Die Leute aus dem Wald – Raabe mal wieder

Uff! Ich hab es durch. Genuss ist anders. 400 Seiten. Aber ich hielt aus. Es war eine Qual. Aber es war auch interessant. Ja phasenweise schön! Anheimelnd. Witzig! Öde Seitenschinderei. Spannende innere Monologe! Holprige Wendungen. Lustlos hingeschlampte Episoden. Herrliche Zitate! Wortspiele! Hochdramatische Ansätze, die sich in Nichts auflösen. Anschauliche Alltagsschilderungen im Mietshaus des Kleinbürgertums der 40er Jahre des 19.Jahrhunderts. Ein zu simpler, löchriger Handlungsfaden. Ein Erzähl-Chaos.

Der Plot taugt nix. Der Aphorismensteinbruch schon!

Meine Rezi hier wird auch einer. Ein Assoziationssteinbruch.

Bisher sagte ich stets: „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier ist das schlechteste Buch, das ich je gut fand.

Aber nu macht Old Raabe ihm den Platz streitig.

Der Portugal-„Nachtzug“ zeichnet sich aus durch einen absolut mies konzipierten Handlungsablauf. Zur Erinnerung: Ein alter gestandener Gymnasiallehrer in der Schweiz rettet einer jungen Selbstmörderin ebenda das Leben, holt sie vom Brückengeländer zurück, weshalb sie sich bedankt und ihm ihre Telefonnummer auf die Stirn schreibt… Daraufhin schmeißt er seinen Job hin; geht nicht mehr zum Dienst, sondern macht sich auf den Trip nach Lissabon. Tja. Nur hat jene Frau und jene Telefonnummer nun keinerlei Bedeutung mehr. Nochmal -tja. Und auch der Nachtzug selber ist nur für ein oder zwei Kapitel gut, denn die übrige Zeit recherchiert er in Lissabon herum, auf den Spuren eines Heftchens, das er beim Antiquar zuhause erstanden hatte. Dickes Zusatz-Tja! Eine seiner Schülerinnen hat Zugang zu seinem Konto und kann ihm Geld schicken – ach hör doch auf!

Da sind also so Sprünge; Schwerpunktverlagerungen; immer wieder glaubt man zu wissen, worum es geht – peng – neuer Aspekt. Immerwieder „och nö!“ Stellen, die einen aufgeben lassen wollen – aber immer wieder auch „Hui!“-Momente, wegen denen man dann doch dranbleibt.

All diese portugiesische Diktaturgrübelei des alten Lehrers hat dann doch jede Menge mit mir als Leser „mit DDR im Blut“ zu tun gehabt, auch wenn ich nun nicht DIESE Probleme hatte, wie dort geschildert. Aber das Buch tippte vieles an, was „noch nicht vergangen“ war.

Ein seltsamer „Genuss“.

Und Raabe?

Es ging mir hier genauso, die Lissabon-Erinnerung stellte sich immer wieder ein.

Der Plot ansich ist doof: Robert Wolf, mittelloser Förstersohn, hat Probleme, findet Helfer, die ihn vor Knast bewahren, weshalb er erst studieren kann und dann nach Kalifornien reist, um reich zu werden, damit er schließlich seine Traumfrau kriegt und sein Heimatdorf kaufen kann.

DAS also ist es nicht, was einen fesselt.

Raabe selbst, der das Seitenkonvolut 1863 für die Westermann-Monatshefte erschuf und es erst 1890 in Buchform erscheinen ließ, gab diesem Frühwerk mit auf den Weg, es sei

„ein Litteratur-Küken, dem die Eierschalen noch am Kopfe kleben“.

Stimmt.

Viel zu oft bricht er den Erzählstrang einfach ab, indem er Sätze passieren lässt, die anspruchsvolle Autoren vermeiden sollten:

„Lassen wir die beiden nun allein und begeben uns in die Kronenstrasse, wo zur selben Zeit…“

„Ein Jahr und ein halbes sind vergangen, seit die Leute dieses Buches uns zum ersten Male vor Augen traten…“

„Während dies geschieht entführt der Autor den geneigten Leser nun nach Hamburg, wo Robert inzwischen…“

„Was nun besprochen wird, tangiert uns nicht, wechseln wir also die Straßenseite ins Haus Nr.17, wo inzwischen…“

Holprige, schlampige Überleitungen so oder so ähnlich zuhauf.

Aber er schildert Alltagsleben in einer nicht genauer namhaft werdenden Hauptstadt im „ach so tollen Deutschen Bunde, in dem so gar nichts zum Besten steht“. Er schildert die Hausgemeinschaft der Mozartgasse Nr.17 mit allen ihren Macken, in all ihrer Dürftigkeit und zusätzlich ist in Hof und Haus „an Mäusen und Ratten kein Mangel“. Klartext eben.

Er ohrfeigt die Titelhuberei und Untertanenschleimigkeit, wenn er eine Abendgesellschaft bei Bankier Wienand beschreibt, in der eine „Exzellenz“ a.D. auftaucht, der man geflissentlich rückgratlos hinterher scharwenzelt.

„Und doch gibt es im Deutschen wohl keinen Titel, der unangenehmer berührte, als das abgeschmackte Wort „Exzellenz“! Es klebt ihm etwas Lächerliches und zugleich Unheimliches an. Ich weiß nicht, ist das Theater oder etwas anderes, „Kabale und Liebe“ oder unsere vorteffliche Diplomatie schuld daran? Selbst Wolfgang Goethes hohe Göttergestalt läuft komisch schillernd an, wenn man auf das Piedestal: Exzellenz! schreibt.“

Feinsinnig sarkastisch geohrfeigt in Arno Schmidt’schem Sinne!

Zeitlos auf dem Punkt. Warst du mal dabei, wenn ein Staatssekretär ein Kleinstadtrathaus „beehrt“? Musst du mal erleben! Alles kriecht, wie zu Kaisers Zeiten! Vor einem Zopfträger im Maßanzug, wie sich zeigt, ohne irgendeine Praxiserfahrung.  Nur Bludgy scheint mitzukriegen, dass diese Nase da nichts zu bieten hat, außer Schülersprecher an seinem West-Gymnasium gewesen zu sein; und der nun nach abgebrochenem PoWi-Studium Aufbauhilfe „in den neuen Ländern“ leistet. Ächz.

„Auch ein wohlgekleideter Dichter war zugehen… wurde aber von der Mehrheit der Herren mit mitleidiger Verachtung gemieden; nicht zuletzt, weil ihm kürzlich ein Preis nicht zuerkannt worden war, was zu beweisen schien, dass es sich bei ihm nicht um einen Shakespeare handelte“.

Eine Salon-Löwen-Watsche in Richtung Heyse, Freytag oder Spielhagen? Eventuell erst bei Bearbeitung für die Buchausgabe um 1890 ergänzt? Gleichzeitig auch die Entblößung der „intellektuellen“ Kreise, die nur goutieren, was zur „Exzellenz“ erhoben wurde.

Was haben wir noch:

Die sprechenden Namen sind zum Schreien: Herr von Poppen! (Denn der Adel hat „das Recht der ersten Nacht“, aber ansonsten keinerlei Aufgabe mehr.) Poppenhagen! (Gewissermaßen örtlich „eingehegtes/begrenztes Poppen“). Baronin Frau von Poppen; geborene von Zieger. Die Gouvernante Mademoiselle Schnubbe, der die Schicksale ihrer Schutzbefohlenen eben dieses sind. Polizei-Kommissar Tröster, der erstaunlich viel Mitgefühl für seine Elends-Deliquenten mitbringt. Gefängniswärter Greiffenberger, Schauspieler Julius Schminkert…

Nur Strittmatter (im 20. Jahrhundert) ahmt das ähnlich unverblümt nach: Operntenor Schreischlund; Parteisekretär Weißgott…

Manchmal ist das echte Leben dann noch härter drauf: Kammersänger Peter Schreier; Ostbeauftragter der Bundesregierung Wanderwitz; Pastor Eppelmann – ja, watt willste machen?

Fast alle Figuren des Romans haben Auftritte, in denen sie längere philosophische Betrachtungen zu ihrer Herkunft, zu ihrer Zeit abgeben. Das stoppt seitenlang die Handlung, erzeugt aber einige der besten Charaktere in Raabes Schaffen: Polizeischreiber Fiebiger, Sterngucker Ulex und die alte verstoßene Juliane von Poppen; drei Kindheitsgefährten, die sich ein Leben lang die Treue halten. Besonders letztere sticht heraus:

Eine alte, hinkende Adlige, die sich ihren guten Werken hingibt, auf den schlechten Ruf in ihrer Kaste pfeift, weil sie dafür die Achtung sovieler anderer erwirbt. Die von Poppen sterben einsam, bösartig verkracht mit der Welt. Niemand geht hinter ihrem Sarg.

„…du dagegen musst dir keine Sorgen machen, dass es dir genauso ergehen könnte. An deinem Grabe werden alle die stehen, die in ihrem Leben deine helfende Hand verspüren durften.“ (Fiebiger zu Juliane)

Kennst du sowas? So „alte Jungfern“, die der gute Geist (im Wortsinn) von Familien wurden, die sonst auseinanderzubrechen drohten? Die sich einbrachten mit Lebenserfahrung, Trost zur rechten Zeit, wenn’s Not tat auch mit einem reinigenden „Donnerwetter“, das man ihren leisen Stimmchen niemals zugetraut hätte? Vor deren 1,50m gebeugter Körpergröße Zweimetermänner stramm standen?!

Ich hätte da aus eigener Anschauung gleich vier zu bieten!

Darüber hinaus: Das Bild des schnellen Wandels im 19. Jahrhundert rundet sich.

Das Halseisen am Pfahl auf dem Gutshof; Ausdruck der Landgerichtsbarkeit des bösen alten Gotthilf von Poppen, findet seine drastische Erwähnung, ebenso das Kopfschütteln des menschenklugen Idealisten Fiebinger über den aufkommenden Schopenhauer.

Der geräuschlos fallende Schnee, der sein Leichentuch über all das arme-Schlucker- Elend decken will, wird beschrieben; aber auch, dass der aktive Fabrikschornstein ihn im Handumdrehen in eine dreckige Masse verwandelt, auf dem Giebel- und Dächermeer – über das der Sterngucker Ulex den Überblick hat.

Sah ich aus dem Fenster meiner Flöten- und Akkordeon-Lehrerin in der Altstadt, dann hatte ich diesen Spitzwegausblick auch. Auch die großen Fenster meiner POS gaben dieses Altstadtgiebelwirrwarrpanorama frei. Blumenkästen und Wäscheleinen vor Gaubenfenstern, rotes Bettzeug wie Stones-Zungen aus Wohnhöhlen bleckend; umringt von einen Wald windschiefer Fernsehantennen.

Amerika kann er nicht.

Die Kalifornienkapitel sind so langweilig wie bei Gerstäcker. Sein Roman „Gold“ erschien in den frühen 70ern in der Ehemaligen in der Jugendbuchreihe „Spannend erzählt“. Glatt gelogen. Mit Müh und Not kam ich mit 11 oder 12 Jahren bis Seite 70. Im Raabe-Nachwort ist vermerkt, dass er sehr wahrscheinlich DIESEN Gerstäcker aus dem Jahre 1854 zu Rate zog. Ebenso Dickens‘ „David Copperfield“ und Goethes „Wilhelm Meister“.

Raabes Amerika schwankt zwischen Realismus und Märchenland. Er hat sich von Gerstäcker die armselige Beschreibung der Zelt-und Bretterbudenstadt San Francisco „geborgt“, beschreibt das Völkergemisch und das Faustrecht, das zum Waffentragen zwingt; erfindet jedoch einen genialen Weltenbummler Hauptmann Faber, quasi bereits einen Prä-Shatterhand, als Begleitung für den unerfahrenen Robert Wolf hinzu und eine todkranke Verwandte, allein dahinsiechend in einem Blockhaus im Nirgendwo irgendeines Canons, wo Robert dann nur mit der Schaufel zu graben braucht, um prompt Nuggets zu finden.

Mir scheint zusätzlich, dass das Buch ein Anti-„Soll und Haben“ sein will. Robert Wolf kann als ein Anton Wohlfahrt gelesen werden, der mehr Ecken und Kanten hat, als sein reibungsloser Vorreiter.

Es ploppen beim Lesen also viele kleine „Blitzlichter“ auf.

Aber:

Die Lebendigen wandeln in Unruhe – der Tod schaut in das Buch.

Das ist eine seiner lapidaren Kapitelüberschriften. Er meint vermutlich wirklich nur DAS Buch hier, weil er in diesem Kapitel einen alten Sargtischler sterben lässt. Mir aber gab die Zeile so eine ganz eigentümliche Umdrehung:

Meine Kollegen, viele in meiner überalterten Branche nicht viel jünger als ich, „wandeln (weiter) in (der) Unruhe“ des Alltags. Ich „schaue ins Buch“ … Wie lange mag ich noch haben?

Falls du bis hierher durchgehalten hast:

Lesenswert ist dieser Raabesche Gedankensteinbruch auf alle Fälle!

6 Gedanken zu “Die Leute aus dem Wald – Raabe mal wieder

  1. Weia…
    Du hast mir mal „1913“ von Illies empfohlen. War eine grandiose Lektüre damals. Und hat das Werk durch meine eigenen Recherchen bestens bestätigt.
    Bevor ich nochmals einen Raabe in die Hände nehme, lese ich „Liebe in den Zeiten des Hasses. Chronik eines Gefühls 1929-1939“. Ebenfalls von Illies. Ich bin just auf Seite 40. Das Buch müsste nicht nach 400 Seiten schon enden…..

    Gefällt 2 Personen

    • Nojaaa – teste mal das erste Kapitel an. Ich halte das für einen starken Einstieg. Wirklich gelungen.
      (Die Elendsschilderung Robert Wolfs aus seiner Kindheit; da ist Raabe ganz nahe an Dickens; um ein Vielfaches mehr als Freytag, dem das für „Soll und Haben“ immer nachgesagt wurde)
      Und dann wird sich zeigen, ob die Arno Schmidt Ader weiterhilft. Der schrieb ja auch auf recht krausem Wege – aber es lohnte sich zumeist.

      Und dann kommen so Sätze wie „Der Partikular Mäuseler (…) war sich bewusst, dass niemand ihn als freien Bürger würde zum Denken zwingen können.“

      Sowas entgeht einem dann, wenn man nicht weiterliest. 🙂

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