Gunters Ankunft

Neulich waren schwere Unwetter über Deutschland. Vermutlich, weil ER mit dem Truck im Jenseits ankam und gemäß seines späten Lebensmottos „nie wieder wart ich so lang“ an der Himmelstür aufs Bremsen verzichtete.

Hey Boss…

…so sprachen sie sich in Western- und Ganovenfilmen an. Humphrey Bogart-Sprech. 1973/74 gab es noch keine Verenglischung.

Im normalen Leben waren Chefs noch „Chef “ oder eben „Herr Soundso“.

Kleine Dakotas lernten damals (mitten im Pubertätswirbel der 7. Klasse) allerhand mehr oder weniger Wissenswertes über Ausbeutung und Arbeiterkampflieder. Weshalb auch zur Sprache kam, ob jener Schlagersänger da „drühm“ nicht ein modernes Arbeiterkampflied geschrieben hätte. Sie erfuhren darauf hin, dass das keins sei, da der Ausblick auf die Revolution fehlen würde.

„Hey Boss, ich brauch mehr Geld“ sei nichts anderes als Bettelei.

Wir sangen‘s trotzdem. Bei uns kickte die herrlich despektierliche Anrede „Hey Boss“. Andere Anleihen bei der Siegersprache sollten folgen und den Alltag erobern:

„War gesdorn beim Doc. Hior is dor Grangngschein.“

Er fuhr den „30 Tonner Diesel“ und die „Intercitylinie Nr. 4“ machte ungefähr zur selben Zeit auch allerhand aus ihm, aber keinen Star auf Dauer.

Zunächst aber schon, denn wir besaßen mehrheitlich noch keine Tonbandgeräte, wussten, dass es mal einen Jimi Hendrix gegeben haben muss, aber kannten von dem keinen Ton; feierten Slade und Sweet, aber verstanden keinen Vers – da war der derbe Gunter schon ein hilfreiches Testosteronmahnmal, dass zitierfähig die coole Richtung vorgab.

Kurze Zeit später hatten wir dann Bandmaschinen, lange Mähnen, breite Gürtel und ebensolche Uhrarmbänder. Die Englischkenntnisse machten Fortschritte. Es reichte zum phonetisch exakten Mitgrölen der Slade-Refrains – und Gunter verschwand „unter (seiner) Decke“ und als Hilfstexter für Juliane Werding, der er mit jenem plumpen Emanzensong nach „Conny Kramer“ und „Kindern des Regenbogens“ ihren Anschmacht-Göttinnen-Status gleich mit ruinierte. Nun war sie nichts weiter als eine plauzige Deern, die auch gar nicht mehr so feenhaft aussah, als sie mit jenem Schenkelklopferstomp in der „Aktuellen Schaubude“ auftrat. Gunter war DURCH.

Und dann das:

seine Beste

 

3 Typen meines Alters sprachen 2009 den abgewrackten Dauer-Tourer auf einer Raststätte an der A3 eines Morgens an, gaben sich zu erkennen, dass er der Held ihrer frühen Musiklaufbahn gewesen sei und sie hätten da so eine Idee, deshalb solle er doch mal in ihrem Studio vorbeischauen. Das tat er – und machte dort seine verdammt beste Platte!

Plötzlich war er wieder wer. Texte von aller erster Güte, die diesmal mehrheitlich nicht von ihm selbst sind, Arrangements, die weeeeiiiit weg vom bisherigen DumpfbackenKanntrie verortet werden können, sehr kluge Auswahl der Covervorlagen, BossHoss als Duettpartner (damals noch nicht als Castingshowjuroren verschlissen!), das Vorbild der american recordings von Altvater Cash keine Sekunde verleugnend – sondern stimmig ins Deutsche transferiert. Das Feuilleton jubelte. Er stand kurz vor dem Abheben –

zu German Recordings Nr. 2-4 hat es leider nicht gereicht.

Der Lemmy Kilmister des deutschen Schlagers is gone. An seinen Nachruf dachte er vorsorglich selbst:

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9 Gedanken zu “Gunters Ankunft

  1. Wunderbarer Abgesang auf einen, der immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hatte und nie um eine saugute Geschichte verlegen war, ein ehrlicher Mann mit Klampfe, einer, dem alles nie genug war und einer, der letztendlich immer wieder in den eigenen Tiefen verloren ging und absoff.
    Einer, den ich gern gekannt hätte, und dessen Lieder ich liebte !
    Gute Reise, Mann aus dem Volk!

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  2. Ja der Herr Gabriel, ging sogar ins Dschungelcamp, hab ich jetzt gelesen, und hat es wohl bereut, da er dort anscheinend krank wurde. Und als ich davon hörte dass er gestorben sei, ja, da hab ich auch aufgehorcht, denn „Hey Boss“, das ist ja schon fast ein Klassiker aus einer vergangenen Zeit. Und ok, er hat sich wohl nie verstellt. Ich habe keine seiner Platten, sein Versuch mit Cash empfand ich eher schmerzhaft, da er sich an – aus meiner Sicht – schwierigem Liedgut versuchte. Aber andererseits: warum nicht? Und wenn man überlegt, was heutzutage alles auf die Menschheit losgelassen wird, na dann gute Nacht. So ist es vielleicht doch nur eine persönliche Geschmackssache und ich hör mir dann eben das Original nochmal an, da wo die Gitarre nicht nur Requisite ist – auch wenn sein eigener Nachruf aus heutiger Sicht dann doch eine andere, eine neue Wirkung hat…

    http://www.youtube.com/watch?v=7YxkgqM2v-Y&t=7042s

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    • Wer, wenn nicht du bringt das Radiohead-Original ins Spiel. 🙂 Ja, very geil, der Gitarreneinsatz; schade, dass der Sänger keine Stimme hat. Der Massenchor rettet es live. Hast Recht: Es ist pure subjektive Geschmacksfrage.
      Auch das mit den Cash-Eindeutschungen. Mir gefallen die. Allerdings klingen sie auf der Bear Family Produktion „The international Johnny Cash“ musikalisch betrachtet um einiges besser, als auf der CD, die er später in Nashville aufgenommen hat. „Mann hinterm Pflug“, „ein Junge namens Susi“, oder die Übertragung von Silversteins Tributsong „ein Ticket für ein Johnny Cash Konzert“… ich finde, er hatte da ein Händchen für.

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      • 2 mal hab ich gezuckt, beim dritten Anlauf musste ich was schreiben, ein wenig Pavlov eben… wegen der 20 -Jahr Ausgabe der OKC bin ich in diesen Tagen etwas übersensibilisiert, sozusagen… vielleicht aber müsste ich in diese Cash Versionen noch intensiver reinhören – irgendwann mal… 😉

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  3. „…ob jener Schlagersänger da „drühm“ nicht ein modernes Arbeiterkampflied geschrieben hätte. Sie erfuhren darauf hin, dass das keins sei, da der Ausblick auf die Revolution fehlen würde.“

    Hihi, nein, ein Revoluzzer war er ganz und gar nicht der Gunter. Den 30 Tonner Diesel habe ich ihm damals noch abgenommen, den fand ich richtig gut. Aber nach dem „Hey Boss“ Gejammer und der anschließenden Werbetour für eine Partei die ich niemals wählen würde war er unten durch. Schlagerfuzzi halt. Die Anbiederei an seinen „Freund“ Johnny Cash fand ich früher schon immer äußerst peinlich, daher habe ich mir seine German Recordings auch nie angehört, konnte ja nur noch peinlicher werden. Fehlten eigentlich nur noch „Songs of the German Indian“ oder „Live in Santa Fu“, wieso ist da eigentlich niemand drauf gekommen? Wahrscheinlich weil man die Knastis aus Sicherheitsgründen in der Zelle hätte lassen müssen. Nee, musikalisch war der Gunter nicht mein Fall.

    Aber ich werde ihn trotzdem in Erinnerung behalten. Fluchend und mit der Faust drohend, weil wir ihn morgens um 8 im Harburger Hafen aus seinem Bett getutet haben. Möge er wenigstens jetzt in Frieden ruhen können.

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    • Tja, die Geschmäker halt… die Freundschaftsnummer unter Promis ist ja historisch immer schon ein schiefes Ding: Goethe/Schiller/… Geldoff/Campino… neuerdings Niedecken und Ober-Puhdy Birr … die german recordings und die eingedeutschen Cashsongs funktionieren bei mir wunderbar. Er schafft es sogar Silversteins witzige Cash-Hommage „Frontrowseat in a Johnny Cash Concert“ so zu übertragen, dass auch der Humor im Deutschen erhalten bleibt. Das muss man erst mal bringen!

      Andererseits gibts von ihm auch lauter dumpfbackiges Zeug … den „Boss“ von 74 brauch ich heute auch nicht mehr.

      Seine Dmax Dokumoderation zu „Asphaltcowboys“ hätte ruhig mehr Staffeln erleben dürfen. Die fand ich dann wieder gut.

      Es geht halt hin und her mit ihm…

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  4. Auch von mir noch was : meine Musik war es nicht aber immerhin : der Typ kannte das Leben und das Leben ihn…schon ein ganz schöner Spagat von ganz oben nach ganz unten und wieder zurück…aber klein kriegen hat er sich nie…ein Original halt…mit echt hanseatischer Schnauze …so eine Energie zusammen mit dem Ding: ich lasse mich nie unterkriegen …kann einem schon Respekt abverlangen…aber wir haben ja noch so einen hier rumsitzen…im Hotel Atlantik (das aber nur an der Innenalster liegt…) germanys greatest nativ songwriter forever : Udo der Erste 🙂
    LG Jürgen

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  5. 🙂 Er kommt aus Gronau, das ist eine Nachbarstadt von Rheine und war ebenfalls mal Hauptstadt der Textilindustrie …auch als Mini Chicago des Münsterlandes bekannt ob seiner Unterwelt…die Hälfte der Stadt gehörte der Familie van Delden mit riesigen Fabriken, Spinnereien , Färbereien usw…und eines Morgens stand deren Villa leer…abgehauen…Firma bankrott, Stadt pleite…nur die Kneipen und Spielhallen arbeiteten noch…thats Udocountry…

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