On the Prog Path (16)

Man muss Bands mit dem richtigen Stück zur richtigen Zeit kennen lernen, damit man sie lieben kann. Aber manchmal klappt auch das nicht.

Als erste Nummer von Chicago hörte ich „I’m a man“ , als zweite Nummer „ Old Days“, dann kam schon „Do you leave me now“, ich glaubte Fan werden zu können, aber dann – nee, dieses Getute und Generve… Bläser? Nicht, wenn‘s sich vermeiden lässt!

Mit Blood Sweat and Tears lief es ähnlich: Was ist doch „Ride Captain ride“ für ein Übersong! Und dieses Jazzpiano da in der Mitte! Auch „Hollywood“ mit diesen Kreischweibern, die wie Cocker seine klingen! Aber sonst? Tröööööt! Pfeif-Fietsch! Und dann noch der Clayton- Thomas, der immer singt, als würde er mit seiner Zahnprothese kämpfen… Nee, auch das ging nicht über längere Distanzen.

Ja, und dann war da eines Tages dieses Schlagzeugsolo auf meiner Kassette: „Time machine“. Eine Aufnahme aus der sehr lehrreichen „Musik für Nussknacker“ von HR 3. Der sich die Nummer gewünscht hatte, hatte 4 Rätsel der letzten Sendung richtig; somit wurden die 7 Minuten ausgespielt.

Der Überdrummer sollte das sein. Dafür hielt ich bis dahin Keith Moon. Aber nun: Jon Hisemann!

Der hatte‘ne Band! Von der hörte man auf dieser Aufnahme nichts. Aber die hieß Colosseum! Sofortige MOSAIK- und Felix-Dahn-Assoziationslawine! Wenn die so heißen, müssen die gut sein! So denkt man halt mit 15!

Bald darauf gab es „Lost Angeles“ sogar im Ostrundfunk, also rauschfreie Aufnahme – das war schon auch nicht übel, bloß…. Der geneigte Leser wird es ahnen: Warum tutet da immer dieser eine Typ dazwischen?

Zwar gefiel mir die Nummer trotzdem „irgendwie“, so ungefähr wie „25 or 6 to 4“ oder „Mother“ von Chicago, aber so richtig Herzblut regte sich da nicht. Die älteren aus der Patenklasse hoben die in den Himmel! Und je mehr Interviews mit „unseren Tanz- und Unterhaltungsmusikern“ Mode wurden, outeten die sich als von Colosseum stark beeinflusst! Darunter auch der Schlagerfuzzi Hans-Jürgen Beyer! (Dessen Bandsängerschicksal bei den überraschend und wegen „nichts“ verbotenen Bürkholtzern wir damals nicht kannten) Was hat „Taaaaag für Taaaag und Jaaaahr für Jaaaahr!“ mit „Lost Angeles“ zu tun? Diese Breitenwirkung war schon verblüffend.

Während der Fahnezeit bekam ich die „daughter of time“ angeboten. Ein anderer Musicjunkie hatte sich damit bekauft. In New Wave Zeiten klangen die nun echt antiquiert. Ich nahm sie aus „historischen“ Gründen. Darauf gibt es das „theme for an imaginary western“ und 1980 erschien auch die 2.LP von Karat mit der „Musik zu einem nichtexistierenden Film“. Wow! Der Swillms also auch!

Unter den Resis in der Kaserne waren welche, die hatten noch Panta rhei live gesehen. (Aus denen ging 1975 Karat hervor) „Das waren die Colosseum der DDR!“, hieß es da und schwups bekamen die leuchtende Pupillen! Die schwärmten von langen Improvisationen und Chicagocoverversionen und zu allem Übel auch noch von einer „ganz heißen“ Veronika Fischer als deren Sängerin!

Um die nun wieder wurde in der zweiten Hälfte der 70er ein Geschiss gemacht, als wäre Janis in der DDR wieder auferstanden. Kultur-, Musiker-, Plattenpreise zu vergeben? Gebt euch keine Mühe. Kriegt sowieso alles die Fischer! Und dabei fand ich an der rein gar nichts. Die war weder heiß, noch sang die textlich „gutes Zeuch“! Aber die hatte Franz Bartzsch und Frank Hille in ihrer Band! Und die machten die „erste Supergroup der DDR“ auf: 4 PS. Blöder Name, tolle Musik, mit teils grauslichen Texten. Leider. Eine LP bekamen sie erst posthum ende der 90er auf CD, als man all ihre verstreuten Stücke kompilierte. Für Ossies meiner Generation UNENTBEHRLICH!

Das Geschwärme in Prora hatte zwei Folgen:

1980 erschien auch die 4. und letzte DDR-LP von Veronika Fischer – „Goldene Brücken“, die ich kaufte. Da ist immerhin kein „Sommernachtsball“ oder „Auf der Wiese haben wir gelegen“ oder „Klavier im Fluss“ oder ähnlicher Stuss drauf. Textlich geht das auf der „Brücken-Pladde“ ganz ohne Fremdschäm-Effekte ab. Musikalisch ist es 4 PS Sound pur. Der Titelsong schien wirklich Brücken nach Hamburg zu Novalis und deren „Irgendwo, irgendwann“ schlagen zu wollen.

Kaum hatte ich die gekauft, sprach sich herum, dass „die Fischer nun auch abgehaun“ sei. Sogar mit Visum! Darf also 3 Jahre überlegen, ob sie wieder zurückkommt!

Das Staunen war groß! Was hat die denn vertrieben? Prämiert, privilegiert und Texte ohne Ecken und Kanten?! Weniger bekannt war, dass zuvor ihr Keyboarder und Komponist Franz Bartzsch „die Flocke gemacht hatte“. Da waren nun also nur noch 3 PS übrig – aus denen Pankow werden sollte! Und die brachten mich gemeinsam mit Silly durch die 80er! Aber das erzähl‘ ich später mal.

So um 83 herum erschien in der Amiga-Reihe „Die frühen Jahre“ eine Pantha rei LP. Die wollte ich fast kaufen, aber mein Raumteiler im Wohnheim war schneller. Das bewahrte mich vor diesem Fehlkauf. Hach, klang das rumpelig, zertutet und irgendwie „unrund“. Kunststück. Im Parolenzeitalter der NDW mit klaren Ansagen.  Ähnlich wie im Falle von 4 PS musste erst die Mauer fallen, damit eine brauchbare Panta rhei CD entstehen kann. Zwar ist sie auch jetzt nur unter zeithistorischen Aspekten anhörbar; aus diesem Blickwinkel aber auch hochinteressant. Obwohl auch diesmal „Finis“ und „180 Tage“ fehlen. Das waren wirklich die „Colosseum der DDR“.

Schließlich hieß es irgendwann in den späten 90ern: „Theme for a reunion“! Bäm! Colosseum wollen es in Originalbesetzung nochmal wissen! Rums! Und wie! Das klang schon mitreißend. Jedoch erschien mir das Getute auch „gezähmter“, was Alt-Fans vermutlich eher ärgerte. Mir gefiels. Es gab auch neuere Veröffentlichungen, die sich hören lassen konnten. Zu großer später Liebe zwischen mir und der Band kam es jedoch trotzdem nicht mehr. Aber sie bleiben unwidersprochen eine – nein – DIE Keimzelle des Prog; formaly known as ARTROCK.

Jon Hiseman hat mich weitergebracht. Diese Woche starb er. Alle unsere großen Türöffner sind nun mal leider in „den Jahren“…

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3 Gedanken zu “On the Prog Path (16)

  1. R.I.P. Jon Hiseman war ein exquisiter Drummer. Das beste Album von Colosseum ist für mich „Valentyne Suite“; professioneller Jazzrock aus den frühen Siebzigern: heavy, psychedelisch und experimentell.

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  2. „Man muss Bands mit dem richtigen Stück zur richtigen Zeit kennen lernen, damit man sie lieben kann. Aber manchmal klappt auch das nicht.“ Diesen Satz unterschreibe ich, denn er trifft den Kern. Auf den richtigen Zeitpunkt und die passende Gemengelage kommts an.
    Manchmal klappts auch später und manchmal eben nie.
    Blood, Sweat & Tears war mir zu schwülstig und Chicago (Transit Authority) oberschwülstig. Und dennoch steht von denen das erste Album noch immer hier. Die Cover Version von Steve Winwoods I´m a Man finde ich noch immer grandios und Free Form Guitar hatte was geradezu anarchisches.

    Es gibt Musiker, von denen nicht mal die schwächeren Alben ganz schwach sind.
    Von Jon Hisemans Colosseum steht fast alles hier. Sogar die drei Alben von Colosseum II. Schwächere Werke für meinen Geschmack. Aber der Trommler hat seinen Weg zurück zu seinen Wurzeln gefunden. Bread & Circuses von 1997, das erste Album nach der Reunion, ist für mich noch immer ein Kracher.
    Den Mann habe ich trommeln gesehen mit Colosseum, zusammen mit seiner Frau Barbara Thompson (Paraphernalia), dem United Jazz & Rock Orchestra und in einigen Session Formationen. Und die übrigen Stammspieler von Colosseum in allen möglichen wechselnden Besetzungen.

    Die Text erwähnten Pankow kenne ich erst seit kurzem und höre deren Alben zunehmend lieber.

    Gefällt 2 Personen

  3. Theme from an Imaginary Western fand ich ehrlich gesagt von Mountain besser, daher war ich von der Daughter of Time nicht so ganz begeistert (Flohmarktkauf wg. Time Machine) aber die Livescheibe rockt noch heute unverändert. Walking in the Park, Skelington, Lost Angeles… großartiges Getute, nur für Prog hab ich das nie gehalten, für mich war und ist das Jazzrock.

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