The days before Rock & Roll (4)

„Borrequito como tu….“ Den Krankenschwestern fiel nicht auf, warum die 5 Hanseln da alle so auf dem Laufenden waren und den gleichen Ohrwurm hatten; so abgeschirmt von der Außenwelt. Hätten sie gefragt, hätte mit Sicherheit einer aus der Runde auch noch Chris Roberts gesungen: „Mein Name ist Hase. Ich weiß von nichts!“ Die ganz natürlich eingetretene Rationierung des verbotenen Radiogenusses hatte den Effekt des „weniger ist mehr“. Was am Abend vorher lief, hallte am Tag darauf länger nach und „Borrequito“ hatte zu der Zeit ja heavy rotation.

„I did what I did for Mariaaaaa“ kam auch so oft, dass es in Erinnerung blieb.

Und dann war da noch dieser Typ mit dem blöden Namen: Nil Deimänd. Das arme Schwein! Der hatte ne fetzige Stimme. „Haaaahli hooooli hai!“ Das ging auch so richtig schön rein; passte irgendwie zu den klassischen Gesängen von den Platten der Eltern, klang aber nicht so unnatürlich knötelnd wie dieses Peter-Schreier-Geplärr und gleichzeitig war da so was Düsteres; anheimelnd Gespenstisches: So singt man auf Schatzsuche! Oder beim Lesen alter zerfledderter MOSAIKS!

Noch besser war dieses „Sweet Caroline!“ Pam-pam-pam… Wie ein Gefechtsritt mit schwerem Säbel! Gerettete Prinzessin vor sich auf dem Sattel, das Pferd nur mit Pfiffen und Schenkeldruck dirigierend, weil man die Hände frei haben muss für Hieb und Schuss… Das war bestimmt ein KERL! Mit richtig langen Haaren!

Aber, dass der Nil Deimänd hieß! Der Vorname erinnert an eine langweilige Schwarte und der Nachname an Weiberschmuck. Peinlicher gehts ja fast nicht. Außer man heißt Anselm Findeisen. Aber andererseits machte das auch Mut, dass man nicht Roy Black oder Chris Roberts heißen muss, um berühmt zu werden.

„Nils Holgerson“ war ein Westkinderbuch, dass irgendwie den Weg über die Mauer geschafft hatte. „Einfuhr von Druckerzeugnissen aus dem nichtsozialistischen Ausland…“ war ja nicht vorgesehen zu jener Zeit, in der ein Bundeskanzler gerade erst eine Polenreise unternahm, die ihn unsterblich machen sollte. Nun stand da dieses schicke Westbuch im Bücherschrank und Anselm hatte es lesen wollen, aber – es erwies sich als unlesbar. Da war rein gar nichts los! Federvieh ist nun auch wirklich nicht so fetzig wie Hunde oder Wunderpferde, es sei denn man hätte einen zahmen Adler auf der Schulter, aber Gänse?     (Sorry Graugans! Fühl dich bloß nicht angesprochen!)

In die zweite Halbzeit der großen „Freiheitsberaubung“ vom Sommer’71 fiel dann noch Post von der Klasse:

Wir wünschen dir gute Besserung und dass du bald wieder bei uns bist. Unterschrift Martina.

Die war die ewige Gruppenratsvorsitzende und hatte das auf Befehl der neuen Klassenlehrerin schreiben müssen. Das wusste Anselm. In der 4. Klasse war Dagmar lange krank und da war das auch so. Dann hatten alle noch unterschreiben sollen, worauf es Gemaule bei einigen Jungs gab:

 „Wieso müssen wir denn bei den Weibern unterschreiben!“

„Klappe halten. Setzt da jetzt euern Willi drunter. Das gehört sich so. Punkt!“

So ähnlich war das sicher auch in seinem Fall geschehen.

„Der kann ruhig da bleim. Der trifft eh keen Ball! Und renn‘ kanne och nich.“

Der Sportminderwertigkeitskomplex saß tief.

„Obor Witze kanne! Janze Liedor sogar!“,

tröstete sich Anselm über jene trübe erste Anwandlung hinweg. Vielleicht war’s ja so.

Alle hatten brav und steif als Andreasse und Dietmar und Dagmar und so weiter unterschrieben. Kein Andi, Impfe, Daggy – nix Spitznamen. Nur mitten drin ein Ecke S. Da hatten sie wohl wieder einen Sitzenbleiber dazu bekommen. Und dann war da noch gut lesbar – Frau Bast. Das war auch ein Grund zur Sorge, denn die war als streng berüchtigt. Es wird sich doch nicht die alte Pein der Frau von Turnberg aus der 3. Klasse wiederholen?

Auf den Geschichtsunterricht freute sich Anselm schon, das Lehrbuch war spannend illustriert: Urmenschen, Gladiatoren – herrlich. Genau sein Ding! Textlich war das nicht so einfach zu verstehen: Urgesellschaft ohne h – was sollte das sein? Mesopotamien, Assyrer – hm. Aber hinten mit Rom kam er auf Anhieb klar, dank der frühen Abenteuer der Digedags, die er ja nun kannte. Sein neuer Bettnachbar besaß 4 alte Hefte und dann erst wieder Runkel ganz weit hinten ab der 130. Die 7,8,10 und 11 bildeten da so eine einsame Besitzinsel in seiner Sammlung. Und die 11 war extrem selten hatte Jürgen (I) gewusst. Anselm hätte gern alle 4 gehabt, es gelang ihm aber nur die 10 an Land zu ziehen. Somit hatte nun auch er so einen ganz frühen Ausreißer vor Heft 73. Ansporn zum Weiterhoffen. Würde er das Wunder fertig bringen, die 62 Hefte dazwischen aufzutreiben?

Wenn er nur endlich hier raus wäre!

Der September war rum. Der Oktober angerissen, der Geburtstag nahte – und ging vorbei. Wie bei Jürgen (I)! Auch das noch! Aber quasi als Geburtstagsgeschenk gab es die Aussicht, „Wenn die Befunde diesmal stimmen“, dann — vier Tage später waren sie da und „stimmten“. Befreiung! Nach 11 Wochen! Heiiiiim! Und obendrein mit Sportbefreiung für’s ganze Schuljahr!

„Butterfly, my Butterfly! Jederrr Tack ab jetzt wird schönn!

Butterfly, my Butterfly! Mannschaftswahl muss‘ch keene mehr bestehn!“

Als Mutter zur mittwöchigen Besuchszeit kam, hatte sie vorsorglich herbstliche Kleidung mit, denn die kurzen Hosen vom Sommer wären nun nicht mehr gegangen. Allerdings war es die kratzige Dederonhose mit der harten Naht am Innenbein, in der er immer erstmal ein paar Minuten wie „eingepisst“ herumstaksen musste, bis die Gefühlssensoren der Haut kapitulierten. Diesmal hätte er allerdings auch eine aus blanken Scheuerlappen genähte angezogen, um nur ja schnell genug wegzukommen.

Endlich, endlich wieder daheim. Kaum eingetroffen, klingelts schon:

„Und? Isse endlich wüddor raus?“

„Udooooo!“

Der ist nun auch 5.Klasse und schimpft erstmal los auf Mathe und die Scheißbruchrechnung. Anselm bietet an, sie ihm zu verklickern, was wiederum Udo verblüfft:

„Die machen wo’ Schule dadrinne, indor Glinik?“

Schließlich verabschiedet er sich wieder; Abendessen und ab ins Bett.

Erste Nacht zu Hause. Etwas ist anders als zuvor. Vor 11 Wochen hatten sie noch Tierklinik mit Kuscheltieren gespielt. Wie dusslig ihm das jetzt erschien! Eine Ewigkeit her!

Nun lag er im Bett und neben sich den STERN CLUB.

Niemand würde jetzt kommen und die allabendliche Sendersuche stören. Kein Tarnungszipfel war mehr nötig.

Aber auch kein Zimmerkumpel in der Nähe, um über die Songs abzulästern und herum zu blödeln. Schade irgendwie. So alleine.

Das Radio verlor an den nächsten Abenden seinen Reiz fast völlig. Es verschwand in der Nachttischschublade und wurde schließlich vergessen. Als es nach etwa einem Jahr wieder Dienst tun sollte, weil da Luggie jene denkwürdige Vertretungsstunde im Musikraum gestaltet hatte, funktionierte es nicht mehr. Die alten Batterien vom Jahr zuvor waren ausgelaufen.

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7 Gedanken zu “The days before Rock & Roll (4)

  1. Nil Deimänd ist der Typ bei dem meine Eltern immer gesagt haben „Guck mal, der hat auch lange Haare, aber die sind wenigstens gepflegt!“
    Cracklin‘ Rosie fand ich damals ganz nett, aber danach konntst mich mit dem jagen. Viel zu viel Orchesterbrimborium, Fanfaren, Streicher, fuuuurchtbar.

    Gefällt 1 Person

    • Naja, bin ja wiederum später dran, als du und seine Mähne fand ich wirklich super. Vor allem auf dem Cover seiner Best of, die so 78 oder 79 im Intershop hing. Da sah er aus wie der Beethoven auf dem Klavier meiner Akkordeonlehrerin. Ich hatte kein Westgeld und der Zahn tropfte gewaltig.
      Musikalisch isses so eine Sache: „Holly Holy“ und „sweet Caroline“ fand ich immer super. „Sung song blue“ war mir zu billig gestrickt und bei „Longfellow serenade“ bin ich wiederholt auf den schönen 1. Teil hereingefallen, bis mit dem Refrain dann wieder dieser Erntefest-Omi-Schieber losgeht. Dann isses plötzlich Melniker Knödel/Rosamunde auf english. Solche Nummern hat der leider auf jeder Pladde. Obwohl die ansonsten recht anständig sein können: Die „Serenade“ hat „Maria Magdalene“ und die „Beautiful Noise“ (Der Song is auch so ein Umtata-Schieber) hat „dry your eyes“(Last waltz geadelt) und „You know what I mean“ – und letzterer Song hat mich glatt niedergeschmettert, weil er mir beim ersten Hör im Rundfunk aufnahmetechnisch durch die Lappen gegangen ist: Es war als ob dem Junkie einer das Tütchen hinhällt und dann wieder einsteckt. Schreckliche 3 oder 4 Wochen später erst erwischte ich ihn dann doch und erwog allen Ernstes sofort, hinten die Nippel aus der Kassette zu brechen, damit ich bloß dieses Lied nie wieder (eventuell aus Versehen) lösche. Als ich nach der Wende dann die LP kaufte, war ich ziemlich entgeistert über den Rest: Das war so ein mißglücktes Mardigrasstinnpanalleyjazzpopding was nicht aufging, weil olle Neil die Sinatra’sche Leichtigkeit abging. Er singt da zu hüftsteif und ohne Fingerschnipp. Eigentlich ein Graupenalbum.
      Schließlich brachte die DDR anfang der 80er dieses „Not for ever in blue jeans“ album heraus. Das hieß irgendwie anders. Ich hatte es ne kurze Weile, weil der Hit war radiomäßig totgedudelt und er issja ein weiterer solcher Schieber. Noch übler allerdings war dieses marschmusikalische „Desireh oh Desireh“ und das allerletzte ist diese Ohren-Ebola erzeugende „You don’t bring me flowers“, denn das gehört auch unter die Prora-Songs.Die Pladde musste schnellstens wieder verkaupelt werden.

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      • Ich hab da so ein frühes Cover mit furchtbarer Föhnfrisur in Erinnerung, das wäre eh nichts für meine Haarphysik gewesen. Frisurentechnisch war ich eher der frühe Mick Fleetwood, nur mit mehr Haaren auf dem Kopf. Lang hängen lassen *g*

        Dass der Deimänd für zahlreiche Alben gute Kritiken bekommen hat ist mir bewusst, das war in den 70ern ja schon so. Eventuell könnte ich dem sogar etwas abgewinnen, denn das Singles nicht unbedingt aussagekräftig sein müssen habe ich vor Jahren schon bei The Cure gemerkt. Die fand ich aber gerade spannend zu dem Zeitpunkt, was ich heute von Neil Diamond nicht unbedingt behaupten kann.
        Ich bleib besser bei Neil Young, der rockt wenigstens.

        Gefällt 1 Person

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