Diestels Buch

Der ehemals „schönste Politiker 1990“ hat ein Buch geschrieben – 30 Jahre danach. Warum ich das gekauft und gelesen habe? Weil er rotzfrech austeilt und sich das sehr unterhaltsam liest.klein29783360013385

Peter-Michael Diestel war der Mitbegründer der kurzlebigen DSU in Wendezeiten (als die CSU von einem Ableger in Neufünfland träumte, nicht mit DVU verwechsel!), der letzte Innenminister der DDR und freiwilliger Abgänger des Politzirkus nach nur einem Jahr. Rettete sich zurück ins Anwaltsein, gewann und verlor hier Prozesse, wie das eben so ist im Leben und sammelte einen auf strategische Art nützlichen Bekanntenkreis an „Bedeutis“ der Zeitgeschichte um sich, mit denen er vorgibt befreundet zu sein, bzw. sie immerhin sehr zu achten.

Gysi, Stolpe, Lothar de Maiziere, Willi Sitte, Markus Wolf, Egon Krenz, Stefan Heym, Schalck-Golodkowsi, Egon Bahr, Helmut Kohl, Dieter Birr, Peter Meyer … auf biologischem Wege mittlerweile stark gelichtet.

Biermann, Gauck, und noch so ein paar Wendemacher der pastoralen Hinterzimmer gehören eher nicht dazu, wie er unmissverständlich deutlich werden lässt.

Diestel wurde geprägt durch einen Vater, der Wehrmachtsoffizier war, im Kessel von Stalingrad an der Seite von Feldmarschall Paulus in sowjetische Gefangenschaft ging, dort Kommunist wurde und zurückgekehrt die NVA aufbauen half. Der seinen Söhnen jedoch davon abriet in die SED einzutreten und Offizier werden zu wollen. Auf der anderen Seite von einer konservativ gebliebenen, streng christlich orientierten Mutter. Mit diesen Eltern an diversen Standorten der NVA unter anderen Offizierskindern aufzuwachsen – das trainiert das ideologische Hakenschlagen.

Das erklärt andererseits auch, wie er zu der eher mitleidigen Haltung kommt, in NVA- und Stasi-Generälen Wende-Opfer einer unangemessenen Säuberung zu sehen.

„Deutsche Offiziere, (…) die loyal ihre Pflicht erfüllten (…) in einem anerkannten Staat (….) im Kalten Krieg an der Frontlinie der Systeme.“

Alles Saubermänner also? Schadensbekämpfer? Oder doch unflexible, selbstherrliche   Opferbiografien-Erzeuger nach Schema F! Intellektuell eher unterbelichtet.

Immerhin bringt er selbst ins Spiel, welch zwitterhafte Haltung manch einer dieser Helden an den Tag legen konnte: Als Wehrpflichtiger wird er zu seinem Regimentskommandeur bestellt, weil dieser ihm zu verstehen geben will, dass er damals in den Sechzigern  als Offiziersschüler Vorlesungen bei Diestels Vater gehört habe und diesen ganz toll gefunden hätte, „eben ein echter Ritterkreuzträger aus dem Kessel“! Oops? Die Schukow-Verehrer der NVA mit ihrer anderen Seite.

Diestel liefert Widersprüche zum selber puzzeln.

Er kritisiert Dumpfbacken und Flachzangen in der Politik der 80er Jahre, ohne Namen zu nennen und „achtet“ ein paar Seiten später dann die Spionageerfolge von Markus Wolfs Auslandabteilung der Stasi, bedauert Egon Krenz für seine vierjährige Haftstrafe (die als Freigänger im offenen Vollzug äußerst human verlief, was aber nicht da steht) und erlebt Erich und Margot Honecker im Militärkrankenhaus der Sowjetarmee in Beelitz (Frühsommer 1990) wie ein würdiges, gut aufeinander eingespieltes Großelternpaar, das sich nicht beschwert und tapfer sein Schicksal trägt. Er will mit ihnen ihren weiteren Verbleib regeln, da er es als unwürdig empfand, dass der ehemalige Staatschef als einziger Obdachloser der sterbenden Republik bei einem Pfarrer unterkriechen musste, während sich alle ehemaligen höheren Genossen der „Vorhut der Arbeiterklasse“ davor drückten, ein Zimmer für ihn freizuhaben. Absolut richtig soweit.

Anderseits: Wieso dann die Würdigung von Krenz, Modrow, Gysi & Co an anderer Stelle?

Und wieso tippt er nicht wenigstens die Überlegung an, was wohl geschehen wäre, wenn der Anwalt Diestel ein lumpiges Jahr vorher mit Erich und Margot zusammengetroffen wäre und dieselben Ideale vertreten hätte wie in Beelitz 1990: Weg mit der DDR! Wiedervereinigung! -???-

Er kanzelt den Mainstream-Journalismus für seine Halbwahrheitenberichterstattung ab und weist darauf hin, dass halbe Wahrheiten mithin ganze Lügen sein können. Beispiel: „Der Tag an dem die Wende kam – D-Day Jubiläum in der Normandie“(Spiegel);  Weltkriegsjubiläum ohne Russland und somit ohne den unbestreitbaren Hauptsieger 1945.

„Die Wende des II. Weltkrieges, das waren Moskau, Stalingrad und Kursk!“

Sollte bekannt sein! Aber westdeutsches Bastelabitur macht inzwischen auch andere Sichtweisen möglich. Wie sonst wären solch dümmliche SPIEGEL-Artikel erklärbar? Abgesegnet von ganzen Redaktionen?

Jedoch an anderer Stelle macht er es nicht anders.

„Die DDR war nicht ausländerfeindlich, denn sie unterstützte Vietnam, nahm Flüchtlinge aus Griechenland 1967 und Chile 1973 auf, ermöglichte Vietnamesen und Afrikanern hier etwas zu lernen, was sie beim Wiederaufbau ihrer Länder gebrauchen konnten.“

Soweit die alten Stabü-Lehrbücher und PMDs Ausführungen zur aufrecht international gesinnten Ossi-Mentalität…

Und die Abschottung der Gäste? Die Misch-Ehen-Verhinderung? Die Abschiebungsandrohung bei Schwangerschaft? Wer schlug die Kubaner in Halle tot? Und die Angolaner in Wittstock? Und weshalb? Wieviele Polen- und Russenwitze wird er selber vor 89 erzählt haben?

Diestel bezeichnet sich als praktizierenden Christen, der „selten einen Gottesdienst aufsucht, der aber Händefalten kann und froh ist, wenn‘s mal knapp wird eine Mauer zum Anlehnen zu haben“.

Und er gibt sich bibelfest, wenn er treffend ins Feld führt, wie schnell doch gewisse Apostel ihre Lichtgestalt von gerade eben einfach nicht mehr kennen wollen: Hie Jesus, da Erich Honecker, oder dort Ibrahim(Manfred) Böhme.

So hat er eine Art Bibel geschrieben. Einen Gedankensteinbruch und Erfahrungsbericht, der für jeden Leserstandpunkt da draußen Munition liefert. Pointiert, Abläufe erhellend, mal Florett – mal Panzerfaust gegen die Dummheit der Welt. Ein Genuss! Aber das Buch lässt dich auch dann und wann ärgerlich ins Kissen beißen, wenn du es dir als Gute-Nacht-Lektüre gibst, weil er stellenweise simpel ostalgiert oder dir allzu plump die Unsympathen seines prominenten Bekanntenkreises schmackhaft machen will.

 

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