G20 HH

Der Größenwahn einiger weniger führte – wie so oft – zur Schädigung von vielen anderen.

Die Elbphilharmonie ist fertig. Sie war teurer als geplant. Sie soll sich rentieren. Promis her! Wer hat die G20 nach Hamburg gelockt? Drinnen gibt es „Freude, schöner Götterfunken“ und draußen brennt die Luft!

Beethoven rotiert im Grab. Er war kein Ranwanzer an die Mächtigen.

Schiller hätte passenderes zur Lage auf Lager gehabt. Die letzten Strophen seiner „Glocke“ von 1799 zum Beispiel:

 

Freiheit und Gleichheit! hört man schallen,
Der ruhige Bürger greift zur Wehr,
Die Straßen füllen sich, die Hallen,
Und Würgerbanden ziehn umher,
Da werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz,
Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
Zerreißen sie des Feindes Herz.
Nichts Heiliges ist mehr, es lösen
Sich alle Bande frommer Scheu,
Der Gute räumt den Platz dem Bösen,
Und alle Laster walten frei.
Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn,
Jedoch der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn.
Weh denen, die dem Ewigblinden
Des Lichtes Himmelsfackel leihn!
Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden
Und äschert Städt und Länder ein.

Seine Mahnung an die Macht, den Bogen nicht zu überspannen.

Auch 1799 dominierte europaweit noch der schöne Schein des bereits stark heruntergewirtschafteten damaligen Gesellschaftssystems: des Absolutismus. Die Elbphilharmonie hieß damals Brandenburger Tor.  Ein Protzbau ohne Notwendigkeit. Aber schön, wenn alt genug geworden. Auch 1799 dominierte der Schock über die Auswüchse überforderter Weltverbesserei. Der damalige „schwarze Block“ – Robespierres Jakobiner-Club – war kurz zuvor zwar an die Macht gelangt, jedoch furios gescheitert. Heraus kam schließlich ein Amok laufendes französisches Kaiserreich. Im Schnellverfahren durchlief Europa damals in rund 15 Jahren, was es seither in endlosen „long versions“ 200 Jahre lang wiederholt. Dem Volk wird ein Almosen hingeworfen, damit es bereit ist, gegen das jeweils angesagte Feindbild zu marschieren. Meistens ist es Russland als dauerhafteste Spaßbremse der Maximalprofiteure: Napoleon, I.Weltkrieg, II. Weltkrieg, Kalter Krieg, Putin…

„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ … „Volksgemeinschaft“… „Alles zum Wohl des Volkes!“

Doch in Wahrheit bleibt alles immer ganz anders als es scheint. Der Mensch als Summe seiner Defizite.

„…denn man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht…“(Brecht)

Gestern waren sie zu sehen. Die vereinten Loser der Grobalsierung. Italienische, englische, skandinavische Rowdys waren angereist, um unsere kleinen Westentaschenmessiasse zu unterstützen. Seit an Seit marschierten sie mit den Floskeln von vorgestern auf den Lippen, die -1989 grandios gescheitert-  auch übermorgen nur neuen Murks erzeugen würden. Woher sollen sie es auch wissen? In erodierenden Bildungssystemen unverdient mit viel zu hohen Bildungsabschlüssen beschenkte Wohlstandsverwahrloste und hirnlose Hools. Anarchisten und Trotzkisten. Die Angepissten der Wohlstandsgesellschaft, der zunehmend die Überzeugungskraft abhandenkommt.

Die Auswüchse verstellen den Blick.

Den Blick auf Zehntausende friedliche Protestierer, kluge Protestideen wie jene herrliche Zombi-Parade; den Blick auf den obrigkeitlich gewollten und nun leider auch nötigen „Law and Order Effekt“ im Hinblick auf kommende Wahlen; den Blick auf die brillanten Geschäftsbilanzen der kommenden Monate: Boom für Glaser, Boom für Autohäuser, Boom für Tiefbaufirmen, Steigerungschancen für die Prämien der Versicherer, abnehmende Toleranz gegenüber Randgruppen.

Es muss halt auch ab und an mal was kaputtgehen, damit Gründe für Wiederaufbau entstehen. Wirtschaftswunder, deutscher Fleiß und so, you know?

Der Wirtschaftsbilanz Hamburgs sind nun schwarze Zahlen sicher. Die Stadt bleibt einziges Einzahler-Bundesland Norddeutschlands in den Länderfinanzausgleich. … Olaf Scholz singt in ein paar Tagen: „I like the sound of breaking glass“ und gewinnt weiterhin Wahlen.

Die einen fackeln Kleinwagen ab und schießen Erinnerungsfotos von sich beim Rossmannplündern. Vermutlich sind sie demnächst dumm genug, diese dann bei Facebook hochzuladen und sich überführen zu lassen.

 „Hurra, die Szene bekommt Märtyra! Der Kampf geht weitaaaa!“

Gegen wehrlose Wände, Kleinwagen und Schaufensterscheiben von – – – Drogerien?! Sind sie schon so verblödet, dass sie dort tatsächlich Drogen vermuten? Vorstellbar wär’s.

Und drinnen im Lichte der Elbphilharmonie?

Die da die Vernünftigen spielen, die Klimaretter und Fluchtursachenbekämpfer, betonen das Festhalten an der Freiheit der Märkte. Gegen Protektionismus! Afrika wurde bereits final zum „Freihandel veranlasst“. Gegen „ungerechte Handelsbeziehungen“ will man zukünftig auch sein, fragt sich nur, wie man „ungerecht“ definiert.

Ja, die „hocheffiziente Wirtschaft“ bleibt gut aufgestellt, darf weiter in alle Richtungen dealen und schmieren, Sanktionen unterlaufen, Rohstoffquellen plündern, mit Abgasnormen bescheißen. Fluchtursache sind ja „die Schlepperbanden“.

Der schwarze Block vor- und der geschniegelte in der Elbphilharmonie, sie gleichen sich aufs Haar:

Die Unverschämtheit und Verantwortungslosigkeit gegenüber dem Hab und Gut anderer(Völker) ist die gleiche. Nur auf unterschiedlichen Niveaus ausgelebt. Sie gleichen sich auch in der angestaubten Fantasielosigkeit ihrer Parolen:

Ob sie im Plüsch der Luxushotels nun:

„Die Wertegemeinschaft schützen!“ (Welche Werte? Wessen Werte? Wer wird geopfert?)

Oder auf der Straße die Arbeitsergebnisse anderer (fleißigerer) Leute vernichten:

„Hoch! Die! Internationale! Solidarität!“

(Ick gloobe et is wieda ersta Mai in Ostbalin! Wosn olle Erich abjebliem? Gebrüda Grimm for President! Ei bilief in tapfret Schneidalein, er soll unsa Führa sein!)

 

Abspann:

„… dass der Mensch Gewissen hoat, das ihm nie das Falsche rat‘; dass er aber drüber loacht und erst recht das Falsche macht – traurig aber wahr.“ (Danzer)

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12 Gedanken zu “G20 HH

  1. Hat dies auf A Readmill of my mind rebloggt und kommentierte:
    Wenn marodierende Horden sich in urbanen Gewaltexzessen um die Nachahmung kosmopolitischer Schweinereien in kleineren Maßstäben bemühen, dann übernehmen in dieser durchdeklinierten Idiotie Drogerieläden die Rolle der rohstoffgeplünderten dritten Welt. Die hirnlosen postmodernen Jakobiner teilen sich das gleiche Bett mit dem menschenverachtenden Autokratenpöbel, im Furor gegenseitiger Befruchtung.

    Gefällt 3 Personen

  2. Grosse Zustimmung meinerseits … So sehr es richtig ist … dass diese G20 Staaten ihren Wohlstand (also auch bei uns !) auch durch die Ausbeutung vieler anderen Länder (gemeinhin Schwellenländer genannt) finanzieren, so sehr ist es auch richtig, das der „Protest“ dieser Randalier und Plünderer (die sind ja wie gewalttäige Horden durch die Straßen des Schanzenviertels gezogen … wiederliche Szenen musste man da sehen) mit einem wahrhaften Protest nichts mehr zu tun hat. Hier waren kriminelle Vandalen am Werk … nicht anderes.

    Lächerlich und eigentlich beschämend fand ich daher die ersten Statements von Attac und der „Linken“.

    Mir fehlen die Detailkenntnisse, warum die Polizeit bei der ersten Demonstration den „schwarzen Block“ von den friedlichen Demonstranten getrennt hat … aber das gibt ganz sicher nicht das Recht, Autos uanzuzünden und z.T. eben auch keline Löden anzuzünden und zu plündern …

    Und Du hast es auf den Punkt gebracht:

    Der berechtigte, notwendige und friedvolle Protest gegen die Herrschaft der G20 Staaten gegenüber dem Rest der Welt … er ging unter, angesichts diser Bilder, die kriegsähnliche Zustände zeigten.

    Irgendwer hat mal bezüglich dieser Randalierer geschrieben „Verpisst euch“ … dem schliße ich mich an !

    Gefällt 1 Person

  3. Ich sehe da einen ganz entscheidenden Unterschied zwischen der Ausbeutung von Menschen und Staaten und der „Ausbeutung“ von Drogeriemarktketten: Letztere können sich wehren, nehmen ihre Versicherungen in Anspruch und lassen sich entschädigen.

    Und hätten die Randalierer z.B. Parkbänke statt des Deutschen liebstem Kind angezündet, der Betroffenheitsaufschrei wäre ausgeblieben. Oder folgenlos verebbt, wie der beim Anzünden von Flüchtlingsunterkünften. Denn das Auto ist uns näher als der Mitmensch. War ja auch teurer.

    Wir sind von den Realitäten, den globalen, wie jenen vor der Tür unserer Wohlstandsheime, schon so weit entfernt, dass wir uns einen Protest wünschen, dessen Bilder sich bruchlos ins gepflegte Ambiente unserer Livingrooms einfügen.

    Das war, nebenbei, auch der Gipfel der Scheinheiligkeit.

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    • Ich wünsche mir tatsächlich Protest. Und keine Übergriffe auf Leib und Leben, die Übergriffe der Polizei auf Unbeteiligte sind hier mitgemeint. Und keine mutwillige Zerstörung von sauer verdientem Eigentum. Wenn ich Verheerungen in großem Maßstab verurteile, dann entbindet mich das nicht von meiner Entschlossenheit, auch weniger „bedeutenden Wirkungsverhältnisse sinnloser Gewalt zu geißeln. Ob rechts, ob links, schnuppe. In Hamburg müssen nicht erst Leben auf der Strecke bleiben, um zu verstehen, dass die dort ausgelebte Gewalt strukturelle Ähnlichkeiten aufweist mit der zynischen Gewalt, die sich im Schlepptau der Globalisierung marodierend ausbreitet.

      Gefällt 2 Personen

    • „Die Deutschen lieben ihr Auto mehr als ihre Frauen.“(angeblich weit verbreitet in Frankreich); an jedem Vorurteil ist ein Quentchen Wahrheit.

      Aufgeklärt im Sinne von kritischem Denken sind mit Sicherheit die Wenigsten. War schon immer so, nimmt aber mMn in jetzig Zeiten noch einmal stark ab.

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  4. Tja, ich sass mittendrin…und die Wahrheit ist wie immer sehr kompliziert…immer mehr kommt raus das es eben nicht der sogenannte schwarze Block war der da richtig randalierte sondern Freizeitchaoten…Erlebnispark Schanzenviertel…und Teile der Roten Flora Typen sogar versucht haben die Anwohner zu schützen und verhinderten das ein Haus in Brand gesteckt wurde….bin mal gespannt was da noch rauskommt…als man bei der 1.Maidemo (an derselben Stelle, Strassenecke, brennende Barrikaden…also alles nichts neues) es schaffe einige der schwarz Vermummten zu schnappen stellte sich heraus das einer der Steine werfenden Typen im echten Leben Rechtsanwalt war..und jetzt mal den Freizeitrambo rausliess….was aber die blöden Kommentare der linken Szene nicht entschuldigt..frei nach dem Motto : brennende Autos und geplünderte Läden sind schon ok aber doch bitte nicht in unserem Viertel….
    Grüsse aus dem Szeneviertel von Jürgen

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  5. Sehr schön zu lesen. Differenzierte Betrachtungsweisen sind hier momentan nicht gerade gefragt, wer es auch nur wagt Polizeigewalt zu erwähnen oder die massive Einschränkung der Bürgerrechte in diesen Tagen zu kritisieren ist ja sofort verdächtig mit Autoabfacklern und Drogiplünderern zu sympathisieren oder sogar gemeinsame Sache zu machen. Unter Verkennung jeglicher Zusammenhänge wird allein das Handeln der anderen Seite verurteilt, das eigene für fehlerfrei und jede Kritik für unerwünscht erklärt. Alles Helden, keine Frage.

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