Heyse, Heyse und kein Ende…

Eigentlich wollte ich die Heyse-Hitlist umschmeißen, um die folgenden 5 unterzubringen. Problem: Ich kann mich aber nicht von 5 Titeln der Altfassung trennen!

Inzwischen habe ich drei weitere Novellensammlungen von ihm gelesen. Da jede aus 5 bzw. 6 Novellen bestand, also 17 neue Eindrücke. Ein paar, vor allem aus dem „Buch der Freundschaft“, waren wirklich mies. Das will ich nicht verschweigen. Das „Buch der Freundschaft“ rankt sich um „Siechentrost“, den „Hit an sich“. Und wie bei Bands der 70er Jahre, die ihren Signatursong zustande brachten, ringsherum aber „schnell mal“ ein paar Songs hinschluderten, um ihn auf LP herausbringen zu können, solange er „hot“ war, ergänzt sich hier bei Heyse was eigentlich nicht zusammen gehört: Übriggebliebenes aus Veröffentlichungen in „Gartenlaube“ und anderswo, und immerhin die Miniatur von den„Guten Kameraden“ als zweites ansprechendes Werk, sonst nix.

Als ich die Golden Earring LP mit „Radar Love“ kennenlernte, oder Deep Purples „Machine-Head“-Rumpelwerk erging es mir genauso.

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Die 5, die es zu loben gilt, sind:

5. „Die beiden Schwestern“ (1869)

4. „Die Eselin“ (1883)

3. „Gute Kameraden“ (1884)

2. „Der verlorene Sohn“ (1871)

1. „Geteiltes Herz“ (1906)

Platz 5: Bei der Novelle von „den beiden Schwestern“ handelt es sich vor allem um ein „Spätes Mädchen“, ein „Mauerblümchen“, das sich mit dem Schicksal abgefunden hat, Gehilfin ihres Vaters zu sein, und selbstlos ihre jüngere, hübschere Schwester feiert, die von Ball-Erfolg zu Ball-Erfolg eilt. Jene dauerhaft Übersehene schreibt Briefe an ihre Pensionatsgefährtin, die mittlerweile Mutter ist, und nur äußerst knapp antwortet. Sie preist in diesen Briefen das bevorstehende Verlöbnis ihrer Schwester mit einem jungen Astronomen der Sternwarte Potsdam, der sich regelmäßig bei ihnen einfindet – warum wohl? Vater, der alte General a.D., kommt nicht in Betracht, sie selbst, das Familienaschenputtel auch nicht – also bleibt doch nur die Ballkönigin, auch wenn hier und da ein paar nette Neckereien auch für die „unansehnliche“ Schwester der Fee abfallen. Immerhin konnte sie mit ihrer Belesenheit eines Abends punkten: Sie kannte die Planeten des Sonnensystems in richtiger Reihenfolge! — Gerade noch rechtzeitig überwindet sich der schüchterne Astronom dann doch, das Geheimnis platzen zu lassen, dass er von der Intelligenz des Aschenputtels beeindruckt ist und SIE der Grund seiner Besuche ist, auch wenn er, wie alle Welt normal findet, der andern Fee die Aufwartung „pflichtschuldigst“ macht.

Vorhersehbar. Albern. Überholtes Frauenbild. Klar. Na und? So wie Heyse diesen Briefroman en miniature ersonnen hat, knistert es. Der Leser wird mitgenommen auf diese emotionale Reise – auch wenn er auf Seite 5 ahnt, was kommen muss – er weiß ja noch nicht WIE es kommt, oder ob alle hochdramatisch Selbstmord begehen.

Platz 4: „Die Eselin“. Ein invalider, junger Offizier von 1870 weilt zur Genesung bei befreundetem Landadel im südlichen Sachsen und wandert durch Erzgebirgstäler, auch hinüber ins Österreichische. Er lernt eine glücklose, arme, ältere Bäuerin kennen, die einen totkranken Esel pflegt. Sie hat auch noch eine hübsche, geisteskranke Tochter, die wiederum ein Kind hat – und sie weiß nicht, wie sie alle durchbringen soll. Der Offizier erfährt und erzählt ihre Geschichte. Es geht um die Bürgermeisterfamilie und um die Eselin, die eine Stichverletzung in der Schulter hat, die sie nicht gesunden und nicht sterben lässt.  Es geht um eine Hochzeit am anderen Ufer des Bergsees, und es geht um einen hochdramatischen und so nicht vorhersehbaren Schluss. Ganz großes Kino. Könnte man sich als Düster-Movie mit Helene Weigel, der jungen Fieta Benkhoff, Gerd Fröbe, Klaus Kinski, und Willi Fritsch vorstellen.

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Platz 3: „Gute Kameraden“; ein deutsches, noch junges, adliges Fräulein in einer von lauter Engländern heimgesuchten Pension in Rom. Bald wird sie abreisen. Da checkt ein Fabrikant aus Deutschland ein. Verheiratet, aber allein reisend. Es ergibt sich, dass man miteinander spricht. Sie wird seine Fremdenführerin im Landauer und zu Fuß … natürlich knistert es …. derart, wie das nur Spielhagen und Heyse zu Wege bringen … ein Ausflug vor die Tore der Stadt und eine Rast in einer einsamen Taverne bringen beiden unabhängig von einander die Erkenntnis: Es darf nicht sein!  – Gute Kameraden! Mehr nicht! Geeignet für Kammerspiele an kleinen Theatern.

Platz 2: „Der verlorene Sohn“ hat, wie hier beschrieben, eine ganze Flut von Bildern in mir ausgelöst. Heyse konzipierte hier einmal mehr die Schicksale von 4 Personen so zusammen, dass der Leser eine Achterbahnfahrt der Gefühle erlebt. Mutter Amthor und ihre heiratsfähige Tochter pflegen einen verletzten schönen Fremden gesund. Der eigene Sohn des Hauses ist seit Jahren verschollen. – Was, wenn du erfährst, dass … – Kann es solche Schicksale geben? Ähnliches gab es in einer Nachkriegsepisode bei „Doktor und das liebe Vieh“ bzw. in Fassbinders „verlorener Ehre der Katharina Blum“ – aber um ein Vielfaches vergröbert. Die Dramaturgie bei Heyse geht deutlich besser auf. Verfilmen!

Platz 1: „Das geteilte Herz“. Kennst du das Gefühl, das dich befällt, wenn du sagen wir – eine Band für dich entdeckt hast, von der es leider nur sehr wenig Songs gibt? Du hieperst auf Nachschub. Aber der kommt nicht. Irgendwann entdeckst du bei einer anderen Truppe Musik, die dich an jene erste erinnert – und die somit genau diese ungestillte Nachfrage lindern hilft.

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Ich wurde vor wenigen Monaten auf den Namen Paul Robran gestoßen. Schriftsteller des 19.Jhds. Der Name birgt ein Geheimnis, das ich hier nicht lüften will. Robran schrieb nur eine handvoll Novellen – und diese musst du in alten Ausgaben der „Gartenlaube“ oder in „Westermanns (gesammelten) Monatsheften“ finden. Macht ja keiner. Zu umständlich. Aber wenn du einen Link spendiert kriegst zu einer digitalisierten Novelle – dann ist das genau das kleine Tütchen mit dem weißen Zeug, das sofort süchtig macht. You know, what I mean? Nach der Bekanntschaft mit dem Können von Robran musste mehr her – und es fand sich – bei Heyse: Das große Zeitgemälde in der kleinen Form! Eine Dreiecksgeschichte. Ein Mann zwischen zwei Frauen. Klingt simpel. Ist es aber nicht… Die Konventionen; die Fluchten – „ins Bad“ zu reisen; Schlagzeilen, die Napoleon III. hinterlässt -und die Noten von Bachs „wohltemperiertem Klavier“ – zerrissen auf dem Hotelzimmerfussboden…

Du willst einen weiteren Leserausch? Wie bei Robran? Wie damals, als du Heyses „Moralische Unmöglichkeiten“ gelesen hast? Du kriegst ihn! Hier ist kein Wort zuviel. Hier passt alles. Und vorallem Musicjunkies jeglicher Art werden sich hier wiederfinden, ob männlich oder weiblich ist egal, es gibt für beide Lager Anknüpfungspunkte. Auch wenn es zeitlich bedingt gar nicht um Rockmusik gehen kann! Sowas wie hier liest man zuende, klappt das Buch zu – um für den Moment festzustellen: Nichts geht mehr! Du wirst nun nie wieder lesen, denn nichts kommt DA ran!

Aber Zeitchen später verfliegt der Rausch. Du schaust aus’m Fenster: Alles noch wie gehabt. Du fährst den Computer hoch, klickst das ZVAB an und gibst in die Suchleiste ein H ein. „Heyse“ kommt von Geisterhand allein. Enter. Such! Nachschub!

Es bleibt spannend.

4 Gedanken zu “Heyse, Heyse und kein Ende…

  1. Ich danke Dir für den schönen Text. Zwei der besprochenen Novellen werde ich sicher lesen. Ich revanchiere mich coram publico mit einer Empfehlung: Manchmal trifft der Liebespfeil erst auf dem zweiten Blick. Lies noch mal Spielhagens „An der Heilquelle“.

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    • Sicher demnächst. Aber erstmal bin ich Schatzgräber in den beiden alten Westermannbänden. Da schlummert so einiges, was der Wiederentdeckung harrt.
      Welche 2 Novellen sinds denn, die du lesen willst?

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  2. Na vor allen Nr. 3, um sie mit Herbst im Frühling, der Romanovelle von Paul Robran zu vergleichen. Und dann Nr. 1. „Schlagzeilen, die Napoleon III. hinterlässt“, das macht mich neugierig.

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