Wolzogen

Na? Schon im Kino gewesen? „Downton Abbey“ der Kinofilm Nr.2?! Soll vorwiegend in Südfrankreich spielen, wegen Erbe und so.

„Downton Abbey“ ist eine erfolgreiche – ä – DIE erfolgreichste TV-Serie in Great Britain. Mick Jagger soll Stones-Probe-Termine nach Fernsehprogramm gelegt haben: „Da geht’s nicht. Da läuft „Downton Abbey“!“Downton abbey

„Downton Abbey“ ist Historienfernsehen vom (fast) feinsten. Es gibt derzeit nichts Besseres, aber vieles, was weit schlechter gerät.

Zwar ist ein bissel viel Frauenemanzipation hineingerührt worden; sogar so falsch, dass der Eindruck entstehen könnte, dass diese ausgerechnet im adligen Oberhaus-Klientel ihren Anfang nahm; – das macht meinem Historikerherz in manchen Szenen Pickel, – aber im Großen und Ganzen geht es.

Abenteuer und Ränke im Schloss – Bediente und Bedienstete, Ladies and Lords – relativ realistisch verwoben. Gute alte Zeit – mit bösen Widerhaken.

Und da hockst du so vor dem Fernseher, wenn die DVDs laufen und fragst dich: Warum ist der Deutsche Film zu sowas nicht in der Lage?

In den letzten Wochen fing ich wieder erfolgreich einiges antiquarisches Kulturgut ein, um mein Idyll zu polstern. Vieles davon schreit nach Verfilmung. Vergeblich.

Je beschissener sich dieses 21. Jahrhundert entwickelt, umso mehr Gründe zum Granteln und zum Kotzen finden sich. Aber das ist schade um die Lebenszeit. Und nützt eh nix. (Wenn man’s nur durchhielte. Das beredte Schweigen.)

Ich bin auf der Flucht. Vor den Medien. Weltflucht. „Nicht mehr mit 60, Honey!“

Ein großes Glas Hopfenblütentee. Ein gutes Buch. Klänge aus der Jugendzeit. Und Gottfried Benns Nihilismus. So geht’s noch.

Und so stieß ich auf ihn:

Ernst von Wolzogen, „Die Tolle Komtess“, Engelhorn 1890.

Also noch ein alter Herr der Literatur der vorletzten Jahrhundertwende.

Es rundet sich mehr und mehr das Bild in mir: Unsere Literaturgeschichte des späten 19. Jahrhunderts ist vielfältiger und reicher als die russische – nur weiß das eben keiner im Lande der „allwissenden“ Ignoranten. Fontane und Mann und aus, jaja.

KrischanErnst von Wolzogen schrieb1889/90 „Die tolle Komtess“ – und siehe: Es ist „Downton Abbey“ auf Deutsch, mit Versatzstücken der „Heiden von Kummerow“, die bekanntlich erst in den Neuzehnhundert-Dreißigern von Ehm Welk geschrieben wurden. Dauerbrenner und Erfolgsfilm für Kindheiten wie meine in den 60ern.

Ein gesamtdeutscher Film mitten im Kalten Krieg der 60er Jahre übrigens: Die Stars von „drüben“, die Kulisse und die Nebendarsteller von „hier“. Gedreht auf- und um Rügen. Mit „Sam Hawkins“-Darsteller Ralf Wolter unvergessen als Krischan Klammbüdel.

Wolzogen beherrscht wie Ehm Welk dieses erzählerische Gleichgewicht zwischen Lachenmachen und Weinen lassen. Es gibt diese wohldosierten Schmunzler, die auch nach 130 Jahren noch funktionieren. Aber das Buch ist kein alberner Schwank.

Wir erleben Geschehnisse in einem Landschloss in der Nähe von Teterow in Mecklenburg mit – und lassen uns die heile Welt der Gutsherrschaft präsentieren.

Graf und Gräfin, zwei mehr oder weniger erwachsene Töchter, der alte Kutscher, der schlitzohrige Gärtner, zwei Pastorentöchter, ein heiratswilliger Inspektor …

Hinzu treten zwei Neueinstellungen: ein bankrottgegangener Adliger, der der neue Oberinspektor wird und eine attraktive neue Hausdame, die den Vorsitz über das Gesinde übernehmen soll.

Die beiden neuen bringen die Probleme mit, in die die anderen hineingezogen werden.

Es entrollt sich ein unterhaltsames Panoptikum. Besonders gelungen sticht die alte Gräfin heraus, zwischen starr pedantischem Protestantentum und reichlich Mutterwitz und Nonchalance im Umgang mit den „ebenbürtigen“ Gegenspielern. Mir geisterten da immerzu Heidi Kabel oder Inge Meysel vor dem inneren Auge herum.

Aber da mischt sich auch anderes in die Mitdenkebene ein: Wie war das nochmal mit der Bodenreform? War da was?

In der 4. Klasse ungefähr; im Fach „Heimatkunde“, welches inzwischen zu „Sachkunde“ mutierte, wurden wir Steppkes eines Tages in die Aula verfrachtet. Boomer-Zeiten. Wir waren 4 Klassen a 32 Schüler im Schnitt, die Aula war also gut gefüllt. Eine hexenhafte Biologielehrerin, die wir in der 4. Klasse noch nicht kannten, die aber später über uns kam, hatte die Oberhoheit über den Filmapparat und eingelegt wurde:

Ein kurzer Unterrichtsfilm von vielleicht einer halben Stunde, der Feldarbeit zu „Zeiten des Junkertums“ zeigte. Bauern sensen in Reih und Glied ein Kornfeld; Bauernmädchen und Knechte errichten Strohpuppen, laden Pferdewagen voll. Ein Inspektor kommt geritten und jagt mit der Reitpeitsche Pause machende Bäuerinnen am Feldrand hoch. Szenenwechsel: Bauern in der Scheune dreschen das Getreide mit Dreschflegeln. Werfen das gedroschene Stroh seitwärts auf einen Haufen. Der Inspektor kontrolliert es und findet eine Ähre. Er zückt sein Notizbuch und notiert die Namen der Dreschenden. Minuspunkt für später.

Sicherlich richtig und nur wenig übertrieben. Derartige Szenen der vorsintflutlichen Landarbeit kommen im Buch nicht vor. Aber auch „Downton Abbey“ verrät nicht, woher der Lord sein Geld hat.

Trotzdem bleibt hier wie dort Soziales nicht ausgespart.

Auch Wolzogens Roman hat – bei aller Lust am Idyll – diese zweite Schiene. Die Bediensteten bleiben zwar Staffage. Jedoch kommt Elend, Prostitution, Kriminalität, Kulturgefälle bei Mesalliancen am Beispiel des Lebensweges jener neuen Hofdame facettenreich zur Sprache. Megan Markle, ick hör dir trapsen! Rate, wer im Buch Prinz Harry ist!

Thema wird auch das heraufziehende Ungemach für diese ostelbisch rückwärtsgewandte Lebensweise. Der neue Oberinspektor bringt amerikanische Erfahrungen mit und rät zur „Moorkultur“, um mehr Nutzfläche zu bewirtschaften. Das erzwingt „neumodische“ Investitionen, für die der Mecki nunmal nicht gemacht ist; es wird gemault, misstraut, geneidet.

Die winterlichen Wochen in der Residenz bei Hofe werden gefürchtet, weil wegen strenger Kleiderordnung sehr kostspielig, aber als Heiratsmarkt auch unverzichtbar, um die Töchter zu präsentieren.

Usw.

Den Plot an sich mag mancher heute in die Nähe von Courths-Mahler-Romanen rücken, weil das Idyll an sich zwar wankt, aber obsiegt. Jedoch ist das nicht alles:

Interessant wird das Buch aus heutiger Sicht wegen allerlei Assoziationsmöglichkeiten, von denen die Parallele zum Fernseherlebnis „Downton Abbey“ nur eine ist.

Die „tolle Komtess“ ist die ältere Grafentochter. Gut gebaut, aber mit hässlichem Gesicht gestraft, wie unverblümt kundgetan wird. Wir sind im Noaden, da „vatellt man keine Opern“!

TristanSo, wie sie anfangs auftritt und reitet, wäre „Mannweib“ bis vor kurzem wohl der richtige Begriff gewesen. Inzwischen kommt dir automatisch der Gedanke ein: Gendert Wolzogen hier 1890 bereits?! Sie ist Vaters „Sohn-Ersatz“. Sie packt zu wie ein Kerl! Zu Beginn des Buches hat sie einen Auftritt, der mich schlagartig an Tristan Farnons unorthodoxe Bullenbehandlung denken ließ. („Der Doktor und das liebe Vieh“; schon wieder England!) In den 20ern hätte sie bereits Hosen tragen können. Hier im Roman plagt sie sich noch mit der Reitkleid-Schleppe und Damensattel, der ihr bei durchgehendem Pferd sogar beinahe zum Verhängnis wird.

Wolzogen erschafft hier eine unattraktive Hauptfigur, für die als bald das Herz des Lesers schlägt.

Wie er das anstellt? Probiert’s aus:

Das Buch ist über ZVAB oder Booklooker preiswert erhältlich.

MEIN Highlight ist die Episode, in der die Zusammensetzung der gutsherrschaftlichen Hausbibliothek eine Rolle spielt.

wolzogen

Und das beste daran ist: Ich kenne die alle und mag ihre Werke. Bis auf Fritz Reuter. Bisher.

Die hatten tolle Autoren damals; die vernünftige Inhalte interessant erzählten. Genützt hat es nichts.

Nassforsche Dusslichkeit triumphierte, allzeit in der Überzahl:

Endkampf nich‘ wahr! Unumgänglich, nich‘ wahr?! Sie versteh’n?! Kolossale Planung! Kolossal! Positiv kein Risiko! Totalement! Auf deutsche Generäle ist Verlass! (Monokel reinschieb.) Glotz.

Klingt heute erschreckend ähnlich, wenn all die ungedienten Couch-Potatoes online täglich den Ukrainekrieg gewinnen.

Wolzogen wollte, nach eigenem Bekunden auf den letzten Seiten, „kerngesunden … bodenständigen Landadel“ feiern. Heraus kam jedoch ein sehr gut erzähltes Werk, das erkennen lässt, wo der Putz schon bröckelt und das Gebälk vernehmlich ächzt.

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