The days before Rock & Roll (2)

Das Sprechzimmer hatte 3 Türen. Er kannte alle 3 zur Genüge. Es waren zwei Zimmertüren von normaler Größe mit großbürgerlichem Schnitzrahmen der Gründerzeit. Durch die erste kommt man mit Mutti aus dem knarzigen Stahlrohrgestühl des Wartezimmers auf den Schreibtisch zu, wenn man aufgerufen wurde. Durch die zweite geht’s zum Röntgenkabuff halb rechts dahinter neben der Untersuchungspritsche. Durch die dritte große Ballsaaltür ganz rechts kommt eine Schwester und nimmt dich an der Hand. Das ist dann immer das Ende. Die gefühlte Hinrichtung.

Mutti nahm vor dem Schreibtisch des Arztes Platz; der kleine Dakota auf der Wachstuchpritsche dahinter- , wo er sich reflexhaft unaufgefordert auszuziehen begann. Zwischen den beiden nun der Chefarzt der Kinderklinik. Anselm auf der Pritsche hörte nie zu, wenn der Doktor sprach. Der sprach nur mit Mutti im Erwachsenendeutsch. Anselm saß auf der Pritsche. Oft. Das Zimmer prägte sich ihm ein. Ob er wollte oder nicht. Rechts – nun von der Pritsche aus gesehen – war so ein großer Ballsaal-Erker mit Fenstern in eine schicke Gartenwildnis, davor standen ein Motorroller „Pitti“, Tretrollerversion und ein Reitelefant mit Fahrradgriffen an den Ohren. Das war die erste seelische Grausamkeit, denn beide hätte Anselm gerne ausprobiert, als er noch das Kindergartenalter hatte, wenn da nicht immerzu die große Angst vor der großen dritten Tür gewesen wär. Außerdem hätte der Doktor ja nie erlaubt, dass jemand ihm die Zeit klaut, weil irgend so ein kleiner Wicht eine Runde „Pitti“ fahren will, IM SPRECHZIMMER! links die gefürchtete grooooße Tür, durch die die Schwester kommen würde, wenn’s wieder schiefgeht.

Anselm versuchte diese Tür zu hypnotisieren: Bleib zu! BLEIB ZU!

Manchmal gelang das. Manchmal halb: Eine Schwester kam zwar rein, brachte aber nur Akten und ging wieder. Uff!

Auf dem Weg zum „Termin“ hatte er schon genervt: Aber nicht wieder dableiben!

Versprochen wurde ihm das zwar jedes Mal, aber Erwachsene können sich irren – oder lügen.

Sechs-sieben Mal schon hatte ihn die Schwester abgeführt, ins „Krabbelzimmer“ der Patienten im Kindergartenalter. Mal 3 mal 4 Wochen „zur Beobachtung“, Bettruhe, Aufstehverbot, zweimal wöchentlich Besuchszeit nur am Fenster. Die Eltern auf der Straße winken und die Krankenschwestern bringen die Mitbringsel ans Bett. Kein Fernseher, kein Sandmann, kein Radio, kein Plattenspieler. Malen, spielen, streiten, Spritzen kriegen, Fieber messen, Tabletten schlucken. Er wurde scheinbar bei jeder Lungenentzündung, bei jeder Bronchitis weggefangen – zur Beobachtung.

Die Jahre gingen hin. Nach der Einschulung war wie auf Knopfdruck keine Einweisung mehr nötig. Die Tür Nr.3 verlor mit der Zeit ihren Schrecken. Die Erfahrung jedoch saß:

Krankenhaus ist scheiße und der Chefarzt ein Monster. So ein typischer Halbgott in Weiß, passend samt alter Villa eben erst einem alten Montagabend-Ufa-Streifen entsprungen; mit vielen Goldzähnen und so einem arrogant gepflegten Redestil, der die westdeutsche Herkunft verriet. Grusel. Eine Koryphäe zweifellos, Medizinalrat, verdienter Arzt des Volkes, Träger der Goldenen Eins und der Roten Mai-Nelke durchaus, vermutlich sogar Lebensretter des kleinen Möchtegern-Dakota kurz nach der Geburt – aber eben auch ein Kinder-Ein- und Eltern-Wegsperrer ohne Gnade.

Der 23.Juli 1971 wurde zu einem besonders schwarzen Tag in Anselms Erinnerungen

Es waren die Sommerferien zwischen 4. und 5. Schuljahr. Der zweite Tag nach der Rückkehr vom Bulgarien-Urlaub. Am ersten taten Schultern und Hüften weh. Es wurde gekühlt. Am zweiten waren Schultern und Hüften schmerzfrei, aber die Fußgelenke schwollen an und wurden steif. Ab zum Kinderarzt. Mitten in den Sommerferien! Wegen der kurzen Hosen musste er sich diesmal auf der Pritsche nicht mal ausziehen. Dr. Kinnauf beugte sich über die Füße, bewegte sie kurz einmal hin, einmal her.

(Zähne zusammen beißen, Dakooootaaaa!)

Mach mal Nicki hoch.

Abhören. Anselm ließ die große Tür nicht aus den Augen.

Das ist Wachstumsrheuma. Noch ist am Herzen nichts zu hören. Aber es ist nicht auszuschließen, dass daraus auch Herzrheuma … murmel-murmel….besonders  bei labiler… rhabarber-rhabarber…zur Beobachtung…

Das große Höllentor öffnete sich und Oberschwester Hannelore mit Schürze, Häubchen und Dutt und diesem Freundlich-tu-Blick einer alten Äbtissin nimmt den 11jährigen bei der Hand, der durch die Tränenwand nichts mehr sieht und sich prompt dafür schämt, denn da kommt ja auch schon die blöde Bemerkung der Schwester so honigsüßfalschfreundlich

„Du bist doch schon groß.“

Ihre Eisenklaue umfasst das Handgelenk, die andere tätschelt seinen Hinterkopf: Solange Mutti noch guckt, muss man doch so tun als ob. Resigniert stakst er auf seinen gelähmten Füßen durch die große Tür, die sich schnell wieder schließt; über den dusteren ehemaligen Tanzsaal, der schon lange nur noch Flur ist – zum ersten Mal ins Große-Jungs-Zimmer.

Fünf Betten, zwei davon leer. Das an der stets verschlossenen Balkontür wird nun seins. Krankenhausnachthemd anziehen, denn Mutti muss erst nach Hause gehen und Schlafanzug, Kuscheltier, Mosaiks und Malzeug holen.

„Ich bin Dieter. Zucker. Da drühm is Jürgen, Anfälle. Und Dani, wasse hat weesmor nich. Macke wohrscheinlich.“, stellt der Bettnachbar dem Dakota die Runde vor.

Jürgen protestiert sofort: „Anfälle! Die hast DU! Ebbilebsie heeßt das! Magge habch keene!“

„Ich och nich!“, ergänzt Daniel. „De Nieorn gontrolliernse mior.“

„Anselm. Rheuma.“ Er zeigt auf seine Füße.

„ßßßßßß!“ kommentiert Dieter, „Das sieht auuuus!“

Mist! Musste er das sagen? Hört sich in den Ohren des Dakota an, wie „Na das kann dauern!“ und das kann er nun in den Ferien gar nicht gebrauchen. Udo und Connie langweilen sich zu Tode, weil der Spielmacher fehlt, während dieser keine 600 Meter von ihnen entfernt eingesperrt darbt. Die Tränenwand kehrt wieder. Jürgen hat Mitleid:

„Ey! Kennste Digedags?“

„Hm.“

„Alle?“

„Nee. Aber ich sammle.“

„Ich ooch. Haste doppelte Hefte?“

Platsch wirft er ein paar Nummern herüber. Peng! Das älteste, was Anselm bisher kannte, war die 73. Hier liegen jetzt aber die 7/15/21/22/42/und zwei-drei ohne Titelseite – oooohr! Das bringt Anselm über den Anfangsschmerz hinweg. Und Jürgen hat noch mehr!

„Mir fehln noch siehmzwansch Hefte, dann habichse gomblett! “ verkündet er stolz.

Dieter schaltet sich wieder ein:

„Heeßt du gerne Anselm? Magst du dein Name?“

„Nee. Ausgesucht hätchn mir nich.“

„Verstehe. Geht mir och so. Wer will schon Dietor heeßen. Erschd heeßte wie dor Biolähror indor Schuhle unddannoch Diabetes. Womit habch das vordiendt?! Obor deine Füße möchdsch och nich ham.“

Die Lage beginnt, sich zu normalisieren.

Daniel ist der jümgste im Zimmer und hält sich zurück. Nun ist es an Anselm zu reden:

„Dich kennich och. Du bist Luggies Brudor.“

„Du kennst den?“

„Der is in meinor Glasse. Der fetzt.“

Nun taut auch Dani auf.

Der Dakota wird noch am ersten Tag das Nachthemd los, denn Schlafanzug, Malzeug und „Die Söhne der großen Bärin“ treffen ein. Er liest sie schon zum zweiten Mal! Auch die andern mögen Indianerbücher, Western, „Die 3 Musketiere“ und „4 Panzersoldaten und ein Hund“. Gesprächsstoff olé! Die Abende bzw. Nächte gestalten sich lustig. Gestänkert wird nicht. Kaum hat die Nachtschwester das Licht ausgemacht, Nachtruhe befohlen und den Raum verlassen, steht Dieter auf, macht das Licht wieder an und es wird erst noch eine ganze Weile gelesen, dann Witze erzählt oder „Auf der Festung Königstein“ gesungen. Endlosversion. Immer neue Strophen erfinden! Je ordinärer, desto besser! Jürgen und Dieter sind 13! Dann werden Schlager oder Pionierlieder umgedichtet:

Mademoiselle Ninette, ich scheiß dir gleich ins Bett; Blaue Wömpl im Sooooo-mmerwind, hängen of dor Leine bisse troooocken sind; ich trage eine Fahne und diese Fahne ist grün, es is de Fußballorfahne vom FC Vorwärts Berlin…

Jede Nacht kommt die Schwester noch ein-zweimal: Jetzt is aber Ruhe hier! Das Licht bleibt aus!

Wer hat Mut jetz? Schleich mal an die Tür zum Mädchenzimmer, reißse off und brüll -hua- rein!

Dieter schlägts vor und machts dann selber. Aber die Nachtschwester erwischt ihn. „Das meld ich’n Chefarzt!“

Autsch! Standpauke bei Chefvisite inclusive Hinundherschleuderns am Ohr. Ausflüge zum Mädchenzimmer blieben somit Ausnahme.

– – –

Ein Bett ist noch frei, gegenüber rechts am Kleiderschrank, wo die Privatklamotten eingesperrt sind und ebenfalls auf Befreiung hoffen.

Zwei Tage darauf öffnet sich die Tür und Schwester Heidi, freundlicher und ansprechbarer als Hannelore, aber der Haube nach einen Rang unter ihr, bringt einen Hünen mit Reisetasche herein.

„Das is Theo. Eigentlich schon bissl zu alt für die Kinderklinik, aber er bleibt auch nicht lange.“

Er ist 16 und hat einen geschwollenen Lymphknoten unterm Ohr. Er gibt sich väterlich erwachsen, als er merkt, dass die Belegschaft 10,11 und 2x 13jährig ist.

„Und ihr so? Wie läuftsn hier?“

Dieter übernimmt wie immer die Sprecherfunktion, stellt alle vor und hängt noch dran: „Ansonsten nüscht. Alles verboten. Keh Fernsäher, kee Radscho, kee Ausjang.“

Theo grinst. „Na das middn Radschovorbod had schonema nich jeklabbt.“ Er nimmt so einen kleinen Mikki-Empfänger aus der Reisetasche, schiebt ihn unter sein Kopfkissen und legt grinsend den Zeigefinger an die Lippen.

Wow! Wir haben Radio! Aber wir müssen bis Abend warten. Die Nachtschwestern lassen einen in der Regel in Ruhe. Tagsüber kommt immer mal wieder eine rein und kontrolliert, nimmt Blutproben  oder die Nachttöpfe mit.

Kaum ist Abendbrot abgeräumt, schaltet Theo ein. Fünf Leute im Raum auf Knopfdruck still. Er dreht zwischen „Räjdio Laxemböööörg!“ und „Soldatensender“ (den es damals noch gab und von dem immer keiner wusste, ob das ein Ost- oder ein Westsender ist); hin und her; es erklingen von nun an fast jeden Abend El Condor Paza, die Indianermelodie aus der „Schaubude“;  Mademoiselle Ninette und Mendocino…

„Wo solln dassein? Mändesino?“

„Weeßch nich. Weit weg ähm. Gönn ja nu och nich sing: Almrich(Saale), Almrich(Saale), ich fahre jeden Daach nach Almrich(Saale)…“

Die Blödelrunde war eröffnet.

Michael Holm. Is dor Brudor von Andreas Holm.“

„Ne, sei Vator.“

Es war wie ein kleines bisschen Erlösung in all dem Eingesperrtsein. Sehr kleine Radios können Gold wert sein! Aber wenn es nicht verboten gewesen wäre, hätte es diese Wirkung nicht gehabt.

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4 Gedanken zu “The days before Rock & Roll (2)

  1. „Sie wohnt auf dem Hausboot unten am River, die Nacht war so schwarz wie die Füsse der Kinder…“
    War das auch in Mendocino? Oder Tammy, das Mädchen vom Hausboot? Keine Ahnung. Egal auch….

    Schreib mal mehr aus jenen fernen Zeiten. Das weckt nicht nur eigene Erinnerungen, es schafft auch Bilder.

    Gefällt 1 Person

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