Jimmy the DOORman

WARNING!

Sollten Sie Doors-Fan sein, dann lesen Sie nicht weiter! Dieser Text könnte ihre Gefühle verletzen!

Für alle anderen:

Es folgt mein Beitrag zum 50. Todestag des American Prayers am 3. Juli. Denn, wer a und b sagt, muss auch c sagen.

Einstimmung:

(Mit bedeutungsschwangerer Stimme deklamieren; 3 Sekunden Pause nach jedem Vers, damit es wirkt😊)

Und die Prinzessin stand in ihrem Bett

Wütend!

Und sie schleuderte den Frosch an die Wand

Herabfiel – der Prinz

Der schöne Prinz

Barfuß und nackt

Das antike Gesicht des Odysseus

mit den Augen des Lurchs

denn tief drin in seinem Kopf

Blieb er Frosch!

(„Prinz Lurchi“ a real Bludgy-Poem, inspired by Morrisson-Poetry)

Die großen Drei von 70/71 – in Reihenfolge ihres Wegtretens: Jimi, Janis und Jim.

Über Jimi schrieb ich hier.

Und über Janis hier.

Fehlt der Lizard-King! Ein schwieriges Thema.

Von mir aus – macht ihn zum Kaiser!

Ich aber sage: Der Kaiser ist nackt.

Da war als Erstkontakt „Come on Baby light my fire“ so um ’75/76 herum. Das ging mit 15 ähnlich schief, wie die Bekanntschaft mit „Move over“ von Janis. Das klang so unentschieden: Der Sänger will zwar loslegen, hat Druck in der Stimme, aber die Band dudelt herum. Da knallt nix! Und was ist das überhaupt für eine Kurhauskapellen-Orgel da, das klingt wie Altenheim und nicht wie Rock! Aber wie im Falle Janis mit „woman left lonely“ gelang mir mit den Doors zumindest der Zweitstart, denn diesmal war es „Riders on the storm“. Ein herrlich mystisches Stück, das über die Jahre nichts an Wirkung eingebüßt hat. Das gefällt mit 15 Jahren genauso wie mit 95!

(Vorausgesetzt, du verdrängst, was du über Jimmy the „Poet“ so alles gelesen und gesehen hast!)

Schlag 3 wurde der „Shaman’s Blues“ und das Quartett voll wurde schließlich mit „When the music’s over“. Soweit so gut. Solange dein Schulenglisch nicht ausreicht, hinter all die Phrasen zu schaun, die ein Heer von Musikjournalisten über „Vielschichtigkeit“ und „kryptische Aussagen“ oder „ödipale Dystrophie“ verbreitet, feierst du ihn – wie alle um dich rum- als den dritten großen Toten von 70/71.

Mit jedem weiteren Todestag nahm das Kult-Getümmel um den schönen Jim zu; und je mehr man so erfuhr, umso komischer wurde mir der Typ — und mein bissel Mittelfeldbegeisterung für die paar Doors-Hits, die mir untergekommen waren, schmolz dahin.

Als zum ersten Mal noch in den 70ern in irgendeiner Oldies-Sendung erzählt wurde (oder stand das im DDR-Beat-Lexikon?), dass es in „The end“ jene „ödipalen“ Zeilen gibt, da lernte man als Pennäler zwar ruckartig, was ein Ödipuskomplex ist und genoss spontan die innere Zufriedenheit – eben diesen nicht zu haben – aber: Warum singt der das? Iiiiiiiiieeeh!

Klar, hatten wir auch diese Nummer irgendwann auf Band, jedoch wuchs die Fremdscham bei jedem der seltenen Hördurchgänge. Nicht nur wegen dem Motherfuck-Dingens, sondern wegen dem dilettantischen Drumherum: Morrisons Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Prinzip war immer schlechter ignorierbar!

Ray Manzarek brachte ’91 aufs Trapez, es handle sich bei „The End“ um antikes Theater! Deshalb der „römische Wald“ und „der ancient lake“. Klar. Wenn sich das Reimdefizit von Xavier Naidoo mit dem Überschriftenwissen eines durchschnittlichen ZEIT-Kolumnisten treffen und Drogen im Spiel sind, dann wird Wendler zu Shakespeare und Morrison zu Sophokles.

Die Vielschichtigkeit seiner Texte war immer wieder Thema. Eskapistisch, apokalyptisch, dystrophisch, existenzialistisch … Das las sich immer, als sänge Ol’Jimmy vertonte Philo-Dissertationen! Hm. Haste die Oden mal gelesen? Ohne Musik? Das fängt gerne bedeutungsschwanger an und endet bei „love me girl!“ Also die typische Aufmerksamkeitsspanne eines ADHSlers: Der Kopp will zunächst, was eventuell gut zu werden verspricht, aber die Fertigstellung dauert zu lange, die Triebe revoltieren: Übrig bleibt – der frühe Ingo Appelt.

Vollends im Eimer war mein Bezug zu den Doors nach dem Oliver Stone Film anfang der 90er.

Stone verkündete im Interview, der Film sei seine Danksagung an die Doors, denn deren Musik habe ihm geholfen, seinen Vietnamkriegseinsatz durchzuhalten und hinterher zu verarbeiten.

Der GROSSE Jim Morrison ist dort „zu bewundern“; Sprachrohr seiner Generation, der Lizard-King, der ständig „zu“ war, unzuverlässig wie nur was, Auftritte verdarb oder ganz platzen ließ, dann wieder ein paar Phrasen halluzinierte und nie wusste, wo er sich grade befand!

Der dargestellte „legendäre Miami-Vorfall“ ließ mich böse grinsend an „Sexy Exi“ vom Georg Danzer denken. Ach DAHER hatte der die Inspiration!

Ich war nun mit anfang 30 knapp drüber über den „Club 27“ und ich hatte gerade so einiges durch. 1988-92, das war politisch, existenziell und familiär „schwere See“ gewesen, aber wir hatten uns bewährt – und dann seh ich diesen Film über diesen King zusammengeklaubter Stopfgans-Zeilen.

„An den Toren von Troja steht Häuptling Moja, im Safrankleid deklamiert er und schreit, ich hol mir die Maid, denn es ist Zeit, die Uhren ticken, komm, lass uns f*****!“ (Das ist das Ende. Ruf die Polente!)

So jedenfalls hört sich das Doors-Schaffen in Bludgys Ohren nunmal an.

Diese völlig verwahrloste Ruine wollte und konnte ich nicht mehr verehren. Ich sah klipp und klar: Ich bin besser! Verantwortungsvoll eine Familie durch schwierige Zeiten zu bringen, hätte der niemals geschafft! Der hätte „die Alte mit dem Kind“ sitzen lassen, wenn’s kompliziert zu werden droht; sich bekifft und „people are strange“ drauf gereimt. Das wäre SEINE Alltagsbewältigung gewesen. Und genügend Dummbatze standen ja Schlange, dieses Komplettversagen als „existenzialistisches Menetekel im Zeitalter der monetären Prostitution des Ichs in der Postmoderne“ hochzujazzen.

Wenige Tage nach dem Film (oder war’s wenige Tage zuvor?) gastierte Ray Manzarek bei „Gottschalk“, der kurzlebigen Late-Night-Show auf RTL damals: Schwer bekifft oder schon dement? Er schwafelte dort 10 Minuten völlig wirres Zeug (simultan übersetzt); und machte so auf das Kapitel DOORs den Deckel drauf.

Not needed anymore. Keine CD vorhanden.

Drei Alben

In einem Land vor dieser Zeit heute lebte ich einst dahin. Das Besondere an diesem Land war, dass es keine Schallplatten gab. Also es gab schon welche, aber – das war kompliziert:

Das Land hatte EIN Plattenlabel für Rock/Pop/Schlager und veröffentlichte für stabile 16,10 M landeseigene Volkskunstgesänge.

Zweimal im Monat kam es zur Unter-dem-Ladentisch-Verhökerung einer sogenannten Lizenz-Platte für ebenfalls 16,10 M. Dabei konnte es sich um irgendwen Großkopfertes aus dem Lager des Klassenfeindes handeln; Geräusche, die vom Klassenkampf abhalten, im Sozialismus aber genossen werden können; sagen wir Deep Purple, Who, Stones; aber auch um „so Zeuch halt“ ala Katja Epstein, Udo Jürgens, Roger Whittaker etc.

Da man die Platte seiner Begehr meist nicht im Laden bekam, erwarb man sie „unter der Hand“ für 30.-M oder im Tausch für eine Ungewollte, die man vorsorglich für diesen Fall gekauft hatte, weil es sie eben grade gab, als man im Laden war.

Die „richtigen“ LPs, von A&M, CBS, RCA usw. gab es nur auf dem Flohmarkt oder von jemandem, den ein guter Freund halt so mal eben kennengelernt hatte. Und die kosteten, laut Umtauschkurs 1:6 eben nun mal 120.-M (Ost).

Da Rundfunkempfang von „Feindsendern“ kein Problem und somit Norm war, wusste man immer, wann welches Idol welche Platte herausgebracht hatte; aber man wusste nie, ob man sie eines Tages mal auf dem Flohmarkt erwischen würde.

Flohmärkte blühten in den 80ern mehr und mehr auf. Und du bekamst dort fast alles, was in den Läden Mangelware war – und so einiges mehr!

Und so trug es sich zu, dass auch Merseburg einmalig einen Flohmarktversuch startete.

Sommer’83. Bei bestem Wetter und mit wenig Geld fuhr nun also ein Trabi voller studentischer Plattensüchtlinge die paar Kilometer gen Schlosspark.

Ich für meinen Teil hatte die Barschaft von 250 Mark dabei und wohl wissend, dass ich dann wieder vor einem Vinylstandort stehen würde, bei dem ich gern das Zehnfache gehabt hätte, war ich auf die Idee gekommen, meine Lizenzplattenbestände zu durchforsten, was eventuell entbehrlich wäre, um die Suchtbefriedigung wenigstens in diesem Segment noch ein wenig weiter steigern zu können.

Im Plattenbeutel unter meiner Schulter befanden sich nun also „Leo Kottke“ und „CCR“; damals gerade auf AMIGA erschienen, sodass sie eventuell noch gesucht sein könnten. Kottke gefiel mir in jenen textlastigen NDW-Jahren noch nicht so richtig (das änderte sich später sehr); und die CCR hatte ich mir überhört, sodass der Trennungsschmerz nicht allzu groß sein würde. Sollte sich gar jemand finden, süchtig wie ich, dann würde der eventuell je 40.-M springen lassen – und dann hätte ich bei etwas Verhandlungsgeschick Geld für „aller guten Dinge sinder Dreie“ von den RICHTIGEN!

Wir also rein da, löhnen das bissel Eintritt und ziehen getrennter Wege, denn keiner gönnte dem andern Funde, die ihm selber gefallen hätten und die er so nun wieder „nur“ aufnehmen konnte.

Ich wende mich nach rechts und gleich als zweiter oder dritter Anbieter steht da jemand mit einem Bettvorleger im Gras und darauf liegen 4 Alben. Welche weiß ich nicht mehr, denn ich hatte nur Augen für eins -BÄM! -:

dav

Ich wusste sofort, dass ich das gleich kaufe! Aber ich wusste ebenfalls gleich: Du bist noch keine 10 Schritte gelaufen und deine halbe Barschaft geht jetzt drauf! Du wirst noch vor größeren Kisten stehen! Aber überlegen und wiederkommen is’nich‘! Dann isse schon weg!

1978 -vor der Fahne- war „Bat out of hell“ erschienen – und nenne mir einen von meiner Generation, der nicht das große Sabbern gekriegt hätte, wenn man ihm die zum Aufnehmen anbot! Ich hatte sie -Prora-Dealer sei Dank- seit 1981 endlich auch auf Band und nun lag hier der zweite Streich des Big American Wahnfried!

Die Hülle war perfekt, beim Rausziehen der Platte glänzte alles, wie es sein soll! Problem: Ich kannte keinen Ton von diesem Album!

Die muss 1980 höllisch eingebrochen sein! Ich hatte das nicht mitbekommen können. 18 Monate „Ehrenhaft“ auf Rügen, da kommste zurück und denkst, es gibt international bloß noch Nik Straker und die Goombay Danceband, saach ich dir! Ostseewelle Rostock, das war seinerzeit auch sowas wie Folter!

Ich hatte zwar alles aufgenommen, was mein Langzeitkumpel Udo in jener Phase zu Hause so an musikalischer Beute machen konnte, aber von Meat Loaf war da nichts dabei!

„Is‘ die wie die Bat out of hell?“, frag ich also ziemlich deppert. Und der Verkäufer muss mich prompt für einen Idioten halten.

„Klar! Die is zwar nich‘ so bekannt – aber, wem die eene jefällt, der mag ooch die annere hier.“

Hab ich zu handeln versucht? Oder widerstandslos gleich die 120 gezückt?

Ich war in Trance!

Gleich nach dem Kauf wurde ich wieder unschlüssig: Was, wenn die verdient gefloppt is‘? Hast du dir jetzt Mist andrehen lassen?

Die Ängste waren unbegründet. Die Platte sollte in meinem Besitz ihre ganz spezielle Geschichte erlangen.

Musikalisch ist sie der „Bat out of hell“ tatsächlich ähnlich. Sie geht gut ab. Mini-Opern wie „Paradiese by the Dashboardlight“ allerdings fehlen. Aber Graupen gibt es keine.

Als ich sie vor Udo aus dem Beutel ziehe, kriegt der glasige Augen: „Ooooor! Und wer malt mir das Cover jetz‘ in Lämsgröße übbers Sofa?“

„I’m gonna love her for both of us“ … „more than you deserve“… lebenskluge Studentenhymnen! Alles wahr! Soundtrack einer Lebensphase!

dav

Anfang’89 verbüßte ich mein viertes „Zusatzabsolventenjahr“ hinter Cottbus als Strohwitwer, während meine Frau weit weg daheim ihre Mutter pflegte und unser erstes Kind windelte – alle Versetzungsanträge und Eingaben abgeschmettert – und kein Bonze hatte ein Einsehen auf Familienzusammenführung! Dementsprechend war ich drauf, als diese letzten Kommunalwahlen abgehalten wurden:

Ich ging hin, nahm den Zettel, legte ihn auf die Urne und begann Namen von der Liste zu streichen.

Die Wahlkabine war – wie üblich – zu weit weg und mit Stühlen verstellt.

(Komme da jetzt, was da wolle! Hat sich was mit braver DDR-Bürger! Ich hörte da so eine Speckbacke im Anzug flüstern: „Wen streicht‘n der?“ Von den andern gabs diese typischen Blicke: Ist Ihnen klar, was Sie da gerade getan haben?!)

Leckt mich! 5 km von der polnischen Grenze! Noch weiter östlich könnter mich nich‘ verbannen. Schlesien is‘ futsch!

Dann stopfte ich den Wisch in den Schlitz und ging -leicht zitternd vor Aufregung- heim. Wird’s noch Theater geben? Oder bin ich eh schon „durch“? Zuhause legte ich die „Deadringer“ auf: Peel out, peel out! I‘m sick and tired of waiting in line! – und fand mich strax wieder gut!

Wenn ich an den Wochenenden das Pflegeelend meiner Schwiegerfamilie erlebte, war ich immer aufs Neue der „Real Deadringer for Love“, auch wenn Olle Ami-Bulette das ursprünglich anders gemeint hatte.

So bekam diese Platte ihre Unverzichtbarkeit! Aber‘83 da im Schlosspark war daran nicht zu denken.

Es ist im Leben prima eingerichtet, dass man nicht vorausschauen kann. Würde man mit 23 sehen, durch welchen Mist man noch zu waten hat, man würde keine 30.

Also lebte ich den Moment: Meine Zweifel an der Richtigkeit jener Kaufentscheidung wuchsen mit jedem Schritt.

 Und die Verunsicherung begann sogar zu sieden, als ich 100 Meter weiter vor zwei Typen stand, die in zwei großen Pappkisten an die 500 begehrte West-Platten feilboten!

Ich kann bis heute nicht erklären, wie solche Anbieter zustande kamen: Zwei Fernseherkisten voll Rockgeschichte im Bestzustand! Ladenneu! Waren das Einbrecher im Rundfunkarchiv? Stasischergen, die die Paketbeschlagnahmungen verhökerten? Oder nur skrupellose Schröpfer von Westverwandtschaft?

Es waren keine Ausländer! Sie sprachen akzentfrei unsern Slang!

Der Stand ist umlagert. Ich drängle mich rein. Erwische gleich die „Who are you“, halte sie erst mal fest, will aber noch an Überblick gewinnen:

Neben mir flippt einer so eine lange Plattenreihe durch. Die gesammelten Werke der Scorpions, so scheint es, Rainbow und Maiden auch dabei, die greift einer von der Seite gleich raus. Egal. Da: Bowie! Aber der Typ flippt drüber weg. Gott sei Dank!

„Warte mal kurz!“ hör ich mich auf Autopilot sprechen, flippe zurück, ziehe die Bowie und schieb die Who an die Stelle rein: Es ist die „Diamond Dogs“! Was für ein Cover! Und „Rebel Rebel“ ist drauf!

dav

Heinz Rudolf Kunze hatte zu der Zeit auf NDR2 gerade eine Sendereihe „Bowie – der Favorit“ laufen – und er besprach dort alle LPs mit reichlich Hörbeispielen! Ich hieperte deshalb auf die „Hunky Dory“, aber die „Diamond Dogs“ erschien mir seinerzeit als die zweitbeste der Vor-Fame-Phase!

Treffer! Bezahl und weg!

Aber – Geld alle. Für den letzten 10er würde es kein Vinyl mehr geben und nach meinem Beutelinhalt war ich noch kein einziges Mal angesprochen worden.

Fluchtartig verließ ich diesem Stand des Überangebotes: Hach, da hatten die sogar die Kiss „Alive!“ und Floyds „the piper at the Gates of dawn“! Von Rainbow wär die „Long live Rock And Roll“ auch verführerisch gewesen! Bloß weg hier!

Erst mal ne Wurschd, um den Adrenalinpegel zu senken.

Die „Diamond Dogs“ gefiel mir jahrelang ganz ausgezeichnet. Sie passte in die 80er, obwohl sie da schon 10 Jahre auf dem Buckel hatte: Aber all die Apocalypse-Anspielungen – das hörte sich extrem aktuell an – in Zeiten von „99 Luftballons“,„Berliiiin! Du kotzt mich an!“ und „Weltsendeschluss“! Viel ist davon nicht übriggeblieben. Höre ich sie heute seltenerweise einmal, dann merke ich, was Kunze seinerzeit schon erzählte: Gesammelte Bruchstücke eines Drogenwracks, das sich künstlerisch gehörig übernommen hatte. Er hatte zu lesen begonnen und wollte nun aus Orwells „1984“, Kubricks „Clockwork Orange“ und Shakespeares „Hamlet“ das eigene große Überwerk erschaffen: Doppelalbum, Buch und Film. Allerdings wurde er Opfer seiner Stimmungsschwankungen und verwarf immerzu seine Vortagsideen. Übrig blieb eine LP mit „Rebel Rebel“, „When you Rock and Roll with me“,„1984“ und allerhand katastrophenschwangeren Füllseln.

Hat halt so jedes seine Halbwertzeit. In den 80ern machte mich die Platte glücklich!

Ein paar Parkrundenspäter steh ich wieder vor einem, der so ein Allerlei aus Ost-Platten und Kram auf einer Decke anbietet.

Und da lag dann noch – SIE!

dav

AMIGA’77. In den 70ern verpasst, dann kurz vor der Fahne immerhin noch aufgenommen. LP mit Überlänge! Herrlicher Sound! Prägemelodaien am Fließband! Keine Graupen! „Bring back my yesterday“ war das zentrale Langwerk darauf, inclusive dem gesprochenen Intro, das auf späteren „Best ofs“ immer fehlt!

Ich weiß, ich weiß! Barry White! Das ist nicht der Name, der unter Althippies, Bluesern und Punks der ersten Stunde Anerkennung genießt – aber – fuck it! Zu MEINEN Göttern gehört er! ICH MUSSTE diese Platte haben!

„Willst’n für die?“

„Dreißch Morg.“

Ich ziehe aus meinem Plattenbeutel Kottke und CCR.

„Und wenn de dir eehne davon aussuchst?“

„Oi!“

Natürlich nimmt er die CCR.

Barry White wollte nie jemand von mir aufnehmen. Aber durchsichtig gespielt hab ich die! Und wie!

Nach der Wende kaufte ich „Barrys Gold“ auf CD mit sehr ähnlicher Zusammenstellung – aber o weh! Der Yesterday-Monolog fehlte! Also gingen die Barry-Käufe „notgedrungen“ weiter. Bis zur „Rhapsody in White“ – DIE ist die Beste! MEIN Sound der Pubertät! Da ziehen sie alle im Geiste noch mal vorbei, die damals Rang und Namen hatten:

Carrell, Elefantenboy, Eddies Vater, Otto-Show, Butler Parker, Margret Thursday, Belle und Sebastian, Daniel Boone – und eben auch so Alltagsbilder einer anderen Zeit: Die Bierbüchsen-Pyramide! Das Kohlebunkern, wenn uns der Wintervorrat in die Einfahrt gekippt wurde! Vaters Kofferheule plärrt Deutschlandfunk dazu. Der bringt Wortbeiträge ohne Ende und zwischendurch plötzlich mal: Standing in the shadow of love-love-love- waiting for the heartache above….“

Exactly my point of view‘73/74!

Oh yeahr!

One ticket please. She’s at home. Yeahr, she’s at home…

dav

 

Bowie Bilanz

Staub gewischt auf alten Platten.

Nichts bleibt wie es war. Alte Vorlieben weichen neuen. Eine Binse. Aber – die alten waren einfach mehr und hielten länger. Kommt heute angestaubt Empfundenes in ein paar Jahren eventuell zurück?

Ich beschrieb bereits, wie mich anno‘75 „Fame“ geradezu umgehauen hat. Das traf einen Nerv. Meinen Nerv. Den Nerv meiner damaligen pubertären Ablehnungshaltung gegenüber – äh – ja eigentlich allem.

Die Ablehnung der anderen gegenüber diesen seltsamen Klängen verstärkte den Effekt.

Das war MEINS!

Bowie wurde ein Langzeitidol für mich. Heutige Playereinsätze seiner Scheiben sind jedoch eher selten.

Mit zunehmender Reife trennst du viel besser Tiefsinn von Scharlatanerie. Und die alten Provokateure haben heftig Haare gelassen.

 „Die Geister der Kindheit verabschieden sich eben hinten am Ende des Korridors am Tor der Zeit“ (Fogelberg)

Bowie war so eine Art Begleiter aus der EOS-Zeit über die Fahne hinweg in’s Studium, und von dort noch in die Erwachsenenphase des Berufslebens. Er war der erfolgreiche Blender mit dem Hang zu karikierter Melancholie, an dessen Sounds du dich durch schwierige Phasen deiner eigenen Entwicklung hangeln konntest. Bis es nicht mehr nötig schien oder besser: Bis die Götter wechselten.

Einst machte er sich rar im Radio. Das „Fame“ überhaupt gespielt wurde, war eher die Ausnahme. In Deutschland war er bis „Heroes“ nicht massenkompatibel. In Amerika Platz 1, aber bei unseren Cousins und Cousinen „drühm“ nicht vermittelbar. „Golden years“ kam noch, „sound and vision“ und eben die halbdeutsche „Heroes“-Nummer und dann war da auch noch dieses kuriose Weihnachtslied mit Bing Crosby. Das war’s dann eigentlich bis zur Fahnezeit.

Keine dolle Ausbeute, aber viel Gerede um den Superstar da in Berlin und seinen Kumpel Iggy Pop, der noch viel weniger Sendezeit erhielt.

Ganz knapp vor der Einberufung gerieten mir ein paar Nummern der „Lodger“ aufs Band. Seltsames Zeug, das nicht zünden wollte und zum „Schönhören“ war keine Zeit mehr. Prora calling.

Die Lodgerstücke ähnelten denen von Iggys „New Value“-LP, aber sie klangen als seien sie die übriggebliebenen Reste. Iggys Platte war zuvor ebenfalls im Rundfunk eingehend besprochen worden, wobei einige Beute-Tracks abfielen und die hatten die Nase deutlich vorn.

Von „Fame“ bis „african nightflight“ waren es also 4 Jahre Fantum.

Und es wäre niemals so lange geworden, wenn ich Wessi gewesen wäre und mir 1975 die „Young americans“ gekauft hätte. Denn auf der Platte fetzt „Fame“ und der Titelsong geht auch noch, aber der Rest – puhhhhhhh, das war eine ziemliche Enttäuschung, als ich sie ende der 90er/anfang der Nullerjahre endlich kennenlernen konnte.

Ja, Old Davy hat so seine Schaffenskrisen. Das Image fing viel auf. So scheint es mir heute.

Ich war high, als ich damals im Fahne-Urlaub vor den drei LPs saß:

mde

Station to station – Low – Heroes – endlich MEINE!

Die Armeezeit hatte mir „meinen Dealer“ beschert. Er, ich, ein angehender Schauspieler und ein Pastorensohn, 4 Abiturienten unter Assis – klar, dass das zusammenschweißt. Rüdiger hatte reichlich Westverwandtschaft und ebenso reichlich Geschäftssinn. Als er hörte, dass ich willens wäre, die üblichen 120 Mark pro LP zu zahlen, sprach er kurz und schmerzlos: „Mach ma Liste.“ Er hatte mir versprochen, wenn die Ware bei ihm angekommen wäre, seine Mutter zu instruieren, an meine Mutter Pakete zu schicken. Bezahlt hab ich mehr oder weniger mit meinem Wehrsold. Herbeigesehnt der Brief von zu Hause: „Rüdigers Paket ist da.“

Ich mit einem Mal – King on the Block! Wenn ich erst wieder draußen wäre, würde nur noch gelten:  Das is‘ der Typ mit den Bowie-Platten!

Das war sowas wie ein Ritterschlag! Lindenberg-, Genesis- oder Beatlesplatten konnt’ste überall mal kriegen, aber Bowie — den gab’s nur bei MIR!

Gott sei Dank wusste ich den LP-Titel der „Fame“-Platte nicht, nur deswegen hatte ich die nicht bestellt.

Auf die „Low“ war ich am neugierigsten gewesen, weil mir „sound and vision“ ursprünglich am besten gefiel.

Die A-Seite der Platte hielt auch, was der Song versprach: Es rumst ordentlich und in todesschwangerem Bariton grummelt Bowie üble Botschaften a la „always crashing in the same car“ und ähnliche Idyllen herunter. Ab und an bricht die Stimme in zickiges Gemecker aus, um gleich wieder tiiiief abzustürzen. Nina, heute die Großmutter des Punks, sang so ähnlich.

Aber dann drehst du die Platte um und – verstehst die Welt nicht mehr. Rausch-dudeldudel-schweeeeb – ab und an quäkt ein Saxophon; scheint sich zu beschweren, dass ihm gerade Gewalt angetan wird, denn der Spieler kann’s nicht.

Nirgends Text. Keine Melodie. Und was will er denn in „Warzawa“? Jeans kaufen wie ein Ossi?

Würde ich mir das schönhören können? 120 Mark für ne Platte, von der nur die A-Seite fetzt! Anschiss, verdammt!

Ich griff zur „Heroes“. A-Seite startet okay. Ich dringe bis zum Titelsong vor und beiße die Zähne zusammen. Verdammt! Die deutschen Strophen gibt es also nur auf der Singlefassung.

Nix mit „ICH! Ich bin dein Könnik! Und Duhe! Du Könnigin! Waaaahnsinn! Wird uns heilen! Dann sind wir Helden für alle Zeiteeeeen!“

Dann – B-Seite. Und fast wie bei der „Low“ fast alles instrumental. Aber – Erleichterung macht sich breit – deutlich schöner. Und dann noch dieses Hundebellen hinten im Mix, ungefähr in der Mitte:

Gerade vor dem Urlaub mussten wir Glatten eines Sonntags das Wegesystem auf einem der Schießplätze neu abstechen. Wir waren unter uns. Die Kapos waren ebenfalls Anfänger und hatten noch mehr Tage vor sich als wir. Ein gemütlicher Arbeitseinsatz mit Frühlingswetter und Pausen. Und in einer davon hörte ich Kirchenglocken aus der Ferne und ein Weilchen später einen Dorfhund schimpfen. Es war ein Idyll. Wir hatten es im Unterbewusstsein: Die große Härte war nach den ersten 6 Monaten vorbei. In ein-zwei Wochen kommen neue Glatte. Die Zwischenhunde werden EK‘s und wir rücken auf als Zwio’s. Von nun an werden die Neuen die Kotze wischen müssen…

Die Bowieplatte zuhause hält diesen Moment fest. Bis heute.

Bliebe noch die „Station to Station“. Die entpuppte sich als die geschlossenste von den dreien. Auf beiden LP-Seiten wird gesungen. Der Titelsong und „TVC15“ sind gleichwertige Brecher, die die LP-Seiten eröffnen. „Golden Years“ ist eh klar: Klasse! Und auf beiden LP-Seiten bekommt er es hin, abschließend in ganz ruhigen Songs ganz „gefährlich“ zu wirken. Die Minuspunkte sind die fast 5minütige Graupe „Stay“ und die ohnehin Elvismäßige Kürze der Platte.

Der Zwio-Sommer 1980 kam, ich wurde versetzt und Spießschreiber, alle 4 waren wir nun in unterschiedlichen Einheiten. Immerhin: an den Wochenenden jagte einen nun keiner mehr zum Küchendienst oder zum Schießplatz umgraben. Wir lagen also FKK am Landser-Strand vor der Kaserne, badeten, lasen und schlossen neue Geschäfte ab.

mde

Nach der Fahne sah ich dann zum ersten Mal das „Ashes to ashes“-Video mit dem Clochard in der Brandung und mich traf der Schlag: Major Tom als Clown im seichten Wellengang – der Ostsee vor Prora! Das drängte sich einfach so auf und war so verdammt nah, dass ich die LP damals nicht wollte. Denn Prora – das war in übler Weise deutlich mehr als FKK und Platten dealen! Da stellten sich sofort auch all die anderen Bilder ein, an die man nicht erinnert werden wollte!

„Ashes to Ashes, Punk to Punkie, we know Major Tom’s a Junkie strung out in heaven’s high hitting an alltime low“

geradezu beängstigend exakt der Punkt an dem ich mich 1981 befand.

Was haben wir zu EOS-Zeiten die Pistols gefeiert! Und Clash…und nicht zu vergessen Blondie!

Aber nun? Nach der Fahne?  Was würde die Zeit bringen?

Zum Schritthalten mit der Musikentwicklung waren die sechs Urläube von der Fahne zu kurz gewesen. Die Standortradios hatten mit Pflastern gekennzeichnete Senderskalen, damit keiner Westen hört. In Prora eh ein Witzvorhaben. Da kriegste eher Dänemark!

So blieb sommers nur diese dämliche Ostseewelle-Rostock mit Abba und Goombay Danceband in Dauerschleife und in der dunklen Jahreszeit die „üblichen“ Sender der Ehemaligen.

Du kamst wie „auf null gestellt“ nach den 18 Monaten zurück. Und da war vor allem die NDW, als Ventil zur Linderung deines Prora-Klapses: „Ich gehe nicht mehr! Nach Cuxhaven! Nein! Neineinein!“

Im Radio liefen die Singles „Fashion“ und „Scary monsters“ zwischen Ideal-, Interzone- und Spliff-Stoff, und hatten keine Chance dagegen anzustinken. Obwohl gerade der Text von „Fashion“ einer von Bowies besseren ist, aber das entging mir. Wenn Klartext zu haben ist, brauchst du keine Fremdsprachen-Messages in verblümter Form. Einer von jenseits des Atlantik schaffte es doch in unsere Lauscher: Neil Young donnerte zeitgleich seine „shots!“ ab, auf einer Platte, die passenderweise Re-ac-tor hieß! Das brachte die Rache-Amok-Gelüste von Fahnerückkehrern besser auf den Punkt!

Dagegen Bowie am Strand von Prora und diese melancholisch-ruhige Keyboardmelodai? Passte nicht! Noch nicht. Die Zeit war noch nicht bewältigt! 6 Jahre später hatte ich die Platte dann doch. Und sie wurde zum all time fav! Das Ganze klingt mir heute wie eine gutkonzipierte, dekadente Militärverarsche-Party – it got nothing to do with you if one can grasp it – und die vielfüßigen Trappelgeräusche zu Beginn der A- und der B-Seite erinnern an die Ratten in der Bataillonsküche, wenn früh um 5e dort das Licht eingeschaltet wurde.

„So where’s the moral
When people have their fingers broken
To be insulted by these fascists
It’s so degrading
And it’s no game

Shut up!
Shut up!“

Ich werd‘ auch das Gefühl nicht los, dass die „Scary Monsters“ klingt, wie die „Lodger“ zuvor hätte klingen sollen.

Bowie schloss mit „Scary monsters“ 1980 seine relevante Phase sauber ab und begann anschließend zu schwächeln. „Cat people“ kam raus. Im Giorgio Moroder Mix. Ächz! „This is not America“ mit Pat Metheny… nun ja, die Moderatoren priesen es… ich brauchte eine Weile um mir dieses stromlinienförmige Gelalle schönzuhören. Aber im Endeffekt kam es doch auf der positiven „Haben-Seite“ an.

Seine Kreativitätsreste verstreute „der schöne Dave“ bis auf Weiteres auf Nebenprodukte: Absolute Beginners, Dancing in the streets, under pressure… Er war nun Schnösel geworden. Der Schicki-Micki-Dancer. Einer der seltsam schlecht in seine eigenen Videos passte. Und was jetzt erst auffiel: Der keine Botschaften hatte!

Zum Fremdschämen – das „Let‘s dance“ Filmchen mit den Aborigines! Wie er da frischgefönt und onduliert in der Arme-Leute-Disco steht und das Elend der Welt in diese billig-Phrase: „put on the red shoes and dance the blues“ eindampft –  … da verstehste dann die Welt nicht mehr! Mit solch einem Mist zu kommen, nach „Scary Monsters“!

Zu meiner Schande sei’s gestanden: Ja, ich habe die „Let’s Dance“ seinerzeit komplett aufgenommen und das Band auch immerhin häufiger angehört als Tull’s „Stormwatch“ oder Barclay James Harvests „Turn of the tide“; aber nach der Wende blieb sie ungekauft und wurde auch bis heute nicht vermisst.

Eine andere Hausnummer ist da die „tonight“. Die kaufte ich im Intershop im Cottbusser Bahnhof ganz zu Beginn meines Berufslebens und die wurde somit Soundtrack des ersten Dienstjahres ganz dahinten im Sorbenwald. Abgeschnitten vom Westfernsehen, sah ich dazu keine dämlichen Videos. Somit blieb die Platte für mich, was sie vorgab zu sein: Ein Gruß aus den Metropolen der Welt! Mit ganz viel Trost:

mde

„Don’t know who else came to kneel
On this empty battlefield
But when I hear that crazy sound, I don’t look down
From Central Park to shanty town…“

Ja und dann guckste wie er auf die Einschusslöcher in deinen Blütenträumen, die sich einfach nicht realisieren lassen.

Heute purer Erinnerungssound an all die Fahrten nach Plauen zum Flohmarkt und die lange Reihe von Schätzen, die ich dort heben konnte. Gib mir Musiiiiik-Musik-musik…..

Zwei alte Großtaten von Bowie waren auch dabei: „Diamond Dogs“ und „Aladin Sane“. Aber die kriegen später mal einen Post.

Nach „Tonight“ war für mich Schluss mit Bowie. Für die Nachfolge-LP schämte er sich schon kurz nach Erscheinen selber, weshalb die Tour seinerzeit auch nicht nach der Platte, sondern nach dem einzig verwertbaren Song darauf „Glass-Spider-Tour“ hieß. Ein verdienter Flop.

Schweigen wir sie tot. Die Tin Machine Phase ist besser als ihr Ruf, ging aber seinerzeitnicht nur bei mir völlig unter. Bowie den Popper hatte eben nicht nur ich satt. Mit „Hours“ und „Heathen“ hätte er mich dann fast wieder gehabt, aber wenn du Bowie hören willst, welche legst du dann auf? Hat da „heathen“ wirklich eine Chance, wenn die „Hunky Dory“ oder die „Heroes“ gleich danebensteht?

Und vor allem: wie oft hast du noch Lust auf Bowie im 21. Jahrhundert?

Im Player rotieren eher

Onkel Neil und Onkel Lou, Sister Ann W. kommt noch dazu,

Dan, Barry und Waylon sind oft dabei,

YES und Eagles einwandfrei!

Und klingt ein Sampler gar so schön,

dann liegts an : „Faaaaaaaaaame! Whats your name?! Whats your name?!“

Ersatzreligion

Ohne Musik leben, geht – aber es wäre sinnlos.

Initialzünder waren zwar Slade und Sweet, aber als die uns peinlich wurden, blieben Nazareth übrig.greatest hits

Irgendwie folgerichtig, wenn man sich als Hohepriester einer Ersatzreligion Nazareth nennt.

Please me, squeezze me, Teenage rampage, Tiger feet, Come on everybody to the buuuuump! So Kram halt war es in der ersten Zeit, als der Rekorder neu und die Ahnung noch gering war.

Aber dazwischen waren immer auch Nummern, die länger bleiben durften, die man mit 15 aufnahm und für die man sich mit 16 immer noch nicht schämte: Marsha Hunt „Southern man“, „Pinball Wizzard“, Elton-John-Version, weil im Westen der Film gerade neu war und natürlich „Johnny B.Goode“, Hendrix Style!

McCafferty and the Boys wurden von mir via „My white bicycle“ entdeckt. Das war 1975. Danach gelang mir noch „This flight tonight“ zu erbeuten und erst DA-nach “Love Hurts“, als es zum dritten oder vierten Mal chartete und eine Musikladen-Performance erlebte. Bei der Gelegenheit sahen meine Klassenkameraden und ich die Band auch zum ersten Mal.

„Der Sänger könnte Ecke sein. Der kann‘s oooch nich. Und der Drummer is Bludgy, wächn dor Brille.“

„Love hurts“ war so eine Generationen verbindende Übernummer, die sogar die mochten, die mit Hardrock gar nicht konnten. Uriah Heep ging es mit „Lady in black“ ähnlich.

Natürlich war „love hurts“ schon viel früher durch den Äther gejagt worden, so dass ich es in Blödel-Englisch hätte mitsingen können, seit ich 12 war; aber 1. wusste ich da nicht, dass die Combo Nazareth heißt und 2. hatte ich anno’73 noch keinen Rekorder.

Die besagten drei Hits waren zunächst alles, was man von denen kennen musste, um beim Fachsimpeln mithalten zu können. „Oldies for Youngsters“ (HR3) brachte etwas später an den Tag, dass es da jene mystische Nummer „Morning Dew“ gab.

Herrlich daran war dieses Gitarren-Echo, was uns damals den Begriff der „Rückkopplung“ zu veranschaulichen schien. debutAber wir Blinden schwafelten von der Farbe – sozusagen. Keine Ahnung wie der Effekt wirklich heißt. Geil klingt das bis heute! Der Text hingegen auf den ersten Hör – armselig. Aber das „Rock&Roll Museum“ auf NDR 2 kam zu Hilfe mit einer Themensendung über Joe Meek. Der hatte es mit dem Jenseits und Outa Space. Die Mystik von „Johnny remember me“ übertrug sich einfach auf „Lord I heard a young girl cryin‘ Mama!“ Gespenstisch – gut! Nun siehst du die Moorlandschaft richtig vor dir, aus der die Rufe kommen! Irgendwo da draußen wartet deine Fee auf ihre Rettung!

Als die „Close enough to Rock and Roll“ erschien, gabs die kalte Dusche: Die wurde recht umfangreich im Rundfunk besprochen: „Eine weitere etablierte Band, die an sich selbst scheitert.“ (Zuvor war es Jethro Tulls „Too old to Rock&Roll“ ganz ähnlich ergangen. Bei beiden Verrissen war erwähnt worden, dass „die großen Bands progressiver Rockmusik in der Krise stecken“ würden, da auch „die letzten Veröffentlichungen von Who, Led Zeppelin und Genesis eher laue Geschichten“ seien.

Als Beweis wurde dann „Telegram“ gespielt. 7 quälende Minuten, die nicht zünden. Ein Generationswechsel in der Rockmusik sei dringend nötig. Rätselhafterweise feierten dieselben Moderatoren aber zeitgleich Little Feat und Herbie Mann als große Nummern. Nach Verjüngung sah das nicht aus.

Ein paar Tage später wurde in der ARD per „Info-Show“ der Punk gezündet. Da war er! Der Wechsel! Aber der NDR zickte und zierte sich, spielte ihn nur äußerst dosiert.

Nazareth verschwanden aus meiner Wahrnehmung. Punk-Years. Fahne-Zäsur. Ende der Kindheit.

Rückkehr von dort. Mit Veteranengefühlen, als käme man von Verdun zurück. Heiße Studentenjahre standen bevor, aber am Ende drohte lebenslang ein Beruf, von dem ich nicht wusste, ob es der richtige sein würde. Slade röhrten den Ratschlag „I believe in Women my-oh-my“ – mitten in die NDW!

„Hier kommt die Antwort auf deine Gegenfrage! Wo liegt der Sinn denn von dieser Textbeilage? Der liegt im Dunkeln! Das ist der Reiz, den ja wohl jeder kennt!“ (Joachim Witt)

Nazareths McCafferty krächzte die Empfehlung „Dream on“ dazu und aller Rest war Interzones „Blues“: „Dein kleines bisschen Leben! Wird grade abgepackt!“ Ich hielt mich dran und genoss den Rausch.

„Kleine Taschenlampe brenn! Schreib ich lieb dich in den Himmel…“

Im Intershop hing die „Sound elexir“. Vermutlich im Westen ein Flop, deshalb nun die Restexemplare im ganz nahen doppelpackOsten verhökern! Das Cover zeigt vier Whiskyflaschen in so Reklame-wirksamen, goldgelbem Licht. Und wenn du die Platte kennst, dann weißt du, dass die Erstellung des Cover-Shots sicher das teuerste daran war. Irgendeinen Musikinstinkt muss es geben. Während ich um Waggershausens „Tabu“ herumschlich wie der Fuchs um den Hühnerstall, hob mich das Whiskysoundelexir gar nicht erst an. Als ich die LP schließlich von einer Bekannten geborgt bekam, zeigte sich, dass das richtig war: Rums-Rums-Rums…wie beinahe alle alten 70er Heroen in den 80ern: Max Werner-/Phil Collins-Syndrom. Ich brach die Aufnahme ab, hörte mir die B-Seite gar nicht erst an und gab die Platte zurück.

ballads2ballads1So geschahs, dass 1990 ebenfalls erst alles Mögliche andere wichtiger war, als sich um Nazareth zu kümmern. Im Gründerfieber hatten sich in der schönsten Stadt der Welt gleich mehrere Videotheken etabliert und eine in der Wenzelsstraße verlieh auch CDs. So wanderten „The Ballad Album“ und „The Ballad Album Vol.II“ auf Kassetten für den Drivin’ Sound im ersten West-Mobil.

Das war überhaupt so ein Moment für die Ewigkeit. Sommerabend ‘93. Du fährst hinters Buchholz, parkst mit Heimat-Panoramablick, machst die Scheiben runter und „Old days“(Chicago); „Dream on (Aerosmith), „far far away“(Slade),“Moscow“(Wonderland) „Dream on“(Nazareth)…holen dir die 70er zurück! Hier ungefähr stand’ste damals mit’m Mokick und hast -ganz ohne Musik- das LIFT-Konzert von Schkölen sacken lassen!

Da die Nazareth-Balladen reichlich zum Einsatz kamen, kaufte ich mir nun doch die „Greatest Hits“, was sich als suboptimal erwies. Da sind zwischen den Nuggets so einige Graupen drauf, die ich nu auch wieder nicht gebraucht hätte. „Razzamanazz“ und „Shanghaid in Shanghai“ – und so Rumpelzeug halt. Positive Überraschungen gibt’s aber auch, z.B. das Slide-Feuerwerk auf „Early in the Morning“ und der rauschhafte Rausschmeißer „where are you now“. Hach, mehr davon!

(Ausgerechnet letzterer stammt von der „Sound Elexir“! Da kannste mal sehen: Auch Mistplatten sollte man wenigstens einmal zuende hören! Weiter hinten kann doch noch was kommen!)

Da ausgerechnet der „Morning Dew“ auf der „Greatest Hits“ fehlte, war klar, welches der nächste Schritt sein würde: Her mit dem Debut!

Ungehört per Mailorder bestellt, bekommen, aufgelegt:

Mir fällt grad keine Platte ein, von der ich verblüffter war! Diese Vielfalt in der Güte haute mich um!

Das klang wie Black Sabbath+ Rod Stewart x Neil Young : Chicago – Bläsersatz; oder so ähnlich.

Nun hatte ich also Blut geleckt. Im WOM entdeckte ich die „Rampant“. Das geschichtsträchtige Cover lockte heftig. Ich hörte dort am Tresen rein und riss mir schon bald die Hörer vom Kopf: Bootleg oder was? Einen beschisseneren Sound konnte man sich für eine offizielle Platte gar nicht denken! Dumpf, übersteuert kratzende S-Laute – unvermittelbarer Schrott! Hat die in den 70ern auch so geklungen? Zweiter Versuch mit der „Expect no mercy“, genau die gleiche Scheußlichkeit. Ende.

Für Jahre. Dann irgendwann in einer Wühltonne eines Plattenladens – gebrauchte CDs zum kleinen Preis. Ich fische die snakes„Snakes and Ladders“ heraus: „Helpless“ ist da drauf! Und Janis‘ „Piece of my heart“. Denk an „Love hurts“ und „Ruby Tuesday“! – Covern können die aus dem Handgelenk! Gekauft, gehört, gemocht. Feines Teil! Wiederholt geplündert für diverse Autobahnsoundtracks.

2008 trat ich dem Rockzirkus Bochum bei und ein Mitforist dort machte einen Nazareth-Thread auf. Ergebnis: Ich musste mir die vielgepriesene Live-Aktion von Vancouver kaufen – das Snaz-Album! Dringend! Herrlich, wenn man Track 1 geflissentlich wegskippt. („Telegram“ – siehe oben.) Der Rest ist fein. Besonders der „Java-Blues“: Kaffee-Kaffee-Kaffee-Java-Blues! Und J.J.Cales „Cocaine“. Ja, covern können die mit links! „Morning Dew“ kriegen sie live nicht richtig hin. Wermutstropfen. Dafür gibt es als Entschädigung „Morgentau“ als Bonustrack. Kurios und unfreiwillig komisch.

Den Amazon-Rezis war zu dieser Zeit zu entnehmen, dass sich in Sachen Wiederveröffentlichung der Altwerke etwas getan hat und jetzt auch „Rampant“ und „No Mercy“ in astreiner Qualität zu haben seien. Ich war nun zwar nicht mehr der jüngste und in Sachen musikalischer Futtersuche auch relativ satt, aber die „Expect no mercy“ Wiederveröffentlichung der Nullerjahre lockte mit dem Clou, dass man da zwei ehemalige Platten bekam; nämlich die offizielle aus den 70ern und das eigentliche LP-Konzept, das in letzter Sekunde damals verworfen wurde: 4 Songs no mercyUnterschied und völlig andere Songreihenfolge. Für Musicjunkies wie mich ist das ne Leimspur. Da kann ich nicht anders! Das muss ich hören! Warum wurde das für nötig gehalten? Welche Version würde mir besser gefallen? Her damit!

Klasse!

Welche ist die bessere? Weiß ich bis heute nicht. Bei jedem Hördurchlauf die jeweils andere. Das Booklet verrät, dass der Grund für die Auswechslungen der Song „Moonlight eyes“ gewesen sein soll. Die Band wollte weg vom Image der Love-hurts-Schnulzen-Combo. „Moonlight eyes“ wäre ein sicherer Hit im selben Schema gewesen. Auf der „Ballads“ war er ja dann doch drauf.

Was mir vor allem an der „Expect no mercy“ gefällt, ist zweierlei: Zum einen hör ich beim Title-Track irgendwie immer Aram Chatchaturijan heraus. Die müssen kurz zuvor den Säbeltanz gehört- und dann vermutlich im Vollrausch losgejammt haben.

Und dann ist da noch das witzig vergurkte Coverbild: Nazareth sind Schotten und die haben bekanntlich ein Alkoholproblem wie die Russen, siehe auch „Sound elexir“-Cover. Und wenn du in dem Zustand als Grafikdesigner ans Werk gehst, dann kommt sowas raus, wie der behelmte Hüne da, mit den Armen hinter den Helmhörnern! Wenn der nämlich den Schlag ausführt, zu dem er bereits ausgeholt hat, dann haut er sich den eigenen Helm direkt aufs Nasenbein! Shit happens. Vermutlich hatte er die Ausgangsposition besoffen und unbehelmt schon eingenommen, dann aber unentschlossen herumtaumelnd verharrt, bis ihm ein mitfühlender Kostümbildner den Deckel aufs Haupt gedrückt hat: „Mütze auf, Junge! Wird kalt!“

„Aaaalllll the kings horses“ können da auch nichts mehr retten.

Prost! Mit Kaffee. Wegen Java-Blues!

Damals war’s

In alter Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, bekamen wir Kassettenrekorder zur Jugendweihe geschenkt. Und sehr bald reichte uns deren Klang nicht aus. Da Taschengeld für richtige „Anlagen“ nun mal nicht reicht, sammelten wir allerhand Erfahrungen mit Draht und Fernseh-Litze und verstöpselten unsere Anetts/Minetts/Sonetts mit großen, frisch aus dem Wohnzimmer enteigneten, Holzkastenradioapparaten. Die waren vom Fernseher dort entmachtet worden und staubten vor sich hin – bis sie einen mehr oder weniger schnellen Röhrentod starben, wegen jugendlicher Überlastung im Kinderzimmer durch endloses Wiedergeben der „Hottentottenmusike“ der Anfangszeit.

…. teenage-rampage- now-now-now!

Voluminöser dumpfer Mono-Sound. Mancher stöpselte noch extra Lautsprecher, geplündert aus zerlegten Holzkastenradios von Oma oder Tante, samt Rekorder in dieselbe Buchse – knirschel, kraxelkrächz- Totalausfall. Aber manchmal klappte es eben auch – und dann klang es fast wie Stereo.

Cum’on feel the noise!

Wir feierten unsere Entdeckungen, träumten uns in die Royal Albert Hall bei „White Bird“ von It’s a beautiful day, oder ins Dingsbums-Lyceum Los Angelas bei „bye bye love“ in Simon und Garfunkelfassung.

Wie geil muss das sein, wennde selber als Mitglied von Fricture Pink – (Jaja, ich schrieb die so! Wo hätt‘ ich lesen können sollen, wie die sich schreiben, damals hinter der Mauer?)  – im chroßn Gino auf der Bühne „house of the rising sun“ rockst und die Gitarre brennt?!!!!!

Oder wennde dir Mähne und Vollbart heranzüchtest und den Text so herrlich herausröhrst wie die:

„….not to dooooooo, what IIIIIIIIIIIII have doneeee….“

Yeahr!

Ja, damals war Musik der tägliche heilige Gral, der alle Wunden heilt.

Die Hauptkunst! Ersatzreligion!

Als wir das Geld hatten, bauten wir ihr Hausaltäre! Oben auf dem Bücherschrank.

Links und rechts die Boxen, die nie groß genug sein konnten, in der Mitte das einzige wichtige Möbelstück des ganzen Hauses: Das Spulentonband, dem wir kalt den Platz der Bierbüchsen-Pyramide opferten. Das Anett hatte ausgedient.

Und dann der Tag der ersten Westplattenaufnahme, zwar vom Spenderband noch, aber in Superqualität:

„looking for someone! I gueeeeesss, I’m doin‘ thaaaaaat….. YEA-HEAR!“

Der Kirchensound der „Trespass“ lässt die „Sauerkrautplatten“ der Wärmedämmung in der Kinderzimmermansarde vibrieren.

Bludgy allein zu haus. Niemand nervts. „Visions of angels all around! Dance in the sky!“

Da die LP-Spielzeit recht kurz war, hatte der Bandspender auf dem Bandrest hintendran noch „Stairway to heaven“, was die Platte wunderbar ergänzt, weil sie somit nicht mit dem rumplig-rammligen „The Knife“ endete, sondern mit eben  dieser unsterblichen Led-Zep-Zugabe.

„And she’s buyin‘ a stairway to“ ch-ch-ch – drehen sich die Spulen plötzlich gegeneinander. Die eine voll, die andere leer. Für den letzten „heaven“ hat das Band nicht gereicht. Also singste das Wörtchen immer selber beim Aufstehen und Tonband ausschalten.

Rockin’a rollin‘! Wir erlebten eine Zeit, in der die Rockmusikentwicklung ihren Höhepunkt erreicht – und leider auch überschritten hat.

So wie die Fotoapparate einst die vielen Maler der Gründerzeit um Aufträge und Einkommen brachten, wie die Filmkamera dem Theater den Garaus blies, das Fernsehen das Radio aus dem Wohnzimmer vertrieb – starb die Rockmusik an Hodenkrebs. Einseitig zu Tode designed, marktkonform zugrunde analysiert, dudeln die verlässlichen Lieferanten immer gleicher Tonschablonen sich selbst in den Orkus der Klänge – im Dudelfunk.

Es gibt noch widerständige gallische Dörfer, die die alte Rezeptur des Zaubertrankes pflegen. Aber er bleibt Nischengenuss für Altgläubige in a pale moon’s shadow…

Ol‘ Frankie’s Watertown

Irgendwann schlägt jedem die Sinatra-Stunde.

Eine Platte für die Frühjahrsmüdigkeit.

Du legst sie auf, es umarmt dich eine einschmeichelnde Musik, die an früh70er Vorabendserien der Marke „Elefantenboy“ erinnert, oder „Margreth Thursday“ und du dämmerst weg, um erst bei den letzten Takten wieder aufzuwachen, „I’m sure, I’d recognized her face“… und die Musik entfernt sich, wie ein Personenzug, der in der Ferne immer leiser wird.

Du hast eine wunderbare Story verschlafen. Frank Sinatra erzählt sie dir auf seinem Watertown- Album von 1970, wann immer du willst.

Sehr viele werden es nicht sein, die das wollen. 30 000 Exemplare nur gingen damals über den Ladentisch. Ein blamables Nichts für „Ol’blue Eyes“. Es heißt, er mag deshalb das Album nicht.

Schade eigentlich. Es ist ein gutes!

Er wollte es ja selbst auch, als er von der „The Imitation of Life Gazette“ begeistert war.

Gaudio und Holmes machten sich also ran und schrieben ihm ein Konzeptalbum der sehr melancholischen Art.

Die Schilderungen all dieser Slacker-Schicksale in der Ami-Provinz zwischen Frau verdreschen-Auto schrotten-Drogen dealen-Army&Knast sind Legion. Hier stattdessen die leise sich anschleichende, völlig unaufdringliche Variante eines Saubermannschicksals, die dich im Nachhinein deutlich mehr berührt, weil der beschriebene Lebensstil viel mehr mit deinem Eigenen zu tun hat:

Ein verlassener Mann in den besten Jahren in einer amerikanischen Kleinstadt erzählt, wie ihn seine Frau verließ, weil die großen Erfolge in der großen Metropole lockten und wie er mit den Kindern zurückblieb.

Er erzählt, dass da kein großer Krach und kein Bleib-doch-Gebettel war. Dass sie sich lieb verabschiedete und versprach zu schreiben.

Wie er sich immer wieder damit plagt, die Gründe für sein Scheitern zu finden; weshalb der Magnetismus der ersten Ehejahre verflog; wie er sich einen Neuanfang herbeisehnt, wenn sie doch wiederkäme…

Wie in guten Hollywood-Streifen, wo Lachen und Weinen psychologisch meisterhaft kombiniert eng beieinanderliegen, entdeckst du in den simpel gehaltenen Lyrics hier ebenfalls die Gänsehautmomente und schmunzelst doch wenig später über Alt-Männer-Humor a la

„The kitchen looked like World War III, what a funny girl you used to be…“,

weil du diese Sprüche kennst. Weil das das Leben ist. Das Leben der Anderen. Solche Scheidungsgeschichten blieben gottlob outside of the family, aber nahe genug, um bei diesem und jenem Schicksal mitzuleiden.

Sie schreibt, dass sie an Gewicht verlor, mehr Auftritte hat, die Karriere läuft… die Stadt schön aber fremd bleibt. Er schöpft daraus Hoffnung.

Die Platte enthält keinen Las Vegas Swing mit Bügelfalten-Lackschuh-Tritt in den Bläsereinsatz, wohl aber diese sich anschleichenden Klarinetten-Soli a la Benny Goodman (Chamber Version). Violingestreichelt.

Der Schwachpunkt der Platte ist die Abwesenheit von einprägsamen Hooklines.; womit also keine Trompeten von Jericho-Chorusse gemeint sind. Aber so was „Heart of Goldhaftes“, leise Eindringliches, wie es eben Onkel Neil mit links kann, das wäre hier das Tüpfelchen gewesen. „I‘m sayin‘ something stupid, like: I love you“ – Old Frankie hat das ja zuvor bereits geschafft, aber eben leider nicht hier. Weil das nun nicht zu haben ist, kommt es dir phasenweise vor, wie ein Versuch, Brechts Episches Theater musik-minimalistisch untermalen zu wollen. Sinatra goes Minetti.

Aber wenn man sich drauf einlässt, dann geht man trotzdem mit, wenn die zunächst einschläfernde Musi‘, die den bescheidenen Alltagsablauf des Erzählers untermalt, lebendiger wird, da er einem Brief zu entnehmen glaubt, „Sie“ käme bald auf Besuch. Prompt steht er am Bahnhof. Es gießt. Das ist egal!

Sie kommt – sicher – die Schranken gehen zu – der Zug fährt ein – Leute steigen aus – und verlaufen sich. Der Zug fährt an –

„Ich war sicher, ihr Gesicht gesehen zu haben …“ – tudumm-tudumm-tudumm – und verschwindet am Horizont.

Der Songzyklus korrespondiert mit „Saturdays father“ auf der „IoLG“ der 4 Seasons. Der Begriff „Watertown“ wird auch dort erwähnt.

Und er korrespondiert mit „Delta Dawn“ von 1972. Hier steht SIE jeden Tag abreisebereit am Bahnhof, aber ER kommt nicht, um sie wegzuholen. In Watertown dagegen warten ER und die kleinen Söhne, aber SIE kehrt nicht zurück.

Feine Puzzleteile im Musik-Kosmos.

sinatra

Mr. Robertson’s Bestwerk

Auch schon wieder 10 Jahre her!

Robbie Robertson „How to become clairvoyant“ 

(Dieser Text entstand damals für den alten Rockzirkus Bochum. Die Platte hat an Bedeutung eher noch gewonnen! Ich leg sie auf, setz mich ins dunkle Zimmer und der Sound umarmt mich. – Dann kommt die Stimme: Mein großer Bruder (der Adoptiv-Dakota, you know noch?) raunt mir die Botschaften über den Rand seines Bierglases herüber…)

 

„Nö. Wir geben keine Interviews. Schon gar nicht in Europa.“

Tja. Selber schuld, Europa.

Überall konnte man vor 10 Jahren lesen, dass „Mr. The Band“ ein weiteres Solo-Werk veröffentlichte. Überall auch, dass das wieder einmal hervorragende Musik ist. –

Und überall, dass die Texte anspruchsvoll und „irgendwie“ autobiographisch sein sollen. Das war‘Robbies.

Nun sind DIESE Texte aber wirklich mehr als einen Schwafelsatz wert!

Ja, man könnte über eine ganze Generation, ach was sage ich, über eine ganze Epoche ins Diskutieren verfallen: Was bleibt übrig aus der Flower-Power-Ära?

Aber – nix.

Stattdessen: Clapton ist dabei! Er slidet auf Track X und feedbackt auf Track Y. Thats it, Baby. Ach ja?

Tragisch. Robertson war von jeher einer, der was zu sagen hatte.

Erst recht auf seinen Soloalben. „Storyville“ gab es eine Zeit lang mit deutschen Textübersetzungen im Booklet. Seine anderen Werke hatten diesen Vorzug nicht.

Robertson, Hunter, Young, von mir aus auch Clapton, Dylan & Co … die bestaunten Helden! Die Beneideten, Verehrten; zu welcher Bilanz gelangen sie? Wenn die nicht ein erfülltes Leben haben, wer dann? Hunter hat mit „shrunken heads“ und „Man overboard“ abgeliefert. Clapton mit „Pilgrim“, Young mit „Chrome dreams II“, „Monsanto years“ und „Earth“- – – Robertson arbeitet seit 1988 an den tieferen Weisheiten; lehrt uns 2011 nun, wie man Genießer wird. Das Coverfoto konterkariert den Titel. Sunshine-Reggae ist nicht zu erwarten; eher eine Art Entblößung des eigenen Seelenzustandes. Und von Track zu Track wird klarer, warum er sich den Clapton dazu geholt hat. Brüder im Geiste erzählen von ihrer „großen“ Zeit:

  1. straight down the line – An Warnungen hats nicht gefehlt: Der alte Bluesman lehrte mich: „Ich spielte niemals Rock&Roll, blieb immer sauber, bewahrte meine „Soul“. — Und in der Kirche diese schwarze Lady, die fast das Gleiche sang – das hätte mir was bedeuten müssen! – Aber die Musik hatte mich am Haken. Ich zog los – in den Rock&Roll.
  1. when the night was youngUnd wie das abging damals, als die Nacht noch jung war! Wir verwechselten das mit Morgendämmerung. Wir müssen nur lauter singen und der Krieg hört auf! Wir sinds, die die Welt verändern. Revolution ohne einen Schuss! … Der Krieg stoppte dann wirklich, kein Wunder, das wir weiter glaubten …aber die Nacht hatte gerade erst begonnen. … Andy Warhol wartet in der Hotellobby auf seine Late Night Muse, mit ihm sein Hofstaat. Ich weiß, was dann abgeht und verdrück mich in die Vorstadt in irgendeinen Bluesschuppen, ein paar Gitarren-Tricks abgucken. Es war der richtige Riecher, nicht mitzukoksen… Merke: Blues kann Leben retten.
  1. He don’t live here no more – Ich hatte ein Ticket für die erste Reihe und fand mich in der letzten wieder; war ich zu weit gegangen? Hatte ich den Bogen überspannt? War ich der im Wal und draußen klopfen sie immerzu: Isser noch hier? – Subtextvariante: Unsere erste Bleibe wurde eine Art Mekka, hier hatten wir ein paar wichtige Songs eingespielt, gekifft und gesoffen wie alle; der Hippiemessias war mit von der Partie. Nee, er wohnt hier nicht mehr! Ich war permanent auf Entzug, Enthaltsamkeitstraining, aber es wurde nix, denn immer wieder klopft es, während man den eigen Datterich unter Kontrolle bringen will: Ey Man, isser da? Kann ich ihn mal sehen? Und der nächste Joint flattert ins Haus, aber Bob wohnt gar nicht mehr hier…
  1. the right mistake – Und so zog die Karawane weiter. Von Stadt zu Stadt. Und man sammelt seine Narben und versucht immer den „richtigen nächsten Fehler“ zu machen. Denn die heutigen Fehler werden morgen Erfolge sein und umgekehrt. Absurd. Also lass uns Fehler machen, die uns weiterbringen.
  1. this is where I get off – Es wurde mit den Jahren immer schlimmer. Alles verändert sich, nur bei uns tat sich nichts. Wir hatten Erfolg, aber es brachte uns nicht weiter…. Subtext: Wie die letzte Lumpenbrigade zogen wir fixend und fickend durchs Land. Ich hatte es doch schaffen wollen! Nach oben! Deshalb stieg ich aus. Die anderen rafften das nicht. Elendes Gezerre um jeden neuen Song! Keine Entwicklung nirgends. Deshalb stieg ich aus.
  1. fear of falling – wann fing das eigentlich an …. Ist das an einen Ort gebunden oder an ein Gefühl? Haben wir nur geträumt? Haben wir es nun satt oder wollen wir weiter träumen? Warum kommen wir nie über die Startposition hinaus? Sieh dir an, was wächst und was vorwärtskommt. Warum nicht das, was wir träumten? Sind wir so tief unten oder stürzen wir erst noch? Wie lange zappeln wir noch an anderer Leute Draht?
  1. she’s not mine – und dann kam ich nach Hause, so down and out; ich brauchte jemanden zum reden und hoffte den alten Faden von einst wieder aufnehmen zu können … ich hätte es wissen müssen….sie ließ sich lange bitten und schließlich kam es zum Date: Ein fremdelndes Abtasten, ein paar Sätze über Filme… einst war sie die, die zu mir gehörte, aber ich war New York süchtig… ich musste dahin und sie blieb zurück; sie verstand es nicht; ich bettelte schon damals am Telefon, sie soll mich besuchen kommen, soll mich sehen, auf der Bühne – ihr Unverständnis konnte ich durch die Leitung spüren…. sie mag zu irgendwem gehören, ich bin es jedenfalls nicht….
  1. Also hin zu Madame X.; instrumentale Streicheleinheiten! Man rate, wo die Inspiration herstammt…..
  1. Axman – Der Axtmann kommt! Seit Jimi geht das so. Klar, das war herrlich. Wir machten uns auf den Weg, wann immer er irgendwo in der Nähe war. Er, B.B. King und so viele andere seither. Das gab immer soviel Auftrieb! Die Klänge befreien dich, machen die Nacht zum Tag – Fete, Absturz, Filmriss. Der Axtmann kommt! Wenn einer verloren geht, gibt es bald den nächsten. Immer wieder.
  1. Won’t be back! – Nee, dahin will ich nicht zurück. Die Jungs von damals wollten mich locken: Wieder auf Tour? So tun, als wär man ewig 25? Nee, ich brauch das nicht mehr. Ohne mich, Jungs! Macht euch nichts vor: Euch vermisst auch keiner. Der nächste Gitarrengott ist längst geboren.
  1. Clairvoyant – Benedictine, eine Verwandte der Isis und der schwarzen Madonna, konnte in die Zukunft sehen und mein Rätsel lösen: Mein Zeichen ist der Skorpion, wir gefährden uns, reiben uns auf, töten uns selbst… Plötzlich sah ich klar: Wer um die Ecken sehen kann, weiß, was als nächstes kommt – So erlangte ich den Durchblick; so lernte ich zu trennen, was lohnt und was nicht; ich genieße den Augenblick; das Bisschen, was zählt ….
  1. Tango for Django – Instrumental; aber die logische Konsequenz aus den Vorangestellten Tracks ist: Der Rock&Roll ist durch! Django Reinhardt. Days before Rock&Roll. (Aber eigentlich klingt das nicht nach Djangos Swing-Klampfe. Hatte er eventuell einen Filmmusik-Deal für Quentin Tarantio’s “Django unchained”, der dann platzte? Jedenfalls klingt die Nummer nach Robertsons ureigenem Americana-Stil mit ordentlich Indianermelancholie.) DAS nutzt sich nicht ab. Das bleibt noch. Für die Restzeit. Darauf einen Dujardin.

Jersey Boys (III)

 

„Sgt.Pepper“? Brauch ich nicht mehr.

„Her Satanic Majesties Request“? Zurecht vergessen.

„Tommy“? War mir immer schon nüschd. Nur 6 Minuten gute Musik auf einem Doppelalbum.

„Quadrophenia“ War mal ne schöne Konzeptidee, die heute musikalisch nicht mehr kickt.

„The Wall“? Völlig überschätzt. Immerhin 15 gute Minuten.

„Pet Sounds“? Och, naja…muss oooch nich‘ sein.

Welche großen Konzeptalben lasse ich auch heute noch an meine Ohren?

Johnny Cashs „This Train I’m on“.

Johnny Cashs genialen Indianer-Lieder-Zyklus „Bitter Tears“.

Das Konzepttrümmeralbum der Bee Gees „Odessa“.

Pink Floyds „Wish you were here“, DAS war einfach „meine“ Zeit!

Und vor allem „The Genuine Imitation Life Gazette“ von den 4 Seasons. Vor 10 Jahren erst entdeckt!

Ja, die 4 Seasons haben ein Konzeptalbum zu bieten!

Aus dem Jahre ’69!

Es floppte krachend.

Denn es ohrfeigte den Zeitgeist!

Mit 17/18/19 Jahren hätten mir zwar einige der Inhalte auch schon gefallen, aber 1. war das Schulenglisch noch nicht so weit und 2. wäre DIESE Art Musik damals nicht mein Fall gewesen. Es ist progressiv, aber kein Artrock im herkömmlichen Sinne. Kein krummtaktiger Trümmersalat aus Mitsingpassagen und Verdun-Soundtrack, sondern so eine Art Swing-Oratorium, das aber fast ganz ohne Bläser auskommt. Liest sich komisch – issaberso! Gitarrensoli gibt es auch keine.

Und dann wäre da noch die Vorgeschichte, die der Eastwood-Film antippt, ohne das Album und die mit ihm einsetzende Pechsträhne zu erwähnen. Weitere Erklär-Puzzle-Teile stehen in den Booklets diverser CDs.

  1. Las Vegas statt Woodstock

Bis 1968 lief die Hitmaschine der 5 (die den Drummer meist versteckten) wie geschmiert, auch wenn Europa das nicht mehr mitbekam, weil alles auf die britischen Bands starrte. Die 4 Seasons waren die Amerikaner, die daheim den Beatles doch hinundwieder einen Spitzenplatz streitig machen konnten. Manche Medien verpassten ihnen den Stempel „die Beatles Amerikas“ zu sein.

1969 riss der Glücksfaden gleich doppelt, nämlich mit besagtem Steuernachzahlungsproblem UND mit der Idee zum Konzeptalbum.

(Ich weiß nun nicht exakt, ob erst die Steuerfahndung kam, und das große Kunstwerk dieses Problem im Handumdrehen lösen sollte, oder ob das Album zuerst erschien, immense Gelder verschlang, floppte – und die Steuer dann noch einen draufsetzte.)

Auf jeden Fall hatte Bob Gaudio da etwas sehr Kluges im Sinn, nachdem er Jake Holmes kennengelernt hatte. Jake Holmes, machte grade in New York Furore als sarkastischer Kabarettist. Seine Programme in Greenich Village halten den Hippies dort den Spiegel vor: Er watscht sie ab und sie feiern‘s mit Gelächter. Eine frühe Form des Roastens. Gleichzeitig aber schrieb er „Dazed and Confused“ und verkaufte den Text – na wem wohl? Gaudio glaubte, einen Bruder im Geiste gefunden zu haben.

Seine Band war ihm ein mittlerer Graus. Der Pate hatte ihn da reingebracht. Dass Valli ein Braver war und ein Goldkehlchen hatte, das war schnell zu ersehen gewesen und den wollte er auch auf keinen Fall verlieren, aber diese andern Typen –  es nervte, ausgerechnet sowas reich zu machen!

Eastwoods Film illustriert sowohl ihre stümperhafte Kriminalität, als auch ihre eher niedrigen Ansprüche an das eigene musikalische Können. Gaudio aber sah sich – in Las Vegas! Member of Ratpack! Früher oder später. Irgendwann musste er kommen, der Kontakt zu Sinatra!

Wenn so einer nun ein Konzeptalbum angeht, dann ist klar, dass das nicht nach kosmischem Drogennebel oder gar Blues klingen würde.

Die deVito-Band soff und hurte, wie der Film verdeutlicht; ohne Valli und Gaudio, aber sie hielt sich „clean“, was die „Substanzen“ betraf.

Sie haderten mit der Bevorzugung der englischen Musikinvasoren. Plötzlich bekamen die automatisch die Hauptact-Rolle; die erfolgreichste Ami-Band musste sich mit Vorgruppenstatus begnügen, wenn sie überhaupt dabei sein wollte. Bei Auftrittsverhandlungen wurde man gefragt, ob man Beatles-Titel im Repertoire hätte, denn das wollten die Leute. Wenn man dann diese shitty-britty-horse-face-bums reden hörte, waren die entweder halluzinierend weggetreten oder derart arrogant, dass man das Kotzen bekam. Und denen den Vortritt lassen? Niemals!

Guck sie dir an: Tun so, als ob ihre Vorfahren unter Peitschenhieben Baumwolle gepflückt hätten und kommen von Eton! Was soll das? Ganzjahresfasching oder was?

Also blieben die Haare kurz. Bärte kamen nicht in Frage! Die Teppichweste blieb aus!

Die erste Watsche, die sich Gaudio bereits 1964 erlaubt, ist DIESE.(Klick)

Um nicht verklagt zu werden, wird ein Pseudonym auf die Singlecover gedruckt, dann das Beschwichtigungsmärchen in die Welt gesetzt, das sei Jazzgesang im Stil der legendären Rose Murphy, eine doppelte Reminiszenz also. Die Medien greifen das dankbar auf, der Song wird Hit und „His Bobness“ kifft sich stinkig den Frust weg und sinniert über Urheberrechtsabsicherung für die Zukunft.

Ein Jahr später folgt die „Beggars Parade“:

„Your Skin is thin, mine is too,

what’s so special about you?

Make excuses ’cause you just can’t make the grade….

Why you should work, without a rest,

when it’s easier to protest…”

Die naive Wohlstandsentsagung all dieser Elite-Hippies stört nicht nur Gaudio, sondern auch die deVito-Fraktion in der Band. Wenn du ganz von unten kommst, und es nach oben schaffst, dann schwillt dir nun mal der Kamm, wenn da so Typen frisch von der Mutterbrust kommen und „a hard days night“ verkünden oder „can’t buy me love“. Ham die ne Ahnung, ey!

Im „December‘63“ hatte deVito eine Hure zuviel bestellt und sie dem Miesepeter Gaudio, der sich von den Bandorgien ausschloss, in sein Einzelzimmer geschickt. Nicht ohne ihr einen Schein extra zuzustecken, mit dem Auftrag, sich ja nicht abweisen zu lassen. Schlüsselerlebnis. Welthit!

Schlag 3 soll nun das Album werden.

  1. Die astreine Lebenskrücken-Gazette

Als Gaudio und Holmes der Firma das Libretto zeigen, ist die entsetzt. Neun Songs. Unverkäuflich kompliziert. Nirgends ein Ohrwurm wie bisher!  Dazu der Coverentwurf, der prächtig ist und teuer wird. (Noch muss das alles per Hand gesetzt, kombiniert, gelayoutet werden.) Eine 6seitige Zeitung. Zu jedem Song gibt es einen Artikel, Pressefotos oder Karikaturen. Ein künstlerisches Gesamtpaket aus Dichtung, Bild und Ton!Bild (22)

John Lennon feiert das Album und klaut sich die Zeitungsidee später für „Sometimes in New York City“. Jethro Tulls „Thick as a brick“ – noch ein Fake-Blatt.

„The Genuine Imitation Life Gazette“ erscheint im Woodstock-Jahr, verdämmert 6 Wochen auf hinteren 90er Plätzen der „Hot hundred“ und ward dann 40 Jahre nicht mehr gesehen.

Die beiden legen den Finger in alle Wunden, die das Hippietum so mit sich bringt. Eine Sache allerdings sparen sie aus: „Make love not war!“ – die Kritik am Vietnamkrieg – wird nicht durch den Kakao gezogen. Auf dem Plattencover befindet sich unter anderem ein Uncle Sam („the Army needs you!“) vor Börsenkurs-Tabellen. Ein deutlicher Hinweis, dass man diesbezüglich kein Problem mit dem Zeitgeist hat, sondern die „Demokratiebringephrase“ genauso durchschaut, wie ein Dylan oder Donovan.

Worum geht’s nun konkret:

Track 1 „American Crucifixion and Ressurection“ ist ein 7Minüter; der Crosby Stills Nash & Young zeigt, was geht. Der Band-Chor singt die eine Songebene (die große Politik) und Valli lamentiert die andere Ebene dazwischen (die Alltäglichkeit).

Amerikanische Kreuzigung und Wiederauferstehung; wer die Überschrift für bare Münze nimmt, glaubt, die Platte liegt im Trend: Amerika erneuert sich gerade via Studentenbewegung. Passt!

Im Text des Songs gibt es zum einen die anschauliche Allegorie, dass die Knechte und die Sklaven, die gesprengten Ketten noch um den Hals, vor dem Palast des Prince of Peace stehen, der ihnen das Licht versprach: Nun realisieren sie, dass der Prinz ein Langschläfer ist – denn nichts passiert. Dylan?

Die Revolte ging führungslos „ins Blaue“ und erzeugte nun – viel Musik, gesellschaftlich aber keinen Wandel. Johnson ging und Nixon kam. Studenten belagerten Weißes Haus und Capitol.

Ein Schelm, wer an das Capitol 2021 denkt! Als die Massen eingedrungen waren – machten sie Selfies!

1969 haben sie immerhin die Wehrpflicht beerdigt und Nixon zu Friedensgesprächen mit Vietnam gedrängt. „Even Richard Nixon has got soul.“ (Neil Young war damals die Michelle Obama) Und für das entgangene Vietnam entschädigte sich die Machtzentrale mit ein paar feschen Juntas im Hinterhof, waydown south; Argentina, Brasil, Chile, Haiti, Dom.Rep.,…

Also wer wird hier gekreuzigt, und wer steht wieder auf?

Valli steuert den upcoming Hellikoptervater bei: Ein Jüngelchen erhält beste Bildung; bekommt Fairness und Gewaltverzicht anerzogen, erfüllt die Anforderungen seiner Lehrer aufs perfekteste. Aber draußen lauert das Leben in Form eines fiesen Chefs, und der nutzt den Träumer nach Strich und Faden aus, bis dieser merkt: Ich muss alles über Bord schmeißen, was sie mir eingebläut haben. Ich erinnere mich meiner Fäuste und meiner Ellbogen – und lerne diese zu gebrauchen: „Platz da! Oder aufs Maul!“ (Seine Lehrer würden ihn nicht wiedererkennen.)

Es folgt „Mrs. Statelys Garden“. Ein Antwortsong auf „Eleonore Rigby“. Wir erinnern uns an jene Mitleids-Ode über die alte vereinsamte Frau und Vater McKenzie, die Paul McCartney schuf.

Was wird aus dem Rentnerthema, wenn ein Roaster wie Holmes sich dessen annimmt?

In „Mrs. Statelys Garden“ trifft sich regelmäßig das Kränzchen alter Witwen, die die Neuigkeiten ihrer Umgebung durchgehen:

Hast du schon gehört? Nachbars Tochter – tot. Soll schwanger gewesen sein. Selbstmord. Armes Ding. Elli, du sitzt auf meinem Hut! Nu isser hin! Armes Ding!

Mitleid mit den Opfern der „freien Liebe“? Fehlanzeige.

In „Look up look over“ beschreibt Valli in einem reimlosen Lamento zu einer seltsamen Nicht-Komposition, dass er seiner Freundin übers Haar streichen kann und sie dann noch ein klein wenig Reaktion zeigt; ansonsten ist sie „gone“, obwohl sie anwesend ist. Syd Barett fällt mir ein. Ein Drogenopfer, dass sich das Hirn zerschoss. Und nun muss jemand die Reste pflegen. Nicht tot und nicht lebendig. Nicht weg und auch nicht da.

Bei Track 4 fällt mir „Singing in the rain ein“, die Nummer geht am deutlichsten in Richtung alter Tanz-Hollywoodstreifen: da schwärmt einer, wie toll das ist, dass er die Liebe in den Augen seiner Freundin sieht – bis in der letzten Strophe deutlich wird, dass er sich fürchtet, dass ihr Mann das auch sehen könnte. Ein Ehe-Crasher also auf frischer Tat.

Song 5 schildert die Folgen von sowas: Scheidung – und die vorhandenen Kinder müssen pendeln. Der „Saturday-Father“ holt seine Tochter von der Ex, macht ihr einen schönen Tag und erträgt es nicht, wenn sie bei der abendlichen Rückkehr weint. „Wer zweimal mit der gleichen pennt, gehört schon zum Establishment!“ „Make love not war!“ (und scheiß auf die Folgen!) Die Sexuelle „Befreiung“ ist in den Augen katholisch aufgewachsener Italiener die absolute Pest. Valli hat sein erstes Groupie, eine 10 Jahre ältere Musikjournalistin, geheiratet; es ging 5-6 Jahre gut. Dann traf es die ebenso alte Tochter, als es aus war. Sie wird Song 3 durchleben und durchleiden. Ihr blieben noch 10 Jahre. Gaudio hatte sich den Orgien entzogen. Die Dame, die ihm deVito im „December’63“ auf die Bude schickte, blieb eine „Lady“ für ihn.

Song 6 beschreibt, indem 2x dieselbe lange Strophe gesungen wird, die sich nur durch 2 Auswechslungen unterscheiden, wie der Lauf der Welt allweil derselbe bleibt: Die Uptown People sehnen sich nach dem „Ausstieg“ ins Village, die Künstlerkolonie. Sie ahnen nicht, was auf sie zukäme, würden sie es tun. Die Downtown People sehnen sich nach der Wallstreet und den teuren Läden da: Jeder idealisiert, was ihm fehlt. „Nenn es wie du willst, es ist immer dasselbe“. Hier geht der Text über die „Beggars parade“ vier Jahre zuvor hinaus: Es gibt nicht nur die Banker’s son’s, die sich ins utopische Armutsparadies träumen. Die Bovary bums. Es geht allen so.

Es folgt, sowas wie der Title-Track „Die wahrhaftige Lebensimitation“

Die in der Strophe gipfelt:

Old friends get together
But it’s solitaire they play
Everybody’s rainbows
Dressed in different shades of gray
It’s a lovely place to visit
But I wouldn’t want to stay

La-la-lalalala-hey Jude…

Wo alles auf „Solitaire“ (Ichbezogenheit/Selbstverwirklichung) gepolt ist, gehen die Ehen in die Brüche und die „Scheidungskids“ müssen getröstet werden, wenn sich denn ein Tröster findet.

„Idaho“ wurde auf Wunsch der Plattenfirma eingeschoben. Ein „Hit“ in bewährter Form sollte in dieses schwer verdauliche Oratorium einfließen. Gaudio und Holmes parierten. Die Nummer klingt wie früher, aber der Text erinnert an NDW-Nonsens der Marke „Prima Klima (fahr ich sofort nach Lima)“ Idaho, das macht mich so froh, ja das reimt sich so, Kinder suchen, Apfelkuchen, Idaho, weit und breit kein Klo…“ so in der Art. Idaho wurde eine Single und – verfehlte die Charts.

In „Wundern, was aus dir werden wird“ lamentiert der kopfschüttelnde Vater nochmal, ganz ähnlich der „Beggars Parade“, dass sich wegen der „Revolution“ die Studienzeiten des Kindes unabsehbar in die Länge zieh‘n, dass die weltrevolutionären Ausreden, warum kein Abschluss erfolgt, den Geldgeber nerven wie Hölle – zumal in Amerika, wo die Familie die Altersabsicherung ist. Was, wenn der Filius stur bleibt und ein Leben lang nur kifft und Blumen sät?

Die „Seele der Frau“ solls retten. Finde eine, heirate eine, mach ein Kind oder zwei, dann keimt hoffentlich Verantwortungsgefühl. Ihre Seele wird den Laden zusammenhalten. Seid nett zueinander. Was du gibst, soll später auch zurückkommen. (Nun – das gelingt in sehr vielen Fällen nicht. Der Neoliberalismus und die Verelendung der Fly-over-States zwangen zum flexiblen Herumvagabundieren auf immer größeren Distanzen zum Elternhaus. Auch das hat die „Revolution“ von damals nicht hinbekommen.

  1. Fazit

Wer hätte das kaufen sollen? Die Hippie-Generation inclusive aller Mitläufer fiel aus. Die bisherigen 4 Seasons-Single-Buyers ebenfalls: Hausfrauen und Redneckerinen brauchten Sound zum Geschirrabtrocknen und zum Tanzen. Und wenn es schon um Scheidungen und dergleichen Alptraumszenarien gehen muss, dann bitte mit Country-Untermalung. Die konservative junge Landbevölkerung? Typen, die die „Easy Rider“ erschossen und an der weißen Kapuze nähen ? Die störte schon, dass der Kram von Ostküsten-Ithakern stammte! Kurz vor „Nigger“ gewissermaßen. Es gab also gar keine Zielgruppe.

Somit grenzt es schon an ein Wunder, dass das Album 6 Wochen around Platz 96 in den Charts verbrachte. Aber vielleicht waren das die Rückkäufe der Firma, wie das so üblich ist, im Business, dann und wann.

John Lennon soll begeistert gewesen sein. Man weiß jedoch nicht weshalb. War‘s die  Anti-Eleonore Rigby? Die McCartney-Watsche? 1969 – da mochten sich die Fab Four nicht mehr. 1971 entstand „How did you sleep?“

Neil Young, Robbie Robertson, Ian Gillan schreiben heute, am Ende ihres Lebens, Texte, wie Gaudio 1969.

Und ein gewisser Frank Sinatra meldete sich bei Gaudio: Er will auch so ein Album. Holmes und Gaudio konzipieren „Watertown“ für den „anderen Frank“. Es floppt 1971 genauso. Und gilt heute Kennern als ein ebenso gesuchtes Kleinod wie die

Einzig wahre Lebenskrücken-Gazette.

Und was hat das nun mit mir zu tun?

Als ein 78er lebe ich einer vormundschaftlichen Generation hinterher. Es geht nicht anders. Es hat sich biologisch so ergeben. Meine Generation hat keine Trends gesetzt. Sie verdämmerte in Nischen. Hielt sich „still zurück für ein ganz privates Glück“ oder erlitt großmäulig Schiffbruch beim Anbiedern an „die Großen“ oder als Punk-Exot für „die Kleeen“.

Dazwischen ich – nun relativ schachmatt. (bissel Niedecken-Klau; sorry)

Ich wollte die Mähne, ich verehrte Hendrix & Co, ich wollte Jeans, Hippieketten und breite Ledergürtel. Eine Art Vorturner in all diesen Dingen war mein Cousin väterlicherseits in Bitterfeld.

Das familiäre Pflichttreffen der Großmutter zuliebe, war Gesetz. Da er ein Jahr älter war als ich, war er immer einen Schritt voraus und bekam das 68er Feeling früher ab. Was hab ich sein Black Sabbath Poster bestaunt mit 13 – und sein großes Spulentonband!

Auf den Heimfahrten begann ich dann für gewöhnlich zu nerven, um erlaubt zu bekommen, was ihm gestattet war.

Während des Pfingstbesuches 1975, wurde ich Ohrenzeuge, wie er am Kaffeetisch seine Eltern mit Vornamen anredete. „Toni, gib ma‘ Schlagsahne rüber.“ „N Hund zu haben, wär nich‘ schlecht, aber die Margot würde‘n nich‘ in de Wohnung lassen.“  Als wir heimfuhren, fragte mich meine Mutter, wie ich das gefunden hätte, und ob ich das nun auch so machen wolle.

„Um Gottes Willen!“, entfuhr es mir.

Vorn im Auto sackten meine Eltern erleichtert zusammen. Von Vatern erntete ich ein seltenes Lob: „Na Gott sei Dank! Ich hab enn vornümftchn Sohn!“ Mir war an dem Tag bewusst geworden, dass da etwas nicht stimmt an diesen Hippiemoden. Anfang ’78 trug ich wieder Igel. Punk ist, wenn man trotzdem lacht.

Sometimes Flowers ain’t enough. (Ian Hunter)

Jersey Boys (II)

My Eyes adored you … down the hall…

oder

Die 4 Seasons und ich (Teil 2)

Wir schreiben 1975. Herbst. Erster Schultag an der EOS. Endlich nicht mehr im Machtbereich meiner bisherigen Klassenlehrerin. Alles neu. Es wird ein Einschüchterungsprogramm gefahren. Wir sollen uns des Platzes an dieser Einrichtung würdig erweisen! Wir seien die Kader von morgen! Warum wollen nur 3 der 8 Jungs dieser Klasse Offizier werden? Da hat die Bewusstseinsentwicklung noch Reserven nach oben! Usw.

Christian und ich treten die Flucht nach vorn an: Als jemand für die Milchgeld- und Essengeldkassierung gesucht wird, melden wir uns. Wir kriegen den Job und haben nun eine Funktion. Eine kleine Engagement-Ausrede, wenn wir nach „Länger dienen“ gefragt werden sollten; dachten wir jedenfalls.

Von nun an brülle ich jeden Montag „Mühhlchgäääld!“ in einer der kleinen Pausen und so 8 bis 10 Hanseln treten dann vor meine Bank und bestellen Fruchtmilch oder Kakao für die nächste Woche.

Beim ersten Kassieren passierte es: Ich sitze. Sie steht. Sie war die kleinste in der Klasse. Unsere Köpfe sind also auf gleicher Höhe. Ich schaue von der Liste auf und bin mit eins geblendet: DIESER Blick! Die leibhaftigen Marianne-Rosenberg-Strahler! Die Elektrizität geht mir sofort bis in die Fußsohlen. Von dort schleuderts alles Blut nach oben – ich kriege eine feuerrote Birne und bin heilfroh, dass ich den Blick gleich wieder senken kann, um den Namen aufzuschreiben und das K für Kakao dahinter.

Die Schockwirkung hielt vor: Ich bin 15, später 16. Am Selbstbewusstsein fehlt‘s gewaltig. Kein Mut – kein Mädchen.

Und um es noch verzwickter zu machen, ist da auch noch diese andere in der Klasse, mit der es sich prima reden lässt. Immer. Nicht nur albernes Genecke, sondern fordernde Gespräche. Sie packt mitunter härteste Kritik in supernetten Frageton, wie hier:

„Eigentlich hast du vernünftige Ansichten, wenn’s um Bücher und Malerei geht. Du liest das gute alte Zeug. Warum stehst du musikalisch auf solchen Mist?“

Ja, da stehste dann eben so da und – aus die Maus!

„Äh…mpf…ja….ä….Pink Floyd und Yes sind doch kein Mist. Das ist die Klassik von morgen.“

„Meinst du wirklich, dass das uns‘re Kinder später noch hören?“, stellte sie einfach so, ganz versonnen wirkend, in den Raum.

Sie war eine aus gutbürgerlichem Hause, verheimlichte ihre Mitgliedschaft in der Jungen Gemeinde, um ihren EOS-Platz nicht zu gefährden und mochte klassische Instrumentalmusik. Ich meinte mit meinen Adaptions-Kenntnissen punkten zu können: Stern Combo, Nice, Ekseption …

Sie: „Naja, besser als nichts. Die halten wenigstens die Erinnerung an die richtigen Werke wach.“

Die eher stumme Kakaotrinkerin war die hübschere. Aber mit ihr hier würde es nie langweilig werden. Wir kannten beide Freytag und Schreckenbach. Wahrscheinlich sie damals schon den Heyse.

Die eine hatte, was der anderen fehlte – und mir fehlte die Entschlusskraft.

„I was born with a plastic spoon in my mouth….“ (das gewann gerade im „Musikladen“ als Beatclub-Oldie.) Ja, „my life was ragged“! The Who sangen, wie’s war. Spoon hab ich damals mit „Spund“, also Schnuller, übersetzt, der dich am Sprechen hindert. Mir fehlten die richtigen Worte zur richtigen Zeit. Ein Casanova steckte also nicht in mir.

Der HR 3 macht Oldie-Wochenende; jede Stunde ein anderes Jahr; beginnend Samstagnachmittag mit 1955; das Abendprogramm aber blieb bestehen. Deshalb ging es Sonntagmorgen um 9 oder 10 erst weiter.  Als am Sonntag 1963 dran ist, wird zum Mittagessen gerufen. Mehrfach. Geht aber nicht; denn gerade spielen sie die 4-Seasons-Hitkette: „Sherry, Walk like a Man, big girls don’t cry“. Da können doch Musikarchäologen nicht weg vom Gerät! Entdeckungen am Fließband! Und sooo viel wichtiger als Teilchenbewegung in der Spule, russische Parizipien, Licht-oder Schattenpflanzen – und erst recht – Sauerbraten mit oder ohne Knödel!

Außerdem gelingt Dank „Walk like a man“ die Tröstung. Der alberne Kopfstimmengesang konterkariert die Botschaft. Ich kann über mich selbst lachen; die Sache mit K. und H. irgendwie überspielen. Aber es bleibt dieser Restschmerz.

„I will follow him! Where ever he may gooooo!“ Little Peggy March. Auch‘63. Wenn’s doch bloß so einfach wäre! Wie herrlich sehnsüchtig sich das anhört! Und das ist echt die Schlagertante aus dem „Blauen Bock“ als Teenie?

1964 wirft dann noch „Rag Doll“ ab. Und ’65 schließlich „Help me Rhonda – yeahr – getting out off my heart.“ Die Beach Boys fiepen ganz ähnlich und liefern den passenden Song zur Blamage-Prophylaxe.

Die 4 Seasons-Pop-Hymnen haben also ganz entscheidend mit meinen Irrungen und Wirrungen zu tun, die durchgestanden werden müssen, bevor man von sich behaupten kann, erwachsen zu sein.

Es sind die Songs des „Wenn was gewesen wär“ – und immer, wenn ich sie heute höre, dann stellen sich da so Gesichter ein; unkaputtbar frisch – ganz anders, als sich auf diversen Abi-Jubiläen überprüfen lässt.

Auf „oh what a night“ folgte „down the hall“ im „Musikladen“ von Radio Bremen, der 1977 die „Helicon“ als LP-Tipp einer amerikanischen Super-Group anpries. In derselben Sendung gewinnt auch noch „Rag Doll“ als Telefon-Oldie. Hier war nun nicht zu übersehen, dass „Down the Hall“ ohne Frankie Valli auskam, er aber bei der „Rag Doll“ Performance wieder dabei war.

Erst Eastwoods Film liefert die Hintergründe: Es war die Zeit von Vallis Stimmproblemen. Die Steuerschuldfrage war nun erledigt, aber Frankies Stimme auch. Zeitgleich starb seine ca. 16jährige Tochter an Heroin. Papakind. Von der Scheidung der Eltern aus der Bahn geworfen, hatte sie den Weg der „Kinder vom Bahnhof Zoo“ gewählt. Irgendwo in Amerika. Er war fertig. Deshalb also sang er bereits auf der „Who loves you“ ausgerechnet den Hit nicht. Auch waren die Musiker da im Fernsehen nicht mehr die deVito-Boys, sondern kalifornische Session-Cracks mit italienischem Stammbaum.

Nach der gefloppten „Half and half“ war es ‘71 doch zum Bruch gekommen, seither waren Valli und Gaudio die 4 Seasons, die Musiker heuerten und feuerten. Aber die Entscheidung, an die Westküste zu gehen und bei Motown/West zu unterschreiben, erwies sich als Fehler. Niemand kümmerte sich um sie. Zwei gute Alben floppten unverdient. Also flohen sie zu Warner Bros. Und charteten prompt mit der 1975er „Who loves you“.

Beim Vergleich der Flopp-Alben von Motown mit den gepushten Warner-Sachen zeigte sich:

Gaudios Erfindungsreichtum war down.  Die Motown-Alben haben keine Aussetzer. Das Songmaterial auf „Who loves you“ und mehr noch auf „Helicon“ schwächelt leider gewaltig. Hat die erstere mit dem Welt-Hit „December‘63“, dem US-Hit „Who loves you“ sowie „Rhapsody“ immerhin noch 3 gute Nummern; findet sich auf „Helicon“ außer „down the hall“ nichts Bleibendes. Hinzu kommt der höhenlastige, gänzlich basslose Scheußlichmix, der die anderen Songs gegenüber dem scheinbar einzig zuendegemasterten „Down the hall“ so ärmlich aussehen lässt. Hit wurde „Down the hall“ nirgends. Nur auf Bludgeons 70s Samplern darf der Song nicht fehlen! Weil er allzeit verlässlich H und K an die Windschutzscheibe zaubert. Das süße Weh, das bleibt. Die Band wurde wieder auf „Rag Doll“ zurückgeworfen – und Sendungen wie „Oldies for youngsters“.

1979 machte „Grease“ in Westdeutschland Furore. Da John Travolta schon zuvor mit „Saturdays Nightfever“ medial überstrapaziert worden war, konnte „You‘re the one that I want“ nun echt keiner ertragen! Der Film lief im Osten nicht; was uns blieb, waren ein oder zwei TV-Trailer und diese Fremdschäm-Persiflage von Hallervorden/Feddersen – abwink! So fiel mir auch erst in Oldies-Sendungen der frühen 80er auf, dass den Titelsong „Grease“ Frankie Valli sang. Jedoch im Zustand frischer Verlobung schien der bisherige Valli-Magnetismus seine Wirkung verloren zu haben.

1988 oder 89 war ich Betreuer in einem E&A-Lager für 9.Klässler; wie es sie überall in der Republik damals gab. Eines Tages hieß es: Die LPG nebenan hat‘ne Leinwand aufgespannt und einen Filmvorfüher besorgt: Alle sollen ins Freilichtkino kommen!

„Welcher Film?“

„Wissmor niche!“

Kurz vor Filmbeginn wird bekannt: Es ist „Dirty Dancing“.

Ich bin bedient. Tanzfilm ächz! Ich denke an das, was ich von „Grease“ und „Saturday Nightfever“ weiß, ohne diese je gesehen zu haben, auch hatte „What a feelin‘!“ im Ost-/ und Westradio genug genervt. Schließlich noch das alberne „Footloose, footloose!“ inmitten der 80er Jahre Radio-Ödnis. Ich erwarte also eine Schnulze mit Scheißmusik.

Es beginnt mit jenem griesligen, aber den Filmtitel deutlich illustrierenden Foto und „be my, be my Baby“. Da waren sie wieder – die Rock over Rias Nächte, die Werner-Voss-Lehrstunden… Huch?!

Dann fährt die Kaufmäääänn-Family mit „Baby“ vor und es ertönt „Big girls don’t cry“ im Hintergrund. Wenn das SO anfängt, kann nichts mehr schief gehen! Der Film fetzt! Auf dem Heimweg schwärme ich mit den Schülern um die Wette. Meinen Kollegen amüsierts: er spielt den Stinkstiefel, dem’s nicht gefallen zu haben scheint. Er lästert.

Eine von den Mädels fragt mich:

„Darf man Lehrer töten?“

„Solche ja.“

Aber wir ziehen ungefährdet unser Abendprogramm durch. „Übersehen“ das Kreisen diverser Weinflaschen, verhindern Exzesse durch das Beschlagnahmen und Auskippen von „Schnaps-Rohren“, jagen diverse Jungs aus Mädchenbarracken, wobei ich stillschweigend staune, „wie weit“ diese Generation mit 15 ist.

Das schien es gewesen zu sein – in Sachen Frankie and the Boys. Die Wende kam. Unter den Nachholkäufen waren zwanghaft „Who loves you“ und „Helicon“ und enttäuschten.

Naja ...

naja…

„Oh what a night“ und „Down the hall“ wurden heruntergesampled für Kassetten/Brutzel-CDs der nunmehrigen Westautos mit SOUND; „Jugendhits Part 1 – 985“ oder „70s Gold; Part 2013/2014/2015… 2021“. Wat mutt, dat mutt.

Im Zuge des Erfolges von „Jersey Boys“ (Musical und Film) in den späten Nullerjahren, kam es zu einer 4 Seasons Renaissance des Musikmarktes: Alle Alben waren plötzlich als Twofer zu haben; auch die gefloppten, unbekannt gebliebenen.

Als ich das bemerkte, aktivierte sich wie von selbst mein Bodenkammer-Schatzsucher-Instinkt – und bescherte mir einen Fund, der’s in sich hat:

Da gibt es einen Meilenstein des „Anders Seins“ aus dem Jahre’69!

Fortsetzung folgt.

Jersey Boys (I)

Die 4 Seasons und ich

Irgendwo in einem der besseren Stadtteile von Newark /New Jersey; Anfang der 60er:

Das Geschäftszimmer des wohlhabenden Luigi diNgsbumsio:

„Ich habe hier diesen vielversprechenden jungen Mann. Den nehmt ihr in die Band. Frankie, mein Engelchen, braucht Hits.“

Der graumelierte ältere Herr im Maßanzug lässt Goldkettchen und Rolex klappern. Seine Bodyguards verstellen mit verschränkten Armen die Tür. Er lächelt dem verschüchtert auf der Seite stehenden Frankie Valli wohlwollend zu. Der Pate richtet seinen Blick wieder auf sein Gegenüber; er starrt dem Leader dieser kleinen Ratten-Combo da Aug in Aug. Das ist Tommy deVito, Italiener wie er; deutlich jünger, aber einer von diesen erfolglosen Idioten, die es weder mit Einbrüchen noch mit der Musik bisher weit brachten. Luigi fixiert ihn mit bösem Blick. Wie oft hatte er die nun schon aus dem Knast geholt? Die müssten ihm sowieso die Fußsohlen küssen!

Der Straßenköter da wagt doch tatsächlich Widerspruch:

„Wir brauchen keinen 5. Mann. Wir haben alle Instrumente besetzt!“

„Dann schmeiß einen raus. Ihr Stümper seit alle ersetzbar. Frankie braucht Hits. Ich will, dass ihn die Welt hört!“

„Und wenn nicht?“

„Dann sitzt ihr demnächst eure Haftstrafen voll ab.“

„Was kann der Neue? Er wirkt so geschniegelt?“

„Songs schreiben. Und er hat zwei Dinge, die du nicht kennst: Highschool-Abschluss – und – Talent.“

„Wie heißt er?“eastwoods film

„Bob Gaudio.“

„Wenn‘s sein muss.“

Bob Gaudio bringt als Gesellenstücke „Sherry“, „Walk like a man“ und „Big Girls don’t cry“ mit zur Probe. Der Rest ist Geschichte. Drei Nr. 1 Hits für einen Kometen-Start.

Der Pate sorgte für Airplay im Rundfunk, die Single-Umsätze gingen durch die Decke; Ostküste, Westküste; weltweit. Zwei bis drei ehemalige Kleinkriminelle, ein unbedarfter jung-naiver Wundersänger und der Streber mit dem Schulabschluss millionarisierten sich. Bis 1969. Dann kam die Steuer.

Mehr als eine Million Dollar wurden fällig, die keiner von ihnen mehr hatte. Wie so oft, hatten auch sie den Umgang mit Vermögen nie gelernt: Autos, Villen, Mädchen… und nun alles futsch.

Drivin‘ to the Poor-House in a Limousine? Oder gar in den Knast?

Es half nichts. Man musste mal wieder zum „Paten“:

„Frankie darf nicht in den Knast! Frankies Stimme kommt von Gott!“, ist der überzeugt.

Er hält zu seinem Protegé und es kommt zum Deal.

Der Pate zahlt die Steuerschuld. Die Band soll sie bei ihm abstottern, was vor allem an Frankie Valli hängen bleibt, denn nur er zieht Publikum. Bob Gaudio hat seine Lektion gelernt, stellt nun einen Finanzberater ein, lernt von ihm, emanzipiert sich von der finanziellen Weiterstümperei von deVito, dem der Pate von Zeit zu Zeit das Konto pfändet. Gaudio und der Pate raten Valli zur Solokarriere, aber der will nicht mit den Kumpels brechen. Das 1970er Album heißt deshalb „half & half“; eine Seite 4 Seasons-Songs; eine Seite Frankie Valli-Solo-Nummern, alle von Gaudio geschrieben, eingespielt von der Band; aber strikt geteilte Einnahmen. Das Album wird ein Flop.  Schlimmer als der Vorgänger, der wenigstens noch ganz hinten die „Hot 100“ streifte. (Aber das ist ein Kapitel für sich.) Plattenumsätze brechen weg. Frankie Valli tingelt durch jedes Loch, wenn es ein paar Dollars bringt; malträtiert seine markante Kopfstimme, was nicht ohne Folgen bleiben wird. Aber er schafft die Rückerstattung in Raten; dank Gaudios nun vorhandenem Durchblick ohne gänzlich zu verarmen.

Die Band erlebt mehrere Come-Back-Versuche bis 1985; immer mal wieder taucht der Name der „4 Seasons“ im Radio auf; fast immer als altgediente Super-Group angepriesen, jedoch fast immer floppend.

Mitten drin in dieser Serie aus Niederlagen gelingt 1975 das späte One-Hit-Wonder „(Oh what a night) Dezember’63“. Bludgeons zweites Fan-Erlebnis abseits von der Herde.

„Fame“ von Bowie war schon so ein Alleinstellungsmerkmal: Wieso gefällt das keinem außer mir?Einstiegsdroge

„Oh what a night“ war beliebter, aber nur Bludgeon konnte mit diesem Song die Rückschau aus dem elterlichen Eigenheim auf die bunt verglaste Gründerzeit-Villen-Wohnung seiner ersten 7 Lebensjahre verbinden. Zum ersten Mal wehte ihn nun das „Gute-alte-Zeit-Feeling“ an. Diese schlossartigen großen Räume! Die mysteriöse Bodenkammer! Die Käuzchen im Birnbaum. Die Lichtreflexe im elterlichen Schlafzimmer: Das hatte nur ein Fenster zur Veranda und dieses innere Fenster war mit Butzenscheiben umrandet. Davor lag die ebenfalls buntverglaste Veranda. Fielen nun die Morgensonnenstrahlen balkenhaft schräg durch diese doppelte Buntheit tanzte der Staub wie in Partybeleuchtung.

„I remember back in’63, when Ritter Runkel comes to me“ sozusagen… oder wars 64? …65? …Egal! Die Kindergartenversion des späteren Bludgeon träumt sich am Wochenende in sein morgentliches Märchenland, reitet Bento oder Duran, befreit Suleika und verdrischt endlich mal den dicken, fiesen Bernd…bis die Nase blutet! Seine natürlich!

Und 1975 liegt er ebenfalls in seinem Bett am Sonntagmorgen. Gar nicht weit weg von der alten Wohnung. Gemütliche Mansarde, kultig echte Ziegeltapete an den graden Wänden; zeittypische Bierbüchsenpyramide gegenüber auf dem Bücherschrank. Leider nirgends Buntglas an den Fenstern. Der Arm reicht bis zum „Anett“ auf dem ausrangierten Servierwagen davor. Abspieltaste. Musikalische Morgen-Droge: „Uh what a night, I remember back in‘ 63! Oh what a special time for me…wahuwah u what a night!“

Was machts, dass Bob Gaudio etwas ganz anderes damit verband, als er den Song schrieb. 😊

Schau dir den Film „Jersey Boys“ von Clint Eastwood an, der verrät den Hintergrund.

Und ist seeehr zu empfehlen!