern auftreten lassen – und die fand ich alle besser.

Iggy Pop mit „Sweet sixteen“, Magazine „Shot by both sides“, Ultravox (noch als Punks) mit „Young savage“ … und nu soll „can‘t stand-can‘t stand-can’t stand losing you“ fetzen?! Hm.

Dann kamen Hit auf Hit. Die Fahne-Zeit verging. Das Studium neigte sich dem Ende zu. Police blieben angesagt. Und immer war es dieses Ska-Geklapper. Und diese Mecker-Stimme knapp vor Unerträglich. Schließlich schaffte Christian die „Zenyatta Mondatta“ heran und ich nahm sie tatsächlich auf.

Als schließlich Keks im Leipziger „Schmittchen“ auftraten, 1982/83 die einzige wirkliche Punkband im Osten, uns mit „pretty vakant“ und „my way“ astrein die Pistols in die Zone holten und gleich danach und davor Police-Songs einstreuten, da glaubte ich fest, dass etwas mit mir nicht stimmt: Wenn sogar DIE Police berücksichtigen, dann müssen die gut sein! Hör dir die schön! Der Groschen der Erkenntnis muss fallen!

Police schienen es mir leicht machen zu wollen: „Every breath you take“, „King of pain“ und „wrapped around your finger“ fand ich – anders als ihre Hitschablone zuvor. Besser?

Alle 3 waren auf der B-Seite der „Synchronicity“. Und die hing im Shop.

Ich dachte, ich mach‘s richtig. 21.50 West kostete die damals. Ich trug sie heim und legte sie auf. Die A-Seite. Und mit jeder Umdrehung wuchs mir der Wut-Iro von ganz alleine! Was hab ich mir da andrehen lassen! Das klang wie Geniale Dilettanten auf Englisch. Hatte da Sting die andern beiden gezwungen „Songs“ zu schreiben, oder wollten die das selber? Da versuchten Stümper Jazz! Eine ganze Plattenseite Gnülpf-Mugge für die Tonne!

Auf „Sea of Tranquility“ erzählt einer der zugeschalteten Gäste einmal:

Ich freute mich auf das Debut von Asia. Was für ein Line up! Du hast da Leute von Crimson, Yes und ELP! Was muss das für Musik werden! — Und die Essenz ist dann: „Heat of the Moment“? Definitiv nicht! Als die A-Seite abgelaufen war, flog die Platte durch den Raum und wurde nie wieder angehört!“

Ich war nach dem Anhören der A-Seite der „Synchronisity“ auch kurz davor. Aber das teure Westgeld! Ich beherrschte mich knapp.

Ich löschte aber allsbald die „Zenyatta mondatta“. Mit denen wollte ich nie wieder zu tun haben!

hallandoatesEin Jahr stand die Platte im Regal und brannte! Ein Schandmal! Dann endlich ergab sich die Chance, sie einzutauschen. Gottseidank gab es ja so viele Police-Fans!

Ich bekam die „Bigger than both of us“ von Hall and Oates dafür und war damit mehr als glücklich.

Die wurde später auf CD nachgekauft. Jedesmal, wenn ich sie auflege, erscheint für einen kurzen Augenblick das Cover der „Synchronisity“ vor meinem inneren Auge – und ich grinse erlöst und verneige mich dankbar vor Hall and Oates, von denen hier 5 Alben stehen, für die Errettung.

Ende gut – alles gut.

15 Alben – die ersten 5

Es gibt 3 Arten von Musik.

1. Diejenige, bei der du im Einklang mit der Masse bist und mitlobst – „wie alle“.

2. Diejenige, die die Masse lobt – aber du nicht.

Und 3. schließlich diejenige, die massenhaft mediale Dresche kriegt – aber die trotzdem (oder gerade auch deshalb) von dir verehrt wird.

In der nächsten Zeit möchte ich alle 3 Kategorien an je 5 CD-Beispielen durchexerzieren.

Erste Erkenntnis war: Sich dem Herdenlob anzuschließen, fällt am schwersten. Wie lässt sich über Alben schreiben, über die alles gesagt zu sein scheint? Die gar eigene Wiki-Einträge haben!

Ich hab’s trotzdem probiert:

Fall Nr.1

Es ist eine Nummer 1, die immer als musikalisch hoch interessant galt – in aller Welt – deren Texte jedoch, wie so oft und vor allem bei diesem Künstler NIE als irgendwie relevant angesehen wurden.

Und so erging’s auch mir. Die Wucht des bisher Ungehörten, das dich aber bei Erstkontakt tonal sofort überfuhr, war so ungeheuer, dass das Geschwärme über Wah-Wah-Pedale und musikgewordene Rückkopplungen, sowie brennende Gitarren, jegliche Neugier auf Textbotschaften – bis heute – unterdrückten.

„Electric Ladyland“ von Jimi Hendrix, das ehemalige Doppelalbum, gilt somit bis heute als rockhistorisches Denkmal. Die Hitdichte ist auf „Are you experienced?“ und „Bold as love“ dichter, aber die „Ladyland“ wurde das Magnus Opus. Auch für mich. (An manchen Tagen hab ich die „First rays of the new rising sun“ etwas lieber, aber sei’s drum.) Auf der „Ladyland“ wird viel gejammt und an Mischpultreglern experimentiert. Archaisches Ping-Pong-Stereo wird so dermaßen zum Kopfkarussell gedreht, das es dich für alle Zeiten jene Jahre der Drogenumnebelung nachempfinden lässt. Hendrix spielt gewöhnungsbedürftig für Durchschnittshörer, so dass ich mich oft frage: Wie mag diese Mainstreamverehrung entstanden sein? Und wie lange wird das noch anhalten, dass Musikjournalisten, die mit Justin Timberlake aufwachsen mussten, das immer wieder von ihren Vorfahren abschreiben: Jimi ist „natürlich“ der größte!

Ich möchte dann immer nachhaken: Wie oft im Jahr legst du ihn auf?

Es ist musikalisch und Geräuschgimmickmäßig hier also eine Menge los. Es sind auch nicht nur die üblichen drei Mann am Werke. Jimis ganze Hippie-Karawane muss mit im Studio gewesen sein, wie so ein paar Pseudo-Live-Applause-Effekte dann und wann erahnen lassen. Ein paar Berühmtheiten sahen auch mal rein – oder wurden sie direkt gezielt eingeladen? Buddy Guy, Al Kooper, sind für jeweils einen Track mit von der Partie. Aber vor allem Winwood sticht mächtig heraus. Auf „Voodoo Chile“. Mehr davon! Man möchte hinterher zwanghaft Jimmy Smith’s „Root down!“ auflegen! Das auch Noel Redding mit „Little Miss Strange“ so eine typische 60s-London-Amen-Corner-Anmutung beisteuern durfte, hat auch seinen Reiz, bringt Abwechslung und setzt so eine Beat-Club-Duftmarke. Da wächst dir automatisch ein Rüschen-Hemd!

Lemmy Kilmister, der damals der Zigarettenholer und Drogenbote vom Dienst war, erzählte, dass alle Beteiligten genervt waren, weil Jimi jeden Track gefühlte 40 Mal einspielte, die Session somit kein Ende nehmen wollte, obwohl die erste oder zweite Fassung stets die beste war. Die Entourage wurde sauer, wollte saufen gehen oder in den Puff. Aber Jimi lebte in einem eigenen Kosmos aus Klängen (und Sex).

Dementsprechend sah dann auch das originale Plattencover aus – mit all den nackten Ladies. Jimi gefiel das nicht. Zu plump. Zu offensichtlich. Anstand hatte er! Sein Favorit war eine Art Spielplatzfoto: Seine Band umgeben von Kindern auf einem großen Park-Brunnen. Fotografiert von Linda McCartney. (Als ich es zum ersten Mal sah – musste ich an Frank Schöbel denken: „Komm wir malen eine Sonne“.) Irgendwann, lange vor Metoo, schlugen in Amerika die Spießer zu und schafften das Nackedei-Cover ab. Statt Linda McCartney kamen aber immer andere Fotografen zum Zuge – und seither kriegt man vorwiegend diese verwaschene Konzertportraitaufnahme als irgendwie „Nicht-Cover“ aufs Auge gedrückt. Öde. Merke: Die guten Zeiten des „Alles geht!“ sind vorbei.

Die Musik jedoch bleibt eingeschreint. Da wo die richtig wertvollen Alben stehen.

Szenenwechsel.

Fallbeispiel Nr. 2:

Nach schwer verdaulichem Hendrix ein ganz leicht verdaulicher Jackson Browne. Natürlich mit „Running on empty“, seinem Tour-Tagebuch in Plattenform. Wie für die Autobahn gemacht, oder für die „blaue Stunde“ um Mitternacht allein zu Haus. Also ein Konzeptalbum mit vorn und hinten einem „Übersong“ und dazwischen aber Liedern, die sehr nah dran sind, an den beiden Rahmungs-Hymnen. Es gelingt ihm hier deutlich besser, als seinen Kumpels von den Eagles, die auf allen ihren Alben zwar eine große Hitdichte erzeugten, aber auch scheußliche Filler dazwischen schmissen, Ausgewogenheit zu erzeugen. Bei Mr. Browne ist hier alles rund. Ich wünsch mir keinen Song weg.jBrowne

Los geht’s mit dem Titelsong, der dich einfach „kriegt“, Sorgen wegwischt und dich aufs Gaspedal treten lässt. „Go your own way“ one more time! Rasen ist nicht gemeint. Zügig fahren – und wohlfühlen! „Verdräng all den Scheiß! Denk an deine Erfolge, du Rindvieh!“ Ganz hinten gibt es dann „The load out/stay“, den Tearjerker par excellence. Hören – und „vergehen“! Und diese herrlich gemachte 50s Reminiszenz mit „stay“ – 4 Seasons- oder eben Zodiacs-Style – unschlagbar!

Niedecken und Danzer feierten dieses Album sehr. Danzer wagte sich auch an eine deutsche Version des „Load out“. Die erschien aber nur auf einem Livealbum, das nur in Österreich zu haben war.

Browne sprach hier allen Herumtreibern, Pendlern, Musikanten aus dem Herzen.

„these towns all look the same, and we remeber that, why we came…“ Mach dein Ding und fahr. Lebbe gett weida! Saaletal liegt immer um die Ecke, wenn dein Karren was taugt!

Die Platte war 1980 im selben Paket wie die nächste:

Drittens: Mike Oldfield „Incantations“.

oldfieldUm ihn ist es mittlerweile SEHR ruhig geworden. War das ein Hype um 78/79 herum! Kurz vor dem Abi lief auf ARD die Fernsehserie „All you need is love“; eine Art Endlos-Doku über die Geschichte der Rockmusik. HOCHINTERESSANT! Einschaltquote in der Altersgruppe 16-17 nahe 100%. Aber nie wiederholt. Da brat mir einer einen Storch. „Inspector Barnaby“ hat heute einen eigenen Spartensender der Öfis, die ich mitfinanzieren muss, ob ich will oder nicht. Die Intendanten haben inzwischen alle goldene Kloschüsseln zu Hause – und bauen alle 5 Jahre eine neue Sendezentrale für all den alten Wiederholungsmüll und die Tatort-Inflation, aber sparen geht nicht! Zuviele Filz-ianer wollen bestochen sein, wie man gegenwärtig bei dem RBB-Gehacke im korrupten Westberlin wiedermal miterleben kann… Nur Syn-Paten unterwegs! – Ich schweife ab:

„All you need is love“ zeigte Filmsequenzen, die mit Oldfieldmusik unterlegt waren. Dazu wurde die Geschichte von dem 17jährigen Wunderkind erzählt, das gehemmt und verklemmt 1973 „einfach mal so“ „Tubular Bells“ einspielte. Der „Exorzist“ benutzte die als Filmmusik. Aber den Film kannte man im Osten ja nur vom Hören-Sagen.

Der Name Oldfield war von Stund an in aller Munde. Der NDR2 spielte dann die „Incantations“ ganz. Ich nahm die auf, in MONO von der Kofferheule. Hm! Wie muss sich DAS erst in Stereo anhören?! 1980 erfuhr ich es. Mein Plattendealer von Prora machte es möglich. Lieferung zwo bestand aus vier Alben, darunter SIE! Die „Incantations“! Wieder ein Fahne-Urlaub per Musikdrogen potenziert. Wie zuvor schon die Bowie-Lieferung. Das Gefühl lässt sich heute gar nicht mehr wiedergeben: Du hockst hinter der Mauer und auf DEINEM Plattenteller dreht sich eine LP, die Musik enthält, die du bruchstückhaft aus dem Radio kennst, aber die LP ist nun DEINE! Beim ersten Hör hatte ich Gänsehautintervalle. Bowie, Jackson Browne, Oldfield – alles meins! Ausgang brauchte ich keinen. Binz war in jener Zeit töter als tot. Ich diente für West-Vinyl und bereute -NICHTS!

Die „Incantations“ gefällt mir besser als die „Tubular bells“, weil sie die ausgereiftere ist. Da werden 2 Melodien auf vier LP-Seiten mehrfach durchdekliniert und irgendwo in Part zwo und vier singt Maddy Prior zwei alte englische Gedichte, im ersten geht es um den Werdegang eines jungen Kriegers (Hiawatha), im zweiten wird ein Mädchen angebetet (Ode to Cynthia), was wunderbar passt, in diese Musik, die wie eine Meeresbrise auf-und abschwellend deine Ohren umschmeichelt:

Sowas hätt‘ ich auch versuchen wollen: (Hörst du die Ghostriders in the sky? Es ist von alten Mären gar wundervil gesait!?!) – Die Sounds in meinem Kopf herauslassen – und mittenrein müsste irgendeine hübsche Elfe mit Engelston Chamissos „Die Not lehrt Beten“ oder den berühmten „Nis Randers“ intonieren. „Indianerweisheiten“ in Balladenform gibt es von Chamisso, dem Weltreisenden, ebenfalls. Vermutlich war ihm sogar jener Hiawatha von Longfellow Vorbild. Aber es mangelt halt meinerseits an den Fähigkeiten und Fertigkeiten irgendeinem Instrument Töne zu entlocken, die als Grundlage brauchbar wären. Except the Dakota-Flute. Das zählt nicht. Reicht aber für den Hausgebrauch.

Die Nummer 4 stammt von Prince.

Die „Purple Rain“ gilt unbestritten mittlerweile als durchgesetztes Kunstwerk. Das war, als sie neu war noch nicht so. Wie ich als Ossi zu ihr kam steht hier. Klick. Ich hatte anfangs einen schweren Stand unter den Kumpels mit meinem Prince-Outing. Jedoch änderte sich das nach der Rockpalast-Live-Übertragung rasch.prince

Sein Pech und Glück gleichermaßen war, als Michael Jackson Pendant herauszukommen. Der anständige Kindergeburtstagssound von olle Peter Pan in black auf der einen und andererseits die schwarze Variante von Androgyne Bowie – aber mit VIIIIEL deutlicheren Botschaften als in den 70ern.

Die Anzüglichkeiten waren Legion. Den „Parents-Warn-Sticker“ bekam er automatisch mit jedem Album. Und trotzdem hatten seine Anzüglichkeiten Niveau, blieben weit weg von all dem Knast- und Assi-Rap der Kollegen von der brennenden Mülltonne.

Ein McCartney-Duett-Angebot bekam er somit nicht. Glückspilz!

(Die diesbezüglichen McCa-Schandtaten jener Zeit hießen „saysaysay“ mit Jackson und „ebony and ivory“ mit Stevie Wonder. Erbärmliches Gedudel. Ölpest der Tonkunst!)

Als er dann sogar noch die Offerte des Jackson-Clans ausschlug, auf „Bad“ mitzuwirken, war er MEIN Held! Ein Platz, den er mit den Nachfolgealben ausbaute. DER steigerte sich echt! Ja, er hatte vor „Purple rain“ schon LPs gemacht. Ich finde auf denen bis heute äußerst wenig Gutes für meine Ohren, aber die „Purple Rain“ ist für mich die, auf der „der Knoten geplatzt ist“. Hier sind nicht nur zwei oder drei Stücke gut, sondern – ALLES! Besonders diese geilen Stimmverfremdungseffekte, die in Gitarrentöne übergehen, bzw. andersrum: Soli enden als Schrei – haaaach, das hat was! Intensiv wie nur was. „The little Ones“ sind der Höhepunkt. Dieser klinisch klopfende Drumsound ist typisch Prince! Nicht dieses 08/15 elektronic-drum-Geballer der 80er, das heute für mich viele Platten jener Zeit ungenießbar macht, sondern eben so ein ganz unverwechselbares Prince-Platten-Geräusch. So klingt Schlagwerk nur bei ihm! Und danach ging es ja nahezu kometenhaft weiter mit ihm, bis er diese TAFKAP-Macke bekam. Nach der „Diamonds and pearls“. Da kam dann richtiger Mist. Schon klar: Er wollte die Firma ärgern. Aber er verärgerte auch einen Gutteil seiner Fans; und fasste hinterher auch nicht mehr wirklich Fuß. Lieblingskind der Musikjournalisten blieb er ja. Aber ich blieb weg.

Mit „Purple rain“ erlebte die Welt zum letzten Mal die Geburt eines Superstars, der den Namen auch wert war. Nirvana waren mir zu „gemacht“. Und hätte sich Cobain nicht erschossen, hätte der „Kult“ auch nicht gehalten. – Na und was derzeit alles unter „Superstar“ firmiert – wo ist meine Kotztüte!

Das Thema „Knoten geplatzt“ gilt auch für Nummer 5 in diesem Turn:

Für mich der schwierigste Fall. Rod Stewarts „Atlantic Crossing“; eine Liebe auf den -fünften- Blick sozusagen. Lange-lange mochte ich die nicht. A-Seite „rockiger“; B-Seite Balladen. Das machten später viele nach. „I am Sailing“ klang zu sehr wie Smokie, als es neu war. Totgedudelt wurde es auch sofort. Auch die anderen B-Seiten-Stücke der LP machten zunächst keinen Eindruck auf mich. 1975 fehlte es an eigenen Erfahrungen, die ich hätte dazutun können. Später lernte ich die Platte stückweise und rückwärts lieben: „Spotlight“ bleibt der beste Song.rod1

Die Nachfolge-LP „Stranger in town“ erschien. „Tonights the night“ wurde so ein Jedermanns-Hit. Vermutlich ging es vielen Pubis damals wie mir, dass das Schulenglisch dazu reichte „spread your wings and let me come inside“ zu verstehen – und dann noch die französische Stimme am Schluss, die zum zwangsläufigen „jetaime wonnomplüüüü“ Deja vu führte; da war der Auftrag der Natur dann unmissverständlich klar! Der Nachfolge-Hit war „The Killing of Georgie“, den die Hessische Hitparade wochenlang spielte – und nun wurde Rod Stewart auch „im Ernst“ interessant. Irgend ein Ostsender sendete spätabends eine Roderich-Schwerpunktsendung mit seinen Balladen der beiden Erfolgsalben – und von Stund an kannte und mochte ich die B-Seiten-Songs der „Atlantic Crossing“. Dann verging eine Zeit und irgendwann Anfang der 80er, mitten im NDW-Apocalypso, kam sie als AMIGA-Lizenz-Platte heraus. Als ich sie hatte und die A-Seite nun zum ersten Mal hörte, war ich so enttäuscht, dass ich sie prompt weiterverhökerte. Dieser angerostete Rumpelrock war für die Zeit 82/83 so unanhörbar wie Hendrix zu der Zeit. Dann vergingen die 80er, die ich mit „Absolutely Live“ zubrachte, Wendezeiten; die „Vagabond Heart“ erschien, Rodericks Auferstehung nach schwerer Krankheit und endlich „Spanner in the works“, die mir bis heute die liebste von ihm ist. Und dann, also irgendwann Ende der 90er, war ich schließlich soweit: Versuchs doch nochmal mit der A-Seite der „Atlantic Crossing“. Und siehe da – plötzlich gings. Die synthetischen Hörgewohnheiten der 80er waren fort. Das 70er Feeling kehrte zurück. Nun klang gar nicht mehr öde, was zuvor so überhaupt nicht ging; sondern Sound und Stimme holten mir Erinnerungen ebenjener 70er herauf, die ich keinesfalls bei DIESEN Songs gehabt haben kann – und wenn eine Musik so ein Kunststück zu Wege bringt, dann kann sie doch nicht schlecht sein, oder?!

So zog nun also auch die „Atlantic Crossing“ in Bludgeons Musiktempel ein, wird seltener aufgelegt als „Stranger in Town“ und „spanner in the works“, aber darf bleiben. Rockgeschichte eben. Wertvoll.

(So. Fünf Rezis. Bludgy Memoiren. Nu isses zuende, dieses erste Kapitel.

War das nu interessant, oder nicht?

Da textet halt so’n alter Ossi das Internet zu.

Schau’mer mal, ob‘s Reaktionen gibt.)

ELVIS – seine 5 besten Alben

Eine Nachwehe des Films und meines Sea of Tranquility-Konsums: Wenn eh kein Gesprächspartner für sowas da ist, erzählste dir selber halt runter, welche 5 CDs die deiner Meinung nach besten Alben des Kings sind. Denn die „Sargreiter von Memphis“ stiegen am 17. August 1977 (Ja-ja, Elvis starb am 16. ; ich meine bewusst den Tag danach) auf das Möbel, um nie wieder abzusteigen. Es gibt mehr Alben vom King als von Zappa – und das will NE MENGE heißen!

ELVIS ist mein längstes und konstantestes Fantum; also stehen hier bissel mehr als 20 CDs. Ich brauche nicht jeden Pubs von ihm, aber eben doch so einiges.

Welche 5 sind die – die IMMER laufen, wenn mir mal wieder nach King-Verehrung ist?

Platz 5:

„Moody Blue“; seine letzte, meine erste von ihm. Mit „Moody Blue“, ca. 14 Tage VOR seinem Tod im Radio gehört und aufgenommen, fing alles an. Wolfgang Tilgners „Elvis“-Biografie gelesen. Über vieles dort gestaunt, das Buch gemocht, bis auf den einen Satz:

„Die „Moody Blue“ – das Zerrbild einer Platte!“

Ja, man kann sagen: Er hatte den Titelsong und „Way down“; mehr nicht. Mit Müh und Not nahm man noch zwei Oldie-Coverversionen von „Pledging my Love“ und „He’ll have to go“ dazu, dann war erstmal wieder Erschöpfung angesagt. Und so wurden wieder mal ein Paar Liveaufnahmen zusammen geschnipselt, damit es auf eine LP, von Colonel Parker‘scher Kürze reicht.

Aber das Gesamtergebnis kann sich DOCH hören lassen! Inzwischen sind wesentlich erschöpftere Songkadaver veröffentlicht worden, als das, was auf „Moody Blue“ zu hören ist. Wenn man’s nicht erzählt bekommt, hört man nicht, dass hier ein totkranker 3 Zentnermann mit der Atmung kämpft. Die LP beginnt mit jener Live-Version von „Unchained Melody“, die auf youtube auch zu sehen ist. Wenn du das siehst, hältst du automatisch die Daumen, dass er es noch durch die Nummer schafft, so fertig und am Ende wirkt er da. Hast du die Bilder nicht im Kopf, geht das alles bombastisch und gesund gut durch!

In den Nullerjahren kam irgendein Idiot auf die Idee, „Moody Blue“ mit der Vorgängerplatte „from Elvis Presley Boulevard“ zu koppeln. Und obwohl kein Song zuviel war, für die Spielzeit der CD, ließ man „Let me be there“ weg; dummerweise, der rockigste auf „Moody Blue“; allerdings schon 1974 recorded und auf der 74er „Live in Memphis“ bereits zu haben.

Nun ist aber die „Elvis …Boulevard“, die man für jene Weglassung bekommt, eine trostlos miese Session gewesen. Die braucht nun wirklich kein Schwein. (Höchstens „The last farewell“, als Kuriosität: Der King covert Whittaker!) So ist das verlängerte Machwerk bei weitem nicht das Geld wert, was man für die kürzere Originalversion der guten „Moody Blue“ LP/CD (including „Let me be there“) bezahlen würde. Also Warnung! Die 10 Track Variante ist die richtige!

Platz 4

„Command Performances – the essential 60s Masters II“; ein Doppeldecker mit den 62 besten Songs aus seinen 32 Filmen. Ja-ja, die Filme; B-Movies allesamt, taugen „alle“ nichts; weiß irgendwie jeder.

  1. Einer taugt doch eine ganze Menge: „Flaming Star“; sein Western; Elvis als Halbblut im Indianerkrieg der weißen Siedler zwischen allen Stühlen. Gucken und staunen. Und brandaktuell zur Zeit eigentlich auch. Wohin mit dir, wenn du in der eigenen Familie Vertreter beider Seiten eines blutigen Konfliktes hast? Und wenn in aller Welt plötzlich alle immer nur den andern/bösen Teil in dir sehen wollen. Hab ich mit 17 mal im Fernsehen gesehen – und DER hat mich „gekriegt“!
  2. Nachdem eine dicke RCA Kiste „Elvis in the 60s“ entstanden war, die die Filme komplett umging, gab es Fanprotest, deshalb die „Command Performences“ als Nachbesserung. Der Kompilator hat ganze Arbeit geleistet. Er hat (fast) alle Nuggets gefunden und wirklich den vielen Mist, der auf den „Oridschinell Moschnpikdschorr Sounddrecks“ für Ohrenkrebs sorgt, weggelassen. Mit einer Ausnahme: Ich hass‘ nun mal „Wooden heart“ und „shopping around“ wäre auch verzichtbar; dafür fehlt die herrliche „Whistling tune“. Tja. Bissel Schwund is‘ immer. Aber dafür kann man hier „Fun in Acapulco“ und „Bossa Nova Baby“ genießen, ohne dass hinterher gleich wieder so Zeug wie „Guadalajara“ oder „Yoga is and Yoga does“ kommen würde. Und –
  3. befindet sich hier auch die Originalversion seines späten Club-Dance-Hits „a little less Conversation“ drauf, und auch das gesuchte „clean up your own backyard“, das schon klingt, wie die späteren Vegas-Bombast-Nummern.

Platz 3

„Elvis – on stage“ (February 1970)

Hier hat die Las Vegas Performance noch Saft und Kraft; „Polk Salad Annie“ erschließt sich vor allem auf dieser Platte; man ahnt, warum die Nummer IMMER mit dabei war. Hier gibt’s ne herrliche Fassung von Del Shannons „Runaway“ mit James Burton an der Gitarre, der früher mal dem smarten Ricky-Nelson-Sound Biss verlieh.

„Die Mädels wollten Ricky wegen Ricky; die Jungs waren da wegen Burtons Guitarrrr! Deshalb wollte ich ihn jetzt in meiner Crew.“(Elvis)

CCRs „Proud Mary“ – ich brauch das in Elvis-Fassung; CCR sind eigentlich super, aber soooo totgedudelt; da muss der King ran!

„Walk a mile in my shoes“ – yeahr; perfekter Text …

…überhaupt gibt’s hier keinen abgelatschten Rock and Roll, sondern lauter gesuchtes Zeug.

Bonus-Track: „Kentucky Rain“ – DEM Song bin ich eh verfallen! Diese Art Arrangement hat ewig diesen Samstagabend-Wohlfühl-Touch: Schaubude gucken, Carrell-Show; Lottozahlen, Wort zum Sonntag, Don Lurio-Show – oder Western; früh70er Westifizierung eben … andererseits seh ich da heute im Geiste die Wolkenbrüche über Naumburg niedergehen – so oft bis über die Knöchel im Wasser auf dem Nachhauseweg, wenn mich die Regenwand mal wieder überraschte und Sturzbäche vom Buchholz in Richtung Stadt flossen.

Inzwischen scheint es in Sachsen-Anhalt gar nicht mehr regnen zu wollen.

(Wovon schreibt der alte Mann da?)

Platz 2

„Elvis at Stax“ – erst 2013 zusammengesucht; eigentlich 40 Jahre zuvor verteilt über zig Alben und vermischt mit lauter Allerweltsaufnahmen sind die Stax-Stücke IMMER die besseren. Die Stax-Studios waren spätestens nach dem Film- und Soundtrack-Erfolg „Shaft“ eine Nummer. Elvis wollte da hin, er wollte diese Art Backing Chor, diese Shuffle-Gitarren, dieses irgendwie typische Isaac-Hayes-Feeling. Wieder schwarz klingen! Die Referenz-Nummern hier sind „Raised on Rock“ und „Good time Charlie got the Blues“. Aber Clou und Zufalls-Hit 1973 wurde „Promised Land“, eine alte Chuck Berry Nummer, die die Typen am Mischpult hier druckvoll und warm klingen lassen, so, als müsse gleich „go your own way“ von Fleetwood Mac folgen. Aber das entstand ja erst 3 Jahre später. Da hat der alte Hexer doch glatt den California-Sound vorweggenommen!

Seit 2013 endlich alle vereint auf einer! Man muss sich wundern, dass diese Idee 40 Jahre gebraucht hat, um zu reifen.

Platz 1

Natürlich „From Elvis in Memphis“, gerne auch als verlängerter Doppeldecker „The Memphis-Sessions“; dann hat man nämlich auch „Suspicious minds“, „(Don’t you worry darling) I’ll be there“ und „Kentucky Rain“ dabei.

Die muss ja auf Platz 1, weil an der kein Weg vorbeiführt, wenn man über Elvis spricht. Das war die „In the Ghetto“LP von 1969 gleich nach dem Comeback-Special im NBC-TV. Songauswahl aller erste Sahne. Nur Killer. Keine Filler. Elvis in Topform. Arrangements in maßvollem Bombast, der noch Luft lässt. Vom feinsten. Zeitlos. Setzt keinen Staub an. Remastering not needed usw.

Meine ewigen Favoriten hier sind „Only the strong survive“ und „long black Limousine“.

Soweit der momentane Stand.

So. Nun könnte man fragen: Und wo sind bei dir seine Grammy prämierten Gospels, oder die herrliche „Elvis Country“ mit jener genial verjazzifizierten Fassung von „Whole lotta shakin‘ goin‘ on“ zu verorten? Auch unter den ersten 10; aber ich wollte es diesmal auf 5 begrenzen. Und die letztere hab ich vor ein paar Jahren bissel überstrapaziert, so dass sie sich derzeit im Regal ein Zeitchen verschnaufen darf.

Und wieso fehlt der gesamte frühe Elvis?

Die Rock and Roller sind mir sämtlich zu abgedroschen. „I’m all shook up“ mag noch gehen. Ein paar Songdiamanten ragen zwar noch heraus: „Old shep“, „First in line“ – und vor allem „Blue Moon“; aber die ergeben keine LP.

ELVIS LEBT! (II)

Zu ELVIS LEBT! (I) geht es hier endlang. (Klick)

War das eine Überraschung im Kino bei „Downton Abbey“ – die Elvis-Film-Reklame! Waaaaaas! Ein Film über den King?! Es ist nicht der erste. Aber: Endlich – wiedermal!

Der Vorfreudepegel ging auf 100.

Gestern Abend nun war es soweit. Kleinstadtkino Samstag. Acht Personen verteilten sich im Saal.

Zwei Stunden und 30 Minuten geht der Film und ne Viertelstunde alberne Trailer von ätzend dumpfbackigen, cineastischen Deiwörsitie-Peinlichkeiten müssen zuvor noch ertragen werden: Naja. Filme, die der Mensch nicht braucht. DER Film hinterher wird doch dafür wohl entschädigen, oder?

Yeahr. Und so war’s auch.

Ich war voll „drin“. Rausch-Rausch-Rausch. Hollywood at it‘s best. Geplättet saß ich noch im Gestühl, als es wieder hell wurde. Lange keine Live-Auftritte aus der Las Vegas-Zeit angesehen und erneut begeistert von DIESER Intensität, die nun sogar der Fake-Elvis, also der Schauspieler, absolut hinbekam.

elvis 22Hätt‘ ich gestern Nacht nach der Heimkehr gleich geschrieben, wäre es ne einzige Schwärmerei geworden.

Nun. Einmal Ausschlafen später, funktioniert die Ratio wieder.

Der Film wirkt super. Atmosphärisch dicht! All das maßlose Blingbling, das die Armseligkeit des US-Alltags und die Leere eines Lebens im goldenen Käfig, wie es Elvis führte, übertünchen soll, wird schon im Vorspann aufgegriffen. Der -im Wortsinn- GEILE Zündfunken, den Arthur Big Boy Crudup verursacht, da auf der Tenne, wenn er „Thats Alright, Mama“ brüllt, was den kleinen Elvis „wegfegt“; und zugleich im Gesicht des Crudup-Darstellers alles deutlich wird, was die USA in Bezug auf ihre Schwarzen versäumt haben und weiterhin versäumen. Animalisch. Primitiv. Ungebildet. Ganz klein gehalten, in einem weiteren Jahrhundert der Rassentrennung nach Lincoln. Das gleiche wiederholt sich mit Big Mama Thornton und „Hounddog“ ein paar Szenen später. Beide Nummern wurden für den Film „geschönt“, sie klangen im richtigen Original noch kantiger, afrikanischer. Unsendbar für weiße Radiostationen vor 22 Uhr. Elvis gab ihnen Feuer und Schlaksigkeit; machte sie für weiße Sender spiel- und deren Hörer anhörbar.

Eine weitere tolle Szene: Die verrotteten Hollywood-Buchstaben auf dem Berg über LA, zwischen denen Elvis sitzt, als er mit zwei Edelhippies das ‘68er Comeback-Special plant. Amerika: Russland mit beleuchteten Coke-Reklamen. Potemkinsche Fassaden, soweit das Auge reicht. Im Dunkeln dahinter all die Trailer-Parks, die Bretterbuden, die hektargroßen Autofriedhöfe. Bist du der arme Tellerwäscher, ist dein Leben scheiße, wurdest du Millionär – ist es anders doof. Siehe Elvis. Frau weg. Nur bezahlte Freunde um dich rum und Kommerz-Kommerz-Kommerz, um die Leere mit irgendwas zu füllen.

Das kommt schon alles ganz gut rüber.

Zu loben sind des Weiteren: Viele, viele dramaturgische Einfälle, die das Erzähltempo beschleunigen und so Spannung halten. Da wird zum Beispiel für einige Szenen die Leinwand wieder mehrfach geteilt, wie das ende der 60er, anfang der 70er gerne Mode war, um mehrere Szenen gleichzeitig zu zeigen. Alt-Hippies kennen das Verfahren aus dem Woodstock-Film. Ich kenne es aus dem Elvis-Konzertfilm „That’s the way it is“. Schön – dieser Rückgriff auf eine verlernte Sehgewohnheit von einst.

Plötzliche kitschig bunte Namensschilder – einfach so ins laufende Bild geschossen, sollen Nebenfiguren vorstellen – und erinnern in dieser Ästhetik an die Vorspanne diverser Vorabend-Serien. Selige frühe 70er!

Die Outfits stimmen – alle! Die Macher des Comeback-Specials als arrivierte Edel-Hippies mit ihren gefönten Seitenscheitel-Langhaarfrisuren wirken wie die Typen, denen Columbo einst auf die Eier ging, oder wie Günter Netzer im Bestzustand.

Herrlich – das Herausarbeiten des Schlusssongs des Comeback-Specials! Der bisher unterbewertetste Elvis-Song überhaupt. Zu keiner Zeit ein Hit. Und dabei ein Gänsehautgarant vor dem Herrn!

If I can dream!

„Wenn etwas zu heiß ist, um es auszusprechen: Sing es!“

War die Lebensweisheit eines alten schwarzen Predigers, den Elvis erlebte.

Jawoll ja! Eine kleine armselige Kerze Hoffnung flackert da irgendwo 1968, … a beckoning candle…, dass da mal was besser wird im Miteinander in den USA. – Und sie flackert und lockt, und flackert und lockt; in hundert Jahren noch.

Gern würd‘ ich dem Bilder-Opus ne 1+ verabreichen – aber – neee. Da sind dann doch auch ein paar Widerhaken, die das Maximalergebnis verhindern.

Auf der tadelnswerten Seite des Films stechen -für mich- vor allem drei Punkte heraus:

  1. Dem Zeitgeist 2022 ist geschuldet, dass ein Hollywood in Zwängen von BLM sich veranlasst sieht, auf „N-Wörter“ zu verzichten. Sowohl auf „Negro“ als auch auf „Nigger“. Nun sind aber die USA bis heute ein Rassistenstaat und in den 50ern war alles noch zwei Tick krasser als heute. Der junge Elvis wurde viel angefeindet. Er machte Race-Music als Weißer! Quasi „Rassenschande“ nach damaliger Lesart. Er galt als „niggerish“. Und da fielen IMMER jene Vokabeln, die heute vergessen werden sollen. Da war jenes Kesseltreiben in Radio und Presse gegen ihn 1958, das ihn hätte genau wegen seiner „Nigger-Moves“ in den Knast bringen sollen! Was für ein Blödsinn also, all die Südstaaten-Rassisten da im Film brav von „Schwarzen“ und von „Farbigen“ reden zu hören. (Meine Güte! Verklemmte Scheiße! Geschichtsbeschönigung! Und die deutsche Synchronisation folgt dem natürlich 1:1. – Nich’mehr meine Zeit!)
  2. Der andere wunde Punkt ist die Elvis-Ehe; die in einer Weise dargestellt wird, von der sich sagen lässt: Na, wenigstens stimmen die Namen der Beteiligten: Elvis, Priscilla, Lisa-Marie. Die Ehe-Dauer, der Scheidungsgrund, das Alter der Tochter 1973 – Hollywoodmärchen. Drehbuch-Fail. Oder Rücksicht auf den noch existenten Presley-Clan – um die Filmrechte zu kriegen. Wenn sich die alte Priscilla heute hätte wieder als das kleine dauer-bevormundete Mädchen von damals akzeptieren sollen, dann wär aus dem Projekt eventuell nichts geworden.
  3. Was schmerzlich zu vermissen ist, ist seine berühmt-berüchtigte, aus dem Ruder laufende Lebensführung in den Las Vegas Jahren, zwischen Fettfressen und Turbo-Diäten, in der er Highways sperren lässt, damit er und seine „Memphis-Mafia“ mit ihren Bikes cruisen können, in der er um Mitternacht von Kinos verlangt, ihm und seinen Kumpels die Blockbuster in Privatvorstellung zu zeigen; in denen er wildfremden Menschen Cadillacs schenkt… Überhaupt bleibt der Film-Elvis bis ende 1976 schlank. Hm. Seit dem „Keine Lust“ Video von Rammstein weiß man, dass da mehr gegangen wäre, ohne dass der Schauspieler sich die Gesundheit ruiniert. Aber die Auftrittssequenzen reißen es dann wieder heraus.

Gag; kurz vor Ende des Films:

„Ich bin nicht der King of Rock and Roll! Nehmt Fats! Er ist der King! Fats Domino!“

Und dann blenden sie einen schlanken, schwarzen Typen mit Brikettfrisur ein.

Das! Kann! Nicht! Sein!

Fazit:

Sehenswert? Ja. Ohne wenn und aber.

Aber einmal reicht.

Note:

1. Musik, Schnitt, Dramaturgie, schauspielerische Leistung 1+;

2. Drehbuch 3+; macht-

3. insgesamt: ne gute 2.

Sirens in Rock

Pete Pardo macht es auf youtube vor, wie’s geht. Sein Sea of Tranquility ist so ein richtig unterhaltsamer Kanal für alte Music-Junkies. Da wird mit Lob und Tadel gearbeitet; werden Bands und Platten gelobt und verrissen; eingestanden, was man auch alles nicht mag als alter Radiomann usw. Die Mischung machts.

Neulich hatten die da das Thema: Best Songs by female Singer.

Und da packte mich die Lust, mal über MEINE derzeitigen „10 Besten“ nachzudenken.

Welche 10 packten- und packen mich heute noch, wenn ich sie höre?

Es soll hier also nicht um ganze Platten oder um den Star an sich gehen, sondern: Welche Songs lösen da so gewisse Gefühlsstürme, Gänsehautwellen, Erinnerungskaskaden usw. aus oder katapultieren dich im Geiste selber auf ne Bühne als begleitender Schlagwerkberserker oder Gitarrengott bei DEM speziellen Lied?

Bei nur 10 Nummern werden automatisch einige große Damen fehlen. Hätte ich das Folgende bereits letzte Woche geschrieben, wäre es anders ausgegangen. Also saisonale Wertung:

Platz 10:

Petula Clark „Downtown“ – obwohl sie LPs einsang – das ist DER Song, der von ihr übrigblieb. Der muss um’64 herum oft im Radio gelaufen sein. Ich hab ihn tief im Unterbewusstsein, als „Kindheitshymne“. Vermutlich hab ich damals bereits lauthals „Dauntaun dadeldidu dudup Dauntaun Dadeldidu dudup hi-ier“ ge„sungen“ oder das Ganze als Pfeif-Oratorium intoniert.

Ich verbinde damit Holzkastenradio-Sound bei Oma als Ferienkind und Schnittchen mit hartgekochten Eierscheiben drauf, wie man sie sonst nur zu Kindergeburtstagen bekam. Die Tage und vor allem Abende angefüllt mit Geschichten von Jugendstreichen meiner beiden Onkels und der einen Tante, deren Hinterlassenschaft aus den 50ern (alte ABC-Zeitungen, eine Mundharmonika, alte 1.Mai-Abzeichen) mir so ein ganz eigenes Oma-Idyll der 50er Jahre vorgaukelten. „Dauntaun“ klang so bombastisch mitreißend, aber auch so chic altmodisch, dass es für mich immer eine Hymne aus „alter Zeit“ war. Aber irgendwie waren meine Kindergarten60er ja auch altertümliche 50er, inklusive dem Scheiß-Fassonschnitt auf dem Kopf. (Bin ich erschrocken damals, als der versoffene Rooney den wieder in Mode brachte! Pfui!!!)

Und die Wirkung hielt: Das Lied hat alles, was ein Welthit braucht. Es malt dir New York an die Zimmerdecke, wenn du älter wirst. Die Stimme „strahlt“ wie ein frisch verliebtes Mädchen. Du tanzt automatisch wieder durchs nächtliche Leipzig und um jede Straßenlaterne herum – mit ihr, deiner Begleiterin – und alle 3 Schritte ein Kuss. Wie damals, anno’82, als Belami den Song „männlich“ coverten, aber an das Original erinnerten.

Platz 9:

Hypnotisch, elektrisierend, fordernd „wie Hölle“: Jefferson Airplane „White Rabbit“. Yeahr.

„Irgendwas mit Pillen einwerfen und Alice im Wonderland“, diesem unlesbaren Mädchen-Buch. Aber was für ein Song! Für mich der Inbegriff von Woodstock. Das war ja auch zu einer Zeit, in der ich noch das Schaukelpferd mit dem Wäscheleinen-Lasso fing. Also rückwirkend erst wahrgenommen, aber diese 2 Minuten Musik verändern die Welt! Das abschließende „Feed your head“ hab ich glücklicherweise immer anders ausgelegt, als es in den 60ern gemeint war: Bücher statt Drogen!  Und immer abseits des Weges suchen, dort findest du die Sensationen! Bewusstseinserweiterung der gesünderen Art.

Platz 8:

So. Nach den zwei Dingern, die sich sozusagen eher aus historischen Gründen an meine Fersen hefteten, nun zu den Nummern, aus MEINER ZEIT:

Beginnen wir mit Shirley & Company: Shame, shame, shame… Neintiensewentifeif! Ja! Muss sein! Simpel und genial! Ich stehe zu meinem schlechten Geschmack, was soll’s! Ich bin bekennender Rhythmosleptiker, aber bei DER Nummer muss ich tanzen! Diese dicke „Neschormuddi“ und der kettenbehängte Gammler da, hatten den elektrisierenden musikalischen Stein der Weisen gefunden!  Ohrwurm und Elternschocker. Anfang‘75 in der „Aktuellen Schaubude“ gesehen – und als dieser Neben-Hippie das erste Mal schrie, fand ich’s geil und meine Eltern packte das Entsetzen: „Neee!“(Mutter) und „Oh Gott! Wenn das der Führer noch erlebt hätte!“(Vater) und beide sahen mir in die strahlenden Augen und mich somit demnächst im Jugendwerkhof, wenn sie jetzt nicht gaaaanz dolle aufpassten, dass ich ihnen nicht verwahrlose. Dummerweise hatten sie das Fasson-Schnitt-Dogma gerade erst aufgegeben. Ächz! Und nun sah der Filius Frisurtechnisch schon fast so aus, wie der da im Fernsehen! „Aber mit Ketten um‘ Hals fangste mir jetze nich‘ oach noch an! Das kommt mer nich‘ in de Tüte! Das sag ich dir glei‘!“ (Vater kategorisch, also ernst gemeint.) Hm. Mist. Und bei meinem Cousin hatte ich gerade das erste Black Sabbath Poster meines Lebens gesehen! Und diese Kreuzketten da an den Hälsen! Fetzten doch total!

Platz 7:

Gloria Gaynor „Reach out I’ll be there“. Auch 1975. Endlich lange Haare und endlich Kassettenrekorder, also eigene „Heule“. Und eine der ersten selber aufgenommenen Nummern war eben diese. Zunächst lags nur am Trommelintro, dass ich sie auf der Kassette ließ. Dann sah ich SIE im Fernsehen. Gloria! Und seitdem kann ich englisch „dschie-ell-o-ahr-ei-ey“ buchstabieren. Glooooo-Ria! Nicht wegen Them, sondern wegen IHR; schockverliebt! Und ich hatte – seit ich 12 war – so einen „Hatifa“-Komplex. Ich hatte den Film mindestens 3x gesehen, „Osceola“ ebenfalls mehrfach; und Willi Meincks „Marco Polo“ gelesen. Dazu so einige Sidney Poitiers Filme, in denen es um Rassengleichheit in US-Äj ging. Und überall werden hübsche Sklavenmädchen befreit oder vor dem Klu Klux Klan gerettet. – Man könnte es auch das Boris-Becker-Syndrom nennen – Mangels Internationalität war das zu Mauerzeiten aber nicht auslebbar.

Platz 6:

Heart! 1975 zum Dritten! Das Jahr rasanter Geschmackswandlungen! Im Spätsommer live im Musikladen: Das erreichbarere Frauen-Ideal. Weniger exotisch. Weiß, dunkelhaarig und rockend. Ann Wilson. Seit „Magicman“ war der Bandname Heart eine zu beachtende Größe. Der Song ist toll, aber nicht umwerfend. „Barracuda“ war okay. — Ihre Übernummer wurde für mich: „Cooking with fire!“ von 1978! Yeahr! Da drischt sich nix ab. Das zündet immer! Die sind zwar aus Seattle und haben eine ganze Zeit in Kanada zugebracht – aber die kochen texanisch scharf! Ganz scharf!

Platz 5:

Und gleich nochmal ’78: Renaissance „Northern lights“. Annie Haslam. Die „Schwester in der Stimme“ von Maddy Prior und Sally Oldfield. Die Romantik hatte uns gepackt. Maddy und Sally kannten wir – und Stevie Nicks! Die Renaissance-Kenntnis allerdings konnten wir nicht haben. Airplay hatten die keins. Also – wie hätte ich sie entdecken können? Aber die „Song for all seasons“ LP, in den Nullerjahren ausgegraben, ist einfach wunderbar. Genesis mit Frauengesang. „Northern Lights“ ist dort der Ohrwurm, der gottlob nie zu Schanden geritten wurde im Dudelfunk, wie z.B. der „moonlight shadow“ ihrer Kollegin. Das ist genau die Musik, die die Erinnerungen an die andern drei befeuert, ohne dass man die auflegen muss. Somit bleiben auch die gehüteten Schätze geschont. Und es ist auch genau der passende Soundtrack für davonsegelnde Drachenschiffe beim Huna-Lesen oder zum Abfackeln von Römer-Lagern, wenn Alemannen und Vandalen den Limes berennen bei Felix Dahn. Und fern ab, auf dem verlassenen Thingplatz im Wald steht die Braut im Abendrot und singt für ihren Helden… Herrlich!

Platz 4:

Klar, Tamara Danz muss rein, in die Liste: MEIN Silly-Song, der mir immer zuerst einfällt, ist der „große Träumer“ von der „Liebeswalzer“-LP 1986. Monströs! Ermutigend! Ein Kraftquell von Song! Stagnationszeit-Sound der späten 80er. Als ein Staat an seiner eigenen Dussligkeit verendete. Und kein Jota weniger Aktualität seither.

Platz 3:

Doro Pesch. Aber welcher Song von den vielen guten?

In mein Bewusstsein geschrien hat sie sich zwar mit „Catch my heart“, das war am Ende ihrer Warlock-Zeit. Und eine absolute Augenweide war sie ja lange-lange auch. Aber den Song würde ich heute nicht mehr als so umwerfend empfinden, wie 1988. Da kam später einiges, was besser war. Zum Beispiel „Let love rain on me“. Und wenn du das Video siehst, weiß du automatisch, warum Bludgy der Heyse-Leser und Burgen-Pilger an DER Nummer nicht vorbeikommt.

Platz 2:

Momentan gerade richtig angesagt in Bludgys rollin‘ Rockpalast auf 4 Rädern ist eine andere alte Frau: Suzi Quatro. Mit ihrem absolut besten Song aus späten Tagen – „In the spotlight“ von 2012. Gänsehaut sofort! Die Thematik: Die Brüche des Lebens, vorgeführt am Künstlerproblem, mehrfach gescheiterter Ehen, weil der unprominente Teil sich auf lange Sicht nicht mit der eigenen Bedeutungslosigkeit an der Seite eines Stars abfinden konnte. „… and in your Spotlight – i don’t know, what to do!“ Und dann kommt das Gitarrensolo, der Anschlag auf die Tränendrüsen! Diese 30 Sekunden, die sich in dein Hirn rammen, die du dann wieder einen Tag lang vor dich hin summst. Geschrieben vom alt-ehrwürdig ergrauten Andy Scott von Sweet, tief nachempfunden eingesungen von einer vom Leben gebeutelten Suzi. Da sind dann all die altbewährten Melancholic-Melodais  von damals wieder da: Teenage Dream, in for a penny, Rebeeeeeecca, oh Claire, die Balladenseite der „Atlantic crossing“, yes if you think to know, how to love me, the last farewell …. Und wenn der Song endet, zerdrückste ein Tränchen im Knopfloch. Repeat! Repeat! Repeat! Nee ich brauch von ihr keine Platte, aber DEN SONG! Zurzeit täglich!

Platz 1:

Mein Platz 1 ist ein Song aus einem Live-Konzert, das es vermutlich NIE als CD geben wird, weil es das auch nie auf Platte gab: 1981 oder 82 bewarb der NDR2 die Tatsache, seine Hörer mit einem kompletten Live-Konzert von Joan Armatrading zu erfreuen. Die war damals mit „me, myself, I“ sozusagen kurz hinter ihrem Höhepunkt.

Also hatte ich zum Termin ein leeres Band aufliegen und nahm das Ereignis mono aus der Kofferheule auf.

„Live in Den Haag“ 1981 oder 82 bestand überwiegend aus Songs von ihren beiden Platin-Alben „Show some emotion“ und „to the limit“ und wurde beendet mit „willow“; doppelt so lang wie sonst und einem Massen-Chor, der dir Gänsehaut in Schockwellen über den Rücken trieb und in den Augenwinkeln die Dämme brechen ließ: Das ereignete sich lange vor den Chören auf Rod Stewarts „Absolutly live“, war damals also ein neues Phänomen – und der Moderator quatschte in den Schlussapplaus noch rein: „Beeindruckend, wie die sonst so kühlen Holländer hier mitsingen.“

Hach. Gone with the wind. Futsch ist das Bandarchiv. Aber die Erinnerung blieb. Und jedesmal, wenn die normale Studioversion seither im Auto läuft, muss ich hinterher zwangsweise für ein paar tausend Holländer einspringen und die Windschutzscheibe anbrüll‘n:

Sheeeeelter in a the storm….your willow, … willow, when the sun … comes…out… sheeeeelter in a storm… your willow… willow…when the sun is out…

Rock on!

Jon Anderson und ein Playmobilboot

What a way to surrender! Surrender!

1982 kennen gelernt, aufgenommen, oft gespielt; back to back mit „Mr.Cairo“ wie neulich bereits geschildert. Um 2000 herum begannen meine Typ 130er Bänder das große Fietschen. Mein Archiv der Mauerjahre war hinüber. Sperrmüll und weg. Das meiste davon hatte ich inzwischen ja nachgekauft. Aber so 4 bis 10 Tondiamanten „von damals“ fehlten und waren nicht auftreibbar.

Und die „Animation“ war nun die Langzeitvermissteste.

Den letzten Post schrieb ich aus Vorfreude. Die CD war bereits im Haus, aber eingeschweißt. Papa sollte sie Ostern erst noch stilecht suchen müssen. Also hatte ich die Booklet-Kenntnisse noch nicht, die nun ein paar Richtigstellungen nötig machen.

dav

Ostern ist bekanntlich ein paar Tage her – und die CD kam all die Tage kaum mal aus dem Player.

Hach!

Schön!

22 Jahre nicht gehört – und doch gleich aufs Neue jenen Klängen verfallen, die 1982 so arg wenig Fans hatten.

Es war die NDW-Zeit, Punk-Nachwehen, mehr oder weniger.

Da juckte das die Herde äußerst wenig, was der ehemalige Yes-Sänger so macht. Artrock (=Prog) galt als öde und „von gestern“. Die „Tormato“ war 1978 weitgehend unverdient verrissen worden. Die Paris-Sessions fürs Nachfolge-Album verliefen 1979 erfolglos. Die Band brach auseinander. „Drama“ erschien 1980 in einer kurios ungewöhnlichen Yes-Besetzung, da die fehlenden Anderson und Wakeman ausgerechnet durch die New Wave Kasper (The Buggles) ersetzt wurden. Noch war Trevor Horn ein Niemand. Das Album wurde deshalb ebenfalls stark angefeindet, gleichfalls unberechtigt. Die wirklich schlimmen Yes-Alben sollten erst noch kommen.

Anderson hatte in der Zwischenzeit mit Vangelis und der „Mr. Cairo“ Platte mehr Erfolg. Also war geradezu wahrscheinlich, dass er ohne Vangelis, aber mit ähnlichem Schnittmuster einen Mega-Erfolg sicherhaben würde.

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Als die Platte erschien, war ihr Platz 176 in den USA sicher und klebte dort fest. In England war immerhin Platz 43 drin. In (West)Deutschland – nix.

So war das nicht gedacht!

Anderson hatte viel Herzblut in das Projekt gesteckt; sein Produzent erinnert sich an die sehr klaren Vorstellungen, die sein Star hatte, wie alles klingen sollte. Der brauchte keinerlei Hilfe beim Arrangement! Die Band hatte Weltklasse: Clem Clempson, Simon Phillipps, Dave Santious, Stefano Cerri.

Zusätzlich schauten bei den Aufnahmen noch Greenslades Lawson und die alte Bass-Legende Jack Bruce vorbei und spielten mit.

Alles klingt durchgängig warm und gut aufeinander abgestimmt. Hier gibt es keinen 80er Wumms-Plautz, sondern: Melodien!

Aber Anderson ließ das Material nach einer mies besuchten kurzen Amerika-Tour fallen.

Squire hatte ihn besucht, um ihm Songansätze vorzustellen, aus denen die „90125“ werden sollte. Es schien auf einmal doch wieder mit Yes weiterzugehen – und so kam es, dass die „Animation“ buchstäblich „vergessen“ wurde.

Hört man sie heute und gleich danach die „90125“ – dann steht fest, welches die bessere Platte ist!

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Das Booklet ist lobenswert inhaltsreich. Es enthält die ausführliche Entstehungsgeschichte UND die Lyrics. Somit muss ich nun eine Falschbehauptung meines Anderson-Postes von neulich reparieren:

„Boundaries“ ist keine Aktualisierung von „O’er“. Und „O’er“ ist kein Volkslied.

Die wirkliche Story zum Song erklärt Anderson so:

„Ich schrieb 1982 „Boundaries“ und 1998 „O’ver“ für mein Folkalbum „The Promise Ring“; die Melodien sind gleich. Das fiel mir erst viel später auf. Wenn man an die 500 Songs geschrieben hat, dann erinnert man sich nicht an jede schon benutzte Tonfolge. Das ist so ein Unterbewusstseinsding. Dir kommt da diese Melodie ein. Du denkst, du machst was völlig Neues. Aber du benutzt nur ein Bruchstück deiner Vergangenheit. Das passiert mir manchmal, dass ich glaube, eine neue Melodie zu pfeifen, bis meine Frau mich erdet: Klingt nach altem Yes-Track.“

Kennste das? Du erzählst jemandem eine Geschichte und der fängt an, mitzusprechen?! Da merkste dann, dass das Alter zuschlägt!

Aber da gab es noch mehr:

1982 habe ich in diesen Sounds gebadet, ohne viel auf den Text zu achten.

Bissel gewundert hab ich mich schon, dass der Eröffnungstrack „Olympia“ heißt. Den obersten Yes-Romantiker mit der Engelsstimme bringt man nun eher nicht mit Stabhochsprung und Umkleidekabinenschweiß in Verbindung. Auch war 1982 kein Olympia-Jahr.

Des Rätsels Lösung steht im Booklet:

„Nachdem ich mit Vangelis gearbeitet hatte, besuchte ich eine Multimedia-Verkaufs-Ausstellung in der Olympia-Halle in London. Videowände; Instrumente, Mischpulte und so. Dort wurde die neue Generation von Keyboards und Synthesizern vorgestellt und ich war geflashed von den vielen neuen Möglichkeiten für Klänge. Mir kamen dort schon so viele Ideen, dass das „Animation“-Album die logische Konsequenz dieses Besuches war.“

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„Animation of life“; meint den Antrieb zum Leben. Ich war junger Vater. Meine Tochter Jade lernte laufen. Alle diese Fortschritte, die da so von alleine kommen – das war der Punkt zur Inspiration. Die Olympia-Halle, meine Anfänge im neuen Home-Studio, „selber laufen lernen“ und diese tapsigen ersten Schritte von ihr. Neue Klänge, neues Leben.“

Der alte Anderson erinnert sich an seine erste Vaterschaft. Ich les‘ das und grabe im Garten ein Rasenstück um. Dort, wo vor Jaaaaahren die Sandkiste stand, hab ich plötzlich ein Playmobil-Boot auf der Schaufel. Aus der Zeit, als MEINE Tochter gerade laufen konnte.

Animation of Life.

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Die Jahre vergingen, die Musik kehrte zurück. Und sie klingt heute so frisch wie damals.

Music is the best!

Jon Anderson and I

Endlich!

Jon Andersons „Animation“-Album von 1982 – ENDLICH! ENDLICH! – auf CD in ansprechender Klangqualität.

Quasi zum 40jährigen Jubiläum!

Warum das einen Post wert ist?

Weil das ein ganz GROSSES Album ist, das unter sämtlichen Radaren durchsegelte, somit niemandem auffiel und vermutlich deshalb von Jon selbst für einen Voll-Flopp gehalten wurde, dessen Aufbereitung nicht lohnt.

Aber das ist Unsinn!

Man muss 3 Soloalben von Jon Anderson haben, wenn man Yes-Fan ist oder war. Und „Animation“ ist eines davon!

Welche die andern beiden sind, wird im Folgenden hergeleitet.

Opa erzählt wiedermal vom „Galdn Griech“:

September 1975 stand ich 15jährig auf dem Schulhof meiner EOS. In der Ehemaligen wechselte man nach der 8. Klasse zum Gymnasium, das damals EOS hieß. Man war also 9.Klässler und Spund unter lauter älteren Jahrgängen. Jede 9.Klasse hatte eine 11. als Patenklasse zugeteilt bekommen, die erst mal zur Begrüßung eine Klassenfest-Disco ausrichtete. Musik kam von den Bändern der „Großen“ (11er)und von den Kassetten der „Kleinen“(9er). So fand sich, wer glaubte, Ahnung zu haben.

Von nun an stand ich also alle Hofpausen mit 2 oder 3 Klassenkameraden umgeben von eben solchen 11ern und die bedonnerten uns „Wänste“ mit lauter musikalischem „Neuland“:

„Genesis müsster hörn! Das is klassische Kirchenmugge in Rock! Nach 10 Minuten Sound fängste an zu schweben!“

„Yes fetzen am meisten! Da hörste alles off ehmal! Erscht klingse wie CrosbyStillsNäschnjang, dann krachts wie bei Pörpel und dann volle Orchlwand – wiiii-u-wiii (=lautmalerische Toccata-Andeutung) und dann die Stimme vom Ändersnn ey! Himmlisch!“

„Ach quatsch. Uriah Heep müsster- “

„Mache dich weg, du jehörst nich zu uns! Uriah Heep! Das sinde Buhdys of englisch!“

Gelächter.

Merke: Hier wurdest du mit Niveau fertig gemacht! Das war neu. An der POS hatten die körperlich starken Deppen das sagen. Fein, nun den anderen Weg kennenzulernen. Diese genüssliche Watsche „von oben“.

„Menschen mit Niveau hören Genesis und Yes. Pörpel und Heep sin‘ ehm was für‘s Volk, wenn ses ma härter als ABBA brauchen.“

Wir 9er waren noch im Glam- und Oldies-Stadium. Fühlten uns schon als Kenner, weil wir „Fire!“ von Arthur Brown kannten und zwei oder drei Hendrix-Nummern. Unsere Kassetten waren sonst mit üblichem Hitparadenkram gefüllt. BachmannTurnerOverdrive knallen auf Rubettes und Kenny. Sweet und Slade nicht zu knapp; bissel Gary Glitter und T.Rex … nichts womit man 11er hätte beeindrucken können.

Als wir unter uns waren, werteten wir aus:

Kennst du was von Yes? Oder Genesis?

Natürlich nicht. Niemand. Woher auch? Jethro Tull – als einzige von diesen großen Namen unter den Prog-Bands – hatten jede Menge Airplay. Genesis und Yes kein bisschen.

Also dauerte es und dauerte. Vom September’75 bis in den Dezember‘75. Mit 15 ist das eine Zeitspanne von nahezu hundert Jahren!

Dann endlich hatte Christian einen Spender aufgetan, der ihn zwei Yes-LPs aufnehmen ließ. „Yes-Album“ und „Fragil“. Ich bekam dann die Kopie der Kopie, dumpf und am Kassettenende einfach mitten im Stück umgedreht, also wertvolle 10 Takte Verlust; Minimum! Das war noch kein genussvolles Großereignis; zumal der Sound uns Glamrock-Simplexe echt überforderte. Mann! War das ein Durcheinander auf den ersten Hör! Und dann diese Stimme! Das ist der große Ändersnnn?

Nach all dem Geschwärme auf dem Schulhof hatte ich irgendwen mit Eiern erwartet: Einen Noddy Holder vor großer Orgelwand! So ungefähr! Nun bekam ich hier einen – tja, was ist das? Eunuchen?

Es brauchte zwei-drei Anläufe: Allein. Halbdunkle Mansarde. Der ausrangierte Servierwagen mit dem Recorder steht vor dem Bücherschrank. Obendrauf ein Holzkastenradio Marke „Stassfurt“. Ebenholz und Mono. Fernseh-Litze in die Ausgangsbuchse des Recorders und in die Eingangsbuchse des Radios „präzisiert“ – und nach ein paar Anfangs-Fitschlern und Kraxlern kam der dumpfe Kassetten-Sound über den großen Radiolautsprecher drei Nummern bulliger. Und dann dreht man an dem fossilen Unikum den Klangregler voll auf Höhen – und siehe! Das Dumpfe schwindet, die Bulligkeit bleibt. Der Sound gewinnt!

Draußen Abenddämmerung. Drinnen kein Licht an. Melancholiaaaa – sozusagen. Nur das magische Auge des Radios leuchtet. Davor ich mit Blick auf alle meine Funde im Bücherschrank. Das meiste damals schon – alt; also WERTVOLL! Und chic ehrwürdig ramponiert. Mancher Wälzer mochte einiges mitgemacht haben in zwei Weltkriegen! Die sprachen eh zu mir. Und mit diesem Sound von obendrüber nun erst recht:

„Sharp! Distance! All around me hee! We’re lost in the Cityyyyy!“

Plötzlich passte alles zusammen: Der Sound, der Anblick, die Dämmerung. Klein war das Zimmerchen: Bücherschrank und Liege, die abends Bett wurde. Servierwagen. Aus.

Nun aber war das ein Dom! Draußen am Horizont sah man den anderen, den echten alten; aber hier dröhnte die Kirchenmusik einer NEUEN GENERATION.

Vater stand schon in der Tür: „LEISER!“

Aber zu spät. Die Initialdröhnung hatte bereits ausgereicht. Yes-Abhängigkeit lebenslänglich!

anders7Auch wenn man sich das leiser gab: Das war wie ein nächtlicher Gang durchs Buchholz mit Feenbegegnung und/oder-begleitung einer ebensolchen!

Dachte ich. Damals. Später stieß ich auf das Zitat von Steve Hackett(Genesis): „Frauen mögen keinen Prog. Vermutlich zuviele Noten.“ Ja, leider.

Zum Gemeinschaftsgenuss von Yes-Musik braucht es einen Herrenabend.

Während der EOS-Jahre gelang nur noch die Erbeutung der „Tormato“. Für anderthalb Stunden!

Schnell aufnehmen! Diesmal direkt von Platte – und von MEINEM Plattenspieler, der keine Nähmaschine war. Die Bandkopie klang hinterher astrein und drei Texte von der Innenhülle hatte ich mir auch noch abgeschrieben.

Jon Anderson war nun wirklich ein Himmelsbote: Circus of heaven! Release, release!

1982 hörte ich „I’ll find my way home“ im Radio. Der Song kickte sofort und ganz tief, wie man so sagt, weil er zweierlei verknüpfte. Zwar kam er zu spät als Heimkehr- und Befreiungshymne von der „Fahne-Pein“; meine Asche-Zeit war ende April’81 zuende; aber noch schlief ich schlecht, wenn mir da der Spieß im Traum erschien und grinsend fragte, warum ich ihn nicht erschossen habe. Manchmal pfiff noch eine Lok unten im Saaletal den Berg hinauf in meine Mansarde, und geschah dies nachts, so schrak ich auf und wollte meine VKU-Nächte zählen: Morgen wieder Uniform an? Zurück in die Kaserne? –

Nein! Es war ja ‘82! Irgendwie hatte ich es gepackt. I found my way home! Ohne Schwedt! Mehr geht nicht. Der Song machte stolz!

Und: Ich war verliebt. Wiedereinmal. Aber diesmal schien das was zu werden.  „All Seasons begin with you!“

Und von nun an mit stetiger West-Vinyl-Zufuhr. JETZT ging Leben wirklich los!

Während der Aschezeit, die manch Blödian Ehrendienst nannte, hatte sich mir Sesam aufgetan: Erste Bekanntschaft war mein zukünftiger Plattendealer; zweite Bekanntschaft dann ein Capo mit reichlich Westplattenbesitz. Da letzterer nach der Asche auch in Leipzig studierte, hielt der Kontakt – und so hatte ich seine Bestände bald fast komplett auf Band. (Wir reden hier von ca 30 Alben; von lauter guten Namen, vorwiegend YES und Wings; was für Ostverhältnisse paradiesisch war).

Dass Paul McCartney and the Wings in den 70ern eine neverending Hitkette hatten, ist heute weitgehend vergessen. Ab den 80ern kamen von Olle Paule nur noch Müll-Singles in den Äther, weshalb auch niemandem mehr auffiel, dass auf seinen nun ignorierten LPs eigentlich auch noch manch hörenswertes  schlummerte. Deshalb sei hier kurz erklärt, dass ER als der Haupterbe der Beatles galt und jedes seiner Wings-Alben wie ein Großereignis besprochen wurde, bevor dann einige der jeweiligen Single-Auskopplungen im Äther totgedudelt wurden. Auch damals gab es schon Ölpest der Tonkunst aus den Häusern Abba und BoneyM, Luv, Village People, Sister Sledge usw. Somit galt die Dauerdudelei von „Listen what the man said“, „Let them in“, „Rockshow“ „Silly Lovesongs“ immernoch als gehaltvoll.

Als wir im Sommer‘80 unseren zweiten Kompanieurlaub hatten, besuchte ich jenen Yes- und Wings-Fan zum ersten Mal. Und da saß ich dann in seinem Zimmer im Besuchersessel; mit dem Rücken zum Musikaltar auf dem Bücherschrank, ihm gegenüber und wir fachsimpelten von Musik und vom Elend der NVA. Er hatte die „Wings over America“ aufgelegt; stellt das Cover aufrecht auf das Board über seinem Bett und meinte ganz beiläufig: „Klasse, wa?!“

Zu sehen sind auf der Innenhülle Paul McCartney und seine 70er Jahre Getreuen, in so einem Realo-Comic-Malstil in action on stage.

Ich will nun nicht allzu kindisch jubelnd losschwärmen, also reagiere ich cool abgetrocknet: anders1

„Jo, erinnert an die „Gammapolis“ von Omega. Wenn de die offklapst, kommt das ganz ähnlich.“

„Omega!“ stöhnt er und verleiert die Augen, steht aber auf, sucht in dem Plattenstapel hinter mir im Bücherschrank und reicht mir – die „Olias of Sunhillow“.

Wenn du die kennst, dann weißt du: So ein Coverwunder hat es nicht nochmal gegeben! Ein Mittelding aus Doppelalbumhülle und Zigarettenbilderalbum. Mehrere Seiten zum Blättern; voll und ganz in einem auf Pracht getrimmten Malstil zwischen Comic-Romantic a la „Herr der Ringe“ und Jugenstil bemalt. Mir gingen die Augen über.

Er genoss die Wirkung.

„Die is‘ so geil! Die verborg ich auf KEINEN FALL!“

Er hielt das durch. Ich bekam sie also nie auf Band.

Also hörten wir sie als nächstes, kaum dass eine Plattenseite Wings durch war; komplett – und anschließend bestätigten wir uns beide gegenseitig, dass das was ganz Großartiges ist.

Die Wirkung hielt nicht vor. Als ich sie in den 90ern wiederhörte, war ich verblüfft, wie sehr die Wirkung von 1980 dahin war. Stünde ich heute vor dem Olias-Vinyl würde ich es wegen der Hülle kaufen, falls der Preis stimmt. Die Platte, müsste gar nicht drin sein; sie klingt inzwischen nach Hausfrauen-New-Age. Pling-Plong, dshingelingeling mit Anderson-Gebetsfetzen mittenmang.

„Olias of Sunhillow“ ist also keine von den drei Unentbehrlichen.

Auch „Song of seven“, die Soloplatte danach, nicht. Musikalisch gefällt die heute noch ganz durchschnittlich, aber sie wird eben überstrahlt, von –

Schlag 1: Natürlich das Weg-nach-hause-finde-Album! „The Friends of Mr.Cairo“; Jon and Vangelis; also eigentlich ein Album von zwei federführenden Leuten; kein reines Soloalbum mithin, aber in der künstlerischen Handschrift ganz ähnlich den zwei anderen, die da noch kommen sollten.

Ich glaubte ihn gefunden zu haben, den Weg nach Hause. Alles schien1982 bestens zu laufen: Love and Music und ein Studium mit links, weil es keine Herausforderung darstellte, nach all den Fahne-Härten. 1985 würde es zu ende sein und dann Ehe und Berufstätigkeit im Saaletal – das schien gesichert. Da hätte nichts gefehlt! Aber es sollte anders kommen. Erst Niederlausitz, dann Nordpreußen(sozusagen). Wat willste machen?

„Some how, we‘re going somewhere…“

anders2Und so wurde „I’ll find my way home“ wieder zur Sehnsuchtshymne, die sie war – für alle Zeit.

Der Rest des Albums ist dicht im Sound, gut bis sehr gut in den Texten. Naja. „Back to school“ hätt‘ ich nicht gebraucht. Bissel Schwund is‘ eben immer. Der Rest macht’s wett.

Jener Ex-Capo mit den vielen Platten hatte glücklicherweise ein YES-Abo. Sein Vater war bereits berentet und fuhr jedes Jahr mal „rüber“ – und er brachte von dort „die neue von Yes“ mit, oder eben das nächste Soloalbum von einem der Yes-Members, oder eben was von den Wings, oder Peter Gabriel…

So nahm ich ende 1982 bereits die „Friends of Mr. Cairo“ auf – auf Typ 130er Band mit 19er Geschwindigkeit, für die Ewigkeit, wie ich glaubte. Und auf die Rückseite des Bandes kam SIE: Die „Animation“. Die Verlängerung der „Mr.Cairo“! Beide Alben gleichen sich, wie zwei Hälften eines Doppelalbums, das ich hier nun wieder zusammenführte!

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Schlag 2 ist also sie. Die „Animation“ mit den unverzichtbaren „Boundaries“, die wiederum eine Aktualisierung des irischen Folksongs „O’er“ darstellen. 1982 war Wettrüsten und Friedensbewegung. Da war das eine Top-Idee, diesen Text von Freiheitskampf, Flucht und Vertreibung der Iren durch England zu internationalisieren – als Warnung für neuere Zeiten. Zeitgleich mit „Game without frontiers“ und „Sodom und Gomorrah“ auf der Höhe der Zeit. Na, und wie das 2022 wirkt, so kurz vor dem 3. Weltkrieg, brauch ich nicht zu beschreiben. Die Hüllengestaltung allerdings ist ein Totalausfall. Fürs Auge gibt’s da nichts.

anders3Aber morgens früh im „Morning Dew“ – ZU HAUSE – auf dem Berg am Waldrand stehen, und runter auf die Stadt gucken, und DIESE Sounds im Kopf – – – schöner kann ein Heroinrausch auch nicht sein!

Die „Animation“ wollte ich schon während der Aufholkäufe nach dem Mauerfall gemeinsam mit der „Mr. Cairo“ kaufen. Damals noch auf Vinyl. Vergriffen! Ab 1994 ungefähr auf CD: (Noch)nicht auf CD erhältlich! Wann denn endlich? „Wissmor nich‘!“ Das ging mir mit mehreren meiner Götterplatten so! Ursprünglich hatte ich mir das zu Mauerfallzeiten mal so gedacht: Bissel sparen, dann in einen Platten-/CD-Markt einrücken und: „Einmal YES komplett!“ Und das nächste Mal „Einmal Benson komplett!“ Pustekuchen. Stückwerk. Hier gibt’s mal die und diese, und dort mal jene, aber die „Animation“ blieb so unauffindbar wie die „Feine Leute“ vom Danzer!

Immer, wenn ich seither die „Mr.Cairo“ hörte, war sie zu kurz. Ihr „Hinterteil“ fehlte!

Stell dir vor, du hast nur die halbe „seconds out“ von Genesis! Oder die halbe „innocent age“ vom Fogelberg!

Leiden, leiden, …

Der Ossi kommt im Westen an und muss das tun, was er unfreiwillig „schon immer“ trainiert hat: Waaaaarten! Elend-Elend! Von wegen: Im Westen gibt’s alles!

Im Falle der „Animation“ war nun also besonders langer Atem nötig. 2022!

Nun ist er aus – der long run!

Bliebe der Vollständigkeit halber noch die dritte zu erwähnen:

anders4Schlag 3 ist die „Change we must“; ebenfalls so ein von der Meute negiertes Scheiblein. Aber eben genauso toll wie die andern beiden, obwohl anders: Mit Orchesterhilfe. Sogar mehr Orchester als Begleitband. Aber kein Billigpathos, sondern geradezu Kammermusik für die Gegenwart:

Die Natur retten – Change we must – Erkenntnis anlässlich eines Digital-Detox-Aufenthaltes auf Hawaii. Der ökologisch hochmotivierte Langzeit-Vegetarier genießt tagelang Naturgeräusche und lässt sie anschließend von Geigen und Oboen nachempfinden, während er seine Messages erzählt, ansatzweise singt. „State of Independence“ taucht hier auch wieder auf und passt wunderbar in diesen Kontext der Sehnsucht nach Idyll.

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Statt Bonustracks gibt es hintendran ein Interview, indem er seine Intensionen mit Tonbeispielen noch einmal erklärt.

Alles ist hier im Gleichgewicht: Nix nervt, nix langweilt. Ein Flussss…

„Alles ist im Fließen, alles ist im Geh’n. Sterne rasen auch, wenn wir sie stehen seh’n“(Renft)

Das holt schon so allerhand herauf, wenn du dich darauf einlässt.

„Hab gele(s)en unterm Apfelbaum, und er hing mit Äpfeln voll…“

„This State of Independence will be!“

Glaub ich zwar nicht – aber ich möchte es gerne!

Somehow we going somewhere.

Thank you, Jon.