Mein zweiter Diestel

Auf den ersten Les klingt die Überschrift nach Legasthenie. Aber gemeint ist nicht die Pflanze, sondern das Buch eines Mannes, der eine einflussreiche Kurzkarriere als Politiker hinter sich hat, bis heute erfolgreicher Anwalt ist – und: (Das ist nun mal die Klatschschlagzeile für alle Ewigkeit) Der 1990 als schönster Politiker gekürt wurde.

Peter- Michael Diestel

diestel22020 rezensierte ich (hier) meinen ersten Diestel-Kauf. Nun also der nächste Streich:

Warum hab ich das Geld ausgegeben: Weil das erste Buch Spaß gemacht hat und reichlich Einblicke offenbarte, die man sonst so nicht erfährt.

Eine Fortsetzung versprach also interessant zu werden.

Nun – inhaltlich ist zunächst (fast) alles beim Alten:

Auch hier kannst du beim Lesen hier und da heftig zustimmen, aber dann gibt es auch wieder jene so seltsamen Diestel-Ansichten, wie z.B. reichlich Lob für Egon Krenz, dass du es am liebsten sofort mit spitzen Fingern in den Müll entsorgen möchtest. Aber dann folgen eben immer Wieder-gut-mach-Episoden, z.B. begründete Schelte für die Zusammensetzung der Berufspolitik heute, so gänzlich intellektbefreit, die dich weiterlesen lassen.

Eine so seltsame Joschka Fischer Karriere war ja mal ganz unterhaltsam, wenn das jedoch zum Massenphänomen wird, dass vorrangig Studienabbrecher und Tagediebe das Sagen haben, nachdem sich dann 82 Mio Leute richten sollen, dann – isses eben so, wie’s grade is‘. Alte Phrasen. Alte Reflexe. Keine Ideen. Nirgends. Das diplomatische Feinbesteck geht zunehmend verloren.

Das nur als Einschub meinerseits. Ich hab mal den PMD zu Ende gedacht.

Diestel ist mit seiner Biografie ein Phänomen. Wer aufwächst wie er, den müsste DIESE Kindheit zerreißen. Dauerdeprimieren. Oder aber eben: Hart machen.

Letzteres trat ein.

Seine Eltern waren konservative junge Leute, als sie heirateten. Dann kam der bisher letzte Weltkrieg. Vater kam in Stalingrad als Wehrmachtsmajor in Gefangenschaft und gehörte zu den Offizieren um Feldmarschall Paulus, die dort in privilegierter Haft das Nationalkomitee Freies Deutschland gründeten, das Hitler kritisierte, sowjetischen Medien selbstkritische Interviews gab und für ein „Neues Deutschland“ mit Wiedergutmachungsverpflichtung nach dem Krieg eintrat. Vom Hitlerwerkzeug zur Stalin-Marionette, zum Fast-Kommunisten. Aber den Hals aus der Schlinge gezogen.

Seine Mutter als junge Frau in Deutschland blieb konservativ und religiös.

Der Mann kam gesund zurück und half (wie Paulus) die NVA zu gründen, wurde Hochschullehrer der Militärakademie der DDR. Und die Mutter bestand auf Tischgebet.

In den Westen gehen konnte das Paar nicht: Die westliche Nachkriegspresse tobte über „Paulus und Konsorten“, die „ehrlosen Russenknechte“. Da war verbranntes Gelände im doppelten Wortsinn. Also richteten sich die Diestels, so gut es eben geht, in der „Zone“, ein.

Es entstanden hier 4 Söhne und eine Scheidung, als PMD ca. 10 Jahre alt war. Er legt sich seltsamerweise da nicht fest.

Die Brüder wuchsen zunächst in Prora, dann in Dresden am unzerbombten Weißen Hirsch auf. Des Vaters wegen mit gutem Kontakt zu russischen Offizierskindern. Nach der Scheidung bekam die Mutter das Sorgerecht über alle Söhne, zog mit ihnen nach Leipzig und begann als Küsterin zu arbeiten, um 5 Köpfe durchzubringen. Pubertät und Remmidemmi. Vier junge Falken in einer „Kirchenwelt“ von gestern. Und nun ohne Russenkontakte. In plötzlich bitterer Armut.

Prägephase: Raus aus der Sackgasse! Dennoch-Trip! Die andern überholen! Aus eigener Kraft!

Erst Sport, dann Cleverness.

Vater gab den Söhnen immerhin mit, dass man in diesem Staat nicht freiwillig Offizier werden sollte. Von einem Parteieintritt sei dringend abzuraten.

Mutter verhinderte das Pionier-und-FDJler-Werden. EOS(Gymnasium) ging somit nicht. Aber Berufsausbildung mit Abitur dann doch. Deshalb: Jura-Studium möglich. Anwalt sein jedoch nicht.

Also wurde er Rechtsberater der Agrar- und Industrie-Vereinigung Delitzsch..

Das zweite Buch hier verrät mehr als das erste über die finanziellen Werdegänge des PMD:

Er jobbte, dass die Schwarte kracht, und schacherte geschickt. Im dritten Studienjahr fuhr er Wartburg. Kurz nach Berufseintritt kaufte er sein erstes Eigenheim für seine erste Ehe.

Er kam also gut voran, was den langen umständlichen Titel des ersten Buches erklärt.

Aber es fuchst ihn, dass die Wertschätzung für seine Wendetätigkeiten fehlt.

Schließlich war er „174 Tage lang der letzte Innenminister der DDR“! Und das wird auf 256 Seiten ca. 130mal erwähnt, was nervt.

„Schau dir an, wer von den Figuren der Bürgerrechtler heute mit Verdienstkreuz herumrennt. Den Einigungsvertrag erschufen de Maiziere, Krause und ich. Keiner von uns hat eins. (…) Wenn sie mich fragen, frage ich, ob Lothar de Maiziere auch gefragt wurde. Wenn der keins kriegt, nehme ich auch keins an.“

Über Lothar de Maiziere lässt er sich sehr realistisch, ehrlich und wertschätzend aus. Die IM-Rufschädigung der Person des letzten Ministerpräsidenten stuft er als Intrige ein. Krauses kuriosen Werdegang beschweigt er lautstark. Das fällt auf. Das muss auffallen, bei einem Schreiber, der sonst so unverblümt -und treffend- austeilt.

Nur soviel: Gauck und die Pastorenriege des Novembers’89 kommen auch wieder vor. Die mag er „sehr“ (Sarkasmus!); wie einmal mehr deutlich wird.

Aber eigentlich geht es im Schwerpunkt des Buches um Diestels Lebensthema: Die unvollendete Einheit, die Ausgrenzung ostdeutscher Kader von nahezu allen Leitungsebenen.

Diestel ist aufgegangen, dass der Einheitsvertrag mies gestrickt war, aber er schlägt Haken in Bezug auf Details. Immerhin bringt er einen wichtigen wunden Punkt zur Sprache: Keinerlei Absicherung für Ossi-Ansprüche ab dem 04.10.90, da nun alle DDR Gremien aufgelöst waren; was er anekdotenhaft zu illustrieren weiß.

Jedoch bringt er auch zahlreich bittere Beispiele auf den Punkt:

„Plötzlich interessierten lediglich die Immobilien und die freiwerdenden Posten – die Menschen, die das alte Regime zum Einsturz brachten, nicht.“

Da, wo die Posten nicht freiwurden, wurden sie freigemacht: Da muss sich doch IM-mäßig was finden!

Auch wenn die Ministerpräsidenten 2022 überwiegend Ossis sind und der MDR eine Ossi-Chefin hat: Neu-5-Land wird überwiegend kolonial geführt: Universitäten, Hochschulen, Gerichte, Kliniken … die Leiter haben Westwurzeln und meist auch ihre Ruhesitze dort.

„Die komplette Führungsschicht der DDR wurde >wegen Systemnähe< kaltgestellt.“

Sehr interessant Diestels Einlassungen zur Hetze gegen den letzten Ossi auf dem Rektorenstuhl der Humboldt-Uni Fink. Ein integrer, anständiger Theologieprofessor, der im Wendewirrwarr gewählt worden war: Aber da gab es im Ruhrpott soviele Professoren, die dort nichts werden konnten – „da musste sich was finden!“ Und da in der DDR jeder führende kirchliche Angestellte früher oder später wissentlich oder unwissentlich mal mit jemandem von „Horch&Guck“ gesprochen hatte, fand sich eine Akte…

Gauck war der oberste Stasi-Aktenwächter und somit auch oberster „Sachverständiger“.

Diestel vertrat Fink im Verfahren gegen seinen Rauswurf und gewann – nicht die Wiedereinsetzung, jedoch die Dienstjahr-Anerkennung und die vollumfänglichen Pensionsansprüche: Weil da schließlich gar nichts Verwerfliches war. Die Rehabilitierung des Prof. Fink nahm öffentlich niemand zur Kenntnis. Die Hetze gegen ihn zuvor – war überall zu lesen.

Diese Art Fälle wurden Diestels täglich Brot.

„Wir beschäftigten in der Hoch-Zeit 5 Anwälte und hatten voll zu tun: Alles IM- und Dopingfälle.“

Diestel, der Robin Hood aus dem Mecklenburg-Forrest, wo er inzwischen wohnt.

Er spreizt sich als Streiter für Gerechtigkeit. In vielen Fällen sicherlich zurecht.

Auf der anderen Seite entsteht im Buch jedoch von Seite zu Seite immer mehr der Eindruck: JEDER Ossi habe vor Gericht gestanden und sich gegen IM-Beschuldigung wehren müssen. Das hinkt!

Und da verzerrt sich eben das Bild.

Je nach Quelle gab es ’89 ganze 60- bis 100 000 IMs. Bei 17 Mio Einwohnern, davon 12 Mio wahlberechtigt, also volljährig und zurechnungsfähig, ist das also etwas weniger als rund 1 % der Bevölkerung. 8 Mio Ossis verloren ihre Arbeitsplätze nach 1990 also ohne Stasi-Querele; aus Gründen des Bankrotts der Betriebe oder der Konkurrenzbeseitigung seitens der westdeutschen Platzhirsche. Der Hinweis auf dieses Zahlenverhältnis fehlt im Buch leider ebenso, wie in der offiziösen Berichterstattung der Medien über die Stasi-Altlast des Ostens – seit 30 Jahren.

Abschließend noch zur Form dieses Buches: Es ist ein niedergeschriebenes Interview, das über mehrere Abende unter 4 Augen geführt wurde. Es nerven zwei Begleiterscheinungen:

  1. dieses inflationäre Einpeitschen „PMD; der letzte Innenminister und Vizekanzler der DDR für 174 Tage“; gefühlt alle zwei Seiten; wobei der Terminus „Vizekanzler“ auch ein bissel problematisch ist.
  2. das Nicht-Nachhaken, wenn PMD ganz offensichtlich ausweicht oder beim Reden „vom Wege abkommt“. So werden einige interessante Spuren gelegt, aber nicht verfolgt.

Naja, muss ja noch Platz bleiben, für ein drittes und viertes Buch; vermutlich.

Was wiederum sehr gut gemacht wurde, sind die Zwischenkapitel, die eingeschoben wurden, damit das ganze nicht nur ein „IM-Rächer-Traktat“ wird. So erfährt man mehr über PMDs Werdegang vor der Wende und über seine Liebe zum Wald als Romantiker und als Jäger, der (angeblich) kaum schießt, jedoch ein Jagdzimmer voller Trophäen sein Eigen nennt. Hat er die Geweihe also vom Flohmarkt? Nachfragen: Keine.

Fazit: Lesbar. Dümmer machts nicht. Aber man hat den Eindruck, einen Bonus-Track-Band zum Bestseller von 2020 in der Hand zu haben.

Ein Gedanke zu “Mein zweiter Diestel

  1. „Sehr schnell sagen wir von einem Buche. ›Wie gut ist das – genau was ich denke!‹ Aber das richtige Gefühl ist ›Wie seltsam ist das! Ich dachte nie zuvor daran, und doch sehe ich, das ist wahr, oder ich werde es hoffentlich eines Tages sehen.‹ “ (Ruskin 1865)

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