Der Hungerpastor (1)

„Menschheit, du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu.“ (Ch. Bukowski)

Mir leuchtete diese Maxime bereits während meiner Armeezeit ein, ohne sie formuliert zu haben. Aber die Welt von Prora war um 1980 nunmal voller Assis. Gelesen hab ich sie erst nach der Wende. Aber heute ist sie aktueller denn je. Und obendrein liest sie sich wie ein Credo zu Raabes Schaffen. Der wiederum für mich eine Art von Prä-Schmidt ist. (Gemeint ist Arno Schmidt; der Prophet von Bargfeld). Merke: Alles hängt mit allem zusammen.

Jedes Ding hat seine Entsprechung in alter und zukünftiger Zeit.

Und gute alte Bücher beweisen dir das zeitweilig derart, dass es dir den Atem verschlägt: „Wow! Damals schon?!“

Raabes lesbarster Roman – „Der Hungerpastor“ von 1864 verführt in einem fort zur Rückschau. Guck an! Kenn‘ ich! Ging mir auch so – hundert Jahre später! Watsch! Der traut sich was! Hat ihm keine Freunde gemacht. Kenn’ich! Bin in ähnlichen Fettnäpfen zu Hause gewesen – usw. usf.

„Ich habe alle Begeisterung, so der Mensch fühlen kann, in meinem Herzen gefühlt; ich habe auch allen Menschenjammer gesehen und in mir gespürt. Nun fahren mir die Erinnerungen immerdar zwischen die Buchstaben und Zeilen …(und)… schütteln die Gedanken durcheinander.“

Resümiert der alte Waterloo-Feldprediger als greiser Dorfpfarrer in Grunzenow/Hinterpommern am Ende seines Lebens und am Ende des Romans.

Ja, so ist es. Prompt stehst du wieder im hohen, langen Flur der Altbauwohnung und die Geister der Kinderzeit sind alle wieder da. „Down the edge of korridors into the gates of time“… Wie Dan Fogelberg singt und Raabe schreibt – das gehört zusammen! Silently the past come stealin‘.

Dir wird bewusst, was es heißt, Boomer zu sein, dessen Kindheit in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts fiel – und wieviel 19. Jahrhundert da noch zu erleben war!

Raabe lässt das erste Romandrittel zwischen 1820 und 1830 spielen – und auch das kenne ich: Diesen Hang zu knapp verpassten Zeiten. Raabe ist 1830 geboren und malt (sich) die zwanziger aus. Ich bin 1960 geboren und bin stets gefährdet all dem 50er Jahre Kitsch zu verfallen. Ein herbeierzähltes Idyll aus Petticoates und Doowop, trotz Walter U. und GULAG.

Er beschreibt den Werdegang von zwei Spielgefährten: Hans Unwirrsch und Moses Freudenstein.

Die sprechenden Namen sind anders gemeint, als es auf den ersten Blick scheint. Dazu mehr in „Hungerpastor (3)“.

Unwirrsch ist ein Schuster-Sohn, der einen anderen Weg geht, als alle seine Vorfahren. Aber zunächst erlebt er eine Kindheit in kleinstädtischer Handwerkerarmut vorindustrieller Zeit.

Die Schusterwerkstätten seines Vaters und seines Onkels werden derart lebendig beschrieben, dass es mich prompt an „unseren Schuster“ in Naumburg erinnerte, auf dessen ebenfalls lichtlose Werkstatt mit den seltsamen Gerüchen in all der Enge der Regale das alles auch passt. Der alte knurrige Mann mit der Lederschürze, wortkarg und mit den Gedanken eh immer woanders, der mit Kreide eine Nummer auf die Sohlen der kaputten Botten schrieb und diese dann mit Stift von hinter dem Ohr auf ein Kärtchen übertrug und irgendwas knurrte, was wie „Freitagmittag“ klang.

Und es war auch eine Schuster-Tochter, der ich in der 3. oder 4. Klasse jenes Skatkartenspiel abkaupelte, dass bis heute in meinem Schreibtisch überlebt hat – und nach dem die ganze Schublade riecht: Diese Werkstattmischung aus Schweinsleder, Lederfett und Schuh-Creme.

dav

Frau und Tochter weigerten sich stante pede mit diesen Karten Mau-Mau, Krieg, Schafskopf oder Kanaster zu spielen, wegen: „Iiiiiiiiiiiih! Die doch nicht!“

Ich alter Bewahrer aber schätze sie, weil: Unter-Ober-König hier Beine haben und die Dame im Ensemble fehlt! Mit 9 Jahren war mir, als hätt‘ ich einen Schatz geborgen, wie Hans Unwirrsch, als er die Hinterlassenschaften seine verstorbenen Vaters sichten darf.

Vater Unwirrsch hatte eine Glaskugel über der Kerze hängen, bei deren Licht er so auch in der Dämmerung noch arbeiten kann und schließlich auch spät abends noch grübelt; denn jene frühe Disco-Kugel reflektiert das Kerzenlicht und wirft Schatten an die Wände, während der arme Mann sein Schicksal bedauert, nicht genug Geld übrig zu haben für Bücher, die seinen Hunger nach Wissen stillen könnten.

Gebrochenes Licht, wandelnde Schatten, Farbenspiele. Wer kennt sie noch, diese Trostpreise der Los-Bude, diesen Taschengeld-Dieb im Papierwarenladen: Kaleidoscop. Halb Fernrohr, halb Zauberstab. Du guckst unten rein und siehst lauter bunten Flitter…. „Magic!“

Und wieviel buntverglaste Fenster die alte Stadt hatte! Auch die elendste Hinterhof-Laube hatte Buntglas-Oberlichter aus Kaisers Zeiten! Butzenscheiben in allen Altstadt-Restaurants und in den Kneipen der Burg-Ruinen! Nach der Wende wurde zwar der sozialistische Verfall gestoppt, viele Fassaden feierten Wiederauferstehung – jedoch all das Buntglas war futsch. Flair, das zumindest ICH vermisse!

dav

Die Stadt hatte auch in den 60ern neben den Schustern noch die vielen Tante-Emma-Läden. Mir musste später keiner erklären, warum die so hießen, denn ein jeder wurde von so’ner ältlichen griesgrämigen Krieger-Witwe geführt: Missmutig rappelte sie sich im Hintergrund vom Häkeln auf, wenn die Ladenbimmel störende Kundschaft anzeigte. Das Warenangebot kurios zusammengestückelt: Sammeltassen, kleine Porzellan-Figuren, Touristenkitsch in Form von Abziehbildern mit Burgruine oder gebogenen Wanderstockbeschlägen. Manchmal stand ein einsamer Indianer oder ein Matchbox-Auto zwischen all dem Nippes. Der Grund des Besuches!

Sie fristeten ihr Rentnerinnen-Dasein mit diesem Zubrot zur spärlichen Witwenrente, fern von allen HO- oder Konsumgenossenschaftszwängen. Einer nach dem anderen verschwand durch Ableben der Eigentümerin.

Die verschnörkelten Schaufenstereinfassungen blieben und verrieten mit der Zeit und wenn der Holzwurm fleißig war, dass sie eben nicht aus Marmor oder Granit gemeißelt waren. Schnödes Holz. Und immer mehr Abblätterungseffekte mit fortschreitender „entwickelter sozialistischer Gesellschaft“. Ein gelungener Luxus-Fake aus alter Zeit.

Diese Witwen fielen mir immer dann ein, wenn Raabe beschreibt, wie in der Kröppelgasse stets das Haus voll ist, wenn einer stirbt. Alle Nachbarinnen sind zugegen, die halberblindete Hebamme ist die Totenwäscherin, die andern organisieren den Leichenkuchen, gaffen, beschnacken den Vorgang und den Sarg, vergleichen die diversen Variationen des Ablebens der letzten Zeit, bejammern die Hinterbliebenen.

Und so geht das in einem fort.

nbg1

Führ/Speck „Naumburg a.d.S. Die Stadt auf historischen Fotografien“

Die Kröppelgasse im Buch könnte die Engelgasse oder die Paul-Heese-Straße von Naumburg sein. Das Identifizieren wird von Seite zu Seite leichter.

Hansens Oheim Grünebaum in all seiner Schrulligkeit könnte (zusätzlich zu tatsächlichen Schustern) auch Udos Opa sein. Solche Käuze kommen heute nicht mehr vor. Die sonderten einen Spruch nach dem andern ab; laberten Dittsche-mäßig den ganzen Tag lang den buntesten Unsinn mit realem Kern, dass es dich von Zeit zu Zeit vor Lachen zerfetzte.

Beispiel: Udos Opa weiland 1966 oder 67 in der Bäckerschlange, als einziger alter Mann unter lauter „Weibern“ und mir als Ohrenzeugen:

(Eine Kundin hielt den Laden auf, weil sie -typisch weiblich- erst nicht wusste, was sie nehmen will und schließlich noch Familiengeschichte abspulte. Plötzlich grölts in unmissverständlichem Bariton:)

„Is‘ dor Bäggor schonn dohd, oder geht’s da vorne nochäma weitor! Ich stehe hier doch nich‘ bis de Tätowierten andor Macht sinn!“

Lachende Zustimmung des „Warte-Kollektivs“ und fluchtartige Entfernung jener Tratsche aus dem Laden.

Das Neustadt des Hans Unwirrsch hat ein Gymnasium und ist drei Tage Fußmarsch von der nächsten Universität weg: Also Naumburg und Jena, da von bewaldeten Bergen die Rede ist, die beide umgeben.

dav

„Man studiert in Halle oder Jena“ – legt Raabe selbst irgendwo im Buch die Spur.

Es entrollt sich ein unterhaltsamer Entwicklungsroman, mit Witz erzählt, gesellschaftliche Missstände abwatschend – und(und das ist wichtig zu erwähnen, bei Raabes gefürchteter Berg-und Tal-Schreibe) – der von A bis Z die Spannung hält!

Es ist ein Werk, das viel aufgreift, was vorher war und das anderen zum Wegweiser wurde, die später kamen; wie noch zu erzählen sein wird. (Siehe Teil 2 demnächst.)

Und es ist ein Werk, das im Verruf steht, ein „Meisterwerk des Antisemitismus“ zu sein. Ein Vorwurf, der sich nicht in einem Satz bestätigen oder abstreiten lässt, wenn man sachlich bleiben will. Deshalb dazu ein Extra-Post im dritten Teil.

Wiedersehen mit Jules

1. Vorüberlegungen:

Ja, ich weiß: Peking und Putin! Die wären gegenwärtig die heißeren Themen! Aber – das lässt sich locker steigern – dies’Jahr – Katar steht noch aus: Die Weihnachts-WM. Ma kieken, ob Neuer und die Binde wieder… aber vielleicht lassen es ja die vereinten europäischen Schlafwandler wieder knallen, wie 1914. Dann hat sich das! Und wenn nicht, dann muss im Frühjahr wieder die Ukraine den ESC gewinnen. Kenn werja! Von 2015 her.

Sie merken: So weita schreim – dat wüad nüschd!

Schnippschnapp Gedanken ab – Schere im Kopp. Zu Ostzeiten hab ich och kehm Lehra aßählt, dette Renft doch eijentli Rescht ham und Harry Thürk Scheiße über Solschenizyn schreibm tut.

Eh ich mich also auf politisches Glatteis begebe, schreib ich lieber -solange es noch geht- über weitere Leseabenteuer. Kopf in den Sand, Augen zu und durch! Wenn’s Krieg gibt, holen sie mich erst ganz zum Schluss, wenn’se wiedermal ein letztes Aufgebot zusammenstellen. Also bis auf Weiteres bin ich raus!

2. Götter von einst:

Ich finde dieser Tage: Man sollte es mal gemacht haben: Ein Buch wiederlesen, das einem die Kindheit versüßt hat. Herausfinden, was das damals war, ob es 50 Jahre später auch noch irgendwie kickt – oder ob sich alles erledigt hat.

Der Zufall half und spielte mir Jule Vernes „Mathias Sandorf“ in die Hände. Das war mit 11/12/oder 13 Jahren der erste Verne, den ich -DURCH!- las.

dav

Zuvor hatte ich „20 000 Meilen unter dem Meer“ im Kino gesehen – und bin anschließend high nach Hause getaumelt. Umwerfend fand ich den Film!

Eine ganze Weile später erging es mir mit der „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ ähnlich. Aber, da ich etwas älter als 11 war, ging ich die Verarbeitung des Kinoeindruckes schon etwas abgeklärter an.

Zwischen diesen beiden Kino-Highlights hatte ich „In 80 Tagen um die Welt“ lesen wollen, jedoch das Taschenbüchlein wegen übergroßer Langweiligkeit nach wenigen Seiten in die Ecke gefeuert. Weiß auch nicht, wieso gerade DAS Ding so derart die Zeiten überdauert hat. Der Verne hat doch nun wirklich besseres zu bieten!

Die andere Leseerfahrung waren „Die Kinder des Kapitän Grant“ – das war ein sehr spannender dicker 800 Seiten-Wälzer. Dachte ich. Aber auf Seite 536 ungefähr geht ihm die Luft aus. Ich hatte umfänglich schon ähnliche Klopper hinter mir – und diese auch durchgekriegt. Aber beim Grant „schläft nach hinten zu die Handlung ein“. So mein Resümee als 11jähriger.

Dann kamen der „Sandorf“ und der „Kapitän von 15 Jahren“. Und die beiden begeisterten endlich auch als Buch!

Im Bezug auf den „Sandorf“, den ich -wie oben erwähnt- irgendwann zwischen 11 und 13 las, machte ich mit ca 16 Jahren dann auch noch meine erste literarische Sensationssentdeckung, von der noch zu reden sein wird.

3. Eindruck von damals:

Aber zunächst mal muss ein bissel Schwärmen sein: Warum konnte der „Sandorf“ zünden?

Es geht um einen Freiheitskämpfer, der verraten wird, zum Tode verurteilt fliehen kann, für Tod gehalten nach 15 Jahren schwer reich zurückkehrt, um an den Verrätern Rache zu nehmen und eine glückliche Ehe zu stiften. Dabei helfen ihm überdurchschnittliche Kenntnisse, die ihn Schiffe und Waffen erfinden ließen, die sonst niemand hat und zwei originelle Typen, die mal Gaukler waren, jedoch nun unter seinem Befehl stehen und zu Gerechtigkeitshelfern werden. Ein kleiner, dünner kluger Pescade und der große, kräftige, gutmütige Trottel Matifou. Dies zunächst erinnert Kinder der 60er und frühen 70er Jahre unweigerlich an den Mantel- und Degen-Film „Ritter von Pardelanne“ und seine beiden Gauklerhelfer, die mit ihm die schöne Violetta vor dem Galgen bewahren. Auch hier der große tumbe Eisenkettenzerreißer und der kleine hibbelige Clown. (Ich sage nur „Angstlocke“!)verne3

Zwischen 11 und 13 bist du im Superhelden-Stadium. Heldengeschichten müssen her! Wohin das führt, wenn du in jener wichtigen Lebensphase unterversorgt bleibst, kannst du heute ermessen, wenn du das Radio andrehst und all den Jammer-Pop erduldest. Wie von selbst ergibt sich die Frage: Wer findet SOWAS gut? – – – Hättest du in deiner Kindheit rechtzeitig Toka-ihto, Nemo, Trapper Geierschnabel, Robin Hood und Markgraf Gero kennengelernt, dann würdest du als Twen nicht bei Giesinger und Forster enden!

Sandorf ist nicht nur der Typ, der alles weiß und alles kann; er besitzt auch noch eine eigene Insel vor der tripolitanischen Küste (heute Libyen), die er leer einem Scheich abkaufen konnte und auf der er mit rund 2000 Seelen (Fans und deren Familien) lebt, die alle auf ihn hören, seine Schiffe lenken, in internationalen Häfen über ihre Insel schweigen usw. Also genau das Mittelding aus Geheimbund und glücklichem Kolonisator, von dem im späten 19.Jh.  eben so geträumt wird, wenn man die Bürokratie und Benimm-Korsetts des eigenen Landes so richtig satthatte. Und als gelangweiltem Pubi der frühen 70er geht es einem eben ähnlich, wie den Lesern des „Guten Kameraden“ vor 1914: Da draußen is’ne Welt zu entdecken, aber dich schicken se in den Pioniernachmittag, Kochlöffel anziehen als Frauentagsgeschenk – für Mutti.

verne2Und sich an überlegenen Feinden rächen, den Wunsch hat man doch seit dem Kindergarten und dem Kampf um die Schippe!

Typen, vor denen man lieber ausriss, bevor man die zu erwartende Dresche bekam, die wollte man auch liebend gern in den brodelnden Ätna schmeißen (wie im „Sandorf“), oder von Troll dem Bären zerfetzen lassen (eigenes Wunschdenken)! Da war nix mit Versöhnungsgelaber, Streitschlichtern und so Weicheierei!

Dem eigenen Gerechtigkeitsgefühl kam gutgeschriebene Kolportage doch seit Generationen sehr zu pass. Jules Verne Romane gab es anfallweise inflationär in der Ehemaligen. Die deutschen Schreiberlinge nie offiziell; höchstens mal per Zufall als Annonce-Verkauf oder in den 80ern in Flohmarktkisten: Robert Kraft, Sir John Retcliffe, Max Felde, …

Na, und Karl May war eh ein Sonderfall: Kult und gesucht wie Goldstaub!verne5

4. Eindruck von heute:

Also her mit dem Verne! Er war so ein Schreiberling-Bowie. Von dem hieß es auch immer, er habe Trends gesetzt. Vernes Buchideen seien die Raumschiffe, die U-Boote, Heilmethoden der Gegenwart entsprungen. Ohne Jules Verne kein Juri Gagarin; so der Schnack zu meiner Zeit.

Aber das ist falsch. Verne greift alte Menschheitssehnsüchte auf, bekommt kuriose erste Versuche von diesem und jenem mit, packt sie in seine Bücher, beschreibt sie „populärwissenschaftlich“ im Sinne von „Knabenzeitungen“ wie dem „Guten Kameraden“ oder dem „Neuen Universum“ und sahnt ab.

Über U-Bootbau denkt bereits Leonardo da Vinci nach. Sowohl im amerikanischen Bürgerkrieg 1860, als auch im Deutsch-Dänischen Krieg 1864 werden erste Prototypen versenkt; nur erfährt man das eben erst aus dem MOSAIK von Hannes Hegen. Der Laie weiß nur: U-Boot? I.Weltkrieg! Jules Verne lebte vorher – also großer Vorausahner!

Bowie- der erste Androgyne im Showgeschäft? Horch mal bei den New York Dolls rein und recherchiere, wann die IN waren! Oder guck auf die Outfits von Little Richard schon in den 50s! Bowie sprang nur immer wieder auf Wellen, die ohne ihn entstanden waren. Aber er sprang zu einem frühen Zeitpunkt drauf – und siehe: Er war der erfolgreiche Igel „Auch hier!“, während sich die Hasen totliefen.

Liest du nun 2022 einen Verne im „zarten Alter von 62“, dann fallen dir so Dinge auf, die überliest eine Pubi-Leseratte im Abenteuerrausch natürlich: Der Plot ist löchrig.

verne4Mathias Sandorf, ein schwerreicher Bergwerksbesitzer aus Siebenbürgen, will ein freies Ungarn! Los von Österreich! Er gründet eine äußerst gefährliche 3-Mann-Verschwörung. Warum der Sandorf Österreich-Ungarn so hasst, ist unwichtig, muss nicht erfunden werden. Als Franzose (Verne) hasst man die Mittelmächte automatisch. Da fällt dann auch nicht auf, dass ein reicher Sandorf aus Siebenbürgen, doch eher ein Siebenbürger-Sachse ist, also zum deutschen Volksteil gehören müsste. Dem müsste eine Unabhängigkeitsbewegung Ungarns doch ein Dorn im Auge sein! Verne hätte seinen Helden lieber „Istvan Szegedy“ oder so ähnlich nennen müssen. Ähnlich schief geht es mit der Benennung des Hauptschuftes Silas Toronthal! Der ist gebürtiger Dalmatiner! Also ein Hund? Er stammt aus Dalmatien, schön und gut. Aber dann ist er Dalmatier! Und die wiederum würden sich eh entscheiden, ob sie Kroaten oder Serben sein wollen. Er ist Bankier und Lump durch und durch. Der Familienname endet auf -thal. Hm. Was will uns Verne da mitteilen?

Damit die Rache des Sandorf so richtig aufgehen kann, gibt es Wundermaschinen, wie die „Elektrik“-Boote. Das sind rasend schnelle Halb-U-Boote, von denen fast nichts aus dem Wasser guckt und die durch übergroße Dynamos angetrieben werden, die den Strom herstellen. 12jährigen Lesern reicht das. Aber wer treibt nu die Dynamos an? Wer radelt sich da im Schiffsinneren einen weg? Das bleibt unerklärt.

Sarcany (ein verwahrloster Libyer) und Toronthal sind die Hauptschufte. Vor allem Sarcany ist so ein Vertreter, den der Autor in ganz Europa herumschickt, damit er fast überall zugleich Unglück anrichten kann. Heute Istrien, morgen Sizilien, übermorgen Siebenbürgen oder gar Marokko – ein Blitzreisender ganz ohne Flugzeug. Bei Karl May, Robert Kraft und Retcliffe gibt’s das auch: Schuhputzer aus Istanbul schafft es zu Fuß innerhalb von 1 oder 2 Wochen um das ganze Schwarze Meer, damit er an allen Schauplätzen des Krim-Krieges dabei sein kann.

Toronthal, Sarcany und den dritten im Bunde, einen verwahrlosten Spanier Carpena plagt anfallweise immermal wieder so ein Gewissensrest, dass sie damals so hehre Lichtgestalten der österreichischen Polizei verrieten. Das wiederum verblüfft: Denn ihre Tat war schließlich staatserhaltend und wurde von diesem generös entlohnt!

Auch weshalb Toronthal so willenlos dem Sarcany nach Monaco folgt, um grundlos spielsüchtig zu werden, ist nicht erklärbar. Sarcany, der Wüsten-Mephisto, kann nicht nur Ex-Bankiers spielsüchtig machen, sondern auch arabische Seeräuberbanden aufhetzen, Sandorfs Inselstaat zu überfallen, obwohl sich dessen Wunderwaffen in der Region bereits herumgesprochen haben.

Also die Logik ist kein gern gesehener Gast in dieser Erzählung.

Aber da ist nochwas:

Ein Verschwörer, der beteiligt ist, eine bestehende Unrechts-Regierung zu bekämpfen, verraten wird, Familie und Existenz verliert, aber märchenhaft reich zurückkehren kann, um Rache zu nehmen – und der eine schöne Orientalin im Schlepptau hat, die eine wichtige Opferrolle mit Happyend-Garantie spielen muss…

verne6Das klingt so bekannt, auch wenn man den Sandorf nie gelesen hat! Bleibt noch der Clou ansich: Ich las den Sandorf mit 11 oder 12. Mit 14 stieß ich auf der Suche nach Lesestoff in den Bücherbeständen meines Vaters auf einen Meter unvollständige Dumas‘ Gesamtausgabe und begann mich durchzuarbeiten. Mit 15 oder 16 war ich dann beim „Grafen von Monte Christo“ angekommen.

Edmond Dantès ist der Ur-Mathias. Nur ohne Schnellboote. Ich hatte ein Plagiat entdeckt! Jule Verne als der George Harrison der Abenteuerliteratur! (Seine „my sweet Lord“ Geschichte machte fast zeitgleich Schlagzeilen.)

Und andersrum haben sich die Macher von Hannes Hegens MOSAIK einst vom Sandorf inspirieren lassen, als sie am Schluss der Amerika-Serie den Digedags eine Art Matifou an die Seite stellten.

Fazit: War nicht umsonst. Hat mal wieder Spaß gemacht!

John Tanner – der weiße Indianer

Da war dieses Buch. Braun in Braun. Denn das Papier der Seiten nahm im Laufe der Jahre die Farbe des lehmbraunen Schutzumschlages an. 1983 erschienen und gekauft. Paul-List-Verlag Leipzig. Es war die Zeit der Stagnation. Da war das Papier, das die Ehemalige für Druckerzeugnisse verwendete eben auch schon „hinüber“.

Es ist ein Indianerbuch. Aber es erschien viel zu spät, um kleine Dakota zwischen Elbe und Oder zu begeistern, oder viel zu früh, damit es altgewordene Möchtegern-Dakota ebenda erreicht, wenn diese Zeit haben und ihre kindlichen Indianererinnerungen wiedererwecken.

So wurde es ungelesen in die zweite Reihe gestellt. Schließlich auf den Dachboden verbannt. Neulich wollte ich es fast aussortieren. Aber ich überflog die ersten Seiten – und – nun MUSS es bleiben!

Es ist kein Indianerbuch im herkömmlichen Sinne. Aber es ist das „Wurzelwerk“ von „Blauvogel“, „Den Söhnen der großen Bärin“ und „Winnetou“, wie aufzuzeigen sein wird.

John Tanner „30 Jahre unter Indianern“, aufgeschrieben nach seinen mündlichen Berichten von Dr. Edwin James. Erstveröffentlicht 1830 in New York. Deutsche Auflagen unregelmäßig seit 1835.

1. Die Andersartigkeit des Inhalts

Der direkt betroffene, weiße Ojibwa John Tanner schildert die Indianerwelt 1789-1820, wie sie sich so nirgends sonst finden lässt, authentisch „von innen“.

Er berichtete im Krieger-Stil. Gefühle haben da keinen Platz. Er lebte ein Nomadenleben im Tipi und ständig auf der Jagd nach Fleisch. Mal herrscht Überfluss, mal Hungersnot – aber immerwieder findet sich dann doch noch im letzten Moment ein erlegbares Tier oder ein vorbeiziehender befreundeter Stamm, der noch Pemikan abgeben kann.

Selbstlose Solidarität zwischen befreundeten „Zeltgruppen“ unterschiedlicher Stämme kommt also vor. Grundlose Feindschaft mit den Sioux(Dakota) jedoch auch. Wiederholt rotten sich die Ojibwa zusammen, um ein Dakota-Dorf zu überfallen. Jedesmal scheitert das Unternehmen jedoch vor Erreichen des Ziels. Denn man vermutet es zwar irgendwo da draußen in der Prärie, kennt aber die genaue Lage nicht. Der Marsch zieht sich in die Länge. Versorgungsproblem, steigende Unlust, Massen-Desertation. Der Häuptling wird jedesmal nur für diesen einen Kriegszug akzeptiert und mit steigendem Hunger sinkt diese Akzeptanz dann immer auf den Nullpunkt. Alles verkrümelt sich wieder zurück zu den Zelten der Familie und geht in Kleingruppen jagen. Tanner zieht mit seiner Indianerfamilie meist allein oder mit nur 2 oder 3 Zelten anderer Familien herum.

indianer3 (3)Fleisch, Fleisch, Fleisch machen! Endlos werden Jagderfolge aufgezählt. Dabei wird deutlich mit welcher Verschwendung gejagt wurde: Wenn Gelegenheit ist, wird getötet. Mehr als man braucht oder verarbeiten kann. Weise Häuptlingssprüche zur Schonung der Natur sucht der Leser vergebens. Generell wird die Kreatur lediglich nach ihrem Nährwert betrachtet. Ist ein Waldstück leergeschossen, wird weitergezogen.

Einen weiten Raum nehmen die Suff-Ausschreitungen der Krieger untereinander ein. Jedes Jahr im Frühjahr ziehen sie mit ihrer Pelzbeute vom Herbst und Winter zur Handelsstation, wo sie eigentlich Mehl, Munition, Pferde eintauschen wollen, aber dem Schnaps nicht widerstehen können. Minimale Mengen reichen zur Volltrunkenheit, in der sie sich die Felle billig abschwatzen lassen und dann in alkoholisiertem Größenwahn übereinander herfallen. Arm wie die Kirchenmäuse betteln sie hinterher ausgenüchtert bei den Händlern um „Kredit“, um doch noch zu Mehl und Munition zu kommen. Ein nicht enden wollendes Trauerspiel. Keiner von ihnen lernt daraus für den nächsten Frühling. Vom „Edlen Wilden“, der Kopfgeburt europäischer Schriftsteller, bleibt nicht viel übrig.

2. Die Weiterverwendung des Stoffes

Tanner wird im Alter von 9 Jahren 1789 von den Ojibwa entführt. Ein Krieger hat seinen Sohn verloren, die Frau überwindet den Schmerz nicht, also kommt er auf die Idee, ihr Ersatz zu schaffen. Da er jedoch nicht an die Sprachbarriere denkt, ist die Freude der Indianerfamilie über den weißen Fang schnell dahin. Der kleine John durchleidet Hundezeiten, bis eine angesehene Häuptlingin einer anderen Zeltgruppe vorbeikommt, das Elend bemerkt und den kleinen, inzwischen Zehnjährigen seiner Zwangsstiefsippe abkauft. Hier wird er besser behandelt, bekommt regelmäßiger von der Nahrung ab und macht Fortschritte. Schließlich bekommt er ein Gewehr, geht auf die Jagd, bricht in einer Schneewehe ein und bemerkt, dass er auf dem Kopf eines schlafenden Bären steht. Er erschießt ihn und rettet somit seine Familie vor dem gerade drohenden Verhungern.

Peng! Das kommt dir bekannt vor? Dann bist du Ossi und hast in Kindertagen „Blauvogel“ gelesen. In der DDR ein ewiger Bestseller von 1950 bis mindestens 1975. Danach flachte die Indianerbegeisterung in der nachwachsenden Generation spürbar ab.

dav

Anna Jürgen hatte sich an einer Art Preisausschreiben zur Schaffung einer neuen sozialistischen Kinder- und Jugendliteratur beteiligt und gewonnen.

Sie muss unzweifelhaft Tanners Buch gekannt haben. (Ihr Mann wird bei Wikipedia als „Indianerforscher“ vorgestellt.) Sie peppt den Inhalt der ersten 30-40 Seiten daraus gefühlig auf, wechselt den Indianerstamm aus, macht aus John einen George und aus den Ojibwa werden Irokesen. Zusätzlich dramatisiert sie die Begegnungen mit den Weißen, die bei ihr keine verlässlichen Pelzhändler, sondern Skalpjäger sind – und lässt das Buch damit enden, dass der ca. 16jährige George zu seiner weißen Familie zwar zurückkehrt, jedoch dort nicht mehr klarkommt, sich zu sehr als Exot fühlt und deshalb lieber wieder zu den Irokesen zurückkehrt.

indianerDer wirkliche Blauvogel alias John Tanner dagegen beschreibt, wie ihm das Jägerleben zunehmend gefällt, wie er kontinuierlich Kontakt mit weißen Pelzhändlern hat, jedoch keinerlei Lust verspürt, wieder wie ein Weißer zu leben. Er hat nun Weib und Kinder und sein erster Stiefvater hatte sich bei einem späten Wiedersehen damit gebrüstet, die ganze Tannersippe inzwischen getötet zu haben. Eine Lüge, wie sich herausstellen wird. Erst als die Geschwister seiner Frau an einer Seuche sterben und die Schwiegermutter dies auf einen bösen Zauber des ungeliebten hellhäutigen Schwiegersohnes zurückführt, hat der nun ca. 40jährige die Nase voll von ständigen Komplotten, da ihm die Schwiegereltern nach dem Leben trachten. Auch seine Frau schwankt in ihrer Einstellung ihm gegenüber. Er verstößt sie und kehrt zu den Weißen zurück. Allerdings will er seine Kinder mitnehmen, was zu Verwicklungen führt. Die Kinder sind sich uneins. Ein älterer Sohn bleibt bei den Ojibwa. Die Tochter im Teen-Alter will mit Vater zu den Weißen.

Dieser Aspekt des freiwilligen Folgens in die Welt der Weißen ist eine deutliche Parallele zu Toka-ihtos Jugend (Söhne der großen Bärin, Band 1 „Harka“; Liselotte Welskopf-Henrich), mit vertauschten Geschlechtern. Harka, der spätere Toka-ihto, folgt freiwillig seinem Vater in die Verbannung, die letztlich zu den Weißen führt. Schwester Uinonah bleibt bei der Großmutter.

Fehlt noch der Hinweis auf Karl May. Tanner erwähnt viele Ojibwa-Namen von Kriegern, die eine Weile mit ihm ziehen, oder denen er sich anschließt. Darunter ein Wa-ned-taw. Zufall?

3. Das Nachwort

Der interessanteste Teil des Buches ist das Nachwort jenes Dr. Edwin James, der da ungeplant zum Tanner-Biografen wurde.

Es ist ein gelungener Rundumschlag gegen alles, was da so an Indianerpolitik seitens des weißen Mannes versucht wurde: Lauter einander widersprechende Ansätze von Integration und Ausrottung. Besonders gründlich widmet er sich jenen Internaten, die 1830 herum gerade entstehen, in die ausgewählte Indianer- und Halbblutkinder gesteckt wurden, um „ein bisschen was von“ Religion, Geschichte, Algebra und Landvermessung beigebracht zu kriegen. James fragt: Was nützt es ihnen, wenn sie später zurückkehren in die Wildnis, unter ihre Altersgenossen, die inzwischen jagen und kämpfen gelernt haben? Wer schneidet dann besser ab?

Seit 2021 ist das Thema in Kanada wieder aktuell, weil man auf die Kindermassengräber gestoßen war, die in den Gärten der ehemaligen Internate von den „Erfolgen“ jener Einrichtungen künden.

Darüber hinaus erstellt Dr. James eine Art Psychogramm von seinem Sensationsbekannten:

tannerWie wurde der doppelte Kulturkreiswechsel verkraftet?

Er hat da in Detroit einen Weißen vor sich, in nun wieder europäischem Outfit, mit nun wieder kurzgeschnittenen Haaren. Einen toughen End40er mit unstetem Indianerblick, der ständig rotiert, um rechtzeitig Gefahr zu erkennen. Im Gespräch und bei Nachfragen reagiert er bisweilen aufbrausend impulsiv. Zurechtweisungen nimmt er als Kampfansage. Ständig meint er, sich rächen zu müssen – denn „ein Mann, der Unbill duldet, verliert sein Ansehen, wird Gespött.“

Als Bekanntschaften umgibt er sich unter Weißen also eher mit zweifelhaften Personen, weshalb ihm nahegelegt wird, doch lieber wieder an die Grenze zu gehen, „weil er da besser hinpasst“.

Automatisch drängen sich die Migrationsprobleme von heute auf: Integration von Massen von „Naturkindern“ fortgeschrittenen Alters, ohne Bildung und mit hochfliegenden Träumen! Was, wenn sie merken, dass sie auf diversen Praktikumsplätzen ausgenutzt und schlecht bezahlt-, aber niemals in diesem Leben – Arzt oder IT-Manager werden? Oder wenn „Bayern-München“ niemals anruft? Sie sind keine Ojibwa. Aber das Problem ist das gleiche: Die mitgebrachte Prägung wird unterschätzt – bzw. totgeschwiegen. Die Politik möchte weiterträumen lassen. Endlich soll einmal ein Vielvölkerstaat gelingen, obwohl alle Vorgänger-Beispiele mehr als kläglich scheiterten.

Wie Tanner sich entschied, bleibt offen. Wie unsere derzeitige Lage endet – auch.

Lechtenbrink

Es gibt zweierlei Promi-Tote.

Die einen sterben – und man nimmt es zur Kenntnis, weil vielleicht länger schon nichts von ihnen zu hören war; weil sie halt das Alter hatten, weil sie eh nie so richtig die eigenen Kreise tangierten –

Und es gibt Promi-Tote, deren Sterbemeldung „Ballett im Kopf“ auslöst; weil sie wichtig waren, zu Zeiten, die einem selber wichtig waren, oder sogar noch sind.

Einer der letzteren ging gestern – Volker Lechtenbrink.

Mir gelang kein Nachruf. Zuviele alte Geschichten kamen hoch.

  1. Der Macher

Wie ich in anderen Beiträgen bereits durchblicken ließ: Wir Zaungäste von jenseits der Mauer waren in den 70ern von unseren Cousins und Cousinen „da drühm“, schwer enttäuscht, weil sich im Krautrock keine Konterbande finden ließ.

Die hatten da das bissel Lindenberg und das schien es schon gewesen zu sein.

Der Rest schien fröhlich vor sich hinzukiffen und die „Strukturen zu zerstören“ – in der Musik. Einem Spielplatz, der von der Politik gern überlassen wurde. Ommmmmmmh!

Ton Steine Scherben wurden medial bis in die ganz späten 70er totgeschwiegen, und so blieb uns nur Nachzuerzählen, was unsere Vorgänger(mehrheitlich des Englischen unkundig, weil „Kapitalistensprache“) von Wonderlands „Moscow“ herumphantasierten. Wir Spätgeborenen, inzwischen dank vermehrter Englischunterrichtszulassung deutlich versierter als die wirklichen Ost-68er, wiederholten das verschwörerisch grinsend; obwohl nichts davon zutraf, wie wir ja selbst hören konnten. Aber: Wir wollten den Kult pflegen!

„Außer Wonderland und Can ham die doch nüschd zustandejekrichd da drühm!“

Wann hätte man je dergleichen Sätze in einem Nachwendefilm zu hören bekommen?

Von Can kannten wir den „Spoon“ aus dem Radio und „Hunters and Collectors“ aus „Euro-Gang“(Titelmelodie); das war’s. Als dann endlich das „Tago-Mago“-Album im Bekanntenkreis kreiste, wollte niemand es kaufen – und ich nicht mal aufnehmen. Bandverschwendung!

Da liefen also diese Deutschrocksendungen auf HR3 und seltenerweise mal eine Ausnahmesendung auf NDR2, und da gelangten so Funde von Kraftwerk, Karthago, Jane, Atlantis für kurze Zeit auf das eine oder andere Band, weils irgendwie rockig klang, aber textlich lohnte sich das Hinhören nicht. Ein Ausreißer war „Illegal“ von Grobschnitt, aber das waren ja schon nicht mehr die 70er. Und gleich nach „Illegal“ fegte die NDW durch den Äther: Problem geklärt! Plötzlich Rock mit Aussage! Neubauten, Interzone, Fehlfarben…

Und wieso hat das was mit Lechtenbrink zu tun?

1976 erschien die LP „Der Macher“ und der NDR stand Kopf! Da schien endlich mal einer abseits von Schlagermüll und Liedermacherlyrik, diese Leerstelle neben Lindenberg auffüllen zu wollen. Deutsche Texte mit Anspruch auf Country bzw. irgendwo zwischen Pop und kalifornischem Softrock.

Der NDR spielte wohlweißlich den Titelsong zunächst nicht; denn der hat so ein missglücktes Arrangement mit viel Gebläse. Wie das Kristofferson-Original „The Maker“ auch. Nur jenseits des großen Teiches klingt sowas dann nach Mexico, also Urlaubsland und großer Freiheit. In Deutschland eben doch wieder nur nach Erntefestmugge – wenn nicht gar nach Marschmusik.

Der NDR spielte „Volker und das Kind“ und „Hilf mir durch die Nacht“ und hatte mich am Haken. Denn ersteres gefiel mir auf Anhieb und letzteres kannte ich von Telly Savalas.

Irgendwann tauchte dann auch „Leben so wie ich es mag“ auf. Klingt im ersten Moment nach Aus- oder Aufbrechen; ist kompositorisch erkennbar „Tulsa Time“, aber im Arrangement leider eben doch ein Rohrkrepierer wie Maffays etwa zeitgleiches „Samstag abend in unsrer Straße“ – ächz. Kastrierter Rock. Ungefähr wie Thomas Natschinski‘s Team 4 „aus der Zone“. Rummel-Mugge. Nix für’s Band!

Lechtenbrink verriet seinerzeit im Interview, dass seine Songs eigentlich Kris Kristofferson- bzw. Waylon-Jennings-Songs seien, deren textliche Güte ihm aufgefallen war.

Er blieb aber irgendwie auf halbem Wege stecken. Seine einmalige Stimme hätte super zu erdigerer Instrumentierung gepasst oder auch zu Las Vegas Bombast – aber er hatte sich eben leider auf diesen DieTieÄitsch-Gedächtnis-Sound mit Grummel-Voice festnageln lassen. Den „Steppenwolf“-Schritt vom Maffay wagte er nicht. Immerhin sorgte „Dort drüben die Dame“ von der Folge-LP „Der Macher 2“ nochmal für Neugier.

Lechtenbrink blieb im Radio präsent, aber es wurde immer schlagericher oder Sesamstraßig: „Oma auf der Wolke“ … „Ich mag“ usw. Musikalisch schien das Thema Lechtenbrink also nach einem Anfangsaufhorcher schnell vorbei zu sein.

  1. Die Brücke und Prora

Fernsehtechnisch jedoch ergaben sich im spät70er-West-TV zwei Knaller:

Eines schönen Tages ca 1978 schaltete ich das gemeinsame Vormittagsprogramm von ARD und ZDF ein und erwische, die filmische Umsetzung der Erzählungen meines Vaters über das Ende seiner ersten Schulzeit wegen Kriegsende und Volkssturm: „Die Brücke“!

Rumms! Was für ein Ereignis! Kriegsfilme kannten ca. 18jährige Ossis zuhauf, auch aus deutscher Perspektive gedrehte, wie „Werner Holt“ und/oder „Mama ich lebe!“, aber DAS DA -?-?-!! Wow! Soooo echt! Und ohne Zeigefingerei erschütternd! So nachvollziehbar!

Sieben HJ-tler werden in den allerletzten Kriegstagen einberufen und sollen an die Front. Günter Pfitzmann in Paraderolle, als altes Frontschwein, will die Knirpse nicht verheizen und setzt sie an ihrer Heimatbrücke ab, die sie „bewachen“ sollen. Er glaubt, somit seien sie außer Gefahr. Es kommt anders. Die Erziehung der Jungs rächt sich bitter…

Und einer der Sieben ist der 15jährige Volker Lechtenbrink. Da war er wieder.

Kaum von diesem Eindruck erholt, sendete die ARD „Bratkartoffeln inclusive“, ein englisches Bühnenstück für’s Fernsehen adaptiert. Hier geht es um die britische Armee und Lechtenbrink spielt einen Rekruten der „immer lächelt“.

„Lachen Sie mich aus?! Was gibt’s zu grinsen!“

„Nichts Sir! Das ist angeborn! Sir!“

„Ich zeig Ihnen mal, was angeboren ist! Vortreten!“

Schikane, Schikane. Geburtsfehler sind in den Dienstvorschriften nicht vorgesehen. Lechtenbrink grinst und grinst und muss grinsend heulen und zeigt grinsend zunehmende Panik und Verzweiflung – bis zum Tod. (Wenn ich es nicht falsch in Erinnerung habe.) Dampf, Druck, Reviere beim Barras. In aller Herren Länder! Und mir drohte die Einberufung. Mit all meinem sportlichen Unvermögen! Ich wusste: Das wird bei mir auch so. Im Unterbewusstsein wuchs die Angst bereits. Ich gestand sie mir nicht ein. Aber Desillusionieren konnte mich die NVA nicht. Dass es Scheiße wird, wusste ich vorher. Nur wurde es anders Scheiße – als erwartet.

Lechtenbrink in zwei sehr guten Anti-Kriegs-Filmen – quasi mein Aufklärer, neben Remarque, Plevier, Dix, Noll, Grümmer…

Komisch, dass in den Nachrufen seit gestern, an die „Bratkartoffeln“ nicht erinnert wurde. Oder?

So eine Darstellung einer „demokratischen Armee“? Ts-Ts-Ts…

Würde heute auch nicht mehr gehen. Und auch noch um 20.15 Uhr!

  1. Der Kuppler

Zurück von der Fahne und ein paar D-Mark in der Tasche, die gut eingeteilt werden wollten, inspizierte ich in den frühen 80ern oft Intershops: Da hing diese Lechtenbrink-Best-of -LP „Herz und Schnauze“ mit dem Bobtail Cover. Verführerisch. Ikonografisch irgendwie! Solche Hunde gab’s nur im Westen! Und die See da, das musste die Nordsee sein. Sylt vielleicht. Ostsee hatten wir selber. Die schied aus.

Gesehen hab ich die Hülle oft, gekauft hab ich die Platte nicht. Wegen – siehe oben. Musikalisch traute ich ihm nicht.

Die LP „Wer spielt mit mir“ kaufte ich dann aber doch. Der Liebe wegen. Da war halt eine Ann Wilson aufgetaucht. Im Studentenwohnheim hinter der Mauer. Und die Funken sprühten. Themen hatten wir zuhauf. Peinliche Schweigephasen lernten wir erst in der Ehe kennen. Nur mit dem Musikgeschmack jener Ost-Ann haperte es. Viel Schlager, wenig Rock. Ich brauchte ein erstes Weihnachtsgeschenk. Ich wollte punkten. Über Lechtenbrink hatten wir gesprochen. Wir mochten ihn beide aus unterschiedlichen Gründen. Er schien ein guter Kompromiss, zumal auf der Platte „bei dir müsst ich aus Eis sein“ drauf war. Lou Reeds „Walk on the wild side“, diesmal textlich extrem weit weg vom Textoriginal. Der Coup gelang. Wurde Zeitchen später noch mit Gittes „Ich bin stark“ untermauert. Was tut man nicht alles – im Ausnahmezustand. Live goes on! Manches gelang. Und manches nicht. „Leben = Malen ohne Radiergummi“, like Lennon said.

Dann fiel die Mauer. Wir traten unbekannten Verhältnissen bei, aber auch bunten Schaufenstern. Da war sooooviel aufzuholen! Kein Gedanke an „den Macher“!

Plötzlich wollten DIE den Sandmann abschaffen. „Zu staatsnah! Ist am Tag der Volksarmee mit dem Brückenlegepanzer gekommen – der muss weg!“, meinten die Sieger und ihre TV-Askaris, die um ihren Job bangten. Jedoch DA hatte das Ossivolk zum ersten Mal nach der unmittelbaren Wende so richtig die Schnauze voll: Unterschriften-Aktion in allen Kleinstadtläden! Von 17 Mio Ossis unterschrieben 20 – DAS musste ernstgenommen werden! Der Sandmann blieb, bekam aber West-Abendgrüße; unter anderem den „Tier-Babysitter“; anheimelnde Tiergeschichtchen, gesprochen von dieser Grummelstimme, die früher mal gesungen hatte: „Erst da hinten die Dame, dann du!“

Also war er wiederum da, in meinem Alltag und dem meines 3jährigen Sohnes und half uns gewissermaßen „durch die Nacht“ einer seltsamen Kahlschlagspolitik West.

Paar Tage später erlebte Deutschland in Somalia sowas wie eine erste Feuertaufe nach 1945. Noch im Bereich „rückwärtiger Dienste“ und soweit ich weiß ohne eigene Tote.  Plötzlich hatte ich „Feldpost“ im Briefkasten. Ein junger, sympathischer Bekannter hatte sich im Wendewirrwarr für „Nummer sicher“ entschieden, um der typisch ostdeutschen Arbeitslosigkeit zu entgehen und den „Bund“ gewählt. Nun war er „da unten“ im Feldlager an der Grenze zu Kenia – und „Bratkartoffeln inclusive“.

Nach der ersten Feldpost kaufte ich Lechtenbrink „Die großen Erfolge“. Ein durchwachsenes Sammelsurium. Denn:

Hörst du Jennings oder Kristofferson – siehst du den knarzigen einsamen Wolf vollbärtig hinterm Lenkrad, wie er seinen Pickup zwischen die Kakteen setzt und auf die nackte Hippie-Fee wartet, deren Chopper er schon hört (siehe Vanishing Point/Grenzpunkt Null).

Hörst du Lechtenbrink – sitzt du statt dessen wieder auf einer Silberhochzeit in der Kleingartensparte „Saaleblick“ zwischen deiner mehr oder weniger übergewichtigen Verwandtschaft, wayback in den 70s; und Oma Elfriede schiebt Onkel Erwin (Goldkettchen am Handgelenk, Westbesuch) übern Tanzboden; als Dankeschön für Tosca, Toblerone und die Heino-Kassetten; während draußen der Knudsen-Taunus zwischen Trabbis und Wartburgs parkt.

Seinen Historien-Touch hat auch das inzwischen.

Ein Wegbegleiter ist er nun mal – das lässt sich nicht leugnen – so oder so.

„Erst drüben die Dame“ hat es auf manchen meiner Sampler geschafft.

Und auch „Volker und das Kind“ find ich immer noch schön.

77 ist er geworden, las ich gestern.

Schlaf gut da oben, Alter!

Der Pflichtfilm zum 60. Jahrestag

August’61. Mauerbau. 60 Jahre her.

Ja, da musste der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk mal wieder Wahrnehmung des Erziehungsauftrages beweisen. Wie immer bei Ossi-Themen wurde es eine übellaunig abgedrehte Schnellschnell-Klischee-Parade. Sparsamer Aufwand, schneller Dreh und schnelle Schnitte, senden, abhaken. Eventuell jedes Jahr anfang August wiederholen.

„3einhalb Stunden“

„Es fährt ein Zug nach nirgendwo“… am 13. August 1961. Und die Passagiere dieses Interzonenzuges von München nach Ostberlin haben dreieinhalb Stunden Zeit zu überlegen, ob sie spätestens in Bamberg aussteigen, um „ihre Träume leben zu können“. Im Adenauerland. In den USA von Küste zu Küste reisend. Oder auf dem Eifelturm. Oder weiterfahren, um schmählich im Osten zu verenden!

Du musst wissen: Alle Ossis träumten permanent von Flucht und von Amerika! Für Wessis gilt das als erwiesen.

Der Abspann des Filmes sorgt für den eigentlichen Lacher: Historische Beratung: „Max Musterfrau“.

Ich will den armen Mann nicht bloßstellen, schaut selber nach, wenn euch der richtige Name interessiert. Vielleicht hat er ja richtig beraten, aber man hat der Crew das Budget gekürzt, sodass zeittypische Kledage eben nur für ein Drittel der Akteure gereicht hat. Vielleicht aber ist er einer dieser jungen Leute, die mittels massiver Nachteilsausgleiche ein Abi herbeigeschenkt bekamen und die nicht bestandenen Testate im Studium machte dann die Zeter- und Mordio schreiende Helikopter-Mutter auf den Fluren der Sektionsleitung wett, während die eingeschüchterten Profs hinter ihren Schreibtischen in Deckung gingen. Kein Aufsehen! Wegloben! Ab zum Fernsehen!

Welche Bären kriegen wir hier nun aufgebunden:

Da gibt es eine junge Lokführerin in der DDR, über die ein Dok-Film gedreht werden soll. Aber die junge Dame verhält sich wie die von D-MAX hergebeamte abgespeckte ARD-Version der Checker-Lina abzüglich ihrer Tatoos, wie sie da in Männerunterhemd und Latzhose an der Lok schraubt.

Dann gibt es einen Flugzeugkonstrukteur, der mit Frau und zwei Kindern in München den Zug besteigt. Beide Kinder annähernd gleich alt. So zwischen 11 und 13. Die Tochter Papas Liebling, technisch interessiert und schlauer als der Vater, weil sie spontan ein Transistorradio reparieren kann, welches dann prompt Willy Brandts Mauerbauprotest sendet. Sie nervt zuvor die Leute auf dem Bahnsteig mit einem großen Flugzeugmodell, mit dem sie herumfliegt und immer so „beinahe“ aneckt, während der fasst gleichalte Bruder brav neben Mutti hertrabt.

Also das kann ich aus meiner 60er Jahre Kindheit bestätigen: Was haben wir Jungs gelangweilt und ideenlos in der Sandkiste herumgesessen, bis die spielmachenden gleichaltrigen Kumpelinen kamen und uns via Sandkuchen backen und Gummi-Hopse einen interessanten Tag bescherten! Und später hat mir meine Sandkastengefährtin Conny mit meinem Stabilbaukasten etwas vorgeschraubt und ich habs nachgebaut.

Glaubste nich‘? War bei dir genau andersrum?

Na siehste!

Ironie aus!

Der lustlose Bockie der Familie übrigens hat kurz vor Schluss dann seinen großen Auftritt, als Vater im Westen bleiben will, weil er ein Jobangebot in München bekam. Mutter aber will den verdienstvollen Opa im Osten nicht alleinlassen. Tochter heult und will schon aufs Pilotinwerden verzichten, da kommt Kleinpubi altväterlich kraft seiner 13 Jahre Lebenserfahrung aus dem Muspott und spricht: „Du bleibst mit Papa im Westen und wirst Pilotin. Ich geh mit Mama zurück nach Berlin. Und im Urlaub treffen wir uns in Prag.“ Gesagt getan. Alle zufrieden.

So easy kann das Leben sein!

Dazu dann noch eine Ostberliner Band im Zug (sic! Warum auch immer!), die prima 90er Jahre Existenzialisten-Pop klampft, (Warum nicht gleich Punks mit Iro?) aber seltsamerweise niemanden nervt. Alt und jung kriegen feuchte Augen. Niemand tönt etwas von „Hottentottenmusike“ und „Vernegerung“. Eben alles typisch 1961. Kmmh! Abwink.

Muss ich noch mehr sagen?

Es gibt ein paar Sporenelemente „neuer“ Akzente. Aber die musst du mit der Lupe suchen, wie in Gegenwartsfilmen der DEFA in den 70ern:

Die Frau des Konstrukteurs verteidigt ihren Vater und die Ideale der DDR ohne Schaum vor dem Mund und gar nicht doof wirkend. (Geradezu revolutionär anders!) Aber sie spricht nicht wie eine Mutter, die die Familie zusammen halten will, mittels alltäglicher Argumente; sondern sie doziert die anderthalb Seiten, die der Cornelsenverlag 10.Klässlern beim Thema DDR halt so zugesteht.

Die 4 Leute jener Combo, die kein einziges Mal so genannt wird, sind dagegen unerträglich holzschnitterne Klischeeträger, dass es einen graust. Und vor allem die Dame in gänzlich falschem Outfit!

Immerhin ist hier ein Lob für die DDR versteckt, nur leider ungenügend recherchiert.

Drummer und Basser sind ein schwules Paar. Der Wessi-Historiker hat nu irgendwo gelesen, dass die DDR 1961 keinen §175 mehr hatte, also lässt er das Paar sich gerade so geben und offen reden, wie das heute möglich ist: Was für ein Irrtum! Wie sah es mit der Schwulenakzeptanz in der DDR aus? Der DEFA-Film „Coming out“ von 1989 verrät es! Nix da von regenbogenbuntem Herumgewusel!

Dann fällt ein Satz über die rückständige Schwulengesetzgebung im Westen. Hui! Ein Minuspunkt für den „goldenen“ Westen! Hört, hört! Aber das schwule Musikerpaar entscheidet sich dann doch für genau den, wegen dem Eifelturm und Miles Davis. (Frag mich nich‘!)

„Dreieinhalb Stunden“ reiht sich ein in jenen unsäglichen Reigen aus „Honigfrauen“, „Unsere besten Jahre“, „Ballonflucht“… Klischeefernsehen at it‘s schlimmst.

Weil sich Wessis halt ihr Ossibild so angelesen haben -in IHREN Quellen- und ohne mit ihnen zu reden.

Es lebe das GEZ-Qualitätsfernsehen, das völlig verlernt hat, in seinen vielen, vielen C-Filmen zu Themen der jüngeren Geschichte, zeittypische Atmosphären zu erschaffen.

Filme wie „Gundermann“ und „Wunder von Bern“ beweisen, dass da eigentlich mehr gehen würde, wenn man nur wollte.

Damals war’s

In alter Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, bekamen wir Kassettenrekorder zur Jugendweihe geschenkt. Und sehr bald reichte uns deren Klang nicht aus. Da Taschengeld für richtige „Anlagen“ nun mal nicht reicht, sammelten wir allerhand Erfahrungen mit Draht und Fernseh-Litze und verstöpselten unsere Anetts/Minetts/Sonetts mit großen, frisch aus dem Wohnzimmer enteigneten, Holzkastenradioapparaten. Die waren vom Fernseher dort entmachtet worden und staubten vor sich hin – bis sie einen mehr oder weniger schnellen Röhrentod starben, wegen jugendlicher Überlastung im Kinderzimmer durch endloses Wiedergeben der „Hottentottenmusike“ der Anfangszeit.

…. teenage-rampage- now-now-now!

Voluminöser dumpfer Mono-Sound. Mancher stöpselte noch extra Lautsprecher, geplündert aus zerlegten Holzkastenradios von Oma oder Tante, samt Rekorder in dieselbe Buchse – knirschel, kraxelkrächz- Totalausfall. Aber manchmal klappte es eben auch – und dann klang es fast wie Stereo.

Cum’on feel the noise!

Wir feierten unsere Entdeckungen, träumten uns in die Royal Albert Hall bei „White Bird“ von It’s a beautiful day, oder ins Dingsbums-Lyceum Los Angelas bei „bye bye love“ in Simon und Garfunkelfassung.

Wie geil muss das sein, wennde selber als Mitglied von Fricture Pink – (Jaja, ich schrieb die so! Wo hätt‘ ich lesen können sollen, wie die sich schreiben, damals hinter der Mauer?)  – im chroßn Gino auf der Bühne „house of the rising sun“ rockst und die Gitarre brennt?!!!!!

Oder wennde dir Mähne und Vollbart heranzüchtest und den Text so herrlich herausröhrst wie die:

„….not to dooooooo, what IIIIIIIIIIIII have doneeee….“

Yeahr!

Ja, damals war Musik der tägliche heilige Gral, der alle Wunden heilt.

Die Hauptkunst! Ersatzreligion!

Als wir das Geld hatten, bauten wir ihr Hausaltäre! Oben auf dem Bücherschrank.

Links und rechts die Boxen, die nie groß genug sein konnten, in der Mitte das einzige wichtige Möbelstück des ganzen Hauses: Das Spulentonband, dem wir kalt den Platz der Bierbüchsen-Pyramide opferten. Das Anett hatte ausgedient.

Und dann der Tag der ersten Westplattenaufnahme, zwar vom Spenderband noch, aber in Superqualität:

„looking for someone! I gueeeeesss, I’m doin‘ thaaaaaat….. YEA-HEAR!“

Der Kirchensound der „Trespass“ lässt die „Sauerkrautplatten“ der Wärmedämmung in der Kinderzimmermansarde vibrieren.

Bludgy allein zu haus. Niemand nervts. „Visions of angels all around! Dance in the sky!“

Da die LP-Spielzeit recht kurz war, hatte der Bandspender auf dem Bandrest hintendran noch „Stairway to heaven“, was die Platte wunderbar ergänzt, weil sie somit nicht mit dem rumplig-rammligen „The Knife“ endete, sondern mit eben  dieser unsterblichen Led-Zep-Zugabe.

„And she’s buyin‘ a stairway to“ ch-ch-ch – drehen sich die Spulen plötzlich gegeneinander. Die eine voll, die andere leer. Für den letzten „heaven“ hat das Band nicht gereicht. Also singste das Wörtchen immer selber beim Aufstehen und Tonband ausschalten.

Rockin’a rollin‘! Wir erlebten eine Zeit, in der die Rockmusikentwicklung ihren Höhepunkt erreicht – und leider auch überschritten hat.

So wie die Fotoapparate einst die vielen Maler der Gründerzeit um Aufträge und Einkommen brachten, wie die Filmkamera dem Theater den Garaus blies, das Fernsehen das Radio aus dem Wohnzimmer vertrieb – starb die Rockmusik an Hodenkrebs. Einseitig zu Tode designed, marktkonform zugrunde analysiert, dudeln die verlässlichen Lieferanten immer gleicher Tonschablonen sich selbst in den Orkus der Klänge – im Dudelfunk.

Es gibt noch widerständige gallische Dörfer, die die alte Rezeptur des Zaubertrankes pflegen. Aber er bleibt Nischengenuss für Altgläubige in a pale moon’s shadow…

MOSAIK Tiefenforschung 2

Für das Folgende passen keine Bee Gees. Leg dir Mittelalterrock auf, denn gleich zücken wir die Schwerter!

Haggard, Opeth, Therion irgendsowas eben, was dir die Zinnen an die Schädeldecke malt.

Weiter geht’s mit literarischer Archäologie.

DSC02903-001mosaikIn der leider unvollständig erzählten Hegen-Biografie „Die drei Leben des Zeichners Hannes Hegen“ wird erzählt, dass die Crew des Mosaiks, vom schieren Erfolg in den 50ern überrannt, angespornt war, besser und besser zu werden. Die Anfeindungen in Sachen „Schund- und Schmutz-Literatur“ taten ein Übriges. So begannen sie also, sich auf Ideensuche zu begeben und antiquarische Bücher zu erwerben. Die waren billig in der Ehemaligen. Das schnell anwachsende Archiv schlug zwei Fliegen mit einer Klappe: Es ist in alten Mären gar wunderviel geseyd…, also konnte man aus alten Romanen „für die reifere Jugend“ der Kaiserzeit, sich ungestraft Anregungen holen, indem man aus 3 oder 4 Erzählungen Partikel entnahm, um sie Runkel und den Digedags in einer Geschichte unterzuschieben, denn es war davon auszugehen, dass wohl niemand in der Lage sein würde, in alten Wälzern auf Digedagspuren zu stoßen. Frakturschriftkenntnis-Inhaber waren eine aussterbende Spezies bereits in den 60ern.

Andererseits waren die alten Kupferstich-Illustrationen aus fernen Ländern ideale Vorlagen für anheimelnde Hintergründe, vor denen Hegens Comic-Helden ihre Bewährungsproben erdulden müssen. Meisterhaft geradezu das mittelalterliche Venedig zu Beginn der Runkel-Serie oder aber auch die Berliner Reichstagsruine im damaligen Ist-Zustand auf dem Stern des Todes (im Heft 26). Nicht zu vergessen die Hafenanlagen des alten Konstantinopel, nach Vorlagen einer alten Völkerkunde, mit Abbildungen Istambuls um 1880.

Somit kann behauptet werden, dass man mit den Digedags erfolgreich durch Raum und Zeit reisen konnte. Ob Bayous am Mississippi oder die Steinhänge am Euphrat – die Landschaft stimmt!

Jugendverderbnis- und Volksverdummungsvorwürfe liefen so ins Leere..

Arno Schmidt hat die interessante Idee entwickelt, dass jeder Autor im Jenseits erst dann Ruhe findet, wenn er auf Erden vollständig vergessen ist. Und wenn er sich nicht an realen historischen Personen vergriff, die ihn ansonsten durchs Paradies jagen, wie z.B. die Gotenkönige den Felix Dahn.

Dieser Theorie entsprechend bin ich der geborene Störenfried. Mein Literaturgeschmack hinkt dem meiner Generation gut 50 Jahre hinterher und somit bin ich vermutlich letzter Liebhaber so einiger Namen, nach denen heute kein Hahn mehr kräht.

Da wird sich so mancher Literaturtitan da oben bereits bequem in die allerletzte Haltung gebracht haben, befriedigt aufseufzen „So! Genug! Es ist vollbracht!“ – wenn Erzengel Gabriel an seine Bettstatt tritt, um grinsend mitzuteilen: „Denkste! Hoch mit dir! Bludgeon liest dich noch!“

So geschehen 2020 mit dem „Guten Kameraden“ Band 28; Schuljahr 1913/14. Die letzte Friedensspanne der „Guten Alten Zeit“.

„Gottfried von Hohenloh.“ ist dort drin ein kurzer Fortsetzungsroman um einen Minnesänger im 13. Jahrhundert. Der Autor kaschiert seinen Namen zu M. Sch.; untypisch für die führende Knabenzeitung jener Tage.

Vorlage 1

Wenn du dich auf diese 5 oder 6 Folgen einlässt, dann kommt dir das Grinsen, denn der Inhalt hat es in sich. Er enthält sowohl ein politisches Wagnis zu Zeiten des Erscheinens, als auch eine Digedagspur für spätere Leser.

Der Haupt-Gag ist der, dass Hohenloh 1233 vom Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen in Sizilien losgeschickt wird, um seinem Kronprinzen Heinrich jenseits der Alpen ein paar Nachrichten zu bringen und als Berater auf die Finger zu sehen. Kaiser Frederico hat per Gerücht erfahren, dass sein volljähriger Bub da oben im Norden nämlich ungeschickt agiert, wichtige Fürsten verprellt und an Putsch gegen den Vater denkt.

Ein Gag ist das deshalb, weil es für wissende Gymnasiasten 1913 – und da hat es sicher nicht wenige gegeben, denn Geschichte war damals „in“! – eine deutliche Parallele gibt zum amtierenden Willy Zwo und seinem verstorbenen Vater Friedrich III.. Dass sich beide nicht „grün“ waren, ist damals allseits bekannt. Dass Willy ein ungeschickter Akteur auf der Weltbühne ist, bekommt ebenfalls jeder mit – und nun, ausgerechnet im Jahr des 25jährigen Thronjubiläums des „Friedenskaisers“ mit den vielen außenpolitischen Krisen, kann die Jugend diese mittelalterliche Parabel auf das „jetzt“ lesen!

Klar, dass da der Autor lieber nicht allzu bekannt werden will!

Das Damoklesschwert der „Majestätsbeleidigung“ schwebt über ihm!

Hatespeech 1913!

mde

…Österreicher auf der Wacht …

Der „Gute Kamerad“ ist ein deutlich süddeutsch geprägtes Werk. Union Verlagsgesellschaft Stuttgart-Berlin-Leipzig-Wien. Die Abstandssuche zu Preußen wird darin deutlich, dass bei militärischen Themen eher über die K&K Armee berichtet wird, bzw. über württembergische Regimenter. Die Willy-Watsche im Jubiläumsjahrgang unterzubringen ist bestimmt klammheimlich in den Redaktionsstuben gefeiert worden!

Der zweite Gag der Erzählung liegt im Detail und hat MOSAIK-Bezug:

Es macht einfach Spaß, beim Lesen auf etwas zu stoßen, was dir sofort bekannt vorkommt:

Spuren der Hohenloh-Geschichte finden sich in mehreren Episoden der Ritter-Runkel-Serie:

– in der 110; „Das Kastell Peripheria“

– in der 145, „Ritter Runkels Heimkehr“

– in der 150; „Der Sturm auf die Kuckucksburg“

Denn:

mde

Hohenloh und 3 Begleiter fliehen vor Verfolgern, aufmüpfigen Mailändern, die den deutschen Rittern alles andere als freundschaftlich gesinnt sind. Sie jagen auf eine Burg zu, die sie da über einem Wald im Alpenvorland aufragen sehen. Sie erhoffen sich dort Schutz. Die Zugbrücke ist unten, also hinein; ein dösender Räuber am Tor wird überwältigt, das Tor aufgezogen. Im Inneren gibt es eine kurze Überrumpelung der anderen überraschten Räuber, die sich leicht wegschließen lassen. Die Verfolger sind inzwischen vor dem Tor angekommen und wissen nicht weiter, entschließen sich aber zur Belagerung, die sie mangels Masse auf den Torweg beschränken.

Hohenloh lässt Fake-Lanzen an die Zinnen stellen, damit die Burgbelegschaft nach mehr aussieht und von unterschiedlichen Stellen der Mauer auf die Belagerer schießen.

Einer seiner Begleiter hat inzwischen das Hauptgebäude der Burg untersucht – und eine große Falltür gefunden. Als sie geöffnet wird, entdecken die Bedrängten einen Reitweg hinein in den Burgberg. Sie reiten ihn hinab und erreichen am Fuße des Berges und an der Rückseite der Burg das Freie. Entwischt! Zu Pferde!

runkel 2Natürlich ist eine Falltür, so groß, dass Pferde durch die Öffnung passen und eine Reitweg-Serpentine im Gestein ziemlich märchenhaft, jedoch schmilzt die Sache ja im MOSAIK auf einen Burgbrunnen und einen Bach im Berg zusammen.

Damit auch dort die weitere Reise schnell und zu Pferd fortgesetzt werden kann, mussten in dem Fall die Kuckucksberger so blöde sein, Runkels Pferd Türkenschreck, weil zu alt zum Schlachten, einfach wegzujagen und nur den Ritter einzusperren. Haben nun ihrerseits die Digedags Türkenschreck wieder aufgelesen und Runkel per Burgbrunnen befreit, ist das Ensemble ebenfalls wieder vollzählig unterwegs, um die weiteren Pläne des Kuckucksbergers zu durchkreuzen, wie Gottfried von Hohenloh die des fiesen Heinrich.

Die Idee zur flachen Reiter-Treppe könnte aus dem Hradschin stammen. Hegen war Sudete. Sicher kannte er die Prager Burg. Dort gibt es eine, die (allerdings ohne Falltür) hinein in einen Saal führt, um speisenden Gästen Reiterkunststücke vorführen zu können.

Die unterbesetzte Burg (Peripheria und Kuckucksburg), die Mitgliederschwache Räuberbande, die sich vorübergehend eine fremde Burg aneignet wird eingesperrt (Teufelsbrüder), der Fluchtweg durch den Berg und auf der Rückseite raus, das Erstürmen wollen einer Burg, die gar nicht (mehr) verteidigt wird (Kuckucksburg).

Sachen gibt’s!

MOSAIK Tiefenforschung 1

Stell dir vor, du schlägst einen alten Band von Westermann’s Monatsheften auf und stößt auf diese Überschrift:

mde

Als Ossi-Boomer springt dich das regelrecht an, denn Bogumil – das war der Chef der Teufelsbrüder im MOSAIK von Hannes Hegen.Bild (26)

Draußen ist Frühling, du legst dir ne selbstgebrutzelte „Best of Bee Gees“ auf, und während „August October“ erschallt, gleitest du in die 60er zurück, bist wieder klein; Großmutter, Oma oder Mutti lesen Ritter Runkel vor – und du selber träumst dich hinein, wie das wäre, wenn du Janos wärst und so eine Suleika hättest – und natürlich eine eigene Burg! Mindestens! „A Man for all seasons“ eben.

„I.O.I.O“  – du liest weiter und entdeckst einen schönen und spannenden Gesellschaftsroman aus der Zeit des frisch okkupierten Bosnien-Herzegowina durch Österreich, wie da eine Kamarilla aus Offizieren, Geschäftsleuten und Regierungsbeamten sich ihren Tag gestalten, zwischen Tennisplatz und Operettenabenden im Salon eines jungen, verschrobenen, ungarischen Grafen.

Gute alte Zeiiiiit… auch ein englischer Lord ist dabei…„if I’m goin‘ back to Massachusetts… something’s tellin‘ me, I must go home…“

Aber da schwingt eben auch noch was anderes mit:

Der Roman beginnt mit einer spannenden Verfolgungsjagt, einer abendlichen Entführung. Die Entführer entkommen an einem Waldrand voller Glühwürmchen. Was in der Dunkelheit geisterhaft wirkt und die Verfolger auf die falsche Fährte lockt. Die Entführte ist eine schöne Serbin, die von ihrem ungarischen Liebhaber herübergeholt wurde, über die Grenze ins Österreichische. „I can see nobody! My eyes can only look at you..you..you!“ Sie ist völlig damit einverstanden. Die Heirat erfolgt prompt. Eine Messalliance. Aber die junge Dame beeindruckt die Gesellschaft im Handumdrehn. Pfeif auf die politischen Verwicklungen, weil ein österreichisch-ungarischer Regierungsbeamter nun Mädchenräuber ist und ein Staatssekretär aus dem Kriegsministerium ihm zur Seite stand, bei jener Nacht- und Nebel-Aktion. „Saved by the Bell.“ Es ging ja alles gut.

Da ist der Sumpf mit den Irrlichtern – Heft 99; nun verlegt nach Italien, wo die Digedags und Ritter Runkel bei ein paar Untergrundkämpfern des Mittelalters unterkommen und eine Spur ihres verschollenen Gefährten Digedag im Alten Rom wiederfinden.Bild (28)

Da ist die hübsche Sultanstochter Suleika, deren Vorbild jene Serbin gewesen sein muss, denn auch sie liebt einen Ungarn, der allerdings kein aristokratisches Inzestprodukt voller Macken ist, sondern ein Kämpfer, ein Titan des Mittelalters, der seine Angebetete auch nicht aus dem Elternhaus entführt, sondern davor bewahren muss, byzantinische Kaiserin werden zu müssen. „Heeeeere we are! In a room full of strangers! Standing in the dark!“ Dabei helfen ungewollt die trottelig-bösen Teufelsbrüder. Bogumil und seine Leute.Bild (25)

Ursprünglich eine verrufene, gefürchtete, gejagte Ketzersekte auf dem Balkan, die im Roman als dekadentes Spiel wiederbelebt wird, während sie im MOSAIK zur Piratenbande herabsank.

Und dann schlägst du den einen Westermann-Wälzer zu und den anderen auf, um noch einmal die Novelle von der Totenmaske nachzulesen. Adolf Stern, ein vergessener Vielschreiber in den Westermann Bänden erschuf sie 1893.

Sie spielt im späten 15. Jahrhundert. Byzanz ist bereits futsch, aber ein paar venezianische Inselkönige „herrschen“ noch auf griechischen Inseln, bis es den Türken beliebt, auch diese zu kassieren.

Immer wieder besucht der eine oder andere Auslandsvenezianer das eigentliche Venedig, um um Geld oder Unterstützung zu bitten, was nie in ausreichendem Maße geschieht. Die Macht auch dieser Territorialmacht ist im Schwinden. Ein junger Bildhauer lernt die Tochter eines solchen Zwergenkönigs kennen, verliebt sich, weiß, dass das nicht geht und lässt sie deshalb ziehen.

Zeitchen später wird er auf die Insel seiner Angebeteten geladen und erfährt dort ein bevorstehendes Trauerspiel. Damit die Insel noch ein paar Jahre unabhängig bleiben kann, muss sie den Sultan heiraten. Als ihre feierliche Abholung erfolgen soll, gibt ihr Vater ein großes Fest. „Lamplights keep on burning, while my heart for you is jerning…“ Seine Tochter will nicht in einem Harem lebendig begraben sein, sie beugt sich von der Palastbalustrade und stürzt sich in den Tod. „Bury me down by the river!“ Man findet sie am Ufer, bahrt sie auf im Palast. Der junge Bildhauer nimmt ihr Profil für eine Totenmaske ab, bevor er heimreist. Dort erzählt er einem befreundeten Baumeister die ganze Tragödie. „I just gotta get a message to you…“

totenmaske

Die Örtlichkeiten auf der Insel erinnern an die Palastanlage von Kaiser Andronikos in den Heften 112-120. Suleika soll ebenfalls zwangsverheiratet werden, allerdings in entgegengesetzter Richtung, als Sultanstochter nach Konstantinopel, und denkt ebenfalls daran, sich ins Meer zu stürzen, wenn es ihrem Janos nicht gelingen sollte, sie zu retten. „Run to me, where ever I’m with you…“

Andronikos Reich wird dargestellt, wie jene venezianischen Rest-Inseln von Adolf Stern beschrieben werden: Er regiert desaströs, reitet seine Spleene, hat nur noch ein morsches Kriegsschiff, die Genuesen blockieren seinen Hafen, die Insel Lesbos verweigert den Tribut, der Feldzug dorthin mit einer Art „letztem Aufgebot“ schlecht ausgebildeter „Soldaten“ schlägt gänzlich fehl; da soll es dann eben auch eine politische Hochzeit retten – und nachdem Suleika entkam, wird es dann eben Irene von Tessalonien. Eine attraktive, rothaarige Furie. „Every christian lionhearted man will show you!“

Ich habe Hannes Hegens Inspirationsquell gefunden!

„Boogie! Boogie child!“

ende

Die verdrängte Zeit

aufwühlendIn den letzten Tagen hab ich „die verdrängte Zeit“ von Marko Martin gelesen. Es wurde ein vielschichtiges Leseerlebnis, das mich dranbleiben ließ.

Es geht um die Frage: Was bleibt von der DDR-Kultur als empfehlenswertes Erbe übrig?

(Und hier verabschieden sich vermutlich schon alle West-Leser, was verständlich ist, da für sie Garcia Marquez näher läge als Strittmatter & Co.)

Für Ost-Leser wurde es ein sehr interessanter Mischmasch, voller „Ach ja‘s“ und „Och nö‘s“, voller Staunen über ein paar Neuigkeiten, voller Kopfschütteln über doch spürbare Auslassungen – kurz: Ein interessantes Wechselbad der Empfindungen.

Zu Beginn ein paar amüsierte Bemerkungen zur Form: Das Buch ist 2020 erschienen. (Tropen-Verlag; Lizenz von Cotta) Vermutlich war da Lockdown-bedingt Zeitdruck bei der Fertigstellung im Spiel, denn:

Ich habe noch NIE ein Buch mit so vielen Druck- oder Tippfehlern, verstümmelten Sätzen oder Verwechslungen von deren/dessen usw. gelesen.

Was auch nervt, ist diese Fremdworthuberei im Schachtelsatz:

Diese clandestine Eloquenz des Feuilletonisten, in kafkaesker Metaphorik dissidentische Subtexte in lyrischer Hinterlassenschaft diverser ostzonaler Widerstands-Nestoren mit Biermann-Trauma dechiffrieren zu wollen.

Damit bringt er die ersten und ca. vorletzten 50 Seiten hin. (Der eigentliche Schluss ist ein sicher „künstlerisch zugespitztes“ Reiseerlebnis im Heimatdorf eben jenes Garcia Marquez in Kolumbien.) Er wertet also vorweg und nachgestellt; als sei er Theo Sommer von der ZEIT, dazwischen, wenn er über die ostzonalen Kulturhighlights und/oder deren Verhinderung spricht, wird er aber wieder Ossi und die Sätze reinigen sich wie von selbst. Jedenfalls in Bezug auf die Fremdwörter.

So entsteht nach aufkommendem Ärger zu Beginn bald schon ein schadenfrohes Genießen des stolpernden Lesevorgangs, denn ich bekomme einiges unter die Nase gerieben, wogegen ich opponieren möchte, was aber nicht möglich ist; und so ermöglichen mir all diese Stolper ein genüssliches Murmeln in der Art: „Bau du erstmal grade Sätze!“ oder „Kein Wunder! Bei DEM Geschmack!“ Aber das liest sich jetzt schlimmer, als es gemeint ist.

Worum geht es nun im Hauptteil konkret:

Um Film, Musik und Buch, wobei die Literatur gewinnt –  in puncto Qualität und Quantität. Hier gibt es vieles, was mal bei Gelegenheit wirklich lockt.

Nicht so beim Film. Er feiert z.B. „Paul und Paula“ (Gähn) und „Das Kaninchen bin ich“. Letzterer einer der verbotenen Filme von 1965, der 1990 uraufgeführt wurde. Für 1965 wär’s ne Sensation gewesen. Insofern sind wir d’accord. Aber: Für heutige Zuschauer ein eher langatmig erzähltes Etwas, trotz des eigentlich brisanten Konfliktes. Tatsächlich schade drum, zumal hier eine wirklich attraktive Angelika Waller in ihrer ersten Filmrolle zu bewundern gewesen wäre. Aber wie müsste der beschaffen sein, der sich die bräsig erzählte Story heute noch antun würde?

„Coming out“, der Schwulen-Film der DDR, der am 9.11.89 Premiere hatte und deshalb unterging, erfährt ebenfalls allerhand Würdigung und dient als Aufhänger für allerlei Wissenswertes über die Schwulenproblematik in der DDR. Schwulen-§ seit 1968 bereits aufgehoben, aber …

Über Ludwig Renn hab ich in diesem Zusammenhang sehr staunen müssen.

Ein erster Höhepunkt des Buches.

Der zweite ist die Würdigung der Gojko-Filme als sachliche Darstellung des Indianer-Themas ohne ideologische Überfrachtung.

Denn wie oft musste ich anderswo die versuchte Verunglimpfung lesen, dass die Gojko-Filme ja angeblich auch Propagandakram seien und aus jedem Dakota-Häuptling einen Lenin machen würden?! Derlei Mist gibt es bei M. Martin nicht. Danke!

In Bezug auf (Rock-)Musik in der DDR wird es dann ganz finster. Den gesamten Ostrock tut er mit einem Satz ab: Domestiziert und langweilig. Naja ‘70 geboren. Dann erzählt er einige wenige Seiten lang etwas über die erste Generation Ost-Punks, die allesamt Stasi-Opfer wurden. Scheinbar ist Herr Martin jedoch musikalisch eher desinteressiert, denn das was hier erzählt wird, gibt es in besser in Roland Galenzas Standartwerk zum Thema „Wir woll’n immer artig sein“. Geschenkt. In Sachen Musik also – nichts.

Zwischen Musik und gesungener Literatur steht allerdings Bettina Wegner. Die Passage über sie ist eine Hommage an sie und die ist ihm gelungen.

Ähnlich versucht er dann, mit Manfred Krugs musikalischer Seite zu verfahren, und da melde ich starke Zweifel an: Einer der 1970 geboren ist, in seiner Jugend inkognito an den BR schrieb und sich Alphaville „Big in Japan“ wünschte, hört heute zu Westzeiten Manne Krugs So-irgendwie-dazwischen-Jazz-Schlager? Er bezieht sich hier auch auf keine konkreten Songs wie bei Bettina Wegner oder seiner Biermann-Verehrung. Will da eventuell einer nur Komplimente fischen?

Auch dass er nun nochmal die gesamte Heldengeschichte von der Biermannresolution 1976 erzählt, so wie sie bis zur Wende geglaubt wurde, nervt. Bei all den anderen Biografien entdeckt er kleinste Stasiverstrickungen und hier entgeht ihm das, was das ganze Puzzle erst stimmig macht? Es fehlt jeder Hinweis auf die Andert/Stuhler-Nachwendeenthüllungen zum Thema Wolf und Margot H. Da wird also weggelassen, damit etwas passt, was passen soll. Nicht zu viele Westleserglaubenskulte erschüttern?

Ähnliches gilt auch für die Abfeier der Integrität von Monika Maron und Günter de Bruyn. Unangepasste Schreiberlinge im Kalten Krieg, harte Kritiker plumper Ostalgie in den 90ern, stimmt. Aber auch heute wieder tapfere Steller unbequemer Fragen in ihren Alterswerken, für die man sie plump in die rechte Ecke rückt – darauf kein hinweisender Nebensatz. An denen ja sonst kein Mangel herrscht.

Was haben wir sonst noch?

Die Hommage an Wolfgang Schreyer und seine Lateinamerika-Thriller. „Der Adjutant“! War das ein gelungener Straßenfeger als Film! Da konnte Peter Ustinow in „Die Stunde der Komödianten“ glatt einpacken!

Das gekonnte Entgegensetzen der teilweise ebenso spannenden Südostasienromane von Harry Thürk, der sich jedoch mit dem „Gaukler“ in belesenen Kreisen der Republik unmöglich machte. „Das fasst man nicht an!“ (O-Ton mein Vater, mit mir im Buchladen) Eine plumpe Propaganda-Schmonzette, die Solschenyzin als Idioten darstellen wollte, dem das FBI seine Romane redigiert. (Wieso eigentlich nicht die CIA? Wenn schon, denn schon. Aber einem wie Thürk war das vermutlich ebenso egal, wie unsereinem der Unterschied zwischen Politbüro und ZK.)

Dann haben wir noch eine lobende Erinnerung an Eduard Klein. Jawoll! „Den Weg der Toten“ muss ich mir für die Rente nochmal raussuchen!

Das Aufdecken der Tatsache, dass praktisch jeder namhafte Autor der DDR eine Exilvergangenheit vor‘45 hat. Was meinen Eindruck schon zu Studenten-Zeiten bestätigt: In diesen Klüngel Boheme-Bonzokratie kämst du ohnehin nicht hinein.

Kurios unterhaltsam die Erinnerung an Max Walter Schulz als zweimaligen One-Night-Stand von Brigitte Reimann. Den hatte ich komplett vergessen. War das ein Buhei um seine Novelle(?) Roman(?) „Der Soldat und die Frau“. Ächz! Was wir da alles hineininterpretieren sollten! Gone with the wind!

Aber um auf die Ausgangsmotivation zurückzukommen: Was wird davon bleiben?

Nichts.

Und das weiß auch der Autor dieses Buches im Stillen.

Aber selbst wenn er in vorbelasteter Familie aufwuchs, deshalb frühzeitig Ausreiseantrag stellte, und im Mai’89 endlich „aus der Staatsbürgerschaft der DDR entlassen“ wurde; niemand entkommt seiner Prägung.

Auch wenn er heute woanders wohnt und die Heimatregion meidet, weil sie ihn in erster Linie an Gängelung und Vorladungen erinnert; „angekommen“ in der Westwelt isser eben auch nicht.

Auch wenn er sich alle Mühe gibt, dieselbe zu preisen.

Seite 216 zeigt das deutlich. MEIN Höhepunkt des Buches!

Da steht er nun also weitgereist und welterfahren mit seiner Gießkanne und hat keine Wurzel, die er gießen könnte.

Deshalb schrieb er sich halt von der Seele, was ihn die ersten 20 Jahre kulturell prägte und was er inzwischen an Hintergründen zu Werk und Autoren erfuhr.

Gut so.

Jersey Boys (II)

My Eyes adored you … down the hall…

oder

Die 4 Seasons und ich (Teil 2)

Wir schreiben 1975. Herbst. Erster Schultag an der EOS. Endlich nicht mehr im Machtbereich meiner bisherigen Klassenlehrerin. Alles neu. Es wird ein Einschüchterungsprogramm gefahren. Wir sollen uns des Platzes an dieser Einrichtung würdig erweisen! Wir seien die Kader von morgen! Warum wollen nur 3 der 8 Jungs dieser Klasse Offizier werden? Da hat die Bewusstseinsentwicklung noch Reserven nach oben! Usw.

Christian und ich treten die Flucht nach vorn an: Als jemand für die Milchgeld- und Essengeldkassierung gesucht wird, melden wir uns. Wir kriegen den Job und haben nun eine Funktion. Eine kleine Engagement-Ausrede, wenn wir nach „Länger dienen“ gefragt werden sollten; dachten wir jedenfalls.

Von nun an brülle ich jeden Montag „Mühhlchgäääld!“ in einer der kleinen Pausen und so 8 bis 10 Hanseln treten dann vor meine Bank und bestellen Fruchtmilch oder Kakao für die nächste Woche.

Beim ersten Kassieren passierte es: Ich sitze. Sie steht. Sie war die kleinste in der Klasse. Unsere Köpfe sind also auf gleicher Höhe. Ich schaue von der Liste auf und bin mit eins geblendet: DIESER Blick! Die leibhaftigen Marianne-Rosenberg-Strahler! Die Elektrizität geht mir sofort bis in die Fußsohlen. Von dort schleuderts alles Blut nach oben – ich kriege eine feuerrote Birne und bin heilfroh, dass ich den Blick gleich wieder senken kann, um den Namen aufzuschreiben und das K für Kakao dahinter.

Die Schockwirkung hielt vor: Ich bin 15, später 16. Am Selbstbewusstsein fehlt‘s gewaltig. Kein Mut – kein Mädchen.

Und um es noch verzwickter zu machen, ist da auch noch diese andere in der Klasse, mit der es sich prima reden lässt. Immer. Nicht nur albernes Genecke, sondern fordernde Gespräche. Sie packt mitunter härteste Kritik in supernetten Frageton, wie hier:

„Eigentlich hast du vernünftige Ansichten, wenn’s um Bücher und Malerei geht. Du liest das gute alte Zeug. Warum stehst du musikalisch auf solchen Mist?“

Ja, da stehste dann eben so da und – aus die Maus!

„Äh…mpf…ja….ä….Pink Floyd und Yes sind doch kein Mist. Das ist die Klassik von morgen.“

„Meinst du wirklich, dass das uns‘re Kinder später noch hören?“, stellte sie einfach so, ganz versonnen wirkend, in den Raum.

Sie war eine aus gutbürgerlichem Hause, verheimlichte ihre Mitgliedschaft in der Jungen Gemeinde, um ihren EOS-Platz nicht zu gefährden und mochte klassische Instrumentalmusik. Ich meinte mit meinen Adaptions-Kenntnissen punkten zu können: Stern Combo, Nice, Ekseption …

Sie: „Naja, besser als nichts. Die halten wenigstens die Erinnerung an die richtigen Werke wach.“

Die eher stumme Kakaotrinkerin war die hübschere. Aber mit ihr hier würde es nie langweilig werden. Wir kannten beide Freytag und Schreckenbach. Wahrscheinlich sie damals schon den Heyse.

Die eine hatte, was der anderen fehlte – und mir fehlte die Entschlusskraft.

„I was born with a plastic spoon in my mouth….“ (das gewann gerade im „Musikladen“ als Beatclub-Oldie.) Ja, „my life was ragged“! The Who sangen, wie’s war. Spoon hab ich damals mit „Spund“, also Schnuller, übersetzt, der dich am Sprechen hindert. Mir fehlten die richtigen Worte zur richtigen Zeit. Ein Casanova steckte also nicht in mir.

Der HR 3 macht Oldie-Wochenende; jede Stunde ein anderes Jahr; beginnend Samstagnachmittag mit 1955; das Abendprogramm aber blieb bestehen. Deshalb ging es Sonntagmorgen um 9 oder 10 erst weiter.  Als am Sonntag 1963 dran ist, wird zum Mittagessen gerufen. Mehrfach. Geht aber nicht; denn gerade spielen sie die 4-Seasons-Hitkette: „Sherry, Walk like a Man, big girls don’t cry“. Da können doch Musikarchäologen nicht weg vom Gerät! Entdeckungen am Fließband! Und sooo viel wichtiger als Teilchenbewegung in der Spule, russische Parizipien, Licht-oder Schattenpflanzen – und erst recht – Sauerbraten mit oder ohne Knödel!

Außerdem gelingt Dank „Walk like a man“ die Tröstung. Der alberne Kopfstimmengesang konterkariert die Botschaft. Ich kann über mich selbst lachen; die Sache mit K. und H. irgendwie überspielen. Aber es bleibt dieser Restschmerz.

„I will follow him! Where ever he may gooooo!“ Little Peggy March. Auch‘63. Wenn’s doch bloß so einfach wäre! Wie herrlich sehnsüchtig sich das anhört! Und das ist echt die Schlagertante aus dem „Blauen Bock“ als Teenie?

1964 wirft dann noch „Rag Doll“ ab. Und ’65 schließlich „Help me Rhonda – yeahr – getting out off my heart.“ Die Beach Boys fiepen ganz ähnlich und liefern den passenden Song zur Blamage-Prophylaxe.

Die 4 Seasons-Pop-Hymnen haben also ganz entscheidend mit meinen Irrungen und Wirrungen zu tun, die durchgestanden werden müssen, bevor man von sich behaupten kann, erwachsen zu sein.

Es sind die Songs des „Wenn was gewesen wär“ – und immer, wenn ich sie heute höre, dann stellen sich da so Gesichter ein; unkaputtbar frisch – ganz anders, als sich auf diversen Abi-Jubiläen überprüfen lässt.

Auf „oh what a night“ folgte „down the hall“ im „Musikladen“ von Radio Bremen, der 1977 die „Helicon“ als LP-Tipp einer amerikanischen Super-Group anpries. In derselben Sendung gewinnt auch noch „Rag Doll“ als Telefon-Oldie. Hier war nun nicht zu übersehen, dass „Down the Hall“ ohne Frankie Valli auskam, er aber bei der „Rag Doll“ Performance wieder dabei war.

Erst Eastwoods Film liefert die Hintergründe: Es war die Zeit von Vallis Stimmproblemen. Die Steuerschuldfrage war nun erledigt, aber Frankies Stimme auch. Zeitgleich starb seine ca. 16jährige Tochter an Heroin. Papakind. Von der Scheidung der Eltern aus der Bahn geworfen, hatte sie den Weg der „Kinder vom Bahnhof Zoo“ gewählt. Irgendwo in Amerika. Er war fertig. Deshalb also sang er bereits auf der „Who loves you“ ausgerechnet den Hit nicht. Auch waren die Musiker da im Fernsehen nicht mehr die deVito-Boys, sondern kalifornische Session-Cracks mit italienischem Stammbaum.

Nach der gefloppten „Half and half“ war es ‘71 doch zum Bruch gekommen, seither waren Valli und Gaudio die 4 Seasons, die Musiker heuerten und feuerten. Aber die Entscheidung, an die Westküste zu gehen und bei Motown/West zu unterschreiben, erwies sich als Fehler. Niemand kümmerte sich um sie. Zwei gute Alben floppten unverdient. Also flohen sie zu Warner Bros. Und charteten prompt mit der 1975er „Who loves you“.

Beim Vergleich der Flopp-Alben von Motown mit den gepushten Warner-Sachen zeigte sich:

Gaudios Erfindungsreichtum war down.  Die Motown-Alben haben keine Aussetzer. Das Songmaterial auf „Who loves you“ und mehr noch auf „Helicon“ schwächelt leider gewaltig. Hat die erstere mit dem Welt-Hit „December‘63“, dem US-Hit „Who loves you“ sowie „Rhapsody“ immerhin noch 3 gute Nummern; findet sich auf „Helicon“ außer „down the hall“ nichts Bleibendes. Hinzu kommt der höhenlastige, gänzlich basslose Scheußlichmix, der die anderen Songs gegenüber dem scheinbar einzig zuendegemasterten „Down the hall“ so ärmlich aussehen lässt. Hit wurde „Down the hall“ nirgends. Nur auf Bludgeons 70s Samplern darf der Song nicht fehlen! Weil er allzeit verlässlich H und K an die Windschutzscheibe zaubert. Das süße Weh, das bleibt. Die Band wurde wieder auf „Rag Doll“ zurückgeworfen – und Sendungen wie „Oldies for youngsters“.

1979 machte „Grease“ in Westdeutschland Furore. Da John Travolta schon zuvor mit „Saturdays Nightfever“ medial überstrapaziert worden war, konnte „You‘re the one that I want“ nun echt keiner ertragen! Der Film lief im Osten nicht; was uns blieb, waren ein oder zwei TV-Trailer und diese Fremdschäm-Persiflage von Hallervorden/Feddersen – abwink! So fiel mir auch erst in Oldies-Sendungen der frühen 80er auf, dass den Titelsong „Grease“ Frankie Valli sang. Jedoch im Zustand frischer Verlobung schien der bisherige Valli-Magnetismus seine Wirkung verloren zu haben.

1988 oder 89 war ich Betreuer in einem E&A-Lager für 9.Klässler; wie es sie überall in der Republik damals gab. Eines Tages hieß es: Die LPG nebenan hat‘ne Leinwand aufgespannt und einen Filmvorfüher besorgt: Alle sollen ins Freilichtkino kommen!

„Welcher Film?“

„Wissmor niche!“

Kurz vor Filmbeginn wird bekannt: Es ist „Dirty Dancing“.

Ich bin bedient. Tanzfilm ächz! Ich denke an das, was ich von „Grease“ und „Saturday Nightfever“ weiß, ohne diese je gesehen zu haben, auch hatte „What a feelin‘!“ im Ost-/ und Westradio genug genervt. Schließlich noch das alberne „Footloose, footloose!“ inmitten der 80er Jahre Radio-Ödnis. Ich erwarte also eine Schnulze mit Scheißmusik.

Es beginnt mit jenem griesligen, aber den Filmtitel deutlich illustrierenden Foto und „be my, be my Baby“. Da waren sie wieder – die Rock over Rias Nächte, die Werner-Voss-Lehrstunden… Huch?!

Dann fährt die Kaufmäääänn-Family mit „Baby“ vor und es ertönt „Big girls don’t cry“ im Hintergrund. Wenn das SO anfängt, kann nichts mehr schief gehen! Der Film fetzt! Auf dem Heimweg schwärme ich mit den Schülern um die Wette. Meinen Kollegen amüsierts: er spielt den Stinkstiefel, dem’s nicht gefallen zu haben scheint. Er lästert.

Eine von den Mädels fragt mich:

„Darf man Lehrer töten?“

„Solche ja.“

Aber wir ziehen ungefährdet unser Abendprogramm durch. „Übersehen“ das Kreisen diverser Weinflaschen, verhindern Exzesse durch das Beschlagnahmen und Auskippen von „Schnaps-Rohren“, jagen diverse Jungs aus Mädchenbarracken, wobei ich stillschweigend staune, „wie weit“ diese Generation mit 15 ist.

Das schien es gewesen zu sein – in Sachen Frankie and the Boys. Die Wende kam. Unter den Nachholkäufen waren zwanghaft „Who loves you“ und „Helicon“ und enttäuschten.

Naja ...

naja…

„Oh what a night“ und „Down the hall“ wurden heruntergesampled für Kassetten/Brutzel-CDs der nunmehrigen Westautos mit SOUND; „Jugendhits Part 1 – 985“ oder „70s Gold; Part 2013/2014/2015… 2021“. Wat mutt, dat mutt.

Im Zuge des Erfolges von „Jersey Boys“ (Musical und Film) in den späten Nullerjahren, kam es zu einer 4 Seasons Renaissance des Musikmarktes: Alle Alben waren plötzlich als Twofer zu haben; auch die gefloppten, unbekannt gebliebenen.

Als ich das bemerkte, aktivierte sich wie von selbst mein Bodenkammer-Schatzsucher-Instinkt – und bescherte mir einen Fund, der’s in sich hat:

Da gibt es einen Meilenstein des „Anders Seins“ aus dem Jahre’69!

Fortsetzung folgt.