Jon Anderson und ein Playmobilboot

What a way to surrender! Surrender!

1982 kennen gelernt, aufgenommen, oft gespielt; back to back mit „Mr.Cairo“ wie neulich bereits geschildert. Um 2000 herum begannen meine Typ 130er Bänder das große Fietschen. Mein Archiv der Mauerjahre war hinüber. Sperrmüll und weg. Das meiste davon hatte ich inzwischen ja nachgekauft. Aber so 4 bis 10 Tondiamanten „von damals“ fehlten und waren nicht auftreibbar.

Und die „Animation“ war nun die Langzeitvermissteste.

Den letzten Post schrieb ich aus Vorfreude. Die CD war bereits im Haus, aber eingeschweißt. Papa sollte sie Ostern erst noch stilecht suchen müssen. Also hatte ich die Booklet-Kenntnisse noch nicht, die nun ein paar Richtigstellungen nötig machen.

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Ostern ist bekanntlich ein paar Tage her – und die CD kam all die Tage kaum mal aus dem Player.

Hach!

Schön!

22 Jahre nicht gehört – und doch gleich aufs Neue jenen Klängen verfallen, die 1982 so arg wenig Fans hatten.

Es war die NDW-Zeit, Punk-Nachwehen, mehr oder weniger.

Da juckte das die Herde äußerst wenig, was der ehemalige Yes-Sänger so macht. Artrock (=Prog) galt als öde und „von gestern“. Die „Tormato“ war 1978 weitgehend unverdient verrissen worden. Die Paris-Sessions fürs Nachfolge-Album verliefen 1979 erfolglos. Die Band brach auseinander. „Drama“ erschien 1980 in einer kurios ungewöhnlichen Yes-Besetzung, da die fehlenden Anderson und Wakeman ausgerechnet durch die New Wave Kasper (The Buggles) ersetzt wurden. Noch war Trevor Horn ein Niemand. Das Album wurde deshalb ebenfalls stark angefeindet, gleichfalls unberechtigt. Die wirklich schlimmen Yes-Alben sollten erst noch kommen.

Anderson hatte in der Zwischenzeit mit Vangelis und der „Mr. Cairo“ Platte mehr Erfolg. Also war geradezu wahrscheinlich, dass er ohne Vangelis, aber mit ähnlichem Schnittmuster einen Mega-Erfolg sicherhaben würde.

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Als die Platte erschien, war ihr Platz 176 in den USA sicher und klebte dort fest. In England war immerhin Platz 43 drin. In (West)Deutschland – nix.

So war das nicht gedacht!

Anderson hatte viel Herzblut in das Projekt gesteckt; sein Produzent erinnert sich an die sehr klaren Vorstellungen, die sein Star hatte, wie alles klingen sollte. Der brauchte keinerlei Hilfe beim Arrangement! Die Band hatte Weltklasse: Clem Clempson, Simon Phillipps, Dave Santious, Stefano Cerri.

Zusätzlich schauten bei den Aufnahmen noch Greenslades Lawson und die alte Bass-Legende Jack Bruce vorbei und spielten mit.

Alles klingt durchgängig warm und gut aufeinander abgestimmt. Hier gibt es keinen 80er Wumms-Plautz, sondern: Melodien!

Aber Anderson ließ das Material nach einer mies besuchten kurzen Amerika-Tour fallen.

Squire hatte ihn besucht, um ihm Songansätze vorzustellen, aus denen die „90125“ werden sollte. Es schien auf einmal doch wieder mit Yes weiterzugehen – und so kam es, dass die „Animation“ buchstäblich „vergessen“ wurde.

Hört man sie heute und gleich danach die „90125“ – dann steht fest, welches die bessere Platte ist!

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Das Booklet ist lobenswert inhaltsreich. Es enthält die ausführliche Entstehungsgeschichte UND die Lyrics. Somit muss ich nun eine Falschbehauptung meines Anderson-Postes von neulich reparieren:

„Boundaries“ ist keine Aktualisierung von „O’er“. Und „O’er“ ist kein Volkslied.

Die wirkliche Story zum Song erklärt Anderson so:

„Ich schrieb 1982 „Boundaries“ und 1998 „O’ver“ für mein Folkalbum „The Promise Ring“; die Melodien sind gleich. Das fiel mir erst viel später auf. Wenn man an die 500 Songs geschrieben hat, dann erinnert man sich nicht an jede schon benutzte Tonfolge. Das ist so ein Unterbewusstseinsding. Dir kommt da diese Melodie ein. Du denkst, du machst was völlig Neues. Aber du benutzt nur ein Bruchstück deiner Vergangenheit. Das passiert mir manchmal, dass ich glaube, eine neue Melodie zu pfeifen, bis meine Frau mich erdet: Klingt nach altem Yes-Track.“

Kennste das? Du erzählst jemandem eine Geschichte und der fängt an, mitzusprechen?! Da merkste dann, dass das Alter zuschlägt!

Aber da gab es noch mehr:

1982 habe ich in diesen Sounds gebadet, ohne viel auf den Text zu achten.

Bissel gewundert hab ich mich schon, dass der Eröffnungstrack „Olympia“ heißt. Den obersten Yes-Romantiker mit der Engelsstimme bringt man nun eher nicht mit Stabhochsprung und Umkleidekabinenschweiß in Verbindung. Auch war 1982 kein Olympia-Jahr.

Des Rätsels Lösung steht im Booklet:

„Nachdem ich mit Vangelis gearbeitet hatte, besuchte ich eine Multimedia-Verkaufs-Ausstellung in der Olympia-Halle in London. Videowände; Instrumente, Mischpulte und so. Dort wurde die neue Generation von Keyboards und Synthesizern vorgestellt und ich war geflashed von den vielen neuen Möglichkeiten für Klänge. Mir kamen dort schon so viele Ideen, dass das „Animation“-Album die logische Konsequenz dieses Besuches war.“

und

„Animation of life“; meint den Antrieb zum Leben. Ich war junger Vater. Meine Tochter Jade lernte laufen. Alle diese Fortschritte, die da so von alleine kommen – das war der Punkt zur Inspiration. Die Olympia-Halle, meine Anfänge im neuen Home-Studio, „selber laufen lernen“ und diese tapsigen ersten Schritte von ihr. Neue Klänge, neues Leben.“

Der alte Anderson erinnert sich an seine erste Vaterschaft. Ich les‘ das und grabe im Garten ein Rasenstück um. Dort, wo vor Jaaaaahren die Sandkiste stand, hab ich plötzlich ein Playmobil-Boot auf der Schaufel. Aus der Zeit, als MEINE Tochter gerade laufen konnte.

Animation of Life.

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Die Jahre vergingen, die Musik kehrte zurück. Und sie klingt heute so frisch wie damals.

Music is the best!

Jon Anderson and I

Endlich!

Jon Andersons „Animation“-Album von 1982 – ENDLICH! ENDLICH! – auf CD in ansprechender Klangqualität.

Quasi zum 40jährigen Jubiläum!

Warum das einen Post wert ist?

Weil das ein ganz GROSSES Album ist, das unter sämtlichen Radaren durchsegelte, somit niemandem auffiel und vermutlich deshalb von Jon selbst für einen Voll-Flopp gehalten wurde, dessen Aufbereitung nicht lohnt.

Aber das ist Unsinn!

Man muss 3 Soloalben von Jon Anderson haben, wenn man Yes-Fan ist oder war. Und „Animation“ ist eines davon!

Welche die andern beiden sind, wird im Folgenden hergeleitet.

Opa erzählt wiedermal vom „Galdn Griech“:

September 1975 stand ich 15jährig auf dem Schulhof meiner EOS. In der Ehemaligen wechselte man nach der 8. Klasse zum Gymnasium, das damals EOS hieß. Man war also 9.Klässler und Spund unter lauter älteren Jahrgängen. Jede 9.Klasse hatte eine 11. als Patenklasse zugeteilt bekommen, die erst mal zur Begrüßung eine Klassenfest-Disco ausrichtete. Musik kam von den Bändern der „Großen“ (11er)und von den Kassetten der „Kleinen“(9er). So fand sich, wer glaubte, Ahnung zu haben.

Von nun an stand ich also alle Hofpausen mit 2 oder 3 Klassenkameraden umgeben von eben solchen 11ern und die bedonnerten uns „Wänste“ mit lauter musikalischem „Neuland“:

„Genesis müsster hörn! Das is klassische Kirchenmugge in Rock! Nach 10 Minuten Sound fängste an zu schweben!“

„Yes fetzen am meisten! Da hörste alles off ehmal! Erscht klingse wie CrosbyStillsNäschnjang, dann krachts wie bei Pörpel und dann volle Orchlwand – wiiii-u-wiii (=lautmalerische Toccata-Andeutung) und dann die Stimme vom Ändersnn ey! Himmlisch!“

„Ach quatsch. Uriah Heep müsster- “

„Mache dich weg, du jehörst nich zu uns! Uriah Heep! Das sinde Buhdys of englisch!“

Gelächter.

Merke: Hier wurdest du mit Niveau fertig gemacht! Das war neu. An der POS hatten die körperlich starken Deppen das sagen. Fein, nun den anderen Weg kennenzulernen. Diese genüssliche Watsche „von oben“.

„Menschen mit Niveau hören Genesis und Yes. Pörpel und Heep sin‘ ehm was für‘s Volk, wenn ses ma härter als ABBA brauchen.“

Wir 9er waren noch im Glam- und Oldies-Stadium. Fühlten uns schon als Kenner, weil wir „Fire!“ von Arthur Brown kannten und zwei oder drei Hendrix-Nummern. Unsere Kassetten waren sonst mit üblichem Hitparadenkram gefüllt. BachmannTurnerOverdrive knallen auf Rubettes und Kenny. Sweet und Slade nicht zu knapp; bissel Gary Glitter und T.Rex … nichts womit man 11er hätte beeindrucken können.

Als wir unter uns waren, werteten wir aus:

Kennst du was von Yes? Oder Genesis?

Natürlich nicht. Niemand. Woher auch? Jethro Tull – als einzige von diesen großen Namen unter den Prog-Bands – hatten jede Menge Airplay. Genesis und Yes kein bisschen.

Also dauerte es und dauerte. Vom September’75 bis in den Dezember‘75. Mit 15 ist das eine Zeitspanne von nahezu hundert Jahren!

Dann endlich hatte Christian einen Spender aufgetan, der ihn zwei Yes-LPs aufnehmen ließ. „Yes-Album“ und „Fragil“. Ich bekam dann die Kopie der Kopie, dumpf und am Kassettenende einfach mitten im Stück umgedreht, also wertvolle 10 Takte Verlust; Minimum! Das war noch kein genussvolles Großereignis; zumal der Sound uns Glamrock-Simplexe echt überforderte. Mann! War das ein Durcheinander auf den ersten Hör! Und dann diese Stimme! Das ist der große Ändersnnn?

Nach all dem Geschwärme auf dem Schulhof hatte ich irgendwen mit Eiern erwartet: Einen Noddy Holder vor großer Orgelwand! So ungefähr! Nun bekam ich hier einen – tja, was ist das? Eunuchen?

Es brauchte zwei-drei Anläufe: Allein. Halbdunkle Mansarde. Der ausrangierte Servierwagen mit dem Recorder steht vor dem Bücherschrank. Obendrauf ein Holzkastenradio Marke „Stassfurt“. Ebenholz und Mono. Fernseh-Litze in die Ausgangsbuchse des Recorders und in die Eingangsbuchse des Radios „präzisiert“ – und nach ein paar Anfangs-Fitschlern und Kraxlern kam der dumpfe Kassetten-Sound über den großen Radiolautsprecher drei Nummern bulliger. Und dann dreht man an dem fossilen Unikum den Klangregler voll auf Höhen – und siehe! Das Dumpfe schwindet, die Bulligkeit bleibt. Der Sound gewinnt!

Draußen Abenddämmerung. Drinnen kein Licht an. Melancholiaaaa – sozusagen. Nur das magische Auge des Radios leuchtet. Davor ich mit Blick auf alle meine Funde im Bücherschrank. Das meiste damals schon – alt; also WERTVOLL! Und chic ehrwürdig ramponiert. Mancher Wälzer mochte einiges mitgemacht haben in zwei Weltkriegen! Die sprachen eh zu mir. Und mit diesem Sound von obendrüber nun erst recht:

„Sharp! Distance! All around me hee! We’re lost in the Cityyyyy!“

Plötzlich passte alles zusammen: Der Sound, der Anblick, die Dämmerung. Klein war das Zimmerchen: Bücherschrank und Liege, die abends Bett wurde. Servierwagen. Aus.

Nun aber war das ein Dom! Draußen am Horizont sah man den anderen, den echten alten; aber hier dröhnte die Kirchenmusik einer NEUEN GENERATION.

Vater stand schon in der Tür: „LEISER!“

Aber zu spät. Die Initialdröhnung hatte bereits ausgereicht. Yes-Abhängigkeit lebenslänglich!

anders7Auch wenn man sich das leiser gab: Das war wie ein nächtlicher Gang durchs Buchholz mit Feenbegegnung und/oder-begleitung einer ebensolchen!

Dachte ich. Damals. Später stieß ich auf das Zitat von Steve Hackett(Genesis): „Frauen mögen keinen Prog. Vermutlich zuviele Noten.“ Ja, leider.

Zum Gemeinschaftsgenuss von Yes-Musik braucht es einen Herrenabend.

Während der EOS-Jahre gelang nur noch die Erbeutung der „Tormato“. Für anderthalb Stunden!

Schnell aufnehmen! Diesmal direkt von Platte – und von MEINEM Plattenspieler, der keine Nähmaschine war. Die Bandkopie klang hinterher astrein und drei Texte von der Innenhülle hatte ich mir auch noch abgeschrieben.

Jon Anderson war nun wirklich ein Himmelsbote: Circus of heaven! Release, release!

1982 hörte ich „I’ll find my way home“ im Radio. Der Song kickte sofort und ganz tief, wie man so sagt, weil er zweierlei verknüpfte. Zwar kam er zu spät als Heimkehr- und Befreiungshymne von der „Fahne-Pein“; meine Asche-Zeit war ende April’81 zuende; aber noch schlief ich schlecht, wenn mir da der Spieß im Traum erschien und grinsend fragte, warum ich ihn nicht erschossen habe. Manchmal pfiff noch eine Lok unten im Saaletal den Berg hinauf in meine Mansarde, und geschah dies nachts, so schrak ich auf und wollte meine VKU-Nächte zählen: Morgen wieder Uniform an? Zurück in die Kaserne? –

Nein! Es war ja ‘82! Irgendwie hatte ich es gepackt. I found my way home! Ohne Schwedt! Mehr geht nicht. Der Song machte stolz!

Und: Ich war verliebt. Wiedereinmal. Aber diesmal schien das was zu werden.  „All Seasons begin with you!“

Und von nun an mit stetiger West-Vinyl-Zufuhr. JETZT ging Leben wirklich los!

Während der Aschezeit, die manch Blödian Ehrendienst nannte, hatte sich mir Sesam aufgetan: Erste Bekanntschaft war mein zukünftiger Plattendealer; zweite Bekanntschaft dann ein Capo mit reichlich Westplattenbesitz. Da letzterer nach der Asche auch in Leipzig studierte, hielt der Kontakt – und so hatte ich seine Bestände bald fast komplett auf Band. (Wir reden hier von ca 30 Alben; von lauter guten Namen, vorwiegend YES und Wings; was für Ostverhältnisse paradiesisch war).

Dass Paul McCartney and the Wings in den 70ern eine neverending Hitkette hatten, ist heute weitgehend vergessen. Ab den 80ern kamen von Olle Paule nur noch Müll-Singles in den Äther, weshalb auch niemandem mehr auffiel, dass auf seinen nun ignorierten LPs eigentlich auch noch manch hörenswertes  schlummerte. Deshalb sei hier kurz erklärt, dass ER als der Haupterbe der Beatles galt und jedes seiner Wings-Alben wie ein Großereignis besprochen wurde, bevor dann einige der jeweiligen Single-Auskopplungen im Äther totgedudelt wurden. Auch damals gab es schon Ölpest der Tonkunst aus den Häusern Abba und BoneyM, Luv, Village People, Sister Sledge usw. Somit galt die Dauerdudelei von „Listen what the man said“, „Let them in“, „Rockshow“ „Silly Lovesongs“ immernoch als gehaltvoll.

Als wir im Sommer‘80 unseren zweiten Kompanieurlaub hatten, besuchte ich jenen Yes- und Wings-Fan zum ersten Mal. Und da saß ich dann in seinem Zimmer im Besuchersessel; mit dem Rücken zum Musikaltar auf dem Bücherschrank, ihm gegenüber und wir fachsimpelten von Musik und vom Elend der NVA. Er hatte die „Wings over America“ aufgelegt; stellt das Cover aufrecht auf das Board über seinem Bett und meinte ganz beiläufig: „Klasse, wa?!“

Zu sehen sind auf der Innenhülle Paul McCartney und seine 70er Jahre Getreuen, in so einem Realo-Comic-Malstil in action on stage.

Ich will nun nicht allzu kindisch jubelnd losschwärmen, also reagiere ich cool abgetrocknet: anders1

„Jo, erinnert an die „Gammapolis“ von Omega. Wenn de die offklapst, kommt das ganz ähnlich.“

„Omega!“ stöhnt er und verleiert die Augen, steht aber auf, sucht in dem Plattenstapel hinter mir im Bücherschrank und reicht mir – die „Olias of Sunhillow“.

Wenn du die kennst, dann weißt du: So ein Coverwunder hat es nicht nochmal gegeben! Ein Mittelding aus Doppelalbumhülle und Zigarettenbilderalbum. Mehrere Seiten zum Blättern; voll und ganz in einem auf Pracht getrimmten Malstil zwischen Comic-Romantic a la „Herr der Ringe“ und Jugenstil bemalt. Mir gingen die Augen über.

Er genoss die Wirkung.

„Die is‘ so geil! Die verborg ich auf KEINEN FALL!“

Er hielt das durch. Ich bekam sie also nie auf Band.

Also hörten wir sie als nächstes, kaum dass eine Plattenseite Wings durch war; komplett – und anschließend bestätigten wir uns beide gegenseitig, dass das was ganz Großartiges ist.

Die Wirkung hielt nicht vor. Als ich sie in den 90ern wiederhörte, war ich verblüfft, wie sehr die Wirkung von 1980 dahin war. Stünde ich heute vor dem Olias-Vinyl würde ich es wegen der Hülle kaufen, falls der Preis stimmt. Die Platte, müsste gar nicht drin sein; sie klingt inzwischen nach Hausfrauen-New-Age. Pling-Plong, dshingelingeling mit Anderson-Gebetsfetzen mittenmang.

„Olias of Sunhillow“ ist also keine von den drei Unentbehrlichen.

Auch „Song of seven“, die Soloplatte danach, nicht. Musikalisch gefällt die heute noch ganz durchschnittlich, aber sie wird eben überstrahlt, von –

Schlag 1: Natürlich das Weg-nach-hause-finde-Album! „The Friends of Mr.Cairo“; Jon and Vangelis; also eigentlich ein Album von zwei federführenden Leuten; kein reines Soloalbum mithin, aber in der künstlerischen Handschrift ganz ähnlich den zwei anderen, die da noch kommen sollten.

Ich glaubte ihn gefunden zu haben, den Weg nach Hause. Alles schien1982 bestens zu laufen: Love and Music und ein Studium mit links, weil es keine Herausforderung darstellte, nach all den Fahne-Härten. 1985 würde es zu ende sein und dann Ehe und Berufstätigkeit im Saaletal – das schien gesichert. Da hätte nichts gefehlt! Aber es sollte anders kommen. Erst Niederlausitz, dann Nordpreußen(sozusagen). Wat willste machen?

„Some how, we‘re going somewhere…“

anders2Und so wurde „I’ll find my way home“ wieder zur Sehnsuchtshymne, die sie war – für alle Zeit.

Der Rest des Albums ist dicht im Sound, gut bis sehr gut in den Texten. Naja. „Back to school“ hätt‘ ich nicht gebraucht. Bissel Schwund is‘ eben immer. Der Rest macht’s wett.

Jener Ex-Capo mit den vielen Platten hatte glücklicherweise ein YES-Abo. Sein Vater war bereits berentet und fuhr jedes Jahr mal „rüber“ – und er brachte von dort „die neue von Yes“ mit, oder eben das nächste Soloalbum von einem der Yes-Members, oder eben was von den Wings, oder Peter Gabriel…

So nahm ich ende 1982 bereits die „Friends of Mr. Cairo“ auf – auf Typ 130er Band mit 19er Geschwindigkeit, für die Ewigkeit, wie ich glaubte. Und auf die Rückseite des Bandes kam SIE: Die „Animation“. Die Verlängerung der „Mr.Cairo“! Beide Alben gleichen sich, wie zwei Hälften eines Doppelalbums, das ich hier nun wieder zusammenführte!

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Schlag 2 ist also sie. Die „Animation“ mit den unverzichtbaren „Boundaries“, die wiederum eine Aktualisierung des irischen Folksongs „O’er“ darstellen. 1982 war Wettrüsten und Friedensbewegung. Da war das eine Top-Idee, diesen Text von Freiheitskampf, Flucht und Vertreibung der Iren durch England zu internationalisieren – als Warnung für neuere Zeiten. Zeitgleich mit „Game without frontiers“ und „Sodom und Gomorrah“ auf der Höhe der Zeit. Na, und wie das 2022 wirkt, so kurz vor dem 3. Weltkrieg, brauch ich nicht zu beschreiben. Die Hüllengestaltung allerdings ist ein Totalausfall. Fürs Auge gibt’s da nichts.

anders3Aber morgens früh im „Morning Dew“ – ZU HAUSE – auf dem Berg am Waldrand stehen, und runter auf die Stadt gucken, und DIESE Sounds im Kopf – – – schöner kann ein Heroinrausch auch nicht sein!

Die „Animation“ wollte ich schon während der Aufholkäufe nach dem Mauerfall gemeinsam mit der „Mr. Cairo“ kaufen. Damals noch auf Vinyl. Vergriffen! Ab 1994 ungefähr auf CD: (Noch)nicht auf CD erhältlich! Wann denn endlich? „Wissmor nich‘!“ Das ging mir mit mehreren meiner Götterplatten so! Ursprünglich hatte ich mir das zu Mauerfallzeiten mal so gedacht: Bissel sparen, dann in einen Platten-/CD-Markt einrücken und: „Einmal YES komplett!“ Und das nächste Mal „Einmal Benson komplett!“ Pustekuchen. Stückwerk. Hier gibt’s mal die und diese, und dort mal jene, aber die „Animation“ blieb so unauffindbar wie die „Feine Leute“ vom Danzer!

Immer, wenn ich seither die „Mr.Cairo“ hörte, war sie zu kurz. Ihr „Hinterteil“ fehlte!

Stell dir vor, du hast nur die halbe „seconds out“ von Genesis! Oder die halbe „innocent age“ vom Fogelberg!

Leiden, leiden, …

Der Ossi kommt im Westen an und muss das tun, was er unfreiwillig „schon immer“ trainiert hat: Waaaaarten! Elend-Elend! Von wegen: Im Westen gibt’s alles!

Im Falle der „Animation“ war nun also besonders langer Atem nötig. 2022!

Nun ist er aus – der long run!

Bliebe der Vollständigkeit halber noch die dritte zu erwähnen:

anders4Schlag 3 ist die „Change we must“; ebenfalls so ein von der Meute negiertes Scheiblein. Aber eben genauso toll wie die andern beiden, obwohl anders: Mit Orchesterhilfe. Sogar mehr Orchester als Begleitband. Aber kein Billigpathos, sondern geradezu Kammermusik für die Gegenwart:

Die Natur retten – Change we must – Erkenntnis anlässlich eines Digital-Detox-Aufenthaltes auf Hawaii. Der ökologisch hochmotivierte Langzeit-Vegetarier genießt tagelang Naturgeräusche und lässt sie anschließend von Geigen und Oboen nachempfinden, während er seine Messages erzählt, ansatzweise singt. „State of Independence“ taucht hier auch wieder auf und passt wunderbar in diesen Kontext der Sehnsucht nach Idyll.

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Statt Bonustracks gibt es hintendran ein Interview, indem er seine Intensionen mit Tonbeispielen noch einmal erklärt.

Alles ist hier im Gleichgewicht: Nix nervt, nix langweilt. Ein Flussss…

„Alles ist im Fließen, alles ist im Geh’n. Sterne rasen auch, wenn wir sie stehen seh’n“(Renft)

Das holt schon so allerhand herauf, wenn du dich darauf einlässt.

„Hab gele(s)en unterm Apfelbaum, und er hing mit Äpfeln voll…“

„This State of Independence will be!“

Glaub ich zwar nicht – aber ich möchte es gerne!

Somehow we going somewhere.

Thank you, Jon.

Egon Linde

Egon Linde? Wer war Egon Linde?

Egon Linde war unser Steuermann

Der sich auf Udo und Achim besann

Er rockte wie sie ganz Norddeutschland

Nur nicht drüben bei denen

Sondern „hinter der Wand“.

Ja, auch wenn mein Blog hier zum Nekrolog mutiert: Einen Tag nach Bummi Bursy wurde bekannt, dass auch Egon Linde starb. Allerdings mit 77! Die Heros des Ostrock, die uns durch die 70er trugen, waren logischerweise älter als wir – und nun sind wir selber alt. Also kein Wunder, dass Musikjunkies wie ich nun auf das Absuchen von Trauer-Annoncen konditioniert werden.

transitVerblüffenderweise wurde Linde in Berlin beerdigt. Er war doch Fischkopp durch und durch! Und seine Band TRANSIT war die Einzige von der Küste, die es republiksweit zu einigem Ruhm und zu AMIGA-LP-Ehren brachte.

(Berluc zählen nicht. Denn die wurden in BERlin- LUCkenwalde gegründet, bevor sie die „Rocker von der Küste“ wurden.)

Transit machten sich mitte der 70er einen Namen im Rundfunk, weil sie gewollt so deutlich nach Lindenberg klangen, dass man es nicht überhören konnte. „Ich fahr an die Küste“, „Der Junge am Ufer“, „Der Musiker“ – das hatte alles eine mächtige Prise „Im hohen Norden“, „satellite city fighter“ und „Rock and Roller“ intus. Das war nicht zu überhören. Und dann hieß der Chef der Band auch noch LINDE!

Das Lindenberg-Hickhack wurde aber auch zur Crux für die Band: Phasenweise durfte man Udo L. im Osten kennen, weil er sich als Freund der DDR anpries und Verhandlungen über Lizenz-LP und dergleichen liefen. Transit also im Rundfunk. Phasenweise aber verschenkte er Lederjacken oder sang von so „Sonderzügen“ und „Russen auf dem Kurfürstendamm“ und da war er wieder Unperson: Du konntest bös anlaufen, wenn du ihn zitiertest:

„Wieso kennen Sie Feinde der DDR, Juchndfreund? Was sagt mir das über ihr‘n Glassnschdandbungd?!“

Also verschwanden auch Transit aus dem Rundfunk.

Sie versuchten zu Beginn der 80er auf der Achim-Reichel-Schiene unproblematischer Airplay zu retten: Reichel hatte sich ende der 70er auf alte Dichter besonnen und diese verrockt: „Regenballade“ wurde eine Phänomen-Platte für Kenner. Eine meiner ersten Beute-LPs nach Bowie und Oldfield. Das Highlight der LP ist das Stück „Een Boot is noch buten“ für mich. Und so hatte ich allerhand zu schmunzeln, als ich Transits „Sturmflut“ im Radio hörte: Ej! Ich weiß, was ihr hört!

Aufgewachsen im Burgruinen-Kindergarten und historisch-romantisch beseelt wie nur was, sehnte ich mich nach Historienrock – lange bevor es ihn gab! Ougenweide und Eulenspygel im Westen gingen in diese Richtung: Aber das war mir damals noch zuviel Jahrmarkt und zuwenig Rock. Novalis waren dann schon bissel interessanter: Einige Tracks suchterzeugend, andere – ä – nicht so sehr.

Es war also eine verfluchtlange Wartezeit bis zu Subway to Sally, Haggard & co.

Da kamen 1980 Transit mit „Bernsteinhexe“ um die Ecke – HERRLICH! Und kurze Zeit später gabs noch das „Hildebrandtlied“ – WEITER SO! Aber leider – die nächste Udo L. Querele sorgte wieder für TRANSIT-Rundfunk-Embargo. Nix da mit ner reinen Historienrock-LP. Ein Transit-Platten-Debut gab es zwar, aber so, wie man das von AMIGA kannte: Ein Sammelsurium aus unterschiedlichsten Phasen.

Immerhin wenigstens die eine. Die konnte nu nicht mehr eingesammelt werden.

BildNach der Wende erschien die CD „Transit – Das Beste“, die den Namen wirklich verdient. Da sind dann auch die Tracks drauf, die man aus dem Radio kannte und die auf der LP fehlen. (Und die LP-Graupe „Jona“ fehlt berechtigterweise auf einer CD, die „Das Beste“ heißt.)

Highlight auf Vinyl oder Silberling ist „Ein Mädchen wie du“, eine der allerschönsten Rockballaden deutscher Zunge. (So! Das musste unbedingt auch noch gesagt werden!)

Legst du Transit heute auf, dann zieht deine Jugend an dir vorbei: Die Feten, die Rad-Touren, dummerweise auch „Prora“, denn es wird viel Maritimes besungen, und da taucht nun mal bei mir automatisch zuerst der Koloss vor meinem inneren Auge auf und mit ihm KC und Spieß und all die anderen Schinder from the North … Aber es gab unter den vielen Hassfiguren aus Ostelbien eben auch die zwei-drei genießbaren Meckis, die das fiese Fischkopp-Image halbwegs aufbesserten, und für die man nicht die „Sachsensau“ war: „Schreibeee! Magsd’n Köhm?“

Und nur derentwegen war es mir möglich, die LP einer Fischie-Band zu kaufen – und zu feiern.

Habt Dank Burghaaad, Dieteé, Uli, Ottmar  – ohne euch hätte der Hass überwogen.

„ … und in mancher Kneipe erzählt man Seemannsgarn, doch viele Männer hier sind nie zur See gefahrn“ (Winter an der See/Transit)

Danke Egon!

Schlaf gut!

Ralf Bursy

Ralf „Bummi“ Bursy – mich traf grad der Schlag: Tot mit 66.

Der Einschlag kommt dicht.

Er war der Shouter von Regenbogen 1978 – live at the 950-Jahr-Feier von Naumburg an der Saale.

Unvergesslich!

Er war der Shouter von PRINZIP, der legendären Hardrocker ohne Fans.

Er war der Schnulzen-Heinz der 80er. Eine Metamorphose, die ich nie verstand.

1978 in Naumburg sang er auf deutsch den Song „Der alte Mann“, auch so ein Goodie, das nie auf Platte erschien: „Eines Tages werd‘ ich sein wie eeeeeeeeer!“

So richtig alt zu werden war ihm nicht vergönnt.

Rock on und schlaf gut!

 

Good bye Rock&Roll Wahnfried!

Marvin is gone. 74 ist er geworden. Das ist okay. Die meisten hätten sowieso nicht erwartet, dass einer mit DER Gesundheit so lange macht. Marvin kennt keiner unter seinem normalen Namen: Marvin Lee Aday.

Und dem oft verprügelten, heftig gemobbten Loser würde heute auch keiner einen Nachruf schreiben, wenn er Truckdriver, oder Klempner geworden wäre.

Aber er wurde MEAT LOAF!

Der „Fleischklops“ – so schimpften sie ihn schon in der Schule. Aber er trichterte es ihnen ein: Aus der Beleidigung mache ich eine Kultmarke!

Er begab sich auf den DENNNOCH-TRIP! Mit Erfolg!

Schlangestehen werdet ihr Arschlöcher, um in meine Konzerte zu kommen! und wenn ihr mich reich genug gemacht habt, fahr ich im Cadillac zum Golfen! Und ihr geht arbeiten. Kiss Ass!

Jede Generation hat „ihr’s“. Ihr Fanal! Die Hymne, bei der alle Augen strahlen, auf die sich alle einigen können! Wer bot den Soundtrack MEINER Zeit in den späten 70ern?

Supertramp? Kiss? Die Pistols? Bakerstreet? Nightfever? Bohemian Rhapsody?

Unsere Vorgänger hatten da so Sachen wie „Satisfaction“, „Hey Joe“ oder die, die knapp vor uns waren und nur noch wenig Vorsprung hatten, feierten „Easy Livin‘“ und „Smoke on the Water“ ab. Wir schon auch, aber eben nur „nachgemacht“, weil es die „Großen“ so machten.

ml4Aber eines Tages. Im Jahre 1978. ARD-Musikladen. Wie immer um diese Zeit voller Disco-Müll. Es war die Zeit des 60er-Jahre-Oldie-Verschandelns: Blonde on Blonde, zwei Busenwunder, säuseln „Whole lotta love“, Gilla hampelt zu „We gotta get out of this place“, Stars on 45 leiern Beatles-Refrains durch die Disco-Moulinette. Nur Mist! – Und mitten drin – 5 Minuten Erdbeben:

Meat Loaf „You took the words right out of my mouth“. Danach war die Welt eine andere!

Paar Tage später Radio-Mitschnitt-Beute: Der Titelsong der LP in voller Länge, aber eben in Mono, deireckt from se Kofferheule aufgenommen: „Bat out of hell!“ Wie muss das erst in Stereo klingen!

Paar Tage später zwingt „Paradies by the dashboardlight“ zum Wörterbuchaufschlagen, was das ist – und sorgt für rote Ohren, nachdem sich der Text erschließt.

Aber der Schlachtruf schlechthin wird:

„All revved up and no place to go!“

Auf zig Schreibblockdeckeln verewigt.

Unüberhörbar: Der singt, wie’s is: Aufgedreht – aber orientierungslos! Summertime Blues für die späten 70er! Du bist 18, weißt nicht wo hin mit dir, bzw. woher du all das herankriegen sollst, was du glaubst, besitzen zu müssen! Lebensgier, Liebesgier, Besitzwunschträume, Berufswahldrama, Fahneschiss. Der Most in dir quirlt sich zum „angry young man“ zusammen. Dein Deutschlehrer versteigt sich alle 3 Wochen vor der Klasse zu dem Satz:

„Sie, als angehende Abiturienten, verfügen nun über den höchsten Grad an Allgemeinbildung. So schlau wie jetzt werden Sie nie wieder sein!“

Aber was nützts? Du stößt an tausend Wände, verhedderst dich im Marionettengestrüpp, an dem man dich fernlenken will – und nirgendwo’n Kattermesser! Oder ein Maschinengewehr!

Nun. Das mit dem Maschinengewehr – DER Mangel wurde bald behoben. Prora nahte – die Einberufung war absehbar und verschlimmerte die innere Befindlichkeit. Aber der Plattendealer dort – DER besaß die „Bat out of hell“! Spark in the dark! Nach der Fahne nahm ich sie auf.

mde

Meat Loaf bot die Power detonierender Panzer-Hallen, während sich der EK mit verrußter Uniform aus dem Qualm schält, leicht blutend und verdreckt über die Leiche seines Spießes steigt und die wartende Braut umarmt.

Hollywood-Happyend-Kuss. Kameraschwenk gen Himmel: Elvis grüßt grinsend von oben, weil es sich anhört, als sei sein Las Vegas Orchester auf Metal-Abwegen.

Meat Loaf ist tot. Sein letzter Hit ist 29 Jahre her.

Er bot Rockarien vom feinsten. Er war der Wahnfried des Rock&Roll!

Vergessen wir all die Murks-Alben während der Karrieretäler, die Nebenrollen in diversen Filmen, die meist mieser als seine Videos waren. Es bleiben drei Alben für die Ewigkeit:

Bat out of hell  — Deadringer —- Bat out of hell II.

Ich kann mich unmöglich auf EINEN Song festlegen.

Ist es „Bat out of hell“ mit all seiner Dramatik?

Die Dashboardlight-Mini-Oper?

Ist es die Wut von „All revved up“?   ML1

Oder die von „Peel out“?

„More than you deserve“?

„Objects in the rear view mirror“?

Oder sind‘s doch die wahrwerdenden Rock&Roll Dreams?

Es ist das Phänomen Meat Loaf als Ganzes!

Die Besessenheit. Die Power.

Songs from the Past. Ich hab ihn lange nicht gehört. Heute war der Tag, ihn aufzulegen.

… If life is just a highway, than the soul is just a car.

And objects in the rear view mirror may appear closer than they are…

Heute warst du mir wieder ganz nah. Alter Warrior! Und mit dir meine Jugend.

Mach‘s gut. Du rockst das da oben.

ML2

Die Mappe (2)

Noch ein Fund aus „alter Zeit“.

Und was tust du?

Wie der Hase läuft, ist dir ja bekannt

Und viel misszuversteh‘n ist da auch nicht.

Hinterrücks laufen die Mäuler heiß

Während man vor dir „nur aufrichtig“ spricht.

Also pass gut auf und schmier dich an

Denn es gibt auch für dich keine Frist

Oder was will so ein Mädchen wie duuuu tun

Wenn’s nicht einverstanden ist?

Man hat dich gar viel‘ Ideale gelehrt

Und fleißig, wie du bist,

hast du sie durchdacht und dabei gemerkt mit der Zeit

dass gar vieles nicht so ist.

Auf der Leitungsebene tränkt dir einer ein

Was von allem das Gegenteil ist

Aber was will ein Mädchen wie duuuu tun

Wenn’s nicht einverstanden ist?

Die Wut bohrt in dir, die Granaten sind scharf

Doch ist keiner da, der sie schmeißt.

Und deine Nachbarn fürchten dich:

„Das is‘ ne Irre, die zuviel weiß.“

Und manchmal brüllt dann dein Ehegespenst

Das sonst nur jammert und frisst.

Sag, was kann ein Mädchen wie duuuu tun

Wenn’s nicht einverstanden ist?

Und nun fragst du mich, ich war drauf gefasst

Und muss niedergeschlagen gesteh’n:

Auch meine Tipps beginnen nur mit

„Man könnte…“, „man müsste…“, „mal seh’n…“

Und so tröstet uns dann der Zimmermannsong

„Die Antwort, die kennt der Wind!“

Oder was können so Leute, wie wiiiiir tun

Die nicht einverstanden sind?

(Herbst 1988, Niederlausitz; ich hatte gerade die „Infidels“ von St. Bob an Land gezogen.)

Rod.

Er hat es wieder getan! Mit 77! In der Pandemie!

Nee, nich‘ scheidenlassen one more time, sondern Platte machen, halt CD, halt Datei … fuck the form.

„The Tears of Hercules“ – mehr oder weniger „soeben“ erschienen.

Ich hab sie seit Weihnachten, aber zunächst verstopfte noch anderes meinen Player in heavy rotation, so dass ich erst jetzt dazu komme, Old Rod zu feiern.

Meine Beziehung zu ihm ist eine anfallweise. Viel ließ ich über die Jahre aus. „Baaaaby Jane“ werde ich immer hassen! Aber Einiges gehört eingeschreint, weil ewigkeitstauglich. Das kann er eben – so alle Jubeljahre.

Als er 70 wurde, schenkte er sich selber die „another country“. Die würdigte ich ja seinerzeit hier.

Kaum sind 7 Jahre rum, kommt nun das nächste DING:

„The tears of Hercules“ bleibt zwar hinter „Another country“ und natürlich hinter meinem all time fav „spanner in the works“ ein Quäntchen zurück, aber es lohnt sich wiedereinmal richtig hinzuhören. The Grandfather of Mod-Rock erzählt von großen Zeiten!

Leider isser zum Drum-Programming zurück gekehrt, wie schon auf der „Time“, die mir deshalb nicht gefiel. Das passte damals nicht: Die Stimme des alten Storytellers auf diesem Faithless-Gedächtnissound. Aber sei es, dass man inzwischen gelernt hat, das beides zu harmonisieren oder dass ich gehör-technisch „nachgereift“ bin. Diesmal stört‘s mich nicht.

Es fängt beschaulich-melancholisch an und endet auch so. Dazwischen belebt sich die Spannungskurve zum Midtempo-Rocker „Kookooaramabama“, was soviel heißt, wie a-wop-baba-loop-bop-a-lop-bam-boom, nämlich: „Sex is good. Sex is nice. Sex will show you Paradies!“ Von wat ehm alte Männer so singen. Aber Obacht! Das ist nicht einfach nur ne Pimmelnummer! Er feiert hier DAS LEBEN in Form einer Aneinanderreihung einiger Rock&Roll-Highlights seiner Adoleszenz-Phase.

„Mancher tut‘s im Garten/mancher tut‘s im Keller/big balls of fire?/Psaw! Chuck Berry kann schneller!“

Eine arg gewitzte Nummer, bei der das Hinhören lohnt!

Aber nee-nee, es gibt schon auch andere Botschaften zu genießen: „I love to boogie“ zum Beispiel –  das ist nicht die gleichnamige T-Rex-Nummer, aber ein gelungener Memorial-Song auf Mark Bolan – 50 Jahre später. Wunderschön werden hier ein paar seiner Hits miteinander verwoben. Ja, „Oid wuorn sammer. Oid!“, like Ambros said. Auch wir Glam-Kids von einst.

„Never kissed a girl, coming from New York City, with a frog in her hands.“

Stimmt immernoch. Bin Gloria Gaynor nie begegnet.

Der Titelsong verrät, in ganz privater Vortragsweise, wie beinahe nur er das kann, dass auch er nicht jede Frau bekam, die er haben wollte.

In „Hold on“, dem Lied, was sich zum Choral entwickelt, macht er eine Verbeugung vor Sam Cook, und bedauert, dass dessen „a change is gonna come“ zwar eingetreten ist, jedoch nicht in der Art, wie erhofft. Und weil mehr Fragen offen bleiben, als beantwortet werden, bleibt letztlich weiterhin nur die Familie. Die Nische. Brüder und Schwestern, Väter und Mütter, haltet eure Kinder in der Nähe: „Hold on to what you got!“ Recht hat er!

Und im Schlusstrack „Touchline“ würdigt er seinen Vater, der sich sein arbeitsreiches, elendes Leben sonntags im Trenchcoat, im englischen Regen, im Stadion versüßte und der seinen Söhnen all die Heldengeschichten von den „Wundertoren“ erzählte, die vor deren Zeit geschossen wurden. Und wenn Old Rod seine Söhne auf eigenem Platz nun bolzen sieht, dann schaut er ab und an in die Wolken: Ob Dad sich da wohl auch gerade freut, dass die Enkel nach ihm kommen?

Yeahr. (Seufz)

Fußball war es bei mir nie. Aber die Sache mit den Wunderpferden. Karl May und Felix Dahn. Das wären so die Stafetten-Stäbe, die ich „hätte soll’n weitergehm“. Aber irgendwie hab ich‘s vergurkt.

Rock on Rod! One more time. Still love to boogie! (Hüstel: In my rocking chair.)

Die Mappe

Beim Zerreißen alter beruflicher Hinterlassenschaften fiel mir neulich ein längst vergessener blauer Hefter in die Hände. Meine Schreibversuche aus den 80ern. Manches davon geht heute noch.

Hier eine Kostprobe. Ein Gedicht – oder Songtext – für irgendwann einmal:

Traumland

 

Neulich kurz nach Mitternacht –

Ich schlief erschöpft und hatte einen Traum

Der war so wüst, doch bin ich nicht erwacht

Und konnt ihn nachher nicht verdaun

Ich kam in eine Trümmerhalle

Vier Meilen nach der Ewigkeit

Ich sah dort meine Helden, alle

Ohne Rücksicht auf die Zeit

Das Panorama welches bald

Meinen ganzen Traum erfüllt

Ward außerdem vom großen Meister

Mit Gruseltypen aufgefüllt

Die Frage ist: Wer ist der Meister? Tübke, Oehme oder Bosch?

Herr Walther satz uf ejnem Stejne, bei ihm Jagger und Ernst Mosch

Unsre einzige Tamara wäscht Johnny Rotten grad den Kopp

Hinter ihr raucht Gustav Mahler Zigaretten aus’m Shop.

Ein Stückchen weiter tanzt die Toyah mit Prince und Schöbel Ringelreihn.

Das sieht der Bowie und muss grinsen, stellt sich belustigt zu den drei’n.

Gojko und Mozart machen eben nen Gitarrenworkshop auf.

Lindenberg liest die Reklame. Im Gehen lallt er: „Pfeif ich drauf“.

Die „Incantations“ füll’n den Äther, jedoch der Beethoven schlägt zu.

Trifft exakt den Plattenteller – und augenblicklich ist dann Ruh.

Black Music wird nun angesagt, schnell entsteht ein Kreis.

Hinein tritt Roy und es erklingt prompt seine Schnulze „Ganz in Weiß“.

Doch dann bricht ein Gewitter los: „Wir sind die Kekse! Live on Stage!“

Und in der letzten Reihe grinsen Felix Dahn und Jimmy Page.

Die Nacht verfliegt, auf Ihren Schwingen

Hör ich vorm ersten Hahnenkräh’n

Lift noch die stille Stund‘ besingen –

Und bin gezwungen – aufzusteh’n.

(25.04.1986)

Inzwischen würde ich einige Namen auswechseln. Besonders der Mozart wirkt kurios. Mit dem hat ich nie viel am Hut. Dass der hier auftaucht, hat mit Falco zu tun. „Er war ein Punker und er lebte in der großen Stadt …“ Time goes by.

Nanci

Ja, komische Schreibweise.

nanci 1Eine der schönsten CDs, die ich besitze, ist „Hearts in Mind“(2004) von Nanci Griffith. Nicht verwechseln mit der on/off Frau von Don Johnson. Die hieß Melanie Griffith.

Nanci G. lernte ich kennen über einen Tribute-Sampler für Waylon Jennings; so um 2010 herum. Nie zuvor gehört, aber seitdem nie wieder vergessen.

Nach dem Song auf dem Sampler sollte es mehr von DIESER Stimme sein! Aber beim Reinhören in diverse Proben zeigte sich, dass sie mehr im Folk als im Country zuhause war und da war mir die instrumentale Umrahmung zu mild. Zarte Stimme und allzu zarte Musik – blasser Eindruck. Das Finden einer geeigneten Nachschlagplatte wurde also schwieriger als gedacht.

Dann wurde es die „Hearts in Mind“. Ein Volltreffer. Ein melancholischer Songzyklus der Spitzenklasse. Genug Schlagzeug drunter, um nicht einzuschlafen. Wer Emmylou Harris sagt, sollte auch Nanci Griffith sagen. Texte allesamt von literarischer Qualität. Nicht alle Songs von ihr geschrieben, aber alle scheinen von ihr zu erzählen. Vielleicht hat sie es wie Tanya Tucker oder Reinhardt Lakomy gemacht: Erzähle deinen Textern dein Leben – die finden dann die passenden Verse.

Über die Sehnsucht nach einem „simple life“, vom Standpunkt einer geschiedenen, fünfzigjährigen Single-Frau, die gerade den Krebs besiegt hat und nun ihre Mutter pflegt; da kann man die Sehnsucht spüren – nach dem ganz großen späten Ding, das hoffentlich noch kommt!

Eventuell war es jene Reise – nach Vietnam! So viele Jahre nach dem großen Desaster,;wo man heute beim Essen erzählt bekommt, wie 1954 die Leichen den Saigon-River herabgespült wurden von diesem „distant war“ gegen die alte Kolonialmacht; und sie erzählt weiter, dass ihr Freund Michael 1968 genau da landete, und hinterher wiederum von Leichen im Saigon-River sprach. „Und alle diese Seelen schwimmen da nun, die französischen und die der Viet Minh und auch die all der american boys … Könnte man daraus nicht lernen – im 21. Jahrhundert?“ 2004 herausgekommen!

Sie spricht Irak und Afghanistan nicht an. Sie singt einfach 2004 über Vietnam-Eindrücke. Als Touristin in Ho Chi Min City, im Gedränge der Metropole, mit ihrem Begleiter, der ein Kumpel ist, ein Ami, im Rollstuhl… Großartiger geht’s nicht!

Dann singt sie über „Ted und Sylvia“, allem Anschein nach ihre Eltern, und die Art und Weise, wie sie sich trafen. Damals – in den frühen Fifties. Draußen war Korea-Krieg, aber drinnen trafen sich Ted und Sylvia. Zeittypisch erklingt Klarinettenmusik zu Easy Listening Jazz. Bert Kaempfert Style. Prompt ruft mir das die weit weniger melodischen Hinterlassenschaften Woody Allens und David Bowies auf eben diesem Instrument wach. Schnell verdrängen! Erinnerungen an Doowop-Goodies und alte „Magazin“-Reklamen sind allweil besser. Passen auch besser zum Sound.

Aber Vietnam lässt sie nicht los. Der Song „Ol’Hanoi“ steht „the heart of Indochine“ an Eindringlichkeit in nichts nach: Wo ist es hin, das altvertraute Bild einer Stadt voller Rikschas und Marktgeschrei? Verdrängt von Motorrädern. „In the words of Graham Greene, like the quiet American“ – sucht sie ebenfalls nun nach „sacred streets“ im lauten Hanoi von jetzt.

„Der stille Amerikaner“ stand im Bücherschrank meines Vaters. Ich las ihn und vergaß ihn. Mit mir hatte das nichts zu tun. Amerikanischen Lesern ist das näher.

Wer kennt den Roman heute noch? Graham Greene, der „Nestbeschmutzer“. Der Castro-Versteher. Der Duvallier-Ankläger. Der Vietcong-Sympathisant. Dem CIA war er ein Dorn im Auge. Trotzdem konnte er frei und berühmt alt werden. Musste sich nicht jahrelang in einer Botschaft verstecken. Eins seiner Bücher wurde mit Peter Ustinov erfolgreich verfilmt. Der Assange einer anderen Zeit! Danke Nanci!

Futsch ist alles Typische, was das alte Indochina einst ausmachte: die Fahrradmassen, die Lotus-Stoffe, die leisen Seitenstraßen. Sie findet nichts davon. Aber ringt sich durch zum Abschiednehmen von den alten Vorstellungen: „wer sucht sie noch – wie einst Graham Greene“?nanci 2

Der zweite Teil des Songzyklus ist sehr privat gehalten.

Banal wird’s aber nicht: Da wird die heimatliche Kleinstadt gelobt und abgewatscht in bester Randy Newman Manier. „I love this town – like an unmade bed…“; oder in „before“ an die unerfüllte Liebe gedacht, zu der es nie kam, obwohl es doch damals so geknistert hat. Dem aufmerksamen Ossi fällt dann sofort „Ein Mädchen wie du“ von Transit ein und die Gänsehaut ist garantiert! Song-Nugget reiht sich an Song-Nugget. Graupen gibt es keine. Der reinste Assoziationsrevolver!

Und schließlich die ruhige, aber umso eindringlicher wirkende Ballade von jenem blauen Planeten, der soviel Schönheiten zu bieten hat, aber nicht zur Ruhe kommt – weil er seit ewigen Zeiten ein „Big Blue Ball of War“ ist.

  1. Es schießt wieder – nahe der alten Region… träumen wir halt weiter.

„Wann wird man jej verstehjn…“

Im August las ich von ihrem Tod. Nachrufe über sie waren dünn gesät. Deshalb musste das hier in diesem Jahr noch was werden.

Nanci Griffith. (06.07.1953 – 13.08.2021)

Schlaf gut.

Lechtenbrink

Es gibt zweierlei Promi-Tote.

Die einen sterben – und man nimmt es zur Kenntnis, weil vielleicht länger schon nichts von ihnen zu hören war; weil sie halt das Alter hatten, weil sie eh nie so richtig die eigenen Kreise tangierten –

Und es gibt Promi-Tote, deren Sterbemeldung „Ballett im Kopf“ auslöst; weil sie wichtig waren, zu Zeiten, die einem selber wichtig waren, oder sogar noch sind.

Einer der letzteren ging gestern – Volker Lechtenbrink.

Mir gelang kein Nachruf. Zuviele alte Geschichten kamen hoch.

  1. Der Macher

Wie ich in anderen Beiträgen bereits durchblicken ließ: Wir Zaungäste von jenseits der Mauer waren in den 70ern von unseren Cousins und Cousinen „da drühm“, schwer enttäuscht, weil sich im Krautrock keine Konterbande finden ließ.

Die hatten da das bissel Lindenberg und das schien es schon gewesen zu sein.

Der Rest schien fröhlich vor sich hinzukiffen und die „Strukturen zu zerstören“ – in der Musik. Einem Spielplatz, der von der Politik gern überlassen wurde. Ommmmmmmh!

Ton Steine Scherben wurden medial bis in die ganz späten 70er totgeschwiegen, und so blieb uns nur Nachzuerzählen, was unsere Vorgänger(mehrheitlich des Englischen unkundig, weil „Kapitalistensprache“) von Wonderlands „Moscow“ herumphantasierten. Wir Spätgeborenen, inzwischen dank vermehrter Englischunterrichtszulassung deutlich versierter als die wirklichen Ost-68er, wiederholten das verschwörerisch grinsend; obwohl nichts davon zutraf, wie wir ja selbst hören konnten. Aber: Wir wollten den Kult pflegen!

„Außer Wonderland und Can ham die doch nüschd zustandejekrichd da drühm!“

Wann hätte man je dergleichen Sätze in einem Nachwendefilm zu hören bekommen?

Von Can kannten wir den „Spoon“ aus dem Radio und „Hunters and Collectors“ aus „Euro-Gang“(Titelmelodie); das war’s. Als dann endlich das „Tago-Mago“-Album im Bekanntenkreis kreiste, wollte niemand es kaufen – und ich nicht mal aufnehmen. Bandverschwendung!

Da liefen also diese Deutschrocksendungen auf HR3 und seltenerweise mal eine Ausnahmesendung auf NDR2, und da gelangten so Funde von Kraftwerk, Karthago, Jane, Atlantis für kurze Zeit auf das eine oder andere Band, weils irgendwie rockig klang, aber textlich lohnte sich das Hinhören nicht. Ein Ausreißer war „Illegal“ von Grobschnitt, aber das waren ja schon nicht mehr die 70er. Und gleich nach „Illegal“ fegte die NDW durch den Äther: Problem geklärt! Plötzlich Rock mit Aussage! Neubauten, Interzone, Fehlfarben…

Und wieso hat das was mit Lechtenbrink zu tun?

1976 erschien die LP „Der Macher“ und der NDR stand Kopf! Da schien endlich mal einer abseits von Schlagermüll und Liedermacherlyrik, diese Leerstelle neben Lindenberg auffüllen zu wollen. Deutsche Texte mit Anspruch auf Country bzw. irgendwo zwischen Pop und kalifornischem Softrock.

Der NDR spielte wohlweißlich den Titelsong zunächst nicht; denn der hat so ein missglücktes Arrangement mit viel Gebläse. Wie das Kristofferson-Original „The Maker“ auch. Nur jenseits des großen Teiches klingt sowas dann nach Mexico, also Urlaubsland und großer Freiheit. In Deutschland eben doch wieder nur nach Erntefestmugge – wenn nicht gar nach Marschmusik.

Der NDR spielte „Volker und das Kind“ und „Hilf mir durch die Nacht“ und hatte mich am Haken. Denn ersteres gefiel mir auf Anhieb und letzteres kannte ich von Telly Savalas.

Irgendwann tauchte dann auch „Leben so wie ich es mag“ auf. Klingt im ersten Moment nach Aus- oder Aufbrechen; ist kompositorisch erkennbar „Tulsa Time“, aber im Arrangement leider eben doch ein Rohrkrepierer wie Maffays etwa zeitgleiches „Samstag abend in unsrer Straße“ – ächz. Kastrierter Rock. Ungefähr wie Thomas Natschinski‘s Team 4 „aus der Zone“. Rummel-Mugge. Nix für’s Band!

Lechtenbrink verriet seinerzeit im Interview, dass seine Songs eigentlich Kris Kristofferson- bzw. Waylon-Jennings-Songs seien, deren textliche Güte ihm aufgefallen war.

Er blieb aber irgendwie auf halbem Wege stecken. Seine einmalige Stimme hätte super zu erdigerer Instrumentierung gepasst oder auch zu Las Vegas Bombast – aber er hatte sich eben leider auf diesen DieTieÄitsch-Gedächtnis-Sound mit Grummel-Voice festnageln lassen. Den „Steppenwolf“-Schritt vom Maffay wagte er nicht. Immerhin sorgte „Dort drüben die Dame“ von der Folge-LP „Der Macher 2“ nochmal für Neugier.

Lechtenbrink blieb im Radio präsent, aber es wurde immer schlagericher oder Sesamstraßig: „Oma auf der Wolke“ … „Ich mag“ usw. Musikalisch schien das Thema Lechtenbrink also nach einem Anfangsaufhorcher schnell vorbei zu sein.

  1. Die Brücke und Prora

Fernsehtechnisch jedoch ergaben sich im spät70er-West-TV zwei Knaller:

Eines schönen Tages ca 1978 schaltete ich das gemeinsame Vormittagsprogramm von ARD und ZDF ein und erwische, die filmische Umsetzung der Erzählungen meines Vaters über das Ende seiner ersten Schulzeit wegen Kriegsende und Volkssturm: „Die Brücke“!

Rumms! Was für ein Ereignis! Kriegsfilme kannten ca. 18jährige Ossis zuhauf, auch aus deutscher Perspektive gedrehte, wie „Werner Holt“ und/oder „Mama ich lebe!“, aber DAS DA -?-?-!! Wow! Soooo echt! Und ohne Zeigefingerei erschütternd! So nachvollziehbar!

Sieben HJ-tler werden in den allerletzten Kriegstagen einberufen und sollen an die Front. Günter Pfitzmann in Paraderolle, als altes Frontschwein, will die Knirpse nicht verheizen und setzt sie an ihrer Heimatbrücke ab, die sie „bewachen“ sollen. Er glaubt, somit seien sie außer Gefahr. Es kommt anders. Die Erziehung der Jungs rächt sich bitter…

Und einer der Sieben ist der 15jährige Volker Lechtenbrink. Da war er wieder.

Kaum von diesem Eindruck erholt, sendete die ARD „Bratkartoffeln inclusive“, ein englisches Bühnenstück für’s Fernsehen adaptiert. Hier geht es um die britische Armee und Lechtenbrink spielt einen Rekruten der „immer lächelt“.

„Lachen Sie mich aus?! Was gibt’s zu grinsen!“

„Nichts Sir! Das ist angeborn! Sir!“

„Ich zeig Ihnen mal, was angeboren ist! Vortreten!“

Schikane, Schikane. Geburtsfehler sind in den Dienstvorschriften nicht vorgesehen. Lechtenbrink grinst und grinst und muss grinsend heulen und zeigt grinsend zunehmende Panik und Verzweiflung – bis zum Tod. (Wenn ich es nicht falsch in Erinnerung habe.) Dampf, Druck, Reviere beim Barras. In aller Herren Länder! Und mir drohte die Einberufung. Mit all meinem sportlichen Unvermögen! Ich wusste: Das wird bei mir auch so. Im Unterbewusstsein wuchs die Angst bereits. Ich gestand sie mir nicht ein. Aber Desillusionieren konnte mich die NVA nicht. Dass es Scheiße wird, wusste ich vorher. Nur wurde es anders Scheiße – als erwartet.

Lechtenbrink in zwei sehr guten Anti-Kriegs-Filmen – quasi mein Aufklärer, neben Remarque, Plevier, Dix, Noll, Grümmer…

Komisch, dass in den Nachrufen seit gestern, an die „Bratkartoffeln“ nicht erinnert wurde. Oder?

So eine Darstellung einer „demokratischen Armee“? Ts-Ts-Ts…

Würde heute auch nicht mehr gehen. Und auch noch um 20.15 Uhr!

  1. Der Kuppler

Zurück von der Fahne und ein paar D-Mark in der Tasche, die gut eingeteilt werden wollten, inspizierte ich in den frühen 80ern oft Intershops: Da hing diese Lechtenbrink-Best-of -LP „Herz und Schnauze“ mit dem Bobtail Cover. Verführerisch. Ikonografisch irgendwie! Solche Hunde gab’s nur im Westen! Und die See da, das musste die Nordsee sein. Sylt vielleicht. Ostsee hatten wir selber. Die schied aus.

Gesehen hab ich die Hülle oft, gekauft hab ich die Platte nicht. Wegen – siehe oben. Musikalisch traute ich ihm nicht.

Die LP „Wer spielt mit mir“ kaufte ich dann aber doch. Der Liebe wegen. Da war halt eine Ann Wilson aufgetaucht. Im Studentenwohnheim hinter der Mauer. Und die Funken sprühten. Themen hatten wir zuhauf. Peinliche Schweigephasen lernten wir erst in der Ehe kennen. Nur mit dem Musikgeschmack jener Ost-Ann haperte es. Viel Schlager, wenig Rock. Ich brauchte ein erstes Weihnachtsgeschenk. Ich wollte punkten. Über Lechtenbrink hatten wir gesprochen. Wir mochten ihn beide aus unterschiedlichen Gründen. Er schien ein guter Kompromiss, zumal auf der Platte „bei dir müsst ich aus Eis sein“ drauf war. Lou Reeds „Walk on the wild side“, diesmal textlich extrem weit weg vom Textoriginal. Der Coup gelang. Wurde Zeitchen später noch mit Gittes „Ich bin stark“ untermauert. Was tut man nicht alles – im Ausnahmezustand. Live goes on! Manches gelang. Und manches nicht. „Leben = Malen ohne Radiergummi“, like Lennon said.

Dann fiel die Mauer. Wir traten unbekannten Verhältnissen bei, aber auch bunten Schaufenstern. Da war sooooviel aufzuholen! Kein Gedanke an „den Macher“!

Plötzlich wollten DIE den Sandmann abschaffen. „Zu staatsnah! Ist am Tag der Volksarmee mit dem Brückenlegepanzer gekommen – der muss weg!“, meinten die Sieger und ihre TV-Askaris, die um ihren Job bangten. Jedoch DA hatte das Ossivolk zum ersten Mal nach der unmittelbaren Wende so richtig die Schnauze voll: Unterschriften-Aktion in allen Kleinstadtläden! Von 17 Mio Ossis unterschrieben 20 – DAS musste ernstgenommen werden! Der Sandmann blieb, bekam aber West-Abendgrüße; unter anderem den „Tier-Babysitter“; anheimelnde Tiergeschichtchen, gesprochen von dieser Grummelstimme, die früher mal gesungen hatte: „Erst da hinten die Dame, dann du!“

Also war er wiederum da, in meinem Alltag und dem meines 3jährigen Sohnes und half uns gewissermaßen „durch die Nacht“ einer seltsamen Kahlschlagspolitik West.

Paar Tage später erlebte Deutschland in Somalia sowas wie eine erste Feuertaufe nach 1945. Noch im Bereich „rückwärtiger Dienste“ und soweit ich weiß ohne eigene Tote.  Plötzlich hatte ich „Feldpost“ im Briefkasten. Ein junger, sympathischer Bekannter hatte sich im Wendewirrwarr für „Nummer sicher“ entschieden, um der typisch ostdeutschen Arbeitslosigkeit zu entgehen und den „Bund“ gewählt. Nun war er „da unten“ im Feldlager an der Grenze zu Kenia – und „Bratkartoffeln inclusive“.

Nach der ersten Feldpost kaufte ich Lechtenbrink „Die großen Erfolge“. Ein durchwachsenes Sammelsurium. Denn:

Hörst du Jennings oder Kristofferson – siehst du den knarzigen einsamen Wolf vollbärtig hinterm Lenkrad, wie er seinen Pickup zwischen die Kakteen setzt und auf die nackte Hippie-Fee wartet, deren Chopper er schon hört (siehe Vanishing Point/Grenzpunkt Null).

Hörst du Lechtenbrink – sitzt du statt dessen wieder auf einer Silberhochzeit in der Kleingartensparte „Saaleblick“ zwischen deiner mehr oder weniger übergewichtigen Verwandtschaft, wayback in den 70s; und Oma Elfriede schiebt Onkel Erwin (Goldkettchen am Handgelenk, Westbesuch) übern Tanzboden; als Dankeschön für Tosca, Toblerone und die Heino-Kassetten; während draußen der Knudsen-Taunus zwischen Trabbis und Wartburgs parkt.

Seinen Historien-Touch hat auch das inzwischen.

Ein Wegbegleiter ist er nun mal – das lässt sich nicht leugnen – so oder so.

„Erst drüben die Dame“ hat es auf manchen meiner Sampler geschafft.

Und auch „Volker und das Kind“ find ich immer noch schön.

77 ist er geworden, las ich gestern.

Schlaf gut da oben, Alter!