Victoria regis

Stehen zwei Typen mit ihren Fahrrädern unter der Saalebrücke, über die gerade ein Güterzug ächzt: Du-dumm, du-dumm-du-dumm… ringsherum geht die Welt unter. Wolkenbruch tränkt die Weinberge am andern Ufer drüben, Donner und Blitz! Monsun. Wie das eben so ist, wenn die Wolkenwand sich mit aller Kraft über die Saale schieben will.

NovalisBeide erinnert das Gepolter des elendlangen Zuges an „City-Nord“, da sie Plattenjunkies sind und das gleichnamige Instrumental von Novalis kennen. Die betreffende LP war dem einen von beiden gerade zuvor ins Netz gegangen. Für hundertzwanzig Mark. Auf Tipp des anderen, der gerade nicht liquide war. Mauerzeit. Aber ein Gespräch kommt nicht in Gang. „Manchmal fällt der Regen eben lang, hab keine Angst, hab keine Bang, bleibe nur du Sonnengeschöpf, bis sie erscheint, dich zu erfreun…“, war auch drauf…

…und deshalb malte sich der eine von den beiden ein Mädchengesicht in den Himmel, den beide gerade prüften, ob es nicht bald wieder heller würde.

Dieses Mädchengesicht erschien ihm manchmal, denn da war so was wie eine Schuld, die an ihm nagte. Sie war die verständnisvollste, netteste, die er je getroffen hatte. Da war irgendwie ein Gleichklang der Seelen gewesen. Es matchte; würden die Sprachpanscher von heute sagen. Dummerweise waren beide 15 und dass da was war, bekamen auch andere mit. Die Sticheleien kamen prompt, denn sie war – nun: – nicht die Attraktivste.

Da hätte er sich grade machen müssen!

Ein Schlag in so eine Lästerfresse zur richtigen Zeit wäre richtig gewesen!

Aber er war kein Held. Er kniff.

Zwei Königskinder kamen nicht zusammen. Man kennt das. Das Wasser war IHM zu tief.

Nun war er 22, stand mit seinem Kumpel unter der Brücke – und dachte an sie, wie so oft später auch.

Und 40 Jahre später, im Jahre 2022 flatterte ihm nun sein 18ter Heyse ins Haus. „Victoria regis“. Bestehend aus 6 Novellen. Und in der ersten gewitterts in den Weinbergen und eine große tiefgründige Liebe kommt nicht in Gang. Und in der zweiten beichtet ein glücklich verheirateter Erfolgsmensch, den alle Welt um seine schöne Frau beneidet, dass „dies Haus hier eigentlich für eine ganz andere gedacht war“, die jedoch wusste, dass es die Natur rein äußerlich nicht gut mit ihr gemeint hatte – und die ihm knallhart realistisch vor Augen führte:

Was wird sein, wenn die erste Begeisterung verflogen ist, wie das in langen Beziehungen nun einmal geschieht? Wenn dich unsere Gespräche nicht mehr fesseln? Wenn dir mein Äußeres bewusst – und zur Last wird? Dann würde unsere Ehe zur Qual für uns beide. Lass uns diesen Fehler nicht leben!

Ja, Volltreffer. Zwei Novellen. Zwei Ohrfeigen.

Und das geht so weiter.

In Novelle drei: Die verstoßene Patentante führt ihrem Patenkind vor Augen, dass man kämpfen muss: Sein Lebensglück bekommt man nicht geschenkt. Im Kampf gibt es Verluste: Das familiäre Ansehen, das Erbe – aber es lohnt: Werde Du selbst!

In Novelle vier: Deine Liebe stammt aus dem No-go-Revier! Hältst du das aus, dich zu ihr zu bekennen? Blamiert dich ihr Bekanntenkreis? Oder bedroht der dich gar? Bist du bereit zum Wechsel in eine andere gesellschaftliche Sphäre? Oder gehst du dann doch lieber „in die Kolonien“?

Novelle 5, ein positiver Aufrappler im ansonsten schwer dramatischen Geschehen des Bandes: SO ist Kleinstadt! Wie man tickt, wie man von verblichenen Phasen der Stadtgeschichte zehrt: Ex-Residenz eines Grafen, Fast-Messe-Stadt, fast Metropole, gegenüber den Dörfern ringsum IMMERNOCH! Wie man „Kultur“ pflegt. Wie man sie feiert. Auch wenn es sich eigentlich nur um plump-sentimentale Clownerie handelt. Wie Prominenz in der Provinz entsteht… 1905 geschrieben vom Heyse… aber 2019 immernoch-so erlebt. Von mir. Ich hab ALLE wiedererkannt, die da auftauchen!

Novelle 6: Der kleine feine – sehr feine – Schlussakkord unter dieses Bündel großer Schicksale: Heyse gibt das Lebensgeheimnis seiner Lieblingstante preis; wunderschön erzählt. Es rangt sich um ein seltsames Schmuckstück, das sie besaß und ihm vererbte.

Ja, an solchen Klunkern von einst hängen bisweilen filmreife Episoden des Leidensweges längst dahingegangener Ahnen.

Nach den letzten Seiten des Buches, zog ich die Schublade auf, holte die Brosche meiner Uroma heraus, die eingenäht in Mantelsaum 1945 alle Tschechen-Plünderungen überstanden hatte; und die auch danach -stets bewahrt- nicht zu Brot getauscht wurde.

Ich drehte sie in den Fingern, sah das verlorene Patrizier-Palais waydown south hinter den Bergen und das ärmliche Färberhaus von Frohburg – und im Player lief:

Manchmal fällt der Regen eben lang…

Paul Heyse „Victoria regis- und andere Novellen“ (Cotta 1905). Perfekt konzipiertes Alterswerk!

(enthalten sind: Victoria regis – Lucile – Tante Lene – die Ärztin – der Hausgeist – der Ring)

8 Gedanken zu “Victoria regis

  1. Ein offensichtlich passendes Werk, um eigene Erinnerungen Revue passieren zu lassen.
    Kenne ich. Kenne ich gut sogar. Mich hats irgendwann nicht mehr erfreut. I was not amused sozusagen. Und ich habe andere Lehren draus gezogen und bin steinige Wege gestolpert und gegangen. Aus den brackigen Wassern der Vergangenheit zu den Quellen mit frischem Wasser. Vielleicht Heyse in Novelle drei lebensechte Bilder dazu beschrieben.

    Wenn ich mich recht erinnere, magst Du zwar keine irische Musik, aber treffliche Texte gibts auch dort…

    „Now the music’s gone but I still carry on
    For their spirit’s been bruised never broken
    They will not forget for their hearts are aset
    On tomorrow and peace once again
    For what’s done is done and what’s won is won
    And what’s lost is lost and gone forever
    I can only pray for a bright brand new day
    In the town I loved so well.“ (aus: The Town I Loved So Well)

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    • Passt. Der Text erinnert mich an „dirty ol‘ Town“ von den Pogues. In sehr kleinen Dosen geht das mit der irischen Musik dann doch dann und wann. Es fiept und piept mir halt zu sehr.
      Das Ding mit dem „alles abwerfen und nach vorne schauen“ – nun: Manchem hilfts. Dem sei’s auch gegönnt.
      Aber ich will’s gar nicht. Ohne Geschichte ist man quasi Treibsand, denk‘ ich mir.
      Und du bist ja wohl auch am Ende ganz in die Nähe alter „Roots“ zurückgekehrt.
      Ja das ist so das Ding mit den „alten Elefanten“, die am Ende genau wissen, wo ihre Friedhöfe sind, die sie in der Jugend gezeigt bekamen, wie man „König Salomo’s Diamanten“ entnehmen kann. Und wenn es biologisch, tierpsychologisch nicht stimmen sollte, ist es doch SEHR GUT erfunden.

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      • „Ohne Geschichte ist man quasi Treibsand…“ diese Erkenntnis unterschreibe ich.
        Die Frage ist nur, was man draus macht. Erzeugt die Geschichte hin & wieder schwermütige Erinnerungen oder schafft sie einen Fluss, an dessen Ufer man beschaulich sitzen kann, und die weniger erbaulichen Erlebnisse vergangener Zeiten in heiterer Gelassenheit vorbeiziehen sieht… ? …

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  2. Lieber Blogleser! Solltest Du zufälligerweise Heyse kennen, wirst Du verwundert den Kopf schütteln. Bist Du kein Heyseleser, wirst Du einen sehr seltsamen Eindruck von seinem Werk erhalten.

    Nehmen wir Novelle 5: Ein honoriger, verwitweter Bürgermeister verliebt sich in eine Revuesängerin. Man verliebt sich mit ihm, freut sich auf ihren Besuch. Es schmeckt ein wenig nach Professor Unrat, ich dachte immer an Marlene… Doch dann ruft den armen Kerl „Der Hausgeist“, eine alte Dienerin, zur Ordnung und Marlene wird an der Tür abgewiesen.

    Bludgeon konnte leider nur die ersten Absätze lesen:
    „Die Stadt, in der sich zutrug, was ich erzählen will, war keine von den großen im Deutschen Reich. Sie hatte wenig mehr als dreißigtausend Einwohner, die aber in ihrem engumfriedeten Stillleben sich’s wohler sein ließen, als manche Großstädter, und obgleich sie mit den Hauptverkehrsadern der großen Welt nur durch eine Zweigbahn verbunden waren, auf der sich wenige Fremde in die ziemlich reizlose Gegend verirrten, hielten sie dennoch so viel auf ihre Ehre und Würde, wie irgend eine berühmte und an der Spitze der Civilisation stehende Weltstadt. Noch vor fünfzig Jahren hatte die gräfliche Familie, mit der die Stadt den Namen gemein hatte, hier residiert, und nach ihrem Aussterben war das Bewußtsein, eine Art Hofhaltung in ihren Mauern beherbergt zu haben, in den Seelen der Bürger und zumal ihrer Frauen nicht erloschen. Auch die Erinnerung an die Rolle, die sie in früheren Kriegszeiten gespielt, wirkte erhebend fort, wenn sie auch nur in Mord und Brand, Contributionen und Plünderungen bestanden hatte. Ein alter, zur Ruhe gesetzter Archivar hielt diese Gefühle wach, indem er Abends am Honoratiorentisch allerlei Chronikenberichte zum Besten gab, in denen die historische Bedeutung »unserer« Stadt hervorleuchtete.
    Das Zauberwort »unser«, das sofort die Herzen höher schlagen machte, wurde überhaupt reichlich oft ausgesprochen. »Unser« Krankenhaus, »unser« Gymnasium, »unser« Kindergarten, »unser« Stadtpark – ohne dieses selbstbewußte Beiwort wurde von diesen und anderen löblichen Instituten der Stadt nie gesprochen.
    Seit zehn Jahren nun war zu den städtischen Besitztümern, die ein Gegenstand besonderen Stolzes der Einwohner waren, noch eins und zwar ein lebendes Wesen hinzugekommen: »unser« Herr Bürgermeister.“

    Dann hat ihn seine Fantasie fortgerissen…

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    • Na, wenn de meiiiiiinnnst…
      Lass doch mal Gefühle zu.
      “Immer, wenn mir Fans erzählen, wie sehr sie sich in meinen Songs wiederfinden, bin ich überrascht, was die aus meinen Stories machen! Da scheint es immer so eine tiefere Ebene zu geben, die mir im Studio nicht bewusst war
      Ich sang das eben so, wie Jim das aufgeschrieben hatte.“ (Meat Loaf)

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  3. Ich möchte noch etwas über Heyse erzählen: „Die Ärztin“ spricht in einer Versammlung GEGEN das Frauenwahlrecht: „Denn darin seien doch die eifrigsten Verfechterinnen ihrer Ansprüche einig, daß ihr Geschlecht für den Kriegsdienst nicht tauglich sei. Nun, wer nicht mit in den Krieg ziehe, habe auch kein Recht, über Krieg und Frieden seine Stimme abzugeben.“
    Was ist das? Will Heyse sich hier zu Emanzipationsfragen äußern?

    Nein.

    Das ist ein Beispiel Heysescher Ironie. Der Hauptmann leidet unter seinen tatenlosen, sinnlosen Leben. „Ein Soldat in Friedenszeiten ist nichts Besseres als ein Arzt in einer Gegend, die so gesund ist, daß nie ein Mensch seine Hülfe in Anspruch nimmt“, sagt er ein paar Seiten später zu Fräulein Doctor Hanna Cameron.
    Und daran scheitert ihre Beziehung. Er fühlt sich ihrer nicht wert. Hanna stammt keinesfalls aus dem „No-go-Revier“ wie bludgeon in üblen Sprachgepansche formuliert. Sie behandelt auch Patienten aus den „besseren Kreisen“ und ist keine kämpferische Suffragette. Wie geht MANN damit um, dass die Frau erfolgreicher ist? Das ist das Thema, das Heyse anreisst, damit es der Leser weiterdenkt.

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    • Will Heyse sich zur Emanzipation äußern? Ja, natürlich. in seinem Spätwerk andauernd. Und in „der Ärztin“ am grellsten.
      Wenn in einem Frauenverein 100 Damen zusammenkommen, dann sind höchstens 10 wirkliche Westentaschen-Rosas (Luxemburg), die Bambule machen wollen: Anträge einreichen, Schlagzeilen machen, Aufsehen erregen, Welt verändern. Die andern 90 haben Kaffee und Kuchen mitgebracht (Engagementbeweis!) und wollen in diesem Kränzchen e.V. ein bissel über die Männer herziehen. Aber: Gewohnte Spielregeln über den Haufen werfen? Iwo! Da kommt so eine Hanna gerade recht mit ihrem „Hausfrauenargument“ als Ablasszettel nichts tun zu müssen, was die Politik durcheinander brächte.
      Das ist soziologisch einwandfrei beobachtetes Massenverhalten.
      Viel Geschrei und wenig Taten.
      Ist die Doktorin deshalb ein Muttelchen? Nein. Sie ist berufstätig! Akademikerin! Somit Exotin! Im Gesundheits-Duell bei Barons um die schwindsüchtige Tochter dort hat sie die richtigeren Argumente gegenüber dem alten senilen Hausarzt. Im Verhalten gegenüber ihrer Arme-Leute-Kundschaft ist sie allerdings eine unrealistische, nie ermüdende, utopische Sozialistin, die SO nie finanziell hätte überleben könnte.

      Ihr Galan, der Hauptmann Rheinfels, tickt wie es als typisch überliefert wurde: Die jungen Männer (bes.Offiziere) um 1900 sind neidvoll sauer, dass sie ihre Ränge nur Kasernendienst verdanken, nur von Manövern schwätzen können. Ihre Väter spinnen ihr Landser-Latein von Düppel, von Königgrätz, von Gravelotte! Die tragen ECHTE Orden. Krieg wurde nicht gefürchtet, man setzte noch auf Ulanen-Lanzen. Schneidige Kavallerie-Atacken!… Militaristischer Alltag in einer militaristischen Gesellschaft.

      Der Hauptmann, als immerhin aktiver Offizier, drückt sich vor den Kameraden und dem Kasino um im Arbeiterviertel in einer illustren Runde die Samstagabende zu verbringen, weil er die Gastgeberin liebt, sich aber insgeheim deutlich für „ihren Anhang“ schämt. Wenn das kein Besuch im No-Go-Revier ist – dann weiß ich ja nicht!
      Außerdem passt Waggershausens Song so wunderbar dazu, dass ich ihn einfach verlinken musste.

      Heyse hat hier also lauter zutreffende soziologische Automatismen gekonnt miteinander verwoben.
      Dass Frau Dr. Hanna Cameron dann ZU romantisch-sozialistisch lebt, ist der Tatsache geschuldet, dass anders wieder nur eine Selbstmordgeschichte mehr herausgekommen wär. So aber hatte er die Möglichkeit für seinen „Falkentheorie-Moment“ am Schluss mit jener Wendung, die man nun wirklich nicht so erwartet hätte. Aber auch solche Verbindungen gab es. Also falsch ist das nun auch wieder nicht, wie Heyse das ausgehen lässt.

      „Die Ärztin“ gehört auf alle Fälle in die Top Ten der besten Heyse-Novellen.

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