Bilanz 2022

(Der Kronkorken fliegt ins Zimmer. Bierglas. Flasche. Gemütliches Glucksen einlaufenden Bieres. Reverend Bludgee nimmt Platz an der Hopfentulpe. Die Pupillen verraten wie jedes Jahr deutliche „Vorglüh-Effekte“. Er nimmt einen tiefen Schluck und beginnt die Jahresendpredigt:)

So. Da bin ick wieda. Pröstaken. ( Rülps.) Schenkda wat ein und jenießet, wenn ick dia die janze Scheiße von jetze nochma aufbereiten tu.

ßwee-ßweiun–ßwansüsch. Sprich ma dette mit ßwe-drei inne Bierne!

Rülp! Kunststück.

Allo watt hattma da so:

Febra der vierunzwanßüschste. Olle Putin dreht dursch!

Globalstrategüschet Denken wa abso foat vadechti!

Uasachnkenntnis jehöad süsch nich!

Wennste dia anne Schule a-innan tust, weil de da ma Abitua jemacht hast, ßu ßeiten, wo det noch knüfflüsch jewesn wa, also so richti‘ ohne Einzelfallhelfa, ohne Frang so inne Art: In welsche Hand is die Nuss – und hia noch ne Hilfestellung –

Also wennste so’n richti altmodüschet Abitua haben tust: Denne weeste ja och, det et füa Krieje Uasachn und Anlässe jeben tut und det det nüsch det selbe is.

Abba nützn tutet nüscht. Man juud, dette die Zocka-Youngstaz det janüsch wissen wolln.

Minecraft- Malle -und Helene. Fertüsch is da Le’msplan.

Die Ulkus-Minista-Komfrenz rüschted sich nach. Wean Taschnrechna sein eigen nennt, kann ab sofoat Mathe untarüschtn! Det is Bereicharunk des Schulalltags – du’sch Le’mspraxis, do!

Det allet, wat Scheiße is, nu Bereischarunk heesn tuhd, wissma ja mittlaweile.

Hat süsch ausjeDichtat und jeDenkat. Nu sümma bloß noch Couchpotatoe-Russlandbesiega und Untajangsbestauna. ßuhause inne Restwärme. Wehand unse Kinda inne Jalerie an de Jemälde klehm.

Dabei: Dritta Weltkriech jing ja jrade so an uns vobbei. Olaf sei Dank! Die Schuld da Jrün isset nich. Und bei FDP und ßee-dee-uhhh da trappeln die Rüstungsmarionetten mitti Hufe.

Wie hießa, der Ölkopp mit det schümmliche Dach, der nu wieda in fast alle Talk Shows sitzn tut und of Eisenbeißa macht? Oda det Kanon’n-Bärbel vonne FDP. Den Rüschtijen Nahm kannick mia nich meakng, vollständi; ßu lang. Die heest n bissel so wie der dicke Hesse, vons Fehrnseh damals, der mitti Nonn’n, der schon lange tot is. Weeste?

Wia in Ostn jelten füa die Westschreiba-Clique als Putin-Vastea, vons wejen unse Freundschaft zua Soffjetunion. DSF und so. Füa Hambuga ßEIT-Schreiba fängt Sibirien ja glei hinta Lübeck an, do.

Dett is nua eehna von die Witze von dies Jah‘! Det wia det Ukraineding so kritisch sehn und of Vahandeln setzn tun, det is ne reehne Angstaffahrung: Wir hattn die Iwäner da – füa 40 Jahre! Und ßuvoa hatte ja och allet von Endsiech gefaselt! Anno 1942 hätt‘ süsch det noch keena träum lassen, wie et denne kam.

Wia hattn doch keene Kontakte ßu die, wie ia ßu eure Cowboys! Wia hattn nua die Kasern und die zaranschdn Wälda und jedes Jah‘ an jedn Standoat ehn Muschik-Amok. Und hintahea imma det Jelüje, inne ßeitung, det anjebli jaah’nüschd wa.

Ick will eimfach keene Russn of Daua in meine Nähe! Die lüjen politisch wie jedruckt. Und privat saufm se dia allet weg. Die biejen süsch ümma ihre Jejenwaad mit Wodka ßurescht und wenn de nüsch übaßeugt bist, denn musste Maul halten oda kämpfm. Die ham keene Mitte. Ümma mitn Kopp dursche Wand – oda winselnd inne Ecke. Is mitti Ukrainer, also die Kleen-Russn, jenau det selbe. Kiek dia an – Melnyk un Co. Die ham ehn Deutschlandbild von neunzehn-einunvörtzüsch! Die wollten uns doch pausenlos kriechsgeil quatschen.  Und nune? Solln da rauskomm nach 5 Jahre Kriech? Die valian jrade ihre Restintellijenz. De bestn sin tot oda in Ausland und wat bleibt üba? Anbaujebiete füa Monsanto reschpektive Baya. Brauchst ja bloß ne Handvoll Muschiks – füa ßum Trecka fahn.

Olle Himmla hatte damals och so jetönt, von „Hauptsache der Panzajrahm wiad fertüsch“ – und so.

„Paa‘ lassma übrüsch, vons wechen Hilfskräfte un’so.“

Hamse inne 30ga inne Schdaatn drühm jo oach so jemachd: Weg mitti vieln Farma inne Prärie: Ab nach Kalifornjen Orangschen pflückn! Und denne mit Radlader un Mähdrescha rüba, üba die Brettabuden von die Wegjesiedelten drüba weg. John Steinbeck: Früchte des Zorns. Deschawüh saach ick dia. Deschawü Ost. Nüschd jeleand!

Aba et wa ja noch mea dies Jahr:

Ostsee. Bumm! Drei ma‘! Saachd dia det wat? Drei Rohre von vier. Klaa: Egon, Benny, Kjeld. Die Olsenbande sprengt die Erdölleitung! Ejon hatte ehn Plan: Wea det machd, is hintahae Millionär! Inne ßeitung stand hintahea reeneweg allet: Wie kaputt, welscha Sprengstoff, in welche ßeit et wa. Bloß keene Hinweise, wea det jewesen sein könnte. Det fällt of! Normalaweise hättnse ja die Eidentitikaa’d von de Teta unta Wassa finden müssen, wa ja bishea imma so. Aba dachtn se süch: „Dies’ma ßu auffälli! Lassma ma weg.“

Na und nu hamm wa den Scheiß. Frian füa die Oligaa’chen. In Ost unn in West. Allet wie ümma. Die Kleen müssn bluten und die neue Indentantin vom RBB kassiat bereits Mietßuschuss. DIE muss nüsch bis März wa’ten!

Muss ja ooch. Is als Voa-ßimma-wauwau von Olle Burow einjesprung, als et die rothaarije Domina da in Berlin ßu weit jetriem hat. Da musste denn die Neue fix ma von Köln in’n Ostn, die Struktuan retten. Die hatte beim Schingschangschong valoan. Wer jeht heute schon jerne na Ba’lin!

RBB. Ja dette wa nu aba übafälli, dette endlüsch ma auffall’n tut, wat bei die Schnarchsäcke vonne ARD und ßedd-deh-äff so allet schief loofd. Det Politbüro von die hat süsch blamiat bis offe Knochn: Korrupte Maximaljehälta fü keene Leistung, Versai’Baupläne, Luxuskutschen, Supa-Renten füa hintahea – – – und jamman, det det Jeld nüsch reischd. Wie ßum Beweis füa ihre Ideenlosi’keit: Wetten das.

Det issnu det Heileid vonne Öfis. Ne Idee von Amfang 80a! Den Jottschalk, den schicken se noch mit Rollator offe Bühne. Und die Hunzicka, det is jradeßu märschnhaft, wie die aussehn tut, bei det Alta! Machen die det insjeheim wie damals bei de Gräfin Bathory mit der? Botox jedenfalls scheint et nüsch ßu sein.

Watt hattma noch:  Mutti Giffey von Ba‘lin. Staunt se, det die Wahl nu doch nochma jemachd wüad. Zackeriern die da ßwe volle Jahrö, ob nua die lokale oda och die füan Bund neu muss. Letztaret wea schleschd füa Olafm und füa uns, wejen die Kriegsjeilheit von die andann Politkaspa. Ba’linwahl is ßwanzüscheinunßwansüsch ja abjeloofm wie inne dritte Welt: „Wahlßettl hamwa nüsch, komm vülleisch noch, hamwa vawechselt, hia sinn noch paa von vor vier Jahrn“ – und anstatt se glei stop sachn: „Allet noch ma von voane drei Monate speta“ – müssn erst alle Instanzen beschdetüschn, dette det ne Wahl wa, wie in Somalia, failed state, aba nich wie inne jefestüschte Demokratie, die ümma allewelt beleahn duud, do! Greifsta an Kopp!

Und ßum Schluss nu noch Weihnachtdsfußball da unten bei Hatschi Halef. Nua Kamele gucken ßu. Quoten in‘ Kella. Berechtüchd. Det isja son Spoatfest wie anno’36. Systemputz. Noch ja nüsch lange hea, da knieten se süsch alle hin voam Anfiff. Und denne wollten se die Ungaa’n aßiehn – in Deutschland bei de EM. Rejenbogen und so. In Richtunk Rosa von Praunheim, VMCA, Männabalett in Eanst – so ditte.

Bin ick ja oach füa. Hab ma dies Jahr janz fülle Richie Blackmore und Dio jejehm: Long live Rock an Ro-holl! Rejenbochn, vastehste?!

Na und nu kicken sä würkli da unten – at „the Gates of Babylon“. Naja, bissl weita weg. ßweistromland direkt jeht ja ooch nüsch. Is ja ne janz labile Ecke da. Wea hat den’n noch ma Demokratie erkleahd? Na lassen wa dette ruhn. Wollma och nüsch mehr so jenau wissen. Riskant.

Jedenfalls wissma seit neuli, wie ma Menschnreschte stoppm tuut:

Vahaften? Nö. Aschießn? Nö. – Die Antwoat is fülle Resorßen sparenda: Mit ne jelbe Kaa’te! Zack – is die Kuraasche daun im Poppo! Schon lassen et die Heldn bleim. – Olaf! Merk dir!

Wenn die Faxen vonne EM damals eschd jemeint waa’n, denne müsstn se knall und fall abreisen. Oda süsch wat subvasievet einfalln lassn:

Könntn ja n rosa Jummihandschuh übaziehn bei’s Spiel. Oda mit rosa Schuhe offloofm. Oda wenischsdens mit rosa Stränchen inne Haare, Lidschatten wie Jagger – Männakuss bei jedet Toa. Aba: Brauchsde Fantasie füa. N knappet Gut die Daache.

Hand voam Mund füa Mannschaftsfotto – is och bissl watt. Bessa als wie jaa‘nüschd.

So. Binick dua’ch jetze.

Nächsd Jah bleibtet – oda et knallt richti‘. Wollma s ma nüsch hoffm. Beten Se mit!

„Lieba Jott! Vagiss uns nicht. Et wa jetz jenuch Scheerz.

Näschsd Jahr wenja fürchtalich, schütz uns voa Kanzla Merz!“

Amen.

Prösterken. Rülp.

In diesen Sinne: Jutn Rutsch, Jemeinde – trotz alledem.

Über Menschen

Juli Zeh – zum zweiten.

Sehen wir es zunächst mal so:

„Jeder lebt doch in seiner Welt, in der nur er den ganzen Tag recht hat.“

Einer der vielen schönen Sätze aus „Unterleuten“, von Juli Zeh. Einem feinen kleinen literarischen Meisterwerk mit allerdings grob plötzlichem Schluss.

Ich mag das Buch sehr, weil das Figurenensemble mir bereits komplett begegnet ist.

Meine Lobeshymne findest du hier.(klick)

Das Folgende wird keine.

Es gibt die Binsenweisheit, dass man sich vor einem Zweitwerk desselben Künstlers hüten sollte, wenn es nicht besser werden kann. Dummerweise hab ich mich nicht daran gehalten und Juli Zehs „Über Menschen“ nun tatsächlich auch noch durchgelesen.

Hier kommt MEIN Leseresultat. Solltest du, lieber Leser, noch vorhaben, dieses Buch lesen zu wollen: Spoilerwarnung!

Während „Unterleuten“ als -neudeutsch- Hardcover-Ausgabe mit Schutzumschlag seinen Platz in meinem Bücherschrank sehr zurecht behalten darf, ist „Über Menschen“ ein Fall für die blaue Tonne. Aus einer Vielzahl von Gründen.

Vor allem fehlt mir der durchaus wichtige Untertitel:

Ein modernes Märchen aus einem Brandenburg, wie es sein könnte, aber nicht ist.

Das Positive zuerst:

Mir gefällt Frau Zehs Schreibe. Eigentlich. Gekonnter Mix aus Witz und Melancholie. Zügige Dramaturgie mit Überraschungseffekten; wechselnd mit inneren Monologen der Hauptfigur über Gott und die Welt, die mich eigentlich immer heftig Zustimmung nicken lassen.

Das gelungenste Beispiel dieser Art befindet sich in diesem Buch auf Seite 218 (Taschenbuchausgabe) im Kapitel „Sadie“, das von einer jungen Alleinerziehenden handelt, die Dora lakonisch ihren schier grauenhaften Alltagsrhythmus beschreibt. Sie ist im Plot die einzige, dem Leben abgelauschte, wirklich realistische Figur.

über menschen

Das ist wirklich einrahmenswert! Aber dieser Problem-Ansatz wird unbearbeitet liegengelassen. Er ist nichts weiter als eine Möhre, die den Leser bei der Stange halten soll: Mal sehen, ob dazu im weiteren Geschehen noch was kommt.

Soweit Seite 218. Das Buch hat jedoch 420. Und die sind bevölkert mit einem seltsamen Panoptikum von Typen.

Grundkonflikt ist der zwischen Dora, der Zugereisten aus Berlin, und Gote dem Dorf-Nazi in Bracken/Prignitz, der immer mehr in eine Mitleidsrolle hineinmanövriert wird, da er als unheilbar krank (im medizinischen Sinne) Hilfe braucht.  Aber der Reihe nach:

  1. Die vermeintliche Unerhörtheit des Problems: Ärztliche Hilfe für ein verzichtbares Subjekt der Gesellschaft – ist nicht neu, sondern „geklaut“ aus Merciers „Nachtzug nach Lissabon“. Dort hat ein Arzt in Portugals Diktatur-Epoche vor 1975 das Problem, den schwer verletzten Chef der Geheimpolizei, also den obersten Folterer, auf dem OP Tisch vorzufinden: Soll er nun retten oder einen „Kunstfehler“ begehen? Hypokratischer Eid – gilt der für alle?
  2. Dora und Robert in Berlin – das ist das Protagonisten-Paar der Ausgangslage, scheinen einer Tele-Novela Marke GZSZ oder „Anna und die Liebe“ entsprungen. Somit schreit der Roman von Anfang an: Verfilmt mich! (Was durchaus zu befürchten ist.) Die beiden sind Klischee pur. Sie Werbefachfrau, er Journalist mit Erlöserwahn: Greta Thunberg Fan und überalterter Fridays for future Maniac: Also beide (Ironie an!) umtriebige junge Erwachsene, voll ausgelastet und topverdienend, dabei ja soooo flexibel, und sich nur von internationalen Delikatessen ernährend – puhhh! (Ironie aus!)
  3. Dora trennt sich von Robert und zieht ins spontan mal schnell gekaufte Gutsverwalterhaus in der Prignitz. Also allein in ein kleines Gutshaus, jahrelang leerstehend, mit 4000 qm dazugehörigem Flurstück – ein ehemaliger Kindergarten, der gleich nach der Wende schloss. Das Ding ist heruntergekommen und weitgehend ausgeräumt. Die Nachbarn rennen ihr hilfsbereit und unentgeltlich die Bude ein, roden große Teile des Grundstücks und malern. Wie die guten Dshinnies aus der Flasche! Ich dagegen habe in 33 Jahren Nordbrandenburg 3 Fälle mehr oder weniger dramatischen Unterganges von Wessis im „Ostbusch“ aus nächster Nähe miterlebt. –
  4. Das Gutsverwalterhaus an sich ist einen Extrapunkt wert: Es entpuppt sich, wie bereits erwähnt, als der ehemalige Kindergarten, der nach der Wende schloss. Restmobiliar ist zwar vorhanden, aber keinerlei Kindergestühl oder tief angebrachte Kleiderhaken. Keinerlei Kindertoiletten. Sodass Dora erst weiter hinten im Buch im Gespräch erfährt, wie das Haus vor dem langen Leerstand genutzt wurde. Jedoch kurz vor Ende des Buches duscht sie (nach Rodungsarbeiten auf ihrem Flurstück) ausgiebig in eben jenem Ex-Kindergarten. Wo kommt die Dusche her?
  5. Tom und Steffen, ein schwules Männerpaar, ist nun vollends Klischee überlastet. Beide sind sowas wie die Investoren im Kaff. Denn sie haben eine Art Trockenblumen-Ranch in der sie Gestecke, Kränze usw. herstellen und „Erntekanacken“ beschäftigen, die sich als Erasmus-Studenten herausstellen. Tom ist ein sarkastischer kampfbereiter Macho, der dem Dorf-Nazi wortgewaltig Paroli bietet und mit „paar Typen“ droht, die er in Null Komma nichts zusammen kriegen würde, um ihn platt zumachen; während Steffen, nebenberuflich Kabarettist, an einem ziemlich platten Anti-Nazi-Programm arbeitet. Beide wurden in der Vergangenheit wiederholt Zielscheibe von Gotes Ausfällen, switschen aber nach einem entlarvenden Wutausbruch von Dora um und sponsern ein Dorffest für den kranken Gote, um ihm kurz vor dem mutmaßlich baldigen Ableben noch die Versöhnungshand anzubieten. – Wie aus dem wirklichen Leben gegriffen! Ironie aus.
  6. Nun aber zum kranken Dorf-Nazi selbst: Der bei Mercier entlehnte Grundkonflikt ist an und für sich eine gute Idee, aber in Bezug auf Dora und Gote lausig umgesetzt.

Gote stellt sich eingangs ziemlich aggressiv vor und bezeichnet sich selbst als Dorf-Nazi. Reflektierende Selbstironie ist das also nicht. Dann zeigt er sich plötzlich märchenhaft hilfsbereit gegenüber der Zugereisten, an der alles „grüne Wessi-Tante“ schreit. Dann singen er und zwei Kumpane das Horst Wessel Lied. – Aber darüber hinaus unterläuft ihm im Alltagsgespräch kein weiteres Nazivokabular! Er singt und pfeift ungefährliches Liedgut, niemals Rechts-Rock! Er besitzt auch als ehemaliger 90er Jahre Skin keine einschlägigen Landser-CDs! Er hat Knast hinter sich und meidet sein eigenes Wohnhaus, will also irgendwie mit seinem früheren Leben nichts mehr zu tun haben. Er wohnt deshalb im Wohnwagen im Hof. (Weib und Kind sind „damals 2017“ nach Berlin geflohen, als er „einfahren musste“.) Dann steht er aber doch wieder besoffen vor dem Haus von Tom und Steffen und brüllt erwartbare Botschaften in deren Fenster. Nur weil der Tumor drückt? Soll das „Reflektieren mit Rückschlägen“ bedeuten?

Als Ex-Knacki hat er Ämterscheu. Er ist also nirgendwo gemeldet, bezieht kein Hartz IV und hat keine Krankenversicherung. Handwerklich geschickt schlägt er sich nach eigener Aussage „ebenso durch“. Hat also durchaus Beziehungen in Dorf und Umgebung. Bekommt auch problemlos den Ahornstamm für sein Schnitzwerk. Wozu dann das Dorffest „für einen Gemiedenen“, der doch gar nicht gemieden wird?! Dora, die wegen Corona gerade ihren Job verlor, und die nun die Kreditraten für ihr Haus drücken, bezahlt für Gote die Kortison-Tabletten, die ihr Vater (wundersamerweise rein zufällig Hirnchirurg) per Privatrezept verschreibt. Purer Realismus! Noch besser wäre Crowdfunding unter Prignitz-Bauern gewesen. Sarkasmus aus!

  1. Last not least bliebe noch Franzi zu erwähnen, die 10jährige Tochter von Gote. Auch hier Klischee en masse. Ein pflegeleicht an- und ausschaltbares Kind, das man braucht, um die Leserinnen (west) bei ihrem Pippi Langstrumpf Kindheitssyndrom zu packen. (Dora spricht die TV-Serie ihr gegenüber direkt an.) Franzi lebt eigentlich mit ihrer Mutter in Berlin. Wird aber scheidungstechnisch in den Ferien dem Vater überlassen, obwohl der sich fast gar nicht um sie kümmert. Sie aber fühlt sich hier befreit vom Berliner Schulmobbing und schwärmt von ihrem Papa, obwohl sie alleine in ihrem Kinderzimmer im Wohnhaus schlafen muss, in dem noch der Dreck von 2017 liegt. Auch sie hat in ihrem bisher 10jährigen Dasein rein gar nichts faschistoides von ihrem Papa aufgeschnappt, was sie nun irgendwann zum Besten geben könnte. – Leute! – Seufz.

Was also will mir dieses Werk nun mitteilen? Die Welt ist gut, wir ham uns alle lieb? Und das in diesen Zeiten? – Die Gesellschaft zerspreiselt sich gerade in immer kleinere Nischen-„Komjunitties“, die sich unversöhnlich betwittern! Wir bewegen uns rasant in eine dysfunktionale gesellschaftliche Dahinvegetiererei nach US-Vorbild – die Ex-DDR und Niedersachsen als „Fly over States“. – Und da soll mich dieses Buch nun was genau lehren? Dem Assi von nebenan die Beerdigung zu bezahlen? Da sei Prora vor! Dem zugereisten Wessi den Vorgarten zu mähen?

Es widerspricht (bis auf das „Sadie“-Kapitel) allen meinen Erfahrungen und Beobachtungen in 33 Jahren Restpreußen!

Weg damit!

Weiter mit Heyse, Spielhagen, Zobeltitz & Co!

Amen.

André – der unvollendete Rebell

Aufbau-Verlag 2021.

Mir voriges Jahr völlig „durchgerutscht“: André Herzberg „Keine Stars“.

Oder einfacher: DAS Pankow-Buch!

rebelrebelManchmal kommt mir auch mal was Neuzeitlicheres in die Finger – ja und mit Pankow verband mich ein Jahrzehnt lang ein besonders enges Band. Da lass ich sowas natürlich nicht im Laden stehen!

Herzberg wär‘ gerne Johnny Rotten, Ian Dury oder wenigstens der Jagger gewesen und ich wäre gerne wie Herzberg gewesen. Damals.

Der schrie es raus!

Die Dumpfheit, die Idiotie der Mauerjahre!

Der litt an der Gängelung wie ich!

Und wir beide waren damals nicht allein! Gleichgesinnte gab es zuhauf! Daher der Zustrom in die Pankow-Konzerte: „Alles Scheiße! Ob in Nord, Ost, Süd oder West!“

„Plötzlich rockt es und rollt es in mir: Ey Alter! Komm aus’m Arsch!“

Als ich „Paule Panke“, das Rockspektakel zum ersten Mal live erlebte, ging die Sonne auf!

Allen Überdruck der Jahre, die EOS-Gängelei, die „Aschezeit“ in Prora konntste da rauslassen!

Pogo in Togo im „Jörgen Schmidtchen“ in Leipzig, in der Messehalle, in der BaHu … Paule Panke rocks!

„Heute ist Freitag! Heute passssiiiiierts!“

Ja, was eigentlich? Sex. Okay. Und sonst?

Heiser gegrölt, Muskelkater im Nacken, sitzt du am nächsten Tag wieder im Hörsaal – oder auch nicht. Zum Studentenleben gehört auch mal ein Entspannungsvormittag im Antiquariat. Der Staat wird’s verschmerzen…

„Doch das ist uns egal! Wir wollten endlich mal! Egal-egal!“

Und nun gibt’s das alles auch als Buch:

Das Zeitkolorit, die Songzitate, die Gängelei und die Wut…die Wut…die Wut!

„Es führt doch zu nichts, mit ihnen (Kulturfunktionären) zu diskutieren. Jürgen übernimm doch mal, dachte ich. Bloß meine Wut nicht zeigen, Nebel steige auf in mir. Ich konnte froh sein, dass wir überhaupt am Paule Panke arbeiteten. Immer wieder kam die lähmende Diskussion, wie optimistisch der Paule zu sein hätte.“

und

„Die Kunst, das Unmögliche, das Brutale, das Ungeheuerliche als menschlichen Witz zu zeigen, als Poesie, das war das Maß. Es war auch meine Geschichte, ich hatte auch Schule, Lehre, Armee erlebt. All das steckte in unserem Paule Panke. Es war nicht nur Wut darin, auch Hoffnung auf Größe, Stolz, den Kopf heben, Liebe zum Leben. Freundlichkeit. PANKOW hatte lange daran gearbeitet.“

In „Keine Stars“, dem Buch, erstehen die 80er wieder so auf, wie ich sie erlebt habe: Um dich rum ist alles Murks. Du suchst dir deine kleinen Freiheiten: Er auf der Bühne und im Applaus. Betäubung im Unterwegssein und sich feiern lassen. Ich in Plauen, beim Kauf von „Dröhnstoff“ (Westvinyl) auf dem Schwarzmarkt.

Die meisten Sitzungen nimmst du hin, weil in dir freiheitliche Klänge wabern, während vorn am Katheder mal wieder irgend so ein Nachtwächter vom „jesetzmäß’chn Siech des Sodsjalismus“ schwafelt.

„Das Zauberwort heißt Rock and Roll! Vom Blablabla hab ich die Schnauze voll!“

Er versenkt sich in seinen Phantasie-Nebel, den ihm die lebenslange Depression beschert, denn er hat auch noch einen komplizierten Packen Familiengeschichte zu schleppen und seine Eltern waren „eins mit dem Staat“ und konnten ihm somit keinen Schutzschild einbläuen, den wir andern millionenfach mit der Muttermilch vermittelt bekamen: „Das sagste aber nicht in der Schule! Hörste!“

„Nebel, Nebel, wann! Gehstdu! Endlich weg?! Wann komm ich endlich wieder aus’m Drääääääck!“

Ihm verboten „se“, dass „Paule Panke“ auf Platte kommt und unserer Studentenbühne verboten „se“, dass sie ihre Fassung von „Warten auf Godot“ nach der Uraufführung weiterspielen durfte.

Aus Sicht der Entscheider: „Zu negativ.“; in unserer Sprache: Zu ehrlich! Zu wahr!

Hansi Biebl ging in den Westen, Neumi vom Rockzirkus ging in den Westen, Holger Biege ging in den Westen, Diestelmann ging in den Westen -!-!-! PANKOW BLIEBEN!

Rock it and fuck it!

„Letztlich war es egal, ob es, wie der Chef von Amiga, ein seelenloser Bürokrat war, der das Nein (zur Platte) mitleidlos übermittelte, oder ein um Solidarität bettelnder Funktionär, der meine Freundschaft, mein Einsehen in das Verbot erschleichen wollte,(…) dahinter stand doch nur das gesichtslose Verbot, die Grenze, die aus dem Apparat kam, die Funktionäre.“

Bis zum Mauerfall ist das Buch herrlich geschrieben! Dann bröckelt’s.

Der kleine weiche André, als der er sich zu Beginn des Buches darstellt, der ohne Nestwärme aufwuchs, macht’s später so wie alle, denen es so ging: Wenn alle nur immer an dir herumzerren, dann verweigerst du dich total, das ist überlebensnotwendig: Du erkennst messerscharf die Fehler deiner Umwelt, du empfindest die Alltagsungerechtigkeiten tiefer als deine Freunde, aber du erkennst NIE die eigenen und kannst somit auch nicht reflektieren, weshalb es dir hier so und da so erging. All die Misserfolge seiner Solo-„Karriere“ in den 90ern werden mies bemäntelt, die Vermarktungsmängel nicht erkannt.

(Immermal wieder „passiert“ ihm ein Supersong. Aber leider macht er drum herum dann eine ganze Platte mit 4 Durchschnittsnummern und 5 Graupen.)

Das Stasi-Thema wird löchrig wiedergegeben. Ehle „verzeiht“ er. Ja – was eigentlich? Dass er ihn gerettet hat? „André ist ein Hitzkopf. Der meint das nicht so. Der ist einer von uns.“

Schubert, dem Manager, verzeiht er nicht. Ja – was eigentlich, auch hier: Welchen Schaden hat der angerichtet, wenn er mit der Stasi sprach? Sprechen musste! Als Manager einer provokanten Band, die immerhin Devisen durch Westkonzerte einspielte? Herzberg schwurbelt sich hier ganz und gar unangenehm aus der Textpassage im Buch. Was will er verbergen? Dass auch da nichts war, was sich aufrechnen ließe?

Herzberg gibt sich hier den Anschein eines „Verfolgten“ – aber die „Schadensbilanz“ fällt dürftig aus. Für die Nachwendejahre möchte er sich eine Bedeutung herbeischreiben, die nicht da ist.

Was bleibt? Na „pankow-pankow-pankow-killekille-pankow! Yeahh!“ for ever! Und Nachwendesongs wie „Neuer Tag in Pankow“, „Allein“, „Verkäufer“ und das „Kiefernlied“:

Ich bin eine Kiefer
im märkischen Land
ich hab Durst auf Wasser
im trockenen Sand
nach`m großen Krieg
da wurd` ich gepflanzt
die Wurzeln sind flach
Stamm und Krone verkrampft

Und es bleiben seine Bücher, von denen dieses das bisher beste ist. Hier schreibt einer, der innerlich aufräumt und der dabei in immer mehr Hirnkammern vordringt, angefüllt mit unsortierten Überbleibseln alter Erlebnisse; (Wie Peter Gabriels Rael in „Lamb lies down on Broadway“) – und der Klartext spricht im Gegensatz zu diversen Kollegen von früher.

Leseempfehlung?

UNBEDINGT!

Herbstgedanken

Sonntagmorgen 7 Uhr, den Player angeschmissen und das nächste Buch aufgeschlagen. Draußen wird es hell, aber drinnen braucht es noch die Lampe. Der Computer bleibt aus.

Benson und Earl Klugh „Collaborations“ wecken die Denkmaschine.

Die Kinder sind nun längst aus dem Haus. Die Frau schläft noch. Niemand will was von dir. Niemand stört. Von 7 bis 9; das ist DEINE Zeit.

„Das ist der einfache Frieden…“(DDR-Pionierlied) Wieso mir das jetzt einkommt, weiß ich auch nicht.

herbstbuch3Vorgestern hab ich Juli Zehs „Über Menschen“ angelesen. Nun ja… leicht lesbar. Aber eine Westberliner Schlunze auf Selbstfindungstrip in der Prignitz, mit so Erkenntnissen der Marke Latte-Macchiato-Prenzelberg-Mälei:

Da „draußen“ gibt es auch Häuser! Und Leute! Und zu den Häusern gehören Grundstücke! Und die können mitunter sehr groß sein! 4000 Quadratmeter sind echt viel! (Wenn man ihnen allein mit einem Spaten zu Leibe rückt!) Hab ich einfach so gekauft. (Was der mediale Klischee-Wessi eben so macht. Die ZEIT macht mir dauernd weiß, dass es pausenlos Karrieren gibt, wo Mit20er 3000.- netto monatlich machen.) …

Das war nun nicht das, womit ich gemeinhin Mitleid empfinde. Identifizierung gleich ganz unmöglich. Nach 11 Seiten wurde ich eh weggelockt.

HerbstbibelGestern griff ich zu Heyses „Meraner Novellen“. Lag schon eine Weile hier. Umfasst nur 3 Novellen a 150 Seiten. Die erste kannte ich. „Unheilbar“. Mit ca 32 oder 35 gelesen. Also nicht erst gestern. Mehr als das Rückgrat des Plots war mir nicht mehr erinnerlich. Aber gefallen hatte das lange, relativ ereignislose Textlein von einer vermutlich schwindsüchtigen jungen Frau, die daheim Mutter pflegte und deren Stelle beim viel jüngeren Bruder einnahm, den Vater versorgte und sich nie etwas für sich selbst gegönnt hat, eben doch. Es wird wohl am Trigger „Pflege“ gelegen haben. Das Thema hatten wir als junge Eheleute leidvoll selber durch. Meine Frau mehr als ich. Also konnte ich sie auf jene in der Geschichte beziehen.

Eigentlich wollte ich diese bekannte erste Novelle nun weglassen, zu neugierig war ich auf die zweite mit dem ach so mystischen Titel „Der Kinder Sünde der Väter Fluch“; jedoch sollte es anders kommen: Ich schlug das Buch auf, las die ersten anderthalb Seiten von „Unheilbar“ – und der alte Meister fing mich zum zweiten Mal mit derselben Geschichte. Ich wusste sofort: Das gefällt dir wieder – und es wird völlig anders sein, als vor 30 Jahren.

Das einst noch frische Pflege-Notstands-Trauma ist inzwischen versandet. Der frisch gebackene Rentner-Leser wird nun hineingestellt in eine Geschichte, die -in Tagebuchhäppchen verfasst- darstellt, wie eine noch junge Totkranke sich IHREN Lebensabend gestaltet. Der Hausarzt schickte sie nach Meran. Das sonnige Südtirol sollte ihr die letzten Tage in Licht und Lust (zum Wandern) verschönern und vielleicht das Unabänderliche ein wenig hinauszögern helfen, so wurde ihr gesagt. Aber das Ganze wird nun nicht etwa zum Poisel-Text. (Heulen kannste wo anders.) Die junge Kranke hadert nicht mit ihrem Schicksal, sondern ist willens, genau das zu vollziehen, was man heute neudeutsch „quality time“ nennt. Sie wird zum Diogenes von Meran; erlebt die Kurgesellschaft von außen und lehnt ihr Getue ab. Sie will sich „nun nicht mehr“ sittsam in Konventionen langweilen lassen!

Sie „geht ihre einsamen Wege; alle Sinne geschärft und hell wach…“(Metropol) Keine Ahnung, weshalb mir das nu‘ einkommt.

Und sie vertraut ihrem Tagebuch Sätze an, die von Hesse oder Sartre stammen könnten.

„Ich sagte mir im Gehen und Schauen: Dies ist mein, dies genieße ich und niemand kann es mir wieder nehmen.“

Und aufbegehrend:

„Nein ich ertrage es nicht länger! Und sollte ich der ganzen Welt einen offenen Fehdebrief schreiben; ein Sterbender braucht nicht zu lügen, braucht sich nicht misshandeln zu lassen und dankbar dazu zu lächeln. Ich bin so zerknickt, zerrieben, in allen Nerven empört, dass ich am liebsten von meinem Fenster aus durch ein Sprachrohr der ganzen Gesellschaft meine feierliche Absage zuriefe, wenn sie jetzt nicht grade alle bei Tische wären, meine Peiniger!“

Yep! Wo kann ich das rahmen lassen?!

Die Würfel also sind gefallen: Für die nächsten Tage/Wochen wird es wieder Heyse sein als Lesefutter. Je nachdem, in wieweit mich die üblichen Medienportale mit ihrer anhaltenden Realsatire davon abhalten werden, gute Literatur zu genießen. Detox-Day! Detox-Day! Schreibt sich so leicht. Is‘ schwerer als man denkt.

Heyses „Unheilbar“ wirft die Frage auf, wer denn hier der wirklich „Unheilbare“ ist: Die junge, pflichtbewusste, aufopfernde Schwindsüchtige im letzten schönen Hafen ihres kurzen Erdendaseins, oder die Gesellschaft, in der metaphorisch gelesen erst recht gefährliche Tuberkeln werkeln:

„Ich habe mir heute früh beim Aufwachen die Frage gestellt, wie verwunderlich es doch ist, dass die verschiedenen Stände einander gegenseitig um eine Freiheit beneiden, die in keinem zu finden ist, wo überhaupt noch ein Standesgefühl bewahrt wird.(…) Wie ich doch jene einfachen Menschen (Einwohner von Meran) beneide, die hier geradezu paradiesisch dahinleben (…) und nichts wissen von den hundert eingemauerten, kleinstädtischen Rücksichten der sogenannten Gebildeten – wie der Seidenwurm nicht ahnt, wieviel glänzendes Elend sein Gespinst vielleicht dermaleinst verschleiern wird.“

Automatisch stimmst du zu. Die Krönung der Schöpfung beherrscht nur eines richtig gut: Sich das Dasein so richtig schwer zu machen. „Respekt“? Ein Slangbegriff aus dem Gangsta-Rap. „Vernunft“?  Müsst‘ ick googeln ßurßeit! Was gehörte sich damals nicht – und was heute? Wer darf mit wem reden und was ist dabei zu beachten? Welche Frage schickt sich nicht? Welches Volkabular auf jeden Fall vermeiden? Jedenfalls unter den akademisch halbgebildeten Überschriften-Wissern der Gegenwart. Die Ständegesellschaft ist tot? Dass ich nicht lache!

Und du staunst mal wieder, wie leicht das Assoziieren ist, bei einem Text von 1862. Wir sind nicht wirklich weitergekommen. Die Ständeordnung verfiel. Der Neid blieb, sowie die Lust an Tratsch und Hetze. Der Mob ist ewig. Das gehört zur menschlichen Natur, wie der Schwanz zur Ratte.

„Der Sieg der Vernunft“ wird pausenlos herbeigepredigt. Aber das Gegenteil getan.

dav

„Die Dummheit reitet die schnelleren Pferde.“ (Keine Ahnung mehr, wo ich das mal aufgeschnappt habe. Könnte der späte enttäuschte Karl May gewesen sein.)

Gabriele Krone-Schmalz hält in Reutlingen einen beachtenswerten 90 Minutenvortrag. Eine bittere Bilanz! Fakten basiert. „And she moves on a solid ground…“ (Van Morrison) sozusagen. Sein Inhalt gehört in jedes führende Massenmedium, ist dort aber nicht zu finden. Denn die haben keine freien Kapazitäten. Dort tummeln sich die Rüstungsapologetinnen alias „Russlandkennerinnen“ wie einst jene namenlos gebliebenen Orientexperten, die 2002/03 den alten Scholl-Latour in Sachen Afghanistan belehrten. Grins. Wo sind se hin? Ähem.

Einer seiner Bestseller hieß „Russland im Zangengriff“. —?! — Schau mal wieder rein. „‘nuff said!“

An den Rand setzen, Kaffee nachschenken. Zuschauen. Schnauze halten.

Heyse mochte die Umstände der Zeit nicht, in der er zu leben verdammt war. Seine Kritikpunkte haben Hand und Fuß: Eine Zeit der Wachtmeister und Advokaten, des Gleichschrittes und der Paragraphen, der Gesangs- und Turnvereine (Hauptsache, es erlöst vom Denken), Größen- und Erlöserwahn; immer unromantischer werdende Kunst, die dadurch alle Mystik einbüßt. Keine Harmonie im Zusammenleben in all den Zwangs- und Versorgungsehen seiner Tage; usw. usf.

„There ain’t no love in the heart of the City…“(Whitesnake), weiß auch nicht, wie ich darauf komme.

Werde mal die CD wechseln. Van Morrison. Beautiful Vision. Soviel Zynismus muss sein. Herbstklänge. Der alte Klempner kräht es einfach raus:

I’m a dweller on the threshold
And I’m waiting at the door
And I’m standing in the darkness
I don’t want to wait no more.

September-Tours

Do yo remember

All the trouble in time

In September

Anger waiting in line…

(frei nach Earth Wind and Fire)

Yeah man! Ich bin draußen! Und ich habe, wie mir unlängst erst bewusstwurde, ein enormes Privileg:

Ich habe Zeeeeeeeeeiiiiiiiit!

Ich war 5 Tage auf dem Darß. Im September! Im eigentlich beschissensten Monat des Jahres! So jedenfalls in meiner Branche, der ich bis vor ‘nem knappen Jahr noch angehörte.

Nun lerne ich die Reize der Nachsaison schätzen:

dav

An der Segafredo-Tasse sitzen und an die Kollegen denken, die sich gerade placken mit all dem Mist, der dir bisher jeden September so zuverlässig vergällte …

In Ermanglung beruflichen Kleinkrieges könnte ich mich nun ersatzweise über jede weitere TV-Sendung dieses Karl-Eduard von Sch-Lanz aufregen und böse „poasten“. Aber – das Wetter ist zu schön. Vor allem in jenen Tagen am Darß neulich. Obwohl es pausenlos junge Hunde regnete, da, wo unser Hotel war. Ein Widerspruch? Wennde mobil bist, nich‘! Hie Weltuntergang, da Sonnenscheinidyll. Jedes Fischerkaff hatte da SEINE eigene Klimazone. Indianersommer. Drive on!

dav

Und Blanche Kommerell lud zur Buchlesung nach Wustrow. Die Eenah aus „Söhne der großen Bärin“ (DEFA 1966); erste Nebenrolle mit 16. Ich sah ihn erst zwei Jahre später. Im Film war sie immernoch 16.  Die erste Dakota-Fee, die mir gefiel. Damals. Walter küsste noch Leonid.

„Die Erinnerung ist das Paradies aus dem man nicht vertrieben werden kann.“ (Volksmund irgendwie.)

Im Kopf sangen Transit: „Sommertage. Und Ferien an der See. Da kann man endlich machen, was man will!“, Novalis klinken sich ein „Manchmal fällt der Regen eben lang!“, dann ist aber auch schon eine kräftige Woge Achim Reichel heran: „Trutz blanke Hans!“ und „Een Boot is noch buten!“

So schoss ich eben all die Fotos, frei nach dem Motto:

„Fliegende Pferde landen am Strand. Sie kamen übers weite Meer. Keiner weiß woher.“ – in all seiner Doppeldeutigkeit. Passend hierzu sahen wir am Horizont über dem Wasser jene Katastrophe, die nicht die unsere war. Ein Vorgeschmack auf die bevorstehende Amerikanisierung des Wetters hier around, demnächst. Und ein Sinnbild des Krieges „vor der Haustür“.

Windhosen gehörten bisher für uns ostdeutsche Boomer ins MOSAIK, genau wie jene malerischen Hannes-Hegen-Wolken ein kurzes Weilchen später.

Long, long gone.

DER Sommer ist längst vorbei. Spürst du nicht der Winter kommt und er nimmt dich fooooort.“(Kiev Stingl 1973/78, git: Achim Reichel)

Des Wetters wegen blieb es nicht beim Darß-Aufenthalt. Kleine Fluchten führten zu neuen ungeplanten Eindrücken: Barth. Kleine, feine Boomtown mit geleckten Fassaden und deutlich freundlicherer Cafe-Haus-Bedienung als in Wustrow.

Stralsund. Spielhagen-Stadt. Ein paar Kapitel seiner „Problematischen Naturen“ spielen hier. Der Eindruck ist ein zwiespältiger. Geteilt wie MEIN Naumburg. Es gibt Stadtteile, die dem Wende-Boom ein einladendes Äußeres verdanken. Man meint, die Stadt sei aus ewigem Dornröschenschlaf erweckt worden und mausere sich zur Perle – wenn man in der Nähe des Ozeaneums flaniert. Wir waren dies‘ Jahr allerdings direkt in der Altstadt – und die wirkt so zugeparkt und vergessen mit ihren schiefgelatschten Trottoirs, wie der Lindenring von Naumburg.

Dieses Zwitterdasein von halb-chic und halb-morbide symbolisiert unser Ostschicksal des Steckengebliebenseins; irgendwie nicht mehr DDR, aber auch nie im Westen angekommen.

Watt willsde mach’n? Magst’n Köhm? Odeé liebeé n Eisbecheé?

Zurück in Wustrow gießt es grad nicht. Ohne Schirm erreichen wir also die „Kaiserliche Post“, das Gästehaus, das mit einer Ausstellung des Nestors der Aktfotografie der DDR lockt. Gerhard Vetters „Studien am Strand“ – (Erstauflage 1968; sechste und letzte Auflage 1973) das bestgehütete Geheimnis in gut sortierten Bücherschränken unserer Väter.

„Gucks dir an, wenn wir nicht da sind.“, lautete der erzieherische Hinweis seinerzeit. Gesagt, getan.

„Tonight’s the night! Everything’s alright…“

Vielleicht wollte die aufstrebende Touristenmetropole in der Nachsaison Ersatz schaffen, für all die nun im Straßenbild fehlenden Sommer-Feen.

It’s the September of my life.

Mensch, Gorbi!

Was war das nur? Hätte das was werden können?

Es war ein schöner Traum. Vom guten Lenin und der verfälschten Lehre. Aber es war keine Wirklichkeit.

Du hast das geglaubt und so vertreten, dass es viele Leute anzog, die längst resigniert nur noch zynische Witze über „die alten Männer“ rissen, die da umgeben von Ruinen, immernoch schwafelten, der Sozialismus würde siegen.

0. Vorgeplänkel

Am Anfang stand ein Witz von 1985: Tschernenko war wiedermal wochenlang nicht gesehen worden, da spekulierte der Ostblock auf der Straße und am Stammtisch bereits über die Nachfolge:

„Wer wird Tschernenkos Nachfolger?“

„Sein Vater.“

Tschernenko war älter als sein Vorgänger Andropow, als dieser starb. Und er war seniler als sein Vorvorgänger, dessen Kurs er fortsetzen sollte: Breschnew.

Eine sowjetische Hindenburgfigur. Nur ohne Legenden-Sieg zuvor.

„Ein Krokodil hat 4 Beine und 72 Zähne. Beim Politbüro der KPdSU ist es andersrum.“

Ja – das waren damals so Lacher.

Und dann kamst du.

Jungspund. U60!

Das erzähl mal dem heutigen Amerika, wie dir das gelungen ist!

1. Die Erfolge

Rums – flogen erst mal ca 50 vertrottelte Altkader aus dem obersten Sowjet, damit jüngere Mit50er nachrücken konnten.

Rums – erschien deine erste Erweckungsrede in der „Prawda“ und deshalb auch auf Deutsch im „Neuen Deutschland“ – und plötzlich wollte JEDER diese Rede lesen! Und alle späteren ebenso!

Drei Seiten vierspaltig vollständiger Abdruck eines Monologs eines KPdSU-Chefs – das gab es seit 1945, – aber dass die gelesen wurden, geschah das letzte Mal 1956 unter Chrustschow.

Wir hatten das schon als Schüler drauf, welche Phrasen die 1en in Staatsbürgerkunde brachten. Die Gebetsmühle war festgetackert. Das sparte Zeit, dieses laaaange Bonzengeseiere in der Tagespresse zu lesen. Nichts wandelte sich vom späten Chrustschow 1964, den der Personenkult einholte bis zum Tschernenko-Ableben 1985.

Die Vergreisung der Obrigkeit, die Visionslosigkeit, das zum Schluss gar nicht mehr kaschierte offizielle Lügen – alles sichtbar, alles galgenhumorig bewitzelt – aber still ruhte der See, denn Panzer allenthalben.

Und dann du mit der Verkündung, dass „unsere Verbündeten das Recht haben, ihre Probleme selbst zu lösen“ – was ja hieß: Schießt auf euer eigenes Volk, wenn ihr euch traut. Unsere Panzer bleiben in der Kaserne.

Ui! Von da an ging den Wandlitzern die Muffe.

Gorbis BuchDu sorgtest für Knüller wie am Fließband: Rejkjavik, der Kuli-Tausch. Raus aus Afghanistan! Dein Bestseller-Buch vom „Europäischen Haus“, das viele kauften, aber niemand las. Sehenswerte Kinofilme – in die man in der DDR nun freiwillig ging – und die schnell wieder aus dem Programm verschwanden: „Agonie“; „der kalte Frühling 1953“, „die Kommissarin“.

Glasnostch und Perestroika.

Die DDR sperrte sich. Ließ aber die Silly LPs erscheinen. Und Strittmatters „Laden“ voller Spitzen auf den Stillstand. Verbot zwar den „Sputnik“, übersah aber „Das XX. Jahrhundert und der Frieden“. Darin der volle Wortlaut der Charta der Menschenrechte; die vollständige Schlussakte von Helsinki, die verheerende Bilanz der verschleppten Entstalinisierung ohne Rehabilitierung usw. Dissidentenkonterbande. Journalistischer Sprengstoff am Zeitungskiosk. Es war zu spüren, dass da was ins Rutschen kam.

Es wurden DEFA Filme möglich wie „Der Hut des Brigaders“ und „Die Entfernung von mir zu ihr zu dir“.

Immer brenzligere Diskussionen in den Montagssitzungen. Das große „Erwachen“. Eine Schülerin  vertickte Sticker von Gorbi. Unter anderem an mich. Am nächsten Tag kam ich im Sakko auf Arbeit, mit dem Sticker am Revers und war prompt DIE Sensation:

„Du willst wohl direkt in den Knast?“

„Von der Sowjetunion lernen, heißt: Siegen lernen! – Und nun?“

Dein Konterfei stärkte mir und vielen anderen den Rücken.

Was kam, wissen wir, die wir dabei waren – ob nun im Hinterzimmer der Pastorenwohnung in Schwante oder „hinter der Gardine“ montags abends – in fast jeder Kleinstadt, ab dem 7.Oktober 89.

„ADN hör off zu penn‘!“

„Schnitzler in den Tagebau! Erich och und seine Frau!“

4.11. Alexanderplatz. Höhepunkt des Perestroika-Traums.

9.11. Schabowskis Versehen…

Bis dahin warst du der verehrte Macher.

Dann zogen sie dich über den Tisch.

2. Die Kehrseite der Medaille

Die West-Alliierten bekamen einen ehrenvollen Abzug aus Deutschland.

Die Sowjetarmee reiste so armselig ab, wie sie einst gekommen war.

Obwohl unstrittig SIE die Hauptlast des letzten Weltkrieges hatte tragen müssen.

(Und Jelzin versaute ihr das letzte Bisschen Restwürde noch durch seinen Suff. Du warst da schon weg vom Fenster. Er war ein Held für 5 Minuten damals während des Putsches 1991; aber er war als Staatsmann peinlicher als Wilhelm II., Clinton und Trump zusammen.)

„Ihr Russen wart so brutal 1945! Die Amerikaner warfen nur mit Kaugummi!“

Niemand kontextualisierte den plötzlich wieder aktuellen Leidensweg der „Anonyma“ Sommer 1945 in Berlin und „Nemmersdorf“ mit dem Vormarsch 41/42 im „Untermenschenland“ und dem „Rückzug“ per „verbrannter Erde“. Außer dem ORB, der gut gestartet war, aber zum lausigen RBB verkam.

„Keine Osterweiterung der Nato über die Oder.“

Das sagte Genscher und alle ARD-Kommentatoren papageiten es nach. Dem Spruch entging niemand, der nicht im Koma lag! Der stand damals in allen wichtigen Zeitungen. Der Eiertanz heute ist bemerkenswert, wenn jemand daran erinnert.

„Kein schriftlicher Vertrag. Also keine bindende Relevanz. Ätschewobätsche!“

Zuhause bei euch wirkte sich die Glasnostch negativ aus: Zwar konnte sich nun ab 1985 jeder medial freischimpfen. Aber neue Ideen entstanden nicht. Und wer schimpft, der befreit sich auch von dem Druck, den Mangel wenigstens noch einigermaßen bemänteln zu helfen. Unter Tschernenko wurden Kaufhallen anweisungsgemäß noch mit Restware befüllt.

Nun zeigten sich die Regale nackt – und niemand war dafür verantwortlich.

Wie immer, wenn eine Autokratie zusammenbricht, zeigt alles auf den ganz oben, der den Laden „nicht mehr im Griff hat“, oder der gar gerade verstorben ist, so dass sich Aufarbeitung erübrigt: Plötzlich sind IMMER ALLE Widerstandskämpfer gewesen.

In Russland träumt die russische Seele viel. Im weiten Land ist jeder sein eigener Robinson. Da sind Idyllen schnell erfunden. Supergute Romanhelden. Und Rezepte für die Welt:  Von Lew Tolstoj, Bulgakow, Aitmatow, Kim, Tendrjakow, Wassiliew….

Du träumtest von obsiegender Vernunft.

Die staatlichen Leiter der sibirischen Bergwerke und Ölraffinerien träumten nicht. Sie machten: Maximalprofit. Garantiert steuerfrei; in Zeiten des „Freien Marktes“. Ihre Konten platzten. Ihre Arbeiter streikten – für Seife nach der Schicht! Wir sahen’s in der Tagesschau und im Weltspiegel:

Der „Sowjetmensch“ verdreckt – auf dem Nullpunkt! Und du -so hilflos- unter ihnen.

Du reistest durchs Land wie ein zweiter Chrustschow und versuchtest Engagement „für alle“ herbeizureden. Aber es erging dir wie ihm: Viel Grinsen. Ein bissel andressierter Beifall. Geballte Fäuste in der Tasche und – nastarowje hinterher. Resignation. Denn sie hatten die Not – und du nur salbungsvolle Worte.

Die SU begann sich aufzulösen: Du standest vor einem Rätsel. DAS hattest du gar nicht auf dem Schirm! Zu weltfremd war die Parteischule. Zu befangen der Blick des Funktionärs unter Pflicht-Lächlern und Funktionären.

Schließlich gabst du dem Drängen des „Apparates“ nach und ließest Panzer rollen in Litauen. Das erste Blutvergießen der neuen Ära.

Aber die Menschenkette durchs Baltikum erzeugte DIE Bilder, die es braucht, um die Weltöffentlichkeit Anteil nehmen zu lassen: Das Baltikum musstest du ziehen lassen.

Die alten Kräfte wollten nun schnell den Deckel auf dem Pfeifkessel wieder festschrauben. Nun, da etwas Unmut ja entwichen war. Also Putschversuch gegen dich, den Modernisierer. – Verpfuscht. Jelzins große Stunde!

Aus für die KPdSU. Aus für dich. Schluss mit der UdSSR. Die GUS als Rohrkrepierer.

Trotzdem sonnte sich Jelzin in jahrelanger Selbstüberschätzung.

Wie ein idiotischer Sitzenbleiber hatte er nur eine Phrase aufgeschnappt und beherzigt: Der Markt wird’s richten.

Also ließ er „die freien Kräfte“ walten. Die Mafia. Die Oligarchenarmeen. Die kriminellen Kleinganoven. Ein stolzes Volk verkam noch mehr als in der Stagnation zuvor. Vielen erschienen nun die Andropow/Tschernenko-Intermezzi 1982-85 wie „gute alte Zeit“.

Die schlimmen 90er – die Jahre der Oligarchenkriege. Und du als privilegierter Rentner ohne Bedeutung! Voller Selbstzweifel. Immermalwieder „im Westen“ zum Durchatmen. Dann immer TV. In Deutschland bliebst du Held. Die „Goldene Henne“ für dich. Wie auch für Genscher. Jeder Bericht über derartige Ehrungen in der Presse zu Hause ein weiterer Sargnagel: Deine Privilegien – ihr Elend.

Rette sich, wer kann – aus dem Jelzin-Chaos! Das Baltikum ist frei! Das Filet-Stück des alten Großreiches ist weg! Die Region der spärlichen Konsumgüterproduktion.

Dominoeffekt: Nun wollten Kasachstan, Aserbaidschan, Kirgisien usw. ebenfalls weg.

Das waren die asiatischen Kolonien aus der Zarenzeit. Problem: Dort stand die Raumfahrtzentrale. Dort waren die nuklearen Testgelände.

Baltikum und Asien – das waren „fremde Völker“, die sich benachteiligt fühlen konnten, die eigene Identitäten im Verborgenen bewahrt hatten.

Aber schließlich Weißrussland, Ukraine, Georgien? Russische Erde?! Die Schlachtfelder des „Großen Vaterländischen Krieges“? Was ritt DIE – gehen zu wollen? Jelzin vs. volle Schaufenster im nun möglichen Westfernsehen.

Nationalismus? Weißrussen und Kleinrussen sind keine Russen(mehr)? Eine dürftige Tünche, die erst noch zusammengeklittert werden musste.

Der Kalte Krieg war zu Ende. Der Weltfrieden brach nicht aus.

Der Kampf um die Konkursmasse der Supermacht hatte begonnen.

Wem gehört ihr nukleares Knowhow? Wird kontrollierbar bleiben, wohin die Fachkräfte verschwinden, die plötzlich niemand mehr bezahlte?

Der STERN titelte 1992. „Die Bombe für die Ayatollahs?“. Neue Ängste gingen um. Panzerrohre alter T52 wurden zersägt, aber neue Rüstungsdeals vorbereitet. Osteuropa kaufte nun Westwaffen.

Die „Kornkammer Russlands“ manövrierte sich mehr und mehr zwischen alle Stühle.

In Korruptionssümpfen verfangen konnten die Machthaber ihrem Wahlvolk nichts anderes bieten als „den großen Traum“: Ewroppa! Das Gebilde, aus dem unsere Videokassetten kommen! Das Land von Modern Talking! Dahin wollen wir!

Wie das gehen soll, ohne Oligarchen zu erschießen, blieb unklar. Umso lauter die Absichtserklärungen! Im Märchen hilft ja wünschen auch!

2014 verlief erschreckend. 2022 wurde schlimmer.

Vernunft – ist bis auf weiteres auf der Flucht.

3. Der Abgesang

Neulich hatte ich dein erstes Buch noch einmal in der Hand „Umgestaltung und neues Denken…“. Ich las die ersten Seiten. Aber ich konnte das nicht mehr ertragen. 1986 war das „Manna“. 2022 nur noch lieb gemeinter Staatsbürgerkunde-Lehrbuchduktus, der fälschlicherweise davon ausgeht: Der Mensch sei gut. Er werde nicht gefährden, worauf er angewiesen ist. 1986 wollten wir das glauben. Lieber als das „weiter wie bisher“ unserer Betonköpfe. Wir wussten es – wie du – nicht besser. Wir träumten wie die grüblerischen Russen zuvor, vom perfekten, gerechten Staat. Geführt von allseitig geschulten, intelligenten Anführern, quasi „Guten Königen“ mit Parteiabzeichen. Wir waren ja nirgends und kannten nichts.

Als die Mauer fiel, trat ein, was City 20 Jahre später so besangen:

„Wir kamen mit Freuden auf eure Seite!
Ihr machtet den Deal – wir machten Pleite!“

Wir lernten inzwischen:

It’s the economy, stupid!

Die Masse allerdings braucht eine andere Möhre vor dem Maul, damit sie trabt.

So war es immer.

Manchmal galoppiert der Größenwahn der Wirtschaftsoligarchie jedoch derart, dass sie glauben, auch diese Möhre noch einsparen zu können. Und dieser Punkt scheint mir derzeit erreicht.

Wir werden sehen, wie das ausgeht. Wir werden es durchleiden müssen.

Gorbatschow

Du nicht mehr. Du hast nun Ruh in der ewigen Erde.

Dein Buch auch – in der blauen Tonne.

Mach dir nichts draus. Warst ein Guter. Wolltest retten.

Gäbe es einen Gott, so hätte er dir die letzten 10 Jahre mit Sicherheit erspart. Es muss eine Qual gewesen sein.

Schlaf gut, alter Träumer.

Kretschmer vs. Lanz

Diplomatischer Pragmatiker vs. Einfaches Weltbild

Kräfteverhältnis 1:3

Unfair schon in der Ausgangslage.

ÖRR.

Dieser Tage.

Tja.

Die Hinrichtung des Michael Kretschmer…

… ist nicht gelungen.

Gestern abend im ZDF: Lanz in seiner bewährten Pose des interessierten Strebers und zwei westdeutsche Damen, (Typ: verbiesterte, ältliche Lehrerin), stierten missbilligend auf den missratenen Schüler in ihrer Mitte herab und versuchten alles, ihm irgendeine Floskel zu entlocken, die man zum Anlass hätte nehmen können, ihm den finalen Strick zu drehen, um ihn der Schule zu verweisen.

Da das nicht gelang, müssen heute noch ein paar Blondinen mehr antreten und in der Nachbereitung die Sendung so verdrehen, dass der Inquisitionsvorgang nun doch noch so aussieht, als hätte Lanz gewonnen.

Kretschmer hielt Maß. Er hielt durch. Er sagte ca 45mal dasselbe. Spürte die ausgelegten Schlingen manchmal gerade noch so. Stresstest total.  Es wurden ihm immer wieder die Worte im Munde verdreht.

Er sollte doch als der kleine, falsche Putin-Lakai hingestellt werden, so wollten es die – ähem – von der anderen Seite.

Lanz glaubte das Totschlagsargument schlechthin zu haben, als er sagte:

„Sie verpulvern 11 000 Euro, um für so ein (nutzloses) Gespräch nach Moskau zu fliegen?“

Kretschmer. „Was hat 11 ooo gekostet?! Wofür wurden die aufgewendet?!“

(Um Putin in den Arsch zu kriechen – stand im Raum.)

Lanz: „Das hab ich jetzt dezidiert nicht auf dem Schirm. Aber:-“

Kretschmer: „DAS ist Populismus, was sie machen.“ (Die Damen jaulen auf und springen Lanz bei.) Kretschmer erkämpft sich das Wort. Man will seine Richtigstellung aber gar nicht hören. Unisono wird er von drei Seiten angefaucht. Trotzdem kommt zu Tage:

„Wir waren da, haben Putin getroffen, aber auch all die NGO Vertreter, die dort einen schweren Stand haben und Rückendeckung brauchten. Wir haben veranlasst, dass Navalny medizinische Hilfe bekommt… DAS hat 11 000 gekostet.“

Da schwieg dann der Chefankläger ein paar Sekündchen und überließ seinen Scherginnen das Feld, die prompt wieder von vorn anfingen.

Und so ging das eine gute Stunde.

Und heute nun diese alles verdrehende Medienkritik, die dem westdeutschen Leser sein antrainiertes Russlandbild wienert, die westdeutsche Friedenserziehung der 80er und 90er Jahre ungeschehen machen will und Kretschmer wie eine verwirrte Witzfigur dastehen lässt.

Fakten-Check:

Kretschmer ist durch seine unzähligen Aug-in-Aug Wählergespräche im letzten Sachsenwahlkampf DER regierende Politiker in ganz Deutschland mit dem meisten Kontakt zum Volk. Nicht nur zu ausgewählten Speichelleckern für‘s Pressefoto. Remember Chemnitz und den angeschlossenen Presse-Gau von damals! Er hat auch den Kontakt zu den Pöblern und CDU-Feinden nicht gescheut, zugehört und gekämpft. – Und verdient die Landtagswahlen gewonnen.

Lanz (und mutmaßlich die Presse in den nächsten Tagen) werden ihn weiter diskreditieren.

Sie beschädigen den letzten Demokraten in Sachsen, der noch in der Lage ist, Wahlen zu gewinnen.

Die SPD ist in Sachsen das Abziehbild der bayrischen. Die Grünen sind quasi nicht vorhanden.

Wenn in 2 Jahren die AfD in Sachsen gewinnen sollte – dann Danke Markus!

Du Demokratiebastion.

Hoffentlich haben dieses miese Tribunal viele Ossis gesehen, die noch DDR erlebt haben.

Lanz: „Sie waren 14 Jahre alt, als die Mauer fiel. Joachim Gauck saß hier vor ein paar Wochen auf diesem Stuhl und sagte mir:  Viele jüngere Ostdeutsche haben einen Erinnerungsabriss, was Russland betrifft.“

Kretschmer: „Und was wollen Sie jetzt damit sagen?“

Jaul-Kleff-kleff kam es wieder von allen Seiten.

Die Antwort blieb Lanz schuldig.

Es stand 3 gegen einen. Kretschmer kam blessiert davon. Viel Feind, viel Ehr.

Flashback 1978/79:

Direktor: „Sie wollen also nicht 25 Jahre zur NVA?“

Schüler: „Nein. Ich möchte studieren.“

FDJ-Sekretär der Schule (= junger Sport/Geographielehrer): „Du willst also nichts für den Schutz des Sozialismus tun?“

Schüler: „Na ich hab mich doch schon zu 3 Jahren NVA überreden lassen.“

FDJ Sekretär (augenverleiernd): „Überreden?! Da hört mans ja! Was hast du in Staatsbürgerkunde?“

Schüler: „1“

Direktor und FDJ-Sekretär wechseln einen schnellen Blick: „Na! Da müssen wir – ähm – uns aber sehr wundern. Mal sehen, ob das bis zu den Zeugnissen so bleibt.“

Schüler: „Kann ich jetzt gehen?“

Direktor: „Halten wir fest: Der Schüler Ch.K. lehnt es ab, für seine Heimat und unsere sozialistischen Errungenschaften einzustehen, obwohl er alle Voraussetzungen mitbringt, ein guter Offizier unserer Streitkräfte zu werden.“

Schüler: „Ich bin ja ooch für’n Sozialismus. Ich geh doch schon für 3 Jahre-“

Und das gefühlt monatlich. Immer und immer wieder. Die Klassenstandpunktfolter der DDR.

Mein Kumpel aus EOS-Zeiten hat das durch. Mal in unser aller Beisein, mal im 6 oder 8 Augen Gespräch im Sekretariat der Schule. Offizier wurde er nicht.

Kretschmer ging auch nicht unter.

(Klar, er hätte westdeutsch abgebrühter erst die Kläfferei abwarten können: „War das ne rhetorische Frage oder wollen Sie eine Antwort? Darf ich zwei Sätze am Stück sprechen? Wollen Sie meine Antwort überhaupt hören?“

Oder „Sie hören sich gern reden. Wo wollen Sie mit dem Redeschwall jetzt eigentlich hin? Welche ihrer vielen Fragenansätze soll ich denn nun beantworten?“

Das wär cooler gewesen. Aber wir Ossis neigen halt zum Affektsprech. Unser Fehler. Leider.)

Lanz war gestern der Direktor. Die beiden -ähem- Damen teilten sich die Rolle von Klassenlehrerin und FDJ-Sekretärin.

Das Deja vu war perfekt.

Die DDR ist wieder da. 2022. Im ZDF. Im ÖRR.

Mir graust!

Die Sonnenkönige der ARD

Ich krieg‘s nicht aus dem Kopf. Wie verhindert man in der Rente die eigene Wutbürgerwerdung?

Take it with humor and Knüppel-ofm-Kopp-Musike:frustbekämpfung

In der Tat! Müsste ich den ganzen Unfug nicht mitfinanzieren, wäre das genau mein Humor:

Man verjagt eine Madame de Pompadour vom ARD-Vorsitz, die sich einen „Verdienst“ von 303 000 Euronen brutto „organisiert“ – (Großzügig lasse ich die hinzuzuzählenden Boni jetzt mal weg.) – und setzt Ludwig XV. dafür wieder ein, der 403 000 Euronen brutto kostet, ihr aber gern die Feuerlinie überließ.

Und auch das wäre noch ganz witzig:

Zu ihren Verfehlungen gehört das Großprojekt „Digitales Medienhaus des RBB“ oder richtiger „Sendepalast“, der ursprünglich für 60 Mio Euronen gebaut werden sollte. (Wo überhaupt wurde diese Investition abgenickt? Wer hat sie „geprüft“?) Inzwischen wucherten die Kosten aus, weil da so einige gute Freunde als „Sachverständige“ und „Berater“ hinzugezogen werden sollten. Fürstliche Entlohnung inclusive. Die letzte Zahl, die dieses Sender-Versailles schließlich gekostet hätte, wären 186 Mio Euronen gewesen. Dank „Business Insider“, dem Rechercheteam, das die Tür zu diesem Augias Stall öffnete, zog man gerade noch rechtzeitig vor Baubeginn die Reißleine. Bis auf weiteres.

Die Pointe ist, dass ihr Nachfolger ebenfalls so eine Bauleiche im Keller hat. Die „Renovierung“ und „digitale Modernisierung“ des WDR Filmhauses sollte ursprünglich 100 Mio kosten. Wurde jedoch mitten im Vorgang bei 240 Mio gestoppt.

Schnäppchen.

Und als drittes: In München plant der BR ebenfalls prächtig: Aus den bisherigen Sender-Immobilien Wohnungen zu machen, da nebenher auch hier ein „Sende-Versailles“ entstehen soll, oder sollte ich es hier lieber ein neues „Herrenstreamsee“ nennen?

Es könnte mir egal sein. Es spielt alles soooo weit weg. Aber es kostet MEIN Geld! (Und deins auch.)

Der Senderat der ARD entzieht der Geschäftsleitung des rbb sein Vertrauen. Erstmaliger Vorgang!

Lachen Sie mit? Die aufgeschreckten Sender-Oligarchien bringen ihre Terminkalender in Sicherheit und machen Druck. Was wird da wohl noch alles zu deckeln sein? Hoffentlich kommt „Business insider“ nicht auch noch auf die Idee, mal beim HR, oder SWR, oder MDR nachzuschauen! Der moraline Elfenbeinturm wankt bedenklich. Pfründen in Gefahr!

Gottlob sind die Selbstblockadekräfte intakt. Damit sich beim ÖRR wirklich was ändern kann, müssten alle Ministerpräsidenten ihre Staatsverträge mit den jeweiligen Sendern in Frage stellen. Erst dann wäre der Druck da, sinnlose Spartensender zu schließen, moderne Sendekonzepte zu entwickeln, sich an das gute alte Prinzip der AUSGEWOGENHEIT zu erinnern.

(Kannste HIER nachlesen. Macht aber keinen Spaß. Denn: )

Das klingt automatisch nach St. Nimmerleinstag.

Und so halte ich auch die gegenwärtige Empörungskulisse für Fake, denn es reden bislang nur Oppositionspolitiker zum Thema. Es wird nach 14 Tagen, drei Wochen Reformwillen so elend weitergehen wie bisher.

Die Hütte brennt beim ÖRR. Einen „Brennpunkt“ gab’s bisher dazu trotz alledem nicht.

Mir graut vor den GEZ Erhöhungen 2024, für ein Programm, dass nur noch u7 und ü70 vor die Bildschirme lockt. Ich bin dann 64 – und somit immer noch „außen vor“ – und zahle weiter für Sprenkelanlagen in Chefetagen, Luxusparkett, Tatortinflation, und ärmliche Klischee-Spielfilme.

PS: Hier gibt’s Nachschlag für Interessierte:

https://www.ruhrbarone.de/je-weniger-akzeptanz-die-oeffentlich-rechtlichen-anstalten-haben-umso-besser-ist-es-fuer-die-privaten-medien/211803/

Über allen Gipfeln – Heyse mal wieder…

Zweiter Versuch. (inclusive nochmal überarbeitetem Nietzsche-Kasten)

Ein neuer Zeitgeist tut sich hervor – mit einem unbegrenzten Hang zum Schwachsinn.

Bier kaltstellen. An den Rand setzen. Zuschauen. Schnauze halten!

(Schreib wieder für die Schublade. Deinen Politfrust braucht kein Schwein!)

Ich habe „Über allen Gipfeln“ gelesen. Heyse 1895. Und es wühlt mich auf.

Bier holen, eingießen. An den Rand setzen. Zuschauen. Schnauze halten!

Heyse im Alter von 65 Jahren schreibt an – gegen einen immer kränker werdenden Zeitgeist.

Es bringt zwar nichts, weil auch damals schon galt: Alter Mann, was willst du noch? Deine Zeit ist um!

Aber er setzte immerhin ein Zeichen, das spätere Geschlechter finden können, wenn sie ein bissel suchen. Denn die wahren Helden kommen auch in der Literaturgeschichte immer zu kurz.

Was ist da von ihm übrig? „L’Arrabiata“, die eh „La Rabiata“ heißen müsste. Abwink.

Das lehrt mich:

Bier trinken. Am Rand sitzen. Zuschauen. Schnauze halten!

Und siehe: Der alte Mann lag 1895 weiiit richtiger als all die Youngsters – bound for Massengrab.

Heute läuft eine ganz ähnliche intellektuelle Sklerose auf Hochtouren.

Wer bis gestern noch einfache Antworten auf schwierige Fragen gesellschaftlicher Entwicklung hatte, galt als Nazi.

Heute bellen dich auf allen Kanälen lauter Simplicissima an mit ihren Aldi-Argumenten zur Frontlage! Was’n da los? Hab ich’n Regime-Chance verpasst?

Bier trinken. Am Rand sitzen. Zuschauen. Schnauze halten!

Stellt man sich Heyses „Gipfel“-Roman, rezensiert man automatisch zwei Bücher. Nämlich auch Friedrich Nietzsches Durchbruchsbroschürchen „Jenseits von Gut und Böse“ von 1886.

Man muss also ausholen.

Nietzsche hatte zwei oder drei Bücher veröffentlicht, ohne dass dieses Faktum irgendwelche Wellen schlug. Dann schrieb er „Jenseits von Gut und Böse“ als „Glossar zum „Zarathustra“ und DIESES Werk schlug ein. Nun endlich war er Star; aber er hatte nichts mehr davon. 1889 setzte die totale Umnachtung ein. Seine plötzliche geistige Umnachtung wurde früher mit Gehirnzersetzungsprozessen in Folge von Syphilis erklärt; heute gibt es verschiedendliche andere Ansätze für Erklärungen. Bis 1894 edierten zwei Nachlaßverwalter die nachgelassenen Schriften quellentreu, dann trat Nietzsches Schwester (zurückgekehrt aus Paraguay) in Aktion, ließ die bereits gedruckte Auflage einstampfen und gründete das Nietzsche-Archiv unter ihrer Federführung.

Von diesem Zeitpunkt an datieren die Verfälschungen.

Verheiratet war sie mit einem unstrittigen Antisemiten, der für die damalige Zeit typisch obendrein Siedlerträume  a la Kulturbringer hegte und nach Paraguay auswanderte, um dort an den Vorstellungen eines idealen Staates wirken zu können. Was jedoch folgte, waren alsbaldige Desillusionierung und Suizid. Aber sein Einfluß wirkte in ihr weiter. Inwieweit „Wille zur Macht“ und „Blonde Bestie“ wirklich aus der Feder von Nietzsche selbst stammten oder aber hinzugefügte Puzzleteile „von anderer Hand“ sind, wird seit 1945 endlos erforscht, mit immer mal wieder anderen Ergebnis-Nuancen. Somit entstand bisher kein umfassend neues „repariertes“ Nietzscheverständnis; wohl aber eine hochinteressante Ausstellung im Naumburger Nietzsche-Haus.

1886 war das Bändchen jedenfalls sowas, wie eine literarische Sprengladung: Kurz und bündig, in berauschender Sprache abgefasst – und alles über Bord werfend, was bisher galt.

„Umwertung aller Werte“; der Mächtige stehe „jenseits von Gut und Böse“, denn es gäbe nur „Erfolg und Misserfolg“; „Macht oder Ohnmacht“. Das Mittelalter „lebte und regierte danach“ und „befand sich wohl“, denn „das Reich wuchs“.

Diese Lehre einer jugendlichen Schickeria in einem erfolgreichen Kaiserreich ins Maul gelegt, die barmte, dass sie keine Chance zu echten Erfolgen habe, da die Zeiten zu müd’ seien und der „Säbel in der Scheide roste“, trug ganz entscheidend dazu bei, Gewissen abzuschaffen, einzuschläfern, kompliziertes Denken zu verhöhnen; kurz: Daran zu arbeiten, dass „die letzte Schicksalsschlacht“ bald kommen möge, um manch‘ ungediente Uniform mit Orden zu schmücken.

Da all diese „mutigen Gedanken“ von einem Professor stammten, waren sie comme il faut. Jeder spießbürgerliche Gehrockträger wollte nun „markig“ erscheinen und führte fortan Nietzsche-Schlagsätze im Munde.

Halb- oder gar nicht verstandener Nietzsche wurde zur Intellektuellenpandemie.

Heyse sah es kopfschüttelnd mit an.

Als es ihm reichte, schrieb er „Über allen Gipfeln“. Einen Anti-Nietzsche-Roman, indem unter anderem ein Professor in der Bahn eben jene oben genannte Broschüre liest, sie erschöpft und kopfschüttelnd beiseite packt und gegenüber dem mitreisenden, jungen Diplomaten vernichtend darüber urteilt. Der Diplomat jedoch, jüngerer Bauart; sieht nur den alten Mann, der die Zeit nicht mehr versteht, die „genau diese“ Gedanken jetzt nötig hat.

Heyse will veranschaulichen, zu welchen Konsequenzen diese Haltung „jenseits von Gut und Böse zu stehen“, führt. Er braucht also eine Figur, die anfangs gute Ansätze hatte, sich aber im Sumpf der Zeit verläuft, sich im Sinne von Nietzsches(Schwester-)Lehre aufführt, um anschließend „durch Liebe geläutert“ anständig auf der Lebensbahn voranzuschreiten.

Diese Figur im Plot ist Erk von Friesen. Verarmter Adel aus Thüringen, der überraschend reich erbt und nun aufsteigen kann. Er wird preußischer Legationsrat und Weltreisender und kehrt nach 7 Jahren Abwesenheit in seine Geburtsstadt Blendheim zurück.

Im Blendheimer Fürstenschloss wohnt seit ebenfalls 7 Jahren Lena Valentin; eine weitere Heyse-Fee, wie sie durch alle seine Schriften geistern. Von Friesen hatte sie vor seiner Reise kennengelernt, allerdings fehlten ihm damals noch Erbschaft und Karriere, weshalb er sich nicht erklären durfte, da er keine Frau hätte ernähren können. Nun aber, nach 7 Jahren, hoffte er auf ein Happyend. Allerdings finden weder er noch sie zur rechten Zeit das rechte Wort.

Erschwerend kommt hinzu, dass in den besagten 7 Jahren ein Dr. Steinbach sich ebenfalls mehr und mehr in den Gedanken hineingewöhnt hatte, diese Malerin ehelichen zu wollen, da sie so bereitwillig die Illustrationen für sein botanisches Sachbuch übernommen hatte. Er ist ganz der bescheiden-biedere, kleinbürgerliche Angestellte des Fürsten, der die Parks und Gewächshäuser betreut.

Wie sich zeigt, ein verlässlicher, anständiger Bewerber.

Friesen ist sauer über seine eigene Tollpatschigkeit, die die schönsten Situationen vergehen lässt, ohne zum Zuge zu kommen. Schließlich resigniert er, redet sich die Lage aber zu seinen Gunsten schön und beschließt nun Sidonie, die uninteressante Tochter des Ministerpräsidenten zu ehelichen, um diesen später beerben zu können, und somit die heimliche Nr.1 im Ländchen sein zu können.

Der Fürst verbringt seine Zeit mit astronomischen Studien statt mit Regierungsgeschäften. Seine junge exotische Frau langweilt sich zu Tode.

Somit agiert Friesens Schwiegervater in spé wie Schillers Präsident in „Kabale und Liebe“, dem der eigene Sohn nicht zu schade war für eine Mätresse seines Fürsten.

„Heirate mein Kind und schwängere die Fürstin. Der Fürst selber ist zu krank dafür. Gebärt sie einen Erben, ist die Dynastie gerettet.“ Friesen nun also – jenseits von gut und böse – auf dem Nietzsche Weg: Gewissenlos und schnell nach oben.

Nicht nur in dieser Episode kommt einem der 65jährige Heyse wie der junge Schiller vor.

Er, der ein Leben lang Protegé zweier bayrischer Könige war, hatte im Alter vergnatzt alle Stipendien, Leibrenten und Ehrenposten sausen lassen, als eines seiner eigenen Protegés im höfischen Intrigenstrudel unterging. Saturiert für diesen Schritt war er ja nun. Er kannte also den Münchner Hof in- und auswendig und kotzt sich regelrecht frei: Unmoral. Wohlstandsverwahrlosung. Weltfremder wissenschaftlicher Dillettantismus. Abgehobenheit. Keinerlei Kontakt zum Volk – da oben „über allen Gipfeln“.

Das ist doch ach so aktuell, wie nur was! Ich könnte da Vergleiche ziehen… –

Bier holen, eingießen. An den Rand setzen. Zuschauen. Schnauze halten!

Friesen ist drauf und dran, die Fürstin „klarzumachen“, als beide ertappt werden.

Der Nietzsche-Ikarus stürzt ab. Sein Plan A kann nichts mehr werden. Nun kommt Plan B; doch noch irgendwie bei Lena zu landen.

Heyse hat da über 200 Seiten etwas sehr spannend eingefädelt, was nun im letzten Drittel immer schlechter erzählt, schnell zu Ende gebracht wird: Ein bissel hin und her, aber Friesen kriegt Lena und sein Freund Wolfhardt kriegt Lenas Freundin Babsi. Ein Schluss wie für eine 30er-Jahre-UFA-Komödie erdacht. Enttäuschend.

Besonders mies, wie Dr. Steinbach aus dem Weg geräumt wird. Übelste Kolportage. Das passt zu Robert Kraft oder in Karl Mays Münchmeyer Romanketten, aber nicht in einen „Heyse“!

Der schnell über das Knie gebrochene Wohlfühlschluss erinnert an einen ähnlich enttäuschenden Ausgang des sehr viel besseren späteren Romans „gegen den Strom“.

Heyse schien auch hier die lange Form nicht durchzuhalten. Gelangweilt von der Grundidee? Oder frustriert, weil ihm Klarheit über die Hoffnungslosigkeit seines Tuns einkam?

Man weiß es nicht.

Erk von Friesen will nun treuer Ehemann und „ehrlicher“ Diplomat in preußischen Diensten sein. Kein spätabsolutistischer Ministerpräsident in thüringischem Zaunkönigreich. Kein Schwängern von Vorgesetzten-Frauen. Ein geläuterter Anstandsapostel. Das erfüllte Liebesleben machts möglich. So die Message.

Mich erinnerts an die Motivationssaga für frustrierte Streetworker in den 90ern, die die Skinheads in jenen Baseballschlägerjahren in Schach halten sollten.

„Wenn der Skin sich in eine Russlanddeutsche aus Kasachstan verliebt, isses aus mit der Hitlerei.“

Im Einzelfall ist das sicher richtig. Massenvermählungen von Skins mit Nastjenkas sind jedoch nicht überliefert.

Ich hadere mit fast allen Charakteren des Büchleins.

Erk ist kein Sympathieträger. Ein Windhund. Ein arroganter Sack. Man gönnt ihm halt die Lena nicht.

Andererseits ist Lena ein Eisberg. Da ist keine knisternde Leidenschaft im Werk, wie das Heyse doch unzählige Male hinbekam! In „Vroni“, im „Marienkind“, in „Gute Kameraden“ oder erst Frau von Rittberg in „gegen den Strom“! Dagegen bleibt Lena „nur ne Leinwand, schade dass ich das sagen muss“, um mal „Uns‘ Udo“ einfließen zu lassen.

Dr. Steinbach und Sidonie, die Tochter des Ministerpräsidenten, können einem leidtun. Heyse müht sich -irgendwie ungekonnt-, sie lächerlich wirken zu lassen. Sie werden um ihre Hoffnungen geprellt und im Gerede der anderen Figuren kleingemacht, verhöhnt, abgewatscht – aber da ist eigentlich nichts, was wirklich als Minuspunkt zählen würde. Wunderschön beschrieben, wie Sidonie beseelt singt, als sie von Friesen am Klavier begleitet wird, weil sie glaubt, das sei es jetzt: Endlich einer, der mich mag! Morgen wird er sich erklären! Die Verlobung kann kommen! Und dann – nichts! Eine plautzige Äußerung von Lenas Freundin Babsi reißt sie wenig später aus allen Wolken. Das fällt eher negativ auf die Verhöhner zurück und das sind ausgerechnet die, die die positiven Figuren darstellen sollen.

Dem Roman fehlen glutvolle Identifikationsfiguren, wie sie „himmlische/irdische Liebe“ und „Grafenschloss“ zum Beispiel in den Jahren zuvor hatten und wie sie die „Erschaffung der Venus“ einige Jahre später wiederum haben wird.

Ein großes Unterfangen ging hier also nur teilweise auf.

Aber immerhin blieb hier ein Zeitzeichen erhalten, als ein alter Mann erfolglos gegen Zeitgeist anschrieb – und Recht behielt.

Bier holen. Einschenken. CD wechseln. Computer herunterfahren. Detox Day!

Inmitten all der Grabesruh‘

Früher war’s mal ein melancholischer Countrypop-Song.

2015 wurde er dramatischer intoniert. Es passte in die Zeit.

Wie kann man das toppen? Vielleicht mal ins Deutsche übertragen?

Ich hab’s versucht.

The Sound of silence

Original: Simon and Garfunkel

Coverversion: Disturbed (Wunderbares Video)

Dt.: Bludgeon

Gibt ja derzeit so allerhand Branchen, Berufsgruppen und Gründe, die die alte Hippie-Hymne aktuell halten.

Hallo Nachtlicht, guter Freund

Hab grad erneut von dir geträumt

Deine Vision herein mir weht

Bei Tageslicht jedoch dann stets vergeht

Und das Weltbild einst in meinen Kopf gepflanzt, schreit und tanzt,

Doch Grabesruh im Lande

Durch diesen Traum geh ich allein,

ich könnte kotzen, möchte schrein

doch stell ich nur den Mantelkragen auf

nehm alle Lasten dann erneut in kauf

plötzlich Neon-Licht, das blendet mir den Blick

schnell zurück

bleibt doch die Grabesruh im Lande

Und in dem nackten Licht, ich sah

10 000 Mann warn plötzlich da

Lauter Menschen ohne Zeitungen

Lauter Menschen ohne Meinungen

Schreiben Songs, deren Verse niemand hört

Und keiner stört

Die dumpfe Grabesruh im Lande

„Ihr Opfer steht passiv und steif

Derweil der Krebs hier um sich greift!

Hört mir zu, ich sag euch nun

Was ansteht oder wollt ihr ruhn!“

Doch meine Worte verhallen alle ungehört

Niemand stört

die Grabesruh im Lande

Und die Leute neigen‘s Haupt

Für jede Warnung stramm ertaubt

Und ihr Neon-Gott der strahlt allein

Ich aber schleich mich wieder heim

Und der Mond sagt:

„Die Ideale, du? Das sind doch Sprüche für die U-Bahnwand.“

Ich verstand:

Deshalb die Grabesruh im Lande.