Der Pflichtfilm zum 60. Jahrestag

August’61. Mauerbau. 60 Jahre her.

Ja, da musste der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk mal wieder Wahrnehmung des Erziehungsauftrages beweisen. Wie immer bei Ossi-Themen wurde es eine übellaunig abgedrehte Schnellschnell-Klischee-Parade. Sparsamer Aufwand, schneller Dreh und schnelle Schnitte, senden, abhaken. Eventuell jedes Jahr anfang August wiederholen.

„3einhalb Stunden“

„Es fährt ein Zug nach nirgendwo“… am 13. August 1961. Und die Passagiere dieses Interzonenzuges von München nach Ostberlin haben dreieinhalb Stunden Zeit zu überlegen, ob sie spätestens in Bamberg aussteigen, um „ihre Träume leben zu können“. Im Adenauerland. In den USA von Küste zu Küste reisend. Oder auf dem Eifelturm. Oder weiterfahren, um schmählich im Osten zu verenden!

Du musst wissen: Alle Ossis träumten permanent von Flucht und von Amerika! Für Wessis gilt das als erwiesen.

Der Abspann des Filmes sorgt für den eigentlichen Lacher: Historische Beratung: „Max Musterfrau“.

Ich will den armen Mann nicht bloßstellen, schaut selber nach, wenn euch der richtige Name interessiert. Vielleicht hat er ja richtig beraten, aber man hat der Crew das Budget gekürzt, sodass zeittypische Kledage eben nur für ein Drittel der Akteure gereicht hat. Vielleicht aber ist er einer dieser jungen Leute, die mittels massiver Nachteilsausgleiche ein Abi herbeigeschenkt bekamen und die nicht bestandenen Testate im Studium machte dann die Zeter- und Mordio schreiende Helikopter-Mutter auf den Fluren der Sektionsleitung wett, während die eingeschüchterten Profs hinter ihren Schreibtischen in Deckung gingen. Kein Aufsehen! Wegloben! Ab zum Fernsehen!

Welche Bären kriegen wir hier nun aufgebunden:

Da gibt es eine junge Lokführerin in der DDR, über die ein Dok-Film gedreht werden soll. Aber die junge Dame verhält sich wie die von D-MAX hergebeamte abgespeckte ARD-Version der Checker-Lina abzüglich ihrer Tatoos, wie sie da in Männerunterhemd und Latzhose an der Lok schraubt.

Dann gibt es einen Flugzeugkonstrukteur, der mit Frau und zwei Kindern in München den Zug besteigt. Beide Kinder annähernd gleich alt. So zwischen 11 und 13. Die Tochter Papas Liebling, technisch interessiert und schlauer als der Vater, weil sie spontan ein Transistorradio reparieren kann, welches dann prompt Willy Brandts Mauerbauprotest sendet. Sie nervt zuvor die Leute auf dem Bahnsteig mit einem großen Flugzeugmodell, mit dem sie herumfliegt und immer so „beinahe“ aneckt, während der fasst gleichalte Bruder brav neben Mutti hertrabt.

Also das kann ich aus meiner 60er Jahre Kindheit bestätigen: Was haben wir Jungs gelangweilt und ideenlos in der Sandkiste herumgesessen, bis die spielmachenden gleichaltrigen Kumpelinen kamen und uns via Sandkuchen backen und Gummi-Hopse einen interessanten Tag bescherten! Und später hat mir meine Sandkastengefährtin Conny mit meinem Stabilbaukasten etwas vorgeschraubt und ich habs nachgebaut.

Glaubste nich‘? War bei dir genau andersrum?

Na siehste!

Ironie aus!

Der lustlose Bockie der Familie übrigens hat kurz vor Schluss dann seinen großen Auftritt, als Vater im Westen bleiben will, weil er ein Jobangebot in München bekam. Mutter aber will den verdienstvollen Opa im Osten nicht alleinlassen. Tochter heult und will schon aufs Pilotinwerden verzichten, da kommt Kleinpubi altväterlich kraft seiner 13 Jahre Lebenserfahrung aus dem Muspott und spricht: „Du bleibst mit Papa im Westen und wirst Pilotin. Ich geh mit Mama zurück nach Berlin. Und im Urlaub treffen wir uns in Prag.“ Gesagt getan. Alle zufrieden.

So easy kann das Leben sein!

Dazu dann noch eine Ostberliner Band im Zug (sic! Warum auch immer!), die prima 90er Jahre Existenzialisten-Pop klampft, (Warum nicht gleich Punks mit Iro?) aber seltsamerweise niemanden nervt. Alt und jung kriegen feuchte Augen. Niemand tönt etwas von „Hottentottenmusike“ und „Vernegerung“. Eben alles typisch 1961. Kmmh! Abwink.

Muss ich noch mehr sagen?

Es gibt ein paar Sporenelemente „neuer“ Akzente. Aber die musst du mit der Lupe suchen, wie in Gegenwartsfilmen der DEFA in den 70ern:

Die Frau des Konstrukteurs verteidigt ihren Vater und die Ideale der DDR ohne Schaum vor dem Mund und gar nicht doof wirkend. (Geradezu revolutionär anders!) Aber sie spricht nicht wie eine Mutter, die die Familie zusammen halten will, mittels alltäglicher Argumente; sondern sie doziert die anderthalb Seiten, die der Cornelsenverlag 10.Klässlern beim Thema DDR halt so zugesteht.

Die 4 Leute jener Combo, die kein einziges Mal so genannt wird, sind dagegen unerträglich holzschnitterne Klischeeträger, dass es einen graust. Und vor allem die Dame in gänzlich falschem Outfit!

Immerhin ist hier ein Lob für die DDR versteckt, nur leider ungenügend recherchiert.

Drummer und Basser sind ein schwules Paar. Der Wessi-Historiker hat nu irgendwo gelesen, dass die DDR 1961 keinen §175 mehr hatte, also lässt er das Paar sich gerade so geben und offen reden, wie das heute möglich ist: Was für ein Irrtum! Wie sah es mit der Schwulenakzeptanz in der DDR aus? Der DEFA-Film „Coming out“ von 1989 verrät es! Nix da von regenbogenbuntem Herumgewusel!

Dann fällt ein Satz über die rückständige Schwulengesetzgebung im Westen. Hui! Ein Minuspunkt für den „goldenen“ Westen! Hört, hört! Aber das schwule Musikerpaar entscheidet sich dann doch für genau den, wegen dem Eifelturm und Miles Davis. (Frag mich nich‘!)

„Dreieinhalb Stunden“ reiht sich ein in jenen unsäglichen Reigen aus „Honigfrauen“, „Unsere besten Jahre“, „Ballonflucht“… Klischeefernsehen at it‘s schlimmst.

Weil sich Wessis halt ihr Ossibild so angelesen haben -in IHREN Quellen- und ohne mit ihnen zu reden.

Es lebe das GEZ-Qualitätsfernsehen, das völlig verlernt hat, in seinen vielen, vielen C-Filmen zu Themen der jüngeren Geschichte, zeittypische Atmosphären zu erschaffen.

Filme wie „Gundermann“ und „Wunder von Bern“ beweisen, dass da eigentlich mehr gehen würde, wenn man nur wollte.

11 Gedanken zu “Der Pflichtfilm zum 60. Jahrestag

  1. Ich hab den Film nicht gesehen, glaube dir aber jedes Wort. Aber waren die Klischees der Ossis über die Wessis anders als umgekehrt? Das Problem war ja, dass man nicht wirklich soviel mitbekommen hat, was auf der anderen Seite läuft. Hier im Westen hatten viele Verwandschaft in der Ostzone. Da kondensierte sich alles in Päckchen an Weihnachten und der Adventszeit. Wenn dann wirklich mal eine Großtante aus Altenburg zu Besuch kommen durfte, weil sie schon in Rente war, hat man gehört wie schlimm es ist, weil Mias Mann bei der Stasi ist und man sich jedes Wort überlegen muss. Der Rest waren dann Referate über das Wahlsystem in der DDR mit Besuch in Ostberlin. Das war für uns „spooky“. In Prag habe ich dann zwei coole Jungs aus Cotbus getroffen, die sagten, dass sie nur noch nach Prag dürften. Russland war total tabu für Punks und Polen auch. Jedenfalls htten wir uns gleich verstanden, denn wir hatten den gleichen Musikgeschmack. Mit ihm habe ich dann auch noch einige Zeit geschrieben und ihm sogar George Orewlls 1984, versteckt in einem Kaba Karton geschickt. Das waren zwei Welten, die wie die Titanik und der Eisberg zusammenprallten. Jetzt treiben halt immer noch die Eisschollen überall herum…

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    • Ja, da sachsde watt.
      Mit den wechselseitigen Klischees ist das so eine Sache. Viele bei uns hatten ein Märchenlandbild vom Westen, trotzWest TV und Monitor und Panorama usw. Die Beratungsressistenz der Masse.
      Das Werbefernsehen und die unverbindlich geschönten Protzereien vieler Westbesuche taten ein Übriges. Da entstand so ein eigentümlicher Minderwertigkeitskomplex über die Jahre bei vielen Ossis.
      Wegen des industriellen Untergangs in den 90ern hielt der sich bei vielen.
      Dein Bild von den Eisschollen ist super treffend.

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  2. Ich hab gestern Dunkirk von Nolan angesehen, hatte ich auf Konserve.
    Fand ich gut, tolle Flugszenen, irgendwo zwischen schrecklich anonymer Dramatik und unbegrenzter Freiheit.
    Alles Erklärdeutsche meide ich seit Jahren, liegt aber vielleicht auch an meinem westlichen Hintergrund….

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    • Auch so ein Unikum, dass wir wegen Hollywood uns angewöhnen Dannkörk zu sagen, obwohl das belgische Dünkirchen mittelalterlich sogar mal Teil des alten Reiches war.
      Man stelle sich mal vor, die Amis verfilmen Stalingrad und in Dtl setzt sich durch, von Ställingräd zu faseln. Oder erst the Battle on the Seelow Heights.

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      • Die Krönung des Englischen in der german Language war neulich ein Schreiben einer privatisierten Gesellschaft, das darauf hinwies, dass die relevante Unterschrift der Unterschriftsberechtigten noch fehle.
        Da hieß es wörtlich, dass man noch abwarten müsse, bis die ‚Underwriterin‘ zurück sei.
        Ansonsten, klar. Und es fällt nicht mal mehr auf.

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  3. Ich habe niemals geglaubt, das alle Ossis von Flucht und Amerika träumten.
    Klischees helfen eben nicht, wenn man sich wirklich verstehen WILL. – Daran allerdings hatte ich immer meine Zweifel.
    Ich habe den Film nicht gesehen und werde mir das wohl auch ersparen.
    Liebe Grüße,
    Werner

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    • Och, als Ratespiel für die ganze Familie taugt er schon: Und wieviele Fehler findest du?
      Kann man bockigen Pubis vorexerzieren: Guhgel mal, ab wann es wirklich Miniröcke gab.
      Die Sängerin schaut aus wie Twiddy. Schau nach, wann die Mode war.
      Demnächt hören bei denen Wehrmachtssoldaten an der Westfront Elvis!

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  4. Aufgrund Deines Berichtes habe ich mir den Film angesehen. Ich fand die Befindlichkeiten der betroffenen Menschen nachvollziehbar dargestellt. Dass man versucht hat, viele verschiedene individuelle Zwiespälte in neunzig Minuten unterzubringen, kann man kritisieren. Auch dass z.B. Miniröcke erst einige Jahre später in Mode kamen. Aber es nicht um eine historisch exakte Darstellung realer Menschen, zumindest glaube ich das nicht.
    Wir bewegen uns mit vielen medial vermittelten „Geschichten“ derzeit sowieso auf dünnem Eis. Die Mixtur aus Realität, schnell konsumierbarer Unterhaltung und (kultur)politischen Intentionen bekommt zunehmend einen schalen Beigeschmack.

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    • Warum so jovial halb-und-halb? Der Film ist Mist. Keine Figur überzeugt. Die ARD erreicht das Niveau „der 4 Panzersoldaten und ein Hund“-Serie. Dünnes Eis? Eingebrochen. Eher „Gescheiterte Hoffnung“ (C.D.Friedrich) ein Jubiläums-Thema im Packeis der ideologischen Holzhämmerei versenkt.

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