Crone Stäudlin

Vielleicht hat Heyse um 1900 auf einer Reise von Berlin nach München sich wirklich mal einen Thüringenaufenthalt gegönnt und dort in einem Ausflugslokal an einem See in den Bergen ein Schlüsselerlebnis gehabt. Vielleicht ist das aber auch schon MEINE erste Übertreibung in Sachen „Crone Stäudlin“, denn eventuell waren es nur die „Draußen-Tische“ irgendeiner Mitropa, beim Umsteigen.

An einem Studententisch fühlt sich einer von den Angesoffenen plötzlich bemüßigt, aufzustehen und irgendeins der Kommersliedchen ins Volk zu brüllen. Die spärliche Besetzung des Biergartens nimmts mit Verwunderung hin, ein älteres Ehepaar springt auf und flieht, die hübsche Kellnerin wird von einem der anderen Corps-Brüder an der Schürze festgehalten, auf den Schoß es Täters gezogen und abgeknutscht – und irgendwo weiter hinten sitzt dieser Reisende. Ein alter Mann mit immer noch imposanter Löwenmähne, aber wohlwissend, dass er hier nun nicht (mehr) den ritterlichen Retter spielen kann. Die Zeiten, da er für einen Fels in der Brandung gehalten werden konnte, sind vorbei.

Die Kellnerin macht sich los, quittiert die Küsse mit ein paar Ohrfeigen, was lachend hingenommen wird, und flieht ins Gasthaus. Der Geschäftsführer erscheint prompt und macht den „Herren“ unmissverständlich laut und kompromittierend klar, dass er jetzt bis 3 zählt, bevor er nach dem Gendarm wird schicken lassen…. Da er den einen von ihnen auch noch mit Namen anspricht, ist der Rest-Anstand der Herren immerhin noch derart, dass der Angesprochene vor dem Abgang einen größeren Schein auf den Tisch knallt, gewissermaßen Zeche und Schweigegeld in einem.

Heyse selbst erhebt sich wenig später auch, bezahlt und setzt seine Reise fort.

Auf der Weiterfahrt lässt ihn die kleine Episode nicht los, vermischt sich mit Erlebnissen der eigenen Studentenzeit und Ausflugserinnerungen mit und ohne königliche Begleitung rund um den ein oder anderen bayrischen Bergsee.

Auch er selbst hatte dort den ein oder anderen genießerischen Moment mit einer Kellnerin – sich wenigstens erträumt. Die „Traud“ in einer seiner besten Novellen legt davon Zeugnis ab.

Bayern liegt ihm nun mal näher als Thüringen.

mde

Und so entschließt sich der 70jährige zu einem Roman. Er will die Welt lehren, wie Anstand geht und wie man ramponierte Verhältnisse repariert. Denn: Da wird soviel von Schillerschem Idealismus geschwafelt – aber die reale Welt ist weiter weg davon, denn je!

Sein Anliegen also ist ein Großes. Aber die Gestaltung leider nicht.

Wenn du mit dem Heyse lesen anfangen willst, tu es bitte nicht mit „Crone Stäudlin“! Das Werk ist kein gelungenes. Es enthält durchaus Momente für Genießer solch alter Literatur; aber dem Gesamtpuzzle scheinen allerhand Teile zu fehlen und die Lücken wurden ungekonnt mit Buntstift übermalt.

Da ist schon der vergurkte Einstieg: Du bekommst ein Hotel am See  „in den deutschen Mittelgebirgen“ beschrieben. Aber weder Hessen, noch Thüringer oder Sachsen finden hier typisches Lokalkolorit. Hinzu kommt die seltsam unausgegorene Situation des Hotels. Halb Schloss, halb Kur-Sanatorium, halb Schankwirtschaft mit Biergarten… es gibt einen Objektgebundenen Arzt für die Kurgäste… aber die, die beschrieben werden, sind eher spleenige Weltflüchter ohne Gebrechen.

Es gibt einen Herrn Doktor, der der Wirtin hier vor Jahren empfahl, den Gasthof zum Kur-Hotel zu erweitern und der auch sonst in einer recht eigentümlichen Rolle hier „all summer long“ verkehrt.

Dieser Herr Doktor wird zunächst nur mit seinem Vornamen Johannes eingeführt, heißt aber plötzlich Helmbrecht. – Man merkt dann nach dem ersten Stolpern, dass das derselbe ist. Eigentümlich bleibt aber, dass im Weiteren eher von Helmbrecht die Rede ist, ein „Herr“ davor oder gar ein „Dr.“ jedoch gespart wird. Der Autor fährt seine männliche Hauptfigur hier quasi laufend Dienstbotenhaft mit dem Familiennamen an. Immerhin heißt die nicht auch noch profan Maier, Müller, Lehmann, Schmidt…

Schulze kam den Berg herauf…. Schulze sieht…Schulze umarmt… Schulze weiß…

Er, die Wirtin Maria, und ihre 3 Kinder werden umfangreich vorgestellt – und niemand heißt Crone. Das geht so die ersten 40-50 Seiten lang.

Du willst schon aufgeben, da kommt zur Sprache, dass nebenan eine Crone Stäudlin wohnte, die aber ihrem Bruder den Hof überließ, um in die Schweiz zurückzukehren.

Crone sei die Koseform von Corona. Zufälle gibt’s!

Tja – und diesem Umstand verdankt nun dieser Post seine Entstehung, denn ich hielt durch.

Die Stäudlins sind also Schweizer, die nach Thüringen gerieten.

Nun hat sich Heyse auf Seite 70 ungefähr doch dafür entschieden, die „deutschen Mittelgebirge“ etwas konkreter zu lokalisieren. Aber Wirtin Maria vom Kurhotel wird von einem jungen katholischen Pfarrer gepeinigt, da sie eine 12jährige wilde Sommer-Ehe mit dem gut 10 Jahre jüngeren Helmbrecht praktiziert.

Katholisches Thüringen? 1905? Noch ohne sudetendeutsche Zuwanderung? Kann ja nur Eichsfeld sein! Dort sieht es aber mit Bergen, die „früh am Nachmittag die Sonne verdecken“ mau aus!

Jene ersterwähnte Crone Stäudlin ist nun auch gar keine Figur des weiteren Ensembles, sie diente nur ihrem Bruder zur Namenspatronin für dessen Tochter.

Crone StDiese wiederum ist nun tatsächlich jene „kaum erblühte Fee“ vor deren Anblick ein jeder dahinschmelzen muss! Heyse schickt sie für ihren ersten Auftritt Geige spielend, mit Hund als Begleitschutz, auf Abendspaziergang. (Kitsch as Kitsch can!) Hierbei sieht sie Helmbrecht wieder, der sie vor Jahresfrist noch „als kleines Mädchen“ auf dem Sterbebette vorfand und vom Typhus errettete. Nun ist er hin und weg, beim Anblick der „kaum Zwanzigjährigen“. Wie passend, dass Wirtin Maria, der Sünde wegen und wegen des falsch rum‘en Altersunterschiedes, nun willens ist, sich aus der wilden Ehe mit Helmbrecht zu lösen, um sich lieber mit dem Jenseits gutzustellen und dem Pfarrer in den Landfrauen-Bet-Zirkel zu folgen.

Problematisch hierbei die Existenz von Hänsel, ihrem unehelichen Kind.

Der Knabe ist älter als 10, benimmt sich jedoch wie ein 3 oder 4jähriger, wenn er sich an „Onkel Helmbrechts“ Schulter ausweint, beim Gute Nacht Kuss zurückküsst, oder brav zur Stelle ist, wenn Heyse den anderweitig verliebten Doktor als guten Vater präsentieren will, was regelmäßig daneben geht. Heyse hatte vermutlich nie Umgang mit Kindern. Kennt sie nur aus Situationen, in denen sie knicksend und dienernd Gedichte aufsagten und mit Kniff in die Wange verabschiedet wurden, bevor sich der Kreis der Erwachsenen wieder „seinen“ Themen zuwandte. Sein Hänsel wirkt unerträglich unwirklich.

Und so summieren sich die Schnellgestricktheiten und Fehler im Geschehen.

Mit rund hundert Seiten mehr, rechtzeitigerem Figuren Einführen und ein paar dringend notwendigen Ausschmückungen hier und da wäre das ein Spielhagen-Plot vom feinsten! Aber auf den komme ich später nochmal zurück.

Schluss mit der Mängelhuberei!

Was gibt es zu loben?

Man entdeckt, wenn man Heyses früheres Schaffen kennt, lauter „alte Bekannte“. Die früher aber in seinen Novellen besser zur Geltung kamen. Ich meine das nicht nur auf Personen, sondern abstrakter auf Bauteile des Romans bezogen. Der Pfarrer hier ist ein blasser Widergänger des Pastors in „Moralische Unmöglichkeiten“, die frivole Gräfin hier, eine adlig vermählte und wieder geschiedene Ex-Schauspielerin, ist jener aus „Männertreu“ sehr ähnlich. Die GräfinDie dramaturgisch passende Bootspartie aus „geteiltes Herz“ findet hier einen zwar ebenfalls dramatischen, aber dramaturgisch hergezwungenen Ableger. In „Einer von Hunderten“ erzählte Heyse die Geschichte eines Sonderlings, der merkt, dass die Kellnerin seines Stammlokals ein Auge auf ihn geworfen hat, aber er fühlt sich zu alt für die junge, schweigsame Schönheit, obwohl auch er sich eingesteht, dass sie ihm gefällt. Als sie zaghaft die Initiative ergreift, reißt er aus. Helmbrecht und Crone drehen den Spieß nun um.

Dieses Entdecken von Parallelen beziehungsweise „Berichtigungen“ früherer Konfliktkonstellationen sorgt für Lesespannung, die der eigentliche Handlungsablauf eher nicht bietet.

Wenn man auf der letzten Seite ankommt und der mehr als erwartbare Happyend-Kuss erfolgt, wird einem schlagartig klar, dass Heyse zuvor reihenweise Spielhagen gelesen haben muss.

Die Schlussszene brachte den Stein der Erkenntnis ins Rollen: Das ähnelt heftig dem Ende von „Allzeit voran!“, als der verletzte Kavallerist nach der Schlacht von Gravelotte, im Lazarett jene junge Künstlerin als Krankenschwester wiedererkennt, die sein greiser Onkel per Mesalliance einst zur (nie akzeptierten) Fürstin eines thüringischen Kleinststaates machte. Hier nun, nach der Scheidung, arbeitet sie ebenso platonisch mit dem sie anschwärmenden ehemaligen Landarzt zusammen, wie Crone in Helmbrechts Kinderklinik.

Einmal aufmerksam geworden, fällt einem dann rückwirkend auf, dass die frivole Schauspielergräfin mit einem Mann verheiratet war, der dem Wahnsinn anheimfiel. Hoppla! Das gabs doch schonmal wo anders! Melitta! Jene Über-Fee aus Spielhagens „Problematischen Naturen“ hatte ja dasselbe Schicksal!

Und schließlich sind all die Gewissenskrämpfe Helmbrechts zwischen Sohn und Lebensabschnittsgefährtin Maria und der unantastbaren Crone Heyses Variationen des verheirateten Barons von Randow und Eleonore Ritter aus Spielhagens deutlich besser gelungenem Spätwerk „Stumme des Himmels“.

Was bleibt? Man müsste zeitgenössische Kritiken kennen! Aber leider ist mir das bisher nicht vergönnt gewesen.

„Crone Stäudlin“ ist eventuell ein Werk, das sein musste, damit es heftig Zunder gibt! „Ideenlos“…“zusammengepfuscht“…“überschätzter Autor“….Mit einem so verrissenen Werk wollte er sich nicht verabschieden!

1907 erscheint „Gegen den Strom“ – und siehe da: Der Alte kann’s noch!

4 Gedanken zu “Crone Stäudlin

  1. Vielen Dank für den Hinweis auf Crone Stäudlin.

    Ich muss Dich aber auf zwei Irrtümer hinweisen:

    Maria Harlander hat kein uneheliches Kind. Als Vater des zehnjährigen Sohnes gilt vor der Welt ihr vor sechs Jahren nach langer Invalidität verstorbener Ehemann, auch wenn der Erzeuger in Wirklichkeit Johannes Helmbrecht ist.

    Dafür gibt es in der Tat ein Vorbild bei Spielhagen: Vetter Boslaf in „Was die Schwalbe sang“ (1872) konnte seine Ulrike nicht heiraten, weil er betrogen wurde; und durfte sich nicht Vater und Großvater seiner Kinder zu erkennen geben, um nicht die Schmach eines Ehebruchs auf sie zu laden.

    Im übrigen sind Deine Spielhagenbezüge, sagen wir mal, gewagt. „Allzeit voran“ solltest Du mal lesen. Es gibt dort keine „Künstlerin“, die zwanzigjährige Hedwig war morganatisch mit dem greisen Fürsten von Roda verheiratet. Sie liebt unglücklich seinen Nachfolger aus einer Nebenlinie, der preußischer Offizier ist. Der wird bei Gravelotte verwundet… und von ihr und dem aus Hannover stammenden Arzt (das Alter Ego für den 1862 aus Hannover nach Berlin gekommenen Spielhagen) gepflegt.

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    • Naja, aber Künstlerin isse ja eher als Fürstin, denn malen tut se immer. Und nicht mal die direkten Hausdiener hören auf sie. Okay – den Landarzt hab ich mit dem Offizier vermischt. Shit happens.

      Hänsel ist schon unehelich, da ja seine Ähnlichkeit mit Helmbrecht angeblich „allen“ auffällt. Seine Entstehungsgeschichte sei „ein offenes Geheimnis“ an dem nur der böse Pfarrer Anstoß nimmt. Niemand sonst klatscht und tratscht darüber. Auch so ein Märchenlandfakt. Die Piefigkeit von Windheim in „Gegen den Strom“ trifft er bedeutend realistischer. In „Crone Stäudlin“ hält er das Märchen durch,dass alle Dr. Helmbrecht lieben. Ein Halbgott!

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  2. Heyse ist sicher kein Meister des Roman- bzw.- Novellenanfangs. Er braucht einige Kapitel, um seine Figuren aufzustellen. Da muss man durch.

    Aber es lohnt sich. Crone Stäudlin ist der spannendste Heyse, den ich bisher las. Und ich habe, hauptsächlich dank Dir, schon einige gelesen. Was habe ich mit gefiebert! Dabei war mir dieser Heuchler Dr. Helmbrecht herzlich unsympathisch! Und was will er mit diesem dummen Kind! Ich habe mich ein wenig in die „frivole Gräfin“ Yvonne verliebt! Das sie auch schlangenhafte Züge hat, ließ mich zumindest nicht kalt.

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