Mr. Robertson’s Bestwerk

Auch schon wieder 10 Jahre her!

Robbie Robertson „How to become clairvoyant“ 

(Dieser Text entstand damals für den alten Rockzirkus Bochum. Die Platte hat an Bedeutung eher noch gewonnen! Ich leg sie auf, setz mich ins dunkle Zimmer und der Sound umarmt mich. – Dann kommt die Stimme: Mein großer Bruder (der Adoptiv-Dakota, you know noch?) raunt mir die Botschaften über den Rand seines Bierglases herüber…)

 

„Nö. Wir geben keine Interviews. Schon gar nicht in Europa.“

Tja. Selber schuld, Europa.

Überall konnte man vor 10 Jahren lesen, dass „Mr. The Band“ ein weiteres Solo-Werk veröffentlichte. Überall auch, dass das wieder einmal hervorragende Musik ist. –

Und überall, dass die Texte anspruchsvoll und „irgendwie“ autobiographisch sein sollen. Das war‘Robbies.

Nun sind DIESE Texte aber wirklich mehr als einen Schwafelsatz wert!

Ja, man könnte über eine ganze Generation, ach was sage ich, über eine ganze Epoche ins Diskutieren verfallen: Was bleibt übrig aus der Flower-Power-Ära?

Aber – nix.

Stattdessen: Clapton ist dabei! Er slidet auf Track X und feedbackt auf Track Y. Thats it, Baby. Ach ja?

Tragisch. Robertson war von jeher einer, der was zu sagen hatte.

Erst recht auf seinen Soloalben. „Storyville“ gab es eine Zeit lang mit deutschen Textübersetzungen im Booklet. Seine anderen Werke hatten diesen Vorzug nicht.

Robertson, Hunter, Young, von mir aus auch Clapton, Dylan & Co … die bestaunten Helden! Die Beneideten, Verehrten; zu welcher Bilanz gelangen sie? Wenn die nicht ein erfülltes Leben haben, wer dann? Hunter hat mit „shrunken heads“ und „Man overboard“ abgeliefert. Clapton mit „Pilgrim“, Young mit „Chrome dreams II“, „Monsanto years“ und „Earth“- – – Robertson arbeitet seit 1988 an den tieferen Weisheiten; lehrt uns 2011 nun, wie man Genießer wird. Das Coverfoto konterkariert den Titel. Sunshine-Reggae ist nicht zu erwarten; eher eine Art Entblößung des eigenen Seelenzustandes. Und von Track zu Track wird klarer, warum er sich den Clapton dazu geholt hat. Brüder im Geiste erzählen von ihrer „großen“ Zeit:

  1. straight down the line – An Warnungen hats nicht gefehlt: Der alte Bluesman lehrte mich: „Ich spielte niemals Rock&Roll, blieb immer sauber, bewahrte meine „Soul“. — Und in der Kirche diese schwarze Lady, die fast das Gleiche sang – das hätte mir was bedeuten müssen! – Aber die Musik hatte mich am Haken. Ich zog los – in den Rock&Roll.
  1. when the night was youngUnd wie das abging damals, als die Nacht noch jung war! Wir verwechselten das mit Morgendämmerung. Wir müssen nur lauter singen und der Krieg hört auf! Wir sinds, die die Welt verändern. Revolution ohne einen Schuss! … Der Krieg stoppte dann wirklich, kein Wunder, das wir weiter glaubten …aber die Nacht hatte gerade erst begonnen. … Andy Warhol wartet in der Hotellobby auf seine Late Night Muse, mit ihm sein Hofstaat. Ich weiß, was dann abgeht und verdrück mich in die Vorstadt in irgendeinen Bluesschuppen, ein paar Gitarren-Tricks abgucken. Es war der richtige Riecher, nicht mitzukoksen… Merke: Blues kann Leben retten.
  1. He don’t live here no more – Ich hatte ein Ticket für die erste Reihe und fand mich in der letzten wieder; war ich zu weit gegangen? Hatte ich den Bogen überspannt? War ich der im Wal und draußen klopfen sie immerzu: Isser noch hier? – Subtextvariante: Unsere erste Bleibe wurde eine Art Mekka, hier hatten wir ein paar wichtige Songs eingespielt, gekifft und gesoffen wie alle; der Hippiemessias war mit von der Partie. Nee, er wohnt hier nicht mehr! Ich war permanent auf Entzug, Enthaltsamkeitstraining, aber es wurde nix, denn immer wieder klopft es, während man den eigen Datterich unter Kontrolle bringen will: Ey Man, isser da? Kann ich ihn mal sehen? Und der nächste Joint flattert ins Haus, aber Bob wohnt gar nicht mehr hier…
  1. the right mistake – Und so zog die Karawane weiter. Von Stadt zu Stadt. Und man sammelt seine Narben und versucht immer den „richtigen nächsten Fehler“ zu machen. Denn die heutigen Fehler werden morgen Erfolge sein und umgekehrt. Absurd. Also lass uns Fehler machen, die uns weiterbringen.
  1. this is where I get off – Es wurde mit den Jahren immer schlimmer. Alles verändert sich, nur bei uns tat sich nichts. Wir hatten Erfolg, aber es brachte uns nicht weiter…. Subtext: Wie die letzte Lumpenbrigade zogen wir fixend und fickend durchs Land. Ich hatte es doch schaffen wollen! Nach oben! Deshalb stieg ich aus. Die anderen rafften das nicht. Elendes Gezerre um jeden neuen Song! Keine Entwicklung nirgends. Deshalb stieg ich aus.
  1. fear of falling – wann fing das eigentlich an …. Ist das an einen Ort gebunden oder an ein Gefühl? Haben wir nur geträumt? Haben wir es nun satt oder wollen wir weiter träumen? Warum kommen wir nie über die Startposition hinaus? Sieh dir an, was wächst und was vorwärtskommt. Warum nicht das, was wir träumten? Sind wir so tief unten oder stürzen wir erst noch? Wie lange zappeln wir noch an anderer Leute Draht?
  1. she’s not mine – und dann kam ich nach Hause, so down and out; ich brauchte jemanden zum reden und hoffte den alten Faden von einst wieder aufnehmen zu können … ich hätte es wissen müssen….sie ließ sich lange bitten und schließlich kam es zum Date: Ein fremdelndes Abtasten, ein paar Sätze über Filme… einst war sie die, die zu mir gehörte, aber ich war New York süchtig… ich musste dahin und sie blieb zurück; sie verstand es nicht; ich bettelte schon damals am Telefon, sie soll mich besuchen kommen, soll mich sehen, auf der Bühne – ihr Unverständnis konnte ich durch die Leitung spüren…. sie mag zu irgendwem gehören, ich bin es jedenfalls nicht….
  1. Also hin zu Madame X.; instrumentale Streicheleinheiten! Man rate, wo die Inspiration herstammt…..
  1. Axman – Der Axtmann kommt! Seit Jimi geht das so. Klar, das war herrlich. Wir machten uns auf den Weg, wann immer er irgendwo in der Nähe war. Er, B.B. King und so viele andere seither. Das gab immer soviel Auftrieb! Die Klänge befreien dich, machen die Nacht zum Tag – Fete, Absturz, Filmriss. Der Axtmann kommt! Wenn einer verloren geht, gibt es bald den nächsten. Immer wieder.
  1. Won’t be back! – Nee, dahin will ich nicht zurück. Die Jungs von damals wollten mich locken: Wieder auf Tour? So tun, als wär man ewig 25? Nee, ich brauch das nicht mehr. Ohne mich, Jungs! Macht euch nichts vor: Euch vermisst auch keiner. Der nächste Gitarrengott ist längst geboren.
  1. Clairvoyant – Benedictine, eine Verwandte der Isis und der schwarzen Madonna, konnte in die Zukunft sehen und mein Rätsel lösen: Mein Zeichen ist der Skorpion, wir gefährden uns, reiben uns auf, töten uns selbst… Plötzlich sah ich klar: Wer um die Ecken sehen kann, weiß, was als nächstes kommt – So erlangte ich den Durchblick; so lernte ich zu trennen, was lohnt und was nicht; ich genieße den Augenblick; das Bisschen, was zählt ….
  1. Tango for Django – Instrumental; aber die logische Konsequenz aus den Vorangestellten Tracks ist: Der Rock&Roll ist durch! Django Reinhardt. Days before Rock&Roll. (Aber eigentlich klingt das nicht nach Djangos Swing-Klampfe. Hatte er eventuell einen Filmmusik-Deal für Quentin Tarantio’s “Django unchained”, der dann platzte? Jedenfalls klingt die Nummer nach Robertsons ureigenem Americana-Stil mit ordentlich Indianermelancholie.) DAS nutzt sich nicht ab. Das bleibt noch. Für die Restzeit. Darauf einen Dujardin.

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