Die Sterne von Wien

„Der erste Weltkrieg begann, weil ein Österreicher erschossen wurde. Der zweite Weltkrieg begann, weil ein Österreicher NICHT erschossen wurde. Statistisch gesehen gibt es also keinen Grund, der dafür spricht, auf Österreicher zu schießen.“ Django Asül; Kabarettist

Schon komisch, was einem so einkommt, wenn man österreichische Reiseeindrücke verarbeiten will.

Da ist diese Stadt, die einem ausnahmslos als SCHÖN beschrieben wird. Da sind diese Lieder von Ambros, Danzer, Hirsch und Heller und neuerdings auch Molden. Sie alle haben etwas Morbides und sind doch trotzdem das Beste, was der Alpenzwergstaat zu bieten hat. Eine besungene Zerrissenheit. Hassliebe. Streichelndes Kopfschütteln für die „Scheene Leich“

„ Es lebe der Zentralfriedhof und alle seine Toten. Der Eintritt ist für Lebende heut ausnahmslos verboten…“ (Ambros)

, „Aber die Erde öffnet sich willig, mild lächeld der Nebel und zart glitzert dein Schatz, hat einer wie ich denn ein besseres Grab, als hier unterm Karl Lueger Platz….“ (Molden)

Wo kommt das her? Warum sind die sich so ähnlich?

Und dann kommst du 2009 selbst nach Wien, also „mitten in den Kadaver eini“ unter die spät morgendliche Dunstglocke, die anderswo Smog heißen würde „aber doch net in da Wolzastooodt, naaah!“

Die Donaumetropole hat selbstverständlich eine U-Bahn. Man steigt also hinab in der Hoffnung auf eine schnelle Beförderung von A nach B und findet sich unterirdisch in –? Einer Kachelhalle! Die es zu durchschreiten gilt. An ihrem Ende ist eine Kurve zu erkennen. Ob die wohl zum Bahnsteig führt? Weit gefehlt! Ein gefliester Gang, endend an einer Rolltreppe, diese hinab – DA sind die Gleise! 5 minütiger U-Bahntakt. Das allerdings ist Spitze! Man fährt ein Stück und muss umsteigen. Dies erfordert eine weitere unterirdische Wanderung in gefliesten Katakomben. Die in Deutschland gefürchtete Schlagzeile „Der Untergrund marschiert!“ wäre in Österreich gar keine.

Bist du dann doch wieder am Licht, wandelst du auf eigenartig gemusterten Wiener Citywegen. Es fehlen jegliche Grün- oder Sandstreifen am Rand. Baumstämme ragen aus überdimensionalen Gullygittern oder aber aus Erdreichgevierten, die bei Betreten deine Füße lehren, dass auch sie mehr Zement als Mutterboden enthalten. Es fehlt aber weitgehend auch an Gehwegplatten.

Asphalt allenthalben!

Die Fleckungen beginnen stets an Hausecken oder Baumstämmen. Da wird dir klar, was das für Muster sind: Urin-Ornamente, die keine Möglichkeit haben, sich zu verpissen. So entsteht das Wiener Abendritual der Hausbesitzer: resigniertes Breitschmieren eines Eimers Seifenwasser auf dem Trottoir, seinerseits Rinnsalmuster bildend. Wien scheitert schon beim schlichten Versuch, die Illusion von Sauberkeit zu erzeugen.

Strassen sind die Adern einer Stadt. Einkaufsmeilen, Boulevards die Halsschlagadern. Und DIE sind dann doch gepflastert. Aber Rundbogenpflasterungsrudimente alter Schule in wildem Mix mit Gehwegplatten aller Jahrzehnte und Asphaltwülsten machen das Flanieren am Graben und am Stephansplatz zum Abenteuer vor allem für High-Heels-Trägerinnen, die aber eh in der Minderzahl sind. Durch die Hauptkrampfader der alten Tante Wien pulsiert flachsohlig stoßweise halb Asien. Angeführt von gebetsmüllern brüllenden Dolmetschern hoppeln sie willig über die schrundige Bodenbedeckung, die wie zum Hohn noch durch große weiße Metall-Sterne verziert wurde.

Ja, die Staaars sann net am Himml droben, sondern quasi do im Dreeek.

Der österreichische Walk of Fame hätte es vermutlich werden sollen. Jeder Stern trägt den Namen einer Wiener Lichtgestalt: Mozart, Brahms, Bruckner, Menuhin… Und am Kopfende eines jeden zweiten oder dritten ragt ein Stahlrohr aus dem Pflaster, einen kunstvoll durchwirkten blechernen Papierkorb haltend, dessen Öffnungen alles preisgeben, was fließen kann: Würstelfett mit Mostrich und zerlaufenes Eis suppen um die Wette auf Suttner und auf Offenbach. Und wieder entstehen jene Muster angetrockneter Materie.

Der VerehrungsEffekt wird zum BesudelungsDEfekt, zum Walk of Shame – und keinen stört’s.

Mir san holt die Karrikatuur von Hollywudd, vastöhst?

Altehrwürdige k.u.k. Hotels tragen ebensolche Namen, haben sich aber nach internationalen Maßstäben messen lassen bzw. wie überall auf der Welt Hotelketten angeschlossen, und die so entstehenden Benennungs-Kombinationen wollen nicht passen: Wenn eines z.B. „Best Western Fürst Rainer“ heißt, klingt das als ob es sich – zwischen „Lipizzaner-Rodeo“ und „Drunken Sissy Saloon“ nicht entscheiden kann.

Mir ham olls! Wie in Kalifornieeeen! MackDohnald und Seintolodchie! Und in die Prairie fahrst aussi zum Tschech. Do is olls flach wiera Madl-Orsch vor da Bubadät! Büffl homma do oba nehd.

Wo sind eigentlich all die Gescheiterten, die die Lieder von Ambros und Danzer bevölkern und in Kinettn schlofm? Naaa, doch net do! Die Dschaaaankis und die Bettla san fuort. Die Polizäj hottse am Kaaaarlsplootz lokalisiert. Do sanns dann unta Kontrollä. Und der Fußgängertunnel dort ist Europas größtes Nachtasyl. Eine beeindruckende Masse Elend. Liegend, sitzend, stehend, schwankend, apathisch starrend, halluzinierend; einige betteln Passanten an:

„Host an Euro?“

„Ich ja – und du?“

„Biiist an Orschloooch! Schleich di, Preiß!“

Ich hör den Wortwechsel im Vorbeigehen und denk an Molden:

„Warum kommt keiner morgens früh nach Wien? Und sieht die Huren vor die Stroßnkehra fliehn…“ (aus „Wien“ 2009)

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24 Gedanken zu “Die Sterne von Wien

  1. Now in Vienna there are ten pretty women
    There’s a shoulder where Death comes to cry
    There’s a lobby with nine hundred windows
    There’s a tree where the doves go to die
    There’s a piece that was torn from the morning,
    And it hangs in the Gallery of Frost

    Garcia Lorca/Leonhard Cohen

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  2. Dieser Bericht gibt das Flair so gut wieder, die Zitate, wie Herr Zeilentiger bereits bemerkte, sind trefflich ausgewählt. Ich brauche jetzt die passende Musik dazu – – André Heller oder vielleicht doch eine Ansprache von Herrn Qualtinger… Hach
    Morgengraue Grüsse aus dem schläfrigen Bembelland

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  3. Obacht, obacht. Ich spiele mit dem Gedanken, dieses Jahr Wien zu besuchen. Mach ich womöglich, auch wegen dieses wortmächtigen Beitrags.
    Gleich hinter Wolfgang Ambros und dem „Schaffnerlos“, einer zu Unrecht vergessenen Hommage an die Wiener Strassenbahn.
    „Jo, irgendwo wird der Forschein doch wieder zum Forschein kommen“

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  4. Das „Fürst Rainer“ kann ich empfehlen. Und ein Orgelkonzert im Stephansdom – weil der wirklich eine seeeehr besondere Akkustik hat.
    „Schaffnerlos“ kenn ich nur den Song. An die Hörpiele hab ich mich (noch) nicht dran gewagt.
    Ich hab mal das „Watzmann“-Spektakel im Fernsehen gesehen und mittendrin ausgeschaltetm,weil: Zu blöd. Obwohl eben auch der Watzmannsong selber herrlich ist.

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    • Isch zwick misch, wenn isch des Publikum seh´. Und iwwerhaupt die Synchronisation und des Playback muss aus de 1950er Jahren sein 🙂 🙂
      Österreich, das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten.
      Dann lieber rüber zum Herrn Riffmaster, der just den Helmut Qualtinger präsentierte.

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  5. Quatsch Qualtinger! Ärmel! Klick auf Playlist und siehe, es erklingt „Tagwache“!
    „Ja, in Zivül – da wora ned vüll, nur beim Militär, da isser wer!“ –
    Da hat Adenauer-County noch lange auf Udo L.s „Ich bin beim Bund“ oder noch länger auf Meys „Meine Söhne geb ich nicht her“ warten müssen.
    Dagegen war etwa zeitgleich mit Tagwache Renftens „Glaubensfragen“ (Woran glaubt der der zu Fahn‘ geht…) erschaffen und verboten worden.

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    • ??? Wie jetzt – Quatsch Qualtinger? Ich bin den Austors gross geworden. Klaus Renft habe ich irgendwann in Lateinamerika kennengelernt. Wobei schon das kennen im recht eigentlichen Sinn übertrieben ist.
      Wir sollten uns beim Bier mal über musikalische Hörgewohnheiten besprechen.
      Da gäbe es imho manche Horizonterweiterungen zu entdecken.

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    • Na so ein Doppelschlag! Darauf einen Dujardin!
      Mit dem Ambros-Hinweis rennen Sie hier offene Türen ein. Klar ist die Liveplatte riesig, die „Wie im Schlaf“ davor auch, aber auch später reiht sich da ja noch Meisterwerk an Meisterwerk: Nr.13 und Wasserfall – ich weiß nicht welche besser ist.

      Und dann noch die Bucherwerbsnachricht! Da platz ich doch glatt vor Neugier auf ihre Eindrücke.

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  6. Über die späteren Ambrosia kann ich nichts sagen, da ich sie nicht kenne.
    Ich habe viele Jahre keine Musik gewollt, außer Kirchenlieder und gelegentlich Klassik live.
    Das verstehe, wer kann; ich kann´s schon mal nicht, waren aber alles andere als leichte Jahre.

    Bitte nicht platzen, lieber schreiben; es wird dauern.

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    • Die 1980er Jahre sind progrockpopmusikalisch an mir vorbeigegangen. Ich entdeckte die neue klassische Musik. Und viel alte Klassik natürlich auch.
      Viele Jahre später beim Nachhören der versäumten Musik schien mir, ich hatte damals nicht viel verpasst.
      Abendschöne Grüsse aus dem klingenden Bembelland

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    • Mein Beileid für was auch immer die Gründe für diese Musikabstinenz gewesen sein mögen. Hatte selbst vor gar nicht allzulanger Zeit eine Phase, in der es ebenfalls Gründe gab, sich aus der Musik zu verabschieden, weil sie nur noch zu nerven schien (was aber nicht an der Musik lag, sondern den Alltagsumständen, die eingetreten waren und Gott sei Dank nur ein Jahr währten). Was ich eigentlich sagen will: Man kann maßvoll aufholen, was man verpasst hat: Wenn Ihnen die frühen Höhepunkte aus Ambros Schaffen zugesagt haben, dann ist die CD „Wasserfall“ ein totsicherer Tipp. Ich glaub die ist von 1990 -92 da herum. Oder auch der späte grüblerische Danzer: „Große Dinge“ – auch so die Zeit.

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  7. Da geht es mir wohl ähnlich, Herr Ärmel.
    Und auch ich habe die neue klassische Musik entdeckt.
    Inzwischen berührt sie mich mehr und weckt auch mehr Interesse in mir als z.B. Bach, sie ist irgendwie relevanter. (Bin aber keine Kennerin.)
    Ich würde gerne wissen, wie die Musik des nächsten Jahrhunderts klingt.
    Grüße aus Bierkrugistan

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    • Bierkrugistan klingt klasse! 😉

      Ich bin auch kein Kenner. Ich über die neuen Meister, z.B. Arvo Pärt, Erki-Sven Tüür oder Fabian Müller zu alter Klassik gekommen, als Musik der Renaissance oder Gotik. Das Ensemble Unicorn hat meine Horizonte erweitert.

      Bezüglich Ihres letzten Satzes; das möchte ich nicht wissen, ich befürchte eine Mischung aus Gunter Hampels Galaxy Dream Band und Musak aus der Einkaufsmeile…

      Nochmals abendschöne Grüsse

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  8. Irgendwo muss man ja anfangen. Und Pärt ist kein schlechter Anfang.
    Und, Herr Ärmel, Sie scheinen mir Ihrer Zeit voraus zu sein.
    Trotzdem glimmt in mir ein Funken Hoffnung: Jede Zeit hatte ihren Georg Kramm und ihren Georg Händel.

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  9. Na, Ihre Musikprophezeiungen vom 20. März, Herr Ärmel. Ich kann´s schon fast hören…

    Ich habe gerade „Stoner“ gelesen. (Spielhagen kommt anschließend)
    Bei Romanen lese ich üblicherweise erst den Anfang, dann das Ende und noch etwas aus der Mitte. Dann weiß ich, ob mich die Geschichte überhaupt anspricht und ich das ganze Buch lesen will (meistens nicht) und auch dann lese ich beim ersten Mal selten der Reihe nach. „Spannung“ interessiert mich nicht, wahrscheinlich auch ein Grund meiner Vorliebe für Fontane.
    Also Stoner jedenfalls berührt mich sehr. Ich werde ihn jetzt nochmal in der vorgesehenen Reihenfolge lesen, so habe ich zwei Zugänge und zwei Verständnisebenen für ein und dasselbe Buch. Das funktioniert natürlich nur mit „guten“ Büchern. Leider gibt es von J. Williams keine Biographie. Bücher in Verbindung mit einer Biographie lesen zu können, macht es für mich richtig spannend. (Der bisherige Höhepunkt meiner Art zu lesen war Goya von Feuchtwanger. Da habe ich nämlich nach dem zweiten Mal, und einer Biographie über seine Ehefrau, herausgefunden, dass ich unter zeno.org parallel zum Lesen die Bilder anschauen kann. Das dritte Mal wurde dadurch zu einem Vergnügen der besonderen Art. Und eigentlich wurde das Buch mit jedem Mal besser.)
    Hat hier zufällig jemand den Stoner UND Butcher´s Crossing gelesen und kann mich über den Unterschied aufklären. Ich bin ein bisschen in einer Zwickmühle: einerseits würde ich wahnsinnig gerne noch ein Buch von diesem wunderbaren Autor lesen, andererseits sträubt sich alles in mir bei der Vorstellung vom Abschlachten von Büffeln und womöglich auch Indianern. Und überhaupt: Wildwestgeschichten…
    Stoner, abschließend, empfehle ich wärmstens.

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  10. Und wieder ein Treffer an Übereinstimmung: Ich hab dieselbe Leidenschaft „vernetzt zu lesen“, Sekundäres dazuzuholen, wenn mich ein Autor packt.
    „…Wie mich Arno Schmidt einmal grüßte“ zum Beispiel. Oder nach Bargfeld fahren, um sich zu überzeugen, wie St. Arno der Große gelebt hat und in welchem „Ambiente“ er schrieb…
    Auch Karl Mays Autobiografie „Ich“ mit zwei anderen May-Biografien zu vergleichen und ringsrum zur selben Zeit seine Romane kennenzulernen – war ein Fest.
    (Zu Spielhagen gäbe es da selbstverständlich auch noch was, aber das kommt demnächst als Blogeintrag.)

    Über „Stoner“ allerdings hab ich schon mal ne Rezi irgendwo gelesen – und dieses Uni-Professor-im-Unglück-Ding ist zur Zeit jedenfalls überhaupt nicht meine Wellenlänge.

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  11. Zu Stoner: Die Professorenstory ist mir mal wieder ziemlich egal. Was mich fesselt, ist die Schau in das Innenleben eines Mannes. Und wie er ihn sterben läßt, finde ich für einen 40jährigen Autor auch erstaunlich. Da tauchen Elemente aus der Sterbe- und Traumaforschung, und auch aus dem Dunstkreis
    erweiterter Wahrnehmung auf, zu denen es vermutlich damals noch gar keine Literatur gab. Er muss dann irgendwie das Leben selbst als Quelle gehabt haben.

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