Heyses Venus

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Heyses Schlussstein

Ist!

Das!

Stark!

Da wollte einer den Buchmarkt nochmal so richtig rocken, aber keiner hat’s gehört. Die zeitgenössischen Literaturgeschichten schweigen das Werk tot, wie zuvor schon „gegen den Strom“.

Heyse schrieb 1910 mit  -für DIE Zeit- sensationellen 80 Jahren seinen letzten Roman – und es ist ein toller Schlussakkord geworden! Auch wenn „gegen den Strom“ sein eigentliches „Vermächtnis-Album“ bleibt – aber da war noch was offen!

„Für wie moralisch integer haltet ihr unsere Zeit, liebe Leute?!“, fragt er und liefert die Antwort mit: Nicht mehr meine Zeit; aber eure eigentlich auch nicht! Ihr seid nicht in der Lage, das ins Bessere zu drehen! Das 20.Jahrhundert wird kein leichtes!

Der Titel mag manchen abstoßen.

Er gemahnt zunächst an das berühmte Botticelli-Gemälde, meint aber die Entstehung einer der vielen Coverversionen, die um 1900 entstanden und heute alle ein bisschen wie die Schlafzimmerbilder vom Trödler nebenan wirken. Die Maler alter Schule waren in der Bredouille. Heyse springt ihnen bei. Der Liebhaber von Zentauren und Illias-Bebilderung bleibt vom Impressionismus unbeeindruckt.

Etwas ähnliches hat Heyse mit seiner Novelle von der „Irdischen und himmlischen Liebe“ schon mal geboten. Damals stand ein alter Tizian als Namensgeber Pate. Auch dieser Titel las sich gewöhnungsbedürftig, doch auch diese Novelle gehört unbestreitbar zu seinen Hits.

In der „Geburt der Venus“ erhältst du eine hauchzart erzählte, anheimelnd tolle Liebesgeschichte. Hier kriegt er dich genauso wie mit „dem verlorenen Sohn“ und den „Moralischen Unmöglichkeiten“.

„Es gibt moralische Unmöglichkeiten, die einer solchen Eheschließung nun mal im Wege stehen.“, sagt der sympathische Vater des träumerischen Malers. Zufall? Berechneter Wiedererkennungseffekt?

Das Vater-Sohn-Gespräch, aus dem der Satz stammt, ist eins der vielen kleinen Highlights des Werkes. Wenn der Sohn die dem Vater entgangene Karriere lebt, dann ist das Topverhältnis sattelfest. Beide verachten elitär die spießbürgerliche Meute. Und trotzdem bedrohen die Spielregeln des „blöden Haufens“ das Familienglück.

Heyse thematisiert die völlig überholte Heiratsetikette seiner Zeit, die uns heutigen Lesern eigenartig kurdisch/arabisch vorkommt. Und die Duelle waren unsere Spielart von Ehrenmord. Wobei eher die Männer zu schaden kamen.

Das erbärmliche Schicksal der Hanna illustriert zeittypische Umstände und führt somit dem Leser vor Augen wie prüde und somit folgerichtig frivol verdorben ein Zeitgeist ist, der die Erschaffung erotischer Kunst sofort in den Dreck zieht. Wenn Heyse hier 1910 mit Moralkriegern seiner Zeit abrechnet, dann hinterlässt das so einen überraschend aktuellen Nachhall.

Herrlich beschrieben, wie Trude, die Pastorentochter, den Fanatismus ihres Vaters unterläuft und damit zeigt, wo Heuchelei für den gesunden Menschenverstand überlebensnotwendig ist: Im Pfarrhaus.

Ja, wieder ein böser Pastor, wie in „Crone Stäudlin“, wie in „Moralische Unmöglichkeiten“.

Ja, wieder so ein aristokratisches Aschenputtel wie die Traud in „Irdische und himmlische Liebe“.

Ja, wieder so ein verpeilter Professor Chlodwig, wie dort, diesmal als aussichtsreicher Maler.

Und wieder so ein Dr. Berndt, als zynischer Kommentator und helfender Freund, der wiederum mehr Durchblick hat, als die Hauptfigur.

Heyse variiert die „Irdische und himmlische Liebe“ hier zum Roman. Er zeigt, dass ihm zum Ende hin bewusstwurde, dass das sein bester Plot war.

Der Zweitaufguss alter Ideen kann schief gehen. Ihm gelingt er! Jedenfalls bei mir trifft er ins Schwarze. Wie Yes mit „Yes-Album“ und „Fragile“, wie Pink Floyd mit „Dark Side…“ und „Wish you…“, wie Nazareth mit ihrem Debut und der „expect no mercy“.

Und das Sahnehäubchen an der ganzen Geschichte ist, dass dieser Schlusspunkt einer großen Laufbahn mit Spielhagens „Opfer“ von 1901 zu korrespondieren scheint, was ja auch in dessen Fall fast ein Schlusspunkt war.

Heyse, mit einer Kunstauffassung von gestern und Moralvorstellungen von morgen, Kind seiner Zeit, präsentiert die Themen jener Ära zeittypisch: Allweil realistisch, aber umhüllt mit Schmauchspuren vergehender Romantik, die sich „klassisch“ gibt und somit Gefahr läuft, nur als kitschig verlacht zu werden. Der notwendige Gegenpol zu Fontane und Mann.

In Zeiten, wo dir Historiensurrogate in Form von Fernsehfilm und -serie vorgaukeln, dass unsere Altvorderen einst unsere heutigen Zustände herbeigesehnt hätten, sind Heyse, Spielhagen & Co. notwendige Kronzeugen, dass dem nie so war.

Sicher ließe sich auch im Falle der „Venus“ das eine oder andere missglückte Detail aufrechnen. Es ist wiederum ein „Thüringen“, das eigentlich eher München und sein Umland ist. Für die Inspiration zum Titelgebenden Kunstwerk via Kletterpartie auf einsamer griechischer Insel hätte sich sicher was Besseres finden lassen, als ein angeblich reales Erweckungserlebnis. Aber geschenkt. Nach 10 Seiten kippligen Einstiegs, der kurz die Gefahr einer zweiten „Crone Stäudlin“ am Horizont erscheinen lässt, erzählt sich hier ein mitreißender Erzähler seine Lebenserfahrungen im „blöden Haufen“ vom Hals und schmeißt die Türe zu.

Ein kolossaler Abgang!

Crone Stäudlin

Vielleicht hat Heyse um 1900 auf einer Reise von Berlin nach München sich wirklich mal einen Thüringenaufenthalt gegönnt und dort in einem Ausflugslokal an einem See in den Bergen ein Schlüsselerlebnis gehabt. Vielleicht ist das aber auch schon MEINE erste Übertreibung in Sachen „Crone Stäudlin“, denn eventuell waren es nur die „Draußen-Tische“ irgendeiner Mitropa, beim Umsteigen.

An einem Studententisch fühlt sich einer von den Angesoffenen plötzlich bemüßigt, aufzustehen und irgendeins der Kommersliedchen ins Volk zu brüllen. Die spärliche Besetzung des Biergartens nimmts mit Verwunderung hin, ein älteres Ehepaar springt auf und flieht, die hübsche Kellnerin wird von einem der anderen Corps-Brüder an der Schürze festgehalten, auf den Schoß es Täters gezogen und abgeknutscht – und irgendwo weiter hinten sitzt dieser Reisende. Ein alter Mann mit immer noch imposanter Löwenmähne, aber wohlwissend, dass er hier nun nicht (mehr) den ritterlichen Retter spielen kann. Die Zeiten, da er für einen Fels in der Brandung gehalten werden konnte, sind vorbei.

Die Kellnerin macht sich los, quittiert die Küsse mit ein paar Ohrfeigen, was lachend hingenommen wird, und flieht ins Gasthaus. Der Geschäftsführer erscheint prompt und macht den „Herren“ unmissverständlich laut und kompromittierend klar, dass er jetzt bis 3 zählt, bevor er nach dem Gendarm wird schicken lassen…. Da er den einen von ihnen auch noch mit Namen anspricht, ist der Rest-Anstand der Herren immerhin noch derart, dass der Angesprochene vor dem Abgang einen größeren Schein auf den Tisch knallt, gewissermaßen Zeche und Schweigegeld in einem.

Heyse selbst erhebt sich wenig später auch, bezahlt und setzt seine Reise fort.

Auf der Weiterfahrt lässt ihn die kleine Episode nicht los, vermischt sich mit Erlebnissen der eigenen Studentenzeit und Ausflugserinnerungen mit und ohne königliche Begleitung rund um den ein oder anderen bayrischen Bergsee.

Auch er selbst hatte dort den ein oder anderen genießerischen Moment mit einer Kellnerin – sich wenigstens erträumt. Die „Traud“ in einer seiner besten Novellen legt davon Zeugnis ab.

Bayern liegt ihm nun mal näher als Thüringen.

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Und so entschließt sich der 70jährige zu einem Roman. Er will die Welt lehren, wie Anstand geht und wie man ramponierte Verhältnisse repariert. Denn: Da wird soviel von Schillerschem Idealismus geschwafelt – aber die reale Welt ist weiter weg davon, denn je!

Sein Anliegen also ist ein Großes. Aber die Gestaltung leider nicht.

Wenn du mit dem Heyse lesen anfangen willst, tu es bitte nicht mit „Crone Stäudlin“! Das Werk ist kein gelungenes. Es enthält durchaus Momente für Genießer solch alter Literatur; aber dem Gesamtpuzzle scheinen allerhand Teile zu fehlen und die Lücken wurden ungekonnt mit Buntstift übermalt.

Da ist schon der vergurkte Einstieg: Du bekommst ein Hotel am See  „in den deutschen Mittelgebirgen“ beschrieben. Aber weder Hessen, noch Thüringer oder Sachsen finden hier typisches Lokalkolorit. Hinzu kommt die seltsam unausgegorene Situation des Hotels. Halb Schloss, halb Kur-Sanatorium, halb Schankwirtschaft mit Biergarten… es gibt einen Objektgebundenen Arzt für die Kurgäste… aber die, die beschrieben werden, sind eher spleenige Weltflüchter ohne Gebrechen.

Es gibt einen Herrn Doktor, der der Wirtin hier vor Jahren empfahl, den Gasthof zum Kur-Hotel zu erweitern und der auch sonst in einer recht eigentümlichen Rolle hier „all summer long“ verkehrt.

Dieser Herr Doktor wird zunächst nur mit seinem Vornamen Johannes eingeführt, heißt aber plötzlich Helmbrecht. – Man merkt dann nach dem ersten Stolpern, dass das derselbe ist. Eigentümlich bleibt aber, dass im Weiteren eher von Helmbrecht die Rede ist, ein „Herr“ davor oder gar ein „Dr.“ jedoch gespart wird. Der Autor fährt seine männliche Hauptfigur hier quasi laufend Dienstbotenhaft mit dem Familiennamen an. Immerhin heißt die nicht auch noch profan Maier, Müller, Lehmann, Schmidt…

Schulze kam den Berg herauf…. Schulze sieht…Schulze umarmt… Schulze weiß…

Er, die Wirtin Maria, und ihre 3 Kinder werden umfangreich vorgestellt – und niemand heißt Crone. Das geht so die ersten 40-50 Seiten lang.

Du willst schon aufgeben, da kommt zur Sprache, dass nebenan eine Crone Stäudlin wohnte, die aber ihrem Bruder den Hof überließ, um in die Schweiz zurückzukehren.

Crone sei die Koseform von Corona. Zufälle gibt’s!

Tja – und diesem Umstand verdankt nun dieser Post seine Entstehung, denn ich hielt durch.

Die Stäudlins sind also Schweizer, die nach Thüringen gerieten.

Nun hat sich Heyse auf Seite 70 ungefähr doch dafür entschieden, die „deutschen Mittelgebirge“ etwas konkreter zu lokalisieren. Aber Wirtin Maria vom Kurhotel wird von einem jungen katholischen Pfarrer gepeinigt, da sie eine 12jährige wilde Sommer-Ehe mit dem gut 10 Jahre jüngeren Helmbrecht praktiziert.

Katholisches Thüringen? 1905? Noch ohne sudetendeutsche Zuwanderung? Kann ja nur Eichsfeld sein! Dort sieht es aber mit Bergen, die „früh am Nachmittag die Sonne verdecken“ mau aus!

Jene ersterwähnte Crone Stäudlin ist nun auch gar keine Figur des weiteren Ensembles, sie diente nur ihrem Bruder zur Namenspatronin für dessen Tochter.

Crone StDiese wiederum ist nun tatsächlich jene „kaum erblühte Fee“ vor deren Anblick ein jeder dahinschmelzen muss! Heyse schickt sie für ihren ersten Auftritt Geige spielend, mit Hund als Begleitschutz, auf Abendspaziergang. (Kitsch as Kitsch can!) Hierbei sieht sie Helmbrecht wieder, der sie vor Jahresfrist noch „als kleines Mädchen“ auf dem Sterbebette vorfand und vom Typhus errettete. Nun ist er hin und weg, beim Anblick der „kaum Zwanzigjährigen“. Wie passend, dass Wirtin Maria, der Sünde wegen und wegen des falsch rum‘en Altersunterschiedes, nun willens ist, sich aus der wilden Ehe mit Helmbrecht zu lösen, um sich lieber mit dem Jenseits gutzustellen und dem Pfarrer in den Landfrauen-Bet-Zirkel zu folgen.

Problematisch hierbei die Existenz von Hänsel, ihrem unehelichen Kind.

Der Knabe ist älter als 10, benimmt sich jedoch wie ein 3 oder 4jähriger, wenn er sich an „Onkel Helmbrechts“ Schulter ausweint, beim Gute Nacht Kuss zurückküsst, oder brav zur Stelle ist, wenn Heyse den anderweitig verliebten Doktor als guten Vater präsentieren will, was regelmäßig daneben geht. Heyse hatte vermutlich nie Umgang mit Kindern. Kennt sie nur aus Situationen, in denen sie knicksend und dienernd Gedichte aufsagten und mit Kniff in die Wange verabschiedet wurden, bevor sich der Kreis der Erwachsenen wieder „seinen“ Themen zuwandte. Sein Hänsel wirkt unerträglich unwirklich.

Und so summieren sich die Schnellgestricktheiten und Fehler im Geschehen.

Mit rund hundert Seiten mehr, rechtzeitigerem Figuren Einführen und ein paar dringend notwendigen Ausschmückungen hier und da wäre das ein Spielhagen-Plot vom feinsten! Aber auf den komme ich später nochmal zurück.

Schluss mit der Mängelhuberei!

Was gibt es zu loben?

Man entdeckt, wenn man Heyses früheres Schaffen kennt, lauter „alte Bekannte“. Die früher aber in seinen Novellen besser zur Geltung kamen. Ich meine das nicht nur auf Personen, sondern abstrakter auf Bauteile des Romans bezogen. Der Pfarrer hier ist ein blasser Widergänger des Pastors in „Moralische Unmöglichkeiten“, die frivole Gräfin hier, eine adlig vermählte und wieder geschiedene Ex-Schauspielerin, ist jener aus „Männertreu“ sehr ähnlich. Die GräfinDie dramaturgisch passende Bootspartie aus „geteiltes Herz“ findet hier einen zwar ebenfalls dramatischen, aber dramaturgisch hergezwungenen Ableger. In „Einer von Hunderten“ erzählte Heyse die Geschichte eines Sonderlings, der merkt, dass die Kellnerin seines Stammlokals ein Auge auf ihn geworfen hat, aber er fühlt sich zu alt für die junge, schweigsame Schönheit, obwohl auch er sich eingesteht, dass sie ihm gefällt. Als sie zaghaft die Initiative ergreift, reißt er aus. Helmbrecht und Crone drehen den Spieß nun um.

Dieses Entdecken von Parallelen beziehungsweise „Berichtigungen“ früherer Konfliktkonstellationen sorgt für Lesespannung, die der eigentliche Handlungsablauf eher nicht bietet.

Wenn man auf der letzten Seite ankommt und der mehr als erwartbare Happyend-Kuss erfolgt, wird einem schlagartig klar, dass Heyse zuvor reihenweise Spielhagen gelesen haben muss.

Die Schlussszene brachte den Stein der Erkenntnis ins Rollen: Das ähnelt heftig dem Ende von „Allzeit voran!“, als der verletzte Kavallerist nach der Schlacht von Gravelotte, im Lazarett jene junge Künstlerin als Krankenschwester wiedererkennt, die sein greiser Onkel per Mesalliance einst zur (nie akzeptierten) Fürstin eines thüringischen Kleinststaates machte. Hier nun, nach der Scheidung, arbeitet sie ebenso platonisch mit dem sie anschwärmenden ehemaligen Landarzt zusammen, wie Crone in Helmbrechts Kinderklinik.

Einmal aufmerksam geworden, fällt einem dann rückwirkend auf, dass die frivole Schauspielergräfin mit einem Mann verheiratet war, der dem Wahnsinn anheimfiel. Hoppla! Das gabs doch schonmal wo anders! Melitta! Jene Über-Fee aus Spielhagens „Problematischen Naturen“ hatte ja dasselbe Schicksal!

Und schließlich sind all die Gewissenskrämpfe Helmbrechts zwischen Sohn und Lebensabschnittsgefährtin Maria und der unantastbaren Crone Heyses Variationen des verheirateten Barons von Randow und Eleonore Ritter aus Spielhagens deutlich besser gelungenem Spätwerk „Stumme des Himmels“.

Was bleibt? Man müsste zeitgenössische Kritiken kennen! Aber leider ist mir das bisher nicht vergönnt gewesen.

„Crone Stäudlin“ ist eventuell ein Werk, das sein musste, damit es heftig Zunder gibt! „Ideenlos“…“zusammengepfuscht“…“überschätzter Autor“….Mit einem so verrissenen Werk wollte er sich nicht verabschieden!

1907 erscheint „Gegen den Strom“ – und siehe da: Der Alte kann’s noch!

Die Tochter ihres Vaters

Es war regnerisch. Schnee lag keiner. Wir schreiben Nikolaus 1898. Berlin, Kantstraße. Die war eine typische Gründerzeit-Bauboom-Erscheinung. Die Bäumchen vor den Häusern noch immer recht schlank. Stuck allenthalben, Schaufenster wechseln mit großen Toreinfahrten.

22777179880Vor der „Bücherstube“, Inh.: Ferdinand Müller, hält eine Droschke. Die noch relativ jung wirkende Mit30erin, die ihr entsteigt, wickelt sich für die paar Schritte bis zur Ladentür fester in ihren Shawl. Sie ist auf dem Heimweg von der Mädchenschule nach Hause, aber eine Stippvisite bei Müllerns muss sie sich heute noch gönnen, sonst ist es ein verlorener Tag.

Sie betritt das leere Geschäft, grüßt auf Verdacht nach hinten ins „Gewölbe“, dass 3 Stufen erhöht das Bureau vom Laden trennt, schlägt den Shawl zurück und beginnt die Bücherrücken linkerhand zu studieren.

Herr Müller, Endfünfziger, Marke Grandseigneur in Hermann-Hesse-Statur, steigt sofort aus seiner Geheimtipp-Halle hernieder und begrüßt die einzige Kundin zuvorkommend:

„Fräulein Spielhagen! Welche Freude in diesen lichtlosen Zeiten! Bitte hier entlang. Ich hab da was für Sie aufgehoben.“

Er deutet ins Gewölbe. Sie steigt die Stufen hinauf und nimmt vor seinem Schreibtisch in einem gemütlichen Lehnstuhl Platz.

Wie von Zauberhand gerufen, erscheint Frau Müller, klein und hutzlig, das Gegenteil ihres hageren 2-Meter-Mannes, und platziert eine gutgefüllte Kaffeetasse vor Antonie.

Dann rückt sie sich einen Stuhl hinzu, Herr Müller nimmt auf dem Patriarchen-Thron hinter dem Schreibtisch Platz.

Antonie nimmt den ersten Schluck und setzt die Tasse ab, als er hinter sich greift und ein Buch präsentiert:

„Für Sie! Wir Heyse-Verehrer der letzten Tage müssen doch zusammenhalten.“

„Oh? Der neue Heyse? Doch noch vor Weihnachten?“

„Wie Sie sehen. Ich habe ganze 10 Exemplare bekommen können von der Erstauflage. Skandalös!“

„Naja, aufgelegt wird er ja noch. Nicht zu knapp. Da klappts dann eben mit der Nachauflage.“

„Fräulein Spielhagen! Wir sind doch hier nicht in Zepernick, sondern in der Kaiser-Pfalz!  Reichshauptstadt! Berliner Westen! Wohlsituiert und konservativ! 4 Generalinnen allein in dieser Straße, die meine Kundinnen sind! Mir entgeht das Weihnachtsgeschäft! 50 Stück hätt‘ ich dicke verkauft!“ Er schlürft etwas unvornehm und grummelt noch einmal missmutig: „Zehn Stück! Lumpige Zehn!“

Sie hatte das Buch inzwischen aufgeschlagen und das Inhaltsverzeichnis überflogen.

„Immerhin hab ich das Glück nun ein Exemplar davon zu bekommen?“

„Unzweifelhaft, wie Sie sehen!“ Er wird vertraulich im Tonfall: „Ich kenn‘ Sie doch noch aus ihrer Schulzeit, da werd ich doch meine Stammkundin nicht vergessen! Und dann noch die Tochter DIESES Vaters! Bitte, meine Verehrung zu Hause auszurichten!“

Sie nickt pflichtschuldigst dankend.

„Kennen sich die Herren eigentlich persönlich?“, leitet er nun aus seinem Verkaufslamento ins gemütlichere Gespräch über.

„Sagen wir es so: Die beiden wissen voneinander.“, gibt sie lächelnd preis.

Ihm ist anzumerken, dass er nun gern mehr erfahren würde, aber er fragt nicht nach, will nicht zudringlich erscheinen. Da jedoch auch Antonie nichts sagt, sondern dem Kaffee zuspricht und ihn lobt, muss er sich schließlich doch überwinden:

„Eine Art Künstler-Krieg? Oder nur die Distanz nach München?“

„Weder noch. Konkurrenz. Beiderseitige Reserviertheit. Diplomatisches Lob für einander, ohne sich jedoch wechselseitig gelesen zu haben. Nehme ich jedenfalls an.“

„Jammerschade! Sie kämpfen doch beide an derselben Front, so will mir scheinen!“

„Schon-schon!“, stimmt ihm Fräulein Spielhagen zu, „Aber Papa monierte mir gegenüber gelegentlich, dass Herrn Heyses Figurenkabinett nur aus Künstlern und Italienurlaubern besteht, weil er das Leben nicht kenne, die Milieus nicht studiere, somit seine Figuren Schemen blieben.“

Die Ladenglocke bimmelt, Frau Müller geht und kümmert sich um die Kundschaft.

Er selbst hingegen schenkt seinem Gast mit einem formalen „Ich darf doch?“ noch einmal Kaffee nach und setzt das Gespräch fort:

„Hart geurteilt. Leider wahr. Trotzdem steckt doch mehr drin, als bloße Kolportage, ich halte Heyse für- “ 

„…einen Meisterpsychologen“, sprachen beide den Satz zuende und lachten.

„Na, da sind wir uns ja einig“, schmunzelte Herr Müller vertraulich, „bleibt mir nur, Sie zu warnen, wenn Sie die erste Novelle lesen“, er zeigte auf das Buch, das vor ihnen lag, „da könnte Ihnen manches bekannt vorkommen.“

Fräulein Spielhagen kramte in ihrer umfangreichen Tasche auf dem Schoß nach dem Portemonnaie.

„Wieviel bin ich Ihnen schuldig? Es ist die 4 Mark Ausgabe scheint mir?“

„Das ist richtig, aber nehmen Sie es bitte als Weihnachtsgeschenk. Meine Verehrung – auch an den Herrn Vater.“

„Sie wiederholen sich. Aber es tut gut auch einmal wieder Zuspruch zu erfahren. Der wird rar in letzter Zeit.“

Er schaltet prompt auf mitleidender Kamerad: „Ich habe das kopfschüttelnd verfolgt. Diese Verständnislosigkeit der Allgemeinheit! Friedrich Spielhagen als Anarchist! Man stelle sich den Unsinn vor! Mit der Vernunft ist es eben nicht weit her. Wir paar Bücherwürmer stehen da auf verlorenem Posten.“

„Leider setzt es zunehmend auch Anfeindungen seitens anderer Literaten. Insofern ist Bücherwurm leider kein Solidaritätskriterium.“, sinnierte sie halblaut vor sich hin.

„Zu wahr. Zu und zu wahr!“, pflichtete er ihr bei, „Neue Besen kehren gut. So sagt man oft – und sie fegen leider nicht nur den Schmutz hinaus, sondern auch ein paar wertvolle Bodenvasen um. Wenn das Bonmot gestattet ist.“

Sie nickte traurig.

Er fährt fort:

„Wer von den Lästerern wäre im Stande ein „Was will das werden?“ zu erschaffen? Seherischer Titel übrigens! Ganz zu schweigen von den „Problematischen Naturen“ seinerzeit oder „Hammer und Amboss“! Dafür geb ich den ganzen Freytag her!“

„Lassen Sie ihn das nicht hören!“

„Ihren Vater?“

„Nein, den Freytag!“

Und auf sein verdutztes Gesicht hin ergänzte sie:

„Zwischen DEN beiden ist nun wirklich Urfehde geschworen.“

„Huch? Interessant!“

„Aber das Familiengeheimnis erfahren Sie dermaleinst, wenn eine posthume Biografie fällig werden sollte; andernfalls nehmen die beiden Gegner das Problem mit ins Grab.“

Der Kaffee war getrunken. Sie erhob sich, bedankte sich für das Buch und signalisierte Aufbruch. Er begleitete sie durch den leeren Laden zur Tür, hielt ihr diese auf und verabschiedete sich galant von ihr, während seine Frau ein paar Bücherstapel wieder „auf Kante“ brachte.

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Toni war die paar Schritte nach Hause zu Fuß gegangen. Der Sprühregen und das Grau in Grau verdüsterten ihre Stimmung wieder. Sie erreichte das Haus, erklomm die Stiege zum I. Stock und klopfte. Das Dienstmädchen öffnete, knixte und meldete prompt: „Der Herr Vater hat schon nach Ihnen gefragt.“

Antonie verdrehte ein wenig die Augen, dankte und sprach zu sich: „So Mädel! Zweite Schicht; bloß gut, dass ich die zwei Tassen Kaffee intus habe.“, während sie die Straßenkleidung an die Garderobehaken hängte.

Dann begab sie sich in die väterliche Bibliothek. Wo sollte er auch sonst sein.

„Hallo, da bin ich!“ kündigte sie sich selbst an.

Der alte Weißbart da im Schreibtisch-Stuhl schien aus einer Grübelei aufzuschrecken:

„Da bist du ja endlich, Tonerle! Ich glaubte fast an ein Unglück!“

„Nein, nein ich war noch bei Müllerns, die Bücherwände bestochzen.“ Den Heyse-Band erwähnte sie nicht.

„Was du an dem Laden nur findest! Der alte Schöntuer ist mir zu geleckt.“

„Er und ich – mögen Heyse, das verbindet.“

„Ein weiterer Minuspunkt. Er entfremdet mich meiner Lieblingstochter.“

„Ach Voaaaa-diii!“ wechselte sie ins weiche thüringische Westsächsisch, „mor möjchn ihn ehm.“

„Nojoa-doch-nuor!“, nahm er den Singsang auf, „das isse doch – die Scheise.“

Dann griff auch er hinter sich und überreichte ihr ein Weihnachtspäckchen: „Hior habb’ch was für diche!“, um sich dann gleich wieder ins Hochdeutsch zu zwingen: „Nun isses aber auch gut mit DER Mundart.“

Toni wickelte vor dem Schreibtisch aus und hatte wenig später – „den neuen Heyse“ in Händen.

„Hat der Nikolaus für dich hiergelassen. Du warst heute früh schon aus dem Haus und deine Stiefel somit fort.“

„Danke Papa! Heyse – von dir?“

„Was tut man nicht alles für treue Kampfgefährten.“

Sie lachte nicht. Ihr Blick ging melancholisch durch ihn durch. Er spürte, dass etwas nicht in Ordnung war.

„Ärger in der Schule?“

30262989675„Die kleine Itzenplitz wird heiraten. Gleich nach dem Abi.“

„Wieder eine weniger, im Corps der Suffragetten.“ Es war als Witz gemeint, kam aber nicht an.

„Wozu bilden, wenn doch ein wenig Larve, Mundwerk und Geschicklichkeit beim Häkeln reicht?“, resümierte sie resigniert. „Warum fahr ich da eigentlich jeden Tag hin.“

„Ach Kind.“, nun hielt er es doch für nötig aufzustehen, um seiner Tochter den Arm um die Schulter legen zu können, „sind eben nicht alle so wie du und die Duse.“

„Spotte nicht, Papa. Wenn ich sehe, wie sich Jahrgang für Jahrgang, eine nach der anderen wegheiraten lässt, dann macht mich das von Jahr zu Jahr kränker.“

Er küsste ihr die Stirn. Dann sahen sich beide tief in die Augen. Er bemerkte die Schatten und Fältchenansätze heute zum ersten Mal: Sie verblüht. Schade um sie, dachte er und schwieg. Schließlich hatte er sich mühsam ein paar Worte zurecht gelegt, von denen er der Ansicht war, dass sie trösten müssten:„Tonerle! Du hast doch soooo viel mehr erreicht, als alle deine Geschwister zusammen! Komm, sei stolz!“

Sie sah zu Boden, zuckte die Schultern, nahm das Geschenk vom Tisch und verließ den Raum.

Als sie in ihrem Zimmer angelangt war, entzündete sie die beiden Petroleumlampen auf dem Schreibtisch. Dann legte sie die beiden Heyse-Bände neben einander. Ihre Rechte strich über den Einband. Gleich wird er rufen. Die zweite Schicht. Lauter kleine Verrichtungen werden es wieder sein.

In Gedanken erlebte sie das Schulgespräch aus der großen Pause von heute Vormittag nach.

Näs’chen, wie die Itzenplitz von ihren Freundinnen genannt wurde, war mit der Neuigkeit herausgeplatzt: Am letzten Wochenende hatte sie einen Antrag bekommen! Ostern wird es offiziell gemacht und im August solle die Hochzeit sein, so die bisherige Planung.

„Wer isses? Sag! Wer?“ hatte die halbe Klasse sie bestürmt.

„Olof von Puttkammer. Bäh!“, trumpfte sie auf und steckte Isabelle von Wolzogen, ihrer Intimfeindin, die Zunge raus: Eine glänzende Partie.

„Nun kannste mich nich‘ mehr mit Vitzliputzli aufziehn!“ Sie wollte sich kapriziös abwenden, aber –

„Pute!“ konterte die Wolzogen frech und imitierte das typische Truthahnkollern. „Vitzliputzli war wenigstens noch bauernschlau. Aber jeder entlarvt sich, wie er kann! Das Hirn einer Pute hast du schon, der Schrumpelhals kommt nach.“

„Nanana! Contenance, meine Damen! Nun wollen wir erstmal der Braut gratulieren“, hatte Toni ihre Autorität in die Waagschale geworfen und als erste gratuliert. Die Floskeln brachte sie nur schwer über die Lippen, aber die Backfische merkten es nicht. Sie hatte argwöhnisch ins Rund gelauscht, ob irgendeine Spitze gegen ihre eigene Unvermittelbarkeit zu hören war; aber nichts dergleichen war geschehen. Dann hatte sie der bösartigen Wolzogen mit einem Elternbrief drohen müssen, damit die sich eiskalt wenigstens pro forma bei Näs’chen entschuldigt. Ein hartes Stück Arbeit in der Pause!  Sie war heilfroh über das Stundenklingeln des Schuldieners. Schillers „Maria Stuart“ lenkte ab vom allzu biederen Frauen-Dasein höherer Töchter.

Bis hierher und nicht weiter. Sie wischte die Gedanken über ausbleibende Emanzipationsgelüste bei ihren Schülerinnen mit einer Handbewegung weg. Im Flur blieb es wider Erwarten ruhig. Also schlug sie den Band zur Rechten auf. Den anderen würde sie der Schule spenden. Buchprämie für irgendwann. Ihrem Ruf als „die Moderne“ käme das zu pass. Man würde wiedermal die Nase rümpfen, aber vor ihr schweigen. Die mit dem berühmten Vater durfte eben mehr, auch 17jährige Schülerinnen mit Heyse-Büchern prämieren.

„Der Sohn seines Vaters“ war die erste und titelgebende Novelle.

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corpus delicti

„Es wird ihnen manches bekannt vorkommen.“ Ferdinand Müllers Hinweis fiel ihr ein. Sie begann zu lesen.

Aha, wiedermal Italien. Da war sie inzwischen auch gewesen. Allein reisend. Lange. „Riviera“. Nun gut, da war sie nicht. „Ein trauriger Wanderer kommt des Weges.“ Sicher wieder ein Maler oder ein Philosoph. Nein – ein „reicher Erbe“, nun ja. Und der „sieht plötzlich eine junge Frau auf einer niedrigen Mauer sitzen und einen Olivenbaum malen.“ Das hätte ich sein können. Allein bleiben und malen. „Sie hatte nichts Auffälliges an sich.“ Passt auch. „War bescheiden gewandet.“ Dito. „Nicht eben hübsch, aber regelmäßige Züge…“ Sie konnte nichts machen. Ihr altes Idol hielt ihr einen  Spiegel vor.

Aber diesmal sollte es heftiger kommen. Es war nicht seine alte schwungvolle Schreibe. Ein paar Entwicklungen zu Beginn wirkten doch wie übers Knie gebrochen, aber die Handlung nahm Fahrt auf und trug sie über stilistische Petitessen hinweg – weit weg!

Alles, was der wohlhabende Nichtsnutz da von sich gab, hatte so ähnlich auch sie erzählt bekommen! Auch sie wäre um Haaresbreite verlobt aus Italien zurückgekehrt; auch in ihrem Falle wäre es eine gute Partie gewesen. Millionen-Erbe und Spekulant! Aber „ihrer“ hatte lediglich eine abgebrochene Offizierslaufbahn zu bieten, keinen Dr. phil. – Sie hatte exakt so dagestanden, wie jene Luise im Buch, hatte das Wechselbad der Gefühle genossen: Endlich jemandem aufgefallen! Aber: Wird das passen? Was kommt nach der Süßholzraspelei der Anfangszeit? Hat er genug Esprit? Oder ist er ein Kommisskopf? Ein depressiver Dandy? Bleibt diese Nettigkeit? Oder wann wird er Kante zeigen?

Sie hatte die Chance schließlich „verstolpert“; zu lange gezögert, eindeutige Antworten zu geben. Mit der Zeit war das Erlebnis versandet, aber Heyses Luise und Alfred bliesen eben diesen Sand nun wieder weg. Alles war wieder so lebendig da, wie eben erlebt: Die Malerin, immer am gleichen Fleck. Das ausgesucht komische Motiv, das sonst keiner malen würde, hatte sie mit Heyses Luise ebenfalls gemein. Somit den einsamen Ort. Tete-a-Tete tauglich. Der Verehrer kann sie finden und wiederfinden, wann immer er will. Der Gesprächsstoff knistert, wird immer persönlicher… Zuerst träumt sie sich das kurze Glück zurück, dann kommt der Frust über das eigene Versagen von alleine nach. Die Augen schwimmen. Sie sucht ein Taschentuch, wischt und liest weiter. Immerwieder kommen die Heul-Intervalle. Sie tun gut. Endlich loslassen dürfen! Hier gab es keine Zeugen. Hier war sie nicht mehr die „Moderne“, die nebenbei Novellen schrieb und in jeder Diskussionsrunde sachlich Paroli bieten konnte. Hier war ihr Kinderzimmer und sie das verschmähte Mädchen, dem die eigenen Kinder fehlten.

Ihr ist, als habe ein Spitzel des Autors sie in Rom belauscht und Heyse nichts weiter zu tun, als den Petzbericht etwas weiter nördlich zu verlegen. Aber es war IHR Schicksal! Die Fülle der Übereinstimmungen war erdrückend! Der angehängte Schluss, dieses „Beinahe-Happyend“, stößt ihr allerdings böse auf. DAS war NICHT sie! Sollte sie sich darüber grämen, dass es diese bajuvarische Luise da besser traf als die Höhere-Töchter-Dompteuse aus Berlin? Oder sollte sie Kraft und Hoffnung tanken, dass auch ihr noch ein realer Historiker oder Gymnasial-Professor begegnen könnte, der sie will?

Wer bin ich?! Ich bin doch nicht die Itzenplitz! Dieses Mädchengeschwätz vom Heiraten! Die Mädchenjahre sind vorbei! Geschafft hab ich tatsächlich einiges. Aber warum sehnen wir uns immer nach dem, was fehlt? Mitte 30! Da ist Feierabend! Denk an Heyses „Zwei Schwestern“ und an sein „Mädchenschicksal“! Die eine kriegt mit 28 gerade noch so „einen ab“ und die andere, obwohl weit hübscher, geht ganz leer aus. So isser nun mal – der Ernst des Lebens!

Aber so kann sie sich nicht beruhigen. Die Nacht ist schon weit fortgeschritten, aber sie ist zu aufgewühlt, um schlafen zu können. Also liest sie weiter. Die zweite Novelle „Verratenes Glück“ ist deutlich kürzer und erzählt die Geschichte einer klugen Frau, die an einen unwürdigen Galan gerät. Siehste! Es kommt ihr vor, als sei Novelle zwo das Jang zum Jin von Novelle eins: Gräm‘ dich nicht! Überlege, was besser ist: Allein zu bleiben und einsam zu sein – oder dich wegzuschmeißen und den Leidensweg der Konsequenzen gehen zu müssen.

Sie weiß nun, was zu tun ist: Die Sturmflut der Gedanken muss aus dem Kopf, wenn sie Ruhe finden will. Sie muss es zu Papier bringen, ihr Rom-Abenteuer mit diesem traurigen Bonvivant; erst dann ist sie es los.

Sie wird die Nacht durchschreiben. Der Schlaf wird ihr morgen Mittag fehlen, aber es gibt keine andere Lösung. Der Schreibdrang ist stärker. Nicht nur Söhne, sind die Söhne ihrer Väter, sondern eben auch Töchter Nachfahren in ähnlicher Situation. Sie schreibt „Herbst im Frühling“ in einem Fluss herunter. Dann geht die Sonne auf. Sie macht Katzenwäsche in der Wasserschüssel und begibt sich zum Frühstück ins Esszimmer. Ihre Augenringe sind nicht zu übersehen.

Vater fragt besorgt nach ihrem Befinden; ob sie sich krank fühle.DSC02995-002spielhagen

„Ich habe nicht geschlafen. Ich habe geschrieben. Es musste einfach sein.“

„MEIN Kind!“, strahlt Papa. „Diese Gefühlslage kenn‘ ich gut. Was raus will, muss raus.“ Er lehnt sich zurück und fragt nun nicht mehr die Tochter, sondern die Kollegin: „Bringst du’s wieder bei Westermann unter? Oder gibst du es der Gartenlaube?“

„Ich glaube weder noch. Ich fürchte, das gäbe diesmal böse Kritiken.“

„Oh je. Gehst du unter die Naturalisten?“

„Nein.“

„Das wollt‘ ich auch hoffen! Ich hab dir bei deinem Westermann-Debut gesagt- “

„- du wärst der bessere Heyse! Ich weiß.“

Sie trank ihre zweite Tasse Kaffee in einem Schluck aus und knallte sie etwas zu resolut auf die Untertasse.

„Diesmal hab ich wirklich eine Heyse-Novelle quasi beantwortet.“

„Donnerwetter. MEINE Tochter!“, der alte Mann mit dem Weihnachtsmannbart strahlt von der anderen Tischseite herüber. „Lass mich raten! Es ist „Der Sohn seines Vaters“ und du siehst dich als Luise.“

Nun ist das Staunen an ihr: „Du hast sie gelesen?“

„Ich konnte nicht anders. Nach den ersten beiden Seiten hatte ich dein Bild vor Augen, deshalb blieb ich dran.“

„Warum nur sagen mir alle, dass sie mich in dieser Luise sehen?!“

„Wer denn noch?“

„Herr Müller vom Buchladen – und ich selbst.“

„Da sind wir schon drei. Was hast du nun daraus gemacht? Eine Fortsetzung?“

„Nein. Eine kargere Variante ähnlichen Ablaufs – mit einem realeren Schluss.“

„Glaub ich sofort!“

„Warum?“

„Weil du das Leben kennst.“ Er hob die Kaffeetasse wie ein Sektglas: „Auf dich mein Kind! Es lebe Paul Robran!“

(Antonie Spielhagen; 1865-1910; veröffentlichte eine Handvoll Novellen in Westermanns Monatsheften. Immer unter dem männlichen Pseudonym Paul Robran. „Herbst im Frühling“ erschien dort jedoch nicht, sondern wurde das titelgebende Herzstück des Novellenbändchens, das um 1900 ohne Jahrgangsangabe (vermutlich) einmalig in kleiner Auflage in Berlin erschien. Mein Dank gilt dem Vielleser für das Zur-Verfügung-Stellen.)

 

Heyse, Heyse und kein Ende…

Eigentlich wollte ich die Heyse-Hitlist umschmeißen, um die folgenden 5 unterzubringen. Problem: Ich kann mich aber nicht von 5 Titeln der Altfassung trennen!

Inzwischen habe ich drei weitere Novellensammlungen von ihm gelesen. Da jede aus 5 bzw. 6 Novellen bestand, also 17 neue Eindrücke. Ein paar, vor allem aus dem „Buch der Freundschaft“, waren wirklich mies. Das will ich nicht verschweigen. Das „Buch der Freundschaft“ rankt sich um „Siechentrost“, den „Hit an sich“. Und wie bei Bands der 70er Jahre, die ihren Signatursong zustande brachten, ringsherum aber „schnell mal“ ein paar Songs hinschluderten, um ihn auf LP herausbringen zu können, solange er „hot“ war, ergänzt sich hier bei Heyse was eigentlich nicht zusammen gehört: Übriggebliebenes aus Veröffentlichungen in „Gartenlaube“ und anderswo, und immerhin die Miniatur von den„Guten Kameraden“ als zweites ansprechendes Werk, sonst nix.

Als ich die Golden Earring LP mit „Radar Love“ kennenlernte, oder Deep Purples „Machine-Head“-Rumpelwerk erging es mir genauso.

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Die 5, die es zu loben gilt, sind:

5. „Die beiden Schwestern“ (1869)

4. „Die Eselin“ (1883)

3. „Gute Kameraden“ (1884)

2. „Der verlorene Sohn“ (1871)

1. „Geteiltes Herz“ (1881)

Platz 5: Bei der Novelle von „den beiden Schwestern“ handelt es sich vor allem um ein „Spätes Mädchen“, ein „Mauerblümchen“, das sich mit dem Schicksal abgefunden hat, Gehilfin ihres Vaters zu sein, und selbstlos ihre jüngere, hübschere Schwester feiert, die von Ball-Erfolg zu Ball-Erfolg eilt. Jene dauerhaft Übersehene schreibt Briefe an ihre Pensionatsgefährtin, die mittlerweile Mutter ist, und nur äußerst knapp antwortet. Sie preist in diesen Briefen das bevorstehende Verlöbnis ihrer Schwester mit einem jungen Astronomen der Sternwarte Potsdam, der sich regelmäßig bei ihnen einfindet – warum wohl? Vater, der alte General a.D., kommt nicht in Betracht, sie selbst, das Familienaschenputtel auch nicht – also bleibt doch nur die Ballkönigin, auch wenn hier und da ein paar nette Neckereien auch für die „unansehnliche“ Schwester der Fee abfallen. Immerhin konnte sie mit ihrer Belesenheit eines Abends punkten: Sie kannte die Planeten des Sonnensystems in richtiger Reihenfolge! — Gerade noch rechtzeitig überwindet sich der schüchterne Astronom dann doch, das Geheimnis platzen zu lassen, dass er von der Intelligenz des Aschenputtels beeindruckt ist und SIE der Grund seiner Besuche ist, auch wenn er, wie alle Welt normal findet, der andern Fee die Aufwartung „pflichtschuldigst“ macht.

Vorhersehbar. Albern. Überholtes Frauenbild. Klar. Na und? So wie Heyse diesen Briefroman en miniature ersonnen hat, knistert es. Der Leser wird mitgenommen auf diese emotionale Reise – auch wenn er auf Seite 5 ahnt, was kommen muss – er weiß ja noch nicht WIE es kommt, oder ob alle hochdramatisch Selbstmord begehen.

Platz 4: „Die Eselin“. Ein invalider, junger Offizier von 1870 weilt zur Genesung bei befreundetem Landadel im südlichen Sachsen und wandert durch Erzgebirgstäler, auch hinüber ins Österreichische. Er lernt eine glücklose, arme, ältere Bäuerin kennen, die einen totkranken Esel pflegt. Sie hat auch noch eine hübsche, geisteskranke Tochter, die wiederum ein Kind hat – und sie weiß nicht, wie sie alle durchbringen soll. Der Offizier erfährt und erzählt ihre Geschichte. Es geht um die Bürgermeisterfamilie und um die Eselin, die eine Stichverletzung in der Schulter hat, die sie nicht gesunden und nicht sterben lässt.  Es geht um eine Hochzeit am anderen Ufer des Bergsees, und es geht um einen hochdramatischen und so nicht vorhersehbaren Schluss. Ganz großes Kino. Könnte man sich als Düster-Movie mit Helene Weigel, der jungen Fieta Benkhoff, Gerd Fröbe, Klaus Kinski, und Willi Fritsch vorstellen.

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Platz 3: „Gute Kameraden“; ein deutsches, noch junges, adliges Fräulein in einer von lauter Engländern heimgesuchten Pension in Rom. Bald wird sie abreisen. Da checkt ein Fabrikant aus Deutschland ein. Verheiratet, aber allein reisend. Es ergibt sich, dass man miteinander spricht. Sie wird seine Fremdenführerin im Landauer und zu Fuß … natürlich knistert es …. derart, wie das nur Spielhagen und Heyse zu Wege bringen … ein Ausflug vor die Tore der Stadt und eine Rast in einer einsamen Taverne bringen beiden unabhängig von einander die Erkenntnis: Es darf nicht sein!  – Gute Kameraden! Mehr nicht! Geeignet für Kammerspiele an kleinen Theatern.

Platz 2: „Der verlorene Sohn“ hat, wie hier beschrieben, eine ganze Flut von Bildern in mir ausgelöst. Heyse konzipierte hier einmal mehr die Schicksale von 4 Personen so zusammen, dass der Leser eine Achterbahnfahrt der Gefühle erlebt. Mutter Amthor und ihre heiratsfähige Tochter pflegen einen verletzten schönen Fremden gesund. Der eigene Sohn des Hauses ist seit Jahren verschollen. – Was, wenn du erfährst, dass … – Kann es solche Schicksale geben? Ähnliches gab es in einer Nachkriegsepisode bei „Doktor und das liebe Vieh“ bzw. in Fassbinders „verlorener Ehre der Katharina Blum“ – aber um ein Vielfaches vergröbert. Die Dramaturgie bei Heyse geht deutlich besser auf. Verfilmen!

Platz 1: „Das geteilte Herz“. Kennst du das Gefühl, das dich befällt, wenn du sagen wir – eine Band für dich entdeckt hast, von der es leider nur sehr wenig Songs gibt? Du hieperst auf Nachschub. Aber der kommt nicht. Irgendwann entdeckst du bei einer anderen Truppe Musik, die dich an jene erste erinnert – und die somit genau diese ungestillte Nachfrage lindern hilft.

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Ich wurde vor wenigen Monaten auf den Namen Paul Robran gestoßen. Schriftsteller des 19.Jhds. Der Name birgt ein Geheimnis, das ich hier nicht lüften will. Robran schrieb nur eine handvoll Novellen – und diese musst du in alten Ausgaben der „Gartenlaube“ oder in „Westermanns (gesammelten) Monatsheften“ finden. Macht ja keiner. Zu umständlich. Aber wenn du einen Link spendiert kriegst zu einer digitalisierten Novelle – dann ist das genau das kleine Tütchen mit dem weißen Zeug, das sofort süchtig macht. You know, what I mean? Nach der Bekanntschaft mit dem Können von Robran musste mehr her – und es fand sich – bei Heyse: Das große Zeitgemälde in der kleinen Form! Eine Dreiecksgeschichte. Ein Mann zwischen zwei Frauen. Klingt simpel. Ist es aber nicht… Die Konventionen; die Fluchten – „ins Bad“ zu reisen; Schlagzeilen, die Napoleon III. hinterlässt -und die Noten von Bachs „wohltemperiertem Klavier“ – zerrissen auf dem Hotelzimmerfussboden…

Du willst einen weiteren Leserausch? Wie bei Robran? Wie damals, als du Heyses „Moralische Unmöglichkeiten“ gelesen hast? Du kriegst ihn! Hier ist kein Wort zuviel. Hier passt alles. Und vorallem Musicjunkies jeglicher Art werden sich hier wiederfinden, ob männlich oder weiblich ist egal, es gibt für beide Lager Anknüpfungspunkte. Auch wenn es zeitlich bedingt gar nicht um Rockmusik gehen kann! Sowas wie hier liest man zuende, klappt das Buch zu – um für den Moment festzustellen: Nichts geht mehr! Du wirst nun nie wieder lesen, denn nichts kommt DA ran!

Aber Zeitchen später verfliegt der Rausch. Du schaust aus’m Fenster: Alles noch wie gehabt. Du fährst den Computer hoch, klickst das ZVAB an und gibst in die Suchleiste ein H ein. „Heyse“ kommt von Geisterhand allein. Enter. Such! Nachschub!

Es bleibt spannend.

Grüße aus der Vergangenheit 3

In jungen Jahren nervte es ein wenig, wenn ich in antiquarisch gekauften Büchern Unterstreichungen fand. Bücherschänder! Eigentlich wollte man doch eher einen unversehrten Schatz heben! Mittlerweile kann es interessant sein, „was“ angestrichen wurde und „weshalb“.

davDieser Tage las ich wieder so ein Exemplar; 125 Jahre alt, toll erhalten; keinerlei „Verschandelungen“ in den ersten beiden Dritteln; aber dann, in der vorletzten Novelle hatte sich ein Vorbesitzer mit dem Bleistift geradezu ausgetobt.

In der Novelle „Der verlorene Sohn“ von (na, wem wohl?) geht es um ein missratenes Bürgersöhnchen um 1650 in Bern, das ausbricht, um letztendlich nach mancherlei Station als verkommener Landsknecht zu enden. Außerdem spielen dessen besser geratene jüngere Schwester und ihr Zukünftiger entscheidende Rollen. Die Mutter der beiden, die wohlhabende Ratsherren-Witwe Amthor (Welch ein Zufall dieser Tage!), hat ein schweres Päckchen Schicksal zu tragen, wie sich zeigen sollte.

Bereits der erste Konfliktansatz ist unterstrichen worden:

Das älteste Kind, (…) ein kluger aber sehr eigenwilliger Bursch, hätte wohl eher einer männlichen Zucht bedurft, als der zärtlichen, all zu nachgiebigen Pflege der Mutter, die diesen Sohn als das Abbild des zu früh ihr entrissenen Gatten vergötterte…“

Das wirft die Assoziationsmaschine an: Wie korrespondierte der Inhalt mit der Lebenswelt des mittlerweile ebenfalls historischen Unterstreichers?

Warum bekamen Zitate wie

mde

oder

dav

ihre Unterstreichungen?

Es könnte so gewesen sein:

——-

30621358471 (2)Herbst 1919. Auf dem Gut derer von Levetzow in der Neumark sitzt die Hausherrin im spärlich beleuchteten Herrenzimmer, das immernoch so heißt, obwohl ihr Mann schon vor dem Kriege , pünktlich nach damaliger Lebenserwartungsrechnung mit 55 Jahren zu den ewigen Heerschaaren abberufen wurde. Es war Arbeitszimmer und Bibliothek in einem. Das Tagwerk lag hinter ihr. Alle Buchführung, Anweisungen an den Verwalter, Versorgung der beiden Armenhäuser des Dorfes, Einkaufslisten für die Kaltmamsell waren erledigt. Nun kam die Schummerstunde und ihr gruselte so allein in dem großen Kasten. Um das Gut stand es nicht zum Besten. Die Ernte war mäßig, die Getreidepreise elend. Die Inflation der Kriegsjahre wollte nicht enden, im Gegenteil, sie schien sich noch zu beschleunigen. Einige der Bauernsöhne waren aus dem großen Kriege zurück, viele davon mit Gebrechen und obendrein in den Gräben der Ost- und der Westfront geradezu verwildert. Ein gefährlicher Hang zur Unbotmäßigkeit war kaum noch ignorierbar. Mildtätigkeit um Not zu lindern und Rebellionsgelüste zu bremsen, war dringend geboten, aber die vielen Tausender Kriegsanleihe fehlten spürbar in der Kasse. Wann hört das auf? Wie lange noch würde sie über die Runden kommen?

davSilvester 1900 hatte alles so strahlend begonnen! Das neue Jahrhundert! Der Ball! Ihre Verlobung! Wie es sich gehört mit 18! Sie wurde erwählt! Standesgemäß! Der Bräutigam, streng genommen ein entfernter Schwippschwager, Witwer, 40 Jahre alt, kinderlos, war ihr sehr recht gewesen. Er wirkte jünger, konnte privat erfrischend albern sein und seine Offizierskameraden parodieren, dass sie beim Lachen jede Korsettstange einzeln spürte. Auch das erste Kind, der ersehnte Stammhalter, kam pünktlich ein dreiviertel Jahr nach der Hochzeit. Das zweite Kind allerdings starb 6 Monate nach der Geburt. Der Stammhalter blieb der einzige Nachkomme. November 1900 geboren. Traditionell erzogen für die „schimmernde Wehr“. Er hätte drumrum kommen können um das große Töten. Im Frühjahr’18 lag der Krieg in den letzten Zügen. Im Osten schien er gewonnen. Friedensgerüchte auch für den Westen gingen mal wieder um. Doch ihr Arno meldete sich noch freiwillig. Ostfront. Mitten hinein in den Revolutionswirrwarr dort. Erst schrieb er davon, zu spät gekommen zu sein, es sei nichts mehr los, man plane die Verlegung nach Frankreich, dann doch noch Gefechte; seltsame Briefe mit Schilderungen von Soldatenverbrüderungen und Desertionen, glücklich überstandene kleine Geplänkel. Plötzlich der Schock: Gefangenschaft. Die schien zunächst noch recht nobel zu sein. Er und zwei seiner Offiziere säßen als „Gäste“ an der Tafel ihrer zaristischen Überwinder, die sie nun aber kurioserweise als Verbündete gegen die „Rote Revolution“ sähen und ihnen ehrenhalber die Säbel gelassen hätten. Dann – schweigen. Seit fast einem Jahr keine Post.

In all dem Zwist nach dem Brest-Litowsker Frieden schien sich niemand um das Schicksal der Kriegsgefangenen in russischer Hand zu scheren! Dann die überraschende Kapitulation, die Revolution, der Wirrwarrkampf ums Baltikum. Es schießt dort noch immer! Der Junge wird 19! Wenn er noch am Leben ist. Vergessen von der Welt – aber nicht von seiner Mutter, die ihr Gewissen plagt. Kein Tag – an dem sie nicht an ihn denkt. Zur abendlichen Ablenkung versucht sie zu lesen. Heyse-Idyllen sollten es sein! Den hat sie als Verlobte gemocht. Aber Heyses „Auswahl fürs Haus“ (Band 2) ist ein Missgriff. Sie stößt auf Stellen wie:

„Wenn Sie Söhne haben, die anderswo ebenfalls auf ein mitfühlendes Herz angewiesen sind, bitte ich Sie – retten sie mich! Man ist hinter mir her!“

oder

„Der Stadtwebel sah sie durchdringend an und wagte schließlich die Frage: „Frau Amthor! Auf Ehre und Gewissen, haben Sie eine Ahnung, wo sich  ihr Sohn zurzeit verbirgt?“

und gar

dav

Wie unter Zwang erhob sie sich aus dem bequemen Fauteuil, begab sich zum Schreibtisch, holte sich dort den kleinen Bleistiftstummel, kehrte zum Sessel zurück und las das Schicksal jener Witwe in der Schweiz  in dieser Nacht durch. Sie hatte das zum ersten Mal vor 20 Jahren gelesen. Im Brautstand und noch völlig ahnungslos. Nichts war geblieben. Sie las das Buch wie neu: Wie das passte! Abschnitt für Abschnitt bezog sie auf sich und strich fast jeden zweiten an. Bei manchem Satz musste sie innehalten. Eine Erleichterung war diese Lektüre nicht.  Eher eine Folter ihres Gemütes, ein Zwirbeln ihrer Schuldgefühle. Wie war es möglich geworden, dass ihr kluger, vielseitig talentierter Sohn beim Anblick all der heimgekehrten Kriegskrüppel im Dorf und in der Kreisstadt seine Kriegsbegeisterung nicht verlor? Warum hatte sie ihn nicht veranlasst, auf den Gestellungsbefehl zu warten? Warum die Anmeldung zum Notabitur erlaubt? Warum war mancher dieser Tagelöhner-Tölpel unversehrt zurückgekehrt, der ihr jetzt das Leben schwer machte, vor ihr den Hut zog, aber hinter ihr ausspuckte – nicht aber ihr Sohn? Strafe? Wofür? Wo war ihr Sohn?

Als sie die letzten Seiten liest, die das Ende jener tapferen, gescheiterten Mutter enthalten, kommen die Tränen. Tröstend. Für den Moment erlösend. Sie stellt das Büchlein wieder zwischen Band 1 und 3 an seinen Platz. Einst ein Verlobungsgeschenk. Vorn drin noch ihr Mädchenname. Als sie ihn eintrug, dachte sie noch voller Vorfreude „nicht mehr lange“! Es würde alles gut werden als Gräfin Levetzow. Sie sah ein Jahrhundert des Glücks anbrechen – und keinen großen Krieg kommen.

Der Leser da im Garten, im Jahre 2020, erinnert sich an jenen toten Dragonervon der Erinnerungstafel im Borkenkäferwald. An Remarque, Dwinger, Zobeltitz, Kempowski, Lorentzen, Böll und Strittmatter – und die Bilder im „Guten Kameraden“. Er hat das Buch nun ebenfalls durch. Betroffen von den Eindrücken der letzten Seiten schlägt er es zu; dann vorn wieder auf: Die Erstbesitzerin hat ihren Namen hinterlassen.

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Außerdem klebt im Innendeckel so ein Jugendstil-exlibris-Holzschnitt, der bestimmt erst in den 20ern eingeklebt wurde: Carl Wilhelm Meyer.

davDas Internet kennt eine heute noch existente Firma dieses Namens. Damals aufstrebend? Kriegsgewinnler, die die Bibliothek eines bankrotten Gutes aufkauften? Oder handelte es sich nur um einige wenige Bände aus irgendeinem Antiquariat? Eventuell auch nur eine zufällige Namensgleichheit. Ein aufstrebender Bürgersohn, der später wieder herabkam und seine Buchbestände zur Leihbücherei degradierte? Es gibt da diesen irreführenden Stempel hinten im Buch. Die Bestände waren durchnummeriert. dav

Die Assoziationsmaschine springt noch einmal an:

Dem Gut erging es wie so vielen. Die Pleite kam 1923. Das Veräußern beweglicher Habe: Die Prunk- und Jagdwaffen des weiland Hausherren, die Bibliotheksbestände, das Mobiliar. Schließlich die Versteigerung. Die Nachbargüter erwerben die Flächen, ein Stummfilm-Star das Haus.

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Die Bibliothek geriet nach Berlin. Die 3 Bände standen im Hause Meyer gepflegt und einträchtig weiterhin nebeneinander, soweit sie nicht einzeln erwählt und verliehen wurden. Anderthalb Jahrzehnte. Eines Tages brachte die junge Kriegerwitwe Ursula B. den Band 1 zurück und lieh sich den Band 2, dann kam eine dieser Bombennächte. Sie hatte den Band noch in der Manteltasche als sie im Keller saß. Die Bücherei allerdings erhielt einen Treffer und ging in Rauch auf. Ursula B. floh kurz darauf aufs Dorf zu Verwandten. Irgendwo im Barnim/Brandenburg. Dort fielen keine Bomben. Was hat sie dort erlebt, erdulden müssen? Wie lange mag sie gelebt haben? Wann haben ihre Enkel den spärlichen Bücherbestand der Großmutter dem Online-Antiquariat überlassen?

Bludgeon sitzt im Garten. Er sieht das Gutshaus vor sich. Die junge Verlobte, die noch errötet, weil man ihr den „schlimmen“ Heyse schenkt. Die immernoch attraktive Mit40erin, erste Krähenfüße an den Augenwinkeln, wie sie da im Sessel sitzt, sich um das Schicksal des Sohnes grämt und Sätze unterstreicht. Ihre Blicke gehen immer wieder zum Fenster hinaus in die dunkle Nacht: davArno? Wo bist du? — Dann die Kriegerwitwe im zerbombten Berlin, die mit Kinderwagen und zu Fuß versucht, das Dorf an der Oder zu erreichen. Vorbei an Panzerwracks und Leichen. Sich vor feiernden Russen in Wäldern versteckend oder im Straßengraben totstellend. Und wie sie die Kate der Verwandten endlich erreicht, verdreckt und müde; eine Dachkammer überlassen bekommt, endlich das Kind windeln kann und dann den Heyse auf die umgedrehte Kartoffel-Molle legt, die ihr als Nachttisch dient.

Oder war doch alles ganz anders?

Wenn Bücher sprechen könnten…

 

Heyse-Hitlist

Zwischenbilanz nach 5 gelesenen Novellenbänden unterschiedlichster Ausgaben:

Von ca 40 Novellen, die ich nun kenne, sind das die Hits:

Ich habe mal alle 10 mit bissl Rockgeschichte unterlegt, die mir zum jeweiligen Novelleninhalt zu passen schien. The romantc way, you know? Einfach anklicken.

Und: Nein, es ist kein Tippfehler – es gibt zwei 1. Plätze und deshalb keinen zweiten.

 

10 Greatest Hits;

a private best of – (Compiled by Bludgeon)

 

  1. Ein Idealist; 1902

(Sex und Malerei, ein letzter Idealist oder ein prophezeiter Balthus?)

  1. Das Bild der Mutter; 1858

(Heidi Klum und Tom Kaulitz? Emmanuel & Brigitte Macron? Das wäre damals anders ausgegangen.)

  1. Unheilbar; 1862

(Wenn die Welt zu schön ist, um sie zu verlassen… oder „eine schrecklich nette Familie“)

  1. Das Glück von Rothenburg; 1881

(Der Spatz in der Hand oder doch die Taube auf dem Dach? II)

  1. Die Dichterin von Carcassonne; 1880

(Der Spatz in der Hand oder doch die Taube? I, Angelo Branduardi und Stephan Eicher lassen grüßen!)

  1. Im Grafenschloss; 1861

(Der Grobian mit Herz oder „Kein Mut – kein Mädchen“! Wovon künden all die großen leeren Räume?)

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  1. Siechentrost; 1883

(Der erste Hippie oder the power of sound)

  1. Der letzte Centaur; 1870

(Wohin mit den Anschauungen von gestern? Ist Neues immer besser?)

  1. Moralische Unmöglichkeiten; 1901

(Adel im Untergang oder „Pack dein Glück mit beiden Händen, forme es, überlass das nicht anderen!“)

  1. Himmlische und irdische Liebe; 1885

(Behind the scenes: Heyses, Storms, Dahns Frauenproblem(e) oder „Das wäre dein Preis gewesen!“)

 

Nicht berücksichtigt: „Gegen den Strom“. Der Vorläufer des „Glasperlenspiels“. Das Werk heb ich mir auf, bis ich weitere Heyse-Romane kenne. Würde ich es heute einbeziehen, hätte ich 3 erste Plätze; zuviel Drängelei ganz vorn.

Geschriebene Klänge

So kanns gehen.

Heyses Novellenband „Originale“ von 1908 ist ein literarisches Konzeptalbum.

6 Tracks:

– ein Idealist (1902)

– einer von hunderten (1894)

– moralische Unmöglichkeiten (1901)

– das Steinchen im Schuh (1896)

– der Blinde von Dausenau (1898)

– das Rätsel des Lebens (1896)

 

Vielleicht erinnerst du dich an „Wish you were here“ , „Misplaced childhood“ oder „Love over Gold“, so Platten eben, wo jeder Song für sich steht, aber doch EINE Geschichte erzählt wird. Der rote Faden entsteht im Kopf des Hörers/Lesers – die Gänsehaut kommt und geht und kommt wieder, denn jeder packt SEINE Geschichte dazu.

Heyse hat für alle Fälle – die passende Novelle.

  • Warum finden sich so selten die richtigen Partner, die es dann eben doch ein Leben lang miteinander aushalten?
  • Auch in der Liebe/Ehe gilt: Der Spatz zuhause ist besser als die Taube auf dem Rennplatz, Hofball, Gutshof nebenan.
  • Warum freien wir nicht jene, die perfekt passen würden, aber zu offensichtlich ihre Zuneigung zeigen?
  • Wer passt zu wem? Gleich zu gleich? Oder doch lieber: Gegensätze ziehen sich an?
  • Wen bekommt man als Schwiegersippe draufgepackt? Hält man das aus?
  • Sind die äußeren Verhältnisse Schuld am Scheitern so vieler aussichtsreicher (vor allem künstlerischer) Talente – oder diese selbst, weil sie nicht wagen, über ihren Schatten zu springen?
  • Ist die Ausgangsidee für eine Komposition, ein Gemälde, einen Roman gut genug für eine künstlerische Laufbahn?
  • Reichts zum Künstler oder nur zum Dilettanten?

Heyses „Tracks“ des „Originale-Albums“  sind zu unterschiedlichen Zeiten entstanden, hier nicht chronologisch gereiht, aber mit Geist kompiliert.

Wir starten mit dem „Idealisten“, einem alten Maler ohne allzuviel Erfolg, der sich da gleich zu Beginn ein Ding leistet, das eine Sensation darstellt. Der Leser von 2020 glaubt seinen Augen nicht zu trauen: Das Thema? Zu DIESER Zeit? Es handelt sich um ein packendes Alltagserlebnis erotischer Natur. Aber wir sind hier bei Heyse, nicht bei Bukowski oder Henry Miller. Verflixt, vertrackt, aber letztlich geradeso die Kurve kriegend. Nabokov kommt dir beim Lesen eventuell in den Sinn. Vorausgesetzt du kennst dessen Hauptwerk überhaupt. Mehr sei nicht verraten.

„Einer von Hunderten“ ist der nächste ältliche Kauz, diesmal Philosoph mit Dackel, der intelligent und ärmlich sein Dasein fristet und vor allem in Ruhe gelassen werden möchte. Aber auch das klappt nicht, denn in typischer Kaffeehaus-Manier ereilt ihn „sowas ähnliches wie Liebe“ und die Sache spitzt sich sehr melancholisch zu. Das Ende fällt dramatischer aus, als in „Track 1“, der Leser wird jedoch getröstet entlassen.

Dann der Höhepunkt des Buches. Der Longtrack. „Moralische Unmöglichkeiten“. Literarischer Progrock, ein Allerweltsstart, der sich entwickelt, von Zeile zu Zeile immer vertrackter und interessanter wird; der dich hineinzieht in den Strudel der Assoziationen. Heyse ist gebürtiger Berliner und die meiste Zeit seines langen Lebens Wahl-Münchener. Die dramatischste Novelle seines Universums spielt – auf einem Landgut in Brandenburg. Ostelbien wie es darbt und leidet. Heyse erklärt, warum er „von da weg ist“, wenn man so will. Sechs Schicksale gehobener Schichten der Zeit, verwoben wie im von mir gerühmten Meisterwerk „Himmlische und irdische Liebe“ – aber: Die „moralische Unmöglichkeit“ macht diesem bisherigen Glanzlicht allerheftigst Konkurrenz. Ist im Gutshaus schon kein Licht, so bleibt für die Kätner draußen im Dorf gleich gar nichts übrig. Das Drumherum der Dörfler und der beiden Pastorengenerationen sind das Salz in der Suppe. Idyll, wo bist du?

In den Nullerjahren hab ich 3 mal Urlaub im Gutshaus machen wollen, in Mecklenburg. Es wurden 3 Aufenthalte, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Es war nur 1x schön. Du erfährst so einiges über die Kälte dieses vergangenen Glanzes, der auch damals schon allweil ein knapper war, der nach Potemkinschen Prinzipien mit Parkett und Gobelins den Schwamm in den Wänden vergessen machen wollte. Und auch über die Neuzeitsorgen, die so ein Haus heute beschert. Wir waren zuvor einige in Frage kommende Locations abgefahren und griffen dann trotzdem 2x ins Klo.

Einmal begrüßte uns die Hausherrin eines solchen renovierten Kastens. Eine „Frau von X.“, um die 70, die ihr Leben in Niedersachsen verwartet zu haben schien und nun den elterlichen Besitz in den 90ern wiedererlangt hatte.

„WIR wollten hierher zurück um Wiederaufbau zu leisten. Das war ja hier unter den Kommunisten alles verkommen und heruntergewirtschaftet. Aber wir haben hier gute Leute. Und wenn das jemand in die Hand nimmt, dann arbeiten die auch gut. So hat sich manches vom alten Ensemble hier auch wieder herausputzen lassen. Die Scheune und die Stallungen allerdings nicht. Die mussten wir abreißen. WIR wohnen jetzt im Verwalterhaus da drüben. Mein Vaterhaus hier dient nun dem Fremdenverkehr. Deshalb mussten wir da investieren und mehrere Bäder einbauen. Hier gastieren dann nun Leute wie „Sie“. Sie können hier das ehemalige Herrenzimmer und die Kinderstube (jetzt als Bad) buchen. Oder die Mägdestube und die Kutscherkammer. Oder den Salon, den wir für das Bad etwas verkleinert haben. Gegessen wird abends warm. Tagsüber werden Sie ja fort sein. Ich koche selbst. Nach Gutsherrenart versteht sich.“

Sprachs und stand vor uns; alt, kalt und hoch aufgerichtet. Schlank, weißhaarig, die lange Uhrkette um den Hals ersetzte das Lorgnon – oder die Trillerpfeife – Deja-vu! Die Dame wirkte, als sei Frau von Turnberg, mein Sportlehreralptraum der 3.Klasse, wieder auferstanden. Wir dankten damals höflich und buchten dort – nicht!

Die „Frau Mama“ in Heyses Novelle entspricht diesem Herrinnen-Typus aufs Haar. Was muss alles passieren, damit man so wird? Diese aufrechtstehende Arroganz aus Haut und Knochen, plus stählern-unbeweglichem Dupet!

Diese Novelle zieht dich rein, berauscht, bekümmert, lässt die „Heiden von Kummerow“ aufblitzen und „das weiße Band“ – dann das hochdramatische Crescendo: Das Ende allen Übels, aber nicht das Ende aller Leiden. Dann das Deja-vu auf den letzten Seiten: Der Schluss kam mir so bekannt vor! Kann es sein, dass das mal in den 70ern im West-TV lief? Die ARD hatte ja mal ne Phase wo Courths-Mahler und Ury sehr ansprechend zu Fernsehfilmen wurden, erinnere mich auch an einen Mehrteiler der ergreifenden Sorte. Könnte es sein, dass man da auch ein paar Heyses mit untergemixt hat? Internetrecherche war erfolglos.

Nach diesem allgewaltigen Rausch der Sinne muss sich das herumgeschleuderte Gerechtigkeitsgefühl erstmal beruhigen. „Das Steinchen im Schuh“ bietet wieder einen Kauz der am Leben scheiternden Sorte. Die Handlung ist hier vorhersehbar banal. Ihre Nachvollziehbarkeit scheint jedoch auf einer wahren (sehr ähnlich abgelaufenen) Begebenheit zu beruhen. Im „letzten Zentaur“ sitzt derselbe Typ schweigend und unscheinbar mit am Tisch, als Genelli anhebt, seinen Tagtraum zum besten zu geben. Nach heutigem Ermessen weiß man: Ein Autist, der sich selbst nicht versteht und auch nicht verstanden wird; doch diese Diagnose lag zu Heyses Zeiten ja noch in der Zukunft.

„Der Blinde von Dausenau“ enthält interessanterweise eine umfassende Kritik an den damals für alle Gebrechen verordneten Bäder-Kuren der Zeit und geht mit Bad Ems hart ins Gericht. Die Handlung dreht sich eher um die Tochter jenes Blinden. Wieder ein Mädchenschicksal jener Jahre. Wieder eine Ehe, die nicht zustande kommt. Jedoch ist ihr Vater Kauz genug, um dieser Novelle in diesem Band der seltsamen Vögel Daseinsberechtigung zu verschaffen.

Beide Stories sind nur „Nachklänge“ nach dem Großwerk. Zum Abschluss geht die Spannungskurve wieder nach oben:

Der Schlussakkord des Buches „Das Rätsel des Lebens“ greift die Ausgangslage des „Idealisten“ vom Anfang wieder auf, allerdings ist der zentrale Kauz hier kein Maler ohne Erfolg, sondern ein ebensolcher Komponist. Auch hier geht es um eine mehr als seltsame Beziehung zu einem jungen Mädchen, das schließlich erbt – jedoch löst sich das Rätsel der Beziehung hier deutlich anders auf.

Heyse feiert hier 6x melancholische, tapfere, kluge Einzelgänger. Underdogs. Gestrandete Talente. Es bleibt die Frage: Warum trauen sich soviele gute Leute so wenig zu? Warum finden sie so wenig Unterstützung? Wann wird DAS mal anders? Es sind Novellen aus den 1890ern. Mit „über 60“ geschrieben. Vorstufen zu „Gegen den Strom“, dem Alterswerk von 1907.

Leg dir Oldfield auf. Eins von den langen Frühwerken.„Ohhhh-she-maaaa, faaaa-su-laaaa.“ Und lies! Die Lyriks besorgt Heyse.

Als Heyse gegen den Strom schwamm

München; Himmelfahrt 1907, Villa Heyse, sommerliches Wetter.

„Da sitzt du nun, du Alt-Star. Du Säulenheiliger. Wo sind deine Jünger abgeblieben?“

Der alte Heyse sitzt allein am Tisch; im großen Salon seiner Villa; und spricht mit seinem Spiegelbild.

„Wo wernse sein. Beim Hauptmann. Auf Hiddensee. Viel Spaß bei den Ichtyopagen. Pah!

Hauptmann. Nomen est omen. „Kurz und knapp! Jawoll! Zack-Zack!“ Die Karawane zieht weiter. Ins neue Timbuktu. Und das is‘ nu ne Insel. Von wo es nicht mehr weiter geht.“

Er nimmt einen Schluck.

„Burgunder vor Zehne. Weit ist es gekommen mit dir, alter Freund. Burgunder am Vormittag.

kleinheyse3Ach was. Ich sauf mich in Stimmung. Ich will das heute fertig haben. Noch zwei Kapitel. Oder vielleicht drei. Es muss schnell Schluss werden. Ich will das vom Tisch haben.

Mein letzter Roman sollte es werden. Und mindestens doppelt so dick.“

Er hebt den dünnen Stapel Blätter an und fächert ihn durch.

„Gestern hab ich gezählt. Um die 200 Seiten werden es dann wohl nur. Hab auch Novellen geschrieben, die so lang waren. Was ist Novelle, was Roman. Kann Theo wieder ne Theorie draus machen. Pah! War mir immer wurschd! Hatte mal ne „Falkentheorie“ am Start, hahahah. Mancher arme Germanistenwicht predigt die heute noch vom Katheder.

Ich hatte großes vor mit dem Ding. Gestern noch mal den Anfang gelesen. Die Rittbergern ist mir gelungen. Tolle Frau geworden. Vielleicht die beste meiner Weibergestalten.“

Ein Blick streift die lebensgroßen Abbildungen seiner beiden Ehefrauen im Brautstand links und rechts vom Spiegel.

„Sie ist so, wie ihr nie wart!“

dav

Er gießt noch mal nach.

„Wär ich glücklicher verheiratet gewesen, müsst ich tolle Frauen nicht erfinden. Dann hätt‘ ich eine gehabt!“

Er wendet sich wieder dem Manuskript zu:

„Solche Frau! So eine Frau!“, lass ich den Doktor hier seufzen. Sie macht ihn fertig. Er bekommt die Standpauke – und betet sie an. Sie – voll im Brast, merkts nicht. Die Stelle ist auch gelungen, find ich.

Ist das hier meine Marienbader Elegie? Naja 70 war ich nicht, als ich mein 18jähriges zweites Huhn riss. Aber ist mir Ehe Nr.2 nun bekommen oder nicht. Wo isse überhaupt grade, meine Madam?“

Er trinkt.

„Als Backfisch hat se mich angeschwärmt und ich hab mich in ihrer Jugend gesonnt, aber – naja:

„Sie haben sich in ihre mädchenhafte, anhimmelnde Naivität verguckt, in der man sie belassen hatte. Und sie haben ihren Teil dazu beigetragen, dass das auch in der Ehe noch so bleiben sollte. Dann plötzlich haben Sie von einem halben Kinde eine Entscheidung erwartet, die eine reife Frau, zwischen Mann und Vater gestellt, hätte treffen können, mit der Juliane aber überfordert war.“

Stimmt schon so. Das ist der beste Ausspruch meiner Rittbergern überhaupt! Ich war so voller Elan am Anfang, als ich das schrieb. Da steckt soviel drin! Ich fühlte mich da neulich noch einmal wie mit 30. Aber dann hab ich nicht widerstanden und wieder diesen Dreck über mich gelesen: Mann ohne Einfälle! Überschätzt! Blender! — Aaaaaaach, das bremst dich einfach aus!“

Er nimmt einen großen Schluck. Das Glas ist leer. Er gießt nach. Das Glas wird nur halbvoll, nun ist die Karaffe leer.

„Zenzi!“ Er müsste aufstehen, um an der Gesindeklingelschnur ziehen zu können, da brüllt er lieber. „Zenzi!“

Gotlind, die hier im Haus nur Zenzi heißt, weil der Meister meint, Gesinde müsse so heißen, ihr eigentlicher Name passe nicht für eine Magd, erscheint und lässt auf ihrem Gesicht deutlich ihre Unlust stehen.

„Zenzi, sei so gut und bring mir noch eine.“, wedelt er mit der leeren Karaffe. „Ich werde mich heute früh besaufen, weil ich schreiben muss. Ich werde also gegen Mittag hinüber sein und mich aufs Kanapee schmeißen. Sag der Marie in der Küche, eine kleine Brotzeit gegen 3 Uhr wird reichen. Und leg mir noch ein Aspirin auf den Beistelltisch am Kanapee.“

Zenzis Blick hellt sich auf. Ein ruhiger Feiertag für das Gesinde also. Nach den Räuschen schläft der Alte lange. Die Brotzeit wird eher Abendbrot sein. Der Tag ist rum, ohne Arbeit. Fein!

Sie geht und bringt die zweite große Karaffe Wein. Er hat sich schon wieder tief in seine eigene Welt begeben und nimmt ihr herein und heraus gar nicht wahr.

„Quatsch. Ich bin ja wohl ne andere Hausnummer als der Geheimrat von Weimar war. Aber man sollte nicht mit Mitte 40 sowas Junges frei‘n. Die ist dann Mitte 30 und ausgereift, wenn du selbst schon hinüber bist. Dieses Herumreisen müssen, dieser Einkaufswahn! All diese sinnlosen Kosten!

Aber dem sind sie in den Arsch gekrochen bis zum bitteren Ende. Wie hat der das gemacht? Und dann Fürstengruft! Staatsbegräbnis!

Wenn ich hinüber bin, wird kein Hahn mehr krähn nach mir. Da geht’s mir wie dem Friedrich in Berlin. Der arrogante Hund! Antwortete nicht mal auf meine Einladungen.“

Wieder ein Schluck.

„Ach schon gut. Ich hörte, er soll elend krank sein inzwischen und halb blind. Da reist man nicht mehr. Nee, arrogant biste nich‘ mehr alter Freund dort droben. Spielhagen und Heyse – auf uns! – die beiden Diogenesse in ihren Fässern!“

heyse2 (3)Er trinkt das Glas aus, blickt sich um. Schaut auf das leere Glas in seiner Hand, spürt die Wärme des Alkohols nun langsam in seinen Adern und lächelt befriedigt:

„Naja, schickeres Fass irgendwie.“ Er grinst in den Spiegel, fährt sich durch die noch immer dichte Künstlermähne, stellt das leere Glas ab, greift zum Füllfederhalter, schraubt die Kappe andächtig ab,  und beginnt zu schreiben.

——

„Gegen den Strom“ kam 1907 auf den Buchmarkt und blieb unbeachtet. Der 77jährige Heyse verkaufte sich immernoch ganz gut, fand aber in den Gazetten nicht mehr statt. Den Spartenblättern der neueren Literatur diente er allenfalls als Feindbild, gegen das strikt anzuschreiben sei.

„Gegen den Strom“ hätte Beachtung verdient gehabt. Es ist eine Art Generalabrechnung mit der Gesellschaft und der Zeit. In salonfähig zumutbarer Form. Und es ist sicher auch das Inspirationsbuch für ein weit berühmter gewordenes anderes Werk: Hermann Hesses „Glasperlenspiel“. Ebenfalls eine Generalabrechnung eines aus der Zeit Gefallenen ein paar Jahrzehnte später.

Heyses Buch zerfällt in eine gute erste Hälfte, voller realistischer Schilderungen zeittypischer Schieflagen in der besseren Gesellschaft und im piefigen Kleinbürgertum – und einen schwachen, nahezu kommunistisch anmutenden Schluss.

Beim Lesen heute erlebst du ein Feuerwerk der Assoziationen. Vorausgesetzt du kennst Kleinstadtleben und ein paar Referenzwerke.

„Gegen den Strom“ heißt der Band. Heyse kannte Bob Seger nicht. „Against the wind“! Seinen Weg gehen, merken, dass man nicht weit kommt, aber stolz bleiben! Das ist auch das Problem des Buches. Heyse ist der Seger von 1907. Aber es geht bei ihm nicht nur um „zwei Geflippte, die durch nichts zu bremsen sind“, sondern wie sich bald zeigt, gleich um acht Personen.

heyse3Sechs intelligente Männer, ohne eigenes Verschulden, von der tumben Meute aus der Spur gebracht, bilden eine Art Bruderschaft abgeschieden in einem ehemaligen Klosterbau auf dem Nonnberg gegenüber der völlig verschnarchten Kleinstadt Windheim.

Und dann wären da noch zwei attraktive Damen, von denen sich die eine als beeindruckende Powerfrau erweisen wird.

davIch lese „1907“ auf dem Vorblatt und den Einleitungssatz: „Es war in den 90er Jahren…“ des 19. Jahrhunderts und ich schalte auf Gründerzeitmodus; da ziehen mich die ersten paar Heyse-Seiten auch schon in die Spielhagen-Welt zu Edith und Eleonore, zu Melitta, Hermine und Paula:

Windheim; Kleinstadtbahnhof, eine attraktive Frau entsteigt einem Zug. Der Gepäckträger bekommt einen Wink, den geflochtenen schweren Koffer auf das Dach des Omnibusses des Hotels zu hieven. Alle Anwesenden platzen sofort vor Neugier: Was will SO EINE hier in unserm Kaff? Auf dem Koffer steht H.v.R. also irgendwas Adliges!

Helene von Rittberg. Heyses Melitta von Berkow. Spielhagen erschuf sie in seinem Debut. Heyse quasi als sehr gelungenen Schlussakkord!

Ohne, dass es erwähnt werden muss, siehst du sie vor dir: Knapp 30jährig; weißes langes Kleid, schlank, aber nicht dürr; die Taille lässt die Korsettierung ahnen, Hochsteckfrisur und Wagenrad-Hut mit Feder. Sie bezieht ein Zimmer im „Blauen Engel“ – und nun musst du erstmal Marlene Dietrich verdrängen, dieses Leichen-Face mit den Mephisto-Augenbrauen vom Gründgens.

Jene schönere Helene, ist in geheimer Mission ihrer jüngeren Freundin Juliane von Greiner hier, um deren Ehe zu kitten. Ein komplizierter Fall. Untreue ist nicht das Problem, sondern Heyse greift ein heißes Eisen seiner Zeit auf:

Duelle sind verboten! Aber wenn du als Offizier einem ausweichst, feuert dich der Ehrenrat des Offizierskorps deines Standortes aus der Armee!

Selbst wenn der Herausforderer von zweifelhafter Ehre ist und einen vermutlich verdrehten Sachverhalt als Grund für den Schusswechsel präsentiert! Er hätte trotzdem den ersten Schuss in der Auseinandersetzung und käme mit Glück durch, während der ehrenvolle Kriegsveteran von 1870/71 als Herausgeforderter einen sinnlosen Tod stirbt und eine schöne Witwe für den Strolch hinterlässt. Der Kriegsheld steht beschämt als Feigling da, der spielsüchtige Trunkenbold triumphiert. Verkehrte Welt!

Wenn dann noch eine ungünstige Schwieger-Sippe des Helden hinzukommt, die nun im Mann des eigenen Kindes einen Feigling sieht, muss die Frau entscheiden, zu wem sie steht: Ehemann oder Vater? Wer hat recht mit seiner Sicht der Dinge? War das Duellabsagen Feigheit oder Vernunft? Juliane von Greiner entscheidet sich auf Druck des Vaters gegen ihren Mann. Der verzweifelt daraufhin, flieht und verdrängt; lebt sich ein, in die Rolle eines Witwers. Fünf Jahre vergehen, da taucht Helene in seinem Exil auf, um alte Wunden aufzureißen, wie er meint; – um die Ehe doch noch zu kitten, wie seine Frau Juliane hofft. Der böse Schwiegervater ist inzwischen tot.

Helene findet Herrn von Greiner, informiert ihn, versucht seine starren Moralvorstellungen zu  erschüttern – und blitzt ab.  Die Ansichten der Zeit, die sich Greiner und Helene im Disput an den Kopf werfen, lassen aufhorchen. Heyses Standpunkt ist hier ein durchaus moderner! Helene eine intelligente, emanzipierte Frau, die nie um Verständnis bettelt, die die Initiative behält, aber die besiegten Männer trotzdem gut aussehen lässt. Die personifizierte Vernunft. Von Rittberg – die, die die Hürden überspringt. Von Greiner – ist für eine letztlich auch positive Figur ein suboptimaler Name. Es sei denn, der „Heuler“ soll seine Rolle in der ersten Hälfte des Buches unterstreichen.

Aber neben Greiner sind da noch die anderen 5 in ähnlicher Lage.

Der Mediziner, der Mathematik-Professor, der Kaplan, der Politiker, der Maler – allesamt Träger schwerer Schicksalsschläge. Ergo: Die Vernunft sitzt auf dem Berg und wird nicht gebraucht. Hey Atlantis! (Donovan/Danzer)

Unten im Tal lebt die kleingeistige Meute in altem Schlendrian dahin, versäumt wichtige Reparaturen am Deich. Der hält schon noch!  Und sieht die Katastrophe nicht kommen. Erst als sich der Wolkenbruch ergießt, die Straßen überflutet sind, kommen beide Seiten zusammen. In der Stunde der Not ist handelnde Intelligenz von Nöten! (Witt 1)

Hesse als notorischer Gegen-den-Strom-Schwimmer wird dieses Buch gekannt und gefeiert haben. Sein Glasperlenspieler-Ghetto drängt sich in der Erinnerung des Lesers von heute nach vorn. ER lässt seinen Elite-Renegaten dort ersaufen. Bei Heyse überleben dessen Vorbilder: Hauptmann Greiner und Dr. Carus.

heyse2 (2)Die Fabel ist bei Heyse (und später auch bei Hesse) in eine sehr elitäre Welt entrückt, so dass nicht gefragt werden muss: Wovon leben die da eigentlich auf ihren Elite-Bergen? Die 6 treiben eigenartige Hobby-Studien, die kein Geld einbringen – und auch die Glasperlenspieler kennen keinen Broterwerb. Der profane Existenzkampf des Alltags, der den Massenmensch in seinen Reflexen hinundher treibt, interessierte Heyse nur am Rande. Er will seine Ansichten in Disputen unterbringen und er tut dies in durchaus ansprechenden Situationen.

Die Vielfalt der angesprochenen Problemkreise verblüfft:

Ehren-Kodex, Sterbehilfe, immer noch vorhandene Judenfeindlichkeit der dumpfen Masse, unversöhnliche Grabenkämpfe der Kunstkritik, oppositionelle Gedanken in den „Grenzboten“ unterbringen ;Fraktionszwänge und Sinnlos-Diskussionen im Reichstag, Rolle der Frau als beschäftigungslose Anmut, nur als Witwe unabhängig, in Zeiten heraufdämmernder Emanzipation…

Heyse schlägt hier 2 Fliegen mit einer Klappe: Einerseits kotzt er sich frei über den Unverstand der Welt, in herrlich tiefsinnigen Dialogen zwischen Helene und den Misanthropen. Aber zugleich sind das ja kulturvolle, sympathische Seelen, die sich nichts für lange übelnehmen. Und so erschafft sich hier andererseits der erfolgsverwöhnte, immer gastfreundliche, und nun vereinsamte, alte Heyse seine finale Tischgesellschaft in der Phantasie.

SOLCHE Leute hätte er gern um sich!

SO und nicht anders müsste man miteinander umgehen, wenn wirklich die Vernunft gesiegt hätte, wie immer behauptet wird!

Das dem nicht so ist, merkt der Leser selbst.

Ein reinigendes Gewitter löst die Katastrophe aus, die eigentlich keine richtige ist. Sie wird auch nicht dramatisch ausgewälzt, sondern nur notdürftig skizziert. Mittel zum Zweck, um alles zum Guten drehen zu können. Das Ende kann als Kitsch betrachtet werden. Heyse ist das wurscht. Realist wollte er nie sein! Das war ihm zu karg, zu revolutionär, zu unromantisch. Deshalb bricht über Windheim nach der Flut eine Art utopischer Kommunismus herein, in dem alle Widersprüche enden.

Da wird es Verrisse gehagelt haben, oder völlige Ignoranz. Das muss er gewusst haben! Er hatte mit 77 schließlich reichlich Lebenserfahrung.

Nach dem Setzen des letzten Punktes am Ende des Schreibvorgangs ist es noch nicht 12. Die Karaffe ist noch halbvoll. Er gießt sich nocheinmal ein. Die Schreibraserei hat sich verflüchtigt. Er ist unzufrieden mit sich. Er weiß, dass der Schluss kein guter ist. Er säuft ihn sich schön:

„Sie werden’s nicht raffen, diese Schmierfinken von heute! Sie werden sich an meinem zu simplen Konfliktverlauf hochziehen.“

Er verstellt die Stimme und schreit sein Spiegelbild an:

 „So ist das Leben nicht! Fehlen bloß wieder Zentauren, die die Damen retten! Das Geschreibsel eines verlöschenden Talents!“

Er trinkt aus und winkt mit dem leeren Glas ab, dann füllt er nach. Da schlägt der große Regulator 12. Bong! Pingping. Bong! Pingping…

„Und sie werden‘s halt wieder nicht begreifen, dass man ein bissl Kitsch als Gleitmittel braucht, um die Leser nicht zu verschrecken. Sie sollen das Rührstück ruhig schmachtend genießen. Aber wenn sie sich den Carus oder den Greiner zum Vorbild nehmen, dann müssen sie auch denken und handeln wie die — und nicht nur wie dressierte Hunde, dieses räsonierende Offizierscasino da in Potsdam nachäffen! – Grandios Hoheit! Grandios! Meine Verehrung! – Dann fangen sie an zu überlegen: Wer sitzt eigentlich bei uns auf dem Nonnberg sinnlos rum und muss auf seine große Stunde warten, weil irgendwelche Dumpfbacken ihre Posten nicht räumen?

…kann ja nich‘ alle ersaufen lassen! ….müsst ich Thomas Mann heißen! Uäh! Buddenbrooks. Scheißfamilie.“

Er schaut angewidert ins Weinglas. Das Lächeln kehrt zurück:

„…kannst nichts dafür, guter Tropfen!“

Er erhebt sich und taumelt zum Kanapee hinüber, lässt sich dort fallen, wirft sich die Sofadecke über und lallt noch ein abschließendes:

„Findet die Guten, ihr Arschgeigen!“

Dann schläft er zufrieden ein.

©Bludgeon

Heyse lesen! (V)

L’Arrabbiata (1853)

oder: Die wahren Abenteuer sind im Kopf…

Zum krönenden Abschluss an dieser Stelle nun meine Wahrnehmungen zum Thema:

„Berühmtestes Überbleibsel eines ehemaligen Sockel-Helden der deutschen Literaturgeschichte“.

Wenn du heute zu Heyse recherchierst, dann endest du bei der „L’Arrabbiata“, seiner bekanntesten Novelle, fast seinem einzigen Ruhmesrudiment. Wenn du zwischen drei und hundert Novellen von ihm kennst, oder sogar noch den ein oder anderen Roman, dann fragst du dich automatisch, warum blieb ausgerechnet DIESES ETWAS übrig?

Was sagt das über künstlerische Potenz einer Gesellschaft aus, die „Zentaur“, „Grafenschloss“, „Siechentrost“ , „Irdische/Himmlische Liebe“  liest und vergisst, aber nicht müde wird DIESES ETWAS zu feiern?

Es geht hier nicht um eine Ode an eine Spagetti-Soße!

Es geht auch nicht um „La Traviata“! Obwohl das so ähnlich klingt und aus derselben Zeit stammt.

Es geht um das hier:

Stell dir vor, heute schriebe jemand in etwa folgende Geschichte in der Erwartung, erfolgreich und berühmt zu werden:

Junger Pfarrer lässt sich vom italienischen Festland nach Capri übersetzten, im Ruderboot. Der junge Fischer nimmt außer ihm noch eine junge Italienerin mit, der an Land ein paar Halbstarke nachpfeifen. Sie kommen am Ufer der Insel an und steigen aus.  Jeder von den dreien hat irgendwas zu erledigen und abends soll es zurück gehen.

Am Abend kommt der Pfarrer nicht zur Anlegestelle. Der Fischer rudert also mit dem Mädchen los. Sie plaudern, er will sie küssen, sie beißt ihn in die Hand und springt ins Wasser, um an Land zu schwimmen. Er rudert neben ihr, ist sich der Peinlichkeit der Situation bewusst und bittet die Schwimmende um Entschuldigung. Sie möge bitte wieder einsteigen, das Ufer ist noch weit. Sie sieht ein, dass sie doch nicht soweit käme und lässt sich wieder ins Boot helfen. Nun sitzt sie durchnässt vor ihm und lässt ihn wortlos rudern. „Shut up and drive!“ Als sie ankommen, hat die Mittelmeersonne das Kleid getrocknet. Beide gehen ihrer Wege.

Ihm tut die Hand weh. Sie entzündet sich. Er liegt schlaflos in der Hütte. Er steht also auf um die Hand zu kühlen, da steht sie in der Tür. Sie hat Kräuter dabei, weil sie weiß, dass Bisswunden zu Entzündungen neigen. Nun entschuldigt sie sich und lindert den Schmerz in der Hand. Sie bleibt über Nacht, da sie den Heilungsprozess überwachen will.

Dann bestellen sie das Aufgebot bei dem Pfarrer vom Anfang der Geschichte, der so von den Ereignissen der Rückfahrt ohne ihn erfährt und hofft, eines Tages als alter Seelsorger mal vom ältesten Sohn der beiden nach Capri gerudert zu werden.

So. Wahnsinns-Plot, nicht wahr?

Klar, dass sowas fünfzig Jahre lang in jede Novellenanthologie gehört, oder?

Wie in Teil 1 dieser Reihe angedeutet: Das war für mich 1981 nicht das „Große Ding“, das Lust auf mehr machte. Als ich 1988 dann das ganze Büchlein doch geschafft hatte und dank Mutterns Literaturgeschichtsband von der Bedeutung dieser „nachhaltigsten“ Heyse-Novelle wusste, kam es mir so vor, dass es Heyse einst genauso ergangen sein muss, wie einigen niveauvollen Rockmusikern meiner damaligen Gegenwart: Barclay James Harvest hatten gefühlte 15 LPs draußen. Vier hatte ich auf Band. Viel gute Musik also, aber ihr Signatur-Track wurde „Life is for living“, Binsenweisheiten auf Patsch-Patsch-Rhythmus für Grobmotoriker. Armselig.

Ian Hunter, mir wichtiger als Dylan, verdankt sein kleines bisschen Randgruppenruhm einer amerikanischen Talk-Show, die sich sein „Cleveland rocks“ als Titelmelodie ausersehen hatte. Ein Füllsel von einer Glanz-LP voller ansonsten epochaler Tracks: „You never alone with a shizophrenic“ (1978), Deep Purple, Genesis, Chris de Burgh, Opus, … gefeiert für Beiwerk, während ihre eigentlichen Leistungen nur „mitgekauft“ werden … die Reihe ließe sich endlos fortsetzen.

heyse6

S.B. als L’Arrabbiata?

Als ich ende der 90er wieder auf Heyse stieß und die „L’Arrabbiata“ nunmehr schon zum dritten Mal der Vollständigkeit halber mitlas, hatte ich parallel dazu meine erste intensive Arno Schmidt Phase, inclusive „Sitara“-Lesegenuss. Da blitzte bei der Wiederbegegnung mit jener italienischen Bootspartie so ein Gedanke auf, der jedoch wieder verschwand, weil er nicht weiter relevant zu sein schien.

Diesmal nun aber hat mich Heyse so richtig erwischt und der Gedanke von anno 98/99 stellte sich wiederum ein, um nun zu Ende gedacht zu werden:

Das ist doch in Wahrheit ganz anders!

Wo lässt man alle seine Gefühle und Begierden, aus denen wir mutierten Affen nun mal gewoben wurden, wenn man bis zum Hals in den Ausläufern von Biedermeiergepflogenheiten steckt?

Braucht es da nicht auch etwas dissidentischen Witz, um ein erlaubtes Ventil in den Bildungskanon zu mogeln, damit man nicht erstickt?

Ich muss ein bissel ausholen:

Bill Bryson wirft in seiner „Kurzen Geschichte der alltäglichen Dinge“ die Frage auf, warum es die Menschheit von je her versteht, sich den Alltag so richtig schwer zu machen und er beschreibt im Anschluss anschaulich die Unmöglichkeiten der Mode des 18. Jahrhunderts mit Perückentragepflicht und der Krätze darunter, mit all den Reifrock- und Stoffmassen und dem damit auf der Straße aufgewischten Unrat, den man so in die Häuser trug.

Das lässt sich weiterdenken: Für einen kurzen Moment erschuf die frz. Revolution an der davSchwelle zum 19. Jhd. neben aller Guillotine-Drangsal immerhin eine leicht zu tragende Mode. Aus den zerlumpten Hochwasserhosen der Sanculotten wurde Stück für Stück das lange Hosenbein: Das Beinkleid. Weg war die Perücke! Männer trugen ihr Rest-Haar kurz nach vorn im Bert-Brecht-Look, Frauen kam eine als antik geltende Renaissance des altrömischen Wuschel-Dutts statt der höfischen Turmfrisur entgegen; wenn man schon Paläste mit Dorischen Säulen baut, dann können die Frauen darin auch aussehen, wie die Vestalinnen: Also her mit Kleidern im Stile von Tuniken. Die Landbevölkerung versteht die Welt nicht mehr und glotzt sich die Augen aus dem Kopf, wie die Gnädige und ihre Töchter plötzlich herumlaufen: In Nachtwäsche am hellerlichten Tag?

Aber die anfängliche Napoleonbegeisterung schlug schnell ins Gegenteil um. Er hatte diese Mode nach Deutschland gebracht – und mit ihm ging sie auch 1815 wieder. Die Sittenverlotterung der „Franzosenzeit“ musste ein Ende haben! Der sittsame „biedere“ Deutsche der Restaurationszeit holte zwar nicht Perücke, Turmfrisur und Reifrock zurück, wohl aber so etwas Ähnliches: Dackelohrfrisur, Korsett und lange schwere Tüllgewänder mit geordnetem Faltenwurf. davDie „Sittsamkeit“ der Frau könnte somit wieder als „Sitz-Zahm-Keit“ verstanden werden, denn viel mehr ging ja nicht, in diesem Outfit. Hinzukam die verordnete Blässe als Beweis der Vornehmheit. Gleichzeitig feierte die Operette vom „Zigeuner-Baron“ Erfolge, auch in Spielhagens sensationellem Erstlingswerk hat eine der Nebenfiguren eine heiße Affäre mit einer „rassigen“ Zigeunerin; reihenweise werden junge Mägde frisch importiert vom Dorf, braungebrannt vom Gänsehüten kommend, in gutbürgerlichen Villen „vernascht“, (Freksa berichtet davon und Thomas Mann beschreibts im „Felix Krull“) ,Millionen kleine Jungs fiebern mit, ob Old Shatterhand nun Winnetous Schwager wird oder nicht … wer will da diese bemitleidenswerten, verschnürten, bleichen Damen mit Riechfläschchen?dav

Wer überhaupt verinnerlicht diese verordnete Prüderie wirklich soooo brav, wie es Adalbert Stifter, Theodor Fontane, in den glutlosen, blutarmen Handlungssträngen ihrer Romane glauben machen wollen?

Arno Schmidt dechiffriert in „Sitara und der Weg dorthin“ Landschaftsbeschreibungen bei Karl May und ausgerechnet Stifter als versteckte Erotik:

„Zwei Berge von nahezu gleicher Höhe. Dort wo sie sich in der Ebene zu berühren schienen war ein Wäldchen. Die Büsche des Unterholzes bargen den Einstieg in die Grotte, deren Geheimnis uns angelockt hatte und die wir so lange vergeblich gesucht …“

Bezogen auf Heyses kräuterkundige Handbeißerin ergibt sich:

Du kannst dir heute bei Wikipedia und anderswo die literaturtheoretischen Würdigungen der „L’Arrabbiata“ durchlesen, die seit Generationen ein Katheder-Sklave vom andern humorlos und verklemmt abgekupfert hat: Parallelen zu Goethes Italienbegeisterung; der völkerkundliche Blick des Reisenden, Weltoffenheit, Orange als Leitmotiv, Spannungsbogen (Pruuuust!),große Schicksalsverknappung in kleiner Form….

Ich behaupte heute stattdessen:

Die, die die Prüderie ihrer Zeit genauso anstank wie Heyse selbst, machten aus seiner Bootsfahrt-Novelle ein trojanisches Pferd. Sie erklärten diese hier wiedergegebene gezähmte Sex-Phantasie alternder Universitätsgraubärte zum „großen Kunstwerk“ für all die Goethe-Kult-Philister, die ihre Doktor-Väter waren: Im Wesentlichen sahen diese sich dann, falls sie überhaupt in diesen „modernen Kram“ hineinsahen, konfrontiert mit einer braungebrannten, völlig durchnässten, schwarzmähnigen 18jährige Italienerin, impulsiv und voller Temperament. Allein mit einem Fischer im Ruderboot, spätabends auf dem Mittelmeer. Wer möchte da nicht Fischer sein – und scheiß auf  den Biss!

heyse5Also kniffen sie ein Auge zu, schwafelten von Stund an mit, von all den Nebelkerzen und vom metaphorischen Orangen schälen und feierten, somit ein Buch zu haben, dass sie nicht vor Frau und Töchtern verstecken mussten.

Und so rum betrachtet, hat dann sogar die „L’Arrabbiata“ Sensationspotential.
(Ende der Heyse-Reihe.)

Heyse lesen! (IV)

 

Irdische und himmlische Liebe (1885)

oder: Wenn der Kuschelfaktor fehlt

Aufgemerkt! Hier kommt Heyses Highlight! Klar, wir abgeklärt uns für aufgeklärt haltenden Schöpfungskrönlinge der Jetztzeit halten schon die Überschrift für Kitsch der peinlichsten Art.

Aber Geduld, diese 4 Worte erfahren im Weiteren eine recht sinnstiftende Anbindung. Frei nach dem Sesamstraßenmotto: Klingt blöd – is’ aber so.

Wir bekommen von Heyse im Laufe der Handlung 4 Personen vorgestellt und ihre Denkweisen erklärt, so dass wir allzeit in der Lage sind, jeden der 4 zu verstehen, ja uns derlei Leute als Freunde in die nächste Umgebung zu wünschen, obwohl wir erfahren, dass alle 4 NICHT zusammenpassen.

Eine tiefenpsychologisch und soziologische Meisterleistung, dass es hier gelingt, 4 Gegenpole so miteinander zu verknüpfen, dass doch keiner von ihnen den „Schwarzen Peter“ des dauerhaften Unsympathen auf sich zieht.

Sie leben quasi gegeneinander, sind jedoch aufs engste unauflöslich miteinander verwoben.

  • Hier wird zum einen klar, welche Probleme die Prüderie und welchen Dünkel die Ständegesellschaft der 19. Jahrhunderts erzeugte. Wohin nur mit den echten Gefühlen in dieser Zeit der Dauermaßregelung?
  • Hier wird deutlich, wie notwendig eine Reparatur des Rollenbildes von Männlein und Weiblein demnächst sein würde; ohne sofort in Hardcore-Feminismus verfallen zu müssen.
  • Und hier kann um ein Vielfaches mehr mitgeliebt und mitgelitten werden als bei Fontanes abgeklärten Menschapparaten.

Mit dieser Novelle schließt Heyse zu Spielhagen auf. Der Realismusverächter hat hier 4 realistische literarische Figuren erschaffen, die zum Besten gehören, was sich so im 19.Jhd. als Lesestoff finden lässt.

Worum geht’s:

Der junge Geschichtsprofessor Chlodwig, vom Rektor der Universität gefördert, heiratet dessen Tochter Gina. Diese gilt als ewig begehrenswerte Ballkönigin und sei von hervorragender Bildung, jedoch auch ein wenig vom Dornröschenkomplex geplagt, sodass ihr bisher kein Bewerber recht war. Sie sieht jedoch selbst, dass ihre nunmehrigen 28 Jahre ein Alarmsignal sind „alte Jungfer“ zu werden und so erhört sie den 2 Jahre jüngeren Chlodwig. Alles fügt sich aufs Feinste. Die „Brautzeit“ erfüllt beide zunächst bestens, denn beide sind in Liebesdingen unerfahren. Einige wenige Jahre später jedoch ist das Verhältnis der beiden ein abgekühltes sich gegenseitig Achten. Kinder entstanden nicht.

Da besucht der Professor zu Beginn von Semesterferien gelangweilt ein Jahrestreffen der Uni-Absolventen und trifft dort auf die Kellnerin Traud. Heyse erfindet in ihr die Waise eines in Armut gestorbenen immer hilfsbereit gewesenen Landarztes, damit erklärbar wird, weshalb Traud kein ungebildetes „Hascherl“ vom Lande ist, also intellektuell im Gespräch mithalten kann. Beide wollen keine Beziehung, denn sie kennen die Konventionen und die Folgen, aber – es passiert.

Der vierte im Personenkarussell ist Dr. Berndt. Seines Zeichens angestellter Anwalt und Misanthrop mit sehr guten Rundumschlägen auf die Gesellschaft. Der nüchterne Blick des Realisten, der die romantischen Träumereien der Guten und die fiesen Absichten der Schlechten sofort durchschaut, gleichsam auch weiß, dass er an Attraktivität und Protzveranlagung nicht mit den „aufgeblasenen Hans Wursten seiner Branche“ mithalten kann und sich mit einem second hand Leben begnügen muss.

„Second hand girls, second flats, second hand love in second hand beds“.

Tom Waits,Charles Bukowski, Bruce Springsteen, Inga Rumpf, Sido … Heyse erschafft den gebildeten Underdog.

Was genau in dieser Konstellation abläuft, behalte ich für mich. Aber ein anderes Geheimnis sei hiermit gelüftet:

Wie durch einen Gazeschleier wird hier erahnbar, aber eben nicht vollends sichtbar, was sich in prominenten Künstlerfamilien der Zeit ebenso abgespielt hat oder wenigstens abgespielt haben könnte: Geschichtsprofessor Chlodwig, in den Vorlesungen gefeiert und in den Semesterferien historische Romane schreibend – ein überdeutlicher Hinweis auf Felix Dahn. Dieser heiratete nach langer familiärer Rangelei die Nichte von Anette von Droste-Hülshoff, die sehr gebildete Therese von Droste-Hülshoff und verkündete stets, mit ihr glücklich zu sein. Aber Kinder entstanden keine und er war viel alleine unterwegs zwischen Breslau und München.

stormTheodor Storm; Jurist, auf Grund seiner vaterländischen Gesinnung aus dem dänischen Schleswig vertrieben, somit zeitweilig geduldeter Flüchtling in Potsdam und Berlin, nur ehrenamtlich armselig beschäftigt, also zum Schriftstellern gezwungen, um zu überleben, verachtet nicht nur seine bornierten preußischen Kollegen, sondern kommt zu ganz und gar ernüchternden Erkenntnissen über preußische Vorreiterei in Sachen Reichseinigung. Seine Jugendliebe hat er einst nicht heiraten dürfen, als Habenichts und gesuchter Staatsfeind Dänemarks. Als er dann anderweitig verheiratet war und jene Fee von damals Witwe wurde, nahm er sie in sein Haus und lebte nun mit zwei Frauen, worüber sich die Umgebung selbstverständlich das Maul zerriss. Heyse wandelt das ab, aber sein Dr.Berndt übernimmt ebenfalls einen seltsam-heiklen Liebesdienst, um eine Frau zu retten, die er zur rechten Zeit selber nicht haben konnte.

Schließlich Heyse selber: Was Dr. Berndt über Chlodwigs Frau denkt, ist das nicht eventuell die Meinung Heyses über Theresa Dahn? Durchschaut er, dass Dahn ihm etwas vormacht, wenn er stets von seiner Theresa schwärmt, aber zu allen Empfängen alleine erscheint? Oder legt Heyse seine eigene Ehe mit der Tochter des ebenfalls berühmten Dichters Kugler hier als Chlodwigs Ehe an, um allzu erkennbare Spuren klarer Übersetzbarkeit zu verwischen?

Das Problem der unglücklichen Ehe, der arrangierten Ehe, der Heiratspolitik ist kein Adelsprivileg. Es ist DAS zwischenmenschliche Problem der Heyse-Zeit. Die Industrialisierung wirft gerade auf allen Gebieten der Wirtschaft, der Bildung, der Wissenschaft alles durcheinander – soviel Umschwung war nie zuvor; doch die Verkuppelung junger Leute in der bürgerlichen Gesellschaft wurde so mittelalterlich prüde durchgezogen wie eh und je. Die Ehe sollte Familien konsolidieren. Die Liebe gefährdete Existenzen, denn die „krumm-bucklige Verwandtschaft“ wird nun mal immer mitgeheiratet und muss des Rufes wegen dann durchgefüttert werden.

Der Schriftsteller musste das nicht sehen. Er sah die unzureichenden emotionalen Fundamente der Partnerschaften seiner Umgebung.

Amor-sacro-e-amor-profano

Er brütete über einem alten Tizian-Gemälde „Amore sacro e amor profano“, das er folgerichtig seinen Protagonisten über das Sofa hängt: Warum ist das so?

Die bedingungslose himmlische Liebe lädt nackt zum Bade ein. Oder sie strahlt nach einem eben gehabten „Bade“ befriedigt und sich ihrer Nacktheit nicht schämend. Die gezähmte, bekleidet bleibende irdische Liebe schaut verschämt aus dem Augenwinkel, hat tote Trockenblumen auf dem Schoß und eine bescheidene Wasserschüssel zur Verfügung. Amor kann noch so sehr in der Wanne der vollen Verheißung plätschern. Sie wird die Wanne nicht in Anspruch nehmen.

Gina oder Traud?

Amen.

Wäre ich Musiker, würde ich aus diesem Stoff ein Konzeptalbum machen wollen.

Oder als Regisseur einen Oscar-verdächtigen Film in der Art von „Brücken am Fluss“.

Aber  –  es kam halt anders.