„20 Uhr“ revisited

Zum Folgenden gibt es HIER ganz am Anfang des Blogs eine Art Vorgeschichte.

„Und das Fest, das wir endlos wähnten, hat doch wie alles seinen Schluss. Und keine Worte und keine Tränen! Alles kommt, wie’s wohl kommen muss.“ (R. Mey)

Die Eltern werden alt. Ich auch. Aber sie haben Vorsprung! Die Heimfahrten mehren sich. Sie sind keine Besuche im alten Stil, sondern notwendig. Die Eltern brauchen Hilfe und die Söhne sind weit weg. Wurzelpflege war nicht möglich. Sie wurde einst „beruflich“ gekappt, aber ein paar Nottriebe -alle Jahre wieder- bilden sich doch an der jungen Rinde. Sie reichen nicht, den Stamm in neuer oder alter Erde wieder Kraft gewinnen zu lassen, aber sie sind da – das ist nicht viel, aber besser als nichts.

Also fahr und lauf ich durch die alten Straßen, mache Einkäufe; und alte Liedfetzen stellen sich ein.

„Bin wieder hier. Hier im Revier. War nie wirklich weg. Hab mich bloß versteckt.“

Westernhagen. Auch so ein abgestürzter Hero früher Tage. Sein Biss hat nicht gereicht für sein langes Leben. Heute ist er irgend so ein Schnösel vom Rand. Bei Reinhard ist das anders. Ob du da die alten oder die neueren Sachen hörst: Da findet sich immer was. So geht Altern in Würde!

Nach den Einkäufen und dem reichlichen abgefüttert Werden bei Muttern dreh ich meinen Melancholia-Turn zur Verdauung und im Gedenken an all die gehabten oder unvollendet gebliebenen Geschichten von einst:

Bürgergartenviertel – Katzenbuckel – Agrar-Ingenieurschule – Waldschlosswiese – Eibenweg -Pavilliontreppe – Bürgergarten. Heute mal auf den Rosengarten verzichtet, denn duster wird’s.

Ein „Herbstgewitter über Dä-hä-chern…“, die im Saaletal legendär sind, scheint zu drohen. Ein Gewitter wird es schließlich doch nicht, sondern nur ein Wolkenbruch.

Und so steh ich wieder in meinem alten Kinderzimmer, als es draußen schüttet. Wassermassen rinnen zu Tal, die Straße hinab. Gurgeln und schwurbeln über die Teerflicken der Fahrbahn vor dem Haus. Die war 1967 neu, als wir einzogen. Seither hat der Asphalt viel erlebt und bietet eine schrundige, stachlige Kraterlandschaft, aufgehackt und zugeschmiert, abgesackt und aufgefüllt. Symbol der steckengebliebenen Stadt-Errettung zu Beginn der 90er. Viel war da möglich. Aber leider nicht genug. Die Kastanien sind wieder da. Die Häuser sind in Schuss. Die Straße ist enger geworden. Zugeparkt. Früher reichten die Einfahrten der wenigen Autobesitzer.

Und hier drinnen? Wieviele Indianerschlachten haben diese Wände erlebt? Die komplette Rockgeschichte verklang hier in den Fugen. Die alte Deckenlampe, im 60er Jahre Design, ehemals weiß-braun ist nun altersgelbbraun. Auf dem Bücherschrank fehlt der Jupiter. Ebenso die beiden großen Elvis-Poster, die ihm Flügel zu sein schienen. Der Musik-Altar der 70er.

„Würd ich heute nochmal losziehn, blieb’ mein Beutebeutel leer

Es gibt keinen Plattenladen, keine Lineol- und Bleisoldaten

und keine Plastindianer mehr.

Es gibt keine Maikäfer mehr.“

Jaja, geklaut bei Reinhard Meys „20 Uhr“-Album. Eingemeißelte Erinnerung. Damals ’75. Das erste West-Vinyl der ganzen Klasse! Mario war der glückliche Besitzer und ich erster Nutznießer. Erst die Mikrophonaufnahme von den noch unversehrten Platten, 1978 dann nochmal die Bandaufnahme via Diodenkabel zum Jupiter, aber nun inclusive einiger Kratzerknisterei und Rillensprüngen, denn auch Marios Platte hatte inzwischen einiges durchgemacht.

prägealbumDamals nicht bewusst, aber heute unumstößlich feststehend, war das der Moment des Erwachens: Ich wollte ursprünglich nur die Blödelsongs aufnehmen. Aber wir unterbrachen die anfängliche Stückelei! Denn da war soviel mehr! Und alles so anders als erwartet! Mario hatte vorgewarnt, dass nicht alle Songs zum Lachen sein würden; einiges sei mehr so wie „Über den Wolken“, das gerade Hit gewesen war. Wenn auch nicht gerade in unserer Klasse. Schlagerkram war das für uns 15jährige Ignoranten.

Nun aber hockten wir vor der Truhe. Er das Mikro vor den Lautsprecher haltend, ich den Recorder auf dem Schoß und Reinhard sang:

„Rechnet nicht mit mir, beim Fahnen schwenken. Ganz gleich welcher Farbe sie auch sei’n; ich bin noch im Stand allein zu denken und verkneif mir das Parolen schrein.“

Ich reiß die Augen auf und starre Mario an, der grinst stumm zurück und nickt. Als er die Platte wechselt, muss ich einen Kommentar loswerden:

„Ist das stark!“

„Nich‘ wahr?!“

„Pioniernachmittage, Fahnenappell, Mai-Demo…“

Wir mussten uns nicht gegenseitig erzählen, wie wir die 14tägigen Pioniernachmittage fanden und dazwischen diese Zirkel unter der blauen Fahne zur Vorbereitung auf den Übertritt in die FDJ. Diese staatliche Erfindung zur Verhinderung von Langeweile durch endloses Gebastel und staatsbürgerkundliche Zusatzbeschallung. Das Gegenteil war der Fall: Diese Nachmittage waren der Gipfel der Langenweile! Mario und ich gehörten zum phantasievollen Flügel der Klasse, denen mehr einfiel als Gebolze auf dem Kirchplatz. Unsere Freizeit füllte sich wie von selbst und ohne Gammelei!

Wer hätte sich ‘89 träumen lassen, dass der Scheiß als Ganztagsschulkonzept schlimmer als zuvor zurückkehren würde?

„Das is‘ kee Schloagorscheiß!“, stellt er klar, „bevor ich mit den Wölfen heule und Achtel Lorbeerblatt sind die besten.“

Ich muss es erstmal glauben, aber mich treffen zusätzlich noch „der alte Bär ist tot“ und „Aus meinem Tagebuch“ ins Mark.

Dieser Ausbruch „Ich will hier raus, ich hab genug“, der schien auf meine Krankenhausaufenthalte genauso zu passen („Wir spielen Karten seit heut früh…“), wie auf jene Schwimmlagerpein anno’69, und einen „alten (Freund) Frank“ hatte ich schließlich auch. Ich sang den Refrain grinsend meinen diversen Banknachbarn in Physik- und Chemiestunden vor. In der Politschulung der NVA. In öden Vorlesungen; allmontäglichen Sitzungen… Ich wurde an ihn erinnert in Prora, in der Niederlausitz, im finalen Norden, im Hamsterrad der Jahre…

„dann blieb ich an der Sperre stehn; mein Mut hat weiter nicht gereicht.“

Was für ein perfekter Schluss!

Der da auf der Platte hatte Worte gefunden, die mir fehlten – für MEINE Zustände!

Der animierte zum „Anders sein“, wie das später hieß!

Ich bin aus jenem Holze geschnitzt/bevor ich mit den Wölfen heule/Achtel Lorbeerblatt/Tagebuch

Die volle Dissidentenpackung für die sozialistische Schule! Wenn das unsere allseits gefürchtete und verhasste Klassenlehrerin zu hören bekäme! Dann wär‘s aus mit der Zulassung zur EOS im nächsten Schuljahr! Nun hieß es dichthalten, bis der Schritt getan war!

Ich war nach den rund 90 Minuten des  Albums mindestens ein Jahr reifer!

Das war ein Lichtstrahl aus einer neuen Welt. Da war plötzlich Klarheit – perfekt formuliert!

Von nun an wiederholte sich, in eben jenem Kinderzimmer, auf dessen Dach gerade das sprichwörtliche „Herbstgewitter über Dächern“ niederging, die Seltsamkeit, dass da bisweilen all die Punks der ersten Stunde den Aufstand simulierten oder Johnny Rotten die pure Anarchie verkündete, aber plötzlich dieser biedere Rathaussaal-Applaus ertönte und dann sang da einer zur einfachen Klampfe Sachen wie:

„Dem einen ist meine Nase zu weit links im Gesicht; zu weit rechts erscheint sie dem andern und das gefiele ihm nicht…“

Inzwischen kommt die Zeit des Gauklers an ihr Ende. Der Individualitätsschrei wies einen Weg, bei dem mich inzwischen auch manchmal Zweifel beschleichen, ob das so richtig war. Denn dieses Selberdenken bringt dich zwar weiter – aber wohin?

„Its lonely at the top.“

War ich da je?

Mit den Jahren ging mir auf, dass es Freund Reinhard wohl ähnlich ging. Die oft besungene „Freunde-Schar“, die ihm die Meinung stärken- und später trinkfest beerben sollte – sind das nicht eher herbeigesehnte imaginäre Begleiter eines einsam Brütenden gewesen?

Der nette Talkshow-Gast von einst wandelte sich mehr und mehr zum resignierten Grantler.

Wie ich.

6 Gedanken zu “„20 Uhr“ revisited

  1. Dein Beitrag gefällt mir. Vielleicht ist es das letzte grosse Lebenswerk: in Würde zu altern. Viele Alte, die ich kannte und kenne, haben sich dabei die letzten Zähne ausgebissen…

    Reinhard Mey hat schöne tiefgründige Lieder geschrieben. Auf meiner Liedermacherliste rangiert er dennoch allenfalls im Mittelfeld. Mag sein, dass es an der ewig akutischen Gitarre liegt oder an seiner Stimme. Ist auch nicht wichtig.
    Wichtiger ist er mir als Müller-Westernhagen auf jeden Fall.

    Zu Reinhard Mey noch dies: https://www.tagesspiegel.de/meinung/mon-berlin-wie-ich-verlernte-reinhard-mey-zu-lieben/991926.html

    Gefällt 1 Person

    • Huch! Das hätt‘ ich nicht erwartet: Du hörst (ab und an, das eine oder andere von) Reinhard Mey?! Großartig! 🙂 Mittelfeld sogar!
      Danke für den Link. Die Dame kriegt ja geradeso die Kurve amSchluss. Deshalb scheint in der Überschrift ein FAST zu fehlen. Den beschriebenen Fall kenn ich natürlich, aber nun da diese Kenntnis aufgefrischt wurde, fällt mir prompt die Zappa-Witwe ein, wie sie die Zappanale in Rostock verklagt und auf diesem Wege Millionen Dollars aquirieren will – oder der König der Stadionrocker, der mir 2013 in Leipzig die mieseste Konzerterfahrung aller Zeiten bescherte – das sind auch so unerwartete Tiefschläge gewesen, dagegen ist Meys Klage gegen die Gartennazis sogar noch leidlich berechtigt, während die anderen beiden Fälle in meinen Augen/Ohren richtiges Imagekamikaze darstellen.

      Aber darüber hinaus auch von mir ein Outing: Ich kenne auch Graupen von Reinhard Mey. Aber er machts immerwieder gut. Immer, wenn ich mich für ihn gerade fremdschämen wollte, kommt (manchmal sogar gleich auf derselben Platte) ein Knüller hinterher. Bei der Masse an Songs ist eben nicht jedes LIed FAUST III.

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      • Ich bin mit den sogenannten Liedermachern gross geworden. Reinhard Mey war einer von ihnen. Hannes Wader, Wolfgang Ambros, Georg Danzer, Arik Brauer und wie sie alle heissen oder hiessen.
        Keiner von ihnen hat ausschliesslich Perlen produziert. Das wäre auch vermessen zu erwarten. . . Aber bei der Anzahl der Liedermachen und der Menge der Lieder findet man immer was passendes…

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  2. Ein ganz wundervoller Text … lang nicht mehr hab ich so einen dichten und starken ersten Absatz gelesen, was für Sätze! Ich glaub sie Dir und seh Dich stehn im Kinderzimmer …
    Dem Reinhard Mey glaub ich auch jedes Wort. Meine erste LP, die ich vom eigenen Geld zusammengespart habe: „Ich wollte wie Orpheus singen“ … ich liebe sie noch heute und leg sie gleich auf und frage mich, wohin ist das Leben gegangen zwischen damals und heut…
    wie Du schreibst: „…sie werden alt, ich auch“..ja
    Gruß

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