Der Sohn des Autors

Manchmal fallen Ostern, Weihnachten und Geburtstag auf den selben Tag:

So geschehen am letzten Freitag.

kleinOtto dix Duran

Foto Andreas Dix – Überraschung gelungen!

Ich erhielt Post:

(in Form eines Kommentars unter meinem Duran-Text von 2018 (Klick)

Sehr geehrter Bludgeon,
herzlichen Dank für den Beitrag zum Buch meines Vaters Gustav Otto Dix.
Ich bin zufällig auf Ihre Zeilen gestoßen und ich wollte Ihnen noch einen Zeitungsartikel anlässlich seinens 100. Geburtstages anfügen – es ging aber nicht-.
Ihnen noch einen schönes Wochenende.
Ihr sehr dankbarer
Andreas Dix

Gustav Otto Dix schrieb 1952 „Duran – ein Pferd unterwegs“.

Andreas Dix überließ mir die Fotos und den abschließenden Zeitungsartikel, mit der Erlaubnis der Veröffentlichung,  ich ergänzte die Illustrationen aus dem Buch und das Foto des Londoner Denkmals „to animals in war“.

(Klick drauf zum Vergrößern.)

 

 

DURAN – ein Pferd unterwegs

duran1duran… im Weltkrieg Nummer Zwei. Gustav Otto Dix, ex-Oberveterinär der Wehrmacht; in den 50ern Tierarzt in der DDR; schreibt sich seine Kriegserlebnisse vom Hals. Ein lakonischer Landser-Bericht über die mitleidende Kreatur: gemustert, verwendet, verbraucht; geschunden, umsorgt, erneut geschunden, … marschier oder krepier! … von einem Schlachtfeld zum andern und schließlich noch der lange, lange Rückzug unter Feuer und ohne Futter… und dann?

Zwischen 1952 und 56 erschien das Büchlein dreimal in 30 000er Auflage. 90 000 Exemplare also. In den 70ern von Kennern gesucht wie Goldstaub.

Für Veterinärmedizinstudenten war es 1952 DIE Sensation schlechthin.

Der Leidensweg des Duran ergriff sie, die alle noch selbst den Krieg im Blut hatten, auf Grund ihrer eigenen Erfahrungen. Der lakonische Landser-Slang, der Gefühlsschilderungen nicht kennt, nicht kennen will, erweckt zunächst ihre „gelobt sei, was hart macht Prägung“ aus der Zeit der braunen Halstücher. Aber die dargestellten Elendsetappen des Pferdes holten auch ihre eigenen „Hose voll“-Situationen aus der Verdrängung herauf; jetzt, im Zeitalter des „danach“: Egal, ob man Halbe, Bad Kreuznach, Landsberg/Warthe oder Komotau gerade so entkommen war. Die Deja vues müssen heftig gewesen sein.

Spätestens, wenn der Oberveterinär sich nach überstandenem Tiefflieger-Beschuss erhebt, mit der 08 in der Hand von Fuhrwerk zu Fuhrwerk geht und Gnadenschüsse verteilt, wo Pferde liegen, aufzustehen versuchen, sich in ihrem Gedärm verheddern, zusammenbrechen … In Sekunden wird entschieden, wo noch ausspannen und zusammenflicken lohnt und wann er einem Zossen die Pistole ans Ohr setzt. Der Küchenbulle übernimmt den Rest. Das Fleisch kommt in die Gulaschkanone. Für die nächsten Tage. Dem Tierarzt reicht Kommissbrot.

Dabei hatte alles so idyllisch begonnen. Damals – 1931. Die Geburt des Duran – in einem Dorf bei Hannover.duran4duran

„Es klingt, als habe jemand einen Eimer Wasser in den Stall-Gang gekippt, wenn die Fruchtblase platzt – und ein Fohlen das Licht der Welt erblickt.“

So begann Vaters Nacherzählung auf den Praxisfahrten immer. Er schien den Text auswendig zu können, wie ich meine Kindermärchenplatten. Beim späteren Selberlesen merkte ich, dass sich da manches zwecks Ausschmückung und Abwandlung – und als Ersatz für Szenen wie oben – in den mündlichen Vortrag eingeschlichen hatte. Ich bekam eine kindgerechte Version erzählt.

Es beginnt vor dem letzten Kriege, auf einem Dorf im heutigen Westen; wo ein Knecht Arbeit suchte, der einen Sprachfehler hatte.

Deutschland hatte mal Landbesitz in Afrika, und die Soldaten, die dort auf Wache standen, hatten es mit Aufständen der Neger zu tun. Unser Knecht, war dort auf Wacht und bekam einen Speer in den Hals, weil er eben kein Kara Ben Nemsi war, denn dann hätte er das rechtzeitig gemerkt. Er überlebte, aber sprechen konnte er nicht mehr richtig. Nun kam er in das Dorf, wie Krischan Klammbüdel in den „Heiden von Kummerow“, als abgerissener Habenichts und wurde von einem Bauern eingestellt.

Als nun die Pferdegeburt anstand, hatte zwar der Bauer den Tierarzt angerufen, alles Weitere im Stall aber dem Knecht überlassen.

Es wird ein Hengst-Fohlen. Die Geburt läuft ohne Probleme ab. Der Bauer begutachtet die nächtliche Arbeit von Knecht und Tierarzt am nächsten Morgen. Er tauft das Fohlen Johann.

Alle Wallache auf dem Hof hießen so und auch Johann wird bald schon kastriert, um ein williges Arbeitspferd zu werden. Johann verdient sich sein Futter brav 7 oder 8 Jahre lang – dann kommt der Herbst‘39.

Pferdemusterung! Alle Bauern mussten ihre Pferde auf dem Dorfplatz vorzeigen. Der Johann-Besitzer schickt sich in das notwendige Übel, aber er geht nicht selber hin, weil er ahnt, was kommt:

Mehrere seiner Nachbarn haben Glück. Ihre Pferde sind zu jung, zu alt, zu schwächlich oder von Macken geplagt – Johann jedoch wird für „kv“ befunden.

Der Knecht wird nach dem Namen des Pferdes gefragt und sagt irgendwas, das wie „Huohaaaan“ klingt. Der Spießschreiber versteht nicht und fragt 2-oder 3mal nach. Schließlich mault er „Wegtreten, du Arsch!“ und schreibt DURAN in die Papiere.

DURAN also muss in den Krieg und der Knecht nicht, weil die zu Anfang nur die jungen Kerle losgeschickt haben zum Kämpfen. Es heißt also Abschied nehmen von seinem treuen Arbeitskollegen und Stallmitbewohner der letzten 8 Jahre.“

Neben mir sitzt wie immer unser Foxl und ich stelle mir prompt so eine „Hundemusterung“ vor.

„Da kann einfach jemand kommen und dir deine Haustiere klauen?“

„Klauen war das ja nicht so ganz. Wenn wir gewonnen hätten, dann hätte man ja das Pferd zurückbekommen und wenn es draufgegangen – also gefallen – wäre, dann hätte es Beutepferde gegeben.“

Ich war nicht getröstet:

„Stell dir vor, uns nimmt einer unseren Tiger von Eschnapur hier weg und paar Wochen später bekommen wir Satowskis blöden Rottweiler?!“ Wie der jedes Mal am Zaun auf wilde Bestie markierte, wenn wir auf Gassirunde vorbeikamen, hatte nu prompt auch Vater vor Augen.

„Ach. Hunde holen se ja nich zur Fahne“, lenkte Vater genervt ab und erzählte weiter:

„Das Pferd zog nun Verpflegungswagen, Sani-Transporte, „leichte“ Geschütze; in Polen, Frankreich und Russland, im ewigen Winter da…

Es erging ihm schlecht. Hunger und Verwundungen zehrten die Gesundheit auf.

Auf dem laaaangen Rückzug aus Russland war es Zugpferd eines Oberveterinärs der bespannten Truppe. Schließlich landen sie in Rumänien. Und dort kommt der Befehl:300 Pferde zurück nach Deutschland zu verlegen. Acht Mann – 300 Stück. Unlösbarer Quatsch. Aber so is’ das immer beim Barras. 300! Das schaffen auch deine Indianer nicht. Nicht in der Prärie, wo wenigstens Platz wäre und schon gar nicht im Gebirge, wo damals gerade alle Wege überfüllt waren! Mit etwa 30 kommen sie nach Bayern durch. Darunter auch DURAN. Abgekämpft und fertig. Der Krieg ist aus. Die Achte geh‘n nach Hause. Die letzten Pferde werden auf einer Weide stehen gelassen. Soll sie sich holen, wer will…

Da kommt ein zerlumpter Soldat des Weges. Alt. Letztes Aufgebot eben. Zunn Schlusse hamse ja alles geholt. Verhungert, verlaust und unrasiert.

Kennste ja ausm Fernsehen, wie wir damals nach’m Kriege eben alle aussahn.

Er verschnauft am Rand der Weide. Dann will er weiterziehen. Er hüstelt – und einer der abgehalfterten Klepper spitzt die Ohren. Der Alte merkt’s und ruft probeweise „Huohaaaan?!“ Duran stakst auf ihn zu und sie reiben ihre Köpfe aneinander –“DSC02465-007blogbild (2)

Clevere Unterbrechung und Blick zu mir: Ich starrte vor mich hin durch die Windschutzscheibe und streichelte in Gedanken einen strubbligen mümmelnden Pferdekopf, dann trat ich bereits den Weidezaun herunter, bevor der Schlusssatz kam:

Dann gingen se beide gemeinsam weiter – nach Hause.

Hätte ich später je ein Pferd haben wollen, so hätte es zwingend DURAN heißen müssen.

Als ich das Buch zum ersten Mal las, war ich 16. Ich glaubte, die Pferdefabel seit Kindergartenzeiten drauf zu haben, wollte aber nun die ungeschönte Version.

Das Phänomen für den jugendlichen 70er Jahre Leser bestand darin, dass hier alles das vermieden wird, was man dank inflationärer Dauerbeschallung nicht mehr hören konnte: Am Ende wird keine LPG gegründet, kein KZ-Überlebender spielt den großen Retter, kein Oberveterinär tritt in die KPD ein, und nirgends steht eine sowjetische Gulaschkanone zur Notversorgung …statt dessen spielt die Handlung komplett außerhalb des Territoriums der Sowjetischen Besatzungszone und war doch trotzdem hier druckbar gewesen!

Als ich es in den 80ern zum zweiten Mal las, war ich Mitte 20, Student; und hatte Prora intus. Ich las es somit aus einer ganz anderen, wesentlich reiferen Perspektive. Unfähige Offiziere und hanebüchene Organisationsfehler hatte ich nun selbst erlebt, wenngleich auch ohne Pferd und nicht an irgendeiner Front. Wo der 16jährige staunend den Kopf geschüttelt hatte, konnte der 24jährige nun grimmig wissend nicken.

Jedes Mal, wenn zu jener Zeit „the reflex is a lonely Child“ oder „Wild boys, wild Boys“ im Radio ertönte, registrierte ich amüsiert, dass ich dieser geschminkten Schnösel-Combo dankbar war, für die immer wiederkehrende Assoziation: DURAN (DURAN).

Zum dritten Mal las ich es 2015. Diesmal erschien mir das Kapitel über den Sommer’41 verstörend aktuell. Deutsche Truppen lungern in Bereitstellungsräumen an der noch jungen deutsch-russischen Grenze herum. Drüben ist Ukraine. Auf der Gegenseite ist alles ruhig, die ganze Zeit keinerlei Grenzstreife zu sehen. Schütterer Wald. Menschenleerer Raum. Am 22. Juni wird „Feuer“ befohlen: Aber auf was? Wohin? Egal. Befehl ist Befehl! Die Idylle dort drüben bekommt Krater, die dann beim Vorrücken stören. Munitionsverschwendung. Als der Befehl zum Vormarsch erfolgt, behindern auch die gerade zusammengeschossenen Bäume den „Raumgewinn“.  Kilometerweites Vorrücken ohne auf eine Menschenseele zu treffen … im Rundfunk die Meldung, dass man im Osten in eine unvorstellbare Truppenkonzentration des Feindes hineinmarschiere, um einem Angriff auf Deutschland zuvorzukommen…

Gleichzeitig in den „Tagesthemen“ Jazenjuk auf Staatsbesuch; mit seiner ungeheuerlichen Verdrehung des 2. Weltkrieges. Niemand weißt ihn zurecht. Ein medialer Aufschrei bleibt aus. Gabriele Krone-Schmalz findet bei Maischberger unter den übrigen Polit-Claqueuren kein Gehör. Platzeck ergehts bei Illner ähnlich.

Ich aber sehe ein müdes Pferd durch die Schneewehen am Dnjestr staksen…

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(P.S.: Da war doch noch was! 2016 sah ich im Arno von Rosen Blog DIESES BILD; und prompt dachte ich, es könnte vielleicht der Illustrator aus „Duran“ gewesen sein!)

 

Von Pferden und Menschen

Zunächst aus aktuellem Anlass:

Poor man wanna be rich/rich man wanna be king,/and a king ain’t satisfied,
‚til he rules everything,/ I wanna go out tonight, I wanna find out what I got…

Und in den „Badlands“ wohn‘ ich eh schon; wenn es auch nicht Bruce’s sind. Schnell weg, aus dem tagespolitischen Elend:

Da waren mal „Badlands“ anderswo. Vor vielen vielen Jahren. Ein weiterer Arsch der Welt; weiiit hinter den Bergen; die Sachsen lange Zeit von Kakanien* trennten. Das zerfiel; und herauskam ein Staat, den keiner wollte. Jedenfalls in den Grenzgebieten und in der Osthälfte des Gebildes. Und da seh ich diesen kleinen blonden Dürrländer in Lederhosen und kurzärmligem Sommerhemd, wie er eingeschult wird, wie er lesen lernt und wie er locker den ersten Systemwechsel wegsteckt, mit 8, weil für ihn eh nur Pferde und Abenteuer zählen, die sich mehrheitlich im Kopf abspielen und teilweise im ungenutzten, großen Garten. Eine Jubelparade im Regen bekommt er mit. An der Pestsäule auf dem Markt. November ’38. Modernste Technik im Land der Hundekarren und Pferdefuhrwerke: Kräder, LKWs und Panzerabwehrkanonen werden mit Blumen beworfen. Ab sofort gehört man zu dem Staat, dessen Sprache man auch spricht. „Ei‘s Biehmsche geschickt zu werden“ entfällt von jetzt ab. Den Armeefahrzeugen folgt die Kultur. Buchladen und Leihbücherei sind plötzlich reichhaltiger bestückt. Und der kleine Blonde ist Leseratte! So liegt er dann auf dem Bauch im Garten. Im Sommer ’39 oder ‘40. Ein halber Ring Knackwurst neben ihm, entwendet aus der Vorratskammer, ein Buch vor ihm und im Kopf eine ferne, ferne Welt: Argentina.

Dort galoppiert ein Hengst durch die Pampa, gemeinsam mit einer Herde, die er den Schindern entriss. Dass Gauchos keine Tierliebe kennen, weiß der kleine Blonde bereits durch Karl May. Hier nun wird das bestätigt. Sogar mit Fotos! Beweise genug: Peitschende Sombrero-Träger. Sich aufbäumende und zu Fall gebrachte Pferde. Ein Trakehner-Hengst, zu wild für alle nützlichen Zwecke in Deutschland, deshalb nach Südamerika verkauft – und dort in die Freiheit entkommen.

Das Buch packt ihn so, dass er erschrickt, als ihm irgendwas Feuchtes in den Nacken fährt und schnaubt. Diesmal ist das Pferd echt: Bubi wundert sich, weshalb er heute nicht beschäftigt wird. Das kleine Herrchen sattelte ihn doch sonst, ritt ihn, führte ihn im Karree, legte ihm Verbände an, traktierte ihn mit salzigen Brotkantenhappen für allerlei Zufallsbewegungen, die prompt zu „Kunststücken“ erklärt wurden, so dass keine Langeweile aufkommen konnte auf dem großen abgegrasten Geviert mit den Obstbäumen. Was Schöneres kann man sich als rüstiger, vierbeiniger Gnadenbrotempfänger gar nicht wünschen; wenn einem die Schlacht von Gorlice 1915 und die Isonzo-Front bis 1918 in den Knochen steckt. Wenn man anschließend 20 Jahre Geschlachtetes ausfuhr; immer diesen Geruch von totem Fleisch in den Nüstern… Und plötzlich war man Pferderentier (sprich: -rentjee); graste, wurde bespielt, zog aus Jux mal den Leiterwagen voller kleiner Bengels, die nicht nach Tod rochen – und hatte keine Plage mehr.

Heute aber war das anders: Das kleine Herrchen lag und las und kaute Knackwurst. Ditha Holesch hatte kurz zuvor ihren Bestseller veröffentlicht: „Der schwarze Hengst Bento“. Nun erreichte sein Ruhm auch jenes noch unbeschadete Legendenland, das bald schon nur noch als „alte Heimat“ in den Erinnerungen der Davongekommenen existieren würde.

Bento verschmolz mit Bubi, Rih und Hatatitla zum Über-Pferd. Alle vier wurden das kindliche Wissensfundament des werdenden Pferdemannes. Zwar würde er Fleischer werden und in Vaters und Großvaters Fußstapfen treten, glaubt er, aber er sah bereits eine lange Kette geschäftlicher Erfolge vor sich, die die Anschaffung edler Kutschpferde ermöglichen würden. Mit 9 haben die Träume noch Flügel. Sie tragen dich eine gewisse Zeit. Aber es sollte anders kommen. Ganz anders.

Hört man heute die Jahreszahl 1939, weiß man, was bevorsteht. Fünf Jahre später erfüllt sich Bubis Schicksal per Abdecker gerade noch in geordneten Verhältnissen. 8 Monate danach, im Frühjahr’45, wird der Volkssturm (all diese14- und 15jährigen Hitlerjungs) nach Hause geschickt, weil „der Führer gefallen ist“. Nun ist der Krieg aus. Aber das Schlimmste kommt noch. Der Albtraum beginnt mit bewaffneten tschechischen Plünder-Banden…

Die Hitlerjugend der Dörfer wird eingesammelt, verprügelt, erniedrigt, erschlagen, verschleppt, zur Zwangsarbeit verhökert … nach einem Vierteljahr Elend die wundersame Errettung durch die verschollen geglaubte Mutter, die sich vor den nachträglichen „Partisanen“ glaubhaft als Tschechin ausgeben kann. Beide wissen, dass sie wegmüssen. Zum zweiten Mal „heim ins Reich“; ins Rest-Reich; diesmal ohne Haus und Hof.

Gerettet wurde nichts als das nackte Leben, Erinnerungen und zwei Fotoalben. Jahre der Entbehrungen liegen vor Mutter und Sohn….

Zwanzig Jahre später fährt ein Tierarzt durch idyllische Dörfer der Täterätätä in teils armselige Ställe „Farnon&Herriot-Style“ und neben ihm sitzt wieder so ein kleiner Dürrer. Nicht so blond wie er einst war, dafür bebrillt und mit einem Pflaster über dem linken Brillenglas. Der ist meistens schlecht gelaunt, wenn er auf dem Beifahrersitz neben dem Terrier Platz nehmen muss, denn er hätte lieber zu Hause gespielt oder gemalt, anstatt sich wieder einmal mehrfach sagen zu lassen, dass er angeblich „janz de Muddi“ sei. Abhilfe musste her und so kommt Vater ins Erzählen:

„Stell dir mal vor, wir hätten nicht nur unseren Timpetu hier, sondern ein Pferd! So einen zweiten Bubi, der keine geschlossenen Stalltüren mag oder einen Bento, der sowieso macht, was er will. Bento ist unbesiegbar gewesen! Der ist allen entkommen: Dem Tierarzt, der ihn kastrieren wollte, dem Zirkus, der ihn dressieren wollte, den südamerikanischen Cowboys, die ihn brutal zureiten wollten – der hätte bloß über den Koppelzaun springen brauchen um abzuhaun; aber der ist rückwärts ans Tor ran, wie das Pferde so machen, wenn se was vor haben und hat die Balken vom Tor zertreten, damit nicht nur er, sondern die ganze Herde fliehen kann. Alt und Jung, Stuten und Fohlen, alle weg… Bubi hatte das auch drauf. Wenn der der Meinung war, es gab zu wenig Hafer, hat der die Haferkiste kaputtgetreten und sich selber bedient. Deshalb hatten wir die dann nicht mehr im Stalle, sondern im Hinterhaus im Flur. Da kam er nicht hin.“

Die Erzählungen verfehlen ihre Wirkung nicht. Der bockige Kleine neben dem Hund hört zu und träumt sich weg. Er reitet Bento, Udo neben ihm den Bubi, auf die Verfolger schießend, die die Herde einfangen wollen, …

Beim nächsten Mal werden die Wunder von Rih erzählt, oder von Duran…. Dann reitet er eben die. Das Resultat ist immer dasselbe. Der Beifahrer wird zum Helden. Aber das Heldentum zerstiebt beim ersten Halt, wenn ein grinsender Bauer auf das Tierarzt-Auto zu gestiefelt kommt und den Beifahrer bemerkt: „Na Dukter, der goomt abor jar nich nach Ihn‘, der is ja janz…“ Peng! Der letzte Schuss im Geiste des eben noch Pferde rettenden Rih- oder Bento-Reiters bleibt stets unerfüllter Wunsch.

Zeitchen verging. Es gibt Antiquariate. Auch zu Mauerzeiten. Offiziell dort aber keine Druckerzeugnisse der Jahre 1933- 45. Inoffiziell gerät jedoch so mancher Zufallsfund in die Regale. Bento ist leider nie dabei. Die Jahre gehen hin. Eines Tages, dem bebrillten, gar nicht mehr so Kleinen  steht die Jugendweihe kurz bevor, wählte er wiedermal den Umweg von der Schule nach Hause an Großmutters Keksdose vorbei. Er klingelt bei ihr.

„Na kummok rei.“

„Haste och Limo da?“

„Ja. Nimm dir.“, sie wendet sich wieder ihrem Buch zu.

„Liestn da?“

Wortlos dreht sie ihm das geborgte, in Zeitungspapier eingeschlagene Buch hin.

Er schlägt auf die Vorderseite zurück: Der schwarze Hengst Bento.

Zwei weitaufgerissene Augen glotzen die Großmutter fragend an und zwei strahlende ebenso große Exemplare leuchten da aus ihrem indianisch braunem Runzelgeflecht zurück: Naaaaa?

Beide schweigen eine Weile. Endlich entringt sich ihm:

„Wosn das her? Off ehmal?“

„Vo dor Arko-Oma. Geborgt.“ Und bevor er nachfragen kann, kommt sie ihm zuvor: „Se wördes vorkoofm.“

„Wieviel?“

„Teuer. 25 Mark.“

„Zuviel.“

Bei Großmutters oberstem Keksvernichter kehrte Ernüchterung ein.

Die Buchpreise der Ehemaligen lagen zwischen 6.- und 9,60 M für Festgebundenes. Da klangen 25 Mark schon irgendwie nach Wucher. Andererseits hatte auch die Republik der kleinen Leute ein handfestes Rentenproblem. Vor allem verwitwete Hausfrauen standen, trotz (symbolisch geringem) Witwenrentenaufschlag auf die Grundrente, relativ arm da.

„Kann ich‘s wenigstens lesen, wenn du’s durchhast?“

„Nimm‘s ok mit. Ich kenn‘s ja noch vo‘ zu Hause.“ Listig lächelnd schob sie es wieder auf seine Seite des Tisches. Wenn es der Enkel mitnimmt, wird’s der Vater sehen. Der Rest ist ein Selbstläufer. Ihrer Rommé-Partnerin war finanziell geholfen und ein Stück alte Heimat – wieder in Familienbesitz. Sie kannte schließlich ihren Sohn.

Und genauso kams.

„Großmutter hat Bento aufgetrieben!“

„Zeig!?!“

Blättern. Lange. Hinundher drehen.

„Arko-Oma, stimmts?“

„Ja, die wills verkaufen.“

„Wieviel?“

„25 Mark.“

„Da. Bringser am besten glei hin.“

Der Enkel wurde erwachsen und das Schicksal verschlug ihn in die ostelbische Pferdeprärie, die restpreußischen Badlands – und irgendwie gings guuuuut, wie Bruce einst im Refrain gerade so abfing.

Und wieder gab es einen kleinen, dürren Blonden, der den Weg zu sich selber suchte. Diesmal familienuntypisch ohne Leselust. Lieber probierte er allerlei Sportarten durch. Unter anderem kam dabei auch mal kurz die Reitlust auf. (Der Pferdebestand auf dem Hof eines Klassenkameraden schien dies zu ermöglichen.) Er hatte weder Opa noch Papa jemals reiten sehen, aber mit Wunderpferdgeschichten hatten sie ihn reichlich betankt. Da wär es doch DAS DING, sagen zu können: Aber ICH bin der einzige wirkliche Reiter in der Familie!

Die Vorlieben wechseln schnell zwischen 12 und 16, – so wurde die Reiter-Phase beerdigt, kaum, dass sie begonnen hatte. Immerhin fiel in jene kurze Zeitspanne eines Tages die Frage:

„Papa! Ham wir den Bento eigentlich als Buch? Das will ich mal lesen.“

Da wusste ich, dass hier etwas gerade zum dritten Mal funktionierte.

Wäre schön, wenn’s weiterginge.

Die Jahre vergeh‘n. Der nächste dürre Blonde lässt auf sich warten. Bento steht bereit.

….Saddle up the Palomino/The sun is going down/The way I feel/This must be real… (N.Young)

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*Kakanien = k & k Österreich-Ungarn

Klepper

(Fortsetzung von „Auf Praxis“ und „4 Pferde gehen fort“ sowie „Troll – der Bär“)

Ritter Runkel im MOSAIK ritt ein altes Pferd namens Türkenschreck. Eigentlich die Karikatur eines Pferdes, aber nicht auf Schönheit, sondern auf seinen Verstand kam es an. Runkels Vater hatte beim Zusammenbruch der Kreuzfahrerstaaten angeblich einen Schatz versteckt und war nun zu alt und zu unbeweglich geworden, ihn zu holen. Deshalb war sein Sohn Runkel in Begleitung der Digedags unterwegs, um dieses Vermächtnis zu erfüllen…

Die Geschichten des MOSAIK, soweit wir sie in der dritten Klasse bruchstückhaft besaßen, waren mir schon zu Kindergartenzeiten genauso oft vorgelesen worden, wie Grimms Märchen. Ich kannte sie in und auswendig und sie waren noch Jahre später ein willkommener Ersatz für nicht vorhandene Karl May Bücher und ebenso abwesende Bessy-Hefte.

Im Vorabendprogramm des Ostfernsehens lief um 69/70 herum einmal wöchentlich um 19:00 Uhr „Don Quichotte“ und der ritt etwas, was noch schlimmer aussah als Türkenschreck. Kein wirkliches Pferd mehr, sondern ein lebendiges Skelett: Rosinante.
Alle in der Klasse guckten das. Keiner verstand die tiefere Bedeutung. Einige maulten: „So ä Knääd! Meine Alten sagen immer, das soll lustig sein. Ich find da keene Stelle zum Loachn! Das ist doch bloß blöde!“
Wir waren uns schnell einig, dass „Der Kapitän vom Tenkesberg“ oder „Daniel Boone“ die besseren Serien sind.
Westen gucken war in der dritten oder vierten Klasse noch nicht so verbreitet. Jedenfalls noch nicht offener Gesprächsstoff.

Eines Tages war wieder einmal mitfahren auf Praxis angesagt. Der Tag war fast rum. Spätsommerliches Abendrot im Saaletal.
Wir waren zuletzt bei ein oder zwei Notschlachtefällen gewesen und es hatte dort geheißen: „Nichts mehr zu machen. Hier haste ä Schlachte-Attest. Lass es abholen.“
Im Auto bekam ich dann erklärt, dass es darum ginge „schnell zu schlachten“, um das Tier von seinen Leiden zu erlösen. Außerdem bekäme der Bauer bei kranker „Lebendabgabe“ noch ein paar Pfennige. Ließe er erst das tote Tier abholen, müsse er die „Kadaverbeseitigung“ bezahlen.
„Und wir essen das Fleisch von kranken Schweinen als Knackwurst?“
„Neehhhh! Das Fleisch ist dann als minderwertig eingestuft. Das überwachen die Tierärzte auf dem Schlachthof. Das geht nur noch als Tierfutter für unsern „Tiger von Eschnapur“ hier (Tätschelklaps an den stets zwischen uns beiden sitzenden Foxterrier, der viele Namen hatte und auf keinen richtig hörte) oder für Troll in K.“
Richtig! Zootiere müssen ja auch regelmäßig gefüttert werden!

Während dieser Erklärungen erreichten wir Sch. an der Saale.
Am Ortseingang und Flussufer war eine Weidefläche eingezäunt und dort stand: Der kleine Toka-ihto glaubte seinen Augen nicht trauen zu können! Rosinante! Exakt wie im Fernsehen! Solche Schabracken gab es wirklich! Don Quichotte war hier? Mein Blick suchte reflexartig nach Sancho Pansas Esel, aber das Pferd war allein.

Der Dakota wollte nun zeigen, dass er was begriffen hatte: „Guck mal da! Müsste der Gaul da nicht auch längst ein Schlachte-Attest haben?“
Vater bremste scharf und hielt.

„Ja, der sieht elend aus. Ich seh jetzt nicht, ob das der Willi oder der Hansi ist. Das waren eigentlich immer zweie. Der andere hat wohl in der Zwischenzeit das Zeitliche gesegnet. Aber solchen Pferden, wie den beiden, gibt man nicht einfach so den Schlachteschein! Das sind Helden. Die haben sich ihr Gnadenbrot mehr als verdient. Die hamm den Leiterwagen gezogen, mit dem der alte Ruschak mit Frau und 3 Kindern nachm letzten Kriege von Rumänien bis hier gekommen is’. Das is noch weiter weg, als wie von unsen zu Hause. Die ham die Familie vor Sibirien gerettet. Ruschak ist nicht reich geworden, aber den Pferden hats an nischt gefehlt. Der wusste, was er ihn’n verdankt. Der hat die och nich in de LPG gegeben. Das sind seine Familienmitglieder bis zum Ende, hattor ümmer jesacht. Und dann issor schnellor jestorm wie die. Deshalb steht nun noch der eine da. Gucke, der rührt sich nicht. Alte Pferde schlafen im Stehen.“

Er wollte gerade wieder Gas geben, als ein Bauer auf die Koppel gestapft kam. Ruschak, der jüngere. Vater ließ mich die Scheibe runterkurbeln und rief:

„Arbeite und vergiss Gott nich’!“
„Ach! Duktor! Du widder! Musste widdor örchendswo Ferkel entmann’n?“
„Is das da dor Willi oder dor Hans?“
„Hans! Hansi is übbrich. Willien hats vor 3 Wochen erwüscht. Lachnabmd hier off dor Kobbl und Hansi stand danähm und schlief. Dor Abdegger wolltenn glei mitnähm. Dass habbch mor vorbetn! Ich und Hansien auslieforn! Dor Opa würde mittn Grabsteen nach mir schmeißn, wenne das erfahrn täte! Hansien stehn noch ä paar Taache längor zu.“
Das Pferd war inzwischen erwacht und stakste vorsichtig in Richtung Gatter.
Vater: „Er lahmt hinten links.“
Ruschak: „Is begannd, Duktor, is begannd. De Hufe sinds nich. S wird de Hüfte sein.“
Vater: „Sollichn was gehm?“
Ruschak winkt ab: „Lass juuhd sein, Dukter. Der wird kee Sprintor mehr.“
Er hatte inzwischen das Gatter geöffnet und machte kehrt und Hansi trottete ihm halfterlos hinterher in Richtung Stall.

Wir hielten immer noch und sahen den beiden nach. Ich trennte mich früher von dem Anblick als Vater. Als ich ihn ansah, streichelten seine Augen die trottende Pferderuine immer noch ganz versonnen. Und er murmelte mehr zu sich selber als zu mir:
„So seh’n Helden aus. Der muss um die 40 sein. Aber’ne schöne lange Gnadenbrot-Zeit hat er noch gehabt.“

Ich kapierte damals, dass man wahres Heldentum nicht sehen kann und das in der elendsten Erscheinung einer stecken könnte.

4 Pferde gehen fort

(Fortsetzung von „Auf Praxis“ und „Oldtimer II“)

Sonnabends letzte Stunde wurde vorgelesen. In der 1. Klasse. Zweite Klasse auch? Teilweise. Nicht mehr so regelmäßig. Das war prima, denn man musste gar nichts tun. Nur ruhig sein. Man konnte sich bereits ins Wochenende und die bevorstehenden Spiele träumen oder natürlich auch zuhören: Frau O.s Bilderbücher waren bereits die ersten Literaturtipps, die es in sich hatten – so sehr, dass ich mir zu Hause dann das eine oder andere Buch selber wünschte.

Eines davon hieß „4 Pferde gehen fort“. Es stammte von Gerhard Holtz-Baumert, der mit „Alfons Zitterbacke“ sowieso DEN literarischen Oberbestseller der 60er Jahre für die Altersgruppe 7-10 verbockt hatte – sozusagen „Gregs Tagebuch“ (GDR-Version).
Selber lesen konnten wir noch gar nicht, aber die Litera-Schallplatte schon komplett aufsagen!

Vaters Beziehung zu Pferden ist eine besondere. Für ihn sind sie die wichtigsten Tiere überhaupt. Er ließ nichts unversucht, seine Söhne ebenfalls zu Pferdeliebhabern zu machen, außer: eins zu kaufen. Ein richtiger Tierarzt würde in so einem Fall alles richtig machen wollen, auch was die regelmäßige Bewegung des Tieres betraf und das erwies sich als zu kostspielig und zeitlich organisatorisch nicht machbar. Einen teuren „unnützen Fresser“ in irgendeinem Mietsstall weit draußen irgendwo zu bezahlen – das verbot sich. Für die wieder empor gekommene, sparsame Vertriebenengeneration sowieso. Tierlieb wurden beide Söhne, Pferdekenner nicht.

Echte Pferde sah ich also nur auf Zelluloid, wenn Gojko unterwegs war – oder „auf Praxis“.
Kranke Pferde gabs aber fast nicht. Mal ein entzündeter Huf, mal eine Flasche Hefe-Mix gegen Kolik; das war’s eigentlich. Bei Geburten wurde Vater ab und an zur Sicherheit angefordert, das nahmen die Bauern meist sehr ernst. Auch bei ihnen spielten die Pferde auf dem Hof die erste Geige. Auch nach der Enteignung. Sie hatten ihre Tiere und ihre Ställe auf dem Papier zum Staatseigentum erklärt, aber im Prinzip ja beides behalten. Jedes neue Fohlen wurde präsentiert, wenn der Dukter mal gerade wegen der Ferkel da war… und dor Gleene mit von der Partie…
Im Auto auf der Heimfahrt kommentierte dann Vater das Gesehene: „Das ist noch ein richtcher Bauer. Haste die saubere Schüttung bemerkt? Und das Fell der Mutter? Gestriegelt!“
Oder aber die kritischere Variante: „Hoffmer mal, dass er des Fohlen balde verkooft, damits aus dem verdreckten Schuppen raus kommt. Solchen Krippensetzern solltemer die Tierhaltung generell verbieten. Wemmer Bubi hätte in son finstres Loch gesperrt – der hättes zerlecht! Habbich schon erzählt, dass Bubi keene geschlossne Stalltür ertrug? („Ja, Vati, soll ich mitsprechen?“, dachte ich im Stillen und freute mich gleichzeitig auf die Wiederholung.) Als der bei uns neu war, sperrte den der Fleischerbursche ein und rumms-rumms-rumms- drosch der die Hinterhufe solange vor die Düre, bis das Kastenschloss kapitulierte. Das blieb im Türrahmen hängen, die Türe flog auf und Bubi trabte schnaubend durch den Hof. Kopf hoch! Ohren aufgestellt, Schwanz hoch! Ein Bild für Götter! Der war wie Rih. Der war mein Rih. Rih war ja eigentlich’n Araber. Bubi nich’, aber ich hatte ja ooch keen Bart wie Kara Ben Nemsi.“

Frau O. las nun auch eine Pferdegeschichte, die aber anders verlief, als die meines Vaters. Die 4 Pferde, die da fort gingen, also durchbrannten, erzeugten in mir mit ihrem glücklich verlaufendem Abenteuer Hoffnung zur Bewältigung eines Schlüsselerlebnis, das ich just zu dieser Zeit ebenfalls mit Vater auf Praxis erlebte.

Plötzlich gab es nur noch „Pferdefälle“. Ich stieg aus den bekannten Gründen immer seltener mit aus, fragte aber manchmal: „Und was is’ hier jetz’?“ „Pferde-Proben.“, knurrte Vater untypisch einsilbig. Auch die Bubi-Rih Geschichten gab es auf diesen Fahrten nicht zu hören.
Eines Tages hielten wir wieder beim Frosch. Ich stieg mit aus. Und auch hier ging’s stracks zum Pferdestall.
Der Frosch schweigsam. Vater kurz-angebunden, grob. Das war HIER nicht normal.
„Festhalten. Steh!“ die Kanüle trifft den Hals, das Hinterbein kommt prompt, Vater springt zur Seite und tritt mit dem Gummistiefelbewerten Fuss zurück: „Mistvieh!“
Das Blut füllt das Reagenzglas, die Kanüle wird gezogen, der Einstich weggerieben. Fertig.
„In 2 Tagen haste den Befund.“
„Machs juht, Dukter.“
Heute keine Wohnküche. Kein Kaffee. Keine Tüte Eier zum Mitnehmen.

Draußen im Auto startet Vater nicht. Er starrt aufs Lenkrad. Dann rammt er beide Hände dagegen und presst zwischen den Zähnen hervor:

„Versprich mir eehns! Werde NIE Tierarzt!“
„Ja. Warum?“
„Weil de dann vielleicht ooch bei so’ner Scheiße mitmachen musst, ´wie ich grade.“

„Wohin gehen denn die ganzen Blutproben?“
„Nich die Proben – die Pferde gehen fort. Für immer.“
„Wieso?“
„Der Spitzbart hat sie an die Holländer verhökert. Diese Proletenrepublik rottet ihren eigenen Pferdebestand aus!“ und bevor ich was sagen kann, kommt natürlich noch der Spruch. „Aber! Das erzählste nich in der Schule, klar!“
„Klar. Und was machen die Holländer mit den ganzen Pferden?“
Schweigen. Dann kommt doch noch ein Wort: „Hundefutter.“
Der Zündschlüssel stößt ins Schloss, als gelte es den F 9 abzustechen.
Der Motor heult auf und Vater singt: „Es donnern die Motoren! Vom letzten Pan!zer!re!gi!ment!… Er ist im „Gelobt sei, was hart macht Modus“. Besser keine Fragen mehr.
Der kleine Dakota brütet schweigend neben dem Foxterrier, den er sich irgendwie trotzdem nicht als bösen Pferdevertilger vorstellen kann. Der kriegt doch Freibank-Fleisch.

In Frau O.s Geschichte erfahre ich, dass die Pferde überflüssig geworden sind. Der Traktoren und Mähdrescher wegen. Sie sollen verkauft werden, eventuell auf den Schlachthof… sie brechen aus. Die Dorf-Kinder helfen und verstecken sie … die Bauern werden mitleidig. Die Pferde schulen um – zum Zirkuspferd, zum Reitpferd im Ferienlager, bzw. ziehen sie den „Schulbus“, eine Sammelkutsche. Von Holland-Export ist nicht die Rede.
Ein optimistisch stimmender Schluss. Leider nicht die Wahrheit.
Ich bekam das Buch.
Es half verdrängen.
Vater mehr als mir.

Er überließ mir neulich seine aufgeschriebenen Erinnerungen. Darinnen fanden sich 2 Schreibmaschinenzeilen:

„Ich übernahm 1961 den pferdereichsten Praxisbereich im Kreis mit 420 spannfähigen Tieren. Ich übergab ihn 1981 an meinen Nachfolger mit etwas über 20 Pferden.“

Zwei Zeilen – die es in sich haben, wenn man zwischen ihnen zu lesen versteht.