Frohburger Apostel-Legende

  1. Begegnung

Als Jesus durch ein Kornfeld ging, umgeben von seinen Jüngern, sah ihm eine 15jährige dabei zu.

Wir schreiben das Unruhejahr 1953. Das Mädchen steht vor der Auslage des Buch- und Bilderladens Berthold in Frohburg, fühlt sich an ihre vorpubertäre Nonnenschwärmerei erinnert und beschließt, das Bild anlässlich der anstehenden Silberhochzeit der Eltern zu kaufen. Durch Altstoffsammeln haben sie und ihre Geschwister ein paar Mark im Sparschwein. Den Rest gibt der bereits studierende, große Bruder Karl dazu, der froh ist, sich keinen Kopf mehr machen zu müssen, was man schenken könnte.

Das Bild ist im spärlich möblierten Vertriebenen-Haushalt der Schillers, im 4. Jahr der Wiedersesshaftwerdung sowas wie ein erster Luxusgegenstand. Vom Glauben hat sich zwar die Familie komplett verabschiedet, jedoch ist ein religiöses Gemäldemotiv eben doch so etwas, wie ein gutbürgerliches Kulturpflaster auf die Wunden, die Flucht und Statusverlust schlugen. Es findet seinen Ehrenplatz über den Ehebetten, den es bis 1988 nicht verlässt.

Das Jahr ’53 sollte in einem weiteren Punkt ein relevantes Jahr für die Schillers werden. Just zur Silberhochzeit in kleinstem Kreis, zu Hause im Wohnzimmer, kam ein Gast. Der war nicht geplant. Die Kuchenstücke waren im 6 Personenhaushalt abgezählt, der „gute Bohnenkaffee“ teuer und deshalb knapp. Noch war Zuteilung auf Lebensmittelkarte angesagt. Wer mehr brauchte, zahlte bei der HO kräftig drauf. Aber der große Bruder Karl hatte da in Leipzig einfach einen Typen eingeladen, den er am Ring-Café angesprochen hatte:

„Bist du nich der Findeisen-Seff aus Gobel; vo dor Fleischerei?“

Tatsächlich! Er hatte jemanden aus „der alten Heimat“ wiedergefunden! Noch dazu jemanden, dessen Familie in geschäftlicher Beziehung mit der Tuchfabrik gestanden hatte, wodurch in der Kleinstadt damals auch familiär ein loser Kontakt entstanden war. Das erste Abtasten beim Gespräch im Ring-Café – bei jeweils einer in die Länge gezogenen Tasse Kaffee – ergab, dass beide keine Kommunisten geworden waren und durchaus Ähnliches studierten: Human- und Veterinärmedizin. Weiter machten beide keinen Hehl daraus, wie elend sich die derzeitige familiäre Lage gestaltete, wodurch bei „Karl dem Großen“ die Spontan-Idee entstand, „Seff den Kleinen“ einzuladen, ohne aber das Jubiläum der Eltern zu erwähnen:

„Kummok am Wochenende nach Frohburg.“

Dem Findeisen-Seff war das nun extrem peinlich, als er da ohne Vorwarnung und lediglich mit einer kleinen Pralinenschachtel als Mitbringsel in die Silberhochzeit einer Familie platzte, zu der man früher „zu Hause“ halb in Ehrfurcht, halb aus Neid aufgeschaut hatte. Aber diese traditionelle Kluft hatte die gewaltsame Angleichung der Verhältnisse in jüngster Vergangenheit wie weggeblasen.

Er wurde nett aufgenommen und so wiederholten sich die Besuche. Immer öfter. Die 15jährige wurde 21 und von ihm geheiratet. Nun war das Band fest geknüpft.

Bald darauf kam ein gewisser kleiner Dakota ins Spiel. Er kränkelte. Wenn die junge Familie, die es ins 70 km entfernte Naumburg verschlagen hatte, in Frohburg weilte, achtete die nunmehrige Oma peinlichst darauf, dass „das Kind seinen Mittagsschlaf einhält“. Sie war darin die Einzige in der Sippe. Zwar hatte die junge Mutter selber mehrfache Anläufe unternommen, dem Beispiel anschließend zu Hause folgen zu wollen, jedoch gelang es dem kleinen Quälgeist stets, jenes unsinnige Ansinnen innerhalb weniger Tage weg zu quengeln. Wenn er dort mittags aus dem Kindergarten kam, war Mutter meist noch arbeiten und Großmutter war das Thema Mittagsschlaf wurscht. Welcher 4-11jährige ist mittags müde?

2. Behaarung

So ergab es sich, dass ich in Frohburg mittags immer im Schlafzimmer der Großeltern im Kinderbett am Fußende der Ehebetten lag. Südseite. Kein Rollo. Und der Jesus im Kornfeld war der einzige Aufhänger für die hellwache Phantasie, die unumgängliche Stunde zischen 1 und 2 totzuschlagen.

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Wenn ich es recht bedenke, begann mich dieses Bild schon sehr früh zu fesseln. Mit 4 oder 5 Jahren.

Wer der vorne war, wusste ich, dass der neben ihm Petrus sein würde, ahnte ich und wie die andern heißen, konnte ich nicht wissen. Die sahen alle aus wie eine Räuberbande, die in Nachthemden spazieren gingen und verbotenerweise quer durch ein Kornfeld trampelten. Wenn man ihnen das nachmachte, dann gab es garantiert einen Rentner, der am Feldrand gerade Karnickelfutter sichelte und selbst große Jungs noch zwischen den Ähren anbrüllte:

„Obor raus da! Ihr Baggaluden! Wolltor woll nich unsor Broood zordrädn! Du da! Du bisstoch  Dischlorn Seiner! Das meldch in euror Schule! Ihr Nüschdnutze iohr!“

Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen! (Zu meiner Zeit schlich man solcher Art ertappt beschämt von dannen. Es war nicht alles schlecht.)

Aber die sahen nicht wie Kinder aus. Räuberbande passte besser. Nur wurde ja der Jesus immer als „ein Guter“ beschrieben, wenn von ihm gesprochen wurde. Also entstand Gedanke Nr. 2:

Meine damalige Lieblingsmärchenplatte war die Single mit den 4 Bremer Stadtmusikanten. Aber der Schluss ist einfach Mist für einen Tierarztsohn:

Vier alte Tiere ohne Betreuung in einem Wald im Räuberhaus!

Was wird, wenn die Speisekammer leer gefressen ist? Wer zieht dem Hund die Holzböcke raus? Wer ruft den „Duktor“ an, wenn dem Esel eine Futterrübe quer im Hals steckt?

Wenn nun aber die Räuber Tierfreunde wären und mit den 4en zusammenleben würden, dann — müssten sie so aussehen wie die Typen da im Kornfeld. Sicher sind die gerade auf dem Weg zur Waldhütte, um ihren Tieren zu helfen. Wenn ich groß bin, trage ich Vollbart und befreie Troll in Kösen aus’m Zoo. Udo darf Petrus sein. Und Connie? Problem. Dem Jesus fehlt‘n einfach Mädchen in der Bande. Aber – ach! Connie kämpft eh wie ein Junge. Die is‘ einer von den andern. Der dritte da hat keinen Bart. Passt.

Um 1967 herum muss es gewesen sein, dass wir wiedermal auf dem Weg nach Frohburg waren und Vater aufschrie:

„Gucke! Jetz‘ geht das och bei uns los!“

Er hatte im Vorbeifahren eine astreine Jesuserscheinung am Roßgarten ausgemacht. Mähne, Bierglas, mehrere Ketten um den Hals stand da einer, der ungefähr aussah wie der Typ von Mouth & McNeal später. Der erste Stadt-Beatle von Naumburg. Ich hatte ihn auch gesehen und war schwer beeindruckt.

„Ungewaschne Gammler. Frisch ausm Knast! So läufst du mir nich’rum! Das hätt’s früher nich‘ gegehm.“

Hm. Wird schwierig. Das war sofort klar. Und ungefähr ein Jahr später kam Luggie in unsere Klasse. Da saß das langhaarige Vorbild nur 3 Bänke weiter im selben Raum!

Dann begann der Geschichtsunterricht in der 5.Klasse. In Klasse 6 allerhand Wissenswertes über Chlodwigs freie Franken, deren Markenzeichen die schulterlangen Haare waren!

Und immer noch in Frohburg nach dem Mittagessen: „Ab ins Bett! Wir wolln ja nicht, dass de nochmal so lange ins Krankenhaus musst! Also schlaf. Das stärkt den Körper.“

Ach Quatsch. Die Zweifel am Erwachsenenwissen nahmen zu.

Dann liegste so da und guckst den Hippies da im Kornfeld zu und ganz neue Fragen entstehen, die du auch prompt dann und wann in den Frisur-Streit einstreust:

„Vati! Du als Hitlerjunge! Wolltest du nie freier Germane sein?“

„Doch! So hamwer uns doch gefühlt!“

„Wieso hattet ihr dann immer diesen Topfschnitt freiwillig? Die Franken trugen schulterlang. Die Goten sicher auch. Wate von Stürmen trug Mähne als er Gudrun rettete.“

„Ach du. Das spielt keene Rolle. Das war ne andre Zeit. Lange Haare kratzen im Nacken. Und ziepen unter der Gasmaske.“

Nicht überzeugend. Zweifel an Erwachsenem Wissen Teil 2.

Tage später neuer Vorstoß, im Beisein von Großmutter und Mutter:

„Ihr habt doch früher alle mal an Gott geglaubt. Und die langen Haare haben nicht gestört. Der war nicht verlaust und so. Wieso darf ich dann nicht rumlaufen wie er?“

Großmutter: „Weilde dusst keene Wunder vollbring.“

Autsch!

Mutter: „Du gehst zum Friseur und ab! Keine weitere Diskussion!“

Großmutter: „Geh oke. Bist ja immer fesch wieder gekomm.“

Wie ein junger Theo Lingen fühlte ich mich dann in einer Klasse aus lauter Netzers und Kinskys, mit einem Ecke als Albert Hammond Verschnitt dazwischen. Warum bloß merken die das nicht!

Erst der Auftritt der Klaus Renft Combo in „Wünsch dir was – mit Irmgard Düren“ wendeten das Blatt.

„Wenn die sogar ins Fernsehen dürfen….“, hieß es plötzlich. Uff. Endlich Mäcke! Ende 1973!

Frisuren kommen und gehen. Anfang 1978 kam der Punk und somit der grade noch EOS kompatible Igel. Ein Irokesenkamm wäre für die Schule und die Familie zuviel gewesen.

 

3. Bewahrung

Die Jahre gingen hin und die Stagnation wurde spürbar. Die große Phrase der Partei „Alles zum Wohl des Menschen!“ war zum zynischen Witz verkommen, für alles was fehlte. Ärgerliche Jahre der Staatsagonie 87/88.

Oma aber hatte sich urplötzlich entschlossen, zu reden, wie es Staatsbürgerkundelehrbuch und „Neues Deutschland“ vorsahen. Das war neu und seltsam. Stets war sie eine eher unpolitische Frau gewesen, die sich schnell an die modernen Hobbies und Spleene ihrer Kinder und Enkel gewöhnen konnte. Für die letzte Etappe schien sie nun auf Verlässlichkeit zu setzen: Ein Alles in Frage stellen, kam für sie nicht in Betracht. Vielleicht weil der 1945er Sturz aus bürgerlicher Saturiertheit in Heimatlosigkeit und bitterste Armut zu tief gewesen war. Nun hatten sich die Kinder nach oben gekämpft und wiederum schien sich ein böser Umbruch anzukündigen, dessen Auswirkungen nicht abzusehen waren: „Ihr wisst ja nicht, wie gut‘s euch geht!“

Ihre Kräfte schwanden. In Frohburg im 2. Stock hätte sie sich nicht mehr allein versorgen können. Pflegeheime verboten sich von selbst. Sie blieb in Naumburg im Kreise der Familie ihrer ältesten Tochter und starb wohlversorgt in meinem Kinderzimmer. Das wurde ja nicht mehr gebraucht, denn ich war inzwischen „da hinten bei den Sorben“ in Lohn und Brot.

Zu Hause wurden die Trauerfeierlichkeiten zu einem historischen Ereignis, denn hier sah ich alle 7 Cousins und Cousinen zum letzten Mal komplett vereint. Einige seitdem nicht wieder. Es ist, als hielten manche Menschen die Fäden eines Netzes – und wenn sie fallen, fällt auch das Netz auseinander. Niemand hebt die Enden auf. Da war kein Zerwürfnis, nicht die Spur eines Anlasses; und trotzdem: Es sollte wohl nicht mehr sein. Ein Familientag, anfang der 90er, sehr unvollständig besucht, blieb Eintagsfliege.

Diesmal aber war noch alles in Butter. Erinnerungs-Rallye aller Beteiligten, kaum dass die Beisetzung vorbei war: Rekapitulieren all der Ferien in Frohburg, der Kauf des Tischtennis-Sets, als ich 12 war und das deshalb entstandene Abendritual:

Tante Ursel: „Aber wisstor überhaupt, dass de Muddi mitm Bludgy als er 12 war jeden Abend Tischtennis gespielt hat, oam Esstisch im Wohnzimmer?“

Onkel Karl: „Unse Muttor nach’m Oberschenkelhalsbruch, spielt noch Tischtennis im Wohnzimmer?!“

Ich (triumphierend): „Bei Rock&Roll! Denn hinter ihr lief dabei im Radio der aktuelle Plattenteller oder Memory Hits!“

Onkel Achim: „Und mir durftn uns ne muxen, weng Hofmann unter uns. Der koam dauern nörgln, dass bei ihm de Lampe däte waggln. Laufend kloppte der mitm Besen von unten an de Decke.“

Onkel Karl: „Und dannoch Rock & Roll. De letzte Schelle vo dor Mutter hoabich gekriegt, als ich Bill Haley offm Kochtöppen getrommelt hab.“

Tante Ursel: „Aber nich‘ wegen dem Haley, sondern weilde ihrn Kochlöffel abgebrochen hast.“

Eine Kamelle nach der andern tauchte auf, wurde belächelt und verschwand, wie schließlich auch die Trauergäste in alle 4 Winde.

„Wir räumen nächste Woche Omas Wohnung leer. Kannst du noch was gebrauchen?“ fragte Mutter kurze Zeit später.

„Das Jesus-Bild ausm Schlafzimmer.“

Mutters erstaunt-erfreuter Blick war einmalig.

Der Satz war mir einfach so eingekommen. Ohne Plan. Ohne Gier. Ohne „erben wollen“. Direkt aus dem Unterbewusstsein. Erst als  das Bild  in meinem Verbannungsdomizil im Schlafzimmer an der Wand hing, kam die Erleuchtung: Irgendwas muss bleiben!

Es kam mit mir herum. Von der Bauern-Kate im Sorbenwald in den Plattenbau im hohen Norden und wieder ein Stück zurück ins ererbte Haus der Schwiegereltern. Hier hängt es immer noch im Schlafzimmer. Die Hippies im Kornfeld. Oid wuarn sammor. Inzwischen klappts auch dann und wann mal mit ‘nem Mittagsschlaf darunter.

(Gemälde: Jesus im Kornfeld; von Etienne Azambré)

A sentimental journey

Es ist das Wetter. Der April. Der Frühling. Der Nasse. Die Blogs der anderen. „78 songs“ heißt so eine Verführung. Nenne sie, verlinke sie, aber werde dir erst mal selber klar darüber, welche aus der gefühlten Million deine 78 liebsten Tondrogen sind.

Nein, das mach ich nicht nach. Noch nicht? Bald? Eventuell gar nicht?

Aber ein paar Namen stellen sich sofort ein, wenn man die Listen anderer Leute liest.

Bei mir wäre auf jeden Fall George McCrae dabei;  mit seinem ganz Großen von damals: „Rock your Baby“. Ich war 13.

Oder Slade; ein Jährchen später: “I’ve seen the yellow lights go down on Mississippi….”

„Halt!“, hieß es damals in Ilja Richters DISCO: „Diese Gruppe haben wir heute für euch hier!”

Und die Kamera schwenkt von dem Einspieler-Filmchen weg auf die Studiobühne – und da stehen sie dann: Noddy Holder und seine Gang in ihren weißen Anzügen und fangen noch mal richtig an:

„I’ve seen the yellow lights go down on Mississippi,

I’ve seen the bridges of the world and they’re for real….”

Und ich hock davor. Natürlich kein Wort vom Text verstanden, aber tiiiiiief ins Mark getroffen.

Ein paar Monate danach war er dann da: Der erste Radiorecorder!

Und viele Monate und noch mehr Songs später ereignete sich ein kleines Wunder:

Ein Klassenkamerad, mit dem ich bisher nichts zu tun hatte, sitzt in meinem Zimmer und will ein paar Songs von meinen Kassetten überspielen – und ich von seinen – und er spult und spielt an und spult und spielt an und plötzlich hör ich: „Halt! Diese Gruppe haben wir heute für euch hier…“ hat er doch glatt eine Mikrophonaufnahme von eben jenem Auftritt – und ich somit Sekunden später auch: Dumpf, aber anhörbar – und der Song wirkt wieder…

Dann vergingen die Zeiten, der Reifeprozess erforderte Opfer. Erst musste Platz auf den Kassetten her für längere Werke. Shine on you crazy diamond! Dann kam der Umstieg auf große Spulen. Weg mit dem Kassetten-Archiv der Anfangs-Ära!

Viele Jahre später eine Jeanswerbung mittels der wohlbekannten „gelben Lichter da am Mississippi!“ Und DIE Erinnerung verdanke ich nun wieder Mr. Appetite’s Blog, der da Slowdive und Prefab Sprout erwähnte. Also voll die frühe 90er Packung.

Deshalb ist es heute passiert. Ich hab immer alte Männer belächelt, die plötzlich anfangen, rührselige Gedichte zu schreiben. Und jetzt bin ich selber so weit. (Mach watt!)

 

Ich seh die Dampferlichter fahren; Saale abwärts.

Sie folgen stur dem immergleichen Flussverlauf.

Ich hab kein Fernweh, bin nicht neidisch, manchmal melancholisch drauf

Und führe lieber einmal wieder Saale auf-!

 

An „Grandma’s hand“ mit Ei und Gurkenscheiben

Zum Zoo in Kösen, zum Käfig mit dem Bär

Ja, da bin ich früher wirklich oft gewesen

Und ich weiß, der Käfig ist nun leer.

 

Ref.: Denn es ist so, so weit weg

Und die Haare werden grau

Es ist so, so weit weg

Und die Zeit wird bald schon rau

Wirklich rau.

 

Burschenschaftler restaurier’n die Burgruine

Und der Dampfer legt noch immer unten an.

Hier saß Grandma meist sodann an der Melange-Terrine dran

Und ich war der Burgherr

Dann und wann.

 

Ref.: Doch es ist so, so weit weg …

 

Einst kam ich wiedermal hierher als junger Vater

Mit meiner Tochter, die war kaum 3 Jahre alt.

Der alte Tourie stand erstarrt, ganz ergriffen und vernarrt

Als ihr Lied dann übern Burghof schallt:

 

(hier Kinderstimmchen denken)

 

An der Saane hennem Strande

Stehen Buhgen dolz und kühn

Zwar die Dächern sindefallen

Doch der Wind steift durch die Hallen

Wolken ziehen düber hiiien.

 

Zwa die Hitter sindeschwunden

Nimmer kingen Schwert und Schild

Doch dem Wandersmann erscheinen

Auf den hahtbemoosten Steinen

Noch Gestalten zart und müd.

 

Der Mann, der Bär, das Lied der Zeit

“Maybe, there’s a world, where we don’t have do run; maybe there’s a time, we call our own….“

Schon wieder wird ein Nachruf nötig, denn:

Ein ganz normaler Sonntagnachmittag in europäisch Maueritanien. Sagen wir 1980.
Der Fernseher läuft. ARD. „Der Mann in den Bergen“. Der späte Nachmittag geht hin. Morgen wird noch einmal ausgeschlafen, dann aber wieder die verhasste Kluft angelegt und Mittag geht’s zum Bahnhof.
Die Fahrt zur Klippenkotzerinsel ist verflucht umständlich und Dienstagmorgen 6:00Uhr früh endet der Urlaub. Immerhin ist das der letzte Urlaub als „Zwischenhund“, das zweite Diensthalbjahr ist abgedient. Beim nächsten Mal zu hause bin ich „E“!* Das Bandmaß ist besorgt. Die Zwiospange hängt leer bereits ein halbes Jahr am Schlüsselring. Vater hat Stiefeleisen besorgt und platzt immer noch vor Stolz, dass sein Sohn ein „Gedienter“ ist.

Mir aber ist scheißegal, ob ich Gefreiter werde oder mir eben die 3 Dellen in die Schulterstücke falze. Inzwischen bin ich Spießschreiber. Ein Druckposten, sollte man meinen. Aber mein Spieß ist ein besonders blöder. Und die Blöden sind gefährlich. Wir hassen uns. Er versucht mir einen Strick nach dem andern zu drehen und gottlob ging’s schon 2x zu meinen Gunsten aus. Ich besitze inzwischen 10 West-LPs! Nur DAS zählt! Zeit läuft. Wenn sie rum ist, besuche ich meinen Dealer in der Bezirksstadt und borge mir seine Platten zum Aufnehmen: Ambros, Danzer, Heller, Hunter, Meat Loaf…. DAS wird ein Fest!

„Es geht voran!“ ist mein Gedanke, obwohl es den Fehlfarbensong noch gar nicht gibt.

Diesmal ist die Rückkehr in die Kaserne trotzdem besonders schwer. Denn der Urlaub war besonders schön. Es war ein Kompanieurlaub und deshalb war ich unerlaubt im Harz, um einen Kapo zu besuchen und mir seine „Seconds out“ von Genesis auszuborgen, um sie aufzunehmen. Mutter schickt sie seinen Eltern dann per Post zurück. Das Archiv wächst.

Udo war da. Er ist immer noch nicht einberufen worden und hält mich über seine Radiobeute auf dem Laufenden. Musikjunkies sind wir beide. Der Geschmack ist zu 85% identisch. Man kann das Band also unbesehen durchlaufen lassen. Die Aufnahme läuft und wir quatschen zwei-drei Songs lang, dann hält Udo plötzlich inne und guckt mich an: „Bass off!“

“Deep inside a forest, there’s a door into another land….”

“Yeahr! Du hast es?!”

“Tom* Pace heeßt der Typ.”, strahlt er zurück.

Die Serie ist unrealistisch wie nur was. Ich habe 1980 nur 4 Episoden sehen können. Aber sie transportierte notwendig romantische Harmonie, in einer Zeit, in der ich das wirklich gebraucht habe. Und der Song passte ebenfalls wie Arsch auf Eimer.
Udo erging es ebenso, wenn auch aus andern Gründen.

„Wenn wir beede die Scheiße rum ham, baumer uns ä Blockhaus im Buchholz, holn Troll aus K. und schießn of jeden der gommt!“, grinst er.
Heute starb Dan Haggerty der Hauptdarsteller. Erst Bowie, nun er …

 
* E = EK = Entlassungskandidat; Bandmaß zum Tage zählen, Stiefeleisen für die Absätze der Knobelbecher, damit es beim Gehen klackt: Der Klang der Freiheit!

** Das TH konnte er vom bloßen Hören am Radio natürlich nicht mitkriegen. Thom Pace.

Kastanien I

„Guckok! Der schiene Chris’baum mitten im Friehjoahr!“
Großmutter und ich gingen gerade am Knast vorbei in Richtung Straßenbahn.

Der „Knast“ gehört zur schönsten Stadt der Welt, wie der Dom und der Marktplatz. Zwar grenzt er nicht an diese beiden Sehenswürdigkeiten, jedoch stellte er selber einst eine dar. Ursprünglich handelte es sich um ein gründerzeitlich chices Schwurgericht, mit unauffälligem Zellentrakt dahinter und moderat neuromantischer Feldsteinummauerung. DSC02612-044blogbild
Doch die wechselnden Regime des 20. Jahrhunderts schienen sich in punkto Machtdemonstration überbieten zu wollen und so wurde alle paar Jahrzehnte die vorhandene Einfriedung erhöht, teilverputzt, verstacheldrahtet oder durch Zusatzgemäuer das Gesamtdesign verschandelt und 2012 außer Dienst gestellt.

Großmutter konnte mir den Baum nicht zeigen, denn der eine Arm musste vornehm angewinkelt bleiben, weil die Armbeuge die Handtasche hielt und an der anderen Hand hatte sie mich; frisch bebrillt und mit Heftpflaster über dem linken Brillenglas. Die 60er gingen noch davon aus, dass so Schielen korrigierbar sei.
Wir befanden uns außerdem an der verkehrsreichsten Kreuzung der Stadt und so ließ ich prompt mein verbliebenes Adlerauge über Straßenverkehr schweifen, denn irgendwo musste doch dieses weihnachtliche Phänomen zu bewundern sein!

Nichts!

„Wo denn?“, fragte ich enttäuscht.

Großmutter: „Na sisstes neh? Da!“ Sie ließ meine Hand los und bog mir den Kopf nach oben:
An der Haupteinfahrt des Gefängnisses stand eine Uralt-Kastanie kerngesund in voller Frühlingspracht. Ihre „Kerzen“ waren wirklich nicht zu übersehen. Aber es brauchte die Großmutter, damit sie dem Steppke endlich einmal bewusst wurden.

„Oh, ja! Aber das Lametta fehlt.“ alberte ich los.
„Patzi du! Tu ok nee spinn’n!“, schmetterte sie meinen Einfall kalt ab.

Die Kastanie am „Knast“ war mir von dem Tage an ein Begriff. Ein allein stehender Urwaldriese, der in seiner Jugend das Buchholz noch gekannt haben mag, als es sich bis zum Salztor erstreckte und der bei der Vorstadtbebauung zu Kaisers Zeiten stehen gelassen wurde.

Vorne Altstadt, hinten Villenviertel, der Knast war die mahnende Schnittstelle zwischen der Arbeitswelt kleinbürgerlicher Läden und dem Luxusleben pensionierter Offiziere und Justizräte im Bürgergartenviertel: Eine Wohlstandsgegend unter lauschigen Wipfeln uralten Baumbestandes des ehemaligen Waldes, von dem oben auf dem Berge noch ein Rest existierte. Ziel der fast täglichen Kindergartenspaziergänge zur Waldschlosswiese, dem Schauplatz meiner erträumten Troll-Befreiungsabenteuer. Zwecks Baulandgewinnung um 1900 hatte man klug berechnend gerodet, so dass in jedem zweiten Villen-Garten eine alte Eiche, Buche, Linde überlebte – ganz so, wie eben die Kastanie am Gefängnistor.

Was ein Gefängnis ist, war bereits mit dem 3jährigen erschöpfend geklärt worden.
Ins „Gefänk-nis“ kommen Diebe. Dieb wird man, wenn man als Kind nicht auf die Erwachsenen hört und heimlich an die Keksdose der Großmutter geht. Dann wird man verhaftet, und bekommt diesen schwarzen Schlafanzug an, mit dem breiten gelben Streifen auf dem Rücken und an den Hosenbeinen, den man den ganzen Tag tragen muss. Dann muss man den Hof fegen, Tag und Nacht, und kurz vor der Entlassung eben auch mal draußen vor der Mauer. Zu essen gibt’s nur altbackenes Brot und Brennnesselsuppe… Ich wusste also Bescheid. Nichtsdestotrotz wurde die Belehrung beim fast täglichen Vorbeimarsch erneuert:

„Wenn du wieder ohne zu fragen die Keksdose tust plündern, gehmor da nei und dann gebch dich doa ab“, bekam ich gar oft zu hören. Jedoch verfehlte die erzieherische Maßnahme alsbald jegliche Wirkung auf den in mir schlummernden schwerkriminellen Süßwarenvernichter.

„Ich war da schon!“, konnte ich (mit sechs) stolz kontern. Zum Tag der Volkspolizei hatte die Kindergartengruppe dort vorgesungen und war anschließend bewirtet worden – mit Keksen!

Das Gefängnis war ein hingenommenes Gebäude. Mehr nicht. Der Baum davor bekam mehr und mehr Bedeutung. Als ich die Heldensagen las und immer wieder mal so Taten wie „ Mit nur einem Axthieb fällte er die Eiche, deren Stamm 6 erwachsene Männer nicht umfassen konnten.“ angedreht bekam, war DIESE Kastanie mein Maßstab. Connie, Udo und ich reichten (9jährig) nicht aus, um sie zu umfassen!

Großmutter ging mit mir ein paar Tage nach dem Chris’baumwunder in unsere Gartenparzelle hinter dem Mietshaus und stellte mich vor ein dünnes Gewächs, das meine Größe hatte.

„Na? Wesstes schon, was das kennte sein?“
„Nö? “
„Guckok die Blätter! Finger wierane Hand – ist? — eine? —-“
Achselzuck meiner- und aufkommender Unmut ihrerseits.
„Kastanie!“ triumphierte sie.
Und weiter: „Die habbich gepflanzt, als mer hier sein ei’gezong. Damits hier a bissl so werd wie zehause. Frieher in P. an meim Vaterhause standen ooch Stücker sechse! Die Kastanie dafier hobbich am Gefängnis aufgehohm. Da hab ich mich noch konnt bicken. Das Bäumchen is alt assu wie du.“
Und weiter:
„Fassocke mal a dohier. Spierstes?“
Der obere Teil war klebrig.
„Wie Honig, nich wahr? Aber nee abbrechn, hearst! Da wächst se nimmer! Fressn kannsts se eh nee, da verreckscht! Hearst!“
Ich ging nun alle Paar Tage kontrollieren, ob die Spitze noch dran ist und belehrte Udo mit meinem neuen Wissen. Jedoch auch er verblüffte mich mit einer weisen Vorausschau:
„Noch isse dünne und kleen, obor wemmor erwachsn sinn, beschmeißn sich hier unsre Gindor mit Gastanchen und unsre Weibor lächnse übers Knie dafor.“
Wow.
Leider sollte es anders kommen.
Zwei Jahre später zogen wir ins Eigenheim. Die Nachmieter gestalteten als erstes die Gartenparzelle um. Großmutters Kastanie wurde nur 7 Jahre alt.

Traumschwimmer

(Fortsetzung von „Unterstufenkrieg“ und „Troll – der Bär“)

Die zweiten langen Sommerferien hätten es werden sollen. Spielen, lesen, ins Kino gehen, baden, Fahrrad fahren, eine Woche bei Oma sein und in der dortigen Bodenkammer auf Schatzsuche gehen…. Soweit der Plan.
Aber Mutti hatte da noch eine Überraschung in petto:
„Die ersten 14 Tage gehste ins Schwimmlager nach B.-S. Nächstes Jahr hätt’ste sowieso gemusst und so haste bissel Vorlauf. Vielleicht lernstes Schwimmen dieses Jahr schon, dann brauchste nächstes Jahr nicht.“

Klang logisch, denn mit Sport hatte er’s nicht so. Und Schwimmen war so was Ähnliches.
Unlogisch war jedoch, dass nicht bedacht wurde, dass er in ungewohnter Umgebung zum „fremdeln“ neigt, dass er auf Grund dieses Mutti-Plans unter die älteren Dritt- und Viertklässler gesteckt wird, betreut von 2 Lehrern, die – eher den Umgang mit „Großen“ gewohnt – die Tantenhaftigkeit der Klassenlehrerin vermissen ließen, und obendrein war Schwimmen lernen nun gar nicht das Gebiet, auf dem bei ihm schnelle Erfolge zu erwarten waren, Misserfolge aber Verspottungsgefahr erzeugten – und weil das alles noch nicht reichte, schien sich auch noch das Wetter entschlossen zu haben, nicht mitspielen zu wollen.

Bisher hatte es bei familiären Badeausflügen geheißen:
„Komm aus’m Wasser, da hinten zieht Regen auf! Wir fahren nach Hause.“

Jetzt war es genau andersrum: „Habt euch nicht so ihr Memmen! Das bissel Sprühregen! Die nächsten beiden an die Angel! Du und du!“

Herr Rohloch und Frau von Turnberg hielten je eine Angel, an der mit Hüftgurt ein Nichtschwimmer befestigt und ins „Tiefe“ gehalten wurde und dann galt es choreografisch richtig zu strampeln, während die Meute im Bademantel am Beckenrand stand und kommentierte.

Regen, Wind und blöde Sprüche – so macht Schwimmen lernen Spass!

Das Wetter verweigerte sich konstant und Rohloch und von Turnberg blieben unerbittlich.
Er mit ironischem Möchte-gern-Witz, sie mit aristokratischer Kälte und paramilitärischem Kommando-Ton. Ihre hoch aufgerichtete, hagere Gestalt, die helmartig starre mittellange Silbermähne, der immer gleiche schwarze Gymnastikanzug von dem sich die Silberkette mit der Trillerpfeife abhob, unterstrichen die diabolische Schneeköniginnen-Wirkung auf den 9jährigen, der bisher ausschließlich tantenhaften Umgang mit fremden Frauen erfahren hatte.
Zu Hause war ebenfalls keine Gnade zu erwarten. Die Eltern hatten es selbst nicht anders erlebt. Auch in ihre Kindheit war eines unglücklichen Tages die Parole hineingeplatzt: „Gelobt sei, was hart macht!“ Aber inzwischen war doch 1969!?!
Die mildernden Umstände bestanden lediglich in einer versprochenen Cowboykutsche, die es für’s Durchhalten geben sollte. Da half kein Betteln.
So wuchs die stille Wut von Tag zu Tag.008blogbildVollends, als er eines schwarzen Vormittags in B.-S. die Totalverweigerung versuchte und einfach von Herrn Rohloch ins Wasser geschmissen wurde.
Das Selbstwertgefühl rappelte sich zwar schnell bei jeder Heimfahrt wieder auf, denn nun stand ein Nachmittag der Freiheit bevor, brach aber auch jeden Morgen spätestens auf dem Bahnhof wieder zusammen, wenn er die anderen sah…

Aber auch solche 14 Tage haben mal ein Ende und hinterher gab es ja noch 6 Wochen Verdrängungszeitraum, bis die Schule wieder losging und man den Auslachern würde begegnen müssen.

Dann herbstete es. Die Ferien endeten. Die Schule begann.
Zu Beginn eine Überraschung: Die frischgebackene 3a wurde nicht mehr von Frau O. begrüßt, sondern von Frau Sch., was Umstellung bedeutete. Hausaufgaben musste man sich nicht mehr merken, sondern ab jetzt hatte man ein Hausaufgabenheft. Den Stundenplan gab es nicht mehr ausgefüllt in die Hand gedrückt, sondern er wurde nun ins Hausaufgabenheft diktiert.
Das wäre ja noch gegangen. Aber es gab noch eine Überraschung: In der 2. Klasse waren alle Fächer von Frau O. gegeben worden außer Sport und Musik. In Sport hatten sie bisher Herrn Iland, ein Mann in mittleren Jahren, vom Typ witziger Onkel. Es wurde bekannt gegeben, der sei momentan Reserveoffizier und deshalb hätten sie bis auf weiteres Sport bei – Frau von Turnberg!
Durch die Klasse ging ein Stöhnen. Ihr Ruf der Unerbittlichkeit war legendär.
Bis auf die Sitzenbleiber: „Na wassn? Die alte Dornberchn fetzt doch!“
Diese Zweiteilung bewahrheitete sich umgehend.
Nirgendwo konnten die Dämlacke so glänzen wie im Sport bei Frau von Turnberg! Hier wurden sie regelrecht zu Helden!
„Komm Gunter. Mach mal vor. Sehr schön! Seht ihr? So muss das aussehen!“
„Nehmt euch ein Beispiel an Dietmar und Gunter! Das sind Kerle!“
„… die schwänzen, stottern und das kleine 1×1 immer noch nicht können!“ dachte sich der kleine Schwimmlagerveteran bockig schweigend. Die alte Wut von B.-S. kam jede Sportstunde wieder hoch, aber er duckte sich weg und versuchte möglichst selten im Blickfeld von Frau von T. zu erscheinen.
Es ließ sich jedoch nun mal nicht vermeiden, dass bei fast jeder Disziplin auffallen musste, wer was kann und wer nicht. Er wusste, dass er in diesem Fach dauerhaft bei den letzteren festgetackert bleiben würde. Und er fürchtete die bekannten Kommentare aus B.-S.
Während Frau von T. sportliches Versagen bei anderen Schülern mit Motivationshinweisen, wie „Mehr Schwung du lahme Ente! Du hängst am Reck wie’n nasser Sack! Du wirst doch wohl deine dürren paar Knochen über diesen Bock bugsiert kriegen!“ würzte, hielt sie sich bei ihm auffallend zurück.
Aber das war keine Güte, sondern Ergebnis eines Elterngesprächs, bei dem Mutti die ganze Krankheitsgeschichte ihres Sohnes vor diesem eiskalten Monster ausgebreitet hatte.
In ihrem Blick war auch kein Mitleid, sondern geringschätzendes Augenverdrehen, bevor sie ihn wortlos vom Bock hob oder an der Reckstange wieder aufrichtete.
Wenigstens gab es aus der Klassenmeute keine Bemerkungen a la B.-S., man kannte sich lange genug untereinander und dass der Witze-Erzähler und Hausaufgabenspender nun mal am Reck nichts gebacken bekam, war für alle normal.
Frau von T.s Herablassung reichte als 3x wöchentliche Pein auch völlig aus.
Schließlich kehrte Herr Iland von den Soldaten zurück und – bekam andere Klassen.
Im 3. Schuljahr lief nichts mehr wie es soll…

… eines Nachmittags war wieder Sportunterricht in der Halle. Das sonnige Wetter draußen ließ die Freiheitsberaubung in der staubigen Halle besonders schmerzlich empfinden. Es war Stationsbetrieb und Frau von T. überwachte das Stangenklettern. Gunter, wie immer der Star, schaffte spielend 6x hintereinander, davon 2x ohne Beinarbeit…
Was für ein Unterschied zu ihm selbst, der die Halle noch nie von da oben gesehen hatte!
Im Stillen beneidete er Gunter für seine Körperkraft. Sicher hätte man mit Training wenigstens ein wenig gutmachen können, was die Natur von sich aus verwehrte. Aber Training wäre in seinen Augen Unterwerfung gewesen. Eine weitere Erniedrigung nach Schwimmlager und Muttigespräch! Lieber wollte er zu seinen Mängeln stehen und indianisch stoisch die Konsequenzen tragen. Die Turnberg-Tortur zu überstehen, war sein Kriegerweiheritual, wie einst Tanto im „Land der Salzfelsen“ am Marterpfahl gestanden hatte.
Geheult wird nicht! Nur still gehasst!
Da kam auch schon die Aufforderung: „So. Los! Und nu du noch!“ Mit dieser Handbewegung halb Heranwinken, halb Wegwerfgeste, die spüren lassen sollte: Der Versager wird’s wieder nicht bringen.
Da hing er plötzlich wieder an der Angel, hörte den Nachhall der Kommentare vom Beckenrand damals, das Unterbewusstsein reagierte prompt: Mit Dakotablick trat er an die Stange. Ein Anhopser, ein Armzug nach oben, 50cm über dem Boden für 10 Sekunden, herabgleiten, loslassen, Achselzucken und zurücktreten ins Glied. „5 wie immer.“, war der Kommentar der Hexe. War da nicht dieses leichte Lächeln in ihrem rechten Mundwinkel?

Rumms! flog die Tür der Turnhalle auf. Krax! Der zweite Türflügel splitterte gleich hinterher und in der Öffnung stand – Troll!
Die Schüler der anderen Gruppen verkrochen sich blitzschnell hinter die Mattenstapel und Kästen. Andere flohen durch den Geräteraum auf den Schulhof und suchten das Weite. Troll stellte sich auf die Hinterpfoten und tappte auf Frau von T. zu.
Der kleine Dakota erwartete, dass nun das geschehen müsste, was sonst im Wald geschah, wenn die „Großen“ kamen, aber Frau von T. war kein 4.Klässler.
Angstfrei baute sie sich vor dem Bären auf und herrschte in an: „RAUS!“
Auf „S“ kam die Pranke und fegte sie durch den Raum.
Ihr Körper sank an der Sprossenwand tot herab.
Die noch im Raum befindlichen Mitschüler flohen aus ihren Verstecken nach draußen. Troll machte sich über die Leiche her, wie damals über den Pfau.

Draußen auf dem Hof knätterte eine Schwalbe heran und verstummte.
Der ABV stieg ab und betrat die Halle. Es handelte sich um Obermeister Fischer, Volkspolizist der freundlichen Sorte, der es aber wegen seiner Abkassierlust zum Spitznamen „Stempel-Fischer“ gebracht hatte. Auch dieser ungewohnten Situation war er gewachsen.
Er sah den kleinen Dakota, den Bären und die schon weiß schimmernden Rippen umgeben von schwarzen Textilresten am Boden.
„Wassn hier los?“
Er zückte seinen Notizblock und einen Stift.
„Hm. Kleiner Unfall.“
„Seh ich. Wer warn das da?“ und er wies auf die Knochen.
„Frau von Turnberg.“ gestand der Kleine.
„Ach?“, staunte Stempel-Fischer und klappte den Notizblock wieder zu. „Gegen die häuften sich ja in letzter Zeit allerhand Beschwerden.“
Nun war die Verblüffung auf Seiten des Kleinen. Er hatte mit Ärger gerechnet, aber es kam lediglich ein besänftigendes:
„Bass in Zugunfd bissl bessor of, of den Bär’n, gloar?”
“Glar.”
Stempel-Fischer machte kehrt, ging zu seinem Moped und knätterte davon.

Troll und der Kleine verließen nun ebenfalls die Halle. Im Umkleideraum, wo noch die Sachen der geflohenen Klasse lagen, war nur schnell der Trainingsanzug überzuwerfen. Sie gingen über den Schulhof zum Torbogenhaus.
Dort im Schatten des Tores stand mit über der Brust verschränkten Armen Tschetansapa, der Adoptivbruder des Kleinen. (Der Zug voller Indianerwaisen war vor ein paar Monaten tatsächlich angekommen.)
Sie standen sich gegenüber und musterten sich kurz.
Tschetansapa knurrrte mehr als er sprach: „Ich habe dir den Bären geschickt.“
Der Kleine erwiderte ohne eine Miene zu verziehen: „Hab ich gemerkt.“
„Gut?“
„Gut.“
Die drei verließen zufrieden das Schulgelände.

(Schnitt!)

Zwei Tage später würde er wieder in der Halle stehen.
Frau von Turnberg würde wie immer starten:
„In Linie zu einem Glied angetreten! Wir beginnen die Sportstunde mit einem einfachen SPORT -!“
„FREI!“ lautete die reflexartige Antwort des gehorsamen Massenchores. Sein lautloses „SCHEI…!“ fiel in dieser Ummantelung niemandem auf. Mehr war nicht drin.
Er dachte an Troll und Tschetansapa. Die beiden halfen das Schuljahr zu überstehen.
Danach war Frau von T. in Rente.

Troll – der Bär

„Ich fahr of K. un’denn Klenn’n nemm ich mieht.“, sprach Großmutter und so geschah es dann auch. K. war ein Kurort zwei Bahnstationen entfernt von N.
Er fuhr gern mit nach K., denn er wusste: Ritterburg-Ruine oder Zoo würden zum Ziel werden, auch wenn zunächst Gesundheitstechnisch ein Spaziergang an der Sole-Berieselungsanlage das eigentliche Ziel hätte sein sollen, wegen der Lungenstärkung. Jedoch manchmal war der Weg am Gradierwerk gesperrt und manchmal disponierte Großmutter nach Ankunft in K. einfach um.

Die erste Station in K. war immer das Café „Aufwärts“: „Ein Eis mit Früchten für denn Klenn’n und a Melange für miech.“, orderte sie als Frau von Welt mit Hut und ohne sich lange mit der Speisekarte aufzuhalten.
Kellner-Reaktion: „Hä?“
Sie wieder: „Eisbecher mit Obst, hammse?! Mir bringse a Tippl Kaffee und eine Portion Schlagobers – halt Schlagsahne, wie mor hierzulande sogd.“
Kellner nickend ab…
Wenn das Bestellte dann auf dem Tisch stand, schmiss sie sich zwei Löffel Schlagsahne in den Kaffee, lehnte sich zurück und war – glücklich.
Beim ersten Mal fragte er, irritiert von der überschäumenden Tasse: „Was machstn da?“
„Ahne Melaansch! Bei uns zu Hause hoste kunnt so was bestell’n, aber hier wissense neh was guttis.“ Schlürf.
Er war nicht völlig überzeugt, weil das Zwischenergebnis nach dem Abtrinken irgendwie schleimig aussah, aber inzwischen bevorzugt er seinen Kaffee selber so.

Die zweite Station war meistens der kleine Tierpark des Ortes, denn die Ritterburg lag zu weit abseits. Im Tierpark war das Ritual ebenfalls ein unspektakulär festgelegtes. Großmutters Anziehungspunkt waren die Rhesusaffen. Die bekam er jedes Mal erklärt. Sie ließen ihn trotzdem kalt. Interessanter waren die freilaufenden Störche, denn die verloren ab und an mal eine große Feder und genau auf diese Beute hatte er es abgesehen! Aber neben der Hoffnung lauerte auch die Gefahr:

Freilaufende Pfauen!

„Geh ok nee zu dicht! Die spring dir of de Schulter und hacken dir die Schädeldecke kaputt.“
„Großmutter! Ich hab doch keine Decke übern Kopp!“
Rumms! Großmutter hatte schnell die Faust geballt und ihm die Fingerknöchel unsanft von oben in den Skalp gerammt.
„Aua!“
„Was da weh tutt, is die Schädeldecke.“
Ihre Lehrmethoden waren effektiv.

Und wenn jetzt so ein Pfau auf ihn zustakste, war es auf alle Fälle besser, hinter Großmutter zu stehen. Würde sich das Gruselvieh an ihr vergreifen wollen, läge es im Handumdrehen auf ihrem Schoß und würde gerupft. Die Gänserupfende Großmutter hatte er selbst neulich in der Küche sitzen sehen.

War die Gefahr vorbei, ging er zum Bärenkäfig. DAS war SEINE Attraktion. Das jämmerlich kleine Gehege mit der großen in den Fußboden eingelassenen Bärenbadewanne und Troll und Anka, den Braunbären, die zwei Jahrzehnte hier im Kreis gingen, sich ab und an hinsetzten, um mit den Vordertatzen zu betteln.
Bären haben keine Mimik heißt es. Quatsch mit Soße!
Er sah ihn doch, den gequälten Blick! Zwischen ihm und Troll bestand so was, wie ein Vertrauensverhältnis.
In den Kindergartenjahren waren die Bären „echte Teddys“. Seit der 2.Klasse war er Dakota! Ein Sohn der Großen Bärin! Auch wenn man das wegen der Brille und dem Scheiß-Fassonschnitt jetzt nicht sah. Troll sah man den Grizzly ja auch nicht an. Sie verstanden sich ohne Worte. „Hol mich hier raus.“ sagten die Augen des Bären unmissverständlich.
Der Kleine hielt allen Ernstes Ausschau; schlich um den Rundbau herum, sah hinter der Absperrung die Tür für die Tierpfleger: Riegel mit Vorhängeschloss… Schade. Da war nichts zu machen.
Insgeheim auch irgendwie gut so, denn was würden die Eltern sagen, wenn er Troll wirklich mit nach Hause brächte? Und wie würde der sich mit dem Hund vertragen?

Jedes Mal schlich er so um den Käfig, und jedes Mal schob er die große Rettungsaktion auf, nicht ohne sich per Gedankenübertragung bei Troll dafür zu entschuldigen, während Großmutter in der Nähe auf einer Bank saß und auf einem Stofftaschentuch geschälte Grüne Gurke und hartgekochtes Ei bereithielt.
„Was märst da an den Bären rimm, warste scho bei den Rhesusaffm?“ So ganz war Großmutter eben doch nicht „Unschida“.

Wenn er da so halb am Absperrgitter hochgeklettert stand und Blickkontakt zu Troll suchte, verschwand die Welt:

Troll&AnkaTroll und er streunten durch den Wald, befreiten Rehe und Hasen aus Fallen und machten am Rande mancher Lichtung Rast, um auf den röhrenden Hirsch zu warten, der nun mal auf jede richtige Lichtung gehört. Der kleine Dakota verstand die Sprache der Tiere und wenn Troll ihm dann sanft die Tatze auf die Schulter legte, sollte das heißen: „Danke, dass du mich da rausgeholt hast.“
Und wenn dann plötzlich im Wald „die Großen“ aus der 4. Klasse auftauchten und ihn verdreschen wollten, stiegen sie von den Rädern ab, weil sie den Bären im Gebüsch übersahen. Ein Pfiff von ihm und Troll stand auf den Hinterpfoten an seiner Seite! Ein einziger Brummton reichte – und der kleine Dakota genoss die Flucht seiner Feinde, die ihre Fahrräder im Stich ließen und sich in Luft auflösten…
Oft, wenn die Träume soweit gediehen waren, kam wieder so ein Pfau daher und der große Krieger rettete sich in Richtung Großmutterbank. Pfauen konnten einem aber auch alles versau’n!

Bären waren demgegenüber viel ungefährlicher!

Eines Tages las Mutti aus der Zeitung vor, dass da etwas ganz Furchtbares im Zoo in K. geschehen sein soll: Ein Pfau sei auf den Sims des Bärenkäfigs geflogen und Troll hat durch die Stäbe gelangt und sich eine Sonderration Geflügel genehmigt. Die Besucher seien geschockt gewesen. Der kleine Dakota wusste: „Das hat er für mich getan. Troll hat mir die Schädeldecke gerettet!“
Aber da war auch der Schreck: Wird dem Bären jetzt Tollwut unterstellt, wie einem Hund, der mal irgendwo daneben gebissen hat? Wird er am Ende sogar eingeschläfert?
„I wo“, beruhigte Vati: „Das ist doch für Bären ein ganz normales Verhalten. Der Pfau war schuld.“
Eben! Selten war er mit Vater so dermaßen vollständig einer Meinung.

Mit 15 war er lang schon kein Dakota mehr, obwohl nun endlich die Haare die richtige Länge gehabt hätten. Jetzt war er eher so was wie der 5. Mann von Slade. Und im Zoo in K. ist er seit 2 Jahren auch nicht mehr gewesen.011blogbild
Da hockte er eines Tages bei Mario vor der Musiktruhe, um dessen Reinhard Mey Live-Album „20 Uhr“ aufzunehmen. Westplatte! Heiligtum! Darf immer nur auf dem Plattenspieler des Besitzers laufen!
Bis dahin kannte er nur die Blödelsongs a la „Annabelle“, „die Schlacht am kalten Büffet“ und „den Mörder, der immer der Gärtner ist“. Hier lernte er jetzt den ernsthaften Mey kennen.
Die Aufnahme geschah per Mikrophon, weil das Truhenunikum aus den 50ern stammte und keinen Diodenkabelausgang hatte. Also musste geschwiegen werden. Mario hielt das Mikro vor den Lautsprecher. Er selbst behielt die Kassette im Blick, um bei Bandsalat sofort reagieren zu können – und dann kam das letzte Lied der ersten Plattenseite („Der alte Bär ist tot und sein Käfig leer“) und da wurden ihm die Augen feucht, denn er kam sich plötzlich so verdammt treulos vor. Ja, er wusste zu diesem Zeitpunkt nicht einmal, ob Troll noch lebte und in K. immer noch im Kreis ging…