Das Land der Salzfelsen

Die Shawnees finden irgendwann zu Beginn des 20.Jahrhunderts ein Mädchen in der Wildnis. Sie bestaunen den Zauber ihres gelben Haares und da sie halbverhungert ist, nehmen sie sich ihrer an. Sie ist die einzige Überlebende einer polnischen Flüchtlingsgruppe, die vom Zaren nach „ganz hinten“ verbannt wurden und es irgendwie fertig gebracht haben, sich über Alaska bis ins südliche Kanada durchzuschlagen.

Die junge Frau schenkt dem Häuptling 2 Söhne: Tanto und Sat-okh, dann gehen ein paar Jahre ins Land und die Shawnee ziehen über die Grenze in die USA, wo ihnen die Kinder weggenommen werden, um sie zu zivilisieren. Tanto hat Glück, er ist bereits bewährter Krieger von fast 20 Jahren. Sat okh hat seinen Namen gerade erst erhalten, ist knapp 14 und muss in ein derartiges Internat, aber Mutter folgt ihm und die Anstaltsleitung, verblüfft über die blonde Indianerin, überlässt ihr den Sohn. Sie kehrt mit diesem nun nach Polen zurück, weil sie vom I.Weltkrieg und der Wiederauferstehung des polnischen Staates erfuhr. Und so kommen sie 1937 gerade rechtzeitig nach Hause – um in den II.Weltkrieg zu geraten. Sat okh heißt nun Stanislaw Suplatowicz, wird verhaftet, flieht, wird Widerstandskämpfer – und nach dem Krieg Buchautor. Seine Jugendmemoiren „Das Land der Salzfelsen“ erschienen mehrfach in der DDR und haben mich geprägt.

Seine Biografie mag unwahrscheinlich klingen. Vielleicht ist er nur ein weiterer Patty Frank, der sich eine interessantere Laufbahn zulegte, als er eigentlich hatte, um im Karl May Museum Radebeul Attraktion werden zu können. Karl May selbst hat auch zeitweilig geglaubt, er habe erlebt, was er erzählt.

Manchmal aber sind gerade die unwahrscheinlichen Lebenswege, die echten. Wer weiß.

Das Buch jedenfalls, welches den Werdegang des 7jährigen namenlosen Uti zum ca. 14jährigen Krieger Sat okh beschreibt, kam mir Ende 2. oder Anfang 3.Klasse auf den Nachttisch. Zeitgleich ging es einem Klassenkameraden ebenso und wir lasen um die Wette.

„Bist du schon da, wo ihn der Reitlehrer peitscht?“

„Ist bei dir Wap-nap-ao schon aufgetreten?“

Hinterher stand fest: Das ist das beste Buch, das wir je gelesen haben!

Klar. Wir kannten jeder ein paar MOSAIK- Hefte und Alfons Zitterbacke aus eigenem Lesevorgang, also praktisch 80% der Weltliteratur, und somit ist schon erstaunlich,wie sich da dieses kleine und heute wieder von der Weltöffentlichkeit total vergessene Büchlein so dermaßen heftig durchsetzen konnte!

Es holte junge Leser einfach da ab, wo sie standen: Kleine Schisser, die wir waren, bekamen wir als erstes und mächtigstes Bild beschrieben, welche rituellen Qualen der 14jährige Tanto wortlos erduldet, während der 7jährige Uti noch vor Mutterns Zelt sitzt. Am Schluss der Kriegerweihe kommt einer der Ausbilder-Krieger (quasi sowas wie ein Sportlehrer! Gruslig!) aus dem Lager der „Jungen Wölfe“ und sagt: Es ist Zeit!

Mutter packt stumm ein paar Habseligkeiten und ihr zweiter Sohn verlässt nun das Zelt um „Junger Wolf“ zu werden: Reiten, Jagen, Fischen, Feuer machen zu lernen, um sich schließlich einen Namen zu erkämpfen.

Unsereiner hatte schon ein Problem, in einem völlig verregneten Sommer 1969 ein 14tägiges Freiluft-Schwimmlager mit zwei sadistischen Sportlehrern durchzustehen, die wenigstens nicht peitschen durften – aber 7 Jahre von Mutti weg! Von Sportlehrern umgeben!! Manchmal tut es doch gut, KEIN Indianer zu sein.

Praktisch alles, was in dem Buch geschildert wurde, kam in den Pfuhl der Spielideen der nächsten Jahre. Es war die erste meiner 4 wichtigen Indianerbibeln. Aber zu hoffen, dass sich nochmal kleine Jungs für diesen Lesestoff interessieren könnten, ähnelt dem alten Medizinmann-Orakel: Die Büffel kehr’n wieder! Hough!

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21 Gedanken zu “Das Land der Salzfelsen

    • Das Orakel meint die Zeitenwende, die Büffel nur als Metapher.
      Wir werden wieder so leben wie vor der Kolonisation.
      Übrigens hab ich da neulich irgendwo ein Bild gesehen: 4 bewaffnete Indianer und der Spruch: Wir bekämpfen Terrorismus seit 1492! Gut, nich‘?

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  1. Als ich anfing zu lesen, dachte ich, dass dies die Geschichte schon sei.
    Aber es kam anders.
    Nun bleibt die Frage, nicht an Jung-Blugdy sondern an Bludgeon den scharfsinnigen Krieger, war Stanisław Supłatowicz wirklich der Sohn eines Indianers oder doch eher ein polnischer Karl May?

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  2. Na ich glaub da eher letzteres. Die Indianerbiografie hat zuviel Unwahrscheinlichkeiten. Und ein starkes Karl May Interesse hat sich in Polen und Tschechien ja all die Jahre erhalten, jedenfalls bis zur Wende.
    Aber so ganz endgültig will ich das einfach nicht entscheiden: Es wäre schön, wenn’s wahr wäre.
    Es gibt noch so einen: Wieclaw Wernic „Colorado“, der hat zwar keine solche indianisierte Biografie, dafür klaut er aber ungeniert beim Radebeuler Meister.
    Der „Colorado“ ist praktisch ein Sam Hawkins mit bissl Shatterhand Klugheit.
    Sat okh mag sich in seinen Einbildungen verirrt haben, dafür ist sein Buch aber ein eigenständisches Etwas: Weder Cooper- noch May-Plagiat.

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  3. Naja, die Metapher ist jedenfalls schon mal angebrochen…
    Der Terrorismusspruch ist sehr schön und der Kolumbus auch. Schön und bitter.

    Anfang der 80er habe ich mich mit sprichwörtlich jugendlichem Enthusiasmus und ebensolcher
    Naivität in den USA auf Indianersuche begeben. Das Ergebnis war so überraschend wie ernüchternd.
    Aber ich vermute mal, um die Sorte Indianertum geht´s hier gar nicht… Und ich finde, so ein Einblick in deutsche Indianerherzen hat auch was (für mich geradezu exotisches).

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    • So isses. Ich wollte noch nie nach Amerika, weil ich schon als Kind das Gefühl hatte, da platzen dann alle Träume wie Seifenblasen.
      Neenee, ich muss das nicht sehen: Alkoholismus, Schindluder mit der Natur (Umgehung der Lachsschonzeiten, Tierquälerei aller Art), Spielhölle an Spielhölle, … man weiß es, man weiß es; ich will in dem Zusammenhang partout das „ich“ vermeiden. Den „edlen Wilden“ haben europäische Philosophen erfunden… ach ich hör auf.
      Kennen Sie den Film „Pow wow“ (auf deutsch „2 Cheyenne auf dem Highway“)?

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  4. Das wiederum überrascht mich nicht, weil ich noch nie jemanden ausfindig machen konnte, der den kennt. Der lief 2x in den 90ern im Fernsehen. Beim ersten Mal hatte ich noch keinen Videorecorder, beim zweiten Mal nahm ich ihn auf. Dann segnete der Videorecorder das zeitliche und nun steh ich vor dem Wunder der Marktwirtschaft, dass man die DEFA-Indianerfilme auf DVD eher auftreiben kann als diesen West-Western der Neuzeit! Zumal bei dem auch noch der berühmte George Harrison seine Finger im Spiel hatte – als Geldgeber, nicht als Schauspieler.
    Der Film liefert viele tolle kritische Sprüche, wie den hier:
    Sagt der wütende Indianer (der Neuzeit) zum Journalisten, der die Reservation besucht: „Was glauben Sie, wo sie hier sind? Hier ist nicht God’s Own Country – hier ist die 3.Welt!“

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  5. Ich denke, kaum einer der Beworter dieses Genres kann mit Tatsachenwissen aufwarten. Frau Welskopf-Henrich mag noch am ehesten Einblicke in historisch verbürgte Abläufe haben. Mir empfahl ein Spaßvogel in Nachwendezeiten „Little Big Men“ als absolut geschichtssicher. Selten so gelacht. Womit ich auf das komme, was daran so wichtig ist, wie bei allen phantasieanregenden Büchern: Eben dieses zu tun. Wurscht, ob der Autor dann fremdbiographisch flirtet.

    Apropos, mich treibt immer wieder mal die Suche nach einem Mongolenroman um, den ich in meiner Kindheit leihweise verschlang und der leider aus meiner Denkapparatur tropfte. Ein Teil trug Zedern in seinem Titel. Fällt Ihnen dazu irgendwas ein, werter Herr Bludgeon („lieber“ tropft mir immer noch nicht aus den Fingerkuppen, gnihi!)?
    Feinssamstagsgrüße, atemholend, die Ihre.

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    • Für mehr Realismus und historisch verbürgte Abläufe empfehle ich Dee Brown, Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses. Harter Tobak selbst für Erwachsene, aber der soll auch Kinderbücher geschrieben haben.

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      • Ja, F***! Den hab ich ja auch! Jau, der las sich gut. Aber da kannste mal sehn! Was man zwischen 8 und 11 Jahren liest schlägt eben tiefere Wurzeln. Dee Brown hab ich mit 20 gelesen. Da war das Thema im Bekanntenkreis sowas von „durch“, dass sich nirgendwo Gedankenaustausch ergab. Schwubs wars vergessen.
        Ein anderes solches Häuptlingsbiografien-im-Überblick-Sachbuch war auch „von Sasakus bis Geronimo“(Autor vergessen) – der war auch sehr informativ, was die weißen Besiedlungsfakten betrifft: Bis wann hätten die Indianer noch eine Chance gehabt und ab wann war’s hoffnungslos.

        Aber bei the way: Alle diese Bücher enthalten uns den Cheyennehäuptling vor, von dem Johnny Cash auf dem „Bitter tears“ Album singt: Der der einzige war, der seine Leute bilden wollte und ihnen eine Schrift erfand.

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  6. Die meist gelesenen Tschingis Chan Romane der DDR sind doch die Jugendbücher von Kurt David gewesen „Der schwarze Wolf“ und „Tenggeri“ sowie „der singende Pfeil“ – bloß mit Zedern haperts da irgendwie.
    Dann gab es noch „…und auf Erden Tschingis Chan“ (Prisma);
    aber mit mehr kann ich da auch nicht dienen.

    PS: Nee,stimmt nicht. Wassili Jan gabs auch noch mit seiner Trilogie Tschingis Chan/Batu Chan/Zum letzten Meer – aber och nüscht mit Zedern…

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    • Über Herrn Jan stolperte ich auch schon mal, allein die fehlenden Zedern irritierten. Nun nochmal den Fokus drauf und die eigene Kindheitserinnerung in Frage gestellt: Vielleicht war nur ein besonders eindringliches Kapitel zederbebuchstabt betitelt?! Ich bestelle das jetzt gebraucht und werde sehen.
      Die Herrndavid’schen sind mir alle zuortbar erinnerlich. Ich danke für die anspornende Gehirntätigkeit und grüße abendmüdfreundlich, Ihre Frau Knobloch.

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  7. „zu hoffen, dass sich nochmal kleine Jungs für diesen Lesestoff interessieren könnten, ähnelt dem alten Medizinmann-Orakel“

    Das Zeug ist halt nicht mehr zeitgemäß. Hab ich gemerkt als ich meinem Sohn damals aus Lederstrumpf vorlas, ich kam mir dabei selber unheimlich blöde vor. Dass ich das als Kind so toll fand..

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  8. Naja, wird wohl ähnlich wie bei mir und meinem Sohn gewesen sein: Das falsche Buch zur falschen Zeit: Nachdem ich mit den Filmen Begeisterung erwecken konnte(immerhin in den 90er Jahren!) schwärmte ich von Karl May und er begann Winnetou 1 zu lesen und ließ es gleich wieder bleiben. Ich hätte ihm den „Silbersee“ in die Hand drücken solln – oder „Weihnacht“ in der Adventszeit!
    Lederstrumpf lesen macht anfangs Mühe, man muss erst in Fahrt kommen, jedenfalls bei der 60er Jahre DDR-Ausgabe (Verlag Neues Leben). Je nach dem welche Übersetzung man erwischt: hat man unglücklicherweise eine ungekürzte Originalausgabenübersetzung vor sich, liest sich das so langatmig wie Fontane.
    Ein paar illustrierte Ausgaben aus den 20er und 30er Jahren „für die Jugend bearbeitet“ wären da schon eher gegangen.

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    • …“für die Jugend bearbeitet” – da hat Arno mehrfach in seinem Haidekaff unter Schmerzen aufgestöhnt. Er hat die Radioessays gemacht über bekannte Schriftsteller, von denen einige ihrer Werke “für die Jugend bearbeitet” worden sind. Cooper, Poe, Verne etc…

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      • Ja ich weiß. Aber ich teile seine Meinung nur teilweise: Wenn beim Thackeray übersetzen sämtliche erotische Anspielungen draufgehen, hat er recht, das die Überarbeitung das Werk schändet.
        Die dauernde Karl May und Cooper Überarbeiterei hat diese Werke jedoch im Bewusstsein erhalten. Die Originalversionen hätte sonst schon um 1914 keiner mehr anfassen wollen.
        Ich hatte mal in einem Antiquariat so eine unförmige seltsam aussehende Ausgabe vom Schloß Rodriganda (wie hieß das gleich? Waldschlößchen oder so?) in der Hand und hab drin geblättert. Ächz! Gekauft hab ich die nicht.
        1987 herum erschien eine Paperbackreprintausgabe der deutschen Erstübersetzung von Coopers „Wildtöter“ in 2 Bänden in der „Ehemaligen“. Musste natürlich her, aber: In der Ausgabe von 1964 braucht Cooper ca 30 Seiten bis Wildtöter als erster Protagonist auftritt und sein Kanu sucht. Wald-und Wetterbeschreibung extrem.
        Im Reprint dauert der Einstieg: – 70 Seiten!
        Dass da mal jemand „liebevoll gekürzt“ hat im Laufe der Jahre, finde ich entschuldbar.

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      • Dein Argument ist nachvollziehbar. Um was es letztendlich geht, ist die entscheidende Frage. Der Germanist oder der Literaturwissenschaftler haben andere Kriterien der Bewertung als der junge Leser, der Unterhaltung erwartet. Das ist das Eine.
        Andererseits ist aber die Bearbeitung an sich kritisch zu sehen. Handelt es sich, um dich zu zitieren, um eine „liebevolle“ Kürzung oder eine intentionale Bearbeitung zur politischen Erziehung von Kindern oder Jugendlichen. Und diesen Unterschied finde ich beachtenswert.

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