Lechtenbrink

Es gibt zweierlei Promi-Tote.

Die einen sterben – und man nimmt es zur Kenntnis, weil vielleicht länger schon nichts von ihnen zu hören war; weil sie halt das Alter hatten, weil sie eh nie so richtig die eigenen Kreise tangierten –

Und es gibt Promi-Tote, deren Sterbemeldung „Ballett im Kopf“ auslöst; weil sie wichtig waren, zu Zeiten, die einem selber wichtig waren, oder sogar noch sind.

Einer der letzteren ging gestern – Volker Lechtenbrink.

Mir gelang kein Nachruf. Zuviele alte Geschichten kamen hoch.

  1. Der Macher

Wie ich in anderen Beiträgen bereits durchblicken ließ: Wir Zaungäste von jenseits der Mauer waren in den 70ern von unseren Cousins und Cousinen „da drühm“, schwer enttäuscht, weil sich im Krautrock keine Konterbande finden ließ.

Die hatten da das bissel Lindenberg und das schien es schon gewesen zu sein.

Der Rest schien fröhlich vor sich hinzukiffen und die „Strukturen zu zerstören“ – in der Musik. Einem Spielplatz, der von der Politik gern überlassen wurde. Ommmmmmmh!

Ton Steine Scherben wurden medial bis in die ganz späten 70er totgeschwiegen, und so blieb uns nur Nachzuerzählen, was unsere Vorgänger(mehrheitlich des Englischen unkundig, weil „Kapitalistensprache“) von Wonderlands „Moscow“ herumphantasierten. Wir Spätgeborenen, inzwischen dank vermehrter Englischunterrichtszulassung deutlich versierter als die wirklichen Ost-68er, wiederholten das verschwörerisch grinsend; obwohl nichts davon zutraf, wie wir ja selbst hören konnten. Aber: Wir wollten den Kult pflegen!

„Außer Wonderland und Can ham die doch nüschd zustandejekrichd da drühm!“

Wann hätte man je dergleichen Sätze in einem Nachwendefilm zu hören bekommen?

Von Can kannten wir den „Spoon“ aus dem Radio und „Hunters and Collectors“ aus „Euro-Gang“(Titelmelodie); das war’s. Als dann endlich das „Tago-Mago“-Album im Bekanntenkreis kreiste, wollte niemand es kaufen – und ich nicht mal aufnehmen. Bandverschwendung!

Da liefen also diese Deutschrocksendungen auf HR3 und seltenerweise mal eine Ausnahmesendung auf NDR2, und da gelangten so Funde von Kraftwerk, Karthago, Jane Atlantis für kurze Zeit auf das eine oder andere Band, weils irgendwie rockig klang, aber textlich lohnte sich das Hinhören nicht. Ein Ausreißer war „Illegal“ von Grobschnitt, aber das waren ja schon nicht mehr die 70er. Und gleich nach „Illegal“ fegte die NDW durch den Äther: Problem geklärt! Plötzlich Rock mit Aussage! Neubauten, Interzone, Fehlfarben…

Und wieso hat das was mit Lechtenbrink zu tun?

1976 erschien die LP „Der Macher“ und der NDR stand Kopf! Da schien endlich mal einer abseits von Schlagermüll und Liedermacherlyrik, diese Leerstelle neben Lindenberg auffüllen zu wollen. Deutsche Texte mit Anspruch auf Country bzw. irgendwo zwischen Pop und kalifornischem Softrock.

Der NDR spielte wohlweißlich den Titelsong zunächst nicht; denn der hat so ein missglücktes Arrangement mit viel Gebläse. Wie das Kristofferson-Original „The Maker“ auch. Nur jenseits des großen Teiches klingt sowas dann nach Mexico, also Urlaubsland und großer Freiheit. In Deutschland eben doch wieder nur nach Erntefestmugge – wenn nicht gar nach Marschmusik.

Der NDR spielte „Volker und das Kind“ und „Hilf mir durch die Nacht“ und hatte mich am Haken. Denn ersteres gefiel mir auf Anhieb und letzteres kannte ich von Telly Savalas.

Irgendwann tauchte dann auch „Leben so wie ich es mag“ auf. Klingt im ersten Moment nach Aus- oder Aufbrechen; ist kompositorisch erkennbar „Tulsa Time“, aber im Arrangement leider eben doch ein Rohrkrepierer wie Maffays etwa zeitgleiches „Samstag abend in unsrer Straße“ – ächz. Kastrierter Rock. Ungefähr wie Thomas Natschinski‘s Team 4 „aus der Zone“. Rummel-Mugge. Nix für’s Band!

Lechtenbrink verriet seinerzeit im Interview, dass seine Songs eigentlich Kris Kristofferson- bzw. Waylon-Jennings-Songs seien, deren textliche Güte ihm aufgefallen war.

Er blieb aber irgendwie auf halbem Wege stecken. Seine einmalige Stimme hätte super zu erdigerer Instrumentierung gepasst oder auch zu Las Vegas Bombast – aber er hatte sich eben leider auf diesen DieTieÄitsch-Gedächtnis-Sound mit Grummel-Voice festnageln lassen. Den „Steppenwolf“-Schritt vom Maffay wagte er nicht. Immerhin sorgte „Dort drüben die Dame“ von der Folge-LP „Der Macher 2“ nochmal für Neugier.

Lechtenbrink blieb im Radio präsent, aber es wurde immer schlagericher oder Sesamstraßig: „Oma auf der Wolke“ … „Ich mag“ usw. Musikalisch schien das Thema Lechtenbrink also nach einem Anfangsaufhorcher schnell vorbei zu sein.

  1. Die Brücke und Prora

Fernsehtechnisch jedoch ergaben sich im spät70er-West-TV zwei Knaller:

Eines schönen Tages ca 1978 schaltete ich das gemeinsame Vormittagsprogramm von ARD und ZDF ein und erwische, die filmische Umsetzung der Erzählungen meines Vaters über das Ende seiner ersten Schulzeit wegen Kriegsende und Volkssturm: „Die Brücke“!

Rumms! Was für ein Ereignis! Kriegsfilme kannten ca. 18jährige Ossis zuhauf, auch aus deutscher Perspektive gedrehte, wie „Werner Holt“ und/oder „Mama ich lebe!“, aber DAS DA -?-?-!! Wow! Soooo echt! Und ohne Zeigefingerei erschütternd! So nachvollziehbar!

Sieben HJ-tler werden in den allerletzten Kriegstagen einberufen und sollen an die Front. Günter Pfitzmann in Paraderolle, als altes Frontschwein, will die Knirpse nicht verheizen und setzt sie an ihrer Heimatbrücke ab, die sie „bewachen“ sollen. Er glaubt, somit seien sie außer Gefahr. Es kommt anders. Die Erziehung der Jungs rächt sich bitter…

Und einer der Sieben ist der 15jährige Volker Lechtenbrink. Da war er wieder.

Kaum von diesem Eindruck erholt, sendete die ARD „Bratkartoffeln inclusive“, ein englisches Bühnenstück für’s Fernsehen adaptiert. Hier geht es um die britische Armee und Lechtenbrink spielt einen Rekruten der „immer lächelt“.

„Lachen Sie mich aus?! Was gibt’s zu grinsen!“

„Nichts Sir! Das ist angeborn! Sir!“

„Ich zeig Ihnen mal, was angeboren ist! Vortreten!“

Schikane, Schikane. Geburtsfehler sind in den Dienstvorschriften nicht vorgesehen. Lechtenbrink grinst und grinst und muss grinsend heulen und zeigt grinsend zunehmende Panik und Verzweiflung – bis zum Tod. (Wenn ich es nicht falsch in Erinnerung habe.) Dampf, Druck, Reviere beim Barras. In aller Herren Länder! Und mir drohte die Einberufung. Mit all meinem sportlichen Unvermögen! Ich wusste: Das wird bei mir auch so. Im Unterbewusstsein wuchs die Angst bereits. Ich gestand sie mir nicht ein. Aber Desillusionieren konnte mich die NVA nicht. Dass es Scheiße wird, wusste ich vorher. Nur wurde es anders Scheiße – als erwartet.

Lechtenbrink in zwei sehr guten Anti-Kriegs-Filmen – quasi mein Aufklärer, neben Remarque, Plevier, Dix, Noll, Grümmer…

Komisch, dass in den Nachrufen seit gestern, an die „Bratkartoffeln“ nicht erinnert wurde. Oder?

So eine Darstellung einer „demokratischen Armee“? Ts-Ts-Ts…

Würde heute auch nicht mehr gehen. Und auch noch um 20.15 Uhr!

  1. Der Kuppler

Zurück von der Fahne und ein paar D-Mark in der Tasche, die gut eingeteilt werden wollten, inspizierte ich in den frühen 80ern oft Intershops: Da hing diese Lechtenbrink-Best-of -LP „Herz und Schnauze“ mit dem Bobtail Cover. Verführerisch. Ikonografisch irgendwie! Solche Hunde gab’s nur im Westen! Und die See da, das musste die Nordsee sein. Sylt vielleicht. Ostsee hatten wir selber. Die schied aus.

Gesehen hab ich die Hülle oft, gekauft hab ich die Platte nicht. Wegen – siehe oben. Musikalisch traute ich ihm nicht.

Die LP „Wer spielt mit mir“ kaufte ich dann aber doch. Der Liebe wegen. Da war halt eine Ann Wilson aufgetaucht. Im Studentenwohnheim hinter der Mauer. Und die Funken sprühten. Themen hatten wir zuhauf. Peinliche Schweigephasen lernten wir erst in der Ehe kennen. Nur mit dem Musikgeschmack jener Ost-Ann haperte es. Viel Schlager, wenig Rock. Ich brauchte ein erstes Weihnachtsgeschenk. Ich wollte punkten. Über Lechtenbrink hatten wir gesprochen. Wir mochten ihn beide aus unterschiedlichen Gründen. Er schien ein guter Kompromiss, zumal auf der Platte „bei dir müsst ich aus Eis sein“ drauf war. Lou Reeds „Walk on the wild side“, diesmal textlich extrem weit weg vom Textoriginal. Der Coup gelang. Wurde Zeitchen später noch mit Gittes „Ich bin stark“ untermauert. Was tut man nicht alles – im Ausnahmezustand. Live goes on! Manches gelang. Und manches nicht. „Leben = Malen ohne Radiergummi“, like Lennon said.

Dann fiel die Mauer. Wir traten unbekannten Verhältnissen bei, aber auch bunten Schaufenstern. Da war sooooviel aufzuholen! Kein Gedanke an „den Macher“!

Plötzlich wollten DIE den Sandmann abschaffen. „Zu staatsnah! Ist am Tag der Volksarmee mit dem Brückenlegepanzer gekommen – der muss weg!“, meinten die Sieger und ihre TV-Askaris, die um ihren Job bangten. Jedoch DA hatte das Ossivolk zum ersten Mal nach der unmittelbaren Wende so richtig die Schnauze voll: Unterschriften-Aktion in allen Kleinstadtläden! Von 17 Mio Ossis unterschrieben 20 – DAS musste ernstgenommen werden! Der Sandmann blieb, bekam aber West-Abendgrüße; unter anderem den „Tier-Babysitter“; anheimelnde Tiergeschichtchen, gesprochen von dieser Grummelstimme, die früher mal gesungen hatte: „Erst da hinten die Dame, dann du!“

Also war er wiederum da, in meinem Alltag und dem meines 3jährigen Sohnes und half uns gewissermaßen „durch die Nacht“ einer seltsamen Kahlschlagspolitik West.

Paar Tage später erlebte Deutschland in Somalia sowas wie eine erste Feuertaufe nach 1945. Noch im Bereich „rückwärtiger Dienste“ und soweit ich weiß ohne eigene Tote.  Plötzlich hatte ich „Feldpost“ im Briefkasten. Ein junger, sympathischer Bekannter hatte sich im Wendewirrwarr für „Nummer sicher“ entschieden, um der typisch ostdeutschen Arbeitslosigkeit zu entgehen und den „Bund“ gewählt. Nun war er „da unten“ im Feldlager an der Grenze zu Kenia – und „Bratkartoffeln inclusive“.

Nach der ersten Feldpost kaufte ich Lechtenbrink „Die großen Erfolge“. Ein durchwachsenes Sammelsurium. Denn:

Hörst du Jennings oder Kristofferson – siehst du den knarzigen einsamen Wolf vollbärtig hinterm Lenkrad, wie er seinen Pickup zwischen die Kakteen setzt und auf die nackte Hippie-Fee wartet, deren Chopper er schon hört (siehe Vanishing Point/Grenzpunkt Null).

Hörst du Lechtenbrink – sitzt du statt dessen wieder auf einer Silberhochzeit in der Kleingartensparte „Saaleblick“ zwischen deiner mehr oder weniger übergewichtigen Verwandtschaft, wayback in den 70s; und Oma Elfriede schiebt Onkel Erwin (Goldkettchen am Handgelenk, Westbesuch) übern Tanzboden; als Dankeschön für Tosca, Toblerone und die Heino-Kassetten; während draußen der Knudsen-Taunus zwischen Trabbis und Wartburgs parkt.

Seinen Historien-Touch hat auch das inzwischen.

Ein Wegbegleiter ist er nun mal – das lässt sich nicht leugnen – so oder so.

„Erst drüben die Dame“ hat es auf manchen meiner Sampler geschafft.

Und auch „Volker und das Kind“ find ich immer noch schön.

77 ist er geworden, las ich gestern.

Schlaf gut da oben, Alter!

Every Jingelingeling every ohuo-o will shine!

Es ist früh am Morgen. In the heart of the sunrise, sozusagen. Vor dem Fenster rauscht der Berufsverkehr. Auf dem Parkplatz gegenüber warten Pendler auf die Abholung ihrer Fahrgemeinschaft.

Bin gerade dabei, meine neue Mitte zu finden und stehe wieder regelmäßig zeitig auf.

Die Jalousien sind hoch. Das Licht muss noch eine Weile anbleiben.

Aber ich muss nich’mehr los!

Wohltuend!

Worüber schreiben wir heute?

ABC-Bands.

?????

ABC-Waffen kennt jeder ältere Zausel aus dem Stand: Atomare, Biologische (Corona-Viren)Bomben, Chemikalische Giftgaserei.

Nun ja, unsere zu Dauernaivität verdammten Youngsters hätten googeln müssen.

Aber ABC-Bands?

Klar! Gibt’s auch. Waren vor einiger Zeit mal in einem ganz hübschen TV-Feature Thema.

(Weiß nich‘ mehr, welcher Sender. Denn wenn ich arte schreibe, liest keine Sau mehr weiter. So is‘ das mit dem angeblichen Bildungshunger der Masse. Brat mir einen Storch!)

Also zur Auflösung:

A wie Abba, B wie Bee Gees, C wie Carpenters.

ABC-Waffen sollten seinerzeit durch die SALT-Abrüstungsgespräche gebannt werden, da gefährlich und unnütz – und mit jenen 3 Bands verhält es sich für die Musikgeschmacks-Kardinäle des Progizismus ähnlich.

Hm.

Inwieweit bin ich da nu mit von der Partie?

Nun war ich schon Glam-Aficionado, Artrocker (neudeutsch: Proggie) Wannabee-Punk, Indie-Papst und Fusion-Goutierer. Von allem ein bisschen. Aber alles intensiv zu seiner Zeit.

Wie also halte ich es mit den ABC-Bands? Was davon kann wirklich weg?

Der klarste Fall:

Abba. Hype derzeit um dieses neue Ding aus dem Jenseits gewissermaßen. Ich glaube sicher zu sein, immun bleiben zu können. Abba ging nie! Satan weiche von mir!

Ähem. Ganz ehrlich? Mit vierzehneinhalb hatte ich „Solong“, „Honey Honey“ und „Rock me“ auf Kassette. Weil sie voll werden sollte und das Zeug eben gerade im Radio lief – (Ich war jung und brauchte eben SOUND!) – und weil Abba noch keine Plärr-Seuche war. „Solong“ hat sogar was Rauschhaftes bis heute behalten. Der Recorder war neu, ein Musikarchiv noch nicht vorhanden: Was willste machen?

Aber „Dancing Queen“, „Quicitita“ und „Fernando“ – da schüttelt sich der Gast mit Grausen. Die waren es vor allem, die mich das Weite suchen ließen. Dieses emotionslose Geplärr, unterlegt mit so Pseudo-Mugge für Tanzmausreflexe – und dann noch jeder dieser Tracks gefühlt stündlich im eigentlich noch gar nicht erfundenen „Format“-Radio. Es war schlicht nicht zum Aushalten! Abba sind die Vorstufe von LUV – und von denen gab es auch viel zu viel klanglichen Abraum im Äther. „Heh hello, ich bin der geilste Macker! He hello ich bin ein Sexy-Ding!“ (Karl Dall Version) Gepaart wurde sowas ja zumeist mit Smokie-Unfug und „WayyyyEmmSieÄj“ – dem Veitstanz des Rundfunks.

Die Bee Gees sind da schon eine ganz andere Hausnummer. Ich war auf Anhieb empört über jene TV-Reihung der ABC Bands! BoneyM hätte sich doch hier viel eher aufgedrängt. Oder das ganze Bohlen-Imperium! Aber Bee Gees?

Die haben „Odessa“ gemacht! Und „Maincourse“! Und „Here at last“! Bis 1977 waren die „bei den Guten“! „Saturday Night Fever“ wurde zwar als Disco-Film verachtet, aber die 3 Bee Gees Songs aus dem Soundtrack, die hatte doch jeder irgendwo irgendwann auf Band.

Erst ab „Trädschediiiiii!“ gingen sie mir auf die Nerven. Die Sendeanstalten hetzten sie – ab „Night fever“- zu Tode. Und ab Tradgedy klangen sie tatsächlich wie es Heinz Rudolf Kunze in den 90ern mal beschrieb:

„Die Bee Gees klingen in meinen Ohren wie Zicklein, die in der Mikrowelle ums Überleben kämpfen.“

Da hatte er noch Biss! Und es hat gestimmt! Für dieses letzte Drittel ihrer Sangeskarriere.

Aber wer hätte denn je was gegen „Massachusetts“ gehabt?! Oder gegen „Lamplights“?! Sogar die heilige Janis hat einst Bee Gees gecovert!

Bleiben die Carpenters. Viel gesendet und fast immer gescholten. Zu seicht. Zu harmlos. Ist das noch ne Band im eigentlichen Sinne oder sind das Cindy&Bert auf amerikanisch? Anfang’75 war ihre Fassung von „Please Mr. Postman“ neu und so 3 oder 4 Tage auf meiner Kassette Nr.2.

Gemeinsam mit „Only you can“ von Fox und „Convoy“ von C.W.McCall. Für den Postman wurde ich vom Nachbarsjungen ausgelacht, der ebenfalls seinen Recorder gerade zur Jugendweihe bekommen hatte. Der nahm zwar sogar noch von Mittelwelle auf, der Anfänger! Aber sein Spott machte mir doch was aus. Der Postman wurde überspielt, mit irgendwas von Slade oder Rubettes oder so. So war’n se, die Anfänge.

Jedoch so 1978 herum, mitten in meiner Phase punkigen Aufbegehren Wollens: „Calling Occupents of interplanetary craft“. Meine Fresse, war das toll! Ich hatte ja nebenher immer den Musikarchäologen in mir und mag bis heute 50er Sound sehr – und da mittendrin gab es so erste musikalische Comedy von Buchanan&Goodman, die 1958/59 ebenfalls kleine Marsmännchen landen ließen und dafür so ziemlich die gesamte frühe Rock&Roll-Prominenz in kurzen Schnipseln verhackstückten. Und nu kommen die Carpenters mit dieser herrlich ge-fake-ten Radioshow als Intro! Das MUSSTE auf band. Und nach’89 auch ins Archiv! Also kaufte ich „The Carpenters Greatest Hits“. Und da hatte ich sie nun alle – den „Postman“ und „Jambalaya“, „Ticket to ride“ und „Yesterday once more“.

Sie läuft alle Jahre wieder ein paar mal.

Kim Gordon von Sonic Youth verehrt Karen Carpenter für ihre musikalische Perfektion.

Karen ist tot. Aber wir nicht, die ihre CDs noch hören: We’ve only just begun.

45 Jahre Magic Man – the HEART-Ranking

Heart. Eine meiner Favoriten-Bands. Deshalb zum Beispiel.

Ann und Nancy Wilson.

Ein feines Detail der Band-Saga geht so:

Die Highschool-Band aus Seattle spielte ganz gut, blieb auch danach noch zusammen und sollte eines Tages fürs Radio Aufnahmen produzieren und fragte sich, wie man sich bei sowas nicht blamiert. Einer aus der Band erklärte, er hätte da einen Bruder in Vancouver (Kanada), der nicht in die Staaten zurückkehren könne, da er Army-Deserteur sei, wegen Vietnam – aber der wäre Multi-Instrumentalist und überhaupt Klasse. Also fuhr die Band nach Vancouver und bei Ann schlug der Blitz ein: Liebe auf den ersten Blick. Wie man so sagt. Die Offizierstochter und der Deserteur. Filmreif. Somit wurde die Seattle-Band kanadisch, denn sie blieb kurzentschlossen dort.Zeitchen verging. Die Band spielte 1975 super Zeug ein, aus dem die Debut-LP „Dreamboat Annie“ wurde.

„Magic Man“ stürmte die kanadischen Charts und sickerte anfang’76 über die Grenze nach Süden in den Bill Board, knapp unter der 10er Marke; erfolgreich, aber noch kein Nr.1 Hit.

Denen widmete bei Juuuuduuub noch keiner ein Ranking.

Also mach ich das mal. Soweit ich ihre Platten kenne. Und ganz nach MEINEM Geschmack.

Los geht’s untypischerweise mit

Platz 1: Nun doch wieder „Dog and Butterfly“ 1978. Die war meine erste von ihnen!heart 78

Gekauft in Buttstädt auf dem Pferdemarkt. 1983 oder ‘84. Für 120 Ostmark. Ich kannte nur „cooking with fire“ aus dem Radio, aber ich wurde belohnt: Das Album hat keine Graupen!

Es beginnt – unabnutzbar – mit ebenjenem „cooking with fire“(live), ist aber trotzdem kein Live-Album. Ab Track 2 gibt es lauter feine Studiodiamanten – und man steigert sich hier bis zum finalen „Mistral Wind“ in immer neue Höhen. Letzteres kann man durchaus als „ihr Stairway to heaven“ ansehen, obwohl es textlich, kompositorisch in keiner Hinsicht irgendwelche Ähnlichkeiten hat, bis auf diese monströse herrliche Steigerung zum Ende hin.

Der Titelsong ist so eine ruhige aber eindringliche Ballade, die anfänglich irgendwie hölzern wirkt, nach dem 3. Hör aber doch plötzlich Ohrwurmqualitäten hat.

Gefragt nach dem wichtigsten Heart-Song im Laufe der Jahre, nannte Ann 1996 IHN, denn das ist der, bei dem im Konzert „all the girls“ den Kopf an die Schulter ihrer „boys“ kuscheln und „all the boys“ dann überlegen „I guess  I like that Band“!

Ich mag den Song auch sehr. Seit 2005 aus traurigem Anlass noch mehr als zuvor. Als unsere 11jährige Hündin eingeschläfert werden musste, kam die mitfühlende Tierärztin ins Haus. Ich hielt Cindy auf meinem Schoß. Die Spritze wurde gesetzt. „Es dauert nicht lange“, versprach die Tierärztin. Sie hatte recht. Ein paar letzte Streichler. Kein Zucken. Nur ein plötzliches Erschlaffen. Dann war es vorbei. Ich wickelte sie in ihre Kuscheldecke und legte das Paket ins Grab an der Gartenhecke. Nach dem Zuschaufeln ging ich ins Haus und legte mir „Dog and Butterfly“ auf. Vinyl. Seite 2. Weil sie mit eben diesem Song beginnt und mit Mistral aufhört. Ein paarmal hintereinander. Die Familie war nicht im Haus. Bei diesen Klängen steigt verlässlich bis heute Cindy aus dem Grab.

Platz 2

„Red velvet car“ 2010; war bis vor kurzem Platz 1. Ein echter Lebenskrisenhelfer. 2010/11 durchlebte ich mein zweitbeschissenstes Jahr, abgesehen von Prora 1979/81. Bauernopfer im Intrigenspiel eines diktatorischen Bonzen zu sein, macht echt keinen Spaß. Strafversetzung ohne Anlass sozusagen. Die soeben erschienene CD war DER Kraftquell zum Durchhalten.  Ich durchlebte einen James Bond reifen Kampf der Institutionen um meine Person, bei gleichzeitig elendsten Arbeitsbedingungen –  bis hin zur subversiven, erlösenden Mitteilung: „Es steht jetzt fest, dass er verloren hat. Du kannst wieder zurück. – Aber von mir hast du’s nicht!“ Auch filmreif.

„Es ist eine Platte ohne Hits, aber diejenigen, die die Band in den 70ern mochten, werden sie lieben.“ Ich glaube, es war die „Good Times“, die diesen Satz druckte. Er trifft zu. Ein verspäteter würdiger Nachfolger der „Dog and Butterfly“. Und der Titelsong ist definitiv ihre beste Ballade.

Platz 3

„Dreamboat Annie“ (1975), including „Magic Man“, dem ersten Hit. Es ist das in Amerika erfolgreiche Debut. In Europa sah es mit Heart-Begeisterung ja all die Jahre eher mau aus. Aber in Sachen Musikgeschmack ist Bludgeon sowieso eher Ami als Engländer. Heart hatten ihren bisher einzigen TV-Auftritt im Deutschen Fernsehen im „Musikladen“ 1976 mit eben jenem „Magic Man“. Ein Schlüsselerlebnis für den damals noch nicht ganz 16jährigen kleinen Dakota: Es gibt auch SCHÖNE Mädchen, die rocken können – fern ab von ABBA! Denn das war das große Manko in seiner Umgebung! Bis dahin war Marianne Rosenberg das Schönheitsideal gewesen, ihre Musik wurde halt leise ächzend in Kauf genommen. („Marleen“ ganz hinten auf einer Kassette versteckt.) Ab sofort hatte Ann Wilson den Thron inne! Aber an die LP kamste ja zu Mauerzeiten nicht ran. Also wurde sie zu einem jener vielen Nachholkäufe nach’89.

Platz 4

„The Road home“(1995), unplugged back to Avalon sozusagen. Live. heart roadUnter Beteiligung von John Paul Jones, der wohl sauer war, dass er von Page&Plant so übergangen worden war, als sie ihr „No Quarter“ einspielten. Nun half er hier also der Konkurrenz „the female Led Zeppelin“ aus. Ich erwarb sie eher zufällig Jahre später. Was für ein herrliches Coverfoto! Back were it all began! Ja, so sahen uns’re Schwärme aus! Remember la Boum/Die Fete! Wenn du in die Jahre kommst, und die Attraktivität schwindet, dann lieber so ein Foto statt des aktuellen Ist-Zustandes mit Alte-Lehrerinnen-Dupet.

Ich hatte seinerzeit ihre Veröffentlichung gar nicht mitbekommen; aber es gibt hier so eine wirkliche Candle-Light-Club-Atmosphäre und einige Überraschungen: Ein „Love hurts“-Cover, einen wunderschönen Titelsong, man lernt, dass „Alone“ auch ohne Bombast wirkt; und „Cherry Blossom Road“ kann erst hier so richtig strahlen – allerfeinst! Für mich ihr bisher bestes Live-Album.

Platz 5

„Little Queen“ 1977; das „Barracuda“-Album. Plattenfirmenwechsel nach „Dreamboat Annie“ zum „Majdschor“ und prompt der weltweite Hit. Geschrieben im Ärger über eine schmuddlige Offerte, die der attraktiven erfolgreichen Ann eines Tages nach einem Konzert hinterbracht wurde. Es soll sich dabei um ein Rache-Gerücht der alten Plattenfirma gehandelt haben, welches durch diese gestreut worden war. Ein regelrechter Rufmordversuch. Vom Streit mit diesem ehemaligen künstlerischen Obdach wird weiter unten noch zu reden sein.

Das Album ist ein gutes. Es wird filigran geklampft. Hörbar schwieriger und wunderschön klingender Stoff. Jedoch erdrückt der Superhit als Opener die übrigen Songs. Es bleibt hinterher irgendwie nichts hängen. Das ist auf den übrigen LPs der Band ausgewogener gelöst.

Interessant auch der Hinweis des kanadischen Radio-Veterans Michael Popoff, dass für die musikalische Seite von „Barracuda“ Nazareths „This Flight tonight“-Fassung Pate gestanden haben soll. Das hat was!

Die CD-Ausgabe der Platte enthält als Bonus-Track eine frühe Heart-Version von „Stairway to heaven“ (live) – seeehr gut gelungen und mit „Barracuda“ am Anfang eine Art Rahmung für die filigrane Mitte des Albums.

Platz 6

„Magazine“ (1978); das „kranke Werk“ der alten Plattenfirma. Soll man es überhaupt mitzählen? Und wenn ja, an welcher Stelle? Als 2. Album? Als 3. oder 4.? Inoffiziell (ohne Einverständnis der Band) erschien es zeitgleich mit „Little Queen“ und die offizielle Version dann gleichzeitig mit „Dog and Butterfly“ ’78.

Die Band hatte nach dem Überraschungserfolg von „Dreamboat Annie“ begonnen, neues Material für das Nachfolgealbum zu sammeln; dahinein platzte der Firmenwechsel. Die große Firma! Die steigenden Absatz-Chancen! Das viele Geld! Man kennt das. Und das die kleine abgehängte Firma sauer reagiert, war absehbar. Die alte Firma erlaubte die Mitnahme des halbfertigen Materials nicht. Die Band startete für „Little Queens“ also neu. Aus Gnatz streute die Firma deshalb zunächst das Gerücht, dass zwischen den Schwestern mehr laufe, als nur geschwisterliche Zuneigung und das halbfertige Material (angereichtet mit ein bissel Live-Kram um auf LP-länge zu kommen) wurde auf den Markt geschmissen. Die neue Firma schritt sofort ein und verbot Nachauflagen des Albums. Ein langer Rechtsstreit begann, der mit dem Kompromiss endete, dass die alte Firma „Magazine“ weiter vertreiben darf, dass jedoch die Band die Möglichkeit erhält, das halbfertige Material zu überarbeiten. So geschahs.

Das Album ist besser als sein Ruf. Es wird getragen von Nancys aggressivem Geklampfe auf der Halbakustischen.Einen richtigen Knüller hat es zwar nicht zu bieten; aber von einer Ausnahme abgesehen, passt alles gut zusammen. Auch die beiden Live-Tracks am Ende stellen keinen Qualitätsbruch dar. Man hört deutlich, dass die Studiotracks die Raffinesse des „Little Queen“ Materials haben. Beide Platten ließen sich glatt als Doppelalbum oder eben als „Nice pair“ verkaufen.

Leider prangt in der Mitte die Coverversion von Nilson’s „Without you“. Ann schreit die Nummer kaputt! Hier fehlt die Wärme, die „Dreamboat Annie“ oder „Dog and Butterfly“ haben. Für mich ein ewiger Skip-Kandidat.

Platz 7

beau brokeEtwas fast Neues, und eben erst Entdecktes: Beautiful Broken (2016); 3 neue Songs und eine Handvoll alte, umarrangierte Gemmen aus der Flopzeit 79-85. Alle schon mal veröffentlicht, aber nie Hit gewesen; nun eben vom glattpolierten Schablonensound befreit und vermutlich so eingespielt, wie sie damals gemeint waren, bevor der große Geldkoffer-Pate verlangte, dass das so und so zu klingen hat, „und hier mehr zeitgemäße Phil Collins Drums und da mehr DX 7 Quiek…“. Time goes by und nun ist das alles getilgt. Die Schwestern waren wohl der Meinung, es wäre schade um die ursprünglichen Songideen. Also sollte die 2.Chance her.

Ich mag die Idee. Ich mochte sie schon bei YES, als sie seinerzeit auf die Idee kamen, die gelungenen Tracks ihrer ersten beiden Stilsuche-Alben zusammenzunehmen und als „Yesterdays“ wiederzuveröffentlichen. Befreit von dem ursprünglichen Murks ringsrum konnten die nu ganz anders strahlen! Heart hatten auch mal „Yours is no Disgrace“ im live-Programm. Also YES kennen die.

Mir gefällt das Album momentan so richtig sehr gut. Könnte sein, dass es in nächster Zeit noch ein paar Plätze gewinnt. Aber noch ist es für mich zu neu. Noch hängt zuwenig „Eigenes“ an Erinnerungen an diesen Klängen, deshalb bisher nur Platz 7.

Platz 8

DIE Überraschung mitte der 90er: Zurück aus der MTV-Moulinette und dem AOR – Mainstreamsound! Den Schalter wieder auf 70er umgelegt. Wie kurz zuvor bei Nazareth zu hören, wie bei Hall and Oates und wie bei Genesis „Calling all Stations“. Rückkehr zu alter Güte! Flopgefahr? Pfeif auf die Masse; von nun an reich genug für „den Weg zu sich selbst“. Weg mit diesem Elektro-Drum-Sound! Zusätzlich auch Rückkehr in die alte Heimat: Seattle. Dort geht gerade das Grunge-Ding los. Die neuen Bands verehrten aus Lokalpatriotismus Heart, weil ja sonst noch niemand aus Seattle groß geworden war.

Die Wilson Sisters besetzten die Band wiedereinmal um und spielten „Jupiters Darling“ ein. heart jupiterStahlbetonrock meets Mandoline. Blödsinnigerweise als „Album unter Grungeeinflüssen“ beworben, da vor allem freundschaftliche Kontakte zu den Alice in Chains Buben bestanden. Es ist eher das Album, das Alannah Myles nach „Black velvet“ hätte machen sollen. Das Cover ist allerdings wirklich Grunge, oder Crap, oder Garbage — zu lange und zu oft „black hole sun“ gehört? Ein Design-Gau der Superlative! Die Musik ist ordentlich, schlüssig, bruchlos abwechslungsreich, hart und zerbrechlich – wie einst von Led Zeppelin abgelauscht.

Das Album hat nur einen Fehler: Es ist ein bissel zu lang. Doppelalbumumfang. Da sind schon zwei,drei Filler drunter. Weniger wär mehr gewesen. Aber sie hatten halt Spaß.  Und deshalb zieht das Album im Vergleich mit seinem perfekten Nachfolger „Red Velvet Car“ und den 70er Werken unverdient fast immer den Kürzeren.

Platz 9

„Bad Animals“ (1987): Heart und die 80er, das ist wie mit Genesis: Die Mugge wird mieser, aber die Hits werden größer.

Nach „Dog and Butterfly“ hapert es mit einem ebenbürtigen Nachfolger. Ann und Nancy beenden die Liaisonen mit ihren Bandmembers und deshalb beginnt das Besetzungskarussell. Das Songwriting leidet darunter. Die Anpassung an den sich verändernden Zeitgeschmack hakt. Da sie Amis sind, steht bei ihnen nicht New Wave im Focus, sondern eher die geglättete AOR-Hitparaden-Metal(light) Variante. Die Jahre 1979-1985 sind keine guten für Heart. Drei Alben floppen. Dann entschließen sie sich, auf Anraten/Zwang der Firma, Songs von Fremdschreibern anzunehmen. Mutt Lange und Desmond Child als Hit-Garanten sind darunter.

„These Dreams“ katapultiert die Band 1985 „deireckt“ aus dem Karriere-Tal an die Spitze der Charts, mit so female Hair-Metal und zeittypischen MTV-Videos. Weil Ann ein nun unübersehbar werdendes Gewichtsproblem hat, wird Nancy in den Focus der Kameras geschoben. Aber der Sound klingt schabloniert, klinisch totproduziert, wie so vieles in den 80ern. Wochenlang Platz 1. Das Album ließ ich bis heute aus.

MEIN Platz 7 ist der Nachfolger „Bad Animals“, denn der hat „Alone“ zu bieten – und daran kam ich nun mal nicht vorbei. Außerdem gibt es noch „Who will you run to“. Zum Rest der Platte ist ansonsten dasselbe zu sagen, wie zum Vorgänger: Typischer 80er Radio-Plärr-Kram. Aber erträglicher als auf dem Vorgänger. Man kann das schon hören, ohne dass es weh tut. Toto-, Journey-, REO Speedwagon Sound mit Frauenstimme. Autobahntauglich.

Sie fuhren diesen Stil noch weiter auf „Brigade“ und auf „Desire walks in“, aber die ließ ich wieder aus. „All I wanna do is make love to you“ von der „Brigade“ war schon ein schönes Wendezeit-Video damals. Aber eine von der Sorte reicht halt.

Platz 10

Last and least ein Live-Album. Ein Bootleg. Mit Heart und live isses eine Crux! Aus den 70ern gibt es kein offizielles Live-Album; nur so einen zusammengekürzten Corpus interruptus Murks, der in den USA mal ein Doppelalbum war, in Europa auf LP-Länge gekürzt wurde, wobei dann noch die Reihenfolge durcheinanderkam, die Hits verschwanden und plötzlich auch noch Studio-Songs hinein gerieten. Abwink. Seit 1990 nun wird man regelrecht zugeschmissen mit späten Konzertaufzeichnungen, aus nahezu allen amerikanischen Großstädten; aber mal isses nur eine mittelmäßige Songauswahl, mal lässt der Mix zu wünschen übrig, mal schreddert die Band selber ihre Songs oder Ann hat Stimmprobleme. Die Livekulisse bleibt eh immer dürftig. Schade drum.

Nun kam da in den 90ern ein Konzertmitschnitt auf mich, weil an jeder Tanke damals massenweise CDs „Live USA“ von allen möglichen Stars herumlagen. Schleuderpreis, Notcover und manchmal auch wirkliche Wurf-Disc-Quality, weil deireckt from se hochgehaltenen Kassettenrecorder recorded! Mein alter Sandkastengefährte Udo hatte aber Glück, ergatterte eine anhörbare „Heart live“ und ich hab se seither auf Festplatte.

Nun ja. Es ist ein „geht so“ Konzert, noch aus der Hair-Metal-Phase. Beginnt mit „If looks could kill“ ganz feurig und endet mit‘ner „Barracuda“-Schredderwörschn. Viel mehr gibt’s dazu nicht zu sagen.

Damit dieser Post aber einen wirkungsvollen Schlussakkord erhält, soll Ann das letzte Wort haben:

„Mir wurde erzählt, dass Chrissy Hynde mal gesagt haben soll: „Mädels! Wenn ihr im Rock-Bizz was werden wollt, dann beherzigt zwei Dinge:

  1. Schreit nicht! Spitze Frauenschreie verjagen die männlichen Fans!
  2. Schlaft nicht mit dem Gitarristen!

Also ich schreie seit 25 Jahren und schlief 10 Jahre mit dem Gitarristen. So what?! Und wer ist Chrissy Hynde?“ (Booklet der CD „The Road home“ 1994)

PS.: Und hier weint Robert Plant aus gegebenem Anlass. Klick.

Bludgeons Music Ranking – die „kleinen“ Giganten

61% der befragten Bevölkerung sehen Deutschland im Niedergang. Bin ich wenigstens nicht allein!

Genug geschimpft. „Ich bin ein alter Mann! Mich geht das nichts mehr an!“ (Knorkator).

Wenden wir uns dem Pläsier der „Veteranen der Arbeit“ zu: Was hat DIR geholfen, die Mühen deiner Kleeche zu ertragen? Was war dein Lebens-Elixier?

„Music is the best!“ (Zappa) galt für meine Generation. Ich war so ziemlich in allen Stilen zu Hause. Phasenweise. Auf Youtube gibt es reichlich alte Amis und Pfefferminzsoßenzöglinge von der Insel, die vor gut bestückten LP- und CD-Regalen ihre 10 oder 20 Besten von irgendeiner Richtung präsentieren.

Macht Spaß, da ab und an reinzuhören und sich erklären zu lassen, was man eh schon weiß.

Und den eigenen Englischkenntnissen tut es auch gut. Manchmal ist ein fast vergessener Diamant dabei, den man sich dann doch mal wieder auflegt.

Die Herren machen Prog-, die machen Punk-, Metal-Rankings. Was immer gern übersehen wird, ist dieser weite Ozean dazwischen: The Independent Thing.

Hervorgegangen aus Punk-Labels, nach dem kurzen ersten Punk-Beben 1977-78, während all das Ska-Geklapper losging, blieben einige Talente-Scouts in der Spur und suchten Zeug, das von den großen Mejdschorgombenies nicht gewollt wurde. Feine Sachen wurden da möglich. Manche wurden groß und landeten mit LP Nr. 4 oder 5 dann doch bei EMI (and there is no reason why) oder CBS – oder wo auch immer.

Da probierten sich also zahlreiche junge Leute aus, schrien ihren Unmut über die Zustände in ihren Ländern in den Äther der Undergroundsendungen des immernoch möglichen Profilradios der 80er und 90er Jahre, fanden mal mehr, mal weniger coole Metaphern für emotionale Ausnahmezustände, kreierten Sounds mit Sägeblatt und Bohrmaschine, Kurbelkassenklingel und E-Guitar – und es klang geil!  Die Majors glaubten, das sei keine Nische, aus der sich Geld pressen lässt – doch!

Der junge Erwachsene, frühzeitig in beruflichen Mühlen eingebunden, braucht Kompensation für Abenteuerlust und brachliegende Phantasie – und unter Umständen auch mal Zaumzeug für den Amoktrieb… Brrrrr, Alter! Beherrsch dich! Hör Neubauten oder Mould! Dreh auf, dann geht’s wieder!

In jungen Jahren ist man schneller begeistert, fällt auch auf manchen Hype rein, stellt die Käufe dann ins Regal, um sie schlicht zu vergessen. Ab und an entsorgt man ein paar, wenn die Regale allzu verstopft wirken – und geradeso noch Möglichkeiten auftauchen, die wenigstens noch einen symbolischen Spottpreis ermöglichen.

Hach, man will ja seine Lebensretter von einst nicht einfach so in die Tonne kloppen!

Der musikalische Extremismus hat sich mit den Jahrzehnten gelegt. Die Pulsfrequenz sinkt und die Takte sollten ihr entsprechen.

Welche 10 Independent-Alben sind nun diejenigen mit Langzeitwirkung – und weshalb?

Platz 10:

10 dotsThe legendary pink dots. Ihr 1990er Album „The Maria Dimension“; bei Erscheinen gekauft, weil sich zwei Tracks einer früheren Platte bei mir auf Band befanden, die einfach mystisch „anders“ klangen, als alles, was es sonst so gibt. Jene LP/CD hab ich bis heute nicht ermitteln können. Die Dots haben inzwischen ja ein Output wie Zappa – da fällt der Überblick schwer. Sie sind so ein Mittelding aus frühen Depeche Mode (oder Neubauten; was fast dasselbe ist) und Joy Division. „Athmosphere“ goes „master and servant“. So ungefähr. Depressive Ohrwürmer und versponnene Geräuschüberraschungen. Die „Maria Dimension“ wirkt wie ein Konzeptalbum. Alles passt zusammen, geht ineinander über – und ich muss gestehen: Bisher hab ich mich um die Message nicht gekümmert, sondern lediglich in diesen Sounds „gebadet“. In den 90ern recht häufig, in letzter Zeit extrem selten – aber bei der letzten Ausmistung, stellte ich beim Reinhör-Check fest: Die muss bleiben! Da stehen sofort die frühen 90er wieder auf – an den Klängen hängt zuviel eigene Geschichte.

Platz 9:

9 texasTexas „Rick’s Road“. Texas kommen, wie der Name schon sagt – aus Schottland. Sie hatten einen Hit auf ihrem Debut, der reichlich MTV_Rotation erfuhr (und den ich prompt vergessen habe) und danach war viele Jahre die Luft raus. Man hörte von denen nichts mehr bis zum Stilwandel vom Klampfgestrüpp zu so einer Art Neo-Soul Anfang der Nuller-Jahre, somit gelang Hit Nr. 2 und stabile Mittelfeldpräsenz auf vielen großen Festivals und in den CD-Läden.

„Rick’s Road“ ist eins von den Flop-Alben nach dem scheinbaren One-Hit-Wonder; ihre zweite oder dritte LP, als sie noch klassische Schrammelrocker waren. Mein Lieblingsladen hier herum hatte begonnen, auch so Gebrauchte für 1 oder 2 DM anzubieten – und da nahm ich sie auf Verdacht so um 1995/96 mit.

Volltreffer. Zu Unrecht erfolglos. Ohrwürmer zuhauf. Feine Gitarrenarbeit, schöne Stereoeffekte. Abwechseln akustisch und elektrisch. Alles da. Erstklassige Songs. Selbstbewusste, optimistische Mugge mit sympathischem Frauengesang, beschwörend, motivierend, funktionierend, immer – und immer wieder:

„Yeahr! I’m gonna make you wonder – if you`re my friend!“

Platz 8:

8 the theViel zu spät entdeckt, weil überhaupt nicht medial präsent: The The – Wenn es The Who gibt, dann geht auch der Bandname The The durch! Eigentlich ist das so ein En-Mann-Betrieb, der sich für seine Gigs mit Musikern umgibt. Matt Johnson, ein Kumpel der Depeche Mode-Buben und befreundet mit Fad Gadget, dem Brian Eno der 80er Jahre Synthie-Szene. Er soll bei Gadget im Studio herumgehangen haben und ab und an zum Zigaretten holen geschickt worden sein. Irgendwann klimperte er dort auf einem Klavier – und weil das gut klang, verriet er, dass er wohl mal richtig Klavierstunden hatte. Also durfte er ran und mal bissel was aufnehmen. Gadget sorgte für Veröffentlichung, und weil eh gerade jeder einen Vertrag bekam, der in dieses Depeche Mode, Soft Cell, Heaven 17 Schema passte, kam(en) auch The The ab und an ins UK Radio. Der NDR spielte um 1984 einmal „uncertain smile“, den 7 Minuten Mix. Der geriet mir aufs Band und hypnotisierte mich. Nach dem Klavier-Solo in der Mitte willst du unbedingt Klavierspielen lernen! Es kam nicht dazu. Vielleicht jetzt, wenn Zeit ist. Elke Heidenreich hat es auch ab 60 geschafft!

1994 nahmen The The ihr Tributalbum für Hank Williams auf. Das muss nicht wundern. Wer den Dok-Film „Music for the masses“ von Depeche Mode kennt, weiß, dass Martin Gore Johnny Cash verehrt. Da kann sein Kumpel ruhig auf Hank Williams abfahren. Er industrialized hier die alten Song-Ikonen heftig, aber durchaus gefühlvoll. Hank sang für die Cowboys, die Barflies, die Alltags-Loser in all diesen Fly-Over-States, die dort nicht wegkommen, weil für sie anderswo auch nichts geht. The The liefern die Songversionen für den Rust Belt. Die arbeitslosen Walzwerker brauchen es klanglich härter, als die Lagerfeuertypen von der Ranch, wenn sie zwischen all den Autowracks und Fabrikruinen den Hund ausführen. Absolut gelungenes Konzeptwerk!

Das Album hätte Grammy’s einfahren müssen!

Tja.

Ich hab es erst etwa 10 Jahre später entdeckt, auf Kassette überspielt und diese im Auto bis zum finalen Bandsalat endverbraucht. Die Stimmung passte in mein damaliges Stimmungstal perfekt. Kennst du das? Depri-Musik, die dich weitermachen lässt, weil sie motiviert? Hanky Panky!

Platz 7

7 grapesThe Grapes of Whrat – und ihr Debut von 1991 „These days“. Ja die damaligen Tage wollten erst einmal verkraftet sein! Im neuen Land, das irgendwie auch noch das alte war, neue Möglichkeiten vorgaukelte, um sie gleich wieder zu erschweren. Die Gehälter noch down, die Hoffnungen noch high, aber um einen rum, sammelten schon die ersten von uns Arbeitslosigkeitserfahrungen, die 40 Jahre lang niemand hatte machen müssen. Dauerhafter Unruhestand. Da braucht die Seele Futter! Das DDR-Underground-Fanzine „Messitsch“ lobte die Platte damals als „Crosby Stills, Nash and Bonham!“ Das lockte mich an. Bestellt, gekauft, gehört: Der Vergleich stimmt nicht! Die Bonham Anspielung ist schwer übertrieben gewesen. Eventuell hatte der Rezensent auch gerade gewisse Substanzen getestet, von denen im Heft immer wieder die Rede war. Es handelt sich hier bei den „Früchten des Zorns“ um klassischen Independent Schrammel mit Satzgesang ala CSN oder Byrds – sehr schöne Autobahnmusik, die heute immernoch gefällt.

Platz 6

6 NMAThe New Model Army hat viele sehr ähnlich klingende Alben auf dem Buckel. Justin Sullivan ist so eine Art zweiter Billy Bragg; ein ewiger Streiter für das Gute, ein Punk-Dylan. Mein NMA-Schlüsselerlebnis verbinde ich mit der „Impurity“ (1990), die ich  gleich bei Erscheinen in Weißenfels auf Vinyl kaufte, als ich eigentlich bereits mit Bruderherz gemeinsam auf Autoschau war. Mit dem Trabi konnte man sich ab Sommer’90 kaum noch auf die Autobahn wagen. Bis zur Aufmotorisierung sollte es aber noch ein ganzes Jahr dauern. In der Innenstadt war so eine Abbruchfläche, auf der Schlitzohren „Westwagen“ ausgestellt hatten: Entweder schon erkennbar Schrott oder aber mit für Wende-Ossis utopischen Preisen. Die DDR lag in den letzten Zügen. Die D-Mark war gerade eingeführt worden. Dicht neben dem Ausstellungsgelände hatte sich ein spontaner Gründer gewagt, einen Plattenladen zu eröffnen. Dort trösteten wir uns über unsern nicht erfolgten Autokauf. Ich mit der „Impurity“. 1995 erfolgte dann der Zweitkauf auf CD. Warum? Weils hat sein müssen! Get me out o’here! Out of this trap!

Platz 5

5 jesus andNoch einen schmalen Tick besser, mit einer Briese mehr Ewigkeitscharakter ausgestattet ist diese hier: „Die beste Symbiose aus Lou Reed und Ramones, die sich denken lässt.“ Den Satz aus den Tagen, da Jugendradio DT 64 noch Kult war, hab ich mir gemerkt. Den Namen des Moderators, der ihn sprach, nicht. Jede Donnerstagnacht wurde 1987 bis 1989 dort das „besondere Album“ gespielt, also eine Chance, auf einem sehr gut empfangbaren Sender ein komplettes Westalbum in Stereo zu erbeuten! Und dalief dann eines Tages – „Darklands“; Stagnationsrock der Extraklasse von The Jesus and Mary Chain! Doo-dn-doodup-doo! Ja, wie kann man es anders beschreiben als jener Moderator? Leicht beschleunigter Lou Reed, bzw. doll gebremste Ramones, schmeißen auch ihre Texte zusammen und erzeugen ein düsteres Textfetzengebräu des „Nichts geht mehr!“ … „Ich freu mich, wenn’s regnet!“ … (stehend)“An der Wand“… Doo-dn-doodup- doo! Zeitloser kann Musik nicht sein!

Platz 4

4 palominoesThe Golden Palominos trunken vor Leidenschaft 1991; gefloppt und superbillig verhökert vom Weikersheim-Plattenversand für 1,29 DM, so um 1994 oder 95 herum. So geriet das Vinyl als Beifang nach Bludgeon House, um über irgendeine Bestellwert-Schranke zu kommen; dort auf den Plattenteller und von dort dann nicht mehr runter, bis die Familie zu maulen begann: „Ham’wer nicht noch ne andere LP im Haus?“

Die Palominos gehen zurück auf Anton Fier(drums), einen der vielen Ex-Members von Pere Ubu. Der lud sich nun hier 3 Sänger ein: Bob Mould (Ex-Hüsker Dü) und Michael Stipe (REM) für je einen Song und Amanda Kramer für alle andern dazwischen – und es passt!

Du lebst auf Messers Schneide, alles scheint gut: Die Arbeitslosigkeit ereilt dich nicht, das Gehalt steigt, dein Ansehen im Beruf ist okay, du wirst Hausbesitzer, während um dich rum soviele untergehen! Michael Stipe eröffnet mit „I‘m alive and living now!“ Yeahr, Man yeahr! Nur steht das Haus nicht dort, wo du es hättest haben wollen. Die Rückkehr in die Heimat wäre bei der Wirtschaftslage in Neu-5-Land auf sehr lange Sicht tollkühner Unsinn! Plan A ist also futsch. Sei Preuße nun! Und Bob Mould brüllt: „I‘m dyin‘ from the inside out!“ Während die Gitarren aus den Boxen fallen. Danke Kumpel, danke.

So. Soweit das Vorfeld. Nun die big Names! Tusch für die Spitzenkräfte der vorderen 3 Plätze!

Platz 3

3 mouldBleiben wir bei Bob Mould. Hüsker Dü lernte ich 1988 herum via DT Jugendradio kennen und nicht lieben. Zu lärmig, zu abgedreht, Texte nicht verstehbar – nüschd. Anfang 1990 kaufte ich, um ihn kennenzulernen meinen ersten New Musical Express. Darin eine Lobeshymne auf das soeben erschienene (erstaunlich ruhige) erste Solo-Album des Masterminds von Hüsker Dü: Bob Mould.“Workbook“. Ein Jahr verging und es erschien wiederum hoch gelobt, obwohl stilistisch wieder näher am Stil der ehemaligen Band „Black Sheets of Rain“. Dann kam die Jahresbestenzusammenfassung in die Kioske und erstaunt las ich, dass „Workbook“ Platte des Jahres 1990 und „Black Sheets…“ unter den ersten 10 für 1991 war. Nun war die Neugier doch da: „Workbook“ gekauft, der Eindruck erzwang dann den Kauf der „Black Sheets…“. Die „Workbook“ ist die bessere. Die „Black Sheets…“ ist halt Krawall. Grunge, wenn man so will. Den hat Mould eh schon mit Hüsker Dü erfunden! Fuck Nirvana! Schlag 3 wurde dann „Copperblue“, die er unter dem Bandnamen Sugar herausbrachte. Die ist wieder eher „Workbookig“, melodiös, mit mehreren Wutausbrüchen aufgelockert… usw…usf. Mould ist für mich der intelligentere Johnny Rotten. Bruder im Geiste von Joe Strummer(Clash), musikalisch konsequenter. Auch wenn die „Workbook“ filigraner als die anderen Alben herüberkommt, gilt auch für die: Regler auf und Drööööööööhn!

Platz 2

2 BraggBilly Bragg. Der Punk-Barde mit dem großen Herzen. Die katastrophale englische Schule durchlaufen, desorientiert in die Army gemeldet, in den Falklandkonflikt geraten, die Laufbahn quittiert, die Gitarre umgehängt; die E-Gitarre; und losgerotzt, was das Zeug hält: „Say, Fear is the men’s best friend!“ Ein paar Akkorde reißen und dreckigstes Colkney auf der Zunge – das wars!

„Wearing badges is not enough – on days like these!“

John Peel macht ihn bekannt. LPs folgen. Ruppig und solo die ersten, mit Band ab der dritten: „Red‘ mit dem Finanzamt über Poesie!“ Worauf kommts im Leben an? Überleben – „zwischen den Kriegen“!

2004 ging mir die „Must I paint you a picture“ ins Netz. The essential Billy Bragg. Ich denke, das stimmt. Von den ruppigen Anfängen mit all der Problemfülle des Alltags zu immer mehr musikalischer Vielfalt bei leider abnehmender Textintensität. Die besseren Gleichnisse kommen in den Frühwerken vor. Man wird halt älter. Die Revolutionsraserei ist ausgeschwitzt. — Schöne Fassung von „When will I see you again“ dabei! Three Degrees. Jaja. Billy Bragg hat Geschmack!

Platz 1

1 pere ubuKniefall vor – David Thomas. Pere Ubu. Komischer Name, komische Musik. Auch er hat seit Mitte der 70er nun ein Meer an Veröffentlichungen zu bieten. Nicht alles ist genial. Aber provokant ist er immer. Feuilletons Liebling war er lange. Ohne, dass die viel von dem kapiert hätten, was er so an den Mann/an die Frau bringt. Seine Textfetzen lesen – und als Angebot verstehen, sich seinen eigenen Reim drauf zu machen, lohnt sich. MIR fällt da jede Menge ein!

Ähnlich wie bei The The möchte ich einen Track und ein Album hier besonders würdigen. Der Einzelne Track stammt vom offiziellen LP Debut „The Modern Dance“. Da gibt es den 7Minüter „sentimental journey“. Wer nun an den Swing Orchester Klassiker denkt, hat schon verloren, denn es erklingen Störgeräusche und das Klirren zerberstender Flaschen. Vielleicht ist es auch ein Fernsehbildschirm oder ein Fenster, denn eine wütende, hörbar besoffene, Stimme lallt: It‘s a house…. (Klirr)….It‘s a rock…. Psahw!….(klirr)… or a TV….(Klirr)…A window…. Zum Schluss fegt ein Besen den Dreck zusammen. Da zerlegt einer seine Bude, weil es auf nichts mehr ankommt! Klasse!

Inspirierend für die Einstürzenden Neubauten, die Genialen Dilettanten Westberlins, den Expander des Fortschritts (Ostberlin), Depeche Mode…

Wut…Frust …Selbstmitleid – als Kurzhörspiel. Und gleich hinterher gibt’s die genölte Aufforderung „Humor me!“ Ja, das versuch mal. Das ist so der typische Ubu Sarkasmus. I like it!

Die Platte, die ich hier schonmal gepriesen habe, ist die 2002er CD „ST Arkansas“. Meiner Meinung nach die geschlossenste und neben „Cloudland“ (1988) am leichtesten konsumierbare seines Schaffens. Worum es IHM mit den Songs geht, kann ich nur raten, worum es MIR geht, wenn ich die Platte höre, hat ganz viel mit dem wunderbaren Film „Nebraska“ zu tun.  Ich sah 2014 zuerst den Film und kaufte wenige Tage später dieses Ubu-Album – und warum sich das so perfekt ergänzt, das ist mal später einen eigenen Post wert. Nur soviel: Von Song zu Song steigst du hier tiefer in die Frage ein: Was macht ein erfülltes Leben aus? Immer seine Pflicht zu tun? Ist Chancen verstreichen lassen tapfer – oder doof? Soll man sich aufopfern – um schließlich in den Arsch getreten zu werden? Sollte man selber treten?

Die Platte beginnt im alten Pere Ubu Stil krawallig und verschreckt somit sicher den ein oder anderen Interessenten. Ab Track Zwo wird sie episch. Musikalisch gefällig, weil die Texte genug Sprengstoff intus haben. Eine Platte, die mitwächst, mit deiner Lebenserfahrung.

Soweit meine 10 Lieblinge. Knapp die 10er-Gruppe verfehlt haben die Pixies, die Replacements und die Walkabouts. Auch die Friends of Dean Martinez will ich noch lobend erwähnen. Waren sowas wie die Ventures für die 90er. Sie alle hatten ihre gute Zeit ein oder zwei CDs lang, bevor die Selbstplagiate kamen. Ihre Musik klingt noch ansprechend, aber erzeugt heute bei mir keine Bilder mehr. Es ist, als sei der Zauber verflogen, der sie einst umgab.

Andere wiederum, wie z.B. Henry Rollins, Helmet, Bongwater bräuchte ich heute gar nicht mehr.

Überzählig – the descent

Bob Mould „the descent“ 2012

Dt. Version: Bludgeon 2021

Das herrliche Video treibt mich gute 2 Jahre um. Hab mir die CD erst jetzt zugelegt. Weil sie jetzt in die Zeit passt. In MEINE Zeit.

Er hats gewusst

2002. Er hats gewusst.

Gibt so Umwälzungen privater Natur, die lassen plötzlich die Weltpolitik klein und hässlich „behind“.

Nix zu Kabul, da kann man eh nur Scholl-Latour nacherzählen und selbst dessen Bestseller haben nichts verhindern können.

Dann die Wahl von neulich. Halt – die war ja erst gestern!

„Steht ein Veganer in der Fleischerei, hat Hunger, aber nur totes Fleisch um sich…“

ja, plötzlich lässt sich sowas ganz kurz abhandeln.

Good Old Bob zerhämmerte mir mit „Workbook“ und „Black sheets of rain“ damals in den ganz frühen 90ern upcoming Nachwendeblues in den ersten „westdeutschen“ Dienstjahren – und nu verschönert er mir den Schluss mit diesem Hammeralbum „Silverage“. Da schließt sich ein Kreis – aufs feinste. Blow it away, Bob!

Ich lief einst los so blöd naiv für ein bissel Traum und Wunder

Anfangs warn noch Blum‘ im Haar, das würde ich heut nicht mehr woll‘n

Das Leben gab mir manche rein, jedoch ich ging nicht unter

Volksaufklärer gabs zu hauf, nur fehlte Lust Tribut zu zollen.

Ich/ glaub/te dir /dein „ach das wird schon“ damals nicht die Bohne

Jedoch sahst du, dein Gift, das wirkt‘ allmählich

Du/ bist/ nun/ auf/ und davon – und ich bin überzählig

Phrasen kamen pünktlich rein
mussten nur verkündet wer’n
ich schlug Haken Tag und Nacht
konnt‘ mich ja nicht mal beschwern

Ich/ glau/ bte/ dir/dein „das wird schon“ nichteinmal

Doch du kamst an – und das war für mich normal

du kannst es sehn in meinen Au‘ng
interpretier mein‘ grauen Bart
ich denke schon, man sieht mir an

der Marathon war ziemlich hart.

Hier/ kommt/der/Sinn, – den ich dir um die Ohren hau:

Du/ weißt/ge-/ nau – was ich mir zu sagen trau:

Meine Spanne is nu um, ich sitze hier in Ruhe rum

Hab manchen Götzen angepisst, werd‘ deshalb nicht sehr vermisst

Ich bin weg und das Salär wird schmählich

Pfeif drauf, ich bin halt überzählig.

Zeit ist um, sind andre dran, auf meine Sicht kommts nicht mehr an!

Nee, darauf kommt’s nu nich‘ mehr aaaaaannnnn!

Ich gewöhne mich allmählich –

Gottlob bin ich nu überzähliiiiiiiiiiiig.

Uns’re Besten (Epilog)

So Opa. Wunschgemäß der dritte Törn.

Yep. Am besten du sabbelst nicht dazwischen, ich laber‘ das herunter, dann sind wir schneller fertig.

Hm. Wie du meinst.

Nich einschnappen. Ich muss bloß zuviel Kontext erklärn, sonst verstehen ja alle die, für die das Thema Neuland is‘ Bahnhof. „Was für ein kurioses Zeuch?! Und das findet der gut?!“ Das will ich vermeiden.

MEISTERWERKE  –  Die  die  Wende  möglich  machte

So nu simmer nach 1990 angekommen. Da dachte ich, dass ein paar kulturpolit-Schäden der Vorwendezeit ausgebessert werden würden. Im Interregnum 1990, als die DDR bereits im Hospiz lag, erschienen tatsächlich schnell mal vorher nicht für Klassenstandpunkt kompatibel befundene Alben: Eine Debut-LP von Sandow, eine von den Skeptikern und die 1982 fertig produzierte, aber in letzter Sekunde doch noch verbotene „Paule Panke“ von Pankow.

Gundermann, Keimzeit und Rammstein machten Karriere.

Mich freute es und ich glaubte, das würde so weitergehen. Aber –

Es wurde viel vertan:

Wie wär’s, mal die 74er Renft-LP unzensiert herauszubringen?

Oder auf der Debutplatte die ungekürzte 10 Minutenversion von „Zwischen Liebe und Zorn“ zu ergänzen?

Verboten wurden Renft 1975 anlässlich der Präsentation ihrer 3. LP, die dann niemals erschien, warum erschien die seither nicht?

Warum erschienen zwei lustlos zusammengehauene Renftsampler mit akustisch katastrophalem Demokram ohne Nachbearbeitung? Die Texte wären es wert gewesen!

Wo blieben LPs von Bürkholz-Formation, Zwei Wege, Simpel-Song (Frühwerk), FoJa’s „Kerouac-Projekt“, Tramperhymnen von Löwenzahn, Wandersmann, Wind-Sand-und Sterne, und-und-und?

Leerzeichen all over. Dies alles geschah nicht.

Wie wir alle wissen, die es damals erlebt haben, war das Ossivolk in Bezug auf die Ostbands ein treuloses: Gute 5 Jahre nach der Wende spielten die ehemaligen Paradiesvögel vor leeren Rängen. Erst ab ca 1995 schlug die Stimmung wieder um. Nun wurde doch dem ein oder anderen Deppen bewusst, dass er da SEINE EIGENE Geschichte verdrängt, wenn er meint, Pankow, Rockhaus, Stern Combo vergessen zu können.

Außerdem war mal vor einiger Zeit ein interessanter Essay im Netz zu lesen, der Klartext beschrieb, wie sehr der Ostdeutsche Rundfunk unter West-Kuratel gestellt war und außer Puhdys, Karat und Ute Freudenberg kategorisch gar nichts von den alten Ostbands spielen durfte. Wegen ehemaliger „Systemnähe“. Das entschieden durchweg Westintendanten. Welcome in Neil Youngs free world!

Der meinte das auch zynisch! Das ist KEIN Jubelsong!

Aber Radio Rockland und Dieter Birr sei Dank, dass es nicht so blieb. Der Privatsender Radio Rockland (Sachsen Anhalt) gründete sich in den 90ern und lud Dieter Birr als Promi ein, zwei Stunden lang eine Sendung zu gestalten. Der kam und spielte alle seine Kollegen. Also quasi „Verbotenes Zeug“. Und dann ertrank der Sender in Zuschriften: Mehr davon! MEHR DAVON!

Buschfunk, Löwenzahn, Sehzehnzehn, und endlich auch die BMG, bei der der Löwenanteil des Amiga-Erbes nach mehrfachem Herumgeschleudere gelandet war, ließen nun CDs pressen. Buschfunk förderte auch Bands, die vor 89 chancenlos waren, Platten machen zu dürfen. Sechzehnzehn veröffentlichte vorallem vergessenes Frühwerk etablierter Bands aus Hallo-Sampler-Tagen. Die BMG begann alte Band-LPs auf CD herauszubringen, schmiss den Markt aber vor allem mit einer Flut stümperhafter Kompilationen a la „Das (angeblich) Beste aus der DDR“ zu.

Viele der Sampler und Themenreihen taugen leider nichts, weil man hier (westdeutsch übersetzt) allzuoft Max Giesinger mit den Scorpions und Doldinger zusammen warf. Aber die eine oder andere Perle ließ sich finden, so „right out of the dirt“.

Hier nu meine 5 Favoriten. Nuggets from the Past.

Platz 5:

4 PS4 PS „Blues für ein Mädchen“; da merkste schon die bescheuerte Namensgebung der Macher!

4 PS „Alle Zweigroschenlieder“ oder „Die Nachtigall-Sessions“ oder „Das Erbe der Märchenfee“ wären Titel gewesen, die ebenfalls auf ihre Hits Bezug nehmen und intelligenter geklungen hätten.

Egal. Es is‘ne gute CD, die die Nuggets des einen Jahres 4 PS Existenz enthält, die AMIGA vor der Wende keine LP wert waren. Eine der vielen Blödheiten damals. 4 PS – das war die Franz-Bartsch-Band, die die Vroni Fischer begleitete. Die hatten sich nach der 2. LP mit ihrer Frontfrau überworfen und traten nun ohne sie auf. Die Fischer brachte zeitgleich ihre 3. LP mit lauter Newcomern heraus und ließ sich ihre Songs von Thomas Natschinski schreiben. Bartsch erntete viel Lob, das „Zweigroschenlied“ viele Preise, die anderen Songs viel Airplay und gute Mittelfeldplätze in den „Wertungssendungen“.

Obendrein wurden die seltenen 4 PS Konzerte sehr in den Himmel gelobt, für lange Improvisationen in Fusion-Manier. Wo bleiben Live-Mitschnitte von sowas?

4 PS, das sei die Supergruppe der DDR, so eine Art Toto, weil die Musiker allein oder zusammen auf allen möglichen Schlagerplatten aushalfen. Sie seien die Lokomitiv GT der DDR, weil alle 4 gleichrangig nebeneinander stünden.

Ihre Texte kreuzbrav, ohne Widerhaken, (mancher knapp am Fremdschämen vorbei) aber die Musik eben schöööööööön!

Nach einem knappen Jahr – Aussöhnung mit Vroni. Die 4. LP „Goldene Brücken“ entstand 1979. Ein Longtrack unter dem Namen 4 PS wurde parallel noch veröffentlicht, „Träume wie Segel“ 1980, dann war wegen Westflucht – Finis. Aus der nicht abgehauenen Rest-Band wurde Pankow mit eigener Erfolgsgeschichte.

Platz 4

das debutStern Combo Meißen (1995). Das eigentliche Debut. Ein Konzertmitschnitt von 1976. Abgesehen von Silly’s „Zwischen unbefahrenen Gleisen“ der einzige Fall des nachträglichen Veröffentlichens einer ehemals „verbotenen“ Platte. Die Band war mit ihrem Debut (der ersten live-Platte der DDR) angekündigt gewesen für 1977. Man wartete vergebens. Dann erschien 1978 etwas, was zwar live war, aber ihren großen Hit „Finlandia“ nicht enthielt. Medial waren sie für dieses Werk schon reichlich gepriesen worden, aber dann war Biermann vor. Die Adaption enthielt einen gesungenen 4 Zeiler am Schluss, in dem das Wörtchen „frei“ vorkam. Und Anfang 77 lief immernoch das Biermann-Beben in der Ehemaligen. Und wenn man so ein Wort verbietet, dann denken die Leute auch gleich nicht mehr dran … Kommt dir das 2021 bekannt vor? 1995 erschien nun das richtige Konzert von damals mit „Finlandia“, mit „Wenn ich träume“, mit der Adaption der „Rhapsody in blue“ … Damit hat die Band eine „48“, die sie betraf, ausgeräumt. Ein herrlicher Livemitschnitt. Eine Band auf ihrem Zenit.

Platz 3

LackyReinhard Lakomy „Das Beste“. Eine zeitlang auch unter dem Namen „Die Immerwiederlieder“. (Aber eventuell war letzteres auch eine Neueinspielung.)

Mitte der 70er Jahre hatte Lakomy ein eigenes Ensemble mit Band und Kreischweibern. Er war also sowas wie der Les Humphreys, Reinhard Mey und (stimmtechnisch) Joe Cocker der Ehemaligen. Außerdem war er ein stures Unikum. Ein gestandener Jazzpianist, der sich seine Sporen bei Klaus Lenz verdient hatte, und ein einfallsreicher Arrangeur, was all die musikalischen Widerhaken betraf, die viele seiner Lieder auszeichneten. In den 80ern wurde er dann noch der Edgar Froese oder Klaus Schulze der DDR, indem er gesanglich verstummte, aber interessante elektronische Musik erzeugte. Um die geht’s hier aber nicht.

Zu Ensemble-Zeiten hatte er viele Erfolge, denn er war mit Fred Gertz eine Symbiose eingegangen, die fast Züge einer Therapie gehabt haben muss: Er beichtete bei Gertz sein Leben und Gertz machte daraus Songtexte. Ergebnis: Alles kam so echt rüber, wie selbst geschrieben.

Aber er machte daraus leider Scheiß-LPs, weil er auf allen dreien „die Lütte“ singen ließ. Angelika Mann war eine von den 3 Backgroundlerchen und, wie es heißt, die Janis Joplin des Ostens. Was sie aber auf den LPs da singen musste, das waren – extrem weit weg von Janis – immer die Graupen der Platte. Ihr Ruf passte überhaupt nicht zu diesem üblen Schlagerkram. Somit war keine LP-Seite genießbar. Auch gab es unter Lackys eigenen Liedern Billigware, die es zurecht nicht auf die großen Erfolge geschafft haben.

Zwar hatte es 1978 bereits eine LP „Die großen Erfolge“ bei Amiga gegeben, aber diese hier bietet eine deutlich bessere, ergänzte Zusammenstellung der wirklich erhaltenswerten, brauchbaren Teile. Mehr als die braucht man aus jener Phase nicht. Der hier nicht enthaltene Rest kann nur enttäuschen.

Platz 2

die KultsongsRenft. „Zwischen Liebe und Zorn“(1995). Irgendwer, vermutlich nicht die immer zankende Band selber, brachte es fertig, die brisanten Songs und ein paar Hits auf eine CD zu kompilieren, die somit auch komplett durchhörbar ist. Obwohl: Von „Sonne wie ein Clown“ gibt es hier eine Liveversion von 1975, die zwar eine brisante Ansage einschließt, aber ziemlich unausgereift, rumplig klingt. Die Pannach&Kunert Version der ersten West-LP ist deutlich schöner.

Aber: Hier gibt es Liebe und Zorn, Ottoballade, Glaubensfragen – und – jene wunderschöne Helpless-Coverversion mit deutschen Text, die man bisher höchstens aus dem Renftfilm „Saitensprünge“ kennen konnte, und wer hat den schon gesehen?! Wie sich später erst zeigen sollte, gab es noch weiteres Material, aber der Inhaber, vermutlich Klaus, hatte immer noch nicht begriffen, wie man das hätte vermarkten können.

Platz 1

wind sand und sterneEin großer Unbekannter: Stefan Gerlach un Waaggefährten – Wind Sand und Sterne (1995);

Die Kunden- und Tramperszene der Ehemaligen, die Vogtland-Blueser kannten und kennen ihn. Eine Aarzgebirg-Institution. Der Neil Yong der „Südstaaten“. Gerlach tourte mit seiner Truppe „Wind Sand und Sterne“, wie mindestens ein Dutzend andere Bands zwischen Dresden und Wasungen/Thüringen hin und her, vorwiegend im Raum Ebersbrunn – Zwickau. Ohne je im Radio gewesen zu sein, ohne „Einstufung“, deshalb ohne Platte. Es heißt, er habe zu Ostzeiten hochdeutsch gesungen. Nach der Wende dachte er sich in Erinnerung an Anton Günther, den Erzgebirg-Barden der 20er und 30er Jahre: „Was Bap können, gannich a!“ und vererzgebirgte seine alten Lieder genauso, wie seine neuen.

Ein Zufallsfund beim großen Anbieterkraken: Eine Nachwende-Debut-LP; dank Löwenzahn-Label möglich geworden. Die Stimme im ersten Moment gewöhnungsbedürftig, aber das ist die vom Onkel Neil ja auch. Hörenswert! Die hausgemachten Byrds- bzw. Neil Young-Klänge und diese Volltreffer ins Lebensgefühl meiner Generation. Gänsehaut.

Wenn du Ossi bist: Mix was aus den Fünfen und du kriegst Heimatgefühle par excellence.

Wir alten Säcke meinen die Heimat – nicht den Staat!

Es is okay su in sanner Spur.

Uns’re Besten (II)

Na, da biste ja wieder. Komm rinn. Konnste Furore machen mit Opawissen?

Eher nicht. Musikgeschichte scheint megaout zu sein. Und Osteuropa ist eh nicht L.A.

Kann ich mir denken. Ist mir oft genug genauso gegangen. Du wolltest senden, ich wollte hier und da in Gesprächen mal was anbringen, aber – plötzlich biste der Inka, der Pizarro die Knotenschrift erklären will.

Schönes Bild. Aber wieso „der“ Inka? DIE heißt doch Bause! – Scherz! — Reg dich nicht auf! Mich interessiert so alter Kram ja.

Kunststück. Kommst ja nach mir. Das ist Natur.

Wollen wir loslegen?

Eine Frage noch: Ich hab ein bissel ausprobiert und zugehört und begreifen wollen – aber diese Sillynummer da von den Gleisen – Ich raff‘s nicht, wie man da auf deinen Todesstreifen und so kommen soll! Die Zeilen sind doch bloß harmlose Zoologie, so scheint mir.

Naja, das ist eben die hohe Schule des Conterbande Findens, wiedes nur in der Diktatur erlernst. Das mit den Schienen im Todesstreifen hat Tamara Danz im Interview nach der Wende erzählt, da wäre ich als Provinzler auch nicht drauf gekommen, aber: Es geht eindeutig um Schienen, die irgendwo herumliegen und verunkrauten. Kröten und Bodenbrüter haben dort ihre Ruhe, weil sie nicht genutzt werden: Da liegt näher, das als Bild für sozialistische Reformideen zu nehmen, die schon erdacht wurden, aber nicht verwendet werden (dürfen). Bahro zum Beispiel und seine „Alternative“ von 1975, die ihn nach Bautzen brachte. Oder all die gemaßregelten Autoren und Künstler. 1979 schmissen se gleich 9 Mann aus dem Schriftstellerverband, wegen „Abweichlertums“. Und das war 1984 eben erst 5 Jahre her. Wie gesagt: Viele glaubten damals an die Reformierbarkeit, wenn bloß die alten Holzköpfe abgesägt würden. Interessant ist auch, welchen Text Werner Karma dafür ersetzt hat: „Berliner Frühling“ ….. „Gullis werden leer gemacht, vom Geröll der Winterschlacht“ …. Stillstand. So war es 1950 und so war es 1984 und so wird es 1999 immernoch sein. Und immernoch die klassenkämpferische Übertreibung der Arbeit als „Schlacht“. Wo sich gar nichts tut, da ist dann eben das Wetter der Feind. Nur „der Alte Fritz von Preußen reitet auf der Stelle los“. Nichts bewegt sich. Stagnation. Eigentlich hat er die Aussage zugespitzt und die großen alten Inquisitoren waren es trotzdem zufrieden, da er sich ja „änderungswillig“ und „einsichtsvoll“ gezeigt hat.

Geil. Intelligentes Bonzenverarsching irgendwie.

Genau. Fangen wir jetzt an? Ich hab meine Liste für die Plätze 6 bis 10 nochmal überarbeitet.

Okay. Einverstanden.

PERFEKTE  ALBEN  DER  MAUERJAHRE    PLATZ  6-10

Also Platz 6: Nochmal Ungarn: Skorpio. Die haben mit „Kelj fel!“ ein absolut perfektes Album hingelegt. Mit dem Vorgänger „Ünnepnap“ eigentlich auch schon, aber nach nochmaligem leichten Stilwandel, lagen sie mit der „Kelj fel!“ gaaaanz weit vorne. Der Chef von denen ist der ehemalige Bassist von Lokomotiv GT, und wenn Basser Chefs sind, dann kommt der auch zur Geltung. Also Bass, Orgel, Bach-Trompete (vermutlich aus dem Synthesizer) aber macht nichts. Wäre ich Radiomoderator, würde ich mir aus dieser LP die Jingles basteln. „Durschd el migreb durschd elmigreb maaaar! Durschd! Oh! Durschd! Oh! Durschd! Durschd Elmaaaaaarr!“ So geh ich immer zum Kühlschrank. Seit Jahrzehnten!

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Onkel E. hat schon gefragt, ob du mir schon „Kelj fel!“ aufs Auge gedrückt hättest und dabei die Augen verleiert.

Klar. Kann ich mir denken. Unfreiwilliger Soundtrack seiner Grundschulzeit. Er spielt in seinem Zimmer mit irgendeinem seiner Kumpels und während seine Indianer zur Schlacht reiten, dröhnts durch die Zwischentür: „Kelj fel! … Wahuwahu ember! Manna-nana-mana-ma!“

Platz 7?

Nochmal Ungarn. Die grade erwähnten Lokomotiv GT. Kenne von denen 5 Alben, 3 perfekte, ein gutes und ein langweiliges. Aber eigentlich ist das die vielseitigste Ungarnband der 70er und 80er gewesen. Gabor Presser hat mit Kobor in den 60ern Omega gegründet. Aber schon nach der ersten Beatlesmäßigen LP war Zank, weil die Band straighter und härter werden wollte, aber Presser eher so der experimentellere Bursche war. Also gründete er Lokomotiv GT als Progband um 70 herum. Omega kamen erst mit LP Nr.7 im Prog an.Loksi

Die interessanteste LGT-Platte ist die 81er „Loksi“, die hab ich seit‘ 82. In Vinyl ein Doppelalbum, aber kurz wie Zappa seine. So passt alles im CD-Zeitalter auf eine Scheibe. Und die hab ich in den Nullerjahren ergattern können. 4 Plattenseiten, 4 Stile, aber alles trotzdem aus einem Guss. Alle 4 Bandmitglieder gleichrangige Künstler, aber auch hier will ich mal, wie bei SBB neulich die Aufmerksamkeit auf den Drummer lenken: kein Tschak-Bumm-Tschak-Bumm, sondern so: „Heute bissel Ginger (Baker) “, weilchen später: „Oder doch‘ne Prise John Hiseman?“; „Ach mach’mer mal den Billy Cobham dazu!“ DER kann alles!

Erste Seite hypnotisch psychedelisch: Ich bin die ersten Male immer eingeschlafen! Nicht aus Langerweile, sondern, weil da irgendwie melodisches Valium enthalten sein muss. Das ist richtig schöen Musik für’s Schlaflabor! Die 2. Plattenseite enthält dann die Popsongs des Albums für’s Radio, die haben aber alle so ihre Widerhaken. Hab dabei früher immer so bissel an die guten Songs der Talking Heads denken müssen. 3.Seite war die rauhere, rockigere, aber auch die kürzeste, deshalb haben die da am Schluss schon so einen hymnisch pathetischen Song angehängt, der klingt, wie die ganze 4. Seite. Wenn nun alles auf einer CD hintereinander abläuft, musst du das Valium der ersten 3 Songs überstehen – und dann entrollt sich ein Stil-Fest, der Extraklasse. Und die bombastische Schlusssequenz ist länger, weil du zwischen Seite 3 und 4 ja nu nicht mehr aufstehen musst, um die Platte umzudrehen. Die ist all die Jahre richtig schön geblieben!

Okay. Noch mehr Ungarn?

Langweilig? Was man zwischen 15 und 25 kennenlernt, das wird man nicht los! Das kommt immer wieder. In Wellen! Wo simmer?

Platz 8 müsste kommen.

Okay.

Engerling „So oder so“, Frühjahr 1989. Herrliches Tiefsinnalbum. Auf CD ne Rarität. Zwar in der Gesamtwerkiste enthalten, aber einzeln nicht zu kriegen. Hab also auch nur das Vinyl von damals. Die hab ich gleichzeitig mit Pankows „Aufruhr in den Augen“ gekauft, aber wesentlich häufiger gespielt, weil die „Aufruhr…“ dann doch eher enttäuschte. Pankows LPs haben den Langzeitatem dann doch nicht. Das wirkte alles live 10x besser! Deshalb machen Engerling das Rennen: Kein Skipkandidat nirgends, aber vor allem mit „die 48“ ein wirklich genialer Ohrfeigentrack für die Kulturpolitik der Zeit damals:

Ein alter Mann sucht in einer Straße die Hausnummer 48, die es nicht zu geben scheint. Aber die 49 auf der andern Seite ist da. Die DDR sorgte selbst immer wieder für Lücken in ihrer Kulturgeschichte, weil es da Kunstwerke gab, die gepriesen wurden und wenig später waren sie „verboten“, also eher totgeschwiegen. Keiner sollte mehr davon sprechen, dass es da mal erfolgreiche Filme von Manne Krug gab, oder Bücher von Stefan Heym, oder DIE große Konkurrenzband zu den Puhdys – RENFT! Lauter „48en“. Selbst wenn alle andern Songs Gülle wären, würde ich diese LP DESHALB verehren! Und Wolfgang Bodag textet auch noch selbst! Da hatten keine Demmler, Karma, Steineckert ihre Pfoten drin! Nix Einheitstexter oder so.

Engerling sind heute die stets und ständige Begleitband von Mitch Ryder, wenn er in Deutschland ist. Egal. Top Album „So oder so“, wie der Name schon sagt. Including „die 48“ und „Narkoseblues“!

Engerling sind’ne Bluesband?

Eigentlich ja. Aber sie wurden immer rockiger. Mit diesem DDR-Blues-Revival, das in den 80ern propagandistisch hochgejazzt wurde, hab ich sonst nix am Hut. Die meisten Bluesbands waren mir zu langweilig. Du-du-du-dupmdupmdup…

„Als ich erwachte, diesen Morgen – hat mir einer meinen Hund erschossen. Ja als ich erwachte diesen Morgen hat mir einer meinen Hund erschossen! Ja da hab ich mir gleich – den nächsten Gin eingegossen…“ Abwink.

Das is‘ wie so’n Pawlowscher Reflex der Allgemeinheit: Wennste mitredn will’s, musste so tun, als ob de of Blues stehn duhsd! … (Abwink.)

Wenn zu viele dasselbe sagen, bin ich immer schon weg. Lass mich blues in Ruhe.

Platz 9?

City „Casablanca“ 1987. Wer die hört und die unerhörten Provokationen nicht mitbekommt, die diese Platte hat, dem ist nicht zu helfen.

„Im halben Land mit der geteilten Stadt ist man halt zufrieden mit dem was man hat.“ Bring so einen Satz durch die Zensur!

Die hatten in den 70ern nur „am Fenster“ und einen Haufen Stuss. Niemand unter den Musicjunkies nahm die ernst. In den 80ern ging ein Ruck durch die Band. Plötzlich hatten die so New Wave Einflüsse und (Klar-)Texte, die weder von Demmler noch von Karma waren. Die „Casablanca“ ist in Gänze ein Dissidentenfest! Sie gefiel mir seinerzeit besser als die zeitgleich erschienene „Bataillon d’amour“ von Silly. „Pefferminzhimmel“ ist die Text-Idee von „Life on Mars“ von Bowie in gänzlich anderer Musik! An der Platte kann man sich einen Wolf entdecken!

Okay, Platz 10?

Der ist aus der Rubrik: Records we love, from Bands we hate! Es gibt ja manchmal so lebenslange Abneigungen gegen jemanden, der dämliche Interviews gibt, oder mit Fremdschämnummern seine  eigenen -eigentlich im Ansatz guten- Platten versaut usw. Und sowas hab ich auch in meiner Liste.

Ich muss ein bissel ausholen. Ich war 1980 Spießschreiber in einer Kompanie des MSR 29 und versuchte meine 18 Monate da irgendwie abzubüßen ohne Amok und/oder Suizid und vor allem ohne Schwedt*! Da konntest du aus purer Willkür deiner alkoholisierten Vorgesetzten einfach so hinkommen, ohne selber was Ernsthaftes auf dem Kerbholz zu haben. Heikle Scheiße!

Sollte ich dermaleinst in Demenz verfallen und in allerdümmlichster Ostalgie verenden wollen, dann ruf nur: Prora! Das reicht! Das rückt die DDR-Erinnerungen wieder grade!

Und da steh ich im Frühsommer morgens alleine in der Spießbude. Mein Staber sitzt gerade beim Kompanie-Chef Ausnüchterungskaffee saufen. Ich hab mein Morgenpensum hinter mir: Essenstärke melden, tägliche Stärkemeldung auch, gucke also aus’m Spießbudenfenster über den Farnstreifen des Außenrevieres auf die Ostsee, Sonne scheint, Spießradio plärrt Ostseewelle Rostock. Da kommt dieses Lied. …geh auf goldnen Brücken hoch über der Staaaaadt….

Ich war im obersten Stockwerk des Klotzes, die Sonne schien, ich war Zwischenhund, ungefähr 7 Monate rum, gut eingearbeitet durch meinen Vorgänger, ich wusste wie der Hase läuft, ich musste nicht mehr vom fahrenden SPW springen, oder unter Gasmaske herumrennen… kein asozialer Capo konnte mich mehr über die Sturmbahn schleifen, denn ich war der Herr über die Paketausgabe und die Urlaubsgesuche … da hätte schnell mal was verschwinden können! Ich fühlte mich für den Moment einigermaßen sicher. Und dieser Song da unterstrich dieses Gefühl: Guten Tag, gute Nacht, was hast du heut gemacht und vollbraaaaacht….

Aber das war – eben leider Vroni Fischer. Und die mochte ich nun mal nicht. Da war so was „von oben Gewolltes“ an ihrem Erfolg. Die hatte ganz erbärmliche Stücke im Radio laufen, aber haufenweise Preise! „Klavier im Fluss“, „Schüchtermann“ „Sie saßen auf dem Standesamt und sollten sagen ihr Ja/ja verdammt“usw. … aber überall hieß es, dass das die Rocklady Nr. 1 sei! (Kunststück, wenn man nur eine fördert.)

Fischer-Band

Klar, gabs da auch mal sowas wie „Weihnacht(wieder zuhaus)“ oder die „Schneeflocke“, aber der Müll überwog. Bis auf LP Nr. 4 eben. „Goldenen Brücken“. Da sind diese Schlager-Diva-Kapricen nicht zu spüren. Das ist eben ohne wenn und aber eine hervorragende LP ohne Skipkandidaten. Es ist so ein privater Wohlfühl-Songzyklus mit Intro und Outro und ein bissel Nachdenklichkeit: „Niemals mehr zurück“ ist den beiden toten Kollegen von Lift gewidmet. „Kinder des Sonntags“ kritisiert ganz zaghaft ein wenig die sonntägliche Kinderdressur, im kratzigen Outfit zwischen Mama und Papa eingezwängt spazierengehn zu müssen, naja. Sie hatte Franz Bartsch in der Band. Der komponierte für jedermann; für viele Schlagerfuzzies und für seine (leider) kurzlebige Band 4 PS. Musikalisch hatte der es voll drauf. Textlich wollten weder er noch sie irgendwo anecken. Witzigerweise hauten beide kurz nach der LP in den Westen ab. Die Platte hat außer dem Goldenen Brücken Moment in der Spießbude auch noch „Insel im Norden“ zu bieten. Urlaubsfeeling – um sich die Insel durch die NVA-Erfahrungen nicht vermachen zu lassen. Aber das dauerte. Nachdem ich Ende der 90er meinen Frieden mit Rügen gemacht hab, kaufte ich sogar die CD nach und siehe, die kam seither OFT zum Einsatz.

Ende. 10 Stück sind durch. Und wo waren jetzt Renft?

Die sind ne Göttertruppe, aber ihre beiden Amiga-Alben von vor der Wende sind in meinen Ohren keine perfekten Alben. „Hinten an der Tür“ und „Witz“ braucht man doch eher nicht mehr. Und auf der zweiten LP waren die „Weggefährten“ schon immer ein Top-Skip-Kandidat und das „Wiegenlied“ an falscher Stelle, dank Zensur, hat eben auch auf Seite 1 Schaden gemacht. Lass noch einen Nachtrag machen. „Uns’re Besten – nach der Wende“, da kämen dann auch Renft ganz gut unter.

* Schwedt = allseits gefürchtetes Militärgefängnis;

Uns’re Besten (I)

So, werden wir mal wieder musikalisch.

In letzter Zeit hab ich so Youtube-DJs gelauscht, die ihre Lieblingsplatten vorstellen – oder auch mal ihre 10 LPs, die sie nie wieder hören wollen – usw.

Da steckt manch interessantes Detail drin. Aber es fällt auf, dass es nie um Texte geht:

„Album XY, great stuff! The faster tracks real heavy, and the Ballads not boring! Love it to death!“

Deutsche Vertreter fehlen bisher.

Ich hab mir mal überlegt, wen ich aus meiner Ossi-Vergangenheit abfeiern würde, wegen eines PERFECT ALBUMS, das wert wäre, doch noch entdeckt zu werden, weil man es immernoch von vorn bis hinten durchhören kann, ohne zu skippen. Is‘ wie’ne Inventur im Kopp.

Selbstgespräch mit (nicht vorhandenem) Enkel in „the Land called fantasy“:

„Opa, warum hast du alle die CDs und Platten noch?“

Ach weißt du: Früher haben die Opas Orden, Packtaschen und Lineolsoldaten aufbewahrt, weil sie den Krieg erlebt haben; und ich bewahre die ganze Musik regalweise auf, weil ich in der Zeit jung war, als Musik der große Leitkult für Youngsters war. Damals im Kalten Krieg. Die große Zeit des Rock& Roll! Analogzeiten. Ohne das ganze Bildschirmgedöns von heute. Keine Playstation, „Zocken“ meinte damals noch Kartenspielen, kein Netflix… Nur ganz wenige Leute hatten ein Telefon, so wie das, was oben auf dem Boden noch in der Spielkiste ist, mit dem ihr früher hier immer gespielt habt. Weißte noch: „Hallo? Frau Puppendoktor Pille? Mein Teddy hat toxischen Scharlach…“

Als der Opa jung war, da stand die Mauer noch. Und weil es kaum Konzerte von Rockbands gab und die berühmten Superstars eh nicht in die „Dschie-Die-Ahr“ kamen, musste eben was anderes her.

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Und da ging der Opa damals gerne in die Wenzelskirche zum Orgelkonzert. Die Frau Greulich war die Organistin und die spielte da lauter klassische Orgelwerke, Bach, Buxtehude, Reger, all that stuff … aber euer junger Opa damals, der träumte sich die Deep-Purple-Gitarre dazu oder die YES-Musik ringsrum. Kennste ja, womit Opa die Oma heute noch nervt. Das war so Fantasy-Sound, bei dem du das Einhorn durch das Buchholz jagen siehst oder bei dem dein zahmer Bär deinen Feinden die Knochen bricht. Und wenn die dann alle tot sind, dann fühlst du dich, wie „in the heart of the sunrise“… Aber auf die CDs musste Opa noch lange warten. Also machte er sich auf die Suche nach etwas, das so ähnlich klang:

Und dann entdeckte Opa eine Band aus Polen, die hießen SBB, (Seek, Break, Built = suchen, abreißen, neubauen) und die machten eine Musik, die dem ziemlich gut entsprach. Große Mellotroneinsätze, wenig Gesang, aber pathetisch aufgeladen, leidend, erhebend, befreiend!

SBBDas war schon was! Manchmal legte ich die Platte auf und hörte nur auf das Schlagzeug! Das klang so interessant! Wie Ritters Schwertstreiche im Kampf um die Rudelsburg!

Die Platte bestand nur aus 3 Tracks, wie bei YES die „close to the edge“, da war also Zeit Melodiebögen zu entwickeln und die eigene Phantasie auf die Reise zu schicken. Die hört Opa heute noch gerne.

„Immernoch als alter Muss-Preuße und Heimwehritter von der Rudelsburg?“

Hm. Auch. Aber mit der Zeit kam noch was hinzu, was einen mit den Jahren eben so einholt. Die Vinylausgabe hatte unter den polnischen Namen der Tracks englische Übersetzungen. Einer der Songs hieß „From whose blood, my blood?“ – also die große Abstammungsfrage: Wer waren meine Vorfahren? Und ein anderer „Memory grows into stone“. Mich hat das von jugendauf interessiert – vielen geht das nicht so. Die vegetieren einfach so dahin „born-drink-fuck-die“(The Godfathers – kenn heute auch keine Sau mehr) – aber wir in unserer Sippe haben ja nu eine wirklich bewegte Geschichte. Seit 4 Generationen fängt jede irgendwoanders von vorne an! Nix mit Wurzeln schlagen und gießen! Und diese Polen holen dir da nu deine sudetendeutschen „Erinnerungen“ hoch, die du gar nicht hättest, hättest du nicht so oft dabeigesessen, wenn Eltern und Großeltern ihre Erinnerungsralley gestartet haben, von einem Land „vor unserer Zeit“.  Wenn dir nicht Großmutter zu jedem ihrer Fotos, zwei Alben lang, eine Geschichte gewusst hätte. SBB kommen aus dem Raum Kattowitz, Oberschlesien. Da lebte bis 1918 ein Völkergemisch aus Polen, Deutschen, Juden, Tschechen, Slowaken. Skrzek ist der Chef der Band. Und Josef Skrzek ist eher ein böhmischer oder gar kroatischer Name, kein polnischer. Und dann in oder bei Kattowitz wohnen – eventuell in einem Haus, in dem vorher Deutsche lebten … wie fühlt man sich da, wenn jeder Nagel in der Wand an die Vorbesitzer erinnert?

Der Film „Wege übers Land“ zeigte, wie Deutsche 1939 polnische Bauern vertrieben und sich deren Höfe unter den Nagel rissen. Da stand manchmal das letzte Essen der Vorbesitzer noch auf dem Tisch. Die Karusseit, eine der ganz großen Ost-Schauspielerinnen, spielt eine brandenburgische Magd, die mit ihrem Mann auf diese Art zu einem Hof kommt, aber die das Unrecht empfindet und nun beginnt, nachzudenken und sich zu entwickeln.

Sechs Jahre später nahmen die befreiten Völker Rache, indem sie es genauso machten. Wie mögen sich die Tschechen fühlen, die sich Großmutters Fleischerei ausgesucht haben? Denkt die neue Miteigentümerin dann wie die Karusseit? 1998 hat‘s mich per Zufall mal in die Ecke verschlagen.  Hinter der Wursttheke die weißen Fliesen mit der schwarzen Bordüre, das sind immer noch die von 1937, die Großmutter ausgewählt hat. … And‘res Thema. Die Platte heißt „Pamiec“, ich weiß bis heute nicht, was die singen; im Russischen heißt Pamjatnik Denkmal; also wird das im Polnischen sowas ähnliches sein. Nachdenken! Gedenken. Denk mal! Von SBB könnte ich dir 8 oder 9 perfekte Alben nennen, aber die „Pamiec“ hat eben doch die Nase vorn.

„Okay, also ein polnisches Album auf Platz 1 der Alltime Ostrock Bestenliste. Nächster Trupp. Nächste Platte.“

OmegaPlatz 2 in Opas Wertschätzung: Omega aus Ungarn! Die sahen aus wie Rockstars! Und die machten Musik, wie Rockstars! Unsere Combos in den 70ern wirkten ja eher, wie der Begriff „Unterhaltungsmusiker“ schon ahnen lässt: Aufgedunsen, leerer Blick, kitschig missratene Showklamotten, wie sie auch die Jongleure vom Zirkus hätten tragen können. Das Hemd unterhalb des Doppelkinns spannt über der Plauze, dass die Knopfleiste platzt…  Die Ungarn wirkten drahtiger, westlicher. Kobor imitierte in Outfit und Gehabe den Robert Plant, der Gitarrist wirkte wie Paul Rodgers zu Free-Zeiten und Laszlo Benkö, der Tastenmann, ließ seine dünnen, glatten Haare zeitweilig bis zum Arsch wachsen, als wäre er der Wakeman! Sie sangen ungarisch, was keine slawische Sprache ist. Da fiel das ganze gewöhnungsbedürftige „Schisczly-Wyschzly“ weg. Die haben viele Ös und Äs oder Es, die sie wie Ä sprechen, das klingt dann so ähnlich wie englisch – bildeten wir uns damals ein. Und die Band machte in Opas Jugend auch diesen Orgel-Mellotron-Sound, der später Progrock genannt wurde und der sehr klassisch klang; besonders auf der Omega „8“. Csillangok utjan. Im Westen erschien die mit englischen Gesang und hieß dort „Skyrover“, aber der Gesang hatte so einen elend störenden ungarischen Akzent – so fetzte die Platte nicht. Ich hatte sie gottlob aus der Ungarn-Information; das war so ein spezieller Laden, indem man nur Ungarn-Waren kaufen konnte, und da war das automatisch die ungarische Version.

Die Platte fängt mit einem Beethovenzitat an und geht über in so ein auf Spinett gespieltem Stück von Laszlo Benkö, bevor die übrige Band einsetzt. Dann kommt der pathetische Titelsong gefolgt von „Lena“, eine russische Troika-Schlittenfahrt in Tönen usw. usw. Allerfeinst in sich geschlossenes Werk. Auf der B-Seite bissel rockiger, aber trotzdem in derselben Handschrift komponiert, sodass alles zusammenpasst. 1980 kam dann das Doppelalbum „live at Kissstadion“ heraus. Da haben die Mikros über das Publikum gehängt und die Massenchöre eingefangen! Von der ersten bis zur vierten Plattenseite! Das war so geil, dass ich mir nichts sehnlicher gewünscht hab, als so ein Konzert mal zu erleben. 1983 war es dann soweit. Euer Opa hat die Band live in Leipzig gesehen! Mit fast genau dem Zeug von 79/80! Und die Halle mystischerweise plötzlich voller Ungarn, die die Texte mitsangen! Und mittendrin ich mit meinen Studienkumpels. Ach, da könnte ich jetzt erzählen! Danach traten die in der DDR nie wieder auf und nach dem Mauerfall mussteste nach Ungarn fahren, um die zu sehen. Da hatten die als Special Guest die Scorpions dabei, aber da waren die nicht mehr so gut. Ab den 80ern haben die so 08/15 Hardrock gemacht, Asia-Whitesnake-Style. Aber’83 da war ja die „Az Arc“ gerade erst erschienen. Die erste von den miesen. Später gab es in England die Band Marillion, die schufen mit „Misplaced childhood“ auch ein ziemlich perfektes Album. Auf der A-Seite gelang ihnen das ähnlich wie Omega auf der „8“ hier. Allerdings haben die sich für die B-Seite irgendwie nicht mehr soviel Mühe gegeben. Die fällt dann doch bissel ab. Da sind denen Omega deutlich über!

Auf Platz 3 komme ich dann mal zu einer ersten deutschen Band: Bayon.

„Sag mal! Schon 3 Nennungen und immernoch nicht Renft oder Silly?“

bayon-77Wart’s ab. Kommt ja noch. Also Bayon: Eigentlich ein internationales Ensemble: Zwei Deutsche, zwei Kambodschaner, ein Kubaner. Musikstudenten aus Weimar. Die bekamen 1977 überraschend eine LP erlaubt, obwohl sie im Radio kaum stattfanden. Und die LP überraschte dann alle: Weltmusik der sehr melodiösen Art. Kammermusikalischer Progrock oder von mir aus auch Rockjazz a la Mahavishnu Orchestra, aber nicht ganz so anstrengend wie die, wenn die teilweise allzu free drauflos gejammt haben. Die mischten Bach mit kambodschanischer Folklore und herauskamen Ohrwürmer, die du einen halben Tag lang vor dir her pfeifst.

Die Band hat auch‘ne krasse Geschichte: Die DDR tönte immer von „proletarischem Internationalismus“. Aber eigentlich wollte sie im eigenen Land dann doch eher keine Vermischung der Völker.  Also musste als erster der Kubaner zurück in die Heimat, als sein Studium beendet war. Banderfolg? Hierbleiben und weitermachen? Wurscht für Bürokraten: Ihr Visum ist abgelaufen!

Die beiden Kambodschaner stammten aus Musikerfamilien der Hofkapelle von Prinz Sihanouk, der dann als König Kambodscha eine zeitlang sowjetfreundlich regierte. Dann kamen die Roten Khmer an die Macht. Die konnte anfangs keiner einschätzen. Der Violinist Sam Ey Neou kehrte heim – und ist seitdem „verschollen“; er wird einer der vielen Toten sein, die die Khmer auf dem Gewissen haben. Das waren letztlich Massenmörder, die einen Bauernstaat erzeugen wollten: alle, die intelligent aussahen oder auch nur eine Brille trugen, wurden umgebracht. Na und da kam der nu aus der DDR zurück und zeigte sein Musiker-Diplom…

Aber hier auf der DDR-LP ist er noch zu hören. Sein Vermächtnis. Somit ist er also doch nicht ganz spurlos verschwunden. Eine tolle Platte. Als die Mauer gefallen war, wollte die niemand auf CD herausbringen. Gibt nur Stückwerk auf CD. Sehr, sehr schade drum.

lift2Auf der 4 kommen wir zu „Meeresfahrt“ von Lift. Die hat Opa in Schkölen live gesehen! Ein Konzert für 53 Zuschauer. Absolut berauschend! Sowas gibt es heute nicht mehr. Eure Tablets und I-Phones und der ganze Krempel blinkern euch seit eurer Kindheit zu – da kann ich euch gar nicht mehr klarmachen, wie das war: Meine erste Light-Show! Wie die da rhythmisch die Strahlen zerhackt haben! Wie wir bis zur Pause nicht sagen konnten, ob das ein weißer, ein blauer, ein pinker Jeansanzug ist, was der Sänger da anhat. Und die konnten richtig was! Ihre eigenen Stücke und die Sachen von Genesis und Yes, die sie auch spielten, passten völlig zusammen! Die eröffneten das Konzert gleich mit dem langen neuen Klopper „Meeresfahrt“! 17 Minuten Flackerlicht und DIESE Töne! Damals war die LP hier noch gar nicht erschienen! Da hab ich zu Hause dann ihre erste Platte rauf und runter gespielt und auf diese zweite warten müssen. Peng! Autounfall! Zwei Musiker tot. Einer verletzt und dauerhaft weg aus der Band! Die DDR hatte sich oft so blöde, wenn es um Kultur ging: Stoppen die jetzt das Album – aus Pietätsgründen? Oder bringen sie es doch noch raus – als Vermächtnisalbum? Gottseidank geschah letzteres. Ach war das herrlich, als ich es hatte und das erste Mal auflegte! Da geht nichts drüber: Schkölen forever! Franz Bartsch von der Vroni-Fischer-Band hat 1980 versucht, ebenfalls eine Meeresfahrt zu vertonen. „Träume wie Segel“ heißt die Nummer. Die ist schön. Aber nur 7 Minuten lang – und kam zu spät. Stern Combo Meissen und Karat hatten um die Zeit dann ebenfalls so maritime 6-7-Minüter, aber die wurden LIFT auch nicht gefährlich. Das war eben DIE perfekte Rocksuite und hinten dran noch diese elegische „Sommernacht“, wie ein perfekter Strandkuschelmoment am Darß! Mehr geht nicht! Hätte Kunstpreise kriegen müssen. Hat sie aber nicht. Naja. Vorbei. Gone with the wind. Opa hört sie noch.

„Okay. Platz 5. Nu aber deine Renft?!“

miniatur2Geduld. Erst kommen jetzt Silly: Auf Platz 5. Geschmäcker wandeln sich halt mit den Jahren. Die Band Silly war in den 80ern das größte Rockereignis in der „Ehemaligen“. Die sorgten sieben Jahre lang mit 4 LPs hintereinander für absolutes Aufsehen. Soviel DDR-Kritik hatte sonst kein DDR-Künstler veröffentlichen dürfen. Warum DIE das durften, ist bis heute einigermaßen ungeklärt. Aber es geschah eben. Aber einmal wurde es auch für sie gefährlich: Bei der zweiten LP von dem kritischen Vierer. Die Platte sollte eingestampft werden, denn mit 3 Texten waren sie zu weit gegangen. Aber irgendein guter Geist zog die Notbremse:

„Wenn ihr schnellstens 3 neue Texte auf die 3 Kompositionen singt, dann darf die Platte doch noch erscheinen.“

Sie war 1984 angekündigt worden als „zwischen unbefahr’nen Gleisen“, da das aber einer der drei „bösen“ Titel war, hieß sie nun 1985 „Liebeswalzer“. In Berlin gab es in den Mauerjahren so tote Gleise, auf denen nichts mehr fuhr. Die lagen im Todesstreifen zwischen den beiden Mauern, zwischen denen nur Grenzer patrouillieren durften. Und U-Bahnstationen gab es, an denen kein Zug mehr hielt, weil da die Westberliner U-Bahn von West nach West unter einem Stückchen Ostberlin durchfuhr. Und daran erinnert dieser Song. Nach der Wende erschienen beide Versionen der Platte unter zweierlei Namen, jeweils mit den 3 Auswechselsongs als Bonustracks.

„Und ihr habt als junge Leute über so was geredet? Oder nur, wenn ihr sicher wart, dass kein Spitzel von der Stasi dabei war? Oder wie? Oder habt ihr das nur beschwiegen?“

I wo! Stasi war im Alltag gar kein Thema. Das kam erst mit der Wende hoch. Wir haben nicht ständig Ballons genäht, Tunnel gegraben oder im PKW-Kofferraum Probe gelegen. Die Filme von heute verzerren das viel zu einseitig. Es hat uns viel angekotzt. Ein Paradies war das damals nicht. Aber wir haben gelebt, geplappert und uns relativ wenig einen Kopf gemacht, wer da nu was hört oder aufschreibt. Wir haben auch nicht pausenlos von Flucht geträumt, sondern eher vom DDR verändern. Wir waren ja in sie hineingeboren, also konnten wir uns auch nicht vorstellen, dass es die irgendwann mal nicht mehr gibt.

So Schluss jetzt. Is‘ lang geworden. Opa trinkt nu noch’n Gute-Nacht-Gläschen. Hab mir ja grade’nen Wolf gequatscht.

Die nächsten 5e kömmer machen, wennde s nächste Mal kommst.

Jimmy the DOORman

WARNING!

Sollten Sie Doors-Fan sein, dann lesen Sie nicht weiter! Dieser Text könnte ihre Gefühle verletzen!

Für alle anderen:

Es folgt mein Beitrag zum 50. Todestag des American Prayers am 3. Juli. Denn, wer a und b sagt, muss auch c sagen.

Einstimmung:

(Mit bedeutungsschwangerer Stimme deklamieren; 3 Sekunden Pause nach jedem Vers, damit es wirkt😊)

Und die Prinzessin stand in ihrem Bett

Wütend!

Und sie schleuderte den Frosch an die Wand

Herabfiel – der Prinz

Der schöne Prinz

Barfuß und nackt

Das antike Gesicht des Odysseus

mit den Augen des Lurchs

denn tief drin in seinem Kopf

Blieb er Frosch!

(„Prinz Lurchi“ a real Bludgy-Poem, inspired by Morrisson-Poetry)

Die großen Drei von 70/71 – in Reihenfolge ihres Wegtretens: Jimi, Janis und Jim.

Über Jimi schrieb ich hier.

Und über Janis hier.

Fehlt der Lizard-King! Ein schwieriges Thema.

Von mir aus – macht ihn zum Kaiser!

Ich aber sage: Der Kaiser ist nackt.

Da war als Erstkontakt „Come on Baby light my fire“ so um ’75/76 herum. Das ging mit 15 ähnlich schief, wie die Bekanntschaft mit „Move over“ von Janis. Das klang so unentschieden: Der Sänger will zwar loslegen, hat Druck in der Stimme, aber die Band dudelt herum. Da knallt nix! Und was ist das überhaupt für eine Kurhauskapellen-Orgel da, das klingt wie Altenheim und nicht wie Rock! Aber wie im Falle Janis mit „woman left lonely“ gelang mir mit den Doors zumindest der Zweitstart, denn diesmal war es „Riders on the storm“. Ein herrlich mystisches Stück, das über die Jahre nichts an Wirkung eingebüßt hat. Das gefällt mit 15 Jahren genauso wie mit 95!

(Vorausgesetzt, du verdrängst, was du über Jimmy the „Poet“ so alles gelesen und gesehen hast!)

Schlag 3 wurde der „Shaman’s Blues“ und das Quartett voll wurde schließlich mit „When the music’s over“. Soweit so gut. Solange dein Schulenglisch nicht ausreicht, hinter all die Phrasen zu schaun, die ein Heer von Musikjournalisten über „Vielschichtigkeit“ und „kryptische Aussagen“ oder „ödipale Dystrophie“ verbreitet, feierst du ihn – wie alle um dich rum- als den dritten großen Toten von 70/71.

Mit jedem weiteren Todestag nahm das Kult-Getümmel um den schönen Jim zu; und je mehr man so erfuhr, umso komischer wurde mir der Typ — und mein bissel Mittelfeldbegeisterung für die paar Doors-Hits, die mir untergekommen waren, schmolz dahin.

Als zum ersten Mal noch in den 70ern in irgendeiner Oldies-Sendung erzählt wurde (oder stand das im DDR-Beat-Lexikon?), dass es in „The end“ jene „ödipalen“ Zeilen gibt, da lernte man als Pennäler zwar ruckartig, was ein Ödipuskomplex ist und genoss spontan die innere Zufriedenheit – eben diesen nicht zu haben – aber: Warum singt der das? Iiiiiiiiieeeh!

Klar, hatten wir auch diese Nummer irgendwann auf Band, jedoch wuchs die Fremdscham bei jedem der seltenen Hördurchgänge. Nicht nur wegen dem Motherfuck-Dingens, sondern wegen dem dilettantischen Drumherum: Morrisons Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Prinzip war immer schlechter ignorierbar!

Ray Manzarek brachte ’91 aufs Trapez, es handle sich bei „The End“ um antikes Theater! Deshalb der „römische Wald“ und „der ancient lake“. Klar. Wenn sich das Reimdefizit von Xavier Naidoo mit dem Überschriftenwissen eines durchschnittlichen ZEIT-Kolumnisten treffen und Drogen im Spiel sind, dann wird Wendler zu Shakespeare und Morrison zu Sophokles.

Die Vielschichtigkeit seiner Texte war immer wieder Thema. Eskapistisch, apokalyptisch, dystrophisch, existenzialistisch … Das las sich immer, als sänge Ol’Jimmy vertonte Philo-Dissertationen! Hm. Haste die Oden mal gelesen? Ohne Musik? Das fängt gerne bedeutungsschwanger an und endet bei „love me girl!“ Also die typische Aufmerksamkeitsspanne eines ADHSlers: Der Kopp will zunächst, was eventuell gut zu werden verspricht, aber die Fertigstellung dauert zu lange, die Triebe revoltieren: Übrig bleibt – der frühe Ingo Appelt.

Vollends im Eimer war mein Bezug zu den Doors nach dem Oliver Stone Film anfang der 90er.

Stone verkündete im Interview, der Film sei seine Danksagung an die Doors, denn deren Musik habe ihm geholfen, seinen Vietnamkriegseinsatz durchzuhalten und hinterher zu verarbeiten.

Der GROSSE Jim Morrison ist dort „zu bewundern“; Sprachrohr seiner Generation, der Lizard-King, der ständig „zu“ war, unzuverlässig wie nur was, Auftritte verdarb oder ganz platzen ließ, dann wieder ein paar Phrasen halluzinierte und nie wusste, wo er sich grade befand!

Der dargestellte „legendäre Miami-Vorfall“ ließ mich böse grinsend an „Sexy Exi“ vom Georg Danzer denken. Ach DAHER hatte der die Inspiration!

Ich war nun mit anfang 30 knapp drüber über den „Club 27“ und ich hatte gerade so einiges durch. 1988-92, das war politisch, existenziell und familiär „schwere See“ gewesen, aber wir hatten uns bewährt – und dann seh ich diesen Film über diesen King zusammengeklaubter Stopfgans-Zeilen.

„An den Toren von Troja steht Häuptling Moja, im Safrankleid deklamiert er und schreit, ich hol mir die Maid, denn es ist Zeit, die Uhren ticken, komm, lass uns f*****!“ (Das ist das Ende. Ruf die Polente!)

So jedenfalls hört sich das Doors-Schaffen in Bludgys Ohren nunmal an.

Diese völlig verwahrloste Ruine wollte und konnte ich nicht mehr verehren. Ich sah klipp und klar: Ich bin besser! Verantwortungsvoll eine Familie durch schwierige Zeiten zu bringen, hätte der niemals geschafft! Der hätte „die Alte mit dem Kind“ sitzen lassen, wenn’s kompliziert zu werden droht; sich bekifft und „people are strange“ drauf gereimt. Das wäre SEINE Alltagsbewältigung gewesen. Und genügend Dummbatze standen ja Schlange, dieses Komplettversagen als „existenzialistisches Menetekel im Zeitalter der monetären Prostitution des Ichs in der Postmoderne“ hochzujazzen.

Wenige Tage nach dem Film (oder war’s wenige Tage zuvor?) gastierte Ray Manzarek bei „Gottschalk“, der kurzlebigen Late-Night-Show auf RTL damals: Schwer bekifft oder schon dement? Er schwafelte dort 10 Minuten völlig wirres Zeug (simultan übersetzt); und machte so auf das Kapitel DOORs den Deckel drauf.

Not needed anymore. Keine CD vorhanden.

Drei Alben

In einem Land vor dieser Zeit heute lebte ich einst dahin. Das Besondere an diesem Land war, dass es keine Schallplatten gab. Also es gab schon welche, aber – das war kompliziert:

Das Land hatte EIN Plattenlabel für Rock/Pop/Schlager und veröffentlichte für stabile 16,10 M landeseigene Volkskunstgesänge.

Zweimal im Monat kam es zur Unter-dem-Ladentisch-Verhökerung einer sogenannten Lizenz-Platte für ebenfalls 16,10 M. Dabei konnte es sich um irgendwen Großkopfertes aus dem Lager des Klassenfeindes handeln; Geräusche, die vom Klassenkampf abhalten, im Sozialismus aber genossen werden können; sagen wir Deep Purple, Who, Stones; aber auch um „so Zeuch halt“ ala Katja Epstein, Udo Jürgens, Roger Whittaker etc.

Da man die Platte seiner Begehr meist nicht im Laden bekam, erwarb man sie „unter der Hand“ für 30.-M oder im Tausch für eine Ungewollte, die man vorsorglich für diesen Fall gekauft hatte, weil es sie eben grade gab, als man im Laden war.

Die „richtigen“ LPs, von A&M, CBS, RCA usw. gab es nur auf dem Flohmarkt oder von jemandem, den ein guter Freund halt so mal eben kennengelernt hatte. Und die kosteten, laut Umtauschkurs 1:6 eben nun mal 120.-M (Ost).

Da Rundfunkempfang von „Feindsendern“ kein Problem und somit Norm war, wusste man immer, wann welches Idol welche Platte herausgebracht hatte; aber man wusste nie, ob man sie eines Tages mal auf dem Flohmarkt erwischen würde.

Flohmärkte blühten in den 80ern mehr und mehr auf. Und du bekamst dort fast alles, was in den Läden Mangelware war – und so einiges mehr!

Und so trug es sich zu, dass auch Merseburg einmalig einen Flohmarktversuch startete.

Sommer’83. Bei bestem Wetter und mit wenig Geld fuhr nun also ein Trabi voller studentischer Plattensüchtlinge die paar Kilometer gen Schlosspark.

Ich für meinen Teil hatte die Barschaft von 250 Mark dabei und wohl wissend, dass ich dann wieder vor einem Vinylstandort stehen würde, bei dem ich gern das Zehnfache gehabt hätte, war ich auf die Idee gekommen, meine Lizenzplattenbestände zu durchforsten, was eventuell entbehrlich wäre, um die Suchtbefriedigung wenigstens in diesem Segment noch ein wenig weiter steigern zu können.

Im Plattenbeutel unter meiner Schulter befanden sich nun also „Leo Kottke“ und „CCR“; damals gerade auf AMIGA erschienen, sodass sie eventuell noch gesucht sein könnten. Kottke gefiel mir in jenen textlastigen NDW-Jahren noch nicht so richtig (das änderte sich später sehr); und die CCR hatte ich mir überhört, sodass der Trennungsschmerz nicht allzu groß sein würde. Sollte sich gar jemand finden, süchtig wie ich, dann würde der eventuell je 40.-M springen lassen – und dann hätte ich bei etwas Verhandlungsgeschick Geld für „aller guten Dinge sinder Dreie“ von den RICHTIGEN!

Wir also rein da, löhnen das bissel Eintritt und ziehen getrennter Wege, denn keiner gönnte dem andern Funde, die ihm selber gefallen hätten und die er so nun wieder „nur“ aufnehmen konnte.

Ich wende mich nach rechts und gleich als zweiter oder dritter Anbieter steht da jemand mit einem Bettvorleger im Gras und darauf liegen 4 Alben. Welche weiß ich nicht mehr, denn ich hatte nur Augen für eins -BÄM! -:

dav

Ich wusste sofort, dass ich das gleich kaufe! Aber ich wusste ebenfalls gleich: Du bist noch keine 10 Schritte gelaufen und deine halbe Barschaft geht jetzt drauf! Du wirst noch vor größeren Kisten stehen! Aber überlegen und wiederkommen is’nich‘! Dann isse schon weg!

1978 -vor der Fahne- war „Bat out of hell“ erschienen – und nenne mir einen von meiner Generation, der nicht das große Sabbern gekriegt hätte, wenn man ihm die zum Aufnehmen anbot! Ich hatte sie -Prora-Dealer sei Dank- seit 1981 endlich auch auf Band und nun lag hier der zweite Streich des Big American Wahnfried!

Die Hülle war perfekt, beim Rausziehen der Platte glänzte alles, wie es sein soll! Problem: Ich kannte keinen Ton von diesem Album!

Die muss 1980 höllisch eingebrochen sein! Ich hatte das nicht mitbekommen können. 18 Monate „Ehrenhaft“ auf Rügen, da kommste zurück und denkst, es gibt international bloß noch Nik Straker und die Goombay Danceband, saach ich dir! Ostseewelle Rostock, das war seinerzeit auch sowas wie Folter!

Ich hatte zwar alles aufgenommen, was mein Langzeitkumpel Udo in jener Phase zu Hause so an musikalischer Beute machen konnte, aber von Meat Loaf war da nichts dabei!

„Is‘ die wie die Bat out of hell?“, frag ich also ziemlich deppert. Und der Verkäufer muss mich prompt für einen Idioten halten.

„Klar! Die is zwar nich‘ so bekannt – aber, wem die eene jefällt, der mag ooch die annere hier.“

Hab ich zu handeln versucht? Oder widerstandslos gleich die 120 gezückt?

Ich war in Trance!

Gleich nach dem Kauf wurde ich wieder unschlüssig: Was, wenn die verdient gefloppt is‘? Hast du dir jetzt Mist andrehen lassen?

Die Ängste waren unbegründet. Die Platte sollte in meinem Besitz ihre ganz spezielle Geschichte erlangen.

Musikalisch ist sie der „Bat out of hell“ tatsächlich ähnlich. Sie geht gut ab. Mini-Opern wie „Paradiese by the Dashboardlight“ allerdings fehlen. Aber Graupen gibt es keine.

Als ich sie vor Udo aus dem Beutel ziehe, kriegt der glasige Augen: „Ooooor! Und wer malt mir das Cover jetz‘ in Lämsgröße übbers Sofa?“

„I’m gonna love her for both of us“ … „more than you deserve“… lebenskluge Studentenhymnen! Alles wahr! Soundtrack einer Lebensphase!

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Anfang’89 verbüßte ich mein viertes „Zusatzabsolventenjahr“ hinter Cottbus als Strohwitwer, während meine Frau weit weg daheim ihre Mutter pflegte und unser erstes Kind windelte – alle Versetzungsanträge und Eingaben abgeschmettert – und kein Bonze hatte ein Einsehen auf Familienzusammenführung! Dementsprechend war ich drauf, als diese letzten Kommunalwahlen abgehalten wurden:

Ich ging hin, nahm den Zettel, legte ihn auf die Urne und begann Namen von der Liste zu streichen.

Die Wahlkabine war – wie üblich – zu weit weg und mit Stühlen verstellt.

(Komme da jetzt, was da wolle! Hat sich was mit braver DDR-Bürger! Ich hörte da so eine Speckbacke im Anzug flüstern: „Wen streicht‘n der?“ Von den andern gabs diese typischen Blicke: Ist Ihnen klar, was Sie da gerade getan haben?!)

Leckt mich! 5 km von der polnischen Grenze! Noch weiter östlich könnter mich nich‘ verbannen. Schlesien is‘ futsch!

Dann stopfte ich den Wisch in den Schlitz und ging -leicht zitternd vor Aufregung- heim. Wird’s noch Theater geben? Oder bin ich eh schon „durch“? Zuhause legte ich die „Deadringer“ auf: Peel out, peel out! I‘m sick and tired of waiting in line! – und fand mich strax wieder gut!

Wenn ich an den Wochenenden das Pflegeelend meiner Schwiegerfamilie erlebte, war ich immer aufs Neue der „Real Deadringer for Love“, auch wenn Olle Ami-Bulette das ursprünglich anders gemeint hatte.

So bekam diese Platte ihre Unverzichtbarkeit! Aber‘83 da im Schlosspark war daran nicht zu denken.

Es ist im Leben prima eingerichtet, dass man nicht vorausschauen kann. Würde man mit 23 sehen, durch welchen Mist man noch zu waten hat, man würde keine 30.

Also lebte ich den Moment: Meine Zweifel an der Richtigkeit jener Kaufentscheidung wuchsen mit jedem Schritt.

 Und die Verunsicherung begann sogar zu sieden, als ich 100 Meter weiter vor zwei Typen stand, die in zwei großen Pappkisten an die 500 begehrte West-Platten feilboten!

Ich kann bis heute nicht erklären, wie solche Anbieter zustande kamen: Zwei Fernseherkisten voll Rockgeschichte im Bestzustand! Ladenneu! Waren das Einbrecher im Rundfunkarchiv? Stasischergen, die die Paketbeschlagnahmungen verhökerten? Oder nur skrupellose Schröpfer von Westverwandtschaft?

Es waren keine Ausländer! Sie sprachen akzentfrei unsern Slang!

Der Stand ist umlagert. Ich drängle mich rein. Erwische gleich die „Who are you“, halte sie erst mal fest, will aber noch an Überblick gewinnen:

Neben mir flippt einer so eine lange Plattenreihe durch. Die gesammelten Werke der Scorpions, so scheint es, Rainbow und Maiden auch dabei, die greift einer von der Seite gleich raus. Egal. Da: Bowie! Aber der Typ flippt drüber weg. Gott sei Dank!

„Warte mal kurz!“ hör ich mich auf Autopilot sprechen, flippe zurück, ziehe die Bowie und schieb die Who an die Stelle rein: Es ist die „Diamond Dogs“! Was für ein Cover! Und „Rebel Rebel“ ist drauf!

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Heinz Rudolf Kunze hatte zu der Zeit auf NDR2 gerade eine Sendereihe „Bowie – der Favorit“ laufen – und er besprach dort alle LPs mit reichlich Hörbeispielen! Ich hieperte deshalb auf die „Hunky Dory“, aber die „Diamond Dogs“ erschien mir seinerzeit als die zweitbeste der Vor-Fame-Phase!

Treffer! Bezahl und weg!

Aber – Geld alle. Für den letzten 10er würde es kein Vinyl mehr geben und nach meinem Beutelinhalt war ich noch kein einziges Mal angesprochen worden.

Fluchtartig verließ ich diesem Stand des Überangebotes: Hach, da hatten die sogar die Kiss „Alive!“ und Floyds „the piper at the Gates of dawn“! Von Rainbow wär die „Long live Rock And Roll“ auch verführerisch gewesen! Bloß weg hier!

Erst mal ne Wurschd, um den Adrenalinpegel zu senken.

Die „Diamond Dogs“ gefiel mir jahrelang ganz ausgezeichnet. Sie passte in die 80er, obwohl sie da schon 10 Jahre auf dem Buckel hatte: Aber all die Apocalypse-Anspielungen – das hörte sich extrem aktuell an – in Zeiten von „99 Luftballons“,„Berliiiin! Du kotzt mich an!“ und „Weltsendeschluss“! Viel ist davon nicht übriggeblieben. Höre ich sie heute seltenerweise einmal, dann merke ich, was Kunze seinerzeit schon erzählte: Gesammelte Bruchstücke eines Drogenwracks, das sich künstlerisch gehörig übernommen hatte. Er hatte zu lesen begonnen und wollte nun aus Orwells „1984“, Kubricks „Clockwork Orange“ und Shakespeares „Hamlet“ das eigene große Überwerk erschaffen: Doppelalbum, Buch und Film. Allerdings wurde er Opfer seiner Stimmungsschwankungen und verwarf immerzu seine Vortagsideen. Übrig blieb eine LP mit „Rebel Rebel“, „When you Rock and Roll with me“,„1984“ und allerhand katastrophenschwangeren Füllseln.

Hat halt so jedes seine Halbwertzeit. In den 80ern machte mich die Platte glücklich!

Ein paar Parkrundenspäter steh ich wieder vor einem, der so ein Allerlei aus Ost-Platten und Kram auf einer Decke anbietet.

Und da lag dann noch – SIE!

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AMIGA’77. In den 70ern verpasst, dann kurz vor der Fahne immerhin noch aufgenommen. LP mit Überlänge! Herrlicher Sound! Prägemelodaien am Fließband! Keine Graupen! „Bring back my yesterday“ war das zentrale Langwerk darauf, inclusive dem gesprochenen Intro, das auf späteren „Best ofs“ immer fehlt!

Ich weiß, ich weiß! Barry White! Das ist nicht der Name, der unter Althippies, Bluesern und Punks der ersten Stunde Anerkennung genießt – aber – fuck it! Zu MEINEN Göttern gehört er! ICH MUSSTE diese Platte haben!

„Willst’n für die?“

„Dreißch Morg.“

Ich ziehe aus meinem Plattenbeutel Kottke und CCR.

„Und wenn de dir eehne davon aussuchst?“

„Oi!“

Natürlich nimmt er die CCR.

Barry White wollte nie jemand von mir aufnehmen. Aber durchsichtig gespielt hab ich die! Und wie!

Nach der Wende kaufte ich „Barrys Gold“ auf CD mit sehr ähnlicher Zusammenstellung – aber o weh! Der Yesterday-Monolog fehlte! Also gingen die Barry-Käufe „notgedrungen“ weiter. Bis zur „Rhapsody in White“ – DIE ist die Beste! MEIN Sound der Pubertät! Da ziehen sie alle im Geiste noch mal vorbei, die damals Rang und Namen hatten:

Carrell, Elefantenboy, Eddies Vater, Otto-Show, Butler Parker, Margret Thursday, Belle und Sebastian, Daniel Boone – und eben auch so Alltagsbilder einer anderen Zeit: Die Bierbüchsen-Pyramide! Das Kohlebunkern, wenn uns der Wintervorrat in die Einfahrt gekippt wurde! Vaters Kofferheule plärrt Deutschlandfunk dazu. Der bringt Wortbeiträge ohne Ende und zwischendurch plötzlich mal: Standing in the shadow of love-love-love- waiting for the heartache above….“

Exactly my point of view‘73/74!

Oh yeahr!

One ticket please. She’s at home. Yeahr, she’s at home…

dav