Berlin, du hinkst…

Mit dem November ’18 hamses dieses Jahr aber! So’ne 8 im Kalender, am Ende einer Jahreszahl kann ganz schön schlauchen; historisch betrachtet.

Gestern ist es passiert: Bambi für „Babylon Berlin“. Nach „Goldenen Kameras“ nun also auch noch das Rehlein, das goldene. Nun ja. Nicht falsch verstehen: Auch ich bin der Serie verfallen. Sie ist seeeeehr gut gemacht. Der Zeitgeist kommt für uns zuspätgeborene Davongekommene sehr anschaulich rüber. Ich hätt‘ mir halt gewünscht, dass es zuvor „Weissensee“ genauso gegangen wär! (Gut. Ein paar Preise fielen da seinerzeit auch ab, aber vergleich mal die Kategorien.)

Die eine wird 15 Wochen lang hingezogen, zur Primetime; an der anderen wird nach Staffel 1 die Lust verloren, Staffel 2 – das ungewollte Kind erst „vergessen“, dann in Doppelfolgen „durchgefeuert“, damit es schnell vorbei ist; ebenso Staffel 3 und 4.

Klar: Der Ossi-Schmarrn ist Minderheitenprogramm. Das Sündenbabel der Weimarer Zeit ist Teil des alten westdeutschen Mythos des ersten Demokratieversuches auf deutschem Boden.

Mögen Sie die Weimarer Zeit?

Liv Lisa Fries (alias Charly Ritter, die Polizeihelferin und „Halbtagshure“ der Serie) wurde sowas bei einer Gala gefragt; ob sie da gern gelebt hätte. Nun, was sagt man da so mit 28 heutzutage: Diese „analogen Zeiten“ mag sie sehr. Schluck!

Würde MICH das einer fragen – klares NEIN! Und zwar ohne Bedenkzeit und ganz ohne Zweifel!

Die Weimarer Republik war scheiße. Ein anderes Wort will mir einfach dazu nicht einfallen. Dass es hinterher noch beschissener kam, ist fakt, lindert aber den Blick auf die Vorstufe nicht. Ingmar Bergmanns „Schlangen-Ei“ hätte man mal aus der Versenkung holen können.

 „Wie in einem Schlangen-Ei sah man das Böse entstehen und wachsen, in jenen Weimarer Jahren“.(Bergmann; 70er Jahre Zitat)

Stattdessen wurde die Weimarer Republik dieses Jahr „gewürdigt“, dass es nur so knallt:

  • „Aufstand der Matrosen“ (Menschen sprechen Texte in frischgeschneiderter Kostümierung und ticken dabei wie hingebeamt ins Jahr 1918. Gleich zückt einer ein Smartphone für’s Selfi mit Panzerkreuzer! Wirklich schlechtes Fernsehspiel.)
  • „Kaiserrücktritt“ (Interessante Details über die kurze Reichskanzlerphase des Max von Baden. Aufschlussreich. Friedrich Ebert als williger Monarchist, der für ein vormundschaftliches Interregnum bereit gewesen wäre, wenn Max von Baden das Kreuz dazu gehabt hätte, Vormund für einen Enkel Wilhelms II. zu sein. – Leider schlechte Maske für Wilhelm II. und Friedrich Ebert. Dass sowas besser geht, zeigt die verdienstvolle Serie „Vom Reich zur Republik“.)
  • „Babylon Berlin“; spannend wie nur was; Ausstattung top! Kulturelle Entdeckungen möglich: Man achte mal auf die 20er Jahre Liedzitate, die da gesungen werden: Soviel Tiefsinn und Melancholie war also auch möglich, in einer Zeit, aus der man eigentlich nur „Veronika der Lenz ist da“ oder den „kleinen grünen Kaktus“ kennt!

Nur — lieber keinen Fakten-Check! Es ist sehr gute Unterhaltung mit ein bisschen Zeit-Colorit. Mehr nicht. In „Weissensee“ stimmte wesentlich mehr!

Würden die Fakten stimmen, hätte es bestimmt nicht diese Sendetermine gegeben. „Vom Reich zur Republik“ lief auch nie im ARD-Hauptprogramm. Ab in die Dritten.

„Berlin Babylon“ kriegt dich mit so Zitier-Gimmicks, wenn du dich auskennst.

  • Liv Lisa Fries als Erotikengel und Wiedergängerin der jungen Muriel Braumeister (in „Schuld war nur der Bossanova“)
  • Leonie Benesch, als ihre Freundin Greta und damit wieder fast in der selben Rolle wie zuvor schon in „Das weiße Band“, jener bedrückenden Darstellung der späten Kaiserzeit auf dem Lande; die ebenfalls reichlich Filmehrungen erfuhr und somit hier quasi als Vorgeschichte vereinnahmt wird: Was wird aus einer schüchternen Gutshausmagd, wenn sie in die große Stadt gerät? Willige Beute eines Typen, den sie für einen Kommunisten hält, der aber ein dunkles Geheimnis hat und die „dumme Gans“ für seine politischen Zwecke missbraucht.
  • Die Sorokina (Severija), eine Exil-Russin markiert auf Zwitter aus David Bowie, Conchita Wurst und junger Marlene Dietrich; und sorgt mit ihrem Auftritt für ein Musikvideo mitten in Teil 1: „Von Asche zu Staub….“! Erhaben! „Ashes to ashes“ meets „In den Ruinen von Berlin“ oder „Die Mörder sind unter uns“, denn wenn jemand im Sündenpfuhl an der Spree von 1929 was von Asche und Staub singt, denkt man automatisch 15-16 Jahre weiter.
  • Das Gold der Sorokins aus dem vorrevolutionären Russland sorgt für einige dramaturgische Brüche, da es erst Trotzkisten helfen soll, Stalin zu entmachten, dann aber eher Privatbeute jener „Asche und Staub“ Chanteuse werden soll – die sich als Sorokina ausgibt, jedoch plötzlich gar nicht zur Familie gehört. Die Goldbarren sind schließlich angestrichene Briketts und die Aufklärung darüber, wo das Gold nun wirklich ist – lässt Historienfilmkenner automatisch an den „Raubzug der Wikinger“ denken; jenen alt ehrwürdigen Monumentalfim mit Richard Widmark in seiner Glanzrolle, der die „Mutter der Stimmen“ sucht. Er findet schließlich eine Kapelle in Marokko und eine schäbig kleine Glocke darin. Als er sie wütend an die Wand schmeißen will, erdröhnt das Gemäuer – nicht sie, sondern die ganze Kuppel entpuppt sich als große goldenen Mutter der Stimmen. In der Serie nun sind es nicht die Barren, sondern der Wagon! Schöne Idee; leider aufgespart für eine wirklich miese letzte Kintopp-Episode, die den großen Showdown wollte, aber das bisherige Geschehen in der 16. Folge völlig überdreht. Schöne Serie – schlechter Schluss.

Immerhin kommen die Schüttler endlich mal zu ihrem Recht in einem Unterhaltungsfilm! Jene Versehrtengruppe des I.Weltkrieges, die man lieber in „Heilanstalten“ versteckte, für die sich die eigene Sippe eher schämte, weil Nervenversehrtheit anders bewertet wurde als Verkrüppelung. Bisher strikt unter dem Teppich (bzw. in Dok-Filmen) belassen, wenn es um die 20er ging, wird einer von ihnen hier zum Haupthelden, der sein Leiden (noch) medikamentös kontrollieren kann.

Eine 3. Staffel ist in Arbeit. Hm. Weiß nicht recht, ob ich mich freuen soll.

Das falsche Bild vom Dean

Letzte Woche wäre Dean Reed 80 geworden, wenn er sich 1987 nicht das Leben genommen hätte.

Der Brauseschenk erinnerte an ihn. Ich schließe mich nun an, aber ein bisschen anders.

Wer war Dean Reed?

„Früher hab ich Mist gekarrt, heut reitet mich Dean Reed.

Und jede Frau wird neidisch, wenn sie mich im Kino sieht.“

(aus „Ein Pferd wie du und ich“)

MTS, die ostdeutsche Spass-Combo, brachte 1976 auf ihrem Debutalbum auf den Punkt, was alle dachten: Dean Reed = Mist.

Denke ich an meinen pubertären Bekanntenkreis von damals zurück, so fällt mir niemand, aber auch absolut niemand ein, der Dean Reed gemocht hätte. Nicht mal die allerletzten Dödel aus der hintersten Ecke des Schulhofes, oder aus dem Dom-Viertel.

Beziehe ich die damaligen Erwachsenen jüngerer Jahrgänge ein, so muss ich sagen, dass – ähem – meine Mutter und meine Tante ihn attraktiv fanden. Was er sang oder redete war dabei naturgemäß Nebensache. „Talkin‘ bout Sex, Babe!“ Er war eine Art David Cassidy für weibliche ältere Jahrgänge in Osteuropa.

Dummerweise wollte er jedoch immer als Friedenskämpfer, zweiter Che Guevara oder sowas ernst genommen werden – und das ging gründlich schief. Liest du heute den Wikipedia-Eintrag zeichnet der durch Weglassung seiner tatsächlichen DDR-Resonanz ein vollkommen falsches Bild. Richtiger war das, was letzte Woche der MDR sendete „Ein Abend für Dean Reed“.

Besser noch war vor 10 Jahren, als Dean Reed 70 geworden wäre, der Dok-Film „Der rote Elvis“. Der kippte mein Bild von früher. Fast möchte ich mich für all die Häme von einst entschuldigen. Inzwischen bemitleide ich ihn.

„Oh say Da-da-da-da-da, Oh sing ja-ja-ja-ja-ja- oh sing yes-yes-yes-yes-yes….“ (für die internationale Solidarität, den Weltfrieden usw.) Damit lernte ich ihn via Ostfernsehen 1973 kennen. Weljugendfestival in Berlin. Ich war 13 und deshalb zu Hause in der Provinz und nicht in Ostberlin beim DDR-Woodstock. „Beatmusik“ war seit kurzem wieder erlaubt, wurde nun (zensiert)gefördert und „Unser Mann aus Colorado“ ist da auf einmal auf dem Alex. Er singt eben Zitiertes und  „Mamie Blue“ (oder irgend sowas ähnlich Zeitgeisttypisches) und schließlich „Immer lebe die Sonne“, was jeder Ossi dank Unterstufenmusikunterricht auswendig kann. Mit 11 in Klasse 5 in Russisch wurde es auch noch in Originalversion geträllert: „Busekda buseck Sonnze, buseggda buduja….“ Völlig falsch beraten, der Mann! Wenn du sowas vor 16-20jährigen schmetterst, bist du DURCH! Denn beim Älterwerden ging in der Regel als erstes diese verordnete Freundschaft zur Sowjetunion verloren. Man begann Propaganda von Realität zu trennen. Er sang da diesen vorpubertären Russen-Kram, was männliche Zufallshörer sofort vertrieb. Die Mädchen blieben – der Hormone wegen – noch ein Weilchen länger. Er sah ja nun auch wirklich (leider) gut aus!

Dean Reed war anfang der 60er von Colorado nach Lateinamerika gegangen, hatte den Kolonialismus der USA zu durchschauen begonnen und prominente Kontakte zu linken Argentiniern und Chilenen aufgebaut, bevor ihn die Junta Argentiniens ende der 60er rausschmiss und er konsequenterweise nach Moskau ging. Er war dort im rockmusikalischen Nirvana als kommunistischer Ami tatsächlich sowas wie ein „Roter Elvis“ und konnte Massenerfolge feiern – dann aber schlug das Schicksal böse zu: Auf einer Dok-Filmwoche in Leipzig als Ehrengast aus Moskau verliebte er sich in seine Dolmetscherin und entschied sich im kleineren Deutschland zu bleiben. In dem Glauben, es liefe hier alles so, wie in Moskau, reihte sich hier nun Fehlentscheidung an Fehlentscheidung:

Er stellte sich erst einmal gut mit der Bonzokratie, in an american way: Wer mit ihm 3 Sätze gewechselt hatte, war „friend of mine“ und wurde in darauffolgenden Gesprächen von ihm auch so erwähnt. Seine ersten „Freunde“ waren dem entsprechend Günter Jahn (damals Vorsitzender des Zentralrats der FDJ), Egon Krenz, Karl Eduard von Schnitzler … tja … und dann versuch mal noch ein Bein in die Tür zu kriegen, irgendwo in der gegängelten Künstlerszene.

In inflationären Interviews im „Augenzeugen“(Kinowochenschau), im Jugendfernsehen (Rund“ und „Jugend-Club“), im Radio („Hallo“ und „DT 64“) redete er in seeeeehr gebrochenem Deutsch oder gleich per Simultanübersetzer inhaltlich wie ein Musterschüler einer SED-Parteischule. „Sozialismus wird siegen!“ … „Alle guten Menschen kämpfen dafür!“ … „Reisefreiheit ist nicht so wichtig – keine Arbeitslosigkeit erdulden zu müssen ist wichtiger.“ Spätestens da winkte sein Publikum ab. Wer die Welt kannte, und Elend selbst gesehen hatte, wie Dean, der verstand ihn. Also niemand aus der DDR. 4 Jahre nach seinem Tod, sollten viele merken, dass sie da an der falschen Stelle abgewunken hatten.

Hinzu kam, dass er als amerikanischer Staatsbürger freien Zugang nach Westdeutschland hatte, zwecks Beschaffung von Gitarrensaiten oder Mikrophonen usw. Seine Musikerkollegen hatten diese Möglichkeit nicht. Zwar hatten sie über ihn als Zwischenhändler nun auch erleichterten Zugang zu westlicher Mangelware, jedoch war in Gesprächen ja weiterhin Vorsicht geboten, denn: Heute redet er mit dir und morgen mit Kulturfunktionären des Zentralrates oder des Zentralkommitees – Obacht!

Hinzu kam der Neid für all die behördliche Hilfe für alle seine Produkte: Werbung, Sendezeit, Studiotermine…

„Isch habe vülle Froinde in DDR und Sowfjettunion, aber auch in Chile und Argentina“, betonte er öffentlich immer wieder – aber die Hommagen nach der Wende zeigen das ernüchternde Ergebnis: Nicht ein DDR-Musiker der 70er oder 80er taucht da auf; nicht ein DEFA-Star will sich über ihn äußern! Was bleibt, ist ein alter Kulturfunktionär, der sich als „Hauptansprechpartner und Freund“ geriert und Gisela Steineckert, die ihre Meriten als Texterin einiger sehr guter Ostrocksongs hat, jedoch unter der Hand als gefürchtete Lektorin (sprich Zensorin) mit Sicherheit auch die leibhaftige Karrieregefahr für den ein oder anderen Künstlerkollegen darstellte. Besonders die Stern Combo Meissen ist äußerst schlecht auf sie zu sprechen.

eine von vielen

eine von vielen

Ob Schallplatte oder Film – eigentlich floppte alles, was er in der DDR unternahm: Die erste LP von ihm, eine Melodia-Lizenzplatte wurde in den 70ern von all den älteren Mädels noch gekauft, die späteren blieben liegen. Der Indianerfilm „Blutsbrüder“ 1975 wurde angepriesen wie ein DDR-Kinowunder. Zwei Superstars endlich vereint in einem Film! Gojko Mitic und Dean Reed! Ein Dreamteam – würde man heute sagen. Aber: Es war nur ein weiterer Propaganda-Gau. Der Film ist mies. Plakativ. Eine Art „Der mit dem Wolf tanzt“ für arme. Als ich Costners Meisterwerk anfang der 90er im Kino sah, fühlte ich mich mehrfach an Dean Reed erinnert. Meine Bilanz: Ja soooo kann die Thematik eines Squaw-Manns bei den Dakota wirken. Aber sowas braucht eben auch Zeit für die Charakterentwicklung. Costner brauchte fast 3 Stunden. Blutsbrüder drängt das Thema auf 90 Minuten und die abrupten Sprünge in der Handlung lassen den Plot nicht funktionieren. Brauseschenk war 1975 jünger. Ihm schien er gefallen zu haben. Ich war zuvor schon von „Tecumseh“ schwer enttäuscht und hatte mit „Ulzana“ meinen Indianerfilmabschied genommen. „Blutsbrüder“ tat ich mir Jahre später erst im Fernsehen an. Nee, ich war nicht mehr die Zielgruppe. Aber auch in jüngeren Jahren hätte ich automatisch immerzu erwartet, dass sich dieser US-Cavallery-Überläufer da, gleich nach dem Fahnenstange zerbrechen die Gitarre herzaubert und „buseckda busseg sonze“ trällert.

2008 in einer Veranstaltungsreihe „Kino für Kenner“ wurde nun „der rote Elvis“ aufgeführt, gesenkter Eintrittspreis, weil die Betreiber wohl meinten, da würde sowieso keiner kommen. Sie hatten aber sogar den Macher eingeladen, zwecks anschließender Fragestunde. Verblüffenderweise war der Laden rappelvoll. Und noch mehr verblüffte mich, was der Film alles zu Tage förderte.

sehenswert

Sehenswert!

Der ergreifendste Moment war eine Sequenz von einem Auftritt 1983 in Chile. Pinochet-Years. Jeder, der einen kritischen Ton sagt, könnte verhaftet und gefoltert werden. Todsünde vor allem ist es, „Venceremos!“, die Hymne der Unidad Popular zu singen. – Und Dean tut genau das! Es ist nur ein kleiner Club oder sowas. Aber als letztes Lied eines Konzertes nach spanischer Ansage (mit deutschen Untertiteln) „Singe ich jetzt noch was für euch“ Und als er los legt — hält die Kamera ins Publikum und voll auf das Mienenspiel der Zuhörer:

Schreck, Freude, Angst, Umherspähen(wo lauern die Schergen?!), tränende Augen, zweifelnde Blicke zur Kamera, leises Mitsingen ….

Für den ostdeutschen Kinogänger der pure Gänsehautmoment, verbunden mit der inneren Scham, weil sich die eigene Erinnerung einmischt: Chilesolidarität wurde uns bis zum Überdruss verabreicht. Was hamwer nich‘ an Papierrosen aus der „Jungen Welt“ schneiden müssen und für uns unlesbare spanische Vordruckpostkarten in der Schule unterschrieben, abgegeben, eingesammelt, in Postsäcke verschnürt; auf dass Pinochet Angst kriege vor der geballten Macht der jungen Generation der DDR und das Foltern beende! Wo mögen die gelandet sein? Kaum war in Vietnam Ruhe, gabs Altstoffsammlungen für Chile. Mai-Demos mit Chile-Transparenten. Kirschfestumzüge mit Mai-Transparenten, also nochmal Chile. Pflichtveranstaltung! Meistens Nieselwetter. Somit wurde aus „Venceremos“:

„Wenn es regnet, wenn es regnet, gehmor heeme tra-lalala! Wenn es regnet, wenn es regnet, is von uns balde kennor mehr da!“

Entschuldigung Dean!

 

ach quatsch

Finde den Fehler II

PS: Im Sommer 2017 meinte uns die ARD mit dem 3-Teiler „Honigfrauen“ beglücken zu müssen. Zwei westdeutsche Drehbuchautoren haben sich vorgestellt, wie junge Ossis 1987 im Ungarnurlaub drauf gewesen sein könnten. So stirbt dort ein Teenie beim Fluchtversuch, nachdem er zuvor sich mehrfach als Dean Reed Fan geoutet und Dean Reed Songs am Lagerfeuer gesungen hat. Finde den Fehler!

Riders on the glow (1)

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen…aber manchmal überwältigen ihn die Eindrücke auch derart, dass das Erzählen nicht gelingen will. Also splitten. Trennen, was nicht zusammenpassen will.

Teil 1:

Urlaubsreise. Idlewild south. Auf der Route 66 vertikal durch dreieinhalb Bundesländer. Weltflucht in die süddeutschen Black Hills. Du fährst am heißesten Tag seit Beginn der Wetteraufzeichnung los. Ein Rekord, der am nächsten Tag bereits überholt wird und am nächsten wieder… Klar sollte man das Auto stehen lassen, aber gebucht ist gebucht, und zwar bereits Anfang April!

Die Alternativen sind erbärmlich: Inland fliegen? Kerosin verplämpern helfen? ICE fahren? Irreparable Climateregulation Error? Näääää. Lieber Schwitz on the Sitz of your own Rolling Rockpalast! Obwohl die Sache mit der Mugge wieder so ein Ding war. Läuft Musik, hörste die Warnungen des TomTomFlüsterers gleich gar nicht mehr. Klar, kann den auch auf laut stellen. Spar dir den Hinweis. Längst geschehn. Auf Standarteinstellung (halblaut) hörn den eh nur Fledermäuse und „volle Pulle“ isses ungefähr vergleichbar mit den tonlosen Jane Birkin Keuchern aus „Je taime“:

„Wonnongplü…Nach 300 Metern fahren sie in den Kreisverkehr und nehmen Sie die 2. Ausfahrt ….schüppüpürp!“

Dazu das Rauschen der Klimaanlage: hhhhhhhhhhhhhhhhhhh.

Dann aber das: Du überholst einen Brummi mit Hänger; genauer einen Viehtransporter. Schlachtvieh. Klar. Die Anzeige meines Armaturenbrettes sagt 32,5 Grad. Wetten dass es auf dem Hänger da NOCH wärmer ist? In der Enge! Das Hirn explodiert geradezu. Blitzgedanken en masse. Vom Schweine-KZ zur Schlachtbank! Kadaverstern! Heinz Rudolf Kunze. Die Würde des Schweins ist unantastbar! Reinhard Mey. Schindlers Liste und jener gnädige Moment, als Wasserschläuche auf ein paar Häftlings-Wagons gerichtet werden, die in sengender Sonne auf Abtransport warten. Auf Raststätten gibt es keine Schläuche.

Für mich ist täglich Treblinka, Soweto und My Lai

Für mich ist täglich Golgatha und nie der Krieg vorbeiiiii!

Auf der ersten Anti-TTIP-Demo in Berlin 2015, die gleichzeitig eine für Agrar-Wende war, fuhr einer einen Transporter mit einem lebensgroßen Schweinemodell in so einer engen EU-Norm-Stallbox auf dem Dach spazieren. Aufschrift:

Sperrt die WAHREN Schweine ein!

Vegetarier sollte man werden. Aber das wird nichts. Dafür schmecken all die Steaksorten und Bratwürste, Hackepeter und Sülzen zu gut. Aber früher wurde mal im kleinen Schlachthof nebenan geschlachtet. Heute Aufzucht in Brandenburg und Schlachtung in Franken. Normal. Neoliberal rationalisierte Grausamkeit, wo du hinschaust. In Bezug auf die Tiere und in Bezug auf die Balkanhilfskräfte, die sie für Dumpinglohn ausweiden müssen. Bilder eines ARD-Dokumentarfilms drängen sich auf, der auf Youtube neuerdings verschwunden ist. „Das Geschäft mit der Armut“ hieß er.… Agrarwende tut Not! Mehr denn je! Nun erodieren auch die Böden. Sperrt die wahren Schweine ein! Wo bleibt „Bayer-Years“, die Coverversion zu Neil Youngs „Monsanto-Years“? Müssten ja Rapper übernehmen, denn Rock ist tot. Leider. Und Protestsongs nützen auch nichts. Man weiß zuviel und macht zu wenig, damit sich was verändert in „einem Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“. Die „Schulz-Story“ les ich grade, die lässt dich die Scharlatanerie und Leere greifen und erinnert an all das hohle Jahrmarktgedöns vom „weiter so“. Denn solange alle Nachbarn ärmer dran sind, ist ja alles gut. Nicht wahr?

Radio an: „In der Özil Debatte schaltet sich nun…“ Radio aus.

Musik an, Ablenkung muss her, sonst wird das nichts mit der Urlaubsstimmung! Christie McVie und Lindsay Buckingham wie 2017; das „Rumourfeeling“ von 1977 stellt sich ein von den „Dreams“ zu Schulzeiten, dem „own way“, den man meinte zu gehen, aufrecht mit dem Kopf unterm Arm(Neubauten-Text 1981; genial für mental geerdete Typen nach der Fahne), den „Second hand news“ auf die man hereinfiel mangels eigener Lebenserfahrung. „Gypsy“ der man „was“. Long long gone. Far, far away. Takeste eben den long way home. Du Supertramp du!

„…No I don’t wanna bring you down…“

Musikalische Streicheleinheiten. Erinnerungen an all die Regenfahrten im Sommer 2017. Inzwischen 34,5 Grad laut Anzeige. Damals war mein innerer Ferienfilm der von Spielhagens thüringischer Lebensetappe. Dieses Jahr bietet sich Felix Dahn an. Aber davon später.

Wir erreichen die A8 von München nach Salzburg. Wir sind gewarnt worden, aber noch rollt der Verkehr.Kommen gut vorwärts. Tiefergelegt ist die Kiste gepäcktechnisch wie von selbst. Drei Personen, auf dem 4.Sitz der Kofferturm und im Kombihintern der Hütehund. Dorthin kommt, wie wir learning by doing merkten, die Klimaanlage nur dürftig. Aber Töchter sind mitunter schlau. So öffnete sie die Durchreicheklappe in der hinteren Rückenlehne, damit Durchzug vom Gebläse der Mittelkonsole zum Hund gelangt und da dieser ein kluger Collie ist, steckte er zeitweilig sein schlankes Haupt gleich ganz durch die Luke: Das sichert Frischluft und Streicheleinheit in Einem.

Doch nicht Lassie.Und überhaupt: Mit Collie reisen heißt an jeder Ecke gesagt zukriegen, dass das Lassie ist. Hätten wir für jedes „Lassie“ 2 Euro genommen, wäre der Urlaub dicke bezahlt gewesen. Fährste zu so Massenattraktionen wie André Hellers Kristallwelten – sogar in allen Sprachen.

„Schaust? Doa is dor Lassie!“

„Cute Doggie, isn’t it?! Is it Lassie?“

„Chalamam cham-sham Lassie!“

„Jeu mer si Lassie bon!“

„Can I take a picture?“

„Lassie! Özdal emrek Lassie ember.“

„Quin’quai’quonimonny Lassienassa!“

Nur die armen Russen begnügten sich mit „Krassiwaja sabaka.“ (Ohne Lassie Hinweis!)

Zu diesen Kristallwelten nach Wattens/Tirol musste ich schon deshalb mal, da in meiner Musicjunkie-Karriere ein großes Loch klafft: Nie war es mir vergönnt, einen der verehrten Austropop-Heroen live zu erleben. Die Heinis trauten sich ja nie über den Main! Heller hat seine Musikerlaufbahn längst beerdigt, Danzer und Hirsch sind in den Ewigen Jagdgründen, Ambros leider kurz davor und STS mittlerweile auch schon Geschichte. Da muss eben irgendeine Art von Kompensation her: Im Falle von Heller – wenigstens mal eine seiner Installationen sehen!

Aber dort: Hunde verboten! Parkplätze garantiert schattenlos; Besucher mit Hund können diese in „Besucherboxen“ zwischenparken. Und wie das Gejaul bestätigt, machen davon auch einige Gebrauch. Ausgeschlossen sowas! Einer muss sich also opfern und dem vierbeinigen Familienmitglied die Treue halten. Und da das Happening inzwischen den Namen „Swarovskis Kristallwelten“ trägt, ist auch schon klar wer.

Könnten eigentlich gleich ein Schild anbringen: Ladies World. Oder so. Hund und Herrchen finden dann ein angenehm zugiges Plätzchen mit Sitzbank am Rande des Tickettempels neben ebenfalls wartenden Russen; allerdings am Touristenauftriebtrail all der Busladungen, die hier pausenlos ankommen: Eine Fuhre Ungarn, eine Fuhre Inder, Arabia und Asia ebenfalls reichlich vertreten; „The Bus is leaving in 90 minutes! Listen please! Only 90 minutes!“ Was deutschsprachig ist, kommt verkniffenen Gesichts vom kochenden Parkplatzschotter der Wohnmobile und PKWs gegenüber.

Es dauert. Ich lese, beobachte, lese, biete dem Hund ein bissl Wasser an, lese wieder, registriere die Rückkehr der Begleiterinnen der wartenden Russen: Echauffiertes Gerede über „Magasinn“ und „bolsche“- und „plocho“-irgendwas. Also vermutlich Aufregung über die Preise im Abzocke-Shop der Swarovskis. Dann die Rückkehr meiner Madames und siehe: Nirgends eine Swarovski-Tüte! Dickes Lob! Der Bericht über die Preise ist auch hier das erste: Ein Glasperlenhandel wie einst in Afrika. Vollkommen überzogen. Dann aber auch die Begeisterung für die „Sinfonie des Lichts“ und all die gesehenen Einfälle in den Höhlen.

Nun ja; Heller von außen. Ich war hier. Aber Autobahn vermieden und die „Alpenstraße“ genommen: Nach jeder Biegung wurde es schöner. Bergwelten eben. Die DEFA-Indianerfilmerinnerungen stellen sich ein. Berge, wie sie Bashon sprengte, um die Dakota zu vernichten. Aber Gojko rächte sich. Als weitspähender Falke. Damals. Klar – irgendwo in Jugoslawien gedreht. 1968. Aber hier wieder auferstanden. Wenn man all die Parkplätze, Seilbahnen, Gewerbegebiete wegschneidet aus den Fotos – dann reitet Gojko wieder.

Oid wuan samma. Oid.

High Noon am WEISSENSEE

Nun ist es vollbracht. „Weissensee“ – das erste TV-Event zum Thema Untergang der DDR, das nicht in Klischees ertrinkt, ist – insgesamt betrachtet – gut gelungen.

Nach fast 30 Jahren – endlich; möchte man meinen.

Nun ist die Situation nur die, dass die ARD das Event „4.Staffel“ vermutlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit mal schnell in 3 Tagen durchgefeuert hat. Dienstag, Mittwoch, Donnerstag. An zwei Tagen davon liefen Quotenbringer auf Konkurrenzsendern. „Sing my Song“ und „Topmodel“. Quoten entstanden wohl eher dort. Die bisherigen 3 Staffeln wurden (soweit ich weiß) nicht wiederholt. Also dürfte die 4. Staffel wohl kaum gesehen worden sein und kaum noch irgendwo gesehen werden. Die Nische „Ossi-Seele streicheln“ wird vom Buhrow-Clan als erfüllt betrachtet.

(Schon die 3. Staffel hätte die ARD gar zu gern vergessen. Es fand sich damals angeblich lange kein Sendeplatz. Die DVDs lagen schließlich schon in den Läden.)

Die bisherigen drei Staffeln waren aller Ehren wert. Das Erstaunliche daran war immer wieder, dass die Ostsituation vor dem Mauerfall wiedererkennbar war, keine massiven Fehler passierten, die den zuschauenden Zeitzeugen verärgern könnten: Ich sage nur „Honigfrauen“ (Fluchtwilliger Dean Reed Fan) oder „Der Turm“ (NVA/Schwedt-Episode – nur im Film völlig verhunzt).

Die bisherigen Staffeln fingen auch sehr gut ab, dass unplanbarer Weise, die weibliche Hauptfigur der Julia Hausmann nach Staffel 1 keine Lust mehr hatte und den Serientod sterben musste. Vielleicht war das sogar ein Glücksfall, weil somit keine Romeo und Julia Variante „made in GDR“ mehr möglich war.

Wie wars diesmal?

Bei Akt 4 waren leider, leider gleich zwei Abgänge zu verkraften. Die weibliche Hälfte des Drehbuchteams Anette Hess sprang ab. Sie hatte die ursprüngliche Idee. Diesmal schrieb also ihr Sidekick Friedemann Fromm alleine über das wilde Jahr 1990 in der zusammenbrechenden DDR. Konnte das gut gehen?

Teilweise.

Staffel 4 lässt mich nicht jubeln. Verdammen, wie „Honigfrauen“ und „Turm“(Verfilmung) möchte ich sie aber auch nicht. Die letzten beiden Folgen vom Donnerstag retteten das Gesamtergebnis dann doch. (Uff! Ich hatte schon Befürchtungen.) Aber es ist insgesamt die schwächste von den 4 Staffeln.

Wessis wird das Thema nicht jucken. Ossis mehrheitlich auch nicht mehr. Die Geschichtsvergessenheit ist Volksseuche geworden. Wer seine Geschichte vergisst, wird sie wiederholen müssen. Warten wir es ab.

Zum ersten Mal wurde nicht nach dem Mauerfall mit Happyend-Feeling abgeblendet, sondern der Nachwendekater verfilmt: Treuhand, SED-Metamorphose zur PDS, Glücksritter(West) ziehen naive Ossis ab; Gebrauchtwagen-Taumel, aufkommende Gang-Kriege Punks gegen Faschos in Ostberlin…

Reichlich Stoff – und nur 6 Stunden Spielzeit. Das musste scheitern. Man hätte die doppelte Zeit (und sicher auch das doppelte Geld) gebraucht, damit sich der Stoff entwickeln kann.

Katrin Sass (als Sängerin Dunja Hausmann) schmiss hin. Eine der tragenden Säulen. Sie fehlt heftig. Es war die Schiene der drangsalierten kritischen Künstlerin. In 3 Staffeln war sie eine Mischung aus Gisela May/Manfred Krug(als Jazzsänger betrachtet)/und Barbara Thalheim(die mutige Wende-Chanteuse, die dann ein biografisches IM-Kapitel eingestehen musste) Nun fehlt in Staffel 4 der Absturz der DDR-Künstler ins Nachfrage-Loch von 5-6 Nachwendejahren. Man bemüht sich um Schadensbegrenzung und verlautbarte per ZEITonline, dass es sich um eine eher private Eifersüchtelei zwischen Autor und ihr gehandelt habe. Vielleicht war es aber doch der Gesamteindruck des Drehbuchs? Schauen wir genauer hin:

Was war gut?

Die Treuhandabläufe: Zweifelhaftes Westpersonal trifft auf naive Bürgerrechtler und erpressbare Ex-Stasikader – das kann man sich schon so vorstellen, wie es gezeigt wurde. Die Millionenschieberei, die der SED-PDS das finanzielle Fundament rettete, kam ebenfalls plausibel-, aber einseitig, rüber. Denn völlig ausgeblendet wurde, dass nicht nur private Bereicherung von Ex-Bonzen betrieben wurde, sondern auch der Startschuss zur „Kümmerer-Partei“ gegeben war, die die frustrierten Arbeitslosen auffing. Die Negativ-Wirkung von nassforschen West-CDUlern und plötzlich mutig gewordenen Blockflötenparteivertretern blieb unerwähnt.

Genial, nach wie vor, dass der alte Oberstrolch des MfS Gauke hieß. Da lacht das Ossi-Herz mit Uwe Steimle, der im Riverboot zum Besten gab, dass da einer ähnlichen Namens „auf den Gepäckwagen des Wendezuges aufsprang und behauptete, er sei immer schon Heizer auf der Lok gewesen“.

Was war unausgereift/durchwachsen?

Die Charakterentwicklung im Einzelnen:

– Der alte Vater Kupfer (immer schon der Zauderer und Gorbi-Grübler alias Markus Wolf) hier zu extrem positiv;

– seine Frau nun eine (fast) Margot Honecker, die mit Gauke/Mielke kungelt;

– der liebe Martin Kupfer, Ex-Polizist und seit Staffel 3 Möbeltischler (real betrachtet also Hilfsarbeiter) wird durch Absetzungsstreik gleich der neue Chef des Ex-VEB;

– der Bösewicht Falk Kupfer hat so gewisse Ansätze von Gewissenszweifeln, die ebenfalls mehr Zeit und vor allem ein glaubwürdiges Schlüsselerlebnis als Ursache gebraucht hätten. (Jörg Hartmann legt wie immer die beste schauspielerische Leistung hin.)

Was war schlecht?

Die Jugendschiene war geradezu armselig zusammengetackert und im Falle von Roman Kupfer auch fehlbesetzt: Die Nazis fallen vom Himmel und Roman Kupfer, der Ex-Sportschul-Dopingopfer-Aussortierte, wird von jetzt auf gleich in die Klischee-Clique aufgenommen. … Keinerlei Ursachenandeutung, wie sich das zusammenschob. Die Prügelszenen wirken wie an den Haaren herbeigezogen, weil auch die Gegner-Cliquen immer auf Knopfdruck vom Himmel fallen.

(Man hätte z.B. nur mal einen Buchladen der DDR 1990 zeigen brauchen oder eine der Figuren hätte über einen Weltbildkatalog staunen können: Denn wer war am schnellsten auf dem befreiten Buchmarkt der Brüder und Schwestern? Neben unscheinbaren Taschenbüchern gutbürgerlicher Weltliteratur füllten die Regale vor allem: Speer-, Guderian-, Manstein-, Rommel-Biografien, „Die Panzerwaffe im II.Weltkrieg“; das III. Reich in Prachtbänden mit Tonbandkasette „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“; „und morgen die ganze Welt“, „neue Fronten“; „die Waffen- SS“, „Wir werden das Wort nicht brechen“; kaum brachen die ersten Betriebe zusammen, waren Schönhuber und Kühnen auf Tournee durch die neuen Länder; eine Knastamnestie ließ auch reihenweise vor’89 inhaftierte Skinheadschläger frei, die nun „Opfer des DDR-Unrechts“ waren… Von alledem NICHTS.)

Stattdessen grölen da einfach ein paar Darsteller los. Keiner von denen mit Glatze oder Faschoscheitel. Seltsam! Den Dress-Code hatten auch die Ost-Skins schon vor der Wende drauf; gerade und vor allem in Ostberlin! Stattdessen so’ne Böse-Buben-Gang mit, wie gewohnt, nur einem Mädchen. Die sieht ganz gut aus (zu hübsch sein darfse nicht – in einer Nazi-Gang), und muss sich prompt ins schüchterne Neumitglied Roman K. verlieben.

– des lieben Martins große Tochter startet zunächst eine dramatisch schief gehende Modellkarriere, ist dann traumatisiert, traut sich nichts mehr zu, geht zu einer Art Straßenfete, wo die Jugend nach Silly „SOS“ tanzt (!?!!?) und landet dann -schwup-s im besprayten Punker-Bully; findet dort die große Liebe und kurz darauf eine Lehrstelle als Köchin. Hm.

– Sehr übertrieben auch die Liebe zwischen dem querschnittsgelähmten Schuft Falk Kupfer, der ohne richtig ersichtlichen Grund für manche Szenen einen Decknamen (Herr Schmidt) hat und seiner Pflegerin, die 5 Jahre in Hoheneck saß und lange Zeit nicht ahnt, wen sie da pflegt. Als sie es erfährt, bricht sie das Verhältnis zwar ab, dank des schnellen Szenenwechsels landet sie aber ca. 15 Minuten später doch wieder in seinen Armen und in der vorletzten Szene in seinem Bett.

Was in der letzten Szene geschieht, verrat ich nicht. Vielleicht will’s ja doch noch jemand gucken.

Was wurde vermisst?

Gemessen an den 3 Staffeln zuvor fehlen hier Anspielungen auf

– Krause (den Skandalminister) und Diestel (den undurchsichtigen Stasi-Schützer);

– Rücksichten auf die damalige Mode (Vokuhilas; pinke Vertreteranzüge, Snow-Jeans)

– das mediale Aufsehen um den ersten Selbstmord eines Hauseigentümers(Ost) in Dolgenbrodt bei Berlin, der laut „Rückgabe vor Entschädigung“ sein seit 30 Jahren bewohntes Haus räumen sollte, weil er es nicht ein zweites Mal bezahlen konnte;

– das Auffliegen der versteckten RAF-Veteranen;

– die widerliche Rufmordkampagne gegen Prof. Dathe, den Tierparkdirektor Ost-Berlins;

– der erste Ossi-Nachwendeerfolg: Die Protestwelle zur Verhinderung der Abschaffung des Sandmännchens. DIESES Trostpflästerchen ließ man uns dann doch.

 

Was bleibt?

Eine Super-Plot-Idee fürs ganze; eine Überfrachtung der 4. Staffel;

Gespickt mit Zitaten(Musik) und Anspielungen (sprechende Namen, Nebensätze verschiedener Akteure);

Funktionierender Dramaturgie trotz Hauptdarstellerabgang (Staffel 1-3); nicht ganz so perfekt in Staffel 4; die leere Wohnung der Dunja Hausmann, die immer wieder per Dietrich von mehreren Figuren betreten und zuletzt von Vater Kupfer quasi bewohnt wird, kann die Lücke des Katrin Sass- Abgangs nicht schließen;

Hervorragende Schauspielerleistungen in allen 4 Staffeln;

DIE Referenzrolle für Jörg Hartmann (alias Falk Kupfer);

„Weissensee“ ist und bleibt eine hervorragende Serie mit einer schwächelnden 4. Staffel.

Würde ich mir eine 5. Staffel wünschen? Eher nicht.

When the Walzer gets the Blues…

Der CD-Lift sinkt in den Player. Quälende Sekunden des Einlesens dehnen sich zu Stunden, Vinyl ging früher schneller los.

Dann: Rhythmisches Ticken, sowas ähnliches wie Kastagnetten werden dazu gemischt und — STREICHER!

                   Cinematoscope – Breitwandsound

Bild (6)kopKreischweiberbackground deireckt from the Black Messiah Rebirthing Church und „grummel grummel“ mischt schließlich ER sich dazu: Barry. Der dicke schwarze Autoreifendieb, der dann -behind vergittert windows- sein Elvis-Erweckungserlebnis gehabt haben soll. Die Chronisten sind sich uneins, ob es „Its now or never“ oder „in the ghetto“ war. Jedenfalls soll er die Message auf sich bezogen haben, aus dem Knast gekommen sein – und von Stund an war er ein Topkomponist, Toparrangeur,  Toporchesterchef. …. Wie das so geht im Land der platten Klopse, weiß ich auch nicht.

Immer, wenn dieses „Philly-Gedöns“ läuft, entstehen filmische Collagen in meinem Kopf. Ganz gleich ob es deren Bestandteile wirklich gab, oder ob sie lediglich der eigenen Phantasie entspringen. Philly war „mein first cut“. Musikalisch betrachtet. Im Dauerdudel des Deutschlandfunks der frühen 70er lief fast nur Trost-Mugge für die „Generation Großdeutschland“. Bert Kaempfert, Freddy Quinn, Heino, Roberto Blancos „Puppenspieler“, Katja Epsteins „Wunder gibt es immer wieder“ usw. Ab und an aber verirrte sich George McCrae oder Barry White ins Sendekonzept. Bild (8)Aufhorcher! Papa wusch in der Einfahrt unterm Fenster den Mosquitsch, der DLF plärrt dazu und plötzlich kommen da diese Philly-Einsprengsel: Wolkenkratzer-Assoziation, Vorspannmusiken aus Kino und TV. Damals schon. Heute kommt noch mehr dazu:

Es war die Zeit der Vorabendserien, „Eddies Vater“, „Partridge Family“, „Elefantenboy“; des zunehmenden Aufbleiben dürfens, wenn Kojak kam – der begann erst um neun! Immer häufiger blieb der Kanalwahlknopf des Fernsehers (statt auf der 6) zwischen 9 und 10 (also Klassenfeindsender) Werbefernsehen für „Männer“: Heiiiiii-ßes Wasser! Stiiiiiiiiebl eltron. Die General-Putzfee tanzt sexy durchs Haus. Rumms kam die Faust mit der Uhr durch die Scheibe! Timex!

(Der Sohn vom Nachbarn probierts am Schuppenfenster mit seiner Ruhla-Uhr, kaum, dass er sie bekommen hat….klirr, kaputt and bloody fingers!)

Lass uns frischwärts gehen! Hey is’das ein Ding… Die Pyramide aus „Westbüchsen“, deren Getränke-Inhalt längst durchs Gedärm der Vorbesitzer zirkuliert war, wuchs auf dem Bücherschrank, auf dem das Spulentonband noch fehlte. Die Haare durften endlich wachsen…

Die Erinnerungslawine wächst von Jahr zu Jahr. Leg ich sowas heute auf, dannnnnn…

…kommt da ein Muscle Car um die Ecke geschwebt, hält vor einem Wolkenkratzer, irgendwo in Deutschland. Sagen wir Berlin. Es entsteigt – Kojak, schiebt sich den Lolli in den Mund und winkt mit dem Kopf dem 70er Jahre Mercedes hinter ihm. Der überholt darauf hin und fährt weiter. Im Abrollen erkenne ich, der ich im 20. Stock die Szenerie da unten überblicke, die Tränensäcke und Derricks Hundeblick zu mir herauf auf dem Beifahrersitz…

Ich ahne, Kojak will zu mir. Aber er kommt zu spät. Er wird unten von Polizisten aufgehalten. „Sie haben den Fall nicht mehr“.

philly b„Wer dann? Frankie Cannon? Rockfort?“

„Inspector Columbo. Is‘ bereits oben. Rufmordkommission L.A.“

„Ennnn-zückend, Baby. Warum hab ich mir dann den Weg gemacht?“

Kojak dreht bei, steigt wieder in den Wagen und entschwindet in seinem rollin‘ Flugzeugträger lautlos um die nächste Ecke, um die zuvor „Harry“ schon seinen „Stephan“ geschaukelt hat.

Ich wende mich vom Fenster weg meinem Gast zu, der wiederum mir den Rücken zuwendet und meinen CD Schrank inspiziert.

„Was wollen Sie nun eigentlich?“, erkundige ich mich noch freundlich nichts ahnend.

„Nichts-nichts. Nur eine Formsache. Sie wissen doch Hassmails, Shitstorm, Rufmord, wie das alles heute heißt…“

„Ja; is‘ mir bekannt. Ich hoffte bisher, mich zurückgehalten zu haben.“

„Nun. Ein paar Fragen hätte ich da. Darf ich anfangen?“

„Bitte.“, es klingt mauliger als ich wollte.

„Sie haben on the prog path geschrieben. In ihrem Blog. Richtig?“

„Ja.“

„In zwei anderen Texten outen sie sich als DDR-Möchtegern-Punk, richtig?“

„Richtig.“

„Sie mögen Ostrock und schreiben bisweilen so, als wäre ihr zweiter Vorname „Renft“; habe ich das richtig interpretiert?“

Ich nicke nur noch genervt. Nun will er schlichten:

„Ach wissen Sie Engerling! Die kenne sogar ich! Mein Schwager ist doch so ein großer Mitch Ryder Fan und Engerling sind bei dem …“

„Mr. Columbo! Sie rauben meine Zeit!“

„Entschuldigen Sie. Nun ich komme wieder zur Sache: Es ist ja schon komisch, dass sie, wenn sie, wie sie sagen YES mögen, auch Elvis-Fan sind. Hinzu kommt nun noch, das mit dem Punk. Aber, verzeihen Sie- “

„Jadoch.“ seufze ich genervt.

„Wenn ich in ihr CD Regal schaue, finde ich 8x YES; 8x Elvis; aber 5x Barry White und 12 verschiedene Philly-Sampler!“

Ich erröte nicht mehr. Die Zeiten sind vorbei.

„Den White hab ich seit Jahren; bei Elvis haben Sie sich übrigens verzählt, da stehen noch welche in zweiter Reihe; die Sampler stammen aus meiner Revivalphase vor 2 Jahren. Ich dachte mir, wenn ich all meinen Phasen ein Denkmal setze, dann darf die allererste nicht fehlen. Ist das ein Verbrechen?“Bild

Er hebt abwehrend die Hand: „Nichts Menschliches ist mir fremd Mr. Bludgeon. Wissen Sie, meine Frau stand ja auch immer auf dieses Phillyzeugs.“ Er pfeift kurz Van MyCoys „to the huzzle“ an.

Ich geh drauf ein, will mich sicherheitshalber einschleimen und imitiere Shirley & Company:

„Can’t stop me, Muck! Can’t stand that stop. My feet want to move, so: Get out my way…“ ich übernehme beide Stimmen, kreische also auch, wie jener Hippie da in der „Schaubude“ vom NDR ’75 und bemerke zu spät seine Kopfbewegung an die beiden Constables in meinem Rücken.

„Abführen. Das isser.“

Und zu mir gewandt: „Das tut mir leid Mr. Bludgeon. Lassen Sie sich überraschen, wie’s weiter geht.“

„Ja, aber was ist denn nun der Vorwurf?“ Ich tappe völlig im Dunkeln.

„Hochstapelei in Sachen Progrock, Irreführung der Leser in Sachen Punk; fortgesetztes Abbabashing, ebenso Puhdys, ebenso Karat, Krautrockbeschimpfung in Tateinheit mit zwangsneurotischer 68er Bekrittelung,“ er bricht ab, schaut mich fragend an: „Soll ich weiter machen?“

Ich breche innerlich zusammen. Die Handschellen klicken. Die beiden Gesetzeshüter bringen mich zum Fahrstuhl. Unten muss ich mit ihnen in so ein amerikanisches Polizeiauto steigen. Einer von ihnen setzt sich mit mir nach hinten. Der andere nimmt hinter dem Lenkrad Platz.Bild (5)

Mir wird komisch zumute. Wir sind immer noch in Deutschland. Aber amerikanische Ermittlungen? Ein verstorbener amerikanischer TV-Kommissar? Dieser Police-Car-Oldtimer! Dann sehe ich, wie der Fahrer statt zu starten eine Kassette in den Schlitz im Armaturenbrett schiebt.

„dommdidammdadi, domdidammdadie, ehe-i yeah-haer!“

Eben denk‘ ich noch: Das kenn ich!

Da singts auch schon mit näselnder Stimme los:

„Who can fly my heart like a bamboo kite
Make it twirl and gyrate just like a gyro delight…“
Als der Refrain kommt will ich gerade einstimmen, da grölen meine beiden Polizisten schon aus vollem Halse:

„Only you ca-han/ aha aha /only youhuhuhu-huuuu.“

Ich starre verblüfft von einem zum andern. Was hamm die genommen? Der neben mir schließt meine Handschellen auf. Dann verlassen beide den Wagen. Völlig verdattert sitz ich da. In einem leeren amerikanischen Police-Car der 70er auf der Rückbank. Vorn dudelt die Musi einen meiner Jugendhits nach dem andern. Strictly ‘75er Kram. Ich wage nicht, auszusteigen.

Da werden die beiden hinteren Türen links und rechts aufgerissen. Zwei wohlbeleibte, alte Afroamerikanerinnen mit riesigen Angela Davis Perücken plumpsen neben mir in die Polster, knallen die Türen zu und grinsen mich an.ladies kopp1

Die zur rechten nickt und grinst: „Gaynor; Gloria.“

Die zur linken nimmts als Stichwort sich ebenfalls vorzustellen: „Gwen McCrae“

„Ich…ich…verstehe nur Bahnhof….“

„Airport. Du vers-tehen Airport. Not Baaahnhoff.“ antwortet Gloria rechts.

„Flughejvän; saggd man auf doitsh. Where the big birds fly.“ ergänzt Gwen zur linken.

Aber noch fehlt der Fahrer.

Der kommt soeben. Columbo selbst; öffnet die Fahrertür, schmeißt etwas kantig verpacktes auf den Beifahrersitz, startet den Wagen und erklärt nach hinten, akzentfrei mit der Stimme seines Synchronsprechers:

„Entschuldigen Sie die Verspätung, Mr. Bludgeon. Ich musste noch die beiden Bilderrahmen kaufen.“

„Wofür sind die? Was haben die mit mir zu tun?“ die Lage bleibt unübersichtlich.

„Drive Inspector, drive! I explain the show.“ übernimmt Gwen das Wort, „Barry jr. is waiting!“

Die beiden Bilderrahmen sind für mich. Ich bekomme erklärt, dass ich großartige Leute treffen werde; sicher drüber schreiben wolle, wenn ich zurück bin; aber Zaphod und Ärmel würden dann wieder kommentieren, dass Philly angeblich Gülle sei. Ich soll mir die zu erwartenden Kommentare ausdrucken und zum Spaß ins Arbeitszimmer zwischen die Erinnerungsfotos hängen. „They roastin‘ you. Laugh it away!“ Befreit lache ich auf.

Nun seh‘ ich langsam durch: Ich bekomme eine Woche Ostküste spendiert; New York, Philadelphia und die Reste des TK-Studios in Miami; ich begebe mich an die Wurzeln des Phillysounds, werde die übriggebliebenen O‘Jays treffen, die Hinterbliebenen von Gamble & Huff, von Tom Moulton; die Nachfahren von Lou Rawls, mehrere Witwen von Teddy Pendergrass, zwei Veteraninnen der Three Degrees. Gwen McCrae beginnt, mich alle 5 Minuten zu umarmen: „My very first Fan in Germany! No one knows me here!“ wiederholt sie immer wieder.

ladiesAls es mir zuviel wird, singe ich „Let me be your rocking chair!“ Gloria kreischt auf und lacht los.

Gwen beendet prompt die Umarmung: „Boy! I could be your Mother, if you were black!“

Nun erröte ich, worauf sie wieder lacht, mir kameradschaftlich aufs Bein patscht und schnell relativiert: „This old lyrics are not ingenious ones. But the people, who loved it, were not all together Weinsteins. I’m sure!“

Wir geben uns „5“ und ich singe zur Wiedergutmachung kurz:“ I’ve got nothing to lose, but the Blues.“

Gwen wird besinnlich. „Yeah! Thats a good one. But it wasn’t a Single, and so it becomes a unknown Nugget.“ Sie wuschelt mir im Haar rum, wie Tanten es bei Neffen tun. „Good Boy. You know my songs.“

Als wir in Tegel ankommen, ist Gate 17 für uns reserviert. Wir werden anstandslos durchgewunken. Keine Kontrollen – nichts. Ein Charter-Jet wartet. Roter Teppich auf dem Rollfeld führt die Gangway hoch in die Boeing hinein, auf deren Außenhaut in großen Lettern gelesen werden kann: Barry White Airlines!

Ich bekomme schon Muskelkater in den Mundwinkeln vom Dauergrinsen. DIE alte Geschichte weiß ich sofort wieder! Der dicke Schwarze oben stellt sich als Barry White jr. vor. Er hatte per Zufall ein altes Englischschulbuch der DDR erworben (warum auch immer!), indem der pubertierende Vorbesitzer herumgemalt hatte. Damals anno’75. Da gab es eine Abbildung von Paul Robeson auf der Gangway einer Aeroflot-Maschine der UdSSR. Das Schülerlein hatte das „Aeroflot“ mit schwarzem Filzer getilgt und sauber „Barry -White-Airlines“ darüber geschrieben. Das Robesongesicht wurde mit einem Vollbart ergänzt. In Kopfhöhe des Paul R. alias nun Barry White prangte eine Sprechblase: „Hallo, my fans in GDR!“

Dieser Fund hatte ihn in die Spur gesetzt:

„Who is this guy! He likes my Dad! It must be a boy! Girls are not kidding this way!“

Die Suche dauerte. Schließlich hatten sie mich.Bild (2)

Inzwischen sitzen wir im Flieger. Gwen, Gloria, ich, Barry jr. und Columbo. Wir starten.

Im Hintergrund läuft das „Love theme“, das klingt, wie der bestellte Soundtrack für einen Rundflug um die Freiheitsstatue. Mir kommen noch „Theme from Shaft“; die Vorspann-Mugge zu „Einsatz in Manhattan“ und dieses Liedchen aus „Eddies Vater“ in den Sinn.

„You‘re the first european male Hetero, who likes Phillysound!“ erklärte Gloria verwundert, „you’re kind o’unicorn! Unbelievable!“

„Yes. I’m nearly dead. Please play – reach out I’ll be there – at my Funeral!“ rutscht mir raus. Bin eben kein Diplomat.

Aber sie lachen. Amerikanerinnen verstehen Zynismus, vermute ich.

„I guess – I will survive – is the better line for events like that.“ schiebt Gloria nach.

Ich schüttle den Kopf: „Godfather may sing: What am I gonna do with you?!

„Au!“ kreischt Barry jr. dazu passend kurz auf. Lachsalve in der Runde.

Wir fliegen zwar, aber ich komme nicht auf der anderen Seite des Atlantik an, denn plötzlich ist Stille im Raum. Die Ladies, das Flugzeug, der Breitwandsound haben sich verflüchtigt. Ich sitze nicht irgendwo in Berlin im 20.Stock  oder im Plüsch eines Millionär-Fliegers, sondern brav in der Provinz im Arbeitszimmer mit den großen Boxen. Finales leises Rattern im Player: CD aus. Tagtraum zu ende.

Und das alles bloß, weil ich mir wiedermal Ol’Barry‘s „Rhapsody in White“ in den Player geschoben habe. Seine Beste.

 

„Helden“

Dies ist die Geschichte von Manfred und dem Wolf. Ä, nee… vom Hilmar, vom Manne und vom Wölfchen… oooch nich….vom Ländchen und vom Sänger mit dem Händchen…hach, da fehlt dann der Manne wieder…

Ach, lest selbst!

Im holden Jahr’76 war’s, da sendete man „den Druskat“, ein televisionistisches Großereignis in 5 Teilen und kaum war der 5.Teil gelaufen und der Film noch in aller Munde, da trieb man einen aus dem Land, von dem sehr viele gar nicht wussten, dass es ihn gab. So auch ich. Obwohl „der Wolf“ und „der Druskat“ nichts miteinander zu tun haben, verbindet sie doch so allerhand. Hä?

Über den einen sprach man von nun an alle Jahre wieder und über den anderen nicht. Eigentlich wäre es vorher genau andersrum gekommen.

„Was verboten ist, das macht uns gerade scharf“(Biermann) – das galt auch für mich. Hinter derlei Geheimnisse will man doch prompt kommen! Aber im Falle Biermann blieb ich immun.

Zum einen kam ich mit dem Namen erst in Berührung, als er schon auf dem Weg nach Köln war, ein paar Tage vor dem Rausschmiss fragte mich mein Kumpel Christian, ob ich „diesen Biermann“ kenne. Ich verneinte und hörte prompt am Abend auf HR3 „Du, wenn deine Tochter mit dem geht…“ einen ersten Song; verbunden mit einem erstaunten Lob des Moderators an die DDR-Führung, dass diese nun so einen kritischen Geist endlich von jahrelangem Auftrittsverbot befreit und sogar in den Westen reisen lässt – zwecks Tournee! Dann wurden noch so drei-vier Heldengeschichten erzählt und in mir türmten sich Fragezeichen über Fragezeichen auf: Das passt doch alles nicht zusammen!

Und weil das Buhei nach’76 nicht aufhörte, wurden es immer mehr:

Der nimmt’ne Platte auf- in einer Wohnung, von der er wusste, dass sie verwanzt war „ach ich fühl mich so verbunden mit den ganzen Stasihunden…“ und kommt nicht in Haft? Die Platte erscheint beim Klassenfeind im Großkonzern und er kommt wieder nicht in Haft? Vorgeladen wird er schon, aber: Diese Termine überstehe er mit „unbeugsamem Witz“ und weil er „den Marxismus besser kennt, als seine Schergen“. Und davon lässt Stasi sich beeindrucken? “

Dat glaubse nur, wennste im Westn wohns…

Beim Sichten der alten Magazine stieß ich auf das hier (1962):

wolf

Warum Krug den Biermann mochte, wird einigermaßen klar, wenn man den kompletten Magazinartikel liest: Gerry Wolf, Manfred Krug, Wolf Biermann werden hier gepriesen als Angehörige  derselben Künstlerschublade: eine neue Art DDR-Chansonier-Gegenschlag gegen westliche Trends: Schlager goes Prolet-Kult via Arbeiterkampflied. (Naja.) Somit lernten die sich kennen, stammten ja alle 3e aus dem Westen, hatten nun Umgang mit den gleichen Lektoren, Textern, Arrangeuren — und DEFA-Zugang…

Stars waren dort jedoch nur die älteren beiden: Gerry Wolf ein bisschen und Krug ein bisschen sehr.

Der schien wahllos jede Rolle anzunehmen und glänzte von „Emilia Galotti“ bis „Mir nach, Kanaillen!“ in jedem Genre. Als Jungstar hatte er 1968 eine relativ wichtige Nebenrolle in einem der ersten „Fernsehromane“ der DDR ergattert: „Wege übers Land“. Dort spielt er einen Widerstandskämpfer im II.Weltkrieg und LPG-Vorsitzenden der ersten Stunde (in den frühen50ern), der der Hauptfigur, einer alleinerziehenden Bäuerin nach dem Krieg wieder auf die Beine hilft. Jene wird gespielt von Ursula Karusseit. Sie macht im Film einen Bewusstseinswandel durch, wie das so Brauch war im Osten vor’89. Von der stupiden Magd und Ehefrau eines ebenso stupiden Knechts, der Großbauer im besetzten Polen 1940 werden will zur Mutter zweier angenommener Kinder, deren Schicksale das bestialische Gesicht des NS-Rassenwahns anschaulich plausibel machen. Jedoch läuft das in diesem Film nicht gar so holzhämmerig ab wie sonst in Einteilern. In 5 Teilen kann man ja mehr gestalten. Und genau das war hier gelungen. Das Epos wurde alle Jahre wieder wiederholt. Also sind am Film-Ende die Karusseit und der Krug zwei Vertreter des „Neuen Menschenbildes“, aber KEIN Paar.

1975 wirft ein neuerliches Großereignis seine Schatten voraus: „Daniel Druskat“ wird gedreht. Es soll wiederum ein Mehrteiler werden, „auf dem Stand der neuen Zeit“. Es geht offiziell darum, den Wandel in der Landwirtschaft realistisch darzustellen: Von bäuerlichen Privatbetrieben zur LPG und industriellen Tierhaltung. Klingt nicht nach Reißer, wenn man das so liest. Die TV-Romane jedoch waren immer mehr als das: „Der Leutnant vom Schwanenkietz“ im Jahr zuvor war auch nicht lediglich ein Filmdenkmal für die Arbeit „unserer Abschnittsbevollmächtigten“, sondern eine brauchbare Darstellung des Assi-Problems in Ostberlin: Die Hauptstadtbevölkerung schwenkte eben nicht nur Fahnen und grüßte die Vertreter von Partei und Regierung auf der Tribüne, wenn es wiedermal Zeit war, sondern es gab auch jene Spezies, die soff, stahl, log und nicht auf Arbeit ging. Sozialistische Filmkunst bekam nach dem Kahlschlag von 1965 nun also langsam wieder Mut, etwas mehr Alltag zu zeigen, anstatt lediglich Stabü-Unterrichtsinhalte zu bebildern.

Deshalb war erwartbar, dass der „Druskat“ die kritische Sicht der Dinge noch zuspitzen könnte. Und er tat es tatsächlich: Der Film beginnt mit einer Stasi-Verhaftung! Heute ist das inflationäres Klischee. Und Mut gehört auch keiner mehr dazu, sowas zu drehen. 1976 im Ostfernsehen? Sensation! Verhaftet wird nicht etwa ein „negatives Subjekt“, sondern ein linientreuer, langjähriger LPG-Vorsitzender; eben jener Daniel Druskat, gespielt von Hilmar Thate. Seine fast erwachsene Tochter versteht die Welt nicht mehr und radelt los, die Bekannten ihrer Familie nach bisher unerzählten Bestandteilen der Familiengeschichte zu befragen. Erstaunt nimmt sie zur Kenntnis, dass ihr 300%er Vater ein Ritterkreuzträger sei. Dies wiederum erzählt Ihr Horst Stephan(Manfred Krug), der Rivale von der besser situierten Nachbar-LPG, dessen Vater wiederum früher der Ortsbauernführer gewesen ist, so dass sich eh alle Welt wunderte, wie das zuging, dass sein Sohn damals zwar als letzter in die LPG eintrat, aber gleich LPG-Vorsitzender werden konnte…

P druskatEs geht also im engeren Sinne um idealistische Träumer („Daniel in der Löwengrube“), die in Zwänge geraten, die sie scheitern lassen, und um Schlitzohren, die in jedem System mit dem „Arsch an die Wand“ kommen. Letzteres eine Paraderolle für Krug! Und eine fein versteckte Interpretationsmöglichkeit für Kenner: Der „Druskat“ ist die kritische Ergänzung der „Wege übers Land“; der Film in deutlicherer Variante als das Buch. Krug spielt nicht(mehr) den Linientreuen, sondern dessen Widersacher; ausgerechnet die Karusseit spielt seine Frau; eine verhärmte abgestumpfte bäuerliche Hausfrau an der Seite des „großen Machers“. Die Sozialistische Landwirtschaft wird bräsig. Die Teerung der Dorfstraße ist wichtig, die Einrichtung einer Badestelle im Naturschutzgebiet gegen geltendes Recht aber mit „allerhöchster Genehmigung“, nicht die Unterstützung der schwer ringenden Nachbar-LPG. Sozialistisches Miteinander hätte einst anders aussehen sollen. Privatwirtschaftliches Denken scheint unausrottbar. Am Ende kommt es zwar zum halbwegs glaubhaften Happyend, aber das ist gar nicht mehr wichtig oder interessant. Zuviel steckte in den gezeigten 5 Teilen, was Diskussionsstoff hätte werden können in Parteilehrjahren, Belegschaftsvollversammlungen, Weiterbildungsveranstaltungen aller Branchen… Ein Film im Sinne Gorbatschows…10 Jahre früher.

Kaum war der letzte Teil gesendet, geschah jenes Köln-Konzert mit prompter „Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR“. Krug initiierte eine Protestresolution, die von lauter Staatskünstlern der 1.Reihe unterschrieben wurde und sogar im „ND“ erschien. Aber schon wenige Tage später erschien auch der großangelegte Rückzieher der Mehrheit dieser Unterzeichner. Die wenigen, die standhaft blieben, gerieten unter nicht ausgesprochenes Berufsverbot. Sie sollten vergessen werden. Da sich darunter Krug, Thate, Angelika Domröse und Armin Müller-Stahl befanden, brachte sich die DDR schlagartig um gut 50% ihrer bisherigen Filmerfolge.

„Druskat“ wanderte von der Uraufführung somit gleich in den Giftschrank inclusive des Vorgängerwerkes „Wege übers Land“. Kulturpolitischer Unfug, wie so vieles in der ehemaligen Täterätätä.

In der Folgezeit gingen immer mehr Schauspieler, Musiker, Maler… Die gingen nicht wegen Biermann, sondern eher wegen der Schlussakte von Helsinki und der dort verbürgten „freien Wahl des Wohnortes“ bzw. wegen erlebter Gängelung und Nichtzustandekommen ihrer künstlerischen Verwirklichung. Ihrem zurückgelassenen Schaffen erging es wie dem „Druskat“… Es begann sich zu läppern. Die kulturelle Stagnation der DDR hatte begonnen.

Und „Druskat“ war das 1.Opfer.

Nach der Wende wird „Das Leben der Anderen“ dem kulturellen Notstand der (späten) 70er ein Denkmal setzen. Ulrich Plenzdorf, Heiner Müller, Franz Fühmann tauchen dort unter anderem Namen, aber wiedererkennbar, auf. Biermann nicht. Mir gefällt’s.

2001 erschien ein unscheinbares Büchlein eines glücklosen FDJ-Liedermachers der „Ehemaligen“. Reinhold Andert hatte anfang der 90er die Honeckers mehrfach besucht und war mit Interna belohnt worden, die seinem Buch zunächst niemand glauben wollte. „Nach dem Sturz“ wurde wüst verrissen.

Biermann als Freund aus Kindertagen der Margot Honecker (geb. Feist)?

Niemals! Die alte Eisenfresserin will doch bloß die Heldenlegende eines Unbeirrbaren zerstören! Der Rausschmiss sei kalkuliert und abgesprochen erfolgt? Unmöglich! Ganz und gar unmöglich!

2007 erschien Ed Stuhlers Margot Honecker Biografie und siehe da: Seriös erhärtet sich, was Andert bereits schrieb. Nun klammheimlich totgeschwiegen. Ohne Buhei unter den Teppich gefegt. Wer tut sich schon einen Margot-Wälzer an!

2016  Wölfchens eigenes Werk. Auch wenn er versucht die Drähte zwischen den Familien Feist(Halle) und Biermann(Hamburg) auf ein Minimum herunterzuspielen: All die komischen DDR-Mysterien des rätselhaft schnellen Aufstiegs eines mittellosen Teenies aus dem Westen über sofortigen Zugang zum raren DDR-Abitur; und über Brecht-Ensemble-Volontariat zum Dauerprovokateur ohne Einkommen und ohne Haft – waren nun erklärbar. Als geduldeter Hofnarr m.b.H. der eisernen Lady(Ost) riskierte er weit weniger, als mancher, der ihn lediglich zitierte oder für ihn Protestresolutionen unterschrieb.

Mich schützte mit 16 meine damals schon vorhandene Aversion gegen diesen penetranten Vortragsstil vieler Liedermacher. Nee-nee, Reinhard Mey; Reichel oder Danzer… die sangen wie die Kumpels von nebenan, wie nette große Brüder; Biermann sang nicht, er dozierte. Selbstherrlichkeit pur. Der Vortrag beschädigte die Inhalte.

Den „Druskat“ dagegen kann man sich heute noch ansehen. Der Giftschrank existiert bekanntlich nicht mehr.

Winnetou reloaded (Karl May III)

Festtagsprogramm 2016: Die Zeiten ändern sich. Das Gute bleibt?

Nicht ohne Gezeter. Helene Fischer vs. Winnetou. Wer würde zum Erdogan der Fernbedienung? Gelingt es der weiblichen Übermacht den Papa an den Computer-Katzentisch zum Streamen oder zeitversetztem Späterguck zu verdonnern? Wenn sein Blog doch heißt, wie er heißt und jene legendären grünen Bände bis heute das Wohnzimmer schmücken, entgegen allen modernistischen Entlibrisierungsversuchen der weiblichen Mehrheit?!

Quotentechnisch gewann die atemlose Schlagerdrossel deutschlandweit. Im Hause Bludgeon nicht.

In meinem nun 101. Post zum 3.Mal auf Karl May zusprechen zu kommen, ist anlässlich der Neuverfilmung gar kein schlechtes Thema, deucht mir.

Zu Weihnachten 2016, am 1. Weihnachtsfeiertag ereignete es sich, dass Winnetou und Old Shatterhand einen Moment lang wieder auferstanden.

Für eine neuerliche Indianer Renaissance besteht keine Hoffnung. Das begänne schon bei der Wortklauberei der politisch korrekten Benennung schwierig zu werden: Ich bin indigener Amerikaner! Du bist einwandernder, xenophober Mittelständler! Connie wird amtierende Häuptlingin und einer muss den schwulen Marshall spielen! … Das wäre dann zwar KiKa-sendefähig, würde aber keinen Spaß mehr machen. Außerdem besitzen all die dicken Kinder vor ihren Laptops und Tablets längst kein Huppe-Seil mehr, mit dem sie die Gefangenen an der Teppichstange fixieren könnten. Teppichstange? Hä? Wie spricht man das aus? Tippitschständschi? Und was war das mal früher? Alternativ existiert auch keine Wäscheleine mehr in Muttis Haushalt. Hier und da eventuell Kabelbinder unter den Ehebetten, aber um nachzusehen müsste man sich bücken, denn der geizige Weihnachtsmann hat wieder keine Drohne gebracht… Probleme ohne Ende.

Ich schweife ab. Zurück zu Karl May.

Es handelt sich um ein Wunder mit Ansage, denn Monate vorher bereits wurden zahlreiche PR-Register gezogen, damit dieser Reanimierungsversuch auch ja ausreichend vielen Leuten bewusst werde.

So erfuhr man immerhin davon, dass Philipp Stölzl als Regisseur seine Hand im Spiel hatte. Und der ist Kennern seit „Goethe!“ (2010) bestens bekannt. Der schaffte es damals, mir, als bekennendem Goetheverächter, eben jenen „Dichterfürsten“ auf menschliches Studentenmaß herunterzubrechen und somit näher zu bringen. Ich hätte diesem Film damals gern den Erfolg von „Fuck ju Göthe!“ gegönnt. Aber, tja. Die Mär vom „Volk der Dichter und der Denker“ wird trotzdem weiter überstrapaziert.

Wenn nun aber DER  Stölzl für DIESES Unterfangen zuständig ist, dann wird das was!

Und siehe da – es wurde!

Mays Vorlage wiederfuhr zwar eine weitere Umdrehung in der Modernisierungsmoulinette, das bekam ihr jedoch durchaus.

Ohne Henry-Stutzen, ohne Silberbüchse, ohne religiöse Bekehrungsgespräche, aber mit zwei Hauptdarstellern, die in ihre Rollen passen, drehte man da, wo die Winnetou-Film-Saga nun mal hingehört: an den altbekannten Drehorten in der Prärie Kroatiens; mit der beibehaltenen Böttcher-Musike, und mit reihenweise Zitaten aus den Indianer-Altverfilmungen Ost- und Westdeutschlands.

Gojko Mitic als Intschu-Tschuna; Apachen, die Lakota sprechen und mit Untertiteln übersetzt werden; Dakota-Kleidung und Dakota-Bestattungsriten stellen den Bezug zum unvergessenen Toka-ihto her oder schicken dich auf die “Spur des Falken“. Vorausgesetzt, du bist über 30 und Ossi.

Gojko, als alter Apachenhäuptling, verhandelt mit den Bleichgesichtern und erscheint dazu im großen Dakota-Häuptlingsputz. Eine ähnliche Szene gibt es mit dem jungen Gojko 1966 in „Söhne der großen Bärin“. Er bekommt wieder ein Glas Feuerwasser angeboten und schiebt es mit dem Handrücken auf die Seite. Die gleiche Geste wie 50 Jahre früher als junger Toka-ihto im Fort am Niobara. Sekunden später wird er am Verhandlungstisch erschossen; stirbt ein ruhmloses Ende, das den Sohn in die Rachespur setzt. Die Szene lässt hier die Erinnerung an Toka-ihtos Filmvater Matto Taupa anklingen. Ein Oscar würdiger Regie-Einfall: Nun selbst ergraut, schließt sich hier ein Lebenskreis: Die erste und die letzte Rolle. Einst rächte er. Nun lässt er rächen. Er gibt den Stafettenstab weiter an Nik Xhelilaj. Der neue Winnetou ist wiederum ein Balkanbewohner mit Superstar-Aura. Aber wir haben nicht mehr 1962. Für eine Serie von verfilmten Häuptlingsbiografien gibt es keinen Markt.

Die alten Winnetou-Verfilmungen waren extrem erfolgreich. Sie verkitschten zu ihrer Zeit den Stoff jedoch sehr in Richtung Heimatfilm-Sehgewohnheiten. Als Ossi-Zaungast jener Zeit war es mir vergönnt, durch die Gojko-Streifen geprägt zu sein, bevor ich mit ca. 15 Jahren um ‘75 herum erstmals den „Schatz im Silbersee“ im Westfernsehen sah. Ich war somit aus dem eigentlichen Zielgruppenalter raus und merkte mit dem geschärften Urteilsvermögen des Pubertierenden, dass „unsere Filme“ echter wirkten. Pierre Brice und Lex Barker wurden als West-Stars zwar hingenommen, die Shatterhand-Melodie blieb Hit, die Krone aber behielt allzeit Gojko Mitic. Auch unsere Schufte waren fieser: Allen voran Jiri Vrstala, Hanjo Hasse und Rolf Hoppe.

Die Haupthelden der Neuverfilmung entsprechen in angenehmer Form einer berichtigten Sicht auf den Wilden Westen. Die Schufte der Neuverfilmung schwächeln. Sie erhielten zu wenig Entfaltungsspielraum. So bleiben sie Abziehbildstrolche wie ihre Vorgänger in den Pierre Brice Filmen.

Trotzdem hat die neue Verfilmung eine ordentliche Schippe Realismus draufgepackt bekommen.

Sie ist 5fach für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Möge sie einige davon bekommen!

Alois Nebel

Alles über Graphic-Novel und Filminhalt findet sich hier.

Episode 1:  Das Filmerlebnis

B-Ware-Kino Berlin. Februar 2014.
Ein „Kenner-Kino“. Hardcore-Alternative! Vorne Café, dahinter verschlungene Flure als Videothek und DAHINTER das Kinosälchen. Zirka 60 Plätze. Kinogestühl; unterschiedlichste Stile und Bezüge.

Er hat ein paar Tage frei. Es ist mitten in der Woche. Mittags.
Er hat eine Karte gelöst und nun das Kino für sich allein. Der Film wird trotzdem gezeigt:

„Alois Nebel“.

Der einzige Besucher geniest die zufällige Einsamkeit.
Ausgerechnet bei diesem Film kommt das wie bestellt.
Er kennt den Comic-Roman seit einem Jahr und die Thematik von Geburt an.
Nichts wäre schlimmer, als Popcorn fressende, unwillkommene Kicherer, pubertäre Kommentare und Toilettenrenner!
Der Film beginnt an einer Bahnschranke:
Er hat selber viele, viele Zug-Reisen zu den östlichen Nachbarn hinter sich und erkennt alles wieder: Die betuliche Langsamkeit, das Geschacher, die Bahnhofstristesse, der tropfende Wasserhahn auf dem Bahnsteig… Aber auch alles andere lässt sich leicht ins DDRische wenden: Diese allzu wohlbekannte Kliniksituation beispielsweise (wenn auch selber nicht in der Psychiatrie erfahren), diese prollige Silvesterfeier da, die Solidarität der Loser…Mimik und Gestik kommen in dieser rotoskopischen Form um einiges eindringlicher, als das echte Schauspieler überhaupt schaffen würden! Man hat zwar zunächst alles real gedreht, dann jedoch den Film schwarz weiß übermalt. Das schafft Düsternis und Dichte. Der Film zieht ihn hinein ins Celluloid. Er erzählt stringenter als die Comicvorlage.

ereinis 1-001nebelAls die Axt hernieder fällt, klatscht er spontan Applaus. Ja!
Dann noch mal der Bahnübergang in Großaufnahme. Dann Schwarzblende. Dann Abspann. Zu „Mimosezona“ von Priessnitz.

Er sitzt immer noch und starrt an die Leinwand. Die Arme auf den Lehnen der Vorreihe, die Hände stützen die Wangen. Er versucht den Sturm der Bilder in seinem Kopf unter Kontrolle zu kriegen. „Mann-Mann-Mann!“ Denkt er das nur – oder hat er’s auch ausgesprochen? Ein wunderbarer Film. Ach wär’ der doch 10-15 Jahre früher gekommen! Da war Vater noch reger; zum Reflektieren in der Lage – und man hätte sich GEMEINSAM freuen können.

Als er an diesem Punkt seiner Betrachtungen angelangt ist, bewegt sich neben ihm der Vorhang, der den Eingang verdeckt. Der Wirt und Kinokartenverkäufer kommt schon nachsehen, ob sein einsamer Kinobesucher noch lebt.

Der reagiert aber kerngesund auf dieses mahnende Erscheinen: „Alles okay, ich geh’schon.“
Er steht auf und verlässt das Kino. Morgen wird er wiederkommen und die Aktion wiederholen. Es gelingt zum zweiten Mal: Einziger Gast. Der Wirt staunt beim Überreichen der Kinokarte: „Soooo schön war’s gestern?“

Episode 2:   Der Sturm der Erinnerungen

Ich trete in den sonnigen Februartag an der Straßenkreuzung.
Geblendet und immer noch „im Film“.
Ich kenne den Weg in Richtung U-Bahn und laufe los. Nach ein paar Schritten erwache ich kurz und drehe mich um: Da war doch die Kreuzung! Das is’hier Berlin! War da ne Ampel? Wie bin ich rüber gekommen?
Aber an Notbremsungsquietschen kann ich mich nicht erinnern, also war keine Gefahr.
Im ersten besten Straßen-Café lass ich mich auf einen Stuhl fallen. In mir singen immer noch Priessnitz das Lied vom Abspann und um mich rum schweben die Gesichter in ihrer rotoskopischen Eindringlichkeit stumm, denn zusätzlich erschallen die Wortfetzen der Jahrzehnte. Großeltern und Eltern auf Erinnerungs-Rallye:

„Jesus Christus hat 3x im Leben geweint: einmal bei der Geburt, einmal bei der Kreuzigung und dann noch als’n sei‘ Mutter wollt eis Biehmsche schicken.“

„Antek und Frantek woarn beim Militääär. Antek hoad koan Helm noch nicht und Frantek ka Geweeehr!“

„… den Kribbetz Franz, den ham dann die Tschechen dorschloang.“

„Die Russen ham bei uns s Ei’geweckte zerschossn, weil’s kee Schnaps war – und die ganze Wohnung ruiniert, aber dann hamse och aus’m Fenster geschossen auf die Tschechn gegenüber, di dort o’gefang hoam zu plündern.“

„Auf eines Berges hohes im Lande der TschesKa, da hoad amol gestanden a goldne Kapplitschka….“

„…und der fesche Herr Cheeeeef vo’doar Tuchfabrike….“

„Unse sozialistischen Brieder! Worum sein de Tschechn unse Briedor und nich unse Freunde? Freunde kommor sich aussuchnn.“

„Meine Karl May Bicher hoann jetz de Tschechn. Das heest, die wernse längst ham verhökert an die dummen Deutschen, die’n de Beute nu och noch abkoofm.“

„…än Jochen sei Brauerei-Gespann sicherlich ooch. Das war ä schienes großes Lineol-Gespann.“

„ … als se uns ham endlich off Transport gelassen, hamse uns wolln noch vergiften. Die Lebensmittel waorn verdorben. Die Mutti hatt die ganze Fahrt gekotzt. Alse uns ham ausgeloaden ei Graal Müritz, war die Hilde scho’weggetreten; da habbich gedacht: Jetz’ wirste sein Witwer; mit 4 klenn Kindern. Mir andern hottn joa nischt gefressn von dähm Zeuge.“

„Überlebt habbich ja doooch, aber dosde Kinder ham ins Heim gemusst, solange,  das war schlimm.“

„….und do guckt sich vorgestern der Zahnarzt mein Abdruck oa und fragt: Hoatten Se moal vor Joahrn an Kieferbruch… sisste, jetz wess iech, doasse mir hoamm’n ganzen Kiefer gebrochn, als ich musst of Saatz marschiern ei Gefangenschaft…“

„…heirate, wen de willst, aber bring mir keene Tschechin an! Da is Feierahmd!“

Plötzlich die Frage: „Sie wünschen?“

Ich schrecke hoch: (Was? Äh. Ach.) „Pott Kaffe Creme.“
Und bin schon wieder abgetaucht.

 

Episode 3:  Die Verarbeitung
In der Comic-Version von Alois Nebel gibt es viele gute Fragen zum Thema „Odsun“, also Vertreibung. Ich habe den Comic nicht zur Hand und versuche mich zu erinnern:

„ Als die Goldsucher kamen, wurden sie hier nicht glücklich. Sie soffen, stritten und starben schnell. Es stimmte etwas nicht zwischen ihnen und den alten Häusern.“

„Warum verlaufen sich noch heute so viele im Altvatergebirge? Weil unter den neuen Wegmarkierungen immer wieder die alten deutschen zum Vorschein kommen. Geschichte lässt sich nicht übertünchen.“

Jaroslav Rudiš und Jaromir 99 (Jaromír Švejdík) sind meine Generation bzw. die meines Bruders. Babyboomerjahrgänge. In den behüteten Zeiten eines Kalten Krieges mit vielen Tabus aufgewachsen. Es ging ihnen ähnlich wie mir:

„Das fragste aber nicht in der Schule! Das erzählste aber nicht deiner Klassenlehrerin!“

Oder sogar noch ein bisschen schlimmer als mir, denn die Tabus waren in der CSSR noch größer. Als wieder Frieden einkehrt, wird selbst den Tschechen die übertriebene Härte von damals peinlich. Eine Versöhnungsgeste, wie seitens der deutsch-polnischen Bischöfe Anfang der 70er Jahre gab es aber nie. Lieber klammert man sich an Legenden und verehrt „Partisanen“, die oftmals keine sind. Auch davon erzählt der Film.

Er entstand, weil Rudis und Švejdík in Lomnitz(Lomnice nad Popelkau) und Freiwaldau(Jesenik) heranwuchsen und in ihrer Jugend Fragen stellten, auf die sie Antworten bekamen, deren Dürftigkeit sie bereits als Teenager durchschauen konnten:
Da leben nun Tschechen im ehemaligen Sudetenland, das bis in die 90er Jahre immer noch voller abblätternder deutscher Inschriften ist und wenn sie Fragen haben, wie sie hier her kommen, wird die Geschichte zurecht gebogen.
Wenn man beispielsweise die Frage stellt, weshalb die Heydrich-Attentäter aus London eingeflogen werden mussten, ob’s keine Inlandpartisanen gab ….
Oder: Wer zog eigentlich in die herrenlos gewordenen Judenhäuser … ist vor 1990 mit Konsequenzen zu rechnen, die in schöner altstalinistischer Tradition mal mehr mal weniger drastisch ausfallen konnten. Sodann wird vom heldenhaften Partisanenkampf berichtet. Aktionen, die es entweder nicht gab, oder die erst im Mai 45 datiert sind, im Schlepptau der Roten Armee.

Wir sind die Generation der Nachhaker. Naja, nicht alle. Aber einige.Wir geben uns nicht zufrieden mit Klischeephrasen.Auf unserer Seite des Erzgebirges über die Lager des NKWD und auf der anderen Seite über die „Niemze“, die das dort alles hinterlassen haben.

Wir haben gelernt, dass „das blöde Volk immer nach einfachen Antworten sucht“, wenn in der Geschichte mal was misslang. Es hat diese einfachen Antworten stets bekommen, aber: „Ob der Jude oder der Russe schuld hat“ – es war immer ein Fake.

Diese einmal erworbene Gabe der Reflektion funktioniert auch in die andere Richtung:

„Die Mehrheit der Sudetendeutschen ist selber schuld, weil sie sich von Hitler vereinnahmen ließen…“ – ist ebenfalls höchstens die halbe Wahrheit.

Es gibt unzählige Dokus über den Untergang des deutschen Ostens weiter nördlich und die Lage ist übersichtlich: Auf deutschen Terror nach dem Blitzkrieg folgte die polnische Rache der Vertreibung.

Über die Sudetenlandzusammenhänge sind die Aufarbeitungen bisher nie über dürftige Ansätze hinausgekommen. Zuviele unangenehme Erkenntnisse über das tschechische Selbstverständnis schlummern da.

Rudiš und Jaromir99 sind Künstler, keine Historiker. Es ist ihnen gelungen, sich an einen heiklen Punkt ihrer Geschichte zu wagen, und NICHT zu scheitern. Sie lüften den Teppich, unter dem es stinkt. Die offizielle Geschichtsschreibung des Landes hätte ihn gern drüber gelassen. Aber:

Geschichte kann man nicht übertünchen.(Alois Nebel)

Rudiš und Jaromir99 erzählen eine sehr spannende – voller Härten, die gerade deswegen versöhnen hilft. Ihre Leistung zeigt Wirkung:

Seit 2013 heißt ein Regionalzug im Altvatergebirge „Alois Nebel Express“.

Wer mehr zum Thema wissen will:
http://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/das-deutsche-protektorat-boehmen-und-maehren-1939-1945-und-seine-tschechischen-kollaborateure/

Weissensee

Deutschland hat Geburtstag. „Weissensee“ (die TV-Serie) schützt vor dem Virus der überbordenden Ostalgie. Das Land, in dem jeder Arbeit hatte und Kindergärten nichts kosteten, war trotzdem kein gutes.
Spießig, kleingeistig misstraute die SED allem, was vielleicht einwenig weiterbringen hätte können.
Nein „dahin“ gibt es kein Zurück.

Die Praxisanwendung des marxistischen Schnittmusters ist bis auf weiteres gescheitert.
Der dauerhaft motivierte selbstlose Erbauer des Sozialismus blieb Illusion der Parteihochschulen und der Staatssicherheit.

Berlin-Hohenschönhausen war ihre Hochburg. Die dortige „Normannenstrasse“ wurde Synonym für Willkür. Der Gefängnistrakt in der Nähe, die heutige Gedenkstätte, war auf keinem Stadtplan verzeichnet und der Masse unbekannt. Heute führen Ex-Häftlinge durch die Zellen und erzählen ihre Geschichte.

In Berlin-Weissensee dagegen ereigneten sich 1988 erste Vorboten von Freiheit und Aufbegehren:
Plötzlich und unerwartet spielten dort Joe Cocker, Marillion, Fisher Z, Heinz Rudolf Kunze — und er: Bruuuuuuuuce! Und meine Generation pilgerte massenhaft hin.

40 000 warteten auf den Schrei in „With a little help from my friends“ und dann kam er — aus 40 000 Kehlen!
Bei Marillion stand ich neben 2 Typen, die ein Bettlaken an 2 Stöcke gepinnt hatten. Auf dem unübersehbaren Transparent stand nun „We burn a little brighter now!“ (Ein Zitat von der „Cluching at strawbs“ LP (Nomen est omen)).

Kunzes Auftritt wurde (fast) zur Farce. 45 Minuten lang sang er nur angepasstes Zeuch: Dein ist mein ganzes Herz; finden Sie Mabel usw. Um mich rum schrie es jedes Mal in den trotzdem erfolgten Applaus „Sicherheitsdienst“! Aber es folgte statt dessen lediglich „Ich brauch dich jetzt“ … doch dann – kurz vor Schluss: „Ein Lied von der neuen Platte: Wir erreichen die offene See!“ Der Applaus verdoppelte sich. Nein, es wollte nicht jeder „abhauen“, aber die Metapher für „im Schlauchboot nach Lübeck“ wurde ganz automatisch kapiert. Und die, die nicht an Lübeck dachten, glaubten an Gorby. Deren „offene See“ war die erweiterte Freiheit, die nun auch bald im hiesigen Maueretanien heraufziehen musste. Erich war schließlich nicht unsterblich. Glasnostch würde kommen und WIR würden es noch erleben!
Frenetischer Beifall und: Zu!ga!be!-Zu!ga!be! Und dann kam a capella aber spontan im Massen-Chor aufgefangen doch noch die wiedererweckte Zivilcourage des HRK zum Vorschein:

„Ich wär so gern beim Sicherheitsdienst! Sicherheits-Sicherheits-Sicherheitsdienst! Kein echter Baum am Straßenrand! Das sind alles unsre Leute! Wir sind ein vorsichtiges Land!“

FDJ-Oberbonze Aurich, sein Augenberingter Stubenterrier Hartmut König und all die anderen Berufsblauhemden mit Spanferkelplautze hinter der Bühne hielten den Atem an. Schrecksekunde!
Aber „die Revolution fand (trotz diesmal schönen) Wetters wieder einmal nur in der Musik“ (Tucholsky) statt.

Im Sommer 89 kam Kunze mit Ulla Meinecke, Manfred Maurenbrecher und Stoppok zur Poetentour zurück und diesmal sang er auch die wichtigeren Songs: Lamm Gottes, Kadaverstern, Keine Angst, nicht einverstanden … und den Sicherheitsdienst sowieso.

Springsteen jedoch brach den Zuschauerrekord: 150 000! Ost-Woodstock.
„Born in the USA!“ Das wütende Heimatbekenntnis des Bosses wurde hier durch Massenchor zum Beweis der mentalen Sozialismusverabschiedung durch die Generation der „Kader von morgen“. Trotz des Auftrags „to kill the yellow men“ in Vietnam, trotz Chile und Nicaragua, trotz Reagans brandgefährlicher „Mikrophonprobe“ und Granada: das Land der platten Klopse behielt seine Anziehungskraft.

Ein paar Denker waren auch unter den Konzertbesuchern. Kai-Uwe Kohlschmidt und Chris Hinze, die beiden Köpfe der Independentband Sandow aus Cottbus, antworteten prompt auf Jugendradio DT64 mit ihrem sofort zum Signatursong avancierten wütenden „Born in the GDR“. Dass das überhaupt Airplay bekam, grenzt an ein Wunder.

Wir bauen auf und tapeziern nicht mit! Wir sind so stolz auf Katarina Witt! She was born in the GDR! Born in GDR!

Wir können bis an unsre Grenzen gehen! Hast du schon mal drüber hinweg geseh’n?
Born in GDR! Born in GDR!

Der Song wird bis heute genau so gern missverstanden, wie Brucens kritisches Heimatlied.
Denn fast keiner erinnert sich an ein denkwürdiges Kurt Hager Interview mit dem westdeutschen STERN 1987.

Frage: „Wann kommt der Gorbatschow-Kurs in die DDR?“
Antwort: „Wenn ihr Nachbar bei sich tapeziert, rufen sie doch auch nicht automatisch die Maler.“

Nach der Wende wurden die Berliner Stadtbezirke zusammengelegt, um die Verwaltung zu „verschlanken“. Hohenstasihausen wurde mit Weißenbrucesee eins. Die Unfreiheit und die Freiheit vermählten sich.

Die Macher der Fernsehserie wählten den freiheitlich assoziierten Namen „Weissensee“ und erzählen doch Stasigeschichte. Nein, falsch. Nicht einfach so ein Klischeedingens, wie es alle Jahre wieder abgedreht wird, um der westdeutschen Mehrheit ihre verinnerlichten Klischees zu bestätigen – sondern sie erzählen DIE Stasigeschichte der späten Jahre der DDR. Eine realistisch wirkende, spannende Tragödie in Superbesetzung ohne Veronika Ferres und ohne J.J.Liefers.
Sie lindert den Phantomschmerz, den mies verfilmte Machwerke a la „Frau vom Checkpoint Charlie“ und „Der Turm“ hinterließen.

Weissensee beschönigt nichts. Weissensee lässt Längstvergessenes wiederaufleben:
Den scheinheiligen Wandel der Stasi zur Nasi (Nationale Sicherheit) in der Modrowzeit. Die Bürgerrechtlerszene und ihre Normannenstrassen-ferngesteuerten „Lichtgestalten“ Wolfgang Schnur und Ibrahim Böhme, den Undergroundmode-Hype um die Lederflickennäher von „Allerleirauh“, der Ossi-Schnäppchenjägerwahn kurz nach Mauerfall, das James-Bond-mäßige Verschwinden von Verbrechern a la Schalck-Golodkowski, die Zusammenbrüche mancher Künstlerkarriere… alles ohne die eigentlichen Namen zu verwenden, aber in überdeutlichen Anspielungen. Eine Erinnerungsrallye par excellence.

Der Gipfel ist die Darstellung des Oberstrolches Falk Kupfer, der endlich vom lieben BND in die Enge getrieben wird; so scheint es kurzzeitig, weil sich ein Ex-Stasihäftling an ihm rächen will.
Aber dann: Der Rächer will sich gar nicht rächen. Er macht den Generaloberst Kupfer lediglich zum IM des BND und ermöglicht im ein DM-Polster für die Zeit nach dem Ende.
Realpolitik, während die engagierten Träumer des Neue Forums noch an ein kommendes Märchenland glaubten.

In einer Sequenz kurz vor Schluss der 3. Staffel tanzt die Jugend zu

„Wir leben in der Bakschischrepublik und es gibt keinen Sieg. Der Götzendiener pisst sich ein. Es könnte alles falsch gewesen sein….“

Herbst in Peking hieß die Band, die damit den eigentlichen Wende-Hit schuf. Ein nachlesenswerter Text mit zynischen Widerhaken. Vergessen. Die Filmemacher erinnerten auch an IHN! „Wind of change“ verwendeten sie nicht.

„Weissensee“ hat alle Filmpreise dieser Welt verdient.