Wege übers Land – mit Hanns von Zobeltitz

Der nächste „vergessene Autor“!

Hier geht es im Folgenden um Hanns von Zobeltitz. Und vor allem um sein Erfolgsbuch von einst: „Auf märkischer Erde“(1910). Und wie immer um mich – und wieso ich auf die Idee komme, sowas freiwillig zu lesen.

Schnitt.

  1. Wie Findeisen versuchte, sich einzurichten

Fährt ein Jetta über Land. Baujahr’84. Im Jahre 94. Speichenfelgen und Kofferraum. Der gab den Ausschlag. 91 beim Kauf. Nach Jahren des Trabifahrens; endlich Klappe auf, Zeug rein, Klappe zu. Los. Nicht Trabikofferraum mit Ersatzrad und Benzinkanister und dann zirkeln, zirkeln, zirkeln, damit junge Eheleute mit Kleinkind alles unterkriegen, was mitmuss.  – Eigentlich sollte es 1991 nun endlich irgendwas rundgelutschtes Westliches werden. Weg vom Massen-Car! Auf keinen Fall ein Golf! Dann kam ich mit dem eleganten, rollenden Ziegelstein nach Hause. Golf mit Kofferraum. So kann‘s gehen. So begann es, das Kleinschmelzen der West- Illusionen. So begann sie, die lange Reihe der West-Cars… Noch fuhr ich den ersten. Mitte der 90er. Im „Niemandsland von Preußen“. Unterwegs zum neuen Antiquariat. Irgendwo im Wald hinter Rippdichow. Über Ostpreußen wurde geschrieben und eine wahre Dok-Film-Schwemme erzeugt; im Laufe der Jahre. Über Schlesien gibt es immerhin die Heimwehbildbände im Weltbildkatalog.

bdr

Aber über die Mark? Speziell ihren Norden? Schonmal einen Prignitzroman gelesen? Oder einen, der in der- /um die Grafschaft Ruppin herum irgendeinen Wirbel macht?

Den Fahrer plagt Heimweh. Gerade hat er Plan A für das weitere Leben ad acta legen müssen. War also nichts mit jahrzehntelangem Glück und Sonnenschein im Saaletal! Hier oben waren die Flüsse schmaler, die Burgruinen spärlicher gesät. Beruflich war er recht beliebt. Auf Anhieb. Das war kurios. Aber andererseits blieb das Kontakteknüpfen schwierig. Immerhin – nu hatte er’n Haus zum Um-und Ausbau. Aber eben 300 km „zu weit oben“ auf der Karte. Der No-where-man…

Im Jetta läuft, wenn nicht gerade Reinhard Lakomy – Southern-Rock.

„Lord, I was born a ramblin‘ man
Tryin‘ to make a livin‘ and doin‘ the best I can…“

Der deutsche Osten nach 1989, das ist sowas wie der Grand Ol‘ South, der besiegte Teil des Landes; aus dem gerade viele wegwollen. Die Straßen hier oben werden schneller in Schuss gebracht als im Süden der Ehemaligen. Weiß der Teufel warum. Und Prärie drumherum ist allenthalben!

„So we had a great big Convoy, rockin‘ through the night…“

„Mensch hau ab! Meine Zeit is knapp. – – – Guck dir an! Der Idiot! Mensch, der fährt noch bei Rot!“

„In Brandenburg, in Brandenburg, ist wieder einer in die Allee gegurkt. Was soll man auch machen mit 17/18 in Brandenburg.“

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Ja, die Zeiten waren zum Pläne wegschmeißen. Des Fahrers Eltern hatte es ’45 von ihrer Scholle geweht. Tapfer, clever, mühevoll erschufen sie ein neues heimeliges Nest weitab von daheim in einer mythisch anmutenden Gegend zwischen lauter Burgruinen. Und ihr Großer, der das bewahren wollte, und der eh ganz von selbst mit so einem dynastischen Klaps und Hang zu „alten Zeiten“ geboren ward, wenn es die eigene Familie betraf – der saß nun da, wo noch nicht mal Pfeffer wächst, fest und kam nicht mehr weg.

Überall flogen Leute raus. Wer jetzt irgendwo innerhalb Ossi-Land irgendwo hinzieht, ist dort, wo er ankommt, immer der zuletzt Gekommene; also der erste der fliegt: Überstruktur!

„Ich brauche nur zweiorlai: Oarbeitslus un‘ Spoaß dabei!“,

war der genial zynische Kommentar von Vickie Vomitt, der damit einen Hit landete.

Adieu, du schöner Plan von der triumphalen Heimkehr ins Saaletal! Vielleicht in der Rente mal.

Wie also einrichten, da wo keiner freiwillig hinzieht, wenn er nicht von da stammt?! Ostelbien. Auf Dauer?!

Das kann dauern, bis die meinen Namen gefressen haben!

„Für wen soll das gescheh’n?“

„Findeisen“

„Wie?“

„Findeisen. In Bresekow.“

„Gut Herr Vieleisen. Viel Hoffnung mach ich ihnen aber nicht…“

„Findeisen.“

„Wie?“

„Ach schreim Se „Ehemals Vielecke in Bresekow“. Das war der Name meiner Frau.“

„Vielecke! Burghaaad Vielecke! Mit dem hab ich mal gesoffen. Das war ihr Schwiegervater?“

„Genau der.“

„Ja dann. Kommen wir nächste Woche zu – Vieleisen“
„Findeisen!“

“Naja, wir wissen dann schon. Bei Burghaaddn.“

(Watt wea eijentli jewes‘n, wenn ick Przschlewinsky jeheeßn hätte?)

Das gefiel mir schon nicht, und dann:

18 Gefechtsalarm

Ich hatte da so einschlägige Erfahrungen. Von damals. Prora. Dort hatte ich soviel Kontakt mit Typen, denen die Gefängnisse von Rüdersdorf und Cottbus quasi Zweitwohnung waren, dass mich sogar heute noch der ketzerische Gedanke umtreibt: Der „Unrechtsstaat“ locht bei Leibe nicht immer nur die Falschen ein.

„Du warst och schon im Knast?“

„Yo, klar. Eehn Jahr sechs Monate eijentli‘ , aba wejen jute Führung hamse mir eha jehn lassen, aba nu musst ick prompt wida 6 Monate in die Scheiße hia einfahrn. Ick hab noch watt jut bei die, wennet ma andasrum jeht. Det kannste glohm!“

„Weshalb warst’n drinne?“

„Polütüsch. Ick hab ehn vonne Pa’tei umjehaun. Hattick Ärja in Kneipe. Fängta Pippl an mia ßu belea‘n. Wollt ick nüsch. Rumms.“ Er deutet einen Faustschlag an. „Und wia umfällt, wah det da neue ABVer in ßiwiel. Konnt‘ ick doch nüsch ahn, sowat!“

So welcome to the North.

Klar gabs solche Typen auch im Saale-Tal. Aber da fielen se mir nicht so auf. Denn erstens klingt der Assi-Slang auf hallensisch lustiger. „Bass of meinor! S‘ klatschd glei!“ Und zweitens hatte ich im zivilen Umgang ein intaktes Umfeld normaler Leute um mich rum. Aber Prora, das war eben eine Welt für sich.

Es galt, sich also irgendwie zu gewöhnen. Und Bücher und Musik hatten mir schon über einige Krisen hinweggeholfen.

  1. Wie Findeisen den Zobeltitz fand

Da traf es sich, dass in der Zeitung stand, ein Westberliner Antiquar habe die Landschaft des Moloch-Umlandes für sich entdeckt und sei in die Ostprignitz gezogen, um dort als der Weise aus dem Wald in abgelegenen Dörfchen ein „Bücher-Café“ zu errichten.

Nichts wie hin!

Aber oweh. Mit dem „Weisen aus dem Walde“ wurde es nie wirklich was Dauerhaftes.

Ich weiß nicht, woran es lag, dass der sich nicht einmal an die eigenen Öffnungszeiten hielt, und man also nach doch einigen Kilometern Anfahrt stets vor verschlossener Türe stand.

Auch mit dem Kaffee-Ausschank haperte es mächtig, wenn sich denn mal die Ladentür doch öffnete.

Nach wenigen Jahren gab er auf und „floh“(?) nach Berlin zurück.

Immerhin geriet mir dort im Walde als erster Fang von nur 3 Käufen „Auf Märkischer Erde“ in die Finger. Hanns von Zobeltitz. Wie sich zeigen sollte, eine lohnende Entdeckung.

„Machste dich also ma‘ bekannt mit deiner neuen Wirkungsgechend; historischerseits; nöch?! Mitm Reden hamses hier ja nich so.“

„Lord, I was born a ramblin‘ man
Tryin‘ to make a livin‘ and doin‘ the best I can…“

Eben.

  1. Was Zobeltitz so wertvoll macht (I)

Es gab ja mehrere Zobeltitze mit mehr oder weniger Kurzzeit-Ruhm.

Hanns von Zobeltitz (1852 – 1918) war ein preußischer Schriftsteller. Sein Bruder Fedor v. Z. war seinerzeit berühmter, weil er mehr schrieb und sich weniger öffentlichkeitsscheu gab, was Interviews und Engagement-Beteiligung für diverse gute Zwecke betraf. Hanns war eher der Kauz. Der Zurückgezogene. Aber vermutlich kein typischer Schreiberling-Kotzbrocken wie Hesse oder Grass.

Eher eine „ehrliche Haut“, die warmherzig gewinnend über brandenburgisch/preußische Verhältnisse schreiben konnte. (Kritik an der Gesellschaft kommt in seinem Schaffen nie bitterböse, sondern immer mit bedauerndem Unterton vor.) Die eigenen Familiengeschichte ist sein Erzählfundament, wie das aufschlussreiche Erinnerungsbändchen „Im Knödelländchen“ verrät. Allzeit ist das zobeltitzsche Brandenburg lebendiger als Fontanes destilliertes Figurenensemble. Auf interessante Weise werden heute vergessene Alltagsgepflogenheiten in die Handlung eingeflochten, da dem Autor sehr bewusst ist, wie stark sich die Verhältnisse seit seiner Jugend in den 60ern des 19. Jhds wandeln. (Das geht seinem späten Boomer-Leser 1995 und 2022 exakt genauso!) Somit hält er viel fest von dem, was bald keiner mehr kennen wird. Bewahrendes Schreiben – sozusagen. Und so lüftet dir hier einer den Vorhang in alte Zeiten und bebildert dir dein bisher totes Faktenwissen über die Bismarckzeit und zu deinen Fragen bezüglich der Seltsamkeiten brandenburgischer Mentalität.

Schnitt.

  1. Was man in „Auf märkischer Erde“ erfährt

zobeltitz 0Der Roman spielt in der Neumark (heute Polen) und Berlin. Dem alten, gepflegten Berlin. Wo die Regimenter noch „auf den Kreuzberg“ ziehen – zum Exerzieren. Wo man im Kroll’schen Garten unter Lampions lustwandelt und knutscht; wo die Eisenbahnspekulanten in klassizistischen Palais wohnen. Zeitraum der Handlung sind die Jahre 1861-1866. Heeresreformkonflikt, Deutsch-Dänischer Krieg, Deutscher Krieg fließen gekonnt ins Geschehen daheim ein. Zobeltitz zeigt hier Fingerspitzengefühl; switscht zwischen naiv-ehrlicher Begeisterung, nassforschen Schwadroneuren und der Tatsache, dass auch auf Siegerseite schmerzhaft Opfer verkraftet werden müssen, meisterhaft hin und her. Das verdeutlicht glaubhaft die gesamte Bandbreite damaliger Denkweisen. Man meint hier, als Leser von heute, einen „halben Remarque“ läuten zu hören.

Vorgestellt werden drei Generationen Landadel.

  1. Den alten Rittmeister Hackentin auf Rohlbek; der Veteran von 1813, der der alten feudalen Zeit nachtrauert, auf die Demokraten schimpft und eisern spart. Aber der wirtschaftliche Untergang des Gutes ist absehbar. Obwohl die Herrschaft bereits lebt, wie die Landarbeiter: Brotsuppe und Stampfkartoffeln Tag ein Tag aus. Traditionsgemäß hält der Gutsherr gute Freundschaft zum gleichaltrigen Pastor von gleichfalls konservativem Geiste. Die Industrialisierung wird nicht verstanden. Beide alte Herren machen allabendlich ihre Gassi-Runde mit den Hunden durchs Dorf und beargwöhnen den Kantor, der sich doch tatsächlich unverbesserlich erfrecht, die liberale „Tribüne“ zu lesen.
  2. Seine beiden Söhne, Wilhelm und Friedrich, die bereits „Berufe“ haben. Der eine versucht sich als Eisenbahnspekulant und Strippenzieher, auf dass eine Bahn Berlin-Posen entstehen möge, die der Neumark Aufschwung bringt. Der andere dilettiert als Bürgermeister und Kreisrichter, sowie als liberaler Kandidat für das Abgeordnetenhaus, weshalb bei Rittmeisters nicht mehr von ihm gesprochen werden darf. Und –
  3. Gibt’s dann noch die beiden Enkel des Rittmeisters, die Söhne des „Eisenbahners“: Hanns und Thede. Im Grundschulalter. Die balgen sich stets und ständig um die Posttasche, die sie täglich an der Brücke vom Postillion „erbeuten“ und dem Großvater bringen.

In der Hauptsache jedoch geht es um Helene von Hackentin, die Schwester der beiden Rittmeister-Söhne; der „Spätling“ des Rittmeisters; die verehrte Teenie-Tante von Hanns und Thede. Sie bekommt die Empfehlung, ihr Gesangstalent ausbilden zu lassen, egal ob nur für den standesgemäßen Hausgebrauch oder doch mal für den ein oder anderen Konzertsaal; was für ein Fräulein „von“ zu der Zeit noch ein übles Pfui-pfui-pfui bedeutet, aber immerhin Einkommen ermöglicht haben würde. Die volljährigen Hackenthins pfeifen finanziell alle auf dem letzten Loch.

So kommt es im Buch zu jener Passage, in der Helene über ihre Familiengeschicke nachdenkt und erkennt, dass das „heiße Blut der Hackentins“ ein ausgewogenes Geschäftsgebaren bisher verhindert hat – und das hoffentlich Hanns und Thede einst mehr Glück haben werden, um „Mehrer statt Verzehrer von Vermögen“ sein zu können.

Helene von Hackentin hat nicht nur tolle philosophische Anwandlungen, sondern sie pubertiert auch ganz hervorragend. Für mich DER Clou dieses Romans. Das liest sich so heutig!

Auch ihre Musikbegeisterung, die freilich damals leider ganz ohne Rock & Roll auskommen musste, passt bestens. Wenn sie zum Auftritt vor Verwundeten z.B. ausgerechnet Uhlands „Frühlingsglaube“ auswählt und da 1866 im Spätsommer nun ach so passend „Nun muss sich alles, alles wenden!“ schmettert. Das ist das metaphorische Denken des Ossis 120 Jahre später, beim Hören von Renft-, Lift-, oder Silly-Songs!

Aber zusätzlich gibt es das ganze, zeitlos wirre, Hin-und-her-Gezicke des schönen Geschlechts:

„Nein, ich singe nicht!“ – Singt dann aber doch.

„Bin ich verliebt in ihn? Nein! Der ist nichts für mich!“ – Liebt Idol 1 aber doch. Wenn auch unglücklich.

„Ich sollte ihn lieben.“  – Liebt Nr.2  dann aber doch nicht.

Und schließlich beim dritten Mal: „Ich liebe dich auch! Ja, lass uns heiraten! – Nein, ich kann nicht! Gib mich frei! – Vergiss mich! Lass uns Freunde bleiben. Du musst in den Krieg? Du liebst mich? Ich weiß. Dann lass uns doch heiraten! (Aber eigentlich kann ich ihn nicht lieben, obwohl ich ihn lieben sollte. Er hätte es verdient …)

Das ist das leibhaftige Joan Armatrading Syndrom! Lies mal ihre Texte des „to the limit“ Albums!

  1. Was Zobeltitz so wertvoll macht (II)

Alles in allem ist Hanns von Zobeltitz ein empathischer, sehr warmherziger Realist. Also ein sehr gut lesbarer Autor.

Er erzählt dir die Verschnarchtheit des ländlichen Raumes in Preußen in „Heiden von Kummerow-Manier“. Es gibt Bauern und es gibt Gutsherren. Und beide Seiten brauchen eigentlich – kein Buch. Alles lebt „von der Hand in den Mund“. Der Wechsel nach Berlin gleicht dem in eine andere Galaxie.

Das hat seine Ursachen in dem hier:

(Schuld daran ist der große Kurfürst Friedrich Wilhelm. Der musste nach dem 30jährigen Krieg seine entvölkerte Mark wieder aufbauen. Er hatte sich von den Holländern die Akzise-Steuer (Mittelding aus Umsatz- und Mehrwertsteuer) abgeguckt und führte diese nun in seinen darniederliegenden Provinzen ein. Einige hatte der Krieg zwar verschont (Ostpreußen, Jülich und Berg; also die östlichsten und die westlichsten Flicken „seiner Lande“) aber die große Provinz Brandenburg war Wüstenei. Da die Akzise-Steuer umso höher ausfiel, je mehr Erfolg du hast – bremste sie den Ehrgeiz, viel Erfolg haben zu wollen. Die ostpreußischen (Bürger-)Stände probten gar den Aufstand und bekamen von der neu formierten Armee eins drüber. So kuschte man und verkniff sich das Investieren weitgehend. Die -allerdings sehr weise- Wirtschaftsförderung in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Preußen investierte in den Ruhrpott, Berlin und Oberschlesien. Die Städtchen dazwischen blieben ackerbäuerlich. Die Vielstaaterei des Mittelalters hatte einst den Aufstieg vieler deutscher Städte ermöglicht. Anderswo. Im Süden. Im Westen. An den Küsten. In Kernland Brandenburg blieb alles „Muh“ und „Mäh“. Bis 1945. In der Prignitz und Uckermark bis heute.)

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Das liest man so in Sachbüchern über die Hohenzollern oder Broschüren über „das neue Bundesland Brandenburg“, um es gleich wieder zu vergessen. Nach Zobeltitz-Lektüre hast du dafür Bilder im Kopf. Diese Selbstbeschränkung. Diese Hinnahme-Bereitschaft. Dieses treudoof Duldsame. „Ach lass mal. Das ist ja Politik.“ Dieses sich im Einklang mit den neuen Machthabern fühlen. Für alle diese Typen hast du anschließend auf Arbeit und im Wohnumfeld die aktuellen Entsprechungen.

Als der Jetta-Fahrer das Buch durchhatte, hatte er ein Feeling für die Gegend. Der erste gute Kumpel wurde – ein Pastor. Die paar Bücherwürmer der Gegend mussten sich einfach finden! Die Gespräche hatten was Rohlbek’sches: Genüsslich den Zeitgeist ohrfeigen. Allerdings fehlte mir das „von“ und ihm der Hund.

Da sich somit Zobeltitz als ein wichtiger Helfer erwiesen hatte, musste mehr von ihm ran: Vier Bände sind es seither geworden. Aufschlussreich der vierte Kauf: „Aus dem Knödelländchen“. Gemeint ist die Zobeltitz-Heimat auf der rechten Oder-Seite, das Gut seiner Vorfahren. Hier wird schlagartig klar, wie wenig verschlüsselt – ja beinahe 1:1 – die Hackentins eigentlich die Zobeltitze sind.

Hanns ist sogar ganz realiter Hanns geblieben, während Fedor zu Thede mutierte.

„Auf märkischer Erde“ sollte jedem Restpreußen, und solchen, die’s hier her verschlug, eine Bibel sein!

Schnitt.

  1. Nachspiel: Wie Zobeltitz im Alltag hilft

Eines schönen Tages wollte ein Kollege den Jetta-Fahrer wiedermal befrotzeln.

Wir waren uns beide unserer gelinden Bösartigkeit bewusst, die immer wieder einmal in kleinen Wortgefechten zu verblüffend anschaulichen Assoziationen führte. Sein BVB war schonwieder nicht Meister geworden, und bevor ich ihn nun diesbezüglich veräppeln konnte, suchte er ein bissel Frustabbau und kam mir zuvor:

„Da, wo du jed‘n Morgen herkommst, wohnen doch ooch nur 3 Spitzbu’m und ne Handvoll Skinheads, oder? Det Nest kricht demnächst s Stadtrecht ab-arkannt.“

„Yep.“

„Und? Nix? Keen Konter heute?“

„Wozu? Bin nich‘ von da. Bin so’ne Art Missionar unter Einjebornen. Ick arrangier mir mittä Kannibaln. Sollte vielleicht mit’n Pastor abends durch’n Ort flaniern und de letzten Kommunisten zähln.“

„Oops. So siehst du das?“

Genüsslich grinsend konnte ich ihn stehen lassen. DIE Runde ging an mich.

Zobeltitz macht‘s möglich.

„Lord, I was born a ramblin‘ man
Tryin‘ to make a livin‘ and doin‘ the best I can.

And when it’s time for leavin‘
I hope you’ll understand – that I was born a ramblin‘ man.

  1. watt inßwischn jeworn is

Na Lesalein? Hast ja durchjehalt’n. Wa’n langa Riem. Tschuldik mia für. Den Slang ha’ick nu droff.

Inßwischn hatt sich det allet n bisken beruhischd. Et jibbt hier Roger Dean Wälder. Lady Agnes, die Reinhard Mey besung‘ hat, steht hia rumm und rostet. Kahlbutz, den Stern Combo un Transit besung‘ hamm, is areischba‘!  Schloss Ganzer und Schloss Wustrau, die Fontane beschriem hat. Die Ruin‘ von Genshagen ebenso. Herr!von! RibbeckaufRibbeckimHavelland is och nüsch aussa Welt… Et läppad süsch. Et jeht. Hätte allet viel schlümma komm könn. Viel schlümma.

Nix für unjut! Brändenbörg.

Legendenbildung

Es war einmal, in einem Land vor unserer Zeit. Und es ist doch kein Märchen.

Der Nachfolger

Das 20. Jahrhundert war noch jung. Vor 4 Monaten erst war es mit Tschingderassa und Feuerwerk begrüßt worden. Auch da, wo sich üblicherweise nur Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Abseits der Metropolen. In der Kleinstadt am Rande des Isergebirges. Österreich-Ungarn. Unweit von Zittau.

  1. Zwei Kontrahenten

Der Schuss war im ganzen Hause zu hören. Bertha, die Magd, ließ fast das Kastrol mit dem Mittagsgulasch fallen, schaffte es aber doch noch bis zum Küchentisch.

Der alte Seff eilte zum Herrenzimmer und rief vor der Tür zweimal unsicher, leise aber nachdrücklich:

„Herr Prinzipal?!“

Dann trat er ein.

Was er sah, erschütterte ihn so sehr, dass er auf dem Sessel neben der Tür zusammensank. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf das Ensemble inmitten des Zimmers:

Der wuchtige Schreibtisch, der „Thron“ dahinter; und auf ihm saß – nein – in ihm hing, über die linke Armlehne geneigt sein Chef. Ottfried Köhler. Tuchfabrikant. 53 Jahre alt. Tot.

Aus der Austrittswunde, der linken Schläfe floss es rot auf den Teppich. Von der rechten Schläfe hatten sich ebenfalls zwei rote schillernde Rinnsale ihren Weg über das Gesicht und um die Nase herum gebahnt.

Die rechts auf dem Teppich liegende Luger konnte Seff nicht sehen.

Er saß nur da und starrte- , und irgendwann entrang sich ihm ein zittriges

„Jesses, Jessas! Was soll nur wernn jetze? Jessas Mariandjosef, was soll nur wernn ajetz?!“

So fand ihn die Bertha, die unten von der Küche auch endlich gucken kam.

Zwar schossen ihr beim Anblick des Schreibtischstilllebens sofort die Tränen in die Augen, jedoch beherzt rüttelte sie den alten Diener, Kutscher, Hausknecht in Personalunion aus seiner Schockstarre.

„Seff! Hearste?! Joooseff!“ Es war der eine oder andere Rüttler nötig. „Geh nach’m Schandarm! Hearst?! Und brängok die Ringlern glei dohier. Die sollem’s letzte Hemd oa‘ziehn.“

Und der alte Hausgeist rappelte sich wirklich auf und wankte von dannen.

Am Abend desselben Tages, nur ein paar Kilometer weiter, in der Stricker-Villa im Nachbarort, saß ebenfalls ein Tuchfabrikant in seinem Herrenzimmer am Schreibtisch und wendete einen kleinen Aufstellrahmen, der eine Photographie mit drei jugendlichen Gesichtern enthielt, hin und her. Er wischte auch das eine oder andere Staubkorn auf die Seite und murmelte unaufhörlich in seinen sehr gepflegten, tiefschwarzen Henri Quarte hinein:

„Wofür das alles? Wielange noch? Mit 55 kannst‘ vorbei sein. Vier Jahre also noch. Oder aber erschd mit 70. Wer wahs denn? Und nu no‘ahmol investiern fia die nei‘en Farbm. A eigne Färberei muss sein. Erschd wars eehne Tuchfabrike, nu seins ihrer dreie. Und is immer no’nee gnung! Wer steht, va’geht. Wie der Köhler heute Mittag. Und dabei hätte der Älteste jetze bahle sollt einsteigng dorte. Nu steht der ohne alles da. Hat sich was mit’n Studier‘n da oben ei‘m Reiche. Obar der HOAT wenigstens studiert. Zielstrebig isser ja. Wenn ich’s doch nur oach kennte soang, von meim Poldi.“

Er wandte sich dem Photo vollends zu: „Hoastenn Stammhalter und hoast doch ke‘nn! Schlingel du! Patzi verdammta!“ Letzteres war auf den Jungen auf dem Bild gemünzt, der da neben zwei Mädchengesichtern – ach, was sag ich – wahren Feenerscheinungen griente.

Die Prinzessinnen auf dem Photo mochten 17 oder 18 sein. Der „Bursch“ war 21 und in Uniform.

„Hättma diech og nee so verzogng! Erschdgeborna du! Ob du ehmol reif wischd sein? Obiechs no‘ waar arlaabm?“

Es war ihm nur zugut bewusst, dass sein Erstgeborener allen Geschäftssinn und alle Eignung zur späteren Firmenleitung -bisher- vermissen ließ.

Er stellte das Bild wieder zwischen die Teile der marmorierten Schreibtischgarnitur.

„Und ihr zweehe?“richtete er nun seinen Monolog an die Mädchen, „wen werd ihr mir o’breng? Was wird-do sein? Na! Ahle Jungfern wird’der nee. Bei dem Aussehen!“

Nun lächelte er vaterstolz, denn es war unübersehbar, wie attraktiv die beiden da auf dem Bild mit Aufblühen beschäftigt waren – und beide hatten SEINE Augen! Dunkle tiefe Seen unter tiefschwarzen Augenbrauen: Rassig!

Er sah nun aus dem Fenster auf die Fliederknospen im Garten und die noch spärlichen, weißen Blüten des Apfelbaumes:

„Es lenzt.“ Wieder sah er zum Photo, aber eher auf die Mädchengesichter, dann wieder auf die Blüten draußen. Müde deklamierte er: „Hurra-hurra. Der Lenz is‘ da … mir fahrn halt mit dem Dampfer da.“

Er erhob sich, dehnte sich gähnend und ging zum herrlich verzierten, eichenen Aktenschrank. Dort holte er hinter einem dicken Aktenordner die Cognac-Flasche hervor, griff sich eins von zwei Gläsern dahinter, schenkte sich einen „Schlummertrunk“ im Stehen ein, stürzte ihn an Ort und Stelle hinunter und ging zu Bett.

  1. Dampferfahrt mit Folgen

Der alte Stricker gewährte seiner Familie nach langem Darben eine Dampferfahrt, wie sie die Töchter mochten: Frühzeitig per Kutsche zum Bahnhof. Dann per Bahn Reichenberg – Dresden. Schaufensterln und Kaffeehausbesuch am Brühl. Schließlich Dampferfahrt mit Buttercreme-Torte bis Bad Schandau und zurück,  – und wieder heim wie hergekommen.

Sie hatten das vor Jahren so erprobt und beibehalten. Leopold, der Stammhalter, hatte Kasernendienst. Er fehlte.

Während die kleine Gesellschaft an Deck des weißen Dampfers saß und in die Tortenstücke einhieb, schaute sich der alte Stricker wie unbeteiligt um – und meinte prompt da an der Rehling zwei junge Herren zu erkennen. Der eine mit Gymnasiastenmütze noch Schüler, aber ersichtlich kurz vor Ende, war unverkennbar Rudolf Köhler. Der andere wirkte seltsam alt für seine 26 oder 27 Jahre. Eventuell machte das der dunkelblonde Henri Quarte, den er trug, wie der alte Stricker in schwarz. Oder aber dieses gemessene Benehmen.

„Kommt rüber wie ein Baron. Is aber der studierte Köhler“, murmelte Stricker wie so oft vor sich hin.

Da war er aber auch schon aufgestanden, seinen „Weibern“ bedeutend, sitzenzubleiben – und an die beiden Herren herangetreten:

„Holla der Köhlernachwuchs.“

Die beiden wendeten sich um, erkannten ihn und der Blick des älteren verdunkelte sich abrupt.

Strickers Ruf war nicht der beste im konservativen Mittelstand der Region. Er war als der Hanftlmacher verschrien. Wegen dem hängten sich reihenweise die Textilfabrikanten auf, weil er alles niederkonkurrierte. Nun: Vater Köhler hatte sich immerhin erschossen, als nichts mehr ging.

„Gott grüß Sie, Herr Stricker.“

„Gleichfalls…. Des Gleichen.“ Der Alte suchte nach einer passenden Eröffnung, fischte dann sein Zigarrenetui aus dem Sakko und bot erstmal dem älteren eine an. Dieser lehnte ab.

„Nun: Mein Beileid. Aufrichtig. Ihnen beiden“, murmelte Stricker im Wegstecken des Etuis.

„Danke.“

„Sie sind auf der Heimfahrt, den Nachlass zu regeln?“

„Hm.“ Köhler, der ältere wollte nicht so recht sich ins Gespräch ziehen lassen. Nicht mit DEM!

„Viel zu regeln is‘ ja nich‘.“ verriet Rudolf, der jüngere von beiden – und erntete einen strafenden Blick seines Bruders.

Schließlich gab sich dieser aber einen Ruck:

„Was soll’s. Zu verbergen is’es ja nich’mehr. Das Haus Köhler& Söhne is‘ bankrott. Bapah hat in seinem Abschiedsbrief verlauten lassen, das Erbe auszuschlagen, da eh alles unter den Hammer käme. So aber könne ich schuldenfrei bei Null anfangen. Ich muss nun alle die treuen Seelen entlassen, mit denen ich und mein Bruder aufgewachsen sind. Sie werden die Todesumstände meines Vaters besser kennen als ich. Sie waren näher dran. Der Dorfklatsch funktioniert. Falls es sie verwundert, uns hier anzutreffen, statt Express nach Haus zu meiner Schwester zu eilen: Diese Spritztour ist der zusammengekürzte Rest eines großen Planes. Ursprünglich wollte ich nach der Diplomverteidigung eine große Deutschlandwanderung unternehmen. Die Ereignisse zwingen mich nun, mit 2 Stunden Dampferfahrt zufrieden zu sein. Das Tal der Entsagungen wird finster und lang genug werden. Zufrieden?“

„Heu-heu-heu. Nicht so dolle mit die jungen Pferde. Wieso sollte ich zufrieden sein?“

„Kennen Sie ihren Ruf nicht unter den Fabrikanten?“

„Autsch.“ ließ sich Rudolf vernehmen und machte eine saure Miene.

„Nun ja. Wo Erfolg ist, kommt der Neid vo‘ ganz dorleehne.“ Er macht eine Pause, als ob er überlegen muss, das Folgende zu sagen; „Ich woar halt immer a bissel schneller als der Rest vom Schützenfest. Wenn ihr oandern schnarchd und adlig tutt, wie die Barons, die an‘n Fortschritt neh nötig ham, kannich nee dafier! Nüschd fia ungut.“ Der alte Stricker schnippte seinen Zigarrenstummel in die Elbe, drehte sich dann seinen „Weibern“ zu und lud die beiden Herren an den Tisch.

Eine Vorstellung war nicht nötig, oberflächlich kannte man sich von Kindesbeinen an.

Frau Stricker lobte das Aussehen des älteren Köhler-Sohnes:

„Ja so a fescher Herr! Den klenn Guntram vo‘ ehedem kommor da nimmi dorkenn‘.“

„Ja, das Alter schlägt zu.“ lächelte Köhler 1 nun doch in Anwesenheit der jungen Damen.

„Wie alt ist denn der „alte Mann“?“ begehrte die vorlaute Ingeborg zu wissen.

„27 Lenze gnädig’s Fräulein.“

„Jesus! Kurz vor Pension also!“ scherzte sie weiter, verbarg aber ihre Röte und ihr Kichern „süüß“ hinter ihrem neuen Fächer.

Die ruhigere Martha legte ihm die Hand auf den Unterarm:

„Mein Beileid. Sie stehen nun ganz allein in der Welt?“

Ingeborg errötete gleich noch einmal, denn daran hatte sie nun nicht gedacht. Peinlich.

„Ich auch. Also auch von mir mein Beileid. Wollt‘ ich soang.“, versuchte sie den Fauxpas auszugleichen.

„Jetz‘ wird ihr Herr Vater ja in ungeweihte Erde müssen.“, berührte Frau Stricker prompt einen wunden Punkt, für den sie gleich einen Fußtritt ihres Mannes unterm Tisch erhielt und einen bösen Augenwink, das Thema janicht zu vertiefen.

„Pardon. Das is‘ mir so rausg’rutscht. Ich hab woll’n Ihnen nich zu nahe treten.“

„Keine Ursache Frau Stricker. Das Thema wird ebenfalls das ganze Nest beschäftigen.“

„Nehmen Sie das etwa in kauf?“ staunte sie nun doch weiter.

„Viel kann ich da nicht machen. Den Herrn Pfarrer bitten, ob er ein Einsehen hat. Vielleicht wirkt ja doch no a bissl der alte gute Ruf, von vor den Schulden. Dann kömmor den Bapah ins Familiengrab tun.“, klärte Guntram Köhler die wissbegierige Alte auf.

„Wenn’s dor Laurenzie-Kirch e buntes Fenster spendiern, hätt‘ der Hergott spontan a Einsehen.“ schaltete sich der alte Stricker ins Gespräch.

„Otto! Tu dich og ne versündchen!“, strafte ihn sein Ehegespenst.

„Auch schon durchgegrübelt. Macht 200 Taler. Die fehlen dann wieder für Kränz‘ und Leichenschmaus.“, nuschelte Guntram in seinen Bart; egal ob das sein Umfeld nun vernahm oder nicht.

„Kindorsch! Themawechsel! Wolltor no awos trinken? Es is‘ Wochenende.“, riss Stricker das Ruder herum.

Das Gespräch drehte sich dann unverbindlich um alles Mögliche. Um das Annerl, die Schwester der beiden Brüder, die mit ihren 20 Jahren tapfer mit Bertha und Seff daheim inzwischen die Stellung hielt Sie war es, die entschieden hatte, dass Rudolf dem Telegramm hinterhergeschickt worden war, den großen Bruder heimzuholen, der nun Herr im untergehenden Hause sein sollte. Auch Guntrams frisches Diplom summa cum laude spielte eine nicht ganz unwichtige Rolle. Diplom-Ingenieur für Wirk- und Färbetechnik. Erfahrungen im Umgang mit den neuen künstlichen Farbstoffen. Die es seit gut 30 Jahren gab, die aber jetzt erst in den Textilfabriken Nordböhmens für Aufruhr sorgten.

Beim Verabschieden an der Anlegestelle in Dresden gab man sich die Hand.

Als Guntram dem alten Stricker die seine gab, fühlte er einen kleingefalteten Zettel im Handteller.

Verwundert sah er Herrn Stricker ins Gesicht. Dieser zwinkerte:

„Wegpacken. Für’s Fenster.“

Und laut in die Runde ließ er sich vernehmen: „Also dann bis Sonntag. Halten Sie mich auf dem Laufenden über ihre Geschicke. Wenn Sie ein Betätigungsfeld suchen. Ich hätte da so die eine oder andere Textilbude, die einen Oberhäuptling kennte vertroang!“

Frau Stricker rieb beiden Köhler-Buben tröstend den Oberarm: „Doar Mensch denkt. Gott lenkt. Moar wess halde nee, wozu’s no‘ wird gutsein.“

Ingeborg knixte kichernd und Rudolf grinste draufgängerisch zurück.

Martha gab schüchterner die Hand:

„Hearns og of unsen Voatern. Wenn ich Sie wär‘, tät ich die Hand nehm, die mir will helfm.“

Dann waren Guntram und Rudolf wieder allein. Guntram entfaltete den Zettel.

Ein 200 Taler Scheck.

Er zeigte ihn Rudolf. „Hättest du das von einem wie Stricker gedacht?“

Verständnislos schaute der zwischen Bruder und Schriftstück auf und ab.

Hier tat Aufklärung Not. Deshalb sprach Guntram: „200 Taler. Kostenvoranschlag für ein bleiverglastest Buntfenster. Kapierst?“

Rudolfs Miene hellte auf:

„Dann muss dor Bapah nee ei ungeweihte Erde?!“

„Wermer seh’n.“

  1. Interludium

Am darauffolgenden Mittwoch erfuhr die staunende Stadt, dass der Fabrikant Köhler überraschend einem Schlagfluss erlegen sei. So stand es schwarz auf weiß nun in der Parte der Reichenberger Zeitung. Die Beisetzung sollte am Samstag in aller Stille in der „Köhlergruft“ erfolgen. Eine Woche später weihte die barocke St.Laurenz-Kirche im Ort das Köhlerfenster an der Nordseite.

Der alte Seff war seinem „Prinzipal“ hinterher gestorben. Er wusste nicht wohin. Auch er wurde in aller Stille beigesetzt. Gottlob hatte er bescheidene Ersparnisse für Sarg und Totenmesse. Hinter seinem Wagen aber gingen die drei Köhler- Kinder, die einst alle drei auf seinem Schoß die ersten Abenteuergeschichten erzählt bekamen und die treue alte Bertha.

  1. Der alte Stricker und der junge Köhler

Jener Mittwoch ging jedoch aus ganz anderem Grund in die Annalen des kleinen Ortes ein. Da geschah im „Hinterzimmer“ beim alten Stricker etwas, woran sich die Klatschmäuler der Marktweiber und Stammtischveteranen noch tagelang abarbeiteten.  Drei Tage nach jener Dampferfahrt kam es zu einem denkwürdigen Auftritt von Köhler 1 im Herrenzimmer der Stricker-Villa.

Er sprach außerplanmäßig vor, denn die Einladung hatte ja erst für Sonntag gegolten.

„Ja was moagar nur woll’n?“ staunte Otto Stricker, als ihm der Besuch gemeldet wurde. „Geld vermutlich. Hoatt woll nichmal’s Nötige fürn Stein.“

Die Sorge erwieß sich jedoch als unbegründet – denn das Gespräch nahm eine völlig andere Richtung. Und Schuld daran war überwiegend Otto Stricker selber.

Köhler Junior, gepflegte Erscheinung wie auf dem Dampfer neulich, betrat den Raum mit einem Blick, der das ganze Gegenteil vom letzten Sonntag war. Offen und strahlend.

„Es trieb mich einfach her, Dank zu sagen. Ich weiß, dass noch nicht Sonntag ist.“

„Ja, sooooo!“, lachte im Stricker entgegen. „Lassens miech og raten! Sie haben den Herrgott rumgekriegt?“

„Ja. Nicht unbedingt den Herrgott. Aber seinen Großwesir ei St. Laurenzie. Er meint, er könne sich vorstell’n, dass für so a Wunder, wie’ra neu’s Fenster, demnächst der Herrgott a Einsehen wird haben – und’n Bapah kennt‘s Schluss machen vergeben.“, fällt Köhler mit der Tür ins Haus.

„Dacht’ ich‘s doch!“ Der alte Köhler trat zum Aktenschrank und entblößte die Cognac-Flasche vom Aktenordner. „Setzens Ihrer hie, dohier. Wunder soll’mer feiern.“

Als beide ihren Schwenker in der Hand sanft pendeln ließen, setzte er fort:

„Wo’s scho ahmol da sein. Iss sogar besser hier ohne die Frauens. Redmer ämal geschäftlich. Hams scho wohs ei Aussicht? Nimmt sie scho‘ jemand?“

„Ich hatte noch keine Zeit.“

„Ham’s über mei Angebot geschlafm? Ich tät Sie sofort einstelln. Ich muss eh ahne richtche Farbarei gründen. Jetze mitti nejchen Far‘m aus’m Reiche. Das hoaltmor nimmi auf.“

„Ja. Das klingt verlockend für einen, der aus’m letztn Loch pfeift. Ansprüche koann ich kane stelln. Aber froang müsst ich, wie … welches Salär hätten Se mir da zugedacht?“

„Sie müssen noch für’n Rudolf sorng und für die Anni.“, ergänze der alte Stricker.

Guntram nickte.

Stricker lehnte sich zurück. Ein Schlückchen Cognac. Ein Grinsen. Dann die süffisante Antwort:

„Also ich dachte da an – nichts.“

Köhler Junior guckte nun wieder wie auf dem Dampfer: Das war der Stricker wie im Volksmund: Geizig und fies.

Stricker genoss die Verwirrung im Gesicht seines Gegenübers und setzte fort:

„Vorerst! Ich dachte so: Sie hoam a Diplom, oaber keene Berufspraxis. Noch nich‘! Aber Sie hoam da Kenntnisse, die hoad sonnst koaner dahier! Zwee Joahr‘ Probezeit füra Toaschngeld. S Schulgeld fürn Rudolf nemmich ah auf miech. Dann – nach die zwee Joahr‘ – Gompanjong; und am besten wär‘: Sie suchen sich eehne meiner Madeln aus. Hochzeit oaber ebenfalls nur im Erfolgsfall – in zwee Jahrn!“, schob er schnell noch nach; selber überrascht von seinem Spontaneinfall.

Guntram goss fast den Branntwein auf den Teppich, so überfahr‘n saß er in seinem Besuchersessel.

Aber es kam noch besser:

„Sie schlagen das Köhler-Erbe aus?“ forschte Stricker weiter.

Guntram nickte.

„Dann is auch ihre Villa weg?“, konstatierte Stricker mit hocherhobenem Kopf.

„Ich überblicke noch nicht das gesamte Ausmaß, jedoch, egal ob ICH selber verkaufe oder pfänden lassen muss. Ich muss eh alles in Gläubigerhände ge’m. Weg is‘ eh oalls.“

Mit der freien Hand fuhr er sich übers Gesicht um den Alp zu verscheuchen.

Stricker zog den letzten Trumpf:

„Wenn se dorheme rausmüssen, das wird ja noch eh Weilchen dauern – ziehen se hier ei.“ Er zeigte zur Zimmerdecke. „Dor erschde Stock is leer. Sie, die Anni und der Rudolf ziehen droben inde erschdn 3 Zimmer. Ich war jung und blöde, als’ch mor den Kasten dahier hoab andrehn lassen. Viel zu groß bisher. Oabor mor weeß ehm nie, wozu’s mal werd guttsein. Wie mor nu sidd. Wemmor am Sonntage wern dor Muddi de Vorlobung bekanntge‘m, simmor Familie. Ihnen sparts de Miete und mir Lohn in ihrer Probezeit.“

Das räumte alle Existenzsorgen mit einem Schlag aus dem Weg. Um den Preis des Frontwechsels im Gerede der Stadt. „Hanftlmachers“ Schwiegersohn.

„Ich – als dor Schwiegersohn vom Stricker?!“ musste er sich selber erstmal klarwerden.

Stricker grinste immernoch und zuckte mit den Schultern.

„Se könn‘ auch ablehn‘. Und irgendwo im Reiche ei Stellung gehen. Vo miiiir aus!“

„Äh. Nö. Nein-nein. Aber. Das kommt so plötzlich … Sie ham doch einen Sohn. Wenn sie den dasselbe studieren lassen, wie ichs hab, dann bräuchten Sie mich ja gar nicht?“

Stricker schoss nach vorn und beugte sich weit über die Schreibtischplatte:

„Hearns amol zu! Der Poldi is nicht wie Sie. Der is a Hallodri. A Schöngeist. Selbst wenn ich n ließe studiern – dauertes bis noa St.Nimmerlein. Ergebnis ungewiss. Binich amol hinüber, dann valudert er die Firma schnölla als seh wuchs. Er braucht enn bedächtigen Freund an der Seite, der’n tutt bremsen und lenken. SIE! – wernn doar richdche!“ Sein Zeigefinger zielte auf Guntrams Nase.

Er lehnte sich wieder zurück: „Nehmse nu an?“

„Ja doch. Ja.“

„Ha! Ich wusstes!“, Stricker klatschte in die Hände und drehte dann das Kinderbild auf dem Schreibtisch um, so dass Köhler alle dreie sah.

„Willkommen indor Familie, Jung‘! Welche nimmste?“

„Martha.“ Guntram erschrak. Hatte er das wirklich so ohne zu Überlegen gerade gesagt?

„Gute Entscheidung. Gleich zu Gleich. Der Bedächtige wählt die Bedächtige.“ Stricker haute die flache Hand auf die Klingel. Anton, das Hausfaktotum, erschien.

„Holokke die Martha her. Es eilt!“

In Guntrams Kopf griff nun Chaos Platz: Wie? Jetz‘? Sofort? Wie soll das gehen? Was soll er jetzt sagen? Heiratsantrag aus dem Nichts? Kruz=i=Türken! In was war er da hineingeraten? Der alte Stricker ließ wirklich nichts anbrennen! Was verband ihn bisher mit Martha? Was hatte er am Sonntag mit ihr gesprochen? Wo anknüpfen? Da ging die Tür schon auf und Martha erschien.

  1. Martha

Strahlend schön. Gerade 18 geworden. Kurz vor der Matura im Lyceum in Reichenberg. Die Frisur nicht aufgedonnert wie am Sonntag. Sondern zwei alltagstaugliche, dicke blonde Affenschaukeln vor den Ohren im Kontrast mit diesen tiefschwarzen Zigeuneraugen. Zwei Seen, so tiiiief, um darin zu versinken…

„Was willst‘n Voater? Oh, Herr Köhler! Herr Vater haben mich rufen lassen?“, korrigierte sie sich sofort; einen Knix andeutend.

„Kind! Der Herr Köhler ist gekommen, um uns – äh dir eine Mitteilung zu machen. Eine Wichtige. Also. Ich lass euch jetzt allein und Kind – was du nun erfährst: Denk dran: Dein Vater will es!“

Verwirrung machte sich nun auch auf ihrem Gesicht breit. Da Köhler bei ihrem Erscheinen aufgesprungen war, standen beide nun etwas verloren in dem großen Raum einander gegenüber.

Kaum war der alte Stricker aus dem Zimmer, zuckte es in Köhlers linkem Bein als wollte er niederknien; er besann sich aber auf halbem Wege und richtete sich wieder straff auf.

„Fräulein Stricker. Ich eh… oach … wie sag ich das jetzt. … ich bin gekommen … um zu … um zu…Fräulein Stricker! Ich bin schlecht in Romantik. Ich darfs nicht verderben. Ich kam zu ihrem Herrn Vater und … und dann …. Um zu erfahren, dass wir beide heiraten sollten. … nein vergessen Sie das. Anders! Ich bin entschlossen … ach verdammt.“

Ihre Verwirrung war erst in Erröten, dann in Schmunzeln, schließlich in Lachen übergegangen.

Sie fand als erste zu klaren Sätzen: „Das ist eigentlich eine Ingeborg-Szene. Soll ich sie rufen lassen? Das is‘so albern! Wir SOLLEN heiraten? Allerliebst.“ Und dann ganz schnippisch: „Wie war nochmal der Vorname – mein Gemahl?“ Er stand mit puterrotem Kopf völlig bedeppert vor ihr. Nun schüttete sie sich förmlich aus vor Lachen und warf sich in den bisher unbenutzten zweiten Besuchersessel vor dem Schreibtisch.

Er nahms als Zeichen, sich ebenfalls zu setzen. Er drehte seinen Sessel aber auf sie zu.

Er begann von neuem:

„Lassen Sie mich erklären. Die Situation ist wirklich kurios. Ich gebe aber zu, dass mir sehr recht wär‘, wenn-“

„Sie brauchen sich nicht zu quälen, lieber Herr Köhler. Der Voader braucht an Färber, der diese neuchen Verfahren kennt. Und nu hatter Sie ei’fang wolln“, ihr Lächeln erstarb, weil nun auch bei ihr der Groschen erst so richtig fiel, „und iiich bindoar Köder?! Hab ich recht?“

„Ja. Nein. Das heißt. Ich wollte ja selbst…“

„Sie nehmen ihn in Schutz? Was wissen Sie von mir? Genausoviel wie ich über Sie. Den Namen und den Wohnort.“

„Ja. Aber ist das nicht sowas wie eine vergleichbare Basis?“, nun kehrte auch das Lächeln auf sein Gesicht zurück. „Ausbaufähig sozusagen?! Ihr Herr Vater wünscht zwei Jahre Verlöbnis. Das heißt: Spielraum haben.“

Sie ging darauf ein: „Nun ja. >>Mein Vater will es!<< Bauen wir’s aus? Sie können mich leiden? Glauben Sie?“

„Durchaus. Die wenigen Sätze vom Sonntag zeigten mir eine junge Frau mit Herz und Verstand.“

„Nun das beruht auf Gegenseitigkeit. Für mich waren sie ein selbstbeherrschter, liebenswürdiger >>alter<< Mann, an den man sich würde gewöhnen können.“

Er nahm den Ball an: „Knapp vor der Pension. Jaja, ich erinnere mich. Wenn man von so einigen Jährchen absieht, die ich noch für Ihren Herrn Papa werde arbeiten müssen… ä …dürfen. Sie bringen gern die Ingeborg ins Spiel?“

Das Eis war gebrochen. Die Worte flogen nun hin und her. Die Verwirrung in beider Augen ward restlos entschwunden. Dann ertönte aus dem Esszimmer der Gong zum Abendbrot.

„Nun, Herr Geschäftspartner“, beendete sie schalkhaft dieses erste mentale Abtasten. „Ich merke, unsere Sozietät offenbart Optionen der Akkumulation.“ Sie stand auf und reichte ihm die Hand zum Kuss.

Er nahm sie im Aufspringen, küsste aber nicht die Hand, sondern zog das ganze Mädchen an sich.

„Ich schließe mich meiner Vorrednerin vollumfänglich an. Unterschrift. Datum. Blabla. PS: Kuss! Express!“

So fanden sich ihre Lippen zum ersten Mal.

„Martha.“ flüsterte er ihr ins Ohr.

„Wie war doch gleich der werte Name?“ kicherte sie zurück.

1902 wurde geheiratet.

1963 wurde ich dreijährig an das Bett einer weißhaarigen, todkranken Frau geführt. Weit weg von zuhause am Rande von Berlin. Ich sollte ihr einen Kuss geben, aber ich kannte sie ja gar nicht. Mutti erklärte mir, dass das ihre Oma, also mein „Urahnel“, sei. Da überwand ich mich. Ich hatte also eine Uroma; wenn auch nur noch für diesen Moment.

Es war Martha. (Alle Namen sind selbstverständlich geändert.)

Uns’rer Geschichte erster Teil, der endet hier allmählich.

Und wenn es nicht genauso war, dann war es doch so ähnlich.

Wolzogen

Na? Schon im Kino gewesen? „Downton Abbey“ der Kinofilm Nr.2?! Soll vorwiegend in Südfrankreich spielen, wegen Erbe und so.

„Downton Abbey“ ist eine erfolgreiche – ä – DIE erfolgreichste TV-Serie in Great Britain. Mick Jagger soll Stones-Probe-Termine nach Fernsehprogramm gelegt haben: „Da geht’s nicht. Da läuft „Downton Abbey“!“Downton abbey

„Downton Abbey“ ist Historienfernsehen vom (fast) feinsten. Es gibt derzeit nichts Besseres, aber vieles, was weit schlechter gerät.

Zwar ist ein bissel viel Frauenemanzipation hineingerührt worden; sogar so falsch, dass der Eindruck entstehen könnte, dass diese ausgerechnet im adligen Oberhaus-Klientel ihren Anfang nahm; – das macht meinem Historikerherz in manchen Szenen Pickel, – aber im Großen und Ganzen geht es.

Abenteuer und Ränke im Schloss – Bediente und Bedienstete, Ladies and Lords – relativ realistisch verwoben. Gute alte Zeit – mit bösen Widerhaken.

Und da hockst du so vor dem Fernseher, wenn die DVDs laufen und fragst dich: Warum ist der Deutsche Film zu sowas nicht in der Lage?

In den letzten Wochen fing ich wieder erfolgreich einiges antiquarisches Kulturgut ein, um mein Idyll zu polstern. Vieles davon schreit nach Verfilmung. Vergeblich.

Je beschissener sich dieses 21. Jahrhundert entwickelt, umso mehr Gründe zum Granteln und zum Kotzen finden sich. Aber das ist schade um die Lebenszeit. Und nützt eh nix. (Wenn man’s nur durchhielte. Das beredte Schweigen.)

Ich bin auf der Flucht. Vor den Medien. Weltflucht. „Nicht mehr mit 60, Honey!“

Ein großes Glas Hopfenblütentee. Ein gutes Buch. Klänge aus der Jugendzeit. Und Gottfried Benns Nihilismus. So geht’s noch.

Und so stieß ich auf ihn:

Ernst von Wolzogen, „Die Tolle Komtess“, Engelhorn 1890.

Also noch ein alter Herr der Literatur der vorletzten Jahrhundertwende.

Es rundet sich mehr und mehr das Bild in mir: Unsere Literaturgeschichte des späten 19. Jahrhunderts ist vielfältiger und reicher als die russische – nur weiß das eben keiner im Lande der „allwissenden“ Ignoranten. Fontane und Mann und aus, jaja.

KrischanErnst von Wolzogen schrieb1889/90 „Die tolle Komtess“ – und siehe: Es ist „Downton Abbey“ auf Deutsch, mit Versatzstücken der „Heiden von Kummerow“, die bekanntlich erst in den Neuzehnhundert-Dreißigern von Ehm Welk geschrieben wurden. Dauerbrenner und Erfolgsfilm für Kindheiten wie meine in den 60ern.

Ein gesamtdeutscher Film mitten im Kalten Krieg der 60er Jahre übrigens: Die Stars von „drüben“, die Kulisse und die Nebendarsteller von „hier“. Gedreht auf- und um Rügen. Mit „Sam Hawkins“-Darsteller Ralf Wolter unvergessen als Krischan Klammbüdel.

Wolzogen beherrscht wie Ehm Welk dieses erzählerische Gleichgewicht zwischen Lachenmachen und Weinen lassen. Es gibt diese wohldosierten Schmunzler, die auch nach 130 Jahren noch funktionieren. Aber das Buch ist kein alberner Schwank.

Wir erleben Geschehnisse in einem Landschloss in der Nähe von Teterow in Mecklenburg mit – und lassen uns die heile Welt der Gutsherrschaft präsentieren.

Graf und Gräfin, zwei mehr oder weniger erwachsene Töchter, der alte Kutscher, der schlitzohrige Gärtner, zwei Pastorentöchter, ein heiratswilliger Inspektor …

Hinzu treten zwei Neueinstellungen: ein bankrottgegangener Adliger, der der neue Oberinspektor wird und eine attraktive neue Hausdame, die den Vorsitz über das Gesinde übernehmen soll.

Die beiden neuen bringen die Probleme mit, in die die anderen hineingezogen werden.

Es entrollt sich ein unterhaltsames Panoptikum. Besonders gelungen sticht die alte Gräfin heraus, zwischen starr pedantischem Protestantentum und reichlich Mutterwitz und Nonchalance im Umgang mit den „ebenbürtigen“ Gegenspielern. Mir geisterten da immerzu Heidi Kabel oder Inge Meysel vor dem inneren Auge herum.

Aber da mischt sich auch anderes in die Mitdenkebene ein: Wie war das nochmal mit der Bodenreform? War da was?

In der 4. Klasse ungefähr; im Fach „Heimatkunde“, welches inzwischen zu „Sachkunde“ mutierte, wurden wir Steppkes eines Tages in die Aula verfrachtet. Boomer-Zeiten. Wir waren 4 Klassen a 32 Schüler im Schnitt, die Aula war also gut gefüllt. Eine hexenhafte Biologielehrerin, die wir in der 4. Klasse noch nicht kannten, die aber später über uns kam, hatte die Oberhoheit über den Filmapparat und eingelegt wurde:

Ein kurzer Unterrichtsfilm von vielleicht einer halben Stunde, der Feldarbeit zu „Zeiten des Junkertums“ zeigte. Bauern sensen in Reih und Glied ein Kornfeld; Bauernmädchen und Knechte errichten Strohpuppen, laden Pferdewagen voll. Ein Inspektor kommt geritten und jagt mit der Reitpeitsche Pause machende Bäuerinnen am Feldrand hoch. Szenenwechsel: Bauern in der Scheune dreschen das Getreide mit Dreschflegeln. Werfen das gedroschene Stroh seitwärts auf einen Haufen. Der Inspektor kontrolliert es und findet eine Ähre. Er zückt sein Notizbuch und notiert die Namen der Dreschenden. Minuspunkt für später.

Sicherlich richtig und nur wenig übertrieben. Derartige Szenen der vorsintflutlichen Landarbeit kommen im Buch nicht vor. Aber auch „Downton Abbey“ verrät nicht, woher der Lord sein Geld hat.

Trotzdem bleibt hier wie dort Soziales nicht ausgespart.

Auch Wolzogens Roman hat – bei aller Lust am Idyll – diese zweite Schiene. Die Bediensteten bleiben zwar Staffage. Jedoch kommt Elend, Prostitution, Kriminalität, Kulturgefälle bei Mesalliancen am Beispiel des Lebensweges jener neuen Hofdame facettenreich zur Sprache. Megan Markle, ick hör dir trapsen! Rate, wer im Buch Prinz Harry ist!

Thema wird auch das heraufziehende Ungemach für diese ostelbisch rückwärtsgewandte Lebensweise. Der neue Oberinspektor bringt amerikanische Erfahrungen mit und rät zur „Moorkultur“, um mehr Nutzfläche zu bewirtschaften. Das erzwingt „neumodische“ Investitionen, für die der Mecki nunmal nicht gemacht ist; es wird gemault, misstraut, geneidet.

Die winterlichen Wochen in der Residenz bei Hofe werden gefürchtet, weil wegen strenger Kleiderordnung sehr kostspielig, aber als Heiratsmarkt auch unverzichtbar, um die Töchter zu präsentieren.

Usw.

Den Plot an sich mag mancher heute in die Nähe von Courths-Mahler-Romanen rücken, weil das Idyll an sich zwar wankt, aber obsiegt. Jedoch ist das nicht alles:

Interessant wird das Buch aus heutiger Sicht wegen allerlei Assoziationsmöglichkeiten, von denen die Parallele zum Fernseherlebnis „Downton Abbey“ nur eine ist.

Die „tolle Komtess“ ist die ältere Grafentochter. Gut gebaut, aber mit hässlichem Gesicht gestraft, wie unverblümt kundgetan wird. Wir sind im Noaden, da „vatellt man keine Opern“!

TristanSo, wie sie anfangs auftritt und reitet, wäre „Mannweib“ bis vor kurzem wohl der richtige Begriff gewesen. Inzwischen kommt dir automatisch der Gedanke ein: Gendert Wolzogen hier 1890 bereits?! Sie ist Vaters „Sohn-Ersatz“. Sie packt zu wie ein Kerl! Zu Beginn des Buches hat sie einen Auftritt, der mich schlagartig an Tristan Farnons unorthodoxe Bullenbehandlung denken ließ. („Der Doktor und das liebe Vieh“; schon wieder England!) In den 20ern hätte sie bereits Hosen tragen können. Hier im Roman plagt sie sich noch mit der Reitkleid-Schleppe und Damensattel, der ihr bei durchgehendem Pferd sogar beinahe zum Verhängnis wird.

Wolzogen erschafft hier eine unattraktive Hauptfigur, für die als bald das Herz des Lesers schlägt.

Wie er das anstellt? Probiert’s aus:

Das Buch ist über ZVAB oder Booklooker preiswert erhältlich.

MEIN Highlight ist die Episode, in der die Zusammensetzung der gutsherrschaftlichen Hausbibliothek eine Rolle spielt.

wolzogen

Und das beste daran ist: Ich kenne die alle und mag ihre Werke. Bis auf Fritz Reuter. Bisher.

Die hatten tolle Autoren damals; die vernünftige Inhalte interessant erzählten. Genützt hat es nichts.

Nassforsche Dusslichkeit triumphierte, allzeit in der Überzahl:

Endkampf nich‘ wahr! Unumgänglich, nich‘ wahr?! Sie versteh’n?! Kolossale Planung! Kolossal! Positiv kein Risiko! Totalement! Auf deutsche Generäle ist Verlass! (Monokel reinschieb.) Glotz.

Klingt heute erschreckend ähnlich, wenn all die ungedienten Couch-Potatoes online täglich den Ukrainekrieg gewinnen.

Wolzogen wollte, nach eigenem Bekunden auf den letzten Seiten, „kerngesunden … bodenständigen Landadel“ feiern. Heraus kam jedoch ein sehr gut erzähltes Werk, das erkennen lässt, wo der Putz schon bröckelt und das Gebälk vernehmlich ächzt.

Mein zweiter Diestel

Auf den ersten Les klingt die Überschrift nach Legasthenie. Aber gemeint ist nicht die Pflanze, sondern das Buch eines Mannes, der eine einflussreiche Kurzkarriere als Politiker hinter sich hat, bis heute erfolgreicher Anwalt ist – und: (Das ist nun mal die Klatschschlagzeile für alle Ewigkeit) Der 1990 als schönster Politiker gekürt wurde.

Peter- Michael Diestel

diestel22020 rezensierte ich (hier) meinen ersten Diestel-Kauf. Nun also der nächste Streich:

Warum hab ich das Geld ausgegeben: Weil das erste Buch Spaß gemacht hat und reichlich Einblicke offenbarte, die man sonst so nicht erfährt.

Eine Fortsetzung versprach also interessant zu werden.

Nun – inhaltlich ist zunächst (fast) alles beim Alten:

Auch hier kannst du beim Lesen hier und da heftig zustimmen, aber dann gibt es auch wieder jene so seltsamen Diestel-Ansichten, wie z.B. reichlich Lob für Egon Krenz, dass du es am liebsten sofort mit spitzen Fingern in den Müll entsorgen möchtest. Aber dann folgen eben immer Wieder-gut-mach-Episoden, z.B. begründete Schelte für die Zusammensetzung der Berufspolitik heute, so gänzlich intellektbefreit, die dich weiterlesen lassen.

Eine so seltsame Joschka Fischer Karriere war ja mal ganz unterhaltsam, wenn das jedoch zum Massenphänomen wird, dass vorrangig Studienabbrecher und Tagediebe das Sagen haben, nachdem sich dann 82 Mio Leute richten sollen, dann – isses eben so, wie’s grade is‘. Alte Phrasen. Alte Reflexe. Keine Ideen. Nirgends. Das diplomatische Feinbesteck geht zunehmend verloren.

Das nur als Einschub meinerseits. Ich hab mal den PMD zu Ende gedacht.

Diestel ist mit seiner Biografie ein Phänomen. Wer aufwächst wie er, den müsste DIESE Kindheit zerreißen. Dauerdeprimieren. Oder aber eben: Hart machen.

Letzteres trat ein.

Seine Eltern waren konservative junge Leute, als sie heirateten. Dann kam der bisher letzte Weltkrieg. Vater kam in Stalingrad als Wehrmachtsmajor in Gefangenschaft und gehörte zu den Offizieren um Feldmarschall Paulus, die dort in privilegierter Haft das Nationalkomitee Freies Deutschland gründeten, das Hitler kritisierte, sowjetischen Medien selbstkritische Interviews gab und für ein „Neues Deutschland“ mit Wiedergutmachungsverpflichtung nach dem Krieg eintrat. Vom Hitlerwerkzeug zur Stalin-Marionette, zum Fast-Kommunisten. Aber den Hals aus der Schlinge gezogen.

Seine Mutter als junge Frau in Deutschland blieb konservativ und religiös.

Der Mann kam gesund zurück und half (wie Paulus) die NVA zu gründen, wurde Hochschullehrer der Militärakademie der DDR. Und die Mutter bestand auf Tischgebet.

In den Westen gehen konnte das Paar nicht: Die westliche Nachkriegspresse tobte über „Paulus und Konsorten“, die „ehrlosen Russenknechte“. Da war verbranntes Gelände im doppelten Wortsinn. Also richteten sich die Diestels, so gut es eben geht, in der „Zone“, ein.

Es entstanden hier 4 Söhne und eine Scheidung, als PMD ca. 10 Jahre alt war. Er legt sich seltsamerweise da nicht fest.

Die Brüder wuchsen zunächst in Prora, dann in Dresden am unzerbombten Weißen Hirsch auf. Des Vaters wegen mit gutem Kontakt zu russischen Offizierskindern. Nach der Scheidung bekam die Mutter das Sorgerecht über alle Söhne, zog mit ihnen nach Leipzig und begann als Küsterin zu arbeiten, um 5 Köpfe durchzubringen. Pubertät und Remmidemmi. Vier junge Falken in einer „Kirchenwelt“ von gestern. Und nun ohne Russenkontakte. In plötzlich bitterer Armut.

Prägephase: Raus aus der Sackgasse! Dennoch-Trip! Die andern überholen! Aus eigener Kraft!

Erst Sport, dann Cleverness.

Vater gab den Söhnen immerhin mit, dass man in diesem Staat nicht freiwillig Offizier werden sollte. Von einem Parteieintritt sei dringend abzuraten.

Mutter verhinderte das Pionier-und-FDJler-Werden. EOS(Gymnasium) ging somit nicht. Aber Berufsausbildung mit Abitur dann doch. Deshalb: Jura-Studium möglich. Anwalt sein jedoch nicht.

Also wurde er Rechtsberater der Agrar- und Industrie-Vereinigung Delitzsch..

Das zweite Buch hier verrät mehr als das erste über die finanziellen Werdegänge des PMD:

Er jobbte, dass die Schwarte kracht, und schacherte geschickt. Im dritten Studienjahr fuhr er Wartburg. Kurz nach Berufseintritt kaufte er sein erstes Eigenheim für seine erste Ehe.

Er kam also gut voran, was den langen umständlichen Titel des ersten Buches erklärt.

Aber es fuchst ihn, dass die Wertschätzung für seine Wendetätigkeiten fehlt.

Schließlich war er „174 Tage lang der letzte Innenminister der DDR“! Und das wird auf 256 Seiten ca. 130mal erwähnt, was nervt.

„Schau dir an, wer von den Figuren der Bürgerrechtler heute mit Verdienstkreuz herumrennt. Den Einigungsvertrag erschufen de Maiziere, Krause und ich. Keiner von uns hat eins. (…) Wenn sie mich fragen, frage ich, ob Lothar de Maiziere auch gefragt wurde. Wenn der keins kriegt, nehme ich auch keins an.“

Über Lothar de Maiziere lässt er sich sehr realistisch, ehrlich und wertschätzend aus. Die IM-Rufschädigung der Person des letzten Ministerpräsidenten stuft er als Intrige ein. Krauses kuriosen Werdegang beschweigt er lautstark. Das fällt auf. Das muss auffallen, bei einem Schreiber, der sonst so unverblümt -und treffend- austeilt.

Nur soviel: Gauck und die Pastorenriege des Novembers’89 kommen auch wieder vor. Die mag er „sehr“ (Sarkasmus!); wie einmal mehr deutlich wird.

Aber eigentlich geht es im Schwerpunkt des Buches um Diestels Lebensthema: Die unvollendete Einheit, die Ausgrenzung ostdeutscher Kader von nahezu allen Leitungsebenen.

Diestel ist aufgegangen, dass der Einheitsvertrag mies gestrickt war, aber er schlägt Haken in Bezug auf Details. Immerhin bringt er einen wichtigen wunden Punkt zur Sprache: Keinerlei Absicherung für Ossi-Ansprüche ab dem 04.10.90, da nun alle DDR Gremien aufgelöst waren; was er anekdotenhaft zu illustrieren weiß.

Jedoch bringt er auch zahlreich bittere Beispiele auf den Punkt:

„Plötzlich interessierten lediglich die Immobilien und die freiwerdenden Posten – die Menschen, die das alte Regime zum Einsturz brachten, nicht.“

Da, wo die Posten nicht freiwurden, wurden sie freigemacht: Da muss sich doch IM-mäßig was finden!

Auch wenn die Ministerpräsidenten 2022 überwiegend Ossis sind und der MDR eine Ossi-Chefin hat: Neu-5-Land wird überwiegend kolonial geführt: Universitäten, Hochschulen, Gerichte, Kliniken … die Leiter haben Westwurzeln und meist auch ihre Ruhesitze dort.

„Die komplette Führungsschicht der DDR wurde >wegen Systemnähe< kaltgestellt.“

Sehr interessant Diestels Einlassungen zur Hetze gegen den letzten Ossi auf dem Rektorenstuhl der Humboldt-Uni Fink. Ein integrer, anständiger Theologieprofessor, der im Wendewirrwarr gewählt worden war: Aber da gab es im Ruhrpott soviele Professoren, die dort nichts werden konnten – „da musste sich was finden!“ Und da in der DDR jeder führende kirchliche Angestellte früher oder später wissentlich oder unwissentlich mal mit jemandem von „Horch&Guck“ gesprochen hatte, fand sich eine Akte…

Gauck war der oberste Stasi-Aktenwächter und somit auch oberster „Sachverständiger“.

Diestel vertrat Fink im Verfahren gegen seinen Rauswurf und gewann – nicht die Wiedereinsetzung, jedoch die Dienstjahr-Anerkennung und die vollumfänglichen Pensionsansprüche: Weil da schließlich gar nichts Verwerfliches war. Die Rehabilitierung des Prof. Fink nahm öffentlich niemand zur Kenntnis. Die Hetze gegen ihn zuvor – war überall zu lesen.

Diese Art Fälle wurden Diestels täglich Brot.

„Wir beschäftigten in der Hoch-Zeit 5 Anwälte und hatten voll zu tun: Alles IM- und Dopingfälle.“

Diestel, der Robin Hood aus dem Mecklenburg-Forrest, wo er inzwischen wohnt.

Er spreizt sich als Streiter für Gerechtigkeit. In vielen Fällen sicherlich zurecht.

Auf der anderen Seite entsteht im Buch jedoch von Seite zu Seite immer mehr der Eindruck: JEDER Ossi habe vor Gericht gestanden und sich gegen IM-Beschuldigung wehren müssen. Das hinkt!

Und da verzerrt sich eben das Bild.

Je nach Quelle gab es ’89 ganze 60- bis 100 000 IMs. Bei 17 Mio Einwohnern, davon 12 Mio wahlberechtigt, also volljährig und zurechnungsfähig, ist das also etwas weniger als rund 1 % der Bevölkerung. 8 Mio Ossis verloren ihre Arbeitsplätze nach 1990 also ohne Stasi-Querele; aus Gründen des Bankrotts der Betriebe oder der Konkurrenzbeseitigung seitens der westdeutschen Platzhirsche. Der Hinweis auf dieses Zahlenverhältnis fehlt im Buch leider ebenso, wie in der offiziösen Berichterstattung der Medien über die Stasi-Altlast des Ostens – seit 30 Jahren.

Abschließend noch zur Form dieses Buches: Es ist ein niedergeschriebenes Interview, das über mehrere Abende unter 4 Augen geführt wurde. Es nerven zwei Begleiterscheinungen:

  1. dieses inflationäre Einpeitschen „PMD; der letzte Innenminister und Vizekanzler der DDR für 174 Tage“; gefühlt alle zwei Seiten; wobei der Terminus „Vizekanzler“ auch ein bissel problematisch ist.
  2. das Nicht-Nachhaken, wenn PMD ganz offensichtlich ausweicht oder beim Reden „vom Wege abkommt“. So werden einige interessante Spuren gelegt, aber nicht verfolgt.

Naja, muss ja noch Platz bleiben, für ein drittes und viertes Buch; vermutlich.

Was wiederum sehr gut gemacht wurde, sind die Zwischenkapitel, die eingeschoben wurden, damit das ganze nicht nur ein „IM-Rächer-Traktat“ wird. So erfährt man mehr über PMDs Werdegang vor der Wende und über seine Liebe zum Wald als Romantiker und als Jäger, der (angeblich) kaum schießt, jedoch ein Jagdzimmer voller Trophäen sein Eigen nennt. Hat er die Geweihe also vom Flohmarkt? Nachfragen: Keine.

Fazit: Lesbar. Dümmer machts nicht. Aber man hat den Eindruck, einen Bonus-Track-Band zum Bestseller von 2020 in der Hand zu haben.

Jon Anderson and I

Endlich!

Jon Andersons „Animation“-Album von 1982 – ENDLICH! ENDLICH! – auf CD in ansprechender Klangqualität.

Quasi zum 40jährigen Jubiläum!

Warum das einen Post wert ist?

Weil das ein ganz GROSSES Album ist, das unter sämtlichen Radaren durchsegelte, somit niemandem auffiel und vermutlich deshalb von Jon selbst für einen Voll-Flopp gehalten wurde, dessen Aufbereitung nicht lohnt.

Aber das ist Unsinn!

Man muss 3 Soloalben von Jon Anderson haben, wenn man Yes-Fan ist oder war. Und „Animation“ ist eines davon!

Welche die andern beiden sind, wird im Folgenden hergeleitet.

Opa erzählt wiedermal vom „Galdn Griech“:

September 1975 stand ich 15jährig auf dem Schulhof meiner EOS. In der Ehemaligen wechselte man nach der 8. Klasse zum Gymnasium, das damals EOS hieß. Man war also 9.Klässler und Spund unter lauter älteren Jahrgängen. Jede 9.Klasse hatte eine 11. als Patenklasse zugeteilt bekommen, die erst mal zur Begrüßung eine Klassenfest-Disco ausrichtete. Musik kam von den Bändern der „Großen“ (11er)und von den Kassetten der „Kleinen“(9er). So fand sich, wer glaubte, Ahnung zu haben.

Von nun an stand ich also alle Hofpausen mit 2 oder 3 Klassenkameraden umgeben von eben solchen 11ern und die bedonnerten uns „Wänste“ mit lauter musikalischem „Neuland“:

„Genesis müsster hörn! Das is klassische Kirchenmugge in Rock! Nach 10 Minuten Sound fängste an zu schweben!“

„Yes fetzen am meisten! Da hörste alles off ehmal! Erscht klingse wie CrosbyStillsNäschnjang, dann krachts wie bei Pörpel und dann volle Orchlwand – wiiii-u-wiii (=lautmalerische Toccata-Andeutung) und dann die Stimme vom Ändersnn ey! Himmlisch!“

„Ach quatsch. Uriah Heep müsster- “

„Mache dich weg, du jehörst nich zu uns! Uriah Heep! Das sinde Buhdys of englisch!“

Gelächter.

Merke: Hier wurdest du mit Niveau fertig gemacht! Das war neu. An der POS hatten die körperlich starken Deppen das sagen. Fein, nun den anderen Weg kennenzulernen. Diese genüssliche Watsche „von oben“.

„Menschen mit Niveau hören Genesis und Yes. Pörpel und Heep sin‘ ehm was für‘s Volk, wenn ses ma härter als ABBA brauchen.“

Wir 9er waren noch im Glam- und Oldies-Stadium. Fühlten uns schon als Kenner, weil wir „Fire!“ von Arthur Brown kannten und zwei oder drei Hendrix-Nummern. Unsere Kassetten waren sonst mit üblichem Hitparadenkram gefüllt. BachmannTurnerOverdrive knallen auf Rubettes und Kenny. Sweet und Slade nicht zu knapp; bissel Gary Glitter und T.Rex … nichts womit man 11er hätte beeindrucken können.

Als wir unter uns waren, werteten wir aus:

Kennst du was von Yes? Oder Genesis?

Natürlich nicht. Niemand. Woher auch? Jethro Tull – als einzige von diesen großen Namen unter den Prog-Bands – hatten jede Menge Airplay. Genesis und Yes kein bisschen.

Also dauerte es und dauerte. Vom September’75 bis in den Dezember‘75. Mit 15 ist das eine Zeitspanne von nahezu hundert Jahren!

Dann endlich hatte Christian einen Spender aufgetan, der ihn zwei Yes-LPs aufnehmen ließ. „Yes-Album“ und „Fragil“. Ich bekam dann die Kopie der Kopie, dumpf und am Kassettenende einfach mitten im Stück umgedreht, also wertvolle 10 Takte Verlust; Minimum! Das war noch kein genussvolles Großereignis; zumal der Sound uns Glamrock-Simplexe echt überforderte. Mann! War das ein Durcheinander auf den ersten Hör! Und dann diese Stimme! Das ist der große Ändersnnn?

Nach all dem Geschwärme auf dem Schulhof hatte ich irgendwen mit Eiern erwartet: Einen Noddy Holder vor großer Orgelwand! So ungefähr! Nun bekam ich hier einen – tja, was ist das? Eunuchen?

Es brauchte zwei-drei Anläufe: Allein. Halbdunkle Mansarde. Der ausrangierte Servierwagen mit dem Recorder steht vor dem Bücherschrank. Obendrauf ein Holzkastenradio Marke „Stassfurt“. Ebenholz und Mono. Fernseh-Litze in die Ausgangsbuchse des Recorders und in die Eingangsbuchse des Radios „präzisiert“ – und nach ein paar Anfangs-Fitschlern und Kraxlern kam der dumpfe Kassetten-Sound über den großen Radiolautsprecher drei Nummern bulliger. Und dann dreht man an dem fossilen Unikum den Klangregler voll auf Höhen – und siehe! Das Dumpfe schwindet, die Bulligkeit bleibt. Der Sound gewinnt!

Draußen Abenddämmerung. Drinnen kein Licht an. Melancholiaaaa – sozusagen. Nur das magische Auge des Radios leuchtet. Davor ich mit Blick auf alle meine Funde im Bücherschrank. Das meiste damals schon – alt; also WERTVOLL! Und chic ehrwürdig ramponiert. Mancher Wälzer mochte einiges mitgemacht haben in zwei Weltkriegen! Die sprachen eh zu mir. Und mit diesem Sound von obendrüber nun erst recht:

„Sharp! Distance! All around me hee! We’re lost in the Cityyyyy!“

Plötzlich passte alles zusammen: Der Sound, der Anblick, die Dämmerung. Klein war das Zimmerchen: Bücherschrank und Liege, die abends Bett wurde. Servierwagen. Aus.

Nun aber war das ein Dom! Draußen am Horizont sah man den anderen, den echten alten; aber hier dröhnte die Kirchenmusik einer NEUEN GENERATION.

Vater stand schon in der Tür: „LEISER!“

Aber zu spät. Die Initialdröhnung hatte bereits ausgereicht. Yes-Abhängigkeit lebenslänglich!

anders7Auch wenn man sich das leiser gab: Das war wie ein nächtlicher Gang durchs Buchholz mit Feenbegegnung und/oder-begleitung einer ebensolchen!

Dachte ich. Damals. Später stieß ich auf das Zitat von Steve Hackett(Genesis): „Frauen mögen keinen Prog. Vermutlich zuviele Noten.“ Ja, leider.

Zum Gemeinschaftsgenuss von Yes-Musik braucht es einen Herrenabend.

Während der EOS-Jahre gelang nur noch die Erbeutung der „Tormato“. Für anderthalb Stunden!

Schnell aufnehmen! Diesmal direkt von Platte – und von MEINEM Plattenspieler, der keine Nähmaschine war. Die Bandkopie klang hinterher astrein und drei Texte von der Innenhülle hatte ich mir auch noch abgeschrieben.

Jon Anderson war nun wirklich ein Himmelsbote: Circus of heaven! Release, release!

1982 hörte ich „I’ll find my way home“ im Radio. Der Song kickte sofort und ganz tief, wie man so sagt, weil er zweierlei verknüpfte. Zwar kam er zu spät als Heimkehr- und Befreiungshymne von der „Fahne-Pein“; meine Asche-Zeit war ende April’81 zuende; aber noch schlief ich schlecht, wenn mir da der Spieß im Traum erschien und grinsend fragte, warum ich ihn nicht erschossen habe. Manchmal pfiff noch eine Lok unten im Saaletal den Berg hinauf in meine Mansarde, und geschah dies nachts, so schrak ich auf und wollte meine VKU-Nächte zählen: Morgen wieder Uniform an? Zurück in die Kaserne? –

Nein! Es war ja ‘82! Irgendwie hatte ich es gepackt. I found my way home! Ohne Schwedt! Mehr geht nicht. Der Song machte stolz!

Und: Ich war verliebt. Wiedereinmal. Aber diesmal schien das was zu werden.  „All Seasons begin with you!“

Und von nun an mit stetiger West-Vinyl-Zufuhr. JETZT ging Leben wirklich los!

Während der Aschezeit, die manch Blödian Ehrendienst nannte, hatte sich mir Sesam aufgetan: Erste Bekanntschaft war mein zukünftiger Plattendealer; zweite Bekanntschaft dann ein Capo mit reichlich Westplattenbesitz. Da letzterer nach der Asche auch in Leipzig studierte, hielt der Kontakt – und so hatte ich seine Bestände bald fast komplett auf Band. (Wir reden hier von ca 30 Alben; von lauter guten Namen, vorwiegend YES und Wings; was für Ostverhältnisse paradiesisch war).

Dass Paul McCartney and the Wings in den 70ern eine neverending Hitkette hatten, ist heute weitgehend vergessen. Ab den 80ern kamen von Olle Paule nur noch Müll-Singles in den Äther, weshalb auch niemandem mehr auffiel, dass auf seinen nun ignorierten LPs eigentlich auch noch manch hörenswertes  schlummerte. Deshalb sei hier kurz erklärt, dass ER als der Haupterbe der Beatles galt und jedes seiner Wings-Alben wie ein Großereignis besprochen wurde, bevor dann einige der jeweiligen Single-Auskopplungen im Äther totgedudelt wurden. Auch damals gab es schon Ölpest der Tonkunst aus den Häusern Abba und BoneyM, Luv, Village People, Sister Sledge usw. Somit galt die Dauerdudelei von „Listen what the man said“, „Let them in“, „Rockshow“ „Silly Lovesongs“ immernoch als gehaltvoll.

Als wir im Sommer‘80 unseren zweiten Kompanieurlaub hatten, besuchte ich jenen Yes- und Wings-Fan zum ersten Mal. Und da saß ich dann in seinem Zimmer im Besuchersessel; mit dem Rücken zum Musikaltar auf dem Bücherschrank, ihm gegenüber und wir fachsimpelten von Musik und vom Elend der NVA. Er hatte die „Wings over America“ aufgelegt; stellt das Cover aufrecht auf das Board über seinem Bett und meinte ganz beiläufig: „Klasse, wa?!“

Zu sehen sind auf der Innenhülle Paul McCartney und seine 70er Jahre Getreuen, in so einem Realo-Comic-Malstil in action on stage.

Ich will nun nicht allzu kindisch jubelnd losschwärmen, also reagiere ich cool abgetrocknet: anders1

„Jo, erinnert an die „Gammapolis“ von Omega. Wenn de die offklapst, kommt das ganz ähnlich.“

„Omega!“ stöhnt er und verleiert die Augen, steht aber auf, sucht in dem Plattenstapel hinter mir im Bücherschrank und reicht mir – die „Olias of Sunhillow“.

Wenn du die kennst, dann weißt du: So ein Coverwunder hat es nicht nochmal gegeben! Ein Mittelding aus Doppelalbumhülle und Zigarettenbilderalbum. Mehrere Seiten zum Blättern; voll und ganz in einem auf Pracht getrimmten Malstil zwischen Comic-Romantic a la „Herr der Ringe“ und Jugenstil bemalt. Mir gingen die Augen über.

Er genoss die Wirkung.

„Die is‘ so geil! Die verborg ich auf KEINEN FALL!“

Er hielt das durch. Ich bekam sie also nie auf Band.

Also hörten wir sie als nächstes, kaum dass eine Plattenseite Wings durch war; komplett – und anschließend bestätigten wir uns beide gegenseitig, dass das was ganz Großartiges ist.

Die Wirkung hielt nicht vor. Als ich sie in den 90ern wiederhörte, war ich verblüfft, wie sehr die Wirkung von 1980 dahin war. Stünde ich heute vor dem Olias-Vinyl würde ich es wegen der Hülle kaufen, falls der Preis stimmt. Die Platte, müsste gar nicht drin sein; sie klingt inzwischen nach Hausfrauen-New-Age. Pling-Plong, dshingelingeling mit Anderson-Gebetsfetzen mittenmang.

„Olias of Sunhillow“ ist also keine von den drei Unentbehrlichen.

Auch „Song of seven“, die Soloplatte danach, nicht. Musikalisch gefällt die heute noch ganz durchschnittlich, aber sie wird eben überstrahlt, von –

Schlag 1: Natürlich das Weg-nach-hause-finde-Album! „The Friends of Mr.Cairo“; Jon and Vangelis; also eigentlich ein Album von zwei federführenden Leuten; kein reines Soloalbum mithin, aber in der künstlerischen Handschrift ganz ähnlich den zwei anderen, die da noch kommen sollten.

Ich glaubte ihn gefunden zu haben, den Weg nach Hause. Alles schien1982 bestens zu laufen: Love and Music und ein Studium mit links, weil es keine Herausforderung darstellte, nach all den Fahne-Härten. 1985 würde es zu ende sein und dann Ehe und Berufstätigkeit im Saaletal – das schien gesichert. Da hätte nichts gefehlt! Aber es sollte anders kommen. Erst Niederlausitz, dann Nordpreußen(sozusagen). Wat willste machen?

„Some how, we‘re going somewhere…“

anders2Und so wurde „I’ll find my way home“ wieder zur Sehnsuchtshymne, die sie war – für alle Zeit.

Der Rest des Albums ist dicht im Sound, gut bis sehr gut in den Texten. Naja. „Back to school“ hätt‘ ich nicht gebraucht. Bissel Schwund is‘ eben immer. Der Rest macht’s wett.

Jener Ex-Capo mit den vielen Platten hatte glücklicherweise ein YES-Abo. Sein Vater war bereits berentet und fuhr jedes Jahr mal „rüber“ – und er brachte von dort „die neue von Yes“ mit, oder eben das nächste Soloalbum von einem der Yes-Members, oder eben was von den Wings, oder Peter Gabriel…

So nahm ich ende 1982 bereits die „Friends of Mr. Cairo“ auf – auf Typ 130er Band mit 19er Geschwindigkeit, für die Ewigkeit, wie ich glaubte. Und auf die Rückseite des Bandes kam SIE: Die „Animation“. Die Verlängerung der „Mr.Cairo“! Beide Alben gleichen sich, wie zwei Hälften eines Doppelalbums, das ich hier nun wieder zusammenführte!

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Schlag 2 ist also sie. Die „Animation“ mit den unverzichtbaren „Boundaries“, die wiederum eine Aktualisierung des irischen Folksongs „O’er“ darstellen. 1982 war Wettrüsten und Friedensbewegung. Da war das eine Top-Idee, diesen Text von Freiheitskampf, Flucht und Vertreibung der Iren durch England zu internationalisieren – als Warnung für neuere Zeiten. Zeitgleich mit „Game without frontiers“ und „Sodom und Gomorrah“ auf der Höhe der Zeit. Na, und wie das 2022 wirkt, so kurz vor dem 3. Weltkrieg, brauch ich nicht zu beschreiben. Die Hüllengestaltung allerdings ist ein Totalausfall. Fürs Auge gibt’s da nichts.

anders3Aber morgens früh im „Morning Dew“ – ZU HAUSE – auf dem Berg am Waldrand stehen, und runter auf die Stadt gucken, und DIESE Sounds im Kopf – – – schöner kann ein Heroinrausch auch nicht sein!

Die „Animation“ wollte ich schon während der Aufholkäufe nach dem Mauerfall gemeinsam mit der „Mr. Cairo“ kaufen. Damals noch auf Vinyl. Vergriffen! Ab 1994 ungefähr auf CD: (Noch)nicht auf CD erhältlich! Wann denn endlich? „Wissmor nich‘!“ Das ging mir mit mehreren meiner Götterplatten so! Ursprünglich hatte ich mir das zu Mauerfallzeiten mal so gedacht: Bissel sparen, dann in einen Platten-/CD-Markt einrücken und: „Einmal YES komplett!“ Und das nächste Mal „Einmal Benson komplett!“ Pustekuchen. Stückwerk. Hier gibt’s mal die und diese, und dort mal jene, aber die „Animation“ blieb so unauffindbar wie die „Feine Leute“ vom Danzer!

Immer, wenn ich seither die „Mr.Cairo“ hörte, war sie zu kurz. Ihr „Hinterteil“ fehlte!

Stell dir vor, du hast nur die halbe „seconds out“ von Genesis! Oder die halbe „innocent age“ vom Fogelberg!

Leiden, leiden, …

Der Ossi kommt im Westen an und muss das tun, was er unfreiwillig „schon immer“ trainiert hat: Waaaaarten! Elend-Elend! Von wegen: Im Westen gibt’s alles!

Im Falle der „Animation“ war nun also besonders langer Atem nötig. 2022!

Nun ist er aus – der long run!

Bliebe der Vollständigkeit halber noch die dritte zu erwähnen:

anders4Schlag 3 ist die „Change we must“; ebenfalls so ein von der Meute negiertes Scheiblein. Aber eben genauso toll wie die andern beiden, obwohl anders: Mit Orchesterhilfe. Sogar mehr Orchester als Begleitband. Aber kein Billigpathos, sondern geradezu Kammermusik für die Gegenwart:

Die Natur retten – Change we must – Erkenntnis anlässlich eines Digital-Detox-Aufenthaltes auf Hawaii. Der ökologisch hochmotivierte Langzeit-Vegetarier genießt tagelang Naturgeräusche und lässt sie anschließend von Geigen und Oboen nachempfinden, während er seine Messages erzählt, ansatzweise singt. „State of Independence“ taucht hier auch wieder auf und passt wunderbar in diesen Kontext der Sehnsucht nach Idyll.

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Statt Bonustracks gibt es hintendran ein Interview, indem er seine Intensionen mit Tonbeispielen noch einmal erklärt.

Alles ist hier im Gleichgewicht: Nix nervt, nix langweilt. Ein Flussss…

„Alles ist im Fließen, alles ist im Geh’n. Sterne rasen auch, wenn wir sie stehen seh’n“(Renft)

Das holt schon so allerhand herauf, wenn du dich darauf einlässt.

„Hab gele(s)en unterm Apfelbaum, und er hing mit Äpfeln voll…“

„This State of Independence will be!“

Glaub ich zwar nicht – aber ich möchte es gerne!

Somehow we going somewhere.

Thank you, Jon.

In Eiserner Zeit (1891)

EZ0Es wird lang. Mir ist mal wieder viel eingefallen. Beim Lesen und Musik hören. Reinhard Lakomy’s „Geheimes Leben“ trug mich von Erinnerung zu Erinnerung und von Einfall zu Einfall.

Lesestoff war das Trauerspiel „In Eiserner Zeit“ von 1891.

Ich habe nun auch den Dramatiker Spielhagen kennengelernt.

Ein Stück – passend zur Zeit. Damals und heute.

Ein Stück so anregend und aufregend in einem.

So perfekt unperfekt, dass es Gedankenlawinen befeuert.

Es ist ein gut gelungener Theaterversuch; kein sehr guter.

Das Drama hätte mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt, aber dass dem nicht so war, ist ebenfalls nachvollziehbar und wird im Folgenden erklärt.

1. Worum geht es?

Spielhagen verlegt die Handlung in die Befreiungskriege; ins 1813 wiederbesetzte Hamburg. Napoleon hatte sich nach seiner Russlandpleite erstaunlich schnell erholen können, sodass noch anderthalb Jahre Krieg notwendig wurden, um ihn aus Deutschland zu vertreiben. Marschall Davoust regiert mit harter Hand. Seine Soldateska setzt sich zusammen aus Offizieren mit ritterlichem Anstand und widerlichen Karrieristen (oben), sowie mauligen, kriegsmüden Bütteln und Soldaten (unten).EZ5

Die Einquartierung bescherte dem Senator Wilbek und seiner schönen Tochter Charlotte den sehr anständigen Marquis Gaston d’Ormond als Hausgast.

Charlottes Bruder Herrmann ist Freiheitskämpfer. Die Schwester verliebt sich in Gaston, den Feind, obwohl auch sie die patriotischen Ideale ihres Bruders teilt. Der Vater verarmt während der Kriegswirren und stirbt als erster.

Da Charlotte „die erste unter den Bürgerinnen“ ist, sind auch der Marschall selbst und sein fieser Adlatus Cambert scharf auf sie. Der disziplinierte Marquis ist ihnen im Weg. Gaston hat also auch Feinde im eigenen Lager.

Spielhagen führt in klassischen Dramenaufbau von 5 Akten die Spannungskurve „Schillermäßig“ in einen Abgrund – mit Trost.

Gaston wird per Intrige in die Subordination getrieben und standrechtlich erschossen. Am Tage des Abzugs der französischen Truppen, die nun Truppen König Ludwigs XVIII sind. Ein letztes Blutopfer. Napoleon down! Hamburg frei! Charlotte nimmt Gift. Herrmann kann seine tote Schwester beerdigen.

„Die ihr Hamburgs erste Bürgerin nanntet, wollte nicht seine Letzte sein; nicht werden zu der ihr sie gemacht haben würdet, bereits gemacht hattet…“,

schwingt sich Dr. Barbeyrac, der Hamburger Arzt mit Hugenottenwurzeln, zum pathetischen Schlusswort auf und hofft daran anknüpfend auf dermaleinst kommenden Weltfrieden und Gleichheit aller Völker.

Da wird viel „gewollt“, jedoch wirkt dieser Schlussmonolog seltsam platt.

Und dies aus der Feder so eines Meistererzählers, wie Spielhagen einer war?!

Warum bleibt der nicht beim Roman?

2.Warum wagen sich die Romanciers des späten 19. Jahrhunderts so häufig auf die Bretter, die die Welt bedeuten?

Freytag tat es, Heyse auch, Spielhagen ebenfalls: Der Goethe(Schiller)-Klaps!

Dichter ist man, wenn man seine Gestalten in Metren und Alexandrinern reden lässt und es vermag, das Ganze nicht wie „Reim dich oder ich fress dich“ klingen zu lassen. Das gilt als Niveaubeweis. So sehr, dass sich die Kultusministerien und scharenweise phantasielos feldwebelnde DeutschlehrerInnen bis heute nicht davon erholt haben. Schülergeneration um Schülergeneration wird mit Silbenzählen die Lust am Erbe ausgetrieben. Zur Strafe machen die dann Stars groß, die in übelster Knüttelreimerei „Hits“ in den Äther plärren: Scheiß auf den Reim!

Romanerzeuger sind Schriftsteller. Die Schmuddelkinder der Poetik. Schriftstellerei musste sich erst durchsetzen, um Anerkennung ringen. Als brave deutsche Lakaienseelen zergliedern und zerschwafeln sie alles, was sich ihren Federn so entringt, um wissenschaftlich zu wirken:

Sollte man auf auktorale Erzähler verzichten? Warum ist ein Witz ein Witz? Wie real darf Realismus sein, um nicht tendenziös zu wirken? Was ist typisch deutsch am Roman deutscher Autoren im Vergleich zu Dickens und Tolstoi? Ist das bei Freytag dickens’scher Humor oder nicht?…

Die Nation der Kammerdiener und Oberlehrer. (E. Jünger)

Bis ran an den ersten Weltkrieg versuchten sich zahlreiche Vertreter der Branche nun an laaaangen Versdichtungen oder eben gar Theaterstücken a la Schiller und Goethe. Ruhm war diesen Versuchen keiner beschieden. Kurzzeitig hie und da ein paar Aufführungen. Lob für eine oder zwei Saisonen, aber das war’s. Zu epigonal, nachgemacht, unerheblich im Inhalt – wurde oft von den grauen Eminenzen der Theaterkritik konstatiert.

Auch Spielhagens Stück reiht sich da ein.

(Es wird ein paarmal aufgeführt, ohne Sensation zu sein und verschwindet schneller als seine ruhmreichen Romane im Nirvana vergessener Werke.)

Schwung ins Theaterleben kam erst wieder durch die Naturalisten und Expressionisten und Aufreger-Stücke wie die vom Hauptmann Gerhard oder gar Wedekinds „Lulu“-Skandal, an dessen Vertonung schließlich final noch Lou Reed samt Metallica-Unterstützung grandios scheiterte.

3. Was lässt das Stück nun so „perfekt unperfekt“ erscheinen?

Spielhagen kommt mit seinem Drama 1891 um die Ecke. 20 Jahre nach Reichsgründung. Im Jubiläumssiegestaumel, der bereits seit dem Sedans-Tag im September zuvor alle Rekorde bricht.

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War Deutschland 1891 zu sehr auf Erbfeindschaft gepolt, um Spielhagens Denkanstoß goutieren zu können?

Das ist nicht so simpel eingleisig bewertbar: 20 Jahre Sieg! Gravelotte- Sedan-Paris-Versailles! Heil dir im Siegerkranz! Es gibt Sammelbilder für die Jugend, mit Szenen aus allen Gefechten der drei Einigungskriege, Zeitzeugenerinnerungsnovellen fast aller beteiligter Offiziere von 1871 als Buch oder in Westermanns Monatsheften: „Vor Paris“, „Sturm“, „Der Trompeter von Gravelotte“, „Horch was jammert dort im Busche, horch was klagt in finstrer Nacht…“, Lieder, Gemälde, Lineolfiguren – endlos.

Und es gibt Versöhnungsversuche „unter der Hand“. Reichlich reist die Schickeria Deutschlands nach Paris. Alle Jahre wieder. Reichlich finden französische Fräuleins als Gouvernanten und Gesellschafterinnen Anstellung in den Gutshäusern zwischen Maas und Memel. Studenten wählen Auslandssemester, weil die Sorbonne irgendwie dazugehört, wenn man von sich reden machen will. Malaufträge gehen hin und her zwischen Düsseldorfer Schule und Pariser Salonmalern zur Ausschmückung der Villen der Stahlbarone hüben wie drüben.

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Abenteurer wie der junge Ernst Jünger wählen die Fremdenlegion.

Die „Erbfeindschaft“ ist also nur die eine Seite der Medaille. Der Ruf der beeindruckenden Modemetropole Paris bleibt davon unberührt. Die orientalische Exotik französisch Nordafrikas verführt auch Deutsche zuhauf zum Träumen mittels französischer Autoren. Deutschland boykottiert keinen Dumas- oder Jules Verne-Roman! Auch Balzac und Zola erleben Lederausgaben beim „Erbfeind“.

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Die Kolonien bringen eine dritte Schiene ins schwierige Verhältnis zum Nachbarn: Streit an der Kameruner Grenze. Ungeklärte Interessenlage in Marokko. Rangelei um Einfluss in Istambul.

Und Spielhagen beweist sich als unangepasster Denker ohne Hausmacht; ohne Gleichgesinnte, ohne „Spielhagen’sche Schule“:

Idealistisch fordert er sinngemäß:

„Liebet eure Feinde!“

„Eines Tages wird es wahr, das Prinzip der Brüderlichkeit, welches unsere Zeiten so sehr in den Schmutz zogen.“

Aber realistisch weiß er eben auch:

„Liebe, über die Grenzen von Stand und historischer Rivalität hinweg, kann es nur im Jenseits geben!“

Ausgerechnet am exemplarischen Schicksal einer der am schwersten gebeutelten Städte Deutschlands während der Zwangsherrschaft Napoleons; Hamburg, will er sein Schärflein zur Aussöhnung beitragen.

Der Realist Spielhagen baut einen sehr logischen Handlungsverlauf und scheitert auf hohem Niveau – am Idealisten Spielhagen, dem er das letzte Wort überlässt.

Er ist NICHT bei den Hurra-Patrioten. Aber er ist Preuße. Und Kind seiner Zeit.

Er verheddert sich in den Widersprüchen zwischen hohem moralischen Anspruch, wie ihn die Gymnasien lehren; und gesellschaftlich festgefügten Grenzen, die unbeeindruckt von rund 150 Jahren Aufklärung eben fortbestehen.

Wie zeigt sich das?

Es werden ein paar Spuren zu großen Vorbildern aus Weimar gelegt:

Eine Bürgerreputation vor dem allgewaltigen Davoust rechtfertigt ihre berechtigten Ansprüche mit „Halten zu Gnaden!“ – Altgediente Deutschlehrer zucken zusammen: Schiller! Kabale und Liebe!

Nur ist es dort eine Szene der Selbstermächtigung des Bürgers Miller gegenüber dem adligen Präsidenten, der der Bürgerwohnung verwiesen wird. Hier bei Spielhagen ist es eine jämmerliche Szene des schüchternen Anfragens und sich-schnell-wieder-hinausweisen-lassens.

EZ6Charlotte erlebt ihren Vater im Niedergang, kann ihn aus Haft erretten, aber nicht aus seinem rasanten gesundheitlichen Verfall. Die Zeiten überfordern ihn. Er stirbt. Sie bleibt als starke Tochter zunächst noch übrig. Luise Millerin zwo!

Charlotte ist sogar die bessere, emanzipiertere Frauenfigur. Aber zwischen Luise und Charlotte liegen eben auch hundert Jahre literarische und gesellschaftliche Weiterentwicklung. Und der Meister selbst hat im Unterschied zu seinem Langzeitidol Goethe ein sehr gutes Verhältnis zu mindestens einer seiner Töchter: Antonie, die ebenfalls schriftstellernde Mädchenschul-Lehrerin.

Die Franzosen sind charakterlich zwischen gut und böse perfekt gemischt. Unter den deutschen Figuren fehlt ein Schuft. Somit bekommt das Stück eben doch eine Schlagseite: Fiese Lustmolche gibt es nur „drüben“?! Da fehlts an Ausgewogenheit beider Seiten. Er hätte an Raabes „Im Siegerkranz“ denken sollen!

Auch Schiller hatte seinen Wurm im Stück, den bürgerlichen Schmierlappen auf Seiten des amoralischen Adels.

Am Schluss entwickelt sich eine Szene, die fast Rettung/Flucht des verurteilten Gaston verspricht zur katharsischen Katastrophe. Nun ja. Gaston sieht ein, dass er sich gegen Cambert nicht hätte wehren dürfen – und verzichtet auf Flucht, weil er anschließend hätte ehrlos weiterleben müssen. Das ist realistisch, aber nicht DIE GROSSE – den Zuschauer überwältigende – Überraschung.

Gaston als Will Smith seiner Zeit. Zuhauen und hinterher zerknirscht herumwinseln.

Ausgerechnet der alte Ehrenkodex sich duellierender Adliger wird hier zum Katalysator für einen unbefleckten Heldentod in Konsequenz und Anstand. Obwohl doch sonst alle Realisten in ihren Romanen so oft und so facettenreich den feudalen Ehrenrummel zum Würgetuch so vieler Träumer machten, denen man modern zu leben verwehrt.

Aber abgesehen von jener eher zufälligen Will Smith Parallele:

4. Was macht das Stück so aktuell, dass es mich hier schreiben lässt?

Diese „unmögliche“ Liebe von Gaston und Charlotte provoziert Interpretation:

Wenn der Feind im Land ist – und sich da solch‘ unerhörtes Verlöbnis anbahnt: Was denken die Nachbarn? Wie soll das werden? Wo sollen die beiden glücklich leben können? Welche Sorte Spießrutenlauf kommt auf zukünftige Kinder zu?EZ4

Die Stimmung in Deutschland 1814/15 ist aufgeheizt. NICHTS Französisches wird mehr geduldet. Sogar die Alltagsmode macht eine Rolle rückwärts: Schau dir die Kleider und Frisuren der Damen an: Hie Empire – hie Biedermeier! Steif und zugeknöpft ist sittsam. Frei und luftig ist Verluderung!

Gaston in Hamburg als Exilant? Mit „deutscher Metze“ am Arm? Eine Chance auf Leben in Anstand hätten sie nicht, wenn bei jedem Spaziergang alles vor ihnen ausspuckt.

Charlotte in Frankreich? Als deutsche, bürgerliche Sauerkraut-Braut des französischen Marquis?

Eher wird er von seiner Mutter enterbt und beide müssten armselig in irgendeiner Großstadt über die Runden kommen!

Da bleibt nur der Tod und das Wiedersehen „drüben“ in der andern Welt.

Aber zusätzlich: Ist Spielhagens Plot vernünftig? War Hamburg eine gute Wahl? Wäre nicht gerade auch für den Adelskritiker Spielhagen besser gewesen, einen Franzosen bürgerlicher Herkunft auf eine Kleinbürgertochter treffen zu lassen (in irgendeinem Kaff)?

Davoust hat sooooviel Dreck am Stecken in Bezug auf Hamburg, Napoleon unterband den Englandhandel, das Lebenselixier der Stadt; Davoust ließ verhaften und erschießen, was sich bei Schmuggel oder nur despektierlich Reden erwischen ließ, die einquartierten Landser aus den Gossen Frankreichs führten sich dem entsprechend auf in den Wohnungen der unfreiwilligen Gastgeber. Die Stadt musste Schanzarbeiter stellen, um die Stadt zu befestigen – gegen die Befreier, also die eigenen Leute…

Und dann soll dieses geknechtete Volk die Toleranz aufbringen und Unterschiede machen – zwischen einem Gaston d’Ormont und einem Marschall Davoust? Zwischen Büttel 1 und Büttel 3?

Plötzlich soll die Bibel funktionieren? Liebet eure Feinde?

1815 wurde Frankreich das Elsass gelassen. Trotzdem wurde es 1870 wieder zur Gefahr.

Wenn man nun 1891 in dieser Aufführung saß – mehr als ein gähnendes Achselzucken auf Seiten des männlichen Publikums war da nicht zu erwarten. Die Damenwelt hatte was zum Seufzen. Arme Charlotte! Fertig.

5. Hält das Stück Perspektivwechsel aus?

Was, wenn ein Enkel Spielhagens diese Handlung ins besetzte Riga, Charkow, Smolensk 1943 versetzt hätte? Freiherr von Rübenacker liebt Tatjana Iwanowna, deren Bruder Oleg Partisan ist?

Max Walter Schulz (DDR) schrieb sowas ähnliches ende der 70er Jahre „Der Soldat und die Frau“. Allerdings ohne den Bruder Partisan. In Literaturseminaren reichlich zerredet, erregte es beim Alltagslesepublikum keinerlei Aufsehen.

GI Joe liebt Nugyen Pin Pon, die Schwester eines Viet Cong Offiziers 1973. Würde sie von ihrem Bruder erschossen oder Joe standrechtlich?

Marlon Brando könnte hier mitreden, wegen seiner Rolle in „Apocalypse now“, wegen seiner tahitianischen Frau, wegen der Indianerin auf seiner Oscarverleihung.

Können ukrainisch-russische Halb-und Halb-Ehen in Luhansk und Donezk und Charkiw aushalten, was da jetzt läuft?

Drei Katastrophen später – NACH Davoust in Hamburg – ist das Völkerverständnis nun soweit gediehen, dass man heute in Deutschland einer internationalen Misch-Ehe keinerlei Bedenken mehr entgegen bringt. Wenn heute ein Gaston seine Charlotte freit – soll er doch! Und wenn statt dessen ein Sergej oder ein Laszlo anklopft? Auch egal.

Erbfeindschaften haben sich erledigt. Für UNS. Kurios auffällig ist jedoch, dass die Kontakte nach Frankreich zahlenmäßig deutlich dürftiger bleiben als die nach England oder Amerika.

Wir denken heute „angloamerikanisch“; (mal mehr, mal weniger), jedoch nicht frankophil.

Viele gehen heut mit ihrer mehr oder weniger unbewiesenen Weltoffenheit missionarisch plump hausieren. Aber wenn deren Tochter Charlotte im Treppenhaus, in der Klasse oder beim Kellnern ihren Abdullah aufgabelt, dann – beißen auch sie klamm heimlich, ganz fest die Zähne zusammen beim „Willkommen“ und denken: Hoffentlich geht das  schnell vorbei gut.

Die Prophezeiung von Dr. Barbeyrac über die große finale Völkerverständigung geistert durch Immanuel Kants- und Adam Smiths Werk; sie erlebte Wiederauferstehung in den Parolen der französischen Revolutionen und im Werk von Marx, Engels und Gorbatschow.

Sie erwieß sich jedes Mal als zu schwach, die kommenden Katastrophen zu verhindern.

Aber man klammert sich halt doch dann und wann an die schöne Hoffnung vom kommenden Staat der Edelmenschen. – Wenigstens solange, bis man dem nächsten Arschloch gegenübersteht.

Amen.

Honecker und der Pastor

Oder: Die Vergänglichkeit der Macht.

Hab wiedermal „Historienfernseh‘“ geguckt. Gesternabend auf arte.

Und hinterher saß noch der Liefers im „Riverboot“ auf mdr.

Ja.

Ich mag den Liefers normalerweise nicht.

Hier führte er ja „nur“ Regie; abgesehen von einem kleinen, hitchcockmäßigen Auftritt am Rande.

Er sollte mehr Regie führen! Nach diesem Film zu urteilen.

Der Film ist (abgesehen von der gelungenen „Weissensee“ Serie) unter endlos vielen filmischen DDR-Verhackstückungen endlich mal was zum Aufatmen für die Ossi-Seele: So war’s!

Kein Wessi-Klischee-Fernsehen!

Also: Sehr gut.

Der Bludgeon kann auch loben.

Und nu schau dir mal die miesen 1 Stern- und 2 Sternbewertungen im Netz an. Haste da noch Fragen?

Liefers gab im Riverboot-Interview zum Besten, dass ihm als Ossi die Episode von 1990, wo die obdachlos gewordenen Honeckers in Lobetal bei einem Pastor Unterschlupf fanden, erst 10 Jahre später bekannt und bewusst geworden sei, da er sich gleich 1990 im Westen tummelte, wegen Connections für die Zukunft.

Er habe also 2000 herum beschlossen: Diese seltsame Geschichte schreit nach Verfilmung! Der Kirchenbekämpfer von einst, verlassen von allen seinen Paladinen, beschützt im Pfarrhaus.

Und kaum sind 22 Jahre rum, hat er alles beieinander.

Wie muss man sich das vorstellen?

Der alte tattrige Erich und seine Frau, die Eisenbeißerin Margot; das Fanal gegen die Frauenquote; zwischen Tischgebet und johlendem Wendevolk vor der Haustür?!

Genau so, wie in diesem Film dargestellt!

Dem Gröl-Mob fehlten, wie immer die stonewashed Jeans und Vokuhilas, aber treffend – nur allzutreffend dargestellt, wie kipplig die Situation damals war: Polizei ohne Macht, Stasiwächter praktisch unauffindbar, Krenz und Gysi fühlten sich „nicht mehr zuständig“; die Russen noch ohne Direktive den „Kampfgefährten“ aufzunehmen, wohin mit ihm?

Ein Pastoren-Ehepaar gegen „Volk“, gegen Sensationspresse, gegen die eigenen Kirchenbonzen – übt Barmherzigkeit.

Bis letztendlich die Russen reagierten und die Honeckers nach Beelitz holten.

So schnell kanns gehen, dass sich Macht in Luft auflöst.

Und so diszipliniert waren die Ossis letztendlich noch, dass sie sich nicht einen Ceaucescu-Moment verschafften. Aber es war knapp!

Der Film bringt das Wunder fertig, diesen seltsamen Moment der Deutschen Geschichte facettenreich darzustellen und die unterschiedlichsten Gefühlslagen des Zuschauers anzusprechen: Die unterschiedliche Haltung der Pastorensöhne zu den feindlichen Bevormundern von eben noch, das salbungsvolle, gradlinige Verhalten des Pastors selbst, Axel Prahl als einer der Behinderten von Lobetal; und SIE: Margot; hervorragend gespielt von Barbara Schnitzler; eiskalt, uneinsichtig, schlagfertig; SIE ist das Highlight im Cast.

(Und es hat durchaus ein Geschmäckle, dass die Tochter einer anderen Hassfigur des Systems, die sich aber bereits zum 18. Geburtstag in den 70ern von ihrem Vater wünschte, das „von“ im Ausweis loszuwerden; hier so dermaßen gekonnt agiert!)

Die Kirche verlor in der Wendezeit so einige „Fachkräfte“ an die Politik. Wie mir ein befreundeter Dorfpfarrer damals süffisant zum Besten gab: „Wirkliche Fackelträger des HERRN gingen nicht verloren.“ Der Lobetaler Seelsorger blieb auf seinem Posten bis zum Ruhestand.

Die Requisiten! Die Musik! Alles stimmig!

Die Filmbranche sollte sich aber generell mal einen Kopf machen, wie sie das Problem löst, die zusammengeklaubten Oldtimer alltagsmäßig eindrecken zu dürfen, oder mal einen Trabi mit unlackiertem braunen Kotflügel ins Bild setzen zu können:

Im DDR-Alltag sahen nicht alle Autos so chromblitzend geleckt aus, wie hier wieder vorgeführt.

Also leichter Punktabzug für fehlende 1990er Mode auf Seiten der Statisten (vor dem Zaun und in der TV-Studio-Szene) und zu sehr geputzte Autos, ansonsten: Alles da.

Note: 1-

(PS: Was mag Uwe Steimle damals bloß geritten haben, die Honecker-Rolle abzulehnen? In so einem gekonnten Film?)

Zweite Guck-Chance: Montagabend im ZDF oder die üblichen Mediatheken.

Ukraine’22

Wie wir alle wissen, findet da in der Ukraine ein Krieg statt. Ausgelöst von der Putinregierung in Moskau. Ja. Schlimm. Völkerrechtswidrig.

Kriege haben immer Ursachen. MEHRZAHL! Das lernt man in der Schule.

Und Ursachen unterscheidet man von Anlässen! Die ersteren wirken langwierig und die letzteren sind kurzfristige Knalleffekte. Auch das ist Schulstoff.

Unsere Journalisten müssen alle Schulabbrecher gewesen sein.

Denn plötzlich gibt es nur noch einen einzigen Grund (Ursache und Anlass in Personalunion) und die Dürftigkeit der Argumentation zieht natürlich sofort die Nazikarte.

Verschwunden sind bescheidene Nebensätze aus Leid/t-Artikeln bei ZEIT-/SPIEGEL-/WELT-online der ersten 2 oder 3 Kriegstage in späteren Episteln:

„Wir hätten die Sicherheitsbedenken Moskaus ernster nehmen sollen.“

Aber wozu auch. Russland galt ja nur noch als „Regionalmacht“.

Eigentlich wollte ich mich aus dem Thema ganz heraushalten, aber ich habe soviel Zeug im Netz gelesen, das mich in die Tastatur beißen ließ – und zu Kommentaren verführte.

„Hier schreibe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir.“ (Luther; leicht verändert)

Ich will es auch gar nicht lang machen. Denn da gibt es jemanden, der mir die Arbeit abnahm.

Vorgestern hat Oskar Lafontaine seine letzte Rede als Politiker gehalten.

Weit weg im kleinen saarländischen Landtag.

Einen Tag später trat er bei den Linken aus. Typisch für ihn: Mit dem Hintern einzureißen, was er grade schuf. Denn die Medien feiern nun seinen Austritt und seine Linken-Schelte; und übergehen dankbar jene Rede über „Krieg und Frieden“, die es in sich hat.

Man sollte sich diese 24 Minuten Zeit nehmen! DICKE EMPFEHLUNG! Solange diese Rede noch zu finden sein wird. Erst den link anklicken, dann das Video auf der dortigen Seite! Unbedingt das Video anklicken! Nicht mit der Textkurzfassung begnügen! Die Zwischentöne machen es!

https://www.sr.de/sr/sr3/themen/nachrichten/abschied_lafontaine_landtag_100.html

 

Da ist eigentlich alles gesagt. Nur die Ergänzung: Jener Petrow, den er da als unbekannten Helden erwähnt: Das war ein Ernstfall vom Frühsommer 1983.

Ich bemühe mich, von nun an zum Thema zu schweigen.

… und alle pawlowschen Reflexe westdeutscher Prägung toben zu lassen: Stalin will das Ruhrgebiet!

Abwink.

„In 15 Minuten sind die Russen auf dem Kurfürstendamm!“

Buseck da, buseck sonze —

 

 

Der Hungerpastor (3)

Raabe – der Antisemit?

Du, lieber Leser, bist ein Kind DEINER Zeit und ich bin ein Kind MEINER Zeit. Und wenn wir verschiedenen Alters sind, dann sind das sogar schon VERSCHIEDENE Zeiten.

Wenn ich so Sonntagsreden über die Wertegemeinschaft der EU lese/höre/sehe, dann war mir noch vor ein paar Jahren so, als müsse man sich da eintakten. Aber dann las ich von TTIP und EPA, dann ereignete sich das Wunder der „unbefleckten Erschaffung einer Kommissionsvorsitzenden“, trotz vorangegangener Wahl, die Null und nichtig war – und dann ist schon wieder Frühling und die Zeitumstellung rückt näher – – – wieviel Jahre streiten die jetzt schon über dieses NICHTS?

Es gibt zu allen Zeiten unbefriedigend geklärte Hausaufgaben in der Politik, weil vom Apfel der Erkenntnis eben nur genascht wurde, damals im Paradies, anstatt ihn – wenn schon, denn schon – ganz aufzufressen.

Für Raabes erste Lebenshälfte war die Judenemanzipation ein vergleichbares Dauerthema, mit dem der Deutsche Bund, „in dem so gar nichts zum Besten stand“, einfach nicht zu Potte kam.

Der „Hungerpastor“ trägt ein Janusköpfiges Gesicht, was diesen Aspekt betrifft.

Man kann ihn nicht gleichermaßen leicht in Schutz nehmen, wie Freytags „Soll und Haben“.

Freytag gibt seinen Strolchen Ehrental und Itzig positivere jüdische Nebenfiguren bei (Ehrentals Sohn und Schmeie Tinkeles), so dass also nicht nur „böse Juden“ vorkommen. Freytag heiratet in dritter Ehe eine Jüdin. Also: Persilschein.

Bei Raabe sieht das anders aus.

Zunächst 4 Zitate zur Kostprobe:

Zitat 1:

„In jenen Tagen herrschte vorzüglich in kleineren Städten und Ortschaften noch eine Mißachtung der Juden, die man, so stark ausgeprägt, glücklicherweise nicht mehr findet. (…) Die alten und die Jungen des Volkes Gottes hatten viel zu erdulden von ihren christlichen Nachbarn; unendlich langsam ist das alte schauerliche „hepphepp!“, welches so unsägliches Unheil anrichtete, verklungen in der Welt.“ (Kapitel 3)

Zitat 2:

„Samuel Freudenstein verstand zu lavieren. Durch alle Gefahren und Kriegswetter rette er sich und sein Päcklein. (1806 nach Neustadt)“ (…) Noch 1806 konnten an jedem Zollamt Zettel entstehen, wie der folgende:

Heute – am 15. Januar 17_;  verzollt und versteuert –  am Kreuzthor:

I. drei Rinder

II. vierzehn Schweine

III. zehn Kälber

IV. ein Jüd, nennt sich Moses Mendelsohn aus Berlin

Die Schlacht bei Jena, welche so manche Niederträchtigkeit, so manchen Unsinn über den Haufen warf, machte aus diesem Skandal ein Ende, aber Anno‘15 hätte mancher liebende Landesvater die gute alte Sitte gern wieder eingeführt.“ (Kapitel 4)

Zitat 3:

„Die Raupen im Park verschwanden, nachdem sie ihr Teil (sic!) an der Tafel des Lebens verzehrt hatten. Aber der Dr. Stein(=Moses F.) verschwand nicht aus dem Hause des Geheimen Rathes Götz.“ (Kapitel 21)

Zitat 4:

„Das Wetter war so schlecht, da ging kein Jude auf Reisen.“

Zugegeben: Bei den letzten beiden Zitaten wellen sich die Fußnägel. Warum schreibt der sowas, wenn er doch zuvor so verständnisvoll beginnt?

Dem geht es eben, wie mir und der EU: Da ist etwas, das gut und vernünftig klingt. Aber dann ist da – die Durchführung und im Alltag so dies und das – was unschön ist, und alte Bedenken nicht sterben lässt. Weil die neue Richtung nicht reibungslos funktioniert:

Raabes Kindheit in den 1830ern fällt in eine Phase des Roll backs in Sachen Judenpolitik, da wir es hier noch mit jener unbefriedigenden Politik der Restauration nach 1815 und vor 1848 zu tun haben.

Napoleon hatte mit seinem Code Civil (und der Vergatterung der Rheinbundstaaten darauf) für einen Schub gesorgt, der in Preußen zwischen 1807 und 1813 für eigene Reformen gesorgt hatte, die nach dem Wiener Kongress so weit wie möglich wieder zurückgenommen werden sollten. Da das nicht ging, begann ein endloses Gezerre und Gefeilsche um Rumpfverfassungen unterschiedlichster Güte in allen 40 Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes, dem ein einheitliches Oberhaupt fehlte.

Raabe kennt dank seiner Umzüge in 3 deutschen Staaten 1864 viererlei „Judenrecht“, da dieses ebenfalls den Regenten der 40 Mitgliedsstaaten oblag. Das macht 40 gültige Juden-Edikte. Am liberalsten in Hessen, am mittelalterlichsten in Bayern und zweigeteilt in den beiden Hälften Preußens. Modern in den rechtselbischen Provinzen, die Napoleon dem preußischen König 1807 gelassen hatte. Rückschrittlich gebremst in den linkselbischen Provinzen, die Preußen 1815 dazubekam.

So entsteht natürlich keine einheitliche Wahrnehmung dieser Minderheit in der Bevölkerung.

Raabe flackert mit.

Er liest den „Nathan“ und die Zeitung mit den neuesten liberalen Anpassungen für Juden im Alltag.

Und er versetzt Taschenuhr, Buchausgaben, Mobiliar, um finanziell über die Runden zu kommen.

In jüdischen Leihhäusern.

Ärger mit Pfandleihern hatte er mit Sicherheit noch und nöcher. Ich stelle mir seinen Alltag ungefähr wie den von Marx vor: Manchmal HUI! (weil gerade Geld reinkam); oft aber pfui (weil eben dieses fehlte.) und Raabe hatte keinen Engels zur Seite, der ihm über die gröbsten Durststrecken hinweghalf.

Da gibt es also Alltagserfahrung, die die Wut des armen Mannes befeuern, der keinen Terminaufschub bekommt, um seine Habe auszulösen. Die schöne neue Theorie also hakt.

Hinzu kommen Meldungen, wie die über das schauerliche Ende eines gewissen Ferdinand Lassalle 1864. Der war nicht nur der Gründer des ADAV, der Keimzelle der SPD, sondern auch ein übel beleumundeter Salonlöwe mit zahlreichen Amouren und „Toyboy“ einer alten Gräfin.

Und Wikipedia führt noch einen ganz anderen jüdischen Salonlöwenskandal an: Joel Jacoby.

Sozusagen der Stammvater der IMs. (Raabe ist aber auch wirklich modern!)

Jacoby schaffte es durch Seitenwechsel und Zuträgerdienste sich bei der preußischen Geheimpolizei beliebt zu machen, indem er Petzberichte über Exilanten verfasst, die nach 1848 fliehen mussten. Er wird prämiert und schließlich zum Geheimrat gemacht.

Diese Art von Karriere wird in Kleopheas Lebensbeichte am Ende des Romans (in nur einem Satz) tatsächlich als Schandtat Dr. Steins aufgegriffen.

Und Sprüche und Redensarten aus 700 Jahren angeblicher Gewissheit von der Schlechtigkeit der Juden waren noch reichlich im Umlauf.

Raabe von seiner nahezu autistischen Aussenseiterposition aus fühlt sich eh keinem politischen Lager verpflichtet.

Und er schreibt „sehr modern“, wie es immer heißt. Also unverblümt und planlos.

Herauskommt das, was ich unlängst „Berg-und-Tal-Schreibe“ nannte.

Hochmotiviert beginnen und solange schreiben, wie es gerade geht, auch wenn die Inspiration bereits versiegt. Am nächsten Tag wieder hochmotiviert dort fortsetzen, wo es gestern gerade öde wurde – und sich sogar selber überraschen lassen, wie die Geschichte ausgeht.

Ich unterstelle ihm, dass er manche Details regelrecht vergessen hat, noch einzubauen.

Raabe kommt nach seiner „Soll und Haben“ ähnlichen Eröffnung ganz vom Wege ab. Bei ihm läuft nicht dieses paritätische Entwicklungs-Ping-Pong, wie bei Freytag zwischen Anton und Veitel. Moses ist in der zweiten Hälfte des Buches kaum vorhanden. Raabe ist es wichtiger, Kleophea zu „bestrafen“ als Moses! SIE muss sterben! Die „Strafe“, die IHN ereilt, ist eine typisch raabe’sche, hingeschludert milde.

Aber das stört auch nicht, weil sich der Schwerpunkt der Handlung eh weit verschoben hat.

Es geht um Hans Unwirrsch und „Das Glück von Grunzenow“, um mal einen Titel von Paul Heyse zu bemühen, der da heißt „Das Glück von Rothenburg“. Hier, wie dort geht es darum, dass man mit dem Spatz in der Hand glücklich werden kann, wenn die Taube auf dem Dach – fort ist. Franziska statt Kleophea!

Hans und Franziska finden sich; und die „Hungerpfarre“ in Hinterpommern mag ärmlich sein, aber der Weg dahin hat sich gelohnt, anstatt entsagungsvoll wiederum nur als armer Schuster in einer dunklen Werkstatt sein Leben zu verdämmern.

Die Küste und die Brandung lassen an Goethe denken: „Mit freiem Volk auf freiem Grunde stehn!“

Auf dem Gut derer von Bullau hat Hans nichts zu fürchten. Er kann sich frei fühlen.

Von Bischoffs-Karrieren träumt er nicht.

So wie Raabe sich einredet, Villa wie Heyse oder Etagenwohnung wie Spielhagen nicht zu benötigen.

Fazit: Ist der „Hungerpastor“-Roman nun antisemitisch? Ja, ein bisschen; aus der Zeit heraus. Es stört (mich) aber nicht, weil er trotzdem ein ungeschönt glaubhaftes Bild von der ersten Hälfte des 19.Jhds malt. Und weil man Moses Freudenstein nicht unbedingt als bösen Veitel Itzig II. lesen muss, sondern auch als eine Freundschaft, die sich im Laufe der Zeit überlebt hat, lesen kann. Und wer kennt sowas nicht?

Der Hungerpastor (2)

(Vorwarnung: is‘ lang geworden. Alte Männer eben. Opas die (noch)keine sind, labern halt das Internet tot.)

mde

Du liest ein Buch, das dich packt. Du liest schneller als sonst; schaffst gar mal wieder hundert Seiten am Tag. Das ist lange nicht mehr vorgekommen! Kurz vor Schluss ahnst du zwar bereits, was jetzt noch kommt, aber egal. Als es eintritt, wie vermutet, ist es trotzdem nicht langweilig, die letzten 40 Seiten zu schaffen, da auch sie mit tiefgründigen Lebensweisheiten gespickt sind. Und so einige Triggerbegriffe jagen dich ein weiteres Mal „in deine eigenen Anfänge“, weil die Situation des Hilfspredigers Unwirrsch da in Hinterpommern an die des Absolventen in der Niederlausitz erinnert. – Dann ist es vorbei. Letzte Seite. Durch!

Du klappst das Buch zu. Die Begleitmusik läuft noch. Du starrst auf einen Fleck und lauschst den Stimmen der Jahrzehnte, die du hinter dir hast und die nun alle durcheinander quaken.

Versuch es zu ordnen, los!

1. Das Allgemeine

Der Roman durchläuft 3 Etappen:

  1. a) Unwirrschs Jugend bis Studienende; (1820- ca. 44)
  2. b) Unwirrschs  Hauslehreranstellungen; (1844-1847)
  3. c) Unwirrsch in Grunzenow. (1847-48)

Anspruchsvolle Romane gaben sich damals den Anschein der Überregionalität dadurch, dass allzu genaue Ortsangaben vermieden wurden, damit so das beschriebene ÜBERALL hätte sein können. Bloß kein Lokalschriftsteller werden!

Das verursacht dann aber das Problem, dass keine Figur so richtig Mundart sprechen kann, da diese ja ein Hinweis gewesen wäre. Somit erfindet Raabe für alle seine Käuze, die den Roman bevölkern, so ein Phantasie-Idiom, in dem gern „mir und mich“ verwechselt wird, „als wie“ straflos vorkommt und Fremdwörter mit volkstümlich falschen Schreibweisen und -Endungen den Bildungsstand erkennbar werden lassen – damals – in unbelesener Zeit; ab 1820 aufwärts.

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1a) Unwirrschs und Freudensteins Jugend (1820 – 1843/44 ungefähr)

Der eine und der andere, wie Anton Wohlfahrt und Veitel Itzig! Gustav Freytags „Soll und Haben“ war 10 Jahre vorher da. Und es war ein Literatur-Hit aus dem Stand! 1855 war das der erste Roman, der als „realistisch“ galt und der mit seinen 900 Seiten auch eine gerade noch fassliche Form hatte. Karl Gutzkow hatte zwar ähnliches vor, jedoch seine „Ritter vom Geiste“ gerieten uferlos. In „Soll und Haben“ hatte Freytag diese Konstellation erfunden: Der Bürger und der Jude; auf unterschiedlichen Werdegängen. Sprechende Namen, die eine volle Charakteristik sind. Kantenlos holdselig der eine, hinterlistig bös der andere. Das Bürgertum 1855 tröstete sich über die Pleite von 1848 hinweg, gewann in Wohlfahrt einen neuen Helden des puren ökonomischen Fleißes. Das Buch stand 1864 bereits in jedem Bücherschrank, so man sich einen leisten konnte. Der Freytag-Hype als neuer „Dichterfürst“ auf dem verwaisten Goethe-Thron, war wohl Hauptinspiration für Raabe, es ihm gleich zu tun, bzw. es sogar besser machen zu wollen. Denn bei Lichte besehen ist „Soll und Haben“ eine ziemlich dröge Angelegenheit. Zusätzlich gab es seit 1862 bereits „Die Problematischen Naturen“ des Newcomers Spielhagen – und auch der wurde dafür bereits gefeiert.

Bucherfolge jener Zeit muss man sich wie Smash-Hits in den 1960ern und 70ern vorstellen. In radioloser Zeit, waren sie DIE Kulturereignisse, die besprochen wurden.

Und nun erlebten die belesenen Kreise da 1864 ihren Beatles oder Stones Moment: Freytag oder Raabe. (Und abseits grinste das dritte Lager: Weder noch, sondern Spielhagen, also The Who jener Zeit.)

Freytag und Raabe sind in heutiger Zeit in Verruf geraten: Antisemitismus; finden aber auch (noch) Verteidiger. Ich spare diese Problematik für „Hungerpastor 3“ auf.

„Soll und Haben“ enthält eine feinsinnigere Intrige, die der Böse einfädelt und der Gute aufdröseln muss. Aber Freytag lässt sich eben auch 900 Seiten Zeit. (Tipp an den Vielleser: Diesmal hab ich nachgesehen!)

„Der Hungerpastor“ bringt es in meiner 1912er Ausgabe auf 397 Seiten. Raabe kommt also schneller zu Potte. Der Konflikt kommt hier simpler daher, aber dafür wird Elend realistischer beschrieben als bei Freytag!

nap7Anton Wohlfahrt trifft auf Veitel in einem Gutsherrenpark; quasi in einem Paradies, das später den Zankapfel abgeben wird. Beide sind auf Wanderschaft in ihre jeweiligen Lehrverhältnisse. Es steckt also etwas Biblisches in diesem Romanbeginn: Veitel provoziert mit der Frage: „Das alles könnte dir gehören! Soll ich es dir beschaffen?“ Veitel als Schlange bzw. als Mephisto. Bibel und Goethe.

Hans Unwirrsch und Moses lernen wir gleich bei ihrer auf den Tag gleichzeitigen Geburt in der Kröppelgasse einer Stadt, die Neustadt heißt, kennen. Sie kommen aber erst im Alter von ca 10 Jahren zusammen und bleiben Freunde mit gemeinsamem Lebensweg bis sie 24 sind.

Die sprechenden Namen sind hier seitenverkehrt verwendet. Jeder hat das, was dem andern fehlt. Zusammen wären sie EINER; wenn man so will.

Auch Oheim Grünebaum ist eher schon morsch – oder, als alter Junggeselle, ewig unreif. Die Base Schlotterbeck schlottert nie! Sie ist die Mutter Courage der Kröppelgasse.

Raabe bebildert hier: Lern die Menschen kennen, jenseits des ersten Eindrucks!

Wenn Freytag die Bibel bemüht, so bedient sich Raabe einer anderen bekannten Anmutung: Unwirrsch wird einem alten Vater „nach langem Sehnen nun endlich doch noch“ geboren.

Ein Schelm, wer an Dornröschen denkt! Hundert Jahre schlafen muss der kleine Hans zwar nicht, aber er hat schon auch einen langen Weg als Schnarchsack vor sich, ehe er „erwacht“.

In beiden Romanen sind die positiven Helden jedoch seltsam asexuelle Streber. Am Gymnasium keine Streiche. Im Studium keine Feten. Da wird nur ganz kurz mal für eine Fee geschwärmt und ansonsten wird GEARBEITET und geschlafen. No Sex till 30! Prüde. Verkniffen.  Hier wirkt Raabe wieder sehr autistisch. Er scheint das nicht zu kennen. Im Roman von den „Leuten aus dem Walde“ war das genauso.

„Die Zeit!“ könnte man denken. Aber Heyse schrieb zeitgleich seine frühen Novellen vom „Bild der Mutter“, vom „Grafenschloss“! Was da alles ging!

Auch Spielhagens Hauptfiguren unterliegen Hormonstürmen im passenden Alter!

Freytag und Raabe sind elende Spießer.

1b) Unwirrschs Lehrjahre als Hauslehrer ( ca.1844-47)

Um 1864 sind Märchen „IN“.  Inzwischen nicht nur die Grimm’schen, der Erziehung wegen, sondern sogar die aus „1001er Nacht“, wegen der Exotik.

Die Gebrüder Grimm haben ihre Hausmärchensammlung zwar bereits 30 Jahre vorher auf dem Markt, aber erst um 1860 beginnen die belesenen hundert Jahre; das Lektüre-Zeitalter: Als Analphabetismus schwand, Massenauflagen ungeahnte Buchumsätze ermöglichten; das literarische Niveau wuchs, Bestsellerautoren von ihnen großbürgerlich leben konnten, ohne nebenbei noch Zeitungen herauszugeben oder irgendwo lehren zu müssen. Raabe gehörte nie dazu. Seine Verhältnisse blieben – bescheiden. Vornehm ausgedrückt.

Er verwendet hier deutlich erkennbar den Drei-Schritt, den viele Märchen kennen:

Drei Anstellungen muss Unwirrsch „erdulden“, bevor er „erhöht“ wird.

Drei Brüder Götz spielen eine Rolle in seinem Leben. Wie die 3 Müllerssöhne im „Gestiefelten Kater oder in „Tischlein deck dich!“ Und immer ist der Loser der eigentliche Gewinner; und der, der alles hat, höchstens zu bemitleiden, wenn nicht gar zu hassen.

Rudolf Götz, der älteste von den dreien, ist ein heimatloser Waterloo-Veteran, der Loser, der dreimal Glück bringt; er tritt als erster auf und der Name ist Programm und Goetheanklang: Die Welt kann ihn am Arsch lecken.

Theodor Götz, der mittlere Bruder, zu kränklich für die Befreiungskriege, macht Bürokratenkarriere, wird Steuer-Rath, heiratet Wohlstand, aber ist unfähig in seiner traumhaft schönen Villa ein harmonisches Familiendasein zu erzeugen. Er ist zum Götzen-Dienst verdammt. Denn er ist an eine „böse Königin“ geraten, unter deren Fuchtel er steht. Frau Götz, geborene von Lichtenhahn, hasst ihren Mann und sich für diese Mesalliance, gibt sich bigott-arrogant und „selbstverständlich makellos“, macht jedem Hauslehrer das Leben zur Hölle, da diese nicht in der Lage sind, unter ihrer Aufsicht das verzogene Miststück von Söhnlein zu beschulen. Raabe beschreibt eine Helikoptermutter – als es noch gar keine Helikopter gab!

Felix Götz, der jüngste von den dreien, geistert nur als Toter durch den Roman. Wichtig ist sein „Überbleibsel“, die Tochter Franziska. Wie man sofort richtig ahnt: Die zukünftige Frau Unwirrsch. Felix Götz ist mit 17 von der Schule weggerannt, um sich den Frei-Corps anzuschließen. 1813-15 kämpft er romantisch schwärmerisch beseelt von Freiheit und Vaterlandsidee und wird enttäuscht. Er findet nicht zurück in zivile Verhältnisse. Ein weiterer Götz von Berlichingen: „Bürger-Karriere? Leck mich!“ Die Todesumstände lässt Raabe im „Ungefähren“, streut aber Andeutungen, sodass der Leser wählen kann, woran er glauben will: Duell? Suff? Syphilis? Die typischen Probleme der „Rock-Stars“ jener Zeit.

Gleich zwei Brüder also Befreiungskrieger, hinzu kommen noch Oberst von Bullau, Feldprediger Josias Tillenius und der Stammtisch der „Neuntöter“, allesamt Waterloo-Veteranen, und an der Katzbach dabei, und bei Leipzig und Paris…

DAS ist die eigentliche Sensation, für die man den „Hungerpastor“ feiern sollte; denn:

Raabe bohrt hier in einer Wunde des öffentlichen Bewusstseins. 1864. Das liegt knapp vor 1871. Der Roman entsteht in dem Jahr, indem der Deutsche Bund durch den Deutsch-Dänischen Krieg seinen Todesstoß erhält. Der Norddeutsche Bund wird entstehen und zwei weitere Kriege werden folgen. 1871 ist die Einheit endlich da und all die Helden von 1813-15 sind dann auch endlich medial „IN“. Von 1815 bis 1871 wurden sie totgeschwiegen.

nap5

Wellington und Blücher bei Waterloo – NICHT ABBA!

Zwar durfte der eine oder andere literarische Text über das Thema Napoleon gedruckt werden, aber offizielle Anerkennung; Jubiläum 50 Jahre Völkerschlacht 1863? Undenkbar!

Und so wurde es 1864 eben Zeit für dieses Buch!

1815 ist dem Hochadel voll bewusst, wie sehr er zuvor versagt hat. Er zitterte, er zauderte nach der Russlandpleite, er wollte das Volk zwingen, ruhig zu bleiben und weiterhin zum Rheinbund zu halten, aber die Erhebung lief bereits: Blücher, Scharnhorst, Tauenzien, schlugen bereits los. Gerade noch rechtzeitig hinkte König Friedrich Wilhelm III mit seinem Aufruf dem Zeitgeist hinterher. Der Mecklenburger in Schwerin tat es ihm nach. Jetzt war Napoleon schwach! Jetzt geht was!

Raabe 5c

Der Rückzug aus Russland 1812/13 – also nicht Hitler!

Napoleon hatte die Fürsten von Bayern und Württemberg zu Königen ernannt, die zitterten um ihren Titel und vor dem Volk. Sie schickten Napoleon erneut Truppen. In der Völkerschlacht bei Leipzig liefen sie über. Sachsen ebenso.

Der damals neue Nationalismus, der KEIN Nationalsozialismus war, hatte die alten Privilegien des Absolutismus gefährdet.

Der Wiener Kongress rückte die alten Strukturen wieder grade.

Niemals sollte an die Stunde der Schmach der Regierenden erinnert werden! Die vornapoleonischen Zustände sollten (soweit wie’s geht) wiederhergestellt werden. Restauration!

Keine Jubelfeiern aus Anlass irgendeines Schlacht-Jubiläums!

Keine Blücher-Denkmäler!

Keine Straßennamen nach Schill, Hofer, Lützow!

Biedermeier! Schnauze halten! Für fast 60 Jahre!

Studenten radikalisieren sich und werden gejagt. Die übrigen Untertanen ziehen die Michelmütze tiefer über die Ohren und üben sich im „unpolitisch Sein“.

Und Raabe scheißt auf das Tabu!

Er lässt die Kämpfer auftreten, als alte Herren, untergekommen in allen möglichen Berufen.

Liebenswerte Leute; bissel kauzig; und versoffen. Sie treffen sich in der Kneipe zum Grünen Baum als „Neuntöter“ zum Stammtisch. Den Namen gaben sie sich, weil als Gesetz gilt: Ein jeder darf in seinem allabendlichen Kriegerlatein nur 9 Leichen haben. Ansonsten muss er Strafrunden schmeißen.

(Außerdem passt der Name Neuntöter auch, weil es da einen Singvogel gleichen Namens gibt, der seine Insekten und Würmer auf Brombeerheckendornen spießt. Aber kaum einer hat sowas je in freier Wildbahn mal gesehen! Wie auch all die Freiheitskämpfer – Raabe stellt hier „Vögel“ vor, die keiner kennt.)

Wie antwortet der Wirt vom Grünen Baum dem Leutnant Götz bei Betreten des Restaurants auf dessen Frage:

„Neuntöter da?“

„Jeder Vogel auf seinem Ast!“

Die drei Götz-Brüder haben noch andere Spuren hinterlassen:

1868 veröffentlicht Spielhagen seinen vierten großen Zeitroman. „Hammer und Amboss“.

Auch dies ein Entwicklungsroman, in dem ein gewisser Georg Hartwig durch viele Stationen muss, um solides Glück zu finden. (Spielhagens Georg kommt ohne Juden als Konterpart aus.)

Aber auch ihm begegnen im Laufe der Zeit drei Brüder, die Einfluss auf ihn nehmen. Allerdings sind sie adlig und ihre Einflüsse sind deutlich andere. Der älteste ist der beeindruckende Individualist, das falsche Idol, weshalb Hartwig ins Gefängnis kommt. Der jüngste Bruder ist dort Gefängnisdirektor und ein Tugendbold; der mittlere ist -wie bei Raabe- der langweilige Bürokrat, der obendrein hier auch noch Zinker ist und seinen älteren Bruder verrät, obwohl dieser ihm seinen sündhaft teuren Lebensunterhalt finanziert.

Raabe hat sich oft neidhammelig sauer über Spielhagen geäußert, sicherlich, weil dieser hatte, was Raabe zeitlebens fehlte: Ruhm und Wohlstand! Aber eventuell, weil er sich obendrein „beklaut“ fühlte.

1c) Grunzenow und Happyend (1847/48; weltabgeschieden, ohne Revolution)

In diesem letzten Drittel wird es so märchenhaft, dass Raabe selbst diesen Begriff ehrlicherweise mehrfach einschiebt. Für damalige Verhältnisse ist Grunzenow in Hinterpommern von Berlin aus noch so „märchenhaft“ weit weg, wie Kalifornien in seinem vorangegangenen Roman über „Die Leute aus dem Walde“. Eindrucksvoll wird die Umständlichkeit des Reisens 1845 geschildert.

Raabe schmeißt auch märchenhafterweise mit lauter friesisch-dänischen Fischernamen um sich: Johannsen, Klaasen, Petersen. Niemand heißt hier Pebelow oder Pryczibylski! Und Oberst von Bullau, ein alter rüstiger Mini-Blücher, spricht „da oben“ als alteingesessener Gutsherr einen Dialekt, der eher Machdeborgisch anmutet. Kein Fischi-Deutsch. Vermutlich sind ihm die gerade genannten Fehler wirklich durch Unwissenheit passiert und nicht durch bewusste „Überregional-Machung“.

Oberst von Bullau und winters auch Leutnant Götz hausen also in ihrer Junggesellen-Burg mit rein männlicher Dienerschaft. In dieser Karikatur eines Gutshauses wohnen somit alle guten Geister, die es braucht, um Unwirrsch und Franziska endlich zu verkuppeln. Und die Neuntöter geben helfende Tipps.

Hier treibt Raabe seine Heldenverehrung für die totgeschwiegenen Schutzgeister Deutschlands auf die Spitze: DIE und nur DIE richten, was verbogen ist! Ohne diese alten Herren – keine Chance auf Glück für Unwirrsch und Franziska!

Last but not least hab ich mir das Folgende für den Schluss aufgehoben:

Wieder 10 Jahre später wird sich ein anderer Autor den Raabe zunutze machen, wie einst Raabe den Freytag:

Ein erster Verdacht war mir bereits gekommen, als Raabe Hansens Oheim Grünebaum in gar seltsamem Outfit auf den Abiturienten Hans warten ließ, aber dann:

nap1Diese Waterloo-Veteranen… Das ist das Figurenensemble der Herren von Greifenklau! Oheim Grünebaum ist eine Mischung aus Sam Hawkins und Tante Droll. Auch Namen wie diesen hat sich Karl May bei Raabe abgeguckt. Als Trapper Geierschnabel nach Deutschland reist und sich zivilisiert gewanden muss – ist er eine weitere Grünebaum-Variante.

Und: May guckt sich auch die Art der Elendsschilderung hier ab. Oft aus Kinderperspektive erzählt, damit man Dinge sagen kann, die sonst Probleme bekommen hätten, in gut bürgerlichen Familienblättern gedruckt zu werden. In ein bissel Kitsch verpackte drastische soziale Anklage!

– Raabes „Leute aus dem Wald“ – da ist das idyllische Försterhaus, aber nur eine Bettstatt für 7 Kinder; mit Waldlaub statt Bettzeug. Und 5 von 7 sterben darin ohne ärztliche Hilfe. Weil der treue Förster fleißig ist, aber nichts verdient.

– Raabes Hans Unwirrsch als Sohn eines fleißigen, sparsamen Schusters hat ein kleines bisschen Startkapital fürs Gymnasium, muss aber betteln gehen für ein Stipendium, damit es reicht. Als er arm und dürftig gekleidet beim Herrn Assessor Dank sagen will für bewilligte Förderung, sieht er dessen Villa und dessen Töchter, wie sie in ihren langen Kleidern zu schweben scheinen, wie sie kichern. Er ist verblüfft. Geschockt. Verdaddert. Diesen Lebensstandard kennt man in seiner Kröppelgasse nicht! Als er seinem Freund Moses von diesem märchenhaft schönen Eindruck erzählt, erdet der ihn umgehend:

„Man hat dir eine Tür geöffnet und eine neue Welt gezeigt. Aber niemand rief: Herein!“

Und Raabe selbst ergänzt später:

„Es gibt allzeit fleißige Menschen, denen es vergönnt ist, aufzusteigen. Da, wo sie herkommen, werden sie verehrt. Aber da, wo sie ankommen, sieht man lediglich die Herkunft.“

Mays „Sklaven der Arbeit“, das „Buschgespenst“ und einige der Erzgebirg-Geschichten hauen in die gleiche Kerbe.

May wird ab 1875 bekannt und er hatte zuvor im Knast viel Zeit zum Lesen!

Raabes Zitat von der „lediglichen Herkunft des Emporkömmlings“ wird sich an ihm besonders bitter bewahrheiten.

Aber Raabes „Hungerpastor“ half ihm seine Käuze zu erfinden, denen ein hundertjähriger Erfolg beschieden war.

Alles hängt mit allem zusammen.

(Auch wenn es vergeblich ist:) Entdeckt die Alten neu!