Regine

Gleich zu Jahresbeginn eine unverhoffte Lesesensation:

Es ist ein belletristisch sträflich vernachlässigter Zeitraum in der deutschen Geschichte – die Zeit nach dem Sieg über Napoleon. Es ist auch eine literarisch sträflich vernachlässigte Gegend, in der das zu Reflektierende spielt: Ostpreußen. So lange es deutsch war, niemandem mehr als 2 Zeitungsartikelseiten wert und nach dem es verloren ging, Schauplatz melancholischer Rückschau: Legendenland.

Sudermanns „Katzensteg“ 1890 landete also einen Volltreffer.

sudermannDer unbekannte deutsche Osten, den damals niemand freiwillig bereiste, was heutigen NRWlern oder Pfälzern bekannt vorkommen dürfte, in all seiner Dürftigkeit 1814 kurz nach den preußischen Reformen von 1809, als der Absolutismus als abgeschafft galt, obwohl er es bei weitem noch nicht war. Wie weiterleben auf den Gütern?

„Die Heiden von Kummerow“ fallen dir eventuell ein. Ehm Welks pommersches Kaiserzeit-Idyll, in dem Krischan Klammbüdel, dem verpönten Kuhhirten und Kinder-Idol endlich zu seinem lange vorenthaltenem Recht verholfen wird. Oder „Das weiße Band“, der garstige brandenburgische Gegenentwurf, der die Wurzeln kommender Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts sucht und findet, in den Erziehungsmethoden um 1913 und den moralischen Verfehlungen einer prüde hyperdomestizierten Zeit.

Sudermann ist eher in Nähe des Letzteren zu verorten. “Der Katzensteg“ heute gelesen, wirkt wie ein heftiger Western in Ostpreußen. Er erinnert automatisch an die oft schon erfolgreichen Versuche bayrischer Filmemacher, gleichartiges in die Alpen zu verlegen: Mal geht es traurig aus, da der zugereiste „Sherriff“ stirbt; mal Happyend, weil er die „Dorfindianerin“, die verstoßene, verfemte Säufertochter, die sich zuvor mehrfach als duldsamer Engel entpuppt hat, heiratet.

„Der Katzensteg“ packt dich! Er zielt auf die ganz großen Gefühle in dir. Er ist von überschaubarer Kürze, beginnt furios packend mit der Schilderung heimkehrender preußischer Truppen, nachdem „der Korse“ seinen ersten Verbannungsort Elba zugewiesen bekam und niemand ahnte, wie schnell sein Comebackversuch erfolgen würde. Waterloo steht also noch aus. Die Schilderung widmet sich der Armee erstaunlich realistisch: Vorn reiten die Freiwilligenverbände, die auf eigenem Pferd, mit eigener Bewaffnung zu Felde zogen (fröhlich und sauber) – dahinter marschieren die Regimenter, verlaust, verdreckt, wirre Haarsträhnen und verschmutzte Verbände unter den Tschackos, verklebte Bärte, irre Blicke – verwildert, vertiert; ahnen lassend, dass es schwierig werden könnte, dieses Veteranenklientel, wieder unter die Knute des friedlichen Alltags zu ducken.

Mit von der Partie Leutnant Baumgart, den seine Truppe geradezu hündisch verehrt. Ja sogar ein blutsbrüderschaftsähnlicher Treueschwur soll geschlossen worden sein, obwohl der Herr Leutnant aus seiner Vergangenheit ein großes Geheimnis macht.  Natürlich dreht sich das Buch im Weiteren um eben jenes Geheimnis.

Der Name Baumgart ist falsch. Denn der eigentliche Name ist durch Untaten des Vaters besudelt, deren schlimmste ein Landesverrat ist: Er verriet den Franzosen 1807 den Katzensteg, um einen größeren Trupp versprengter Preußen einkesseln und niedermachen zu können. Die sächsisch-polnische Großmutter stellte in ihm einst die Weichen sich polnisch zu fühlen, seinen Sohn Boleslav zu nennen und mit Napoleon an einer Wiederauferstehung des polnischen Staates zu arbeiten.

Die Schandtat kommt kurz nach der Vollführung heraus und der Ruf des alteingesessenen Geschlechtes „derer von Schranden“ ist „für alle Zeit“ im Eimer. Sohn Boleslav ist zarter besaitet, ein Generationskonflikt in der Art Friedrichs des Großen und dessen Erzeugers wird angedeutet. Er legt den Namen ab, erinnert sich an den heimatlichen Gutspark und wählt sein Pseudonym, den sprechenden Namen „Baumgart“; kämpft für die gute Sache des Vaterlandes ohne Fehl und Tadel, um die Schande des Vaters abzuwaschen und kehrt heim, als das Vaterhaus von den Bauern des Dorfes bereits niedergebrannt wurde und der Vater, vom Schlag getroffen, starb. Dem Verräter und Leuteschinder sollte das christliche Begräbnis verwehrt bleiben, was Baumgart nicht hinnehmen will. Zwar sieht auch er die Schande, entschuldigt diese nicht, ist sich aber auch seines Standes bewusst und will dem Vater zur letzten Ruhe in der Familiengruft verhelfen.

Der Heimkehrer ist ganz auf sich alleingestellt, die einzige Verbündete ist – sie. Regine. Die verfemte Tochter des versoffenen Sargtischlers, die als Hure des toten Gutsherrn gilt, obwohl sie mehr missbrauchte Magd denn Luderweib gewesen war, bei ihm aushielt bis zum Schluss, obwohl sie auch von ihm schlecht behandelt wurde, aber eben nicht weiß, wohin.

Besonders an Regines Schicksal zeigt sich: Sudermann hat einen sehr guten Stoff – leider nur geheftet, nicht genäht.

Seine Handlung hat 3 Höhepunkte: Den Kampf um das Begräbnis des Vaters, die Gerichtsverhandlung um die denunzierte angebliche Fahnenflucht Boleslavs und ein wahrlich ergreifendes Begräbnis am Ende. Diese 3 Episoden gelingen derart, dass du hinterher geplättet mit den Eindrücken ringst. Zumal, wenn du es wie ich machst und dir beim Lesen passende Hintergrundmusik erlaubst.

Hier liefen Chris de Burghs „Moonfleet“, van Morrisons „Enlightenment“ und am Schluss Rod Stewarts „Stranger in town“ A-Seite; die besinnlichen, ergreifenden Nummern. „The killing of Georgie“, you know?

Sudermann schwächelt in der Darstellung der Übergänge von einem Höhepunkt zum nächsten. Die Beschreibung des Baumgart‘schen Lebenswandels als Ausgestoßener im halbzerstörten Gartenhaus des Gutshofes ohne Einkommen einen Sommer und Winter lang misslingt und nimmt Fahrt aus der Handlung; enthält andererseits nichtsdestotrotz aber das eine oder andere tiefgründig empfundene Detail. Er weiß nicht, wie er sich der treuen Regine gegenüber geben soll, als Herr oder Freund; kann sich ebensowenig erklären, ob es Dankbarkeit oder Begehren ist, was ihn umtreibt… Toll die Zusammenfassung eines gehabten Gespräches, indem Regine befragt wurde, an welche gemeinsamen Kindheitserlebnisse „damals im Gutspark oder im Dorf“ sie sich noch erinnert. Und wie alle ausgegrenzt aufgewachsenen Prügelzofen gibt sie in verklärter Form lauter kleine Scheußlichkeiten als „schöne Jugend“ wieder, die sie von ihm einst erduldete, weil er ja der Juncker war. Sein Selbstbild kommt ins Schwanken, da er erfolgreich längst verdrängt hatte, dass auch in ihm jene kindliche Bestie schlummerte, die dank glücklicherer Umstände nie zu voller Blüte reifte, wie bei seinem Vater. Und der Leser von heute sitzt plötzlich mit ebenso schlechtem Gewissen vor dem Buch: Weißt du noch? Damals, als du mit den Wölfen heultest, weil es so einfacher war, selber in Ruhe gelassen zu werden? „Der von euch werfe den ersten Stein, der frei von Schuld…“ Und es gibt IMMER genügend selbstgerechte Arschlöcher, die es tun.

So auch im Buch: Die Volksvertreter im Ensemble sind jene ungebildeten, selbstsüchtigen Vollklopse, die ein absolutistisches System, ein pervertierter Feudalismus, nunmal erzeugt. „Sie wuchsen auf wie das Vieh, denn der Lehrer, den der Alte eingestellt hatte, inspizierte während der Schulstunden die Schänken.“ Schulpflicht in Preußen 1814; da galt noch, dass jedes Landeskind in einem Zeitraum von 8 Jahren, 3 Jahre schulische Einflussnahme nachweisen können sollte. Wann diese im Alter zwischen 6 und 14 geschah, entschieden die Eltern. Lesen und Schreiben, Rechnen können bis 100 und Beten tat Not. König, Gutsherr und Pastor sind zu verehren! Und so sah es in den Köpfen dann auch aus: Instinktive Bauernschläue und ein bissl Grundschuldressur – reicht, um über die Runden zu kommen. Den eigenen Horizont knapp über dem des Hofhundes. Mit heutigem humanistischem Hintergrund mag einem das böse und schemenhaft aufstoßen, als Unzulänglichkeit des Schreibers, der doch aber genau daher stammt: Aus ostpreußischer Provinz. Sohn eines Vaters, der als eingewanderter Bauer, Bierbrauer holländischer Herkunft (und sicher auch Schankwirt) die Eingeborenen abkochte, ganz so, wie der Wirt im Buch. Und dann seh ich sie wieder auf ihren Hockern hocken, damals 1980 in Prora, den in die Kaserne geschmuggelten Bohnekamp gurgeln, den in Wofalor-Plaste-Flaschen verdorbenen Schnaps trotzdem saufen „weils dreht“. Mit glasigem Blick und glänzender Unterlippe, über die der Geifer suppt, irgendeinen geistigen Dünnschiss lallen… und dann weiß ich einfach: Was Sudermann da schreibt ist wahr. Hier überwinterten, selbst zu DDR-Zeiten noch, kaum getarnte Analphabeten. Ostelbien hatte Äooooonen lang keinerlei Bedarf an Intellekt. Exemplarisch der lebenskluge, verkommene Pastor in Schranden, der zwischen den Lagern laviert, um nicht selbst als Werkzeug des Gutsherren unter die Räder der Zeit zu kommen…

Regine entpuppt sich als der einzige entwicklungsfähige Charakter, der jedoch IN DIESEM UMFELD keine Chance hat, etwas zu bessern, oder auch nur sich selbst zu retten.

Regine

…ist gerettet!

 

Leider beschert ihr Sudermann auch unrealistische Beigaben: Die allseits verstoßene, für die alle Welt nur Schläge und Steine übrig hat, ist zugleich sehr hübsch und züchtig; vom alten Gutsherren scheinbar oft missbraucht, aber ohne Kind; sodass der Aschenputteleffekt erklären helfen soll, weshalb sich Boleslav langsam aber sicher in sie verliebt. Der Sherriff und die Dorfindianerin. Das Schnittmuster ist durchschaubar. Sudermann kriegt die Kurve knapp am Kitsch vorbei und hoch dramatisch. Anzengrubers Meineidbauer kommt dir in den Sinn. Am Ende läuten weder Hochzeits- noch Totenglocken, —

aber der Mond bescheint das Antlitz einer Toten im Bettzeug im offenen Grab, bevor es Boleslav zuschaufelt, ohne dass ihr ein zynischer Altarschwafler seine heuchlerischen Phrasen nachrufen kann.

Ein vergessenes Kleinod, das dir Zeitgeist und Denkungsart von 1814 und 1890 vermittelt. Lesenswert.

 

PS: Mein Dank geht an den Vielleser, der mir das Buch ursprünglich als „Mist“ empfahl. 🙂