Über allen Gipfeln – Heyse mal wieder…

Zweiter Versuch. (inclusive nochmal überarbeitetem Nietzsche-Kasten)

Ein neuer Zeitgeist tut sich hervor – mit einem unbegrenzten Hang zum Schwachsinn.

Bier kaltstellen. An den Rand setzen. Zuschauen. Schnauze halten!

(Schreib wieder für die Schublade. Deinen Politfrust braucht kein Schwein!)

Ich habe „Über allen Gipfeln“ gelesen. Heyse 1895. Und es wühlt mich auf.

Bier holen, eingießen. An den Rand setzen. Zuschauen. Schnauze halten!

Heyse im Alter von 65 Jahren schreibt an – gegen einen immer kränker werdenden Zeitgeist.

Es bringt zwar nichts, weil auch damals schon galt: Alter Mann, was willst du noch? Deine Zeit ist um!

Aber er setzte immerhin ein Zeichen, das spätere Geschlechter finden können, wenn sie ein bissel suchen. Denn die wahren Helden kommen auch in der Literaturgeschichte immer zu kurz.

Was ist da von ihm übrig? „L’Arrabiata“, die eh „La Rabiata“ heißen müsste. Abwink.

Das lehrt mich:

Bier trinken. Am Rand sitzen. Zuschauen. Schnauze halten!

Und siehe: Der alte Mann lag 1895 weiiit richtiger als all die Youngsters – bound for Massengrab.

Heute läuft eine ganz ähnliche intellektuelle Sklerose auf Hochtouren.

Wer bis gestern noch einfache Antworten auf schwierige Fragen gesellschaftlicher Entwicklung hatte, galt als Nazi.

Heute bellen dich auf allen Kanälen lauter Simplicissima an mit ihren Aldi-Argumenten zur Frontlage! Was’n da los? Hab ich’n Regime-Chance verpasst?

Bier trinken. Am Rand sitzen. Zuschauen. Schnauze halten!

Stellt man sich Heyses „Gipfel“-Roman, rezensiert man automatisch zwei Bücher. Nämlich auch Friedrich Nietzsches Durchbruchsbroschürchen „Jenseits von Gut und Böse“ von 1886.

Man muss also ausholen.

Nietzsche hatte zwei oder drei Bücher veröffentlicht, ohne dass dieses Faktum irgendwelche Wellen schlug. Dann schrieb er „Jenseits von Gut und Böse“ als „Glossar zum „Zarathustra“ und DIESES Werk schlug ein. Nun endlich war er Star; aber er hatte nichts mehr davon. 1889 setzte die totale Umnachtung ein. Seine plötzliche geistige Umnachtung wurde früher mit Gehirnzersetzungsprozessen in Folge von Syphilis erklärt; heute gibt es verschiedendliche andere Ansätze für Erklärungen. Bis 1894 edierten zwei Nachlaßverwalter die nachgelassenen Schriften quellentreu, dann trat Nietzsches Schwester (zurückgekehrt aus Paraguay) in Aktion, ließ die bereits gedruckte Auflage einstampfen und gründete das Nietzsche-Archiv unter ihrer Federführung.

Von diesem Zeitpunkt an datieren die Verfälschungen.

Verheiratet war sie mit einem unstrittigen Antisemiten, der für die damalige Zeit typisch obendrein Siedlerträume  a la Kulturbringer hegte und nach Paraguay auswanderte, um dort an den Vorstellungen eines idealen Staates wirken zu können. Was jedoch folgte, waren alsbaldige Desillusionierung und Suizid. Aber sein Einfluß wirkte in ihr weiter. Inwieweit „Wille zur Macht“ und „Blonde Bestie“ wirklich aus der Feder von Nietzsche selbst stammten oder aber hinzugefügte Puzzleteile „von anderer Hand“ sind, wird seit 1945 endlos erforscht, mit immer mal wieder anderen Ergebnis-Nuancen. Somit entstand bisher kein umfassend neues „repariertes“ Nietzscheverständnis; wohl aber eine hochinteressante Ausstellung im Naumburger Nietzsche-Haus.

1886 war das Bändchen jedenfalls sowas, wie eine literarische Sprengladung: Kurz und bündig, in berauschender Sprache abgefasst – und alles über Bord werfend, was bisher galt.

„Umwertung aller Werte“; der Mächtige stehe „jenseits von Gut und Böse“, denn es gäbe nur „Erfolg und Misserfolg“; „Macht oder Ohnmacht“. Das Mittelalter „lebte und regierte danach“ und „befand sich wohl“, denn „das Reich wuchs“.

Diese Lehre einer jugendlichen Schickeria in einem erfolgreichen Kaiserreich ins Maul gelegt, die barmte, dass sie keine Chance zu echten Erfolgen habe, da die Zeiten zu müd’ seien und der „Säbel in der Scheide roste“, trug ganz entscheidend dazu bei, Gewissen abzuschaffen, einzuschläfern, kompliziertes Denken zu verhöhnen; kurz: Daran zu arbeiten, dass „die letzte Schicksalsschlacht“ bald kommen möge, um manch‘ ungediente Uniform mit Orden zu schmücken.

Da all diese „mutigen Gedanken“ von einem Professor stammten, waren sie comme il faut. Jeder spießbürgerliche Gehrockträger wollte nun „markig“ erscheinen und führte fortan Nietzsche-Schlagsätze im Munde.

Halb- oder gar nicht verstandener Nietzsche wurde zur Intellektuellenpandemie.

Heyse sah es kopfschüttelnd mit an.

Als es ihm reichte, schrieb er „Über allen Gipfeln“. Einen Anti-Nietzsche-Roman, indem unter anderem ein Professor in der Bahn eben jene oben genannte Broschüre liest, sie erschöpft und kopfschüttelnd beiseite packt und gegenüber dem mitreisenden, jungen Diplomaten vernichtend darüber urteilt. Der Diplomat jedoch, jüngerer Bauart; sieht nur den alten Mann, der die Zeit nicht mehr versteht, die „genau diese“ Gedanken jetzt nötig hat.

Heyse will veranschaulichen, zu welchen Konsequenzen diese Haltung „jenseits von Gut und Böse zu stehen“, führt. Er braucht also eine Figur, die anfangs gute Ansätze hatte, sich aber im Sumpf der Zeit verläuft, sich im Sinne von Nietzsches(Schwester-)Lehre aufführt, um anschließend „durch Liebe geläutert“ anständig auf der Lebensbahn voranzuschreiten.

Diese Figur im Plot ist Erk von Friesen. Verarmter Adel aus Thüringen, der überraschend reich erbt und nun aufsteigen kann. Er wird preußischer Legationsrat und Weltreisender und kehrt nach 7 Jahren Abwesenheit in seine Geburtsstadt Blendheim zurück.

Im Blendheimer Fürstenschloss wohnt seit ebenfalls 7 Jahren Lena Valentin; eine weitere Heyse-Fee, wie sie durch alle seine Schriften geistern. Von Friesen hatte sie vor seiner Reise kennengelernt, allerdings fehlten ihm damals noch Erbschaft und Karriere, weshalb er sich nicht erklären durfte, da er keine Frau hätte ernähren können. Nun aber, nach 7 Jahren, hoffte er auf ein Happyend. Allerdings finden weder er noch sie zur rechten Zeit das rechte Wort.

Erschwerend kommt hinzu, dass in den besagten 7 Jahren ein Dr. Steinbach sich ebenfalls mehr und mehr in den Gedanken hineingewöhnt hatte, diese Malerin ehelichen zu wollen, da sie so bereitwillig die Illustrationen für sein botanisches Sachbuch übernommen hatte. Er ist ganz der bescheiden-biedere, kleinbürgerliche Angestellte des Fürsten, der die Parks und Gewächshäuser betreut.

Wie sich zeigt, ein verlässlicher, anständiger Bewerber.

Friesen ist sauer über seine eigene Tollpatschigkeit, die die schönsten Situationen vergehen lässt, ohne zum Zuge zu kommen. Schließlich resigniert er, redet sich die Lage aber zu seinen Gunsten schön und beschließt nun Sidonie, die uninteressante Tochter des Ministerpräsidenten zu ehelichen, um diesen später beerben zu können, und somit die heimliche Nr.1 im Ländchen sein zu können.

Der Fürst verbringt seine Zeit mit astronomischen Studien statt mit Regierungsgeschäften. Seine junge exotische Frau langweilt sich zu Tode.

Somit agiert Friesens Schwiegervater in spé wie Schillers Präsident in „Kabale und Liebe“, dem der eigene Sohn nicht zu schade war für eine Mätresse seines Fürsten.

„Heirate mein Kind und schwängere die Fürstin. Der Fürst selber ist zu krank dafür. Gebärt sie einen Erben, ist die Dynastie gerettet.“ Friesen nun also – jenseits von gut und böse – auf dem Nietzsche Weg: Gewissenlos und schnell nach oben.

Nicht nur in dieser Episode kommt einem der 65jährige Heyse wie der junge Schiller vor.

Er, der ein Leben lang Protegé zweier bayrischer Könige war, hatte im Alter vergnatzt alle Stipendien, Leibrenten und Ehrenposten sausen lassen, als eines seiner eigenen Protegés im höfischen Intrigenstrudel unterging. Saturiert für diesen Schritt war er ja nun. Er kannte also den Münchner Hof in- und auswendig und kotzt sich regelrecht frei: Unmoral. Wohlstandsverwahrlosung. Weltfremder wissenschaftlicher Dillettantismus. Abgehobenheit. Keinerlei Kontakt zum Volk – da oben „über allen Gipfeln“.

Das ist doch ach so aktuell, wie nur was! Ich könnte da Vergleiche ziehen… –

Bier holen, eingießen. An den Rand setzen. Zuschauen. Schnauze halten!

Friesen ist drauf und dran, die Fürstin „klarzumachen“, als beide ertappt werden.

Der Nietzsche-Ikarus stürzt ab. Sein Plan A kann nichts mehr werden. Nun kommt Plan B; doch noch irgendwie bei Lena zu landen.

Heyse hat da über 200 Seiten etwas sehr spannend eingefädelt, was nun im letzten Drittel immer schlechter erzählt, schnell zu Ende gebracht wird: Ein bissel hin und her, aber Friesen kriegt Lena und sein Freund Wolfhardt kriegt Lenas Freundin Babsi. Ein Schluss wie für eine 30er-Jahre-UFA-Komödie erdacht. Enttäuschend.

Besonders mies, wie Dr. Steinbach aus dem Weg geräumt wird. Übelste Kolportage. Das passt zu Robert Kraft oder in Karl Mays Münchmeyer Romanketten, aber nicht in einen „Heyse“!

Der schnell über das Knie gebrochene Wohlfühlschluss erinnert an einen ähnlich enttäuschenden Ausgang des sehr viel besseren späteren Romans „gegen den Strom“.

Heyse schien auch hier die lange Form nicht durchzuhalten. Gelangweilt von der Grundidee? Oder frustriert, weil ihm Klarheit über die Hoffnungslosigkeit seines Tuns einkam?

Man weiß es nicht.

Erk von Friesen will nun treuer Ehemann und „ehrlicher“ Diplomat in preußischen Diensten sein. Kein spätabsolutistischer Ministerpräsident in thüringischem Zaunkönigreich. Kein Schwängern von Vorgesetzten-Frauen. Ein geläuterter Anstandsapostel. Das erfüllte Liebesleben machts möglich. So die Message.

Mich erinnerts an die Motivationssaga für frustrierte Streetworker in den 90ern, die die Skinheads in jenen Baseballschlägerjahren in Schach halten sollten.

„Wenn der Skin sich in eine Russlanddeutsche aus Kasachstan verliebt, isses aus mit der Hitlerei.“

Im Einzelfall ist das sicher richtig. Massenvermählungen von Skins mit Nastjenkas sind jedoch nicht überliefert.

Ich hadere mit fast allen Charakteren des Büchleins.

Erk ist kein Sympathieträger. Ein Windhund. Ein arroganter Sack. Man gönnt ihm halt die Lena nicht.

Andererseits ist Lena ein Eisberg. Da ist keine knisternde Leidenschaft im Werk, wie das Heyse doch unzählige Male hinbekam! In „Vroni“, im „Marienkind“, in „Gute Kameraden“ oder erst Frau von Rittberg in „gegen den Strom“! Dagegen bleibt Lena „nur ne Leinwand, schade dass ich das sagen muss“, um mal „Uns‘ Udo“ einfließen zu lassen.

Dr. Steinbach und Sidonie, die Tochter des Ministerpräsidenten, können einem leidtun. Heyse müht sich -irgendwie ungekonnt-, sie lächerlich wirken zu lassen. Sie werden um ihre Hoffnungen geprellt und im Gerede der anderen Figuren kleingemacht, verhöhnt, abgewatscht – aber da ist eigentlich nichts, was wirklich als Minuspunkt zählen würde. Wunderschön beschrieben, wie Sidonie beseelt singt, als sie von Friesen am Klavier begleitet wird, weil sie glaubt, das sei es jetzt: Endlich einer, der mich mag! Morgen wird er sich erklären! Die Verlobung kann kommen! Und dann – nichts! Eine plautzige Äußerung von Lenas Freundin Babsi reißt sie wenig später aus allen Wolken. Das fällt eher negativ auf die Verhöhner zurück und das sind ausgerechnet die, die die positiven Figuren darstellen sollen.

Dem Roman fehlen glutvolle Identifikationsfiguren, wie sie „himmlische/irdische Liebe“ und „Grafenschloss“ zum Beispiel in den Jahren zuvor hatten und wie sie die „Erschaffung der Venus“ einige Jahre später wiederum haben wird.

Ein großes Unterfangen ging hier also nur teilweise auf.

Aber immerhin blieb hier ein Zeitzeichen erhalten, als ein alter Mann erfolglos gegen Zeitgeist anschrieb – und Recht behielt.

Bier holen. Einschenken. CD wechseln. Computer herunterfahren. Detox Day!

14 Gedanken zu “Über allen Gipfeln – Heyse mal wieder…

  1. Was ist Liebe? ist die Frage der Fragen in der Literatur.
    Das Computerprogramm, die Software, die Rechnerfunktion mit der sich die Liebe am ehesten vergleichen ließe, wäre ein ZUFALLSGENERATOR.
    Die Liebe ist notwendig, damit NICHT der Mensch mit seiner schwachen Vernunft entscheidet, mit wen er sich paart. Es ist eine Naturnotwendigkeit, dass es „unpassende“ Paarungen gibt, damit der Genpool ordentlich durchmischt wird. Dicke sollen sich mit Dicken paaren – aber auch mit Dünnen. Lange mit Langen – und mit Kurzen. Kluge mit Klugen – und mit Dummen. Es muss alle Arten von Paarungen geben…
    Und so ist es durchaus ein Happy-End, wenn der Machtmensch Erk die zarte Malerin kriegt. Obwohl nach menschlicher Vernunft der Blumengelehrte besser zu ihr „passen“ würde.
    Ich hätte mir gewünscht, dass Du diese Liebesgeschichte mehr herausgearbeitet hättest. Und dass Du mit zarten Linien Heyses hübsche Geschichte nachgezeichnet hättest.

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  2. Constanze Flamme hat eine Fotoarbeit gemacht über ihren Besuch in Nueva Germania, vor paar Jahren und in der SZ gibts dazu auch einen Bericht, find ich alles sehr interessant, vor allem in Verbindung mit dem alten BBC Film

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    • Auch ein interessanter Hinweis auf die Dame. Aber ein ziemlich nichtssagendes Interview.
      Dieses “Hadern mit dem Deutschsein“, ächz.
      Wieso? Diese Identitätsentkernung ist gar nicht hilfreich, wie man an dem Interview sehen kann. Man hat keinen Ausgangspunkt, weil man die eigene Geschichte nicht kennt. Und so kann sie auch nicht einordnen, warum die Jungs da für die BBC Kutsche fahren sollten zu Wagnermusike.

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