Bilanz 2021

So Jemeinde. Wieda eehn Jah‘ rum. Macht eusch n Gläsken ßureschd, der Rückblick lässt a’bleichn.

„Wenn die Mächtigen nicht Vernunft annehmen, hat die Vanunft keene Macht.“ (Jurij Brezan; sorbischer DDR-Autor)

Ha’ick vom Steimle den Spruch. Wees nich, wann olle Brezan det von sich jab. Aba et passt volle Kanne of det Jah‘ hier inne letztn Zuckung. Wat bleibt häng?

Ick musste reeneweg erst guhgeln, watt wa, weil det Covid-Dauafeua ja allet platt macht im Schäddl.

Impfpflicht – der Horror! Komischaweise och für allahand Ossis nune. Da kannste ma sehn wie weit det Niveau schon runta is. Inne DDR wärnse alle anjetretn, bei‘n Betriebsarzt und inne Schulä: chroße Pause, gommste nua offm Hof, wennde ehn Obaarm frei machst – peng. Impfausweis her! Stempl. Peng. Drei Wochen. Denne wär det Ding durch. Mit Sputnik. Nu heuln se alle: Impfzwang Diktatur!

Nee Wahlbeschiss! Kiek dir det Deppmkonglomerat an, wat sich da bietet als Entscheida für de nächste ßeit! Keen Hoffnungsträja nürjends! Saarland ohne jrüne Liste, weil DIE det Jemauschle nu och noch off de Spitze jetriem ham. Naja Saarland. Honecker, Maaß, Karrenbauer, Cindy und Bert – also irgendwatt is da inne Gene!

„Et muss Nacht sein! Et muss Nacht sein! Denn det kommta allet Spanisch so vor!“

Und wie die Kanzlakandidatn erzeucht wurdn! Bildabuch! Saachick! Bil.da.buch! Voll det Tackatuckalandverfah’n! Olle Laschet als kommenda Adenaua! Hat süchaheitshalba nua den Voastand jefracht, obba soll. Lachsta doot. Det ehnzische Männeken, dem nichema ne Flut wat nützt! Janze Ortsvabände schämtn süsch, sein Konterfei anne Laterne ßuhäng, wejen Wahlkampf. Kommt of Betroffenheitstournee anne Wuppa und lachd sich eehn.

Und da Bundespräsi Minuten späta ooch!

Da weeste watt looft!

Selbstendlarvend!

Keehn Rücktritt, keen nüschd. Weita, weita! Da jroße Voasitzende hat halt Humoa bewiesn, hieß et.

Da Patei wa et ejal: Oach, wie ham eh keen Bessaren!

Siehste ja jetze: Aneuarunk mit voll die alten Tools! Kandidaten da Freude und da Hoffnunk! Det wüad da Ejon Krenz Törn der ßeDeUh, saach ick dia. Hintahea hat damals olle Gysi die Resterampe vawaltet. So kommt det jetze och. Wüaste sehn. Stramm in Rüchtung Einstellischkeit. Kuban, biste bereit? Kannst schon ma Hungastreik trainier’n, wenn’se euch an‘s Pateivamöjen woll’n.

Obwohl, wenn die Traumtänza von de Lastenfahrradconnection jenuch Fehla machen, denne passiat mit Merzi-Herzi det selbe wie mit Olafm jetze: miese Presse, totjesacht, einijet offm Kerbholz, aba plötzli -2025- Siega im Fotofinish!

Ja det wahn Akt! Die Kanzlarin da Herzn wa anjekündigt! Annalena die Chroße. Boing Rückschlach. Latürnich füas erste Nazi-Kampannje. Klaro. Wie ümma. Und fraunfeindlüsch! Erst füllefülle Taache späta Einsicht, det det kee Scheniestreich wa mittet Buch. Wo doch olle Habeck so dschentlmenmäßi‘ den Maso-Macker jejehm hat! „Die kann det!“, sachda – und duckt süsch weg.

Ick frach mia schon die janzen letztn Jahre, wo bei die Jrün die janzn Hobby-Freuds abjebliehm sinn: Kiek doch ma of die Körpasprache von olle Habeck und of die weichseiande Sprechmanier – wie kann sowatt Hoffnungsträja wern? Der will doch ja’nüsch! Jejen den wa doch olle Scharping hyperaktiv!

Apropos SPD-Kader: Heiko! Neuli habbich jeträumt, det Heiko Maaß mit ehm T-Shirt rumlooft. Vorne droff süsch selba als Konterfei und drüber fett: …ich nicht! Und denne jehta an mia vobei, ick kiek ihm hintahea und er hat offm Rücken den Kopp vom Scholl-Latour und drüber: Er hats gewusst…

Tja nu issa im jehen! Würd det bessa mit Fräulein Schlau-schlau? Lernt die jetze schon alte Joschka-Redn auswendi‘?

Also meaxte selba: Polütüsch simmer down. De Juchnd wählt soja schon FDP!

Wat hatma noch:

Fußball EM 2020 nachjeholt. Du, die wa schnella vajessn, als se jedauat hat! Wa och mea Rejenbogenpalava als Jekicke.

Manuel Neuer, det Flagschiff der LBSdingBums-Bewejung! Der Mann mit der Binde! Halbet Jah vorher noch beim Absing des falschn Liedjuts in Kroatien ertappt, aba nu plötzli Rosa von Praunheims Adoptivsohn, oda so.

Deutsche Bürjameista aziehn den ungarischen Präsidenten! Alle Stadien in Faschingsbestrahlung! Wah det peinli‘! Am deutschen Wesen soll die Welt jenesen, wa? Die Ungarn ham’89 den Zaun offjemacht. Und anno’15 ehn neuen jebaut, sonst hättma heuer schon die Bathpartei mit offm ßettel jehabt! Da simmer doch ma lieba janz leise!

Wea jetze Europameista is, müsstick guhgeln. Is mia Banane. Die fress ick och nüsch.

Hinta die Ballgladiatoren wa glei noch Olympia. In Japan. Ooch die vaschobene von 2020. Det selbe Elend. Det Einzüsche, watt in A’inarunk bleibt, is die Heulsuse of dem Ferd und die keifende Trainerin am Rande. Do! Tiawohl und so! Und Frauen machen allet bessa als wie Kerle?! Da kiek ma hin, wat abjeht, wenn die Ponyhofweltbilda platzn! Wär ick n Landlord, hätt ick dat Ferd jekooft, damittet nich in de Hundefuttabüchse offwacht. Aba jab tatsächli ne Rettarin, so’ne Hollywood-Tante, die hats jekooft! Det wa schone det besta am Jah‘! Do!

Watt wa noch? Ach so. Ein’n habbich noch:

Kmmmh! In Balin hat nüschema mehr die Wahl jeklappt! Völlije Erjebnissvazerrung! Aba keene Anfechtung! Weita, weita!

Stell dia ma vor, olle Putin hätte UN Wahlbeobachta anjeheuat! Det Jeweese! DIE Presse!

Prost und auf ein Neuet. ßwei-zwozwo is coming!

Allet weita wie bisher plus Inflation.

Die Freudn nehm eben keen Ende.

Nachdenken über einen seltsamen ZEIT-Artikel

Peter Tauber ist Hesse, Ex-Offizier der BW und Ex-Generalsekretär der CDU (unter Merkel gewesen)

Der Hesse Tauber weiß nicht, dass sein Landesverband traditionell der konservativste (manche sagen „reaktionärste“) abgesehen von Straußns CSU war. Viele der alten Eisenbeißer kamen aus Hessen: Dregger, Hohmann, Koch, Gauland…

Der Ex-Offizier Tauber kennt nicht die zweifelhafte Praxis der Kasernennamensverleihung aus der Adenauerzeit und der „umstrittenen“ Traditionskabinette dort vor Ort (Mölders, Manstein, Rommel, …)

Der Ex-Generalsekretär Tauber kennt nicht die Werdegänge einiger Vorgänger, vor allem Biedenkopfs und Geislers.

So jedenfalls mein Eindruck nach dem ich heute „Wir bleiben Mitte!“ las.

Sein Essay (Zeit-Online, 4.10.2021) über den anstehenden Wandel der CDU bietet allerhand Wunderliches.

Er enthält Aussagen wie:

  1. Wenn die Union die starke Kraft der bürgerlichen Mitte bleiben will, dann braucht sie diese Ehrlichkeit mit sich selbst.

Stimmt, aber dann:

  1. Die Debatte, man müsse die Union nach rechts verschieben, war falsch. (…) Denn nur die politische Linke in Deutschland kann ein Interesse daran haben, wenn die CDU die politische Mitte preisgibt. Der Ruf, die CDU müsse Wähler am rechten Rand des demokratischen Spektrums binden, ist also vergiftet.

Nein. Im Gegenteil. Diese Auffassung ist das bisherige Erfolgsrezept der Vor-Merkel-CDU gewesen.

Früher gab es da mal eine clevere Aufteilung von Gesinnung: Konservativ – reaktionär- faschistoid.

Konservative Kräfte mit Angst vor allzu abrupter Veränderung sind immer Mehrheit gewesen. Dieser Konservativismus wandelt sich auf dem rechten Rand ins Reaktionäre. Möchte also nicht nur „konservieren“ sondern das Rad ein Stück zurückdrehen, weil frühere Verhältnisse irgendwann und in diffuser Verklärung mal als besser angesehen werden. Und DAHINTER erst kommen die Faschisten/Nationalsozialisten als rabiater Rest. Vor Merkel waren die Reaktionären der rechte Flügel der CDU. Der rabiate Rest blieb allein und splitterte sich auf in NPD, DVU, Wehrsportgruppen usw.

Somit blieb diesem rechten Rand nicht viel. Reaktionäre Anwälte, Richter, Studienräte, Polizisten waren in die CDU eingebunden, denn niemand strafte sie für ihre Reden. Bei Abstimmungen unterlagen sie meist rein demokratisch und akzeptierten das. Manchmal fuhren sie auch Erfolge ein, wie beispielsweise beim Thema §218, oder der Erschwerung der Wehrdienstverweigerung.

Rückblende: Die Deutschnationale Volkspartei (DNVP)der Weimarer Zeit war reaktionär; sie konnte mit der NSDAP überhaupt nicht. Sie sah sich als Elite und den Hitlertrupp als Plebs. Zur Harzburger Front kam es 1931 auf dem Papier zwar trotzdem, aber siehe Hugenbergs Unmut über Hitlers erste Koaltionsregierung am 30.Januar 1933, deren Teil er mürrisch wurde – sind dokumentierte Fakten, die zeigen, dass es normalerweise ein tiefes Mistrauen zwischen gebildeten Reaktionären und eher instinktgesteuerten „Haudraufs“ gibt. Die Angst des Bürgers vor dem Assi, auf dem Schulhof wie im Parlament. Hat aber jener Plebs erst die Macht errungen und zeigt er weiterhin Härte, so kann er sich plötzlich vor zu Kreuze kriechenden Schnellbekehrten nicht retten. Peinliche Selbstauflösung aller bürgerlichen Parteien nach dem Ermächtigungsgesetz.

Adenauers CDU, hervorgegangen aus der Zentrumspartei, zog nun nach 45 alles an, was sich durch Engagement von mehr oder weniger großer Mitläuferschuld reinwaschen wollte. Das waren nicht so sehr die dumpfen SA-Schläger, sondern der bürokratisch erfahrene Mittelbau des NS-Staates. Also akademisch gebildete Kader. Globke, Filbinger, Kiesinger, Oberländer, Gehlen, … die Politik sah demnach aus: Schlussstrichdiskussion über NS-Verbrechen; Reaktivierung von Wehrmachtsveteranen für die Bundeswehr… Verbreitung des Märchens von der im Kriege „saubergebliebenen“ Wehrmacht… Vergabe seltsamer Namen an Kasernen… sie recyclten die Goebbels-Idee der letzten Kriegsphase, die „Warnung vor der Roten Flut“ …

Kurz: Die CDU ist Adenauers „braunes Wasser“ gewesen, mit dem er das Land wusch.

„Man wirft mir vor, ich wüsche mit braunem Wasser. Ja, aber wenn ich doch kein anderes habe!“ (Adenauer)

  1. Bei den Wählerinnen und Wählern der AfD ist für die CDU nichts zu holen. Versuche wie in Thüringen mit Hans-Georg Maaßen als Kandidaten sind gescheitert. Und zwar kläglich.

Quatsch. Nur eine Volksfront aus SPD, Grünen und in letzter Minute auch Linken führte zur Bündelung „strategischer“ Wählerstimmen für den SPD-Kandidaten. Ohne all diese Propagandatrommeln, bei normalem Wahlvorgang, wäre sicher ein anderes Ergebnis entstanden.

Bei der AfD befindet sich der gesamte verprellte rechte Wähler-Flügel der alten CDU.

  1. Seit ihrer Gründung war die CDU die Partei der deutschen Einheit und der europäischen Einigung. Beides waren Visionen, politische Ziele. Heute sind sie Wirklichkeit.

Und weil die heute Wirklichkeit ist, verschweigen wir mal klammheimlich, dass im Herbst ’89 eigentlich auch in der CDU niemand mehr an eine WV gedacht hat. Lediglich Kohl hielt daran fest. War es seine Prägung in den Nachkriegsjahren? Oder die Biografie seiner Frau? Sein 10 Punkteplan überraschte die eigene Partei im Winter 89 wie später der merkelsche Schlag gegen die Kernkraftnutzung. Die Paladine waren geschockt und mundtot.

Zuvor war der 17. Juni immer weniger gefeiert worden. Der Kommunistenfresser Strauß bereicherte sich 1983 lieber an der Provision für jenen Milliardenkredit an Honeckers angeblich gar nicht existierenden Zonen-Staat. Biedenkopf und Geisler wollten modernisieren und „neue Themen setzen“ – wurden allerdings von Kohl seinerzeit kaltgestellt. Dass Biedenkopf dann König von Sachsen wurde, ist ein Paradebeispiel politischer – na – nennen wir es Flexibilität.

  1. Viele Mitglieder wissen wenig über das historische Werden der Union und ihren Gründungsimpuls als Sammlungsbewegung und Kraft des Neuen. Die CDU war in einer so zerrissenen Gesellschaft, wie es die deutsche nach dem Krieg war, 1945 ein Versprechen und etwas Unerhörtes. Die CDU war die Partei der ausgestreckten Hand und nicht der geballten Faust.

Und weil so viele tatsächlich nichts wissen, über die Werdegänge in den ersten 20 Nachkriegsjahren, da lassen wir das mal so aussehen, als wäre Adenauers „ausgestreckte Hand“ so eine Art ständiger Kirchentag gewesen: Alle haben sich lieb und grenzen sich „mit äußerster Trennschärfe“ nach rechts ab. Beate Klarsfeld lacht sich tot.

  1. Was bedeutet das programmatisch? Die Idee eines verpflichtenden Gesellschaftsjahres für alle in der jungen Generation ist Ausdruck dieses bürgerlichen Staatsverständnisses, das Verantwortung und einen praktischen Patriotismus zur Grundlage einer freien Gesellschaft macht. Darauf kann die CDU sich besinnen oder daran wieder anknüpfen.

Praktischer Patriotismus entsteht also durch ein soziales Pflichtjahr. Superidee. Ironie sollte man kennzeichnen! Wer Patriotismus will, muss Gründe schaffen, weshalb man patriotisch sein soll. Worauf darf man noch stolz sein? Ist nicht alles von früher – NS, Rassismus, Holocaust? Das liegt im Argen! Die Wurzeln demokratischer Tradition werden nirgends gründlich vermittelt. Geh auf die Straße und frage die Leute, wer Erzberger, Blum, Haecker, Müntzer war! Wo kommt die Regenbogenfahne eigentlich her und wofür stand sie ursprünglich? Warum waren die Befreiungskriege eben nicht der präfaschistoide Alptraum, der deutsch-französische Freundschaft verhinderte, sondern eine durchaus demokratische Volkserhebung?!

Weiß sowas heute jemand? Ach wozu denn! …

(In Berlin Kreuzberg will man dieser Tage gerade alle Namen dieser Heldenzeit von den Straßenschildern tilgen. Yorck-, Blücher-, Tauentzien-…; weg damit! Klar, Kreuzberg; die brauchen orientalische Namenspatrone nun.)

  1. An der Parteibasis sind die Diskussionen ähnlich: Wenn Stadtverbände erklären, sie würden das Plakat mit dem Kanzlerkandidaten nicht aufhängen, dann haben die Funktionäre vor Ort ja leider genug schlechte Vorbilder in Land und Bund. Ihr Verhalten ist falsch und auf Dauer tödlich.

Nö. Wenn sie keine Ausreden haben, warum nun gerade DER mit dem wenigsten feedback an der Basis Kandidat wurde, und warum nur der Vorstand gefragt wurde, und was der Vorstand eigentlich von Demokratie und Dienst am Wähler hält…dann ist das richtig, die Reizfigur aus der Schusslinie zu nehmen. Einer, der vor der Flut, alle Katastrophenhilfen abschafft, dann drei Wochen die Bundeswehr helfen lässt, sie aber baldigst wieder abberuft – und der dann beim Ortstermin blöde Witze reißt – während die Toten noch nicht einmal unter der Erde sind, der ist nicht mehr vermittelbar!

  1. Die Erneuerung der Partei kann nicht aus dem Konrad-Adenauer-Haus kommen. Sie muss in den Kommunen beginnen. Dazu müssen gesellschaftliche Gruppen anders eingebunden und angesprochen werden. Die Ressourcen der Partei und ihres Umfeldes müssen darauf ausgerichtet werden. Die ehrenamtlichen Mitglieder haben auch den Anspruch, mehr Gehör zu finden.

Soso. Also Basisdemokratie? Keine Anweisungen von oben? Ein frommer Wunsch. Wie stehen die Chancen, korrupte Abgeordnete loszuwerden? (Rezo-Video 3) lehrt, dass der Verbonzung nun jahrzehntelang Tür und Tor offenstanden – und dass es an „jungen Wilden“ fehlt, die per Parteirevolte daran etwas ändern könnten.

  1. Es hilft nichts, wenn die Parteibasis über die Funktionäre schimpft, wenn die Funktionäre die Schuld beim Vorsitzenden suchen und der Vorsitzende sich über mangelnden Rückhalt beklagt.

Sagen wir es konkreter: Die SPD-Regierung hat unter Schröder ihr Wählerklientel verraten und eine lupenreine FDP/CDU-Politik gefahren. Merkel hat die CDU sozialdemokratisiert bzw. (leicht) begrünt. So entstand Verwirrung und massive Enttäuschung hüben wie drüben in allen Lagern.

Also wäre der Laden dringend aufzuräumen, indem wieder jeder Verein das tut, wozu er irgendwann einmal gegründet wurde und somit wären auch die klassischen Wählerschichten zurückholbar.

Aber auch das wird frommer Wunsch bleiben. Ich weiß. Früher verschwanden bei Wahlen unterlegene CDU-Potentaten schnell in der zweiten Reihe. Selbst diese Form der Selbstreinigung gibt es heute nicht mehr.

Der Pflichtfilm zum 60. Jahrestag

August’61. Mauerbau. 60 Jahre her.

Ja, da musste der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk mal wieder Wahrnehmung des Erziehungsauftrages beweisen. Wie immer bei Ossi-Themen wurde es eine übellaunig abgedrehte Schnellschnell-Klischee-Parade. Sparsamer Aufwand, schneller Dreh und schnelle Schnitte, senden, abhaken. Eventuell jedes Jahr anfang August wiederholen.

„3einhalb Stunden“

„Es fährt ein Zug nach nirgendwo“… am 13. August 1961. Und die Passagiere dieses Interzonenzuges von München nach Ostberlin haben dreieinhalb Stunden Zeit zu überlegen, ob sie spätestens in Bamberg aussteigen, um „ihre Träume leben zu können“. Im Adenauerland. In den USA von Küste zu Küste reisend. Oder auf dem Eifelturm. Oder weiterfahren, um schmählich im Osten zu verenden!

Du musst wissen: Alle Ossis träumten permanent von Flucht und von Amerika! Für Wessis gilt das als erwiesen.

Der Abspann des Filmes sorgt für den eigentlichen Lacher: Historische Beratung: „Max Musterfrau“.

Ich will den armen Mann nicht bloßstellen, schaut selber nach, wenn euch der richtige Name interessiert. Vielleicht hat er ja richtig beraten, aber man hat der Crew das Budget gekürzt, sodass zeittypische Kledage eben nur für ein Drittel der Akteure gereicht hat. Vielleicht aber ist er einer dieser jungen Leute, die mittels massiver Nachteilsausgleiche ein Abi herbeigeschenkt bekamen und die nicht bestandenen Testate im Studium machte dann die Zeter- und Mordio schreiende Helikopter-Mutter auf den Fluren der Sektionsleitung wett, während die eingeschüchterten Profs hinter ihren Schreibtischen in Deckung gingen. Kein Aufsehen! Wegloben! Ab zum Fernsehen!

Welche Bären kriegen wir hier nun aufgebunden:

Da gibt es eine junge Lokführerin in der DDR, über die ein Dok-Film gedreht werden soll. Aber die junge Dame verhält sich wie die von D-MAX hergebeamte abgespeckte ARD-Version der Checker-Lina abzüglich ihrer Tatoos, wie sie da in Männerunterhemd und Latzhose an der Lok schraubt.

Dann gibt es einen Flugzeugkonstrukteur, der mit Frau und zwei Kindern in München den Zug besteigt. Beide Kinder annähernd gleich alt. So zwischen 11 und 13. Die Tochter Papas Liebling, technisch interessiert und schlauer als der Vater, weil sie spontan ein Transistorradio reparieren kann, welches dann prompt Willy Brandts Mauerbauprotest sendet. Sie nervt zuvor die Leute auf dem Bahnsteig mit einem großen Flugzeugmodell, mit dem sie herumfliegt und immer so „beinahe“ aneckt, während der fasst gleichalte Bruder brav neben Mutti hertrabt.

Also das kann ich aus meiner 60er Jahre Kindheit bestätigen: Was haben wir Jungs gelangweilt und ideenlos in der Sandkiste herumgesessen, bis die spielmachenden gleichaltrigen Kumpelinen kamen und uns via Sandkuchen backen und Gummi-Hopse einen interessanten Tag bescherten! Und später hat mir meine Sandkastengefährtin Conny mit meinem Stabilbaukasten etwas vorgeschraubt und ich habs nachgebaut.

Glaubste nich‘? War bei dir genau andersrum?

Na siehste!

Ironie aus!

Der lustlose Bockie der Familie übrigens hat kurz vor Schluss dann seinen großen Auftritt, als Vater im Westen bleiben will, weil er ein Jobangebot in München bekam. Mutter aber will den verdienstvollen Opa im Osten nicht alleinlassen. Tochter heult und will schon aufs Pilotinwerden verzichten, da kommt Kleinpubi altväterlich kraft seiner 13 Jahre Lebenserfahrung aus dem Muspott und spricht: „Du bleibst mit Papa im Westen und wirst Pilotin. Ich geh mit Mama zurück nach Berlin. Und im Urlaub treffen wir uns in Prag.“ Gesagt getan. Alle zufrieden.

So easy kann das Leben sein!

Dazu dann noch eine Ostberliner Band im Zug (sic! Warum auch immer!), die prima 90er Jahre Existenzialisten-Pop klampft, (Warum nicht gleich Punks mit Iro?) aber seltsamerweise niemanden nervt. Alt und jung kriegen feuchte Augen. Niemand tönt etwas von „Hottentottenmusike“ und „Vernegerung“. Eben alles typisch 1961. Kmmh! Abwink.

Muss ich noch mehr sagen?

Es gibt ein paar Sporenelemente „neuer“ Akzente. Aber die musst du mit der Lupe suchen, wie in Gegenwartsfilmen der DEFA in den 70ern:

Die Frau des Konstrukteurs verteidigt ihren Vater und die Ideale der DDR ohne Schaum vor dem Mund und gar nicht doof wirkend. (Geradezu revolutionär anders!) Aber sie spricht nicht wie eine Mutter, die die Familie zusammen halten will, mittels alltäglicher Argumente; sondern sie doziert die anderthalb Seiten, die der Cornelsenverlag 10.Klässlern beim Thema DDR halt so zugesteht.

Die 4 Leute jener Combo, die kein einziges Mal so genannt wird, sind dagegen unerträglich holzschnitterne Klischeeträger, dass es einen graust. Und vor allem die Dame in gänzlich falschem Outfit!

Immerhin ist hier ein Lob für die DDR versteckt, nur leider ungenügend recherchiert.

Drummer und Basser sind ein schwules Paar. Der Wessi-Historiker hat nu irgendwo gelesen, dass die DDR 1961 keinen §175 mehr hatte, also lässt er das Paar sich gerade so geben und offen reden, wie das heute möglich ist: Was für ein Irrtum! Wie sah es mit der Schwulenakzeptanz in der DDR aus? Der DEFA-Film „Coming out“ von 1989 verrät es! Nix da von regenbogenbuntem Herumgewusel!

Dann fällt ein Satz über die rückständige Schwulengesetzgebung im Westen. Hui! Ein Minuspunkt für den „goldenen“ Westen! Hört, hört! Aber das schwule Musikerpaar entscheidet sich dann doch für genau den, wegen dem Eifelturm und Miles Davis. (Frag mich nich‘!)

„Dreieinhalb Stunden“ reiht sich ein in jenen unsäglichen Reigen aus „Honigfrauen“, „Unsere besten Jahre“, „Ballonflucht“… Klischeefernsehen at it‘s schlimmst.

Weil sich Wessis halt ihr Ossibild so angelesen haben -in IHREN Quellen- und ohne mit ihnen zu reden.

Es lebe das GEZ-Qualitätsfernsehen, das völlig verlernt hat, in seinen vielen, vielen C-Filmen zu Themen der jüngeren Geschichte, zeittypische Atmosphären zu erschaffen.

Filme wie „Gundermann“ und „Wunder von Bern“ beweisen, dass da eigentlich mehr gehen würde, wenn man nur wollte.

Drei Alben

In einem Land vor dieser Zeit heute lebte ich einst dahin. Das Besondere an diesem Land war, dass es keine Schallplatten gab. Also es gab schon welche, aber – das war kompliziert:

Das Land hatte EIN Plattenlabel für Rock/Pop/Schlager und veröffentlichte für stabile 16,10 M landeseigene Volkskunstgesänge.

Zweimal im Monat kam es zur Unter-dem-Ladentisch-Verhökerung einer sogenannten Lizenz-Platte für ebenfalls 16,10 M. Dabei konnte es sich um irgendwen Großkopfertes aus dem Lager des Klassenfeindes handeln; Geräusche, die vom Klassenkampf abhalten, im Sozialismus aber genossen werden können; sagen wir Deep Purple, Who, Stones; aber auch um „so Zeuch halt“ ala Katja Epstein, Udo Jürgens, Roger Whittaker etc.

Da man die Platte seiner Begehr meist nicht im Laden bekam, erwarb man sie „unter der Hand“ für 30.-M oder im Tausch für eine Ungewollte, die man vorsorglich für diesen Fall gekauft hatte, weil es sie eben grade gab, als man im Laden war.

Die „richtigen“ LPs, von A&M, CBS, RCA usw. gab es nur auf dem Flohmarkt oder von jemandem, den ein guter Freund halt so mal eben kennengelernt hatte. Und die kosteten, laut Umtauschkurs 1:6 eben nun mal 120.-M (Ost).

Da Rundfunkempfang von „Feindsendern“ kein Problem und somit Norm war, wusste man immer, wann welches Idol welche Platte herausgebracht hatte; aber man wusste nie, ob man sie eines Tages mal auf dem Flohmarkt erwischen würde.

Flohmärkte blühten in den 80ern mehr und mehr auf. Und du bekamst dort fast alles, was in den Läden Mangelware war – und so einiges mehr!

Und so trug es sich zu, dass auch Merseburg einmalig einen Flohmarktversuch startete.

Sommer’83. Bei bestem Wetter und mit wenig Geld fuhr nun also ein Trabi voller studentischer Plattensüchtlinge die paar Kilometer gen Schlosspark.

Ich für meinen Teil hatte die Barschaft von 250 Mark dabei und wohl wissend, dass ich dann wieder vor einem Vinylstandort stehen würde, bei dem ich gern das Zehnfache gehabt hätte, war ich auf die Idee gekommen, meine Lizenzplattenbestände zu durchforsten, was eventuell entbehrlich wäre, um die Suchtbefriedigung wenigstens in diesem Segment noch ein wenig weiter steigern zu können.

Im Plattenbeutel unter meiner Schulter befanden sich nun also „Leo Kottke“ und „CCR“; damals gerade auf AMIGA erschienen, sodass sie eventuell noch gesucht sein könnten. Kottke gefiel mir in jenen textlastigen NDW-Jahren noch nicht so richtig (das änderte sich später sehr); und die CCR hatte ich mir überhört, sodass der Trennungsschmerz nicht allzu groß sein würde. Sollte sich gar jemand finden, süchtig wie ich, dann würde der eventuell je 40.-M springen lassen – und dann hätte ich bei etwas Verhandlungsgeschick Geld für „aller guten Dinge sinder Dreie“ von den RICHTIGEN!

Wir also rein da, löhnen das bissel Eintritt und ziehen getrennter Wege, denn keiner gönnte dem andern Funde, die ihm selber gefallen hätten und die er so nun wieder „nur“ aufnehmen konnte.

Ich wende mich nach rechts und gleich als zweiter oder dritter Anbieter steht da jemand mit einem Bettvorleger im Gras und darauf liegen 4 Alben. Welche weiß ich nicht mehr, denn ich hatte nur Augen für eins -BÄM! -:

dav

Ich wusste sofort, dass ich das gleich kaufe! Aber ich wusste ebenfalls gleich: Du bist noch keine 10 Schritte gelaufen und deine halbe Barschaft geht jetzt drauf! Du wirst noch vor größeren Kisten stehen! Aber überlegen und wiederkommen is’nich‘! Dann isse schon weg!

1978 -vor der Fahne- war „Bat out of hell“ erschienen – und nenne mir einen von meiner Generation, der nicht das große Sabbern gekriegt hätte, wenn man ihm die zum Aufnehmen anbot! Ich hatte sie -Prora-Dealer sei Dank- seit 1981 endlich auch auf Band und nun lag hier der zweite Streich des Big American Wahnfried!

Die Hülle war perfekt, beim Rausziehen der Platte glänzte alles, wie es sein soll! Problem: Ich kannte keinen Ton von diesem Album!

Die muss 1980 höllisch eingebrochen sein! Ich hatte das nicht mitbekommen können. 18 Monate „Ehrenhaft“ auf Rügen, da kommste zurück und denkst, es gibt international bloß noch Nik Straker und die Goombay Danceband, saach ich dir! Ostseewelle Rostock, das war seinerzeit auch sowas wie Folter!

Ich hatte zwar alles aufgenommen, was mein Langzeitkumpel Udo in jener Phase zu Hause so an musikalischer Beute machen konnte, aber von Meat Loaf war da nichts dabei!

„Is‘ die wie die Bat out of hell?“, frag ich also ziemlich deppert. Und der Verkäufer muss mich prompt für einen Idioten halten.

„Klar! Die is zwar nich‘ so bekannt – aber, wem die eene jefällt, der mag ooch die annere hier.“

Hab ich zu handeln versucht? Oder widerstandslos gleich die 120 gezückt?

Ich war in Trance!

Gleich nach dem Kauf wurde ich wieder unschlüssig: Was, wenn die verdient gefloppt is‘? Hast du dir jetzt Mist andrehen lassen?

Die Ängste waren unbegründet. Die Platte sollte in meinem Besitz ihre ganz spezielle Geschichte erlangen.

Musikalisch ist sie der „Bat out of hell“ tatsächlich ähnlich. Sie geht gut ab. Mini-Opern wie „Paradiese by the Dashboardlight“ allerdings fehlen. Aber Graupen gibt es keine.

Als ich sie vor Udo aus dem Beutel ziehe, kriegt der glasige Augen: „Ooooor! Und wer malt mir das Cover jetz‘ in Lämsgröße übbers Sofa?“

„I’m gonna love her for both of us“ … „more than you deserve“… lebenskluge Studentenhymnen! Alles wahr! Soundtrack einer Lebensphase!

dav

Anfang’89 verbüßte ich mein viertes „Zusatzabsolventenjahr“ hinter Cottbus als Strohwitwer, während meine Frau weit weg daheim ihre Mutter pflegte und unser erstes Kind windelte – alle Versetzungsanträge und Eingaben abgeschmettert – und kein Bonze hatte ein Einsehen auf Familienzusammenführung! Dementsprechend war ich drauf, als diese letzten Kommunalwahlen abgehalten wurden:

Ich ging hin, nahm den Zettel, legte ihn auf die Urne und begann Namen von der Liste zu streichen.

Die Wahlkabine war – wie üblich – zu weit weg und mit Stühlen verstellt.

(Komme da jetzt, was da wolle! Hat sich was mit braver DDR-Bürger! Ich hörte da so eine Speckbacke im Anzug flüstern: „Wen streicht‘n der?“ Von den andern gabs diese typischen Blicke: Ist Ihnen klar, was Sie da gerade getan haben?!)

Leckt mich! 5 km von der polnischen Grenze! Noch weiter östlich könnter mich nich‘ verbannen. Schlesien is‘ futsch!

Dann stopfte ich den Wisch in den Schlitz und ging -leicht zitternd vor Aufregung- heim. Wird’s noch Theater geben? Oder bin ich eh schon „durch“? Zuhause legte ich die „Deadringer“ auf: Peel out, peel out! I‘m sick and tired of waiting in line! – und fand mich strax wieder gut!

Wenn ich an den Wochenenden das Pflegeelend meiner Schwiegerfamilie erlebte, war ich immer aufs Neue der „Real Deadringer for Love“, auch wenn Olle Ami-Bulette das ursprünglich anders gemeint hatte.

So bekam diese Platte ihre Unverzichtbarkeit! Aber‘83 da im Schlosspark war daran nicht zu denken.

Es ist im Leben prima eingerichtet, dass man nicht vorausschauen kann. Würde man mit 23 sehen, durch welchen Mist man noch zu waten hat, man würde keine 30.

Also lebte ich den Moment: Meine Zweifel an der Richtigkeit jener Kaufentscheidung wuchsen mit jedem Schritt.

 Und die Verunsicherung begann sogar zu sieden, als ich 100 Meter weiter vor zwei Typen stand, die in zwei großen Pappkisten an die 500 begehrte West-Platten feilboten!

Ich kann bis heute nicht erklären, wie solche Anbieter zustande kamen: Zwei Fernseherkisten voll Rockgeschichte im Bestzustand! Ladenneu! Waren das Einbrecher im Rundfunkarchiv? Stasischergen, die die Paketbeschlagnahmungen verhökerten? Oder nur skrupellose Schröpfer von Westverwandtschaft?

Es waren keine Ausländer! Sie sprachen akzentfrei unsern Slang!

Der Stand ist umlagert. Ich drängle mich rein. Erwische gleich die „Who are you“, halte sie erst mal fest, will aber noch an Überblick gewinnen:

Neben mir flippt einer so eine lange Plattenreihe durch. Die gesammelten Werke der Scorpions, so scheint es, Rainbow und Maiden auch dabei, die greift einer von der Seite gleich raus. Egal. Da: Bowie! Aber der Typ flippt drüber weg. Gott sei Dank!

„Warte mal kurz!“ hör ich mich auf Autopilot sprechen, flippe zurück, ziehe die Bowie und schieb die Who an die Stelle rein: Es ist die „Diamond Dogs“! Was für ein Cover! Und „Rebel Rebel“ ist drauf!

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Heinz Rudolf Kunze hatte zu der Zeit auf NDR2 gerade eine Sendereihe „Bowie – der Favorit“ laufen – und er besprach dort alle LPs mit reichlich Hörbeispielen! Ich hieperte deshalb auf die „Hunky Dory“, aber die „Diamond Dogs“ erschien mir seinerzeit als die zweitbeste der Vor-Fame-Phase!

Treffer! Bezahl und weg!

Aber – Geld alle. Für den letzten 10er würde es kein Vinyl mehr geben und nach meinem Beutelinhalt war ich noch kein einziges Mal angesprochen worden.

Fluchtartig verließ ich diesem Stand des Überangebotes: Hach, da hatten die sogar die Kiss „Alive!“ und Floyds „the piper at the Gates of dawn“! Von Rainbow wär die „Long live Rock And Roll“ auch verführerisch gewesen! Bloß weg hier!

Erst mal ne Wurschd, um den Adrenalinpegel zu senken.

Die „Diamond Dogs“ gefiel mir jahrelang ganz ausgezeichnet. Sie passte in die 80er, obwohl sie da schon 10 Jahre auf dem Buckel hatte: Aber all die Apocalypse-Anspielungen – das hörte sich extrem aktuell an – in Zeiten von „99 Luftballons“,„Berliiiin! Du kotzt mich an!“ und „Weltsendeschluss“! Viel ist davon nicht übriggeblieben. Höre ich sie heute seltenerweise einmal, dann merke ich, was Kunze seinerzeit schon erzählte: Gesammelte Bruchstücke eines Drogenwracks, das sich künstlerisch gehörig übernommen hatte. Er hatte zu lesen begonnen und wollte nun aus Orwells „1984“, Kubricks „Clockwork Orange“ und Shakespeares „Hamlet“ das eigene große Überwerk erschaffen: Doppelalbum, Buch und Film. Allerdings wurde er Opfer seiner Stimmungsschwankungen und verwarf immerzu seine Vortagsideen. Übrig blieb eine LP mit „Rebel Rebel“, „When you Rock and Roll with me“,„1984“ und allerhand katastrophenschwangeren Füllseln.

Hat halt so jedes seine Halbwertzeit. In den 80ern machte mich die Platte glücklich!

Ein paar Parkrundenspäter steh ich wieder vor einem, der so ein Allerlei aus Ost-Platten und Kram auf einer Decke anbietet.

Und da lag dann noch – SIE!

dav

AMIGA’77. In den 70ern verpasst, dann kurz vor der Fahne immerhin noch aufgenommen. LP mit Überlänge! Herrlicher Sound! Prägemelodaien am Fließband! Keine Graupen! „Bring back my yesterday“ war das zentrale Langwerk darauf, inclusive dem gesprochenen Intro, das auf späteren „Best ofs“ immer fehlt!

Ich weiß, ich weiß! Barry White! Das ist nicht der Name, der unter Althippies, Bluesern und Punks der ersten Stunde Anerkennung genießt – aber – fuck it! Zu MEINEN Göttern gehört er! ICH MUSSTE diese Platte haben!

„Willst’n für die?“

„Dreißch Morg.“

Ich ziehe aus meinem Plattenbeutel Kottke und CCR.

„Und wenn de dir eehne davon aussuchst?“

„Oi!“

Natürlich nimmt er die CCR.

Barry White wollte nie jemand von mir aufnehmen. Aber durchsichtig gespielt hab ich die! Und wie!

Nach der Wende kaufte ich „Barrys Gold“ auf CD mit sehr ähnlicher Zusammenstellung – aber o weh! Der Yesterday-Monolog fehlte! Also gingen die Barry-Käufe „notgedrungen“ weiter. Bis zur „Rhapsody in White“ – DIE ist die Beste! MEIN Sound der Pubertät! Da ziehen sie alle im Geiste noch mal vorbei, die damals Rang und Namen hatten:

Carrell, Elefantenboy, Eddies Vater, Otto-Show, Butler Parker, Margret Thursday, Belle und Sebastian, Daniel Boone – und eben auch so Alltagsbilder einer anderen Zeit: Die Bierbüchsen-Pyramide! Das Kohlebunkern, wenn uns der Wintervorrat in die Einfahrt gekippt wurde! Vaters Kofferheule plärrt Deutschlandfunk dazu. Der bringt Wortbeiträge ohne Ende und zwischendurch plötzlich mal: Standing in the shadow of love-love-love- waiting for the heartache above….“

Exactly my point of view‘73/74!

Oh yeahr!

One ticket please. She’s at home. Yeahr, she’s at home…

dav

 

Heyses Venus

dav

Heyses Schlussstein

Ist!

Das!

Stark!

Da wollte einer den Buchmarkt nochmal so richtig rocken, aber keiner hat’s gehört. Die zeitgenössischen Literaturgeschichten schweigen das Werk tot, wie zuvor schon „gegen den Strom“.

Heyse schrieb 1910 mit  -für DIE Zeit- sensationellen 80 Jahren seinen letzten Roman – und es ist ein toller Schlussakkord geworden! Auch wenn „gegen den Strom“ sein eigentliches „Vermächtnis-Album“ bleibt – aber da war noch was offen!

„Für wie moralisch integer haltet ihr unsere Zeit, liebe Leute?!“, fragt er und liefert die Antwort mit: Nicht mehr meine Zeit; aber eure eigentlich auch nicht! Ihr seid nicht in der Lage, das ins Bessere zu drehen! Das 20.Jahrhundert wird kein leichtes!

Der Titel mag manchen abstoßen.

Er gemahnt zunächst an das berühmte Botticelli-Gemälde, meint aber die Entstehung einer der vielen Coverversionen, die um 1900 entstanden und heute alle ein bisschen wie die Schlafzimmerbilder vom Trödler nebenan wirken. Die Maler alter Schule waren in der Bredouille. Heyse springt ihnen bei. Der Liebhaber von Zentauren und Illias-Bebilderung bleibt vom Impressionismus unbeeindruckt.

Etwas ähnliches hat Heyse mit seiner Novelle von der „Irdischen und himmlischen Liebe“ schon mal geboten. Damals stand ein alter Tizian als Namensgeber Pate. Auch dieser Titel las sich gewöhnungsbedürftig, doch auch diese Novelle gehört unbestreitbar zu seinen Hits.

In der „Geburt der Venus“ erhältst du eine hauchzart erzählte, anheimelnd tolle Liebesgeschichte. Hier kriegt er dich genauso wie mit „dem verlorenen Sohn“ und den „Moralischen Unmöglichkeiten“.

„Es gibt moralische Unmöglichkeiten, die einer solchen Eheschließung nun mal im Wege stehen.“, sagt der sympathische Vater des träumerischen Malers. Zufall? Berechneter Wiedererkennungseffekt?

Das Vater-Sohn-Gespräch, aus dem der Satz stammt, ist eins der vielen kleinen Highlights des Werkes. Wenn der Sohn die dem Vater entgangene Karriere lebt, dann ist das Topverhältnis sattelfest. Beide verachten elitär die spießbürgerliche Meute. Und trotzdem bedrohen die Spielregeln des „blöden Haufens“ das Familienglück.

Heyse thematisiert die völlig überholte Heiratsetikette seiner Zeit, die uns heutigen Lesern eigenartig kurdisch/arabisch vorkommt. Und die Duelle waren unsere Spielart von Ehrenmord. Wobei eher die Männer zu schaden kamen.

Das erbärmliche Schicksal der Hanna illustriert zeittypische Umstände und führt somit dem Leser vor Augen wie prüde und somit folgerichtig frivol verdorben ein Zeitgeist ist, der die Erschaffung erotischer Kunst sofort in den Dreck zieht. Wenn Heyse hier 1910 mit Moralkriegern seiner Zeit abrechnet, dann hinterlässt das so einen überraschend aktuellen Nachhall.

Herrlich beschrieben, wie Trude, die Pastorentochter, den Fanatismus ihres Vaters unterläuft und damit zeigt, wo Heuchelei für den gesunden Menschenverstand überlebensnotwendig ist: Im Pfarrhaus.

Ja, wieder ein böser Pastor, wie in „Crone Stäudlin“, wie in „Moralische Unmöglichkeiten“.

Ja, wieder so ein aristokratisches Aschenputtel wie die Traud in „Irdische und himmlische Liebe“.

Ja, wieder so ein verpeilter Professor Chlodwig, wie dort, diesmal als aussichtsreicher Maler.

Und wieder so ein Dr. Berndt, als zynischer Kommentator und helfender Freund, der wiederum mehr Durchblick hat, als die Hauptfigur.

Heyse variiert die „Irdische und himmlische Liebe“ hier zum Roman. Er zeigt, dass ihm zum Ende hin bewusstwurde, dass das sein bester Plot war.

Der Zweitaufguss alter Ideen kann schief gehen. Ihm gelingt er! Jedenfalls bei mir trifft er ins Schwarze. Wie Yes mit „Yes-Album“ und „Fragile“, wie Pink Floyd mit „Dark Side…“ und „Wish you…“, wie Nazareth mit ihrem Debut und der „expect no mercy“.

Und das Sahnehäubchen an der ganzen Geschichte ist, dass dieser Schlusspunkt einer großen Laufbahn mit Spielhagens „Opfer“ von 1901 zu korrespondieren scheint, was ja auch in dessen Fall fast ein Schlusspunkt war.

Heyse, mit einer Kunstauffassung von gestern und Moralvorstellungen von morgen, Kind seiner Zeit, präsentiert die Themen jener Ära zeittypisch: Allweil realistisch, aber umhüllt mit Schmauchspuren vergehender Romantik, die sich „klassisch“ gibt und somit Gefahr läuft, nur als kitschig verlacht zu werden. Der notwendige Gegenpol zu Fontane und Mann.

In Zeiten, wo dir Historiensurrogate in Form von Fernsehfilm und -serie vorgaukeln, dass unsere Altvorderen einst unsere heutigen Zustände herbeigesehnt hätten, sind Heyse, Spielhagen & Co. notwendige Kronzeugen, dass dem nie so war.

Sicher ließe sich auch im Falle der „Venus“ das eine oder andere missglückte Detail aufrechnen. Es ist wiederum ein „Thüringen“, das eigentlich eher München und sein Umland ist. Für die Inspiration zum Titelgebenden Kunstwerk via Kletterpartie auf einsamer griechischer Insel hätte sich sicher was Besseres finden lassen, als ein angeblich reales Erweckungserlebnis. Aber geschenkt. Nach 10 Seiten kippligen Einstiegs, der kurz die Gefahr einer zweiten „Crone Stäudlin“ am Horizont erscheinen lässt, erzählt sich hier ein mitreißender Erzähler seine Lebenserfahrungen im „blöden Haufen“ vom Hals und schmeißt die Türe zu.

Ein kolossaler Abgang!

Ol‘ Frankie’s Watertown

Irgendwann schlägt jedem die Sinatra-Stunde.

Eine Platte für die Frühjahrsmüdigkeit.

Du legst sie auf, es umarmt dich eine einschmeichelnde Musik, die an früh70er Vorabendserien der Marke „Elefantenboy“ erinnert, oder „Margreth Thursday“ und du dämmerst weg, um erst bei den letzten Takten wieder aufzuwachen, „I’m sure, I’d recognized her face“… und die Musik entfernt sich, wie ein Personenzug, der in der Ferne immer leiser wird.

Du hast eine wunderbare Story verschlafen. Frank Sinatra erzählt sie dir auf seinem Watertown- Album von 1970, wann immer du willst.

Sehr viele werden es nicht sein, die das wollen. 30 000 Exemplare nur gingen damals über den Ladentisch. Ein blamables Nichts für „Ol’blue Eyes“. Es heißt, er mag deshalb das Album nicht.

Schade eigentlich. Es ist ein gutes!

Er wollte es ja selbst auch, als er von der „The Imitation of Life Gazette“ begeistert war.

Gaudio und Holmes machten sich also ran und schrieben ihm ein Konzeptalbum der sehr melancholischen Art.

Die Schilderungen all dieser Slacker-Schicksale in der Ami-Provinz zwischen Frau verdreschen-Auto schrotten-Drogen dealen-Army&Knast sind Legion. Hier stattdessen die leise sich anschleichende, völlig unaufdringliche Variante eines Saubermannschicksals, die dich im Nachhinein deutlich mehr berührt, weil der beschriebene Lebensstil viel mehr mit deinem Eigenen zu tun hat:

Ein verlassener Mann in den besten Jahren in einer amerikanischen Kleinstadt erzählt, wie ihn seine Frau verließ, weil die großen Erfolge in der großen Metropole lockten und wie er mit den Kindern zurückblieb.

Er erzählt, dass da kein großer Krach und kein Bleib-doch-Gebettel war. Dass sie sich lieb verabschiedete und versprach zu schreiben.

Wie er sich immer wieder damit plagt, die Gründe für sein Scheitern zu finden; weshalb der Magnetismus der ersten Ehejahre verflog; wie er sich einen Neuanfang herbeisehnt, wenn sie doch wiederkäme…

Wie in guten Hollywood-Streifen, wo Lachen und Weinen psychologisch meisterhaft kombiniert eng beieinanderliegen, entdeckst du in den simpel gehaltenen Lyrics hier ebenfalls die Gänsehautmomente und schmunzelst doch wenig später über Alt-Männer-Humor a la

„The kitchen looked like World War III, what a funny girl you used to be…“,

weil du diese Sprüche kennst. Weil das das Leben ist. Das Leben der Anderen. Solche Scheidungsgeschichten blieben gottlob outside of the family, aber nahe genug, um bei diesem und jenem Schicksal mitzuleiden.

Sie schreibt, dass sie an Gewicht verlor, mehr Auftritte hat, die Karriere läuft… die Stadt schön aber fremd bleibt. Er schöpft daraus Hoffnung.

Die Platte enthält keinen Las Vegas Swing mit Bügelfalten-Lackschuh-Tritt in den Bläsereinsatz, wohl aber diese sich anschleichenden Klarinetten-Soli a la Benny Goodman (Chamber Version). Violingestreichelt.

Der Schwachpunkt der Platte ist die Abwesenheit von einprägsamen Hooklines.; womit also keine Trompeten von Jericho-Chorusse gemeint sind. Aber so was „Heart of Goldhaftes“, leise Eindringliches, wie es eben Onkel Neil mit links kann, das wäre hier das Tüpfelchen gewesen. „I‘m sayin‘ something stupid, like: I love you“ – Old Frankie hat das ja zuvor bereits geschafft, aber eben leider nicht hier. Weil das nun nicht zu haben ist, kommt es dir phasenweise vor, wie ein Versuch, Brechts Episches Theater musik-minimalistisch untermalen zu wollen. Sinatra goes Minetti.

Aber wenn man sich drauf einlässt, dann geht man trotzdem mit, wenn die zunächst einschläfernde Musi‘, die den bescheidenen Alltagsablauf des Erzählers untermalt, lebendiger wird, da er einem Brief zu entnehmen glaubt, „Sie“ käme bald auf Besuch. Prompt steht er am Bahnhof. Es gießt. Das ist egal!

Sie kommt – sicher – die Schranken gehen zu – der Zug fährt ein – Leute steigen aus – und verlaufen sich. Der Zug fährt an –

„Ich war sicher, ihr Gesicht gesehen zu haben …“ – tudumm-tudumm-tudumm – und verschwindet am Horizont.

Der Songzyklus korrespondiert mit „Saturdays father“ auf der „IoLG“ der 4 Seasons. Der Begriff „Watertown“ wird auch dort erwähnt.

Und er korrespondiert mit „Delta Dawn“ von 1972. Hier steht SIE jeden Tag abreisebereit am Bahnhof, aber ER kommt nicht, um sie wegzuholen. In Watertown dagegen warten ER und die kleinen Söhne, aber SIE kehrt nicht zurück.

Feine Puzzleteile im Musik-Kosmos.

sinatra

Thierse

 

Thierse warnte auch davor, die Begriff (!) und Realität von Nation als erledigt zu betrachten. „Schaut Euch um in der Welt! Nation ist eine Realität. Wir erfahren sie gerade wieder in der Pandemie. Der nationale Sozialstaat rettet uns. Es ist elitäre Dummheit, das nicht sehen zu wollen.“

FAZ von heute.

Recht hat er.

Aber – was nützt’s?

Erinnert euch! Sie waren 12e, den Dreizehnten den haben sie eiskalt verhökert und verraten an die Wölfe. Man merke: Im Verein wird keiner alt. (Na? Von wem?)

MOSAIK Tiefenforschung 2

Für das Folgende passen keine Bee Gees. Leg dir Mittelalterrock auf, denn gleich zücken wir die Schwerter!

Haggard, Opeth, Therion irgendsowas eben, was dir die Zinnen an die Schädeldecke malt.

Weiter geht’s mit literarischer Archäologie.

DSC02903-001mosaikIn der leider unvollständig erzählten Hegen-Biografie „Die drei Leben des Zeichners Hannes Hegen“ wird erzählt, dass die Crew des Mosaiks, vom schieren Erfolg in den 50ern überrannt, angespornt war, besser und besser zu werden. Die Anfeindungen in Sachen „Schund- und Schmutz-Literatur“ taten ein Übriges. So begannen sie also, sich auf Ideensuche zu begeben und antiquarische Bücher zu erwerben. Die waren billig in der Ehemaligen. Das schnell anwachsende Archiv schlug zwei Fliegen mit einer Klappe: Es ist in alten Mären gar wunderviel geseyd…, also konnte man aus alten Romanen „für die reifere Jugend“ der Kaiserzeit, sich ungestraft Anregungen holen, indem man aus 3 oder 4 Erzählungen Partikel entnahm, um sie Runkel und den Digedags in einer Geschichte unterzuschieben, denn es war davon auszugehen, dass wohl niemand in der Lage sein würde, in alten Wälzern auf Digedagspuren zu stoßen. Frakturschriftkenntnis-Inhaber waren eine aussterbende Spezies bereits in den 60ern.

Andererseits waren die alten Kupferstich-Illustrationen aus fernen Ländern ideale Vorlagen für anheimelnde Hintergründe, vor denen Hegens Comic-Helden ihre Bewährungsproben erdulden müssen. Meisterhaft geradezu das mittelalterliche Venedig zu Beginn der Runkel-Serie oder aber auch die Berliner Reichstagsruine im damaligen Ist-Zustand auf dem Stern des Todes (im Heft 26). Nicht zu vergessen die Hafenanlagen des alten Konstantinopel, nach Vorlagen einer alten Völkerkunde, mit Abbildungen Istambuls um 1880.

Somit kann behauptet werden, dass man mit den Digedags erfolgreich durch Raum und Zeit reisen konnte. Ob Bayous am Mississippi oder die Steinhänge am Euphrat – die Landschaft stimmt!

Jugendverderbnis- und Volksverdummungsvorwürfe liefen so ins Leere..

Arno Schmidt hat die interessante Idee entwickelt, dass jeder Autor im Jenseits erst dann Ruhe findet, wenn er auf Erden vollständig vergessen ist. Und wenn er sich nicht an realen historischen Personen vergriff, die ihn ansonsten durchs Paradies jagen, wie z.B. die Gotenkönige den Felix Dahn.

Dieser Theorie entsprechend bin ich der geborene Störenfried. Mein Literaturgeschmack hinkt dem meiner Generation gut 50 Jahre hinterher und somit bin ich vermutlich letzter Liebhaber so einiger Namen, nach denen heute kein Hahn mehr kräht.

Da wird sich so mancher Literaturtitan da oben bereits bequem in die allerletzte Haltung gebracht haben, befriedigt aufseufzen „So! Genug! Es ist vollbracht!“ – wenn Erzengel Gabriel an seine Bettstatt tritt, um grinsend mitzuteilen: „Denkste! Hoch mit dir! Bludgeon liest dich noch!“

So geschehen 2020 mit dem „Guten Kameraden“ Band 28; Schuljahr 1913/14. Die letzte Friedensspanne der „Guten Alten Zeit“.

„Gottfried von Hohenloh.“ ist dort drin ein kurzer Fortsetzungsroman um einen Minnesänger im 13. Jahrhundert. Der Autor kaschiert seinen Namen zu M. Sch.; untypisch für die führende Knabenzeitung jener Tage.

Vorlage 1

Wenn du dich auf diese 5 oder 6 Folgen einlässt, dann kommt dir das Grinsen, denn der Inhalt hat es in sich. Er enthält sowohl ein politisches Wagnis zu Zeiten des Erscheinens, als auch eine Digedagspur für spätere Leser.

Der Haupt-Gag ist der, dass Hohenloh 1233 vom Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen in Sizilien losgeschickt wird, um seinem Kronprinzen Heinrich jenseits der Alpen ein paar Nachrichten zu bringen und als Berater auf die Finger zu sehen. Kaiser Frederico hat per Gerücht erfahren, dass sein volljähriger Bub da oben im Norden nämlich ungeschickt agiert, wichtige Fürsten verprellt und an Putsch gegen den Vater denkt.

Ein Gag ist das deshalb, weil es für wissende Gymnasiasten 1913 – und da hat es sicher nicht wenige gegeben, denn Geschichte war damals „in“! – eine deutliche Parallele gibt zum amtierenden Willy Zwo und seinem verstorbenen Vater Friedrich III.. Dass sich beide nicht „grün“ waren, ist damals allseits bekannt. Dass Willy ein ungeschickter Akteur auf der Weltbühne ist, bekommt ebenfalls jeder mit – und nun, ausgerechnet im Jahr des 25jährigen Thronjubiläums des „Friedenskaisers“ mit den vielen außenpolitischen Krisen, kann die Jugend diese mittelalterliche Parabel auf das „jetzt“ lesen!

Klar, dass da der Autor lieber nicht allzu bekannt werden will!

Das Damoklesschwert der „Majestätsbeleidigung“ schwebt über ihm!

Hatespeech 1913!

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…Österreicher auf der Wacht …

Der „Gute Kamerad“ ist ein deutlich süddeutsch geprägtes Werk. Union Verlagsgesellschaft Stuttgart-Berlin-Leipzig-Wien. Die Abstandssuche zu Preußen wird darin deutlich, dass bei militärischen Themen eher über die K&K Armee berichtet wird, bzw. über württembergische Regimenter. Die Willy-Watsche im Jubiläumsjahrgang unterzubringen ist bestimmt klammheimlich in den Redaktionsstuben gefeiert worden!

Der zweite Gag der Erzählung liegt im Detail und hat MOSAIK-Bezug:

Es macht einfach Spaß, beim Lesen auf etwas zu stoßen, was dir sofort bekannt vorkommt:

Spuren der Hohenloh-Geschichte finden sich in mehreren Episoden der Ritter-Runkel-Serie:

– in der 110; „Das Kastell Peripheria“

– in der 145, „Ritter Runkels Heimkehr“

– in der 150; „Der Sturm auf die Kuckucksburg“

Denn:

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Hohenloh und 3 Begleiter fliehen vor Verfolgern, aufmüpfigen Mailändern, die den deutschen Rittern alles andere als freundschaftlich gesinnt sind. Sie jagen auf eine Burg zu, die sie da über einem Wald im Alpenvorland aufragen sehen. Sie erhoffen sich dort Schutz. Die Zugbrücke ist unten, also hinein; ein dösender Räuber am Tor wird überwältigt, das Tor aufgezogen. Im Inneren gibt es eine kurze Überrumpelung der anderen überraschten Räuber, die sich leicht wegschließen lassen. Die Verfolger sind inzwischen vor dem Tor angekommen und wissen nicht weiter, entschließen sich aber zur Belagerung, die sie mangels Masse auf den Torweg beschränken.

Hohenloh lässt Fake-Lanzen an die Zinnen stellen, damit die Burgbelegschaft nach mehr aussieht und von unterschiedlichen Stellen der Mauer auf die Belagerer schießen.

Einer seiner Begleiter hat inzwischen das Hauptgebäude der Burg untersucht – und eine große Falltür gefunden. Als sie geöffnet wird, entdecken die Bedrängten einen Reitweg hinein in den Burgberg. Sie reiten ihn hinab und erreichen am Fuße des Berges und an der Rückseite der Burg das Freie. Entwischt! Zu Pferde!

runkel 2Natürlich ist eine Falltür, so groß, dass Pferde durch die Öffnung passen und eine Reitweg-Serpentine im Gestein ziemlich märchenhaft, jedoch schmilzt die Sache ja im MOSAIK auf einen Burgbrunnen und einen Bach im Berg zusammen.

Damit auch dort die weitere Reise schnell und zu Pferd fortgesetzt werden kann, mussten in dem Fall die Kuckucksberger so blöde sein, Runkels Pferd Türkenschreck, weil zu alt zum Schlachten, einfach wegzujagen und nur den Ritter einzusperren. Haben nun ihrerseits die Digedags Türkenschreck wieder aufgelesen und Runkel per Burgbrunnen befreit, ist das Ensemble ebenfalls wieder vollzählig unterwegs, um die weiteren Pläne des Kuckucksbergers zu durchkreuzen, wie Gottfried von Hohenloh die des fiesen Heinrich.

Die Idee zur flachen Reiter-Treppe könnte aus dem Hradschin stammen. Hegen war Sudete. Sicher kannte er die Prager Burg. Dort gibt es eine, die (allerdings ohne Falltür) hinein in einen Saal führt, um speisenden Gästen Reiterkunststücke vorführen zu können.

Die unterbesetzte Burg (Peripheria und Kuckucksburg), die Mitgliederschwache Räuberbande, die sich vorübergehend eine fremde Burg aneignet wird eingesperrt (Teufelsbrüder), der Fluchtweg durch den Berg und auf der Rückseite raus, das Erstürmen wollen einer Burg, die gar nicht (mehr) verteidigt wird (Kuckucksburg).

Sachen gibt’s!

Die Welt der einen – die Welt der andern

Da war mal ein Film. Echt heiß diskutiert! Nicht nur in den Medien! Auch sonst so:

„Warst du schon drin?“

„Läuft noch im gleen Gino! Musste sehn!“

„Is DEFA, naja – obor…!“(Augen aufreißen)

Oder

„Geht da rein! Die f***en wie die Guppies!“

Oder

„Wüddor so ä Knäd! Sowas macht imbodennd, soach ich dior! Spar dir die Gohle!“

Wir gingen rein. Christian und ich. Sommer’79, kurz nach dem Abi und kurz vor Prora, der Fahne-Pein.

Der Film hieß „Bis dass der Tod euch scheidet…“ und wenn zu Beginn der Vorspann läuft, wird in Karat- oder Stern-Combo-Manier auf Melotron das Thema aus dem 2. Satz der 9.Sinfonie von Dvorak gespielt. Ungefähr für ne Minute. Wenn die um ist, hast du das Beste schon hinter dir.

Der Film ist absolut düster und der erste von mehreren ähnlich gelagerten Assi-Streifen, die in den Folgejahren anstanden. Abgesang auf die sozialistischen Träume? Warnung? Reformwunsch? Oder nur Berufsfrust der Filmschaffenden im Jahr 3 nach Biermann? Man weiß es nicht. Damals war mir das ne Schippe zu viel. Sooooo negativ wollte ich die Welt nu ooch wüddor nich‘ sehn!

Ich hab ihn mir zur Selbstvergewisserung HIER nochmal angetan. Der Eindruck ist so furchtbar wie’79, aber inzwischen kam ein bisschen Hintergrund hinzu, der damals fehlte. Und deshalb kommt der Film letztlich doch ein ganz klein bisschen besser weg als damals.

Sonja und Jens heiraten jung, Verkäuferin und Maurer. Sie macht per Fernstudium ohne sein Wissen Karriere und er säuft, fällt durch die Meisterprüfung, säuft noch mehr und schlägt die Frau. Mehr Klischee geht nicht. Und dann fallen se noch alle Nasen lang nackt und halbnackt übereinander her. Das muss so bei DEFA’ns inne späten 70er! Auch wenn die Akteure nu ziemlich weit weg sind von Jane Fonda oder Raquel Welch, Robert Redford oder Terence Hill. Du sollst dich eben ans reale Leben gewöhnen!

Hinzu kommt, dass es im ganzen Film kein funktionierendes Paar gibt. Alle Schwäger und Kollegen, gehen fremd, liieren sich aussichtslos, müssen ganz viel saufen, um den Kummer zu ertränken…

„Kleinen Mannes Sonnenschein ist ficken und besoffen sein!“

Und das ist der Film zum Spruch!

Sonja und Jens, Katrin Saß und Martin Seifert, beide Debutanten in ihren Rollen, spielen sehr emotional und engagiert, was im Vergleich zu den wiederum sehr altväterlich, steifen Vorgesetzten positiv auffällt.

„Die Prügelszene war echt! Ich war in Rage und da fing er eine und drosch zurück.“ (Kartin Saß/Riverboat-Talk)

Angelika Domröse, als Jens‘ Schwester, soll wohl, da es nach langer Zeit mal wieder ein Carow-Film war, als Paul und Paula Vehikel eine Art Brücke sein: Aufbruch’73 und Abbruch’79, so ungefähr, denn auch sie ist nun nicht mehr die Hippietraumfee „Paula“, sondern die in der Ehe gelangweilte, fremdgehende Fast-Alkoholikerin, die keinen „Paul“ mehr findet. (Ihre letzte DEFA-Rolle vor dem Weggang)

Der Westen jubelt. Kennzeichen D; TTT; Kommentar zum Zeitgeschehen (Deutschlandfunk): Carow zeigt die Verwerfungen in der geschlossenen Gesellschaft schonungslos.

Und im Osten diesmal fast dasselbe: Realistisch werden hier Probleme unserer Gesellschaft angesprochen…

Sonja             Jens

Jens und Sonja stellen also unsere junge Arbeiterklasse dar? Typische „junge Eheleute“, wie sie den Junge-Eheleute-Kredit nehmen, eine Wohnung kriegen, ein Kind erzeugen – und dann Suff und Haue; Haue und Sex! Bis er im Suff zur falschen Flasche greift und Reinigungsmittel säuft… Und sie sieht zu, ohne es zu verhindern.

Wirklich?

Okay, wir sind die Creme mit Abi, die „Kader von morgen“. Das ham’se uns nu oft erzählt. Aber was ist mit unseren POS-Kumpels, zu denen immer noch Kontakt besteht? Trinkfreudig sind da einige! Die Feten mit ihnen machen Spaß! Aber wer von denen verdrischt „seine Kirsche“? Wir trauen‘s keinem zu.

Einen in unserm Alter kennen wir, auf den das passt. Aber der ist doch Ausnahme und nicht die Regel oder? Der ist dank Beziehungen knapp am Jugendwerkhof vorbei geschrammt – und solche Fälle, die sind doch eh ähx! Um die macht man’nen Bogen!

Als der Film aus ist, geht das Licht an. Christian patscht mir die Hand aufs Bein:

„Heirat’mer noch?“

„Nach dem Ding nich’mehr!“

„Ich musste immer an Klinkmart Steffen denken, wegen der schwarzen Mäcke. Aber rumgeningelt hattor wie Kumske.“

„Und sie hattes Gesicht und‘n Toppschnitt wie de Schilkern.“

Die drei genannten waren Klassenkameraden von uns, mithin auch keine Prolls.

Christian weiter: „Der Jensi-Boy sah nich nach Baubude aus. Der war wirklich eher so a GOL-Fuzzi, der Assi spielt.“

Ich: „Gloobst du, dass das der Trend is? Fremdvöcheln und Suff und sonst nüschd?“

„Was willst sonst machen, hinter der Mauer?“

Es gibt so Momente,da merkst du, dass einer Freundschaft langsam der Atem ausgeht.

Ich konnte mir keine Langeweile vorstellen! Bücher, Antiquariatspilgerei, Musik, Burgen-und Waldromantik, Wohnung oder Haus designen, Konzerte …

Der Jens sah nicht nur nicht wie‘ Maurer aus, er hatte zusätzlich auch so abgespaced unpassende Ansichten:

Seine Sonja präsentiert ihm ihren Abschluss zur Verkaufsstellenleiterin; denkt, er wird erstaunt, erfreut gratulieren. Er aber reagiert wie ein West-Mann: „Hinter meinem Rücken? Hab ich das erlaubt?“ (Patsch, Patsch – fängt sie ihre ersten Ohrfeigen!)

Hä?

Wir hatten’79; die beiden da spielen junge Leute, die höchstens 2 Jahre älter sind als wir und dann so’ne Reaktion? Das ist so 60er! Frühe 60er! Ganz frühe! 1979 gab es praktisch keine Hausfrauen mehr. Jeder um uns her war froh, wenn der Ehepartner/die Ehepartnerin mehr Geld heimbrachte, weil da auf Haus, auf Auto, auf Ostblockreisen, auf teure Farbfernseher, auf Westplatten gespart wurde – und der Dödel da spielt den Märchenlandpascha?

Haben die Regisseure noch das Ohr an der Masse? Oder lag das Drehbuch 2 Jahrzehnte im Safe?

Noch Tage später, wenn ich an’ner Kasse stand, studierte ich die Gesichter der Verkäuferinnen: Kriegt die Dresche zu Hause? Oder die? Oder die?

Ein Vierteljahr später war ich Soldat – unter lauter solchen Typen wie Jens. Die gabs wirklich! MSR 29. Willkommen beim Schrutz! Die soffen Rasierwasser, wenn kein „Schluck“ in der Nähe war. Und die einen kriegen dann das große Winseln und die andern suchen Streit und beide Sorten pissen in die Bude. Und der Glatte muss wischen. Der Winsler entschuldigt sich hinterher wenigstens, so wie Jens im Film. Der Streithammel kriegt 5 Tage „Bau“ und wenn die um sind, hat er’s eh vergessen. Über ihre Frauen lallen sie dummes Zeug, schlimmer als im Film.DVD

Aber wozu braucht’s diese Gossendarstellung im Kino?

Die Assis, die die Thematik betreffen würde, feiern, dass da „gef***t“ wird!

„Orrrr, der war hackedicht und hats noch jebracht!“

Und unsereiner wendet sich angeekelt ab.

„So sehen unsere Menschen nicht aus!“ dachte damals sogar ich.

Hm. Aber die Fahne lehrte mich: Doch!

Filmversagen

Die DEFA drehte in den späten 70ern vermehrt Jugendfilme. Obwohl die Macher hätten wissen müssen, dass das nichts werden kann.

„Wie füttert man einen Esel“, „Verdammt, ich bin erwachsen!“, „7 Sommersprossen“ usw.

Ab Jahresende’76 kamen der DEFA mehrere Altstars abhanden; der Biermann-Knaatsch, you know? Deshalb mögen sich diverse Regisseure gedacht haben: Neue Leute müssen her!

Aber sie können keine eigenen Teenie-Kinder gehabt haben, sonst hätten sie sehen müssen, dass das, was sie da zustande bringen würden, scheitern muss. Die Offensive fand zeitgleich auch im Fernsehen statt. Dort gab es „Aber Vati“, eine Erfolgsserie; die Ausnahme unter den Pleiten! Und es gab eine lose Reihe von Spielfilmen zu Schulproblemen, die sogenannten Schlossarek-Filme „Plantagenstraße 19“, „Der Tadel“ und andere.

51kTVmyy3zL„Aber Vati!“ schlug ein, wie eine Unterhaltungsbombe. Ein Straßenfeger! Deshalb ein paar Jahre später auch um mehrere Teile verlängert. Thema der ersten Staffel: 2 Brüder, Zwillinge, ungefähr 11 oder 12 Jahre alt, beobachten den verwitweten Vater auf Brautschau und wollen seine andauernden Misswahlen vereiteln. Sie gehen auch ihrerseits auf Stiefmuttersuche und versuchen den Vater (schließlich erfolgreich) zu verkuppeln.

Das war „Eddie’s Vater“ goes GDR! Die Vorabendserie der ARD hat uns alle irgendwie geprägt.

Als die neue Mutter dann gefunden war und die Zwillinge um die 15 oder 16 Jahre, war zu merken, dass ansehenswerter Handlungsstoff fehlte. Zuviel war tabu. (Siehe unten)

Die Schlossarek-Filme wurden viel diskutiert, auch freiwillig von uns 11./12.-Klässlern auf dem Schulhof ohne Lehrereinmischung.

Die Konflikte, die dort angesprochen wurden, waren aktuelle Aufreger des Schulalltags.

Die beiden obengenannten, waren für mich die einprägsamsten. „Der Tadel“ war der bessere.

Eine junge Klassenlehrerin erwischt den Sohn des Direktors bei irgendeinem Mistbau und gibt ihm einen Tadel. Der Film handelt davon, wie die eben noch allseits beliebte junge Frau nun von allen Seiten in die Mangel genommen wird: Den Sohn von Herrn X. tadelt man nicht! Nimm das zurück! Übe Selbstkritik! Überzogene Maßnahme! Usw. Es wird anschaulich gezeigt, wie der Druck wächst, wie allein sie plötzlich dasteht, wie sie verzweifelt, obwohl sie im recht ist. Das Ende ist mir nicht mehr erinnerlich. Die Dauerqual vorher war zu eindrucksvoll – DAS kommt auf dich zu, falls du Lehrer wirst! So scheiße kann das gehen! So sieht er aus, der Bonzenfilz!

„Plantagenstraße 19“ zeigt eine eigentlich brave Jugend-Clique 17jähriger Schüler zwischen Liebelei und Gartenfete, die dabei ist, individuell und unsozialistisch aufzuwachsen. Outfit und Gegebenheiten blieben positiv in Erinnerung. Soweit sie unter sich sprechen, kommt das auch locker rüber. Kaum taucht ein Erwachsener auf, wird’s wieder automatenhaft steif. Auch wurde da bei Feten-Szenen wenigstens Abba/Smokie usw. gespielt und nicht permanent nur Puhdys! Aber dann kommt eben der Herr Arbeiterveteran und beeindruckt die Schüler und biegt alles wieder grade. Immerhin gibt es eine einprägsame Szene, als er einem „Rowdy“ zeigt, wie man die Zündkerze am Moped wechselt.

Er: „Lernt‘mer sowas nicht im UTP?“

Teenie: „Schön wär’s!“

So klein waren die Spitzen, die gefeiert wurden!

Der Unterrichtstag in der Produktion, alle 14 Tage feilen gehen, in einem Großbetrieb der Umgebung, brachte zwar leichtverdiente 1en und 2en, war aber öde wie Hölle.

PSZeitgleich mit „Plantagenstraße 19“ lief auf ARD „Feuerreiter“, das war eine Serie in einer Serie, denn die Rahmenserie „PS“ um Motorisierungsprobleme im Alltag gab es schon länger. Eigentlich ging es da um Väter, die das falsche Auto kaufen oder bei Pannen im Urlaub beschissen werden. Diesmal ging es um ein „Jugendproblem“, in mehreren Teilen. Der Sohn eines Fabrikanten fährt Motorrad und damit er das nicht alleine tun muss, rüstet Papa seine Kumpels mit Mopeds aus. Nun sind sie die coolste Clique der Schule. Aber auch die Knechte des reichen Schnösels, der nun so ein richtiger Rocker-Präsi sein will. Liebeleien, Ausgrenzungen, 2 Boys ein Mädchen, Mutproben, Lehrer-Ärger – voll das Leben. Dachten wir hinter der Mauer. Und soviel lockerer, als die Typen aus der „Plantagenstraße“! Auswertungsstoff für Wochen:

„Da geht der Typ in den Plattenladen und kauft mal schnell die neue Supertramp, für seine Alte, ey!“

„Musste ma bei uns machen. Was nimmst’n da? Monika Herz?“

Totsichere Pointe! Gröl!

Nachsatz: „Nö. Express. Liebling ich verspeise dich zum Frühstück! Ohne Senf und ohne Salz!“

„Oach! Geh weg! Die Schmerzen! Perversling!“

Hatten die genannten Fernsehfilme also wenigstens ansatzweise ein wenig Alltagslockerheit, ging das bei den Kinofilmen richtig schief.

Erwachsenwerden, verliebt sein, Ärger kriegen, siegen oder untergehen, Adoleszenzfilme eben – aber unter Weglassung all dessen, was unseren Alltag eigentlich ausmachte:

Kaum oder gar keine Jugendsprache. Kein bisschen Dialekt. Und wenn, dann nur berlinern. Keine Westmusik. Kein Bravo-Poster nirgends an den Wänden der Jugendzimmer. Keine Fußball-Debatten über Netzer, Müller(1) oder den abgehauenen Sparwasser. Keine Gespräche über Westfernsehen, Kaugummibilder-Kaupelei, Westplattenbesorgung, tagelanges Kampieren am Tonbandgerät, weil gerade Oldie-Wochenende auf irgendeinem Sender war oder der Kumpel irgendein begehrtes West- oder Lizenz-Vinyl vom anderen Kumpel geborgt hatte; was ganz schnell aufgenommen werden musste, damit der Spender nicht merkt, dass die verliehene Platte auf weiteren Plattenspielern malträtiert wurde. Keine verbalen Hahnenkämpfe um irgendwelche Bands. Und keinerlei Witzwelle!

Heikel und hoch interessant wäre auch gewesen, wenn einbezogen hätte werden können, was Tellkamp nach der Wende in seinem „Turm“ berücksichtigt: Da Ossi-Kids nur unzureichend Zugang zu modischem Westkram hatten, machte man sich unverwechselbar mit Überbleibseln „aus guter alter Zeit“: Kollagen aus alten Kaiserzeitpostkarten, Zigarettenbilder-Alben, U-Boot-Fahrer-Memoiren aus Weltkrieg eins usw. Das wurde alles rumgereicht, gelesen, erkaupelt, weitergetauscht… Ober“kuhl“ waren die, die irgendwoher ein „Gott mit uns“-Koppel mit der Kaiserkrone aus dem I.Weltkrieg auftreiben konnten. „Trauste dich, das in der Hose zu lassen und in die Schule zu gehen, mit nur dem Pullover drüber?“ Auf der „Krug 4“, der letzten LP vor dem Weggang, trägt auch Manne Krug eins.

Den Filmen blieben also nur dürftige Klischees übrig. Oder ein Punkten mit Nacktheit.

„Sieben Sommersprossen“ wurde sowas, wie ein Kult, weil sich da ein 16jähriges Pärchen im seltsam steifen Ferienlageralltag kennenlernt und relativ ausgiebig nackt badet. Auf dem Schulhof wurde jedoch „fachmännisch“ beurteilt, warum Nastassja Kinski im „Tatort“ besser aussah.

Mit der Wende in die 80er war es dann mit diesem Abenteuer Jugendfilm im Kino auch vorbei. Die DEFA entdeckte andere gesellschaftliche Randgruppen und filmte deren Probleme. Es gab so eine gewisse Assi-Filmwelle. Sollte wohl deutlich werden lassen: Obacht! Da gibt es so eine Art mentaler Verelendung! Vielleicht war es auch eine Replik der Filmemacher auf zunehmenden Druck von oben: Immer wenn ein kritisches Kunstwerk entstand, war in den einschlägigen Medien zu lesen: „So sehen unsere Menschen nicht aus!“ und „wo bleibt der positive Ausblick?!“ Okay, dachte sich da wohl der ein- oder an der Regisseur und Drehbuchautor, dann zeig ich euch mal eure Arbeiterklasse, zwischen Suff und Hurerei! Und wenn der Film nicht durchgeht, dann stell ich Ausreiseantrag!