Riders on the glow (2)

Eine ältere Dame lädt zum 66. Geburtstag ein. Woran denkst du dann?

Tosca kaufen, eine Halbzentnerpackung Schnapsbohnen oder Mon Cheri dazutun und ab dafür: An die Geburtstagstafel zu Buttercremé-Torte und Schlagobers, empfangen von einer kleinen Dicken mit Perlenkette und dupiertem, graumelierten Kurzhaarschnitt. Ihr verwöhnter Zwergpudel oder Chihuahua röchelt dich feindselig an, wenn du gratulierst, dann festsitzen im Café „Haubentaucher“ und den gesammelten Wartezimmerinformationen der letzten 10 Jahre lauschen. Nachdem die Enkel Gedichte aufgestammelt oder Flötenstücke vorgefiept haben, wird getanzt, von denen die noch können, zu „Du kannst nicht immer 17 sein“ und „Oh mein Papa“ und früher oder später, während der Tanzrunden ist dann der Moment günstig für den Absprung – „Muss morgen früh raus….“

Soweit, so bekannt. So war’s mal. Way back in den frühen 70ern. Als Großmutter noch lebte und ihre Rommé-Runde alter Witwen.

Omis von heute allerdings würden dich glatt zwingen, die Tosca-Flasche auf ex zu saufen, bevor du unter dem Dauerfeuer deiner mitgebrachten Schnapsbohnen von Hof gejagt wirst. Der Zug ist abgefahren.

Wenn nun die Graugans zu so einem Event einlädt, dann kannste das eben Beschriebene erst recht komplett vergessen.

Eine Rock-Disco war angesetzt, wie weiland in den 70ern! Ein Scheunen-Woodstock? Das geht doch nicht! „Die goldnen Zeiten san vorbei“(STS)! Melancholisch blättere ich von Zeit zu Zeit in EMP-Katalogen oder starre an Zeitungswänden auf Beilagen im Sonic Reducer, Classic Rock, Eclipsed um herauszufinden: Welche Band lässt derzeit das schönste Logo auf T-Shirts drucken? Wenn ich 30 wär,‘ würde ich das noch bestellen. Und das. Und das. Vorbei. Ich alter Zausel kann doch nicht Reklame laufen für Rocker, die meine Söhne sein könnten! Und ein Kiss-Logo über der Plautze fährt auch nur noch Mitleidsblicke ein in Zeiten von Assi-Rap und Jammerlappen-Pop. Und jetzt sollen ein Bündel alter Leute da auf der Graugansfete sich einen abpogen? Hä?

Ich geb’s zu, dass da eine gewisse Tosca-Melancholie in mir aufstieg.

Denn hiermit sei verraten: Der Bludgeon und das Tanzen, dass isso ein Zusammenhang, der sich erst nach einer gewissen Grundalkoholisierung ergibt und selbst dann sind die laienhaften Bemühungen des Delinquenten nicht unbedingt Formationstanz kompatibel, sondern gewissermaßen als Hybrid aus anarchistischem Ausdruckstanzballett Harald Schmidtscher Schule und sehr abstrakten Latin-Dance-Rudimenten anzusehen.

Oder einfacher formuliert: Er kanns halt nicht.

Aber „drücken is’nich‘!“ Sinnvollere Geschenkideen waren dank reichlicher Bloggertrefferinnerungen leicht gefunden. Also hin da und überraschen lassen. Und – was soll ich sagen – die gelang vollkommen. Familie Graugans hat ja auch monatelang zuvor gerackt und geräumt, um Platz zu schaffen, Transparente zu malen, Futterage heranzukarren…

Kein Tanzsaal dieser Welt kann das schaffen, was ein spärlich beleuchteter, uriger Heuboden mit „Antik-Scheunen-Flair“ in einem ehrwürdigen, oberbayrischen Bauernhaus im Verein mit einer reichlichen Schar gut gelaunter Gäste so zu Wege bringt. Witzige, sich selbst auf die Schippe nehmende Kurzansprachen der beiden Gastgeber und des DJs (aka Riffmaster), sowie eine Art Hemmschwellenbeseitigung per Kennlernrunde der entkrampfenden Art und dann begann die Parade all der alten Heuler von einst: Steppenwolf, Scott McKenzie, Sweet, Animals, Puhdys, AC/DC, Jethro Tulls Locomotive breathte auch mal wieder los … wie in alten Zeiten. (Oder sogar besser: ABBA & BoneyM freie Zone!)  Schuldisco-Flashback und fast alles tanzt auch sofort!

Klar „mit 66 Jahren…“ musste sein. Bei DEM Anlass – und DEM DJ! Und „Schuld war nur der Bossannova“ gabs auch, war ja’n Jugendhit der Jubilarin. Seit in den 90ern dieser wunderbare gleichnamige Film lief, der Muriel Braumeister, Jürgen Vogel und Benno Führmann auf einen Schlag bekannt machte, mag ich den Song schließlich auch.

Beim 5. oder 6. Song macht Riffmaster eine Ansage, die mir entgeht, daraufhin stürzen sich Graugans und irgendwer noch auf mich und zerren mich auf den Tanzteppich: „Das is‘ Dein Song! Los!“ Okay. Rockhaus. Da kann man nicht Neinsagen. Also bemühe ich mich eben im Sound mitzuzucken.

Bei der Umschau gewahre ich, dass auch einige der anderen männlichen Anwesenden ähnliche Rhythmosleptiker sind wie ich und eh alle „auseinander“ bevorzugen. Erleichterung!

Und es ging ab: Whole lotta love, Smoke on the water, california dreaming, all right now! Letzteres traf DERMAßEN zu!

Dann wurde „In a gadda da vida“ angesagt, die Langfassung! Und Tanzdefizitator Bludgy hält durch! Tanzend zum elendlangen Drum-Solo. Mit der eigenen Frau und sie mit ihm! (Das hätte mir vorher mal einer prophezeien soll’n!) Die Fläche leerte sich nicht spontan aber zügig. Übrig blieben 5e, von denen eindeutig Zeilentiger am besten abschnitt. Er hätte sich auch Gre(a)t Palucca nennen können.

Schließlich, so zu roundabout mitternächtlicher Stunde beim Verabschieden noch ein finaler Kurzdialog mit dem Geburtstagskind:

Graugans: „Hatsdor g’falln?“

Bludgy (strahlenden Blickes): „Wie hast du DAS geschafft? Wieso hat DAS funktioniert?!“

Beim Blick zurück auf die erhellte Heubodentüre in stockfinsterer Nacht kam mir ein Lied ein:

„Theres a light over at the Frankenstein Place, theres a li-hight also in my tired Fa-hace…“

Ich murmle es vor mich hin auf dem Weg zum Auto. Töchterlein und Hund warteten (abstinent geblieben) auf den Abtransport der Alten. Ich machte noch Nachtaufnahmen vom „Frankenstein Place“ und wurde prompt verhöhnt:

„Papa macht Nachtaufnahmen! Mit Handy. Ohne Blitz! Klick. (Klopps vor die Stirn) Oooorrrr! Dunkel!“

Sie sitzt schon hinterm Lenkrad und grinst. Ich falle auf den Beifahrersitz:

„Wennd ahmol noch so haam kummst! Sammar gschiedene Leit!… there’s a light…over at the…mhm hm hm“.

Von der Rückbank kommt noch eine Stimme: „Das war ein schönes Fest!“

Die Chauffeuse startet den Wagen und das TomTom guidet uns sicher zur Unterkunft.

Schee woars. Schee!

 

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23 Gedanken zu “Riders on the glow (2)

  1. Da kommt mir spontan die Erinnerung an Jiri Korn und sein inzwischen über 40 Jahre altes „Als meine Oma zwanzig war“. Irgendwie hat wohl jede Generation ihre Fetzigkeitsmöglichkeiten. Es hängt dann auch vom Individuum ab, ob man fetzig wird und fetzig bleibt.
    Meinen aufrichtigen Glückwunsch zur Bekanntschaft der fetzigen „Graugans“!

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    • Yeah, keep on rockin´…von wo ums Eck sprichst du denn werte Kraulquappe, wennst eine Einladung willst beim nächsten Mal …sofern der DJ wieder mit an Bord ist, dann brauchst dich nur melden!!
      Liebe Grüße von der Graugans

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      • Liebe Graugans,
        ich mutmaßte nur, dass es um die Ecke sei, weil’s so nach Oberbayern und Chiemgau klang. Jedenfalls bin ich in München und falls für die nächste Sause noch Mitrocker gesucht würden… – da sag ich dann nicht nein!
        Liebe Grüße von der Kraulquappe

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      • Liebe Kraulquappe, der DJ muß erst noch überzeugt werden, daß er sich das ganze Rockspektakel nochmal antut, ansonsten käm er aus der gleichen Stadt wie Du, da könnt Ihr ein Sammeltaxi machen, kicher, leidenschaftliche Rocker sind mir höchst willkommen, wenns soweit ist, kriegste eine Einladung, versprochen!!!! Viele liebe Grüße aus dem Rupertiwinkel

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  2. Tosca und Schnapsbohnen, ich erinnere mich genau. Tosca für die Tanten und 4711 für die Omis. Was hab ich gegrient beim ersten Absatz und gleichzeitig gedacht, das war aber die andere Generation, heute kannste das nicht mehr bringen, schließlich bin ich auch nur noch drei Jahre weg davon. Die Auflösung kam dann ja 🙂

    Deswegen hätts bei mir wohl auch mehr Pearl Jam, Pogues, Chili Peppers, Springsteen, Real McKenzies und jede Menge Weltmusik gegeben statt The Jethropurple & Co., aber zu der Langfassung vom Schmetterling hab ich immerhin auch mal getanzt in jungen Jahren. Also, mich bewegt meine ich, tanzen war was anderes.
    Muss eine steile Party gewesen sein, herzlichen Glückwunsch nachträglich an die Graugans, die hier vielleicht noch mitliest. Wenn man über 60 Jahre lang Partys gefeiert hat weiß man halt wie’s geht 😀

    Zur Tieschörtproblematik nur eine kleine Anmerkung: Heute laufen haufenweise Kids mit Led Zeppelin und Nivana Shirts rum, die keinen Plan haben wer Jimmy Page oder Kurt Cobain überhaupt sind bzw. waren. Wenn Leute in unserem Alter mit solchen Shirts rumlaufen, können sie höchstwahrscheinlich eine Geschichte dazu erzählen 😉

    Oft sind die dann auch noch lustig, wie Deine hier.

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  3. Anmutung an Steppenwolfmaskenball. Lauter zur Musik passende Menschen, oder andersrum. Wer macht so etwas möglich! Auch das Schicksal hat umgebaut: statt Kreuzungen nun Kreisel. Es ergibt sich was außerhalb jeder Mathematik. Vielleicht eine Art Seelenphysik. –

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  4. Weißt Du was, Du Wilde, Deine Geburtstagswünsche an mich haben ganz schön gezündet, dank Dir nochmal und schreib Dir bald…und so ein Waaaahnsinnsfest, wie es bei uns passiert ist, machen nur Menschen möglich, die bereit sind zum Freuen, unglaublich, dieses Mal ist das passiert, wie durch ein Wunder!
    Liebe Grüße

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  5. Ja, Mr. Blu, schee war´s, sooooo schee! Aber nur daß das klar ist, Mong Scherie mochte ich schon immer, darauf fahr ich richtig ab! Blöd is, daß der obergeniale Mr. Sam Hawkins und ich soviele saugute Songs zusammengetragen haben, daß 35 Std. Spielzeit herauskam, wir wurden beide immer größenwahnsinniger total musiknarrisch … leider konnte er dann halt nur so wenig spielen, obwohl es ja bis mindestens 2.00 Uhr morgens ging, irgendwie müssen wir das nachholen, aber da kommen mindestens drei Feste zusammen … also, an mir solls nicht liegen, ich bin grenzenlos tanzbereit … aber Ihr etwas älteren Herren, da muß man halt schon ein wenig auf die Gesundheit achten…kicher
    Das Fest war deshalb so gut, weil Ihr alle schon lachend ankamt…So, und nun werd ich mir mal ansehen, was Du so über mein Hoamatl (Heimatchen) verzapft hast … ich hätte da übrigends ein Foto von diversem Ausflug in der Pampa, das wirste aber vorher sehen wollen, bevor ich es veröffentliche, oder, kicher?
    Servus, see you
    PS. Guat host danzt!!! Fürchte, da kommt bei nächster Festivität noch was nach…ja mei, so bin i hoit, verstehst mi?

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    • Na klar: Guat host danzt. Das buche ich in der Art Lob ab, wie wenn der Michael Schanze bei „Kinderquatsch mit Michael“ immer so kleinen Deppen über den Kopf streicht und ihnen den Abgang leicht macht, obwohl sie völlig versagt haben. Der Schanze issja auch Bayer.

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      • Also, ich mein das tatsächlich so, guat host danzt, wenn dem nicht so wäre, meinst vielleicht, ich tät mich auch nur in Deine Nähe begeben?
        Und nur, damit das klar ist: sag nie mehr ältere Dame zu mir, niiiiiiiemehr, niiiiiemehr,!!!
        Sag lieber alte Schachtel oder Honkytonk…alles besser wie obiges…ne Dame werd ich nie und „ältere“ ist das Schlimmste, was man mir antun kann, is so ähnlich wie bei den kleinen Deppen vom Schanze, bei den älteren Herren ist das was anderes, vor allem, wenn sie noch jung sind…oder so…oder doch irgendwie anders…
        tiefschürfende Grüße aus dem kochenden Alpenvorland

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  6. Meister, ich hab da so ne Ahnung, als könnt´s Dir durchaus richtig dünken … ich laß Dir jetzt erstmal eine Verschnaufpause, aber : nach dem Fest ist vor dem Fest und da sind mir doch rein zuuuufällig, ich schwör, ein paar so Ideen gekommen, bezüglich des Verlaufs der Route 66, durchs Country, hinein in den Wilden Westen, Cowboy und Indianerland und am Tresen Whiskey in the Jar…you know … aber wie gesagt, erhol Dich gut!

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