Die Welt der einen – die Welt der andern

Da war mal ein Film. Echt heiß diskutiert! Nicht nur in den Medien! Auch sonst so:

„Warst du schon drin?“

„Läuft noch im gleen Gino! Musste sehn!“

„Is DEFA, naja – obor…!“(Augen aufreißen)

Oder

„Geht da rein! Die f***en wie die Guppies!“

Oder

„Wüddor so ä Knäd! Sowas macht imbodennd, soach ich dior! Spar dir die Gohle!“

Wir gingen rein. Christian und ich. Sommer’79, kurz nach dem Abi und kurz vor Prora, der Fahne-Pein.

Der Film hieß „Bis dass der Tod euch scheidet…“ und wenn zu Beginn der Vorspann läuft, wird in Karat- oder Stern-Combo-Manier auf Melotron das Thema aus dem 2. Satz der 9.Sinfonie von Dvorak gespielt. Ungefähr für ne Minute. Wenn die um ist, hast du das Beste schon hinter dir.

Der Film ist absolut düster und der erste von mehreren ähnlich gelagerten Assi-Streifen, die in den Folgejahren anstanden. Abgesang auf die sozialistischen Träume? Warnung? Reformwunsch? Oder nur Berufsfrust der Filmschaffenden im Jahr 3 nach Biermann? Man weiß es nicht. Damals war mir das ne Schippe zu viel. Sooooo negativ wollte ich die Welt nu ooch wüddor nich‘ sehn!

Ich hab ihn mir zur Selbstvergewisserung HIER nochmal angetan. Der Eindruck ist so furchtbar wie’79, aber inzwischen kam ein bisschen Hintergrund hinzu, der damals fehlte. Und deshalb kommt der Film letztlich doch ein ganz klein bisschen besser weg als damals.

Sonja und Jens heiraten jung, Verkäuferin und Maurer. Sie macht per Fernstudium ohne sein Wissen Karriere und er säuft, fällt durch die Meisterprüfung, säuft noch mehr und schlägt die Frau. Mehr Klischee geht nicht. Und dann fallen se noch alle Nasen lang nackt und halbnackt übereinander her. Das muss so bei DEFA’ns inne späten 70er! Auch wenn die Akteure nu ziemlich weit weg sind von Jane Fonda oder Raquel Welch, Robert Redford oder Terence Hill. Du sollst dich eben ans reale Leben gewöhnen!

Hinzu kommt, dass es im ganzen Film kein funktionierendes Paar gibt. Alle Schwäger und Kollegen, gehen fremd, liieren sich aussichtslos, müssen ganz viel saufen, um den Kummer zu ertränken…

„Kleinen Mannes Sonnenschein ist ficken und besoffen sein!“

Und das ist der Film zum Spruch!

Sonja und Jens, Katrin Saß und Martin Seifert, beide Debutanten in ihren Rollen, spielen sehr emotional und engagiert, was im Vergleich zu den wiederum sehr altväterlich, steifen Vorgesetzten positiv auffällt.

„Die Prügelszene war echt! Ich war in Rage und da fing er eine und drosch zurück.“ (Kartin Saß/Riverboat-Talk)

Angelika Domröse, als Jens‘ Schwester, soll wohl, da es nach langer Zeit mal wieder ein Carow-Film war, als Paul und Paula Vehikel eine Art Brücke sein: Aufbruch’73 und Abbruch’79, so ungefähr, denn auch sie ist nun nicht mehr die Hippietraumfee „Paula“, sondern die in der Ehe gelangweilte, fremdgehende Fast-Alkoholikerin, die keinen „Paul“ mehr findet. (Ihre letzte DEFA-Rolle vor dem Weggang)

Der Westen jubelt. Kennzeichen D; TTT; Kommentar zum Zeitgeschehen (Deutschlandfunk): Carow zeigt die Verwerfungen in der geschlossenen Gesellschaft schonungslos.

Und im Osten diesmal fast dasselbe: Realistisch werden hier Probleme unserer Gesellschaft angesprochen…

Sonja             Jens

Jens und Sonja stellen also unsere junge Arbeiterklasse dar? Typische „junge Eheleute“, wie sie den Junge-Eheleute-Kredit nehmen, eine Wohnung kriegen, ein Kind erzeugen – und dann Suff und Haue; Haue und Sex! Bis er im Suff zur falschen Flasche greift und Reinigungsmittel säuft… Und sie sieht zu, ohne es zu verhindern.

Wirklich?

Okay, wir sind die Creme mit Abi, die „Kader von morgen“. Das ham’se uns nu oft erzählt. Aber was ist mit unseren POS-Kumpels, zu denen immer noch Kontakt besteht? Trinkfreudig sind da einige! Die Feten mit ihnen machen Spaß! Aber wer von denen verdrischt „seine Kirsche“? Wir trauen‘s keinem zu.

Einen in unserm Alter kennen wir, auf den das passt. Aber der ist doch Ausnahme und nicht die Regel oder? Der ist dank Beziehungen knapp am Jugendwerkhof vorbei geschrammt – und solche Fälle, die sind doch eh ähx! Um die macht man’nen Bogen!

Als der Film aus ist, geht das Licht an. Christian patscht mir die Hand aufs Bein:

„Heirat’mer noch?“

„Nach dem Ding nich’mehr!“

„Ich musste immer an Klinkmart Steffen denken, wegen der schwarzen Mäcke. Aber rumgeningelt hattor wie Kumske.“

„Und sie hattes Gesicht und‘n Toppschnitt wie de Schilkern.“

Die drei genannten waren Klassenkameraden von uns, mithin auch keine Prolls.

Christian weiter: „Der Jensi-Boy sah nich nach Baubude aus. Der war wirklich eher so a GOL-Fuzzi, der Assi spielt.“

Ich: „Gloobst du, dass das der Trend is? Fremdvöcheln und Suff und sonst nüschd?“

„Was willst sonst machen, hinter der Mauer?“

Es gibt so Momente,da merkst du, dass einer Freundschaft langsam der Atem ausgeht.

Ich konnte mir keine Langeweile vorstellen! Bücher, Antiquariatspilgerei, Musik, Burgen-und Waldromantik, Wohnung oder Haus designen, Konzerte …

Der Jens sah nicht nur nicht wie‘ Maurer aus, er hatte zusätzlich auch so abgespaced unpassende Ansichten:

Seine Sonja präsentiert ihm ihren Abschluss zur Verkaufsstellenleiterin; denkt, er wird erstaunt, erfreut gratulieren. Er aber reagiert wie ein West-Mann: „Hinter meinem Rücken? Hab ich das erlaubt?“ (Patsch, Patsch – fängt sie ihre ersten Ohrfeigen!)

Hä?

Wir hatten’79; die beiden da spielen junge Leute, die höchstens 2 Jahre älter sind als wir und dann so’ne Reaktion? Das ist so 60er! Frühe 60er! Ganz frühe! 1979 gab es praktisch keine Hausfrauen mehr. Jeder um uns her war froh, wenn der Ehepartner/die Ehepartnerin mehr Geld heimbrachte, weil da auf Haus, auf Auto, auf Ostblockreisen, auf teure Farbfernseher, auf Westplatten gespart wurde – und der Dödel da spielt den Märchenlandpascha?

Haben die Regisseure noch das Ohr an der Masse? Oder lag das Drehbuch 2 Jahrzehnte im Safe?

Noch Tage später, wenn ich an’ner Kasse stand, studierte ich die Gesichter der Verkäuferinnen: Kriegt die Dresche zu Hause? Oder die? Oder die?

Ein Vierteljahr später war ich Soldat – unter lauter solchen Typen wie Jens. Die gabs wirklich! MSR 29. Willkommen beim Schrutz! Die soffen Rasierwasser, wenn kein „Schluck“ in der Nähe war. Und die einen kriegen dann das große Winseln und die andern suchen Streit und beide Sorten pissen in die Bude. Und der Glatte muss wischen. Der Winsler entschuldigt sich hinterher wenigstens, so wie Jens im Film. Der Streithammel kriegt 5 Tage „Bau“ und wenn die um sind, hat er’s eh vergessen. Über ihre Frauen lallen sie dummes Zeug, schlimmer als im Film.DVD

Aber wozu braucht’s diese Gossendarstellung im Kino?

Die Assis, die die Thematik betreffen würde, feiern, dass da „gef***t“ wird!

„Orrrr, der war hackedicht und hats noch jebracht!“

Und unsereiner wendet sich angeekelt ab.

„So sehen unsere Menschen nicht aus!“ dachte damals sogar ich.

Hm. Aber die Fahne lehrte mich: Doch!

Filmversagen

Die DEFA drehte in den späten 70ern vermehrt Jugendfilme. Obwohl die Macher hätten wissen müssen, dass das nichts werden kann.

„Wie füttert man einen Esel“, „Verdammt, ich bin erwachsen!“, „7 Sommersprossen“ usw.

Ab Jahresende’76 kamen der DEFA mehrere Altstars abhanden; der Biermann-Knaatsch, you know? Deshalb mögen sich diverse Regisseure gedacht haben: Neue Leute müssen her!

Aber sie können keine eigenen Teenie-Kinder gehabt haben, sonst hätten sie sehen müssen, dass das, was sie da zustande bringen würden, scheitern muss. Die Offensive fand zeitgleich auch im Fernsehen statt. Dort gab es „Aber Vati“, eine Erfolgsserie; die Ausnahme unter den Pleiten! Und es gab eine lose Reihe von Spielfilmen zu Schulproblemen, die sogenannten Schlossarek-Filme „Plantagenstraße 19“, „Der Tadel“ und andere.

51kTVmyy3zL„Aber Vati!“ schlug ein, wie eine Unterhaltungsbombe. Ein Straßenfeger! Deshalb ein paar Jahre später auch um mehrere Teile verlängert. Thema der ersten Staffel: 2 Brüder, Zwillinge, ungefähr 11 oder 12 Jahre alt, beobachten den verwitweten Vater auf Brautschau und wollen seine andauernden Misswahlen vereiteln. Sie gehen auch ihrerseits auf Stiefmuttersuche und versuchen den Vater (schließlich erfolgreich) zu verkuppeln.

Das war „Eddie’s Vater“ goes GDR! Die Vorabendserie der ARD hat uns alle irgendwie geprägt.

Als die neue Mutter dann gefunden war und die Zwillinge um die 15 oder 16 Jahre, war zu merken, dass ansehenswerter Handlungsstoff fehlte. Zuviel war tabu. (Siehe unten)

Die Schlossarek-Filme wurden viel diskutiert, auch freiwillig von uns 11./12.-Klässlern auf dem Schulhof ohne Lehrereinmischung.

Die Konflikte, die dort angesprochen wurden, waren aktuelle Aufreger des Schulalltags.

Die beiden obengenannten, waren für mich die einprägsamsten. „Der Tadel“ war der bessere.

Eine junge Klassenlehrerin erwischt den Sohn des Direktors bei irgendeinem Mistbau und gibt ihm einen Tadel. Der Film handelt davon, wie die eben noch allseits beliebte junge Frau nun von allen Seiten in die Mangel genommen wird: Den Sohn von Herrn X. tadelt man nicht! Nimm das zurück! Übe Selbstkritik! Überzogene Maßnahme! Usw. Es wird anschaulich gezeigt, wie der Druck wächst, wie allein sie plötzlich dasteht, wie sie verzweifelt, obwohl sie im recht ist. Das Ende ist mir nicht mehr erinnerlich. Die Dauerqual vorher war zu eindrucksvoll – DAS kommt auf dich zu, falls du Lehrer wirst! So scheiße kann das gehen! So sieht er aus, der Bonzenfilz!

„Plantagenstraße 19“ zeigt eine eigentlich brave Jugend-Clique 17jähriger Schüler zwischen Liebelei und Gartenfete, die dabei ist, individuell und unsozialistisch aufzuwachsen. Outfit und Gegebenheiten blieben positiv in Erinnerung. Soweit sie unter sich sprechen, kommt das auch locker rüber. Kaum taucht ein Erwachsener auf, wird’s wieder automatenhaft steif. Auch wurde da bei Feten-Szenen wenigstens Abba/Smokie usw. gespielt und nicht permanent nur Puhdys! Aber dann kommt eben der Herr Arbeiterveteran und beeindruckt die Schüler und biegt alles wieder grade. Immerhin gibt es eine einprägsame Szene, als er einem „Rowdy“ zeigt, wie man die Zündkerze am Moped wechselt.

Er: „Lernt‘mer sowas nicht im UTP?“

Teenie: „Schön wär’s!“

So klein waren die Spitzen, die gefeiert wurden!

Der Unterrichtstag in der Produktion, alle 14 Tage feilen gehen, in einem Großbetrieb der Umgebung, brachte zwar leichtverdiente 1en und 2en, war aber öde wie Hölle.

PSZeitgleich mit „Plantagenstraße 19“ lief auf ARD „Feuerreiter“, das war eine Serie in einer Serie, denn die Rahmenserie „PS“ um Motorisierungsprobleme im Alltag gab es schon länger. Eigentlich ging es da um Väter, die das falsche Auto kaufen oder bei Pannen im Urlaub beschissen werden. Diesmal ging es um ein „Jugendproblem“, in mehreren Teilen. Der Sohn eines Fabrikanten fährt Motorrad und damit er das nicht alleine tun muss, rüstet Papa seine Kumpels mit Mopeds aus. Nun sind sie die coolste Clique der Schule. Aber auch die Knechte des reichen Schnösels, der nun so ein richtiger Rocker-Präsi sein will. Liebeleien, Ausgrenzungen, 2 Boys ein Mädchen, Mutproben, Lehrer-Ärger – voll das Leben. Dachten wir hinter der Mauer. Und soviel lockerer, als die Typen aus der „Plantagenstraße“! Auswertungsstoff für Wochen:

„Da geht der Typ in den Plattenladen und kauft mal schnell die neue Supertramp, für seine Alte, ey!“

„Musste ma bei uns machen. Was nimmst’n da? Monika Herz?“

Totsichere Pointe! Gröl!

Nachsatz: „Nö. Express. Liebling ich verspeise dich zum Frühstück! Ohne Senf und ohne Salz!“

„Oach! Geh weg! Die Schmerzen! Perversling!“

Hatten die genannten Fernsehfilme also wenigstens ansatzweise ein wenig Alltagslockerheit, ging das bei den Kinofilmen richtig schief.

Erwachsenwerden, verliebt sein, Ärger kriegen, siegen oder untergehen, Adoleszenzfilme eben – aber unter Weglassung all dessen, was unseren Alltag eigentlich ausmachte:

Kaum oder gar keine Jugendsprache. Kein bisschen Dialekt. Und wenn, dann nur berlinern. Keine Westmusik. Kein Bravo-Poster nirgends an den Wänden der Jugendzimmer. Keine Fußball-Debatten über Netzer, Müller(1) oder den abgehauenen Sparwasser. Keine Gespräche über Westfernsehen, Kaugummibilder-Kaupelei, Westplattenbesorgung, tagelanges Kampieren am Tonbandgerät, weil gerade Oldie-Wochenende auf irgendeinem Sender war oder der Kumpel irgendein begehrtes West- oder Lizenz-Vinyl vom anderen Kumpel geborgt hatte; was ganz schnell aufgenommen werden musste, damit der Spender nicht merkt, dass die verliehene Platte auf weiteren Plattenspielern malträtiert wurde. Keine verbalen Hahnenkämpfe um irgendwelche Bands. Und keinerlei Witzwelle!

Heikel und hoch interessant wäre auch gewesen, wenn einbezogen hätte werden können, was Tellkamp nach der Wende in seinem „Turm“ berücksichtigt: Da Ossi-Kids nur unzureichend Zugang zu modischem Westkram hatten, machte man sich unverwechselbar mit Überbleibseln „aus guter alter Zeit“: Kollagen aus alten Kaiserzeitpostkarten, Zigarettenbilder-Alben, U-Boot-Fahrer-Memoiren aus Weltkrieg eins usw. Das wurde alles rumgereicht, gelesen, erkaupelt, weitergetauscht… Ober“kuhl“ waren die, die irgendwoher ein „Gott mit uns“-Koppel mit der Kaiserkrone aus dem I.Weltkrieg auftreiben konnten. „Trauste dich, das in der Hose zu lassen und in die Schule zu gehen, mit nur dem Pullover drüber?“ Auf der „Krug 4“, der letzten LP vor dem Weggang, trägt auch Manne Krug eins.

Den Filmen blieben also nur dürftige Klischees übrig. Oder ein Punkten mit Nacktheit.

„Sieben Sommersprossen“ wurde sowas, wie ein Kult, weil sich da ein 16jähriges Pärchen im seltsam steifen Ferienlageralltag kennenlernt und relativ ausgiebig nackt badet. Auf dem Schulhof wurde jedoch „fachmännisch“ beurteilt, warum Nastassja Kinski im „Tatort“ besser aussah.

Mit der Wende in die 80er war es dann mit diesem Abenteuer Jugendfilm im Kino auch vorbei. Die DEFA entdeckte andere gesellschaftliche Randgruppen und filmte deren Probleme. Es gab so eine gewisse Assi-Filmwelle. Sollte wohl deutlich werden lassen: Obacht! Da gibt es so eine Art mentaler Verelendung! Vielleicht war es auch eine Replik der Filmemacher auf zunehmenden Druck von oben: Immer wenn ein kritisches Kunstwerk entstand, war in den einschlägigen Medien zu lesen: „So sehen unsere Menschen nicht aus!“ und „wo bleibt der positive Ausblick?!“ Okay, dachte sich da wohl der ein- oder an der Regisseur und Drehbuchautor, dann zeig ich euch mal eure Arbeiterklasse, zwischen Suff und Hurerei! Und wenn der Film nicht durchgeht, dann stell ich Ausreiseantrag!

Erich, Werner, Margot und ein totgeschwiegener Film

 

BuchDa war mal ein Buch, das keiner las und ein Film, den keiner sah, weil er schnell wieder verschwand – heimlich, still und leise, damals in der Ehemaligen.

Dass die Ehemalige gern missliebige Filme verbot, Regisseure und Schriftsteller regelrecht vertrieb, ist bekannt, aber weshalb traf es einen Film mit staatstragender Story?

Es ging grob zusammengefasst um Folgendes:

Ein erfolgreicher Aufsteiger mit SED-Parteibuch und Dr.-Titel macht 1975 auf dem Weg zu einer Tagung einen Zwischenstopp in einem kleinen Vogtlandnest. Er ist Ende 40, graumeliert und erinnert sich, dass er 1948 hier seine Karriere begann bei einem Großprojekt der frisch gegründeten FDJ damals: Staudammbau. Nun soll ganz in der Nähe diskutiert werden, wie groß der neue Staudamm werden soll, da die Ressourcen des alten nicht mehr reichen.

Der Doktor nimmt sich ‘nen Tag und ‘ne Nacht lang Zeit, die altvertraute Gegend abzuklappern und zu staunen, wieviele alte Mitkämpfer von damals noch hier herum hängen geblieben sind. Sie erkennen ihn wieder, sie erinnern sich gemeinsam an die Tage des alten Schwunges – bis auf einen Bauern, der damals im Überschwemmungsgebiet wohnte und seinen Hof nicht aufgeben wollte. Mit rüdem Ungestüm jugendlicher, weltverbesserischer Naivität wird er beiseite geräumt, „Einsicht in die Notwendigkeiten der neuen Zeit erzwungen“, sein Hof zerstört und – schwupps – steht dem Staudamm nichts mehr im Wege.

Der Doktor kann am Abend nicht frühzeitig zu Bett gehen, also bummelt er durch den Ort und landet im Jugendclub, wo gerade Disco ist, weil ihn eine seiner Studentinnen erkennt und anspricht. Sie stellt dem Doktor ihren Lover vor. Beide Herren sind in der Partei. Alles im staatstragend grünen Bereich. Soweit.

Am Schluss ein Wermutstropfen: Der Doktor trifft auch seine Jugendliebe wieder. Die scheue, schüchterne Hanka. Er war nach Dresden gegangen, um zu studieren. Er hatte sie nachholen wollen. Sie hatte ihn später in Dresden in den Wohnheimen gesucht, aber nicht finden können. Er hat nie geschrieben.

Der Doktor findet auch die alte Zementpyramide im Wald wieder, die sie damals auf einer Kahlschlagfläche zusammengepfuscht haben. Sie hatten ihr eine Inschrift verpasst, die voll in den Zeitgeist des Jahres’48 passte:

„Hier schlug 1948 Satie, unser Brigadier, die erste Fichte. Ruhm und Ehre unserer Brigade“.

Da, wo dann 1948 kein Baum mehr stand, ist 1975 wieder Wald.

Die Pyramide steht bemoost und vergessen abseits des Weges.

(Was für eine gelungene Metapher für den Werdegang der DDR!)

Denn für den „zweiten Blick“ ist da soviel mehr interpretierbar, als dieses simple Märchen von der Bestätigung alter Heldentaten und nun anstehendem Ausbau der entwickelten sozialistischen Gesellschaft.

Ich sah diesen Film anfang der 90er Jahre, als der ORB eine Reihe „verbotene DEFA Filme“ sendete.

Beim ersten Mal gingen bei mir noch nicht alle Lichter an, aber beeindruckt war ich sofort. Zwar: Der allzu hölzern-regimetreue Dr. Satie ist eine Märchenfigur: Nicht richtig Bonze, nicht richtig Sympath, vollkommen unkritisch gepolt, also auch als Endvierziger so lehrbuchnaiv, wie die frisch „umgedrehten“ Ex-HJ-tler der Stalinzeit kurz nach dem Krieg.

DEFA-typisch ist auch diese vergurkte Disco-Szene: Jugend der 70er realistisch abzubilden, ging einfach nicht, das wäre durch keine Abnahme gekommen! Somit kam immer hölzern Aufgesagtes heraus, wenn junge Leute gezeigt werden MUSSTEN, die voll und ganz regimetreu denken, reden und handeln. Denn wir waren ja die „Kader von morgen“! Eben Stabü-Lehrbuchgetreu, aber an der Wirklichkeit vorbei. Für alte Herren, die in Wandlitzer Echokammern wohnen, oder in SED Bezirks- und Kreisleitungen dahindämmern, abgeschirmt von der schleichenden Westifizierung der nachwachsenden Generation, mag normal sein, dass eine Studentin eine Knutschpause einlegt, weil ihr Professor vorbeikommt, ebenso normal ist dann die SED-Mitgliedschaft ihres „Jake’ses“ und die freundlichen Reaktionen seiner Freunde auf den Professor da im Dorf-Club, wenn er ihnen erklärt, wie zufrieden man doch sein kann – im jetzt.

Für die wirklichen Menschen bietet der Film immerhin das kleine bisschen Trost, dass der Doktor kurz zuvor an einer nächtlichen Hauswand vorbeilief, an der gut lesbar „Ketten werden knapper!“ und „I’m free!“ steht. Das muss reichen, denn getanzt wird in der Disco nur nach Puhdys und Halina Franzkowiak! Nix mit The Who oder gar Renft!

1975 – da war doch deren Verbot! Ist die Wand-Inschrift der Grund für das Verschwinden des Films? Die paar Sekunden wären leicht herausschneitbar gewesen – das kann der Grund nicht sein!

Der Film lief ein zweites Mal, ich bekam mehr mit.  Heute kann er HIER/Klick gesehen werden.

Da das aber eh keiner mehr tun wird, hier kommen die Highlights:

  1. Man merkt dem Ablauf an, dass darin herumgeschnitten werden musste, dass die Dramaturgie holpert, dass ein „richtiger“ Schluss oder wenigstens ein Schlusssatz aus dem Off fehlt.
  2. Der Film korrespondiert mit einem Mehrteiler von 1971 „Der Sonne Glut“, dort wurde die Aktion „Max braucht Wasser“, die Rettung der Max-Hütte, des letzten Hochofens der Ostzone durch Staudammbau der FDJ, zur Heldengeschichte. Hier nun wird per Hin-und Herblende zwischen den Zeiten nachgereicht, wie es mit den beseelten Aktivisten von einst weiterging: Da kamen verblüffend wenig Parteikarrieren heraus. Müde gewordene Krieger allesamt.
  3. Dann die unglaubwürdige Discoszene – Keinem Regisseur wäre verziehen worden, wirkliche Jugend zu zeigen, die die Puhdy-Mugge wegbuht und bei Gary Glitter oder Uriah Heep ausflippt. Die den graumelierten „Opa“ anmacht, ob seines Fehlers, hier aufzukreuzen: „Was will’n der Alte hier? Da hat wohl eehner Embryo schupsen falsch verstanden?!“
  4. 1975 war noch Aufbruchstimmung angesagt: Dr. Satie in alt wirkt wie Werner Lambertz, Erich’s Kronprinz, der 1978 so mysteriös in Libyen per Hubschrauberabsturz umkam. Dr.Satie(Somit wurde er zum „Friedrich III. der DDR“, denn ihm wurden nun posthum allerhand Reformideen zugetraut, die niemals kamen.) Hatte ihn Mielke aus dem Weg geräumt, weil er „von der Linie abweichen wollte“?
  5. Der junge Satie 1948 jedoch gleicht dem jungen Erich Honecker anfang der 30er, der freiwillig nach Russland ging und im Ural Magnitogorsk errichten half. Genauso überzeugt, total auf Linie, und nach 45 der FDJ-Gründer und „Jungspund“ hinter den Opas Pieck und Ulbricht.
  6. Honecker war liiert, ja sogar verheiratet, als er Margot Feist traf, sich unsterblich verliebte, auf die SED-Statuten schiss und sich scheiden lassen wollte. Das sah der Vortrupp der Arbeiterklasse aber nicht vor! Scheidungen zeugen von moralischer Unreife. Genossen aber haben stets moralisch einwandfrei zu sein. Vortrupp eben! Ein Heidendebakel hinter verschlossenen Türen! Wie man weiß, setzten sich Erich und Margot durch. – Im Film ist nun dieser Jung-Erich/Satie ebenfalls liiert, lässt Hanka jedoch sitzen, um nach Dresden zu gehen und dort ausgerechnet bei der verrufensten seiner Staudammbrigade zu landen – die Margot heißt. Dieses zwielichtige Zusammenkommen tut seiner Polit-Karriere keinen Abbruch.

Hier liegt mMn der Hund begraben, weshalb der Film schnell wieder verschwinden musste.

  1. Man kriegt gezeigt, wie überall zwischen den jungen Leuten Liebe aufkeimt, aber letztlich bekommt keiner der Akteure den Partner, der gepasst hätte.

Und zu guterletzt gibt es

  1. Ein paar gruslig gute Sätze kurz vor dem Ende des Films:

Baladschin (balla Dshinn = böser Geist) der rückständige Bauer von einst, dem man den Hof demolierte, ist nun ein versoffenes Dorf-Faktotum. Er nähert sich Satie besoffen und hämisch kumpelnd, als dieser auf seine Jugendliebe Hanka wartet:

„Früher hab ich dich gehasst… aber nun vergebe ich dir, Satie. Du siehst in meinem Gesicht das Lächeln des Siegers! Hätte nie gedacht, dass ich mal über euch triumphiere! Konnte ja keiner ahnen, dass ihr euch solange an der Macht haltet. (…) Du bist fertig, Satie. Wie Hanka. Die ist so fertig, wie du…“

Im Suff spricht man die Wahrheit. Die perfekten Outfits von Satie und Hanka sind die Fassade, die bei ihm die Fehler und bei ihr die Wunden verdeckt.

Sie ist am Ort geblieben. Hat seinen Sohn geboren. Wechselnde Verehrer gehabt, unverdient im Geschwätz des Dorfklatschs einen schlechten Ruf geerntet. Satie trifft auch sie, aber viel zu reden gibt es nicht mehr.

Sie verabschiedet sich am Bahnhof von ihm.

„Du siehst blass aus. Bist du krank? Setz dich hin.“

Als er auf der Vorplatz-Bank sitzt, bleibt sie stehen: „Lebe wohl.“

Dr.Satie, Werner Lambertz, der Träger der Ideale, bleibt kränkelnd sitzen und träumt nochmal den Traum von 1948, als sich all die Neulinge bei ihm vorstellten. Als sich noch was bewegte.

Auch den alten Sittenwächtern in Wandlitz, wird nichts anderes einfallen. Sie träumen ihn einfach weiter. Noch 14 Jahre. Und auf der Pyramide wächst das Moos…

Trotz aller gefürchteter DEFA-Dialog-Steifheit ein Klasse-Film!

Die Glorreichen Sieben (DDR-Filme)

Nach der Lektüre des besagten Martin-Buches „Verdrängte Zeit“ überlegte ich: Welche Filme fehlen mir in seiner Aufzählung. Es sind diese glorreichen Sieben:

1. „Ete und Ali“, die erste Filmrolle für zwei geniale Schauspieler: Jörg Schüttauf und sein Konter-Part Thomas Putensen, der leider hinterher die Schauspielkarriere abbrach, um sehr origineller Musiker sein zu können. (2x live gesehen; solo (90er) und mit der Fischer Band (00er) ; grandios!) Drehbuch top, Requisite ist die wiedererkennbare, graue Alltags-DDR; die kritischen Sequenzen werden mit Humor verabreicht. Seh!-ens!-wert! Bis heute!

2. „Die Entfernung zwischen mir und dir und ihr“; auch so ein Film, der zu kurz vor dem Mauerfall das Licht der Welt erblickte und deshalb nicht nachwirken konnte. Lauter unbekannte Neulinge spielen hier junge Leute, die gerade ins Berufsleben einsteigen und zum Beispiel auf die müden Altgedienten im Großbetrieb treffen. Und es rummst in den Dialogen:

„Du da! Runter da! Wer hat das erlaubt! Ich zieh dir die Hammelbeine lang! Welche Brigade? Wie heißt du!“

Die Gerügte im Blaumann auf dem Stapel Eisenträger, deutet einen Bauchtanz an, windet sich das Arbeitsschutz-Haarnetz vom Skalp, schleudert lasziv die Mähne, grinst und säuselt mit Schlafzimmerblick:

„Raten Se doch mal – Frieda – Hock!Auf!“ und entschwebt.

(Für heutiges Publikum bräuchte die Stelle einen Synchronbalken als Untertitelerklärung:

Frieda Hockauf war zu DDR-Zeiten die bekannteste Aktivistin/Bestarbeiterin, die in den Lehrbüchern stand.)

Die Youngsters sehen nicht so abgewrackt aus, wie die Jungschauspieler der späten 70er, die zwar Talent für die Schauspielschule, aber selten Attraktivität für die Leinwand mitbrachten.

3. „Der Hut des Brigadiers“ (1988 einmalig im TV gesehen); der gab auf einer Baustelle in Marzahn all die Misswirtschaft zu, die überall zu greifen war, aber nie in der Zeitung stand. Ein neuer Brigadeleiter, jung, soll die „Jugendbrigade“ aus lauter Mit-und Enddreißigern mit Plauze zu Aktivisten machen. Der abgesetzte 40jährige Vorgänger schaut ihm beim Abrechnen über die Schulter.

„Machst’n da?“

„Bilanz. Geht nicht auf. Wir sind zu schlecht. Ham nüschd geschafft.“

„Na, wenn de SOOO rechnest, kommste nie of 110%. Rutsch ma, ick zeig dir!“ Szenenwechsel.

Es war sprichwörtlich, dass all die Planübererfüllungen in den Zeitungen Augenauswischerei waren. Der Film hätte großes Renommee einfahren können, wenn das ostdeutsche TV-Publikum noch so drauf gewesen wäre, wie in den 70ern; wo alle diese Gegenwarts-TV-Romane Quote machten und hinterher sogar Thema in den Rotlicht-Sitzungen werden konnten. Aber inzwischen guckte alles einfach nur noch Westen. Der Film lief einmal, als ich ihn zufällig sah. Habe nie jemanden getroffen, der ihn kannte.

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4. „Auf der Suche nach Gatt“ (Wenigstens den 1. Teil!); der 2. ist verunglückt, Dieter Mann und Barbara Dittus in Glanzrolle; 50er Jahre Thematik; Aufbauideale und ihre schleichende Pervertierung; dazu ein Horst Drinda als der gute Exilrückkehrer, der nun in Bonzenrolle den verständigen Papa-Ersatz gibt; (aber im Subtext schwingt mit, dass grade diese jovialtuenden Typen in der Regel keine idealistischen Widerstandskämpfer aus dem Exil , sondern Karrieristen ohne Vorgeschichte und somit hintenrum die größten Anscheißer waren.) Er sät ja auch das Misstrauen zwischen die Partner Mann/Dittus. (Dabei wird deutlich, dass jemand, der sich vor KZ und Tod (GULAG wird verschwiegen) bewahren musste, niemandem vertraut und nun auch nicht runterschalten kann, wenn es um Vertrauensprobleme kleinerer Art geht. (Neutzsch konstruiert hier eine idealisierende, Verständnis erweckende Vorgeschichte für eigentlich oft nur fiese Charakterlosigkeit)

Als ich den Film zum ersten Mal sah, war ich erstaunt, dass da eine umfassende 17. Juni-Sequenz enthalten ist. Das Ereignis wurde ansonsten eher schmal-lippig zum „faschistischen Putsch“ erklärt, oder ganz ausgespart. Buch und Film zeigen, dass Neutzsch nach seiner „Spur der Steine“ Querele von 1965, wo er sich gezwungen sah, sich vom Film zu distanzieren, nun lustlos halb zu Kreuze kroch. „Gatt“ enthält sehr interessante Konfliktansätze, die aber alle „verbogen“ werden, damit Buch und Film die „behördliche Abnahme“ überlebten. Das Zeitzeugenpublikum merkt das und weiß, wie es jeweils eigentlich hätte weitergehen müssen. Nachgeborenem Publikum könnte man dergleichen – bei Interesse – in der Art eines Film-Clubs „für Kenner“ zeigen und erläutern.  Wenn kein Interesse vorliegt, hat es aber auch keinen Sinn. Der 1. Teil ist actionreich und i.O.; der 2. Teil erstickt in Parteitagsphrasenmonologen von Drinda und vom 2. Mann der Dittus. Dass sie nach allem, was sie erlebt hat, linientreu blieb, ist einer dieser zurechtgebogenen, unrealistischen Werdegänge. Sie hätte als intelligente Ärztin allen Grund gehabt, zynisch auf den Proletenstaat herabzublicken oder gar von Ausreise zu phantasieren.

5. „Verwirrung der Liebe“ (1957); Annekatrin Bürger und Angelika Domröse in ihren vermutlich ersten Rollen; Studentenwirrwarr um die Partnerfindung: Ein Kerl, eben jene zwei Damen und hin und her unter anderem auf einem typischen Studentenfasching, wie ich ihn anfang der 80er auch noch erlebte. Als ich diesen Film ein einziges Mal zu sehen bekam, kriegte der mich total, weil er meine eigene Studentenzeit heraufholte und zugleich illustrierte, wie das gewesen sein muss, als die Generation meiner Eltern ihre zweiten Hälften fand. Die kargen Storyfetzen, die diesbezüglich aus Eltern, Onkels, Tanten herauszuholen waren, passen 1:1 und die im Film zu sehenden Sofadecken und Häkelkissen kenn‘ ich alle noch!

6. „Heißer Sommer“(1967); Ja! Muss sein! Der Film ist rappelblöde, was die Story angeht. Die Prügelszene haben wir im Sportunterricht in gespielter Zeitlupe nachgefaked und uns beäumelt vor Lachen: Die Faust bleibt immer erkennbar 10cm vor dem Gegner stehen, aber dieser fällt getroffen um. Man ringt miteinander, berührt sich also, spannt aber keinerlei Muskel an. Wie im Film!

Prügel

Die Musik ist Allerweltsschlager; keine Spur von Flowerpower; obwohl – doch, es gibt da so Kuschelszenen im Heu in der Scheune.

Den Film sah ich kurz vor und kurz nach der Pubertät und starrte auf die Beine der Damen. Wo blieben all die hübschen Jungschauspielerinnen später? Die spät70er DEFA hatte einen eklatanten Mangel an weiblicher Attraktivität. Nach der Wende kehrte er als „Super-Illu-Klassiker“ wieder. Jetzt, im gesetzteren Alter, gingen mir auch ein paar dechiffrierenswerte Sequenzen auf.

Eine Jungsgruppe von Abiturienten (Frank Schöbel und Co) und eine Mädchengruppe (Chris Doerk und Co) trampen an die Ostsee zum Arbeitseinsatz mit Erholungsbestandteilen; Lager für E&A. Dort gibt es dann eine Reihe von Techtelmechteln unter Verwendung aberwitzig angepasster Dialoge.

Pärchen im Bootsschuppen:

Er „…und dann ließen mich meine Eltern eine Woche keinen Jazz mitschneiden.“

Sie: „Brutaaaal!“

Publikum: Blödsinn! So’n unterbelichteter Teenie und Jazz! Aber Beat oder Rock ging ja nicht 1967! Dann hät‘s der Film ooch nich‘ durch die Zensur geschafft!

Und auch noch das: Immermal wieder pfeift der Rudelführer und dann stecken alle Typen reflexhaft die Köpfe zusammen, wie ne Fußballmannschaft vor dem Spiel. Bei den Mädchen klappt das so ähnlich.

Publikum: Ach du Scheiße! Das hätten se wohl gerne, dass alles so läuft, wie es sich FDJ-Bönzchen vorstellen! Dieses dressierte Mannschaftsverhalten. Schenkelklopf! Und so blöde würden wir dabei aussehen! Pruuust! „Beule! Feife ma‘! Ich willdch auslachng!“

7. Das Beste kommt zum Schluss: Die Krönung dieser Liste: Willst du wirklich DDR verstehen? Willst du das wirklich? Was da so alles zusammenging und warum nicht „alle“ abgehauen sind, als Berlin noch offen war? Dann gibt es nur eins:

Kult!

„BERLIN – Ecke Schönhauser“ (1957) ab 1965 ebenfalls im Giftschrank und erst ab 1990 wieder zu haben. Jugendgang in Ostberlin; glaubhaft ruppig; Eckehard Schall (Brechtschwiegersohn) in Paraderolle als eine Art von Jim Stark/James Dean (Ost) keine gestanzten Floskeln; der Volkspolizist, der den verständnisvollen Papa Ersatz geben will, wird rüde ausgebremst… kommt den James Dean Filmen erstaunlich – und völlig unpeinlich – nahe.

Das XI. Plenum der SED, das berühmte „Kahlschlagsplenum“, das die komplette DEFA-Produktion aller 26 Spielfilme des Produktionszeitraumes 64/65 verbot, Schriftsteller maßregelte, und „mit dem Je-jeh-jeh und wie das alles heißt, schlussmachte“ – verhunzte die Kulturentwicklung der Republik nachhaltig.

Indianerfilme ab’66 gelangen und wurden „wie durch ein Wunder“ erlaubt. Ernstnehmbare Gegenwartsfilme waren unmöglich geworden. Für lange Zeit.

„Die gewöhnungsbedürftige Parabelhaftigkeit des DDR-Films bleibt manchem ein Graus.“ (M. Martin)

Recht hat er!

Mir.

Unverwüstlich (Filme)

10 Filme, die Bludgeon empfiehlt:

Da ich mich neulich im Blog von FilmkritikenOD herumgetrieben habe, dachte ich mir: Bist zwar kein Film- oder Serienjunkie – aber ne Liste der besten und vielleicht auch eine der schlechtesten Filme „aller Zeiten“, die du gesehen hast, könnteste ja mal zusammenstellen.

Als Kind der 60er und 70er Jahre war ich natürlich massenhaft im Kino, auch der Fernseher lief mitunter heiß; egal, ob man in vorpubertärem Zustand den Gegenwartsfilm da nun verstand oder nicht … da sammelt sich in der Erinnerung so einiges an, verschiebt sich und verklärt sich. Kulte brechen weg, ehemalige Graupen entpuppen sich in reiferem Alter bei Zweit- oder Drittbetrachtung nun als Perlen und wieder anderes bleibt in der Wirkung gleich oder wächst mit.

Starten will ich mit 2 Filmen der letztgenannten Kategorie:

Zum Besten, was ich gefühlt nun hundertmal gesehen habe, zählen 2 Filme des Gojko-Universums nach wie vor:

– Die Söhne der großen Bärin;

– Die Spur des Falken;

In den 60ern für die Zielgruppe Kind gedreht, in Sachen Filmmusik und Kostüme bei Lex Barker und Pierre Brice abgekupfert, erlebten diese Filme in der Familie mehrere Revivals, begeisterten diese beiden DEFA-Streifen mich mit 8 im Kino, mit 14 im Fernsehen, mit 33 auf VHS und mit 43 auf DVD – immer aus ein bissl anderen Gründen. (Und immer mit einem Rucksack an Erinnerungen hintendran. Kindheit. Faschingskostüme. Wäscheleinenlassos. Little Bighorn im Saaletal. Schulhoffachsimpeleien. Film- und Buchvergleiche). Dann waren die Familien-DVDs eine Weile verschollen, bis ich mitbekam, dass sie im Kinderzimmer in der töchterlichen DVD-Sammlung „still enteignet“ worden waren.

Die Filme sind deutlich besser gealtert als das Barker/Brice-Schaffen. Letztere wirken heute auf mich wie Heimatfilme mit „Federn offm Kopp“. Schmalzige Dialoge, schlecht ge-faked-e Action – ich zappte neulich gelangweilt weg.

Die beiden Gojko-Streifen erzählen a) die Indianergeschichte richtig herum und b) haben manche Dialoge und Kostüme DDRtypisch doppelten Boden und laden zum Interpretieren ein. Immernoch sehenswert und Soundtracks im Böttcher-Style von Karl-Ernst Sasse.

Die nächsten beiden sind wieder zwei aus demselben Hause:

2x James Dean!

Warum nicht alle 3?

Nun: Wenn du im Teenie-Alter auf den Rock&Roll-Trichter der 50er kommst, obwohl die Zeichen DEINER Jugend eher auf Prog und/oder Punk stehen, dann hörst du in jeder zweiten Oldies-Sendung Hinweise auf die Wirkung jenes frühen Toten, der da Elvis beeinflusst haben soll; der da überhaupt das Thema „Coming of age Film“ und „gebrochener Held“ aufs Tablett gebracht hat – und du gierst nach diesen Filmen! Dann kommen sie endlich ins Westfernsehen (so 77 oder 78 herum) und werden in Reihenfolge ihres Entstehens gesendet. „Jenseits von Eden“ ließ uns ratlos zurück. Auf dem Schulhof am nächsten Tag zwar Autosuggestion bei allen „Das war James Dean!“ (Das muss man mögen! Alle sagen das sei Kult!) Aber eigentlich: Zuviel Geflenne für 17jährige Kerle. Ein Vater-Sohn-Konflikt, der nicht der unsere war. Ich hatte einfach seitdem keine Lust, mir den ein zweites Mal anzutun.

Die anderen beiden: „…denn sie wissen nicht, was sie tun“ und „Giganten“ schienen auf Anhieb verständlich und ihre Wirkung wuchs bei Erlangung des nächsten Reifegrades des Betrachters automatisch mit. Die psychologische Akribie, wie hier die Charaktere vorgestellt und entwickelt werden! Und zwar im nahezu kompletten Ensemble! Nicht nur 2 Superhelden und platte Statisten! Die zur Schau gestellten Probleme so „heutig“! 1953 wie 1977 wie 2020! Filme sind ein schnell veraltendes Kulturgut. DIESE beiden NICHT!

1977 hab ich – und nicht nur ich allein – den Jim Stark als „frei“ deutlich missverstanden. Was die alles dürfen da drühm! Jeder Schüler hat da’n Auto! Und was für eins! – Mauerjahre eben.

1999 herum, beim Kauf der DVD hatte uns das dargestellte Elend eingeholt. „Der Wohnblock liegt im Park, wie ein böses Tier….“ Silly hatten 1989 noch vor dem Mauerfall davon gesungen, weil es in Ostberlin längst soweit war. Ab 1990 kam das auch in die Provinz… James Dean hatte das 1953 gespielt!

„Giganten“ ist eine Familiensaga der Extraklasse. Jedes Detail sitzt. Die reiche Familie mit der bösen alten Großmutter, die dem Knecht ein Stück Land vererbt, um die Sippe zu ärgern. Der findet dann dort Erdöl, wird reich, bleibt aber ein armseliges, neureiches Würstchen. Immerhin ging der Plan der nun toten Oma auf: Ihrer Sippe ist er schwer im Weg. Aber die hat noch andere Probleme: Der Vater, der sich über den Stammhalter freut und dann enttäuscht ist, als er merkt – der kommt nicht nach ihm; ist kein Cowboy, will nicht in den Sattel, will „studieren“! Iiiiih! Der Sohn liebt eine Mexicanerin! Rassenschande! Texas 1956. Er kann sie in der Kneipe vor den Anpöblungen des Wirtes und der Barflies nicht schützen, Intelligenz vs. Idiotenmehrheit; also drischt der Schwiegervater mit. Er gewinnt nicht. Aber sein Rassismus bröckelt. Für die Ehre der Family! Zeitlos. Da kurz vor Fertigstellung des Films jener heute sagenumwobene Unfall stattfand, der James Dean das Leben kostete, wird tragischerweise der Film seither in der medialen Wahrnehmung auf ihn und seine (Neben-)Rolle reduziert. Da fällt soooo viel unbeachtet unter den Tisch! Deshalb bleibt andererseits viel Nichtzerredetes zum Entdecken übrig.

Das nächste Film-Doppel stammt von Leander Haussmann. Das sind so zwei Filme, die ich hätte drehen wollen, wenn ich Regisseur wäre:

– Sonnenallee;

– NVA.

GENAUSO WAR’S! Damals in der Dederätä!

Sonnenallee ist erfolgreich genug. Muss man nicht allzuviel dazu sagen. Außer: Wenn du Wessi bist und Ossi-Bekannte hast, frag sie doch mal, warum „Moscow“ von Wonderland so ein langlebiger Kultsong im Osten war. Mal sehen, was dir dann so erzählt wird. Wegen „Moscow“ konnten DJs auch anfang der 80er noch richtig Ärger kriegen. Siehe Detlev Buck im Film.

„NVA“ ging unverdientermaßen relativ unbeachtet unter. Ich weiß nicht, wo Haussmann hat dienen müssen. Als Schauspielersohn und Regie-Student ist aber Prora oder Eggesin sehr wahrscheinlich. Ich saß im Kino mit meinem Sohn, habe Tränen gelacht, alte Beklemmungen wollten sich nähern, aber die nächste Pointe war schon auf dem Weg, die nächste Lachsalve zertrümmerte den heraufziehenden Alp. Groooooßartige Darstellung der führungsunfähigen Führer! Idioten-Crew! Die perfekte Schwejkiade für die Neuzeit! Der Film war aus, das Licht ging an. Ich hatte noch zu tun mir atemlos die Lachtränen aus den Augen zu wischen, da hörte ich meinen Sohn grinsend den Satz der Sätze sprechen: „Jo! Alles so, wie du’s immer erzählt hast.“

Auf einer Bludgeon-Bestenliste dürfen die nächsten beiden auf keinen Fall fehlen:

– Alois Nebel

– Nebraska

Beide zu gleicher Zeit kennengelernt und bisher viel zu wenig Leute getroffen, die diese Filme auch mögen, oder wenigstens kennen würden.

Zu Alois Nebel hab ich hier schon genug geschwärmt.

Nebraska ist ein meisterhafter Road-Movie, der zum einen ein ganz tolles Vater-Sohn-Verhältnis schildert und zum anderen ein realistisch armseliges Amerikabild transportiert: Vater in zunehmendem Altersstarrsinn glaubt einem Reklameversprechen, er habe in Nebraska eine Million gewonnen. Dumm nur, dass er am Fuße der Rocky’s lebt. Frau und Söhne sind genervt von dem alten Idioten. Ein Sohn fährt ihn schließlich durch viele Fly-Over-States Richtung Ostküste, um ihm zu beweisen, dass da in Nebraska keine Million auf ihn wartet. Dabei treffen sie auf jahrzehntelang nicht besuchte Verwandte, elende Hirnis, die ihnen bewusstwerden lassen, dass sie es weitergebracht haben als diese; auf ehemalige Berufsstationen und immer andere Sichtweisen auf zurückliegende Lebensabschnitte des Vaters. Der Sohn lernt ihn Stück für Stück besser kennen – und achten. Zeitgleich kaufte ich „ST Arkansas“ von Pere Ubu – und als ich mich mit den Texten dort befasste, erschien mir die Platte wie ein ergänzender Filmsoundtrack.

Bleiben noch zwei Nennungen um auf 10 Klassiker zu kommen übrig.

Da wäre zum einen zu erwähnen, dass zum Soundtrack meines Lebens an exponierter Stelle die NDW gehört und dass ich 1983 ein Radiokonzert von Thommy Beyer aufnahm. Einer meiner Heroes jener Tage! Da machte er die Ansage, dass „die Spitzenklöpplerin“ sein Lieblingsfilm sei und deshalb nun ein Song im Sinne des dort beschriebenen Liebesverhältnisses käme. Den Song hab ich vergessen. Die Ansage nicht, weil just ein paar Monate später „Die Spitzenklöpplerin“ als DDR-Taschenbuch erschien und der Film im Film-Casino „für Kenner“ -ich glaube auch nur einmalig – gezeigt wurde. Ohne Thommy Beyer hätte ich mich weder um das Buch noch um den Film geschert. Das Buch ist gut – aber der Film ist toll! Eine ganz feinfühlig erzählte, traurige Liebesgeschichte. Student liebt Friseuse. 70er Jahre. 20. Jahrhundert. Aber etwas kommt dazwischen…  (In meiner Heyse-Lesephase der letzten Zeit kam mir die Schluss-Sequenz immer wieder in den Sinn.) Ich war frisch verlobt. Die Zukünftige neben mir. Die erzählten da auf der Leinwand unser Leben – aber wir beschlossen, den grässlichen Schluss wegzulassen! Beyer hatte Recht: Den sollte man gesehen haben!

Last not least – die 10. Nennung:

-Zwei Cheyenne auf dem Highway;

Nochmal ein Road-Movie und nochmal Indianerthematik. USA 1987: „Was meinen Sie, wo Sie hier sind! Hier beginnt die 3. Welt!“ schreit der AIM-Bürgerrechtler den Bodenspekulanten an. Realistische Gegenwart im Mittleren Westen dort. Armselig, aber nicht deprimierend abgefilmt. Komödie, Bürgerrechtsdrama, Traditionspflege-Lehrstück, Anti-Western, Road-Movie von „Handmade Films“ hergestellt, sponsered by George Harrison. Die Filmmusik ist die erste LP von Robbie Robertson. Sehens- und hörenswert immer- und immerwieder.

Unterleuten – der Film

Nun sind sie gesendet. Jene heiß erwarteten 3 Teile. Viel konnte doch nicht schiefgehen, oder?

Nun ja. Der erste Teil entäuschte komplett. Es lag an Spannungslosigkeit und mMn eklatanten Fehlbesetzungen.

Der Zweite war durchwachsen.

Der dritte Teil konnte einiges retten. Aber nicht alles.

Gombrowski und Schaller waren klasse. Der übrige Cast ließ zu wünschen übrig.

Kron kommt viel zu sanft rüber, der Hauptgrund für die Feindschaft zu Gombrowski fiel ganz unter den Tisch: Jene Alptraumnachtvon 1960.

Die Katzen-Hilde und Elena Gombrowski zum Beispiel sind Damen gewesen, die sich als Bäuerin verkleiden, bevor sie sich nach Drehschluss einen Glitzerfummel überwerfen und zum Semperopernball fahren lassen. Die wirkten beide in ihren Rollen wie deplazierte alte Brechtdiven.

Auch Linda Franzen hätte mehr kalter Vamp mit Pferdemacke sein müssen, statt dieses liebe Lieschen mit Kulleraugen und den Motivationshörbüchern. Da hätte es einen anderen Typ Frau gebraucht. So ähnlich wie “Frau Pilz“, die wäre die bessere Franzen gewesen.

Im Film fiel noch ein Makel des Buches auf, den dort die Spannung vergessen ließ: Niemand deutet hier Dialekt auch nur an! Das Filmteam aus Großstädtern ließ hier die Bodenhaftung völlig missen.

Alles in allem: Nicht ganz der Gau, wie die “Turmverfilmung“, Aber leider auch bei Weitem nicht so ein Volltreffer wie die Verfilmung der “Tage des abnehmenden Lichts“.

In Schulnoten: 3-

 

 

Berlin, du hinkst…

Mit dem November ’18 hamses dieses Jahr aber! So’ne 8 im Kalender, am Ende einer Jahreszahl kann ganz schön schlauchen; historisch betrachtet.

Gestern ist es passiert: Bambi für „Babylon Berlin“. Nach „Goldenen Kameras“ nun also auch noch das Rehlein, das goldene. Nun ja. Nicht falsch verstehen: Auch ich bin der Serie verfallen. Sie ist seeeeehr gut gemacht. Der Zeitgeist kommt für uns zuspätgeborene Davongekommene sehr anschaulich rüber. Ich hätt‘ mir halt gewünscht, dass es zuvor „Weissensee“ genauso gegangen wär! (Gut. Ein paar Preise fielen da seinerzeit auch ab, aber vergleich mal die Kategorien.)

Die eine wird 15 Wochen lang hingezogen, zur Primetime; an der anderen wird nach Staffel 1 die Lust verloren, Staffel 2 – das ungewollte Kind erst „vergessen“, dann in Doppelfolgen „durchgefeuert“, damit es schnell vorbei ist; ebenso Staffel 3 und 4.

Klar: Der Ossi-Schmarrn ist Minderheitenprogramm. Das Sündenbabel der Weimarer Zeit ist Teil des alten westdeutschen Mythos des ersten Demokratieversuches auf deutschem Boden.

Mögen Sie die Weimarer Zeit?

Liv Lisa Fries (alias Charly Ritter, die Polizeihelferin und „Halbtagshure“ der Serie) wurde sowas bei einer Gala gefragt; ob sie da gern gelebt hätte. Nun, was sagt man da so mit 28 heutzutage: Diese „analogen Zeiten“ mag sie sehr. Schluck!

Würde MICH das einer fragen – klares NEIN! Und zwar ohne Bedenkzeit und ganz ohne Zweifel!

Die Weimarer Republik war scheiße. Ein anderes Wort will mir einfach dazu nicht einfallen. Dass es hinterher noch beschissener kam, ist fakt, lindert aber den Blick auf die Vorstufe nicht. Ingmar Bergmanns „Schlangen-Ei“ hätte man mal aus der Versenkung holen können.

 „Wie in einem Schlangen-Ei sah man das Böse entstehen und wachsen, in jenen Weimarer Jahren“.(Bergmann; 70er Jahre Zitat)

Stattdessen wurde die Weimarer Republik dieses Jahr „gewürdigt“, dass es nur so knallt:

  • „Aufstand der Matrosen“ (Menschen sprechen Texte in frischgeschneiderter Kostümierung und ticken dabei wie hingebeamt ins Jahr 1918. Gleich zückt einer ein Smartphone für’s Selfi mit Panzerkreuzer! Wirklich schlechtes Fernsehspiel.)
  • „Kaiserrücktritt“ (Interessante Details über die kurze Reichskanzlerphase des Max von Baden. Aufschlussreich. Friedrich Ebert als williger Monarchist, der für ein vormundschaftliches Interregnum bereit gewesen wäre, wenn Max von Baden das Kreuz dazu gehabt hätte, Vormund für einen Enkel Wilhelms II. zu sein. – Leider schlechte Maske für Wilhelm II. und Friedrich Ebert. Dass sowas besser geht, zeigt die verdienstvolle Serie „Vom Reich zur Republik“.)
  • „Babylon Berlin“; spannend wie nur was; Ausstattung top! Kulturelle Entdeckungen möglich: Man achte mal auf die 20er Jahre Liedzitate, die da gesungen werden: Soviel Tiefsinn und Melancholie war also auch möglich, in einer Zeit, aus der man eigentlich nur „Veronika der Lenz ist da“ oder den „kleinen grünen Kaktus“ kennt!

Nur — lieber keinen Fakten-Check! Es ist sehr gute Unterhaltung mit ein bisschen Zeit-Colorit. Mehr nicht. In „Weissensee“ stimmte wesentlich mehr!

Würden die Fakten stimmen, hätte es bestimmt nicht diese Sendetermine gegeben. „Vom Reich zur Republik“ lief auch nie im ARD-Hauptprogramm. Ab in die Dritten.

„Berlin Babylon“ kriegt dich mit so Zitier-Gimmicks, wenn du dich auskennst.

  • Liv Lisa Fries als Erotikengel und Wiedergängerin der jungen Muriel Braumeister (in „Schuld war nur der Bossanova“)
  • Leonie Benesch, als ihre Freundin Greta und damit wieder fast in der selben Rolle wie zuvor schon in „Das weiße Band“, jener bedrückenden Darstellung der späten Kaiserzeit auf dem Lande; die ebenfalls reichlich Filmehrungen erfuhr und somit hier quasi als Vorgeschichte vereinnahmt wird: Was wird aus einer schüchternen Gutshausmagd, wenn sie in die große Stadt gerät? Willige Beute eines Typen, den sie für einen Kommunisten hält, der aber ein dunkles Geheimnis hat und die „dumme Gans“ für seine politischen Zwecke missbraucht.
  • Die Sorokina (Severija), eine Exil-Russin markiert auf Zwitter aus David Bowie, Conchita Wurst und junger Marlene Dietrich; und sorgt mit ihrem Auftritt für ein Musikvideo mitten in Teil 1: „Von Asche zu Staub….“! Erhaben! „Ashes to ashes“ meets „In den Ruinen von Berlin“ oder „Die Mörder sind unter uns“, denn wenn jemand im Sündenpfuhl an der Spree von 1929 was von Asche und Staub singt, denkt man automatisch 15-16 Jahre weiter.
  • Das Gold der Sorokins aus dem vorrevolutionären Russland sorgt für einige dramaturgische Brüche, da es erst Trotzkisten helfen soll, Stalin zu entmachten, dann aber eher Privatbeute jener „Asche und Staub“ Chanteuse werden soll – die sich als Sorokina ausgibt, jedoch plötzlich gar nicht zur Familie gehört. Die Goldbarren sind schließlich angestrichene Briketts und die Aufklärung darüber, wo das Gold nun wirklich ist – lässt Historienfilmkenner automatisch an den „Raubzug der Wikinger“ denken; jenen alt ehrwürdigen Monumentalfim mit Richard Widmark in seiner Glanzrolle, der die „Mutter der Stimmen“ sucht. Er findet schließlich eine Kapelle in Marokko und eine schäbig kleine Glocke darin. Als er sie wütend an die Wand schmeißen will, erdröhnt das Gemäuer – nicht sie, sondern die ganze Kuppel entpuppt sich als große goldenen Mutter der Stimmen. In der Serie nun sind es nicht die Barren, sondern der Wagon! Schöne Idee; leider aufgespart für eine wirklich miese letzte Kintopp-Episode, die den großen Showdown wollte, aber das bisherige Geschehen in der 16. Folge völlig überdreht. Schöne Serie – schlechter Schluss.

Immerhin kommen die Schüttler endlich mal zu ihrem Recht in einem Unterhaltungsfilm! Jene Versehrtengruppe des I.Weltkrieges, die man lieber in „Heilanstalten“ versteckte, für die sich die eigene Sippe eher schämte, weil Nervenversehrtheit anders bewertet wurde als Verkrüppelung. Bisher strikt unter dem Teppich (bzw. in Dok-Filmen) belassen, wenn es um die 20er ging, wird einer von ihnen hier zum Haupthelden, der sein Leiden (noch) medikamentös kontrollieren kann.

Eine 3. Staffel ist in Arbeit. Hm. Weiß nicht recht, ob ich mich freuen soll.

Das falsche Bild vom Dean

Letzte Woche wäre Dean Reed 80 geworden, wenn er sich 1987 nicht das Leben genommen hätte.

Der Brauseschenk erinnerte an ihn. Ich schließe mich nun an, aber ein bisschen anders.

Wer war Dean Reed?

„Früher hab ich Mist gekarrt, heut reitet mich Dean Reed.

Und jede Frau wird neidisch, wenn sie mich im Kino sieht.“

(aus „Ein Pferd wie du und ich“)

MTS, die ostdeutsche Spass-Combo, brachte 1976 auf ihrem Debutalbum auf den Punkt, was alle dachten: Dean Reed = Mist.

Denke ich an meinen pubertären Bekanntenkreis von damals zurück, so fällt mir niemand, aber auch absolut niemand ein, der Dean Reed gemocht hätte. Nicht mal die allerletzten Dödel aus der hintersten Ecke des Schulhofes, oder aus dem Dom-Viertel.

Beziehe ich die damaligen Erwachsenen jüngerer Jahrgänge ein, so muss ich sagen, dass – ähem – meine Mutter und meine Tante ihn attraktiv fanden. Was er sang oder redete war dabei naturgemäß Nebensache. „Talkin‘ bout Sex, Babe!“ Er war eine Art David Cassidy für weibliche ältere Jahrgänge in Osteuropa.

Dummerweise wollte er jedoch immer als Friedenskämpfer, zweiter Che Guevara oder sowas ernst genommen werden – und das ging gründlich schief. Liest du heute den Wikipedia-Eintrag zeichnet der durch Weglassung seiner tatsächlichen DDR-Resonanz ein vollkommen falsches Bild. Richtiger war das, was letzte Woche der MDR sendete „Ein Abend für Dean Reed“.

Besser noch war vor 10 Jahren, als Dean Reed 70 geworden wäre, der Dok-Film „Der rote Elvis“. Der kippte mein Bild von früher. Fast möchte ich mich für all die Häme von einst entschuldigen. Inzwischen bemitleide ich ihn.

„Oh say Da-da-da-da-da, Oh sing ja-ja-ja-ja-ja- oh sing yes-yes-yes-yes-yes….“ (für die internationale Solidarität, den Weltfrieden usw.) Damit lernte ich ihn via Ostfernsehen 1973 kennen. Weljugendfestival in Berlin. Ich war 13 und deshalb zu Hause in der Provinz und nicht in Ostberlin beim DDR-Woodstock. „Beatmusik“ war seit kurzem wieder erlaubt, wurde nun (zensiert)gefördert und „Unser Mann aus Colorado“ ist da auf einmal auf dem Alex. Er singt eben Zitiertes und  „Mamie Blue“ (oder irgend sowas ähnlich Zeitgeisttypisches) und schließlich „Immer lebe die Sonne“, was jeder Ossi dank Unterstufenmusikunterricht auswendig kann. Mit 11 in Klasse 5 in Russisch wurde es auch noch in Originalversion geträllert: „Busekda buseck Sonnze, buseggda buduja….“ Völlig falsch beraten, der Mann! Wenn du sowas vor 16-20jährigen schmetterst, bist du DURCH! Denn beim Älterwerden ging in der Regel als erstes diese verordnete Freundschaft zur Sowjetunion verloren. Man begann Propaganda von Realität zu trennen. Er sang da diesen vorpubertären Russen-Kram, was männliche Zufallshörer sofort vertrieb. Die Mädchen blieben – der Hormone wegen – noch ein Weilchen länger. Er sah ja nun auch wirklich (leider) gut aus!

Dean Reed war anfang der 60er von Colorado nach Lateinamerika gegangen, hatte den Kolonialismus der USA zu durchschauen begonnen und prominente Kontakte zu linken Argentiniern und Chilenen aufgebaut, bevor ihn die Junta Argentiniens ende der 60er rausschmiss und er konsequenterweise nach Moskau ging. Er war dort im rockmusikalischen Nirvana als kommunistischer Ami tatsächlich sowas wie ein „Roter Elvis“ und konnte Massenerfolge feiern – dann aber schlug das Schicksal böse zu: Auf einer Dok-Filmwoche in Leipzig als Ehrengast aus Moskau verliebte er sich in seine Dolmetscherin und entschied sich im kleineren Deutschland zu bleiben. In dem Glauben, es liefe hier alles so, wie in Moskau, reihte sich hier nun Fehlentscheidung an Fehlentscheidung:

Er stellte sich erst einmal gut mit der Bonzokratie, in an american way: Wer mit ihm 3 Sätze gewechselt hatte, war „friend of mine“ und wurde in darauffolgenden Gesprächen von ihm auch so erwähnt. Seine ersten „Freunde“ waren dem entsprechend Günter Jahn (damals Vorsitzender des Zentralrats der FDJ), Egon Krenz, Karl Eduard von Schnitzler … tja … und dann versuch mal noch ein Bein in die Tür zu kriegen, irgendwo in der gegängelten Künstlerszene.

In inflationären Interviews im „Augenzeugen“(Kinowochenschau), im Jugendfernsehen (Rund“ und „Jugend-Club“), im Radio („Hallo“ und „DT 64“) redete er in seeeeehr gebrochenem Deutsch oder gleich per Simultanübersetzer inhaltlich wie ein Musterschüler einer SED-Parteischule. „Sozialismus wird siegen!“ … „Alle guten Menschen kämpfen dafür!“ … „Reisefreiheit ist nicht so wichtig – keine Arbeitslosigkeit erdulden zu müssen ist wichtiger.“ Spätestens da winkte sein Publikum ab. Wer die Welt kannte, und Elend selbst gesehen hatte, wie Dean, der verstand ihn. Also niemand aus der DDR. 4 Jahre nach seinem Tod, sollten viele merken, dass sie da an der falschen Stelle abgewunken hatten.

Hinzu kam, dass er als amerikanischer Staatsbürger freien Zugang nach Westdeutschland hatte, zwecks Beschaffung von Gitarrensaiten oder Mikrophonen usw. Seine Musikerkollegen hatten diese Möglichkeit nicht. Zwar hatten sie über ihn als Zwischenhändler nun auch erleichterten Zugang zu westlicher Mangelware, jedoch war in Gesprächen ja weiterhin Vorsicht geboten, denn: Heute redet er mit dir und morgen mit Kulturfunktionären des Zentralrates oder des Zentralkommitees – Obacht!

Hinzu kam der Neid für all die behördliche Hilfe für alle seine Produkte: Werbung, Sendezeit, Studiotermine…

„Isch habe vülle Froinde in DDR und Sowfjettunion, aber auch in Chile und Argentina“, betonte er öffentlich immer wieder – aber die Hommagen nach der Wende zeigen das ernüchternde Ergebnis: Nicht ein DDR-Musiker der 70er oder 80er taucht da auf; nicht ein DEFA-Star will sich über ihn äußern! Was bleibt, ist ein alter Kulturfunktionär, der sich als „Hauptansprechpartner und Freund“ geriert und Gisela Steineckert, die ihre Meriten als Texterin einiger sehr guter Ostrocksongs hat, jedoch unter der Hand als gefürchtete Lektorin (sprich Zensorin) mit Sicherheit auch die leibhaftige Karrieregefahr für den ein oder anderen Künstlerkollegen darstellte. Besonders die Stern Combo Meissen ist äußerst schlecht auf sie zu sprechen.

eine von vielen

eine von vielen

Ob Schallplatte oder Film – eigentlich floppte alles, was er in der DDR unternahm: Die erste LP von ihm, eine Melodia-Lizenzplatte wurde in den 70ern von all den älteren Mädels noch gekauft, die späteren blieben liegen. Der Indianerfilm „Blutsbrüder“ 1975 wurde angepriesen wie ein DDR-Kinowunder. Zwei Superstars endlich vereint in einem Film! Gojko Mitic und Dean Reed! Ein Dreamteam – würde man heute sagen. Aber: Es war nur ein weiterer Propaganda-Gau. Der Film ist mies. Plakativ. Eine Art „Der mit dem Wolf tanzt“ für arme. Als ich Costners Meisterwerk anfang der 90er im Kino sah, fühlte ich mich mehrfach an Dean Reed erinnert. Meine Bilanz: Ja soooo kann die Thematik eines Squaw-Manns bei den Dakota wirken. Aber sowas braucht eben auch Zeit für die Charakterentwicklung. Costner brauchte fast 3 Stunden. Blutsbrüder drängt das Thema auf 90 Minuten und die abrupten Sprünge in der Handlung lassen den Plot nicht funktionieren. Brauseschenk war 1975 jünger. Ihm schien er gefallen zu haben. Ich war zuvor schon von „Tecumseh“ schwer enttäuscht und hatte mit „Ulzana“ meinen Indianerfilmabschied genommen. „Blutsbrüder“ tat ich mir Jahre später erst im Fernsehen an. Nee, ich war nicht mehr die Zielgruppe. Aber auch in jüngeren Jahren hätte ich automatisch immerzu erwartet, dass sich dieser US-Cavallery-Überläufer da, gleich nach dem Fahnenstange zerbrechen die Gitarre herzaubert und „buseckda busseg sonze“ trällert.

2008 in einer Veranstaltungsreihe „Kino für Kenner“ wurde nun „der rote Elvis“ aufgeführt, gesenkter Eintrittspreis, weil die Betreiber wohl meinten, da würde sowieso keiner kommen. Sie hatten aber sogar den Macher eingeladen, zwecks anschließender Fragestunde. Verblüffenderweise war der Laden rappelvoll. Und noch mehr verblüffte mich, was der Film alles zu Tage förderte.

sehenswert

Sehenswert!

Der ergreifendste Moment war eine Sequenz von einem Auftritt 1983 in Chile. Pinochet-Years. Jeder, der einen kritischen Ton sagt, könnte verhaftet und gefoltert werden. Todsünde vor allem ist es, „Venceremos!“, die Hymne der Unidad Popular zu singen. – Und Dean tut genau das! Es ist nur ein kleiner Club oder sowas. Aber als letztes Lied eines Konzertes nach spanischer Ansage (mit deutschen Untertiteln) „Singe ich jetzt noch was für euch“ Und als er los legt — hält die Kamera ins Publikum und voll auf das Mienenspiel der Zuhörer:

Schreck, Freude, Angst, Umherspähen(wo lauern die Schergen?!), tränende Augen, zweifelnde Blicke zur Kamera, leises Mitsingen ….

Für den ostdeutschen Kinogänger der pure Gänsehautmoment, verbunden mit der inneren Scham, weil sich die eigene Erinnerung einmischt: Chilesolidarität wurde uns bis zum Überdruss verabreicht. Was hamwer nich‘ an Papierrosen aus der „Jungen Welt“ schneiden müssen und für uns unlesbare spanische Vordruckpostkarten in der Schule unterschrieben, abgegeben, eingesammelt, in Postsäcke verschnürt; auf dass Pinochet Angst kriege vor der geballten Macht der jungen Generation der DDR und das Foltern beende! Wo mögen die gelandet sein? Kaum war in Vietnam Ruhe, gabs Altstoffsammlungen für Chile. Mai-Demos mit Chile-Transparenten. Kirschfestumzüge mit Mai-Transparenten, also nochmal Chile. Pflichtveranstaltung! Meistens Nieselwetter. Somit wurde aus „Venceremos“:

„Wenn es regnet, wenn es regnet, gehmor heeme tra-lalala! Wenn es regnet, wenn es regnet, is von uns balde kennor mehr da!“

Entschuldigung Dean!

 

ach quatsch

Finde den Fehler II

PS: Im Sommer 2017 meinte uns die ARD mit dem 3-Teiler „Honigfrauen“ beglücken zu müssen. Zwei westdeutsche Drehbuchautoren haben sich vorgestellt, wie junge Ossis 1987 im Ungarnurlaub drauf gewesen sein könnten. So stirbt dort ein Teenie beim Fluchtversuch, nachdem er zuvor sich mehrfach als Dean Reed Fan geoutet und Dean Reed Songs am Lagerfeuer gesungen hat. Finde den Fehler!

Riders on the glow (1)

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen…aber manchmal überwältigen ihn die Eindrücke auch derart, dass das Erzählen nicht gelingen will. Also splitten. Trennen, was nicht zusammenpassen will.

Teil 1:

Urlaubsreise. Idlewild south. Auf der Route 66 vertikal durch dreieinhalb Bundesländer. Weltflucht in die süddeutschen Black Hills. Du fährst am heißesten Tag seit Beginn der Wetteraufzeichnung los. Ein Rekord, der am nächsten Tag bereits überholt wird und am nächsten wieder… Klar sollte man das Auto stehen lassen, aber gebucht ist gebucht, und zwar bereits Anfang April!

Die Alternativen sind erbärmlich: Inland fliegen? Kerosin verplämpern helfen? ICE fahren? Irreparable Climateregulation Error? Näääää. Lieber Schwitz on the Sitz of your own Rolling Rockpalast! Obwohl die Sache mit der Mugge wieder so ein Ding war. Läuft Musik, hörste die Warnungen des TomTomFlüsterers gleich gar nicht mehr. Klar, kann den auch auf laut stellen. Spar dir den Hinweis. Längst geschehn. Auf Standarteinstellung (halblaut) hörn den eh nur Fledermäuse und „volle Pulle“ isses ungefähr vergleichbar mit den tonlosen Jane Birkin Keuchern aus „Je taime“:

„Wonnongplü…Nach 300 Metern fahren sie in den Kreisverkehr und nehmen Sie die 2. Ausfahrt ….schüppüpürp!“

Dazu das Rauschen der Klimaanlage: hhhhhhhhhhhhhhhhhhh.

Dann aber das: Du überholst einen Brummi mit Hänger; genauer einen Viehtransporter. Schlachtvieh. Klar. Die Anzeige meines Armaturenbrettes sagt 32,5 Grad. Wetten dass es auf dem Hänger da NOCH wärmer ist? In der Enge! Das Hirn explodiert geradezu. Blitzgedanken en masse. Vom Schweine-KZ zur Schlachtbank! Kadaverstern! Heinz Rudolf Kunze. Die Würde des Schweins ist unantastbar! Reinhard Mey. Schindlers Liste und jener gnädige Moment, als Wasserschläuche auf ein paar Häftlings-Wagons gerichtet werden, die in sengender Sonne auf Abtransport warten. Auf Raststätten gibt es keine Schläuche.

Für mich ist täglich Treblinka, Soweto und My Lai

Für mich ist täglich Golgatha und nie der Krieg vorbeiiiii!

Auf der ersten Anti-TTIP-Demo in Berlin 2015, die gleichzeitig eine für Agrar-Wende war, fuhr einer einen Transporter mit einem lebensgroßen Schweinemodell in so einer engen EU-Norm-Stallbox auf dem Dach spazieren. Aufschrift:

Sperrt die WAHREN Schweine ein!

Vegetarier sollte man werden. Aber das wird nichts. Dafür schmecken all die Steaksorten und Bratwürste, Hackepeter und Sülzen zu gut. Aber früher wurde mal im kleinen Schlachthof nebenan geschlachtet. Heute Aufzucht in Brandenburg und Schlachtung in Franken. Normal. Neoliberal rationalisierte Grausamkeit, wo du hinschaust. In Bezug auf die Tiere und in Bezug auf die Balkanhilfskräfte, die sie für Dumpinglohn ausweiden müssen. Bilder eines ARD-Dokumentarfilms drängen sich auf, der auf Youtube neuerdings verschwunden ist. „Das Geschäft mit der Armut“ hieß er.… Agrarwende tut Not! Mehr denn je! Nun erodieren auch die Böden. Sperrt die wahren Schweine ein! Wo bleibt „Bayer-Years“, die Coverversion zu Neil Youngs „Monsanto-Years“? Müssten ja Rapper übernehmen, denn Rock ist tot. Leider. Und Protestsongs nützen auch nichts. Man weiß zuviel und macht zu wenig, damit sich was verändert in „einem Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“. Die „Schulz-Story“ les ich grade, die lässt dich die Scharlatanerie und Leere greifen und erinnert an all das hohle Jahrmarktgedöns vom „weiter so“. Denn solange alle Nachbarn ärmer dran sind, ist ja alles gut. Nicht wahr?

Radio an: „In der Özil Debatte schaltet sich nun…“ Radio aus.

Musik an, Ablenkung muss her, sonst wird das nichts mit der Urlaubsstimmung! Christie McVie und Lindsay Buckingham wie 2017; das „Rumourfeeling“ von 1977 stellt sich ein von den „Dreams“ zu Schulzeiten, dem „own way“, den man meinte zu gehen, aufrecht mit dem Kopf unterm Arm(Neubauten-Text 1981; genial für mental geerdete Typen nach der Fahne), den „Second hand news“ auf die man hereinfiel mangels eigener Lebenserfahrung. „Gypsy“ der man „was“. Long long gone. Far, far away. Takeste eben den long way home. Du Supertramp du!

„…No I don’t wanna bring you down…“

Musikalische Streicheleinheiten. Erinnerungen an all die Regenfahrten im Sommer 2017. Inzwischen 34,5 Grad laut Anzeige. Damals war mein innerer Ferienfilm der von Spielhagens thüringischer Lebensetappe. Dieses Jahr bietet sich Felix Dahn an. Aber davon später.

Wir erreichen die A8 von München nach Salzburg. Wir sind gewarnt worden, aber noch rollt der Verkehr.Kommen gut vorwärts. Tiefergelegt ist die Kiste gepäcktechnisch wie von selbst. Drei Personen, auf dem 4.Sitz der Kofferturm und im Kombihintern der Hütehund. Dorthin kommt, wie wir learning by doing merkten, die Klimaanlage nur dürftig. Aber Töchter sind mitunter schlau. So öffnete sie die Durchreicheklappe in der hinteren Rückenlehne, damit Durchzug vom Gebläse der Mittelkonsole zum Hund gelangt und da dieser ein kluger Collie ist, steckte er zeitweilig sein schlankes Haupt gleich ganz durch die Luke: Das sichert Frischluft und Streicheleinheit in Einem.

Doch nicht Lassie.Und überhaupt: Mit Collie reisen heißt an jeder Ecke gesagt zukriegen, dass das Lassie ist. Hätten wir für jedes „Lassie“ 2 Euro genommen, wäre der Urlaub dicke bezahlt gewesen. Fährste zu so Massenattraktionen wie André Hellers Kristallwelten – sogar in allen Sprachen.

„Schaust? Doa is dor Lassie!“

„Cute Doggie, isn’t it?! Is it Lassie?“

„Chalamam cham-sham Lassie!“

„Jeu mer si Lassie bon!“

„Can I take a picture?“

„Lassie! Özdal emrek Lassie ember.“

„Quin’quai’quonimonny Lassienassa!“

Nur die armen Russen begnügten sich mit „Krassiwaja sabaka.“ (Ohne Lassie Hinweis!)

Zu diesen Kristallwelten nach Wattens/Tirol musste ich schon deshalb mal, da in meiner Musicjunkie-Karriere ein großes Loch klafft: Nie war es mir vergönnt, einen der verehrten Austropop-Heroen live zu erleben. Die Heinis trauten sich ja nie über den Main! Heller hat seine Musikerlaufbahn längst beerdigt, Danzer und Hirsch sind in den Ewigen Jagdgründen, Ambros leider kurz davor und STS mittlerweile auch schon Geschichte. Da muss eben irgendeine Art von Kompensation her: Im Falle von Heller – wenigstens mal eine seiner Installationen sehen!

Aber dort: Hunde verboten! Parkplätze garantiert schattenlos; Besucher mit Hund können diese in „Besucherboxen“ zwischenparken. Und wie das Gejaul bestätigt, machen davon auch einige Gebrauch. Ausgeschlossen sowas! Einer muss sich also opfern und dem vierbeinigen Familienmitglied die Treue halten. Und da das Happening inzwischen den Namen „Swarovskis Kristallwelten“ trägt, ist auch schon klar wer.

Könnten eigentlich gleich ein Schild anbringen: Ladies World. Oder so. Hund und Herrchen finden dann ein angenehm zugiges Plätzchen mit Sitzbank am Rande des Tickettempels neben ebenfalls wartenden Russen; allerdings am Touristenauftriebtrail all der Busladungen, die hier pausenlos ankommen: Eine Fuhre Ungarn, eine Fuhre Inder, Arabia und Asia ebenfalls reichlich vertreten; „The Bus is leaving in 90 minutes! Listen please! Only 90 minutes!“ Was deutschsprachig ist, kommt verkniffenen Gesichts vom kochenden Parkplatzschotter der Wohnmobile und PKWs gegenüber.

Es dauert. Ich lese, beobachte, lese, biete dem Hund ein bissl Wasser an, lese wieder, registriere die Rückkehr der Begleiterinnen der wartenden Russen: Echauffiertes Gerede über „Magasinn“ und „bolsche“- und „plocho“-irgendwas. Also vermutlich Aufregung über die Preise im Abzocke-Shop der Swarovskis. Dann die Rückkehr meiner Madames und siehe: Nirgends eine Swarovski-Tüte! Dickes Lob! Der Bericht über die Preise ist auch hier das erste: Ein Glasperlenhandel wie einst in Afrika. Vollkommen überzogen. Dann aber auch die Begeisterung für die „Sinfonie des Lichts“ und all die gesehenen Einfälle in den Höhlen.

Nun ja; Heller von außen. Ich war hier. Aber Autobahn vermieden und die „Alpenstraße“ genommen: Nach jeder Biegung wurde es schöner. Bergwelten eben. Die DEFA-Indianerfilmerinnerungen stellen sich ein. Berge, wie sie Bashon sprengte, um die Dakota zu vernichten. Aber Gojko rächte sich. Als weitspähender Falke. Damals. Klar – irgendwo in Jugoslawien gedreht. 1968. Aber hier wieder auferstanden. Wenn man all die Parkplätze, Seilbahnen, Gewerbegebiete wegschneidet aus den Fotos – dann reitet Gojko wieder.

Oid wuan samma. Oid.