Meraner Novellen – Heyse (1862)

Ukraine und kein Ende. The birth of a bigger Bosnien. Schalt ab. Verdräng’s. Was anderes bleibt dir sowieso nicht übrig. Lies was schönes! — Heyse mal wieder. Niveaubringer von einst. Wie sah er die Welt? – In gleichnishaft unaufgeräumter Zeit des deutschen Nachmärz. Aktuelle Assoziationsmöglichkeiten inclusive. Die Grundregel bleibt:

Das Lesen genießen. Am Rand sitzen bleiben. Kaffee trinken. Schnauze halten.

HerbstbibelHeyse hat diesen Novellenband so gewollt, wie er mir hier vorliegt. Das er gar aus der Weimarer Hofdruckerei stammt, bekam ich erst auf der allerletzten Seite mit.

Nur 3 Novellen. Jede 150 Seiten lang. Alle 3 spielen in der Meraner Gegend. Ehemals Zentraltirol. Seit 1919 italienisches Grenzland zu Österreich.

Heyse ist viel gereist, sowohl als begleitendes Faktotum König Maximilians II. von Bayern, der sein Gönner war und allzeit gut unterhalten sein wollte, als auch privat. Die Reiseroute kannte praktisch nur eine Richtung: Italien. Und Tirol liegt somit irgendwie „am Wege“. Er kennt sich sehr gut aus in der Meraner Ecke; benennt Flüsse und Bächlein mit Namen, beschreibt ergreifend Wetter-Phänomene, sodass heutige Leser spontan an die Ahr-Tal-Katastrophe von 2021 denken müssen; die Zenoburg-Ruine spielt in allen drei Novellen eine Rolle. Detailreich werden die Besonderheiten des dortigen Weinanbaus und seiner Bewachung durch Weinhüter geschildert … alles, als wär’er einer von dort. Der Berliner am Münchner Hof.

Der John Jarmusch der Vorzeit. Denn wie der mit seinen Taxi-Episoden, die zwar nicht zusammenhängen, über Kleinigkeiten dann aber doch verbunden sind, erzählt hier Heyse drei in sich geschlossene Geschichten, die nur um wenige Jahrzehnte versetzt am selben Ort spielen, wodurch eben doch die Geister der Vorfahren den späteren Figurenensembles hätten im Traum erscheinen können. Das heimelt an.

Gut möglich, dass er nach Erstbesteigung des Burgberges der Zenoburg, ermattet auf jener Bank saß, auf der später auch seine Heldin aus „Unheilbar“ sitzen wird, um einen gar seltsamen Hirten kennenzulernen.

Kennst du das? Du sitzt in einer Burgruine: Niemand stört. Deine Gedanken gehen auf die Reise und bevölkern die Leere mit Gestalten vergangener Tage. Wie lebten die hier? Was erlebten sie? Was erlitten sie? Seit wann ist hier Ruhe eingekehrt?

alpen0Heyse muss einige Idyllen der Umgebung aufgesucht haben, um dem Kurbetrieb mit seinen schwachsinnigen Konversationszwängen zu entgehen. Er weiß, dass seine Kollegen (Spielhagen, Fontane) erkleckliche Summen aufbringen, um alle paar Jahre „ins Bad“ zu reisen, wie Monarchen, um mehr oder weniger eingebildete „Nervenleiden“ zu kurieren und bei Tische Hof zu halten – und er hasst es! (Am deutlichsten wird das später in seiner Novelle „Der Blinde von Dausenau“, aber die gehört nicht nach Meran.)

Da sitzt du dann auf irgendeiner Alm, links die Burg und rechts irgendwo ein Einöd-Hof und deine Phantasie bringt das zusammen: Den Sohn vom Einöd-Bauern und die Gräfin, oder umgekehrt, den Junker Franz und’s Annl vom Hilpinger-Hof…

Und Heyse saß da auch so, aber zunächst noch ärgern ihn die Snobs, denen er gerade entronnen ist: Also kommt ihm „Unheilbar“ ein. Eine freche Vorführung der Kurgast-Typografien und ihrer „Themen“. Das ist der „Zauberberg“ im Schnelldurchlauf. Vermutlich niedergeschrieben in nur einer Nacht, nach einsamer Wanderung zur Zenoburg, auf der er sich alles hat zurechtgrübeln können:

Die Novelle ist eine von seinen großartigen. Alles passt. Die beiden Haupthelden entwickeln sich sogar. Fast alles könnte sich auch genauso zutragen, wie beschrieben. Also ist ihm wiedermal Realismus „passiert“, den er doch eigentlich ablehnt.

Nach dem Schreibrausch folgt die Leere der innerlichen Befriedigung: Und siehe, es ward gut!

Ein paar Tage später fangen die Eindrücke von Land und Leuten an, weiter in ihm zu weben.alpen4

Was, wenn so eine Burgruine zum Verkauf stünde? Wen würde solch hochromantisches Angebot reizen? Und warum? — Pack eine schöne junge Frau dazu, so’ne Art Aschenputtel; die Tochter eines bärbeißigen Verwalters, der sich äußerst rätselhaft verhält und den niemand in der Gegend wirklich kennt: Erzähl das Geheimnis dieses „ehemaligen Gutsförsters von anderswo“ als Schicksalsgeschichte im verfallenen Rittersaal der alten Festung. Vom Efeu der Zeit überwucherter Notstand, der so oder so ähnlich immer wieder kehrt.

Das ist der Grundstein zu „Der Kinder Sünde der Väter Fluch“.

Was klingt, wie ein verlockendes Mysterium erweist sich als ein leider vergeudeter Stoff: Der Plot ist herrlich. Die Umsetzung – mies. Ein Drauflosgeschreibsel, das erst nach 40 Seiten die Fabel erkennen lässt, die wiederum flüchtig geheftet, nicht genäht wird, gegen das Ende hin wirklich dramatisch und interessant Fahrt aufnimmt; aber nach der letzten Seite schaut man zur Zimmerdecke und ruft:

„Paule, alter Pfuscher! Was hätte das werden können, ohne all die Sprünge und mit bissel mehr Charakterzeichnung all der Männeken!“

Der Hauptkonflikt ist solch eine Sensation! Wenn man sie in einem Text von 1862 entdeckt.

Krieg als Glücksspiel. Man muss losen, ob man einberufen wird oder nicht! Man will sich drücken. Mitleid mit dem Deserteur! Das Kriegsverbrechen des Exekutors! Die Rache der Kriegerwitwe!

Sollte man nicht als junger Mann, bevor man in den Krieg befohlen wird, der einem privat eh nichts bringt, einmal richtig körperlichen Trieben gefolgt sein, da für Eheanbahnung keine Zeit mehr bleibt?

„Unter einem gelben Mond haben wir uns beigewohnt…“

„Wahnsinn! Wird uns heilen! Dann sind wir Helden für alle Zeiten!“

Karussell’s Cäsar trifft hier auf David Bowie. Vorausgesetzt, jemand von heute findet diese Novelle noch irgendwo. (Wir Deutschen und unsere Kulturbringer – ein Trauerspiel.)

Wirklich sehr, sehr schade, dass diese Handlung nicht so gründlich erzählt wird, wie die in der Novelle zuvor!

Der kleine dicke Graf, der Mittler zwischen Leser und Geschehen, und sein maulfauler Gesprächspartner haben nicht mal Namen! Er bleibt „der Graf“ und der hagere alte Mann an seiner Seite bleibt „der Oberst“. Niemand weiß, wo der wohnt, nur dass er gepflegt und satt alle Tage in den Schluchten hier herum Gesteinsproben sammelt. Niemand im Ort scheint die efeuüberwucherte Burgruine zu kennen, in der der seltsame Verwalter haust, den wiederum alle dem Namen nach kennen.

Niemand kennt dessen 20jährige hübsche Tochter, die tagelang alleingelassen dort oben auf der Burg haust, bewacht von ihrer Großmutter, einer alkoholkranken Hexe. Kommt keine der beiden mal einkaufen in den Ort? Kommt da oben nie ein Jäger oder Hirte vorbei?

alpen0aPlötzlich aber der Dammbruch der Neuigkeiten: Jene geheimnisvolle Schöne hat eine genauso attraktive etwas ältere Schwester, die nicht in Erscheinung tritt, von der der Leser nur durch ein Kneipengespräch des „Grafen“ erfährt. Der Knoten all der blassen, mies unvollständigen Ansätze entwirrt sich. Plötzlich schreit das ganze nach Verfilmung! Ein düsteres packendes Heimat-Epos in der Art der bayrischen Alpenwestern wäre vorstellbar; aber: Wer soll den Stoff hier finden?

Feuilleton und Literaturgeschichte unserer Tage gestehen dem Autor ja keinerlei Relevanz mehr zu.

Hier schlummert ein Kultur-Humus – vergessen und ungenutzt. Schade.

Es folgt der dritte 150-Seiter: „Der Weinhüter“. Der wiederum hätte „Der Eltern Sünde der Kinder Fluch“ heißen können. Heyse bürstet hier die gerade zu Ende geschriebene Handlung gegen den Strich: Diesmal versauen die Erzeuger ihren Nachkommen das Dasein.

Ein Romeo-und-Julia-Stoff. Kellers Variante „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ (1856) schimmert ein bissel durch. Aber – ein Gedenk des Kellerzitates in einem Brief an Heyse: „Du hast alles, was mir fehlt!“ – Heyse umgeht die Gefahr in kellersche Bräsigkeit zu verfallen. Nix Langeweile! Drive on!

Wir haben hier einen männlichen Protagonisten. Andree Ingram (wie sich zeigen sollte, ein in mehrfacher Hinsicht sprechender Name) hat ein Mutterproblem. Und da diese im Ort eh den Ruf der „durchgeknallten Mohrin“ weghat, kümmerts keinen. Nur seine kleine Schwester hängt an ihm, trotz aller Versuche der Mutter, ihn auch in ihren Augen zu verteufeln. Beide Kinder werden Jugendliche, sind ausgegrenzte Paria – und das Thema „Inzucht“ naht, denn beide haben nur einander…

Ganz starker Tobak! 1862! Heyse bewältigt den Stoff salonfähig. Gemäß seiner Novellentheorie gibt es kurz vor Ende den Kipppunkt, und der Skandalstoff mäandert vom Problem „Geschwisterliebe“ zur flammenden Anklage bigotter Heuchelei. Heyse hält der christlichen Gesellschaft seiner Zeit den Spiegel vor: Schaut hin, wen ihr verehrt – und wen ihr lynchen wollt!

Eine durchaus gegenwartskompatible Message, so will mir scheinen.

Gleichfalls ein filmreifer Ablauf. Großartig erdacht. Gut, nicht sehr gut, ausgeführt, schließt diese Novelle zu „Unheilbar“ auf.

Fazit: Wie immer gut lesbar, unterhaltsam; philosophisches Grübelfutter zuhauf.

Dem Musicjunkie unserer Altersklasse entsteht der Eindruck, Heyse müsse Neil Young (für „Unheilbar“) und David Bowies „Heroes“ für „Der Kinder Sünde…“ gekannt haben. Auch Patrick Michael Kelly und seine Lebenskrise, die ihn ins Kloster führte, kommt dir ganz nah. Der „Weinhüter“ schließlich ließ mich mehrfach an Songs von Peter Cornelius denken.

„Ein Diamant verbrennt. Genau wie ein empfindsamer Mensch. Ein Kieselstein überstehhhht, woran…“

Lesen!

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Über allen Gipfeln – Heyse mal wieder…

Zweiter Versuch. (inclusive nochmal überarbeitetem Nietzsche-Kasten)

Ein neuer Zeitgeist tut sich hervor – mit einem unbegrenzten Hang zum Schwachsinn.

Bier kaltstellen. An den Rand setzen. Zuschauen. Schnauze halten!

(Schreib wieder für die Schublade. Deinen Politfrust braucht kein Schwein!)

Ich habe „Über allen Gipfeln“ gelesen. Heyse 1895. Und es wühlt mich auf.

Bier holen, eingießen. An den Rand setzen. Zuschauen. Schnauze halten!

Heyse im Alter von 65 Jahren schreibt an – gegen einen immer kränker werdenden Zeitgeist.

Es bringt zwar nichts, weil auch damals schon galt: Alter Mann, was willst du noch? Deine Zeit ist um!

Aber er setzte immerhin ein Zeichen, das spätere Geschlechter finden können, wenn sie ein bissel suchen. Denn die wahren Helden kommen auch in der Literaturgeschichte immer zu kurz.

Was ist da von ihm übrig? „L’Arrabiata“, die eh „La Rabiata“ heißen müsste. Abwink.

Das lehrt mich:

Bier trinken. Am Rand sitzen. Zuschauen. Schnauze halten!

Und siehe: Der alte Mann lag 1895 weiiit richtiger als all die Youngsters – bound for Massengrab.

Heute läuft eine ganz ähnliche intellektuelle Sklerose auf Hochtouren.

Wer bis gestern noch einfache Antworten auf schwierige Fragen gesellschaftlicher Entwicklung hatte, galt als Nazi.

Heute bellen dich auf allen Kanälen lauter Simplicissima an mit ihren Aldi-Argumenten zur Frontlage! Was’n da los? Hab ich’n Regime-Chance verpasst?

Bier trinken. Am Rand sitzen. Zuschauen. Schnauze halten!

Stellt man sich Heyses „Gipfel“-Roman, rezensiert man automatisch zwei Bücher. Nämlich auch Friedrich Nietzsches Durchbruchsbroschürchen „Jenseits von Gut und Böse“ von 1886.

Man muss also ausholen.

Nietzsche hatte zwei oder drei Bücher veröffentlicht, ohne dass dieses Faktum irgendwelche Wellen schlug. Dann schrieb er „Jenseits von Gut und Böse“ als „Glossar zum „Zarathustra“ und DIESES Werk schlug ein. Nun endlich war er Star; aber er hatte nichts mehr davon. 1889 setzte die totale Umnachtung ein. Seine plötzliche geistige Umnachtung wurde früher mit Gehirnzersetzungsprozessen in Folge von Syphilis erklärt; heute gibt es verschiedendliche andere Ansätze für Erklärungen. Bis 1894 edierten zwei Nachlaßverwalter die nachgelassenen Schriften quellentreu, dann trat Nietzsches Schwester (zurückgekehrt aus Paraguay) in Aktion, ließ die bereits gedruckte Auflage einstampfen und gründete das Nietzsche-Archiv unter ihrer Federführung.

Von diesem Zeitpunkt an datieren die Verfälschungen.

Verheiratet war sie mit einem unstrittigen Antisemiten, der für die damalige Zeit typisch obendrein Siedlerträume  a la Kulturbringer hegte und nach Paraguay auswanderte, um dort an den Vorstellungen eines idealen Staates wirken zu können. Was jedoch folgte, waren alsbaldige Desillusionierung und Suizid. Aber sein Einfluß wirkte in ihr weiter. Inwieweit „Wille zur Macht“ und „Blonde Bestie“ wirklich aus der Feder von Nietzsche selbst stammten oder aber hinzugefügte Puzzleteile „von anderer Hand“ sind, wird seit 1945 endlos erforscht, mit immer mal wieder anderen Ergebnis-Nuancen. Somit entstand bisher kein umfassend neues „repariertes“ Nietzscheverständnis; wohl aber eine hochinteressante Ausstellung im Naumburger Nietzsche-Haus.

1886 war das Bändchen jedenfalls sowas, wie eine literarische Sprengladung: Kurz und bündig, in berauschender Sprache abgefasst – und alles über Bord werfend, was bisher galt.

„Umwertung aller Werte“; der Mächtige stehe „jenseits von Gut und Böse“, denn es gäbe nur „Erfolg und Misserfolg“; „Macht oder Ohnmacht“. Das Mittelalter „lebte und regierte danach“ und „befand sich wohl“, denn „das Reich wuchs“.

Diese Lehre einer jugendlichen Schickeria in einem erfolgreichen Kaiserreich ins Maul gelegt, die barmte, dass sie keine Chance zu echten Erfolgen habe, da die Zeiten zu müd’ seien und der „Säbel in der Scheide roste“, trug ganz entscheidend dazu bei, Gewissen abzuschaffen, einzuschläfern, kompliziertes Denken zu verhöhnen; kurz: Daran zu arbeiten, dass „die letzte Schicksalsschlacht“ bald kommen möge, um manch‘ ungediente Uniform mit Orden zu schmücken.

Da all diese „mutigen Gedanken“ von einem Professor stammten, waren sie comme il faut. Jeder spießbürgerliche Gehrockträger wollte nun „markig“ erscheinen und führte fortan Nietzsche-Schlagsätze im Munde.

Halb- oder gar nicht verstandener Nietzsche wurde zur Intellektuellenpandemie.

Heyse sah es kopfschüttelnd mit an.

Als es ihm reichte, schrieb er „Über allen Gipfeln“. Einen Anti-Nietzsche-Roman, indem unter anderem ein Professor in der Bahn eben jene oben genannte Broschüre liest, sie erschöpft und kopfschüttelnd beiseite packt und gegenüber dem mitreisenden, jungen Diplomaten vernichtend darüber urteilt. Der Diplomat jedoch, jüngerer Bauart; sieht nur den alten Mann, der die Zeit nicht mehr versteht, die „genau diese“ Gedanken jetzt nötig hat.

Heyse will veranschaulichen, zu welchen Konsequenzen diese Haltung „jenseits von Gut und Böse zu stehen“, führt. Er braucht also eine Figur, die anfangs gute Ansätze hatte, sich aber im Sumpf der Zeit verläuft, sich im Sinne von Nietzsches(Schwester-)Lehre aufführt, um anschließend „durch Liebe geläutert“ anständig auf der Lebensbahn voranzuschreiten.

Diese Figur im Plot ist Erk von Friesen. Verarmter Adel aus Thüringen, der überraschend reich erbt und nun aufsteigen kann. Er wird preußischer Legationsrat und Weltreisender und kehrt nach 7 Jahren Abwesenheit in seine Geburtsstadt Blendheim zurück.

Im Blendheimer Fürstenschloss wohnt seit ebenfalls 7 Jahren Lena Valentin; eine weitere Heyse-Fee, wie sie durch alle seine Schriften geistern. Von Friesen hatte sie vor seiner Reise kennengelernt, allerdings fehlten ihm damals noch Erbschaft und Karriere, weshalb er sich nicht erklären durfte, da er keine Frau hätte ernähren können. Nun aber, nach 7 Jahren, hoffte er auf ein Happyend. Allerdings finden weder er noch sie zur rechten Zeit das rechte Wort.

Erschwerend kommt hinzu, dass in den besagten 7 Jahren ein Dr. Steinbach sich ebenfalls mehr und mehr in den Gedanken hineingewöhnt hatte, diese Malerin ehelichen zu wollen, da sie so bereitwillig die Illustrationen für sein botanisches Sachbuch übernommen hatte. Er ist ganz der bescheiden-biedere, kleinbürgerliche Angestellte des Fürsten, der die Parks und Gewächshäuser betreut.

Wie sich zeigt, ein verlässlicher, anständiger Bewerber.

Friesen ist sauer über seine eigene Tollpatschigkeit, die die schönsten Situationen vergehen lässt, ohne zum Zuge zu kommen. Schließlich resigniert er, redet sich die Lage aber zu seinen Gunsten schön und beschließt nun Sidonie, die uninteressante Tochter des Ministerpräsidenten zu ehelichen, um diesen später beerben zu können, und somit die heimliche Nr.1 im Ländchen sein zu können.

Der Fürst verbringt seine Zeit mit astronomischen Studien statt mit Regierungsgeschäften. Seine junge exotische Frau langweilt sich zu Tode.

Somit agiert Friesens Schwiegervater in spé wie Schillers Präsident in „Kabale und Liebe“, dem der eigene Sohn nicht zu schade war für eine Mätresse seines Fürsten.

„Heirate mein Kind und schwängere die Fürstin. Der Fürst selber ist zu krank dafür. Gebärt sie einen Erben, ist die Dynastie gerettet.“ Friesen nun also – jenseits von gut und böse – auf dem Nietzsche Weg: Gewissenlos und schnell nach oben.

Nicht nur in dieser Episode kommt einem der 65jährige Heyse wie der junge Schiller vor.

Er, der ein Leben lang Protegé zweier bayrischer Könige war, hatte im Alter vergnatzt alle Stipendien, Leibrenten und Ehrenposten sausen lassen, als eines seiner eigenen Protegés im höfischen Intrigenstrudel unterging. Saturiert für diesen Schritt war er ja nun. Er kannte also den Münchner Hof in- und auswendig und kotzt sich regelrecht frei: Unmoral. Wohlstandsverwahrlosung. Weltfremder wissenschaftlicher Dillettantismus. Abgehobenheit. Keinerlei Kontakt zum Volk – da oben „über allen Gipfeln“.

Das ist doch ach so aktuell, wie nur was! Ich könnte da Vergleiche ziehen… –

Bier holen, eingießen. An den Rand setzen. Zuschauen. Schnauze halten!

Friesen ist drauf und dran, die Fürstin „klarzumachen“, als beide ertappt werden.

Der Nietzsche-Ikarus stürzt ab. Sein Plan A kann nichts mehr werden. Nun kommt Plan B; doch noch irgendwie bei Lena zu landen.

Heyse hat da über 200 Seiten etwas sehr spannend eingefädelt, was nun im letzten Drittel immer schlechter erzählt, schnell zu Ende gebracht wird: Ein bissel hin und her, aber Friesen kriegt Lena und sein Freund Wolfhardt kriegt Lenas Freundin Babsi. Ein Schluss wie für eine 30er-Jahre-UFA-Komödie erdacht. Enttäuschend.

Besonders mies, wie Dr. Steinbach aus dem Weg geräumt wird. Übelste Kolportage. Das passt zu Robert Kraft oder in Karl Mays Münchmeyer Romanketten, aber nicht in einen „Heyse“!

Der schnell über das Knie gebrochene Wohlfühlschluss erinnert an einen ähnlich enttäuschenden Ausgang des sehr viel besseren späteren Romans „gegen den Strom“.

Heyse schien auch hier die lange Form nicht durchzuhalten. Gelangweilt von der Grundidee? Oder frustriert, weil ihm Klarheit über die Hoffnungslosigkeit seines Tuns einkam?

Man weiß es nicht.

Erk von Friesen will nun treuer Ehemann und „ehrlicher“ Diplomat in preußischen Diensten sein. Kein spätabsolutistischer Ministerpräsident in thüringischem Zaunkönigreich. Kein Schwängern von Vorgesetzten-Frauen. Ein geläuterter Anstandsapostel. Das erfüllte Liebesleben machts möglich. So die Message.

Mich erinnerts an die Motivationssaga für frustrierte Streetworker in den 90ern, die die Skinheads in jenen Baseballschlägerjahren in Schach halten sollten.

„Wenn der Skin sich in eine Russlanddeutsche aus Kasachstan verliebt, isses aus mit der Hitlerei.“

Im Einzelfall ist das sicher richtig. Massenvermählungen von Skins mit Nastjenkas sind jedoch nicht überliefert.

Ich hadere mit fast allen Charakteren des Büchleins.

Erk ist kein Sympathieträger. Ein Windhund. Ein arroganter Sack. Man gönnt ihm halt die Lena nicht.

Andererseits ist Lena ein Eisberg. Da ist keine knisternde Leidenschaft im Werk, wie das Heyse doch unzählige Male hinbekam! In „Vroni“, im „Marienkind“, in „Gute Kameraden“ oder erst Frau von Rittberg in „gegen den Strom“! Dagegen bleibt Lena „nur ne Leinwand, schade dass ich das sagen muss“, um mal „Uns‘ Udo“ einfließen zu lassen.

Dr. Steinbach und Sidonie, die Tochter des Ministerpräsidenten, können einem leidtun. Heyse müht sich -irgendwie ungekonnt-, sie lächerlich wirken zu lassen. Sie werden um ihre Hoffnungen geprellt und im Gerede der anderen Figuren kleingemacht, verhöhnt, abgewatscht – aber da ist eigentlich nichts, was wirklich als Minuspunkt zählen würde. Wunderschön beschrieben, wie Sidonie beseelt singt, als sie von Friesen am Klavier begleitet wird, weil sie glaubt, das sei es jetzt: Endlich einer, der mich mag! Morgen wird er sich erklären! Die Verlobung kann kommen! Und dann – nichts! Eine plautzige Äußerung von Lenas Freundin Babsi reißt sie wenig später aus allen Wolken. Das fällt eher negativ auf die Verhöhner zurück und das sind ausgerechnet die, die die positiven Figuren darstellen sollen.

Dem Roman fehlen glutvolle Identifikationsfiguren, wie sie „himmlische/irdische Liebe“ und „Grafenschloss“ zum Beispiel in den Jahren zuvor hatten und wie sie die „Erschaffung der Venus“ einige Jahre später wiederum haben wird.

Ein großes Unterfangen ging hier also nur teilweise auf.

Aber immerhin blieb hier ein Zeitzeichen erhalten, als ein alter Mann erfolglos gegen Zeitgeist anschrieb – und Recht behielt.

Bier holen. Einschenken. CD wechseln. Computer herunterfahren. Detox Day!

Victoria regis

Stehen zwei Typen mit ihren Fahrrädern unter der Saalebrücke, über die gerade ein Güterzug ächzt: Du-dumm, du-dumm-du-dumm… ringsherum geht die Welt unter. Wolkenbruch tränkt die Weinberge am andern Ufer drüben, Donner und Blitz! Monsun. Wie das eben so ist, wenn die Wolkenwand sich mit aller Kraft über die Saale schieben will.

NovalisBeide erinnert das Gepolter des elendlangen Zuges an „City-Nord“, da sie Plattenjunkies sind und das gleichnamige Instrumental von Novalis kennen. Die betreffende LP war dem einen von beiden gerade zuvor ins Netz gegangen. Für hundertzwanzig Mark. Auf Tipp des anderen, der gerade nicht liquide war. Mauerzeit. Aber ein Gespräch kommt nicht in Gang. „Manchmal fällt der Regen eben lang, hab keine Angst, hab keine Bang, bleibe nur du Sonnengeschöpf, bis sie erscheint, dich zu erfreun…“, war auch drauf…

…und deshalb malte sich der eine von den beiden ein Mädchengesicht in den Himmel, den beide gerade prüften, ob es nicht bald wieder heller würde.

Dieses Mädchengesicht erschien ihm manchmal, denn da war so was wie eine Schuld, die an ihm nagte. Sie war die verständnisvollste, netteste, die er je getroffen hatte. Da war irgendwie ein Gleichklang der Seelen gewesen. Es matchte; würden die Sprachpanscher von heute sagen. Dummerweise waren beide 15 und dass da was war, bekamen auch andere mit. Die Sticheleien kamen prompt, denn sie war – nun: – nicht die Attraktivste.

Da hätte er sich grade machen müssen!

Ein Schlag in so eine Lästerfresse zur richtigen Zeit wäre richtig gewesen!

Aber er war kein Held. Er kniff.

Zwei Königskinder kamen nicht zusammen. Man kennt das. Das Wasser war IHM zu tief.

Nun war er 22, stand mit seinem Kumpel unter der Brücke – und dachte an sie, wie so oft später auch.

Und 40 Jahre später, im Jahre 2022 flatterte ihm nun sein 18ter Heyse ins Haus. „Victoria regis“. Bestehend aus 6 Novellen. Und in der ersten gewitterts in den Weinbergen und eine große tiefgründige Liebe kommt nicht in Gang. Und in der zweiten beichtet ein glücklich verheirateter Erfolgsmensch, den alle Welt um seine schöne Frau beneidet, dass „dies Haus hier eigentlich für eine ganz andere gedacht war“, die jedoch wusste, dass es die Natur rein äußerlich nicht gut mit ihr gemeint hatte – und die ihm knallhart realistisch vor Augen führte:

Was wird sein, wenn die erste Begeisterung verflogen ist, wie das in langen Beziehungen nun einmal geschieht? Wenn dich unsere Gespräche nicht mehr fesseln? Wenn dir mein Äußeres bewusst – und zur Last wird? Dann würde unsere Ehe zur Qual für uns beide. Lass uns diesen Fehler nicht leben!

Ja, Volltreffer. Zwei Novellen. Zwei Ohrfeigen.

Und das geht so weiter.

In Novelle drei: Die verstoßene Patentante führt ihrem Patenkind vor Augen, dass man kämpfen muss: Sein Lebensglück bekommt man nicht geschenkt. Im Kampf gibt es Verluste: Das familiäre Ansehen, das Erbe – aber es lohnt: Werde Du selbst!

In Novelle vier: Deine Liebe stammt aus dem No-go-Revier! Hältst du das aus, dich zu ihr zu bekennen? Blamiert dich ihr Bekanntenkreis? Oder bedroht der dich gar? Bist du bereit zum Wechsel in eine andere gesellschaftliche Sphäre? Oder gehst du dann doch lieber „in die Kolonien“?

Novelle 5, ein positiver Aufrappler im ansonsten schwer dramatischen Geschehen des Bandes: SO ist Kleinstadt! Wie man tickt, wie man von verblichenen Phasen der Stadtgeschichte zehrt: Ex-Residenz eines Grafen, Fast-Messe-Stadt, fast Metropole, gegenüber den Dörfern ringsum IMMERNOCH! Wie man „Kultur“ pflegt. Wie man sie feiert. Auch wenn es sich eigentlich nur um plump-sentimentale Clownerie handelt. Wie Prominenz in der Provinz entsteht… 1905 geschrieben vom Heyse… aber 2019 immernoch-so erlebt. Von mir. Ich hab ALLE wiedererkannt, die da auftauchen!

Novelle 6: Der kleine feine – sehr feine – Schlussakkord unter dieses Bündel großer Schicksale: Heyse gibt das Lebensgeheimnis seiner Lieblingstante preis; wunderschön erzählt. Es rangt sich um ein seltsames Schmuckstück, das sie besaß und ihm vererbte.

Ja, an solchen Klunkern von einst hängen bisweilen filmreife Episoden des Leidensweges längst dahingegangener Ahnen.

Nach den letzten Seiten des Buches, zog ich die Schublade auf, holte die Brosche meiner Uroma heraus, die eingenäht in Mantelsaum 1945 alle Tschechen-Plünderungen überstanden hatte; und die auch danach -stets bewahrt- nicht zu Brot getauscht wurde.

Ich drehte sie in den Fingern, sah das verlorene Patrizier-Palais waydown south hinter den Bergen und das ärmliche Färberhaus von Frohburg – und im Player lief:

Manchmal fällt der Regen eben lang…

Paul Heyse „Victoria regis- und andere Novellen“ (Cotta 1905). Perfekt konzipiertes Alterswerk!

(enthalten sind: Victoria regis – Lucile – Tante Lene – die Ärztin – der Hausgeist – der Ring)

Heyse & Hesse – ein Leseabenteuer für reifere Jahrgänge

Stell dir vor, du liest eine Novelle deines momentanen Lieblingsautors und gleich danach eine von einem deiner ehemaligen Langzeitfavoriten. Und es kommt dir so vor, als sei letztere Teil 2 zum Vorgänger.

Kann das sein?

Kannten die sich?

Mochten die sich?

Oder wollte der eine die Idylle des anderen einfach weiterdenken?

Vermutlich nicht. Er wollte lediglich seine eigene Misere verarbeiten – und gibt so seinen Lesern die Chance zu vergleichen. Entweder unter der literarischen oder unter der persönlichen Brille.

Schon als ich seinerzeit Heyses „Gegen den Strom“ las, kam es mir so vor, als wäre ich auf die Urform des „Glasperlenspiels“ gestoßen.

Teil 1 also – Heyse mal wieder:

Heyse veröffentlichte 1893 die Novellensammlung „Aus den Vorbergen“, bestehend aus 4 lesenswerten Charakterstudien: Vroni – Marienkind – Xaverl – Dorfromantik, so die Titel, die den ahnungslosen Nachkriegsleser in die Flucht schlagen; muss er hier doch erbärmlichen Bayernkitsch von anno dunnemals vermuten. Mit 20 oder 30 wäre es auch mir so gegangen.

Heyse stiftete ein Leben lang gern Verwirrung mit seinen Titeln. Du kriegst praktisch nie, was der Titel zu versprechen scheint. „Gute Kameraden“ hat nichts mit Militär zu tun, „Die Eselin“ ist keine Tiergeschichte, „Das Glück von Rothenburg“ spielt nicht im Mittelalter und die „moralischen Unmöglichkeiten“ sind absolut kein Schweinkram!

Du setzt dich also immer wieder über die Titelgebung hinweg und lässt den gebotenen Erzählstoff auf dich wirken und er verfehlt dein Herz – nie. Inzwischen 15 Novellenbände in meinem Bücherschrank beweisen: Es ist Sucht geworden.

Kernstück des oben vorgestellten Quartetts ist „Marienkind“, die längste der vier Schicksalserzählungen. Als trainierten Heyseleser hat es mich nicht überrascht, dass ich zunächst mal wieder ein Naturalismus-Streitgespräch eines alten, wandernden Medizinalrathes mit seiner Zufallsbekanntschaft, einem talentierten jungen Maler, geboten bekam: Der Alte frotzelt den Jungen, weshalb er ein im Schmutz spielendes, zerlumptes Kind vor einer bröckligen Kate malt, ob er keinen Sinn „für das Schöne“ habe. Der Maler sieht es anders und bezieht im Wortgefecht die Stellung eines leicht depressiv wirkenden Naturalisten. Der Disput ist immerhin relativ versöhnlich angelegt.

Heyse ist 63, als er das schreibt. Angefeindet von den „jungen Wilden“ Münchens, die dem schonungslos ehrlichen Naturalismus frönen. Der Altvater ist für sie ein Schnulzier, ein talentloser Schreiberling, ein „boring old fart“ (wenn sie seinerzeit den Punk gekannt hätten); „Steinklopfer“ sind IN; „Venusse“ OUT. Das ewige leidige Generationsproblem. Das Getöse bleibt reziprok zur Bedeutung. Denn „die ersten werden die letzten sein“, wenn die Jahre ins Land gehen und beweisen, was besser altert, das Durchdachte oder das Herbeigeschriene.

Heyses Medizinalrath soll einem verwitweten Studienfreund helfen, der wiederum eine 17jährige Tochter hat, die ihm Kopfzerbrechen bereitet. Das Mädel wächst in einem katholischen Internat auf und möchte Nonne werden. Der Papa hält das für geisteskrank und hofft auf Aderlass und Wunderdrogen seitens seines Kumpels. Denn das Mädel ist hübsch und intelligent – und will sein Leben wegwerfen.

Der Doktor ist mit gutem Rat und medizinischen Überlegungen schnell am Ende, aber voller Lebenserfahrung. So empfiehlt er dem Vater schlitzohrig eine Schocktherapie für das Problemkind: Sie solle sich malen lassen, bevor sie im Kloster verschwindet, dann habe er als Vater wenigstens eine schöne Erinnerung an sie an der Wand hängen. (Und nebenbei hofft der gerissene Ratgeber, dass „die Natur ihren Weg findet“, wenn sich eine 17jährige Hübsche und ein 25jährigen Beau tagelang Stunde um Stunde gegenübersitzen – und niemand stört.) Und so kommts auch, nach mannigfaltigen Verwicklungen.

Wir erleben die Entstehung von drei Gemälden mit, während zwei Jahre vergehen. Das erste quasi aus „medizinischen Gründen“ legt die Spur, das zweite wird zur Kirchenprovokation und schließlich zeigt das dritte die frisch gebackene Gattin des Malers, schlafend nach dem Stillen, während ihr Kind im Körbchen kniet und die Mutter bewundert. Das Bild wird in die Pinakothek gehängt, weil der Maler „Verbindungen“ hat, als Schwiegersohn eines Regierungsrathes, der er nun ist. Aber es hängt in einem dunklen Winkel und wird von den Malerkollegen seiner Alterskohorte bewitzelt oder mit Kopfschütteln übergangen; denn es ist „voll der Rubens“, aber eben nicht Courbet!

Nun wollen wir jenem gemobbten Naturalismusrenegaten mal wünschen, dass die Rubensanspielung eine feindselige Übertreibung darstellt und die Konturen seiner Gemahlin doch eher im Schönheitsideal des späten 19. Jahrhunderts verortet sein mögen – aber mir hat Heyses Abwatschen unbefriedigender Umstände auch in dieser Novelle wieder sehr gefallen:

Er legt sich nicht nur mit seinen Lieblingsfeinden „von der neuen Richtung“ an, den Gangsta-Rappern seiner Zeit, sondern auch mit dem Katholizismus – der Staatsideologie im Bayern jener Jahre! Viel Feind – viel Ehr‘! Bei Heyse triumphiert die Biologie über klerikalen Naivitätsmissbrauch und die Harmoniesehnsucht über dogmatisch-destruktiven Naturalismus. „Durch Nacht zum Licht“ gewissermaßen, aber diesen Titel hielt ja Spielhagen schon besetzt.

Das Happy End lässt befriedigt aufseufzen, erinnert jedoch prompt an einen heute vergessenen Hit von Prinzip aus dem Jahre 1979:

„Im Fernsehn lief ein Film von Liebe und so

Und die beiden war’n jung und so unsagbar froh

Er liebt sie und sie liebt ihn

Und der Film ist zuend‘, als sie zum Standesamt ziehn

Wie’s weiterging, behielt man für sich

Und dann sah ich auf mich und dann sah ich auf dich

Nichts. Mehr. Was. Da. War.

Al. Les. War. Schon. Da. (Liebesfilm in Farbe; Text: Demmler)

Es war ’79 wie eine Warnung.

Und trotzdem sehnt man sich ewig nach der anderen ergänzenden Hälfte, die so schwer zu finden ist.

  1. Teil – Hesse’s Ehe-Absage-Roman:

Der pure Zufall wollte es, dass ich just nach der Marienkind-Lektüre beim Aufräumen Hesses „Roßhalde“ in die Finger bekam und die ersten Seiten überflog. Es zündete.

Ich las es und vergaß es einst mit 30 aus gutem Grund schnell wieder – nun aber war es die Verblüffung pur, wie perfekt „Roßhalde“ „Marienkind“ ergänzt.

Hesses alter ego Veraguth könnte 1:1 jener Maler der drei „Marienbilder“ sein. Nun gealtert und arriviert. Hochverehrt und auf Auktionen nachgefragt – aber die Ehe liegt in den allerletzten Zügen. Oder anders gesagt: Im Kloster-Stift abtrainierte Neugier auf das Leben rächt sich eben später in den Matronen-Jahren.

Besonders Künstler haben hinsichtlich der Partnerwahl ein noch viel größeres Problem als Otto Normalverbraucher. „Künstler kann man nicht werden. Künstler muss man sein.“ (Hesse) Denn sie sind von ihrem Werk besessen, kämpfen lange um Anerkennung und haben wenig Sinn für Familienleben und Verhältnispflege; vor allem dann nicht, wenn sich herausstellt, dass die Frau gar keinen Anteil nehmen will, am Titanenkampf ihres Galans mit seinen Einfällen. Desinteresse dem Werk gegenüber aber ist der Krebs der Künstler-Ehe. „Kampfgefährtinnen“ sind hard to find!

Veraguth sieht seine Frau nicht (mehr) als eine solche an. Er malt erfolgreich. Sie spielt Klavier für den Hausgebrauch und vierhändig mit dem großen Sohn. Aber Papa interessiert keine Musik und sie keine Malerei. Lediglich die Existenz des jüngeren Sohnes bindet sie noch aneinander.

Hesse beschreibt ein vergiftetes Idyll, denn Villa und Park sind schön gelegen; irgendwo in der Schweiz an einem See. Man besitzt Kutsche, Pferde, einen Salon mit Flügel. Es fehlt an nichts – außer an Verständnis von Partner zu Partner. Man geht reserviert „auf Eiern“, will Streit vermeiden, trifft sich nur zum Mittagsmahl. Der Maler träumt sich ein Fluchtidyll am Ende der Welt. Heyse hätte ihn nach Italien geschickt. Das hat im frühen 20. Jahrhundert seinen Reiz verloren. Hesse jagt seinen Schwerenöter deshalb nach Indien oder Indochina oder Sumatra … er legt sich nicht fest. Jedenfalls hat ein Jugendfreund dort irgendwo eine Farm. Es dauert lange – bis er aufbricht.

Wenn „einer nicht Schritt hält mit dem andern, weil er auf einen anderen Trommler hört“ (Reiner Bärensprung Band) …

…dann kommt die Scheidung. Der bürgerlich-moralische Bankrott.

Inzwischen ist das leichter, sagt man so. Scheidungen passieren alle Tage?

Die Kinder zahlen die Zeche.

„Ey, vertragt euch! Hab kein‘ Bock, wie Lara jedes Wochenende in‘ner andern Wohnung zu verbring‘!“

Manchmal hilft das.

Wenn man nicht Veraguth(=Hesse) heißt und nach Indien will.

Heyses Venus

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Heyses Schlussstein

Ist!

Das!

Stark!

Da wollte einer den Buchmarkt nochmal so richtig rocken, aber keiner hat’s gehört. Die zeitgenössischen Literaturgeschichten schweigen das Werk tot, wie zuvor schon „gegen den Strom“.

Heyse schrieb 1910 mit  -für DIE Zeit- sensationellen 80 Jahren seinen letzten Roman – und es ist ein toller Schlussakkord geworden! Auch wenn „gegen den Strom“ sein eigentliches „Vermächtnis-Album“ bleibt – aber da war noch was offen!

„Für wie moralisch integer haltet ihr unsere Zeit, liebe Leute?!“, fragt er und liefert die Antwort mit: Nicht mehr meine Zeit; aber eure eigentlich auch nicht! Ihr seid nicht in der Lage, das ins Bessere zu drehen! Das 20.Jahrhundert wird kein leichtes!

Der Titel mag manchen abstoßen.

Er gemahnt zunächst an das berühmte Botticelli-Gemälde, meint aber die Entstehung einer der vielen Coverversionen, die um 1900 entstanden und heute alle ein bisschen wie die Schlafzimmerbilder vom Trödler nebenan wirken. Die Maler alter Schule waren in der Bredouille. Heyse springt ihnen bei. Der Liebhaber von Zentauren und Illias-Bebilderung bleibt vom Impressionismus unbeeindruckt.

Etwas ähnliches hat Heyse mit seiner Novelle von der „Irdischen und himmlischen Liebe“ schon mal geboten. Damals stand ein alter Tizian als Namensgeber Pate. Auch dieser Titel las sich gewöhnungsbedürftig, doch auch diese Novelle gehört unbestreitbar zu seinen Hits.

In der „Geburt der Venus“ erhältst du eine hauchzart erzählte, anheimelnd tolle Liebesgeschichte. Hier kriegt er dich genauso wie mit „dem verlorenen Sohn“ und den „Moralischen Unmöglichkeiten“.

„Es gibt moralische Unmöglichkeiten, die einer solchen Eheschließung nun mal im Wege stehen.“, sagt der sympathische Vater des träumerischen Malers. Zufall? Berechneter Wiedererkennungseffekt?

Das Vater-Sohn-Gespräch, aus dem der Satz stammt, ist eins der vielen kleinen Highlights des Werkes. Wenn der Sohn die dem Vater entgangene Karriere lebt, dann ist das Topverhältnis sattelfest. Beide verachten elitär die spießbürgerliche Meute. Und trotzdem bedrohen die Spielregeln des „blöden Haufens“ das Familienglück.

Heyse thematisiert die völlig überholte Heiratsetikette seiner Zeit, die uns heutigen Lesern eigenartig kurdisch/arabisch vorkommt. Und die Duelle waren unsere Spielart von Ehrenmord. Wobei eher die Männer zu schaden kamen.

Das erbärmliche Schicksal der Hanna illustriert zeittypische Umstände und führt somit dem Leser vor Augen wie prüde und somit folgerichtig frivol verdorben ein Zeitgeist ist, der die Erschaffung erotischer Kunst sofort in den Dreck zieht. Wenn Heyse hier 1910 mit Moralkriegern seiner Zeit abrechnet, dann hinterlässt das so einen überraschend aktuellen Nachhall.

Herrlich beschrieben, wie Trude, die Pastorentochter, den Fanatismus ihres Vaters unterläuft und damit zeigt, wo Heuchelei für den gesunden Menschenverstand überlebensnotwendig ist: Im Pfarrhaus.

Ja, wieder ein böser Pastor, wie in „Crone Stäudlin“, wie in „Moralische Unmöglichkeiten“.

Ja, wieder so ein aristokratisches Aschenputtel wie die Traud in „Irdische und himmlische Liebe“.

Ja, wieder so ein verpeilter Professor Chlodwig, wie dort, diesmal als aussichtsreicher Maler.

Und wieder so ein Dr. Berndt, als zynischer Kommentator und helfender Freund, der wiederum mehr Durchblick hat, als die Hauptfigur.

Heyse variiert die „Irdische und himmlische Liebe“ hier zum Roman. Er zeigt, dass ihm zum Ende hin bewusstwurde, dass das sein bester Plot war.

Der Zweitaufguss alter Ideen kann schief gehen. Ihm gelingt er! Jedenfalls bei mir trifft er ins Schwarze. Wie Yes mit „Yes-Album“ und „Fragile“, wie Pink Floyd mit „Dark Side…“ und „Wish you…“, wie Nazareth mit ihrem Debut und der „expect no mercy“.

Und das Sahnehäubchen an der ganzen Geschichte ist, dass dieser Schlusspunkt einer großen Laufbahn mit Spielhagens „Opfer“ von 1901 zu korrespondieren scheint, was ja auch in dessen Fall fast ein Schlusspunkt war.

Heyse, mit einer Kunstauffassung von gestern und Moralvorstellungen von morgen, Kind seiner Zeit, präsentiert die Themen jener Ära zeittypisch: Allweil realistisch, aber umhüllt mit Schmauchspuren vergehender Romantik, die sich „klassisch“ gibt und somit Gefahr läuft, nur als kitschig verlacht zu werden. Der notwendige Gegenpol zu Fontane und Mann.

In Zeiten, wo dir Historiensurrogate in Form von Fernsehfilm und -serie vorgaukeln, dass unsere Altvorderen einst unsere heutigen Zustände herbeigesehnt hätten, sind Heyse, Spielhagen & Co. notwendige Kronzeugen, dass dem nie so war.

Sicher ließe sich auch im Falle der „Venus“ das eine oder andere missglückte Detail aufrechnen. Es ist wiederum ein „Thüringen“, das eigentlich eher München und sein Umland ist. Für die Inspiration zum Titelgebenden Kunstwerk via Kletterpartie auf einsamer griechischer Insel hätte sich sicher was Besseres finden lassen, als ein angeblich reales Erweckungserlebnis. Aber geschenkt. Nach 10 Seiten kippligen Einstiegs, der kurz die Gefahr einer zweiten „Crone Stäudlin“ am Horizont erscheinen lässt, erzählt sich hier ein mitreißender Erzähler seine Lebenserfahrungen im „blöden Haufen“ vom Hals und schmeißt die Türe zu.

Ein kolossaler Abgang!

Crone Stäudlin

Vielleicht hat Heyse um 1900 auf einer Reise von Berlin nach München sich wirklich mal einen Thüringenaufenthalt gegönnt und dort in einem Ausflugslokal an einem See in den Bergen ein Schlüsselerlebnis gehabt. Vielleicht ist das aber auch schon MEINE erste Übertreibung in Sachen „Crone Stäudlin“, denn eventuell waren es nur die „Draußen-Tische“ irgendeiner Mitropa, beim Umsteigen.

An einem Studententisch fühlt sich einer von den Angesoffenen plötzlich bemüßigt, aufzustehen und irgendeins der Kommersliedchen ins Volk zu brüllen. Die spärliche Besetzung des Biergartens nimmts mit Verwunderung hin, ein älteres Ehepaar springt auf und flieht, die hübsche Kellnerin wird von einem der anderen Corps-Brüder an der Schürze festgehalten, auf den Schoß es Täters gezogen und abgeknutscht – und irgendwo weiter hinten sitzt dieser Reisende. Ein alter Mann mit immer noch imposanter Löwenmähne, aber wohlwissend, dass er hier nun nicht (mehr) den ritterlichen Retter spielen kann. Die Zeiten, da er für einen Fels in der Brandung gehalten werden konnte, sind vorbei.

Die Kellnerin macht sich los, quittiert die Küsse mit ein paar Ohrfeigen, was lachend hingenommen wird, und flieht ins Gasthaus. Der Geschäftsführer erscheint prompt und macht den „Herren“ unmissverständlich laut und kompromittierend klar, dass er jetzt bis 3 zählt, bevor er nach dem Gendarm wird schicken lassen…. Da er den einen von ihnen auch noch mit Namen anspricht, ist der Rest-Anstand der Herren immerhin noch derart, dass der Angesprochene vor dem Abgang einen größeren Schein auf den Tisch knallt, gewissermaßen Zeche und Schweigegeld in einem.

Heyse selbst erhebt sich wenig später auch, bezahlt und setzt seine Reise fort.

Auf der Weiterfahrt lässt ihn die kleine Episode nicht los, vermischt sich mit Erlebnissen der eigenen Studentenzeit und Ausflugserinnerungen mit und ohne königliche Begleitung rund um den ein oder anderen bayrischen Bergsee.

Auch er selbst hatte dort den ein oder anderen genießerischen Moment mit einer Kellnerin – sich wenigstens erträumt. Die „Traud“ in einer seiner besten Novellen legt davon Zeugnis ab.

Bayern liegt ihm nun mal näher als Thüringen.

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Und so entschließt sich der 70jährige zu einem Roman. Er will die Welt lehren, wie Anstand geht und wie man ramponierte Verhältnisse repariert. Denn: Da wird soviel von Schillerschem Idealismus geschwafelt – aber die reale Welt ist weiter weg davon, denn je!

Sein Anliegen also ist ein Großes. Aber die Gestaltung leider nicht.

Wenn du mit dem Heyse lesen anfangen willst, tu es bitte nicht mit „Crone Stäudlin“! Das Werk ist kein gelungenes. Es enthält durchaus Momente für Genießer solch alter Literatur; aber dem Gesamtpuzzle scheinen allerhand Teile zu fehlen und die Lücken wurden ungekonnt mit Buntstift übermalt.

Da ist schon der vergurkte Einstieg: Du bekommst ein Hotel am See  „in den deutschen Mittelgebirgen“ beschrieben. Aber weder Hessen, noch Thüringer oder Sachsen finden hier typisches Lokalkolorit. Hinzu kommt die seltsam unausgegorene Situation des Hotels. Halb Schloss, halb Kur-Sanatorium, halb Schankwirtschaft mit Biergarten… es gibt einen Objektgebundenen Arzt für die Kurgäste… aber die, die beschrieben werden, sind eher spleenige Weltflüchter ohne Gebrechen.

Es gibt einen Herrn Doktor, der der Wirtin hier vor Jahren empfahl, den Gasthof zum Kur-Hotel zu erweitern und der auch sonst in einer recht eigentümlichen Rolle hier „all summer long“ verkehrt.

Dieser Herr Doktor wird zunächst nur mit seinem Vornamen Johannes eingeführt, heißt aber plötzlich Helmbrecht. – Man merkt dann nach dem ersten Stolpern, dass das derselbe ist. Eigentümlich bleibt aber, dass im Weiteren eher von Helmbrecht die Rede ist, ein „Herr“ davor oder gar ein „Dr.“ jedoch gespart wird. Der Autor fährt seine männliche Hauptfigur hier quasi laufend Dienstbotenhaft mit dem Familiennamen an. Immerhin heißt die nicht auch noch profan Maier, Müller, Lehmann, Schmidt…

Schulze kam den Berg herauf…. Schulze sieht…Schulze umarmt… Schulze weiß…

Er, die Wirtin Maria, und ihre 3 Kinder werden umfangreich vorgestellt – und niemand heißt Crone. Das geht so die ersten 40-50 Seiten lang.

Du willst schon aufgeben, da kommt zur Sprache, dass nebenan eine Crone Stäudlin wohnte, die aber ihrem Bruder den Hof überließ, um in die Schweiz zurückzukehren.

Crone sei die Koseform von Corona. Zufälle gibt’s!

Tja – und diesem Umstand verdankt nun dieser Post seine Entstehung, denn ich hielt durch.

Die Stäudlins sind also Schweizer, die nach Thüringen gerieten.

Nun hat sich Heyse auf Seite 70 ungefähr doch dafür entschieden, die „deutschen Mittelgebirge“ etwas konkreter zu lokalisieren. Aber Wirtin Maria vom Kurhotel wird von einem jungen katholischen Pfarrer gepeinigt, da sie eine 12jährige wilde Sommer-Ehe mit dem gut 10 Jahre jüngeren Helmbrecht praktiziert.

Katholisches Thüringen? 1905? Noch ohne sudetendeutsche Zuwanderung? Kann ja nur Eichsfeld sein! Dort sieht es aber mit Bergen, die „früh am Nachmittag die Sonne verdecken“ mau aus!

Jene ersterwähnte Crone Stäudlin ist nun auch gar keine Figur des weiteren Ensembles, sie diente nur ihrem Bruder zur Namenspatronin für dessen Tochter.

Crone StDiese wiederum ist nun tatsächlich jene „kaum erblühte Fee“ vor deren Anblick ein jeder dahinschmelzen muss! Heyse schickt sie für ihren ersten Auftritt Geige spielend, mit Hund als Begleitschutz, auf Abendspaziergang. (Kitsch as Kitsch can!) Hierbei sieht sie Helmbrecht wieder, der sie vor Jahresfrist noch „als kleines Mädchen“ auf dem Sterbebette vorfand und vom Typhus errettete. Nun ist er hin und weg, beim Anblick der „kaum Zwanzigjährigen“. Wie passend, dass Wirtin Maria, der Sünde wegen und wegen des falsch rum‘en Altersunterschiedes, nun willens ist, sich aus der wilden Ehe mit Helmbrecht zu lösen, um sich lieber mit dem Jenseits gutzustellen und dem Pfarrer in den Landfrauen-Bet-Zirkel zu folgen.

Problematisch hierbei die Existenz von Hänsel, ihrem unehelichen Kind.

Der Knabe ist älter als 10, benimmt sich jedoch wie ein 3 oder 4jähriger, wenn er sich an „Onkel Helmbrechts“ Schulter ausweint, beim Gute Nacht Kuss zurückküsst, oder brav zur Stelle ist, wenn Heyse den anderweitig verliebten Doktor als guten Vater präsentieren will, was regelmäßig daneben geht. Heyse hatte vermutlich nie Umgang mit Kindern. Kennt sie nur aus Situationen, in denen sie knicksend und dienernd Gedichte aufsagten und mit Kniff in die Wange verabschiedet wurden, bevor sich der Kreis der Erwachsenen wieder „seinen“ Themen zuwandte. Sein Hänsel wirkt unerträglich unwirklich.

Und so summieren sich die Schnellgestricktheiten und Fehler im Geschehen.

Mit rund hundert Seiten mehr, rechtzeitigerem Figuren Einführen und ein paar dringend notwendigen Ausschmückungen hier und da wäre das ein Spielhagen-Plot vom feinsten! Aber auf den komme ich später nochmal zurück.

Schluss mit der Mängelhuberei!

Was gibt es zu loben?

Man entdeckt, wenn man Heyses früheres Schaffen kennt, lauter „alte Bekannte“. Die früher aber in seinen Novellen besser zur Geltung kamen. Ich meine das nicht nur auf Personen, sondern abstrakter auf Bauteile des Romans bezogen. Der Pfarrer hier ist ein blasser Widergänger des Pastors in „Moralische Unmöglichkeiten“, die frivole Gräfin hier, eine adlig vermählte und wieder geschiedene Ex-Schauspielerin, ist jener aus „Männertreu“ sehr ähnlich. Die GräfinDie dramaturgisch passende Bootspartie aus „geteiltes Herz“ findet hier einen zwar ebenfalls dramatischen, aber dramaturgisch hergezwungenen Ableger. In „Einer von Hunderten“ erzählte Heyse die Geschichte eines Sonderlings, der merkt, dass die Kellnerin seines Stammlokals ein Auge auf ihn geworfen hat, aber er fühlt sich zu alt für die junge, schweigsame Schönheit, obwohl auch er sich eingesteht, dass sie ihm gefällt. Als sie zaghaft die Initiative ergreift, reißt er aus. Helmbrecht und Crone drehen den Spieß nun um.

Dieses Entdecken von Parallelen beziehungsweise „Berichtigungen“ früherer Konfliktkonstellationen sorgt für Lesespannung, die der eigentliche Handlungsablauf eher nicht bietet.

Wenn man auf der letzten Seite ankommt und der mehr als erwartbare Happyend-Kuss erfolgt, wird einem schlagartig klar, dass Heyse zuvor reihenweise Spielhagen gelesen haben muss.

Die Schlussszene brachte den Stein der Erkenntnis ins Rollen: Das ähnelt heftig dem Ende von „Allzeit voran!“, als der verletzte Kavallerist nach der Schlacht von Gravelotte, im Lazarett jene junge Künstlerin als Krankenschwester wiedererkennt, die sein greiser Onkel per Mesalliance einst zur (nie akzeptierten) Fürstin eines thüringischen Kleinststaates machte. Hier nun, nach der Scheidung, arbeitet sie ebenso platonisch mit dem sie anschwärmenden ehemaligen Landarzt zusammen, wie Crone in Helmbrechts Kinderklinik.

Einmal aufmerksam geworden, fällt einem dann rückwirkend auf, dass die frivole Schauspielergräfin mit einem Mann verheiratet war, der dem Wahnsinn anheimfiel. Hoppla! Das gabs doch schonmal wo anders! Melitta! Jene Über-Fee aus Spielhagens „Problematischen Naturen“ hatte ja dasselbe Schicksal!

Und schließlich sind all die Gewissenskrämpfe Helmbrechts zwischen Sohn und Lebensabschnittsgefährtin Maria und der unantastbaren Crone Heyses Variationen des verheirateten Barons von Randow und Eleonore Ritter aus Spielhagens deutlich besser gelungenem Spätwerk „Stumme des Himmels“.

Was bleibt? Man müsste zeitgenössische Kritiken kennen! Aber leider ist mir das bisher nicht vergönnt gewesen.

„Crone Stäudlin“ ist eventuell ein Werk, das sein musste, damit es heftig Zunder gibt! „Ideenlos“…“zusammengepfuscht“…“überschätzter Autor“….Mit einem so verrissenen Werk wollte er sich nicht verabschieden!

1907 erscheint „Gegen den Strom“ – und siehe da: Der Alte kann’s noch!

Die Tochter ihres Vaters

Es war regnerisch. Schnee lag keiner. Wir schreiben Nikolaus 1898. Berlin, Kantstraße. Die war eine typische Gründerzeit-Bauboom-Erscheinung. Die Bäumchen vor den Häusern noch immer recht schlank. Stuck allenthalben, Schaufenster wechseln mit großen Toreinfahrten.

22777179880Vor der „Bücherstube“, Inh.: Ferdinand Müller, hält eine Droschke. Die noch relativ jung wirkende Mit30erin, die ihr entsteigt, wickelt sich für die paar Schritte bis zur Ladentür fester in ihren Shawl. Sie ist auf dem Heimweg von der Mädchenschule nach Hause, aber eine Stippvisite bei Müllerns muss sie sich heute noch gönnen, sonst ist es ein verlorener Tag.

Sie betritt das leere Geschäft, grüßt auf Verdacht nach hinten ins „Gewölbe“, dass 3 Stufen erhöht das Bureau vom Laden trennt, schlägt den Shawl zurück und beginnt die Bücherrücken linkerhand zu studieren.

Herr Müller, Endfünfziger, Marke Grandseigneur in Hermann-Hesse-Statur, steigt sofort aus seiner Geheimtipp-Halle hernieder und begrüßt die einzige Kundin zuvorkommend:

„Fräulein Spielhagen! Welche Freude in diesen lichtlosen Zeiten! Bitte hier entlang. Ich hab da was für Sie aufgehoben.“

Er deutet ins Gewölbe. Sie steigt die Stufen hinauf und nimmt vor seinem Schreibtisch in einem gemütlichen Lehnstuhl Platz.

Wie von Zauberhand gerufen, erscheint Frau Müller, klein und hutzlig, das Gegenteil ihres hageren 2-Meter-Mannes, und platziert eine gutgefüllte Kaffeetasse vor Antonie.

Dann rückt sie sich einen Stuhl hinzu, Herr Müller nimmt auf dem Patriarchen-Thron hinter dem Schreibtisch Platz.

Antonie nimmt den ersten Schluck und setzt die Tasse ab, als er hinter sich greift und ein Buch präsentiert:

„Für Sie! Wir Heyse-Verehrer der letzten Tage müssen doch zusammenhalten.“

„Oh? Der neue Heyse? Doch noch vor Weihnachten?“

„Wie Sie sehen. Ich habe ganze 10 Exemplare bekommen können von der Erstauflage. Skandalös!“

„Naja, aufgelegt wird er ja noch. Nicht zu knapp. Da klappts dann eben mit der Nachauflage.“

„Fräulein Spielhagen! Wir sind doch hier nicht in Zepernick, sondern in der Kaiser-Pfalz!  Reichshauptstadt! Berliner Westen! Wohlsituiert und konservativ! 4 Generalinnen allein in dieser Straße, die meine Kundinnen sind! Mir entgeht das Weihnachtsgeschäft! 50 Stück hätt‘ ich dicke verkauft!“ Er schlürft etwas unvornehm und grummelt noch einmal missmutig: „Zehn Stück! Lumpige Zehn!“

Sie hatte das Buch inzwischen aufgeschlagen und das Inhaltsverzeichnis überflogen.

„Immerhin hab ich das Glück nun ein Exemplar davon zu bekommen?“

„Unzweifelhaft, wie Sie sehen!“ Er wird vertraulich im Tonfall: „Ich kenn‘ Sie doch noch aus ihrer Schulzeit, da werd ich doch meine Stammkundin nicht vergessen! Und dann noch die Tochter DIESES Vaters! Bitte, meine Verehrung zu Hause auszurichten!“

Sie nickt pflichtschuldigst dankend.

„Kennen sich die Herren eigentlich persönlich?“, leitet er nun aus seinem Verkaufslamento ins gemütlichere Gespräch über.

„Sagen wir es so: Die beiden wissen voneinander.“, gibt sie lächelnd preis.

Ihm ist anzumerken, dass er nun gern mehr erfahren würde, aber er fragt nicht nach, will nicht zudringlich erscheinen. Da jedoch auch Antonie nichts sagt, sondern dem Kaffee zuspricht und ihn lobt, muss er sich schließlich doch überwinden:

„Eine Art Künstler-Krieg? Oder nur die Distanz nach München?“

„Weder noch. Konkurrenz. Beiderseitige Reserviertheit. Diplomatisches Lob für einander, ohne sich jedoch wechselseitig gelesen zu haben. Nehme ich jedenfalls an.“

„Jammerschade! Sie kämpfen doch beide an derselben Front, so will mir scheinen!“

„Schon-schon!“, stimmt ihm Fräulein Spielhagen zu, „Aber Papa monierte mir gegenüber gelegentlich, dass Herrn Heyses Figurenkabinett nur aus Künstlern und Italienurlaubern besteht, weil er das Leben nicht kenne, die Milieus nicht studiere, somit seine Figuren Schemen blieben.“

Die Ladenglocke bimmelt, Frau Müller geht und kümmert sich um die Kundschaft.

Er selbst hingegen schenkt seinem Gast mit einem formalen „Ich darf doch?“ noch einmal Kaffee nach und setzt das Gespräch fort:

„Hart geurteilt. Leider wahr. Trotzdem steckt doch mehr drin, als bloße Kolportage, ich halte Heyse für- “ 

„…einen Meisterpsychologen“, sprachen beide den Satz zuende und lachten.

„Na, da sind wir uns ja einig“, schmunzelte Herr Müller vertraulich, „bleibt mir nur, Sie zu warnen, wenn Sie die erste Novelle lesen“, er zeigte auf das Buch, das vor ihnen lag, „da könnte Ihnen manches bekannt vorkommen.“

Fräulein Spielhagen kramte in ihrer umfangreichen Tasche auf dem Schoß nach dem Portemonnaie.

„Wieviel bin ich Ihnen schuldig? Es ist die 4 Mark Ausgabe scheint mir?“

„Das ist richtig, aber nehmen Sie es bitte als Weihnachtsgeschenk. Meine Verehrung – auch an den Herrn Vater.“

„Sie wiederholen sich. Aber es tut gut auch einmal wieder Zuspruch zu erfahren. Der wird rar in letzter Zeit.“

Er schaltet prompt auf mitleidender Kamerad: „Ich habe das kopfschüttelnd verfolgt. Diese Verständnislosigkeit der Allgemeinheit! Friedrich Spielhagen als Anarchist! Man stelle sich den Unsinn vor! Mit der Vernunft ist es eben nicht weit her. Wir paar Bücherwürmer stehen da auf verlorenem Posten.“

„Leider setzt es zunehmend auch Anfeindungen seitens anderer Literaten. Insofern ist Bücherwurm leider kein Solidaritätskriterium.“, sinnierte sie halblaut vor sich hin.

„Zu wahr. Zu und zu wahr!“, pflichtete er ihr bei, „Neue Besen kehren gut. So sagt man oft – und sie fegen leider nicht nur den Schmutz hinaus, sondern auch ein paar wertvolle Bodenvasen um. Wenn das Bonmot gestattet ist.“

Sie nickte traurig.

Er fährt fort:

„Wer von den Lästerern wäre im Stande ein „Was will das werden?“ zu erschaffen? Seherischer Titel übrigens! Ganz zu schweigen von den „Problematischen Naturen“ seinerzeit oder „Hammer und Amboss“! Dafür geb ich den ganzen Freytag her!“

„Lassen Sie ihn das nicht hören!“

„Ihren Vater?“

„Nein, den Freytag!“

Und auf sein verdutztes Gesicht hin ergänzte sie:

„Zwischen DEN beiden ist nun wirklich Urfehde geschworen.“

„Huch? Interessant!“

„Aber das Familiengeheimnis erfahren Sie dermaleinst, wenn eine posthume Biografie fällig werden sollte; andernfalls nehmen die beiden Gegner das Problem mit ins Grab.“

Der Kaffee war getrunken. Sie erhob sich, bedankte sich für das Buch und signalisierte Aufbruch. Er begleitete sie durch den leeren Laden zur Tür, hielt ihr diese auf und verabschiedete sich galant von ihr, während seine Frau ein paar Bücherstapel wieder „auf Kante“ brachte.

—-

Toni war die paar Schritte nach Hause zu Fuß gegangen. Der Sprühregen und das Grau in Grau verdüsterten ihre Stimmung wieder. Sie erreichte das Haus, erklomm die Stiege zum I. Stock und klopfte. Das Dienstmädchen öffnete, knixte und meldete prompt: „Der Herr Vater hat schon nach Ihnen gefragt.“

Antonie verdrehte ein wenig die Augen, dankte und sprach zu sich: „So Mädel! Zweite Schicht; bloß gut, dass ich die zwei Tassen Kaffee intus habe.“, während sie die Straßenkleidung an die Garderobehaken hängte.

Dann begab sie sich in die väterliche Bibliothek. Wo sollte er auch sonst sein.

„Hallo, da bin ich!“ kündigte sie sich selbst an.

Der alte Weißbart da im Schreibtisch-Stuhl schien aus einer Grübelei aufzuschrecken:

„Da bist du ja endlich, Tonerle! Ich glaubte fast an ein Unglück!“

„Nein, nein ich war noch bei Müllerns, die Bücherwände bestochzen.“ Den Heyse-Band erwähnte sie nicht.

„Was du an dem Laden nur findest! Der alte Schöntuer ist mir zu geleckt.“

„Er und ich – mögen Heyse, das verbindet.“

„Ein weiterer Minuspunkt. Er entfremdet mich meiner Lieblingstochter.“

„Ach Voaaaa-diii!“ wechselte sie ins weiche thüringische Westsächsisch, „mor möjchn ihn ehm.“

„Nojoa-doch-nuor!“, nahm er den Singsang auf, „das isse doch – die Scheise.“

Dann griff auch er hinter sich und überreichte ihr ein Weihnachtspäckchen: „Hior habb’ch was für diche!“, um sich dann gleich wieder ins Hochdeutsch zu zwingen: „Nun isses aber auch gut mit DER Mundart.“

Toni wickelte vor dem Schreibtisch aus und hatte wenig später – „den neuen Heyse“ in Händen.

„Hat der Nikolaus für dich hiergelassen. Du warst heute früh schon aus dem Haus und deine Stiefel somit fort.“

„Danke Papa! Heyse – von dir?“

„Was tut man nicht alles für treue Kampfgefährten.“

Sie lachte nicht. Ihr Blick ging melancholisch durch ihn durch. Er spürte, dass etwas nicht in Ordnung war.

„Ärger in der Schule?“

30262989675„Die kleine Itzenplitz wird heiraten. Gleich nach dem Abi.“

„Wieder eine weniger, im Corps der Suffragetten.“ Es war als Witz gemeint, kam aber nicht an.

„Wozu bilden, wenn doch ein wenig Larve, Mundwerk und Geschicklichkeit beim Häkeln reicht?“, resümierte sie resigniert. „Warum fahr ich da eigentlich jeden Tag hin.“

„Ach Kind.“, nun hielt er es doch für nötig aufzustehen, um seiner Tochter den Arm um die Schulter legen zu können, „sind eben nicht alle so wie du und die Duse.“

„Spotte nicht, Papa. Wenn ich sehe, wie sich Jahrgang für Jahrgang, eine nach der anderen wegheiraten lässt, dann macht mich das von Jahr zu Jahr kränker.“

Er küsste ihr die Stirn. Dann sahen sich beide tief in die Augen. Er bemerkte die Schatten und Fältchenansätze heute zum ersten Mal: Sie verblüht. Schade um sie, dachte er und schwieg. Schließlich hatte er sich mühsam ein paar Worte zurecht gelegt, von denen er der Ansicht war, dass sie trösten müssten:„Tonerle! Du hast doch soooo viel mehr erreicht, als alle deine Geschwister zusammen! Komm, sei stolz!“

Sie sah zu Boden, zuckte die Schultern, nahm das Geschenk vom Tisch und verließ den Raum.

Als sie in ihrem Zimmer angelangt war, entzündete sie die beiden Petroleumlampen auf dem Schreibtisch. Dann legte sie die beiden Heyse-Bände neben einander. Ihre Rechte strich über den Einband. Gleich wird er rufen. Die zweite Schicht. Lauter kleine Verrichtungen werden es wieder sein.

In Gedanken erlebte sie das Schulgespräch aus der großen Pause von heute Vormittag nach.

Näs’chen, wie die Itzenplitz von ihren Freundinnen genannt wurde, war mit der Neuigkeit herausgeplatzt: Am letzten Wochenende hatte sie einen Antrag bekommen! Ostern wird es offiziell gemacht und im August solle die Hochzeit sein, so die bisherige Planung.

„Wer isses? Sag! Wer?“ hatte die halbe Klasse sie bestürmt.

„Olof von Puttkammer. Bäh!“, trumpfte sie auf und steckte Isabelle von Wolzogen, ihrer Intimfeindin, die Zunge raus: Eine glänzende Partie.

„Nun kannste mich nich‘ mehr mit Vitzliputzli aufziehn!“ Sie wollte sich kapriziös abwenden, aber –

„Pute!“ konterte die Wolzogen frech und imitierte das typische Truthahnkollern. „Vitzliputzli war wenigstens noch bauernschlau. Aber jeder entlarvt sich, wie er kann! Das Hirn einer Pute hast du schon, der Schrumpelhals kommt nach.“

„Nanana! Contenance, meine Damen! Nun wollen wir erstmal der Braut gratulieren“, hatte Toni ihre Autorität in die Waagschale geworfen und als erste gratuliert. Die Floskeln brachte sie nur schwer über die Lippen, aber die Backfische merkten es nicht. Sie hatte argwöhnisch ins Rund gelauscht, ob irgendeine Spitze gegen ihre eigene Unvermittelbarkeit zu hören war; aber nichts dergleichen war geschehen. Dann hatte sie der bösartigen Wolzogen mit einem Elternbrief drohen müssen, damit die sich eiskalt wenigstens pro forma bei Näs’chen entschuldigt. Ein hartes Stück Arbeit in der Pause!  Sie war heilfroh über das Stundenklingeln des Schuldieners. Schillers „Maria Stuart“ lenkte ab vom allzu biederen Frauen-Dasein höherer Töchter.

Bis hierher und nicht weiter. Sie wischte die Gedanken über ausbleibende Emanzipationsgelüste bei ihren Schülerinnen mit einer Handbewegung weg. Im Flur blieb es wider Erwarten ruhig. Also schlug sie den Band zur Rechten auf. Den anderen würde sie der Schule spenden. Buchprämie für irgendwann. Ihrem Ruf als „die Moderne“ käme das zu pass. Man würde wiedermal die Nase rümpfen, aber vor ihr schweigen. Die mit dem berühmten Vater durfte eben mehr, auch 17jährige Schülerinnen mit Heyse-Büchern prämieren.

„Der Sohn seines Vaters“ war die erste und titelgebende Novelle.

dav

corpus delicti

„Es wird ihnen manches bekannt vorkommen.“ Ferdinand Müllers Hinweis fiel ihr ein. Sie begann zu lesen.

Aha, wiedermal Italien. Da war sie inzwischen auch gewesen. Allein reisend. Lange. „Riviera“. Nun gut, da war sie nicht. „Ein trauriger Wanderer kommt des Weges.“ Sicher wieder ein Maler oder ein Philosoph. Nein – ein „reicher Erbe“, nun ja. Und der „sieht plötzlich eine junge Frau auf einer niedrigen Mauer sitzen und einen Olivenbaum malen.“ Das hätte ich sein können. Allein bleiben und malen. „Sie hatte nichts Auffälliges an sich.“ Passt auch. „War bescheiden gewandet.“ Dito. „Nicht eben hübsch, aber regelmäßige Züge…“ Sie konnte nichts machen. Ihr altes Idol hielt ihr einen  Spiegel vor.

Aber diesmal sollte es heftiger kommen. Es war nicht seine alte schwungvolle Schreibe. Ein paar Entwicklungen zu Beginn wirkten doch wie übers Knie gebrochen, aber die Handlung nahm Fahrt auf und trug sie über stilistische Petitessen hinweg – weit weg!

Alles, was der wohlhabende Nichtsnutz da von sich gab, hatte so ähnlich auch sie erzählt bekommen! Auch sie wäre um Haaresbreite verlobt aus Italien zurückgekehrt; auch in ihrem Falle wäre es eine gute Partie gewesen. Millionen-Erbe und Spekulant! Aber „ihrer“ hatte lediglich eine abgebrochene Offizierslaufbahn zu bieten, keinen Dr. phil. – Sie hatte exakt so dagestanden, wie jene Luise im Buch, hatte das Wechselbad der Gefühle genossen: Endlich jemandem aufgefallen! Aber: Wird das passen? Was kommt nach der Süßholzraspelei der Anfangszeit? Hat er genug Esprit? Oder ist er ein Kommisskopf? Ein depressiver Dandy? Bleibt diese Nettigkeit? Oder wann wird er Kante zeigen?

Sie hatte die Chance schließlich „verstolpert“; zu lange gezögert, eindeutige Antworten zu geben. Mit der Zeit war das Erlebnis versandet, aber Heyses Luise und Alfred bliesen eben diesen Sand nun wieder weg. Alles war wieder so lebendig da, wie eben erlebt: Die Malerin, immer am gleichen Fleck. Das ausgesucht komische Motiv, das sonst keiner malen würde, hatte sie mit Heyses Luise ebenfalls gemein. Somit den einsamen Ort. Tete-a-Tete tauglich. Der Verehrer kann sie finden und wiederfinden, wann immer er will. Der Gesprächsstoff knistert, wird immer persönlicher… Zuerst träumt sie sich das kurze Glück zurück, dann kommt der Frust über das eigene Versagen von alleine nach. Die Augen schwimmen. Sie sucht ein Taschentuch, wischt und liest weiter. Immerwieder kommen die Heul-Intervalle. Sie tun gut. Endlich loslassen dürfen! Hier gab es keine Zeugen. Hier war sie nicht mehr die „Moderne“, die nebenbei Novellen schrieb und in jeder Diskussionsrunde sachlich Paroli bieten konnte. Hier war ihr Kinderzimmer und sie das verschmähte Mädchen, dem die eigenen Kinder fehlten.

Ihr ist, als habe ein Spitzel des Autors sie in Rom belauscht und Heyse nichts weiter zu tun, als den Petzbericht etwas weiter nördlich zu verlegen. Aber es war IHR Schicksal! Die Fülle der Übereinstimmungen war erdrückend! Der angehängte Schluss, dieses „Beinahe-Happyend“, stößt ihr allerdings böse auf. DAS war NICHT sie! Sollte sie sich darüber grämen, dass es diese bajuvarische Luise da besser traf als die Höhere-Töchter-Dompteuse aus Berlin? Oder sollte sie Kraft und Hoffnung tanken, dass auch ihr noch ein realer Historiker oder Gymnasial-Professor begegnen könnte, der sie will?

Wer bin ich?! Ich bin doch nicht die Itzenplitz! Dieses Mädchengeschwätz vom Heiraten! Die Mädchenjahre sind vorbei! Geschafft hab ich tatsächlich einiges. Aber warum sehnen wir uns immer nach dem, was fehlt? Mitte 30! Da ist Feierabend! Denk an Heyses „Zwei Schwestern“ und an sein „Mädchenschicksal“! Die eine kriegt mit 28 gerade noch so „einen ab“ und die andere, obwohl weit hübscher, geht ganz leer aus. So isser nun mal – der Ernst des Lebens!

Aber so kann sie sich nicht beruhigen. Die Nacht ist schon weit fortgeschritten, aber sie ist zu aufgewühlt, um schlafen zu können. Also liest sie weiter. Die zweite Novelle „Verratenes Glück“ ist deutlich kürzer und erzählt die Geschichte einer klugen Frau, die an einen unwürdigen Galan gerät. Siehste! Es kommt ihr vor, als sei Novelle zwo das Jang zum Jin von Novelle eins: Gräm‘ dich nicht! Überlege, was besser ist: Allein zu bleiben und einsam zu sein – oder dich wegzuschmeißen und den Leidensweg der Konsequenzen gehen zu müssen.

Sie weiß nun, was zu tun ist: Die Sturmflut der Gedanken muss aus dem Kopf, wenn sie Ruhe finden will. Sie muss es zu Papier bringen, ihr Rom-Abenteuer mit diesem traurigen Bonvivant; erst dann ist sie es los.

Sie wird die Nacht durchschreiben. Der Schlaf wird ihr morgen Mittag fehlen, aber es gibt keine andere Lösung. Der Schreibdrang ist stärker. Nicht nur Söhne, sind die Söhne ihrer Väter, sondern eben auch Töchter Nachfahren in ähnlicher Situation. Sie schreibt „Herbst im Frühling“ in einem Fluss herunter. Dann geht die Sonne auf. Sie macht Katzenwäsche in der Wasserschüssel und begibt sich zum Frühstück ins Esszimmer. Ihre Augenringe sind nicht zu übersehen.

Vater fragt besorgt nach ihrem Befinden; ob sie sich krank fühle.DSC02995-002spielhagen

„Ich habe nicht geschlafen. Ich habe geschrieben. Es musste einfach sein.“

„MEIN Kind!“, strahlt Papa. „Diese Gefühlslage kenn‘ ich gut. Was raus will, muss raus.“ Er lehnt sich zurück und fragt nun nicht mehr die Tochter, sondern die Kollegin: „Bringst du’s wieder bei Westermann unter? Oder gibst du es der Gartenlaube?“

„Ich glaube weder noch. Ich fürchte, das gäbe diesmal böse Kritiken.“

„Oh je. Gehst du unter die Naturalisten?“

„Nein.“

„Das wollt‘ ich auch hoffen! Ich hab dir bei deinem Westermann-Debut gesagt- “

„- du wärst der bessere Heyse! Ich weiß.“

Sie trank ihre zweite Tasse Kaffee in einem Schluck aus und knallte sie etwas zu resolut auf die Untertasse.

„Diesmal hab ich wirklich eine Heyse-Novelle quasi beantwortet.“

„Donnerwetter. MEINE Tochter!“, der alte Mann mit dem Weihnachtsmannbart strahlt von der anderen Tischseite herüber. „Lass mich raten! Es ist „Der Sohn seines Vaters“ und du siehst dich als Luise.“

Nun ist das Staunen an ihr: „Du hast sie gelesen?“

„Ich konnte nicht anders. Nach den ersten beiden Seiten hatte ich dein Bild vor Augen, deshalb blieb ich dran.“

„Warum nur sagen mir alle, dass sie mich in dieser Luise sehen?!“

„Wer denn noch?“

„Herr Müller vom Buchladen – und ich selbst.“

„Da sind wir schon drei. Was hast du nun daraus gemacht? Eine Fortsetzung?“

„Nein. Eine kargere Variante ähnlichen Ablaufs – mit einem realeren Schluss.“

„Glaub ich sofort!“

„Warum?“

„Weil du das Leben kennst.“ Er hob die Kaffeetasse wie ein Sektglas: „Auf dich mein Kind! Es lebe Paul Robran!“

(Antonie Spielhagen; 1865-1910; veröffentlichte eine Handvoll Novellen in Westermanns Monatsheften. Immer unter dem männlichen Pseudonym Paul Robran. „Herbst im Frühling“ erschien dort jedoch nicht, sondern wurde das titelgebende Herzstück des Novellenbändchens, das um 1900 ohne Jahrgangsangabe (vermutlich) einmalig in kleiner Auflage in Berlin erschien. Mein Dank gilt dem Vielleser für das Zur-Verfügung-Stellen.)

 

Heyse, Heyse und kein Ende…

Eigentlich wollte ich die Heyse-Hitlist umschmeißen, um die folgenden 5 unterzubringen. Problem: Ich kann mich aber nicht von 5 Titeln der Altfassung trennen!

Inzwischen habe ich drei weitere Novellensammlungen von ihm gelesen. Da jede aus 5 bzw. 6 Novellen bestand, also 17 neue Eindrücke. Ein paar, vor allem aus dem „Buch der Freundschaft“, waren wirklich mies. Das will ich nicht verschweigen. Das „Buch der Freundschaft“ rankt sich um „Siechentrost“, den „Hit an sich“. Und wie bei Bands der 70er Jahre, die ihren Signatursong zustande brachten, ringsherum aber „schnell mal“ ein paar Songs hinschluderten, um ihn auf LP herausbringen zu können, solange er „hot“ war, ergänzt sich hier bei Heyse was eigentlich nicht zusammen gehört: Übriggebliebenes aus Veröffentlichungen in „Gartenlaube“ und anderswo, und immerhin die Miniatur von den„Guten Kameraden“ als zweites ansprechendes Werk, sonst nix.

Als ich die Golden Earring LP mit „Radar Love“ kennenlernte, oder Deep Purples „Machine-Head“-Rumpelwerk erging es mir genauso.

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Die 5, die es zu loben gilt, sind:

5. „Die beiden Schwestern“ (1869)

4. „Die Eselin“ (1883)

3. „Gute Kameraden“ (1884)

2. „Der verlorene Sohn“ (1871)

1. „Geteiltes Herz“ (1881)

Platz 5: Bei der Novelle von „den beiden Schwestern“ handelt es sich vor allem um ein „Spätes Mädchen“, ein „Mauerblümchen“, das sich mit dem Schicksal abgefunden hat, Gehilfin ihres Vaters zu sein, und selbstlos ihre jüngere, hübschere Schwester feiert, die von Ball-Erfolg zu Ball-Erfolg eilt. Jene dauerhaft Übersehene schreibt Briefe an ihre Pensionatsgefährtin, die mittlerweile Mutter ist, und nur äußerst knapp antwortet. Sie preist in diesen Briefen das bevorstehende Verlöbnis ihrer Schwester mit einem jungen Astronomen der Sternwarte Potsdam, der sich regelmäßig bei ihnen einfindet – warum wohl? Vater, der alte General a.D., kommt nicht in Betracht, sie selbst, das Familienaschenputtel auch nicht – also bleibt doch nur die Ballkönigin, auch wenn hier und da ein paar nette Neckereien auch für die „unansehnliche“ Schwester der Fee abfallen. Immerhin konnte sie mit ihrer Belesenheit eines Abends punkten: Sie kannte die Planeten des Sonnensystems in richtiger Reihenfolge! — Gerade noch rechtzeitig überwindet sich der schüchterne Astronom dann doch, das Geheimnis platzen zu lassen, dass er von der Intelligenz des Aschenputtels beeindruckt ist und SIE der Grund seiner Besuche ist, auch wenn er, wie alle Welt normal findet, der andern Fee die Aufwartung „pflichtschuldigst“ macht.

Vorhersehbar. Albern. Überholtes Frauenbild. Klar. Na und? So wie Heyse diesen Briefroman en miniature ersonnen hat, knistert es. Der Leser wird mitgenommen auf diese emotionale Reise – auch wenn er auf Seite 5 ahnt, was kommen muss – er weiß ja noch nicht WIE es kommt, oder ob alle hochdramatisch Selbstmord begehen.

Platz 4: „Die Eselin“. Ein invalider, junger Offizier von 1870 weilt zur Genesung bei befreundetem Landadel im südlichen Sachsen und wandert durch Erzgebirgstäler, auch hinüber ins Österreichische. Er lernt eine glücklose, arme, ältere Bäuerin kennen, die einen totkranken Esel pflegt. Sie hat auch noch eine hübsche, geisteskranke Tochter, die wiederum ein Kind hat – und sie weiß nicht, wie sie alle durchbringen soll. Der Offizier erfährt und erzählt ihre Geschichte. Es geht um die Bürgermeisterfamilie und um die Eselin, die eine Stichverletzung in der Schulter hat, die sie nicht gesunden und nicht sterben lässt.  Es geht um eine Hochzeit am anderen Ufer des Bergsees, und es geht um einen hochdramatischen und so nicht vorhersehbaren Schluss. Ganz großes Kino. Könnte man sich als Düster-Movie mit Helene Weigel, der jungen Fieta Benkhoff, Gerd Fröbe, Klaus Kinski, und Willi Fritsch vorstellen.

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Platz 3: „Gute Kameraden“; ein deutsches, noch junges, adliges Fräulein in einer von lauter Engländern heimgesuchten Pension in Rom. Bald wird sie abreisen. Da checkt ein Fabrikant aus Deutschland ein. Verheiratet, aber allein reisend. Es ergibt sich, dass man miteinander spricht. Sie wird seine Fremdenführerin im Landauer und zu Fuß … natürlich knistert es …. derart, wie das nur Spielhagen und Heyse zu Wege bringen … ein Ausflug vor die Tore der Stadt und eine Rast in einer einsamen Taverne bringen beiden unabhängig von einander die Erkenntnis: Es darf nicht sein!  – Gute Kameraden! Mehr nicht! Geeignet für Kammerspiele an kleinen Theatern.

Platz 2: „Der verlorene Sohn“ hat, wie hier beschrieben, eine ganze Flut von Bildern in mir ausgelöst. Heyse konzipierte hier einmal mehr die Schicksale von 4 Personen so zusammen, dass der Leser eine Achterbahnfahrt der Gefühle erlebt. Mutter Amthor und ihre heiratsfähige Tochter pflegen einen verletzten schönen Fremden gesund. Der eigene Sohn des Hauses ist seit Jahren verschollen. – Was, wenn du erfährst, dass … – Kann es solche Schicksale geben? Ähnliches gab es in einer Nachkriegsepisode bei „Doktor und das liebe Vieh“ bzw. in Fassbinders „verlorener Ehre der Katharina Blum“ – aber um ein Vielfaches vergröbert. Die Dramaturgie bei Heyse geht deutlich besser auf. Verfilmen!

Platz 1: „Das geteilte Herz“. Kennst du das Gefühl, das dich befällt, wenn du sagen wir – eine Band für dich entdeckt hast, von der es leider nur sehr wenig Songs gibt? Du hieperst auf Nachschub. Aber der kommt nicht. Irgendwann entdeckst du bei einer anderen Truppe Musik, die dich an jene erste erinnert – und die somit genau diese ungestillte Nachfrage lindern hilft.

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Ich wurde vor wenigen Monaten auf den Namen Paul Robran gestoßen. Schriftsteller des 19.Jhds. Der Name birgt ein Geheimnis, das ich hier nicht lüften will. Robran schrieb nur eine handvoll Novellen – und diese musst du in alten Ausgaben der „Gartenlaube“ oder in „Westermanns (gesammelten) Monatsheften“ finden. Macht ja keiner. Zu umständlich. Aber wenn du einen Link spendiert kriegst zu einer digitalisierten Novelle – dann ist das genau das kleine Tütchen mit dem weißen Zeug, das sofort süchtig macht. You know, what I mean? Nach der Bekanntschaft mit dem Können von Robran musste mehr her – und es fand sich – bei Heyse: Das große Zeitgemälde in der kleinen Form! Eine Dreiecksgeschichte. Ein Mann zwischen zwei Frauen. Klingt simpel. Ist es aber nicht… Die Konventionen; die Fluchten – „ins Bad“ zu reisen; Schlagzeilen, die Napoleon III. hinterlässt -und die Noten von Bachs „wohltemperiertem Klavier“ – zerrissen auf dem Hotelzimmerfussboden…

Du willst einen weiteren Leserausch? Wie bei Robran? Wie damals, als du Heyses „Moralische Unmöglichkeiten“ gelesen hast? Du kriegst ihn! Hier ist kein Wort zuviel. Hier passt alles. Und vorallem Musicjunkies jeglicher Art werden sich hier wiederfinden, ob männlich oder weiblich ist egal, es gibt für beide Lager Anknüpfungspunkte. Auch wenn es zeitlich bedingt gar nicht um Rockmusik gehen kann! Sowas wie hier liest man zuende, klappt das Buch zu – um für den Moment festzustellen: Nichts geht mehr! Du wirst nun nie wieder lesen, denn nichts kommt DA ran!

Aber Zeitchen später verfliegt der Rausch. Du schaust aus’m Fenster: Alles noch wie gehabt. Du fährst den Computer hoch, klickst das ZVAB an und gibst in die Suchleiste ein H ein. „Heyse“ kommt von Geisterhand allein. Enter. Such! Nachschub!

Es bleibt spannend.

Grüße aus der Vergangenheit 3

In jungen Jahren nervte es ein wenig, wenn ich in antiquarisch gekauften Büchern Unterstreichungen fand. Bücherschänder! Eigentlich wollte man doch eher einen unversehrten Schatz heben! Mittlerweile kann es interessant sein, „was“ angestrichen wurde und „weshalb“.

davDieser Tage las ich wieder so ein Exemplar; 125 Jahre alt, toll erhalten; keinerlei „Verschandelungen“ in den ersten beiden Dritteln; aber dann, in der vorletzten Novelle hatte sich ein Vorbesitzer mit dem Bleistift geradezu ausgetobt.

In der Novelle „Der verlorene Sohn“ von (na, wem wohl?) geht es um ein missratenes Bürgersöhnchen um 1650 in Bern, das ausbricht, um letztendlich nach mancherlei Station als verkommener Landsknecht zu enden. Außerdem spielen dessen besser geratene jüngere Schwester und ihr Zukünftiger entscheidende Rollen. Die Mutter der beiden, die wohlhabende Ratsherren-Witwe Amthor (Welch ein Zufall dieser Tage!), hat ein schweres Päckchen Schicksal zu tragen, wie sich zeigen sollte.

Bereits der erste Konfliktansatz ist unterstrichen worden:

Das älteste Kind, (…) ein kluger aber sehr eigenwilliger Bursch, hätte wohl eher einer männlichen Zucht bedurft, als der zärtlichen, all zu nachgiebigen Pflege der Mutter, die diesen Sohn als das Abbild des zu früh ihr entrissenen Gatten vergötterte…“

Das wirft die Assoziationsmaschine an: Wie korrespondierte der Inhalt mit der Lebenswelt des mittlerweile ebenfalls historischen Unterstreichers?

Warum bekamen Zitate wie

mde

oder

dav

ihre Unterstreichungen?

Es könnte so gewesen sein:

——-

30621358471 (2)Herbst 1919. Auf dem Gut derer von Levetzow in der Neumark sitzt die Hausherrin im spärlich beleuchteten Herrenzimmer, das immernoch so heißt, obwohl ihr Mann schon vor dem Kriege , pünktlich nach damaliger Lebenserwartungsrechnung mit 55 Jahren zu den ewigen Heerschaaren abberufen wurde. Es war Arbeitszimmer und Bibliothek in einem. Das Tagwerk lag hinter ihr. Alle Buchführung, Anweisungen an den Verwalter, Versorgung der beiden Armenhäuser des Dorfes, Einkaufslisten für die Kaltmamsell waren erledigt. Nun kam die Schummerstunde und ihr gruselte so allein in dem großen Kasten. Um das Gut stand es nicht zum Besten. Die Ernte war mäßig, die Getreidepreise elend. Die Inflation der Kriegsjahre wollte nicht enden, im Gegenteil, sie schien sich noch zu beschleunigen. Einige der Bauernsöhne waren aus dem großen Kriege zurück, viele davon mit Gebrechen und obendrein in den Gräben der Ost- und der Westfront geradezu verwildert. Ein gefährlicher Hang zur Unbotmäßigkeit war kaum noch ignorierbar. Mildtätigkeit um Not zu lindern und Rebellionsgelüste zu bremsen, war dringend geboten, aber die vielen Tausender Kriegsanleihe fehlten spürbar in der Kasse. Wann hört das auf? Wie lange noch würde sie über die Runden kommen?

davSilvester 1900 hatte alles so strahlend begonnen! Das neue Jahrhundert! Der Ball! Ihre Verlobung! Wie es sich gehört mit 18! Sie wurde erwählt! Standesgemäß! Der Bräutigam, streng genommen ein entfernter Schwippschwager, Witwer, 40 Jahre alt, kinderlos, war ihr sehr recht gewesen. Er wirkte jünger, konnte privat erfrischend albern sein und seine Offizierskameraden parodieren, dass sie beim Lachen jede Korsettstange einzeln spürte. Auch das erste Kind, der ersehnte Stammhalter, kam pünktlich ein dreiviertel Jahr nach der Hochzeit. Das zweite Kind allerdings starb 6 Monate nach der Geburt. Der Stammhalter blieb der einzige Nachkomme. November 1900 geboren. Traditionell erzogen für die „schimmernde Wehr“. Er hätte drumrum kommen können um das große Töten. Im Frühjahr’18 lag der Krieg in den letzten Zügen. Im Osten schien er gewonnen. Friedensgerüchte auch für den Westen gingen mal wieder um. Doch ihr Arno meldete sich noch freiwillig. Ostfront. Mitten hinein in den Revolutionswirrwarr dort. Erst schrieb er davon, zu spät gekommen zu sein, es sei nichts mehr los, man plane die Verlegung nach Frankreich, dann doch noch Gefechte; seltsame Briefe mit Schilderungen von Soldatenverbrüderungen und Desertionen, glücklich überstandene kleine Geplänkel. Plötzlich der Schock: Gefangenschaft. Die schien zunächst noch recht nobel zu sein. Er und zwei seiner Offiziere säßen als „Gäste“ an der Tafel ihrer zaristischen Überwinder, die sie nun aber kurioserweise als Verbündete gegen die „Rote Revolution“ sähen und ihnen ehrenhalber die Säbel gelassen hätten. Dann – schweigen. Seit fast einem Jahr keine Post.

In all dem Zwist nach dem Brest-Litowsker Frieden schien sich niemand um das Schicksal der Kriegsgefangenen in russischer Hand zu scheren! Dann die überraschende Kapitulation, die Revolution, der Wirrwarrkampf ums Baltikum. Es schießt dort noch immer! Der Junge wird 19! Wenn er noch am Leben ist. Vergessen von der Welt – aber nicht von seiner Mutter, die ihr Gewissen plagt. Kein Tag – an dem sie nicht an ihn denkt. Zur abendlichen Ablenkung versucht sie zu lesen. Heyse-Idyllen sollten es sein! Den hat sie als Verlobte gemocht. Aber Heyses „Auswahl fürs Haus“ (Band 2) ist ein Missgriff. Sie stößt auf Stellen wie:

„Wenn Sie Söhne haben, die anderswo ebenfalls auf ein mitfühlendes Herz angewiesen sind, bitte ich Sie – retten sie mich! Man ist hinter mir her!“

oder

„Der Stadtwebel sah sie durchdringend an und wagte schließlich die Frage: „Frau Amthor! Auf Ehre und Gewissen, haben Sie eine Ahnung, wo sich  ihr Sohn zurzeit verbirgt?“

und gar

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Wie unter Zwang erhob sie sich aus dem bequemen Fauteuil, begab sich zum Schreibtisch, holte sich dort den kleinen Bleistiftstummel, kehrte zum Sessel zurück und las das Schicksal jener Witwe in der Schweiz  in dieser Nacht durch. Sie hatte das zum ersten Mal vor 20 Jahren gelesen. Im Brautstand und noch völlig ahnungslos. Nichts war geblieben. Sie las das Buch wie neu: Wie das passte! Abschnitt für Abschnitt bezog sie auf sich und strich fast jeden zweiten an. Bei manchem Satz musste sie innehalten. Eine Erleichterung war diese Lektüre nicht.  Eher eine Folter ihres Gemütes, ein Zwirbeln ihrer Schuldgefühle. Wie war es möglich geworden, dass ihr kluger, vielseitig talentierter Sohn beim Anblick all der heimgekehrten Kriegskrüppel im Dorf und in der Kreisstadt seine Kriegsbegeisterung nicht verlor? Warum hatte sie ihn nicht veranlasst, auf den Gestellungsbefehl zu warten? Warum die Anmeldung zum Notabitur erlaubt? Warum war mancher dieser Tagelöhner-Tölpel unversehrt zurückgekehrt, der ihr jetzt das Leben schwer machte, vor ihr den Hut zog, aber hinter ihr ausspuckte – nicht aber ihr Sohn? Strafe? Wofür? Wo war ihr Sohn?

Als sie die letzten Seiten liest, die das Ende jener tapferen, gescheiterten Mutter enthalten, kommen die Tränen. Tröstend. Für den Moment erlösend. Sie stellt das Büchlein wieder zwischen Band 1 und 3 an seinen Platz. Einst ein Verlobungsgeschenk. Vorn drin noch ihr Mädchenname. Als sie ihn eintrug, dachte sie noch voller Vorfreude „nicht mehr lange“! Es würde alles gut werden als Gräfin Levetzow. Sie sah ein Jahrhundert des Glücks anbrechen – und keinen großen Krieg kommen.

Der Leser da im Garten, im Jahre 2020, erinnert sich an jenen toten Dragonervon der Erinnerungstafel im Borkenkäferwald. An Remarque, Dwinger, Zobeltitz, Kempowski, Lorentzen, Böll und Strittmatter – und die Bilder im „Guten Kameraden“. Er hat das Buch nun ebenfalls durch. Betroffen von den Eindrücken der letzten Seiten schlägt er es zu; dann vorn wieder auf: Die Erstbesitzerin hat ihren Namen hinterlassen.

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Außerdem klebt im Innendeckel so ein Jugendstil-exlibris-Holzschnitt, der bestimmt erst in den 20ern eingeklebt wurde: Carl Wilhelm Meyer.

davDas Internet kennt eine heute noch existente Firma dieses Namens. Damals aufstrebend? Kriegsgewinnler, die die Bibliothek eines bankrotten Gutes aufkauften? Oder handelte es sich nur um einige wenige Bände aus irgendeinem Antiquariat? Eventuell auch nur eine zufällige Namensgleichheit. Ein aufstrebender Bürgersohn, der später wieder herabkam und seine Buchbestände zur Leihbücherei degradierte? Es gibt da diesen irreführenden Stempel hinten im Buch. Die Bestände waren durchnummeriert. dav

Die Assoziationsmaschine springt noch einmal an:

Dem Gut erging es wie so vielen. Die Pleite kam 1923. Das Veräußern beweglicher Habe: Die Prunk- und Jagdwaffen des weiland Hausherren, die Bibliotheksbestände, das Mobiliar. Schließlich die Versteigerung. Die Nachbargüter erwerben die Flächen, ein Stummfilm-Star das Haus.

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Die Bibliothek geriet nach Berlin. Die 3 Bände standen im Hause Meyer gepflegt und einträchtig weiterhin nebeneinander, soweit sie nicht einzeln erwählt und verliehen wurden. Anderthalb Jahrzehnte. Eines Tages brachte die junge Kriegerwitwe Ursula B. den Band 1 zurück und lieh sich den Band 2, dann kam eine dieser Bombennächte. Sie hatte den Band noch in der Manteltasche als sie im Keller saß. Die Bücherei allerdings erhielt einen Treffer und ging in Rauch auf. Ursula B. floh kurz darauf aufs Dorf zu Verwandten. Irgendwo im Barnim/Brandenburg. Dort fielen keine Bomben. Was hat sie dort erlebt, erdulden müssen? Wie lange mag sie gelebt haben? Wann haben ihre Enkel den spärlichen Bücherbestand der Großmutter dem Online-Antiquariat überlassen?

Bludgeon sitzt im Garten. Er sieht das Gutshaus vor sich. Die junge Verlobte, die noch errötet, weil man ihr den „schlimmen“ Heyse schenkt. Die immernoch attraktive Mit40erin, erste Krähenfüße an den Augenwinkeln, wie sie da im Sessel sitzt, sich um das Schicksal des Sohnes grämt und Sätze unterstreicht. Ihre Blicke gehen immer wieder zum Fenster hinaus in die dunkle Nacht: davArno? Wo bist du? — Dann die Kriegerwitwe im zerbombten Berlin, die mit Kinderwagen und zu Fuß versucht, das Dorf an der Oder zu erreichen. Vorbei an Panzerwracks und Leichen. Sich vor feiernden Russen in Wäldern versteckend oder im Straßengraben totstellend. Und wie sie die Kate der Verwandten endlich erreicht, verdreckt und müde; eine Dachkammer überlassen bekommt, endlich das Kind windeln kann und dann den Heyse auf die umgedrehte Kartoffel-Molle legt, die ihr als Nachttisch dient.

Oder war doch alles ganz anders?

Wenn Bücher sprechen könnten…

 

Heyse-Hitlist

Zwischenbilanz nach 5 gelesenen Novellenbänden unterschiedlichster Ausgaben:

Von ca 40 Novellen, die ich nun kenne, sind das die Hits:

Ich habe mal alle 10 mit bissl Rockgeschichte unterlegt, die mir zum jeweiligen Novelleninhalt zu passen schien. The romantc way, you know? Einfach anklicken.

Und: Nein, es ist kein Tippfehler – es gibt zwei 1. Plätze und deshalb keinen zweiten.

 

10 Greatest Hits;

a private best of – (Compiled by Bludgeon)

 

  1. Ein Idealist; 1902

(Sex und Malerei, ein letzter Idealist oder ein prophezeiter Balthus?)

  1. Das Bild der Mutter; 1858

(Heidi Klum und Tom Kaulitz? Emmanuel & Brigitte Macron? Das wäre damals anders ausgegangen.)

  1. Unheilbar; 1862

(Wenn die Welt zu schön ist, um sie zu verlassen… oder „eine schrecklich nette Familie“)

  1. Das Glück von Rothenburg; 1881

(Der Spatz in der Hand oder doch die Taube auf dem Dach? II)

  1. Die Dichterin von Carcassonne; 1880

(Der Spatz in der Hand oder doch die Taube? I, Angelo Branduardi und Stephan Eicher lassen grüßen!)

  1. Im Grafenschloss; 1861

(Der Grobian mit Herz oder „Kein Mut – kein Mädchen“! Wovon künden all die großen leeren Räume?)

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  1. Siechentrost; 1883

(Der erste Hippie oder the power of sound)

  1. Der letzte Centaur; 1870

(Wohin mit den Anschauungen von gestern? Ist Neues immer besser?)

  1. Moralische Unmöglichkeiten; 1901

(Adel im Untergang oder „Pack dein Glück mit beiden Händen, forme es, überlass das nicht anderen!“)

  1. Himmlische und irdische Liebe; 1885

(Behind the scenes: Heyses, Storms, Dahns Frauenproblem(e) oder „Das wäre dein Preis gewesen!“)

 

Nicht berücksichtigt: „Gegen den Strom“. Der Vorläufer des „Glasperlenspiels“. Das Werk heb ich mir auf, bis ich weitere Heyse-Romane kenne. Würde ich es heute einbeziehen, hätte ich 3 erste Plätze; zuviel Drängelei ganz vorn.