HO Gaststätte „Tanzmusik“

Im Westen geht man Essen. Im Osten – auf Nahrungssuche. (DDR-Sprichwort)
Großstadt. Stadtbummel. Mittagszeit. Hach, gehen wir heute mal chic essen.
Im Leipziger „Kiew“ oder im „Gastmahl des Meeres“ oder so.
Pustekuchen!
„Einen Moment – Sie werden platziert!“, (sonst artet es am Ende fürs Personal in Arbeit aus! Der Kunde ist König? Wo hamsen das her? Monarchie ist abgeschafft! Der Klügere gibt nach. Wir geben unserer Kundschaft die Chance, klug zu sein.)
Du stehst also geduldig an der Tür, glotzt auf leere Tische und harrst der Gunst der Stunde, in der sich der eine von den zwei Kellnern herablässt, deine Familie an einen 6er Tisch zu lotsen, an dem schon ein altes Ehepaar sitzt. Während du Platz nimmst, nimmt er den Abraum deiner Vorgänger huldvoll an sich und entschwebt in Richtung Küche. Um dein fremdes Gegenüber nicht dauernd anglotzen zu müssen, starrst du auf die Seite – auf all die leeren Tische und harrst der Gunst der Stunde, wann dem Kellner einfallen wird, dass er dir und den deinen eine Speisekarte angedeihen lassen könnte….

Gaststättenbesuche der vornehmeren Art waren zu DDR-Zeiten eine Qual.

Neulich in Dobblinn beteiligten wir uns an so einem Ganztagsbustrip an die Cliffs of Moher.
Das waren 6 Stunden Fahrt quer durch die grüne Insel,

blogII1-001blogbild   blogII4-004blogbild

dann Touristenmassenauftrieb zu den Cliffs und wieder runter. Dann 6 Stunden Rückfahrt. Der Mercedes-Kleinbus beschallte uns landestypisch mit Folklore. Irische! Flöten-Hardcore zum Akkordeon! Stundenlang! Und er hatte nicht wie sonst 3, sondern 4 Sitze in einer Reihe plus Mittelgang. Dies wiederum bedeutete, dass die Sitze somit für den Weltbund der gehörlosen, beinamputierten Anorexianer geplant gewesen sein müssen.
Kurz: Was eine beeindruckende Fahrt ins Glück hätte werden sollen, entpuppte sich als Tortura Grande, wenn gleich das eine oder andere Idyllenphoto trotz allem möglich wurde.

blogII3-003blogbild     blogII2-002blogbild

Als wir im irischen Dauernieselregen von der Endhaltestelle zum Hotel zurückkehrten, leuchtete mich das „Hard Rock Café“ an und schwubs war der Vorschlag geboren – lasst uns den Tag retten – Abendbrot – DA!

irland2015 416-005blogbild

Der Nimbus dieser weltweiten Kultstätte ist ungebrochen. Für Musicjunkies ist ein Besuch eigentlich Pflichtprogramm, aber in Berlin bin ich im CD-Finde-Modus oft schon dran vorbeigetrabt und in anderen Metropolen hab ich auch nicht dran gedacht, hier nun lief mir praktisch der Laden selber über den Weg und schien mir den Urlaubstag retten zu wollen.

Also rein da:
„3 Persons, Sir?“
Verblüffung meinerseits pur; „Yes?!“
„Please wait a moment.“
Waaaaaaaaaaaaaaaaaaaas?

Da stürzte auch schon so eine Art Kellnerinnendomteuse heran, deckte mich mit einem irischen Wortschwall ein und prompt hatte ich so eine Art plastene Aschenbecherimitation mit Leuchtdioden in der Hand und so halb die Erklärung verstanden, dass – wenn dieses Unikum leuchtet, die Gnadenstunde für unser Abendmahl gekommen sei – bis dahin sollten wir uns an der Theke oder beim Merchandising amüsieren.

Einmal endlich in so einem Ding und dann das? In fataler Entschlusslosigkeit, machte ich nicht flott kehrt, sondern erklärte kampflos der Family die anstehende Geduldsprobe.
Durch den Laden dröhnte die „Bohemian Rhapsody“ aber nicht mal das konnte mich noch aufheitern. Ich hatte 12 Stunden „eirisch Fohk“ als Busbedudelung hinter mir und nun dämmerte mir langsam, dass ich nicht mehr 25 bin und nicht etwa der musikalische Stilwechsel ohr-atorische Wunden heilt – sondern einzig und allein Ruhe.
Wir checkten also die Nepperpreise für T- und Sweat-Shirts, sowie für diese Ansteckgitarren; doch ich hatte beim Anblick dieser blitzenden Rockerorden unter der gläsernen Ladentheke spontan die Assoziation: Shücrü, Mauro und der Trödeltrupp! Die sollten mal einen sammelsüchtigen Edelmessi u. a. von einem halben Zentner dieser Dinger aus aller Welt befreien…
Das machte wenigstens vor dem nächsten Fehler immun: Hier was zu kaufen.
Aber da flackerten die Blinklichter auf meiner Untertanenmarke: Wir bekommen unsere Plätze!

Wir saßen dann schräg vor der Paul Stanley Gitarre zwischen 2 Flachbildschirmen auf denen z.Zt gerade die Human League aufspielte! Der Tag war nicht mehr zu retten. „Girl, don’t you want me…“ Nee, noch nie! Erstens bin ich keene Ische und zweitens was macht ihr hier im HARD Rock Café?
Die Karten kamen, die Bestellung gelang, und auf die Poppertruppe folgten die Simple Minds: Weiße Socken, dauergewellter Kurzhaar-Wuschelkopf: „Don’t you forget about me…“ Wie könnte ich? Vergebliches Bemühen seit 1983!
Geht das so weiter?
„For ever young, baby we can live forever…” Ächz. „Hardrock aus Tschörmeny. Alphaville“, knurre ich in mich hinein. Immerhin gefällt der Schrott meinen Begleiterinnen und sie monieren nicht zusätzlich meinen Scheißeinfall, hier überhaupt einzutreten.

Die Getränke kommen. Statt Guiness hab ich auf Verdacht auf Heinecken gesetzt und erlebe gleich die nächste Überraschung: Eine Dünnplörre von leibhaftigem DDR-Format! Als hätte man Weißenfelser Helles oder das alte Landskron (Spremberger Abfüllung) hierher evakuiert!
Die Stones auf den Bildschirmen! Yeahr – aber nee – „Satisfaction“ in 82er live-Kitschversion mit buntem Luftballon-Regen. The torture never stopps! Remember Spielshow oder Disneyclub-Finale!

Dann das Essen und U2 „Glohhhh-ria!“ Na gut. Gleich danach dann schon wieder Cobains Turnhallengedächtnissong vom „Teenagerschweiß“. Schülergelärme elendes. Oh ich werde alt. Ich beginne Haare zu spalten: Grunge ist KEIN Hard Rock! Ich will hier bloß noch raus. Schneller essen!
Als nächstes dann Thin Lizzy „Bad reputation“. Kurzes Aufatmen. They took the words right out of my mouth! Denn genau den hat diese Discobumsladenkette nun bei mir weg.
The bill please! Zahlen und weg hier! Für den Abspann sorgen Blink 123 oder 157 oder 138 oder was -verreck- auch immer. Muttis geleckte Punkerlein. Das ist das Ende! An 2 Tischen wird jetzt mitgesungen…
Rette sich wer kann! Vielleicht gibt’s von Helene Fischer schon „breathless through the night“! Dann kommt das hier auch noch!

Hardrock Café? Dass ich nicht lache! HO Gaststätte „Tanzmusik“ sollte das heißen.

16 Gedanken zu “HO Gaststätte „Tanzmusik“

  1. Gröhl-kicher-grins…solange sie nicht flöten und ihr Mann das Akkordeon auspackt… so bliebe schon mal der eirisch fohk außen vor.
    Und wenn sie mir dann noch versprechen, dass sie so ein zwei Ohrmuschelkrebserzeuger a la „ein Stäääärn, der deinen Namen trääägt…“ aussparen wollen, dann würde ich mich kompromissbereit zeigen und in einem Anfall von Selbstverleugnung sogar bei Abba mitsingen.

    Gefällt mir

  2. Oh, das war aber eine böse Falle. Wie gemein! So ein Blinkdingens wäre übrigens auch mal eine Idee für den vielköpfigen Haushalt hier. Nur wer blinkt, kriegt Futter! Jawoll! Und eine Dauerberieselung durch 80er-Musik in der Küche würde womöglich noch einen kalorienreduzierenden Nebeneffekt haben! Das will probiert sein! „Never gonna give you up, never gonna…“ *sing und ohrwurm aussetz*.

    Gefällt 1 Person

  3. Abgesehen von der wiedermal vergnüglichen Leserey und dem damit verbundenen Schuldgefühl ob Ihres erlittenen Lauschlappenterrors, muß ich erneuten Bierkonsum bekennen (Mein Ruf!): „Willste ochn Landskron?“ Klar, aber bloß keens vonne Sprembsplörre, nur echtes!“
    Heute klingst’s ähnlich, wenn ich nach Hause komme: „Willste ochn Landskron? „Klar, aber bloß keen Pupenschultz!“
    Herrlich, danke für diese Sonntagslektüre, Ihre Frau Knobloch, nun endgültig bierdurstig… Oh, is ja schonst nach Zwölfe! Fetzt!

    Gefällt 1 Person

    • Ist Pupenschultz das, was ich denke? kch-ch-ch-ch….
      Bin ich nicht genial, dass ich nach jahrzehntelanger Abwesenheit meinerseits aus der Niederlausitz behalten hab: Wennste of Landskron schimffs, niche ofs Görlitza! Doa is Spremberig schuld droanne.

      Gefällt mir

      • Mmmmh, genial? Es zeugt eher von gutem Erinnerungsvermögen, aber das haben Sie ja eh schon in Ihren vielen Geschichten vom Kleinbludgeon bewiesen. Was natürlich nur eines tut: Es fetzt!
        Herzliche Grüße, nächstwöchig werde ich am Fuße der Landeskrone ein Görlitzer auf Sie trinken und garantiert kein Pupenschultziges…

        Gefällt 1 Person

  4. Ganz, ganz herrlich, diese komödiantische Ader in Dir … ich habe mich köstlich amüsiert und mir gedacht: solche Urlaubserlebnisse kann man nur mit grimmigem Humor nehmen … und dies ist Dir wiedermal superb gelungen.

    Und was das Hard – Rock – Cafe generell betrifft: Es mag ja mal ne gute Idee gewesen sein, heute ist das nur noch widerwärtiger Nepp. In London haben sie mich mals aus dem dortigen Hard-Rock-Cafe rausgeschmissen, da ich mir all die tollen Ausstellungsstücke anschauen wollte … Platz wäre eh keiner gewesen und die Preise treiben einem ja die Tränen in die Augen … Und in München ist das Hard-Rock-Cafe direkt gegenüber dem nicht minder unerträglichem Hofbräuhaus … das sagt eigentlich schon alles.

    Aber: Irish Folk liebe ich heiss und innig, bin damals in den 70er Jahren bei den „Irish Folk Festivals“ bei uns angefixt worden und die Dubliners und erst recht die Chieftains sind schon ganz famose Kapellen, das muss auch mal gesagt werden.

    Gefällt 1 Person

  5. Was fallen will soll man stossen 🙂
    Wer betritt auch freiwillig ein Hardrockkaffé.
    Die Idee dazu stammt übrigens von einem Typen aus Frankfurt. Den hat man dann übern Tisch gezogen, sodass ihm von seiner tollen Idee am Ende nichts geblieben ist.
    Also hat der Laden als solcher schon ein schräges Fundament und wenns klappt, warum soll man den Leuten dann nicht die Kohle aus der Tasche ziehen.

    Irish Folk geht fast immer seit den Irish Folk Festivals in den 1970er Jahren…

    Gefällt 1 Person

    • Da ihr ja beide geschmäklerisch eng bei einander liegt, antworte ich hier mal „gesampled“: Dubliners, Chieftains, eirisch fohk… ich ergreife die Flucht spätestens nach dem 3. Song.
      Denn: Entweder klingts nach 1. Flötentonleiter hoch und runter – Suff-dance & Jackenschmeißing wie im Pogues-Video zu „YeahYeah yeah“ (jajaja, die sind eher Schotten, aber DER Unterschied ist minimal.)
      2. oder es klingt wie die 1031. Version von „Eirisch Rouwer“ und patsch-patsch-patsch für alkoholisierte Grobmotoriker oder aber
      3. sie wagen eine Ballade und die klingt dann zu 99 % nach „Am Brunnen vor dem Tore“, was mich immer wieder verblüfft und MEINEN Rest an eirisch fohk Begeisteruhng konservieren hilft.
      Ich habe lediglich EINE Chieftains CD im Bestand und selbst die hab ich noch nie am Stück gehört, weil die Hälfte der Stücke…(siehe das gerade gesagte.) aber der Grund für die Anschaffung damals war: Sie enthält die Van Morrison Version von „Shenandoa“(Dahinschmelz!)

      Gefällt mir

      • Geht mir ähnlich.
        Die Balladen gehen im tiefsten Liebesunglück, Wenns schon egal ist, ob Sehnsucht nach Eireland oder Sehnsucht nach dem Liebsten: Hauptsache Schmalz aufs Herz. Selbst da ziehe ich Leonard Cohen locker vor, Die feine Selbstironie seiner späten Jahre ist dann schon der erste Schritt in die Freiheit.

        Die Quietschfidel-Fraktion ist nüchtern kaum zu ertragen. Nüchtern im doppelten Sinn.

        Trotzdem beneide ich die Iren. Sie hüten einen Schatz: Ein in den Gefühlen der Menschen verankertes Liedgut, das den Moden trotzt und tatsächlich gesungen wird. Ein Volk, das singt! Welch ein Reichtum.

        Gefällt mir

  6. Muahahaha, ganz köstlich mal wieder. Kneipen die sich selber als Kult bezeichnen sind meistens genau das nicht und so Franschissunternehmen schon mal gar nicht. Allerdings habe ich über Jahre ne Mütze aus dem Hard Rock Café Amsterdam getragen, die erste Cap in meinem Leben die bombig passte. Da sind wir aber auch nur aufgelaufen, weil jemand unbedingt ein Hard Rock Amsterdam T-Shirt für seine Freundin mitbringen wollte, der Laden selber war schon vor 20 Jahren uninteressant, da gibt es gerade in Dam 100 bessere Läden (und wahrscheinlich in jeder anderen Stadt auch)

    In Hamburg war ich ein einziges mal drin und Deine Beschreibung passt wie Arsch auf Eimer, die Läden sind wohl überall gleich. Solche Blinkedinger akzeptier ich am Imbiss vom Kinderparadies oder bei Ikea, aber nicht in etwas das sich „Restaurant“ nennt. Die Musik überwiegend grauenhaft, da retten auch die Gitarren anner Wand nix mehr, wir sind nach einem Bier wieder abgehauen. Immerhin kein Heineken Großer Fehler nebenbei, Guinness schmeckt nach dem dritten Glas, Heineken schmeckt nie 😉

    Leider muss ich noch mal da hin, weil die Burger angeblich so toll sein sollen und ich das testen muss. Am besten in der Woche gleich bei der Öffnung, bestellen, futtern, gehen.

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s