Der Zeitpunkt des Aufhörens

Da war einmal ein Lehrer in mittleren Jahren, knapp über 40, der kam mit seinem Fan-Club, einer 12. Klasse, aus der Aula zurück in den Klassenraum. So eben hatte das Abi-Programm der 13. Klassen stattgefunden, wie alle Jahre.

Üblich war, dass die 13er den 10.-11.-12. Klassen alljährlich ca. 80-90 Minuten lang kabarettistisch den Schulalltag präsentieren. Also schlüpfen ausgesuchte Parodie-Talente des Abschlussjahrgangs in die Rollen von Frau A. und Herrn B. und ziehen diese anhand wiedererkennbarer Besonderheiten -zum Jubel aller- abschließend durch den Kakao.

Nun kamen also nach und nach alle Schüler wieder in den Raum gedröppelt, mehr oder weniger aufgekratzt, die eine oder andere Pointe wiederholend, kichernd, und auf das Klingelzeichen für die Hofpause wartend.

Herr B. lehnte wie gewohnt mit einer Arschbacke am Lehrertisch und wartete ebenfalls.

Alles strahlte um ihn her und Ringo krähte: „Und? Wie fanden Sie’s?“

Sie wussten sich eins mit Herrn B. Wie gesagt: Fan-Club. Sie hatten alle seine Pointen bisher verstanden und er ihre.

Auf die Frage trat gespannte Ruhe ein – in die Herr B knurrte: „Arschlos.“

Verblüffung pur.

Herr B.: „Die 13er haben keinen Schneid. Seit Jahren fürchten hier alle Herrn P. und Herrn T. Und? Wo waren Witze über die? Statt dessen machen die Frau M. runter. Die harmloseste im Kollegium! Die hat hier noch nie jemandem was getan. Widerlich.“

Schweigen im Walde.

Die dämliche Melanie will wie immer auch ne Meinung haben: „Ja, aber…“

Ihr Banknachbar bremst sie: „Halts Maul. Er hat recht.“

Die kluge Dörte am Fenster mit Blick in die Klasse: „Boing. Treffer, versenkt.“

Es klingelt. Der Raum leert sich.

Beim Abi-Ball nähert sich der Herr B.- Parodist vom Abi-Programm dem Original und fragt:

„Ihnen hat unser Programm nicht gefallen?“

„Yep.“

„…hat sich rumgesprochen.“

„Gut so. Schämt euch. Frau M. hats schwer genug.“

Ein Jahr später waren im Abiprogramm auch Herr P. und Herr T. Mode. Frau M. wurde diesmal übergangen. Beim Verlassen der Aula trifft der grinsende Herr B. an der Treppe auf die ebenso strahlende Dörte.

Sie: „Und? Zufrieden?“

Er: „Top!“

Daran musste ich denken, als ich gestern im Riffmaster-Blog den Text von „Dr. Brand“ , einem späten Reinhard Mey Song, las.

Guckst du hier, (ganz runter scrollen, am Ende des Beitrags).

Es traf mich unvorbereitet. Mein Idol wankt. Reinhard Mey hat von „…heiße Caspar“ bis „Narrenschiff“ ein Schaffen hingelegt, das Heinz Rudolf Kunze , Grölemeyer, Lindenberg i tutti quanti auf die Plätze – bzw. gaaaaanz weit nach hinten verweist. Deren Schaffen ist ihm gegenüber besseres Wort-Scrabbel!

Und dann kommt der mit sowas!

Der hat immer Maß gehalten, der konnte Lachen und Weinen erzeugen!

Und dann das!

Der Meister, der einst „Bevor ich mit den Wölfen heule“ schrieb, outet sich nun auf den letzten Metern als Mitläufer in der Meute, bei dümmlichsten Provokationen gegenüber dem vermutlich gutmütigsten Lehrer seiner Schule. Das alte Spiel: Früh übt sich der Welpen-Mob, dort wo es ungefährlich scheint.

Die späteren 68er in den 50s, wie die Pimpfe eine Generation früher, die ihre Inspiration aus der „Feuerzangenbowle“ hatten, die wiederum die Kaiserzeit auf dem Kieker hatte.

„Wenn alles schläft und einer spricht, dann nennt man das (Dr. Brands) Unterricht.“ Der Spruch stammt vermutlich aus der Antike. Er hat so einen Baaaaaaaart! Er ist auch in Meys Schulzeit nicht mehr originell.

Dann bekommt der Song aber die Wendung in’s KZ.

Und prompt erscheint mir die Frage: Tut ihm seine pubertierende Schülerblödheit nur leid, weil er erfährt, dass er da unbekannterweise einen KZ-Überlebenden vor sich hatte?

Sind die Blödheiten klüger, wenn der gutmütige Kauz ein Wehrmachtssoldat gewesen wäre? Kickt dann wieder die Ausrede: War’n ja alle Nazis! Also können wir die alten Kamellen einfach weiter lustig finden!

(Und was wäre dann mit Böll? Mit Borchert? Mit Lorentzen?)

Die plakativste und somit übelste Zeile im Song ist:

„Die Würde aber unberührt…“.

Wie soll‘en das gegangen sein? Als Schwuler im KZ?!

Wo hat er denn DIE DDR-Singeclub-Phrase her?

Die Würde ist schon futsch, wenn sie dir den Schädel rasieren; wenn sie dich zwingen, die Hose runterzulassen, bevor du ausgepeitscht wirst; wenn du aus Frauenmangel von kräftigeren Häftlingen „rangenommen“ wirst; wenn du dich das erste Mal überwindest, einem Mithäftling Brot zu klauen – weil du überleben willst, während er nun verhungert; wenn du vor den Wachmannschaften buckelst, auf allen vieren „deine Mütze holst“!

Und dann kommst du raus und „davon“ – und an einem westberliner Gymnasium unter; willst dir eine neue Würde erschaffen, lebst aber gefährlich, als schwuler Lehrer enttarnt zu werden, (dazu fehlt mindestens eine ganze Strophe!) – in den Adenauerjahren – und diese Rotzgören tränken es dir ein… zum zweiten Mal im Leben.

Und zwischen den Zeilen der ersten Strophe schwingt da immer noch mit: Aber schön war sie doch, die Schulzeit voller „Feixen“ und „Faxen“ als „Creme de la Creme…“ Ach diese peinlich vertruxte Altherrensehnsucht nach „Rabaukentum“, wenn doch nur ein paar beleidigende Gääähnwitze zu vermelden sind.

„Ich bin mit meinem Latein am Ende“,

heißt es kurz vor Schluss.  Ja, die Zeile stimmt.

Aber dieser lateinisch angehängten Bitte um Vergebung fehlt der Rührungsfaktor, den Mey in so vielen anderen Songs immer hinbekam: Caspar, Würde des Schweins, Alter Bär ist tot, Schade – dass du gehen musst…

Die Floskeln zu dürr und unangenehm selbstgefällig: Seht – ich büße!

Irgendwann versiegt bei jedem die Schaffenskraft; man wird sein eigener Schatten.

Ich kann all diese Alt-Stars nicht verstehen, die das doch auch merken müssten und immer weiter machen, und ihr Lebenswerk beschädigen.

Ein Jahr vor seinem Tod schoben sie hier bei uns in der Nähe den alten, hinfälligen Johnny Winter auf die Bühne, legten ihm die eingestöpselte Gitarre auf den Schoß und los gings. Im Sitzen und mit altersschwachen Stimmbändern…

Phil Collins macht das grade nach…

Meat Loaf’s letzte Platte …. stimmlich am Ende. Und Songs schreiben konnte er ja noch nie – ohne Jim Steinman.

Und Reinhard Mey kommt die Wortgewalt abhanden.

„20 Uhr“ … „Menschenjunges“ ….. „keine ruhige Minute“ …. „Alles geht!“…. „Leuchtfeuer“… „Flaschenpost“ … Alben für die Ewigkeit.

„Mr. Lee“ gehört nicht dazu, denn auf der befindet sich „Dr. Brand“.

„20 Uhr“ revisited

Zum Folgenden gibt es HIER ganz am Anfang des Blogs eine Art Vorgeschichte.

„Und das Fest, das wir endlos wähnten, hat doch wie alles seinen Schluss. Und keine Worte und keine Tränen! Alles kommt, wie’s wohl kommen muss.“ (R. Mey)

Die Eltern werden alt. Ich auch. Aber sie haben Vorsprung! Die Heimfahrten mehren sich. Sie sind keine Besuche im alten Stil, sondern notwendig. Die Eltern brauchen Hilfe und die Söhne sind weit weg. Wurzelpflege war nicht möglich. Sie wurde einst „beruflich“ gekappt, aber ein paar Nottriebe -alle Jahre wieder- bilden sich doch an der jungen Rinde. Sie reichen nicht, den Stamm in neuer oder alter Erde wieder Kraft gewinnen zu lassen, aber sie sind da – das ist nicht viel, aber besser als nichts.

Also fahr und lauf ich durch die alten Straßen, mache Einkäufe; und alte Liedfetzen stellen sich ein.

„Bin wieder hier. Hier im Revier. War nie wirklich weg. Hab mich bloß versteckt.“

Westernhagen. Auch so ein abgestürzter Hero früher Tage. Sein Biss hat nicht gereicht für sein langes Leben. Heute ist er irgend so ein Schnösel vom Rand. Bei Reinhard ist das anders. Ob du da die alten oder die neueren Sachen hörst: Da findet sich immer was. So geht Altern in Würde!

Nach den Einkäufen und dem reichlichen abgefüttert Werden bei Muttern dreh ich meinen Melancholia-Turn zur Verdauung und im Gedenken an all die gehabten oder unvollendet gebliebenen Geschichten von einst:

Bürgergartenviertel – Katzenbuckel – Agrar-Ingenieurschule – Waldschlosswiese – Eibenweg -Pavilliontreppe – Bürgergarten. Heute mal auf den Rosengarten verzichtet, denn duster wird’s.

Ein „Herbstgewitter über Dä-hä-chern…“, die im Saaletal legendär sind, scheint zu drohen. Ein Gewitter wird es schließlich doch nicht, sondern nur ein Wolkenbruch.

Und so steh ich wieder in meinem alten Kinderzimmer, als es draußen schüttet. Wassermassen rinnen zu Tal, die Straße hinab. Gurgeln und schwurbeln über die Teerflicken der Fahrbahn vor dem Haus. Die war 1967 neu, als wir einzogen. Seither hat der Asphalt viel erlebt und bietet eine schrundige, stachlige Kraterlandschaft, aufgehackt und zugeschmiert, abgesackt und aufgefüllt. Symbol der steckengebliebenen Stadt-Errettung zu Beginn der 90er. Viel war da möglich. Aber leider nicht genug. Die Kastanien sind wieder da. Die Häuser sind in Schuss. Die Straße ist enger geworden. Zugeparkt. Früher reichten die Einfahrten der wenigen Autobesitzer.

Und hier drinnen? Wieviele Indianerschlachten haben diese Wände erlebt? Die komplette Rockgeschichte verklang hier in den Fugen. Die alte Deckenlampe, im 60er Jahre Design, ehemals weiß-braun ist nun altersgelbbraun. Auf dem Bücherschrank fehlt der Jupiter. Ebenso die beiden großen Elvis-Poster, die ihm Flügel zu sein schienen. Der Musik-Altar der 70er.

„Würd ich heute nochmal losziehn, blieb’ mein Beutebeutel leer

Es gibt keinen Plattenladen, keine Lineol- und Bleisoldaten

und keine Plastindianer mehr.

Es gibt keine Maikäfer mehr.“

Jaja, geklaut bei Reinhard Meys „20 Uhr“-Album. Eingemeißelte Erinnerung. Damals ’75. Das erste West-Vinyl der ganzen Klasse! Mario war der glückliche Besitzer und ich erster Nutznießer. Erst die Mikrophonaufnahme von den noch unversehrten Platten, 1978 dann nochmal die Bandaufnahme via Diodenkabel zum Jupiter, aber nun inclusive einiger Kratzerknisterei und Rillensprüngen, denn auch Marios Platte hatte inzwischen einiges durchgemacht.

prägealbumDamals nicht bewusst, aber heute unumstößlich feststehend, war das der Moment des Erwachens: Ich wollte ursprünglich nur die Blödelsongs aufnehmen. Aber wir unterbrachen die anfängliche Stückelei! Denn da war soviel mehr! Und alles so anders als erwartet! Mario hatte vorgewarnt, dass nicht alle Songs zum Lachen sein würden; einiges sei mehr so wie „Über den Wolken“, das gerade Hit gewesen war. Wenn auch nicht gerade in unserer Klasse. Schlagerkram war das für uns 15jährige Ignoranten.

Nun aber hockten wir vor der Truhe. Er das Mikro vor den Lautsprecher haltend, ich den Recorder auf dem Schoß und Reinhard sang:

„Rechnet nicht mit mir, beim Fahnen schwenken. Ganz gleich welcher Farbe sie auch sei’n; ich bin noch im Stand allein zu denken und verkneif mir das Parolen schrein.“

Ich reiß die Augen auf und starre Mario an, der grinst stumm zurück und nickt. Als er die Platte wechselt, muss ich einen Kommentar loswerden:

„Ist das stark!“

„Nich‘ wahr?!“

„Pioniernachmittage, Fahnenappell, Mai-Demo…“

Wir mussten uns nicht gegenseitig erzählen, wie wir die 14tägigen Pioniernachmittage fanden und dazwischen diese Zirkel unter der blauen Fahne zur Vorbereitung auf den Übertritt in die FDJ. Diese staatliche Erfindung zur Verhinderung von Langeweile durch endloses Gebastel und staatsbürgerkundliche Zusatzbeschallung. Das Gegenteil war der Fall: Diese Nachmittage waren der Gipfel der Langenweile! Mario und ich gehörten zum phantasievollen Flügel der Klasse, denen mehr einfiel als Gebolze auf dem Kirchplatz. Unsere Freizeit füllte sich wie von selbst und ohne Gammelei!

Wer hätte sich ‘89 träumen lassen, dass der Scheiß als Ganztagsschulkonzept schlimmer als zuvor zurückkehren würde?

„Das is‘ kee Schloagorscheiß!“, stellt er klar, „bevor ich mit den Wölfen heule und Achtel Lorbeerblatt sind die besten.“

Ich muss es erstmal glauben, aber mich treffen zusätzlich noch „der alte Bär ist tot“ und „Aus meinem Tagebuch“ ins Mark.

Dieser Ausbruch „Ich will hier raus, ich hab genug“, der schien auf meine Krankenhausaufenthalte genauso zu passen („Wir spielen Karten seit heut früh…“), wie auf jene Schwimmlagerpein anno’69, und einen „alten (Freund) Frank“ hatte ich schließlich auch. Ich sang den Refrain grinsend meinen diversen Banknachbarn in Physik- und Chemiestunden vor. In der Politschulung der NVA. In öden Vorlesungen; allmontäglichen Sitzungen… Ich wurde an ihn erinnert in Prora, in der Niederlausitz, im finalen Norden, im Hamsterrad der Jahre…

„dann blieb ich an der Sperre stehn; mein Mut hat weiter nicht gereicht.“

Was für ein perfekter Schluss!

Der da auf der Platte hatte Worte gefunden, die mir fehlten – für MEINE Zustände!

Der animierte zum „Anders sein“, wie das später hieß!

Ich bin aus jenem Holze geschnitzt/bevor ich mit den Wölfen heule/Achtel Lorbeerblatt/Tagebuch

Die volle Dissidentenpackung für die sozialistische Schule! Wenn das unsere allseits gefürchtete und verhasste Klassenlehrerin zu hören bekäme! Dann wär‘s aus mit der Zulassung zur EOS im nächsten Schuljahr! Nun hieß es dichthalten, bis der Schritt getan war!

Ich war nach den rund 90 Minuten des  Albums mindestens ein Jahr reifer!

Das war ein Lichtstrahl aus einer neuen Welt. Da war plötzlich Klarheit – perfekt formuliert!

Von nun an wiederholte sich, in eben jenem Kinderzimmer, auf dessen Dach gerade das sprichwörtliche „Herbstgewitter über Dächern“ niederging, die Seltsamkeit, dass da bisweilen all die Punks der ersten Stunde den Aufstand simulierten oder Johnny Rotten die pure Anarchie verkündete, aber plötzlich dieser biedere Rathaussaal-Applaus ertönte und dann sang da einer zur einfachen Klampfe Sachen wie:

„Dem einen ist meine Nase zu weit links im Gesicht; zu weit rechts erscheint sie dem andern und das gefiele ihm nicht…“

Inzwischen kommt die Zeit des Gauklers an ihr Ende. Der Individualitätsschrei wies einen Weg, bei dem mich inzwischen auch manchmal Zweifel beschleichen, ob das so richtig war. Denn dieses Selberdenken bringt dich zwar weiter – aber wohin?

„Its lonely at the top.“

War ich da je?

Mit den Jahren ging mir auf, dass es Freund Reinhard wohl ähnlich ging. Die oft besungene „Freunde-Schar“, die ihm die Meinung stärken- und später trinkfest beerben sollte – sind das nicht eher herbeigesehnte imaginäre Begleiter eines einsam Brütenden gewesen?

Der nette Talkshow-Gast von einst wandelte sich mehr und mehr zum resignierten Grantler.

Wie ich.

Don’t kill my idols!

https://www.zeit.de/kultur/literatur/freitext/reinhard-mey-neue-rechte-protestmusik-folk

Das muss man sich mal geben:

“Der bashende Barde“—

Na endlich schreibts mal einer! Frei von Ahnung, aber treu im Glauben an erlernte pawlowsche Reflexe:

Reinhard Mey trägt unbewusst den Prä/Post-Nazi in sich! Dabei hat sich jener neopuritanische Schreiberling nicht mal an die härtesten Nüsse im Mey-Repertoire gewagt:

“Narrenschiff“ & “Vernunft breitet sich aus über…“!

“Narrenschiff“; verdientes Politikerbashing at its best! Da hätte Xavier von lernen können, was saubere, inhaltlich belastbare Verse sind. Im Background singt Konstantin Wecker mit! Also doch! Auch er trägt das Nazi-Gen mit sich herum! Und wenn wir dann weitergucken: Gene Galaxo: “Und in der Tagesschau log ein Mann vom Staat…,“- Schreck lass nach! Das kann doch nicht UNS UDO sein?! LINDENBERG IST MINDESTENS PEGIDIST!

Könnt ihr euch noch erinnern an den Ärztesong “Eva Braun, schönste aller Fraun“? Oder die Toten Hosen, wie sie black gefaced im Bananenröckchen zu Bommmerlunder ungelenk breakdancten? Damals 84?!

Rassisten und Faschisten überall!

Eiweiwei!

Ironie aus.

Herr Ebmeyer! Ihr Schreibstil erinnert mich an böseste Rufmordversuche der “Jungen Welt“ vor dem Mauerfall. Suaden, wie die oben treiben die Leute in Richtung AfD. “Wir sind ja eh alle Nazis!“

Kopf hoch, Reinhard! Du hast noch Fans, denen DU denken beibrachtest!

 

30 Jahre her

„Wilson&Vogt“ hieß MEIN Kanaan 10 Tage nach dem Mauerfall. Ein kleiner, feiner Plattenladen in Berlin-Tegel, Nähe S-Bahnhof und Sparkasse oder Bank. Egal. Hauptsache auf, wegen dem Hunderter! Hätte sonst nur 40 DM besessen. Der Rest eines schwarz ertauschten Hunderters anno 1983! Es war mein erster Trip ins unbekannte Territorium der „Brüder&Schwestern“. 14 Tage nach dem 4.11.89, der soviel Hoffnung gebar, weil endlich die Masse sich zu erheben schien. Weil endlich der Perestroika-Turn vollzogen werden würde. All diese Rücktritte seit Oktober! Montags-Demos nun auch in allen Kleinstädten! DAS kriegen DIE nicht mehr gestoppt! Das kocht! Und die Rezepte kommen nicht vom Klassenfeind, also können sie nicht als Konterrevolution diffamiert werden. Selbst Markus Wolf gebärdete sich als Wendemacher mit Redebeitrag auf dem Alex und Memoirenschmöker im Buchladen…

Dass da die Mauer aufgegangen war, konnte noch niemand recht einordnen. Deshalb waren wir noch in etwa folgendermaßen drauf:

– Bleibt das so?

– Machen DIE bald wieder zu?

– Ein paar minderbemittelte Prolos krähen in Leipzig nach der Einheit!

– Krenz muss natürlich weg. Der Wolf im Schafspelz. Großmutter, warum hast du so große Zähne? Modrow muss an die Macht! Der wohnt im Plattenbau! Der hat den Kontakt zum Volk nicht ganz so verloren, wie das Altersheim von Wandlitz da!

– Oder eben gleich jüngere Leute, so wie Gysi, Brie, Gundermann…Gorbi-Kursler!

– Oder das Neue Forum! Aber die beharken sich gerade mit den anderen Bürgerrechtsvereinen. Schade um die Zeit. Da wuseln auch zuviele Traumtänzer unter den Machern rum.

– SDP? Das ist dummes Zeug. Das ist die Neuspaltung der Werktätigen in zweierlei Partei.

 

Der Ruf nach der Einheit war bereits da, aber noch begriffen wir nicht, dass es DAS gewesen war, was die Volksmassen WIRKLICH wollten.

Ich stand also noch völlig frei von kommenden Existenzängsten mit 140 DM im Portemonnaie und Kumpel Volkmar aus der alten Heimat an meiner Seite eines Samstags im November bei „Wilson&Vogt“ im Laden.

Lieber Leser aus dem Westen! Du, der du die vollen Läden ein Leben lang kennst, auch wenn du selbst dir eventuell auch nicht alles leisten konntest, was du hättest haben wollen – hattest du doch AUSWÄHLEN gelernt! Ich hatte für kommende Flohmärkte auch immer so eine „innere Checkliste“ im Kopf, wonach sich zu suchen lohnen würde – aber nun: In so einem Laden!

Error-Error! Was wolltichgleichnochmalschonimmer?????

Da war diese Aufstellerkiste: „DLPs zum Preis von einer!“

TonSteineScherben“Wenndie Nacht am tiefsten“gleichvorndran/danebenGeorgeBenson“Living inside your love“/soforthatteichbeideuntermArmaber/daneben warendieDeutschrockfächer/mit ReichelMeyKunzeMaurenbrecherMeineckeWesterhagen/ ZweiSchrittezumriesigen“JedePlattenur9,90Fach/ BlueÖysterCultFehlfarbenJaneKissHeartLouReedNeilYoungZeppelin… habenhabenhabenwill!….habe ich gesabbert? Gezittert? Keine Ahnung.

Erstmal die Fassung wiederfinden: TonSteineScherben, das Album hatte ich ähnlich kennengelernt, wie die Eloy (hier); genauso knisternd schrottig und natürlich auf KEINEM DDR-Flohmarkt auftreiben können. Die 80er aber waren Rio-Years. Seine Aufstands-und Entsagungshymnen passten ausgesprochen gut in die Zeit um’89.

Steig ein! Der Kampf geht weitaaaa!

Ich stellte fürs erste die Benson zurück, die kannte ich aus Prora. Eine Geschichte für sich. Auch die „Ewigkeit unterwegs“ vom Reichel trug ich 3 Runden durch den Laden, stellte sie wieder hin für „the career of the evil“ von Blue Öyster Cult, stellte die wieder hin für „Houses of the holy“, stellte die wieder hin für Reinhard Meys „20 Uhr“(MEIN PRÄGEALBUM!) Dummerweise für 23.95 DM, stellte es aber doch wieder hin, griff erneut zum billigeren Reichel und trabte schließlich mit TonSteineScherben (19.95) und der „Ewigkeit unterwegs“( 9.90) zur Kasse.

mde

Das Vinyl von damals hat nicht überlebt.

Mein Begleiter brachte die ganze Zeit am Lindenbergfach zu und rätselte, ob er als treuer, aber durchaus kritischer Langzeitfan die soeben erschienene „Bunte Republik Deutschland“ nehmen sollte oder doch die „Odyssee“, die er bereits auf Band hatte. Die neuere gewann. Das waren unsere ersten zweieinhalb Stunden in der Marktwirtschaft. Wir hatten uns hart kasteit, nicht alles ausgegeben. Wir schlenderten weiter. Umgeben von Ossis. Umgeben von zahlreichen „Wilson&Vogt“ Beuteln unter fremden Armen. Das Nachholkauffieber hatte nicht nur uns erfasst. Der Laden war rappelvoll gewesen und die Schlange an der Kasse zwar dank schneller Bedienung nur immer 5-6 Leute lang, aber konstant.  Die machten da den Umsatz ihres Lebens.

Wir hatten uns vorgenommen, kein Westgeld für Essen auszugeben, wenn der Hunger kommen sollte, fahren wir zurück.

„Gugge ma Muddi, hier gostn de Banahn zwee Morkvörzsch!“, rief es plötzlich vor uns. Fremdscham steigt auf. Schnell Straßenseite wechseln! Ich achte auf den Verkehr, beim Überqueren schau ich erst wieder nach Volkmar – der in eine Banane beißt! Aaaaargh!

„Nein! Nicht doch du auch noch!“

„Wirklich nur 2,40. Das musste jetzt einfach sein. Willste eehne?“

„Iiiih. Nee.“

Karstadt lockt.

Unten Buchabteilung: ob die Grenzer beim Zurückfahren noch Ernst machen mit „Keine Druckerzeugnisse!“ oder ob sich das auch erledigt hat?

Große Stephen-King -Pyramiden. Wer ist das? Daneben Perry Rhodan Berge. Irgendwas Utopisches. Kein Bedarf. Dritte Pyramide: Hohlbein „Hagen von Tronje“. Noch hatte ich jene STERN-Rezi nicht gelesen. Auch ihn ließ ich stehen. Dann stand ich eine halbe Ewigkeit an der Taschenbuchwand. Hach, das 2bändige Rocklexikon von Graves/Joos-Schmitz… aber teuer…. Schließlich stellten sich zwei Verkäuferinnen hinter mir auf, um einzuschreiten, wenn – aber ich blieb anständig. Stellte es wieder hin. Kasteiung die Zweite.

Platten-Etage 2.Stock (glaube ich).

Nochmal ein einstündiger Rundgang mit wechselnden Platten unterm Arm. EINE wollte ich mir dann doch noch gönnen. Aller guten Dinge sind dreie, entschuldige ich mich vor mir selber. Wieder trage ich allerlei durchs Karree, den Blick in die tiefer liegenden Regale gerichtet, denn dort lagen Pere Ubu New Model Army, Pixies, Philip Boa, die gerade auf DT64 im Parocktikum gepriesen wurden, bis ich relativ spät den Blick hebe und prompt vor einer Wand mit Reinhard Mey LPs stehe. Da: „20 Uhr“ – 17.90 DM. DAS nenn ich Schicksal!  Obendrein Sieger der Marktwirtschaft, weil fast 5 DM gespart! Schnäppchen!

mde

Wieder draußen schlendern wir zur Bushalte von heute früh zurück; vorbei an einem Zeitungswerbeaufsteller: die beiden Typen an dem Tischchen sehen uns natürlich den Ossi an und drücken jedem von uns einen „Nord-Kurier“ in die Hand.

„Kostet nüschd! Lest ma was Westliches.“ Volkmar haut seine in den nächsten Papierkorb. Ich nehme meine mit und bestelle zu Hause noch das 4wöchige kostenlose Probeabonnement. Lerne dann, dass für Tegel der Osten um sie rum, trotz dieser aufgeregten Zeit kein Thema ist. Praktisch nur Stadtteil-News ohne Wert für den Provinzler 100 km weit weg. Westmark für ein Abo hätte ich im Winter89/90 eh noch nicht gehabt.

Bei der Rückkehr werden wir völlig unkontrolliert durchgewunken. Keiner der Uniformierten will irgendwas sehen oder gar beschlagnahmen. Das macht Mut fürs nächste Mal:

Wenn DIE die Grenze oflassn, dann fährsde am 1. oder 2. Advent nochema: Vielleicht haben sich bis dahin die exorbitanten Umtauschkurse (1:10) beruhigt. Dann gehste och in Buchladen!

 

Troll – der Bär

„Ich fahr of K. un’denn Klenn’n nemm ich mieht.“, sprach Großmutter und so geschah es dann auch. K. war ein Kurort zwei Bahnstationen entfernt von N.
Er fuhr gern mit nach K., denn er wusste: Ritterburg-Ruine oder Zoo würden zum Ziel werden, auch wenn zunächst Gesundheitstechnisch ein Spaziergang an der Sole-Berieselungsanlage das eigentliche Ziel hätte sein sollen, wegen der Lungenstärkung. Jedoch manchmal war der Weg am Gradierwerk gesperrt und manchmal disponierte Großmutter nach Ankunft in K. einfach um.

Die erste Station in K. war immer das Café „Aufwärts“: „Ein Eis mit Früchten für denn Klenn’n und a Melange für miech.“, orderte sie als Frau von Welt mit Hut und ohne sich lange mit der Speisekarte aufzuhalten.
Kellner-Reaktion: „Hä?“
Sie wieder: „Eisbecher mit Obst, hammse?! Mir bringse a Tippl Kaffee und eine Portion Schlagobers – halt Schlagsahne, wie mor hierzulande sogd.“
Kellner nickend ab…
Wenn das Bestellte dann auf dem Tisch stand, schmiss sie sich zwei Löffel Schlagsahne in den Kaffee, lehnte sich zurück und war – glücklich.
Beim ersten Mal fragte er, irritiert von der überschäumenden Tasse: „Was machstn da?“
„Ahne Melaansch! Bei uns zu Hause hoste kunnt so was bestell’n, aber hier wissense neh was guttis.“ Schlürf.
Er war nicht völlig überzeugt, weil das Zwischenergebnis nach dem Abtrinken irgendwie schleimig aussah, aber inzwischen bevorzugt er seinen Kaffee selber so.

Die zweite Station war meistens der kleine Tierpark des Ortes, denn die Ritterburg lag zu weit abseits. Im Tierpark war das Ritual ebenfalls ein unspektakulär festgelegtes. Großmutters Anziehungspunkt waren die Rhesusaffen. Die bekam er jedes Mal erklärt. Sie ließen ihn trotzdem kalt. Interessanter waren die freilaufenden Störche, denn die verloren ab und an mal eine große Feder und genau auf diese Beute hatte er es abgesehen! Aber neben der Hoffnung lauerte auch die Gefahr:

Freilaufende Pfauen!

„Geh ok nee zu dicht! Die spring dir of de Schulter und hacken dir die Schädeldecke kaputt.“
„Großmutter! Ich hab doch keine Decke übern Kopp!“
Rumms! Großmutter hatte schnell die Faust geballt und ihm die Fingerknöchel unsanft von oben in den Skalp gerammt.
„Aua!“
„Was da weh tutt, is die Schädeldecke.“
Ihre Lehrmethoden waren effektiv.

Und wenn jetzt so ein Pfau auf ihn zustakste, war es auf alle Fälle besser, hinter Großmutter zu stehen. Würde sich das Gruselvieh an ihr vergreifen wollen, läge es im Handumdrehen auf ihrem Schoß und würde gerupft. Die Gänserupfende Großmutter hatte er selbst neulich in der Küche sitzen sehen.

War die Gefahr vorbei, ging er zum Bärenkäfig. DAS war SEINE Attraktion. Das jämmerlich kleine Gehege mit der großen in den Fußboden eingelassenen Bärenbadewanne und Troll und Anka, den Braunbären, die zwei Jahrzehnte hier im Kreis gingen, sich ab und an hinsetzten, um mit den Vordertatzen zu betteln.
Bären haben keine Mimik heißt es. Quatsch mit Soße!
Er sah ihn doch, den gequälten Blick! Zwischen ihm und Troll bestand so was, wie ein Vertrauensverhältnis.
In den Kindergartenjahren waren die Bären „echte Teddys“. Seit der 2.Klasse war er Dakota! Ein Sohn der Großen Bärin! Auch wenn man das wegen der Brille und dem Scheiß-Fassonschnitt jetzt nicht sah. Troll sah man den Grizzly ja auch nicht an. Sie verstanden sich ohne Worte. „Hol mich hier raus.“ sagten die Augen des Bären unmissverständlich.
Der Kleine hielt allen Ernstes Ausschau; schlich um den Rundbau herum, sah hinter der Absperrung die Tür für die Tierpfleger: Riegel mit Vorhängeschloss… Schade. Da war nichts zu machen.
Insgeheim auch irgendwie gut so, denn was würden die Eltern sagen, wenn er Troll wirklich mit nach Hause brächte? Und wie würde der sich mit dem Hund vertragen?

Jedes Mal schlich er so um den Käfig, und jedes Mal schob er die große Rettungsaktion auf, nicht ohne sich per Gedankenübertragung bei Troll dafür zu entschuldigen, während Großmutter in der Nähe auf einer Bank saß und auf einem Stofftaschentuch geschälte Grüne Gurke und hartgekochtes Ei bereithielt.
„Was märst da an den Bären rimm, warste scho bei den Rhesusaffm?“ So ganz war Großmutter eben doch nicht „Unschida“.

Wenn er da so halb am Absperrgitter hochgeklettert stand und Blickkontakt zu Troll suchte, verschwand die Welt:

Troll&AnkaTroll und er streunten durch den Wald, befreiten Rehe und Hasen aus Fallen und machten am Rande mancher Lichtung Rast, um auf den röhrenden Hirsch zu warten, der nun mal auf jede richtige Lichtung gehört. Der kleine Dakota verstand die Sprache der Tiere und wenn Troll ihm dann sanft die Tatze auf die Schulter legte, sollte das heißen: „Danke, dass du mich da rausgeholt hast.“
Und wenn dann plötzlich im Wald „die Großen“ aus der 4. Klasse auftauchten und ihn verdreschen wollten, stiegen sie von den Rädern ab, weil sie den Bären im Gebüsch übersahen. Ein Pfiff von ihm und Troll stand auf den Hinterpfoten an seiner Seite! Ein einziger Brummton reichte – und der kleine Dakota genoss die Flucht seiner Feinde, die ihre Fahrräder im Stich ließen und sich in Luft auflösten…
Oft, wenn die Träume soweit gediehen waren, kam wieder so ein Pfau daher und der große Krieger rettete sich in Richtung Großmutterbank. Pfauen konnten einem aber auch alles versau’n!

Bären waren demgegenüber viel ungefährlicher!

Eines Tages las Mutti aus der Zeitung vor, dass da etwas ganz Furchtbares im Zoo in K. geschehen sein soll: Ein Pfau sei auf den Sims des Bärenkäfigs geflogen und Troll hat durch die Stäbe gelangt und sich eine Sonderration Geflügel genehmigt. Die Besucher seien geschockt gewesen. Der kleine Dakota wusste: „Das hat er für mich getan. Troll hat mir die Schädeldecke gerettet!“
Aber da war auch der Schreck: Wird dem Bären jetzt Tollwut unterstellt, wie einem Hund, der mal irgendwo daneben gebissen hat? Wird er am Ende sogar eingeschläfert?
„I wo“, beruhigte Vati: „Das ist doch für Bären ein ganz normales Verhalten. Der Pfau war schuld.“
Eben! Selten war er mit Vater so dermaßen vollständig einer Meinung.

Mit 15 war er lang schon kein Dakota mehr, obwohl nun endlich die Haare die richtige Länge gehabt hätten. Jetzt war er eher so was wie der 5. Mann von Slade. Und im Zoo in K. ist er seit 2 Jahren auch nicht mehr gewesen.011blogbild
Da hockte er eines Tages bei Mario vor der Musiktruhe, um dessen Reinhard Mey Live-Album „20 Uhr“ aufzunehmen. Westplatte! Heiligtum! Darf immer nur auf dem Plattenspieler des Besitzers laufen!
Bis dahin kannte er nur die Blödelsongs a la „Annabelle“, „die Schlacht am kalten Büffet“ und „den Mörder, der immer der Gärtner ist“. Hier lernte er jetzt den ernsthaften Mey kennen.
Die Aufnahme geschah per Mikrophon, weil das Truhenunikum aus den 50ern stammte und keinen Diodenkabelausgang hatte. Also musste geschwiegen werden. Mario hielt das Mikro vor den Lautsprecher. Er selbst behielt die Kassette im Blick, um bei Bandsalat sofort reagieren zu können – und dann kam das letzte Lied der ersten Plattenseite („Der alte Bär ist tot und sein Käfig leer“) und da wurden ihm die Augen feucht, denn er kam sich plötzlich so verdammt treulos vor. Ja, er wusste zu diesem Zeitpunkt nicht einmal, ob Troll noch lebte und in K. immer noch im Kreis ging…