Drei Alben

In einem Land vor dieser Zeit heute lebte ich einst dahin. Das Besondere an diesem Land war, dass es keine Schallplatten gab. Also es gab schon welche, aber – das war kompliziert:

Das Land hatte EIN Plattenlabel für Rock/Pop/Schlager und veröffentlichte für stabile 16,10 M landeseigene Volkskunstgesänge.

Zweimal im Monat kam es zur Unter-dem-Ladentisch-Verhökerung einer sogenannten Lizenz-Platte für ebenfalls 16,10 M. Dabei konnte es sich um irgendwen Großkopfertes aus dem Lager des Klassenfeindes handeln; Geräusche, die vom Klassenkampf abhalten, im Sozialismus aber genossen werden können; sagen wir Deep Purple, Who, Stones; aber auch um „so Zeuch halt“ ala Katja Epstein, Udo Jürgens, Roger Whittaker etc.

Da man die Platte seiner Begehr meist nicht im Laden bekam, erwarb man sie „unter der Hand“ für 30.-M oder im Tausch für eine Ungewollte, die man vorsorglich für diesen Fall gekauft hatte, weil es sie eben grade gab, als man im Laden war.

Die „richtigen“ LPs, von A&M, CBS, RCA usw. gab es nur auf dem Flohmarkt oder von jemandem, den ein guter Freund halt so mal eben kennengelernt hatte. Und die kosteten, laut Umtauschkurs 1:6 eben nun mal 120.-M (Ost).

Da Rundfunkempfang von „Feindsendern“ kein Problem und somit Norm war, wusste man immer, wann welches Idol welche Platte herausgebracht hatte; aber man wusste nie, ob man sie eines Tages mal auf dem Flohmarkt erwischen würde.

Flohmärkte blühten in den 80ern mehr und mehr auf. Und du bekamst dort fast alles, was in den Läden Mangelware war – und so einiges mehr!

Und so trug es sich zu, dass auch Merseburg einmalig einen Flohmarktversuch startete.

Sommer’83. Bei bestem Wetter und mit wenig Geld fuhr nun also ein Trabi voller studentischer Plattensüchtlinge die paar Kilometer gen Schlosspark.

Ich für meinen Teil hatte die Barschaft von 250 Mark dabei und wohl wissend, dass ich dann wieder vor einem Vinylstandort stehen würde, bei dem ich gern das Zehnfache gehabt hätte, war ich auf die Idee gekommen, meine Lizenzplattenbestände zu durchforsten, was eventuell entbehrlich wäre, um die Suchtbefriedigung wenigstens in diesem Segment noch ein wenig weiter steigern zu können.

Im Plattenbeutel unter meiner Schulter befanden sich nun also „Leo Kottke“ und „CCR“; damals gerade auf AMIGA erschienen, sodass sie eventuell noch gesucht sein könnten. Kottke gefiel mir in jenen textlastigen NDW-Jahren noch nicht so richtig (das änderte sich später sehr); und die CCR hatte ich mir überhört, sodass der Trennungsschmerz nicht allzu groß sein würde. Sollte sich gar jemand finden, süchtig wie ich, dann würde der eventuell je 40.-M springen lassen – und dann hätte ich bei etwas Verhandlungsgeschick Geld für „aller guten Dinge sinder Dreie“ von den RICHTIGEN!

Wir also rein da, löhnen das bissel Eintritt und ziehen getrennter Wege, denn keiner gönnte dem andern Funde, die ihm selber gefallen hätten und die er so nun wieder „nur“ aufnehmen konnte.

Ich wende mich nach rechts und gleich als zweiter oder dritter Anbieter steht da jemand mit einem Bettvorleger im Gras und darauf liegen 4 Alben. Welche weiß ich nicht mehr, denn ich hatte nur Augen für eins -BÄM! -:

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Ich wusste sofort, dass ich das gleich kaufe! Aber ich wusste ebenfalls gleich: Du bist noch keine 10 Schritte gelaufen und deine halbe Barschaft geht jetzt drauf! Du wirst noch vor größeren Kisten stehen! Aber überlegen und wiederkommen is’nich‘! Dann isse schon weg!

1978 -vor der Fahne- war „Bat out of hell“ erschienen – und nenne mir einen von meiner Generation, der nicht das große Sabbern gekriegt hätte, wenn man ihm die zum Aufnehmen anbot! Ich hatte sie -Prora-Dealer sei Dank- seit 1981 endlich auch auf Band und nun lag hier der zweite Streich des Big American Wahnfried!

Die Hülle war perfekt, beim Rausziehen der Platte glänzte alles, wie es sein soll! Problem: Ich kannte keinen Ton von diesem Album!

Die muss 1980 höllisch eingebrochen sein! Ich hatte das nicht mitbekommen können. 18 Monate „Ehrenhaft“ auf Rügen, da kommste zurück und denkst, es gibt international bloß noch Nik Straker und die Goombay Danceband, saach ich dir! Ostseewelle Rostock, das war seinerzeit auch sowas wie Folter!

Ich hatte zwar alles aufgenommen, was mein Langzeitkumpel Udo in jener Phase zu Hause so an musikalischer Beute machen konnte, aber von Meat Loaf war da nichts dabei!

„Is‘ die wie die Bat out of hell?“, frag ich also ziemlich deppert. Und der Verkäufer muss mich prompt für einen Idioten halten.

„Klar! Die is zwar nich‘ so bekannt – aber, wem die eene jefällt, der mag ooch die annere hier.“

Hab ich zu handeln versucht? Oder widerstandslos gleich die 120 gezückt?

Ich war in Trance!

Gleich nach dem Kauf wurde ich wieder unschlüssig: Was, wenn die verdient gefloppt is‘? Hast du dir jetzt Mist andrehen lassen?

Die Ängste waren unbegründet. Die Platte sollte in meinem Besitz ihre ganz spezielle Geschichte erlangen.

Musikalisch ist sie der „Bat out of hell“ tatsächlich ähnlich. Sie geht gut ab. Mini-Opern wie „Paradiese by the Dashboardlight“ allerdings fehlen. Aber Graupen gibt es keine.

Als ich sie vor Udo aus dem Beutel ziehe, kriegt der glasige Augen: „Ooooor! Und wer malt mir das Cover jetz‘ in Lämsgröße übbers Sofa?“

„I’m gonna love her for both of us“ … „more than you deserve“… lebenskluge Studentenhymnen! Alles wahr! Soundtrack einer Lebensphase!

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Anfang’89 verbüßte ich mein viertes „Zusatzabsolventenjahr“ hinter Cottbus als Strohwitwer, während meine Frau weit weg daheim ihre Mutter pflegte und unser erstes Kind windelte – alle Versetzungsanträge und Eingaben abgeschmettert – und kein Bonze hatte ein Einsehen auf Familienzusammenführung! Dementsprechend war ich drauf, als diese letzten Kommunalwahlen abgehalten wurden:

Ich ging hin, nahm den Zettel, legte ihn auf die Urne und begann Namen von der Liste zu streichen.

Die Wahlkabine war – wie üblich – zu weit weg und mit Stühlen verstellt.

(Komme da jetzt, was da wolle! Hat sich was mit braver DDR-Bürger! Ich hörte da so eine Speckbacke im Anzug flüstern: „Wen streicht‘n der?“ Von den andern gabs diese typischen Blicke: Ist Ihnen klar, was Sie da gerade getan haben?!)

Leckt mich! 5 km von der polnischen Grenze! Noch weiter östlich könnter mich nich‘ verbannen. Schlesien is‘ futsch!

Dann stopfte ich den Wisch in den Schlitz und ging -leicht zitternd vor Aufregung- heim. Wird’s noch Theater geben? Oder bin ich eh schon „durch“? Zuhause legte ich die „Deadringer“ auf: Peel out, peel out! I‘m sick and tired of waiting in line! – und fand mich strax wieder gut!

Wenn ich an den Wochenenden das Pflegeelend meiner Schwiegerfamilie erlebte, war ich immer aufs Neue der „Real Deadringer for Love“, auch wenn Olle Ami-Bulette das ursprünglich anders gemeint hatte.

So bekam diese Platte ihre Unverzichtbarkeit! Aber‘83 da im Schlosspark war daran nicht zu denken.

Es ist im Leben prima eingerichtet, dass man nicht vorausschauen kann. Würde man mit 23 sehen, durch welchen Mist man noch zu waten hat, man würde keine 30.

Also lebte ich den Moment: Meine Zweifel an der Richtigkeit jener Kaufentscheidung wuchsen mit jedem Schritt.

 Und die Verunsicherung begann sogar zu sieden, als ich 100 Meter weiter vor zwei Typen stand, die in zwei großen Pappkisten an die 500 begehrte West-Platten feilboten!

Ich kann bis heute nicht erklären, wie solche Anbieter zustande kamen: Zwei Fernseherkisten voll Rockgeschichte im Bestzustand! Ladenneu! Waren das Einbrecher im Rundfunkarchiv? Stasischergen, die die Paketbeschlagnahmungen verhökerten? Oder nur skrupellose Schröpfer von Westverwandtschaft?

Es waren keine Ausländer! Sie sprachen akzentfrei unsern Slang!

Der Stand ist umlagert. Ich drängle mich rein. Erwische gleich die „Who are you“, halte sie erst mal fest, will aber noch an Überblick gewinnen:

Neben mir flippt einer so eine lange Plattenreihe durch. Die gesammelten Werke der Scorpions, so scheint es, Rainbow und Maiden auch dabei, die greift einer von der Seite gleich raus. Egal. Da: Bowie! Aber der Typ flippt drüber weg. Gott sei Dank!

„Warte mal kurz!“ hör ich mich auf Autopilot sprechen, flippe zurück, ziehe die Bowie und schieb die Who an die Stelle rein: Es ist die „Diamond Dogs“! Was für ein Cover! Und „Rebel Rebel“ ist drauf!

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Heinz Rudolf Kunze hatte zu der Zeit auf NDR2 gerade eine Sendereihe „Bowie – der Favorit“ laufen – und er besprach dort alle LPs mit reichlich Hörbeispielen! Ich hieperte deshalb auf die „Hunky Dory“, aber die „Diamond Dogs“ erschien mir seinerzeit als die zweitbeste der Vor-Fame-Phase!

Treffer! Bezahl und weg!

Aber – Geld alle. Für den letzten 10er würde es kein Vinyl mehr geben und nach meinem Beutelinhalt war ich noch kein einziges Mal angesprochen worden.

Fluchtartig verließ ich diesem Stand des Überangebotes: Hach, da hatten die sogar die Kiss „Alive!“ und Floyds „the piper at the Gates of dawn“! Von Rainbow wär die „Long live Rock And Roll“ auch verführerisch gewesen! Bloß weg hier!

Erst mal ne Wurschd, um den Adrenalinpegel zu senken.

Die „Diamond Dogs“ gefiel mir jahrelang ganz ausgezeichnet. Sie passte in die 80er, obwohl sie da schon 10 Jahre auf dem Buckel hatte: Aber all die Apocalypse-Anspielungen – das hörte sich extrem aktuell an – in Zeiten von „99 Luftballons“,„Berliiiin! Du kotzt mich an!“ und „Weltsendeschluss“! Viel ist davon nicht übriggeblieben. Höre ich sie heute seltenerweise einmal, dann merke ich, was Kunze seinerzeit schon erzählte: Gesammelte Bruchstücke eines Drogenwracks, das sich künstlerisch gehörig übernommen hatte. Er hatte zu lesen begonnen und wollte nun aus Orwells „1984“, Kubricks „Clockwork Orange“ und Shakespeares „Hamlet“ das eigene große Überwerk erschaffen: Doppelalbum, Buch und Film. Allerdings wurde er Opfer seiner Stimmungsschwankungen und verwarf immerzu seine Vortagsideen. Übrig blieb eine LP mit „Rebel Rebel“, „When you Rock and Roll with me“,„1984“ und allerhand katastrophenschwangeren Füllseln.

Hat halt so jedes seine Halbwertzeit. In den 80ern machte mich die Platte glücklich!

Ein paar Parkrundenspäter steh ich wieder vor einem, der so ein Allerlei aus Ost-Platten und Kram auf einer Decke anbietet.

Und da lag dann noch – SIE!

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AMIGA’77. In den 70ern verpasst, dann kurz vor der Fahne immerhin noch aufgenommen. LP mit Überlänge! Herrlicher Sound! Prägemelodaien am Fließband! Keine Graupen! „Bring back my yesterday“ war das zentrale Langwerk darauf, inclusive dem gesprochenen Intro, das auf späteren „Best ofs“ immer fehlt!

Ich weiß, ich weiß! Barry White! Das ist nicht der Name, der unter Althippies, Bluesern und Punks der ersten Stunde Anerkennung genießt – aber – fuck it! Zu MEINEN Göttern gehört er! ICH MUSSTE diese Platte haben!

„Willst’n für die?“

„Dreißch Morg.“

Ich ziehe aus meinem Plattenbeutel Kottke und CCR.

„Und wenn de dir eehne davon aussuchst?“

„Oi!“

Natürlich nimmt er die CCR.

Barry White wollte nie jemand von mir aufnehmen. Aber durchsichtig gespielt hab ich die! Und wie!

Nach der Wende kaufte ich „Barrys Gold“ auf CD mit sehr ähnlicher Zusammenstellung – aber o weh! Der Yesterday-Monolog fehlte! Also gingen die Barry-Käufe „notgedrungen“ weiter. Bis zur „Rhapsody in White“ – DIE ist die Beste! MEIN Sound der Pubertät! Da ziehen sie alle im Geiste noch mal vorbei, die damals Rang und Namen hatten:

Carrell, Elefantenboy, Eddies Vater, Otto-Show, Butler Parker, Margret Thursday, Belle und Sebastian, Daniel Boone – und eben auch so Alltagsbilder einer anderen Zeit: Die Bierbüchsen-Pyramide! Das Kohlebunkern, wenn uns der Wintervorrat in die Einfahrt gekippt wurde! Vaters Kofferheule plärrt Deutschlandfunk dazu. Der bringt Wortbeiträge ohne Ende und zwischendurch plötzlich mal: Standing in the shadow of love-love-love- waiting for the heartache above….“

Exactly my point of view‘73/74!

Oh yeahr!

One ticket please. She’s at home. Yeahr, she’s at home…

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Heyses Venus

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Heyses Schlussstein

Ist!

Das!

Stark!

Da wollte einer den Buchmarkt nochmal so richtig rocken, aber keiner hat’s gehört. Die zeitgenössischen Literaturgeschichten schweigen das Werk tot, wie zuvor schon „gegen den Strom“.

Heyse schrieb 1910 mit  -für DIE Zeit- sensationellen 80 Jahren seinen letzten Roman – und es ist ein toller Schlussakkord geworden! Auch wenn „gegen den Strom“ sein eigentliches „Vermächtnis-Album“ bleibt – aber da war noch was offen!

„Für wie moralisch integer haltet ihr unsere Zeit, liebe Leute?!“, fragt er und liefert die Antwort mit: Nicht mehr meine Zeit; aber eure eigentlich auch nicht! Ihr seid nicht in der Lage, das ins Bessere zu drehen! Das 20.Jahrhundert wird kein leichtes!

Der Titel mag manchen abstoßen.

Er gemahnt zunächst an das berühmte Botticelli-Gemälde, meint aber die Entstehung einer der vielen Coverversionen, die um 1900 entstanden und heute alle ein bisschen wie die Schlafzimmerbilder vom Trödler nebenan wirken. Die Maler alter Schule waren in der Bredouille. Heyse springt ihnen bei. Der Liebhaber von Zentauren und Illias-Bebilderung bleibt vom Impressionismus unbeeindruckt.

Etwas ähnliches hat Heyse mit seiner Novelle von der „Irdischen und himmlischen Liebe“ schon mal geboten. Damals stand ein alter Tizian als Namensgeber Pate. Auch dieser Titel las sich gewöhnungsbedürftig, doch auch diese Novelle gehört unbestreitbar zu seinen Hits.

In der „Geburt der Venus“ erhältst du eine hauchzart erzählte, anheimelnd tolle Liebesgeschichte. Hier kriegt er dich genauso wie mit „dem verlorenen Sohn“ und den „Moralischen Unmöglichkeiten“.

„Es gibt moralische Unmöglichkeiten, die einer solchen Eheschließung nun mal im Wege stehen.“, sagt der sympathische Vater des träumerischen Malers. Zufall? Berechneter Wiedererkennungseffekt?

Das Vater-Sohn-Gespräch, aus dem der Satz stammt, ist eins der vielen kleinen Highlights des Werkes. Wenn der Sohn die dem Vater entgangene Karriere lebt, dann ist das Topverhältnis sattelfest. Beide verachten elitär die spießbürgerliche Meute. Und trotzdem bedrohen die Spielregeln des „blöden Haufens“ das Familienglück.

Heyse thematisiert die völlig überholte Heiratsetikette seiner Zeit, die uns heutigen Lesern eigenartig kurdisch/arabisch vorkommt. Und die Duelle waren unsere Spielart von Ehrenmord. Wobei eher die Männer zu schaden kamen.

Das erbärmliche Schicksal der Hanna illustriert zeittypische Umstände und führt somit dem Leser vor Augen wie prüde und somit folgerichtig frivol verdorben ein Zeitgeist ist, der die Erschaffung erotischer Kunst sofort in den Dreck zieht. Wenn Heyse hier 1910 mit Moralkriegern seiner Zeit abrechnet, dann hinterlässt das so einen überraschend aktuellen Nachhall.

Herrlich beschrieben, wie Trude, die Pastorentochter, den Fanatismus ihres Vaters unterläuft und damit zeigt, wo Heuchelei für den gesunden Menschenverstand überlebensnotwendig ist: Im Pfarrhaus.

Ja, wieder ein böser Pastor, wie in „Crone Stäudlin“, wie in „Moralische Unmöglichkeiten“.

Ja, wieder so ein aristokratisches Aschenputtel wie die Traud in „Irdische und himmlische Liebe“.

Ja, wieder so ein verpeilter Professor Chlodwig, wie dort, diesmal als aussichtsreicher Maler.

Und wieder so ein Dr. Berndt, als zynischer Kommentator und helfender Freund, der wiederum mehr Durchblick hat, als die Hauptfigur.

Heyse variiert die „Irdische und himmlische Liebe“ hier zum Roman. Er zeigt, dass ihm zum Ende hin bewusstwurde, dass das sein bester Plot war.

Der Zweitaufguss alter Ideen kann schief gehen. Ihm gelingt er! Jedenfalls bei mir trifft er ins Schwarze. Wie Yes mit „Yes-Album“ und „Fragile“, wie Pink Floyd mit „Dark Side…“ und „Wish you…“, wie Nazareth mit ihrem Debut und der „expect no mercy“.

Und das Sahnehäubchen an der ganzen Geschichte ist, dass dieser Schlusspunkt einer großen Laufbahn mit Spielhagens „Opfer“ von 1901 zu korrespondieren scheint, was ja auch in dessen Fall fast ein Schlusspunkt war.

Heyse, mit einer Kunstauffassung von gestern und Moralvorstellungen von morgen, Kind seiner Zeit, präsentiert die Themen jener Ära zeittypisch: Allweil realistisch, aber umhüllt mit Schmauchspuren vergehender Romantik, die sich „klassisch“ gibt und somit Gefahr läuft, nur als kitschig verlacht zu werden. Der notwendige Gegenpol zu Fontane und Mann.

In Zeiten, wo dir Historiensurrogate in Form von Fernsehfilm und -serie vorgaukeln, dass unsere Altvorderen einst unsere heutigen Zustände herbeigesehnt hätten, sind Heyse, Spielhagen & Co. notwendige Kronzeugen, dass dem nie so war.

Sicher ließe sich auch im Falle der „Venus“ das eine oder andere missglückte Detail aufrechnen. Es ist wiederum ein „Thüringen“, das eigentlich eher München und sein Umland ist. Für die Inspiration zum Titelgebenden Kunstwerk via Kletterpartie auf einsamer griechischer Insel hätte sich sicher was Besseres finden lassen, als ein angeblich reales Erweckungserlebnis. Aber geschenkt. Nach 10 Seiten kippligen Einstiegs, der kurz die Gefahr einer zweiten „Crone Stäudlin“ am Horizont erscheinen lässt, erzählt sich hier ein mitreißender Erzähler seine Lebenserfahrungen im „blöden Haufen“ vom Hals und schmeißt die Türe zu.

Ein kolossaler Abgang!

Ol‘ Frankie’s Watertown

Irgendwann schlägt jedem die Sinatra-Stunde.

Eine Platte für die Frühjahrsmüdigkeit.

Du legst sie auf, es umarmt dich eine einschmeichelnde Musik, die an früh70er Vorabendserien der Marke „Elefantenboy“ erinnert, oder „Margreth Thursday“ und du dämmerst weg, um erst bei den letzten Takten wieder aufzuwachen, „I’m sure, I’d recognized her face“… und die Musik entfernt sich, wie ein Personenzug, der in der Ferne immer leiser wird.

Du hast eine wunderbare Story verschlafen. Frank Sinatra erzählt sie dir auf seinem Watertown- Album von 1970, wann immer du willst.

Sehr viele werden es nicht sein, die das wollen. 30 000 Exemplare nur gingen damals über den Ladentisch. Ein blamables Nichts für „Ol’blue Eyes“. Es heißt, er mag deshalb das Album nicht.

Schade eigentlich. Es ist ein gutes!

Er wollte es ja selbst auch, als er von der „The Imitation of Life Gazette“ begeistert war.

Gaudio und Holmes machten sich also ran und schrieben ihm ein Konzeptalbum der sehr melancholischen Art.

Die Schilderungen all dieser Slacker-Schicksale in der Ami-Provinz zwischen Frau verdreschen-Auto schrotten-Drogen dealen-Army&Knast sind Legion. Hier stattdessen die leise sich anschleichende, völlig unaufdringliche Variante eines Saubermannschicksals, die dich im Nachhinein deutlich mehr berührt, weil der beschriebene Lebensstil viel mehr mit deinem Eigenen zu tun hat:

Ein verlassener Mann in den besten Jahren in einer amerikanischen Kleinstadt erzählt, wie ihn seine Frau verließ, weil die großen Erfolge in der großen Metropole lockten und wie er mit den Kindern zurückblieb.

Er erzählt, dass da kein großer Krach und kein Bleib-doch-Gebettel war. Dass sie sich lieb verabschiedete und versprach zu schreiben.

Wie er sich immer wieder damit plagt, die Gründe für sein Scheitern zu finden; weshalb der Magnetismus der ersten Ehejahre verflog; wie er sich einen Neuanfang herbeisehnt, wenn sie doch wiederkäme…

Wie in guten Hollywood-Streifen, wo Lachen und Weinen psychologisch meisterhaft kombiniert eng beieinanderliegen, entdeckst du in den simpel gehaltenen Lyrics hier ebenfalls die Gänsehautmomente und schmunzelst doch wenig später über Alt-Männer-Humor a la

„The kitchen looked like World War III, what a funny girl you used to be…“,

weil du diese Sprüche kennst. Weil das das Leben ist. Das Leben der Anderen. Solche Scheidungsgeschichten blieben gottlob outside of the family, aber nahe genug, um bei diesem und jenem Schicksal mitzuleiden.

Sie schreibt, dass sie an Gewicht verlor, mehr Auftritte hat, die Karriere läuft… die Stadt schön aber fremd bleibt. Er schöpft daraus Hoffnung.

Die Platte enthält keinen Las Vegas Swing mit Bügelfalten-Lackschuh-Tritt in den Bläsereinsatz, wohl aber diese sich anschleichenden Klarinetten-Soli a la Benny Goodman (Chamber Version). Violingestreichelt.

Der Schwachpunkt der Platte ist die Abwesenheit von einprägsamen Hooklines.; womit also keine Trompeten von Jericho-Chorusse gemeint sind. Aber so was „Heart of Goldhaftes“, leise Eindringliches, wie es eben Onkel Neil mit links kann, das wäre hier das Tüpfelchen gewesen. „I‘m sayin‘ something stupid, like: I love you“ – Old Frankie hat das ja zuvor bereits geschafft, aber eben leider nicht hier. Weil das nun nicht zu haben ist, kommt es dir phasenweise vor, wie ein Versuch, Brechts Episches Theater musik-minimalistisch untermalen zu wollen. Sinatra goes Minetti.

Aber wenn man sich drauf einlässt, dann geht man trotzdem mit, wenn die zunächst einschläfernde Musi‘, die den bescheidenen Alltagsablauf des Erzählers untermalt, lebendiger wird, da er einem Brief zu entnehmen glaubt, „Sie“ käme bald auf Besuch. Prompt steht er am Bahnhof. Es gießt. Das ist egal!

Sie kommt – sicher – die Schranken gehen zu – der Zug fährt ein – Leute steigen aus – und verlaufen sich. Der Zug fährt an –

„Ich war sicher, ihr Gesicht gesehen zu haben …“ – tudumm-tudumm-tudumm – und verschwindet am Horizont.

Der Songzyklus korrespondiert mit „Saturdays father“ auf der „IoLG“ der 4 Seasons. Der Begriff „Watertown“ wird auch dort erwähnt.

Und er korrespondiert mit „Delta Dawn“ von 1972. Hier steht SIE jeden Tag abreisebereit am Bahnhof, aber ER kommt nicht, um sie wegzuholen. In Watertown dagegen warten ER und die kleinen Söhne, aber SIE kehrt nicht zurück.

Feine Puzzleteile im Musik-Kosmos.

sinatra

Thierse

 

Thierse warnte auch davor, die Begriff (!) und Realität von Nation als erledigt zu betrachten. „Schaut Euch um in der Welt! Nation ist eine Realität. Wir erfahren sie gerade wieder in der Pandemie. Der nationale Sozialstaat rettet uns. Es ist elitäre Dummheit, das nicht sehen zu wollen.“

FAZ von heute.

Recht hat er.

Aber – was nützt’s?

Erinnert euch! Sie waren 12e, den Dreizehnten den haben sie eiskalt verhökert und verraten an die Wölfe. Man merke: Im Verein wird keiner alt. (Na? Von wem?)

MOSAIK Tiefenforschung 2

Für das Folgende passen keine Bee Gees. Leg dir Mittelalterrock auf, denn gleich zücken wir die Schwerter!

Haggard, Opeth, Therion irgendsowas eben, was dir die Zinnen an die Schädeldecke malt.

Weiter geht’s mit literarischer Archäologie.

DSC02903-001mosaikIn der leider unvollständig erzählten Hegen-Biografie „Die drei Leben des Zeichners Hannes Hegen“ wird erzählt, dass die Crew des Mosaiks, vom schieren Erfolg in den 50ern überrannt, angespornt war, besser und besser zu werden. Die Anfeindungen in Sachen „Schund- und Schmutz-Literatur“ taten ein Übriges. So begannen sie also, sich auf Ideensuche zu begeben und antiquarische Bücher zu erwerben. Die waren billig in der Ehemaligen. Das schnell anwachsende Archiv schlug zwei Fliegen mit einer Klappe: Es ist in alten Mären gar wunderviel geseyd…, also konnte man aus alten Romanen „für die reifere Jugend“ der Kaiserzeit, sich ungestraft Anregungen holen, indem man aus 3 oder 4 Erzählungen Partikel entnahm, um sie Runkel und den Digedags in einer Geschichte unterzuschieben, denn es war davon auszugehen, dass wohl niemand in der Lage sein würde, in alten Wälzern auf Digedagspuren zu stoßen. Frakturschriftkenntnis-Inhaber waren eine aussterbende Spezies bereits in den 60ern.

Andererseits waren die alten Kupferstich-Illustrationen aus fernen Ländern ideale Vorlagen für anheimelnde Hintergründe, vor denen Hegens Comic-Helden ihre Bewährungsproben erdulden müssen. Meisterhaft geradezu das mittelalterliche Venedig zu Beginn der Runkel-Serie oder aber auch die Berliner Reichstagsruine im damaligen Ist-Zustand auf dem Stern des Todes (im Heft 26). Nicht zu vergessen die Hafenanlagen des alten Konstantinopel, nach Vorlagen einer alten Völkerkunde, mit Abbildungen Istambuls um 1880.

Somit kann behauptet werden, dass man mit den Digedags erfolgreich durch Raum und Zeit reisen konnte. Ob Bayous am Mississippi oder die Steinhänge am Euphrat – die Landschaft stimmt!

Jugendverderbnis- und Volksverdummungsvorwürfe liefen so ins Leere..

Arno Schmidt hat die interessante Idee entwickelt, dass jeder Autor im Jenseits erst dann Ruhe findet, wenn er auf Erden vollständig vergessen ist. Und wenn er sich nicht an realen historischen Personen vergriff, die ihn ansonsten durchs Paradies jagen, wie z.B. die Gotenkönige den Felix Dahn.

Dieser Theorie entsprechend bin ich der geborene Störenfried. Mein Literaturgeschmack hinkt dem meiner Generation gut 50 Jahre hinterher und somit bin ich vermutlich letzter Liebhaber so einiger Namen, nach denen heute kein Hahn mehr kräht.

Da wird sich so mancher Literaturtitan da oben bereits bequem in die allerletzte Haltung gebracht haben, befriedigt aufseufzen „So! Genug! Es ist vollbracht!“ – wenn Erzengel Gabriel an seine Bettstatt tritt, um grinsend mitzuteilen: „Denkste! Hoch mit dir! Bludgeon liest dich noch!“

So geschehen 2020 mit dem „Guten Kameraden“ Band 28; Schuljahr 1913/14. Die letzte Friedensspanne der „Guten Alten Zeit“.

„Gottfried von Hohenloh.“ ist dort drin ein kurzer Fortsetzungsroman um einen Minnesänger im 13. Jahrhundert. Der Autor kaschiert seinen Namen zu M. Sch.; untypisch für die führende Knabenzeitung jener Tage.

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Wenn du dich auf diese 5 oder 6 Folgen einlässt, dann kommt dir das Grinsen, denn der Inhalt hat es in sich. Er enthält sowohl ein politisches Wagnis zu Zeiten des Erscheinens, als auch eine Digedagspur für spätere Leser.

Der Haupt-Gag ist der, dass Hohenloh 1233 vom Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen in Sizilien losgeschickt wird, um seinem Kronprinzen Heinrich jenseits der Alpen ein paar Nachrichten zu bringen und als Berater auf die Finger zu sehen. Kaiser Frederico hat per Gerücht erfahren, dass sein volljähriger Bub da oben im Norden nämlich ungeschickt agiert, wichtige Fürsten verprellt und an Putsch gegen den Vater denkt.

Ein Gag ist das deshalb, weil es für wissende Gymnasiasten 1913 – und da hat es sicher nicht wenige gegeben, denn Geschichte war damals „in“! – eine deutliche Parallele gibt zum amtierenden Willy Zwo und seinem verstorbenen Vater Friedrich III.. Dass sich beide nicht „grün“ waren, ist damals allseits bekannt. Dass Willy ein ungeschickter Akteur auf der Weltbühne ist, bekommt ebenfalls jeder mit – und nun, ausgerechnet im Jahr des 25jährigen Thronjubiläums des „Friedenskaisers“ mit den vielen außenpolitischen Krisen, kann die Jugend diese mittelalterliche Parabel auf das „jetzt“ lesen!

Klar, dass da der Autor lieber nicht allzu bekannt werden will!

Das Damoklesschwert der „Majestätsbeleidigung“ schwebt über ihm!

Hatespeech 1913!

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…Österreicher auf der Wacht …

Der „Gute Kamerad“ ist ein deutlich süddeutsch geprägtes Werk. Union Verlagsgesellschaft Stuttgart-Berlin-Leipzig-Wien. Die Abstandssuche zu Preußen wird darin deutlich, dass bei militärischen Themen eher über die K&K Armee berichtet wird, bzw. über württembergische Regimenter. Die Willy-Watsche im Jubiläumsjahrgang unterzubringen ist bestimmt klammheimlich in den Redaktionsstuben gefeiert worden!

Der zweite Gag der Erzählung liegt im Detail und hat MOSAIK-Bezug:

Es macht einfach Spaß, beim Lesen auf etwas zu stoßen, was dir sofort bekannt vorkommt:

Spuren der Hohenloh-Geschichte finden sich in mehreren Episoden der Ritter-Runkel-Serie:

– in der 110; „Das Kastell Peripheria“

– in der 145, „Ritter Runkels Heimkehr“

– in der 150; „Der Sturm auf die Kuckucksburg“

Denn:

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Hohenloh und 3 Begleiter fliehen vor Verfolgern, aufmüpfigen Mailändern, die den deutschen Rittern alles andere als freundschaftlich gesinnt sind. Sie jagen auf eine Burg zu, die sie da über einem Wald im Alpenvorland aufragen sehen. Sie erhoffen sich dort Schutz. Die Zugbrücke ist unten, also hinein; ein dösender Räuber am Tor wird überwältigt, das Tor aufgezogen. Im Inneren gibt es eine kurze Überrumpelung der anderen überraschten Räuber, die sich leicht wegschließen lassen. Die Verfolger sind inzwischen vor dem Tor angekommen und wissen nicht weiter, entschließen sich aber zur Belagerung, die sie mangels Masse auf den Torweg beschränken.

Hohenloh lässt Fake-Lanzen an die Zinnen stellen, damit die Burgbelegschaft nach mehr aussieht und von unterschiedlichen Stellen der Mauer auf die Belagerer schießen.

Einer seiner Begleiter hat inzwischen das Hauptgebäude der Burg untersucht – und eine große Falltür gefunden. Als sie geöffnet wird, entdecken die Bedrängten einen Reitweg hinein in den Burgberg. Sie reiten ihn hinab und erreichen am Fuße des Berges und an der Rückseite der Burg das Freie. Entwischt! Zu Pferde!

runkel 2Natürlich ist eine Falltür, so groß, dass Pferde durch die Öffnung passen und eine Reitweg-Serpentine im Gestein ziemlich märchenhaft, jedoch schmilzt die Sache ja im MOSAIK auf einen Burgbrunnen und einen Bach im Berg zusammen.

Damit auch dort die weitere Reise schnell und zu Pferd fortgesetzt werden kann, mussten in dem Fall die Kuckucksberger so blöde sein, Runkels Pferd Türkenschreck, weil zu alt zum Schlachten, einfach wegzujagen und nur den Ritter einzusperren. Haben nun ihrerseits die Digedags Türkenschreck wieder aufgelesen und Runkel per Burgbrunnen befreit, ist das Ensemble ebenfalls wieder vollzählig unterwegs, um die weiteren Pläne des Kuckucksbergers zu durchkreuzen, wie Gottfried von Hohenloh die des fiesen Heinrich.

Die Idee zur flachen Reiter-Treppe könnte aus dem Hradschin stammen. Hegen war Sudete. Sicher kannte er die Prager Burg. Dort gibt es eine, die (allerdings ohne Falltür) hinein in einen Saal führt, um speisenden Gästen Reiterkunststücke vorführen zu können.

Die unterbesetzte Burg (Peripheria und Kuckucksburg), die Mitgliederschwache Räuberbande, die sich vorübergehend eine fremde Burg aneignet wird eingesperrt (Teufelsbrüder), der Fluchtweg durch den Berg und auf der Rückseite raus, das Erstürmen wollen einer Burg, die gar nicht (mehr) verteidigt wird (Kuckucksburg).

Sachen gibt’s!

Die Welt der einen – die Welt der andern

Da war mal ein Film. Echt heiß diskutiert! Nicht nur in den Medien! Auch sonst so:

„Warst du schon drin?“

„Läuft noch im gleen Gino! Musste sehn!“

„Is DEFA, naja – obor…!“(Augen aufreißen)

Oder

„Geht da rein! Die f***en wie die Guppies!“

Oder

„Wüddor so ä Knäd! Sowas macht imbodennd, soach ich dior! Spar dir die Gohle!“

Wir gingen rein. Christian und ich. Sommer’79, kurz nach dem Abi und kurz vor Prora, der Fahne-Pein.

Der Film hieß „Bis dass der Tod euch scheidet…“ und wenn zu Beginn der Vorspann läuft, wird in Karat- oder Stern-Combo-Manier auf Melotron das Thema aus dem 2. Satz der 9.Sinfonie von Dvorak gespielt. Ungefähr für ne Minute. Wenn die um ist, hast du das Beste schon hinter dir.

Der Film ist absolut düster und der erste von mehreren ähnlich gelagerten Assi-Streifen, die in den Folgejahren anstanden. Abgesang auf die sozialistischen Träume? Warnung? Reformwunsch? Oder nur Berufsfrust der Filmschaffenden im Jahr 3 nach Biermann? Man weiß es nicht. Damals war mir das ne Schippe zu viel. Sooooo negativ wollte ich die Welt nu ooch wüddor nich‘ sehn!

Ich hab ihn mir zur Selbstvergewisserung HIER nochmal angetan. Der Eindruck ist so furchtbar wie’79, aber inzwischen kam ein bisschen Hintergrund hinzu, der damals fehlte. Und deshalb kommt der Film letztlich doch ein ganz klein bisschen besser weg als damals.

Sonja und Jens heiraten jung, Verkäuferin und Maurer. Sie macht per Fernstudium ohne sein Wissen Karriere und er säuft, fällt durch die Meisterprüfung, säuft noch mehr und schlägt die Frau. Mehr Klischee geht nicht. Und dann fallen se noch alle Nasen lang nackt und halbnackt übereinander her. Das muss so bei DEFA’ns inne späten 70er! Auch wenn die Akteure nu ziemlich weit weg sind von Jane Fonda oder Raquel Welch, Robert Redford oder Terence Hill. Du sollst dich eben ans reale Leben gewöhnen!

Hinzu kommt, dass es im ganzen Film kein funktionierendes Paar gibt. Alle Schwäger und Kollegen, gehen fremd, liieren sich aussichtslos, müssen ganz viel saufen, um den Kummer zu ertränken…

„Kleinen Mannes Sonnenschein ist ficken und besoffen sein!“

Und das ist der Film zum Spruch!

Sonja und Jens, Katrin Saß und Martin Seifert, beide Debutanten in ihren Rollen, spielen sehr emotional und engagiert, was im Vergleich zu den wiederum sehr altväterlich, steifen Vorgesetzten positiv auffällt.

„Die Prügelszene war echt! Ich war in Rage und da fing er eine und drosch zurück.“ (Kartin Saß/Riverboat-Talk)

Angelika Domröse, als Jens‘ Schwester, soll wohl, da es nach langer Zeit mal wieder ein Carow-Film war, als Paul und Paula Vehikel eine Art Brücke sein: Aufbruch’73 und Abbruch’79, so ungefähr, denn auch sie ist nun nicht mehr die Hippietraumfee „Paula“, sondern die in der Ehe gelangweilte, fremdgehende Fast-Alkoholikerin, die keinen „Paul“ mehr findet. (Ihre letzte DEFA-Rolle vor dem Weggang)

Der Westen jubelt. Kennzeichen D; TTT; Kommentar zum Zeitgeschehen (Deutschlandfunk): Carow zeigt die Verwerfungen in der geschlossenen Gesellschaft schonungslos.

Und im Osten diesmal fast dasselbe: Realistisch werden hier Probleme unserer Gesellschaft angesprochen…

Sonja             Jens

Jens und Sonja stellen also unsere junge Arbeiterklasse dar? Typische „junge Eheleute“, wie sie den Junge-Eheleute-Kredit nehmen, eine Wohnung kriegen, ein Kind erzeugen – und dann Suff und Haue; Haue und Sex! Bis er im Suff zur falschen Flasche greift und Reinigungsmittel säuft… Und sie sieht zu, ohne es zu verhindern.

Wirklich?

Okay, wir sind die Creme mit Abi, die „Kader von morgen“. Das ham’se uns nu oft erzählt. Aber was ist mit unseren POS-Kumpels, zu denen immer noch Kontakt besteht? Trinkfreudig sind da einige! Die Feten mit ihnen machen Spaß! Aber wer von denen verdrischt „seine Kirsche“? Wir trauen‘s keinem zu.

Einen in unserm Alter kennen wir, auf den das passt. Aber der ist doch Ausnahme und nicht die Regel oder? Der ist dank Beziehungen knapp am Jugendwerkhof vorbei geschrammt – und solche Fälle, die sind doch eh ähx! Um die macht man’nen Bogen!

Als der Film aus ist, geht das Licht an. Christian patscht mir die Hand aufs Bein:

„Heirat’mer noch?“

„Nach dem Ding nich’mehr!“

„Ich musste immer an Klinkmart Steffen denken, wegen der schwarzen Mäcke. Aber rumgeningelt hattor wie Kumske.“

„Und sie hattes Gesicht und‘n Toppschnitt wie de Schilkern.“

Die drei genannten waren Klassenkameraden von uns, mithin auch keine Prolls.

Christian weiter: „Der Jensi-Boy sah nich nach Baubude aus. Der war wirklich eher so a GOL-Fuzzi, der Assi spielt.“

Ich: „Gloobst du, dass das der Trend is? Fremdvöcheln und Suff und sonst nüschd?“

„Was willst sonst machen, hinter der Mauer?“

Es gibt so Momente,da merkst du, dass einer Freundschaft langsam der Atem ausgeht.

Ich konnte mir keine Langeweile vorstellen! Bücher, Antiquariatspilgerei, Musik, Burgen-und Waldromantik, Wohnung oder Haus designen, Konzerte …

Der Jens sah nicht nur nicht wie‘ Maurer aus, er hatte zusätzlich auch so abgespaced unpassende Ansichten:

Seine Sonja präsentiert ihm ihren Abschluss zur Verkaufsstellenleiterin; denkt, er wird erstaunt, erfreut gratulieren. Er aber reagiert wie ein West-Mann: „Hinter meinem Rücken? Hab ich das erlaubt?“ (Patsch, Patsch – fängt sie ihre ersten Ohrfeigen!)

Hä?

Wir hatten’79; die beiden da spielen junge Leute, die höchstens 2 Jahre älter sind als wir und dann so’ne Reaktion? Das ist so 60er! Frühe 60er! Ganz frühe! 1979 gab es praktisch keine Hausfrauen mehr. Jeder um uns her war froh, wenn der Ehepartner/die Ehepartnerin mehr Geld heimbrachte, weil da auf Haus, auf Auto, auf Ostblockreisen, auf teure Farbfernseher, auf Westplatten gespart wurde – und der Dödel da spielt den Märchenlandpascha?

Haben die Regisseure noch das Ohr an der Masse? Oder lag das Drehbuch 2 Jahrzehnte im Safe?

Noch Tage später, wenn ich an’ner Kasse stand, studierte ich die Gesichter der Verkäuferinnen: Kriegt die Dresche zu Hause? Oder die? Oder die?

Ein Vierteljahr später war ich Soldat – unter lauter solchen Typen wie Jens. Die gabs wirklich! MSR 29. Willkommen beim Schrutz! Die soffen Rasierwasser, wenn kein „Schluck“ in der Nähe war. Und die einen kriegen dann das große Winseln und die andern suchen Streit und beide Sorten pissen in die Bude. Und der Glatte muss wischen. Der Winsler entschuldigt sich hinterher wenigstens, so wie Jens im Film. Der Streithammel kriegt 5 Tage „Bau“ und wenn die um sind, hat er’s eh vergessen. Über ihre Frauen lallen sie dummes Zeug, schlimmer als im Film.DVD

Aber wozu braucht’s diese Gossendarstellung im Kino?

Die Assis, die die Thematik betreffen würde, feiern, dass da „gef***t“ wird!

„Orrrr, der war hackedicht und hats noch jebracht!“

Und unsereiner wendet sich angeekelt ab.

„So sehen unsere Menschen nicht aus!“ dachte damals sogar ich.

Hm. Aber die Fahne lehrte mich: Doch!

Filmversagen

Die DEFA drehte in den späten 70ern vermehrt Jugendfilme. Obwohl die Macher hätten wissen müssen, dass das nichts werden kann.

„Wie füttert man einen Esel“, „Verdammt, ich bin erwachsen!“, „7 Sommersprossen“ usw.

Ab Jahresende’76 kamen der DEFA mehrere Altstars abhanden; der Biermann-Knaatsch, you know? Deshalb mögen sich diverse Regisseure gedacht haben: Neue Leute müssen her!

Aber sie können keine eigenen Teenie-Kinder gehabt haben, sonst hätten sie sehen müssen, dass das, was sie da zustande bringen würden, scheitern muss. Die Offensive fand zeitgleich auch im Fernsehen statt. Dort gab es „Aber Vati“, eine Erfolgsserie; die Ausnahme unter den Pleiten! Und es gab eine lose Reihe von Spielfilmen zu Schulproblemen, die sogenannten Schlossarek-Filme „Plantagenstraße 19“, „Der Tadel“ und andere.

51kTVmyy3zL„Aber Vati!“ schlug ein, wie eine Unterhaltungsbombe. Ein Straßenfeger! Deshalb ein paar Jahre später auch um mehrere Teile verlängert. Thema der ersten Staffel: 2 Brüder, Zwillinge, ungefähr 11 oder 12 Jahre alt, beobachten den verwitweten Vater auf Brautschau und wollen seine andauernden Misswahlen vereiteln. Sie gehen auch ihrerseits auf Stiefmuttersuche und versuchen den Vater (schließlich erfolgreich) zu verkuppeln.

Das war „Eddie’s Vater“ goes GDR! Die Vorabendserie der ARD hat uns alle irgendwie geprägt.

Als die neue Mutter dann gefunden war und die Zwillinge um die 15 oder 16 Jahre, war zu merken, dass ansehenswerter Handlungsstoff fehlte. Zuviel war tabu. (Siehe unten)

Die Schlossarek-Filme wurden viel diskutiert, auch freiwillig von uns 11./12.-Klässlern auf dem Schulhof ohne Lehrereinmischung.

Die Konflikte, die dort angesprochen wurden, waren aktuelle Aufreger des Schulalltags.

Die beiden obengenannten, waren für mich die einprägsamsten. „Der Tadel“ war der bessere.

Eine junge Klassenlehrerin erwischt den Sohn des Direktors bei irgendeinem Mistbau und gibt ihm einen Tadel. Der Film handelt davon, wie die eben noch allseits beliebte junge Frau nun von allen Seiten in die Mangel genommen wird: Den Sohn von Herrn X. tadelt man nicht! Nimm das zurück! Übe Selbstkritik! Überzogene Maßnahme! Usw. Es wird anschaulich gezeigt, wie der Druck wächst, wie allein sie plötzlich dasteht, wie sie verzweifelt, obwohl sie im recht ist. Das Ende ist mir nicht mehr erinnerlich. Die Dauerqual vorher war zu eindrucksvoll – DAS kommt auf dich zu, falls du Lehrer wirst! So scheiße kann das gehen! So sieht er aus, der Bonzenfilz!

„Plantagenstraße 19“ zeigt eine eigentlich brave Jugend-Clique 17jähriger Schüler zwischen Liebelei und Gartenfete, die dabei ist, individuell und unsozialistisch aufzuwachsen. Outfit und Gegebenheiten blieben positiv in Erinnerung. Soweit sie unter sich sprechen, kommt das auch locker rüber. Kaum taucht ein Erwachsener auf, wird’s wieder automatenhaft steif. Auch wurde da bei Feten-Szenen wenigstens Abba/Smokie usw. gespielt und nicht permanent nur Puhdys! Aber dann kommt eben der Herr Arbeiterveteran und beeindruckt die Schüler und biegt alles wieder grade. Immerhin gibt es eine einprägsame Szene, als er einem „Rowdy“ zeigt, wie man die Zündkerze am Moped wechselt.

Er: „Lernt‘mer sowas nicht im UTP?“

Teenie: „Schön wär’s!“

So klein waren die Spitzen, die gefeiert wurden!

Der Unterrichtstag in der Produktion, alle 14 Tage feilen gehen, in einem Großbetrieb der Umgebung, brachte zwar leichtverdiente 1en und 2en, war aber öde wie Hölle.

PSZeitgleich mit „Plantagenstraße 19“ lief auf ARD „Feuerreiter“, das war eine Serie in einer Serie, denn die Rahmenserie „PS“ um Motorisierungsprobleme im Alltag gab es schon länger. Eigentlich ging es da um Väter, die das falsche Auto kaufen oder bei Pannen im Urlaub beschissen werden. Diesmal ging es um ein „Jugendproblem“, in mehreren Teilen. Der Sohn eines Fabrikanten fährt Motorrad und damit er das nicht alleine tun muss, rüstet Papa seine Kumpels mit Mopeds aus. Nun sind sie die coolste Clique der Schule. Aber auch die Knechte des reichen Schnösels, der nun so ein richtiger Rocker-Präsi sein will. Liebeleien, Ausgrenzungen, 2 Boys ein Mädchen, Mutproben, Lehrer-Ärger – voll das Leben. Dachten wir hinter der Mauer. Und soviel lockerer, als die Typen aus der „Plantagenstraße“! Auswertungsstoff für Wochen:

„Da geht der Typ in den Plattenladen und kauft mal schnell die neue Supertramp, für seine Alte, ey!“

„Musste ma bei uns machen. Was nimmst’n da? Monika Herz?“

Totsichere Pointe! Gröl!

Nachsatz: „Nö. Express. Liebling ich verspeise dich zum Frühstück! Ohne Senf und ohne Salz!“

„Oach! Geh weg! Die Schmerzen! Perversling!“

Hatten die genannten Fernsehfilme also wenigstens ansatzweise ein wenig Alltagslockerheit, ging das bei den Kinofilmen richtig schief.

Erwachsenwerden, verliebt sein, Ärger kriegen, siegen oder untergehen, Adoleszenzfilme eben – aber unter Weglassung all dessen, was unseren Alltag eigentlich ausmachte:

Kaum oder gar keine Jugendsprache. Kein bisschen Dialekt. Und wenn, dann nur berlinern. Keine Westmusik. Kein Bravo-Poster nirgends an den Wänden der Jugendzimmer. Keine Fußball-Debatten über Netzer, Müller(1) oder den abgehauenen Sparwasser. Keine Gespräche über Westfernsehen, Kaugummibilder-Kaupelei, Westplattenbesorgung, tagelanges Kampieren am Tonbandgerät, weil gerade Oldie-Wochenende auf irgendeinem Sender war oder der Kumpel irgendein begehrtes West- oder Lizenz-Vinyl vom anderen Kumpel geborgt hatte; was ganz schnell aufgenommen werden musste, damit der Spender nicht merkt, dass die verliehene Platte auf weiteren Plattenspielern malträtiert wurde. Keine verbalen Hahnenkämpfe um irgendwelche Bands. Und keinerlei Witzwelle!

Heikel und hoch interessant wäre auch gewesen, wenn einbezogen hätte werden können, was Tellkamp nach der Wende in seinem „Turm“ berücksichtigt: Da Ossi-Kids nur unzureichend Zugang zu modischem Westkram hatten, machte man sich unverwechselbar mit Überbleibseln „aus guter alter Zeit“: Kollagen aus alten Kaiserzeitpostkarten, Zigarettenbilder-Alben, U-Boot-Fahrer-Memoiren aus Weltkrieg eins usw. Das wurde alles rumgereicht, gelesen, erkaupelt, weitergetauscht… Ober“kuhl“ waren die, die irgendwoher ein „Gott mit uns“-Koppel mit der Kaiserkrone aus dem I.Weltkrieg auftreiben konnten. „Trauste dich, das in der Hose zu lassen und in die Schule zu gehen, mit nur dem Pullover drüber?“ Auf der „Krug 4“, der letzten LP vor dem Weggang, trägt auch Manne Krug eins.

Den Filmen blieben also nur dürftige Klischees übrig. Oder ein Punkten mit Nacktheit.

„Sieben Sommersprossen“ wurde sowas, wie ein Kult, weil sich da ein 16jähriges Pärchen im seltsam steifen Ferienlageralltag kennenlernt und relativ ausgiebig nackt badet. Auf dem Schulhof wurde jedoch „fachmännisch“ beurteilt, warum Nastassja Kinski im „Tatort“ besser aussah.

Mit der Wende in die 80er war es dann mit diesem Abenteuer Jugendfilm im Kino auch vorbei. Die DEFA entdeckte andere gesellschaftliche Randgruppen und filmte deren Probleme. Es gab so eine gewisse Assi-Filmwelle. Sollte wohl deutlich werden lassen: Obacht! Da gibt es so eine Art mentaler Verelendung! Vielleicht war es auch eine Replik der Filmemacher auf zunehmenden Druck von oben: Immer wenn ein kritisches Kunstwerk entstand, war in den einschlägigen Medien zu lesen: „So sehen unsere Menschen nicht aus!“ und „wo bleibt der positive Ausblick?!“ Okay, dachte sich da wohl der ein- oder an der Regisseur und Drehbuchautor, dann zeig ich euch mal eure Arbeiterklasse, zwischen Suff und Hurerei! Und wenn der Film nicht durchgeht, dann stell ich Ausreiseantrag!

Erich, Werner, Margot und ein totgeschwiegener Film

 

BuchDa war mal ein Buch, das keiner las und ein Film, den keiner sah, weil er schnell wieder verschwand – heimlich, still und leise, damals in der Ehemaligen.

Dass die Ehemalige gern missliebige Filme verbot, Regisseure und Schriftsteller regelrecht vertrieb, ist bekannt, aber weshalb traf es einen Film mit staatstragender Story?

Es ging grob zusammengefasst um Folgendes:

Ein erfolgreicher Aufsteiger mit SED-Parteibuch und Dr.-Titel macht 1975 auf dem Weg zu einer Tagung einen Zwischenstopp in einem kleinen Vogtlandnest. Er ist Ende 40, graumeliert und erinnert sich, dass er 1948 hier seine Karriere begann bei einem Großprojekt der frisch gegründeten FDJ damals: Staudammbau. Nun soll ganz in der Nähe diskutiert werden, wie groß der neue Staudamm werden soll, da die Ressourcen des alten nicht mehr reichen.

Der Doktor nimmt sich ‘nen Tag und ‘ne Nacht lang Zeit, die altvertraute Gegend abzuklappern und zu staunen, wieviele alte Mitkämpfer von damals noch hier herum hängen geblieben sind. Sie erkennen ihn wieder, sie erinnern sich gemeinsam an die Tage des alten Schwunges – bis auf einen Bauern, der damals im Überschwemmungsgebiet wohnte und seinen Hof nicht aufgeben wollte. Mit rüdem Ungestüm jugendlicher, weltverbesserischer Naivität wird er beiseite geräumt, „Einsicht in die Notwendigkeiten der neuen Zeit erzwungen“, sein Hof zerstört und – schwupps – steht dem Staudamm nichts mehr im Wege.

Der Doktor kann am Abend nicht frühzeitig zu Bett gehen, also bummelt er durch den Ort und landet im Jugendclub, wo gerade Disco ist, weil ihn eine seiner Studentinnen erkennt und anspricht. Sie stellt dem Doktor ihren Lover vor. Beide Herren sind in der Partei. Alles im staatstragend grünen Bereich. Soweit.

Am Schluss ein Wermutstropfen: Der Doktor trifft auch seine Jugendliebe wieder. Die scheue, schüchterne Hanka. Er war nach Dresden gegangen, um zu studieren. Er hatte sie nachholen wollen. Sie hatte ihn später in Dresden in den Wohnheimen gesucht, aber nicht finden können. Er hat nie geschrieben.

Der Doktor findet auch die alte Zementpyramide im Wald wieder, die sie damals auf einer Kahlschlagfläche zusammengepfuscht haben. Sie hatten ihr eine Inschrift verpasst, die voll in den Zeitgeist des Jahres’48 passte:

„Hier schlug 1948 Satie, unser Brigadier, die erste Fichte. Ruhm und Ehre unserer Brigade“.

Da, wo dann 1948 kein Baum mehr stand, ist 1975 wieder Wald.

Die Pyramide steht bemoost und vergessen abseits des Weges.

(Was für eine gelungene Metapher für den Werdegang der DDR!)

Denn für den „zweiten Blick“ ist da soviel mehr interpretierbar, als dieses simple Märchen von der Bestätigung alter Heldentaten und nun anstehendem Ausbau der entwickelten sozialistischen Gesellschaft.

Ich sah diesen Film anfang der 90er Jahre, als der ORB eine Reihe „verbotene DEFA Filme“ sendete.

Beim ersten Mal gingen bei mir noch nicht alle Lichter an, aber beeindruckt war ich sofort. Zwar: Der allzu hölzern-regimetreue Dr. Satie ist eine Märchenfigur: Nicht richtig Bonze, nicht richtig Sympath, vollkommen unkritisch gepolt, also auch als Endvierziger so lehrbuchnaiv, wie die frisch „umgedrehten“ Ex-HJ-tler der Stalinzeit kurz nach dem Krieg.

DEFA-typisch ist auch diese vergurkte Disco-Szene: Jugend der 70er realistisch abzubilden, ging einfach nicht, das wäre durch keine Abnahme gekommen! Somit kam immer hölzern Aufgesagtes heraus, wenn junge Leute gezeigt werden MUSSTEN, die voll und ganz regimetreu denken, reden und handeln. Denn wir waren ja die „Kader von morgen“! Eben Stabü-Lehrbuchgetreu, aber an der Wirklichkeit vorbei. Für alte Herren, die in Wandlitzer Echokammern wohnen, oder in SED Bezirks- und Kreisleitungen dahindämmern, abgeschirmt von der schleichenden Westifizierung der nachwachsenden Generation, mag normal sein, dass eine Studentin eine Knutschpause einlegt, weil ihr Professor vorbeikommt, ebenso normal ist dann die SED-Mitgliedschaft ihres „Jake’ses“ und die freundlichen Reaktionen seiner Freunde auf den Professor da im Dorf-Club, wenn er ihnen erklärt, wie zufrieden man doch sein kann – im jetzt.

Für die wirklichen Menschen bietet der Film immerhin das kleine bisschen Trost, dass der Doktor kurz zuvor an einer nächtlichen Hauswand vorbeilief, an der gut lesbar „Ketten werden knapper!“ und „I’m free!“ steht. Das muss reichen, denn getanzt wird in der Disco nur nach Puhdys und Halina Franzkowiak! Nix mit The Who oder gar Renft!

1975 – da war doch deren Verbot! Ist die Wand-Inschrift der Grund für das Verschwinden des Films? Die paar Sekunden wären leicht herausschneitbar gewesen – das kann der Grund nicht sein!

Der Film lief ein zweites Mal, ich bekam mehr mit.  Heute kann er HIER/Klick gesehen werden.

Da das aber eh keiner mehr tun wird, hier kommen die Highlights:

  1. Man merkt dem Ablauf an, dass darin herumgeschnitten werden musste, dass die Dramaturgie holpert, dass ein „richtiger“ Schluss oder wenigstens ein Schlusssatz aus dem Off fehlt.
  2. Der Film korrespondiert mit einem Mehrteiler von 1971 „Der Sonne Glut“, dort wurde die Aktion „Max braucht Wasser“, die Rettung der Max-Hütte, des letzten Hochofens der Ostzone durch Staudammbau der FDJ, zur Heldengeschichte. Hier nun wird per Hin-und Herblende zwischen den Zeiten nachgereicht, wie es mit den beseelten Aktivisten von einst weiterging: Da kamen verblüffend wenig Parteikarrieren heraus. Müde gewordene Krieger allesamt.
  3. Dann die unglaubwürdige Discoszene – Keinem Regisseur wäre verziehen worden, wirkliche Jugend zu zeigen, die die Puhdy-Mugge wegbuht und bei Gary Glitter oder Uriah Heep ausflippt. Die den graumelierten „Opa“ anmacht, ob seines Fehlers, hier aufzukreuzen: „Was will’n der Alte hier? Da hat wohl eehner Embryo schupsen falsch verstanden?!“
  4. 1975 war noch Aufbruchstimmung angesagt: Dr. Satie in alt wirkt wie Werner Lambertz, Erich’s Kronprinz, der 1978 so mysteriös in Libyen per Hubschrauberabsturz umkam. Dr.Satie(Somit wurde er zum „Friedrich III. der DDR“, denn ihm wurden nun posthum allerhand Reformideen zugetraut, die niemals kamen.) Hatte ihn Mielke aus dem Weg geräumt, weil er „von der Linie abweichen wollte“?
  5. Der junge Satie 1948 jedoch gleicht dem jungen Erich Honecker anfang der 30er, der freiwillig nach Russland ging und im Ural Magnitogorsk errichten half. Genauso überzeugt, total auf Linie, und nach 45 der FDJ-Gründer und „Jungspund“ hinter den Opas Pieck und Ulbricht.
  6. Honecker war liiert, ja sogar verheiratet, als er Margot Feist traf, sich unsterblich verliebte, auf die SED-Statuten schiss und sich scheiden lassen wollte. Das sah der Vortrupp der Arbeiterklasse aber nicht vor! Scheidungen zeugen von moralischer Unreife. Genossen aber haben stets moralisch einwandfrei zu sein. Vortrupp eben! Ein Heidendebakel hinter verschlossenen Türen! Wie man weiß, setzten sich Erich und Margot durch. – Im Film ist nun dieser Jung-Erich/Satie ebenfalls liiert, lässt Hanka jedoch sitzen, um nach Dresden zu gehen und dort ausgerechnet bei der verrufensten seiner Staudammbrigade zu landen – die Margot heißt. Dieses zwielichtige Zusammenkommen tut seiner Polit-Karriere keinen Abbruch.

Hier liegt mMn der Hund begraben, weshalb der Film schnell wieder verschwinden musste.

  1. Man kriegt gezeigt, wie überall zwischen den jungen Leuten Liebe aufkeimt, aber letztlich bekommt keiner der Akteure den Partner, der gepasst hätte.

Und zu guterletzt gibt es

  1. Ein paar gruslig gute Sätze kurz vor dem Ende des Films:

Baladschin (balla Dshinn = böser Geist) der rückständige Bauer von einst, dem man den Hof demolierte, ist nun ein versoffenes Dorf-Faktotum. Er nähert sich Satie besoffen und hämisch kumpelnd, als dieser auf seine Jugendliebe Hanka wartet:

„Früher hab ich dich gehasst… aber nun vergebe ich dir, Satie. Du siehst in meinem Gesicht das Lächeln des Siegers! Hätte nie gedacht, dass ich mal über euch triumphiere! Konnte ja keiner ahnen, dass ihr euch solange an der Macht haltet. (…) Du bist fertig, Satie. Wie Hanka. Die ist so fertig, wie du…“

Im Suff spricht man die Wahrheit. Die perfekten Outfits von Satie und Hanka sind die Fassade, die bei ihm die Fehler und bei ihr die Wunden verdeckt.

Sie ist am Ort geblieben. Hat seinen Sohn geboren. Wechselnde Verehrer gehabt, unverdient im Geschwätz des Dorfklatschs einen schlechten Ruf geerntet. Satie trifft auch sie, aber viel zu reden gibt es nicht mehr.

Sie verabschiedet sich am Bahnhof von ihm.

„Du siehst blass aus. Bist du krank? Setz dich hin.“

Als er auf der Vorplatz-Bank sitzt, bleibt sie stehen: „Lebe wohl.“

Dr.Satie, Werner Lambertz, der Träger der Ideale, bleibt kränkelnd sitzen und träumt nochmal den Traum von 1948, als sich all die Neulinge bei ihm vorstellten. Als sich noch was bewegte.

Auch den alten Sittenwächtern in Wandlitz, wird nichts anderes einfallen. Sie träumen ihn einfach weiter. Noch 14 Jahre. Und auf der Pyramide wächst das Moos…

Trotz aller gefürchteter DEFA-Dialog-Steifheit ein Klasse-Film!

Die Glorreichen Sieben (DDR-Filme)

Nach der Lektüre des besagten Martin-Buches „Verdrängte Zeit“ überlegte ich: Welche Filme fehlen mir in seiner Aufzählung. Es sind diese glorreichen Sieben:

1. „Ete und Ali“, die erste Filmrolle für zwei geniale Schauspieler: Jörg Schüttauf und sein Konter-Part Thomas Putensen, der leider hinterher die Schauspielkarriere abbrach, um sehr origineller Musiker sein zu können. (2x live gesehen; solo (90er) und mit der Fischer Band (00er) ; grandios!) Drehbuch top, Requisite ist die wiedererkennbare, graue Alltags-DDR; die kritischen Sequenzen werden mit Humor verabreicht. Seh!-ens!-wert! Bis heute!

2. „Die Entfernung zwischen mir und dir und ihr“; auch so ein Film, der zu kurz vor dem Mauerfall das Licht der Welt erblickte und deshalb nicht nachwirken konnte. Lauter unbekannte Neulinge spielen hier junge Leute, die gerade ins Berufsleben einsteigen und zum Beispiel auf die müden Altgedienten im Großbetrieb treffen. Und es rummst in den Dialogen:

„Du da! Runter da! Wer hat das erlaubt! Ich zieh dir die Hammelbeine lang! Welche Brigade? Wie heißt du!“

Die Gerügte im Blaumann auf dem Stapel Eisenträger, deutet einen Bauchtanz an, windet sich das Arbeitsschutz-Haarnetz vom Skalp, schleudert lasziv die Mähne, grinst und säuselt mit Schlafzimmerblick:

„Raten Se doch mal – Frieda – Hock!Auf!“ und entschwebt.

(Für heutiges Publikum bräuchte die Stelle einen Synchronbalken als Untertitelerklärung:

Frieda Hockauf war zu DDR-Zeiten die bekannteste Aktivistin/Bestarbeiterin, die in den Lehrbüchern stand.)

Die Youngsters sehen nicht so abgewrackt aus, wie die Jungschauspieler der späten 70er, die zwar Talent für die Schauspielschule, aber selten Attraktivität für die Leinwand mitbrachten.

3. „Der Hut des Brigadiers“ (1988 einmalig im TV gesehen); der gab auf einer Baustelle in Marzahn all die Misswirtschaft zu, die überall zu greifen war, aber nie in der Zeitung stand. Ein neuer Brigadeleiter, jung, soll die „Jugendbrigade“ aus lauter Mit-und Enddreißigern mit Plauze zu Aktivisten machen. Der abgesetzte 40jährige Vorgänger schaut ihm beim Abrechnen über die Schulter.

„Machst’n da?“

„Bilanz. Geht nicht auf. Wir sind zu schlecht. Ham nüschd geschafft.“

„Na, wenn de SOOO rechnest, kommste nie of 110%. Rutsch ma, ick zeig dir!“ Szenenwechsel.

Es war sprichwörtlich, dass all die Planübererfüllungen in den Zeitungen Augenauswischerei waren. Der Film hätte großes Renommee einfahren können, wenn das ostdeutsche TV-Publikum noch so drauf gewesen wäre, wie in den 70ern; wo alle diese Gegenwarts-TV-Romane Quote machten und hinterher sogar Thema in den Rotlicht-Sitzungen werden konnten. Aber inzwischen guckte alles einfach nur noch Westen. Der Film lief einmal, als ich ihn zufällig sah. Habe nie jemanden getroffen, der ihn kannte.

Bild (22)

4. „Auf der Suche nach Gatt“ (Wenigstens den 1. Teil!); der 2. ist verunglückt, Dieter Mann und Barbara Dittus in Glanzrolle; 50er Jahre Thematik; Aufbauideale und ihre schleichende Pervertierung; dazu ein Horst Drinda als der gute Exilrückkehrer, der nun in Bonzenrolle den verständigen Papa-Ersatz gibt; (aber im Subtext schwingt mit, dass grade diese jovialtuenden Typen in der Regel keine idealistischen Widerstandskämpfer aus dem Exil , sondern Karrieristen ohne Vorgeschichte und somit hintenrum die größten Anscheißer waren.) Er sät ja auch das Misstrauen zwischen die Partner Mann/Dittus. (Dabei wird deutlich, dass jemand, der sich vor KZ und Tod (GULAG wird verschwiegen) bewahren musste, niemandem vertraut und nun auch nicht runterschalten kann, wenn es um Vertrauensprobleme kleinerer Art geht. (Neutzsch konstruiert hier eine idealisierende, Verständnis erweckende Vorgeschichte für eigentlich oft nur fiese Charakterlosigkeit)

Als ich den Film zum ersten Mal sah, war ich erstaunt, dass da eine umfassende 17. Juni-Sequenz enthalten ist. Das Ereignis wurde ansonsten eher schmal-lippig zum „faschistischen Putsch“ erklärt, oder ganz ausgespart. Buch und Film zeigen, dass Neutzsch nach seiner „Spur der Steine“ Querele von 1965, wo er sich gezwungen sah, sich vom Film zu distanzieren, nun lustlos halb zu Kreuze kroch. „Gatt“ enthält sehr interessante Konfliktansätze, die aber alle „verbogen“ werden, damit Buch und Film die „behördliche Abnahme“ überlebten. Das Zeitzeugenpublikum merkt das und weiß, wie es jeweils eigentlich hätte weitergehen müssen. Nachgeborenem Publikum könnte man dergleichen – bei Interesse – in der Art eines Film-Clubs „für Kenner“ zeigen und erläutern.  Wenn kein Interesse vorliegt, hat es aber auch keinen Sinn. Der 1. Teil ist actionreich und i.O.; der 2. Teil erstickt in Parteitagsphrasenmonologen von Drinda und vom 2. Mann der Dittus. Dass sie nach allem, was sie erlebt hat, linientreu blieb, ist einer dieser zurechtgebogenen, unrealistischen Werdegänge. Sie hätte als intelligente Ärztin allen Grund gehabt, zynisch auf den Proletenstaat herabzublicken oder gar von Ausreise zu phantasieren.

5. „Verwirrung der Liebe“ (1957); Annekatrin Bürger und Angelika Domröse in ihren vermutlich ersten Rollen; Studentenwirrwarr um die Partnerfindung: Ein Kerl, eben jene zwei Damen und hin und her unter anderem auf einem typischen Studentenfasching, wie ich ihn anfang der 80er auch noch erlebte. Als ich diesen Film ein einziges Mal zu sehen bekam, kriegte der mich total, weil er meine eigene Studentenzeit heraufholte und zugleich illustrierte, wie das gewesen sein muss, als die Generation meiner Eltern ihre zweiten Hälften fand. Die kargen Storyfetzen, die diesbezüglich aus Eltern, Onkels, Tanten herauszuholen waren, passen 1:1 und die im Film zu sehenden Sofadecken und Häkelkissen kenn‘ ich alle noch!

6. „Heißer Sommer“(1967); Ja! Muss sein! Der Film ist rappelblöde, was die Story angeht. Die Prügelszene haben wir im Sportunterricht in gespielter Zeitlupe nachgefaked und uns beäumelt vor Lachen: Die Faust bleibt immer erkennbar 10cm vor dem Gegner stehen, aber dieser fällt getroffen um. Man ringt miteinander, berührt sich also, spannt aber keinerlei Muskel an. Wie im Film!

Prügel

Die Musik ist Allerweltsschlager; keine Spur von Flowerpower; obwohl – doch, es gibt da so Kuschelszenen im Heu in der Scheune.

Den Film sah ich kurz vor und kurz nach der Pubertät und starrte auf die Beine der Damen. Wo blieben all die hübschen Jungschauspielerinnen später? Die spät70er DEFA hatte einen eklatanten Mangel an weiblicher Attraktivität. Nach der Wende kehrte er als „Super-Illu-Klassiker“ wieder. Jetzt, im gesetzteren Alter, gingen mir auch ein paar dechiffrierenswerte Sequenzen auf.

Eine Jungsgruppe von Abiturienten (Frank Schöbel und Co) und eine Mädchengruppe (Chris Doerk und Co) trampen an die Ostsee zum Arbeitseinsatz mit Erholungsbestandteilen; Lager für E&A. Dort gibt es dann eine Reihe von Techtelmechteln unter Verwendung aberwitzig angepasster Dialoge.

Pärchen im Bootsschuppen:

Er „…und dann ließen mich meine Eltern eine Woche keinen Jazz mitschneiden.“

Sie: „Brutaaaal!“

Publikum: Blödsinn! So’n unterbelichteter Teenie und Jazz! Aber Beat oder Rock ging ja nicht 1967! Dann hät‘s der Film ooch nich‘ durch die Zensur geschafft!

Und auch noch das: Immermal wieder pfeift der Rudelführer und dann stecken alle Typen reflexhaft die Köpfe zusammen, wie ne Fußballmannschaft vor dem Spiel. Bei den Mädchen klappt das so ähnlich.

Publikum: Ach du Scheiße! Das hätten se wohl gerne, dass alles so läuft, wie es sich FDJ-Bönzchen vorstellen! Dieses dressierte Mannschaftsverhalten. Schenkelklopf! Und so blöde würden wir dabei aussehen! Pruuust! „Beule! Feife ma‘! Ich willdch auslachng!“

7. Das Beste kommt zum Schluss: Die Krönung dieser Liste: Willst du wirklich DDR verstehen? Willst du das wirklich? Was da so alles zusammenging und warum nicht „alle“ abgehauen sind, als Berlin noch offen war? Dann gibt es nur eins:

Kult!

„BERLIN – Ecke Schönhauser“ (1957) ab 1965 ebenfalls im Giftschrank und erst ab 1990 wieder zu haben. Jugendgang in Ostberlin; glaubhaft ruppig; Eckehard Schall (Brechtschwiegersohn) in Paraderolle als eine Art von Jim Stark/James Dean (Ost) keine gestanzten Floskeln; der Volkspolizist, der den verständnisvollen Papa Ersatz geben will, wird rüde ausgebremst… kommt den James Dean Filmen erstaunlich – und völlig unpeinlich – nahe.

Das XI. Plenum der SED, das berühmte „Kahlschlagsplenum“, das die komplette DEFA-Produktion aller 26 Spielfilme des Produktionszeitraumes 64/65 verbot, Schriftsteller maßregelte, und „mit dem Je-jeh-jeh und wie das alles heißt, schlussmachte“ – verhunzte die Kulturentwicklung der Republik nachhaltig.

Indianerfilme ab’66 gelangen und wurden „wie durch ein Wunder“ erlaubt. Ernstnehmbare Gegenwartsfilme waren unmöglich geworden. Für lange Zeit.

„Die gewöhnungsbedürftige Parabelhaftigkeit des DDR-Films bleibt manchem ein Graus.“ (M. Martin)

Recht hat er!

Mir.

Der unsichtbare Jubilar

Der 18. Januar ging vorbei. Mit Corona, Trump und Biden. War da sonst noch was?

Das Kaiserreich hatte Geburtstag – und keinen hats gejuckt. Erbärmlich.

Huch! Was will denn der Bludgeon? Isser jetzt auch noch Monarchist?

Nein.

Dass die Hohenzollern nun nicht gerade eine intellektuelle Herausforderung darstellen, beweist ja auch der gegenwärtige „Rechtsstreit“ um diverse Rückgabephantastereien.

Aber man kann es drehen, wie man will: Bismarck gehört in eine Reihe mit Adenauer und Kohl. Ein Politiker mit Gespür für richtige Zeitpunkte.

Er schuf ein Reich, dessen Entstehung überfällig war. Die bürgerlich-liberale Variante war 1848 nicht zustande gekommen, aus mehr oder weniger blamablen Gründen. Dort in der Paulskirche gebrach es deutlich am richtigen Zeitgespür und an tagespolitischem Durchblick. Auf König Friedrich Wilhelm IV. hereinzufallen war ein Armutszeugnis. Österreich-Ungarn auflösen zu wollen ebenfalls, mithin die „großdeutsche“ Lösung ein romantischer Spuk.

Bismarcks „kleindeutsches“ Reich hingegen schuf einen einheitlichen Markt und rettete dem Adel absolutistische Reste, bekam also jenen oft zitierten Januskopf:

Ein Staat mit einem Herrschaftssystem von gestern, aber einer Wirtschaftskraft von übermorgen.

2Mit einem souveränen Kaiser und einem nur von ihm abhängigen Kanzler, aber auch einem Parlament, das frei, geheim und regelmäßig gewählt wird.

Mit einem klaren „Erbfeind“, zu dem es aber gute Kontakte hat, zu dem man gern reist, mit dem man Austauschschüler, -professoren und -studenten wechselt, gegen das man aber rüstet und sich schließlich auch kolonial in die Quere kommt.

Ein Reich, das viele außenpolitische Konflikte lindert und letztlich doch vermeidbar ungeschickt in den I.Weltkrieg hinein „schlafwandelt“(Clark), um unterzugehen.

Alles futsch? Überwunden? Wieviele Partikel dieses Reiches haben überlebt?

Da wäre zunächst ein bissel Symbolik, wie das Balkenkreuz und die Dienstränge der Bundeswehr und der inzwischen arg abstrahierte Bundesadler zu nennen, das Bundesverdienstkreuz hat eine „verdächtige“ Ähnlichkeit mit dem „pour le merite“; die Grenzen der Bundesländer blieben konstant (mal mehr, mal weniger), die Parteienstruktur; die Parteienvielfalt im Reichstag; das Bürgerliche Gesetzbuch (minus einiger modernisierter §en); städtebaulich heute schwer gesuchte Altbauwohnungen hinter Historismus-Fassaden, ein Trend – der von Riga bis Oslo kopiert wurde; Bauverordnungen, Richtlinien zur Immobilienpreisermittlung, Soziales Netz, Standesämter, endlich ein Staat mit einer Verfassung!

Hygienemaßnahmen, kanalisierte Großstädte; Schutzimpfungen, Chemieindustrie (als erster Staat), Lokomotiven kaufte man in den USA oder bei Borsig in Berlin; Stahlherstellung; Stahlgießerei, Patentweltmeister; Automobil- und Luftfahrtpioniere massenhaft.

Aber da ist auch das hier:

Der heute so koreanisch anmutende Militarismus:

Parademarsch, Monokel und Telegramm-Sprech. „Beim Leutnant fängt der Mensch erst an!“, „Wo gedient?!“, „Hip-Hip-Hurra!“; die Karikatur des „Über-Preußen“; verstärkt durch viele unglückliche Redebeiträge des letzten Kaisers; einer frühen Trump-Version eines Nicht-Politikers, den es an die Spitze verschlug.  Standesdünkel. Landwirtschaft auf Gutsherrenart.  Prüderie und gottesfürchtige Heuchelei. Drill statt Erziehung. Automatenhaft herandressierte Abläufe für alle Lebenslagen. All die Diederich Heßlinge, die dieses System gebar.

Aber schau dir irgendeine englische Fernsehserie über das viktorianische Zeitalter an, und du wirst sehen: Alles wie bei uns. Except the Kaiser-Role.

Wer diese negativen Bestandteile, aus heutiger Denkweise heraus, nassforsch in die Tonne treten will, und rigoroser „Cancel Culture“ das Wort redet, der offenbart sein fehlendes Einfühlungsvermögen in andere Zeiten und sehr oft fehlende Faktenkenntnis.  Diederich Hessling 2.0. möchte man meinen. Oder Ansgar Moraleimer sozusagen. (Ein Buch, das noch zu schreiben wäre.) In den 50 Jahren zwischen 1840 und 1890 hatte sich mehr getan, als in den 500 Jahren zuvor. Das muss erstmal verkraftet werden. Da werden epidemische Anmutungen von Größenwahn auch erklärbar.

In welchen Taumel gerieten Millionen Ostdeutsche 89/90 über „das kleine bisschen Wiedervereinigung“. Wie groß muss dann erst der Taumel 1871 gewesen sein, nach 3 gewonnenen Kriegen, eine seit 1815 herbeigesehnte Frage endlich gelöst zu sehen?

Schon gut, schon gut – Süddeutschland mag die „Preiß‘n“ nicht, aber auf Seiten der Sieger von 1870/71 wollten sie schon gewesen sein.

Nationalismus war nie Nationalsozialismus – und europaweit vorhanden. Kolonialismus war eine Krankheit der Zeit, die sich nie rentierte, aber exotisch bebildern ließ; überall in Europa, auf allen Weltausstellungen. Und für die „Landnahme“ in Afrika hatte man das amerikanische Vorbild adaptiert: „Westward ho!“ Massenmord inclusive. Siedlungsland für Auswanderer; nur wollten da gar nicht so viele hin, wie in die Prärie.

An den Massenmorden in den Kolonien gibt es nichts zu relativieren. An den gegenwärtigen Zahlungsforderungen schon, „weil über die Jahrzehnte bereits Millionen D-Mark an die Regierungen Nambias geflossen sind, aber nie bei den Herero ankamen.“ (Joschka Fischer; Außenminister 2002) Dass man nach Dr. Carl Peters, Trotha und Leutwein, (den deutschen Lord Kitcheners) heute keine Straße mehr benennen sollte, versteht sich von selbst. Die vorhandenen umzubenennen, ist durchaus überfällig. Dass man jedoch mit Gustav Nachtigall genauso verfahren möchte, ist blödes Dilettantentum. Niemand, der eine Biografie von ihm gelesen hat, würde ihn mehr als „Herrenmenschen“ sehen.

Es gäbe da so einige unserer (weißen) „Afrikaner“, auf die sich stolz sein ließe. Hauptmann Franke von der Schutztruppe Südwest (ein „Neger-Versteher“); Emin Pascha, der jüdische Arzt, der zum Vorbild für Karl Mays Krüger-Bey wurde; Heinrich Barth, der erste Europäer, der Timbuktu sah; Karl Mauch, der Entdecker der Hochöfen von Simbabwe; Hans Meyer, der den Kilimandjaro bestieg; das wären durchaus gegenwartskompatible Leute ohne „Schaum vor dem Mund“.

Allerdings verwendeten auch sie zeittypisch das N-Wort in ihren Reisebeschreibungen, ohne an heutige lexikalische Gebrechlichkeiten zu denken. Komisch? Die amerikanischen Universitäten, die heute mit all diesen Wortverboten hausieren, hätten ihnen damals sogar noch „Nigger“ zugestanden! Da sie dies stets vermieden, waren sie ihrer Zeit voraus!

Es gäbe da also so allerhand in Dokus zu verwursten, in Serien zu verarbeiten oder in alten Romanen zu entdecken. Oder in neuen zu beschreiben. Gerhard Seyfrieds Roman „Herero“ von 2003 ist brilliant! Aber? – Wen juckt’s?

Wir ham‘ uns alle lieb und pfeifen auf die Vorzeit!

Märchengläubig geprägt werden unsere Nachfahren staunen müssen, was sich da demnächst so alles wiederholt. Momentan erstmal die Völkerwanderung. Aber Kiew 2014 – das war durchaus wie Agadir 1911.

Bismarck wollte nie an den Hindukusch. Er erklärte Deutschland für „saturiert“ und musste doch widerwillig diesen Lüderitz „retten“, der da unten 1884 eigenmächtig Land „erworben“ hatte und nun in Bedrängnis geriet, als die Engländer Lust zeigten, ihre Walfisch-Bay im heutigen Namibia zu erweitern. Man konnte nicht überall kneifen. Der neue Staat musste zeigen, dass man Investitionen seiner Landeskinder schützt. Dass man dabei aber auch nicht zuweit gehen wolle, zeigt der Helgoland-Vertrag, den Bismarck noch anschob, aber bereits sein Nachfolger ratifizierte. Da wurden Sansibar und reichlich „Festlandbesitz“ in Uganda, Kenia, Südsomalia der Queen überlassen. Seine Rache an der Eigenmächtigkeit dieses Peters, der partout die Engländer in dieser Region wuschig machte. Die Medien tobten! „Ein Inselparadies vor Afrika für einen Mövenschiss in der Nordsee!“Bild (22)

Millionen warteten ungeduldig auf den Abgang des „Eisernen Kanzlers“, der ihnen zu milde geworden war, die Zeichen der Zeit des Imperialismusses nicht verstand, die Weltgeltung verschlief. Der junge Kaiser versprach mehr „Action“. Sein „Neuer Kurs“ wurde herbeigesehnt! Der überheblich auftretende D-Mark-Deutsche der Zukunft war im Entstehen. Noch fuhr er Droschke daheim, bald schon Panzer im Ausland, und hinterher Käfer, Opel oder Ford(Leihwagen) an den Urlaubsküsten Osteuropas. Und diese Zeit hat uns nichts mehr zu sagen? Echt jetz‘?

„Ich habe dieses Volk in den Sattel gesetzt. Reiten wird es schon können! …(dachte ich einst)…Aber dieses Volk kann einfach nicht reiten.“ (Bismarck; Erinnerungen)

Er sollte Recht behalten.

Prost! Auf den alten Zyniker von Friedrichsruh!