Riders on the glow (4)

 „Man weiß am Ende aller Reisen doch immer wieder nur die Erde rund….“ (A.Heller)

Letzter Teil unseres Hitzetrips 2018. Weniger Text diesmal. Aber meine 3 Lieblingsfotomotive wollte ich noch verewigen. Es lebe der Rupertiwinkel, abseits der Pfade des Massentourismus. „Das kann auch ruhig so bleiben. Wenn uns der Tourismus erst entdeckt, wird’s schnell zu viel.“ (O-Ton unserer Pensionsvermieterin; weshalb ich in „Riders on the glow“ auch lieber mit allzu genauen Ortsangaben spare.)

  1. Eine Watzmann-Saga

„Gefolgt sans ihm tapfer, aber der Berg der wüll sei Opfer“ (W.Ambros)

Der Ö3 hatte in den späten 70ern eine Sendung, die hieß „Musik für mich“. Wie kommt jetzt der Ossi auf den Ö3? Der NDR 2 schaltete sich jede Freitagnacht zu später Stunde zu. Und immer, wenn bei „Rums“ auf HR 3 nichts los war, hörte ich freitags eben „Musik für mich“. Die Sendung war seltsam gestrickt. Eine kurios stimmige Mischung aus Schlagerkram, Chanson, Wiener Lied, Filmmusik bzw. Big Band Jazz und ab und an so Raritäten wie „Lauf Hase lauf“ gesungen von Wilfried; geschrieben jedoch von keinem geringeren als Georg dem Großen (Danzer). Auch Ambrosens „Hofer“ geriet so aufs Band. Charles Aznavours „Du lässt dich gehen“ ließ mich vor Lachen fast aus dem Bette falln, aber aufnehmen konnte man das nicht. Wenn das die Angebetete dermaleinst auf deinen Bändern findet – isse weg!

Hier war es auch, dass ich „das Lied vom Watzmann“ zum ersten- und für lange Zeit zum letzten Mal hörte. Die Aufnahme ging mir durch die Lappen. Die obengenannte Zeile blieb im Gedächtnis, denn:

Wiederholt irrte ich durch Antiquariate auf der Suche nach Schätzen aus „guter alter Zeit“ oder nach Büchern mit Titeln, wie sie im Gespräch zwischen den Älteren im Tonfall der Anerkennung mal gefallen waren. Und immer mal wieder lagen dann da auch so dicke Wälzer vom Deutschen Alpenverein oder von Sven Hedin Reisen anderswo in Gebirgen. Ihre Aufmachung verführte mich immer wieder zum Blättern und herumlesen, nie zum Kauf.

Da fehlten die Katastrophen, die Abenteuer, aber da waren auch diese kupferstichigen großen (manchmal ausklappbaren) Illustrationen. Die prägten sich ein.

„Hannibal“ wurde gelesen: Mit Elefanten über die Alpen! „Die Zeit der Sachsen-Kaiser“ verschlungen und die vergeblichen Italienzüge der Ottonen kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen: In Eisenrüstung über die Alpen. Beschlagene Pferde auf vereisten Pässen! Tortur pur!

Gebirgsromantik krallte mich. Wenn man DA durch war, dann konnte man erzählen! (Und der innerliche Grusel lacht dich aus.)

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Schicksalspanorama

Der Song vom „Berg“ gehörte zu einem Konzeptalbum, war zu erfahren, dass man „Rustical“ nannte. Was das sein soll, war nicht zu erfahren. Ein Zweitsong als Hörprobe erklang nicht. Also entstand in mir die übersteigerte Erwartung nach so etwas wie Achim Reichels „Regenballade“(n)-Werk mit textlich rotem Faden. Mystisch, düster, heldisch, dramatisch. Soundtrack zu antiquarischer Gebirgskriegslektüre. Hätte ich damals gleich erfahren, was für ein alberner Scheiß das Komplettwerk eigentlich ist, hätte sich a) das Watzmannzitat nicht eingeprägt und b) wäre ich nicht 2018 noch, ein Gedenk der Jahrzehntelangen Falschverehrung (und laut TomTom-Irreführung) einen aberwitzig steilen Einspurpfad nach Maria Gern gefahren, um anschließend die Marxenhöhe zu erklimmen, um endlich ein brauchbares selbstgeschossenes Foto vom Watzmann zu erbeuten. Rückzu fuhren wir auf wesentlich ungefährlicherem Hauptstrassen-Pfad wieder heim zur Pension. Ende gut, alles gut.

 

 

  1. Von Wichteln, Lustmolchen, Nachtengeln und Fledermäusen aus der Hölle

Es gibt in jeder Region der Welt Legendenorte, die die Volksphantasie beflügeln. Ob Restpreußen, Saaletal oder Berchdesgadener Land. Irgendeine Wahrheit aus alter Zeit wird halbvergessen und deshalb falsch ergänzt weitererzählt und manchmal bleibt ein realistischer Kern und ein andermal wirds ein Märchen. So zum Beispiel die Venezianer-Wichtel, die im Forst spuken, weil im späten Mittelalter wirklich Italiener angeworben wurden, weil man ihnen zutraute, dass sie „die Gabe“ haben. Sie sollten Mineralien und Erze finden. Also kraxelten so einige von ihnen in den Bergen herum, verunglückten, verschwanden spurlos und lebten als Wichtel fort.

 

Interessant auch, der Raubritter und Jungfrauenschreck, der einen 20 km langen Geheimgang in Schuss hielt, um hier in deutlicher Alibi-Entfernung von seinem Raubnest frische Beute für die Nächte daheim machen zu können. Sowohl die Unmoral des Landadels, als auch die immens übertriebenen Vorstellungen von Geheimgängen sind immerwiederkehrende Motive in Volkserzählungen: Fluchtgräben unter dem Dom zu Naumburg oder zu Merseburg, unter dem Amtshof von Wittstock, unter den Gleichenburgen in Thüringen – sie enden immer kilometerweitweg, aber niemand findet jene sagenumwobenen Enden.

 

Als ich (von Herrn und Frau Graugans geleitet) vor diesem Efeu-Spuk stand, war Meat Loaf zwar der erste Gedanke, aber zu Hause kam mir noch ein zweiter in den Sinn. Hier der Vergleich:

 

 

  1. Die Schmiedekunst vom Schäfergraben oder bury me down by the river

Und last not least: Da war 2015 oder 16 eines Tages ein Foto im Internet und dabei stand jene tragische Entstehungsgeschichte dieses Kreuzes aus den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts, die mich an mittelalterliche Sühnekreuze für Todsünden denken ließ. Die las sich so ergreifend, dass ich mir vornahm: Wann immer du mal in diese Gegend dort kommen solltest – DA musst du hin! Das Kreuz am Schäfergraben will ich selber gesehen und fotografiert haben. 2018 hat es geklappt.

 

Und außerdem drängte sich mir auf: Wer über derlei Erinnerungen schreiben MUSS und das dann auch noch KANN, der muss ein Seelenverwandter sein. Das hat auch geklappt. Die Geschichte zum Bild steht (hier) im Graugansblog. Sie verführt zu dramatischer Ausschmückung. Aber manchmal schmerzt Kürze mehr als ein langer Sermon. Meisterwerke soll man nicht remaken. Man würde nur scheitern.

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8 Gedanken zu “Riders on the glow (4)

  1. Eine ganz ganz große Freude ist das, hier zu lesen, daß einer eine Reise gemacht hat in die fremde Nähe, über Stock und Stein und durch Zeit und Raum, seinen Augen und Ohren traut und mit Herz und Hirn darüber nachdenkt, was er da erlebt hat und dann auch noch so liebevoll und wertschätzend darüber berichtet. Und dann noch diese wunderschönen Fotos und die Musik, die sich wie ein kleiner Gebirgsbach überall durchschlängelt…lieber Mr. Blu, wie wenig man doch braucht, damit aus einer Begegnung ein unvergeßliches Erlebnis wird … sich seelenverwandt fühlen, ein paar ähnliche Träume, lachen können und ein wenig Zeit, aber die ist eh relativ … und dann gemeinsam durch einen „Heimlichen Grund“ stromern … hab Dank für diese schöne Zeit und besucht uns bald wieder, denn es gibt noch so Vieles zum Erfahren, Ergehen, Erleben!
    https://www.helminger-projekte.com/graugans/das-geschmiedete-kreuz/

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