The days before Rock & Roll (3)

Der Rheuma-Spuk ging so plötzlich, wie er kam: Nur zwei Tage nach der Einweisung hatten die Fußgelenke ihren normalen Umfang wieder und taten auch nicht mehr weh. Allerdings gab es seit dem ersten Tag eine tägliche Spritze Penicillin und das sollte noch 12 Tage so weitergehen. Zwei  Wochen Ferien schienen noch rettbar. Die Hoffnung wuchs rasant. Wer aber nach 14 Tagen entlassen wurde – war Theo. Nix wars mit Rückkehr des Dakotahelden aus der Pein der Reservation oder aus der Kellerhaft des Forts am Niobara. Trösten sollte lediglich die Neuigkeit: Von nun an gibt es nur noch 2x die Woche Retacillin. Na super! Und mit Theo war auch das Radio wieder weg.

In Theos Bett wurde Jochen platziert. Er war 13 wie Jürgen und Dieter, und er hatte Rheuma wie Anselm.

Dieter durfte inzwischen aufstehen, stand an seinem Bett als er eintraf, sah die Füße und schrie gespielt panisch auf:

„Noch so eehner! Is das die neue Seuche? Schwestooooor! Das is kee Rheuma – das is de Beulnpeeeest!“

Schwester Heidi amüsiert grinsend:

„Halt die Klappe, altes Spinnschwein!“

Unstoppable Dieter aber zu Jochen:

„Junge! Du bist toooot.“

„Klar. Abor dich nehmch mit in de Gruft.“

Jochen war ihm gewachsen.

„Ma‘ im Ernst: Is hier überhaupt schonnema ehner abgenippelt, solange ihr hier seid?“

„Na dreima darfste raten, warum dei Bett frei war!“

Und ins allgemeine Losprusten:

„Hier hinten am Schrank stermse immer zuerst. Wechen: Keehne frische Luft und so.“

Schwester Heidi hält sich die Stirn und flieht.

Jochen tat bedröppelt und lachte mit. Er erwies sich als willkommene Ergänzung: Er sammelte ebenfalls Mosaiks, hatte ein paar West-Comics und er brachte Karl May ins Spiel. Er las „Im Tal des Todes“ und schwärmte so, dass Anselm schließlich bei der Besuchszeit einen Zettel mit nach draußen schickte, mit der Frage, ob daheim in Vaters Bücherschrank nicht auch irgendwo ein Karl May Buch herumstehen könnte. Prompt kam bei der nächsten „Winnetou III“ und ein Begleitschriebs des Vaters, dass Band I und II es nicht über die Grenze geschafft hatten, aber man könne auch mit Band III starten. Okay. Die Söhne der großen Bärin waren durch. Winnetou schien da goldrichtig, aber der Erstkontakt mißlang. In der Hälfte des Buches gab Anselm auf.

Der August ging hin. Die Zimmerbesatzung wechselte. Aus Dani wurde Jürgen (II), aus Dieter wurde Axel, der das Bett nach kurzer Zeit für Thomas räumte. Nur Jürgen (I) war von der alten Runde noch da. Zunächst hatte er das Pech, Geburtstag im Krankenhaus zu haben – immerhin gabs in so einem Fall die Ausnahmeregelung, dass die Familie ans Bett gelassen wurde. Andererseits wurde er kurz darauf auch entlassen. Sein Bett blieb eine Weile leer.

Im Haus gegenüber der Klinik war Einschulung. Ein Mädchen mit Zuckertüte und die ganze Familie – erst Foto vor dem Haus, dann Feier auf dem Balkon. Anselm gab das einen Stich. Die Schule ging los! Im Krabbelzimmer nebenan lag ein 5jähriger seit Ostern mit Herzrheuma. Ein frustrierendes Beispiel. Dessen Eltern durften immer ans Bett – immerhin.

Die Ferien waren nun im Eimer. Unwiderruflich. Eine neue Angst entstand: Die 5. Klasse bringt viele neue Fächer. Wenn das noch lange dauert, dann – wird er eventuell zurückgestuft. Wie ein Sitzenbleiber! Gehänselt von der alten Klasse, nicht gemocht in der Neuen! Der Jahrgang unter ihm war nicht beliebt. Drei oder 4 jüngere Geschwister von Klassenkameraden waren da drin und nur ein Jahr jüngere Geschwister wurden immer gehasst, weil sie alles leichter hatten, als man selbst. Also war das ein Idiotenjahrgang nach Mehrheitsmeinung!

Die 6.Woche brach an. Beschulung am Krankenbett durch 2 pensionierte Lehrer stand bevor. Nur Mathe, Deutsch und bissl Russisch. Alle anderen Fächer würden fehlen. Bio, Geschichte und Erdkunde aber wären so neu wie Russisch. Das reißt Lücken! Anselm sah alle Hoffnung schwinden. Eben noch witzig mit den anderen albernd oder kreativ Comics malend, saß er ab 1.September apathisch im Bett, brachte lustlos die 2 Stunden täglichen „Unterricht“ hinter sich, starrte ansonsten aber tränenden Auges vor sich hin: Ich komm hier nicht mehr raus!

Die Schwestern versuchten es erst auf die saloppe Tour: „Ey Indianerhäuptling! Es ging doch bisher! Du bist doch schon so tapfer gewesen, bei allen Spritzen und Blutsenkungen….“

Er zuckte die Schultern und aß auch nicht mehr. Hannelore kam schimpfen. Leck mich doch am Arsch, dachte er nur. Die wills dem Chefarzt sagen. Der mich auch…

Einer der Ärzte setzte sich ans Bett und wollte ihm erklären, dass er kein Herzrheuma habe, wohl aber ein Herzgeräusch, das erst abklingen müsse und „nur“ deshalb sei er noch hier. Aber auch die rationale Sachlichkeit half nicht. Das klang immernoch zu sehr nach: Kann nächste Woche weg sein, oder du bist nächstes Jahr noch da!

Dann kam die einzige Ärztin im Tross der Visite auf die Idee:

„Wir lassen deine Eltern ab jetzt rein. Kannst mit Mutti und Vati sprechen. Willste?“

Kritische Blickwechsel der anderen Weißkittel: Was tut die da grade! Sakrileg!

Natürlich will er und natürlich will er nicht! Denn Eltern ans Bett lassen, bestätigte automatisch: Du bist ein hoffnungsloser Fall. Wir geben auf. — Aber es half.

Die nächste Besuchszeit kam. Die Eltern wurden rein gelassen. Es gab viiiel abzuspulen: Theo und das Radio, Toka-ihto war besser als Winnetou, versuch’mers mal mit Coopers Lederstrumpf… Das Problem „Zurückstufung“ wurde im Familienrat zerstäubt. Mutter wollte beim nächsten Mal das Bio- und das Geschichtsbuch mitbringen.

„Lieste schon mal bissl vor. Das meiste verstehste auch von alleine. Bist ja nicht blöd. Den Rest holste schon noch auf.“

Der Appetit kehrte zurück. Die Krise war überwunden.

Beim nächsten Besuch am Bett beugte sich bei der Verabschiedung Vater über seinen Sohn und raunte:

„Lass es verschwinden.“

Dazu eine unauffällige Kopfbewegung zu seiner Hemdtasche. Anselm guckt, reißt die Augen auf, (WOW!) greift zu und lässt einen nigelnagelneuen STERN CLUB unterm Kopfkissen verschwinden.

Vater rügt sofort durch Kopfschütteln das schlechte Versteck. Anselm flüstert:

„Pack ich nachher ganz hinten inde Schublade.“

Die Nachttischschubladen wurden von den Krankenschwestern, beim feucht Abwischen des Mobiliars, wenn überhaupt, dann nur halb aufgezogen. Hinter der Indianertüte und der Zahnspangenbox war er sicher.

Keiner im Zimmer hatte was mitbekommen. War das ein Hallo am Abend, als Anselm aufdrehte!

Aber ganz so gewieft wie Theo war er noch nicht. Die Sendersuche gestaltete sich als schwierig auf dem kleinen Ding. Und Radio Luxemburg war ja schon bei Theo immer weggeschwankt. Deshalb kamen jetzt andere Sender ins Spiel, die stabiler blieben, aber eher Schlager sendeten:

„Lass mich nicht warten, auf eine Liebe, wie im Rosengarten“ – den gab es wirklich! Der lag auch keinen Kilometer weit weg, oben am Buchholz!

„Der schwarze Mann auf dem Dach, der winkt herunter und lacht…“ erinnerte ihn an seinen Flötenunterricht in der Wohnung der alten Frau Krause. Sogar den vermisste er jetzt! Vor dem Fenster glitt dort der Blick allzeit über dieses Spitzweg-Panorama mit den Hinterhöfen der Altstadt und dem Antennenwald, wo man des öfteren Schornsteinfeger „in action“ sah, wenn sie diese Kanonenkugel an der Kette in die Essen gleiten ließen.

„Sweet Hitsch o Heike!“ von Sissi Ahr: Ja, Heike, die Gastwirtstochter aus seiner Klasse, die zwar ein blödes Mädchen war – wie alle Weiber, aber schon so dramatisch gucken konnte wie Claudia Cardinale in „Cartouche der Bandit“. Die passende Mähne hatte sie eigentlich auch. Dichtes, schwarzes Wuschelhaar. Schulterlang. Ohrstecker schon seit der Einschulung. Aber viel zu viele Vieren. Zu blöd. Sowas heiratet man nicht!

Das Radio versüßte die Abende. Die Batterien hielten durch. Wie Theo lag Anselm nun im Bett und hielt mit einer Hand den Kopfkissenzipfel über dem Radio hoch, und fühlte sich GROOOOSSS, während die andere Hand am Ein/Aus-Rädchen immer bereit zum Abschalten verharrte. Nach nicht mal einer Stunde war allabendlich Schluss, weil das allen zu langweilig wurde, und zum Karten spielen brauchte man die Hände frei. Winnetou-Quartett; Mau-mau, Offiziersskat, 17 und 4; 66, dann das übliche Blödelprogramm.

Eines Tages wurden zwei Schwesternschülerinnen durch die Räume geführt und bekamen die „Fälle“, also Anselm, Jochen & Co erklärt. Dann liefen sie mit, wenn die Laborschwestern auf Blutsauger-Tournee waren oder beim Fiebermess-Törn der anderen. Schon bald kamen sie aber auch alleine – und Schwester Rita war sehr, sehr hübsch:

Eine braungebrannte Blondine in diesem weißen Schwestern-Outfit, (dezenter Mini!) betritt das Jungszimmer nach dem Mittagsschlaf, der meist ein sehr tiefer war, denn die Nächte waren kurz; knallt das Thermometertablett auf den Tisch zwischen den beiden Fenstern, zerrt die Jalousie hoch, Lichtschlag! Konfuse Blinzelei. Schwester Rita grinst und befielt:

„Alle Mann rum!“

Die verbliebenen vier drehen sich auf den Bauch, kriegen das Thermometer verpasst und dann beginnt Rita ihre Pulsmessrunde bei Anselm:

„Flosse, Genosse!“

Er rutscht noch ein paar Zentimeter an den Bettrand, legt sein Handgelenk in ihre Hand und hat nun eine halbe Minute Zeit diese Kniee da zu bewundern: Milchkaffeebraun unter weißem Schürzensaum; wenn man genau hinsieht, fast sowas wie Gänsehaut. Nirgends ein Mückenstich am Schienbein …

„37,1. Erhöhte Temperatur.“ konstatierte sie.

Wäre Anselm älter gewesen, hätte er ihr erklären können, wie das wohl kommt. So aber ärgert er sich lediglich: Mist! Keine Konstanz – keine Entlassung in Sicht!

Abends dann im Radio:

„Das schöne Mädchen von Seite 1. Das möchte ich haben und weiter keins.“ Den Song hat er „draußen“ schon auf dem Kamm geblasen. Neu ist der nicht. Aber wieso musste er da jetzt an Schwester Rita denken? Und wieso war der Text heute weniger doof als sonst?

Aber wie hatte Theo eines schönen Abends vor Wochen zu Dieter gesagt:

Was willstn du Ei immer eigentlich im Mädchenzimmer? Wenn eene von den‘ rüberkäme und sich an dei Bette setzt, dann krisste ne rote Rübe und weeßt nüschd mitter anzufang, du Mann!

Im Stillen gab Anselm Theo damals recht. Weiber! Überflüssig! Aber jetzt auf einmal?

„Tschä-Tschä-Tschä-Tschäindschääääs“

(sang da ein junger Engländer zur selben Zeit in den Hitparaden – aber nicht auf den Sendern im Stern Club in der Kinderklinik – von dem Anselm später einmal Fan werden sollte.)

Noch ging er also ganz ohne Bowie Veränderungen entgegen.

Advertisements

2 Gedanken zu “The days before Rock & Roll (3)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s