Wege übers Land – mit Hanns von Zobeltitz

Der nächste „vergessene Autor“!

Hier geht es im Folgenden um Hanns von Zobeltitz. Und vor allem um sein Erfolgsbuch von einst: „Auf märkischer Erde“(1910). Und wie immer um mich – und wieso ich auf die Idee komme, sowas freiwillig zu lesen.

Schnitt.

  1. Wie Findeisen versuchte, sich einzurichten

Fährt ein Jetta über Land. Baujahr’84. Im Jahre 94. Speichenfelgen und Kofferraum. Der gab den Ausschlag. 91 beim Kauf. Nach Jahren des Trabifahrens; endlich Klappe auf, Zeug rein, Klappe zu. Los. Nicht Trabikofferraum mit Ersatzrad und Benzinkanister und dann zirkeln, zirkeln, zirkeln, damit junge Eheleute mit Kleinkind alles unterkriegen, was mitmuss.  – Eigentlich sollte es 1991 nun endlich irgendwas rundgelutschtes Westliches werden. Weg vom Massen-Car! Auf keinen Fall ein Golf! Dann kam ich mit dem eleganten, rollenden Ziegelstein nach Hause. Golf mit Kofferraum. So kann‘s gehen. So begann es, das Kleinschmelzen der West- Illusionen. So begann sie, die lange Reihe der West-Cars… Noch fuhr ich den ersten. Mitte der 90er. Im „Niemandsland von Preußen“. Unterwegs zum neuen Antiquariat. Irgendwo im Wald hinter Rippdichow. Über Ostpreußen wurde geschrieben und eine wahre Dok-Film-Schwemme erzeugt; im Laufe der Jahre. Über Schlesien gibt es immerhin die Heimwehbildbände im Weltbildkatalog.

bdr

Aber über die Mark? Speziell ihren Norden? Schonmal einen Prignitzroman gelesen? Oder einen, der in der- /um die Grafschaft Ruppin herum irgendeinen Wirbel macht?

Den Fahrer plagt Heimweh. Gerade hat er Plan A für das weitere Leben ad acta legen müssen. War also nichts mit jahrzehntelangem Glück und Sonnenschein im Saaletal! Hier oben waren die Flüsse schmaler, die Burgruinen spärlicher gesät. Beruflich war er recht beliebt. Auf Anhieb. Das war kurios. Aber andererseits blieb das Kontakteknüpfen schwierig. Immerhin – nu hatte er’n Haus zum Um-und Ausbau. Aber eben 300 km „zu weit oben“ auf der Karte. Der No-where-man…

Im Jetta läuft, wenn nicht gerade Reinhard Lakomy – Southern-Rock.

„Lord, I was born a ramblin‘ man
Tryin‘ to make a livin‘ and doin‘ the best I can…“

Der deutsche Osten nach 1989, das ist sowas wie der Grand Ol‘ South, der besiegte Teil des Landes; aus dem gerade viele wegwollen. Die Straßen hier oben werden schneller in Schuss gebracht als im Süden der Ehemaligen. Weiß der Teufel warum. Und Prärie drumherum ist allenthalben!

„So we had a great big Convoy, rockin‘ through the night…“

„Mensch hau ab! Meine Zeit is knapp. – – – Guck dir an! Der Idiot! Mensch, der fährt noch bei Rot!“

„In Brandenburg, in Brandenburg, ist wieder einer in die Allee gegurkt. Was soll man auch machen mit 17/18 in Brandenburg.“

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Ja, die Zeiten waren zum Pläne wegschmeißen. Des Fahrers Eltern hatte es ’45 von ihrer Scholle geweht. Tapfer, clever, mühevoll erschufen sie ein neues heimeliges Nest weitab von daheim in einer mythisch anmutenden Gegend zwischen lauter Burgruinen. Und ihr Großer, der das bewahren wollte, und der eh ganz von selbst mit so einem dynastischen Klaps und Hang zu „alten Zeiten“ geboren ward, wenn es die eigene Familie betraf – der saß nun da, wo noch nicht mal Pfeffer wächst, fest und kam nicht mehr weg.

Überall flogen Leute raus. Wer jetzt irgendwo innerhalb Ossi-Land irgendwo hinzieht, ist dort, wo er ankommt, immer der zuletzt Gekommene; also der erste der fliegt: Überstruktur!

„Ich brauche nur zweiorlai: Oarbeitslus un‘ Spoaß dabei!“,

war der genial zynische Kommentar von Vickie Vomitt, der damit einen Hit landete.

Adieu, du schöner Plan von der triumphalen Heimkehr ins Saaletal! Vielleicht in der Rente mal.

Wie also einrichten, da wo keiner freiwillig hinzieht, wenn er nicht von da stammt?! Ostelbien. Auf Dauer?!

Das kann dauern, bis die meinen Namen gefressen haben!

„Für wen soll das gescheh’n?“

„Findeisen“

„Wie?“

„Findeisen. In Bresekow.“

„Gut Herr Vieleisen. Viel Hoffnung mach ich ihnen aber nicht…“

„Findeisen.“

„Wie?“

„Ach schreim Se „Ehemals Vielecke in Bresekow“. Das war der Name meiner Frau.“

„Vielecke! Burghaaad Vielecke! Mit dem hab ich mal gesoffen. Das war ihr Schwiegervater?“

„Genau der.“

„Ja dann. Kommen wir nächste Woche zu – Vieleisen“
„Findeisen!“

“Naja, wir wissen dann schon. Bei Burghaaddn.“

(Watt wea eijentli jewes‘n, wenn ick Przschlewinsky jeheeßn hätte?)

Das gefiel mir schon nicht, und dann:

18 Gefechtsalarm

Ich hatte da so einschlägige Erfahrungen. Von damals. Prora. Dort hatte ich soviel Kontakt mit Typen, denen die Gefängnisse von Rüdersdorf und Cottbus quasi Zweitwohnung waren, dass mich sogar heute noch der ketzerische Gedanke umtreibt: Der „Unrechtsstaat“ locht bei Leibe nicht immer nur die Falschen ein.

„Du warst och schon im Knast?“

„Yo, klar. Eehn Jahr sechs Monate eijentli‘ , aba wejen jute Führung hamse mir eha jehn lassen, aba nu musst ick prompt wida 6 Monate in die Scheiße hia einfahrn. Ick hab noch watt jut bei die, wennet ma andasrum jeht. Det kannste glohm!“

„Weshalb warst’n drinne?“

„Polütüsch. Ick hab ehn vonne Pa’tei umjehaun. Hattick Ärja in Kneipe. Fängta Pippl an mia ßu belea‘n. Wollt ick nüsch. Rumms.“ Er deutet einen Faustschlag an. „Und wia umfällt, wah det da neue ABVer in ßiwiel. Konnt‘ ick doch nüsch ahn, sowat!“

So welcome to the North.

Klar gabs solche Typen auch im Saale-Tal. Aber da fielen se mir nicht so auf. Denn erstens klingt der Assi-Slang auf hallensisch lustiger. „Bass of meinor! S‘ klatschd glei!“ Und zweitens hatte ich im zivilen Umgang ein intaktes Umfeld normaler Leute um mich rum. Aber Prora, das war eben eine Welt für sich.

Es galt, sich also irgendwie zu gewöhnen. Und Bücher und Musik hatten mir schon über einige Krisen hinweggeholfen.

  1. Wie Findeisen den Zobeltitz fand

Da traf es sich, dass in der Zeitung stand, ein Westberliner Antiquar habe die Landschaft des Moloch-Umlandes für sich entdeckt und sei in die Ostprignitz gezogen, um dort als der Weise aus dem Wald in abgelegenen Dörfchen ein „Bücher-Café“ zu errichten.

Nichts wie hin!

Aber oweh. Mit dem „Weisen aus dem Walde“ wurde es nie wirklich was Dauerhaftes.

Ich weiß nicht, woran es lag, dass der sich nicht einmal an die eigenen Öffnungszeiten hielt, und man also nach doch einigen Kilometern Anfahrt stets vor verschlossener Türe stand.

Auch mit dem Kaffee-Ausschank haperte es mächtig, wenn sich denn mal die Ladentür doch öffnete.

Nach wenigen Jahren gab er auf und „floh“(?) nach Berlin zurück.

Immerhin geriet mir dort im Walde als erster Fang von nur 3 Käufen „Auf Märkischer Erde“ in die Finger. Hanns von Zobeltitz. Wie sich zeigen sollte, eine lohnende Entdeckung.

„Machste dich also ma‘ bekannt mit deiner neuen Wirkungsgechend; historischerseits; nöch?! Mitm Reden hamses hier ja nich so.“

„Lord, I was born a ramblin‘ man
Tryin‘ to make a livin‘ and doin‘ the best I can…“

Eben.

  1. Was Zobeltitz so wertvoll macht (I)

Es gab ja mehrere Zobeltitze mit mehr oder weniger Kurzzeit-Ruhm.

Hanns von Zobeltitz (1852 – 1918) war ein preußischer Schriftsteller. Sein Bruder Fedor v. Z. war seinerzeit berühmter, weil er mehr schrieb und sich weniger öffentlichkeitsscheu gab, was Interviews und Engagement-Beteiligung für diverse gute Zwecke betraf. Hanns war eher der Kauz. Der Zurückgezogene. Aber vermutlich kein typischer Schreiberling-Kotzbrocken wie Hesse oder Grass.

Eher eine „ehrliche Haut“, die warmherzig gewinnend über brandenburgisch/preußische Verhältnisse schreiben konnte. (Kritik an der Gesellschaft kommt in seinem Schaffen nie bitterböse, sondern immer mit bedauerndem Unterton vor.) Die eigenen Familiengeschichte ist sein Erzählfundament, wie das aufschlussreiche Erinnerungsbändchen „Im Knödelländchen“ verrät. Allzeit ist das zobeltitzsche Brandenburg lebendiger als Fontanes destilliertes Figurenensemble. Auf interessante Weise werden heute vergessene Alltagsgepflogenheiten in die Handlung eingeflochten, da dem Autor sehr bewusst ist, wie stark sich die Verhältnisse seit seiner Jugend in den 60ern des 19. Jhds wandeln. (Das geht seinem späten Boomer-Leser 1995 und 2022 exakt genauso!) Somit hält er viel fest von dem, was bald keiner mehr kennen wird. Bewahrendes Schreiben – sozusagen. Und so lüftet dir hier einer den Vorhang in alte Zeiten und bebildert dir dein bisher totes Faktenwissen über die Bismarckzeit und zu deinen Fragen bezüglich der Seltsamkeiten brandenburgischer Mentalität.

Schnitt.

  1. Was man in „Auf märkischer Erde“ erfährt

zobeltitz 0Der Roman spielt in der Neumark (heute Polen) und Berlin. Dem alten, gepflegten Berlin. Wo die Regimenter noch „auf den Kreuzberg“ ziehen – zum Exerzieren. Wo man im Kroll’schen Garten unter Lampions lustwandelt und knutscht; wo die Eisenbahnspekulanten in klassizistischen Palais wohnen. Zeitraum der Handlung sind die Jahre 1861-1866. Heeresreformkonflikt, Deutsch-Dänischer Krieg, Deutscher Krieg fließen gekonnt ins Geschehen daheim ein. Zobeltitz zeigt hier Fingerspitzengefühl; switscht zwischen naiv-ehrlicher Begeisterung, nassforschen Schwadroneuren und der Tatsache, dass auch auf Siegerseite schmerzhaft Opfer verkraftet werden müssen, meisterhaft hin und her. Das verdeutlicht glaubhaft die gesamte Bandbreite damaliger Denkweisen. Man meint hier, als Leser von heute, einen „halben Remarque“ läuten zu hören.

Vorgestellt werden drei Generationen Landadel.

  1. Den alten Rittmeister Hackentin auf Rohlbek; der Veteran von 1813, der der alten feudalen Zeit nachtrauert, auf die Demokraten schimpft und eisern spart. Aber der wirtschaftliche Untergang des Gutes ist absehbar. Obwohl die Herrschaft bereits lebt, wie die Landarbeiter: Brotsuppe und Stampfkartoffeln Tag ein Tag aus. Traditionsgemäß hält der Gutsherr gute Freundschaft zum gleichaltrigen Pastor von gleichfalls konservativem Geiste. Die Industrialisierung wird nicht verstanden. Beide alte Herren machen allabendlich ihre Gassi-Runde mit den Hunden durchs Dorf und beargwöhnen den Kantor, der sich doch tatsächlich unverbesserlich erfrecht, die liberale „Tribüne“ zu lesen.
  2. Seine beiden Söhne, Wilhelm und Friedrich, die bereits „Berufe“ haben. Der eine versucht sich als Eisenbahnspekulant und Strippenzieher, auf dass eine Bahn Berlin-Posen entstehen möge, die der Neumark Aufschwung bringt. Der andere dilettiert als Bürgermeister und Kreisrichter, sowie als liberaler Kandidat für das Abgeordnetenhaus, weshalb bei Rittmeisters nicht mehr von ihm gesprochen werden darf. Und –
  3. Gibt’s dann noch die beiden Enkel des Rittmeisters, die Söhne des „Eisenbahners“: Hanns und Thede. Im Grundschulalter. Die balgen sich stets und ständig um die Posttasche, die sie täglich an der Brücke vom Postillion „erbeuten“ und dem Großvater bringen.

In der Hauptsache jedoch geht es um Helene von Hackentin, die Schwester der beiden Rittmeister-Söhne; der „Spätling“ des Rittmeisters; die verehrte Teenie-Tante von Hanns und Thede. Sie bekommt die Empfehlung, ihr Gesangstalent ausbilden zu lassen, egal ob nur für den standesgemäßen Hausgebrauch oder doch mal für den ein oder anderen Konzertsaal; was für ein Fräulein „von“ zu der Zeit noch ein übles Pfui-pfui-pfui bedeutet, aber immerhin Einkommen ermöglicht haben würde. Die volljährigen Hackenthins pfeifen finanziell alle auf dem letzten Loch.

So kommt es im Buch zu jener Passage, in der Helene über ihre Familiengeschicke nachdenkt und erkennt, dass das „heiße Blut der Hackentins“ ein ausgewogenes Geschäftsgebaren bisher verhindert hat – und das hoffentlich Hanns und Thede einst mehr Glück haben werden, um „Mehrer statt Verzehrer von Vermögen“ sein zu können.

Helene von Hackentin hat nicht nur tolle philosophische Anwandlungen, sondern sie pubertiert auch ganz hervorragend. Für mich DER Clou dieses Romans. Das liest sich so heutig!

Auch ihre Musikbegeisterung, die freilich damals leider ganz ohne Rock & Roll auskommen musste, passt bestens. Wenn sie zum Auftritt vor Verwundeten z.B. ausgerechnet Uhlands „Frühlingsglaube“ auswählt und da 1866 im Spätsommer nun ach so passend „Nun muss sich alles, alles wenden!“ schmettert. Das ist das metaphorische Denken des Ossis 120 Jahre später, beim Hören von Renft-, Lift-, oder Silly-Songs!

Aber zusätzlich gibt es das ganze, zeitlos wirre, Hin-und-her-Gezicke des schönen Geschlechts:

„Nein, ich singe nicht!“ – Singt dann aber doch.

„Bin ich verliebt in ihn? Nein! Der ist nichts für mich!“ – Liebt Idol 1 aber doch. Wenn auch unglücklich.

„Ich sollte ihn lieben.“  – Liebt Nr.2  dann aber doch nicht.

Und schließlich beim dritten Mal: „Ich liebe dich auch! Ja, lass uns heiraten! – Nein, ich kann nicht! Gib mich frei! – Vergiss mich! Lass uns Freunde bleiben. Du musst in den Krieg? Du liebst mich? Ich weiß. Dann lass uns doch heiraten! (Aber eigentlich kann ich ihn nicht lieben, obwohl ich ihn lieben sollte. Er hätte es verdient …)

Das ist das leibhaftige Joan Armatrading Syndrom! Lies mal ihre Texte des „to the limit“ Albums!

  1. Was Zobeltitz so wertvoll macht (II)

Alles in allem ist Hanns von Zobeltitz ein empathischer, sehr warmherziger Realist. Also ein sehr gut lesbarer Autor.

Er erzählt dir die Verschnarchtheit des ländlichen Raumes in Preußen in „Heiden von Kummerow-Manier“. Es gibt Bauern und es gibt Gutsherren. Und beide Seiten brauchen eigentlich – kein Buch. Alles lebt „von der Hand in den Mund“. Der Wechsel nach Berlin gleicht dem in eine andere Galaxie.

Das hat seine Ursachen in dem hier:

(Schuld daran ist der große Kurfürst Friedrich Wilhelm. Der musste nach dem 30jährigen Krieg seine entvölkerte Mark wieder aufbauen. Er hatte sich von den Holländern die Akzise-Steuer (Mittelding aus Umsatz- und Mehrwertsteuer) abgeguckt und führte diese nun in seinen darniederliegenden Provinzen ein. Einige hatte der Krieg zwar verschont (Ostpreußen, Jülich und Berg; also die östlichsten und die westlichsten Flicken „seiner Lande“) aber die große Provinz Brandenburg war Wüstenei. Da die Akzise-Steuer umso höher ausfiel, je mehr Erfolg du hast – bremste sie den Ehrgeiz, viel Erfolg haben zu wollen. Die ostpreußischen (Bürger-)Stände probten gar den Aufstand und bekamen von der neu formierten Armee eins drüber. So kuschte man und verkniff sich das Investieren weitgehend. Die -allerdings sehr weise- Wirtschaftsförderung in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Preußen investierte in den Ruhrpott, Berlin und Oberschlesien. Die Städtchen dazwischen blieben ackerbäuerlich. Die Vielstaaterei des Mittelalters hatte einst den Aufstieg vieler deutscher Städte ermöglicht. Anderswo. Im Süden. Im Westen. An den Küsten. In Kernland Brandenburg blieb alles „Muh“ und „Mäh“. Bis 1945. In der Prignitz und Uckermark bis heute.)

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Das liest man so in Sachbüchern über die Hohenzollern oder Broschüren über „das neue Bundesland Brandenburg“, um es gleich wieder zu vergessen. Nach Zobeltitz-Lektüre hast du dafür Bilder im Kopf. Diese Selbstbeschränkung. Diese Hinnahme-Bereitschaft. Dieses treudoof Duldsame. „Ach lass mal. Das ist ja Politik.“ Dieses sich im Einklang mit den neuen Machthabern fühlen. Für alle diese Typen hast du anschließend auf Arbeit und im Wohnumfeld die aktuellen Entsprechungen.

Als der Jetta-Fahrer das Buch durchhatte, hatte er ein Feeling für die Gegend. Der erste gute Kumpel wurde – ein Pastor. Die paar Bücherwürmer der Gegend mussten sich einfach finden! Die Gespräche hatten was Rohlbek’sches: Genüsslich den Zeitgeist ohrfeigen. Allerdings fehlte mir das „von“ und ihm der Hund.

Da sich somit Zobeltitz als ein wichtiger Helfer erwiesen hatte, musste mehr von ihm ran: Vier Bände sind es seither geworden. Aufschlussreich der vierte Kauf: „Aus dem Knödelländchen“. Gemeint ist die Zobeltitz-Heimat auf der rechten Oder-Seite, das Gut seiner Vorfahren. Hier wird schlagartig klar, wie wenig verschlüsselt – ja beinahe 1:1 – die Hackentins eigentlich die Zobeltitze sind.

Hanns ist sogar ganz realiter Hanns geblieben, während Fedor zu Thede mutierte.

„Auf märkischer Erde“ sollte jedem Restpreußen, und solchen, die’s hier her verschlug, eine Bibel sein!

Schnitt.

  1. Nachspiel: Wie Zobeltitz im Alltag hilft

Eines schönen Tages wollte ein Kollege den Jetta-Fahrer wiedermal befrotzeln.

Wir waren uns beide unserer gelinden Bösartigkeit bewusst, die immer wieder einmal in kleinen Wortgefechten zu verblüffend anschaulichen Assoziationen führte. Sein BVB war schonwieder nicht Meister geworden, und bevor ich ihn nun diesbezüglich veräppeln konnte, suchte er ein bissel Frustabbau und kam mir zuvor:

„Da, wo du jed‘n Morgen herkommst, wohnen doch ooch nur 3 Spitzbu’m und ne Handvoll Skinheads, oder? Det Nest kricht demnächst s Stadtrecht ab-arkannt.“

„Yep.“

„Und? Nix? Keen Konter heute?“

„Wozu? Bin nich‘ von da. Bin so’ne Art Missionar unter Einjebornen. Ick arrangier mir mittä Kannibaln. Sollte vielleicht mit’n Pastor abends durch’n Ort flaniern und de letzten Kommunisten zähln.“

„Oops. So siehst du das?“

Genüsslich grinsend konnte ich ihn stehen lassen. DIE Runde ging an mich.

Zobeltitz macht‘s möglich.

„Lord, I was born a ramblin‘ man
Tryin‘ to make a livin‘ and doin‘ the best I can.

And when it’s time for leavin‘
I hope you’ll understand – that I was born a ramblin‘ man.

  1. watt inßwischn jeworn is

Na Lesalein? Hast ja durchjehalt’n. Wa’n langa Riem. Tschuldik mia für. Den Slang ha’ick nu droff.

Inßwischn hatt sich det allet n bisken beruhischd. Et jibbt hier Roger Dean Wälder. Lady Agnes, die Reinhard Mey besung‘ hat, steht hia rumm und rostet. Kahlbutz, den Stern Combo un Transit besung‘ hamm, is areischba‘!  Schloss Ganzer und Schloss Wustrau, die Fontane beschriem hat. Die Ruin‘ von Genshagen ebenso. Herr!von! RibbeckaufRibbeckimHavelland is och nüsch aussa Welt… Et läppad süsch. Et jeht. Hätte allet viel schlümma komm könn. Viel schlümma.

Nix für unjut! Brändenbörg.

Victoria regis

Stehen zwei Typen mit ihren Fahrrädern unter der Saalebrücke, über die gerade ein Güterzug ächzt: Du-dumm, du-dumm-du-dumm… ringsherum geht die Welt unter. Wolkenbruch tränkt die Weinberge am andern Ufer drüben, Donner und Blitz! Monsun. Wie das eben so ist, wenn die Wolkenwand sich mit aller Kraft über die Saale schieben will.

NovalisBeide erinnert das Gepolter des elendlangen Zuges an „City-Nord“, da sie Plattenjunkies sind und das gleichnamige Instrumental von Novalis kennen. Die betreffende LP war dem einen von beiden gerade zuvor ins Netz gegangen. Für hundertzwanzig Mark. Auf Tipp des anderen, der gerade nicht liquide war. Mauerzeit. Aber ein Gespräch kommt nicht in Gang. „Manchmal fällt der Regen eben lang, hab keine Angst, hab keine Bang, bleibe nur du Sonnengeschöpf, bis sie erscheint, dich zu erfreun…“, war auch drauf…

…und deshalb malte sich der eine von den beiden ein Mädchengesicht in den Himmel, den beide gerade prüften, ob es nicht bald wieder heller würde.

Dieses Mädchengesicht erschien ihm manchmal, denn da war so was wie eine Schuld, die an ihm nagte. Sie war die verständnisvollste, netteste, die er je getroffen hatte. Da war irgendwie ein Gleichklang der Seelen gewesen. Es matchte; würden die Sprachpanscher von heute sagen. Dummerweise waren beide 15 und dass da was war, bekamen auch andere mit. Die Sticheleien kamen prompt, denn sie war – nun: – nicht die Attraktivste.

Da hätte er sich grade machen müssen!

Ein Schlag in so eine Lästerfresse zur richtigen Zeit wäre richtig gewesen!

Aber er war kein Held. Er kniff.

Zwei Königskinder kamen nicht zusammen. Man kennt das. Das Wasser war IHM zu tief.

Nun war er 22, stand mit seinem Kumpel unter der Brücke – und dachte an sie, wie so oft später auch.

Und 40 Jahre später, im Jahre 2022 flatterte ihm nun sein 18ter Heyse ins Haus. „Victoria regis“. Bestehend aus 6 Novellen. Und in der ersten gewitterts in den Weinbergen und eine große tiefgründige Liebe kommt nicht in Gang. Und in der zweiten beichtet ein glücklich verheirateter Erfolgsmensch, den alle Welt um seine schöne Frau beneidet, dass „dies Haus hier eigentlich für eine ganz andere gedacht war“, die jedoch wusste, dass es die Natur rein äußerlich nicht gut mit ihr gemeint hatte – und die ihm knallhart realistisch vor Augen führte:

Was wird sein, wenn die erste Begeisterung verflogen ist, wie das in langen Beziehungen nun einmal geschieht? Wenn dich unsere Gespräche nicht mehr fesseln? Wenn dir mein Äußeres bewusst – und zur Last wird? Dann würde unsere Ehe zur Qual für uns beide. Lass uns diesen Fehler nicht leben!

Ja, Volltreffer. Zwei Novellen. Zwei Ohrfeigen.

Und das geht so weiter.

In Novelle drei: Die verstoßene Patentante führt ihrem Patenkind vor Augen, dass man kämpfen muss: Sein Lebensglück bekommt man nicht geschenkt. Im Kampf gibt es Verluste: Das familiäre Ansehen, das Erbe – aber es lohnt: Werde Du selbst!

In Novelle vier: Deine Liebe stammt aus dem No-go-Revier! Hältst du das aus, dich zu ihr zu bekennen? Blamiert dich ihr Bekanntenkreis? Oder bedroht der dich gar? Bist du bereit zum Wechsel in eine andere gesellschaftliche Sphäre? Oder gehst du dann doch lieber „in die Kolonien“?

Novelle 5, ein positiver Aufrappler im ansonsten schwer dramatischen Geschehen des Bandes: SO ist Kleinstadt! Wie man tickt, wie man von verblichenen Phasen der Stadtgeschichte zehrt: Ex-Residenz eines Grafen, Fast-Messe-Stadt, fast Metropole, gegenüber den Dörfern ringsum IMMERNOCH! Wie man „Kultur“ pflegt. Wie man sie feiert. Auch wenn es sich eigentlich nur um plump-sentimentale Clownerie handelt. Wie Prominenz in der Provinz entsteht… 1905 geschrieben vom Heyse… aber 2019 immernoch-so erlebt. Von mir. Ich hab ALLE wiedererkannt, die da auftauchen!

Novelle 6: Der kleine feine – sehr feine – Schlussakkord unter dieses Bündel großer Schicksale: Heyse gibt das Lebensgeheimnis seiner Lieblingstante preis; wunderschön erzählt. Es rangt sich um ein seltsames Schmuckstück, das sie besaß und ihm vererbte.

Ja, an solchen Klunkern von einst hängen bisweilen filmreife Episoden des Leidensweges längst dahingegangener Ahnen.

Nach den letzten Seiten des Buches, zog ich die Schublade auf, holte die Brosche meiner Uroma heraus, die eingenäht in Mantelsaum 1945 alle Tschechen-Plünderungen überstanden hatte; und die auch danach -stets bewahrt- nicht zu Brot getauscht wurde.

Ich drehte sie in den Fingern, sah das verlorene Patrizier-Palais waydown south hinter den Bergen und das ärmliche Färberhaus von Frohburg – und im Player lief:

Manchmal fällt der Regen eben lang…

Paul Heyse „Victoria regis- und andere Novellen“ (Cotta 1905). Perfekt konzipiertes Alterswerk!

(enthalten sind: Victoria regis – Lucile – Tante Lene – die Ärztin – der Hausgeist – der Ring)

Wolzogen

Na? Schon im Kino gewesen? „Downton Abbey“ der Kinofilm Nr.2?! Soll vorwiegend in Südfrankreich spielen, wegen Erbe und so.

„Downton Abbey“ ist eine erfolgreiche – ä – DIE erfolgreichste TV-Serie in Great Britain. Mick Jagger soll Stones-Probe-Termine nach Fernsehprogramm gelegt haben: „Da geht’s nicht. Da läuft „Downton Abbey“!“Downton abbey

„Downton Abbey“ ist Historienfernsehen vom (fast) feinsten. Es gibt derzeit nichts Besseres, aber vieles, was weit schlechter gerät.

Zwar ist ein bissel viel Frauenemanzipation hineingerührt worden; sogar so falsch, dass der Eindruck entstehen könnte, dass diese ausgerechnet im adligen Oberhaus-Klientel ihren Anfang nahm; – das macht meinem Historikerherz in manchen Szenen Pickel, – aber im Großen und Ganzen geht es.

Abenteuer und Ränke im Schloss – Bediente und Bedienstete, Ladies and Lords – relativ realistisch verwoben. Gute alte Zeit – mit bösen Widerhaken.

Und da hockst du so vor dem Fernseher, wenn die DVDs laufen und fragst dich: Warum ist der Deutsche Film zu sowas nicht in der Lage?

In den letzten Wochen fing ich wieder erfolgreich einiges antiquarisches Kulturgut ein, um mein Idyll zu polstern. Vieles davon schreit nach Verfilmung. Vergeblich.

Je beschissener sich dieses 21. Jahrhundert entwickelt, umso mehr Gründe zum Granteln und zum Kotzen finden sich. Aber das ist schade um die Lebenszeit. Und nützt eh nix. (Wenn man’s nur durchhielte. Das beredte Schweigen.)

Ich bin auf der Flucht. Vor den Medien. Weltflucht. „Nicht mehr mit 60, Honey!“

Ein großes Glas Hopfenblütentee. Ein gutes Buch. Klänge aus der Jugendzeit. Und Gottfried Benns Nihilismus. So geht’s noch.

Und so stieß ich auf ihn:

Ernst von Wolzogen, „Die Tolle Komtess“, Engelhorn 1890.

Also noch ein alter Herr der Literatur der vorletzten Jahrhundertwende.

Es rundet sich mehr und mehr das Bild in mir: Unsere Literaturgeschichte des späten 19. Jahrhunderts ist vielfältiger und reicher als die russische – nur weiß das eben keiner im Lande der „allwissenden“ Ignoranten. Fontane und Mann und aus, jaja.

KrischanErnst von Wolzogen schrieb1889/90 „Die tolle Komtess“ – und siehe: Es ist „Downton Abbey“ auf Deutsch, mit Versatzstücken der „Heiden von Kummerow“, die bekanntlich erst in den Neuzehnhundert-Dreißigern von Ehm Welk geschrieben wurden. Dauerbrenner und Erfolgsfilm für Kindheiten wie meine in den 60ern.

Ein gesamtdeutscher Film mitten im Kalten Krieg der 60er Jahre übrigens: Die Stars von „drüben“, die Kulisse und die Nebendarsteller von „hier“. Gedreht auf- und um Rügen. Mit „Sam Hawkins“-Darsteller Ralf Wolter unvergessen als Krischan Klammbüdel.

Wolzogen beherrscht wie Ehm Welk dieses erzählerische Gleichgewicht zwischen Lachenmachen und Weinen lassen. Es gibt diese wohldosierten Schmunzler, die auch nach 130 Jahren noch funktionieren. Aber das Buch ist kein alberner Schwank.

Wir erleben Geschehnisse in einem Landschloss in der Nähe von Teterow in Mecklenburg mit – und lassen uns die heile Welt der Gutsherrschaft präsentieren.

Graf und Gräfin, zwei mehr oder weniger erwachsene Töchter, der alte Kutscher, der schlitzohrige Gärtner, zwei Pastorentöchter, ein heiratswilliger Inspektor …

Hinzu treten zwei Neueinstellungen: ein bankrottgegangener Adliger, der der neue Oberinspektor wird und eine attraktive neue Hausdame, die den Vorsitz über das Gesinde übernehmen soll.

Die beiden neuen bringen die Probleme mit, in die die anderen hineingezogen werden.

Es entrollt sich ein unterhaltsames Panoptikum. Besonders gelungen sticht die alte Gräfin heraus, zwischen starr pedantischem Protestantentum und reichlich Mutterwitz und Nonchalance im Umgang mit den „ebenbürtigen“ Gegenspielern. Mir geisterten da immerzu Heidi Kabel oder Inge Meysel vor dem inneren Auge herum.

Aber da mischt sich auch anderes in die Mitdenkebene ein: Wie war das nochmal mit der Bodenreform? War da was?

In der 4. Klasse ungefähr; im Fach „Heimatkunde“, welches inzwischen zu „Sachkunde“ mutierte, wurden wir Steppkes eines Tages in die Aula verfrachtet. Boomer-Zeiten. Wir waren 4 Klassen a 32 Schüler im Schnitt, die Aula war also gut gefüllt. Eine hexenhafte Biologielehrerin, die wir in der 4. Klasse noch nicht kannten, die aber später über uns kam, hatte die Oberhoheit über den Filmapparat und eingelegt wurde:

Ein kurzer Unterrichtsfilm von vielleicht einer halben Stunde, der Feldarbeit zu „Zeiten des Junkertums“ zeigte. Bauern sensen in Reih und Glied ein Kornfeld; Bauernmädchen und Knechte errichten Strohpuppen, laden Pferdewagen voll. Ein Inspektor kommt geritten und jagt mit der Reitpeitsche Pause machende Bäuerinnen am Feldrand hoch. Szenenwechsel: Bauern in der Scheune dreschen das Getreide mit Dreschflegeln. Werfen das gedroschene Stroh seitwärts auf einen Haufen. Der Inspektor kontrolliert es und findet eine Ähre. Er zückt sein Notizbuch und notiert die Namen der Dreschenden. Minuspunkt für später.

Sicherlich richtig und nur wenig übertrieben. Derartige Szenen der vorsintflutlichen Landarbeit kommen im Buch nicht vor. Aber auch „Downton Abbey“ verrät nicht, woher der Lord sein Geld hat.

Trotzdem bleibt hier wie dort Soziales nicht ausgespart.

Auch Wolzogens Roman hat – bei aller Lust am Idyll – diese zweite Schiene. Die Bediensteten bleiben zwar Staffage. Jedoch kommt Elend, Prostitution, Kriminalität, Kulturgefälle bei Mesalliancen am Beispiel des Lebensweges jener neuen Hofdame facettenreich zur Sprache. Megan Markle, ick hör dir trapsen! Rate, wer im Buch Prinz Harry ist!

Thema wird auch das heraufziehende Ungemach für diese ostelbisch rückwärtsgewandte Lebensweise. Der neue Oberinspektor bringt amerikanische Erfahrungen mit und rät zur „Moorkultur“, um mehr Nutzfläche zu bewirtschaften. Das erzwingt „neumodische“ Investitionen, für die der Mecki nunmal nicht gemacht ist; es wird gemault, misstraut, geneidet.

Die winterlichen Wochen in der Residenz bei Hofe werden gefürchtet, weil wegen strenger Kleiderordnung sehr kostspielig, aber als Heiratsmarkt auch unverzichtbar, um die Töchter zu präsentieren.

Usw.

Den Plot an sich mag mancher heute in die Nähe von Courths-Mahler-Romanen rücken, weil das Idyll an sich zwar wankt, aber obsiegt. Jedoch ist das nicht alles:

Interessant wird das Buch aus heutiger Sicht wegen allerlei Assoziationsmöglichkeiten, von denen die Parallele zum Fernseherlebnis „Downton Abbey“ nur eine ist.

Die „tolle Komtess“ ist die ältere Grafentochter. Gut gebaut, aber mit hässlichem Gesicht gestraft, wie unverblümt kundgetan wird. Wir sind im Noaden, da „vatellt man keine Opern“!

TristanSo, wie sie anfangs auftritt und reitet, wäre „Mannweib“ bis vor kurzem wohl der richtige Begriff gewesen. Inzwischen kommt dir automatisch der Gedanke ein: Gendert Wolzogen hier 1890 bereits?! Sie ist Vaters „Sohn-Ersatz“. Sie packt zu wie ein Kerl! Zu Beginn des Buches hat sie einen Auftritt, der mich schlagartig an Tristan Farnons unorthodoxe Bullenbehandlung denken ließ. („Der Doktor und das liebe Vieh“; schon wieder England!) In den 20ern hätte sie bereits Hosen tragen können. Hier im Roman plagt sie sich noch mit der Reitkleid-Schleppe und Damensattel, der ihr bei durchgehendem Pferd sogar beinahe zum Verhängnis wird.

Wolzogen erschafft hier eine unattraktive Hauptfigur, für die als bald das Herz des Lesers schlägt.

Wie er das anstellt? Probiert’s aus:

Das Buch ist über ZVAB oder Booklooker preiswert erhältlich.

MEIN Highlight ist die Episode, in der die Zusammensetzung der gutsherrschaftlichen Hausbibliothek eine Rolle spielt.

wolzogen

Und das beste daran ist: Ich kenne die alle und mag ihre Werke. Bis auf Fritz Reuter. Bisher.

Die hatten tolle Autoren damals; die vernünftige Inhalte interessant erzählten. Genützt hat es nichts.

Nassforsche Dusslichkeit triumphierte, allzeit in der Überzahl:

Endkampf nich‘ wahr! Unumgänglich, nich‘ wahr?! Sie versteh’n?! Kolossale Planung! Kolossal! Positiv kein Risiko! Totalement! Auf deutsche Generäle ist Verlass! (Monokel reinschieb.) Glotz.

Klingt heute erschreckend ähnlich, wenn all die ungedienten Couch-Potatoes online täglich den Ukrainekrieg gewinnen.

Wolzogen wollte, nach eigenem Bekunden auf den letzten Seiten, „kerngesunden … bodenständigen Landadel“ feiern. Heraus kam jedoch ein sehr gut erzähltes Werk, das erkennen lässt, wo der Putz schon bröckelt und das Gebälk vernehmlich ächzt.

Mein zweiter Diestel

Auf den ersten Les klingt die Überschrift nach Legasthenie. Aber gemeint ist nicht die Pflanze, sondern das Buch eines Mannes, der eine einflussreiche Kurzkarriere als Politiker hinter sich hat, bis heute erfolgreicher Anwalt ist – und: (Das ist nun mal die Klatschschlagzeile für alle Ewigkeit) Der 1990 als schönster Politiker gekürt wurde.

Peter- Michael Diestel

diestel22020 rezensierte ich (hier) meinen ersten Diestel-Kauf. Nun also der nächste Streich:

Warum hab ich das Geld ausgegeben: Weil das erste Buch Spaß gemacht hat und reichlich Einblicke offenbarte, die man sonst so nicht erfährt.

Eine Fortsetzung versprach also interessant zu werden.

Nun – inhaltlich ist zunächst (fast) alles beim Alten:

Auch hier kannst du beim Lesen hier und da heftig zustimmen, aber dann gibt es auch wieder jene so seltsamen Diestel-Ansichten, wie z.B. reichlich Lob für Egon Krenz, dass du es am liebsten sofort mit spitzen Fingern in den Müll entsorgen möchtest. Aber dann folgen eben immer Wieder-gut-mach-Episoden, z.B. begründete Schelte für die Zusammensetzung der Berufspolitik heute, so gänzlich intellektbefreit, die dich weiterlesen lassen.

Eine so seltsame Joschka Fischer Karriere war ja mal ganz unterhaltsam, wenn das jedoch zum Massenphänomen wird, dass vorrangig Studienabbrecher und Tagediebe das Sagen haben, nachdem sich dann 82 Mio Leute richten sollen, dann – isses eben so, wie’s grade is‘. Alte Phrasen. Alte Reflexe. Keine Ideen. Nirgends. Das diplomatische Feinbesteck geht zunehmend verloren.

Das nur als Einschub meinerseits. Ich hab mal den PMD zu Ende gedacht.

Diestel ist mit seiner Biografie ein Phänomen. Wer aufwächst wie er, den müsste DIESE Kindheit zerreißen. Dauerdeprimieren. Oder aber eben: Hart machen.

Letzteres trat ein.

Seine Eltern waren konservative junge Leute, als sie heirateten. Dann kam der bisher letzte Weltkrieg. Vater kam in Stalingrad als Wehrmachtsmajor in Gefangenschaft und gehörte zu den Offizieren um Feldmarschall Paulus, die dort in privilegierter Haft das Nationalkomitee Freies Deutschland gründeten, das Hitler kritisierte, sowjetischen Medien selbstkritische Interviews gab und für ein „Neues Deutschland“ mit Wiedergutmachungsverpflichtung nach dem Krieg eintrat. Vom Hitlerwerkzeug zur Stalin-Marionette, zum Fast-Kommunisten. Aber den Hals aus der Schlinge gezogen.

Seine Mutter als junge Frau in Deutschland blieb konservativ und religiös.

Der Mann kam gesund zurück und half (wie Paulus) die NVA zu gründen, wurde Hochschullehrer der Militärakademie der DDR. Und die Mutter bestand auf Tischgebet.

In den Westen gehen konnte das Paar nicht: Die westliche Nachkriegspresse tobte über „Paulus und Konsorten“, die „ehrlosen Russenknechte“. Da war verbranntes Gelände im doppelten Wortsinn. Also richteten sich die Diestels, so gut es eben geht, in der „Zone“, ein.

Es entstanden hier 4 Söhne und eine Scheidung, als PMD ca. 10 Jahre alt war. Er legt sich seltsamerweise da nicht fest.

Die Brüder wuchsen zunächst in Prora, dann in Dresden am unzerbombten Weißen Hirsch auf. Des Vaters wegen mit gutem Kontakt zu russischen Offizierskindern. Nach der Scheidung bekam die Mutter das Sorgerecht über alle Söhne, zog mit ihnen nach Leipzig und begann als Küsterin zu arbeiten, um 5 Köpfe durchzubringen. Pubertät und Remmidemmi. Vier junge Falken in einer „Kirchenwelt“ von gestern. Und nun ohne Russenkontakte. In plötzlich bitterer Armut.

Prägephase: Raus aus der Sackgasse! Dennoch-Trip! Die andern überholen! Aus eigener Kraft!

Erst Sport, dann Cleverness.

Vater gab den Söhnen immerhin mit, dass man in diesem Staat nicht freiwillig Offizier werden sollte. Von einem Parteieintritt sei dringend abzuraten.

Mutter verhinderte das Pionier-und-FDJler-Werden. EOS(Gymnasium) ging somit nicht. Aber Berufsausbildung mit Abitur dann doch. Deshalb: Jura-Studium möglich. Anwalt sein jedoch nicht.

Also wurde er Rechtsberater der Agrar- und Industrie-Vereinigung Delitzsch..

Das zweite Buch hier verrät mehr als das erste über die finanziellen Werdegänge des PMD:

Er jobbte, dass die Schwarte kracht, und schacherte geschickt. Im dritten Studienjahr fuhr er Wartburg. Kurz nach Berufseintritt kaufte er sein erstes Eigenheim für seine erste Ehe.

Er kam also gut voran, was den langen umständlichen Titel des ersten Buches erklärt.

Aber es fuchst ihn, dass die Wertschätzung für seine Wendetätigkeiten fehlt.

Schließlich war er „174 Tage lang der letzte Innenminister der DDR“! Und das wird auf 256 Seiten ca. 130mal erwähnt, was nervt.

„Schau dir an, wer von den Figuren der Bürgerrechtler heute mit Verdienstkreuz herumrennt. Den Einigungsvertrag erschufen de Maiziere, Krause und ich. Keiner von uns hat eins. (…) Wenn sie mich fragen, frage ich, ob Lothar de Maiziere auch gefragt wurde. Wenn der keins kriegt, nehme ich auch keins an.“

Über Lothar de Maiziere lässt er sich sehr realistisch, ehrlich und wertschätzend aus. Die IM-Rufschädigung der Person des letzten Ministerpräsidenten stuft er als Intrige ein. Krauses kuriosen Werdegang beschweigt er lautstark. Das fällt auf. Das muss auffallen, bei einem Schreiber, der sonst so unverblümt -und treffend- austeilt.

Nur soviel: Gauck und die Pastorenriege des Novembers’89 kommen auch wieder vor. Die mag er „sehr“ (Sarkasmus!); wie einmal mehr deutlich wird.

Aber eigentlich geht es im Schwerpunkt des Buches um Diestels Lebensthema: Die unvollendete Einheit, die Ausgrenzung ostdeutscher Kader von nahezu allen Leitungsebenen.

Diestel ist aufgegangen, dass der Einheitsvertrag mies gestrickt war, aber er schlägt Haken in Bezug auf Details. Immerhin bringt er einen wichtigen wunden Punkt zur Sprache: Keinerlei Absicherung für Ossi-Ansprüche ab dem 04.10.90, da nun alle DDR Gremien aufgelöst waren; was er anekdotenhaft zu illustrieren weiß.

Jedoch bringt er auch zahlreich bittere Beispiele auf den Punkt:

„Plötzlich interessierten lediglich die Immobilien und die freiwerdenden Posten – die Menschen, die das alte Regime zum Einsturz brachten, nicht.“

Da, wo die Posten nicht freiwurden, wurden sie freigemacht: Da muss sich doch IM-mäßig was finden!

Auch wenn die Ministerpräsidenten 2022 überwiegend Ossis sind und der MDR eine Ossi-Chefin hat: Neu-5-Land wird überwiegend kolonial geführt: Universitäten, Hochschulen, Gerichte, Kliniken … die Leiter haben Westwurzeln und meist auch ihre Ruhesitze dort.

„Die komplette Führungsschicht der DDR wurde >wegen Systemnähe< kaltgestellt.“

Sehr interessant Diestels Einlassungen zur Hetze gegen den letzten Ossi auf dem Rektorenstuhl der Humboldt-Uni Fink. Ein integrer, anständiger Theologieprofessor, der im Wendewirrwarr gewählt worden war: Aber da gab es im Ruhrpott soviele Professoren, die dort nichts werden konnten – „da musste sich was finden!“ Und da in der DDR jeder führende kirchliche Angestellte früher oder später wissentlich oder unwissentlich mal mit jemandem von „Horch&Guck“ gesprochen hatte, fand sich eine Akte…

Gauck war der oberste Stasi-Aktenwächter und somit auch oberster „Sachverständiger“.

Diestel vertrat Fink im Verfahren gegen seinen Rauswurf und gewann – nicht die Wiedereinsetzung, jedoch die Dienstjahr-Anerkennung und die vollumfänglichen Pensionsansprüche: Weil da schließlich gar nichts Verwerfliches war. Die Rehabilitierung des Prof. Fink nahm öffentlich niemand zur Kenntnis. Die Hetze gegen ihn zuvor – war überall zu lesen.

Diese Art Fälle wurden Diestels täglich Brot.

„Wir beschäftigten in der Hoch-Zeit 5 Anwälte und hatten voll zu tun: Alles IM- und Dopingfälle.“

Diestel, der Robin Hood aus dem Mecklenburg-Forrest, wo er inzwischen wohnt.

Er spreizt sich als Streiter für Gerechtigkeit. In vielen Fällen sicherlich zurecht.

Auf der anderen Seite entsteht im Buch jedoch von Seite zu Seite immer mehr der Eindruck: JEDER Ossi habe vor Gericht gestanden und sich gegen IM-Beschuldigung wehren müssen. Das hinkt!

Und da verzerrt sich eben das Bild.

Je nach Quelle gab es ’89 ganze 60- bis 100 000 IMs. Bei 17 Mio Einwohnern, davon 12 Mio wahlberechtigt, also volljährig und zurechnungsfähig, ist das also etwas weniger als rund 1 % der Bevölkerung. 8 Mio Ossis verloren ihre Arbeitsplätze nach 1990 also ohne Stasi-Querele; aus Gründen des Bankrotts der Betriebe oder der Konkurrenzbeseitigung seitens der westdeutschen Platzhirsche. Der Hinweis auf dieses Zahlenverhältnis fehlt im Buch leider ebenso, wie in der offiziösen Berichterstattung der Medien über die Stasi-Altlast des Ostens – seit 30 Jahren.

Abschließend noch zur Form dieses Buches: Es ist ein niedergeschriebenes Interview, das über mehrere Abende unter 4 Augen geführt wurde. Es nerven zwei Begleiterscheinungen:

  1. dieses inflationäre Einpeitschen „PMD; der letzte Innenminister und Vizekanzler der DDR für 174 Tage“; gefühlt alle zwei Seiten; wobei der Terminus „Vizekanzler“ auch ein bissel problematisch ist.
  2. das Nicht-Nachhaken, wenn PMD ganz offensichtlich ausweicht oder beim Reden „vom Wege abkommt“. So werden einige interessante Spuren gelegt, aber nicht verfolgt.

Naja, muss ja noch Platz bleiben, für ein drittes und viertes Buch; vermutlich.

Was wiederum sehr gut gemacht wurde, sind die Zwischenkapitel, die eingeschoben wurden, damit das ganze nicht nur ein „IM-Rächer-Traktat“ wird. So erfährt man mehr über PMDs Werdegang vor der Wende und über seine Liebe zum Wald als Romantiker und als Jäger, der (angeblich) kaum schießt, jedoch ein Jagdzimmer voller Trophäen sein Eigen nennt. Hat er die Geweihe also vom Flohmarkt? Nachfragen: Keine.

Fazit: Lesbar. Dümmer machts nicht. Aber man hat den Eindruck, einen Bonus-Track-Band zum Bestseller von 2020 in der Hand zu haben.

In Eiserner Zeit (1891)

EZ0Es wird lang. Mir ist mal wieder viel eingefallen. Beim Lesen und Musik hören. Reinhard Lakomy’s „Geheimes Leben“ trug mich von Erinnerung zu Erinnerung und von Einfall zu Einfall.

Lesestoff war das Trauerspiel „In Eiserner Zeit“ von 1891.

Ich habe nun auch den Dramatiker Spielhagen kennengelernt.

Ein Stück – passend zur Zeit. Damals und heute.

Ein Stück so anregend und aufregend in einem.

So perfekt unperfekt, dass es Gedankenlawinen befeuert.

Es ist ein gut gelungener Theaterversuch; kein sehr guter.

Das Drama hätte mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt, aber dass dem nicht so war, ist ebenfalls nachvollziehbar und wird im Folgenden erklärt.

1. Worum geht es?

Spielhagen verlegt die Handlung in die Befreiungskriege; ins 1813 wiederbesetzte Hamburg. Napoleon hatte sich nach seiner Russlandpleite erstaunlich schnell erholen können, sodass noch anderthalb Jahre Krieg notwendig wurden, um ihn aus Deutschland zu vertreiben. Marschall Davoust regiert mit harter Hand. Seine Soldateska setzt sich zusammen aus Offizieren mit ritterlichem Anstand und widerlichen Karrieristen (oben), sowie mauligen, kriegsmüden Bütteln und Soldaten (unten).EZ5

Die Einquartierung bescherte dem Senator Wilbek und seiner schönen Tochter Charlotte den sehr anständigen Marquis Gaston d’Ormond als Hausgast.

Charlottes Bruder Herrmann ist Freiheitskämpfer. Die Schwester verliebt sich in Gaston, den Feind, obwohl auch sie die patriotischen Ideale ihres Bruders teilt. Der Vater verarmt während der Kriegswirren und stirbt als erster.

Da Charlotte „die erste unter den Bürgerinnen“ ist, sind auch der Marschall selbst und sein fieser Adlatus Cambert scharf auf sie. Der disziplinierte Marquis ist ihnen im Weg. Gaston hat also auch Feinde im eigenen Lager.

Spielhagen führt in klassischen Dramenaufbau von 5 Akten die Spannungskurve „Schillermäßig“ in einen Abgrund – mit Trost.

Gaston wird per Intrige in die Subordination getrieben und standrechtlich erschossen. Am Tage des Abzugs der französischen Truppen, die nun Truppen König Ludwigs XVIII sind. Ein letztes Blutopfer. Napoleon down! Hamburg frei! Charlotte nimmt Gift. Herrmann kann seine tote Schwester beerdigen.

„Die ihr Hamburgs erste Bürgerin nanntet, wollte nicht seine Letzte sein; nicht werden zu der ihr sie gemacht haben würdet, bereits gemacht hattet…“,

schwingt sich Dr. Barbeyrac, der Hamburger Arzt mit Hugenottenwurzeln, zum pathetischen Schlusswort auf und hofft daran anknüpfend auf dermaleinst kommenden Weltfrieden und Gleichheit aller Völker.

Da wird viel „gewollt“, jedoch wirkt dieser Schlussmonolog seltsam platt.

Und dies aus der Feder so eines Meistererzählers, wie Spielhagen einer war?!

Warum bleibt der nicht beim Roman?

2.Warum wagen sich die Romanciers des späten 19. Jahrhunderts so häufig auf die Bretter, die die Welt bedeuten?

Freytag tat es, Heyse auch, Spielhagen ebenfalls: Der Goethe(Schiller)-Klaps!

Dichter ist man, wenn man seine Gestalten in Metren und Alexandrinern reden lässt und es vermag, das Ganze nicht wie „Reim dich oder ich fress dich“ klingen zu lassen. Das gilt als Niveaubeweis. So sehr, dass sich die Kultusministerien und scharenweise phantasielos feldwebelnde DeutschlehrerInnen bis heute nicht davon erholt haben. Schülergeneration um Schülergeneration wird mit Silbenzählen die Lust am Erbe ausgetrieben. Zur Strafe machen die dann Stars groß, die in übelster Knüttelreimerei „Hits“ in den Äther plärren: Scheiß auf den Reim!

Romanerzeuger sind Schriftsteller. Die Schmuddelkinder der Poetik. Schriftstellerei musste sich erst durchsetzen, um Anerkennung ringen. Als brave deutsche Lakaienseelen zergliedern und zerschwafeln sie alles, was sich ihren Federn so entringt, um wissenschaftlich zu wirken:

Sollte man auf auktorale Erzähler verzichten? Warum ist ein Witz ein Witz? Wie real darf Realismus sein, um nicht tendenziös zu wirken? Was ist typisch deutsch am Roman deutscher Autoren im Vergleich zu Dickens und Tolstoi? Ist das bei Freytag dickens’scher Humor oder nicht?…

Die Nation der Kammerdiener und Oberlehrer. (E. Jünger)

Bis ran an den ersten Weltkrieg versuchten sich zahlreiche Vertreter der Branche nun an laaaangen Versdichtungen oder eben gar Theaterstücken a la Schiller und Goethe. Ruhm war diesen Versuchen keiner beschieden. Kurzzeitig hie und da ein paar Aufführungen. Lob für eine oder zwei Saisonen, aber das war’s. Zu epigonal, nachgemacht, unerheblich im Inhalt – wurde oft von den grauen Eminenzen der Theaterkritik konstatiert.

Auch Spielhagens Stück reiht sich da ein.

(Es wird ein paarmal aufgeführt, ohne Sensation zu sein und verschwindet schneller als seine ruhmreichen Romane im Nirvana vergessener Werke.)

Schwung ins Theaterleben kam erst wieder durch die Naturalisten und Expressionisten und Aufreger-Stücke wie die vom Hauptmann Gerhard oder gar Wedekinds „Lulu“-Skandal, an dessen Vertonung schließlich final noch Lou Reed samt Metallica-Unterstützung grandios scheiterte.

3. Was lässt das Stück nun so „perfekt unperfekt“ erscheinen?

Spielhagen kommt mit seinem Drama 1891 um die Ecke. 20 Jahre nach Reichsgründung. Im Jubiläumssiegestaumel, der bereits seit dem Sedans-Tag im September zuvor alle Rekorde bricht.

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War Deutschland 1891 zu sehr auf Erbfeindschaft gepolt, um Spielhagens Denkanstoß goutieren zu können?

Das ist nicht so simpel eingleisig bewertbar: 20 Jahre Sieg! Gravelotte- Sedan-Paris-Versailles! Heil dir im Siegerkranz! Es gibt Sammelbilder für die Jugend, mit Szenen aus allen Gefechten der drei Einigungskriege, Zeitzeugenerinnerungsnovellen fast aller beteiligter Offiziere von 1871 als Buch oder in Westermanns Monatsheften: „Vor Paris“, „Sturm“, „Der Trompeter von Gravelotte“, „Horch was jammert dort im Busche, horch was klagt in finstrer Nacht…“, Lieder, Gemälde, Lineolfiguren – endlos.

Und es gibt Versöhnungsversuche „unter der Hand“. Reichlich reist die Schickeria Deutschlands nach Paris. Alle Jahre wieder. Reichlich finden französische Fräuleins als Gouvernanten und Gesellschafterinnen Anstellung in den Gutshäusern zwischen Maas und Memel. Studenten wählen Auslandssemester, weil die Sorbonne irgendwie dazugehört, wenn man von sich reden machen will. Malaufträge gehen hin und her zwischen Düsseldorfer Schule und Pariser Salonmalern zur Ausschmückung der Villen der Stahlbarone hüben wie drüben.

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Abenteurer wie der junge Ernst Jünger wählen die Fremdenlegion.

Die „Erbfeindschaft“ ist also nur die eine Seite der Medaille. Der Ruf der beeindruckenden Modemetropole Paris bleibt davon unberührt. Die orientalische Exotik französisch Nordafrikas verführt auch Deutsche zuhauf zum Träumen mittels französischer Autoren. Deutschland boykottiert keinen Dumas- oder Jules Verne-Roman! Auch Balzac und Zola erleben Lederausgaben beim „Erbfeind“.

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Die Kolonien bringen eine dritte Schiene ins schwierige Verhältnis zum Nachbarn: Streit an der Kameruner Grenze. Ungeklärte Interessenlage in Marokko. Rangelei um Einfluss in Istambul.

Und Spielhagen beweist sich als unangepasster Denker ohne Hausmacht; ohne Gleichgesinnte, ohne „Spielhagen’sche Schule“:

Idealistisch fordert er sinngemäß:

„Liebet eure Feinde!“

„Eines Tages wird es wahr, das Prinzip der Brüderlichkeit, welches unsere Zeiten so sehr in den Schmutz zogen.“

Aber realistisch weiß er eben auch:

„Liebe, über die Grenzen von Stand und historischer Rivalität hinweg, kann es nur im Jenseits geben!“

Ausgerechnet am exemplarischen Schicksal einer der am schwersten gebeutelten Städte Deutschlands während der Zwangsherrschaft Napoleons; Hamburg, will er sein Schärflein zur Aussöhnung beitragen.

Der Realist Spielhagen baut einen sehr logischen Handlungsverlauf und scheitert auf hohem Niveau – am Idealisten Spielhagen, dem er das letzte Wort überlässt.

Er ist NICHT bei den Hurra-Patrioten. Aber er ist Preuße. Und Kind seiner Zeit.

Er verheddert sich in den Widersprüchen zwischen hohem moralischen Anspruch, wie ihn die Gymnasien lehren; und gesellschaftlich festgefügten Grenzen, die unbeeindruckt von rund 150 Jahren Aufklärung eben fortbestehen.

Wie zeigt sich das?

Es werden ein paar Spuren zu großen Vorbildern aus Weimar gelegt:

Eine Bürgerreputation vor dem allgewaltigen Davoust rechtfertigt ihre berechtigten Ansprüche mit „Halten zu Gnaden!“ – Altgediente Deutschlehrer zucken zusammen: Schiller! Kabale und Liebe!

Nur ist es dort eine Szene der Selbstermächtigung des Bürgers Miller gegenüber dem adligen Präsidenten, der der Bürgerwohnung verwiesen wird. Hier bei Spielhagen ist es eine jämmerliche Szene des schüchternen Anfragens und sich-schnell-wieder-hinausweisen-lassens.

EZ6Charlotte erlebt ihren Vater im Niedergang, kann ihn aus Haft erretten, aber nicht aus seinem rasanten gesundheitlichen Verfall. Die Zeiten überfordern ihn. Er stirbt. Sie bleibt als starke Tochter zunächst noch übrig. Luise Millerin zwo!

Charlotte ist sogar die bessere, emanzipiertere Frauenfigur. Aber zwischen Luise und Charlotte liegen eben auch hundert Jahre literarische und gesellschaftliche Weiterentwicklung. Und der Meister selbst hat im Unterschied zu seinem Langzeitidol Goethe ein sehr gutes Verhältnis zu mindestens einer seiner Töchter: Antonie, die ebenfalls schriftstellernde Mädchenschul-Lehrerin.

Die Franzosen sind charakterlich zwischen gut und böse perfekt gemischt. Unter den deutschen Figuren fehlt ein Schuft. Somit bekommt das Stück eben doch eine Schlagseite: Fiese Lustmolche gibt es nur „drüben“?! Da fehlts an Ausgewogenheit beider Seiten. Er hätte an Raabes „Im Siegerkranz“ denken sollen!

Auch Schiller hatte seinen Wurm im Stück, den bürgerlichen Schmierlappen auf Seiten des amoralischen Adels.

Am Schluss entwickelt sich eine Szene, die fast Rettung/Flucht des verurteilten Gaston verspricht zur katharsischen Katastrophe. Nun ja. Gaston sieht ein, dass er sich gegen Cambert nicht hätte wehren dürfen – und verzichtet auf Flucht, weil er anschließend hätte ehrlos weiterleben müssen. Das ist realistisch, aber nicht DIE GROSSE – den Zuschauer überwältigende – Überraschung.

Gaston als Will Smith seiner Zeit. Zuhauen und hinterher zerknirscht herumwinseln.

Ausgerechnet der alte Ehrenkodex sich duellierender Adliger wird hier zum Katalysator für einen unbefleckten Heldentod in Konsequenz und Anstand. Obwohl doch sonst alle Realisten in ihren Romanen so oft und so facettenreich den feudalen Ehrenrummel zum Würgetuch so vieler Träumer machten, denen man modern zu leben verwehrt.

Aber abgesehen von jener eher zufälligen Will Smith Parallele:

4. Was macht das Stück so aktuell, dass es mich hier schreiben lässt?

Diese „unmögliche“ Liebe von Gaston und Charlotte provoziert Interpretation:

Wenn der Feind im Land ist – und sich da solch‘ unerhörtes Verlöbnis anbahnt: Was denken die Nachbarn? Wie soll das werden? Wo sollen die beiden glücklich leben können? Welche Sorte Spießrutenlauf kommt auf zukünftige Kinder zu?EZ4

Die Stimmung in Deutschland 1814/15 ist aufgeheizt. NICHTS Französisches wird mehr geduldet. Sogar die Alltagsmode macht eine Rolle rückwärts: Schau dir die Kleider und Frisuren der Damen an: Hie Empire – hie Biedermeier! Steif und zugeknöpft ist sittsam. Frei und luftig ist Verluderung!

Gaston in Hamburg als Exilant? Mit „deutscher Metze“ am Arm? Eine Chance auf Leben in Anstand hätten sie nicht, wenn bei jedem Spaziergang alles vor ihnen ausspuckt.

Charlotte in Frankreich? Als deutsche, bürgerliche Sauerkraut-Braut des französischen Marquis?

Eher wird er von seiner Mutter enterbt und beide müssten armselig in irgendeiner Großstadt über die Runden kommen!

Da bleibt nur der Tod und das Wiedersehen „drüben“ in der andern Welt.

Aber zusätzlich: Ist Spielhagens Plot vernünftig? War Hamburg eine gute Wahl? Wäre nicht gerade auch für den Adelskritiker Spielhagen besser gewesen, einen Franzosen bürgerlicher Herkunft auf eine Kleinbürgertochter treffen zu lassen (in irgendeinem Kaff)?

Davoust hat sooooviel Dreck am Stecken in Bezug auf Hamburg, Napoleon unterband den Englandhandel, das Lebenselixier der Stadt; Davoust ließ verhaften und erschießen, was sich bei Schmuggel oder nur despektierlich Reden erwischen ließ, die einquartierten Landser aus den Gossen Frankreichs führten sich dem entsprechend auf in den Wohnungen der unfreiwilligen Gastgeber. Die Stadt musste Schanzarbeiter stellen, um die Stadt zu befestigen – gegen die Befreier, also die eigenen Leute…

Und dann soll dieses geknechtete Volk die Toleranz aufbringen und Unterschiede machen – zwischen einem Gaston d’Ormont und einem Marschall Davoust? Zwischen Büttel 1 und Büttel 3?

Plötzlich soll die Bibel funktionieren? Liebet eure Feinde?

1815 wurde Frankreich das Elsass gelassen. Trotzdem wurde es 1870 wieder zur Gefahr.

Wenn man nun 1891 in dieser Aufführung saß – mehr als ein gähnendes Achselzucken auf Seiten des männlichen Publikums war da nicht zu erwarten. Die Damenwelt hatte was zum Seufzen. Arme Charlotte! Fertig.

5. Hält das Stück Perspektivwechsel aus?

Was, wenn ein Enkel Spielhagens diese Handlung ins besetzte Riga, Charkow, Smolensk 1943 versetzt hätte? Freiherr von Rübenacker liebt Tatjana Iwanowna, deren Bruder Oleg Partisan ist?

Max Walter Schulz (DDR) schrieb sowas ähnliches ende der 70er Jahre „Der Soldat und die Frau“. Allerdings ohne den Bruder Partisan. In Literaturseminaren reichlich zerredet, erregte es beim Alltagslesepublikum keinerlei Aufsehen.

GI Joe liebt Nugyen Pin Pon, die Schwester eines Viet Cong Offiziers 1973. Würde sie von ihrem Bruder erschossen oder Joe standrechtlich?

Marlon Brando könnte hier mitreden, wegen seiner Rolle in „Apocalypse now“, wegen seiner tahitianischen Frau, wegen der Indianerin auf seiner Oscarverleihung.

Können ukrainisch-russische Halb-und Halb-Ehen in Luhansk und Donezk und Charkiw aushalten, was da jetzt läuft?

Drei Katastrophen später – NACH Davoust in Hamburg – ist das Völkerverständnis nun soweit gediehen, dass man heute in Deutschland einer internationalen Misch-Ehe keinerlei Bedenken mehr entgegen bringt. Wenn heute ein Gaston seine Charlotte freit – soll er doch! Und wenn statt dessen ein Sergej oder ein Laszlo anklopft? Auch egal.

Erbfeindschaften haben sich erledigt. Für UNS. Kurios auffällig ist jedoch, dass die Kontakte nach Frankreich zahlenmäßig deutlich dürftiger bleiben als die nach England oder Amerika.

Wir denken heute „angloamerikanisch“; (mal mehr, mal weniger), jedoch nicht frankophil.

Viele gehen heut mit ihrer mehr oder weniger unbewiesenen Weltoffenheit missionarisch plump hausieren. Aber wenn deren Tochter Charlotte im Treppenhaus, in der Klasse oder beim Kellnern ihren Abdullah aufgabelt, dann – beißen auch sie klamm heimlich, ganz fest die Zähne zusammen beim „Willkommen“ und denken: Hoffentlich geht das  schnell vorbei gut.

Die Prophezeiung von Dr. Barbeyrac über die große finale Völkerverständigung geistert durch Immanuel Kants- und Adam Smiths Werk; sie erlebte Wiederauferstehung in den Parolen der französischen Revolutionen und im Werk von Marx, Engels und Gorbatschow.

Sie erwieß sich jedes Mal als zu schwach, die kommenden Katastrophen zu verhindern.

Aber man klammert sich halt doch dann und wann an die schöne Hoffnung vom kommenden Staat der Edelmenschen. – Wenigstens solange, bis man dem nächsten Arschloch gegenübersteht.

Amen.

Wieland der Schmied

„Huuuuunaaaaa! Huuuuunaaaaa!“

Griesgrämig thront der alte weiße Mann in seiner ehemaligen Arbeitskemenate weit oben im Norden. Dort wo der Aar auf Starkstrommasten horstet und der Rote Milan sich Atzung erslalomt zwischen den Mühlen der Zeit, die da Windräder heißen. Er liest, während das Haupthaar bleicht und der Bart durch die Tischplatte wächst.

Die Trommeln donnern aus den Boxen. Sie begleiten den Lesestoff, jene Legende vom betrogenen Schmied mit dem Kindergemüt. Stiernackige Normannen, die Bartzöpfe ins Scheinwerferlicht reckend, entlocken mit muskelbepacktem Schwertarm ihren Gitarren jene Akkorde, die Wielands Frust tonal illustrieren. Kehlige Röchellaute inclusive: „Gwaaaaahrrrrr! Stirb Niiiiiidung! Stiiiiiiirb!“. Skandinavischer Deathmetal, Postmetal, Drone-Metal rührt an den Wurzeln, die hier herum vergessen sind.

Was hat denn der Bludgeon nu schon wieder?!

Antwort:

Er hat Huna gelesen. In passender musikalischer Umrahmung. „Wieland der Schmied“(Roman; 1924)

wieland 1

Ludwig Huna (1872-1945) ist auch so ein ehemals ganz Großer, über den die Literaturgeschichte inzwischen ganze Staublawinen blies. Sollte man ihn kennen müssen?

Ich finde: Ja!

Und gerade „in jetzig‘ Zeiten“, da die apokalyptischen Reiter traben.

Krieg, Teuerung und Seuche sind bereits da. Die Missernte wird kommen.

Wieland, der Wühlland, der Riesensohn, wählte die Selbstverzwergung und lernte dort unten, weit weg von den Fjorden Norwegens, weit unter der Erde, die Geheimnisse des Metallfindens, der Schmiedekunst für Schwerter und Geschmeide. Emporgelangt ans Tageslicht, spottete er dem Fluch der Zwerge, die wussten, dass ihre Geheimnisse nun verraten sein würden – an die Menschen, denn zur Hälfte war Wieland auch das.wieland 3

Schön, stark und kenntnisreich wollte er nun in den Wolfstalen von Norge ein gar friedlich Leben führen; aber Neid ist in der Welt. König Nidung, der Neiding, lechzte nach jenem fähigen Waffenschmied und Oddrun, seine Gemahlin, die Widersprüchliche, die Probleme machende Schöne, sehnte sich nach dem Geschmeide und der männlichen Schmiedestärke.

Wieland wurde Opfer ihres Anschlages, missleitet verirrte er sich in der Welt „westwärts von Norge“ ins Reich seiner ärgsten Feinde, eben jenes Königreich Hetland von König Nidung. Die Schicksalsnornen hatten seinen Faden als zu knotenfrei empfunden und schnell so einige Knoten in die weiteren Abläufe seines Daseins hineingewoben. Die Knotenschrift der Schicksalsgöttinnen verhieß ihm nun plötzlich übel Drangsaal.

„Denn nur die Not lehrt dich zu leben! Danke der Not, die dich zwingt, über dich hinauszuwachsen!“

Es ist in alten Mären gar wunder vil gesayt…

Und lebenskluge Hinweise steckten in den Gesängen der Skalden, der Ur-Minnesänger der Völkerwanderungszeit.

Nidung lässt Wieland die Fußsehnen zerschneiden, damit er fluchtunfähig wird, jedoch arbeiten kann. Wieland wird sich böse rächen. Aber das dauert!

wieland 4Die Waldwelt der Germanen zu Zeiten Roms war eine Welt des Kampfes. Die Völker waren jung und so benahmen sie sich ewig wie auf dem Schulhof, wo der friedliche Kluge dem kräftigen Sitzenbleiber unterliegt.

Nichts gedeiht auf Dauer.

Und mancher, der alle Gaben zu haben schien, lebt ein Leben voller Brüche in tausend Sackgassen.

Wieland; das ist der Knabe, der hoffnungsvolle Nachwuchs, der -vom Wege abgekommen- Dichter wird und sich auslachen lassen muss – bis eines Tages ihm oder seinem Werk Flügel wachsen, mit deren Hilfe er sich erheben kann über all das Erdengewürm, das neidhammelige.

Aber Wieland ist auch das Volk oder Land „das eigentlich alles hatte“, dem die Nachbarn jedoch nicht gönnten, was es sich selbst erschuf.

Die Sicht der Zeitgenossen Hunas auf den ersten Weltkrieg ist genau DIE.

Huna, der Österreicher, hin und her gerissen zwischen der gemütlicheren Lebensweise im vergreisten Kakanien des Uralt-Kaisers Franz Josef, aber gleichzeitig fasziniert von den Erfolgen „des Reiches“ da im Norden, ist empfänglich für all die romantisch anmutenden Sagen aus Urwäldern und von den rauhen Klippen Skandinaviens. Er steckt fest, als Deutscher unter all den Zwergenvölkerschaften Österreich-Ungarns. Eigentlich fühlt er sich den „Nordlandriesen“ zugehörig.

1872 geboren, Militärkadett gewesen und bereits als Leutnant unehrenhaft aus der Armee entfernt worden, (er hatte sich einem Duell verweigert, oder aber eine Streitschrift über den Unfug des Duellierens verfasst; die Quellen sind sich hierüber uneins) hadert er mit seinem nicht mehr reformierbarem Land. 1848 war es durch ein Russenheer vor dem Zusammenbruch und Auseinanderfallen geradeso bewahrt worden. Seither war es ein Gebilde im Wach-Koma. Folgerichtig erlebt er die militärische Schwäche Österreichs ab 1914; während Deutschland im Norden, nicht nur gelingt, Ostpreußen vor den Russen zu retten, sondern auch Österreich „herauszuhauen“, als die Russen an der Karpatenfront zum Durchmarsch auf Wien ansetzen.

Gorlice ist 1915 im Süden ein zweites Tannenberg, dank preußischer Waffenbrüderschaft.

Als 1918 alles zusammenbrach, da war es Huna, als ob Wieland nun ein weiteres Mal die Fußsehnen durchtrennt worden wären, damit er nicht fliehen, aber arbeiten könne, für den Sieger Frankreich.

Deutschland hatte auch nach 1918 alles, was es braucht, um erfolgreich zu sein: Fleiß, Stärke, Kenntnisse (Nobelpreise aller Art flatterten nur so herein) – aber richtungslos wie Wieland bei seiner Ankunft in Hetland stand es da:

„Was trieb dich her?“

„Ich weiß es nicht.“

„Was willst du hier nun tun?“

„Ich weiß es nicht.“

„Wie lange willst du bleiben?“

„Ich weiß es nicht.“

Tumb und bieder will Wieland fleißig sein. Selbstlos Wunderwerke schaffen. Sich ausnutzen lassen.

Keinen Gedanken verschwendet er an seine Zukunft.

Reparationen. Und Volksbetrug per Hyperinflation. Millionen Deutsche hatten Kriegsanleihe gezeichnet, dem Staat Geld geliehen. Da der Krieg verloren ging, bekamen sie ihre Vorkriegstausender harter Währung nun in Inflationsgeld zurück. Ende 1923: Ein Volk steht ohne Ersparnisse da. Und dankt es dem Staat mit Verachtung.

1924 erscheint Hunas Roman.

Seine Romane sind Bestseller bis 1945. Dann stirbt er 73jährig. Sein Ruhm überlebt ihn nicht. Ein Spielhagenschicksal.

Als ich nun 2022 den „Wieland“ endlich durchlas, überwältigten mich die Assoziationen.

Wie schlug dieses Buch 1924 ein? (Siehe oben)

Warum flocht Vater soviele Wielandvergleiche ins Alltagsgespräch ein?

„Du weißt, was du kannst; lass dich nicht zum Wieland machen!“

Als ich den Verlobungsring präsentierte:

„Bewahre den Ring! Denk an Wieland den Schmied!“ (Den ich bis dahin nicht gelesen hatte.)

Als mir mit 11 das Wachstumsrheuma dicke Füße machte:

„Kopf hoch. Wieland biste keiner. Das wird wieder.“

Usw. usf.

„Denn nur die Not lehrt dich zu leben! Danke der Not, die dich zwingt, über dich hinauszuwachsen!“

Genau DAS hatte Vater erlebt! Und der Spruch hatte sich bewahrheitet. „Von ganz unten auf“ hatte er es allen gezeigt. Mit 40 stand er besser da als alle in der Verwandtschaft!

Ich hatte den Wieland einmal mit 17 und einmal mit ungefähr 40 lesen wollen, aber wegen übergroßer Langweiligkeit des Anfangs beide Male beiseitegelegt.

Jetzt mit 62, wo nichts mehr drückt, hast du auch Zeit und Muße, dich durch ein rätselhaft lahm erzähltes Buch zu fräsen, um das Geheimnis der Saga zu ergründen. Deathmetal als Gleitmittel machts möglich!

Huna machts dem Leser nicht leicht. Die ersten 150 Seiten schaffst du, weil du es um dich donnern lässt. All die Frühzeitbezeichnungen für Götter, Halbgötter, Nornen und Alben, die Vorstellungswelt aus Yggdrasil und Midgardschlange machen dir zu schaffen. Und es ist wirklich wenig los soweit. Dann aber überschlägt sich die Handlung. Dialoge werden nötig, der Turn wird lesbarer, sogar spannend, spart auch eine ziemlich anschauliche Barbarenerotik nicht aus.

wieland 2Beeindruckend, wie sich ein Autor aus vergleichsweise scheintotem Bodensatz so dermaßen emporschrauben kann, in seiner Erzählweise.

Am Ende pfuscht er wie Raabe in seiner „Hergotts Kanzlei“. Auch Huna scheint ganz plötzlich fertig werden zu wollen. Wieland ist durch Albenzauber an Botlinde, die zahme Tochter Nidungs gebunden und sie an ihn. Jedoch sind Vater und Stiefmutter gegen diese Verbindung. Die Sage verlangt jedoch die Vergewaltigung der Botlinde durch Wieland. Um Wieland im positiven Licht belassen zu können, muss sich Botlinde also von der zarten Fee in irgendwas Böses wandeln – und das geschieht bei Huna verunglückt abrupt. Von jetzt auf gleich ist sie „die Tochter ihres Vaters“, die mitleidlose, arrogante Kuh. Barbarin eben.

Aber zurück zur Lesewirkung im Wandel der Zeiten:

Wie fühlte sich das an, den „Wieland“ 1943 als Frontausgabe im Tornister zu haben? All die wehrpflichtigen jungen Männer, die 1943 noch übrig waren; die man von der Schulbank lockte, oder aus dem Hörsaal zwang „zu den Fahnen zu eilen“, und die sich in Russland die Zehen abgefroren hatten – sahen die sich als Wielande? Hatte Kuhlenkampff ihn gelesen?

Du hockst im Unterstand vor Charkow. Die Artillerie rumst in der Ferne und du liest, wie der Skalde Thorrolf Ragnarök (das Weltende) beschreibt in König Nidungs Halle:

Wie der Himmel einstürzt, die Berge bersten, nicht Eicheln- sondern Eichen fliegen…

Du hast das alles schon erlebt. Auf dem Vormarsch und nun auf dem Rückzug. Du wolltest nie in russischer Steppe siedeln. Wozu dieser Wiking, der nichts bringt? Wie kannst du dich aus DIESER Drangsaal davonmachen?

Überlaufen? Die Russen erschlagen dich!

Desertieren? Strafbattaillon. Vorwärts marsch ins nächste Minenfeld!

Sich selbst verstümmeln? Standrechtliche Erschießung bei Nachweis.

Man müsste fliegen können, wie Wieland am Schluss. Oder war sein Flug auch nur einer ins Jenseits?

Wie fühlte sich das an, wenn du 1954 unter Tage Kohle oder Erze förderst und den Wieland kanntest? Wann entkommst DU dem Zwergenleben? Welche Schicksalsschläge erwarten dich anstelle König Nidungs noch? Die einen fahren bereits Auto – du noch immer Fahrrad. Wann entstehen DEINE Flügel?

„Wirtschaftlich betrachtet ist Deutschland heute ein Riese, aber politisch ein Zwerg.“ (Franz Josef Strauß, irgendwann vor 1983)

Also war die alte BRD wieder in der Wielandrolle wie jene Republik zwischen den Kriegen, die nicht leben und nicht sterben konnte? Mir deucht; jener 20er Jahre Vergleich passt besser.

Oder war eher die DDR der Wieland, der nicht zu Potte kam, weil ihm Nidung(Moskau) das Gehen unmöglich machte?

Und heute nun – 98 Jahre später?

Passt die Sage eher auf Putins Russland, das einst auf den Westen zuging, jedoch von dort ausgenutzt, schließlich um sich schlägt?

(Nidung versprach Wieland Botlinde zur Frau, aber er trickste und hielt nicht Wort. Es waren schöne, Hoffnung machende Reden, so lieferte Wieland fleißig, was man von ihm verlangte.)

Oder passt sie auf die Ukraine, die „etwas konnte“, was Nidungs Leuten (in diesem Falle Putin) nie gelang, nämlich demokratische Ansätze zu schmieden, die (noch lange nicht perfekt) besser waren, als diejenigen, die man am Hofe Nidungs zu schmieden versuchte;  weshalb ihr nun die Fußsehnen durchtrennt werden sollen?

Es steckt auch allerhand Ilja Muromez in Wieland – vom Krüppel zum Superstar.

Gwaaaahhhrrrr!

Es ist in alten Mären gar wunder vil gesayd…

Der Hungerpastor (3)

Raabe – der Antisemit?

Du, lieber Leser, bist ein Kind DEINER Zeit und ich bin ein Kind MEINER Zeit. Und wenn wir verschiedenen Alters sind, dann sind das sogar schon VERSCHIEDENE Zeiten.

Wenn ich so Sonntagsreden über die Wertegemeinschaft der EU lese/höre/sehe, dann war mir noch vor ein paar Jahren so, als müsse man sich da eintakten. Aber dann las ich von TTIP und EPA, dann ereignete sich das Wunder der „unbefleckten Erschaffung einer Kommissionsvorsitzenden“, trotz vorangegangener Wahl, die Null und nichtig war – und dann ist schon wieder Frühling und die Zeitumstellung rückt näher – – – wieviel Jahre streiten die jetzt schon über dieses NICHTS?

Es gibt zu allen Zeiten unbefriedigend geklärte Hausaufgaben in der Politik, weil vom Apfel der Erkenntnis eben nur genascht wurde, damals im Paradies, anstatt ihn – wenn schon, denn schon – ganz aufzufressen.

Für Raabes erste Lebenshälfte war die Judenemanzipation ein vergleichbares Dauerthema, mit dem der Deutsche Bund, „in dem so gar nichts zum Besten stand“, einfach nicht zu Potte kam.

Der „Hungerpastor“ trägt ein Janusköpfiges Gesicht, was diesen Aspekt betrifft.

Man kann ihn nicht gleichermaßen leicht in Schutz nehmen, wie Freytags „Soll und Haben“.

Freytag gibt seinen Strolchen Ehrental und Itzig positivere jüdische Nebenfiguren bei (Ehrentals Sohn und Schmeie Tinkeles), so dass also nicht nur „böse Juden“ vorkommen. Freytag heiratet in dritter Ehe eine Jüdin. Also: Persilschein.

Bei Raabe sieht das anders aus.

Zunächst 4 Zitate zur Kostprobe:

Zitat 1:

„In jenen Tagen herrschte vorzüglich in kleineren Städten und Ortschaften noch eine Mißachtung der Juden, die man, so stark ausgeprägt, glücklicherweise nicht mehr findet. (…) Die alten und die Jungen des Volkes Gottes hatten viel zu erdulden von ihren christlichen Nachbarn; unendlich langsam ist das alte schauerliche „hepphepp!“, welches so unsägliches Unheil anrichtete, verklungen in der Welt.“ (Kapitel 3)

Zitat 2:

„Samuel Freudenstein verstand zu lavieren. Durch alle Gefahren und Kriegswetter rette er sich und sein Päcklein. (1806 nach Neustadt)“ (…) Noch 1806 konnten an jedem Zollamt Zettel entstehen, wie der folgende:

Heute – am 15. Januar 17_;  verzollt und versteuert –  am Kreuzthor:

I. drei Rinder

II. vierzehn Schweine

III. zehn Kälber

IV. ein Jüd, nennt sich Moses Mendelsohn aus Berlin

Die Schlacht bei Jena, welche so manche Niederträchtigkeit, so manchen Unsinn über den Haufen warf, machte aus diesem Skandal ein Ende, aber Anno‘15 hätte mancher liebende Landesvater die gute alte Sitte gern wieder eingeführt.“ (Kapitel 4)

Zitat 3:

„Die Raupen im Park verschwanden, nachdem sie ihr Teil (sic!) an der Tafel des Lebens verzehrt hatten. Aber der Dr. Stein(=Moses F.) verschwand nicht aus dem Hause des Geheimen Rathes Götz.“ (Kapitel 21)

Zitat 4:

„Das Wetter war so schlecht, da ging kein Jude auf Reisen.“

Zugegeben: Bei den letzten beiden Zitaten wellen sich die Fußnägel. Warum schreibt der sowas, wenn er doch zuvor so verständnisvoll beginnt?

Dem geht es eben, wie mir und der EU: Da ist etwas, das gut und vernünftig klingt. Aber dann ist da – die Durchführung und im Alltag so dies und das – was unschön ist, und alte Bedenken nicht sterben lässt. Weil die neue Richtung nicht reibungslos funktioniert:

Raabes Kindheit in den 1830ern fällt in eine Phase des Roll backs in Sachen Judenpolitik, da wir es hier noch mit jener unbefriedigenden Politik der Restauration nach 1815 und vor 1848 zu tun haben.

Napoleon hatte mit seinem Code Civil (und der Vergatterung der Rheinbundstaaten darauf) für einen Schub gesorgt, der in Preußen zwischen 1807 und 1813 für eigene Reformen gesorgt hatte, die nach dem Wiener Kongress so weit wie möglich wieder zurückgenommen werden sollten. Da das nicht ging, begann ein endloses Gezerre und Gefeilsche um Rumpfverfassungen unterschiedlichster Güte in allen 40 Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes, dem ein einheitliches Oberhaupt fehlte.

Raabe kennt dank seiner Umzüge in 3 deutschen Staaten 1864 viererlei „Judenrecht“, da dieses ebenfalls den Regenten der 40 Mitgliedsstaaten oblag. Das macht 40 gültige Juden-Edikte. Am liberalsten in Hessen, am mittelalterlichsten in Bayern und zweigeteilt in den beiden Hälften Preußens. Modern in den rechtselbischen Provinzen, die Napoleon dem preußischen König 1807 gelassen hatte. Rückschrittlich gebremst in den linkselbischen Provinzen, die Preußen 1815 dazubekam.

So entsteht natürlich keine einheitliche Wahrnehmung dieser Minderheit in der Bevölkerung.

Raabe flackert mit.

Er liest den „Nathan“ und die Zeitung mit den neuesten liberalen Anpassungen für Juden im Alltag.

Und er versetzt Taschenuhr, Buchausgaben, Mobiliar, um finanziell über die Runden zu kommen.

In jüdischen Leihhäusern.

Ärger mit Pfandleihern hatte er mit Sicherheit noch und nöcher. Ich stelle mir seinen Alltag ungefähr wie den von Marx vor: Manchmal HUI! (weil gerade Geld reinkam); oft aber pfui (weil eben dieses fehlte.) und Raabe hatte keinen Engels zur Seite, der ihm über die gröbsten Durststrecken hinweghalf.

Da gibt es also Alltagserfahrung, die die Wut des armen Mannes befeuern, der keinen Terminaufschub bekommt, um seine Habe auszulösen. Die schöne neue Theorie also hakt.

Hinzu kommen Meldungen, wie die über das schauerliche Ende eines gewissen Ferdinand Lassalle 1864. Der war nicht nur der Gründer des ADAV, der Keimzelle der SPD, sondern auch ein übel beleumundeter Salonlöwe mit zahlreichen Amouren und „Toyboy“ einer alten Gräfin.

Und Wikipedia führt noch einen ganz anderen jüdischen Salonlöwenskandal an: Joel Jacoby.

Sozusagen der Stammvater der IMs. (Raabe ist aber auch wirklich modern!)

Jacoby schaffte es durch Seitenwechsel und Zuträgerdienste sich bei der preußischen Geheimpolizei beliebt zu machen, indem er Petzberichte über Exilanten verfasst, die nach 1848 fliehen mussten. Er wird prämiert und schließlich zum Geheimrat gemacht.

Diese Art von Karriere wird in Kleopheas Lebensbeichte am Ende des Romans (in nur einem Satz) tatsächlich als Schandtat Dr. Steins aufgegriffen.

Und Sprüche und Redensarten aus 700 Jahren angeblicher Gewissheit von der Schlechtigkeit der Juden waren noch reichlich im Umlauf.

Raabe von seiner nahezu autistischen Aussenseiterposition aus fühlt sich eh keinem politischen Lager verpflichtet.

Und er schreibt „sehr modern“, wie es immer heißt. Also unverblümt und planlos.

Herauskommt das, was ich unlängst „Berg-und-Tal-Schreibe“ nannte.

Hochmotiviert beginnen und solange schreiben, wie es gerade geht, auch wenn die Inspiration bereits versiegt. Am nächsten Tag wieder hochmotiviert dort fortsetzen, wo es gestern gerade öde wurde – und sich sogar selber überraschen lassen, wie die Geschichte ausgeht.

Ich unterstelle ihm, dass er manche Details regelrecht vergessen hat, noch einzubauen.

Raabe kommt nach seiner „Soll und Haben“ ähnlichen Eröffnung ganz vom Wege ab. Bei ihm läuft nicht dieses paritätische Entwicklungs-Ping-Pong, wie bei Freytag zwischen Anton und Veitel. Moses ist in der zweiten Hälfte des Buches kaum vorhanden. Raabe ist es wichtiger, Kleophea zu „bestrafen“ als Moses! SIE muss sterben! Die „Strafe“, die IHN ereilt, ist eine typisch raabe’sche, hingeschludert milde.

Aber das stört auch nicht, weil sich der Schwerpunkt der Handlung eh weit verschoben hat.

Es geht um Hans Unwirrsch und „Das Glück von Grunzenow“, um mal einen Titel von Paul Heyse zu bemühen, der da heißt „Das Glück von Rothenburg“. Hier, wie dort geht es darum, dass man mit dem Spatz in der Hand glücklich werden kann, wenn die Taube auf dem Dach – fort ist. Franziska statt Kleophea!

Hans und Franziska finden sich; und die „Hungerpfarre“ in Hinterpommern mag ärmlich sein, aber der Weg dahin hat sich gelohnt, anstatt entsagungsvoll wiederum nur als armer Schuster in einer dunklen Werkstatt sein Leben zu verdämmern.

Die Küste und die Brandung lassen an Goethe denken: „Mit freiem Volk auf freiem Grunde stehn!“

Auf dem Gut derer von Bullau hat Hans nichts zu fürchten. Er kann sich frei fühlen.

Von Bischoffs-Karrieren träumt er nicht.

So wie Raabe sich einredet, Villa wie Heyse oder Etagenwohnung wie Spielhagen nicht zu benötigen.

Fazit: Ist der „Hungerpastor“-Roman nun antisemitisch? Ja, ein bisschen; aus der Zeit heraus. Es stört (mich) aber nicht, weil er trotzdem ein ungeschönt glaubhaftes Bild von der ersten Hälfte des 19.Jhds malt. Und weil man Moses Freudenstein nicht unbedingt als bösen Veitel Itzig II. lesen muss, sondern auch als eine Freundschaft, die sich im Laufe der Zeit überlebt hat, lesen kann. Und wer kennt sowas nicht?

Der Hungerpastor (2)

(Vorwarnung: is‘ lang geworden. Alte Männer eben. Opas die (noch)keine sind, labern halt das Internet tot.)

mde

Du liest ein Buch, das dich packt. Du liest schneller als sonst; schaffst gar mal wieder hundert Seiten am Tag. Das ist lange nicht mehr vorgekommen! Kurz vor Schluss ahnst du zwar bereits, was jetzt noch kommt, aber egal. Als es eintritt, wie vermutet, ist es trotzdem nicht langweilig, die letzten 40 Seiten zu schaffen, da auch sie mit tiefgründigen Lebensweisheiten gespickt sind. Und so einige Triggerbegriffe jagen dich ein weiteres Mal „in deine eigenen Anfänge“, weil die Situation des Hilfspredigers Unwirrsch da in Hinterpommern an die des Absolventen in der Niederlausitz erinnert. – Dann ist es vorbei. Letzte Seite. Durch!

Du klappst das Buch zu. Die Begleitmusik läuft noch. Du starrst auf einen Fleck und lauschst den Stimmen der Jahrzehnte, die du hinter dir hast und die nun alle durcheinander quaken.

Versuch es zu ordnen, los!

1. Das Allgemeine

Der Roman durchläuft 3 Etappen:

  1. a) Unwirrschs Jugend bis Studienende; (1820- ca. 44)
  2. b) Unwirrschs  Hauslehreranstellungen; (1844-1847)
  3. c) Unwirrsch in Grunzenow. (1847-48)

Anspruchsvolle Romane gaben sich damals den Anschein der Überregionalität dadurch, dass allzu genaue Ortsangaben vermieden wurden, damit so das beschriebene ÜBERALL hätte sein können. Bloß kein Lokalschriftsteller werden!

Das verursacht dann aber das Problem, dass keine Figur so richtig Mundart sprechen kann, da diese ja ein Hinweis gewesen wäre. Somit erfindet Raabe für alle seine Käuze, die den Roman bevölkern, so ein Phantasie-Idiom, in dem gern „mir und mich“ verwechselt wird, „als wie“ straflos vorkommt und Fremdwörter mit volkstümlich falschen Schreibweisen und -Endungen den Bildungsstand erkennbar werden lassen – damals – in unbelesener Zeit; ab 1820 aufwärts.

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1a) Unwirrschs und Freudensteins Jugend (1820 – 1843/44 ungefähr)

Der eine und der andere, wie Anton Wohlfahrt und Veitel Itzig! Gustav Freytags „Soll und Haben“ war 10 Jahre vorher da. Und es war ein Literatur-Hit aus dem Stand! 1855 war das der erste Roman, der als „realistisch“ galt und der mit seinen 900 Seiten auch eine gerade noch fassliche Form hatte. Karl Gutzkow hatte zwar ähnliches vor, jedoch seine „Ritter vom Geiste“ gerieten uferlos. In „Soll und Haben“ hatte Freytag diese Konstellation erfunden: Der Bürger und der Jude; auf unterschiedlichen Werdegängen. Sprechende Namen, die eine volle Charakteristik sind. Kantenlos holdselig der eine, hinterlistig bös der andere. Das Bürgertum 1855 tröstete sich über die Pleite von 1848 hinweg, gewann in Wohlfahrt einen neuen Helden des puren ökonomischen Fleißes. Das Buch stand 1864 bereits in jedem Bücherschrank, so man sich einen leisten konnte. Der Freytag-Hype als neuer „Dichterfürst“ auf dem verwaisten Goethe-Thron, war wohl Hauptinspiration für Raabe, es ihm gleich zu tun, bzw. es sogar besser machen zu wollen. Denn bei Lichte besehen ist „Soll und Haben“ eine ziemlich dröge Angelegenheit. Zusätzlich gab es seit 1862 bereits „Die Problematischen Naturen“ des Newcomers Spielhagen – und auch der wurde dafür bereits gefeiert.

Bucherfolge jener Zeit muss man sich wie Smash-Hits in den 1960ern und 70ern vorstellen. In radioloser Zeit, waren sie DIE Kulturereignisse, die besprochen wurden.

Und nun erlebten die belesenen Kreise da 1864 ihren Beatles oder Stones Moment: Freytag oder Raabe. (Und abseits grinste das dritte Lager: Weder noch, sondern Spielhagen, also The Who jener Zeit.)

Freytag und Raabe sind in heutiger Zeit in Verruf geraten: Antisemitismus; finden aber auch (noch) Verteidiger. Ich spare diese Problematik für „Hungerpastor 3“ auf.

„Soll und Haben“ enthält eine feinsinnigere Intrige, die der Böse einfädelt und der Gute aufdröseln muss. Aber Freytag lässt sich eben auch 900 Seiten Zeit. (Tipp an den Vielleser: Diesmal hab ich nachgesehen!)

„Der Hungerpastor“ bringt es in meiner 1912er Ausgabe auf 397 Seiten. Raabe kommt also schneller zu Potte. Der Konflikt kommt hier simpler daher, aber dafür wird Elend realistischer beschrieben als bei Freytag!

nap7Anton Wohlfahrt trifft auf Veitel in einem Gutsherrenpark; quasi in einem Paradies, das später den Zankapfel abgeben wird. Beide sind auf Wanderschaft in ihre jeweiligen Lehrverhältnisse. Es steckt also etwas Biblisches in diesem Romanbeginn: Veitel provoziert mit der Frage: „Das alles könnte dir gehören! Soll ich es dir beschaffen?“ Veitel als Schlange bzw. als Mephisto. Bibel und Goethe.

Hans Unwirrsch und Moses lernen wir gleich bei ihrer auf den Tag gleichzeitigen Geburt in der Kröppelgasse einer Stadt, die Neustadt heißt, kennen. Sie kommen aber erst im Alter von ca 10 Jahren zusammen und bleiben Freunde mit gemeinsamem Lebensweg bis sie 24 sind.

Die sprechenden Namen sind hier seitenverkehrt verwendet. Jeder hat das, was dem andern fehlt. Zusammen wären sie EINER; wenn man so will.

Auch Oheim Grünebaum ist eher schon morsch – oder, als alter Junggeselle, ewig unreif. Die Base Schlotterbeck schlottert nie! Sie ist die Mutter Courage der Kröppelgasse.

Raabe bebildert hier: Lern die Menschen kennen, jenseits des ersten Eindrucks!

Wenn Freytag die Bibel bemüht, so bedient sich Raabe einer anderen bekannten Anmutung: Unwirrsch wird einem alten Vater „nach langem Sehnen nun endlich doch noch“ geboren.

Ein Schelm, wer an Dornröschen denkt! Hundert Jahre schlafen muss der kleine Hans zwar nicht, aber er hat schon auch einen langen Weg als Schnarchsack vor sich, ehe er „erwacht“.

In beiden Romanen sind die positiven Helden jedoch seltsam asexuelle Streber. Am Gymnasium keine Streiche. Im Studium keine Feten. Da wird nur ganz kurz mal für eine Fee geschwärmt und ansonsten wird GEARBEITET und geschlafen. No Sex till 30! Prüde. Verkniffen.  Hier wirkt Raabe wieder sehr autistisch. Er scheint das nicht zu kennen. Im Roman von den „Leuten aus dem Walde“ war das genauso.

„Die Zeit!“ könnte man denken. Aber Heyse schrieb zeitgleich seine frühen Novellen vom „Bild der Mutter“, vom „Grafenschloss“! Was da alles ging!

Auch Spielhagens Hauptfiguren unterliegen Hormonstürmen im passenden Alter!

Freytag und Raabe sind elende Spießer.

1b) Unwirrschs Lehrjahre als Hauslehrer ( ca.1844-47)

Um 1864 sind Märchen „IN“.  Inzwischen nicht nur die Grimm’schen, der Erziehung wegen, sondern sogar die aus „1001er Nacht“, wegen der Exotik.

Die Gebrüder Grimm haben ihre Hausmärchensammlung zwar bereits 30 Jahre vorher auf dem Markt, aber erst um 1860 beginnen die belesenen hundert Jahre; das Lektüre-Zeitalter: Als Analphabetismus schwand, Massenauflagen ungeahnte Buchumsätze ermöglichten; das literarische Niveau wuchs, Bestsellerautoren von ihnen großbürgerlich leben konnten, ohne nebenbei noch Zeitungen herauszugeben oder irgendwo lehren zu müssen. Raabe gehörte nie dazu. Seine Verhältnisse blieben – bescheiden. Vornehm ausgedrückt.

Er verwendet hier deutlich erkennbar den Drei-Schritt, den viele Märchen kennen:

Drei Anstellungen muss Unwirrsch „erdulden“, bevor er „erhöht“ wird.

Drei Brüder Götz spielen eine Rolle in seinem Leben. Wie die 3 Müllerssöhne im „Gestiefelten Kater oder in „Tischlein deck dich!“ Und immer ist der Loser der eigentliche Gewinner; und der, der alles hat, höchstens zu bemitleiden, wenn nicht gar zu hassen.

Rudolf Götz, der älteste von den dreien, ist ein heimatloser Waterloo-Veteran, der Loser, der dreimal Glück bringt; er tritt als erster auf und der Name ist Programm und Goetheanklang: Die Welt kann ihn am Arsch lecken.

Theodor Götz, der mittlere Bruder, zu kränklich für die Befreiungskriege, macht Bürokratenkarriere, wird Steuer-Rath, heiratet Wohlstand, aber ist unfähig in seiner traumhaft schönen Villa ein harmonisches Familiendasein zu erzeugen. Er ist zum Götzen-Dienst verdammt. Denn er ist an eine „böse Königin“ geraten, unter deren Fuchtel er steht. Frau Götz, geborene von Lichtenhahn, hasst ihren Mann und sich für diese Mesalliance, gibt sich bigott-arrogant und „selbstverständlich makellos“, macht jedem Hauslehrer das Leben zur Hölle, da diese nicht in der Lage sind, unter ihrer Aufsicht das verzogene Miststück von Söhnlein zu beschulen. Raabe beschreibt eine Helikoptermutter – als es noch gar keine Helikopter gab!

Felix Götz, der jüngste von den dreien, geistert nur als Toter durch den Roman. Wichtig ist sein „Überbleibsel“, die Tochter Franziska. Wie man sofort richtig ahnt: Die zukünftige Frau Unwirrsch. Felix Götz ist mit 17 von der Schule weggerannt, um sich den Frei-Corps anzuschließen. 1813-15 kämpft er romantisch schwärmerisch beseelt von Freiheit und Vaterlandsidee und wird enttäuscht. Er findet nicht zurück in zivile Verhältnisse. Ein weiterer Götz von Berlichingen: „Bürger-Karriere? Leck mich!“ Die Todesumstände lässt Raabe im „Ungefähren“, streut aber Andeutungen, sodass der Leser wählen kann, woran er glauben will: Duell? Suff? Syphilis? Die typischen Probleme der „Rock-Stars“ jener Zeit.

Gleich zwei Brüder also Befreiungskrieger, hinzu kommen noch Oberst von Bullau, Feldprediger Josias Tillenius und der Stammtisch der „Neuntöter“, allesamt Waterloo-Veteranen, und an der Katzbach dabei, und bei Leipzig und Paris…

DAS ist die eigentliche Sensation, für die man den „Hungerpastor“ feiern sollte; denn:

Raabe bohrt hier in einer Wunde des öffentlichen Bewusstseins. 1864. Das liegt knapp vor 1871. Der Roman entsteht in dem Jahr, indem der Deutsche Bund durch den Deutsch-Dänischen Krieg seinen Todesstoß erhält. Der Norddeutsche Bund wird entstehen und zwei weitere Kriege werden folgen. 1871 ist die Einheit endlich da und all die Helden von 1813-15 sind dann auch endlich medial „IN“. Von 1815 bis 1871 wurden sie totgeschwiegen.

nap5

Wellington und Blücher bei Waterloo – NICHT ABBA!

Zwar durfte der eine oder andere literarische Text über das Thema Napoleon gedruckt werden, aber offizielle Anerkennung; Jubiläum 50 Jahre Völkerschlacht 1863? Undenkbar!

Und so wurde es 1864 eben Zeit für dieses Buch!

1815 ist dem Hochadel voll bewusst, wie sehr er zuvor versagt hat. Er zitterte, er zauderte nach der Russlandpleite, er wollte das Volk zwingen, ruhig zu bleiben und weiterhin zum Rheinbund zu halten, aber die Erhebung lief bereits: Blücher, Scharnhorst, Tauenzien, schlugen bereits los. Gerade noch rechtzeitig hinkte König Friedrich Wilhelm III mit seinem Aufruf dem Zeitgeist hinterher. Der Mecklenburger in Schwerin tat es ihm nach. Jetzt war Napoleon schwach! Jetzt geht was!

Raabe 5c

Der Rückzug aus Russland 1812/13 – also nicht Hitler!

Napoleon hatte die Fürsten von Bayern und Württemberg zu Königen ernannt, die zitterten um ihren Titel und vor dem Volk. Sie schickten Napoleon erneut Truppen. In der Völkerschlacht bei Leipzig liefen sie über. Sachsen ebenso.

Der damals neue Nationalismus, der KEIN Nationalsozialismus war, hatte die alten Privilegien des Absolutismus gefährdet.

Der Wiener Kongress rückte die alten Strukturen wieder grade.

Niemals sollte an die Stunde der Schmach der Regierenden erinnert werden! Die vornapoleonischen Zustände sollten (soweit wie’s geht) wiederhergestellt werden. Restauration!

Keine Jubelfeiern aus Anlass irgendeines Schlacht-Jubiläums!

Keine Blücher-Denkmäler!

Keine Straßennamen nach Schill, Hofer, Lützow!

Biedermeier! Schnauze halten! Für fast 60 Jahre!

Studenten radikalisieren sich und werden gejagt. Die übrigen Untertanen ziehen die Michelmütze tiefer über die Ohren und üben sich im „unpolitisch Sein“.

Und Raabe scheißt auf das Tabu!

Er lässt die Kämpfer auftreten, als alte Herren, untergekommen in allen möglichen Berufen.

Liebenswerte Leute; bissel kauzig; und versoffen. Sie treffen sich in der Kneipe zum Grünen Baum als „Neuntöter“ zum Stammtisch. Den Namen gaben sie sich, weil als Gesetz gilt: Ein jeder darf in seinem allabendlichen Kriegerlatein nur 9 Leichen haben. Ansonsten muss er Strafrunden schmeißen.

(Außerdem passt der Name Neuntöter auch, weil es da einen Singvogel gleichen Namens gibt, der seine Insekten und Würmer auf Brombeerheckendornen spießt. Aber kaum einer hat sowas je in freier Wildbahn mal gesehen! Wie auch all die Freiheitskämpfer – Raabe stellt hier „Vögel“ vor, die keiner kennt.)

Wie antwortet der Wirt vom Grünen Baum dem Leutnant Götz bei Betreten des Restaurants auf dessen Frage:

„Neuntöter da?“

„Jeder Vogel auf seinem Ast!“

Die drei Götz-Brüder haben noch andere Spuren hinterlassen:

1868 veröffentlicht Spielhagen seinen vierten großen Zeitroman. „Hammer und Amboss“.

Auch dies ein Entwicklungsroman, in dem ein gewisser Georg Hartwig durch viele Stationen muss, um solides Glück zu finden. (Spielhagens Georg kommt ohne Juden als Konterpart aus.)

Aber auch ihm begegnen im Laufe der Zeit drei Brüder, die Einfluss auf ihn nehmen. Allerdings sind sie adlig und ihre Einflüsse sind deutlich andere. Der älteste ist der beeindruckende Individualist, das falsche Idol, weshalb Hartwig ins Gefängnis kommt. Der jüngste Bruder ist dort Gefängnisdirektor und ein Tugendbold; der mittlere ist -wie bei Raabe- der langweilige Bürokrat, der obendrein hier auch noch Zinker ist und seinen älteren Bruder verrät, obwohl dieser ihm seinen sündhaft teuren Lebensunterhalt finanziert.

Raabe hat sich oft neidhammelig sauer über Spielhagen geäußert, sicherlich, weil dieser hatte, was Raabe zeitlebens fehlte: Ruhm und Wohlstand! Aber eventuell, weil er sich obendrein „beklaut“ fühlte.

1c) Grunzenow und Happyend (1847/48; weltabgeschieden, ohne Revolution)

In diesem letzten Drittel wird es so märchenhaft, dass Raabe selbst diesen Begriff ehrlicherweise mehrfach einschiebt. Für damalige Verhältnisse ist Grunzenow in Hinterpommern von Berlin aus noch so „märchenhaft“ weit weg, wie Kalifornien in seinem vorangegangenen Roman über „Die Leute aus dem Walde“. Eindrucksvoll wird die Umständlichkeit des Reisens 1845 geschildert.

Raabe schmeißt auch märchenhafterweise mit lauter friesisch-dänischen Fischernamen um sich: Johannsen, Klaasen, Petersen. Niemand heißt hier Pebelow oder Pryczibylski! Und Oberst von Bullau, ein alter rüstiger Mini-Blücher, spricht „da oben“ als alteingesessener Gutsherr einen Dialekt, der eher Machdeborgisch anmutet. Kein Fischi-Deutsch. Vermutlich sind ihm die gerade genannten Fehler wirklich durch Unwissenheit passiert und nicht durch bewusste „Überregional-Machung“.

Oberst von Bullau und winters auch Leutnant Götz hausen also in ihrer Junggesellen-Burg mit rein männlicher Dienerschaft. In dieser Karikatur eines Gutshauses wohnen somit alle guten Geister, die es braucht, um Unwirrsch und Franziska endlich zu verkuppeln. Und die Neuntöter geben helfende Tipps.

Hier treibt Raabe seine Heldenverehrung für die totgeschwiegenen Schutzgeister Deutschlands auf die Spitze: DIE und nur DIE richten, was verbogen ist! Ohne diese alten Herren – keine Chance auf Glück für Unwirrsch und Franziska!

Last but not least hab ich mir das Folgende für den Schluss aufgehoben:

Wieder 10 Jahre später wird sich ein anderer Autor den Raabe zunutze machen, wie einst Raabe den Freytag:

Ein erster Verdacht war mir bereits gekommen, als Raabe Hansens Oheim Grünebaum in gar seltsamem Outfit auf den Abiturienten Hans warten ließ, aber dann:

nap1Diese Waterloo-Veteranen… Das ist das Figurenensemble der Herren von Greifenklau! Oheim Grünebaum ist eine Mischung aus Sam Hawkins und Tante Droll. Auch Namen wie diesen hat sich Karl May bei Raabe abgeguckt. Als Trapper Geierschnabel nach Deutschland reist und sich zivilisiert gewanden muss – ist er eine weitere Grünebaum-Variante.

Und: May guckt sich auch die Art der Elendsschilderung hier ab. Oft aus Kinderperspektive erzählt, damit man Dinge sagen kann, die sonst Probleme bekommen hätten, in gut bürgerlichen Familienblättern gedruckt zu werden. In ein bissel Kitsch verpackte drastische soziale Anklage!

– Raabes „Leute aus dem Wald“ – da ist das idyllische Försterhaus, aber nur eine Bettstatt für 7 Kinder; mit Waldlaub statt Bettzeug. Und 5 von 7 sterben darin ohne ärztliche Hilfe. Weil der treue Förster fleißig ist, aber nichts verdient.

– Raabes Hans Unwirrsch als Sohn eines fleißigen, sparsamen Schusters hat ein kleines bisschen Startkapital fürs Gymnasium, muss aber betteln gehen für ein Stipendium, damit es reicht. Als er arm und dürftig gekleidet beim Herrn Assessor Dank sagen will für bewilligte Förderung, sieht er dessen Villa und dessen Töchter, wie sie in ihren langen Kleidern zu schweben scheinen, wie sie kichern. Er ist verblüfft. Geschockt. Verdaddert. Diesen Lebensstandard kennt man in seiner Kröppelgasse nicht! Als er seinem Freund Moses von diesem märchenhaft schönen Eindruck erzählt, erdet der ihn umgehend:

„Man hat dir eine Tür geöffnet und eine neue Welt gezeigt. Aber niemand rief: Herein!“

Und Raabe selbst ergänzt später:

„Es gibt allzeit fleißige Menschen, denen es vergönnt ist, aufzusteigen. Da, wo sie herkommen, werden sie verehrt. Aber da, wo sie ankommen, sieht man lediglich die Herkunft.“

Mays „Sklaven der Arbeit“, das „Buschgespenst“ und einige der Erzgebirg-Geschichten hauen in die gleiche Kerbe.

May wird ab 1875 bekannt und er hatte zuvor im Knast viel Zeit zum Lesen!

Raabes Zitat von der „lediglichen Herkunft des Emporkömmlings“ wird sich an ihm besonders bitter bewahrheiten.

Aber Raabes „Hungerpastor“ half ihm seine Käuze zu erfinden, denen ein hundertjähriger Erfolg beschieden war.

Alles hängt mit allem zusammen.

(Auch wenn es vergeblich ist:) Entdeckt die Alten neu!

Der Hungerpastor (1)

„Menschheit, du hattest von Anfang an nicht das Zeug dazu.“ (Ch. Bukowski)

Mir leuchtete diese Maxime bereits während meiner Armeezeit ein, ohne sie formuliert zu haben. Aber die Welt von Prora war um 1980 nunmal voller Assis. Gelesen hab ich sie erst nach der Wende. Aber heute ist sie aktueller denn je. Und obendrein liest sie sich wie ein Credo zu Raabes Schaffen. Der wiederum für mich eine Art von Prä-Schmidt ist. (Gemeint ist Arno Schmidt; der Prophet von Bargfeld). Merke: Alles hängt mit allem zusammen.

Jedes Ding hat seine Entsprechung in alter und zukünftiger Zeit.

Und gute alte Bücher beweisen dir das zeitweilig derart, dass es dir den Atem verschlägt: „Wow! Damals schon?!“

Raabes lesbarster Roman – „Der Hungerpastor“ von 1864 verführt in einem fort zur Rückschau. Guck an! Kenn‘ ich! Ging mir auch so – hundert Jahre später! Watsch! Der traut sich was! Hat ihm keine Freunde gemacht. Kenn’ich! Bin in ähnlichen Fettnäpfen zu Hause gewesen – usw. usf.

„Ich habe alle Begeisterung, so der Mensch fühlen kann, in meinem Herzen gefühlt; ich habe auch allen Menschenjammer gesehen und in mir gespürt. Nun fahren mir die Erinnerungen immerdar zwischen die Buchstaben und Zeilen …(und)… schütteln die Gedanken durcheinander.“

Resümiert der alte Waterloo-Feldprediger als greiser Dorfpfarrer in Grunzenow/Hinterpommern am Ende seines Lebens und am Ende des Romans.

Ja, so ist es. Prompt stehst du wieder im hohen, langen Flur der Altbauwohnung und die Geister der Kinderzeit sind alle wieder da. „Down the edge of korridors into the gates of time“… Wie Dan Fogelberg singt und Raabe schreibt – das gehört zusammen! Silently the past come stealin‘.

Dir wird bewusst, was es heißt, Boomer zu sein, dessen Kindheit in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts fiel – und wieviel 19. Jahrhundert da noch zu erleben war!

Raabe lässt das erste Romandrittel zwischen 1820 und 1830 spielen – und auch das kenne ich: Diesen Hang zu knapp verpassten Zeiten. Raabe ist 1830 geboren und malt (sich) die zwanziger aus. Ich bin 1960 geboren und bin stets gefährdet all dem 50er Jahre Kitsch zu verfallen. Ein herbeierzähltes Idyll aus Petticoates und Doowop, trotz Walter U. und GULAG.

Er beschreibt den Werdegang von zwei Spielgefährten: Hans Unwirrsch und Moses Freudenstein.

Die sprechenden Namen sind anders gemeint, als es auf den ersten Blick scheint. Dazu mehr in „Hungerpastor (3)“.

Unwirrsch ist ein Schuster-Sohn, der einen anderen Weg geht, als alle seine Vorfahren. Aber zunächst erlebt er eine Kindheit in kleinstädtischer Handwerkerarmut vorindustrieller Zeit.

Die Schusterwerkstätten seines Vaters und seines Onkels werden derart lebendig beschrieben, dass es mich prompt an „unseren Schuster“ in Naumburg erinnerte, auf dessen ebenfalls lichtlose Werkstatt mit den seltsamen Gerüchen in all der Enge der Regale das alles auch passt. Der alte knurrige Mann mit der Lederschürze, wortkarg und mit den Gedanken eh immer woanders, der mit Kreide eine Nummer auf die Sohlen der kaputten Botten schrieb und diese dann mit Stift von hinter dem Ohr auf ein Kärtchen übertrug und irgendwas knurrte, was wie „Freitagmittag“ klang.

Und es war auch eine Schuster-Tochter, der ich in der 3. oder 4. Klasse jenes Skatkartenspiel abkaupelte, dass bis heute in meinem Schreibtisch überlebt hat – und nach dem die ganze Schublade riecht: Diese Werkstattmischung aus Schweinsleder, Lederfett und Schuh-Creme.

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Frau und Tochter weigerten sich stante pede mit diesen Karten Mau-Mau, Krieg, Schafskopf oder Kanaster zu spielen, wegen: „Iiiiiiiiiiiih! Die doch nicht!“

Ich alter Bewahrer aber schätze sie, weil: Unter-Ober-König hier Beine haben und die Dame im Ensemble fehlt! Mit 9 Jahren war mir, als hätt‘ ich einen Schatz geborgen, wie Hans Unwirrsch, als er die Hinterlassenschaften seine verstorbenen Vaters sichten darf.

Vater Unwirrsch hatte eine Glaskugel über der Kerze hängen, bei deren Licht er so auch in der Dämmerung noch arbeiten kann und schließlich auch spät abends noch grübelt; denn jene frühe Disco-Kugel reflektiert das Kerzenlicht und wirft Schatten an die Wände, während der arme Mann sein Schicksal bedauert, nicht genug Geld übrig zu haben für Bücher, die seinen Hunger nach Wissen stillen könnten.

Gebrochenes Licht, wandelnde Schatten, Farbenspiele. Wer kennt sie noch, diese Trostpreise der Los-Bude, diesen Taschengeld-Dieb im Papierwarenladen: Kaleidoscop. Halb Fernrohr, halb Zauberstab. Du guckst unten rein und siehst lauter bunten Flitter…. „Magic!“

Und wieviel buntverglaste Fenster die alte Stadt hatte! Auch die elendste Hinterhof-Laube hatte Buntglas-Oberlichter aus Kaisers Zeiten! Butzenscheiben in allen Altstadt-Restaurants und in den Kneipen der Burg-Ruinen! Nach der Wende wurde zwar der sozialistische Verfall gestoppt, viele Fassaden feierten Wiederauferstehung – jedoch all das Buntglas war futsch. Flair, das zumindest ICH vermisse!

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Die Stadt hatte auch in den 60ern neben den Schustern noch die vielen Tante-Emma-Läden. Mir musste später keiner erklären, warum die so hießen, denn ein jeder wurde von so’ner ältlichen griesgrämigen Krieger-Witwe geführt: Missmutig rappelte sie sich im Hintergrund vom Häkeln auf, wenn die Ladenbimmel störende Kundschaft anzeigte. Das Warenangebot kurios zusammengestückelt: Sammeltassen, kleine Porzellan-Figuren, Touristenkitsch in Form von Abziehbildern mit Burgruine oder gebogenen Wanderstockbeschlägen. Manchmal stand ein einsamer Indianer oder ein Matchbox-Auto zwischen all dem Nippes. Der Grund des Besuches!

Sie fristeten ihr Rentnerinnen-Dasein mit diesem Zubrot zur spärlichen Witwenrente, fern von allen HO- oder Konsumgenossenschaftszwängen. Einer nach dem anderen verschwand durch Ableben der Eigentümerin.

Die verschnörkelten Schaufenstereinfassungen blieben und verrieten mit der Zeit und wenn der Holzwurm fleißig war, dass sie eben nicht aus Marmor oder Granit gemeißelt waren. Schnödes Holz. Und immer mehr Abblätterungseffekte mit fortschreitender „entwickelter sozialistischer Gesellschaft“. Ein gelungener Luxus-Fake aus alter Zeit.

Diese Witwen fielen mir immer dann ein, wenn Raabe beschreibt, wie in der Kröppelgasse stets das Haus voll ist, wenn einer stirbt. Alle Nachbarinnen sind zugegen, die halberblindete Hebamme ist die Totenwäscherin, die andern organisieren den Leichenkuchen, gaffen, beschnacken den Vorgang und den Sarg, vergleichen die diversen Variationen des Ablebens der letzten Zeit, bejammern die Hinterbliebenen.

Und so geht das in einem fort.

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Führ/Speck „Naumburg a.d.S. Die Stadt auf historischen Fotografien“

Die Kröppelgasse im Buch könnte die Engelgasse oder die Paul-Heese-Straße von Naumburg sein. Das Identifizieren wird von Seite zu Seite leichter.

Hansens Oheim Grünebaum in all seiner Schrulligkeit könnte (zusätzlich zu tatsächlichen Schustern) auch Udos Opa sein. Solche Käuze kommen heute nicht mehr vor. Die sonderten einen Spruch nach dem andern ab; laberten Dittsche-mäßig den ganzen Tag lang den buntesten Unsinn mit realem Kern, dass es dich von Zeit zu Zeit vor Lachen zerfetzte.

Beispiel: Udos Opa weiland 1966 oder 67 in der Bäckerschlange, als einziger alter Mann unter lauter „Weibern“ und mir als Ohrenzeugen:

(Eine Kundin hielt den Laden auf, weil sie -typisch weiblich- erst nicht wusste, was sie nehmen will und schließlich noch Familiengeschichte abspulte. Plötzlich grölts in unmissverständlichem Bariton:)

„Is‘ dor Bäggor schonn dohd, oder geht’s da vorne nochäma weitor! Ich stehe hier doch nich‘ bis de Tätowierten andor Macht sinn!“

Lachende Zustimmung des „Warte-Kollektivs“ und fluchtartige Entfernung jener Tratsche aus dem Laden.

Das Neustadt des Hans Unwirrsch hat ein Gymnasium und ist drei Tage Fußmarsch von der nächsten Universität weg: Also Naumburg und Jena, da von bewaldeten Bergen die Rede ist, die beide umgeben.

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„Man studiert in Halle oder Jena“ – legt Raabe selbst irgendwo im Buch die Spur.

Es entrollt sich ein unterhaltsamer Entwicklungsroman, mit Witz erzählt, gesellschaftliche Missstände abwatschend – und(und das ist wichtig zu erwähnen, bei Raabes gefürchteter Berg-und Tal-Schreibe) – der von A bis Z die Spannung hält!

Es ist ein Werk, das viel aufgreift, was vorher war und das anderen zum Wegweiser wurde, die später kamen; wie noch zu erzählen sein wird. (Siehe Teil 2 demnächst.)

Und es ist ein Werk, das im Verruf steht, ein „Meisterwerk des Antisemitismus“ zu sein. Ein Vorwurf, der sich nicht in einem Satz bestätigen oder abstreiten lässt, wenn man sachlich bleiben will. Deshalb dazu ein Extra-Post im dritten Teil.

Wiedersehen mit Jules

1. Vorüberlegungen:

Ja, ich weiß: Peking und Putin! Die wären gegenwärtig die heißeren Themen! Aber – das lässt sich locker steigern – dies’Jahr – Katar steht noch aus: Die Weihnachts-WM. Ma kieken, ob Neuer und die Binde wieder… aber vielleicht lassen es ja die vereinten europäischen Schlafwandler wieder knallen, wie 1914. Dann hat sich das! Und wenn nicht, dann muss im Frühjahr wieder die Ukraine den ESC gewinnen. Kenn werja! Von 2015 her.

Sie merken: So weita schreim – dat wüad nüschd!

Schnippschnapp Gedanken ab – Schere im Kopp. Zu Ostzeiten hab ich och kehm Lehra aßählt, dette Renft doch eijentli Rescht ham und Harry Thürk Scheiße über Solschenizyn schreibm tut.

Eh ich mich also auf politisches Glatteis begebe, schreib ich lieber -solange es noch geht- über weitere Leseabenteuer. Kopf in den Sand, Augen zu und durch! Wenn’s Krieg gibt, holen sie mich erst ganz zum Schluss, wenn’se wiedermal ein letztes Aufgebot zusammenstellen. Also bis auf Weiteres bin ich raus!

2. Götter von einst:

Ich finde dieser Tage: Man sollte es mal gemacht haben: Ein Buch wiederlesen, das einem die Kindheit versüßt hat. Herausfinden, was das damals war, ob es 50 Jahre später auch noch irgendwie kickt – oder ob sich alles erledigt hat.

Der Zufall half und spielte mir Jule Vernes „Mathias Sandorf“ in die Hände. Das war mit 11/12/oder 13 Jahren der erste Verne, den ich -DURCH!- las.

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Zuvor hatte ich „20 000 Meilen unter dem Meer“ im Kino gesehen – und bin anschließend high nach Hause getaumelt. Umwerfend fand ich den Film!

Eine ganze Weile später erging es mir mit der „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ ähnlich. Aber, da ich etwas älter als 11 war, ging ich die Verarbeitung des Kinoeindruckes schon etwas abgeklärter an.

Zwischen diesen beiden Kino-Highlights hatte ich „In 80 Tagen um die Welt“ lesen wollen, jedoch das Taschenbüchlein wegen übergroßer Langweiligkeit nach wenigen Seiten in die Ecke gefeuert. Weiß auch nicht, wieso gerade DAS Ding so derart die Zeiten überdauert hat. Der Verne hat doch nun wirklich besseres zu bieten!

Die andere Leseerfahrung waren „Die Kinder des Kapitän Grant“ – das war ein sehr spannender dicker 800 Seiten-Wälzer. Dachte ich. Aber auf Seite 536 ungefähr geht ihm die Luft aus. Ich hatte umfänglich schon ähnliche Klopper hinter mir – und diese auch durchgekriegt. Aber beim Grant „schläft nach hinten zu die Handlung ein“. So mein Resümee als 11jähriger.

Dann kamen der „Sandorf“ und der „Kapitän von 15 Jahren“. Und die beiden begeisterten endlich auch als Buch!

Im Bezug auf den „Sandorf“, den ich -wie oben erwähnt- irgendwann zwischen 11 und 13 las, machte ich mit ca 16 Jahren dann auch noch meine erste literarische Sensationssentdeckung, von der noch zu reden sein wird.

3. Eindruck von damals:

Aber zunächst mal muss ein bissel Schwärmen sein: Warum konnte der „Sandorf“ zünden?

Es geht um einen Freiheitskämpfer, der verraten wird, zum Tode verurteilt fliehen kann, für Tod gehalten nach 15 Jahren schwer reich zurückkehrt, um an den Verrätern Rache zu nehmen und eine glückliche Ehe zu stiften. Dabei helfen ihm überdurchschnittliche Kenntnisse, die ihn Schiffe und Waffen erfinden ließen, die sonst niemand hat und zwei originelle Typen, die mal Gaukler waren, jedoch nun unter seinem Befehl stehen und zu Gerechtigkeitshelfern werden. Ein kleiner, dünner kluger Pescade und der große, kräftige, gutmütige Trottel Matifou. Dies zunächst erinnert Kinder der 60er und frühen 70er Jahre unweigerlich an den Mantel- und Degen-Film „Ritter von Pardelanne“ und seine beiden Gauklerhelfer, die mit ihm die schöne Violetta vor dem Galgen bewahren. Auch hier der große tumbe Eisenkettenzerreißer und der kleine hibbelige Clown. (Ich sage nur „Angstlocke“!)verne3

Zwischen 11 und 13 bist du im Superhelden-Stadium. Heldengeschichten müssen her! Wohin das führt, wenn du in jener wichtigen Lebensphase unterversorgt bleibst, kannst du heute ermessen, wenn du das Radio andrehst und all den Jammer-Pop erduldest. Wie von selbst ergibt sich die Frage: Wer findet SOWAS gut? – – – Hättest du in deiner Kindheit rechtzeitig Toka-ihto, Nemo, Trapper Geierschnabel, Robin Hood und Markgraf Gero kennengelernt, dann würdest du als Twen nicht bei Giesinger und Forster enden!

Sandorf ist nicht nur der Typ, der alles weiß und alles kann; er besitzt auch noch eine eigene Insel vor der tripolitanischen Küste (heute Libyen), die er leer einem Scheich abkaufen konnte und auf der er mit rund 2000 Seelen (Fans und deren Familien) lebt, die alle auf ihn hören, seine Schiffe lenken, in internationalen Häfen über ihre Insel schweigen usw. Also genau das Mittelding aus Geheimbund und glücklichem Kolonisator, von dem im späten 19.Jh.  eben so geträumt wird, wenn man die Bürokratie und Benimm-Korsetts des eigenen Landes so richtig satthatte. Und als gelangweiltem Pubi der frühen 70er geht es einem eben ähnlich, wie den Lesern des „Guten Kameraden“ vor 1914: Da draußen is’ne Welt zu entdecken, aber dich schicken se in den Pioniernachmittag, Kochlöffel anziehen als Frauentagsgeschenk – für Mutti.

verne2Und sich an überlegenen Feinden rächen, den Wunsch hat man doch seit dem Kindergarten und dem Kampf um die Schippe!

Typen, vor denen man lieber ausriss, bevor man die zu erwartende Dresche bekam, die wollte man auch liebend gern in den brodelnden Ätna schmeißen (wie im „Sandorf“), oder von Troll dem Bären zerfetzen lassen (eigenes Wunschdenken)! Da war nix mit Versöhnungsgelaber, Streitschlichtern und so Weicheierei!

Dem eigenen Gerechtigkeitsgefühl kam gutgeschriebene Kolportage doch seit Generationen sehr zu pass. Jules Verne Romane gab es anfallweise inflationär in der Ehemaligen. Die deutschen Schreiberlinge nie offiziell; höchstens mal per Zufall als Annonce-Verkauf oder in den 80ern in Flohmarktkisten: Robert Kraft, Sir John Retcliffe, Max Felde, …

Na, und Karl May war eh ein Sonderfall: Kult und gesucht wie Goldstaub!verne5

4. Eindruck von heute:

Also her mit dem Verne! Er war so ein Schreiberling-Bowie. Von dem hieß es auch immer, er habe Trends gesetzt. Vernes Buchideen seien die Raumschiffe, die U-Boote, Heilmethoden der Gegenwart entsprungen. Ohne Jules Verne kein Juri Gagarin; so der Schnack zu meiner Zeit.

Aber das ist falsch. Verne greift alte Menschheitssehnsüchte auf, bekommt kuriose erste Versuche von diesem und jenem mit, packt sie in seine Bücher, beschreibt sie „populärwissenschaftlich“ im Sinne von „Knabenzeitungen“ wie dem „Guten Kameraden“ oder dem „Neuen Universum“ und sahnt ab.

Über U-Bootbau denkt bereits Leonardo da Vinci nach. Sowohl im amerikanischen Bürgerkrieg 1860, als auch im Deutsch-Dänischen Krieg 1864 werden erste Prototypen versenkt; nur erfährt man das eben erst aus dem MOSAIK von Hannes Hegen. Der Laie weiß nur: U-Boot? I.Weltkrieg! Jules Verne lebte vorher – also großer Vorausahner!

Bowie- der erste Androgyne im Showgeschäft? Horch mal bei den New York Dolls rein und recherchiere, wann die IN waren! Oder guck auf die Outfits von Little Richard schon in den 50s! Bowie sprang nur immer wieder auf Wellen, die ohne ihn entstanden waren. Aber er sprang zu einem frühen Zeitpunkt drauf – und siehe: Er war der erfolgreiche Igel „Auch hier!“, während sich die Hasen totliefen.

Liest du nun 2022 einen Verne im „zarten Alter von 62“, dann fallen dir so Dinge auf, die überliest eine Pubi-Leseratte im Abenteuerrausch natürlich: Der Plot ist löchrig.

verne4Mathias Sandorf, ein schwerreicher Bergwerksbesitzer aus Siebenbürgen, will ein freies Ungarn! Los von Österreich! Er gründet eine äußerst gefährliche 3-Mann-Verschwörung. Warum der Sandorf Österreich-Ungarn so hasst, ist unwichtig, muss nicht erfunden werden. Als Franzose (Verne) hasst man die Mittelmächte automatisch. Da fällt dann auch nicht auf, dass ein reicher Sandorf aus Siebenbürgen, doch eher ein Siebenbürger-Sachse ist, also zum deutschen Volksteil gehören müsste. Dem müsste eine Unabhängigkeitsbewegung Ungarns doch ein Dorn im Auge sein! Verne hätte seinen Helden lieber „Istvan Szegedy“ oder so ähnlich nennen müssen. Ähnlich schief geht es mit der Benennung des Hauptschuftes Silas Toronthal! Der ist gebürtiger Dalmatiner! Also ein Hund? Er stammt aus Dalmatien, schön und gut. Aber dann ist er Dalmatier! Und die wiederum würden sich eh entscheiden, ob sie Kroaten oder Serben sein wollen. Er ist Bankier und Lump durch und durch. Der Familienname endet auf -thal. Hm. Was will uns Verne da mitteilen?

Damit die Rache des Sandorf so richtig aufgehen kann, gibt es Wundermaschinen, wie die „Elektrik“-Boote. Das sind rasend schnelle Halb-U-Boote, von denen fast nichts aus dem Wasser guckt und die durch übergroße Dynamos angetrieben werden, die den Strom herstellen. 12jährigen Lesern reicht das. Aber wer treibt nu die Dynamos an? Wer radelt sich da im Schiffsinneren einen weg? Das bleibt unerklärt.

Sarcany (ein verwahrloster Libyer) und Toronthal sind die Hauptschufte. Vor allem Sarcany ist so ein Vertreter, den der Autor in ganz Europa herumschickt, damit er fast überall zugleich Unglück anrichten kann. Heute Istrien, morgen Sizilien, übermorgen Siebenbürgen oder gar Marokko – ein Blitzreisender ganz ohne Flugzeug. Bei Karl May, Robert Kraft und Retcliffe gibt’s das auch: Schuhputzer aus Istanbul schafft es zu Fuß innerhalb von 1 oder 2 Wochen um das ganze Schwarze Meer, damit er an allen Schauplätzen des Krim-Krieges dabei sein kann.

Toronthal, Sarcany und den dritten im Bunde, einen verwahrlosten Spanier Carpena plagt anfallweise immermal wieder so ein Gewissensrest, dass sie damals so hehre Lichtgestalten der österreichischen Polizei verrieten. Das wiederum verblüfft: Denn ihre Tat war schließlich staatserhaltend und wurde von diesem generös entlohnt!

Auch weshalb Toronthal so willenlos dem Sarcany nach Monaco folgt, um grundlos spielsüchtig zu werden, ist nicht erklärbar. Sarcany, der Wüsten-Mephisto, kann nicht nur Ex-Bankiers spielsüchtig machen, sondern auch arabische Seeräuberbanden aufhetzen, Sandorfs Inselstaat zu überfallen, obwohl sich dessen Wunderwaffen in der Region bereits herumgesprochen haben.

Also die Logik ist kein gern gesehener Gast in dieser Erzählung.

Aber da ist nochwas:

Ein Verschwörer, der beteiligt ist, eine bestehende Unrechts-Regierung zu bekämpfen, verraten wird, Familie und Existenz verliert, aber märchenhaft reich zurückkehren kann, um Rache zu nehmen – und der eine schöne Orientalin im Schlepptau hat, die eine wichtige Opferrolle mit Happyend-Garantie spielen muss…

verne6Das klingt so bekannt, auch wenn man den Sandorf nie gelesen hat! Bleibt noch der Clou ansich: Ich las den Sandorf mit 11 oder 12. Mit 14 stieß ich auf der Suche nach Lesestoff in den Bücherbeständen meines Vaters auf einen Meter unvollständige Dumas‘ Gesamtausgabe und begann mich durchzuarbeiten. Mit 15 oder 16 war ich dann beim „Grafen von Monte Christo“ angekommen.

Edmond Dantès ist der Ur-Mathias. Nur ohne Schnellboote. Ich hatte ein Plagiat entdeckt! Jule Verne als der George Harrison der Abenteuerliteratur! (Seine „my sweet Lord“ Geschichte machte fast zeitgleich Schlagzeilen.)

Und andersrum haben sich die Macher von Hannes Hegens MOSAIK einst vom Sandorf inspirieren lassen, als sie am Schluss der Amerika-Serie den Digedags eine Art Matifou an die Seite stellten.

Fazit: War nicht umsonst. Hat mal wieder Spaß gemacht!