Paradise without dashboardlights

Zu Pfingsten war ja wieder Oldtimertreff in Paaren Glien. Aber keine Zeit, die Eindrücke zu beschreiben:

Am besten wär ja, man hätte Platz und einen Carport, oder eine Garage in sicherer Grundstücksumgrenzung. Dann könnte man sich so ein Sommer-Tour-Spielzeug in echt hineinstellen und hoffen, dass man immer die Teile auftreiben kann, die nun mal verschleißen.

Die Alternative ist – ein möglichst echtes Modell von damals in deutlich kleiner zu erwerben, es im Bücherschrank zu parken und die Ferienphantasie alleine auf die Reise zu schicken – wayback to the innocent age…

30 Jahre hats gedauert, dass die Modellanbieter nun außer dem Trabbi auch die überfälligen anderen Ost-Legenden im Sortiment haben: Sogar Seltsamkeiten, wie den P70 Kombi hab ich gesehen! Dafür fehlte der Wartburg-Lumumba.

Aber meine alten Legenden ranken sich um ihn hier:

 

 

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Oldtimer IV

Riffmaster hat in seinem Blog neulich an den Matchbox-Katalog von 1966 erinnert und ich hab mich nun bei einer Stippvisite in meiner alten Heimat auf die Suche begeben nach den „Survivors of 66“ und auch ein paar andere gefunden.

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Komisch, wie der Anblick der alten Relikte die Erinnerungen befeuert.
An 3 oder 4fache Krankenhausrückkehr zum Beispiel und somit nachträgliche Tapferkeitsbelohnungen für Spritzen, OPs und elterliche Abwesenheit. Der damalige Chefarzt war der Meinung, dass Besuche am Gartenzaun mittwochs und sonntags ausreichen. KEIN Besucher betritt ein Krankenzimmer!
Die Fenster durften manchmal geöffnet werden, um den einen oder anderen Wunsch hinauszurufen. Das war’s.
Deshalb gab es nach zwei-, drei-, vierwöchiger Wegsperrung eine kleine „Mätscher“-Flut.

Nach der Einschulung wurde die Gesundheit besser. Krankenhaus bis auf weiteres passé. Von nun an gab’s die Mätscher dosierter, einzeln als kleine Zwischendurchbelohnungen oder weil Vater gerade so war.

DSC02477-015blogbildMeistens ereignete sich das sonntags nach dem Mittagessen.
Die typische Wochenendsituation war anfang der 70er in etwa die:

Sonnabendmittag aus der Schule kommen. Nachmittag mit Udo Radfahren, im Garten Indianerkriege nachstellen, malen, lesen, „Elefanten-Boy“ gucken, Abendbrot, „Aktuelle Schaubude“ gucken, Hunderunde mitgehen; Vater betteln, dass man aufbleiben darf, falls Rudi Carrell kommt oder Ohnsorg-Theater oder…oder…oder.
Sonntags aufwachen wie werktags, also halb 7, deshalb lesen bis Neune, Morgentoilette, Frühstück, Udo klingelt, oder auch nicht. Dann TV checken, ob im Vormittagsprogramm (West) zufällig eine Ilja Richter Disco wiederholt wird, oder „Info-Show“ oder etwas der Art.
Wenn nicht – liefen manchmal interessant gemachte Fernsehspiele für Kinder im Ostfernsehen. Mittagessen bei Deutschlandfunkbeschallung: Lustige Musikanten (Ich bin ein Bergvagabund, Bergvagabund….Melniker Mädel, Melniker Knödel…) – im 14tägigen Wechsel mit Memory Hits „vom Doitsländfunk, europpäweit Memory Hits on DieEllÄff!“, die zunehmend interessant wurden.
Vater war satt, hatte vielleicht gerade eine ruhige Woche gehabt oder keinen Sonntagsdienst, also vor dem Mittagsschlaf mal noch schnell den Sohnemann beglücken: Matchbox!

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Die Nachmittage folgten 2 Schnittmustern.
Entweder Sonntagsspaziergang bzw. Ausfahrt. Das bedeutete sonntäglich umziehen. FURCHTBAR! Erstens statt der Wildleder-Knickerbocker eine elend kratzende Dederon-Hose anlegen müssen, in der man immer erstmal eine halbe Stunde breitbeinig steif – wie eingepisst – herumstakste, bis die Außenhaut resigniert aufgab. Dann zum kurzärmlichen Sommerhemd eine von Oma gestrickte ebenfalls kratzige Strickjacke. Nun waren also Arme UND Beine blockiert!
Lieber blieb ich da und las, aber die Familie war ohne mich nicht komplett, also gab’s nur selten ein Erbarmen.

Wenn keine Ausflüge anstanden – Fernsehen: „Zu Besuch im Märchenland“, „Wünsch dir was – mit Irmgard Düren“, dort sah ich zum ersten Mal 1973 die Klaus-RENFT-Combo mit „Cäsars Blues“! Langhaarige, vollbärtige Musiker im DDR-Fernsehen!
Nun gaben die Eltern auf. DANKE KLAUS!

Andererseits … mit dem „Blauen Bock“, Tarzan, König Salomons Diamanten, Wild Bill Hickok und rauchenden Colts…rettete die ARD den Nachmittag.
Abendbrot, Tele-Lotto und „…ab ins Bett, denn morgen ist Schule!“ (Also unkontrolliertes ewig Lesen, bis die Augen zufielen). Jedoch gab es Ausnahmeereignisse im Fernsehen, die nach und nach immer häufiger wurden. Kriegsfilme a la „Man wird nicht als Soldat geboren“, Familien-Mehrteiler „Aber Vati!“ oder TV-Romane „Der Sonne Glut“ ,„Daniel Druskat“, “Der Adjutant“.

Die Mätcher? Ach ja, die Mätscher! Waren eigentlich fast Nebensache. Eine kleine Agentenjagd hier und da mit Halma-Männchen oder Bleisoldaten, dann lagen sie in der Kiste.
Manchmal hab ich sie abgezeichnet, dann standen mir die Modelle also geduldig Modell.

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Gegen die Indianer kamen sie nicht an. Und für die Indianer waren sie zu klein.

Oldtimer III

Geschichten aus dem Kalten Krieg

Kurz vor meiner Jugendweihe 1975 erhielt ich einen letzten Schwung Matchbox-Superfast-Autos. Papa hatte sie den Westpaketen seiner „abgehauenen“ Schulkameraden entnommen und einige wohl zulange zurückgehalten. Nun wollte er sie noch schnell an die eigentliche Zielgruppe bringen bevor deren „Kindheit endet“: Durchgeknallte Hotrods, Dragsters und Limousinen, die alle wie rollende Siegertreppchen wirkten. Die einzige Alternative waren schmallippige Flundergesichtige Geschwister des Porsche.
Etwas hatte sich verändert. Die Anziehungskraft war dahin.

Slade, Sweet, Chuppy Tiger, Alvin Stardust waren wichtiger als Chevrolet, Opel & Co.
Die würde man eh nie in echt besitzen. Der Trabbi würde früher oder später das unausweichliche Schicksal sein.

Aber man konnte Westautos nicht entgehen. 1975 lag 3 Jahre nach dem Grundlagenvertrag und VW und Opel wucherten plötzlich in unserem Wohnviertel derart aus, dass man zu Ostern und Pfingsten glauben konnte, wir wären schon Westen!
Der Konfi- und Jugendweihezeitraum brachte es mit sich, dass eine westdeutsche Blechlawine nachschauen kam, wie es den Brüdern und Schwestern unterm Sowjetjoch so ergangen war. Und manche der Besucher staunten nicht schlecht, dass auch östlich der Mittelgebirge das Essen mit Messer und Gabel und die Benutzung von Badewanne und Wasserklo durchaus als Trend gelten konnten. Auch wirkte so mancher Ostverwandte gar nicht wie eben erst dem GULAG entsprungen, sondern wohlbeleibt. Zahlreiche Konfirmationsgeschenke a la Handtücher, Maniküre-Set, Braun-Rasierer erzeugten daher eher Enttäuschung denn Begeisterung. Eine Gary Glitter-LP oder ein 6er Pack 90er BASF-Kassetten – DAS wär’s gewesen!

Eigenartige Gespräche führten wir damals auf den Schulhöfen in Honeckerien:

„Mei Onkel war im Golf da! Und voll die Gladbachfahne drinne!“
„Mei Opa is’ mit’m Mercedes jekomm. Der hatte 4 Boxen im Auto verteilt!!!! Ein Sound sachichdior! Wahnsinn!“
„Was hörtn dei Opa so?“
„Sämtliche Militärmärsche.“
Brüllendes Gelächter.
„Voll das Erlebnis, was?!“

„Meim Onkel hammse an der Grenze den HSV-Wimpel beschlagnahmt. Voll Scheiße! Der sollte für mich sein.“
„Klar: Drei Buchstahm droff. Druckerzeugnisse einschmuggeln is nich’. Kannch och a Lied von sing: Meine Westsippe is so bekloppt, die nehm sogar die Fußballbilder aus der Sprengel-Schoklahde. Die glohm, die nehmse glei hops an dor Grenze; wächen Zollvergähn. Hehre off!“
„Meine hams jepackt. Ne Gladbach-Sofadecke fürs Wohnzimmer, zweh Garl May Biechor. Is alles jutjejang.“

Soweit so unterhaltsam aus heutiger Sicht. Aber es gab da noch eine Begleiterscheinung, die mir zu schaffen machte: Die Gafferei in parkende Westwagen hinein.

„Oahr! N Opel in Metallic-Blau!“
„Gugge ma, da liecht ne Chris Roberts Kassette drinne.“
„ Echte Jeans-Jacke seh ich da.“

Immerzu stehen bleiben müssen und warten, während sich deine Begleiter an den Wagenscheiben die Nasen platt drücken, DAS NERVT! Und oben im Haus hinter der Gardine genießt vielleicht gerade Prinz Protz aus Gelsenkirchen seinen zivilisatorischen Einfluss in Deutsch-Ost!

Einmal kam sogar so ein Andreas Baader Verschnitt gerade aus dem Haus: Mähne, Cordanzug, Cloggs und Sonnenbrille und pranzte gleich los: „Ford Capri. 90 PS, 160 Spitze. Da kommt der Trabbi nich’ mit.“ Anerkennendes Nicken meiner Begleiter.
„Arschloch.“, dachte ich.

Manche verloren jedes bisschen Selbstachtung, wenn der große weiße Massa aus Kassel City einritt! Mein Vater nicht. Er erlebte diese Besuche in den Wohnküchen der Bauern, wo sie über alles moserten und auch ihn bedachten: „Der Tierarzt sind Sie? Bei uns würde der im Daimler vorfahren.“
„Na, da bin ich aber froh, dass es bei dir nur zum Opel gereicht hat! Is das da Rost an der Zierstange?“
Zuhause machte er sich dann deftig Luft über erlebte Westarroganz, ganz so wie ein Jahr zuvor, im Rumänienurlaub, als sich 2 westdeutsche Pärchen außerhalb des Neckermannbereiches verlaufen hatten und in ein Restaurant gerieten, voll besetzt mit ostdeutschen Touristen.
„2 Bier, 2 Rotwein fix-fix!“ erging der koloniale Auftrag an die einzige Kellnerin aus dem Balkan-Busch.
„Nix fix fix! Du warten!“ kam prompt ihr Kontre und zustimmendes lautes Murmeln von einigen Tischen.
Laut und vernehmlich kam nur ein Kommentar der Bedienung zu Hilfe: „Das sinde Richtchen! Es ganze Jahr im Ruhrpott Margarine fressen, damit se einmal im Jahr aufm Balkan Lord Kacke spieln könn’!“
Yo. Das war Papa! Mutters peinlich berührtes Zischeln wurde von einem scharfen „Sehr richtig!“ vom Nachbartisch übertönt. Die 4 registrierten die Übermacht und beschlossen flugs ihre Freiheit anderswo zu feiern.
Man, war ich stolz auf meinen Vater!

Auch deshalb meine Gaffer-Allergie.

Aber eines Tages wäre es fast auch um mich geschehen gewesen, denn da stand ER:
Die Ausnahme unter all den Gleichen. Amerikanische Nase, europäische Ausmaße. Lange Schnauze, kurzer Hintern. Hellbraun-metallic mit Velourdach.
Ich beherrschte mich und ging nicht glotzen. Im Vorbeigehen registrierte ich am Heck: FORD Taunus. Wenig später sah ich einen in Blau, aber ohne die markante Nase. Wie konnte das sein? Als ich am ersten Standort vergleichen wollte, war der Braune bereits weg. Ich verbuchte die flüchtige Wahrnehmung als unwichtig und vergaß sie.
Jahrzehnte später lernte ich, was ein Knudsen-Taunus ist; wie viel Ärger jener Mr. Knudsen mit seinem Entwurf bekam und ich stellte fest, dass ich ihn immer noch anziehend finde. In Paaren Glien 2015 stand wieder einer. Abseits und allein. Aber so konnte er wirken! Und die alten Geschichten waren alle wieder da…

Taunus

PS: Nicht die Himmelsrichtung der Herkunft verdirbt den Menschen, sondern monetäre Möglichkeiten, bzw. der Kompensationsdrang nach aufgestauter beruflicher Erniedrigung. Heute benehmen sich auch Ostdeutsche „westdeutsch“ in aller Herren Länder. Sie lernten schnell. Allzuschnell. Lehrbeispiele liefen in den 90ern reichlich in Neufünfland herum. Soweit sie nicht Staatssekretäre in den Landesregierungen wurden, sind sie jedoch weitgehend wieder verschwunden.

Oldtimer II

This Car is Rock&Roll
invites you to a Saxon stroll
a little beer’s no alcohol
rockin’ up and free your soul…

Mit dem DKW F8 geht’s mir wie mit Gründerzeitmobiliar: DAS ISSES einfach!

Papa wechselte Anfang der 60er von der Schlachthof Fleischbeschau in die staatliche Gemeinschaftspraxis der Tierärzte. Die stellten Dienstwagen. Er bekam einen F 9 und fuhr über die Dörfer. Immer, wenn der Wagen in die Werkstatt musste, war er mehrere Tage weg. Die Teile, die Teile! Planwirtschaft, you know? Für diese Fälle hatte die Praxis „Springerfahrzeuge“. Einen Moskwitsch 407 in weiß und dunkelgrün, der einem Opel Kadett der frühen 60er glich, einen Wartburg Pickup, genannt „Lumumba“ in beige; der, weil er als Entwicklungshilfe angeblich massenweise nach Afrika exportiert wurde, schon in seiner aktuellen Zeit extrem selten blieb und einen F8 in klassischem schwarz-braun.

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Papa war froh, wenn er den „Lumumba“ bekam. Da kamen seine Jugendideale besonders heftig durch. Die Dorfstraßen waren schlecht, die Plane knatterte im Fahrtwind, und die Wagenfarbe hätte nicht besser passen können – er war Rommel.

Ich jedoch hoffte immer auf den F8, wenn wieder mal „Werkstatt“ angesagt war, denn so ab und an musste ich mit „auf Praxis“ fahren.

Alles an dem war alt und gediegen. Mein Bodenkammerschatzsucher-und-Bewahrer-Gen bekam in diesem Auto neue Kicks. Gab es nicht in irgendeiner Polsterritze noch einen Bleisoldaten oder eine alte Münze zu finden? Hatte er nicht sogar noch Winker an der B-Säule statt Blinklichtern? Jedenfalls gingen die Türen „verkehrt rum“ auf und im Armaturenbrett steckte ein Pistolengriff aus weißem Elfenbein. Glaubte ich jedenfalls einige Zeit. Vater erklärte zwar einige Male, das sei der Schalthebel, mit dem man irgendwelche Gänge einlegen müsse, vorausgesetzt man hat die Kupplung getreten und richtiges Gas-Gefühl …blabla….ich war 4 oder 5 Jahre alt! Für mich blieb’s ne fest gezauberte Pistole! Basta!

Wenn Vati gute Laune hatte, erzählte er auf diesen Fahrten Karl May Geschichten. Das war spannend!

(Bis auf diesen Medizinmann der Klecki Petra hieß! So was Blödes! So hießen 2 Mädels meiner Kindergartengruppe. Beim Essen kleckerten die schon auch, aber die hatten so gar nichts Indianisches an sich! Und dann noch als Mann! Da musste Vati was verwechseln!)

Wenn nicht, saß ich  schweigend neben Utz, dem Foxterrier, der dann meist beleidigt nach hinten über die Lehne hing, weil er nicht einsah, dass da wieder einmal der andere Welpe mit von der Partie sein musste. Ich träumte mich in Verfolgungsjagden hinein, bei denen ich die Elfenbein-Pistole ziehen und durchs Heckfenster schießen würde…

Ich bin Kara Ben Nemsi! Der Typ mit dem Vollbart, der trifft ohne zu zielen!

Irgendwann hatten F9, „Lumumba“ und F8 das Zeitliche gesegnet und rollten ein ins Fahrzeugjenseits – auf die ewige Autobahn im Himmel.

Zu Anfang der 70er Jahre wurden weltweit alle Autodesigner erschossen. Vater bekam einen Moskwitsch 408. In diesem jämmerlich eckigen 70er Jahre Look. Die Springerfahrzeuge waren auch welche. Wie langweilig!

Auch die einzelnen Bauernhöfe waren Milchviehanlagen und Hühner-KZs gewichen. Die Landidylle schwand. Nicht ganz, aber was die Tierhaltung betraf – überwiegend.

Da begann die ARD eines sonntags mit der Ausstrahlung von „Der Doktor und das liebe Vieh“. Und da waren sie wieder: Die schrulligen Bauern. Kleine, mehr oder weniger verdreckte Ställe. Die Wohnküchen, mit frisch geschlüpften Küken im Backofen und mit dem „Stück Wurst auf die Faust“ gleich aus der Küchentischschublade… Unwegsame Anfahrten, die Dr. Herriot (manchmal sogar mit Hund) im Austin bewältigte. Und der Austin hatte verblüffende Ähnlichkeiten mit – einem F8!

Oldtimer

West-östliche Reiberei

Mein Pfingst-Mekka ist Paaren-Glien und die dortige alljährliche Oldtimer-Show.
Altblech, das noch fährt – die Survivors aus alter Zeit, die man da nicht nur sehen, sondern auch hören, riechen und – last but not least – fotografieren kann, haben es mir seit ein paar Jahren wieder heftig angetan.
Zwar technischerseits mit 2 linken Händen gehandicapt, tropft mir trotzdem alljährlich der Zahn, wenn ich von Stil-Ikone zu Stil- Ikone schlendere.

Da hätten wir in diesem Jahr sogar einen richtig klassisch erhalten gebliebenen EMW. Wunderschön, aber störanfällig und deshalb so selten wie nur was. Gebaut wurde er lediglich von 1952 bis 1955.

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Fast gleicht er dem BMW „Barock-Engel“. Kein Wunder. Der stand ursprünglich auch mehr als nur Pate. Thüringen hatte einst ein BMW-Werk in Eisenach, aber dann verloren wir den Krieg und die Ostzone enteignete die Industrie. Die Kluft zwischen den Zonen wuchs sich zur 40jährigen Trennung aus. Eisenach musste auf unerfahrene neue Zulieferer zurückgreifen, so zogen die Mängel ein in einen ehemals soliden Entwurf.

BMW verklagte die kaum gegründete DDR auf Produktpiraterie. Diese wiederum fühlte sich an nichts gebunden, was von postfaschistischen Monopolkapitalisten moniert wurde.
Oberflächlich nassforsch könnte man dies nun im historischen Nachgang als kommunistische Propaganda stigmatisieren. Wenn da nicht der Dok-Film „Das Schweigen der Quandts“ wäre. BMWs Erfolge basieren mitnichten nur auf unternehmerischem Fleiß, sondern auch und vor allem auf dem von Zwangsarbeitern. Die Gerechtigkeit lag östlich, die Rechtsprechung jedoch westlich der Mittelgebirge.
Da die DDR auch exportieren wollte und mit Beschlagnahmungen bedroht wurde, insofern dies im Westen geschehen solle, sah sie sich zum einlenken gezwungen. Aus BMW wurde EMW. Aus blau-weißem Logo wurde rot-weiß und die Kühlergrill-Nieren mussten weg.
Zwei dieser eleganten Exemplare rosteten fahruntauglich in Einfahrten der Nachbarschaft in meinem Kindheitsparadies der 60er Jahre vor sich hin. Ich sah ihnen beim Vergehen zu und der kleine Möchtegern-Restaurator in mir bäumte sich auf, aber leider zu wenig, als dass er mich hätte dazu verleiten können, auch wirklich einer zu werden.

Nach dem Ende der BMW/EMW Produktion wurde der Standort Eisenach umgerüstet und das ehrgeizige Ziel verfolgt, ein eigenständiges ostdeutsches Auto zu entwerfen: Herauskam der Wartburg 311 – der verblüffend dem Borgward Isabella glich.

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