Heyses Venus

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Heyses Schlussstein

Ist!

Das!

Stark!

Da wollte einer den Buchmarkt nochmal so richtig rocken, aber keiner hat’s gehört. Die zeitgenössischen Literaturgeschichten schweigen das Werk tot, wie zuvor schon „gegen den Strom“.

Heyse schrieb 1910 mit  -für DIE Zeit- sensationellen 80 Jahren seinen letzten Roman – und es ist ein toller Schlussakkord geworden! Auch wenn „gegen den Strom“ sein eigentliches „Vermächtnis-Album“ bleibt – aber da war noch was offen!

„Für wie moralisch integer haltet ihr unsere Zeit, liebe Leute?!“, fragt er und liefert die Antwort mit: Nicht mehr meine Zeit; aber eure eigentlich auch nicht! Ihr seid nicht in der Lage, das ins Bessere zu drehen! Das 20.Jahrhundert wird kein leichtes!

Der Titel mag manchen abstoßen.

Er gemahnt zunächst an das berühmte Botticelli-Gemälde, meint aber die Entstehung einer der vielen Coverversionen, die um 1900 entstanden und heute alle ein bisschen wie die Schlafzimmerbilder vom Trödler nebenan wirken. Die Maler alter Schule waren in der Bredouille. Heyse springt ihnen bei. Der Liebhaber von Zentauren und Illias-Bebilderung bleibt vom Impressionismus unbeeindruckt.

Etwas ähnliches hat Heyse mit seiner Novelle von der „Irdischen und himmlischen Liebe“ schon mal geboten. Damals stand ein alter Tizian als Namensgeber Pate. Auch dieser Titel las sich gewöhnungsbedürftig, doch auch diese Novelle gehört unbestreitbar zu seinen Hits.

In der „Geburt der Venus“ erhältst du eine hauchzart erzählte, anheimelnd tolle Liebesgeschichte. Hier kriegt er dich genauso wie mit „dem verlorenen Sohn“ und den „Moralischen Unmöglichkeiten“.

„Es gibt moralische Unmöglichkeiten, die einer solchen Eheschließung nun mal im Wege stehen.“, sagt der sympathische Vater des träumerischen Malers. Zufall? Berechneter Wiedererkennungseffekt?

Das Vater-Sohn-Gespräch, aus dem der Satz stammt, ist eins der vielen kleinen Highlights des Werkes. Wenn der Sohn die dem Vater entgangene Karriere lebt, dann ist das Topverhältnis sattelfest. Beide verachten elitär die spießbürgerliche Meute. Und trotzdem bedrohen die Spielregeln des „blöden Haufens“ das Familienglück.

Heyse thematisiert die völlig überholte Heiratsetikette seiner Zeit, die uns heutigen Lesern eigenartig kurdisch/arabisch vorkommt. Und die Duelle waren unsere Spielart von Ehrenmord. Wobei eher die Männer zu schaden kamen.

Das erbärmliche Schicksal der Hanna illustriert zeittypische Umstände und führt somit dem Leser vor Augen wie prüde und somit folgerichtig frivol verdorben ein Zeitgeist ist, der die Erschaffung erotischer Kunst sofort in den Dreck zieht. Wenn Heyse hier 1910 mit Moralkriegern seiner Zeit abrechnet, dann hinterlässt das so einen überraschend aktuellen Nachhall.

Herrlich beschrieben, wie Trude, die Pastorentochter, den Fanatismus ihres Vaters unterläuft und damit zeigt, wo Heuchelei für den gesunden Menschenverstand überlebensnotwendig ist: Im Pfarrhaus.

Ja, wieder ein böser Pastor, wie in „Crone Stäudlin“, wie in „Moralische Unmöglichkeiten“.

Ja, wieder so ein aristokratisches Aschenputtel wie die Traud in „Irdische und himmlische Liebe“.

Ja, wieder so ein verpeilter Professor Chlodwig, wie dort, diesmal als aussichtsreicher Maler.

Und wieder so ein Dr. Berndt, als zynischer Kommentator und helfender Freund, der wiederum mehr Durchblick hat, als die Hauptfigur.

Heyse variiert die „Irdische und himmlische Liebe“ hier zum Roman. Er zeigt, dass ihm zum Ende hin bewusstwurde, dass das sein bester Plot war.

Der Zweitaufguss alter Ideen kann schief gehen. Ihm gelingt er! Jedenfalls bei mir trifft er ins Schwarze. Wie Yes mit „Yes-Album“ und „Fragile“, wie Pink Floyd mit „Dark Side…“ und „Wish you…“, wie Nazareth mit ihrem Debut und der „expect no mercy“.

Und das Sahnehäubchen an der ganzen Geschichte ist, dass dieser Schlusspunkt einer großen Laufbahn mit Spielhagens „Opfer“ von 1901 zu korrespondieren scheint, was ja auch in dessen Fall fast ein Schlusspunkt war.

Heyse, mit einer Kunstauffassung von gestern und Moralvorstellungen von morgen, Kind seiner Zeit, präsentiert die Themen jener Ära zeittypisch: Allweil realistisch, aber umhüllt mit Schmauchspuren vergehender Romantik, die sich „klassisch“ gibt und somit Gefahr läuft, nur als kitschig verlacht zu werden. Der notwendige Gegenpol zu Fontane und Mann.

In Zeiten, wo dir Historiensurrogate in Form von Fernsehfilm und -serie vorgaukeln, dass unsere Altvorderen einst unsere heutigen Zustände herbeigesehnt hätten, sind Heyse, Spielhagen & Co. notwendige Kronzeugen, dass dem nie so war.

Sicher ließe sich auch im Falle der „Venus“ das eine oder andere missglückte Detail aufrechnen. Es ist wiederum ein „Thüringen“, das eigentlich eher München und sein Umland ist. Für die Inspiration zum Titelgebenden Kunstwerk via Kletterpartie auf einsamer griechischer Insel hätte sich sicher was Besseres finden lassen, als ein angeblich reales Erweckungserlebnis. Aber geschenkt. Nach 10 Seiten kippligen Einstiegs, der kurz die Gefahr einer zweiten „Crone Stäudlin“ am Horizont erscheinen lässt, erzählt sich hier ein mitreißender Erzähler seine Lebenserfahrungen im „blöden Haufen“ vom Hals und schmeißt die Türe zu.

Ein kolossaler Abgang!

Crone Stäudlin

Vielleicht hat Heyse um 1900 auf einer Reise von Berlin nach München sich wirklich mal einen Thüringenaufenthalt gegönnt und dort in einem Ausflugslokal an einem See in den Bergen ein Schlüsselerlebnis gehabt. Vielleicht ist das aber auch schon MEINE erste Übertreibung in Sachen „Crone Stäudlin“, denn eventuell waren es nur die „Draußen-Tische“ irgendeiner Mitropa, beim Umsteigen.

An einem Studententisch fühlt sich einer von den Angesoffenen plötzlich bemüßigt, aufzustehen und irgendeins der Kommersliedchen ins Volk zu brüllen. Die spärliche Besetzung des Biergartens nimmts mit Verwunderung hin, ein älteres Ehepaar springt auf und flieht, die hübsche Kellnerin wird von einem der anderen Corps-Brüder an der Schürze festgehalten, auf den Schoß es Täters gezogen und abgeknutscht – und irgendwo weiter hinten sitzt dieser Reisende. Ein alter Mann mit immer noch imposanter Löwenmähne, aber wohlwissend, dass er hier nun nicht (mehr) den ritterlichen Retter spielen kann. Die Zeiten, da er für einen Fels in der Brandung gehalten werden konnte, sind vorbei.

Die Kellnerin macht sich los, quittiert die Küsse mit ein paar Ohrfeigen, was lachend hingenommen wird, und flieht ins Gasthaus. Der Geschäftsführer erscheint prompt und macht den „Herren“ unmissverständlich laut und kompromittierend klar, dass er jetzt bis 3 zählt, bevor er nach dem Gendarm wird schicken lassen…. Da er den einen von ihnen auch noch mit Namen anspricht, ist der Rest-Anstand der Herren immerhin noch derart, dass der Angesprochene vor dem Abgang einen größeren Schein auf den Tisch knallt, gewissermaßen Zeche und Schweigegeld in einem.

Heyse selbst erhebt sich wenig später auch, bezahlt und setzt seine Reise fort.

Auf der Weiterfahrt lässt ihn die kleine Episode nicht los, vermischt sich mit Erlebnissen der eigenen Studentenzeit und Ausflugserinnerungen mit und ohne königliche Begleitung rund um den ein oder anderen bayrischen Bergsee.

Auch er selbst hatte dort den ein oder anderen genießerischen Moment mit einer Kellnerin – sich wenigstens erträumt. Die „Traud“ in einer seiner besten Novellen legt davon Zeugnis ab.

Bayern liegt ihm nun mal näher als Thüringen.

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Und so entschließt sich der 70jährige zu einem Roman. Er will die Welt lehren, wie Anstand geht und wie man ramponierte Verhältnisse repariert. Denn: Da wird soviel von Schillerschem Idealismus geschwafelt – aber die reale Welt ist weiter weg davon, denn je!

Sein Anliegen also ist ein Großes. Aber die Gestaltung leider nicht.

Wenn du mit dem Heyse lesen anfangen willst, tu es bitte nicht mit „Crone Stäudlin“! Das Werk ist kein gelungenes. Es enthält durchaus Momente für Genießer solch alter Literatur; aber dem Gesamtpuzzle scheinen allerhand Teile zu fehlen und die Lücken wurden ungekonnt mit Buntstift übermalt.

Da ist schon der vergurkte Einstieg: Du bekommst ein Hotel am See  „in den deutschen Mittelgebirgen“ beschrieben. Aber weder Hessen, noch Thüringer oder Sachsen finden hier typisches Lokalkolorit. Hinzu kommt die seltsam unausgegorene Situation des Hotels. Halb Schloss, halb Kur-Sanatorium, halb Schankwirtschaft mit Biergarten… es gibt einen Objektgebundenen Arzt für die Kurgäste… aber die, die beschrieben werden, sind eher spleenige Weltflüchter ohne Gebrechen.

Es gibt einen Herrn Doktor, der der Wirtin hier vor Jahren empfahl, den Gasthof zum Kur-Hotel zu erweitern und der auch sonst in einer recht eigentümlichen Rolle hier „all summer long“ verkehrt.

Dieser Herr Doktor wird zunächst nur mit seinem Vornamen Johannes eingeführt, heißt aber plötzlich Helmbrecht. – Man merkt dann nach dem ersten Stolpern, dass das derselbe ist. Eigentümlich bleibt aber, dass im Weiteren eher von Helmbrecht die Rede ist, ein „Herr“ davor oder gar ein „Dr.“ jedoch gespart wird. Der Autor fährt seine männliche Hauptfigur hier quasi laufend Dienstbotenhaft mit dem Familiennamen an. Immerhin heißt die nicht auch noch profan Maier, Müller, Lehmann, Schmidt…

Schulze kam den Berg herauf…. Schulze sieht…Schulze umarmt… Schulze weiß…

Er, die Wirtin Maria, und ihre 3 Kinder werden umfangreich vorgestellt – und niemand heißt Crone. Das geht so die ersten 40-50 Seiten lang.

Du willst schon aufgeben, da kommt zur Sprache, dass nebenan eine Crone Stäudlin wohnte, die aber ihrem Bruder den Hof überließ, um in die Schweiz zurückzukehren.

Crone sei die Koseform von Corona. Zufälle gibt’s!

Tja – und diesem Umstand verdankt nun dieser Post seine Entstehung, denn ich hielt durch.

Die Stäudlins sind also Schweizer, die nach Thüringen gerieten.

Nun hat sich Heyse auf Seite 70 ungefähr doch dafür entschieden, die „deutschen Mittelgebirge“ etwas konkreter zu lokalisieren. Aber Wirtin Maria vom Kurhotel wird von einem jungen katholischen Pfarrer gepeinigt, da sie eine 12jährige wilde Sommer-Ehe mit dem gut 10 Jahre jüngeren Helmbrecht praktiziert.

Katholisches Thüringen? 1905? Noch ohne sudetendeutsche Zuwanderung? Kann ja nur Eichsfeld sein! Dort sieht es aber mit Bergen, die „früh am Nachmittag die Sonne verdecken“ mau aus!

Jene ersterwähnte Crone Stäudlin ist nun auch gar keine Figur des weiteren Ensembles, sie diente nur ihrem Bruder zur Namenspatronin für dessen Tochter.

Crone StDiese wiederum ist nun tatsächlich jene „kaum erblühte Fee“ vor deren Anblick ein jeder dahinschmelzen muss! Heyse schickt sie für ihren ersten Auftritt Geige spielend, mit Hund als Begleitschutz, auf Abendspaziergang. (Kitsch as Kitsch can!) Hierbei sieht sie Helmbrecht wieder, der sie vor Jahresfrist noch „als kleines Mädchen“ auf dem Sterbebette vorfand und vom Typhus errettete. Nun ist er hin und weg, beim Anblick der „kaum Zwanzigjährigen“. Wie passend, dass Wirtin Maria, der Sünde wegen und wegen des falsch rum‘en Altersunterschiedes, nun willens ist, sich aus der wilden Ehe mit Helmbrecht zu lösen, um sich lieber mit dem Jenseits gutzustellen und dem Pfarrer in den Landfrauen-Bet-Zirkel zu folgen.

Problematisch hierbei die Existenz von Hänsel, ihrem unehelichen Kind.

Der Knabe ist älter als 10, benimmt sich jedoch wie ein 3 oder 4jähriger, wenn er sich an „Onkel Helmbrechts“ Schulter ausweint, beim Gute Nacht Kuss zurückküsst, oder brav zur Stelle ist, wenn Heyse den anderweitig verliebten Doktor als guten Vater präsentieren will, was regelmäßig daneben geht. Heyse hatte vermutlich nie Umgang mit Kindern. Kennt sie nur aus Situationen, in denen sie knicksend und dienernd Gedichte aufsagten und mit Kniff in die Wange verabschiedet wurden, bevor sich der Kreis der Erwachsenen wieder „seinen“ Themen zuwandte. Sein Hänsel wirkt unerträglich unwirklich.

Und so summieren sich die Schnellgestricktheiten und Fehler im Geschehen.

Mit rund hundert Seiten mehr, rechtzeitigerem Figuren Einführen und ein paar dringend notwendigen Ausschmückungen hier und da wäre das ein Spielhagen-Plot vom feinsten! Aber auf den komme ich später nochmal zurück.

Schluss mit der Mängelhuberei!

Was gibt es zu loben?

Man entdeckt, wenn man Heyses früheres Schaffen kennt, lauter „alte Bekannte“. Die früher aber in seinen Novellen besser zur Geltung kamen. Ich meine das nicht nur auf Personen, sondern abstrakter auf Bauteile des Romans bezogen. Der Pfarrer hier ist ein blasser Widergänger des Pastors in „Moralische Unmöglichkeiten“, die frivole Gräfin hier, eine adlig vermählte und wieder geschiedene Ex-Schauspielerin, ist jener aus „Männertreu“ sehr ähnlich. Die GräfinDie dramaturgisch passende Bootspartie aus „geteiltes Herz“ findet hier einen zwar ebenfalls dramatischen, aber dramaturgisch hergezwungenen Ableger. In „Einer von Hunderten“ erzählte Heyse die Geschichte eines Sonderlings, der merkt, dass die Kellnerin seines Stammlokals ein Auge auf ihn geworfen hat, aber er fühlt sich zu alt für die junge, schweigsame Schönheit, obwohl auch er sich eingesteht, dass sie ihm gefällt. Als sie zaghaft die Initiative ergreift, reißt er aus. Helmbrecht und Crone drehen den Spieß nun um.

Dieses Entdecken von Parallelen beziehungsweise „Berichtigungen“ früherer Konfliktkonstellationen sorgt für Lesespannung, die der eigentliche Handlungsablauf eher nicht bietet.

Wenn man auf der letzten Seite ankommt und der mehr als erwartbare Happyend-Kuss erfolgt, wird einem schlagartig klar, dass Heyse zuvor reihenweise Spielhagen gelesen haben muss.

Die Schlussszene brachte den Stein der Erkenntnis ins Rollen: Das ähnelt heftig dem Ende von „Allzeit voran!“, als der verletzte Kavallerist nach der Schlacht von Gravelotte, im Lazarett jene junge Künstlerin als Krankenschwester wiedererkennt, die sein greiser Onkel per Mesalliance einst zur (nie akzeptierten) Fürstin eines thüringischen Kleinststaates machte. Hier nun, nach der Scheidung, arbeitet sie ebenso platonisch mit dem sie anschwärmenden ehemaligen Landarzt zusammen, wie Crone in Helmbrechts Kinderklinik.

Einmal aufmerksam geworden, fällt einem dann rückwirkend auf, dass die frivole Schauspielergräfin mit einem Mann verheiratet war, der dem Wahnsinn anheimfiel. Hoppla! Das gabs doch schonmal wo anders! Melitta! Jene Über-Fee aus Spielhagens „Problematischen Naturen“ hatte ja dasselbe Schicksal!

Und schließlich sind all die Gewissenskrämpfe Helmbrechts zwischen Sohn und Lebensabschnittsgefährtin Maria und der unantastbaren Crone Heyses Variationen des verheirateten Barons von Randow und Eleonore Ritter aus Spielhagens deutlich besser gelungenem Spätwerk „Stumme des Himmels“.

Was bleibt? Man müsste zeitgenössische Kritiken kennen! Aber leider ist mir das bisher nicht vergönnt gewesen.

„Crone Stäudlin“ ist eventuell ein Werk, das sein musste, damit es heftig Zunder gibt! „Ideenlos“…“zusammengepfuscht“…“überschätzter Autor“….Mit einem so verrissenen Werk wollte er sich nicht verabschieden!

1907 erscheint „Gegen den Strom“ – und siehe da: Der Alte kann’s noch!

Die Tochter ihres Vaters

Es war regnerisch. Schnee lag keiner. Wir schreiben Nikolaus 1898. Berlin, Kantstraße. Die war eine typische Gründerzeit-Bauboom-Erscheinung. Die Bäumchen vor den Häusern noch immer recht schlank. Stuck allenthalben, Schaufenster wechseln mit großen Toreinfahrten.

22777179880Vor der „Bücherstube“, Inh.: Ferdinand Müller, hält eine Droschke. Die noch relativ jung wirkende Mit30erin, die ihr entsteigt, wickelt sich für die paar Schritte bis zur Ladentür fester in ihren Shawl. Sie ist auf dem Heimweg von der Mädchenschule nach Hause, aber eine Stippvisite bei Müllerns muss sie sich heute noch gönnen, sonst ist es ein verlorener Tag.

Sie betritt das leere Geschäft, grüßt auf Verdacht nach hinten ins „Gewölbe“, dass 3 Stufen erhöht das Bureau vom Laden trennt, schlägt den Shawl zurück und beginnt die Bücherrücken linkerhand zu studieren.

Herr Müller, Endfünfziger, Marke Grandseigneur in Hermann-Hesse-Statur, steigt sofort aus seiner Geheimtipp-Halle hernieder und begrüßt die einzige Kundin zuvorkommend:

„Fräulein Spielhagen! Welche Freude in diesen lichtlosen Zeiten! Bitte hier entlang. Ich hab da was für Sie aufgehoben.“

Er deutet ins Gewölbe. Sie steigt die Stufen hinauf und nimmt vor seinem Schreibtisch in einem gemütlichen Lehnstuhl Platz.

Wie von Zauberhand gerufen, erscheint Frau Müller, klein und hutzlig, das Gegenteil ihres hageren 2-Meter-Mannes, und platziert eine gutgefüllte Kaffeetasse vor Antonie.

Dann rückt sie sich einen Stuhl hinzu, Herr Müller nimmt auf dem Patriarchen-Thron hinter dem Schreibtisch Platz.

Antonie nimmt den ersten Schluck und setzt die Tasse ab, als er hinter sich greift und ein Buch präsentiert:

„Für Sie! Wir Heyse-Verehrer der letzten Tage müssen doch zusammenhalten.“

„Oh? Der neue Heyse? Doch noch vor Weihnachten?“

„Wie Sie sehen. Ich habe ganze 10 Exemplare bekommen können von der Erstauflage. Skandalös!“

„Naja, aufgelegt wird er ja noch. Nicht zu knapp. Da klappts dann eben mit der Nachauflage.“

„Fräulein Spielhagen! Wir sind doch hier nicht in Zepernick, sondern in der Kaiser-Pfalz!  Reichshauptstadt! Berliner Westen! Wohlsituiert und konservativ! 4 Generalinnen allein in dieser Straße, die meine Kundinnen sind! Mir entgeht das Weihnachtsgeschäft! 50 Stück hätt‘ ich dicke verkauft!“ Er schlürft etwas unvornehm und grummelt noch einmal missmutig: „Zehn Stück! Lumpige Zehn!“

Sie hatte das Buch inzwischen aufgeschlagen und das Inhaltsverzeichnis überflogen.

„Immerhin hab ich das Glück nun ein Exemplar davon zu bekommen?“

„Unzweifelhaft, wie Sie sehen!“ Er wird vertraulich im Tonfall: „Ich kenn‘ Sie doch noch aus ihrer Schulzeit, da werd ich doch meine Stammkundin nicht vergessen! Und dann noch die Tochter DIESES Vaters! Bitte, meine Verehrung zu Hause auszurichten!“

Sie nickt pflichtschuldigst dankend.

„Kennen sich die Herren eigentlich persönlich?“, leitet er nun aus seinem Verkaufslamento ins gemütlichere Gespräch über.

„Sagen wir es so: Die beiden wissen voneinander.“, gibt sie lächelnd preis.

Ihm ist anzumerken, dass er nun gern mehr erfahren würde, aber er fragt nicht nach, will nicht zudringlich erscheinen. Da jedoch auch Antonie nichts sagt, sondern dem Kaffee zuspricht und ihn lobt, muss er sich schließlich doch überwinden:

„Eine Art Künstler-Krieg? Oder nur die Distanz nach München?“

„Weder noch. Konkurrenz. Beiderseitige Reserviertheit. Diplomatisches Lob für einander, ohne sich jedoch wechselseitig gelesen zu haben. Nehme ich jedenfalls an.“

„Jammerschade! Sie kämpfen doch beide an derselben Front, so will mir scheinen!“

„Schon-schon!“, stimmt ihm Fräulein Spielhagen zu, „Aber Papa monierte mir gegenüber gelegentlich, dass Herrn Heyses Figurenkabinett nur aus Künstlern und Italienurlaubern besteht, weil er das Leben nicht kenne, die Milieus nicht studiere, somit seine Figuren Schemen blieben.“

Die Ladenglocke bimmelt, Frau Müller geht und kümmert sich um die Kundschaft.

Er selbst hingegen schenkt seinem Gast mit einem formalen „Ich darf doch?“ noch einmal Kaffee nach und setzt das Gespräch fort:

„Hart geurteilt. Leider wahr. Trotzdem steckt doch mehr drin, als bloße Kolportage, ich halte Heyse für- “ 

„…einen Meisterpsychologen“, sprachen beide den Satz zuende und lachten.

„Na, da sind wir uns ja einig“, schmunzelte Herr Müller vertraulich, „bleibt mir nur, Sie zu warnen, wenn Sie die erste Novelle lesen“, er zeigte auf das Buch, das vor ihnen lag, „da könnte Ihnen manches bekannt vorkommen.“

Fräulein Spielhagen kramte in ihrer umfangreichen Tasche auf dem Schoß nach dem Portemonnaie.

„Wieviel bin ich Ihnen schuldig? Es ist die 4 Mark Ausgabe scheint mir?“

„Das ist richtig, aber nehmen Sie es bitte als Weihnachtsgeschenk. Meine Verehrung – auch an den Herrn Vater.“

„Sie wiederholen sich. Aber es tut gut auch einmal wieder Zuspruch zu erfahren. Der wird rar in letzter Zeit.“

Er schaltet prompt auf mitleidender Kamerad: „Ich habe das kopfschüttelnd verfolgt. Diese Verständnislosigkeit der Allgemeinheit! Friedrich Spielhagen als Anarchist! Man stelle sich den Unsinn vor! Mit der Vernunft ist es eben nicht weit her. Wir paar Bücherwürmer stehen da auf verlorenem Posten.“

„Leider setzt es zunehmend auch Anfeindungen seitens anderer Literaten. Insofern ist Bücherwurm leider kein Solidaritätskriterium.“, sinnierte sie halblaut vor sich hin.

„Zu wahr. Zu und zu wahr!“, pflichtete er ihr bei, „Neue Besen kehren gut. So sagt man oft – und sie fegen leider nicht nur den Schmutz hinaus, sondern auch ein paar wertvolle Bodenvasen um. Wenn das Bonmot gestattet ist.“

Sie nickte traurig.

Er fährt fort:

„Wer von den Lästerern wäre im Stande ein „Was will das werden?“ zu erschaffen? Seherischer Titel übrigens! Ganz zu schweigen von den „Problematischen Naturen“ seinerzeit oder „Hammer und Amboss“! Dafür geb ich den ganzen Freytag her!“

„Lassen Sie ihn das nicht hören!“

„Ihren Vater?“

„Nein, den Freytag!“

Und auf sein verdutztes Gesicht hin ergänzte sie:

„Zwischen DEN beiden ist nun wirklich Urfehde geschworen.“

„Huch? Interessant!“

„Aber das Familiengeheimnis erfahren Sie dermaleinst, wenn eine posthume Biografie fällig werden sollte; andernfalls nehmen die beiden Gegner das Problem mit ins Grab.“

Der Kaffee war getrunken. Sie erhob sich, bedankte sich für das Buch und signalisierte Aufbruch. Er begleitete sie durch den leeren Laden zur Tür, hielt ihr diese auf und verabschiedete sich galant von ihr, während seine Frau ein paar Bücherstapel wieder „auf Kante“ brachte.

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Toni war die paar Schritte nach Hause zu Fuß gegangen. Der Sprühregen und das Grau in Grau verdüsterten ihre Stimmung wieder. Sie erreichte das Haus, erklomm die Stiege zum I. Stock und klopfte. Das Dienstmädchen öffnete, knixte und meldete prompt: „Der Herr Vater hat schon nach Ihnen gefragt.“

Antonie verdrehte ein wenig die Augen, dankte und sprach zu sich: „So Mädel! Zweite Schicht; bloß gut, dass ich die zwei Tassen Kaffee intus habe.“, während sie die Straßenkleidung an die Garderobehaken hängte.

Dann begab sie sich in die väterliche Bibliothek. Wo sollte er auch sonst sein.

„Hallo, da bin ich!“ kündigte sie sich selbst an.

Der alte Weißbart da im Schreibtisch-Stuhl schien aus einer Grübelei aufzuschrecken:

„Da bist du ja endlich, Tonerle! Ich glaubte fast an ein Unglück!“

„Nein, nein ich war noch bei Müllerns, die Bücherwände bestochzen.“ Den Heyse-Band erwähnte sie nicht.

„Was du an dem Laden nur findest! Der alte Schöntuer ist mir zu geleckt.“

„Er und ich – mögen Heyse, das verbindet.“

„Ein weiterer Minuspunkt. Er entfremdet mich meiner Lieblingstochter.“

„Ach Voaaaa-diii!“ wechselte sie ins weiche thüringische Westsächsisch, „mor möjchn ihn ehm.“

„Nojoa-doch-nuor!“, nahm er den Singsang auf, „das isse doch – die Scheise.“

Dann griff auch er hinter sich und überreichte ihr ein Weihnachtspäckchen: „Hior habb’ch was für diche!“, um sich dann gleich wieder ins Hochdeutsch zu zwingen: „Nun isses aber auch gut mit DER Mundart.“

Toni wickelte vor dem Schreibtisch aus und hatte wenig später – „den neuen Heyse“ in Händen.

„Hat der Nikolaus für dich hiergelassen. Du warst heute früh schon aus dem Haus und deine Stiefel somit fort.“

„Danke Papa! Heyse – von dir?“

„Was tut man nicht alles für treue Kampfgefährten.“

Sie lachte nicht. Ihr Blick ging melancholisch durch ihn durch. Er spürte, dass etwas nicht in Ordnung war.

„Ärger in der Schule?“

30262989675„Die kleine Itzenplitz wird heiraten. Gleich nach dem Abi.“

„Wieder eine weniger, im Corps der Suffragetten.“ Es war als Witz gemeint, kam aber nicht an.

„Wozu bilden, wenn doch ein wenig Larve, Mundwerk und Geschicklichkeit beim Häkeln reicht?“, resümierte sie resigniert. „Warum fahr ich da eigentlich jeden Tag hin.“

„Ach Kind.“, nun hielt er es doch für nötig aufzustehen, um seiner Tochter den Arm um die Schulter legen zu können, „sind eben nicht alle so wie du und die Duse.“

„Spotte nicht, Papa. Wenn ich sehe, wie sich Jahrgang für Jahrgang, eine nach der anderen wegheiraten lässt, dann macht mich das von Jahr zu Jahr kränker.“

Er küsste ihr die Stirn. Dann sahen sich beide tief in die Augen. Er bemerkte die Schatten und Fältchenansätze heute zum ersten Mal: Sie verblüht. Schade um sie, dachte er und schwieg. Schließlich hatte er sich mühsam ein paar Worte zurecht gelegt, von denen er der Ansicht war, dass sie trösten müssten:„Tonerle! Du hast doch soooo viel mehr erreicht, als alle deine Geschwister zusammen! Komm, sei stolz!“

Sie sah zu Boden, zuckte die Schultern, nahm das Geschenk vom Tisch und verließ den Raum.

Als sie in ihrem Zimmer angelangt war, entzündete sie die beiden Petroleumlampen auf dem Schreibtisch. Dann legte sie die beiden Heyse-Bände neben einander. Ihre Rechte strich über den Einband. Gleich wird er rufen. Die zweite Schicht. Lauter kleine Verrichtungen werden es wieder sein.

In Gedanken erlebte sie das Schulgespräch aus der großen Pause von heute Vormittag nach.

Näs’chen, wie die Itzenplitz von ihren Freundinnen genannt wurde, war mit der Neuigkeit herausgeplatzt: Am letzten Wochenende hatte sie einen Antrag bekommen! Ostern wird es offiziell gemacht und im August solle die Hochzeit sein, so die bisherige Planung.

„Wer isses? Sag! Wer?“ hatte die halbe Klasse sie bestürmt.

„Olof von Puttkammer. Bäh!“, trumpfte sie auf und steckte Isabelle von Wolzogen, ihrer Intimfeindin, die Zunge raus: Eine glänzende Partie.

„Nun kannste mich nich‘ mehr mit Vitzliputzli aufziehn!“ Sie wollte sich kapriziös abwenden, aber –

„Pute!“ konterte die Wolzogen frech und imitierte das typische Truthahnkollern. „Vitzliputzli war wenigstens noch bauernschlau. Aber jeder entlarvt sich, wie er kann! Das Hirn einer Pute hast du schon, der Schrumpelhals kommt nach.“

„Nanana! Contenance, meine Damen! Nun wollen wir erstmal der Braut gratulieren“, hatte Toni ihre Autorität in die Waagschale geworfen und als erste gratuliert. Die Floskeln brachte sie nur schwer über die Lippen, aber die Backfische merkten es nicht. Sie hatte argwöhnisch ins Rund gelauscht, ob irgendeine Spitze gegen ihre eigene Unvermittelbarkeit zu hören war; aber nichts dergleichen war geschehen. Dann hatte sie der bösartigen Wolzogen mit einem Elternbrief drohen müssen, damit die sich eiskalt wenigstens pro forma bei Näs’chen entschuldigt. Ein hartes Stück Arbeit in der Pause!  Sie war heilfroh über das Stundenklingeln des Schuldieners. Schillers „Maria Stuart“ lenkte ab vom allzu biederen Frauen-Dasein höherer Töchter.

Bis hierher und nicht weiter. Sie wischte die Gedanken über ausbleibende Emanzipationsgelüste bei ihren Schülerinnen mit einer Handbewegung weg. Im Flur blieb es wider Erwarten ruhig. Also schlug sie den Band zur Rechten auf. Den anderen würde sie der Schule spenden. Buchprämie für irgendwann. Ihrem Ruf als „die Moderne“ käme das zu pass. Man würde wiedermal die Nase rümpfen, aber vor ihr schweigen. Die mit dem berühmten Vater durfte eben mehr, auch 17jährige Schülerinnen mit Heyse-Büchern prämieren.

„Der Sohn seines Vaters“ war die erste und titelgebende Novelle.

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corpus delicti

„Es wird ihnen manches bekannt vorkommen.“ Ferdinand Müllers Hinweis fiel ihr ein. Sie begann zu lesen.

Aha, wiedermal Italien. Da war sie inzwischen auch gewesen. Allein reisend. Lange. „Riviera“. Nun gut, da war sie nicht. „Ein trauriger Wanderer kommt des Weges.“ Sicher wieder ein Maler oder ein Philosoph. Nein – ein „reicher Erbe“, nun ja. Und der „sieht plötzlich eine junge Frau auf einer niedrigen Mauer sitzen und einen Olivenbaum malen.“ Das hätte ich sein können. Allein bleiben und malen. „Sie hatte nichts Auffälliges an sich.“ Passt auch. „War bescheiden gewandet.“ Dito. „Nicht eben hübsch, aber regelmäßige Züge…“ Sie konnte nichts machen. Ihr altes Idol hielt ihr einen  Spiegel vor.

Aber diesmal sollte es heftiger kommen. Es war nicht seine alte schwungvolle Schreibe. Ein paar Entwicklungen zu Beginn wirkten doch wie übers Knie gebrochen, aber die Handlung nahm Fahrt auf und trug sie über stilistische Petitessen hinweg – weit weg!

Alles, was der wohlhabende Nichtsnutz da von sich gab, hatte so ähnlich auch sie erzählt bekommen! Auch sie wäre um Haaresbreite verlobt aus Italien zurückgekehrt; auch in ihrem Falle wäre es eine gute Partie gewesen. Millionen-Erbe und Spekulant! Aber „ihrer“ hatte lediglich eine abgebrochene Offizierslaufbahn zu bieten, keinen Dr. phil. – Sie hatte exakt so dagestanden, wie jene Luise im Buch, hatte das Wechselbad der Gefühle genossen: Endlich jemandem aufgefallen! Aber: Wird das passen? Was kommt nach der Süßholzraspelei der Anfangszeit? Hat er genug Esprit? Oder ist er ein Kommisskopf? Ein depressiver Dandy? Bleibt diese Nettigkeit? Oder wann wird er Kante zeigen?

Sie hatte die Chance schließlich „verstolpert“; zu lange gezögert, eindeutige Antworten zu geben. Mit der Zeit war das Erlebnis versandet, aber Heyses Luise und Alfred bliesen eben diesen Sand nun wieder weg. Alles war wieder so lebendig da, wie eben erlebt: Die Malerin, immer am gleichen Fleck. Das ausgesucht komische Motiv, das sonst keiner malen würde, hatte sie mit Heyses Luise ebenfalls gemein. Somit den einsamen Ort. Tete-a-Tete tauglich. Der Verehrer kann sie finden und wiederfinden, wann immer er will. Der Gesprächsstoff knistert, wird immer persönlicher… Zuerst träumt sie sich das kurze Glück zurück, dann kommt der Frust über das eigene Versagen von alleine nach. Die Augen schwimmen. Sie sucht ein Taschentuch, wischt und liest weiter. Immerwieder kommen die Heul-Intervalle. Sie tun gut. Endlich loslassen dürfen! Hier gab es keine Zeugen. Hier war sie nicht mehr die „Moderne“, die nebenbei Novellen schrieb und in jeder Diskussionsrunde sachlich Paroli bieten konnte. Hier war ihr Kinderzimmer und sie das verschmähte Mädchen, dem die eigenen Kinder fehlten.

Ihr ist, als habe ein Spitzel des Autors sie in Rom belauscht und Heyse nichts weiter zu tun, als den Petzbericht etwas weiter nördlich zu verlegen. Aber es war IHR Schicksal! Die Fülle der Übereinstimmungen war erdrückend! Der angehängte Schluss, dieses „Beinahe-Happyend“, stößt ihr allerdings böse auf. DAS war NICHT sie! Sollte sie sich darüber grämen, dass es diese bajuvarische Luise da besser traf als die Höhere-Töchter-Dompteuse aus Berlin? Oder sollte sie Kraft und Hoffnung tanken, dass auch ihr noch ein realer Historiker oder Gymnasial-Professor begegnen könnte, der sie will?

Wer bin ich?! Ich bin doch nicht die Itzenplitz! Dieses Mädchengeschwätz vom Heiraten! Die Mädchenjahre sind vorbei! Geschafft hab ich tatsächlich einiges. Aber warum sehnen wir uns immer nach dem, was fehlt? Mitte 30! Da ist Feierabend! Denk an Heyses „Zwei Schwestern“ und an sein „Mädchenschicksal“! Die eine kriegt mit 28 gerade noch so „einen ab“ und die andere, obwohl weit hübscher, geht ganz leer aus. So isser nun mal – der Ernst des Lebens!

Aber so kann sie sich nicht beruhigen. Die Nacht ist schon weit fortgeschritten, aber sie ist zu aufgewühlt, um schlafen zu können. Also liest sie weiter. Die zweite Novelle „Verratenes Glück“ ist deutlich kürzer und erzählt die Geschichte einer klugen Frau, die an einen unwürdigen Galan gerät. Siehste! Es kommt ihr vor, als sei Novelle zwo das Jang zum Jin von Novelle eins: Gräm‘ dich nicht! Überlege, was besser ist: Allein zu bleiben und einsam zu sein – oder dich wegzuschmeißen und den Leidensweg der Konsequenzen gehen zu müssen.

Sie weiß nun, was zu tun ist: Die Sturmflut der Gedanken muss aus dem Kopf, wenn sie Ruhe finden will. Sie muss es zu Papier bringen, ihr Rom-Abenteuer mit diesem traurigen Bonvivant; erst dann ist sie es los.

Sie wird die Nacht durchschreiben. Der Schlaf wird ihr morgen Mittag fehlen, aber es gibt keine andere Lösung. Der Schreibdrang ist stärker. Nicht nur Söhne, sind die Söhne ihrer Väter, sondern eben auch Töchter Nachfahren in ähnlicher Situation. Sie schreibt „Herbst im Frühling“ in einem Fluss herunter. Dann geht die Sonne auf. Sie macht Katzenwäsche in der Wasserschüssel und begibt sich zum Frühstück ins Esszimmer. Ihre Augenringe sind nicht zu übersehen.

Vater fragt besorgt nach ihrem Befinden; ob sie sich krank fühle.DSC02995-002spielhagen

„Ich habe nicht geschlafen. Ich habe geschrieben. Es musste einfach sein.“

„MEIN Kind!“, strahlt Papa. „Diese Gefühlslage kenn‘ ich gut. Was raus will, muss raus.“ Er lehnt sich zurück und fragt nun nicht mehr die Tochter, sondern die Kollegin: „Bringst du’s wieder bei Westermann unter? Oder gibst du es der Gartenlaube?“

„Ich glaube weder noch. Ich fürchte, das gäbe diesmal böse Kritiken.“

„Oh je. Gehst du unter die Naturalisten?“

„Nein.“

„Das wollt‘ ich auch hoffen! Ich hab dir bei deinem Westermann-Debut gesagt- “

„- du wärst der bessere Heyse! Ich weiß.“

Sie trank ihre zweite Tasse Kaffee in einem Schluck aus und knallte sie etwas zu resolut auf die Untertasse.

„Diesmal hab ich wirklich eine Heyse-Novelle quasi beantwortet.“

„Donnerwetter. MEINE Tochter!“, der alte Mann mit dem Weihnachtsmannbart strahlt von der anderen Tischseite herüber. „Lass mich raten! Es ist „Der Sohn seines Vaters“ und du siehst dich als Luise.“

Nun ist das Staunen an ihr: „Du hast sie gelesen?“

„Ich konnte nicht anders. Nach den ersten beiden Seiten hatte ich dein Bild vor Augen, deshalb blieb ich dran.“

„Warum nur sagen mir alle, dass sie mich in dieser Luise sehen?!“

„Wer denn noch?“

„Herr Müller vom Buchladen – und ich selbst.“

„Da sind wir schon drei. Was hast du nun daraus gemacht? Eine Fortsetzung?“

„Nein. Eine kargere Variante ähnlichen Ablaufs – mit einem realeren Schluss.“

„Glaub ich sofort!“

„Warum?“

„Weil du das Leben kennst.“ Er hob die Kaffeetasse wie ein Sektglas: „Auf dich mein Kind! Es lebe Paul Robran!“

(Antonie Spielhagen; 1865-1910; veröffentlichte eine Handvoll Novellen in Westermanns Monatsheften. Immer unter dem männlichen Pseudonym Paul Robran. „Herbst im Frühling“ erschien dort jedoch nicht, sondern wurde das titelgebende Herzstück des Novellenbändchens, das um 1900 ohne Jahrgangsangabe (vermutlich) einmalig in kleiner Auflage in Berlin erschien. Mein Dank gilt dem Vielleser für das Zur-Verfügung-Stellen.)

 

Schnauze voll!

Die nächste Lesesensation ist ran:

Stell dir vor, du bist 35 Jahre im selben Beruf: Die alten Erfolgsrezepte beginnen zu versagen. Bewährte Kollegen und Freunde haben sich bereits in die letzte Daseinsstufe oder gleich ins Jenseits verabschiedet. Die jungen Wilden schnappen nach deinen Hacken: Mach dich weg!

Die Medien erzählen das Märchen von den Erfahrungen, die ach so unverzichtbar sind – wie so oft fernab der Realität. Analogzeitschlachten werden keine mehr geschlagen. Die Herstellung des Faustkeils ist Geschichte und Geschichte ist – mega-out.

Da entdecke ich dieser Tage ein Werk meines Literatur-Gurus Friedrich Spielhagen neu. Völlig neu.

Bisher rangierte es nach meiner Wertschätzung in der Schlusslicht-Gruppe seiner Romane; seit neulich ist es ins Mittelfeld vorgerückt. Der Leseeindruck ist ein anderer nun, weil:

Ihm gings wie mir!

Spielhagen veröffentlichte 1897 „Zum Zeitvertreib“, exakt 35 Jahre nach seinem so phänomenal erfolgreichen Erstauftritt von 1862 mit – BÄM! – dem voluminösen Zeitroman von den „Problematischen Naturen“ einer aufstrebenden Generation!

Damals war's: Melitta!

Damals war’s: Melitta!

„Zum Zeitvertreib“ ist in allem das Gegenteil: Kurz und hoffnungslos.

Die magischen 35! Da will viel Lebenserfahrung so recht Hoffnung nicht mehr aufkommen lassen. Einst gefeiert, verehrt, steht er nun im Mittelpunkt einer Rufmordkampagne. Seit 10 Jahren bereits angefeindet, betuschelt, verleumdet, verklagt. Von den gleichen Leuten, die ihn gestern noch hofierten, ihre Abendgesellschaften mit seiner Anwesenheit schmückten!

Vereinsamt durch den Tod seiner Freunde, fühlt er sich wie an die Wand gestellt:

Was will das werden? Aber den Buchtitel hat er 1885 schon verbraucht. Die Zeichen stehen auf Sturm. „Neuer Kurs“ heißt der Politikstil, der uns heute sehr an Trumps Wirrwarr erinnern würde, hätten wir die damaligen Fakten noch drauf. Außerdem ist da ein neuer Antisemitismus am weben, in verborgenen Nischen zwar, aber mit kaiserlicher Billigung und einem dummdreisten Hofprediger Stoecker an der Spitze.

Bild (21)Nirgends mehr „Formatmenschen“ wie  Lasker und Bismarck auf Posten. Nur noch karrieregeile Fassade-Fratzen, die sich elitär dünken, sobald sie ein „von“ im Namen haben. Die mit all ihrer Tischsittenfolter und Konversations-Korsetten sich jedoch selbst den Käfig bauen, der sie zur Doppelmoral zwingt, wenn sie trotzdem noch irgendwie ein bisschen natürlich „leben“ wollen.

Er will diesen Käfig darstellen. Aber wie?

„Der Realist soll in seinen Werken jedwede Tendenz vermeiden und den Alltagstoff wahrheitsgemäß, aber entschlackt, nie derb, also veredelt abbilden.“

Soweit war er mit Kollege Fontane immer d‘accord. Aber jetzt? Wenn vor lauter Schlacke keine Substanz mehr zu existieren scheint? Die Naturalisten sind beiden ein Graus und in deren Augen sind sie beide die letzten Überlebenden einer aussterbenden Art. Aber hat dieser Gerhard Hauptmann nicht recht? Wer gibt sich denn noch Mühe, feinziselierte Kritiken in Sprechenden Namen von Romanfiguren und paradoxen Standpunkten in Dialogen zu erkennen? Ist die Zeit nicht reif, die Dinge beim Namen zu nennen, wie Hauptmann das in „Vor Sonnenaufgang“ tut: Neureiche Primitivität in Oberschlesien. Suff und Inzucht. Kranker Nachwuchs.

Ist das „tendenziös“? Oder ist das – WAHR!

Weg mit den Scheuklappen! Hat sich was mit Happyend! So wie die Dinge laufen, nimmt das in absehbarer Zeit kein gutes Ende. Alle Mahner, alle ausgewogenen Typen werden kaltgestellt: „DRAUF!“  ist die Parole der Zeit. Und „Draufgehen“ die Konsequenz..

Und so schrieb er einen Roman, der so ganz anders ist als alle vorherigen und auch die 5 späteren, in denen er als „Schuster zu seinen Leisten“ zurückkehrt.

Gern wird behauptet, „Zum Zeitvertreib“ habe wie Fontanes „Effi Briest“ denselben realen Hintergrund der Ardenne-Affäre, die per Duell gelöst wurde. Das sah ich bis neulich auch so, quatschte es einfach nach. Nur ist das reale Duell 1897 15 Jahre her. „Effi“ erregte die Gemüter 1895, das Erregungspotential der Ardenne-Geschichte scheint mir nun aufgebraucht.

Es geht Spielhagen nicht um eine Mitleidgeschichte. Auch nicht um die „Frauenfrage“. Es findet sich im ganzen Buch eh keine Figur, mit der man sich freiwillig identifizieren möchte.

Es geht vielmehr um die Fratzenhaftigkeit all der gesellschaftlichen Abläufe, deren Teil Spielhagen selbst nun 35 Jahre lang war.

Eine Abendgesellschaft jagte die andere. Salon-Lesungen. Audienzen bei Hofe. Alles ohne „von“! Arrivierter Chef-Denker? Dichterfürst? Akzeptierter Ausnahmevertreter?  35 Jahre lang auf Messers Schneide, kritisieren ohne zu verletzen, herumkomplimentieren, um Verbindung zu halten zu einflussreichen Kreisen. – Um am Ende dann der bekicherte „Judenfreund“ zu sein, der dem Lasker und dem Auerbach die Treue hielt, über deren Tod hinaus. Auch als der Wind sich drehte, als dieser junge Katzenbart mit dem kurzen Arm das Sagen bekam, oder gerade deshalb! Als der Offizierskasino-Schmäh zu Weltpolitik wurde.

Säbelrasseln ist kein Nachweis von Gehirntätigkeit!

mdeVor 15 Jahren fehlten mir in „Zum Zeitvertreib“ fast alle bewährten Bestandteile Spielhagenscher Erzählkunst. Hier heimelt nichts an. Nach dieser Lektüre hast du keine Lust, die Originalschauplätze zu besuchen. Du überlegst nicht, ob Namen des Figurenensembles für heutigen Nachwuchs zumutbar wären. Du glaubst, einen Schnellschuss zu erkennen, der eben nicht traf. 22 Romane, einer fetzt nicht – was soll’s!

15 Jahre weiter werden dir die Ränder des Erzählten plötzlich zur Hauptsache. Neue Erkenntnis bahnt sich an:

Es sollte nicht anheimeln! Es sollte schocken! Was Hauptmann kann, kann Spielhagen mit links!

Stimmt! Aber von Elvis erwartet man keinen Punk, von YES keinen Gangster-Rap. Und so ging das Werk gleich in doppeltem Sinne bereits 1897 unter: Kein typischer Spielhagen. Ein Aufguss der „Effi“ – nur andersrum, der Crampas ist hier die tragische Hauptfigur. Falsch!

Bild (20)Hier geht es nicht um das Eheproblem verkuppelter Mädchen. Wichtiger scheint mir die Darstellung all der Schwadroniererei, der gönnerhaften, leeren Versprechungen bei den abendlichen Soireen, des scheinheiligen Lobhudelns von Dingen, die man eigentlich verachtet. All das „Unechte“, aber „Schickliche“. Kitsch, der für große Kunst gehalten wird. Falschheit, wo du gehst und stehst! Jeder weiß vom anderen, dass er das nicht meint, was er grade sagt. Aber das verlangt die Contenance!

Die „Buddenbrooks“ in kürzer. Oder: Die männliche Hauptfigur des Albrecht Winter als eine vorweggenommene Variation des „Wanderers ins Nichts“.

Hauptmann von Meerheim, der einzige Positive im Figuren-Pool, dringt mit seinen klugen Ratschlägen nie durch. Der Ehrliche – als Randfigur. Ein Alibi-Gesicht, mit dessen Bekanntschaft „die Gesellschaft“ sich gerne schmückt, sonst nichts. So wird von den anderen viel verspielt, ohne Notwendigkeit. Ein Menetekel.

Und auch diese Ebene sei noch angesprochen: Spielhagen denkt zuende, was geschehen wäre, wenn er „den anderen Weg“ gegangen wäre, den nicht so bescheidenen, abenteuerlicheren. Kurze Freuden, schneller Tod. Tiefenpsychologisch betrachtet ist der Roman eine Selbstanalyse. Die tragische Hauptfigur Albrecht Winter, der „mit allem bricht; dessen Aktionen aber keine Blüten treiben“, ist das langzeitverdrängte innere „Ich“ des Autors.

(Ich verkneif mir mal das weiter Spoilern. Der Roman ist noch antiquarisch erhältlich. Vielleicht interessiert es ja doch noch den ein- oder anderen Nischenbewohner da draußen.)

Das Werk endet mit einem – perfekt in Szene gesetzten – Fluch.

Und Tränen.

Der bisherige Ertüftler so vieler filmreifer Happyends hat mit 65 Jahren eben auch  –

die Schnauze voll!

Binz again

(oder Prora-Klaps 4)

Rügen.

Sommer für Sommer, weil Brüderlein dort wieder Urlaub macht.

Ich fahre unter der Woche und frühzeitig.

Klar. Yes sind wie in den Jahren zuvor dabei. „Heaven and earth“, die viel gescholtene. Passt aber in unsere Zeit. Gibt keinen besseren Soundtrack für eine Ferienfahrt gen Norden. Die Piste ist, wie sie sein muss, wenn Götter reisen, leer.

free bird...

as a free bird flies from the hand

Statt NDW ist dies’Jahr noch Joan Armatrading an Bord. Taking my Baby up town, sozusagen. Hat alles seinen Army-Bezug. Joan Armatrading bei der NVA? Wie das zusammengeht, willste wissen? Wart‘s ab. Ich geh auf Brother to Brother Tour. Music is the best! Und alte Spielhagen-Literatur.

Schon seltsam irgendwie, dass sich der eine Bruder eine Weltecke als Dauerurlaubsort aussucht, in der der andere einst Erfahrungen erfuhr, die ihm den EK-Spruch einbrannten:

„Drei Worte genügen – nie wieder Rügen!“

Eigentlich sollte der Armee-Scheiß dieses Jahr draußen bleiben, wenn ich über Rügen schreibe. Der Prora-Klaps schien geheilt, nachdem sich „mein Trakt“ letztes Jahr in der Entkernung befand und dieses Jahr wohl sicher Steuersparappartmentsilo für Herrn und Frau Irgendwasmitgeld geworden ist. Aber dann überkommt es dich eben doch wieder: Du fährst über diesen neuen Golden Gate Brückenabklatsch auf die Insel und fühlst dich automatisch komisch. Es ist nicht so, dass ich ununterbrochen an SPW und Spieß-Ural denke, aber blitzlichtartig sind diese Eingebungen mit von der Partie, obwohl ich mich doch eher mit vorbeifliegendem Farn am Wegesrand ganz still über Baronessen in Gutshäusern unterhalte, wie sie mein literarischer Hausgott erschuf. Das alte Forsthaus Prora  saust vorbei. Seine burgenartige Protzarchitektur zeugt von der untergegangenen Herrschaftlichkeit des ostelbischen Landadels. Rügen ist irgendwie auch wie Ostpreußen. Man kennt all diese Wehmut-Dokus, die im Laufe der Jahre so über die Bildschirme flimmerten. Alleen, Äcker, (Ur-)Wälder, Bunker- und Schlossruinen. Manche zwischendrin auch mal wieder restauriert. All das hat Rügen auch zu bieten. Und viel hätte nicht gefehlt, als Stalin in Jalta seine Grenzvorstellungen durchdrückte und immerhin schon Usedom sein polnisches Schwänzchen bekam.

Andererseits: Das Förster-Schlösschen lag zu Mauerzeiten im Nichts. Ich sah es zum ersten Mal, als ich auf der LO-Ladefläche ohne Plane mit anderen Glatten im Frühjahr 80 am Sonntagmorgen zu einem Schießplatz gekarrt wurde, um dort das Wegenetz für die „Sommerausbildung“ neu abzustechen. Die Spatensoldaten gab es damals in Prora noch nicht. Glatte haben keinen Anspruch auf Wochenende. Aber es war Frühjahr. Bald ist Mai und die neuen Glatten würden kommen. Das erste Diensthalbjahr war fast überstanden! Das Wetter war prima. Wir Glatten waren, von ein paar Kapos abgesehen, unter uns. Auch die Unteroffiziere schickten zu solchen Anschissdiensten am Wochenende nur ihre Glatten raus. Also die, die noch volle 2 von 3 Jahren vor sich hatten. Die waren glatter als wir, deshalb legten wir unsere Pausen selber fest und die Kapos setzten sich dazu. Keine störenden „Zwischenkotzkeime“ von der Waterkant, die uns in den Unterkünften schurigeln durften. Trotz Schaufeldienst ein Wonnemoment. Es duftete nach Frühling. Die Sonne schien. Glockengeläut von irgendwoher. In Ruhe gelassen werden. Das Schloss von eben fiel mir wieder ein. Rudelsburg und Schönburg „klopfen an“. Von fern bellt ein Hund. Im darauffolgenden VKU (verlängerter Kurzurlaub) werde ich Besitzer der „Heroes“ von Bowie. Die zweite Seite ist fast komplett instrumental. Düster. Dräuend. Irgendwo ganz hinten im Mix bellt plötzlich ein Hund. Woran denke ich, wenn ich sie heute höre? Die Insel „ist ein Teil von meinem Leben“. Wie in dem Song von Transit, nur anders.

DSC02995-002spielhagenSpielhagens Romane haben das aufgefangen. Er wuchs bürgerlich auf in Stralsund und war als Oberschüler oft auf den Gütern seiner Klassenkameraden zu Besuch. Rügen war sein Ausrittparadies. Er wurde zum Chronisten des 19. Jahrhunderts und all der Auswüchse jener Möchtegern-Klassensymbiose zwischen borniertem Landadel und größenwahnsinnigen Gewinnern der Industrialisierung. Seine Werke schaffen die Gratwanderung zwischen intelligenter Gesellschaftskritik und Gutshausromantik. Genau das willst du lesen, wenn du in einer der schönsten Ecken der Täterätätä Ungemach erdulden musstest und dir trotzdem die Gegend an sich nicht miesmachen willst.

Du wolltest nie wieder nach Rügen! 1981. 17 Jahre hats gehalten. Seit 1998 bist du nun aber 6 oder 7x dagewesen. Mit 4 ausgedehnten Stippvisiten nach Prora. Masochistischer Trieb des Unterbewusstseins irgendwie. Nein falsch: Eher Genugtuungssucht! „1-2-3- die Scheiße ist vorbei!“ Sieger der Geschichte sein! Deine Kaserne verfällt! Die Nachfahren der Längerdienenden wackeln hier und da in braunen ASV-Trainingsanzügen in den Vorgärten der Barackenbungalows herum, wohnen da noch, verschneiden Hecken, jäten Unkraut. Jedenfalls 1999. Als ich in einer solchen Einfahrt wenden will, weil ich mich auf der Suche nach „meinem Trakt“ verfahren hatte, steht da so einer mit Gesten des Vertreibenwollens und macht auf dicke Trainingshose. Scheinbar will er mir mitteilen: Mein Touristen-Auto, gebaut vom Klassenfeind, hat in seiner Einfahrt nichts zu suchen! Kuppeln, schalten, Gas geben, lenken. Dann den Finger hoch! „Leck mich, Sacki-Brut!“ Yeahr! Die Wunden von 79-81 gingen da gerade nochmal auf. Aber was für ein Gefühl, wenige Minuten später genau an dem Strandabschnitt zu stehen,

– an dem ich einst Welskopf-Henrichs Spätwerk „Nacht über der Prärie“ las und den „Schnauzer“ und die „Früchte des Zorns“. Beute aus der MHO, die es „draußen“ vermutlich wiedermal nur unterm Ladentisch gegeben hätte;

– an dem ich sonntags mit meinem Plattendealer im Sand lag und Vereinbarungen traf: „Du, besorg mir ma bitte noch die Joan Armatrading.“ (Der einzige Deal, der damals nicht gelang.) Die „to the limit“ ist eine verhexte Platte. Zu Mauerzeiten nicht beschaffbar, danach vergriffen, vor 2 Jahren immerhin in Amazonien downloadbar und nun endlich-endlich erhältlich. (Lach nich‘, Spotyfeixer! DIE musste noch sein! Collecting Records ist eine Kulturtechnik! Das wirst du nie begreifen.)

– an dem es eines Nachts hieß: „Posten 3 hat durchgerissen!“ Rattatatat! Vorkommnis! An der Ostküste von Rügen! Seeseite! Fichten, Farn und Sand. Welche Sorte Feind haucht dort nu‘ sein Leben aus? Die Wachdienstbereitschaft der Kompanie bekommt Alarm. Ein Leutnant mit 6 Mann eilt zum Ort des mutmaßlichen Anschlags auf die Sicherheit der Republik und findet -? – – – Soldat H. auf dem Turm; die Kalaschnikow noch im Arm, fasziniert auf die Büsche neben sich starrend. „Soldat H.! Meldung!“, brüllt der Lolli durch die Nacht. Der Ex-Hilfsschüler mit dem Kinski-Blick, und nunmehriger Angehörige der bewaffneten Organe oben auf dem Turm lehnt sich unmilitärisch über die Brüstung und zeigt ins Farnkraut und gibt strahlend Antwort: „Genosse Leutnant! Ka‘nickels!“ Anderntags sprang der Spieß im Dreieck: (Wachvorkommnis, Kopp voll! Der Spieß muss ein Protokoll schreiben und kann’s nicht; 8 Schuss weniger in der Waffenkammer; Meldung an OvD) „SCHREIBEEEEEE! Mach dat!“ —„Hat der Idiot auch noch mit Feuerstoß geschossen, du!“ „Dat gibt nich! Du! Dieser Idiot!“ „Und ich kann mir die Prügel vom OvD abholn, du!“ „Alles Arschlöcher! Die Wehrpflichtigen! Alle! Du auch, Schreibeeee, du bist auch’n Arsch solange du nich‘ aufkohlst!“ „Schreib Meldung!“ „Aber schreib ja nich von den Ka‘nickeln, du!“ „OvD macht mich zur Schnecke! Was für Idioten bei uns auf Wache ziehn!“ „Lass dir was einfalln, du! Als Protokoll! Und lass das den H. unterschreim, du! Du Soldat du! Oder die Balken* kannste dir nächstn Monat abschmatzn!“

Ich: „Das ist mir -“

„Halt dein Maul, du! Bist genauso‘n Arschloch wie der H.! Sachsen!“

„Der H. is aus der Prignitz, Hauptfeld‘, der is‘ dein Landsmann.“

„Ich hau dir gleich in die Fresse, du! Du redest, wenn du gefragt wirst!“

Ehrendienst. Für’s Leben lernen.

Und nun zivil am selben Strand!

40 Jahre später. Du bist nicht mehr der Spießschreiber eines Vollhonks! Der Block deines Bataillons … Dort gibt’s nichts mehr zu sehen. Da musst du nicht mehr hin!

Rügen ist jetzt nur noch Spielhagen-Eiländ!

Dieses Jahr auf besondere Art und Weise: Ich habe Herschelmanns Burgruine gefunden!

Er präsentierte sie hier. Ich wollte dahin! Selber-Knips!

sdr

Die Zehren-Burg?

Auf seinen Tipp hin, fuhr ich nach Dranske. Da, wo die Insel ihr Ende hat und Hiddensee fotografiert werden kann. An einem Tag mit KEINEM Badewetter. Also alle Touris nicht am Strand, sondern on the Road. Kollaps in beiden Richtungen. Bin dem Schicksal doppelt dankbar, dass ich kein gebürtiger Rüganer bin. Du kannst vor Touristen nicht treten – und schon gar nicht fahren. Und manche versuchen‘s dann noch in konstanter Boshaftigkeit als Radfahrer! Auf’ner Insel ohne Radwege! Leitplanken beidseitig. Alleenschutz. Bummelei somit Notwendigkeit. Tatütata von hinten? Nix Rettungsgasse. Biste ernstlich krank, haste verlor‘n. In Dranske such ich nach Einheimischen und gerate an Schweden, Wessis und Holländer und schließlich an eine freundliche tschechische Kellnerin. Ich zeige ihr das Herschelmannsuchbild. Nix Auskunft. „Wenn Sie das gefunden. Schreiben Sie mir Mail bitte? Mich interessiert das auch.“ Sie räumt ab und kehrt zurück mit ihrer Mailadresse auf’nem Zettel. Wow! Sachen gibt’s! Ich hielt Wort.

Dann gehe ich ins Gemeindeamt und dort endlich – ein Eingeborener! Zivilisiert. Kein Fischbein in der Nasenscheidewand, kein Sachsen-Knochen im Haardutt, keine Anker-Ohrgehänge, einfach ein End50er in Zivil. Freundlich und mitteilsam. Der erkennt das Bild sofort und erklärt, dass ich die ganze Hammeltour von Binz hierher umsonst gefahren bin, denn die Ruine steht – ganz woanders. (Danke Jürgen! Grummel-grummel!)

Also zurückfahren und dann rechts weg. Komisch freie Straße plötzlich. Zweimal an der waldigen Abfahrt vorbei gerauscht deshalb; dann doch gefunden.

SA-GEN-HAFT!

dav

out of the tunnels mouth

Und fast keine Leute da! Deshalb bleib ich mit genauerer Ortsangabe mal sicherheitshalber auch im Ungefähren. Kann ruhig noch ein paar Jahre Geheimtipp bleiben. Kannst ja auch nach Dranske fahren, wennde hinwillst!

Ich steige aus dem Auto, gehe ein paar Schritte ins Grüne und stehe mit eins vor der Burgruine, die ursprünglich ein Wasserturm gewesen ist, der bis in die DDR-Zeiten funktioniert hat. Bei Herschelmann steht, dass ein Eisenbahnmagnat das Ding kurz vor 1900 finanziert haben soll. Das brachte mich auf die Spielhagenfährte, weil dessen Halbbruder in preußischem Auftrag Schienen durch Thüringen verlegte und reich wurde. Der hatte mit Sicherheit ebenfalls diesen Stralsund-Bezug wie der große Poet, und somit die Verbindung zu den Junkerfamilien der Insel.

Noch besser aber ist, dass der Turm praktisch der Eingang zu einem wildromantischen, versteckten Park ist, indem eine Baumgruppe existiert, die krüppelig verwachsen ein natürliches Laubzelt bildet, unter dem gepicknickt oder gefeiert werden könnte. Spielhagen beschreibt in seinen Romanen des Öfteren solche Soireen von Adelsfamilien an lauschigen Plätzen; an Hünengräbern oder unter Urwaldriesen. Meist ist dann ein Gewitter im Anzug und die Katastrophennachricht, die wie der Blitz einschlägt und einen Teil des Figurenensembles in den Ruin stürzt. Spielhagen muss hier gewesen sein! Hier hat er zu Abi-Zeiten um 1847 herum als Feriengast des „jungen Herrn“ gefeiert, getanzt, begehrlich in den Nackendutt der ein- oder anderen Komtesse gestarrt und sich standesbewusst die Annäherung verkniffen! Vielleicht aber saß man auch in späteren Jahren hier zusammen, als die Nachricht von der Lasker-Rede eintraf, die 1873 die Gründerkrise auslöste?! Brauerei- und Eisenbahnpleiten massenhaft!

Ruine der Zehrenburg

…seine Schritte führten ihn zum Ort der alten Geschehnisse…

Wüsste man nicht, dass der Wasserturm von 1895 ist, dann könnte man die Ruine für die Zehren-Burg halten, in der der letzte Raubritter Rügens um 1833 als Pascher-König zur Strecke gebracht wird. „Hammer und Amboss“ erzählt davon.

Eventuell wollte jener Eisenbahngeldhai, als er vom Gastgeber einst unter das Laubzeltdach geführt wurde, auf eben jene Von-Zehren-Episode Bezug nehmen, seinen nun schon angefeindeten Dichter-Bruder ehren? Unterhalb des Hügels liegen Gebäude verstreut, deren einheitliche Gestaltung die Reste eines Muster-Gutes ahnen lassen. Das war 1895 sicher noch intakt!

Wieder beim Auto bemerkt Bruderherz den vielen Rhododendron in der Buschanei am Wegesrand. Kulturpflanze in der Wildnis! Das muss eine Geschichte haben! Wie kommt der hier her? In dieser Zahl! Wer kam auf die ursprüngliche Idee? Wann? Aus welchem Grund? Welche Baroness tröstete sich so über verordnete Gattenwahl hinweg? Eine Melitta-Pflanzung? Oder eine Happyend-Feier a la Edith? Bruder und ich folgen dem Pfad zu Fuß ein Stück. Nächste Überraschung: Ein Gutshof in der Wildnis. Top restauriert. Neues Tor. Privat. Kein Zutritt. Kein Namensschild.

Ich weiß trotzdem, wer da wohnt. Der Geist Spielhagens. Alles, was er schrieb, ist hier zum Greifen nahe! Sehe ich nicht schemenhaft seinen weißen Bart dort oben am Fenster? Sonnenstich.

(Gottlob hab ich nicht gegoogelt, denn dann erfährt man, dass das ganze Phänomen dort angeblich erst aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts stammt. Zerplatzt wäre der Tagtraum.)

Wir fahren zurück. Der Tag geht zur Neige. Brüderlein fühlt sich nicht und zieht sich bald nach dem Abendbrot zurück. So absolviere ich den abschließenden Strandspaziergang allein. Schiffe am Horizont. Dämmerlicht. Ian Hunter Stimmung:

„We walked to the sea, just my father brother ’n‘ me
And the dogs played around on the sand…

We’re two ships that pass in the night

We both smile and we say it’s alright
We’re still here, it’s just that we’re out of sight
Like those ships that pass in the night“

 

Am Horizont dräut der Küstenstreifen von Prora herüber. Nur, wenn man’s weiß. Alle andern sehen ein schwarzes Ufer-Band. Die Fichten verbergen den Koloss. Gut so.

Zurück zu, auf der totschicken Uferpromenade vermischen sich mir erneut die Zeiten:

…sah früher nicht so aus… 1980 waren das dieselben Häuser mit denselben Balustraden, aber das saubere Weiß war grau und schmuddelig… streifenweise lösten sich alte Farbanstriche von den Veranden… Klar, Meerseite eben… aber warum hat man das jetzt im Griff? Ich höre im Vorbeigehen babylonische Sprachenvielfalt, italienisches Gelächter, englisches Palaver, ein Alleinunterhalter plärrt „Jugendliebe bringt…“, scheinbar gar nichts, denn ein Teenieweibchen bockt auf Schwedisch „Pö!“, ihre Eltern winken genervt ab, als die ca. 15jährige plötzlich wieder wie mit drei die Arme vor der Brust verschränkt und stehen bleibt; anderen Passanten zum Hindernis. Schoßhunde beschnüffeln sich trotz Leine. Kleinkinder bekommen ein spätes Eis spendiert. Ich sehe Gestalten, die wie Rapper aus der Bronx der 90er wirken wollen: Wampe, Lumpenlook und Basecap; eine Flosse am Handy, die andere am Dosenbier – und sich beim Näherkommen als Russen entpuppen. Ich biege in Seitenwege ab und meine mich prompt selber wieder in Uniform zu sehen. Auf Ausgang im Frühjahr 1980. Den Nuttensattel* auf dem Kopp, die Hände in den Taschen, die linke am Schlüsselbund mit der Zwio-Spange*, die rechte hält das Koppelende. Die Schnalle schleift im Dreck. Irgendwie musste man ja seine Verachtung für den ganzen erduldeten Scheiß mal rauslassen. Hätten das die Falschen gesehen und mich verpetzt – o Mannomann, da hätte der Spieß seine Freude gehabt… Glück gehabt!

davKann ich wirklich in Binz keine 3 Schritte gehen, ohne dass mir wieder Schulterstücke wachsen? Cut! Ich zwinge mich an den Ausflug vom Nachmittag zu denken. Die Ruine! Das Laub-Zelt! Es gelingt! Friedrich, alter Retter! Zauberst mir im Handumdrehen angenehmere Erinnerungen her – an Eleonore Ritter, das schiefe Klärchen, die arrogante Konstanze, die liebe Hermine, die kluge Paula, die schöne Edith, die tapfere Hedwig und sie – Melitta von Berkow. Ob Aschenbecherfrisur oder gezopfte Kunstwerke – weiße lange Gewänder schweben unter Sonnenstrahlenbalken zwischen Rododendronbüschen herum, tanzen Walzer unterm Blätterdach, während ich in einer Art Romantik-Trance wieder in Strandnähe ankomme und Prora hinter mir in Dunkelheit vergeht.

 

dav

far far away

Worterklärungen – Landser-Jargon:

– Balken abschmatzen = die Gefreitenbalken für Schulterstücke gibt’s nicht; du bleibst Soldat
– Nuttensattel = Teller-Schirmmütze der Ausgangsuniform wurde einmal quer geknickt, bzw. die Seiten mehrmals nach unten gebogen, damit der vordere Teil mit dem Eichenlaub-Emblem hochstand und im Seitenprofil annähernd eine Sattelform entstand, ähnlich den Generalsmützen der Wehrmacht.
– Zwio-Spange =eine Plastekralle(eigentlich für Gartenschläuche oder Heizrohre) die man ab 7.Monat besitzen durfte und in die zu Beginn des 13.Monats das zusammengerollte Bandmaß zum Tage zählen eingequetscht wurde; Zwio = Kurzform von Zwischenhund.
– Glatter = 1.Diensthalbjahr
– Zwio/Zwischenhund/Zwischenkotzkeim = 2. Diensthalbjahr
– EK/Resi = Entlassungskandidat/Reservist = 3.Diensthalbjahr

 

 

Verliebt, verhoben, vergessen, verehrt…

Man könnte Wikipedia anklicken und sich über Georg II. von Sachsen-Meiningen informieren. Man erführe auch die Namen seiner 3 Ehefrauen. Jede von ihnen hat wiederum eine eigene Schlagwortseite. Es wäre alles da. Aber: Wer macht das schon? Georg II.? Und dann noch nicht mal der King des UK? Wozu?

Im Sommer 2017 saß ich im Buchladen von Meiningen und wartete auf eine Regenpause draußen. In jenem Sommer konnte sowas dauern! Der Bildband, den ich in dieser Zeit (quer)las, enthielt all die obengenannten Informationen. Und er verschwieg, dass Friedrich Spielhagen einer der häufigsten Besucher des Hofes jenes Kleinstaatregenten war.

Wen juckt’s?

Mich!

Spielhagen ist mein literarischer Hausgott. Die Fakten zu den drei Ehen entrollten mir den Tatsachen-Hintergrund zu einem seiner Romane: Allzeit voran! (1872)

2017 ist obendrein das Diana-Jahr: 20 Jahre Tunneltod! Da kommt einem in der Georg-Biografie viel bekannt vor. 100 Jahre Unterschied. Mehr als der Übergang von der Kutsche zum Auto? Mesalliancen können immer noch Thema werden. Und was bedeutet „morganatische“ Ehe; bzw. „Ehe zur linken Hand“?

Ich wurde somit auf die Spur gesetzt: Der tatsächliche Georg von Wettin, Herzog von Sachsen-Meiningen, wurde steinalt, starb 1914, war intelligent, diplomierter Historiker, eher propreußisch und liberal gesinnt und er war 3x verheiratet. Zum ersten Mal (mit Charlotte v. Hohenzollern) sehr glücklich, doch Kindbettfieber kennt kein arm und reich; die vierte Geburt beendet die Ehe Nr.1.

Die zweite Ehe (mit Feodora von Hohenlohe-Langenburg) verläuft sehr unglücklich, da Ehefrau Nr.2 zwar jung und hübsch, aber borniert und künstlerisch völlig desinteressiert war, weshalb der Herzog einsehen muss, hier nichts mehr „umprägen“ zu können und mehr und mehr allein ins Theater ging. Gerüchte entstehen. Das Gemunkel wird Tatsache. Frau Nr.2 frustriert‘s. Sie erkrankt, hat keine Widerstandskraft (mehr) und stirbt 32jährig; erlöst somit beide Ehepartner aus einem fast feindseligem Verhältnis.

Georg ist 46 und heiratet das letzte Mal; „nur“ morganatisch; eine Bürgerliche; sein Langzeitverhältnis; eine Schauspielerin. Ellen Franz. Sie ist im gleichen Alter wie seine zweite Frau, weniger attraktiv, jedoch intellektuell ansprechbar wie seine erste. Das Verhältnis begann 4 Jahre vor dem Tod von Ehefrau Nr. 2. Die Attraktivere verliert. Eine deutliche Windsor-Parallele. Deren Wurzeln liegen „nebenan“ im Gothaischen.

 

Spielhagen schrieb seinen Roman als Liebesroman, Arztroman, Politikum. In der Nebenfigur des Apothekers der Residenz wird er obendrein passagenweise zur Klamotte. Wieder einmal hat er Stoff für ein Großwerk, ein gesellschaftliches Komplettpanorama wie in den „Problematischen Naturen“ und in „Hammer und Amboss“ zuvor. Er nimmt sich jedoch diesmal nicht die Zeit, es auszukleiden. Auf nur 300 Seiten zusammengedrängt kann der Stoff nicht richtig leuchten. „Allzeit voran!“ wird kein Erfolgsbuch, ist aber lesenswert, weil es, so ganz nebenbei und vollkommen untypisch für die Zeit, NICHT in Hurrapatriotismus verfällt. Der geneigte Leser erfährt hier, wie die Stimmung außerhalb Preußens im Sommer 1870, am Vorabend des Deutsch-Französischen Krieges, im Volk und an den Höfen tatsächlich gewesen sein könnte.

Es geht um einen jungen Landarzt, um eine noch jüngere (aber volljährige) Malerin, die die morganatisch angetraute zweite Frau eines schon sehr alten Fürsten eines thüringischen Kleinstaates ist und um eben diesen 70jährigen Fürsten selber. Da diese Ehen zweiter Klasse, oder „zur linken Hand“, eigentlich seriöse Öffentlichkeit für standesunübliche Verbindungen ermöglichen sollten, jedoch Mesalliancen blieben und Rufschädigung bedeuteten, waren sie extrem selten. Der einzige Thüringer Regent des späten 19.Jhds., auf den sowas zutraf, war Georg II. Im Hochadel war sein außereheliches Verhältnis mit Ellen Franz mal süffisant, mal bösartig kommentiert worden. Von einer baldigen „Ehrlichmachung“ der Liaison nach dem Tod von Ehefrau Nr.2 wurde geunkt, als das Ereignis dann jedoch real wurde, war der Skandal perfekt und die Kontaktabbrüche zahlreich. Nichts desto trotz standen Georg noch 42 Jahre glücklicher Partnerschaft bevor.

Die Veröffentlichung des Buches und die Bekanntmachung der „Konkubinenheirat“ fallen zeitlich zusammen. Im 70jährigen Romanfürsten wird allzu leicht der 46jährige Meininger Regent erkannt, der charakterlich und altersmäßig jedoch eher Georgs Vater zum Vorbild hat. Dieser hatte sich 1866 für die falsche Seite entschieden und wurde anschließend auf Bismarcks Betreiben zur Abdankung genötigt, um seinem pro-preußischen Sohn die Regentschaft zu überlassen. Spielhagen nimmt diese Episode der Familiengeschichte der Meininger Wettiner stark abgeändert auf und fügt sie einen Krieg später ein. Auch hat sein Romanregent keinen Nachkommen, weshalb im Roman gleich ein preußischer Neffe auf den Thüringer Thron folgt, während der real Abgedankte wenigstens die Gnade erfährt, seinen Sohn als Nachfolger einsetzen zu dürfen.

„Lass es weiterhin wie Souveränität aussehen!“, mag sich Bismarck gedacht haben.

Eine Würde von Preußens Gnaden, denn die „Thüringischen Staaten“ hingen wirtschaftlich schon lange vor den 3 Kriegen am Geldhahn Berlins.

Preußen vergoldete seit ca. 1845 den „Thüringer Zaunkönigen“ ihr Dasein für das Gewähren der Erlaubnis, Schienen in die Rheinprovinz legen zu dürfen. Wirtschaftlich stand die Region, weil Massentourismus noch fehlte, ansonsten da wie Mecklenburg. Hinterwäldlerisch die Industrialisierung verschlafend, fristeten Spielzeugschnitzer, Nagelschmiede, Holzfäller, Köhler und Weber ihr kärgliches Dasein. Das damalige Elend – ein Segen für die Gegenwart, wenn man so 2017 durch intakte Natur rollt, die es andernfalls nicht mehr geben würde. Die Fehler von gestern sind die Erfolge von morgen. An den Thüringer Geschicken ablesbar.

Der Fürst des Romans ist nur 2x verheiratet. Spielhagen kürzt 3 Ehen auf zwei, indem er die letzten beiden Frauenbilder zusammenzieht: die unerfüllte Ehe und die Schönheit von Feodora, sowie die künstlerischen Interessen von Ellen Franz werden eins. Georg macht im wirklichen Leben seine dritte Ehefrau zu seiner Chefberaterin in Sachen Kultur, baut gemeinsam mit ihr einen prominenten Freundeskreis der Dichter und Komponisten auf. Beide gemeinsam reisen viel, holen sich Ideen aus ihren Urlaubsorten und reformieren das Meininger Theater zu Weltruhm. Bayreuth ist schon berühmt. Meiningen zieht nach. DIE Pilgerstätten der Kulturenthusiasten der Zeit. Außerdem wird nach ihren Vorstellungen der bis heute erhaltene romantische Park der Residenz angelegt. Sie harmonieren perfekt. Georg hat in Ellen eine „zweite Charlotte“ gefunden.

Ganz anders im Buch: Die junge Künstlerin malt in einem Gartenpavillon. Sie hat keinerlei Einfluss in irgendeiner Richtung und auch keine Ambitionen, diese Situation zu ändern. Eine malende Feodora, allerdings bürgerlicher Herkunft. Auch ehelich ist dem alten Herzog mit ihr kein Glück beschieden.

Spielhagen legt die Liaison tragisch an: Er lässt es während eines Kuraufenthaltes knistern; intellektuelle Gespräche zwischen beiden sind möglich. Beide atmen auf, glauben auf einen Gleichgesinnten gestoßen zu sein. Gekonnt wird das Thema “Altersgeilheit“ umschifft. Beim Herzog ist es eine Art Erlöserwahn, der ihn zur Ehe verleitet. Die arme mittellose Schönheit soll es gut haben und sich verwirklichen können. SIE sieht in ihm den alten, lieben, hilfsbereiten Mann und die Hoffnungslosigkeit ihrer mittellosen Lage. Sie entsagt wissentlich einem erfüllten Liebesleben. Das „Ja-Wort“ ist ihre Art von Resignation. Die Kommunikation erstirbt. Sie leben nebeneinander her. Die Domestiken verachten sie, da sie dem Vergleich mit der verstorbenen Herzogin nicht standhalten kann. Sie zieht sich in den Mal-Pavillon zurück.

Feodora gab im wirklichen Leben lieber die barmherzige Landesmutter, um dem Schlosspersonal zu entgehen; durch die Elendsquartiere der Dorfbevölkerung reisend und sich somit auch den finalen Scharlach zuziehend. Hat sie den Tod gesucht? Soweit geht die Malerin im Roman nicht. Jedoch trennt sie sich letztlich von ihrem Gönner und löst so das „unnatürliche Band zwischen Jugend und Greis“ um ihr Leben selbst zu gestalten…

Das Buch erscheint 1872 und stellt die Verhältnisse an den Thüringer Höfen – trotz aller Abänderung – gut erkennbar bloß. Aber: Spielhagen verkehrt weiterhin in Meiningen und wohnt während dieser Aufenthalte in Gästezimmern des Schlosses. Kein Anzeichen von Ungnade seitens des skandalträchtigen Herrscherpaares. Stattdessen jene Belohnungsanfrage und ihre Beantwortung; sowie das große Vergessen, das über alle Beteiligten, das Reich, das damals gerade entstand und den Roman inzwischen hinweg gegangen ist.

12 kopiemeiningen

Copyrights diesmal alle by Bludgeon selber.

Im Land der Ahnen…

….2017 stark verregnet, stößt der Blick des Reisenden doch auf die eine oder andere kleine Sensation: Die gottlob – trotz Holzklau und Kaminwahn – immer noch vollständig bewaldeten Berghänge des Rennsteigs und auch des sonstigen Thüringer Waldes dampfen nach überreicher Wolkenschüttung morgens heftig in den raren Regenpausen.

„Und ewig singen die Wälder“ vom vegetativen Überlebenskampf, dem Trockenheit genauso schadet, wie nasser Überfluss, der den Wurzeln den Halt zu rauben droht.  Rauchschwaden, Wolkenschatten, relative Finsternis; ganz ohne Feuer – „Into the mystic“; Van Morrisson liegt nahe. Oder die wunderbare „Wildhoney“ von Tiamat mit all ihren Sumpflandgeräuschen und tiefen Growls zu akustischer Gitarre und Kriegstanzrhythmus der Hobbits & Orks. Beides leider im Auto nicht vorrätig. Auch Haggard und Douglas Spotted Eagle glänzen durch Abwesenheit. Mist!

Das Thema Soundtrack-Auswahl hatte ich schon mal besser im Griff! Aber so geht das schon die ganze Zeit in diesem Jahr. Kaum stellt Töchterlein fest: „Das sieht hier aus wie Kanada!“ fehlen mir prompt auch noch Bachmann Turner Overdrive! Wir hören also, während rund 2000 km Fahrleistung anfallen, so kreuz und quer durch diesen Gustav-Freytag-County und das angrenzende Söderistan, Kompromiss-Mugge; wie immer, wenn Frau und Tochter an Bord sind: „Private best of 70s“ (Mainstream; immerhin unter Auslassung all der musikalischen Disco-Ölpest jenes Jahrzehnts) Al Stewart, Bob Seger, ELO, Fleetwood Mac; verpassen uns von letzteren auch eine Überdosis, da zusätzlich die neue „Lindsay Buckingham und Christie McVie“ mit von der Partie ist und klingt, als wären’s die missing Pieces der „Rumour-Sessions“. Eigentlich seeehr schön, aber eben nicht 3x am Tag.

Es war in diesem Jahr eine Blitzentscheidung. Es wurde ein „Behelfsurlaub“ der schönen Bilder. Für Auslandsbuchungen zu spät dran blieb nur die Alternative: Urlaub in Deutschland oder gleich ganz zu Hause bleiben. So versuchte ich wenigstens noch zwei Fliegen mit einer Klappe zu erwischen: Irgendwohin, wo’s schön ist (mal nicht die Ostsee) und wo’s eventuell die Möglichkeit gibt, per Tagesausflügen Regionen des „unbekannten Westens“ kennenzulernen.

Irgendwie ist dieses „Adenauerland“ eben doch eine Art von Ausland geblieben.

Also: Meiningen. Thüringen ist schön und Franken ist nicht weit. Plan erfüllt.

Dachte ich. Nach erfolgter Buchung im Melchiormäßigen „Schlundhaus“ der Stadt. Sehr schönes Renaissance-Ambiente innen wie außen. Sehr nettes Personal.

Jedoch kam es anders als gedacht, was zum einen dem Wetter des Sommers 2017 und zum andern der hypersensiblen Ossi-Seele geschuldet sein mag. Die Nebensache wurde zur Hauptsache. Die Exkursionen nach Söderanien hinterließen nur blasse Eindrücke. Die Ausflüge im Land der Dichterfürsten führten stattdessen zu einigen Aha-Momenten.

Die Entscheidung für Meiningen war keine Kopfgeburt. Eher so aus dem Bauch mit Torschlusspanik: Bloß keinen reinen Brandenburg-Urlaub mehr verwarten müssen!

Üblicherweise bekommt der Hund in solchen Reisezeiten Tierpension zu Hause und Herrchen ein bisschen schlechtes Gewissen.  In diesem Jahr jedoch erlebte er passend 14 Tage vor Abreise mit stolzen 8 Jahren auf dem Buckel seine erste Beißerei; und die gleich mit so einem Kampfhund-Köterproll-Mix und — unterlag. Die offene Schulter musste fachgerecht verarztet und beobachtet werden. Deshalb verbot sich Tierpension von selbst. Er musste mit. Man gut, dass es mit England nicht geklappt hat! Er erlebte also eine reichliche Woche Rudelnähe rund um die Uhr, aber draußen überwiegend an der Leine. Leinenzwang all over. Schwarze Tüte immer „am Mann“ bzw. „an der Frau“ wandelten wir nach Ankunft zunächst leidlich beschirmt und einigermaßen ziellos durch den Ort. Mit Collie im Stadtbild, wo auch immer, setzt es reichlich Komplimente:

„Guck mal! Ein Löwe!“ von Seiten kleinerer Fans.

„Guck mal Lassie!“ von den Älteren.

Komischerweise verweist nach wie vor niemand auf BESSY?! Die Comics waren doch so erfolgreich in unseren Jahrgängen!

Weib, Kind und Hund entschlossen sich alsbald zwecks Trocknung die Unterkunft aufzusuchen, während wir gerade in der Nähe des Buchladens standen. Also betrat ich den auch und wusste wiederum nicht, wonach sich zu suchen noch lohnen würde. Thriller – nein danke, Krimis – brrrrr, Memoiren von Menschen mit Jahrhundertbiografie a la Sigmar G. und Phillip L.? Die armen Bäume! Die Band-Bio der Ärzte?

Ich wusste nicht, wohin mit mir – und draußen schifft‘s. Da fiel mein Blick auf einen Charakterkopf mit ernster Miene. Ein wahrer Adlerblick fixierte mich. Intelligente Augen, weißer Weihnachtsmannbart und Halbglatze. Sein Blick traf mich von der Titelseite eines Bildbandes: Georg II. Und als ich den aufschlug, traf mich wie ein Schlag die freudige Erinnerung: Meiningen! Georg II.!

„… möge uns der Herr Poet doch baldigst eine Idee zukommen lassen, mit welchem Orden, welcher Gnade wir ihm unsere Wertschätzung erzeigen könnten.“

Und SPIELHAGENs knappe Antwort war: „Wenn Durchlaucht mein geneigter Leser bleiben wollen, so ist mir dies Ehre genug.“

Ich hatte das völlig vergessen! Jetzt war mit einem Schlag mein Ferienfilm geboren: Die Thüringischen Zaunkönige des späten 19.Jahrhunderts im Bemühen mit Sachsen Weimar- Eisenach gleichzuziehen und Kulturhochburg werden zu wollen, locken die schreibende Prominenz in ihre Paläste. Die dynastischen Privatissime, die hier in verrauchten Herrenzimmern verraten wurden, der Eindruck der Landschaft, „die hier in Thüringen, wie auch der Menschenschlag, das Höchstmaß der Ausgeglichenheit erreichte“ (Felix Dahn), flossen ein, in einst viel gelesene Werke, die Ruf und Reichtum schufen – und heute leider vergessen sind.

Thüringen hatte nach hehrer Bedeutsamkeit als Grenzmark im frühen Mittelalter des 10. und 11.Jahrhunderts eine lange Phase politischen Niederganges ereilt. Die ernestinischen Wettiner, also das sächsische Königshaus der Reformation, vererbten nicht qua Erstgeburt, sondern qua Erbteilung. Jedes am Leben bleibende Brüderlein „der Familie“ musste so mit einer Stadt und ein paar Dörfern bedacht werden. Thüringen, das alte eigentliche Westsachsen, wurde geradezu atomisiert. Da dank Luther und Friedrich dem Weisen bereits säkularisiert worden war, gab es auch später für Napoleon in diesem Gelände keine unabhängigen Bistümer aufzulösen. Für ihn war das Durchgangsland, das er beließ, wie er es vorfand. Ebenso Metternich auf dem Wiener Kongress 1815 bei der Erfindung des Deutschen Bundes. Nirgends war deshalb Zersplitterung nach den Befreiungskriegen größer als hier: Im grünen Herzen Deutschlands.

Goethe lebte noch. In seinem Lichte strahlte Sachsen Weimar-Eisenach. Der Musen-Hort. Die Fürstenwitwe und vormundschaftliche Regentin Anna Amalie, zwangsverheiratet, aber durch frühe Witwenschaft befreit, hatte 50 Jahre zuvor für intellektuellen Zulauf im Ländle gesorgt und gründete die nach ihr benannte Bibliothek in einem Bauwerk, das ihr von jeher ein Dorn im Auge war: Bereits im 16.Jahrhundert hatte einer der Weimarer Regenten das Lustschloss zur Auslebung seiner Triebe direkt vor das Stadtschloss, also gewissermaßen vor die Schlafzimmerfenster seiner Zwangsangetrauten bauen lassen. Seine Nachfolger übernahmen mit der Macht auch jene pikante Servicelokation, um sie in besagter Weise zu nutzen. Anna Amalie, verwitwet aber noch nicht 30, hob die Bedeutung des Bauwerkes, nach dem ach so plötzlichen Ableben ihres Gatten, at hoc von der Unterleibsdienstleistungshalle zum Studienort des Kopfes.

Sprach man in jenen Tagen von Thüringen, meinte man Weimar. Die anderen Zaunkönige mussten sich was einfallen lassen: Der zweiterfolgreichste Zwergstaat in Sachen Prestige-Hebung wurde Sachsen Coburg-Gotha, das „Adelsgestüt Europas“ (laut Bismarck) durch – ähem – blaublütigen Jungs-und Mädchenhandel. Für den Bedarf eines jeden Königshauses war ein heiratsfähiger Fürstensproß/eine Komtessè vorrätig (Elite-Partner.de – ohne Internet) 1914 gab es keinen Thron in Europa, auf dem nicht ein coburg-gothaischer Abkömmling saß. Über jenes Puzzleteil sind Windsor/Battenbergs, Habsburg, Romanows und Hohenzollern verwandt und verschwägert; der I.Weltkrieg ein Familienzwist.

Hinzukommt, dass das Herrscherhaus in Gotha 1853 einem prominenten politischen Flüchtling Quartier bot, der kurz nach Aufnahme hier vollends zum Bestsellerautor und Dichterfürsten der Nachgoethejahre avancierte: Gustav Freytag.

Aus Preußen als zu liberal entfernt, alsbald aber auch dort wieder gewertschätzt und begnadigt, ja später mit dem Pour le Mérite versehen, sorgte er als Journalist, Dramatiker und Buchautor für dauerhaftes Aufsehen. Er war schon 1848 für die kleindeutsche Lösung eingetreten (ein Reich ohne Österreich) und erlebte in den Folgejahren den Wandel seines Minderheitenstandpunktes zur Mehrheitsmeinung. In Siebleben bei Gotha ließ er sich nieder und verfasste hier seine beiden Dauerbrenner „Soll und Haben“(1855) und „Die Ahnen“(ab 1872), jene mal 4-, mal 6- mal 8bändige Familiensaga, die aus germanischer Vorzeit bis hinauf in die Tage der 48er Revolution reicht. Letzteres Kapitel in mancher „gekürzten und von Weitschweifigkeiten bereinigten“ Auflage der 20er und 30er Jahre gern unterschlagen.

Spielhagen wiederum verkehrte des Öfteren im Schlosse derer von Sachsen-Meiningen, Freytag deshalb nicht.

In Ermanglung von Antiquariaten und Musikläden zog ich es vor, mental im späten 19.Jahrhundert zu verweilen, statt Kneipen, Rossmann-Filialen, Schöller-Eis-Fahnen oder Taschen vertickende Inder zu zählen.

Spielhagen und Freytag wurden meine Scouts, wenn ich nicht gerade mit engsten Parkhauskurven in Bamberg rang, auf dem Markt von Coburg mit der übelsten Blümchen-Kaffeeplörre der Marke „letzte Lagerhallenfegung“ konfrontiert wurde oder kopfschüttelnd die inflationäre Richard Wagner Verhohnepiplung in der Fußgängerzone von Bayreuth ertrug: Alle gefühlten 5 Meter stand dort vor jedem dritten Laden ein ca. 1m großer Gartenzwerg-Richie mit erhobenen Händen in Dirigenten- oder Bettelpose eines bockigen Kleinkindes „Mama t‘agen!“, ganz wie man will. Wagner goes Tele-Tubbie. Mal schlumpfblau, mal popelgrün, mal wutrot – scheußlicher Endzeiteinfall einer sich überlebt habenden Kultur.

Gottlob gab‘s ja noch die Wälder, die Berge, die weiten Straßen und den Sound eines ganz anderen Jahrzehnts: Der schon erwähnte 70er Mix und die Wiederauferstehung von Ingo, Ingraban und ihren Nachfahren befreiten aus dem nivellierten Heute; schon lange bevor wir per Zufall den tatsächlichen Gustav-Freytag-Wanderweg fanden.

„Time Passages! Buy me a ticket on last train home tonight…“

Und als auf abendlicher Fahrt Töchterlein neben mir, die zwischen den Scheibenwischerintervallen all die tollen Fotos schoss, am Radio drehte, um Papas Musikarchiv zu entkommen, erklang da plötzlich

„…. these towns all look the same, and we remember that why we ca-hame…“

und wie aus einem Munde schrien Mutter und Vater: „Lass mal!“ Überstimmt. Wir „Ahnen“ waren David Guetta, Ed Sheeran, Rihanna & Co wiedermal entkommen. „Oh want you staaaaaaaay – just a little bit longer! Oh please please stay! Say you will. SAAAAAHY youhu will!“ Aber weder Immo, Helgi noch irgendeine Walküre hatten „Bock“, dergleichen zu tun. Sie schickten einen letzten gespenstischen Lichtergruß und blieben im Land der Sagen und Legenden, als unser Eisenpferd schließlich den Pfad gen Norden einschlug. Kein Urlaub hält ewig.

Copyright aller Fotos: Bludgeons Daughter; Illustrationen aus „Germania“(1905); „Realienbuch“ (1912) und „Der Gute Kamerad“ Bd.26 (1912)

Im Jenseits 2

Frau von Suttner wandte sich Wilhelm Raabe zu und führte ihn ebenfalls auf die Seite.

„Wo jeetz’ der ahne fuord is und i den oandern net frong möcht, seins so lieb und erklärns mer den Gruund für diese Misshellichke-iten zwischan dem Spielhagen und dem Freytag. Wann derahne net guckt, schleudert der aandre Bliitze, doas es eine Oart hoat, woas kommerda tun?“

„Nichts, Gnädige Frau. Das ist, wie es ist. Bis in alle Ewigkeit.“

„Na. Sanns ned so faaad. Sie wissen mehr?”

„Ich schlage vor, dass wir’s uns für diese Geschichte etwas gemütlich machen.“

Im Jenseits kann man, wie auf Knopfdruck, durch bloßes Erinnern, die Wunschumgebung um sich her erzeugen, die man momentan mag oder für angemessen hält. Raabe sorgte somit spontan für einen großbürgerlichen Salon der vorletzten Jahrhundertwende mit zwei bequemen Fauteuils vor einem Kamin; Beistelltisch mit Weinflasche und Gläsern. Das Einschenken erübrigte sich, denn während er sich genüsslich an einen herben Weißen erinnerte, der prompt in seinem Glas erschien, füllte das ihre ein roter Bordeaux…

 

„Zum Wohl gnädige Frau.“

„Zum Wohle, der Herr.“

„Ja, also der alte Streit unser aller Vorreiter begab sich ungefähr so: Der Gustav, er ist ja nicht anwesend, also duze ich ihn hier jetzt mal der Einfachheit halber…“

Zustimmendes Nicken aus dem anderen Sessel.

„…schrieb sein „Soll und Haben“ und landete damit 1855 mit knappen 40 Jahren einen schon relativ späten Erstlingserfolg in prekärer privater Situation. Es war Nachmärz, unsere Klasse hatte sich in all ihrer Servilität 1848 mal wieder bis auf die Knochen blamiert und Friedrich Wilhelm dem Dauerredner die Kaiserkrone angeboten. Das schmähliche Ende der Paulskirchen-Haarspalterei ist bekannt. Die Biedermeiermutlosigkeit kam zurück. Die Schlafmützen wurden wieder tiefer über die Ohren gezogen. Man suchte Trost. Bürgerliche Glanzstücke. Aber woher nehmen?

Zum einen gebar diese Zeit der eingezogenen Schwänze diesen abstrusen Goethe-Kult, auf den unsere Generation so willig hereinfiel: Der Geheimrat ohne Fehl und Tadel. Erst hier auf der anderen Seite der Welt erkannten einige Herrschaften aus unseren Kreisen, welchen sprichwörtlichen Bock sie da als Gärtner vorgesetzt bekamen.“

„Huch! Sie erschrecken mich?!“

„Nun, Verehrteste, das wäre allein ein abendfüllendes Thema, lassen wir es für heute dabei bewenden. Spielhagen und ich sind von unserer irdischen Weimaritis jedenfalls geheilt.“

 

Wieder ein zustimmendes Nicken von der Gegenseite: „Einverstoandn, foahrns’fuord, bittschön.“

 „Nun, da erscheint dieses Buch und enthält die Karriere eines Kaufmannes im Vormärzlichen Deutschland. So brav und bieder erzählt, so frei von jedem Makel, dass es einem bei heutiger Lektüre grausen kann. So makellos aber die Hauptfigur ist, so real und fehlermachend sind die anderen Personen geschaffen. Alle. Die Guten haben böse- und die Bösen haben sympathische Momente. Einschließlich des Veitel Itzig, des Spekulanten. Der jüdische Spielgefährte, der den negativen Gegenentwurf zu Wohlfahrts Werdegang lebt.“

„A böser Jud als Hauptstrolch. Jessas, jetzt wird mir auf einmal klar, was Karlchen vorhin g’meint hat.“

„Sie kennen „Soll und Haben“ selbst?“

„Ja natürlich. Stand ja in jedem Bücherschrank zu unsrer Zeit. Wie der Spielhagen eben auch. Bei meinem Vater vis-a-vis. Die g’herrn zamm’ wie Strump un’ Laatsch, hoad dor Baapa immer g’soagd.“

„Herrlich. Sollte man den beiden demnächst mal unter die Nase reiben.“ Er machte eine kleine Pause, um einen Schluck zu trinken und dann den Faden wieder aufzunehmen:

„Ja, sie sagen es. Er beschrieb das vor48er Judenbild Ostelbiens. Nicht emanzipiert, verschrieen, negativ und zeitlich kontextual richtig. Dann fiel es Jahrzehnte später denen in die Hände, die „wenig lesen und nichts verstehen“ wie Kollege Storm vorhin so herzerfrischend lospolterte und fertig war die Bibel des neuen Antisemitismus. Dann kam der Braunauer und seine Kamarilla und nun gilt der arme Gustav manchen Halbgebildeten, die mitunter erschreckend zahlreich sind, als Hitlers Vordenker. Aber wir schweifen ab. Zurück zu Spielhagen:

Der las, wie wir alle zu der Zeit, „Soll und Haben“. Das erste anspruchsvolle Prosawerk in zumutbarem Umfang. Und der irrlichterte, wie wir alle, durch ein halbes Dutzend abgebrochener Karrieren, hatte auch bereits als glückloser Novellendichter herumgestümpert und bekam nun durch DIESE Lektüre den entscheidenden Kick, seine „Problematischen Naturen“ zu schreiben.“

 

Hier klatschte Raabe einmal in die Hände: „Bämm! Und fertig war die Sensation!“

 

„Die waren mir immer zu dick.“, warf Frau von Suttner ein, „ Ich hoab mir da lieber die kleineren Romane genehmigt. Aber schön war’n sie oalle. Herzensgut geschrieben. So viel Mitgefühl für uns arme Fraunspersonen fand man nicht oft.“

„Stimmt. Mir sind ihre Geschlechtsgenossinnen ein ewig Rätsel geblieben, weshalb ich lieber den männlichen Schicksalsacker pflügte.“

Beide nahmen einen Schluck und prosteten sich zu.

Raabe setzte fort:

 „Die „Naturen“ schlugen 1861 ein wie eine Kartätsche in den Hühnerstall. Ein paar Landjunkervereine wollten das Buch gar verbieten lassen. Andererseits: Nietzsche und der spätere Kaiser Friedrich III. empfahlen es weiter. Wieder andere setzten zum Enthüllungsversuch an und gründeten Listen: Wer in Vorpommern ist wer im Buch? Der Adalbert von Oldenburg als Fürst von Puttbus ist noch relativ einfach zu erahnen gewesen, aber wer ist Melitta? Wer der sagenhaft-dämliche von Cloten? Es soll eine Baronin gegeben haben, die bei Einkäufen in Stralsund mehrfach mit „Frau von Berkow“ oder gleich als „Melitta?“ angesprochen worden war. Sie soll strahlend errötet sein, was man als Eingeständnis nahm, ohne dass sich die Dame jemals erklärte.“

 

„Hat Herr Spielhagen das Geheimnis wenigstens hier oben jemals gelüftet?“

„Wie man’s nimmt. Herr Dr. Hans Henning, sein Biograph schilderte, dass das Verhältnis Oswald-Melitta dem echten Leben anempfunden sei, weil Spielhagen in jungen Jahren als Hauslehrer in Leipzig, (allerdings in nichtadliger, aber großbürgerlicher Familie) sich ähnlich in die Mutter seines ersten Zöglings verliebt haben soll. Woher Henning diese Informationen nun wiederum hat, behält er für sich.“

„Ja und wie passt nun der Freytag-Zwist dahinein in die Melange?“

„Gustl sieht, wie die „Naturen“ durch die Decke gehen und jeder Einzelheiten aus dem Buch nacherzählt oder gar wörtlich zitieren kann. Andererseits erlebt er, dass er selbst zwar hofiert wird, als der Schöpfer der Bibel des aufstrebenden Bürgerfleißes. Bemerkt aber, dass SEIN Buch zwar viel gekauft, aber selten gelesen wurde. Wann immer er auf Inhaltliches anspielt – verständnislose Blicke oder allgemeine Verunsicherung.“

„Ich weiß. Der Baahpa hoad verlangt, dass ich’s les. Ich hoattes irgendwann auch durch. Aber es war schwer. Mit der Zeit kam ich rein, aber der Spielhagen war oallweil bekömmlicher.“

„Absolut. Nur gibt es tatsächlich gewisse Ähnlichkeiten zwischen den beiden Büchern im Grundriss. Der große Unterschied ist die lebensechte Nähe zum Alltag wirklicher Menschen bei Spielhagen. Ein gewisser Fast-Naturalismus, auch wenn der Friedrich das nicht gerne hört. Das unterscheidet ihn ja auch derb vom Fontane. Bei Freytag verliebt sich der Anton Wohlfahrt in die Komtesse von Rothsattel. Der Oswald Stein hat sich in Melitta von Berkow verguckt. Bei Freytag kommt kein Mitleiden beim Leser auf. Bei Spielhagen — aber absolut!“

„Ich hoab Tränen vergossen, als ich die „Stummen des Himmels“ g’lesn hoab.“

„Interessant. DAS Buch nun wiederum kenne ich nicht. Aber den Liebeshickhack: angezogen werden, sich abgestoßen fühlen, Verunsicherung, Sehnsucht, entsagen wollen, zueinanderfinden – Kuss! Darinnen war der Spielhagen Meister. Fast immer die Kurve vor dem Kitsch gekriegt. MEINE Hochachtung hatter.“

Ein leises Zustimmungsseufzen antwortet aus dem anderen Sessel.

Er unterbricht um sich genüsslich eine Zigarre anzustecken: „Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich rauche?“

„Ach ich bitt Sie; nicht mehr in DIESEM Leben! Sie bilden sich den Geruch zwar ein, meine Nase und meine Kleider jedoch werden nicht mehr von ihm belästigt und das Thema Raucherlunge ist hier oben ja auch keins mehr…“, winkte Frau von Suttner generös ab.

„Und beklaut hammern später alle: der Heyse, der Storm und ich. Lesense mal Heyses Novelle „Im Grafenschloss“ und dazu das Kapitel aus den „Naturen“, wo Mutter Clausen dem Oswald die Geschichte seiner Herkunft erzählt. – Nur mal so nebenbei. Spielhagen weiß das und versteht sich trotzdem noch mit Heyse.“

Er zieht an der Zigarre und lehnt sich zurück:

„Der Gustav ist nun neidisch auf den Dauererfolg vom Spielhagen gewesen. Er selber hatte ja nun seine andere Art von Erfolg: Soll und Haben millionärisierte ihn. Außerdem erreichten noch „Die Ahnen“ und „Die verlorene Handschrift“ vorzeigbare Umsätze. Lassen wir mal die „Bilder aus deutscher Vergangenheit“ außen vor; ein Konglomerat mehr oder weniger langatmiger Geschichtsvorlesungen; da pfuschte er dem Leopold von Ranke ins Handwerk, ohne Historiker zu sein. Bilanz: Der eine also hatte nur 4 Erfolgswerke und der andere je nach Zählung auf jeden Fall zweistellig: 10 – oder 15 oder 18; wie Sie wollen. Ärgerlich auch, dass „die Ahnen“ zu Lebzeiten vom Gustav selbst, lediglich überschaubar erfolgreich waren; erst nach dem I.Weltkrieg posthum in Massenauflage immerwieder erschienen. Wieder leckten sich unsere Landsleute die Wunden und suchten das Heil in alter Glorie und wieder überlasen sie all die Ohrfeigen, die auch dieses Werk zu bieten hat, wenn man es richtig liest.“

„Gut, danke. Aber wie war des nun mit dem Hofratstitel?“

„Ja, die Wurzeln DIESES Übels liegen in der Zeit VOR dem Bucherfolg der beiden Streithähne: Freytag, Preuße durch und durch, verlebte sein Erdendasein jedoch eher außerhalb der Landesgrenzen seines Traumlandes, nämlich in Thüringen. Das erscheint zunächst wie ein Widerspruch. Das für die Einheit Deutschlands eintreten, jedoch Ehrungen eines kleinen Duodezfürsten akzeptieren, kommt einem zweiten gleich. Beides jedoch ist logisch erklärbar. Freytag war geradezu burschenschaftlich beseelt in der Zeit vor 48, als die Studenten-Corps noch Demagogen hießen und für die Einheit eintraten; und er versuchte sich relativ erfolgreich als Enthüllungsjournalist. Seine „Grenzboten“ war’n ein Knüller. Mit beiden Beinen sprang er da in Fettnäpfe und exponierte sich. Er war quasi aufrecht auf den Barrikaden im 48er Jahr, wenngleich auch nur vom Schreibtisch aus. Und er war ein früher Befürworter der kleindeutschen Lösung – ohne Österreich.“ Scheuer Blick zur Zuhörerin.

„Jaja“, seufzte Frau von Suttner, „unsere verhängnisvolle Vielvölkerverbandelung; ich weiß. Leider.“

„Er kam dahinter, dass die preußische Generalität 1853 sich schwer darüber beklagte, dass ihr oberster Dauerrhetoriker auf dem Thron so gaaar keine Lust zeigte, an der Seite Russlands in den Krim-Krieg einzusteigen. Freytag machte das publik: (Lieber ein ordensträchtiges Abenteuer auf der Krim, als die Probleme des eigenen Landes endlich in den Griff zu kriegen und die Einheit herzustellen!) und fand sich plötzlich in der Rolle, wie dieser junge Amerikaner jetzt da unten; ein gewisser Snowden. Er musste aus Preußen weg, floh aber nicht weit – nur bis Sachsen-Coburg-Gotha; weil er wusste, dass der dortige Herzog Lust verspürte, Gotha zum nächsten Weimar zu machen: einem Musen-Hort.

Freytag schrieb dort das „Soll und Haben“ fertig, hatte Erfolg, wurde Coburgscher Hofrat und bald darauf in Preußen amnestiert. Spielhagen, getragen von der ersten Erfolgswelle seiner „Problematischen Naturen“, machte nun wiederum seinem Buchtitel alle Ehre, indem er frei von aller Sachkenntnis – sich selbst problematisch gebärdete und über den Gothaer Möchtegern-Goethe witzelte, der große Dramen lieber seziert als welche hervorzubringen, der somit auch niemals Geheimrat wird, sondern sich mit einem Hofschranzentitel zufrieden gibt. Und dergleichen mehr.“

„Oje. Da kann ich nuwieder Herrn Freytag sehr gut verstehn.“

„Ich durchaus auch. Deshalb versuchte ich in dieser Sache, wenigstens posthum hier oben mehrfach zu vermitteln. Vergebens. Das Tischtuch zwischen den beiden bleibt zerschnitten. Ohne Freytag, keine Inspiration für Spielhagen, ohne Spielhagen keine Motivation für uns andere. Diese beiden waren die entscheidenden Türöffner für die Romanschriftstellerei als ernst genommene Kunstform.“

im jenseits2b

„Mir raucht der Kopf“, lächelte Frau von Suttner kapitulierend, „aber als Wegbereiter müsstns doch noch den Gutzkow Karli darzunehm, net woahr?“

„Ja, der ist sauer auf uns alle.“

„Jessas!“

„Der war einen Tick zu früh und mit seinen „Rittern vom Geiste“ auch zu umfangreich. Gut, aber leider sehr erfolglos. Und auch er wirft dem Spielhagen vor, ihn beklaut zu haben.“

„Ach diese Neidhammelei allüberall. Grauslig.“

„Absolut, gnädige Frau. Lassen Sie uns den Abend nicht mit der Auflistung jener alten Kamellen ausklingen; ich schlage vor, für die letzten 2 oder 3 Gläser Wein die Richtung zu ändern und ein wenig musikalisch zu werden.“

„Gern. Mir schwillt jetz’scho’dor Kooopf von all ihren Informationen. Seien Sie bedankt.“

„Fensterln Sie ab und an auch auf neuzeitlicheren musikalischen Pfaden als bei Beethoven und Schumann?“

„Sie meinen Wagner und Orff?“

„Nein. Noch etwas weiter vor in Richtung Jetztzeit. Hören Sie mal das hier…“

Prompt erscheinen Lautsprecherboxen mit gedrechselten Einfassungen auf dem Kaminsims und es erklingt das Intro zu „Shine on you crazy diamond“; beide lauschen mit dem Weinglas in der Hand. Beim ersten Gilmour- Einsatz wiegt Frau von Suttner leicht das Haupt:

„Hübsch. Das hoad was Woalzahaftes.“

Raabe nickte zustimmend: „Und hinterher werden Sie noch die Geräusche jener Industrialisierung vernehmen, die unsere Zeiten so verunstaltet hat.“

„Vo’ wann stammt denn deees?“

„Schon aus dem 20. Jahrhundert, relativ weit hinten; nach den Kriegen.“

„Und was singen die jetz’?“

„Da muss ich passen. Englisch war nie mein Metier. Aber der Spielhagen hat sogar in Amerika reüssieren können und zumindest seine Gedichte auch selbst übertragen. Der hat mir die Titel der Stücke übersetzt:

  • Scheine weiter verrückter Diamant;

  • willkommen an der Maschine,

  • Zigarre gefällig,

  • ich wünschte, du wärst hier

  • und abschließend noch ein weiteres Mal: Scheine weiter verrückter Diamant, als großes Finale.“

„Doas ist schön. Wie eine Symphonie aufs 19.Jahrhundert.“

„Absolut. Gnädige Frau. Zum Wohl.“

Im Jenseits

Das Jenseits darf man sich nicht einfallslos als eine Ansammlung von Wolken vorstellen, auf denen die Seelen der Verstorbenen sitzen und auf deren einer der berühmte verstorbene „Trickfilm-Münchner“ pflichtschuldigst „Halleluja – luja soagg i!“ brüllt.

Das Jenseits ist ein virtuelles Nirwana, denn auch die Seelen sind transzendent, quasi durchsichtig. Ihre Erinnerung an Gegenstände und Lieblingsgetränke erschafft diese für den „Hausgebrauch“ in jener Schattenwelt aus Nebel. Den Fortschritt der Zeitläufe nach dem irdischen Ableben nachzuvollziehen ist der jeweiligen Person stets möglich.

Der ein- oder andere hält zu diesem Zwecke ein Tablet in Händen, allerdings gab es diese Apparatur hier schon früher, da sie hier ja, wie alles, aus NICHTS besteht. Auch konnte sich unter deutschen Verstorbenen der Begriff „Fensterle“ durchsetzen, da sich die unverhältnismäßigen medialen Kontakte mit den englischen Muttersprachlern hier oben auf ein natürliches oder notwendiges Minimum beschränken. Außerdem deutet die Endung „-le“ unmissverständlich an, dass hier oben weitergeht, was da unten bereits auffiel: Der Süden Deutschlands ist abseits des Militärs allzeit schöpferischer, trendsetzender gewesen als der Norden.

Das uns ebenfalls umgeisternde Internet ist also auch den Seelen unserer Vorfahren ein 2. Zuhause.

Nichts desto trotz finden sich die Verstorbenen ähnlich einem großen Schulhof in Gesprächs-Trauben zusammen, die den einen anlocken und den anderen abwehren mögen. Je nach Eignung und Sympathie – wie auf Erden so auch im „Himmel“. Musiker stehen somit meist bei eben solchen. Schriftsteller bei Schriftstellern. Manchmal darf ein frisch gestorbener Fan hinzutreten und ihnen seine nun Tatsache gewordene EWIGE Verehrung mitteilen. Ansonsten bleibt man unter Seinesgleichen.

Nähern wir uns ein paar alten Bekannten. Oder soll ich sagen „ehemals sehr Bekannten“? Denn auf der Erde sind sowohl ihre Erscheinung als auch ihr Schaffen von Neuerungen zu Hauf überschüttet- und somit nahezu vergessen worden. Hören wir hinein und lernen wir den Umgang der Seelen miteinander kennen:

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„Glückwunsch Herr Kollega!“, begrüßt Theodor Storm den zu einer Gruppe hinzutretenden Gustav Freytag, „Ihr 200. Geburtstag wurde „unten“ doch nicht ganz vergessen. Ein paar Gazetten   berichteten, wie ich erfensterlt habe.“

„Hab ich gesehen.“ erwiderte der Angesprochene knapp. Seine Statur richtete sich kerzengerade auf. Sein unbebrillter Adlerblick überflog die Runde. Eine Spur von Ärger blitzte kurz im Augenwinkel auf, als er das Grinsen im Mienenspiel Spielhagens wahrnahm.

„Schließe mich an.“ gratulierte Heyse mit Händedruck, gefolgt von Raabe und May, welch letzterer hier oben eine ganz natürliche kollegiale Wertschätzung genoss.

„Durchaus auch von mir ein pflichtschuldigster Händedruck“, grinste nun offensichtlich Spielhagen.

Er hielt die Hand hin, diese blieb jedoch unergriffen. Demonstrativ steckte Freytag seine Daumen in die Achselränder der Weste und gab ablehnenden Bescheid: „Die Ironie in ihren Zügen straft sie Lügen, Verehrtester! Das ausgerechnet wir zwei nun auf EWIG hier kollaborieren sollen, stellt für mich eine leider sehr reale Version des Fegefeuers dar.“

Spielhagen ließ die Hand sinken, verneigte sich weiterhin grinsend und sprach: „An Angeboten meinerseits fehlte es nicht, das alte irdische Kriegsbeil zu begraben.“ „Sie mögen es als arrogant empfinden, dass ich davon keinen Gebrauch zu machen gedenke. Ich reklamiere für MEIN Verhalten den Begriff Aufrichtigkeit.“, konterte Freytag und er verkniff sich keineswegs „Statt Anbiederung!“ noch hinterherzuknurren.

Nun verschwand auch in Friedrich Spielhagens Gesicht das Lächeln: „Anbiedern? Ich? Sie überschätzen sich wie gewohnt, Herr Kollege. Das hatte ich zu keiner Zeit nötig.“

„Nach dem sie mich plagierten und verhöhnten? Ich danke.“

„Plagiert – stimmt nicht. Das wissen Sie so gut wie ich und behaupten es trotz alledem immer wieder. Und dass ich über ihren thüringischen Hofrath in kleinem Kreis mir hier und da mal eine Bemerkung erlaubte – das nennt man Humor. Über ihren Pour le Mérite witzelte ich nie.“

„Geben Sie sich keine Mühe. Ich bleibe dabei: Ihre „problematischen Naturen“ verraten mehr über den Autor als einem lieb sein kann.“ Er wendete sich erklärend zu den anderen: „Ein ins widerwärtig Geile gewendetes „Soll und Haben“. Oswalt Stein ist ein Anton Wohlfahrt, die von Grenwitze sind meine von Rothsattels und sogar mein Veitel Itzig taucht bei ihnen in Gestalt des Landvermessers Timm wieder auf….“

„…der schon mal gar nicht jüdisch ist und auch nur in 3 Kapiteln Erwähnung findet.“

„Nun, nun! Lassts doch amoal des oalde Gehakel,“ schaltete sich Heyse ein. „Ihr habts beide zwoa hervorragende Erstlinge verzapft. Du woarst eher droa!“, wandte er sich zu Freytag. „Du hast‘n g‘lesn und dich inspirier‘n loassn.“, zu Spielhagen gerichtet. „Des is‘ sauber. Absolut! Wo kommoar denn doa hi, wenn a jedar aufrechnen wollt‘, wo di Musnküss hersann.“

„Eggsaggd! Da gebch Herrn Heyse recht. Briedor im Geiste, dies’ch behargng undn Dreck undorn Fingernächln missgönn – fetzn nich.“ pflichtete ihm May bei.

Seine Wortwahl hatte die Runde zusammenzucken lassen, da er einen dieser neuzeitlichen Jargonismen verwandte, was sich in DIESEN illustren Germanisten-Kreisen nun und ein- für allemal nicht schickt.

Ein militärisches „Ach-tung!“ ließ jedoch die Herren gleich ein zweites Mal zucken und die Hände an die Hosennaht legen. Frau von Suttner trat hinzu.

„Aber liiieber Fontane! Die militärischen Ehren spoarnsich bittschön!“, rügte sie charmant den schmächtigen Theodor, um dann wohlüberlegt die Herren nach ihrer eigenen Rangfolge zu begrüßen: „Mein liiiiebes Karlchen!“ und ein freundschaftlicher Klaps mit dem Fächer auf Mays Oberarm.

„Herr Heyse!“ begleitet von einem Kopfnicken.

„Die andern.“ verbunden mit einer angedeuteten, eher formalen Verbeugung.

„Ich habe heutmoargn gefensterlt“, erklärte sie den Grund ihres Kommens. „Und nun verlangds mi noa a bisserl Zerstreuung. Wemmar da hinunterschaut, wird’s am schleeecht.“

Allgemeine Zustimmung.

„Willkommen im Kreis der Erfolglosen.“ Das war Storm, der Zyniker der Runde.

„Das musst du grade sagen!“ empörte sich Freytag, „grad erst ist wieder dein Schimmelreiter verlegt worden.“

„Oje. Gustl, du mergst nüscht.“ funkte May dazwischen, aber es war bereits zu spät:

Ein weiterer Monolog der Verzweiflung, wie ihn die Runde passagenweise bereits mitsprechen konnte, war fällig – und der große weißhaarige Noardmann legte los:

„Schimmelreiter verlegt… Mögen sie ihn niemals wiederfinden! Ich kanns nicht mehr hören und schon gar nicht sehen, was die da mit meiner besten Novelle veranstalten. Das ist MEIN finales Kunstwerk! Das hat mich die letzte Lebenskraft gekostet – und die – !!!“, wütend zeigte er nach unten, „werfen es 14jährigen Halbfertigen vor! Unbelesen, unbeleckt von jeglicher Lebenserfahrung! Erklärt, NEIN! ZERklärt von Fatzkes und Laffen, die sich dabei fühlen wie Geheimrat Größenwahn da drüben bei den Perückengockeln!“ hierbei wies er abfällig hinüber auf den Gesprächskreis der Klassiker, wo einträchtig Goethe, Schiller, Lessing & Co. beieinander standen. „Und dieses Volk, das wenig liest und nichts begreift, erregiert (entsetztes „Iiiii, na-na-na!“ der Umstehenden) sich an der 3fachen Rahmung und an den eigenen nichtigen Klischeevorstellungen, die sie meinen, in meinem Hauke Hein erkannt zu haben! In meinem neuen Neuzeit-Wotan, dem Schöpfungsschützer!“

„Is ja gut. Theo. Komm runter.“, schaltete sich hier ein seltenes Mal Wilhelm Raabe ein, ihm eine Zigarre anbietend, „von meiner Sperlingsgasse geistern auch noch Fragmente durch die Schulbücher. Ich weiß, wie dir zumute ist. Von meiner Reichskrone spricht keiner mehr.“

„Was soll i do erscht soang!“, pflichtete Heyse bei, „I dürft‘ der vergessenste Nobel-Preis-Träger aller Zeiten sann.“ Aber er lächelte immerhin. „Wenn I oaber seh, woasse aus Storm und Fontane moachn, binni wieda happy! Do vergessts mi liaber.““

„Ja, seien Sie mal lieber froh, dass jenes Zerklärungsschicksal nicht ihr Aquis submersus oder ihren Pole Poppenspähler ereilt hat.“, versuchte sich nun auch Spielhagen einzubringen. „Mit Verlaub halte ich die beiden für ihre besseren Werke.“

Raabe lenkte geschickter ab: „Frau von Suttners Buch hätte spätestens nach diesem zweiten Gemetzel da im 20. Jahrhundert die neue deutsche Bibel werden müssen, aber neh. Stattdessen, lieber Theodor! Blasen se deinen alten Komtessen-Langweiler (Fontane zuckte schmerzhaft zusammen) geradezu zum zweiten oder dritten Faust auf. Als gebe es für moderne Übelstände keine wichtigeren Bücher. Auch Lessings Nathan war als Medizin ja bereits vor der Krankheit da – aber trotzdem konnte dieser missratene Österreicher da machen, was er wollte.“

„Nana, Herr Kollege“, rettete Spielhagen die Situation, „nichts gegen die Effi – ein gutes Buch. Zurecht verehrt. Mit dem Nathan geb‘ ich Ihnen jedoch vollumfänglich recht.“ Fontane bedankte sich durch ein kurzes Kopfnicken in Richtung seines Freundes.

„Die Waffen nieder – geht heuer nimmer, weils die Kriege längst vergessn hoam, die i da beschreib. Venezien-Verlust, Reichseinigung, die eine ÖsterreichimStichLassung war, Pariser Kommune. Jessas-Maria! Spanische Dörfa seins heut oalle mitei’nand.“

„Geschichtslosigkeit triffts eher.“, knurrte Storm.

„Wer seine Jeschichde nich gennd, musse widderholn.“ rezitierte May.

„Sie zitieren Engels?“ Freytags süffisante Miene zog die Blicke wieder auf sich. „ich dächte die Kommunisten hätten doch wirklich genug Unfug verzapft mit ihrer plebejisch-billigen Auffassung Ihres geschätzten Anliegens der Völkerverständigung; Sie „Erfinder der KZ-Methoden“ Sie!“

May grinste ironisch zurück: „Hörich da n vergabbtn Andisemiddn raus? Da hindn spieln groade Deddy Bendorgräss und Jimi Hendrix. Ä Neechergonzert is für unsorehn jetze genau richtich.“

Beide lachen, haken sich unter und ziehen sich in den Hintergrund zurück.

Die Zurückbleibenden sehen ihnen nach.

„Beneidenswert, dies Pfeifenkönnen auf den Nachweltruhm…“, murmelt Spielhagen in seinen Bart.

Von fern hört man „The whole town is laughing at me“ mit den Wah-wah-Solis aus „all along the watchtower“ verziert…

Melitta

FREItag. Sommer. Sonne. Keine Termine. Keine Formulare. Kein Bespaßen müssen von nix und niemand. Ferien. Endlich. Spät wie nie, dies Jahr. Gartenstuhl. Sonnenschirm. Spielhagen aufschlagen… Die Familie ist unterwegs. Niemand kommt. Nichts geschieht. Herrlich!

Wie ein Robinson in Restpreußen. Buch. Wasserglas. Grüne Idylle. Keine Kannibalen.

Eigentlich fehlt – Sound. Früher hätte jetzt der Küchen-Blaster im Garten Dienst tun müssen. Aber die Zeiten ändern sich.

Ich lese und die Worte sind Musik. Auftritt Melitta von Berkow:

Sie trägt ein Reitgewand von dunkelgrünem Sammet, das hinreichend in die Höhe gesteckt ist, um sie nicht beim Gehen zu hindern…(…)…und der kleine Hut, der nebst Handschuhen und Reitpeitsche auf einem kleinen Beistelltisch in der Nähe liegt, muss dem wohlgebildeten Kopfe mit den üppigen braunen Haaren, die einfach in der Mitte gescheitelt, in reichen Wellen über Stirn und Ohren fallen und hinten im Nacken zu einem Kranze aufgebunden sind, sehr wohl stehen.(…)

Gut möglich, dass der kürzlich gewesene Abiball hier nachwirkt. Der Aufmarsch der Komtessen in großer Robe.

Melitta war aufgesprungen, hatte ihre Reitpeitsche ergriffen und hieb damit sausend durch die Luft (…) Offenbar hatte die Erwähnung dieser Heirat eine Saite in ihr angeschlagen, die hässlich durch ihre Seele schrillte…

Verbinden sich mit Musikerinnerung:

There I was with the old man
Stranded again so off I’d ran
A young world crashing around me
No possibilities of getting what I need
He looked at me and smiled
Said „No, no, no, no, no child

See the dog and butterfly
Up in the air he likes to fly.“
Dog and butterfly
Below she had to try
She roll back down to the warm soft ground, laughing
She don’t know why, she don’t know why
Dog and butterfly….

Ann Wilson, die unterschätzte. Die Melitta des Rockbizz.

„She-he-he gave me religion!“ Van the Man weht mich an. Nee, ich brauche dafür keinen Blaster mehr.

„Across the bridge, where angels dwell!“ (Noch mal Van M.) Vorallem, wenn sie alte Stories wiederbeleben. Aber das können nicht nur Van Morrisons Engel, das können auch Runrig perfekt – wie hier.

Ich les weiter und weiß sofort wieder, weshalb ich Spielhagen so mag, als er seine Hauptfigur, einen Hauslehrer, folgendermaßen über einen Schüler nachdenken lässt:

„Du, wie Al Hafi, Wilder, Guter, Edler! sprach er bei sich, was willst du in dieser Welt von weibischen Männern (…) Ein Mann tut uns noth, schreien die Gelehrten aller Arten. Wie wollt ihr Männer haben, wenn Haus und Schule und Leben sich gegenseitig unterstützen, die stolze Kraft im Keim zu brechen! Da schnitzeln sie an den Bogen, und schnitzeln sie immerfort und wundern sich, wenn das feine Ding hernach zerbricht. Pygmäengeschlecht, dass den Riesen, den ein glücklicher Zufall an ihren öden Strand geworfen, mit tausend und abertausend Fäden regungslos an die platte Erde fesselt.“ (Oswalt Stein in: Problematische Naturen 1861)

Finde die weltliterarischen Anspielungen!

Dieser elendlange Nachmärz da im 19. Jahrhundert muss sich ähnlich angefühlt haben wie das DDRische Biedermeier der 60er und 70er, oder der Kohl‘sche Stillstand der 80er im Westen. Herbeigesehnte Erlöser jedoch entpuppten sich bis auf weiteres als Scharlatane, an die man sich hinterher gar nicht mehr gern erinnert, während irgendwo in der Volksseele schon wieder die Vorfreude auf den nächsten Massenenttäuscher keimt.

Die Welt scheint aus den Fugen.

Die Amis haben demnächst die Wahl zwischen Margot Honecker und Schalck-Golodkowski und hoffen irrsinnigerweise auf „amerikanskije Perestroika“, die schon Obama nicht liefern konnte. Falls Trump gewinnt, hoffen wir mal, dass es ähnlich glimpflich abgeht, wie damals mit Reagan. Dem B-Movie-Sheriff.

2017 sind WIR dann wieder dran und die Auswahl ist nicht viel besser: Nein ich schreib‘s nicht hin. Ich erblinde, wenn ich den Personalbestand möglicher Kanzlerkandidaten lesen muss.

Es bröckelt überall.

Der Apfel vom Baume der Erkenntnis wurde eben damals nur angebissen, nicht aufgegessen, weshalb wir bis auf weiteres unsere Probleme zwar erkennen, aber nicht beheben werden.

Zeit sich abzuwenden. Time waits for no one.

Melitta trat aus dem Portale rasch auf ihr Pferd zu. Der alte Baron half ihr in den Sattel.(…)

„Alez, Bella!“ und so sprengte Melitta vom Schlosshof hinein in den dämmrigen Abend.

Und Bludgeon mit ihr…

spielhagen