Krischan der Große

Zum Tode Ralf Wolters (1926-2022)

Erinnerst du dich noch an den Sommer’69? Nicht in Amerika! Woodstock und so. Sondern hier in Deutschland! Genauer: Ost-Deutschland. Wie alt warst du da? Ich war 9 und jener Sommer hatte es bös‘ in sich:

  1. Schwimmlager, weil Mutti es so wollte. Eine Vollpleite für das unsportliche Sensibelchen, das ich damals war.
  2. Das Wetter war mies. Carrell klagte „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“. Niemand wurde diesmal „braun auf Borkum und auf Sylt“ – und auch nicht auf Usedom, wohin es die Bludgeon Family damals für 14 Tage verschlug.
  3. Die Sommerfilmtage bescherten das vierte Jahr in Folge den neuen Indianerfilm. Nur diesmal war das „Weiße Wölfe“ – und diesmal siegte Gojko als Dakota nicht. Er wurde sogar ganz dramatisch und feige erschossen, als ihm die Munition ausgegangen war. Kinderkatastrophe: Scheißfilm. Das stand fest.
  4. Drohte in den Sommerferien noch die Turnbergkatastrophe herein: Die Schule plante den Lehrereinsatz und bescherte dem kleinen Bludgy als Sportlehrerin ausgerechnet die Schinderin vom Schwimmlager in ihrem letzten Dienstjahr, Frau von Turnberg, für immerhin 3 gefürchtete Sportstunden pro Woche.
  5. Im Mosaik endete in diesem Sommer die Ritter Runkel Serie und die Amerika-Abenteuer begannen äußerst langweilig unten in Louisiana mit einem Schiffsrennen der Mississippi-Dampfer der Kapitäne Baxter und Joker. Kein Indianer nirgends! Und auch keine Chance auf Saloon-Schlägerei. Nur Gelaber.

Sommer 1969 war also Scheiße am Rollen!

Wie gut, dass mich da irgendwann die Eltern oder die Großmutter ins Kino lockten – in einen Film mit dem seltsamen Namen „Die Heiden von Kummerow“. Krischan 1Der spielte in der Kaiserzeit irgendwo im Norden an der Küste. Mit 9 hatte ich keinerlei Ahnung, was „Heiden“ sind und den Brauch der „Heidentaufe“, den die Jungs da im Film zelebrieren, indem sie mit im arschkalten Wasser stehen, verstand ich auch nicht; aber den Konflikt zwischen armen Kuhhirten und bösem Tierquäler Düker, dem reichen Müller des Ortes, den verstand ich umso besser.

Auch die Freundschaft zwischen Martin Grambauer und Johannes Bärensprung ging mir nahe, denn auch ich hatte so einen Hang zu interessanten Sitzenbleibern in der Klasse, was Mutti die Sorgenfalten auf die Stirn trieb. Irgendwie wollte ihr mein „Umgang“ mit Günter, Klaus und später Ecke nicht recht gefallen.

„Die gehen nach der 8.Klasse Fluchten mauern. Du willst hoffentlich was werden!“

Schon. Aber: Die fetzten, aber das verstand Mutti nicht.

Und im Film verstehen auch die Mütter nicht, warum alle Dorfkinder den abgerissenen Kuhhirten mögen, der jedes Frühjahr ins Dorf kommt und jeden Herbst wieder verschwindet. Keiner weiß, wohin.

Der Kuhhirte ist Krischan Klammbüdel. Er wird gespielt von Ralf Wolter.

Wären wir Wessi-Kinder, hätten wir gesagt: Sam Hawkins spielt hier den Krischan.

Aber die Karl May Filme kannten wir im Osten 1969 allenfalls vom West-Quartett, wenn überhaupt.

Paul Dahlke als Pastor Breithaupt und Theo Lingen als Superindendent Sanftleben kannten wir aus den Ufa-Komödien, die montags abends liefen.

In den „Heiden von Kummerow“ spielten sie ganz ähnliche Charaktere: Ins Idyllische gewendete Autoritäten. Nebendarsteller irgendwie. Für die Action sorgten andere.

Es war der erste gesamtdeutsch abgedrehte Film nach 1945 und er wurde im Osten im Kino gut besucht. Ich sah ihn dort in meiner Unterstufenzeit mindestens 5mal – und die Reihen waren immer gut gefüllt. Dann kam er alle Jahre wieder im Fernsehen – und ich vermute mal, ich hab ihn dann jedes Mal gesehen, bis ich 13 oder 14 war.

Das war irgendwie Gesetz:

„Nimm dir für Sonnabendnachmittag nischd vor! Da kommen die „Heiden von Kummerow“!“

Der Film stammt von 1967. Ob der bereits ’68 im Ostkino lief, weiß ich nicht. Mir isso, als ob ich ihn ’69 kurz vor- oder kurz nach unserem Urlaub in Bansin/Usedom gesehen habe. Und weil ich zu der Zeit noch ordentlich Ostsee-Flair im mentalen Gepäck hatte, ging mir der Film nahe.

Ich hatte selbst, wie Krischan abend für abend im Dorfkrug 14 Tage lang dasselbe Abendbrot gegessen, weil der Wirt „nur Bockwuast odä S-piegeleieé“ im Angebot hatte: Also regelmäßig 3 Spiegeleier und ne Limo. Der Tisch hatte ebenfalls keine Tischdecke. Immerhin gab es Bierdeckel zum Pyramidenbau. DIE hatte Krischan nicht, bei seinen ärmlichen Abendbroten in der Kummerower Kneipe, abseits am „Henkerstisch“.

Bauernkäuze kannte ich durch das Mitfahren mit Vater „auf Praxis“; bösartige Müller Düker gabs bei mir ganz in der Nähe: z.B. Udos Großvater.

Martin Grambauers Vater, der immer Spitzen gegen die Autorität des Pastors warf, war ganz klar mein eigener Vater, der fleißig gegen einige Lehrer meiner Schule frotzelte:

„Hab dein‘n Direx jetroffm, indor Stadt. Hackedicht warä. Hat die janze Breite von dor Salzstraße jebrauchd.“

Oder:

„Frau von Turnberg? Adel verpflichtet. Da is‘ Inzucht im Spiele. Mach dir ma‘ nich‘ ins Hemd vor der ahlen BDM-Hexe.“

Mutter stoppte zwar meist recht schnell. Aber übrig blieb die Erkenntnis: Erwachsene achten sich durchaus nicht automatisch immer. Ein wohltuender Gedanke. Was BdM war, bekam ich zwar nicht erklärt, aber „Hexe“ war ja deutlich genug.

Und: Martin Grambauer und Johannes Bärensprung – das waren auch zugleich Tom Sawyer und Huck Finn (Deutsche Reichsvariante); der Drehbuchschreiber hatte es voll draufgehabt: Die Kinderdarsteller waren die Haupthelden, die einen Krimi erleben, der für die Erwachsenen nur Alltag ist. Aber auf die Erwachsenen kam es gar nicht so sehr an.

Heute hat das eine ganz eigenartige zweite Message bekommen: Gesamtdeutsch verfilmt hieß: Alle Erwachsenenrollen wurden westdeutsch besetzt. Die Kinder stammten alle von der Insel Rügen. Sie wurden mit Filzstiften bezahlt. Und sie spielten erstaunlich echt und unverkrampft. DEFA-Kinderfilme hatten es oft an sich, dass die Kinderdarsteller „Sprecherkinder“ waren; also „geschult“ ihre Texte aufsagten, was allzu oft steif rüberkam. In den „Heiden von Kummerow“ war das nicht der Fall. Sogar der Fischie-Dialekt kommt durch.

Die Bevormunder also „von drüben“, das „noch zu erziehende Fußvolk“ von hier; aber es lebt eben auch anarchisch unter all den Anweisungen drunter weg, pfeift drauf. Wie man Pfeifen schnitzt, zeigt ihnen Krischan. Der Paria ist der Held! Als er durch Müller Düker in Schwierigkeiten gerät, helfen ihm die Kinder und der „aufsässige“ alte Grambauer, der eh was gegen „die da oben“ hat.

Krischan ist eigentlich auch eine Erwachsenen-Rolle.Und Ralf Wolter ist auch Wessi.  Aber zu den Bevormundern gehört er nicht. Er ist ein altgewordenes Kind. Er verkehrt mit den „Lütten“ von Mann zu Mann. Sie versorgen ihn mit ihren Pausenbroten und verdanken ihm manche Weisheit aus seiner „Seefahrerzeit“. Sie verhelfen ihm am Ende des Films zu seinem Recht, um das er so viele Jahre von den „Großen“ betrogen worden war.

krischan3Krischan Klammbüdel war ein Held meiner Kindheit. Und es half sehr dabei, dass wir seine trottelige Sam Hawkins Rolle nicht kannten.

Nach dem Filmerlebnis las ich auch Ehm Welks Romanvorlage.

Die beiden Hörspielschallplatten „Die Heiden v. K.“ und „Die Gerechten v. K.“ konnte ich auswendig.

Vor ein paar Tagen starb Krischan der Hirte (alias Ralf Wolter) 96jährig und relativ vergessen von der Welt; immerhin erwähnten sie ihn aber noch in der Tagesschau, als Sam Hawkins und in allerlei Nebenrollen – bloß nicht als Krischan Klammbüdel!

Sauerei! Seine beste Rolle! Der Film wirkt heute noch!

Das musste ich reparieren!

Hallo Ralf! Einmal Krischan – immer Krischan!

So wie Dieter Mann für mich auf ewig der Gatt war und Gojko der Dakotahäuptling,

so gehörst du in die „Heiden von Kummerow“!

Basta!

Schlaf gut, Krischan!

ELVIS LEBT! (II)

Zu ELVIS LEBT! (I) geht es hier endlang. (Klick)

War das eine Überraschung im Kino bei „Downton Abbey“ – die Elvis-Film-Reklame! Waaaaaas! Ein Film über den King?! Es ist nicht der erste. Aber: Endlich – wiedermal!

Der Vorfreudepegel ging auf 100.

Gestern Abend nun war es soweit. Kleinstadtkino Samstag. Acht Personen verteilten sich im Saal.

Zwei Stunden und 30 Minuten geht der Film und ne Viertelstunde alberne Trailer von ätzend dumpfbackigen, cineastischen Deiwörsitie-Peinlichkeiten müssen zuvor noch ertragen werden: Naja. Filme, die der Mensch nicht braucht. DER Film hinterher wird doch dafür wohl entschädigen, oder?

Yeahr. Und so war’s auch.

Ich war voll „drin“. Rausch-Rausch-Rausch. Hollywood at it‘s best. Geplättet saß ich noch im Gestühl, als es wieder hell wurde. Lange keine Live-Auftritte aus der Las Vegas-Zeit angesehen und erneut begeistert von DIESER Intensität, die nun sogar der Fake-Elvis, also der Schauspieler, absolut hinbekam.

elvis 22Hätt‘ ich gestern Nacht nach der Heimkehr gleich geschrieben, wäre es ne einzige Schwärmerei geworden.

Nun. Einmal Ausschlafen später, funktioniert die Ratio wieder.

Der Film wirkt super. Atmosphärisch dicht! All das maßlose Blingbling, das die Armseligkeit des US-Alltags und die Leere eines Lebens im goldenen Käfig, wie es Elvis führte, übertünchen soll, wird schon im Vorspann aufgegriffen. Der -im Wortsinn- GEILE Zündfunken, den Arthur Big Boy Crudup verursacht, da auf der Tenne, wenn er „Thats Alright, Mama“ brüllt, was den kleinen Elvis „wegfegt“; und zugleich im Gesicht des Crudup-Darstellers alles deutlich wird, was die USA in Bezug auf ihre Schwarzen versäumt haben und weiterhin versäumen. Animalisch. Primitiv. Ungebildet. Ganz klein gehalten, in einem weiteren Jahrhundert der Rassentrennung nach Lincoln. Das gleiche wiederholt sich mit Big Mama Thornton und „Hounddog“ ein paar Szenen später. Beide Nummern wurden für den Film „geschönt“, sie klangen im richtigen Original noch kantiger, afrikanischer. Unsendbar für weiße Radiostationen vor 22 Uhr. Elvis gab ihnen Feuer und Schlaksigkeit; machte sie für weiße Sender spiel- und deren Hörer anhörbar.

Eine weitere tolle Szene: Die verrotteten Hollywood-Buchstaben auf dem Berg über LA, zwischen denen Elvis sitzt, als er mit zwei Edelhippies das ‘68er Comeback-Special plant. Amerika: Russland mit beleuchteten Coke-Reklamen. Potemkinsche Fassaden, soweit das Auge reicht. Im Dunkeln dahinter all die Trailer-Parks, die Bretterbuden, die hektargroßen Autofriedhöfe. Bist du der arme Tellerwäscher, ist dein Leben scheiße, wurdest du Millionär – ist es anders doof. Siehe Elvis. Frau weg. Nur bezahlte Freunde um dich rum und Kommerz-Kommerz-Kommerz, um die Leere mit irgendwas zu füllen.

Das kommt schon alles ganz gut rüber.

Zu loben sind des Weiteren: Viele, viele dramaturgische Einfälle, die das Erzähltempo beschleunigen und so Spannung halten. Da wird zum Beispiel für einige Szenen die Leinwand wieder mehrfach geteilt, wie das ende der 60er, anfang der 70er gerne Mode war, um mehrere Szenen gleichzeitig zu zeigen. Alt-Hippies kennen das Verfahren aus dem Woodstock-Film. Ich kenne es aus dem Elvis-Konzertfilm „That’s the way it is“. Schön – dieser Rückgriff auf eine verlernte Sehgewohnheit von einst.

Plötzliche kitschig bunte Namensschilder – einfach so ins laufende Bild geschossen, sollen Nebenfiguren vorstellen – und erinnern in dieser Ästhetik an die Vorspanne diverser Vorabend-Serien. Selige frühe 70er!

Die Outfits stimmen – alle! Die Macher des Comeback-Specials als arrivierte Edel-Hippies mit ihren gefönten Seitenscheitel-Langhaarfrisuren wirken wie die Typen, denen Columbo einst auf die Eier ging, oder wie Günter Netzer im Bestzustand.

Herrlich – das Herausarbeiten des Schlusssongs des Comeback-Specials! Der bisher unterbewertetste Elvis-Song überhaupt. Zu keiner Zeit ein Hit. Und dabei ein Gänsehautgarant vor dem Herrn!

If I can dream!

„Wenn etwas zu heiß ist, um es auszusprechen: Sing es!“

War die Lebensweisheit eines alten schwarzen Predigers, den Elvis erlebte.

Jawoll ja! Eine kleine armselige Kerze Hoffnung flackert da irgendwo 1968, … a beckoning candle…, dass da mal was besser wird im Miteinander in den USA. – Und sie flackert und lockt, und flackert und lockt; in hundert Jahren noch.

Gern würd‘ ich dem Bilder-Opus ne 1+ verabreichen – aber – neee. Da sind dann doch auch ein paar Widerhaken, die das Maximalergebnis verhindern.

Auf der tadelnswerten Seite des Films stechen -für mich- vor allem drei Punkte heraus:

  1. Dem Zeitgeist 2022 ist geschuldet, dass ein Hollywood in Zwängen von BLM sich veranlasst sieht, auf „N-Wörter“ zu verzichten. Sowohl auf „Negro“ als auch auf „Nigger“. Nun sind aber die USA bis heute ein Rassistenstaat und in den 50ern war alles noch zwei Tick krasser als heute. Der junge Elvis wurde viel angefeindet. Er machte Race-Music als Weißer! Quasi „Rassenschande“ nach damaliger Lesart. Er galt als „niggerish“. Und da fielen IMMER jene Vokabeln, die heute vergessen werden sollen. Da war jenes Kesseltreiben in Radio und Presse gegen ihn 1958, das ihn hätte genau wegen seiner „Nigger-Moves“ in den Knast bringen sollen! Was für ein Blödsinn also, all die Südstaaten-Rassisten da im Film brav von „Schwarzen“ und von „Farbigen“ reden zu hören. (Meine Güte! Verklemmte Scheiße! Geschichtsbeschönigung! Und die deutsche Synchronisation folgt dem natürlich 1:1. – Nich’mehr meine Zeit!)
  2. Der andere wunde Punkt ist die Elvis-Ehe; die in einer Weise dargestellt wird, von der sich sagen lässt: Na, wenigstens stimmen die Namen der Beteiligten: Elvis, Priscilla, Lisa-Marie. Die Ehe-Dauer, der Scheidungsgrund, das Alter der Tochter 1973 – Hollywoodmärchen. Drehbuch-Fail. Oder Rücksicht auf den noch existenten Presley-Clan – um die Filmrechte zu kriegen. Wenn sich die alte Priscilla heute hätte wieder als das kleine dauer-bevormundete Mädchen von damals akzeptieren sollen, dann wär aus dem Projekt eventuell nichts geworden.
  3. Was schmerzlich zu vermissen ist, ist seine berühmt-berüchtigte, aus dem Ruder laufende Lebensführung in den Las Vegas Jahren, zwischen Fettfressen und Turbo-Diäten, in der er Highways sperren lässt, damit er und seine „Memphis-Mafia“ mit ihren Bikes cruisen können, in der er um Mitternacht von Kinos verlangt, ihm und seinen Kumpels die Blockbuster in Privatvorstellung zu zeigen; in denen er wildfremden Menschen Cadillacs schenkt… Überhaupt bleibt der Film-Elvis bis ende 1976 schlank. Hm. Seit dem „Keine Lust“ Video von Rammstein weiß man, dass da mehr gegangen wäre, ohne dass der Schauspieler sich die Gesundheit ruiniert. Aber die Auftrittssequenzen reißen es dann wieder heraus.

Gag; kurz vor Ende des Films:

„Ich bin nicht der King of Rock and Roll! Nehmt Fats! Er ist der King! Fats Domino!“

Und dann blenden sie einen schlanken, schwarzen Typen mit Brikettfrisur ein.

Das! Kann! Nicht! Sein!

Fazit:

Sehenswert? Ja. Ohne wenn und aber.

Aber einmal reicht.

Note:

1. Musik, Schnitt, Dramaturgie, schauspielerische Leistung 1+;

2. Drehbuch 3+; macht-

3. insgesamt: ne gute 2.

Honecker und der Pastor

Oder: Die Vergänglichkeit der Macht.

Hab wiedermal „Historienfernseh‘“ geguckt. Gesternabend auf arte.

Und hinterher saß noch der Liefers im „Riverboot“ auf mdr.

Ja.

Ich mag den Liefers normalerweise nicht.

Hier führte er ja „nur“ Regie; abgesehen von einem kleinen, hitchcockmäßigen Auftritt am Rande.

Er sollte mehr Regie führen! Nach diesem Film zu urteilen.

Der Film ist (abgesehen von der gelungenen „Weissensee“ Serie) unter endlos vielen filmischen DDR-Verhackstückungen endlich mal was zum Aufatmen für die Ossi-Seele: So war’s!

Kein Wessi-Klischee-Fernsehen!

Also: Sehr gut.

Der Bludgeon kann auch loben.

Und nu schau dir mal die miesen 1 Stern- und 2 Sternbewertungen im Netz an. Haste da noch Fragen?

Liefers gab im Riverboot-Interview zum Besten, dass ihm als Ossi die Episode von 1990, wo die obdachlos gewordenen Honeckers in Lobetal bei einem Pastor Unterschlupf fanden, erst 10 Jahre später bekannt und bewusst geworden sei, da er sich gleich 1990 im Westen tummelte, wegen Connections für die Zukunft.

Er habe also 2000 herum beschlossen: Diese seltsame Geschichte schreit nach Verfilmung! Der Kirchenbekämpfer von einst, verlassen von allen seinen Paladinen, beschützt im Pfarrhaus.

Und kaum sind 22 Jahre rum, hat er alles beieinander.

Wie muss man sich das vorstellen?

Der alte tattrige Erich und seine Frau, die Eisenbeißerin Margot; das Fanal gegen die Frauenquote; zwischen Tischgebet und johlendem Wendevolk vor der Haustür?!

Genau so, wie in diesem Film dargestellt!

Dem Gröl-Mob fehlten, wie immer die stonewashed Jeans und Vokuhilas, aber treffend – nur allzutreffend dargestellt, wie kipplig die Situation damals war: Polizei ohne Macht, Stasiwächter praktisch unauffindbar, Krenz und Gysi fühlten sich „nicht mehr zuständig“; die Russen noch ohne Direktive den „Kampfgefährten“ aufzunehmen, wohin mit ihm?

Ein Pastoren-Ehepaar gegen „Volk“, gegen Sensationspresse, gegen die eigenen Kirchenbonzen – übt Barmherzigkeit.

Bis letztendlich die Russen reagierten und die Honeckers nach Beelitz holten.

So schnell kanns gehen, dass sich Macht in Luft auflöst.

Und so diszipliniert waren die Ossis letztendlich noch, dass sie sich nicht einen Ceaucescu-Moment verschafften. Aber es war knapp!

Der Film bringt das Wunder fertig, diesen seltsamen Moment der Deutschen Geschichte facettenreich darzustellen und die unterschiedlichsten Gefühlslagen des Zuschauers anzusprechen: Die unterschiedliche Haltung der Pastorensöhne zu den feindlichen Bevormundern von eben noch, das salbungsvolle, gradlinige Verhalten des Pastors selbst, Axel Prahl als einer der Behinderten von Lobetal; und SIE: Margot; hervorragend gespielt von Barbara Schnitzler; eiskalt, uneinsichtig, schlagfertig; SIE ist das Highlight im Cast.

(Und es hat durchaus ein Geschmäckle, dass die Tochter einer anderen Hassfigur des Systems, die sich aber bereits zum 18. Geburtstag in den 70ern von ihrem Vater wünschte, das „von“ im Ausweis loszuwerden; hier so dermaßen gekonnt agiert!)

Die Kirche verlor in der Wendezeit so einige „Fachkräfte“ an die Politik. Wie mir ein befreundeter Dorfpfarrer damals süffisant zum Besten gab: „Wirkliche Fackelträger des HERRN gingen nicht verloren.“ Der Lobetaler Seelsorger blieb auf seinem Posten bis zum Ruhestand.

Die Requisiten! Die Musik! Alles stimmig!

Die Filmbranche sollte sich aber generell mal einen Kopf machen, wie sie das Problem löst, die zusammengeklaubten Oldtimer alltagsmäßig eindrecken zu dürfen, oder mal einen Trabi mit unlackiertem braunen Kotflügel ins Bild setzen zu können:

Im DDR-Alltag sahen nicht alle Autos so chromblitzend geleckt aus, wie hier wieder vorgeführt.

Also leichter Punktabzug für fehlende 1990er Mode auf Seiten der Statisten (vor dem Zaun und in der TV-Studio-Szene) und zu sehr geputzte Autos, ansonsten: Alles da.

Note: 1-

(PS: Was mag Uwe Steimle damals bloß geritten haben, die Honecker-Rolle abzulehnen? In so einem gekonnten Film?)

Zweite Guck-Chance: Montagabend im ZDF oder die üblichen Mediatheken.

Keine Zeit für Arschlöcher

Klar: Zu spät – zu spät – zu spät….

Das Ereignis, um das es hier gehen soll, fand letzten Sonntag 20:15 Uhr auf ZDF statt.

Wenn ich schon hier reihenweise miese deutsche Filme verreiße, ganz einfach, weil der Branche einfach nichts mehr gelingt, wenn nicht Netflix als großer Geldgeber dahintersteht, so wollte ich doch DIE EINE Ausnahme von der Regel mal deutlich lobend erwähnen, die dann eben doch passierte.

Zuvor muss ein Outing sein:

Ich mag Horst Lichter!

Am Sonntag lief die Verfilmung seines Bestsellers „Keine Zeit für Arschlöcher“ – und diese Verfilmung muss man einfach als gelungen bezeichnen.

Horst Lichter wird medial hin und wieder bespöttelt. An „Bares für Rares“ wird reichlich herumgemäkelt. Thomas Gottschalk hat sich da wiederholt verständnislos geäußert, wie dieser Trödelquatsch so erfolgreich sein kann. Tja, er hat verlernt in den Spiegel zu gucken. Warum gönnt er andern nicht, was ihn selber ereilte?

Lichter hat eine beispiellose Biografie. Arm geboren und aufgewachsen, halbtotgeschuftet, bevor er 30 war, erlitt er mit 26 und 28 Schlaganfälle und dazwischen einen Herzinfarkt – alle Zeichen standen auf Untergang; da fing Restaurant Nr. 2 plötzlich doch an zu prosperieren, die extravagante Gestaltung des Biergartens mit den Mopeds in den Bäumen sprach sich rum; die Outfit-Macke des Betreibers ebenfalls – und so geriet er ins Fernsehen.

Ich habe „Lafer, Lichter, Lecker“ nie gesehen, aber Lichter live in Talkshows als unterhaltsam wahrgenommen. Dann kamen zu Weihnachten jene Motorradausflüge – Lichter & Jenke gemeinsam durch Norwegen – die waren richtig gut gedreht und dann kam „Bares für Rares“ – die spannendere Variante von „Kunst oder Krempel“, die der BR ursprünglich erfand.

„Keine Zeit für Arschlöcher“ erschien 2018.

Es enthält seine Reflexionen über seine Kindheit und sein kompliziertes Verhältnis zu Mutter und Verwandtschaft, durchgrübelt im letzten Lebensjahr seiner Mutter, deren Krebstod er am Krankenbett begleitete, was nun erst Mutter und Kind zusammenbrachte.

Lichter ist 1962 geboren, also meine Generation.

Sein Lebensweg stellt ein westdeutsches Jin zu meinem ostdeutschen Jang dar.

Siehste: So scheiße hätt‘ es dir gehen können, wenn es deine Eltern nicht in die Ostzone verschlagen hätte, damals 45/46; als alles verloren war, worauf sie hätten aufbauen können. Im Osten konnten auch Vertriebenenkinder studieren und zu den gut bezahlten Berufen vordringen. Sie mussten nicht ins Bergwerk. Im Westen wären sie ewig „unten“ geblieben und hätten all den Einheimischen bei der Wohlstandsmehrung zugesehen.

Der Film musste logischerweise kürzen, dramatisieren, was im Buch steht.

Leider geriet dabei unter die Räder zu erklären, weshalb die Mutter so war, wie sie im Film gezeigt wird: Sie heiratete einen netten Typen, von dem sie sich ihr Lebensglück versprach. Es stellte sich jedoch heraus, dass er der Einzige verlässliche Nichtsäufer aus einer Schrutz-Sippe war – und dieser Packen Schicksal war quasi seine Morgengabe, da er nie konsequent mit denen brach. Da wurde immer geholfen, wenn die sich wieder in Not manövriert hatten und so war immer Geld knapp, trotz Fleiß und Reihenhaushälfte.

Der Film zeigt den letzten Besuch bei der scheinbar gesunden Mutter, die nur nichts mehr isst. Dann erfolgt der Arztbesuch und die Diagnose, dass der Krebs schon weit fortgeschritten sei und dass OPs keinerlei Sinn mehr machen. Mutter Lichter solle doch „quality time“ leben, soweit es noch geht.

Dafür ist sie zu stur. „Was krank ist, muss raus!“ Sie begibt sich in den ausweglosen Kreislauf des OP-Marathons, der sie schnell elender und elender werden lässt. Horst macht TV-Pause, mietet erst ein Hotelzimmer, schließlich eine Zweitwohnung in Krankenhausnähe und sitzt Tag für Tag am Bett.

Der Film arbeite viel mit Rückblenden zum 9jährigen Horst und seinem missratenen Geburtstag zum Beispiel, oder zum überforderten ca. 20jährigen Familienvater in Ehe Nr.1, in der sein erstes Kind den plötzlichen Kindstod stirbt und der Kuckuck Kleber ansteht, was beides dann auch die Ehe scheitern lässt.

Ein kleinwenig missglückt wirken jene Motorradfahrsequenzen im Film, bei denen er grübelnd seine Erlebnisse „verdaut“. Sie wirken teilweise wie Fremdkörper hinein geschnitten in den Erzählstrang, weil anfangs nicht erklärt wird, wie im Teenie-Alter seine Fahrmacke entstand, die ihn ein Leben lang begleitete. Der Motor-Maniac, der einer Mopedtour mit den Kumpels sogar das intime Tête-à-Tête mit der Freundin opfert. Eine Schmunzel-Szene im Buch, die man im Film leider nicht verwendete.

Dafür seeeeehr gelungen: der versteckte Stolz der Mutter (brillant gespielt von Barbara Nüsse) auf den berühmten Sohn und schließlich der versöhnende Händedruck auf der Bettdecke mit der Transfusionskanüle im Handrücken.

Toll auch die emotionale Nachhilfe durch ihre Schwester, die dem 50jährigen erbosten Horsti erklären muss, warum seine Mutter nie Mutterliebe zeigte.

Diese Szene besonders ist deshalb so ein Highlight, weil sie den Zuschauer emotional packt und zugleich ein Zitat aus „Wunder von Bern“ ist. Denn Johanna Gastdorf, die Mutter jenes Balljungen dort, spielt hier die verständnisvolle jüngere Schwester der Lichter-Mutter. Im „Wunder von Bern“ erklärt sie ihrem 11jährigen Filmkind, warum Papa, der Spätheimkehrer, sich so roh verhält. Liebevoll und mit den richtigen Worten. Hier nun erklärt sie dem Schnauzbart-Lichter, wie sie früher ihre Schwester bedauert hat. Im selben Tonfall. Und den 9jährigen Horsti hat der Zuschauer dabei ja immerzu vor Augen. Großartig!

Auch stimmen die jeweiligen zeittypischen Zutaten. Ganz besonders perfekt bei jenem gestellten Kindergeburtstagsfoto 1971. Ich jedenfalls fand diesmal nichts zu mäkeln.

Wieviele missratene DDR-Filme wurden seit den 90ern in den Äther geballert: Stasi rauf und Mauerfall runter und immer ohne Verständnis für zeittypisches Lebensgefühl oder Mode im Osten. Nirgends fand ich mich wieder.

Aber jenes Geburtstagsfoto da vom Rhein: Genauso sah das aus, wenn Vaters abgehauene Klassenkameraden Fotos schickten!

Oder jene Portemonnaie-Vergesser-Szene: Der 9jährige wird mit dem Fahrrad losgeschickt, alleine die Schuhe vom Schuster zu holen. Ich ging seit „große Gruppe Kindergarten“ Milch holen. Das mute mal einem 9jährigen heute zu! Die finden sich kaum selber in die Schule! (Andererseits liegen ja auch die Läden mittlerweile nicht mehr fußläufig „um die Ecke“. Wir verlernen nicht nur Filmemachen, sondern auch Städtebau.)

Hach! Es war ne richtig gelungene Zeitkapsel, letzten Sonntag. Wessi-Regisseure und Drehbuchschreiberlinge schrieben über Wessi-Vergangenheit und alles stimmte. (Aber der nächste DDR-Murks wird kommen.)

Horst Lichter soll bei der privaten Premiere der Rohfassung geweint haben.

Er kann stolz drauf sein, dass auch dieses Puzzleteil seiner Projekte die Lichterkette nicht reißen ließ.

Schulnote: 2+, wegen der fehlenden Vorgeschichten des mütterlichen Elends und des Motorfimmels.

Kaiserspiel – im ZDF

Neeeee! Geschichtsverzerrung! Plump und laienhaft!

Unsere Selbstverzwergung geht weiter! Die letzte militärische Erfolgsphase der deutschen Geschichte, die Reichsgründung durch Bismarck 1871, dargestellt als „Glanzstück der Frauenemanzipation“!

Als französische oder polnische Produktion hätte mich das „Fernsehspiel“ grinsen lassen. Als deutsches Fernsehspiel ist es eine Schande.

Bismarck, ein blitzkriegender Prä-Hitler.

Moltke, ein unentschlossener Zauderer.

Nur die attraktive Kommunardin Lousie Michelle, Lehrerin des Volkes, Hungerrevolteuse, – hat immer Recht!

„Madame Rosa Luxembourg de Paris“

Wenn das Margot und Erich wüssten!

Leuuuuuuuute!

Mir vergrätzt es den Humor, wenn ich sehe, wie hier passend gemacht wird, was passen soll:

Bismarck, der Verhinderer deutsch-französischer Freundschaft?

Napoleon III. – der arme Überfallene?

Immerhin wird wenigstens noch zugegeben, dass letztlich Frankreich diesen Krieg vom Zaune brach.

Aber „Bismarck ließ uns keine Wahl“, wird der Witwe des tragischen Helden 1919 in den Mund gelegt. Eugenie Bonaparte und Luise von Baden, zwei hochadlige, von der Macht vertriebene Witwen, wurden als die Beurteilerinnen der Abläufe auserkoren. Geht’s noch blöder?

DAS sei die deutsche Perspektive?

Und eine attraktiv geschminkte, französische Kommunardin von Paris sei die französische?

Berta von Suttner rotiert im Grab!

Was an diesem Machwerk stimmte?

  1. Es gab diesen Krieg wirklich. Sedan wurde von Deutschland gewonnen und anschließend Paris belagert, weil Frankreich, trotzdem sein Staatsoberhaupt bei Sedan in Gefangenschaft geraten war, sich nicht ergab.
  2. Bismarck musste den deutschen Hochadel übertölpeln, und seinen Dienstherrn König Wilhelm zwingen, das Kaiserreich zu gründen, damit die alte Wunde von 1815 endlich heilen konnte. Schon damals hätte es zustande kommen sollen. Der absolutistisch gesinnte Hochadel begriff nicht, dass dieses Thema auf der Tagesordnung stand. Bismarck arbeitete hier gegen die überholten Interessen seiner Kaste.
  3. Ludwig II. lässt sich kaufen, dem König von Preußen die Kaiserwürde anzutragen.
  4. Die Kaiserproklamation findet im Spiegelsaal von Versailles statt. Tatsächlich ein verhängnisvoller Fehler.
  5. Elsaß-Lothringen wird von Frankreich an Deutschland abgetreten.
  6. Es gab eine Pariser Kommune für 72 Tage, aber eben nicht so, wie dargestellt.

Was fehlte?

  1. Die Erwähnung der tatsächlichen Ursachen und Anlässe, des Deutsch-Französischen Krieges: Kriegstreiberei Napoleons III. auf bereits vor dem Krieg angeschlagenem Thron; die spanische Thronquerele, die bereits erkämpften Siege über Dänemark und Österreich, letztlich die Emser Depesche, von der noch zu reden sein wird (siehe unten);
  2. die realistische Darstellung der Belagerung von Paris: Als die Kommune in Paris die Übergangsregierung weggeputscht hatte, kämpften französische Regierungstruppen gegen diese Seit an Seit mit den Deutschen. Franzosen schossen also auf Franzosen, nicht nur beiläufig versehentlich, wie uns ein Nebensatz der Louise Michelle glauben machen will.
  3. Napoleon III ist der eigentliche Kriegstreiber Europas jener Zeit gewesen, erfolglos zwar im Krimkrieg und in Mexico, aber erfolgreich gegen Österreich und Italien. Er stärkte die Einheitsbewegung Italiens, um ihm dann „als Dank“ seinen Westen zu rauben. Die Cote Azur, ein französisch-italienisches „Elsaß-Lothringen“.
  4. Der Fakt der überfälligen Reichseinigung: Das Volk träumte seit 1815 diesen romantischen Traum. Der Deutsche Bund war ungefähr so krisengeschüttelt und unbeliebt wie die Weimarer Republik. Umgeben von starken Nationalstaaten empfanden mehr und mehr Volksteile bei steigender Bildung, dank wachsender Schulpflicht, dass man in der Mitte Europas Entwicklung verschnarchte.

Was wurde verfälscht?

  1. Die realen Zustände zu Zeiten der Kommune in Paris: Unzufriedene enthemmte Volksmassen; die Erstürmung der Bäckereien: Hach was für ein nahezu gutmütiger Akt einer zimmerlaut argumentierenden Louise Michelle! Den Bäckern wurde ein wenig Brot enteignet. Eu-jeu-jeu! Mehr nicht? Nix da von „werden Weiber zu Hyänen“. Schiller ist vergessen. Die Kommune scheint ein ganz stiller Frauen-Putsch von klugen Vorstadtlehrerinnen gewesen zu sein, die aus nachvollziehbaren Gründen in einer belagerten Stadt keine Ratten essen wollten.
  2. Ludwig II.; so normaaaaal? Gar keine Kapricen? Nur ein wenig zu teure Baulust?
  3. Schließlich ist dauernd von einem Reichstag die Rede, der „sich (im Januar 1871! Sic!) ebenfalls eine Kaiserernennung“ wünscht. Den Reichstag gab es vor dem Reich? Wer hat den denn erfunden? (Ergänzung: Mag sein, dass ein „Norddeutscher Reichstag“ des Norddeutschen Bundes gemeint ist, aber wieviele spezielle Kenner dieses kurzlebigen Bündnisses sitzen da üblicherweise vor dem Fernseher?)
  4. Während Deutschland 1871 angeblich um seinen Sieg zittern muss, wird Frankreich für die Erfindung der Luftpost per Fesselballon gelobt! Keine Erwähnung der dt. Überlegenheit durch Fortschritt: Hinterlader-Karabiner, Stahlrohr-Kanonen, schnelle Truppenverlegung durch besseres Eisenbahnnetz im deutschen Hinterland; und besser organisierte militärische Organisation: Feldheer, Ersatzheer, Landwehr…

Was wurde verschwiegen?

Vor allem ein entscheidender Punkt:

Frankreich war zum Zeitpunkt seines „Losschlagens“ 1870 auf dem Höhepunkt einer Heeresreform, die Preußen 1862-63 hinter sich gebracht hatte. Also waren französische Truppen nur teilweise modern mit Karabinern ausgerüstet, aber gleichzeitig auch noch nicht mit der neuen Waffe geschult. Wie immer bei solch großen Umbrüchen hatte ein Teil der Truppe die neuen Gewehre, aber nicht ausreichend Munition. Pulvervorräte für die alten Vorderlader wären noch dagewesen, aber die alten Einschüsser waren bereist weg – und anderes Durcheinander mehr. Also: Ein politischer Hasardeur „Nappi 3“ lässt sich reizen und verkündet zur Unzeit „Rache für Sadowa!“ (So hieß die Schlacht von Königgrätz in Frankreich.) Er will also die österreichische Niederlage von Königgrätz rächen. Hä?

Vor DIESEM Hintergrund erklärt sich auch der Sinn der „Fälschung“ der Emser Depesche ganz anders: Bismarck sucht sich einen strategisch günstigen Zeitpunkt aus, für einen Krieg, der unvermeidbar war. Er führt nicht einen Krieg herbei, den es ohne diese Depesche nie gegeben hätte.Begegnung 1870

Was bleibt?

Übelst verzerrte Geschichte.

Immerhin: Am Schluss wird durch die beiden alten Fregatten, Luise und Eugenie, kurz angesprochen, dass Spiegelsaal Versailles 1871 – Spiegelsaal Versailles 1919 zur Folge hatte, dass jedoch „auch dieses Versailles“ wieder Revanchegelüste, diesmal auf deutscher Seite schüren wird.

Wie wahr, wie wahr!

Schnellschnitt: Panzer in Frankreich 1940, Hitler in Paris und – Adenauer und De Gaulle 1964 beim Beendigen der „Erbfeindschaft“.

Allein: Diese 2 Minuten am Schluss machen die 88 Minuten zuvor nicht wett.

Schulnote: 5+; immerhin waren die Kostüme und Kulissen schön.

Ein Hauch von Amerika

Viel ist schon geschrieben worden über diesen Film. Ich hab ihn nun auch gesehen. Hier also mein Senf zum Thema:

Ein schönes Filmmärchen in 6 Teilen a 45 Minuten; arrangiert um einen wahren Kern.

US-Rassismus in einer Pfälzer Garnison 1951-52 herum. Der Name Kaltenstein für den Ort -deucht mir- geschickt gewählt. Schön anzusehende Story von zwei deutschen Freundinnen aus sehr unterschiedlicher Familie, die eben das Leben entdecken.

Eine blonde, arme Goldmarie, die alles kann und deshalb auch einen schwarzen GI liebt, der es ehrlich meint und der nicht nur das schnelle Fraulein-Abenteuer will. Und eine rothaarige, spätpubertierende, „lebenshungrige“ Tochter des Bürgermeisters, die in einer Suffnacht von drei weißen GIs missbraucht wird, woran sich das gefährliche Unterfangen einer illegalen Abtreibung schließt, welches zu lebenslanger Unfruchtbarkeit führt.

Maries Vater, der alte Kastner, gibt den versoffenen, einfachen Bauern. Sein Vollbart in Verbindung mit der Seitenscheitelmähne ist gleich zu Beginn des Films das erste, was Verwunderung auslöst: Wie kommt dieser Typ „trottliger Iwanuschka“ als freier Bauer 1951 in die Pfalz? Da Marias Gretelfrisur entfernt an Frau Timoschenko erinnert, war sofort meine erste Assoziation da. Die klassischen Sowjet-Märchenfilme aus Professor-Flimmrich-Zeiten feierten ein Deja vu, made by ARD:

Wassilissa muss ihren braven Wanja finden, der erst durch einige Gefahren muss, bevor er sie kriegt, weil Väterchen Frost hilft, die Schufte zu bremsen. Nun ja – Wanja ist hier schwarz und heißt George Washington und Väterchen Frost heißt hier Colonel McCoy, aber auch er kann zaubern und macht Unmögliches wahr:

  1. Die pampig auftretende, zerlumpte Maria im ersten Teil, deren langhaariger Vater gerade US-Landvermesser auf seinem Acker verdroschen hat, erwählt er prompt aus Mitleid zur Haushaltshilfe für seine vornehme Frau, die somit mehr Zeit zum Saufen hat. Diese wiederum lässt Maria erstmal duschen und sich neu einkleiden, sodass aus der unscheinbaren Maria eine schöne Wassilissa werden kann.
  2. Der zweite Zauberstreich des großen weißen Wohltäters McCoy betrifft den Mariavater selbst: Wenn du US-Army-Angehörige verdrischt, dann wirst du hinterher gut bezahlter Baustellenleiter der US-Army. Papa Kastner erhält als Ausgleich für enteignetes Ackerland eben diesen Job.
  3. Zauberstreich endlich imTeil 6: McCoy und seine Frau können von Marie glücklich erpresst werden: Damit die McCoys nicht vor den McCarthy Ausschuss müssen. Weil Mrs. McCoy nachweisbare gute Kontakte in die Künstlerszene Ostberlins hat, müssen die McCoys den unter falschem Verdacht inhaftierten George Washington nicht nur laufen lassen, sondern in Colonels Dienstwagen auch noch zum Bahnhof bringen, damit er und Marie ihre Reise „ins Glück“ antreten können. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann feiern  sie noch heute bis an ihr Ende…

Nunja.

Es stimmt, dass das Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß in den USA der 40er und 50er Jahre mit Apartheid noch ganz gelinde und zutreffend beschrieben ist. Das schonungslos zu zeigen, ist 2021 nicht mehr neu. „Flucht in Ketten“ setzte da 1958 Maßstäbe und ähnliche Filme gibt es zuhauf.

Die verdienstvolle amerikanische TV-Serie „Roots“ wurde in den späten 70ern ein Straßenfeger in beiden Deutschlands: Sie leitete all die bis heute fortlebenden Verwerfungen historisch her und erweiterte somit Horizonte.

Letzteres tut „Ein Hauch von Amerika“ mMn nicht. Aber „Black lives matter“ is up to date!

Wie bereits gesagt, waren es schön anzusehende 6 Teile, die wenigstens nicht diese schnellen Schnitte hatten, die den ohnehin fragwürdigen Inhalten von „Unsere wunderbaren Jahre“ den Rest gaben.

Der Maria Kastner gelingt es, trotz dramaturgischer Überladenheit, immerhin nicht allzu emanzipert herumzupowern, wie das die jüngste der 3 Schwestern in den „Wunderbaren Jahren“ tat.

Aber pädagogisch überladen bleibt auch ihre „starke Frauen“-Rolle:

Sie muss sich rasant entwickeln, vom dummen Bauernmädchen zur do it yourself english sprechenden Haushilfe bei Colonels. Sie muss für ihren GI Porgy die weiße Bess sein. Sie muss sich von Mrs McCoy für Tschechow und abstrakte Malerei begeistern lassen. Sie muss begreifen, dass ihr in der Pfalz mit ihrem traumatisierten Heimkehrer (mit dem sie verlobt ist) nur ein elendes Hausmütterchenschicksal droht – und dass es deshalb besser ist, mit schwarzem GI nach Ostberlin zu gehen, um Grafikerin werden zu können. Ächz! Und Fahrrad fährt sie auch noch!

Immerhin kein Lastenfahrrad! Also ökologisches Prophetentum bleibt mithin ausgespart!

Ihr Porgy-Wanja-George hingegen bleibt als Figur im Film unterfordert. Das beste ist noch die Namenswahl: George Washington. Somit steht er als Schwarzer für das bessere Amerika und all die Werte, die da 1951 schon rund 200 Jahre in der Verfassung stehen, aber bis heute nicht vollständig Wirklichkeit geworden sind. Im Weiteren jedoch ist er beileibe kein Prä-Martin Luther King oder gar -Malcolm X. laut Drehbuch muss er immer nur brav gucken, Liebesbeteuerungen und Entschuldigungen stammeln und sich von einem weißen „Sardsch“ schikanieren lassen. Er verkörpert das mitleiderregende, arme Negerlein -Onkel Toms Hütte Style- par excellence.

Ich wartete regelrecht darauf, dass ihm im Dialog mit seinem weißen Schinder-Sergeant auch noch „Massa“ herausrutscht.

Somit spielen die Strolch-Figuren echter und besser als die zu eindimensionalen Bilderbuch-Helden George und Maria.

Einfach, weil da für sie mehr Freiraum ist, real sein zu dürfen – mal nett, mal biestig, mal schmierig angepasst.

Familie Strumm:

Vater Nachkriegsbürgermeister: Entnazifizierter Ortsgruppenführer und Arisierungsgewinner von einst, nun neuzeitlich gewendeter mauschelnder Geschäftsmann, der den Amerikanern Kasernen baut.

Mutter: Bigotte Musterkatholikin; passend zur Zeit, dauernd mit dem Pfarrer Kaffee trinkend.

Sohn Siegfried: starren Blickes soeben aus russischer Gefangenschaft zurück gekehrt; traumatisiert.

Erika: Das lebenshungrige Flittchen, wenn man es wohlwollend ausdrücken will.

Hinzu kommt noch die Standort-Hure Martha, die Erika in der Besserungsanstalt bei den Nonnen kennenlernt.

Aber so einiges fehlt eben, um aus den 6 Teilen das TV-Ereignis zu machen, das es sein will:

Vorallem fehlen – ALLE Zwischentöne.

Alle Weißen (außer Maria und ihrer Mutter) sind dumm oder falsch oder rassistisch, bzw. alles das auf einmal.

Alle Schwarzen sind – brave, arme Märtyrer.

Die beiden Familien Kastner und Strumm sind wie zwei Robinsonfamilien in Kaltenstein angelegt, da außer dem Pfarrer (für insgesamt 7 oder 8 Sätze in 6 Filmteilen) keine weitere Nebenfigur irgend eine Bedeutung erlangt und somit die Möglichkeit einräumt, dass der Ex-Bonze Strumm mal mit ein paar alten Kameraden Sprüche über „den Ami, den Tommi oder den Iwan“ klopfen könnte. Oder dass der traumatisierte Siegfried auf ebenfalls versehrte Klassenkameraden träfe, oder von alten Vorkriegsidolen schwärmt, um irgendwo wieder anknüpfen zu können. Stattdessen weiß der, als erwachsener Sohn, 1951 nicht einmal, dass seine Familie eine enteignete Juden-Villa bewohnt! Hat der erst Erinnerungen ab Einberufung?

Somit wird darauf verzichtet, ein reelles Bild der postfaschistischen Gesellschaft der Adenauerzeit zu erzeugen, wo Russen- und Bimbo-Witze umgehen, einschlägige Büttenreden gehalten werden, alte Liedfetzen im Suff erschallen oder gar ein paar Vertriebene (als Zwangseinweisung irgendwo im Ziegenstall untergebracht) gerade Lastenausgleich empfangen und beneidet werden.

Kaltenstein bleibt leblose Kulisse.

Was aber vor allem fehlt, ist der Aspekt der Besatzerkinder. Hier verschenkt das Drehbuch das meiste Potential.

Erika wird zwar geschwängert, aber a) von Weißen und b) wird das Ergebnis ja „weggemacht“.

Maria wird nicht schwanger, flieht also unbelastet mit „Wanja“-George ins Märchenland/Ost.

Wenigstens Martha hätte ein schwarzes Kind gebären- und Spießruten laufen müssen, wenn da ein bissel auch deutsche Nachkriegsbrisanz einbezogen worden wäre.

Hierin sehe ich die Hauptschwäche des Drehbuchs.

Fassbinders „Ehe der Maria Braun“ (1978) bleibt bis auf weiteres der bessere Film zum Thema „Chasing Frauleins“; und „Roots“ die bessere Serie zum Thema Rassismus.

Als Nachkriegsfilm besser als die „wunderbaren Jahre“, deshalb in Schulnoten eine glatte 3.

Der Pflichtfilm zum 60. Jahrestag

August’61. Mauerbau. 60 Jahre her.

Ja, da musste der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk mal wieder Wahrnehmung des Erziehungsauftrages beweisen. Wie immer bei Ossi-Themen wurde es eine übellaunig abgedrehte Schnellschnell-Klischee-Parade. Sparsamer Aufwand, schneller Dreh und schnelle Schnitte, senden, abhaken. Eventuell jedes Jahr anfang August wiederholen.

„3einhalb Stunden“

„Es fährt ein Zug nach nirgendwo“… am 13. August 1961. Und die Passagiere dieses Interzonenzuges von München nach Ostberlin haben dreieinhalb Stunden Zeit zu überlegen, ob sie spätestens in Bamberg aussteigen, um „ihre Träume leben zu können“. Im Adenauerland. In den USA von Küste zu Küste reisend. Oder auf dem Eifelturm. Oder weiterfahren, um schmählich im Osten zu verenden!

Du musst wissen: Alle Ossis träumten permanent von Flucht und von Amerika! Für Wessis gilt das als erwiesen.

Der Abspann des Filmes sorgt für den eigentlichen Lacher: Historische Beratung: „Max Musterfrau“.

Ich will den armen Mann nicht bloßstellen, schaut selber nach, wenn euch der richtige Name interessiert. Vielleicht hat er ja richtig beraten, aber man hat der Crew das Budget gekürzt, sodass zeittypische Kledage eben nur für ein Drittel der Akteure gereicht hat. Vielleicht aber ist er einer dieser jungen Leute, die mittels massiver Nachteilsausgleiche ein Abi herbeigeschenkt bekamen und die nicht bestandenen Testate im Studium machte dann die Zeter- und Mordio schreiende Helikopter-Mutter auf den Fluren der Sektionsleitung wett, während die eingeschüchterten Profs hinter ihren Schreibtischen in Deckung gingen. Kein Aufsehen! Wegloben! Ab zum Fernsehen!

Welche Bären kriegen wir hier nun aufgebunden:

Da gibt es eine junge Lokführerin in der DDR, über die ein Dok-Film gedreht werden soll. Aber die junge Dame verhält sich wie die von D-MAX hergebeamte abgespeckte ARD-Version der Checker-Lina abzüglich ihrer Tatoos, wie sie da in Männerunterhemd und Latzhose an der Lok schraubt.

Dann gibt es einen Flugzeugkonstrukteur, der mit Frau und zwei Kindern in München den Zug besteigt. Beide Kinder annähernd gleich alt. So zwischen 11 und 13. Die Tochter Papas Liebling, technisch interessiert und schlauer als der Vater, weil sie spontan ein Transistorradio reparieren kann, welches dann prompt Willy Brandts Mauerbauprotest sendet. Sie nervt zuvor die Leute auf dem Bahnsteig mit einem großen Flugzeugmodell, mit dem sie herumfliegt und immer so „beinahe“ aneckt, während der fasst gleichalte Bruder brav neben Mutti hertrabt.

Also das kann ich aus meiner 60er Jahre Kindheit bestätigen: Was haben wir Jungs gelangweilt und ideenlos in der Sandkiste herumgesessen, bis die spielmachenden gleichaltrigen Kumpelinen kamen und uns via Sandkuchen backen und Gummi-Hopse einen interessanten Tag bescherten! Und später hat mir meine Sandkastengefährtin Conny mit meinem Stabilbaukasten etwas vorgeschraubt und ich habs nachgebaut.

Glaubste nich‘? War bei dir genau andersrum?

Na siehste!

Ironie aus!

Der lustlose Bockie der Familie übrigens hat kurz vor Schluss dann seinen großen Auftritt, als Vater im Westen bleiben will, weil er ein Jobangebot in München bekam. Mutter aber will den verdienstvollen Opa im Osten nicht alleinlassen. Tochter heult und will schon aufs Pilotinwerden verzichten, da kommt Kleinpubi altväterlich kraft seiner 13 Jahre Lebenserfahrung aus dem Muspott und spricht: „Du bleibst mit Papa im Westen und wirst Pilotin. Ich geh mit Mama zurück nach Berlin. Und im Urlaub treffen wir uns in Prag.“ Gesagt getan. Alle zufrieden.

So easy kann das Leben sein!

Dazu dann noch eine Ostberliner Band im Zug (sic! Warum auch immer!), die prima 90er Jahre Existenzialisten-Pop klampft, (Warum nicht gleich Punks mit Iro?) aber seltsamerweise niemanden nervt. Alt und jung kriegen feuchte Augen. Niemand tönt etwas von „Hottentottenmusike“ und „Vernegerung“. Eben alles typisch 1961. Kmmh! Abwink.

Muss ich noch mehr sagen?

Es gibt ein paar Sporenelemente „neuer“ Akzente. Aber die musst du mit der Lupe suchen, wie in Gegenwartsfilmen der DEFA in den 70ern:

Die Frau des Konstrukteurs verteidigt ihren Vater und die Ideale der DDR ohne Schaum vor dem Mund und gar nicht doof wirkend. (Geradezu revolutionär anders!) Aber sie spricht nicht wie eine Mutter, die die Familie zusammen halten will, mittels alltäglicher Argumente; sondern sie doziert die anderthalb Seiten, die der Cornelsenverlag 10.Klässlern beim Thema DDR halt so zugesteht.

Die 4 Leute jener Combo, die kein einziges Mal so genannt wird, sind dagegen unerträglich holzschnitterne Klischeeträger, dass es einen graust. Und vor allem die Dame in gänzlich falschem Outfit!

Immerhin ist hier ein Lob für die DDR versteckt, nur leider ungenügend recherchiert.

Drummer und Basser sind ein schwules Paar. Der Wessi-Historiker hat nu irgendwo gelesen, dass die DDR 1961 keinen §175 mehr hatte, also lässt er das Paar sich gerade so geben und offen reden, wie das heute möglich ist: Was für ein Irrtum! Wie sah es mit der Schwulenakzeptanz in der DDR aus? Der DEFA-Film „Coming out“ von 1989 verrät es! Nix da von regenbogenbuntem Herumgewusel!

Dann fällt ein Satz über die rückständige Schwulengesetzgebung im Westen. Hui! Ein Minuspunkt für den „goldenen“ Westen! Hört, hört! Aber das schwule Musikerpaar entscheidet sich dann doch für genau den, wegen dem Eifelturm und Miles Davis. (Frag mich nich‘!)

„Dreieinhalb Stunden“ reiht sich ein in jenen unsäglichen Reigen aus „Honigfrauen“, „Unsere besten Jahre“, „Ballonflucht“… Klischeefernsehen at it‘s schlimmst.

Weil sich Wessis halt ihr Ossibild so angelesen haben -in IHREN Quellen- und ohne mit ihnen zu reden.

Es lebe das GEZ-Qualitätsfernsehen, das völlig verlernt hat, in seinen vielen, vielen C-Filmen zu Themen der jüngeren Geschichte, zeittypische Atmosphären zu erschaffen.

Filme wie „Gundermann“ und „Wunder von Bern“ beweisen, dass da eigentlich mehr gehen würde, wenn man nur wollte.

Die Welt der einen – die Welt der andern

Da war mal ein Film. Echt heiß diskutiert! Nicht nur in den Medien! Auch sonst so:

„Warst du schon drin?“

„Läuft noch im gleen Gino! Musste sehn!“

„Is DEFA, naja – obor…!“(Augen aufreißen)

Oder

„Geht da rein! Die f***en wie die Guppies!“

Oder

„Wüddor so ä Knäd! Sowas macht imbodennd, soach ich dior! Spar dir die Gohle!“

Wir gingen rein. Christian und ich. Sommer’79, kurz nach dem Abi und kurz vor Prora, der Fahne-Pein.

Der Film hieß „Bis dass der Tod euch scheidet…“ und wenn zu Beginn der Vorspann läuft, wird in Karat- oder Stern-Combo-Manier auf Melotron das Thema aus dem 2. Satz der 9.Sinfonie von Dvorak gespielt. Ungefähr für ne Minute. Wenn die um ist, hast du das Beste schon hinter dir.

Der Film ist absolut düster und der erste von mehreren ähnlich gelagerten Assi-Streifen, die in den Folgejahren anstanden. Abgesang auf die sozialistischen Träume? Warnung? Reformwunsch? Oder nur Berufsfrust der Filmschaffenden im Jahr 3 nach Biermann? Man weiß es nicht. Damals war mir das ne Schippe zu viel. Sooooo negativ wollte ich die Welt nu ooch wüddor nich‘ sehn!

Ich hab ihn mir zur Selbstvergewisserung HIER nochmal angetan. Der Eindruck ist so furchtbar wie’79, aber inzwischen kam ein bisschen Hintergrund hinzu, der damals fehlte. Und deshalb kommt der Film letztlich doch ein ganz klein bisschen besser weg als damals.

Sonja und Jens heiraten jung, Verkäuferin und Maurer. Sie macht per Fernstudium ohne sein Wissen Karriere und er säuft, fällt durch die Meisterprüfung, säuft noch mehr und schlägt die Frau. Mehr Klischee geht nicht. Und dann fallen se noch alle Nasen lang nackt und halbnackt übereinander her. Das muss so bei DEFA’ns inne späten 70er! Auch wenn die Akteure nu ziemlich weit weg sind von Jane Fonda oder Raquel Welch, Robert Redford oder Terence Hill. Du sollst dich eben ans reale Leben gewöhnen!

Hinzu kommt, dass es im ganzen Film kein funktionierendes Paar gibt. Alle Schwäger und Kollegen, gehen fremd, liieren sich aussichtslos, müssen ganz viel saufen, um den Kummer zu ertränken…

„Kleinen Mannes Sonnenschein ist ficken und besoffen sein!“

Und das ist der Film zum Spruch!

Sonja und Jens, Katrin Saß und Martin Seifert, beide Debutanten in ihren Rollen, spielen sehr emotional und engagiert, was im Vergleich zu den wiederum sehr altväterlich, steifen Vorgesetzten positiv auffällt.

„Die Prügelszene war echt! Ich war in Rage und da fing er eine und drosch zurück.“ (Kartin Saß/Riverboat-Talk)

Angelika Domröse, als Jens‘ Schwester, soll wohl, da es nach langer Zeit mal wieder ein Carow-Film war, als Paul und Paula Vehikel eine Art Brücke sein: Aufbruch’73 und Abbruch’79, so ungefähr, denn auch sie ist nun nicht mehr die Hippietraumfee „Paula“, sondern die in der Ehe gelangweilte, fremdgehende Fast-Alkoholikerin, die keinen „Paul“ mehr findet. (Ihre letzte DEFA-Rolle vor dem Weggang)

Der Westen jubelt. Kennzeichen D; TTT; Kommentar zum Zeitgeschehen (Deutschlandfunk): Carow zeigt die Verwerfungen in der geschlossenen Gesellschaft schonungslos.

Und im Osten diesmal fast dasselbe: Realistisch werden hier Probleme unserer Gesellschaft angesprochen…

Sonja             Jens

Jens und Sonja stellen also unsere junge Arbeiterklasse dar? Typische „junge Eheleute“, wie sie den Junge-Eheleute-Kredit nehmen, eine Wohnung kriegen, ein Kind erzeugen – und dann Suff und Haue; Haue und Sex! Bis er im Suff zur falschen Flasche greift und Reinigungsmittel säuft… Und sie sieht zu, ohne es zu verhindern.

Wirklich?

Okay, wir sind die Creme mit Abi, die „Kader von morgen“. Das ham’se uns nu oft erzählt. Aber was ist mit unseren POS-Kumpels, zu denen immer noch Kontakt besteht? Trinkfreudig sind da einige! Die Feten mit ihnen machen Spaß! Aber wer von denen verdrischt „seine Kirsche“? Wir trauen‘s keinem zu.

Einen in unserm Alter kennen wir, auf den das passt. Aber der ist doch Ausnahme und nicht die Regel oder? Der ist dank Beziehungen knapp am Jugendwerkhof vorbei geschrammt – und solche Fälle, die sind doch eh ähx! Um die macht man’nen Bogen!

Als der Film aus ist, geht das Licht an. Christian patscht mir die Hand aufs Bein:

„Heirat’mer noch?“

„Nach dem Ding nich’mehr!“

„Ich musste immer an Klinkmart Steffen denken, wegen der schwarzen Mäcke. Aber rumgeningelt hattor wie Kumske.“

„Und sie hattes Gesicht und‘n Toppschnitt wie de Schilkern.“

Die drei genannten waren Klassenkameraden von uns, mithin auch keine Prolls.

Christian weiter: „Der Jensi-Boy sah nich nach Baubude aus. Der war wirklich eher so a GOL-Fuzzi, der Assi spielt.“

Ich: „Gloobst du, dass das der Trend is? Fremdvöcheln und Suff und sonst nüschd?“

„Was willst sonst machen, hinter der Mauer?“

Es gibt so Momente,da merkst du, dass einer Freundschaft langsam der Atem ausgeht.

Ich konnte mir keine Langeweile vorstellen! Bücher, Antiquariatspilgerei, Musik, Burgen-und Waldromantik, Wohnung oder Haus designen, Konzerte …

Der Jens sah nicht nur nicht wie‘ Maurer aus, er hatte zusätzlich auch so abgespaced unpassende Ansichten:

Seine Sonja präsentiert ihm ihren Abschluss zur Verkaufsstellenleiterin; denkt, er wird erstaunt, erfreut gratulieren. Er aber reagiert wie ein West-Mann: „Hinter meinem Rücken? Hab ich das erlaubt?“ (Patsch, Patsch – fängt sie ihre ersten Ohrfeigen!)

Hä?

Wir hatten’79; die beiden da spielen junge Leute, die höchstens 2 Jahre älter sind als wir und dann so’ne Reaktion? Das ist so 60er! Frühe 60er! Ganz frühe! 1979 gab es praktisch keine Hausfrauen mehr. Jeder um uns her war froh, wenn der Ehepartner/die Ehepartnerin mehr Geld heimbrachte, weil da auf Haus, auf Auto, auf Ostblockreisen, auf teure Farbfernseher, auf Westplatten gespart wurde – und der Dödel da spielt den Märchenlandpascha?

Haben die Regisseure noch das Ohr an der Masse? Oder lag das Drehbuch 2 Jahrzehnte im Safe?

Noch Tage später, wenn ich an’ner Kasse stand, studierte ich die Gesichter der Verkäuferinnen: Kriegt die Dresche zu Hause? Oder die? Oder die?

Ein Vierteljahr später war ich Soldat – unter lauter solchen Typen wie Jens. Die gabs wirklich! MSR 29. Willkommen beim Schrutz! Die soffen Rasierwasser, wenn kein „Schluck“ in der Nähe war. Und die einen kriegen dann das große Winseln und die andern suchen Streit und beide Sorten pissen in die Bude. Und der Glatte muss wischen. Der Winsler entschuldigt sich hinterher wenigstens, so wie Jens im Film. Der Streithammel kriegt 5 Tage „Bau“ und wenn die um sind, hat er’s eh vergessen. Über ihre Frauen lallen sie dummes Zeug, schlimmer als im Film.DVD

Aber wozu braucht’s diese Gossendarstellung im Kino?

Die Assis, die die Thematik betreffen würde, feiern, dass da „gef***t“ wird!

„Orrrr, der war hackedicht und hats noch jebracht!“

Und unsereiner wendet sich angeekelt ab.

„So sehen unsere Menschen nicht aus!“ dachte damals sogar ich.

Hm. Aber die Fahne lehrte mich: Doch!

Filmversagen

Die DEFA drehte in den späten 70ern vermehrt Jugendfilme. Obwohl die Macher hätten wissen müssen, dass das nichts werden kann.

„Wie füttert man einen Esel“, „Verdammt, ich bin erwachsen!“, „7 Sommersprossen“ usw.

Ab Jahresende’76 kamen der DEFA mehrere Altstars abhanden; der Biermann-Knaatsch, you know? Deshalb mögen sich diverse Regisseure gedacht haben: Neue Leute müssen her!

Aber sie können keine eigenen Teenie-Kinder gehabt haben, sonst hätten sie sehen müssen, dass das, was sie da zustande bringen würden, scheitern muss. Die Offensive fand zeitgleich auch im Fernsehen statt. Dort gab es „Aber Vati“, eine Erfolgsserie; die Ausnahme unter den Pleiten! Und es gab eine lose Reihe von Spielfilmen zu Schulproblemen, die sogenannten Schlossarek-Filme „Plantagenstraße 19“, „Der Tadel“ und andere.

51kTVmyy3zL„Aber Vati!“ schlug ein, wie eine Unterhaltungsbombe. Ein Straßenfeger! Deshalb ein paar Jahre später auch um mehrere Teile verlängert. Thema der ersten Staffel: 2 Brüder, Zwillinge, ungefähr 11 oder 12 Jahre alt, beobachten den verwitweten Vater auf Brautschau und wollen seine andauernden Misswahlen vereiteln. Sie gehen auch ihrerseits auf Stiefmuttersuche und versuchen den Vater (schließlich erfolgreich) zu verkuppeln.

Das war „Eddie’s Vater“ goes GDR! Die Vorabendserie der ARD hat uns alle irgendwie geprägt.

Als die neue Mutter dann gefunden war und die Zwillinge um die 15 oder 16 Jahre, war zu merken, dass ansehenswerter Handlungsstoff fehlte. Zuviel war tabu. (Siehe unten)

Die Schlossarek-Filme wurden viel diskutiert, auch freiwillig von uns 11./12.-Klässlern auf dem Schulhof ohne Lehrereinmischung.

Die Konflikte, die dort angesprochen wurden, waren aktuelle Aufreger des Schulalltags.

Die beiden obengenannten, waren für mich die einprägsamsten. „Der Tadel“ war der bessere.

Eine junge Klassenlehrerin erwischt den Sohn des Direktors bei irgendeinem Mistbau und gibt ihm einen Tadel. Der Film handelt davon, wie die eben noch allseits beliebte junge Frau nun von allen Seiten in die Mangel genommen wird: Den Sohn von Herrn X. tadelt man nicht! Nimm das zurück! Übe Selbstkritik! Überzogene Maßnahme! Usw. Es wird anschaulich gezeigt, wie der Druck wächst, wie allein sie plötzlich dasteht, wie sie verzweifelt, obwohl sie im recht ist. Das Ende ist mir nicht mehr erinnerlich. Die Dauerqual vorher war zu eindrucksvoll – DAS kommt auf dich zu, falls du Lehrer wirst! So scheiße kann das gehen! So sieht er aus, der Bonzenfilz!

„Plantagenstraße 19“ zeigt eine eigentlich brave Jugend-Clique 17jähriger Schüler zwischen Liebelei und Gartenfete, die dabei ist, individuell und unsozialistisch aufzuwachsen. Outfit und Gegebenheiten blieben positiv in Erinnerung. Soweit sie unter sich sprechen, kommt das auch locker rüber. Kaum taucht ein Erwachsener auf, wird’s wieder automatenhaft steif. Auch wurde da bei Feten-Szenen wenigstens Abba/Smokie usw. gespielt und nicht permanent nur Puhdys! Aber dann kommt eben der Herr Arbeiterveteran und beeindruckt die Schüler und biegt alles wieder grade. Immerhin gibt es eine einprägsame Szene, als er einem „Rowdy“ zeigt, wie man die Zündkerze am Moped wechselt.

Er: „Lernt‘mer sowas nicht im UTP?“

Teenie: „Schön wär’s!“

So klein waren die Spitzen, die gefeiert wurden!

Der Unterrichtstag in der Produktion, alle 14 Tage feilen gehen, in einem Großbetrieb der Umgebung, brachte zwar leichtverdiente 1en und 2en, war aber öde wie Hölle.

PSZeitgleich mit „Plantagenstraße 19“ lief auf ARD „Feuerreiter“, das war eine Serie in einer Serie, denn die Rahmenserie „PS“ um Motorisierungsprobleme im Alltag gab es schon länger. Eigentlich ging es da um Väter, die das falsche Auto kaufen oder bei Pannen im Urlaub beschissen werden. Diesmal ging es um ein „Jugendproblem“, in mehreren Teilen. Der Sohn eines Fabrikanten fährt Motorrad und damit er das nicht alleine tun muss, rüstet Papa seine Kumpels mit Mopeds aus. Nun sind sie die coolste Clique der Schule. Aber auch die Knechte des reichen Schnösels, der nun so ein richtiger Rocker-Präsi sein will. Liebeleien, Ausgrenzungen, 2 Boys ein Mädchen, Mutproben, Lehrer-Ärger – voll das Leben. Dachten wir hinter der Mauer. Und soviel lockerer, als die Typen aus der „Plantagenstraße“! Auswertungsstoff für Wochen:

„Da geht der Typ in den Plattenladen und kauft mal schnell die neue Supertramp, für seine Alte, ey!“

„Musste ma bei uns machen. Was nimmst’n da? Monika Herz?“

Totsichere Pointe! Gröl!

Nachsatz: „Nö. Express. Liebling ich verspeise dich zum Frühstück! Ohne Senf und ohne Salz!“

„Oach! Geh weg! Die Schmerzen! Perversling!“

Hatten die genannten Fernsehfilme also wenigstens ansatzweise ein wenig Alltagslockerheit, ging das bei den Kinofilmen richtig schief.

Erwachsenwerden, verliebt sein, Ärger kriegen, siegen oder untergehen, Adoleszenzfilme eben – aber unter Weglassung all dessen, was unseren Alltag eigentlich ausmachte:

Kaum oder gar keine Jugendsprache. Kein bisschen Dialekt. Und wenn, dann nur berlinern. Keine Westmusik. Kein Bravo-Poster nirgends an den Wänden der Jugendzimmer. Keine Fußball-Debatten über Netzer, Müller(1) oder den abgehauenen Sparwasser. Keine Gespräche über Westfernsehen, Kaugummibilder-Kaupelei, Westplattenbesorgung, tagelanges Kampieren am Tonbandgerät, weil gerade Oldie-Wochenende auf irgendeinem Sender war oder der Kumpel irgendein begehrtes West- oder Lizenz-Vinyl vom anderen Kumpel geborgt hatte; was ganz schnell aufgenommen werden musste, damit der Spender nicht merkt, dass die verliehene Platte auf weiteren Plattenspielern malträtiert wurde. Keine verbalen Hahnenkämpfe um irgendwelche Bands. Und keinerlei Witzwelle!

Heikel und hoch interessant wäre auch gewesen, wenn einbezogen hätte werden können, was Tellkamp nach der Wende in seinem „Turm“ berücksichtigt: Da Ossi-Kids nur unzureichend Zugang zu modischem Westkram hatten, machte man sich unverwechselbar mit Überbleibseln „aus guter alter Zeit“: Kollagen aus alten Kaiserzeitpostkarten, Zigarettenbilder-Alben, U-Boot-Fahrer-Memoiren aus Weltkrieg eins usw. Das wurde alles rumgereicht, gelesen, erkaupelt, weitergetauscht… Ober“kuhl“ waren die, die irgendwoher ein „Gott mit uns“-Koppel mit der Kaiserkrone aus dem I.Weltkrieg auftreiben konnten. „Trauste dich, das in der Hose zu lassen und in die Schule zu gehen, mit nur dem Pullover drüber?“ Auf der „Krug 4“, der letzten LP vor dem Weggang, trägt auch Manne Krug eins.

Den Filmen blieben also nur dürftige Klischees übrig. Oder ein Punkten mit Nacktheit.

„Sieben Sommersprossen“ wurde sowas, wie ein Kult, weil sich da ein 16jähriges Pärchen im seltsam steifen Ferienlageralltag kennenlernt und relativ ausgiebig nackt badet. Auf dem Schulhof wurde jedoch „fachmännisch“ beurteilt, warum Nastassja Kinski im „Tatort“ besser aussah.

Mit der Wende in die 80er war es dann mit diesem Abenteuer Jugendfilm im Kino auch vorbei. Die DEFA entdeckte andere gesellschaftliche Randgruppen und filmte deren Probleme. Es gab so eine gewisse Assi-Filmwelle. Sollte wohl deutlich werden lassen: Obacht! Da gibt es so eine Art mentaler Verelendung! Vielleicht war es auch eine Replik der Filmemacher auf zunehmenden Druck von oben: Immer wenn ein kritisches Kunstwerk entstand, war in den einschlägigen Medien zu lesen: „So sehen unsere Menschen nicht aus!“ und „wo bleibt der positive Ausblick?!“ Okay, dachte sich da wohl der ein- oder an der Regisseur und Drehbuchautor, dann zeig ich euch mal eure Arbeiterklasse, zwischen Suff und Hurerei! Und wenn der Film nicht durchgeht, dann stell ich Ausreiseantrag!

Erich, Werner, Margot und ein totgeschwiegener Film

 

BuchDa war mal ein Buch, das keiner las und ein Film, den keiner sah, weil er schnell wieder verschwand – heimlich, still und leise, damals in der Ehemaligen.

Dass die Ehemalige gern missliebige Filme verbot, Regisseure und Schriftsteller regelrecht vertrieb, ist bekannt, aber weshalb traf es einen Film mit staatstragender Story?

Es ging grob zusammengefasst um Folgendes:

Ein erfolgreicher Aufsteiger mit SED-Parteibuch und Dr.-Titel macht 1975 auf dem Weg zu einer Tagung einen Zwischenstopp in einem kleinen Vogtlandnest. Er ist Ende 40, graumeliert und erinnert sich, dass er 1948 hier seine Karriere begann bei einem Großprojekt der frisch gegründeten FDJ damals: Staudammbau. Nun soll ganz in der Nähe diskutiert werden, wie groß der neue Staudamm werden soll, da die Ressourcen des alten nicht mehr reichen.

Der Doktor nimmt sich ‘nen Tag und ‘ne Nacht lang Zeit, die altvertraute Gegend abzuklappern und zu staunen, wieviele alte Mitkämpfer von damals noch hier herum hängen geblieben sind. Sie erkennen ihn wieder, sie erinnern sich gemeinsam an die Tage des alten Schwunges – bis auf einen Bauern, der damals im Überschwemmungsgebiet wohnte und seinen Hof nicht aufgeben wollte. Mit rüdem Ungestüm jugendlicher, weltverbesserischer Naivität wird er beiseite geräumt, „Einsicht in die Notwendigkeiten der neuen Zeit erzwungen“, sein Hof zerstört und – schwupps – steht dem Staudamm nichts mehr im Wege.

Der Doktor kann am Abend nicht frühzeitig zu Bett gehen, also bummelt er durch den Ort und landet im Jugendclub, wo gerade Disco ist, weil ihn eine seiner Studentinnen erkennt und anspricht. Sie stellt dem Doktor ihren Lover vor. Beide Herren sind in der Partei. Alles im staatstragend grünen Bereich. Soweit.

Am Schluss ein Wermutstropfen: Der Doktor trifft auch seine Jugendliebe wieder. Die scheue, schüchterne Hanka. Er war nach Dresden gegangen, um zu studieren. Er hatte sie nachholen wollen. Sie hatte ihn später in Dresden in den Wohnheimen gesucht, aber nicht finden können. Er hat nie geschrieben.

Der Doktor findet auch die alte Zementpyramide im Wald wieder, die sie damals auf einer Kahlschlagfläche zusammengepfuscht haben. Sie hatten ihr eine Inschrift verpasst, die voll in den Zeitgeist des Jahres’48 passte:

„Hier schlug 1948 Satie, unser Brigadier, die erste Fichte. Ruhm und Ehre unserer Brigade“.

Da, wo dann 1948 kein Baum mehr stand, ist 1975 wieder Wald.

Die Pyramide steht bemoost und vergessen abseits des Weges.

(Was für eine gelungene Metapher für den Werdegang der DDR!)

Denn für den „zweiten Blick“ ist da soviel mehr interpretierbar, als dieses simple Märchen von der Bestätigung alter Heldentaten und nun anstehendem Ausbau der entwickelten sozialistischen Gesellschaft.

Ich sah diesen Film anfang der 90er Jahre, als der ORB eine Reihe „verbotene DEFA Filme“ sendete.

Beim ersten Mal gingen bei mir noch nicht alle Lichter an, aber beeindruckt war ich sofort. Zwar: Der allzu hölzern-regimetreue Dr. Satie ist eine Märchenfigur: Nicht richtig Bonze, nicht richtig Sympath, vollkommen unkritisch gepolt, also auch als Endvierziger so lehrbuchnaiv, wie die frisch „umgedrehten“ Ex-HJ-tler der Stalinzeit kurz nach dem Krieg.

DEFA-typisch ist auch diese vergurkte Disco-Szene: Jugend der 70er realistisch abzubilden, ging einfach nicht, das wäre durch keine Abnahme gekommen! Somit kam immer hölzern Aufgesagtes heraus, wenn junge Leute gezeigt werden MUSSTEN, die voll und ganz regimetreu denken, reden und handeln. Denn wir waren ja die „Kader von morgen“! Eben Stabü-Lehrbuchgetreu, aber an der Wirklichkeit vorbei. Für alte Herren, die in Wandlitzer Echokammern wohnen, oder in SED Bezirks- und Kreisleitungen dahindämmern, abgeschirmt von der schleichenden Westifizierung der nachwachsenden Generation, mag normal sein, dass eine Studentin eine Knutschpause einlegt, weil ihr Professor vorbeikommt, ebenso normal ist dann die SED-Mitgliedschaft ihres „Jake’ses“ und die freundlichen Reaktionen seiner Freunde auf den Professor da im Dorf-Club, wenn er ihnen erklärt, wie zufrieden man doch sein kann – im jetzt.

Für die wirklichen Menschen bietet der Film immerhin das kleine bisschen Trost, dass der Doktor kurz zuvor an einer nächtlichen Hauswand vorbeilief, an der gut lesbar „Ketten werden knapper!“ und „I’m free!“ steht. Das muss reichen, denn getanzt wird in der Disco nur nach Puhdys und Halina Franzkowiak! Nix mit The Who oder gar Renft!

1975 – da war doch deren Verbot! Ist die Wand-Inschrift der Grund für das Verschwinden des Films? Die paar Sekunden wären leicht herausschneitbar gewesen – das kann der Grund nicht sein!

Der Film lief ein zweites Mal, ich bekam mehr mit.  Heute kann er HIER/Klick gesehen werden.

Da das aber eh keiner mehr tun wird, hier kommen die Highlights:

  1. Man merkt dem Ablauf an, dass darin herumgeschnitten werden musste, dass die Dramaturgie holpert, dass ein „richtiger“ Schluss oder wenigstens ein Schlusssatz aus dem Off fehlt.
  2. Der Film korrespondiert mit einem Mehrteiler von 1971 „Der Sonne Glut“, dort wurde die Aktion „Max braucht Wasser“, die Rettung der Max-Hütte, des letzten Hochofens der Ostzone durch Staudammbau der FDJ, zur Heldengeschichte. Hier nun wird per Hin-und Herblende zwischen den Zeiten nachgereicht, wie es mit den beseelten Aktivisten von einst weiterging: Da kamen verblüffend wenig Parteikarrieren heraus. Müde gewordene Krieger allesamt.
  3. Dann die unglaubwürdige Discoszene – Keinem Regisseur wäre verziehen worden, wirkliche Jugend zu zeigen, die die Puhdy-Mugge wegbuht und bei Gary Glitter oder Uriah Heep ausflippt. Die den graumelierten „Opa“ anmacht, ob seines Fehlers, hier aufzukreuzen: „Was will’n der Alte hier? Da hat wohl eehner Embryo schupsen falsch verstanden?!“
  4. 1975 war noch Aufbruchstimmung angesagt: Dr. Satie in alt wirkt wie Werner Lambertz, Erich’s Kronprinz, der 1978 so mysteriös in Libyen per Hubschrauberabsturz umkam. Dr.Satie(Somit wurde er zum „Friedrich III. der DDR“, denn ihm wurden nun posthum allerhand Reformideen zugetraut, die niemals kamen.) Hatte ihn Mielke aus dem Weg geräumt, weil er „von der Linie abweichen wollte“?
  5. Der junge Satie 1948 jedoch gleicht dem jungen Erich Honecker anfang der 30er, der freiwillig nach Russland ging und im Ural Magnitogorsk errichten half. Genauso überzeugt, total auf Linie, und nach 45 der FDJ-Gründer und „Jungspund“ hinter den Opas Pieck und Ulbricht.
  6. Honecker war liiert, ja sogar verheiratet, als er Margot Feist traf, sich unsterblich verliebte, auf die SED-Statuten schiss und sich scheiden lassen wollte. Das sah der Vortrupp der Arbeiterklasse aber nicht vor! Scheidungen zeugen von moralischer Unreife. Genossen aber haben stets moralisch einwandfrei zu sein. Vortrupp eben! Ein Heidendebakel hinter verschlossenen Türen! Wie man weiß, setzten sich Erich und Margot durch. – Im Film ist nun dieser Jung-Erich/Satie ebenfalls liiert, lässt Hanka jedoch sitzen, um nach Dresden zu gehen und dort ausgerechnet bei der verrufensten seiner Staudammbrigade zu landen – die Margot heißt. Dieses zwielichtige Zusammenkommen tut seiner Polit-Karriere keinen Abbruch.

Hier liegt mMn der Hund begraben, weshalb der Film schnell wieder verschwinden musste.

  1. Man kriegt gezeigt, wie überall zwischen den jungen Leuten Liebe aufkeimt, aber letztlich bekommt keiner der Akteure den Partner, der gepasst hätte.

Und zu guterletzt gibt es

  1. Ein paar gruslig gute Sätze kurz vor dem Ende des Films:

Baladschin (balla Dshinn = böser Geist) der rückständige Bauer von einst, dem man den Hof demolierte, ist nun ein versoffenes Dorf-Faktotum. Er nähert sich Satie besoffen und hämisch kumpelnd, als dieser auf seine Jugendliebe Hanka wartet:

„Früher hab ich dich gehasst… aber nun vergebe ich dir, Satie. Du siehst in meinem Gesicht das Lächeln des Siegers! Hätte nie gedacht, dass ich mal über euch triumphiere! Konnte ja keiner ahnen, dass ihr euch solange an der Macht haltet. (…) Du bist fertig, Satie. Wie Hanka. Die ist so fertig, wie du…“

Im Suff spricht man die Wahrheit. Die perfekten Outfits von Satie und Hanka sind die Fassade, die bei ihm die Fehler und bei ihr die Wunden verdeckt.

Sie ist am Ort geblieben. Hat seinen Sohn geboren. Wechselnde Verehrer gehabt, unverdient im Geschwätz des Dorfklatschs einen schlechten Ruf geerntet. Satie trifft auch sie, aber viel zu reden gibt es nicht mehr.

Sie verabschiedet sich am Bahnhof von ihm.

„Du siehst blass aus. Bist du krank? Setz dich hin.“

Als er auf der Vorplatz-Bank sitzt, bleibt sie stehen: „Lebe wohl.“

Dr.Satie, Werner Lambertz, der Träger der Ideale, bleibt kränkelnd sitzen und träumt nochmal den Traum von 1948, als sich all die Neulinge bei ihm vorstellten. Als sich noch was bewegte.

Auch den alten Sittenwächtern in Wandlitz, wird nichts anderes einfallen. Sie träumen ihn einfach weiter. Noch 14 Jahre. Und auf der Pyramide wächst das Moos…

Trotz aller gefürchteter DEFA-Dialog-Steifheit ein Klasse-Film!