Uns’re Besten (Epilog)

So Opa. Wunschgemäß der dritte Törn.

Yep. Am besten du sabbelst nicht dazwischen, ich laber‘ das herunter, dann sind wir schneller fertig.

Hm. Wie du meinst.

Nich einschnappen. Ich muss bloß zuviel Kontext erklärn, sonst verstehen ja alle die, für die das Thema Neuland is‘ Bahnhof. „Was für ein kurioses Zeuch?! Und das findet der gut?!“ Das will ich vermeiden.

MEISTERWERKE  –  Die  die  Wende  möglich  machte

So nu simmer nach 1990 angekommen. Da dachte ich, dass ein paar kulturpolit-Schäden der Vorwendezeit ausgebessert werden würden. Im Interregnum 1990, als die DDR bereits im Hospiz lag, erschienen tatsächlich schnell mal vorher nicht für Klassenstandpunkt kompatibel befundene Alben: Eine Debut-LP von Sandow, eine von den Skeptikern und die 1982 fertig produzierte, aber in letzter Sekunde doch noch verbotene „Paule Panke“ von Pankow.

Gundermann, Keimzeit und Rammstein machten Karriere.

Mich freute es und ich glaubte, das würde so weitergehen. Aber –

Es wurde viel vertan:

Wie wär’s, mal die 74er Renft-LP unzensiert herauszubringen?

Oder auf der Debutplatte die ungekürzte 10 Minutenversion von „Zwischen Liebe und Zorn“ zu ergänzen?

Verboten wurden Renft 1975 anlässlich der Präsentation ihrer 3. LP, die dann niemals erschien, warum erschien die seither nicht?

Warum erschienen zwei lustlos zusammengehauene Renftsampler mit akustisch katastrophalem Demokram ohne Nachbearbeitung? Die Texte wären es wert gewesen!

Wo blieben LPs von Bürkholz-Formation, Zwei Wege, Simpel-Song (Frühwerk), FoJa’s „Kerouac-Projekt“, Tramperhymnen von Löwenzahn, Wandersmann, Wind-Sand-und Sterne, und-und-und?

Leerzeichen all over. Dies alles geschah nicht.

Wie wir alle wissen, die es damals erlebt haben, war das Ossivolk in Bezug auf die Ostbands ein treuloses: Gute 5 Jahre nach der Wende spielten die ehemaligen Paradiesvögel vor leeren Rängen. Erst ab ca 1995 schlug die Stimmung wieder um. Nun wurde doch dem ein oder anderen Deppen bewusst, dass er da SEINE EIGENE Geschichte verdrängt, wenn er meint, Pankow, Rockhaus, Stern Combo vergessen zu können.

Außerdem war mal vor einiger Zeit ein interessanter Essay im Netz zu lesen, der Klartext beschrieb, wie sehr der Ostdeutsche Rundfunk unter West-Kuratel gestellt war und außer Puhdys, Karat und Ute Freudenberg kategorisch gar nichts von den alten Ostbands spielen durfte. Wegen ehemaliger „Systemnähe“. Das entschieden durchweg Westintendanten. Welcome in Neil Youngs free world!

Der meinte das auch zynisch! Das ist KEIN Jubelsong!

Aber Radio Rockland und Dieter Birr sei Dank, dass es nicht so blieb. Der Privatsender Radio Rockland (Sachsen Anhalt) gründete sich in den 90ern und lud Dieter Birr als Promi ein, zwei Stunden lang eine Sendung zu gestalten. Der kam und spielte alle seine Kollegen. Also quasi „Verbotenes Zeug“. Und dann ertrank der Sender in Zuschriften: Mehr davon! MEHR DAVON!

Buschfunk, Löwenzahn, Sehzehnzehn, und endlich auch die BMG, bei der der Löwenanteil des Amiga-Erbes nach mehrfachem Herumgeschleudere gelandet war, ließen nun CDs pressen. Buschfunk förderte auch Bands, die vor 89 chancenlos waren, Platten machen zu dürfen. Sechzehnzehn veröffentlichte vorallem vergessenes Frühwerk etablierter Bands aus Hallo-Sampler-Tagen. Die BMG begann alte Band-LPs auf CD herauszubringen, schmiss den Markt aber vor allem mit einer Flut stümperhafter Kompilationen a la „Das (angeblich) Beste aus der DDR“ zu.

Viele der Sampler und Themenreihen taugen leider nichts, weil man hier (westdeutsch übersetzt) allzuoft Max Giesinger mit den Scorpions und Doldinger zusammen warf. Aber die eine oder andere Perle ließ sich finden, so „right out of the dirt“.

Hier nu meine 5 Favoriten. Nuggets from the Past.

Platz 5:

4 PS4 PS „Blues für ein Mädchen“; da merkste schon die bescheuerte Namensgebung der Macher!

4 PS „Alle Zweigroschenlieder“ oder „Die Nachtigall-Sessions“ oder „Das Erbe der Märchenfee“ wären Titel gewesen, die ebenfalls auf ihre Hits Bezug nehmen und intelligenter geklungen hätten.

Egal. Es is‘ne gute CD, die die Nuggets des einen Jahres 4 PS Existenz enthält, die AMIGA vor der Wende keine LP wert waren. Eine der vielen Blödheiten damals. 4 PS – das war die Franz-Bartsch-Band, die die Vroni Fischer begleitete. Die hatten sich nach der 2. LP mit ihrer Frontfrau überworfen und traten nun ohne sie auf. Die Fischer brachte zeitgleich ihre 3. LP mit lauter Newcomern heraus und ließ sich ihre Songs von Thomas Natschinski schreiben. Bartsch erntete viel Lob, das „Zweigroschenlied“ viele Preise, die anderen Songs viel Airplay und gute Mittelfeldplätze in den „Wertungssendungen“.

Obendrein wurden die seltenen 4 PS Konzerte sehr in den Himmel gelobt, für lange Improvisationen in Fusion-Manier. Wo bleiben Live-Mitschnitte von sowas?

4 PS, das sei die Supergruppe der DDR, so eine Art Toto, weil die Musiker allein oder zusammen auf allen möglichen Schlagerplatten aushalfen. Sie seien die Lokomitiv GT der DDR, weil alle 4 gleichrangig nebeneinander stünden.

Ihre Texte kreuzbrav, ohne Widerhaken, (mancher knapp am Fremdschämen vorbei) aber die Musik eben schöööööööön!

Nach einem knappen Jahr – Aussöhnung mit Vroni. Die 4. LP „Goldene Brücken“ entstand 1979. Ein Longtrack unter dem Namen 4 PS wurde parallel noch veröffentlicht, „Träume wie Segel“ 1980, dann war wegen Westflucht – Finis. Aus der nicht abgehauenen Rest-Band wurde Pankow mit eigener Erfolgsgeschichte.

Platz 4

das debutStern Combo Meißen (1995). Das eigentliche Debut. Ein Konzertmitschnitt von 1976. Abgesehen von Silly’s „Zwischen unbefahrenen Gleisen“ der einzige Fall des nachträglichen Veröffentlichens einer ehemals „verbotenen“ Platte. Die Band war mit ihrem Debut (der ersten live-Platte der DDR) angekündigt gewesen für 1977. Man wartete vergebens. Dann erschien 1978 etwas, was zwar live war, aber ihren großen Hit „Finlandia“ nicht enthielt. Medial waren sie für dieses Werk schon reichlich gepriesen worden, aber dann war Biermann vor. Die Adaption enthielt einen gesungenen 4 Zeiler am Schluss, in dem das Wörtchen „frei“ vorkam. Und Anfang 77 lief immernoch das Biermann-Beben in der Ehemaligen. Und wenn man so ein Wort verbietet, dann denken die Leute auch gleich nicht mehr dran … Kommt dir das 2021 bekannt vor? 1995 erschien nun das richtige Konzert von damals mit „Finlandia“, mit „Wenn ich träume“, mit der Adaption der „Rhapsody in blue“ … Damit hat die Band eine „48“, die sie betraf, ausgeräumt. Ein herrlicher Livemitschnitt. Eine Band auf ihrem Zenit.

Platz 3

LackyReinhard Lakomy „Das Beste“. Eine zeitlang auch unter dem Namen „Die Immerwiederlieder“. (Aber eventuell war letzteres auch eine Neueinspielung.)

Mitte der 70er Jahre hatte Lakomy ein eigenes Ensemble mit Band und Kreischweibern. Er war also sowas wie der Les Humphreys, Reinhard Mey und (stimmtechnisch) Joe Cocker der Ehemaligen. Außerdem war er ein stures Unikum. Ein gestandener Jazzpianist, der sich seine Sporen bei Klaus Lenz verdient hatte, und ein einfallsreicher Arrangeur, was all die musikalischen Widerhaken betraf, die viele seiner Lieder auszeichneten. In den 80ern wurde er dann noch der Edgar Froese oder Klaus Schulze der DDR, indem er gesanglich verstummte, aber interessante elektronische Musik erzeugte. Um die geht’s hier aber nicht.

Zu Ensemble-Zeiten hatte er viele Erfolge, denn er war mit Fred Gertz eine Symbiose eingegangen, die fast Züge einer Therapie gehabt haben muss: Er beichtete bei Gertz sein Leben und Gertz machte daraus Songtexte. Ergebnis: Alles kam so echt rüber, wie selbst geschrieben.

Aber er machte daraus leider Scheiß-LPs, weil er auf allen dreien „die Lütte“ singen ließ. Angelika Mann war eine von den 3 Backgroundlerchen und, wie es heißt, die Janis Joplin des Ostens. Was sie aber auf den LPs da singen musste, das waren – extrem weit weg von Janis – immer die Graupen der Platte. Ihr Ruf passte überhaupt nicht zu diesem üblen Schlagerkram. Somit war keine LP-Seite genießbar. Auch gab es unter Lackys eigenen Liedern Billigware, die es zurecht nicht auf die großen Erfolge geschafft haben.

Zwar hatte es 1978 bereits eine LP „Die großen Erfolge“ bei Amiga gegeben, aber diese hier bietet eine deutlich bessere, ergänzte Zusammenstellung der wirklich erhaltenswerten, brauchbaren Teile. Mehr als die braucht man aus jener Phase nicht. Der hier nicht enthaltene Rest kann nur enttäuschen.

Platz 2

die KultsongsRenft. „Zwischen Liebe und Zorn“(1995). Irgendwer, vermutlich nicht die immer zankende Band selber, brachte es fertig, die brisanten Songs und ein paar Hits auf eine CD zu kompilieren, die somit auch komplett durchhörbar ist. Obwohl: Von „Sonne wie ein Clown“ gibt es hier eine Liveversion von 1975, die zwar eine brisante Ansage einschließt, aber ziemlich unausgereift, rumplig klingt. Die Pannach&Kunert Version der ersten West-LP ist deutlich schöner.

Aber: Hier gibt es Liebe und Zorn, Ottoballade, Glaubensfragen – und – jene wunderschöne Helpless-Coverversion mit deutschen Text, die man bisher höchstens aus dem Renftfilm „Saitensprünge“ kennen konnte, und wer hat den schon gesehen?! Wie sich später erst zeigen sollte, gab es noch weiteres Material, aber der Inhaber, vermutlich Klaus, hatte immer noch nicht begriffen, wie man das hätte vermarkten können.

Platz 1

wind sand und sterneEin großer Unbekannter: Stefan Gerlach un Waaggefährten – Wind Sand und Sterne (1995);

Die Kunden- und Tramperszene der Ehemaligen, die Vogtland-Blueser kannten und kennen ihn. Eine Aarzgebirg-Institution. Der Neil Yong der „Südstaaten“. Gerlach tourte mit seiner Truppe „Wind Sand und Sterne“, wie mindestens ein Dutzend andere Bands zwischen Dresden und Wasungen/Thüringen hin und her, vorwiegend im Raum Ebersbrunn – Zwickau. Ohne je im Radio gewesen zu sein, ohne „Einstufung“, deshalb ohne Platte. Es heißt, er habe zu Ostzeiten hochdeutsch gesungen. Nach der Wende dachte er sich in Erinnerung an Anton Günther, den Erzgebirg-Barden der 20er und 30er Jahre: „Was Bap können, gannich a!“ und vererzgebirgte seine alten Lieder genauso, wie seine neuen.

Ein Zufallsfund beim großen Anbieterkraken: Eine Nachwende-Debut-LP; dank Löwenzahn-Label möglich geworden. Die Stimme im ersten Moment gewöhnungsbedürftig, aber das ist die vom Onkel Neil ja auch. Hörenswert! Die hausgemachten Byrds- bzw. Neil Young-Klänge und diese Volltreffer ins Lebensgefühl meiner Generation. Gänsehaut.

Wenn du Ossi bist: Mix was aus den Fünfen und du kriegst Heimatgefühle par excellence.

Wir alten Säcke meinen die Heimat – nicht den Staat!

Es is okay su in sanner Spur.

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